Nr. 18. Gießen, den 3 Mai 1903. 10. Jahrg .* 1 Nevaktion: 2 Mebattions schluß:— ö Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 4 g 99—— K 2 N on⸗ Abonnementspreis: ö Bestellung en Juserate S Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. 5 her Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens 4 15 Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung i die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt 0 iii— 1 I Jest den Arbeit. 9 Dort, Tag der Blüten, sollst du jubelnd künden, Was tausendfältig jede Stunde zeigt: Daß sterbend sich die Zeit des Unrechts neigt Und sich der Wahrheit helle Feuer zünden. Daß hoffnungsleer nicht unser Leben stirbt, Nicht Herrscherlaune war's, die dich erkoren, Dich schuf kein Schwert, dich stützt kein Flintenlauf; Mit bunten Blüten wurdest du geboren, Ein lichter Frühlingstag, ziehst du herauf. Herauf aus kampferfüllten, weiten Massen 1— SSN Nc 1 Rang sich dein Lenzgedanke jauchzend los, Und freudelos micht die Sekunden weichen, 1 Dich trug das Volk der Arbeit in dem Schooß— Daß jeder Tag für uns're Freiheit wirbt 1 Du bist ein Kind der stillen, dunklen Gassen. Und schaffend greift in alle Räderspeichen. 4 Nicht wo die Lust wildtaumelnd überschäumt, Daß ein Gedanke lebt in Millionen, * Beim Becher uicht und nicht beim Freudenmahle— Der 15 0 ace die. Nerf neigt, 5 Dort, wo die Sehnsucht von der Zukunft träumt, Der alle Grenzen lächelnd übersteigt 5 Und seine Fahnen schwingt, wo Menschen wohnen: D 1 1— 1* e e ee e, Blitzt noch von Waffen rings die ganze Welt, CC 2 5 5 0* 11 Wo festgefügt die Riesenmauern stehn, ö 5 0 8 5 1 Wo breite Riemen um die blanken Scheibeu, Droht Brudermord dem blühendsten Gelände— 8 . Wo Tag für Tag sich Rad und Welle drehn Wir schlagen auf des Friedens weißes Zelt ö B ee e e e Und reichen freudig heut' uns schon die Händ 0 Und dunkle Wasser ew'ge Mühlen treiben.— 11 en e n 8 85 5 Wir grüßen uns am lichten Maientag 5 7 Dort wo um e Dasein jede Stunde ringt, And 5 auf vom allzuheißen Ringen 5 5 * Wo harte Hände um das Leben streiten, Wenn aus den Hütten und aus grünem Hag 8 1 Wo jeder Tag im grauen Strom versinkt Der Arbeit frische Maienlieder klinken. 5 101 Der ruhelosen, kampfgeword'nen Zeiten; 0 Und zittert finst'rer Groll durch uns're Brust— 5 4 Wo schwer der Pflug durch harte Schollen drünt, Durch Wolken zuckt's in tausend Wetterzeichen: 8 W 15 110 1 5 115 1 Erde tränkt, Es kommt der Tag, der uns in heller Lust. * o nur der Arbeit heiße Atem gehen— Wird froh die Palme der Erfüllung reichen. 85 2 Dort, Fest des Frühlings, sollst du auferstehen. 1 19 5 0 5 1 5 brezang. J aufe 00 28 W 75FFFFFVVFbCCCCCCCCCCCCCCCCCCCbCbCbCCTCTbbTbTTPTTPTCTPTbTbTbTbTbTTbTbTTb „ f 5 2 bringenden Arbeit den erfreuenden Glanz schönen der an allen Ecken und Enden der Welt aus⸗ 1. 1 Das Weltfest der Arbeit A 1 er 15 0 1 i A 1 1 i 1 00 1 i. 1 iktatur unterwirft. er gab ihm das Recht, fklavisch unterdrückende Kapitalismus hat sich 0 ist wieder herangekommen, für die denkende wer verlieh ihm die Macht zu so kulturwidriger die ganze Erde untertan gemacht. g und vorwärtsstrebende Arbeiterschaft der höchste Herrschaft? Müssen die Arbeiter, die die über- Wie bescheiden lautet die Maiparole der Feiertag! Seitdem er vor beinahe 14 Jahren wältigende Mehrheit der menschlichen Gesellschaft kämpfenden Arbeiterklasse! 7 f i 26 1 8. 8 5 1 1 de der Arbeiter aller Länder bilden, diese Herrschaft ewig duldend ertragen? Achtstundentag! Dieses schlichte Wort 1 eingesetzt wurde, hat er sich immer mehr bei Warum schütteln sie nicht das Joch ab, das— eine Forderung der Arbeitsstlaven an ihren 0 1 den aan n Arbeitern des ihr Dasein zu einem menschenunwürdigen macht Zwingherrn Kapitalismus— offenbart das 1 ganzen Erdpalls einge ürgert, trotz der Hinder⸗ und sie hindert, die Erde zu einem Paradiese ganze Elend der arbeitenden Klassen. Wie? ö 1 nisse, welche die Herrschenden und Regierenden für alle vernunftbegabten Wesen zu machen? Für den bettelhaften Lohn, der nicht ausreicht a 1 seiner Aan n den entgegensetztn. Immer Ach, es ist die Verbündete des Kapitalismus, die notwendigen Lebensbedürfnisse zu decken, , mehr bricht sich de. Gedause n den Arbeiter. die Unwissenheit der Massen, die ihm müssen die Arbeiter 10 12 und mehr Stunden 1 massen Bahn, welcher der Maifeier zu Grunde zur Macht verhilft und ihm gestattet, das des Tages ihre ganze Kraft in den Dienst der % liegt, der Gedanke endgiltiger Befreiung bitterste Unrecht, die Ausbeutung des Menschen Kapitalbesitzer spaunen? Ist die Menschheit A, der Arbeit und der Völkerverbrüdee durch den Menschen, heuchlerisch zu einem Recht mit Blindheit geschlagen, daß sie das Verderh⸗ rung. Diesem Gedanken Ausdruck zu geben zu stempeln; die Unwissenheit, die vielen das liche einer so grausamen Arbeitsmethode nicht 000 f und seiner Verwirklichung die Wege zu ebnen, Auge blendet, diese Ungerechtigkeit zu erkennen sieht? Hemmt sie dadurch nicht ihre eigene 90 0 1 11 e en pb und die Willenskraft der Massen in Fesseln Kraftentfaltung, entschlägt sie sich nicht des i 10 etertags. eg des Frühlings fro schlägt, sie unfähig macht zu ihrer Befreiung höchsten Genusses friedlich-freundlich⸗herzlichen 5 I llockend zu feiern, zieht die fahraus jahrein im aus Banden physischer Not und geistigen Elends. Zusammenlebens, das nur bei vernünftig ge⸗ N Fronarbeit schier verschmachtende Aber wie der Frühling endlich sieghaft den schonten Kräften in Stunden der Erholneng ö 4 Arbeiterschaft am 1. Mai hinaus ins Freie, Winter überwindet, so wird dte keimende und nach getaner Arbeit um so schöner erblüht? 11. 0 vielmehr zu einer trutzigen Demonstration gegen] wachsende Erkenntnis der Massen endlich den Aber die Gesetze der herrschenden Klassen. as Weltübel Kapitalismus, das sich wie ein] Schutt vermoderter Anschauungen hinwegräumen sind kalt, ihre Urheber haben vom Glück der 1 % bernichtender Reif auf die nach Frieden, Fret⸗ und dem auf der„Gleichheit alles dessen, was Menschheit keinen Hauch verspürt, der nackte N 100 4 heit und Glück strebenden Völker legt. Menschenautlitz trägt“ aufgebautem Recht zum Egoismus ist ihre Triebfeder. Weit entfernt, 1 11/ ˙ Der Kapitalismus saugt am Marke der Siege verhelfen. Mühsam ist der Weg und die Ideale der Wenschheit zu begreifen, macht 5 1 werktätigen Klassen und streift von ihrer segen⸗ J dürftig sind die Anfänge des Befreiungskampfes, er unfähig, das eigene Denken zu fördern, die f 9 0 ö 8 . fl. 1 Seite 2. Mtteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 18. Wurde der Persoalichteit zug heben. Die im Genuß verschrumpfte Denkfähigkeit der herrsch⸗ enden Klassen hindert sie, gerecht zu sein, treibt sie zur Brutalität und ruft so den Kampf zwischen den Besitzenden und Besitzlosen hervor. Der Kampf um den Achtstundentag ist Klassenkampf. Und dieser Klassenkampf wird nicht eher entschieden, bis die besitzlosen arbei⸗ tenden Klassen durchgehends erkannt haben, daß ihre Macht auch in ihrer Zahl ruht und daß keine Macht der Erde die Uebermacht bezwingen kann, die im bewußten Zusammen⸗ gehen aller Arbeiter spielend das Unrecht ihrer Ausbeutung und Knechtung beseitigen kann. Heraus mit dem Achtstundentag! Ueberall erschallt dieser Ruf am 1. Mai, ob ihn die feiernden Arbeiter in Massendemon⸗ strationen ertönen lassen, oder ob er in der Werkstatt, der Fabrik, ob bei der Arbeit über oder unter der Erde von schaffenden Arbeitern erhoben wird. 0 1 Wie es aber die Aufgabe der Unterdrückten und Ausgebeuteten selbst ist, den Klassenkampf bis zur Beseitigung der Klassenherrschaft durch⸗ zukämpfen, so ist es auch ihre heilige Pflicht, die gegenseitige Zerfleischung der Völker, den blutigen Krieg aus dem Leben der Völker auszutilgen. Gegen den Massenmord auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet protestiert und demonstriert die organisierte, zielbewußte Arbeiterschaft am 1. Mai. Der schmählichste Hohn auf die Menschlichkeit ist der Krieg; entfesselt von niedrigen Leidenschaften, macht er Menschen zu Bestien und zertrümmert alle Errungenschaften menschlichen Geistes und menschlicher Moral. Seine Wurzel ist die gleiche, wie die des Kapitalismus: die brutale Selbstsucht. Ausbeutung und Massenmord bilden das Schandmal der heutigen Ordnung. An ihre Stelle eine bessere, auf reinster Humanität aufgebaute Gesellschaftsordnung 51 schaffen, ist das Endziel der Arbeiterbewegung, ie die Maifeier auch als eine Errungenschaft zur Einigung und Festigung der Arbeiterparteien aller Länder betrachtet. Darum auf zur Maifeier! Hoch der Achtstundentag! Noch der Völkerfrieden! Zu den Reichstagswahlen. VI Das Zentrum. Im vorigen wie im gegenwärtigen Reichs⸗ tage war das Zentrum die stärkste und darum maßgebendste Partei. Ste verfügt über 104 Abgeordnete, abwohl sie 1898 ein Drittel der Stimmen weniger als die Sozialdemokratie erhielt. Seit ihrem Bestande, seit 1874 schwankte ihre Stimmenzahl von 1,3—1,5 Millionen, nur 1881 wurden blos 1,1 Millionen Zentrums⸗ stimmen abgegeben. Die Zahl ihrer Abgeord⸗ neten betrug in jedem Reichstage 90 bis einige über 100. Der Ursprung des Zentrums ist im sog. Kulturkampf zu suchen, der durch Bismarck unmittelbar nach der Unfehlbarkeitserklärung des Papstes durch das vatikanische Konzil im Jahre 1870 inszeniert wurde. Bismarck sah hierin ein Wiederaufleben der alten Bestrebungen des Papsttums, sich zum geistlichen Oberherrn über alle Reiche zu machen. Er begann den Kampf gegen die sich als Zentrumspartei sammelnden Katholiken mit den seinem Naturell entsprechenden Gewaltmaßregeln, die in der Ausweisung der Jesuiten und der ihnen liirten Ordensgesellschaften und einer Reihe Ausnahme— gesetze gegen die katholische Kirche bestanden. In Folge dieser Politik nahm das Zentrum in den siebziger Jahren eine entschieden oppo⸗ sitionelle Stellung ein, wofür es mit den Sozialdemokraten, Welfen, Polen und Elsässern als eine revolutionäre, vaterlandslose Partei von Bismarck und seinem Anhang ge⸗ brandmarkt wurde, deren eigentliche Btstrebungen auf die Vernichtung des Deutschen Reichs hinausliefen. Später sah Bismarck ein, daß der Kulturkampf ein schwerer politischer Fehler war, er machte seinen Frieden mit Rom und dem Zentrum und letzteres trat dafür in die Reihen der„Ordnungs“parteien ein, wurde gar Regierungspartei. Im Grunde ist diese Partei durchaus konservatib, rückschrittlich. In ihr sind die in den S Elemente ver⸗ treten, welche nur in dem Schutze der Interessen der katholischen Kirche ihre gemeinsame Aufgabe erblicken. Früher, bis zum Jahre 1893 stand es allen größeren Militär⸗ nnd Marineforde⸗ rungen äußerlich oppositionell gegenüber. Mit der Zeit wurde es aber immer bewilli⸗ gungseifriger; es ist mit der eifrigste Befür⸗ worter der sog. Weltpolitik und war von jeher die Stütze der Kolonialpolitik, welche bekanntlich der Masse der werktätigen Bevölkerung unge⸗ heuere Lasten auferlegt und nur einzelnen Rhedern und Großkaufleuten Vorteile bringt. Die von Bismarck in Angriff genommene Schutzzoll⸗ und indirekte Steuerpolitik hat das Zentrum unterstützt, es half die Zucker⸗ und Branntweinliebesgaben schaffen. Um den Zoll⸗ tarif durchzubringen, schreckte es vor keiner Gewaltmaßregel zurück und gab sich zur Ver⸗ schlechterung der Geschäftsordnung des Reichs⸗ tages her. Durch die Erhöhung der Lebens⸗ mittelzölle und der indirekten Steuern infolge der Annahme des Zolltarifs hat diese Partei, der leider auch noch viele Arbeiter anhängen, die Lebensinteressen der Arbeiterklasse auf's Schwerste geschädigt. Verschiedentlich rebellierten denn auch Zentrumsarbeiter gegen diese„Arbeiterpolitik“. Um aber die katholischen Arbeitermassen an sich zu fesseln, tritt es für Arbeiterschutzpolitik ein, sobald aber sozial⸗ demokratischerseits Anträge eingebracht werden, die wirklichen Arbeiterschutz herbeizuführen ge⸗ eignet wären, so stimmt sie das Zentrum nieder. Zu einer solchen Haltung in der Sozialpolitik wird diese Partei bestimmt durch die Rücksicht auf die Großunternehmer, Handwerker und Bauern, die es zu seinem Anhang zählt. Weil es aus so verschiedenartigen Elementen mit gegensätzlichen Interessen zusammengesetzt ist, muß es bald dieser, bald jener Schicht Rechnung tragen, muß Schaukelpolitik treiben. Bet allen größeren gesetzgeberischen Aktionen der letzten Jahre war der Umfall des Zentrums an der Tagesordnung. Auch in Bezug auf das Wahlrecht ist das Zentrum ein ziemlich unsicherer Kantonist. Aeußerungen ver⸗ schiedener seiner Führer deuten darauf hin, daß es unter Umständen für eine Verschlechte⸗ rung des Reichstagswahlrechts zu haben wäre. In Schul⸗ und Bildungsfragen ist es ganz besonders rückständig. Charakteristisch dafür ist, was sein Führer P. Reichensperger bet der Beratung des Zedlitz'schen Schulgesetzent⸗ wurfes im Jahre 1892 äußerte. Er sagte da u. a.: Ich trage gar keine Bedenken, meine Ueberzeugung dahin auszusprechen, daß allgemein für all: Volksschulen als obligatorische Lehrgegenstände nur hingestellt werden können, gründlicher Unterricht in der Religion, im Lesen, Schreiben und Rechnen, damit diese Materien ganz von dem Zögling aufgenommen werden Nun sagt der§ 5 der Vorlage, daß als allgemeine obligatorische für alle Volksschulen geltende Lehrgegen⸗ stände dienen sollen: vaterländlische Geschichte, Geographie, Naturkunde, Zeichnen! Nun meine Herren, das sind alles recht schöne Dinge, aber sie sind meiner Ueber⸗ zeugung nach nicht blos ein überflüssiger Luxus, sondern sie tragen die allergrößten Gefahren für die Gesamtheit, für den Staat in ihrem Schooße. Ich frage ganz einfach, ob denn junge Leute, die bis zum vollendeten vierzehnten und fünfzehnten Lebensjahre mit allen diesen schönen Dingen traktirt worden sind, mit Zufriedenheit und innerer Befriedigung in den ihnen allein geöffneten Lebensweg eintreten können, als Ackerknecht oder Stallknecht, als Ziegenhirt oder Gänse⸗ hirt, als Lehrling und Fabrikarbeiter? Ich frage, meine Herrren, ob diese jungen Leute mit Befriedigung, ja ohne Scham und Wut in solche Stellungen eintreten und ob sie sich nicht für viel zu gebildet und zu gut erachten, dergleichen Obliegen⸗ heiten auf sich zu nehmen.“ Und seit dieser Zeit haben sich die Ansichten des Zentrums in der Volksbildungsfrage keines⸗ wegs geändert, es steht hierin auf dem Stand⸗ punkt jenes ostelbischen Großgrundbesitzers, der im Herbst 1897 in einer Konferenz seiner Standesgenossen äußerte: Der dümmste Arbeiter ist der Beste.— In unserem Ver⸗ breitungsgebiete kommt das Zentrum im Kreise Wetzlar, Limburg, Friedberg, Marburg und dem 3. nassauischen in Betracht. Letzterer Wahl⸗ kreis ist eine sichere Domäne der Ultramontanen, die auch gegenwartig den Wahlkreis Limburg⸗ Diez besitzen. Im Kreise Friedberg wurden 1898 1274, im Gießener 79, im Marburger 1910 Zentrumsstimmen abgegeben, dagegen im Wetzlarer Kreis 5400, im Limburger 5091 und im Kreise Dillenburg⸗Herborn 3477. Die Arbeiter haben nicht die geringste Veran⸗ lassung ihre Stimmen dieser Partei des Rück⸗ schritts und der Brodverteuerung zuzuwenden. politische Rundschan. Gießen, den 30. April. Preußische Landtagswahlen und die Sozialdemokratie. Am Sonntag fand im Berliner Gewerk⸗ schaftshause eine sozialdemokratische Partei⸗ konferenz preußischer Delegierter statt, die nach dem Beschlusse des Münchener Parteitiges die Stellung der Sozialdemokratie in Preußen zu den Landtagswahlen festzulegen hatle. In sehr rascher und energischer Arbeit hat sich die Konferenz dieser Aufgabe entledigt. Besucht war sie von 92 Delegierten. Nach einem ein⸗ 9 und sachlichen Referate des Genossen r. Arons und ebenso eingehender Diskusston wird die vom Pgrteivorstande vorgeschlagene Resolution angenommen, welche sich in Anleh⸗ nung an den Beschluß des Mainzer Parteitags für Beteiligung an den Landtagswahlen aus⸗ für di Bei Entfaltung der Agitation komme ür die Sozialdemokratie in erster Linie die Aufklärung der Massen in Betracht. Ohne Rücksicht auf materielle Erfolge soll überall dort in die Wahl eingetreten werden, wo über⸗ haupt vie Aufstellung soztaldemokralif cher Wahl⸗ mannskandidaten möglich ist. Das gilt im besonderen auch für einzelne vorgeschrittene Orte solcher Wahlkreise, in denen im allge⸗ meinen an die Aufstellung sozialdemokratischer Wahlmänner nicht gedacht werden kann.— Kommt es bei den Urwahlen zur Stichwahl, in der nach Ausfall der Sozialdemokraten liberale Kandidaten solchen anderer Parteien gegenüberstehen, so wird im allgemeinen für die liberalen Kandidaten zu stimmen sein. Aßzrarische Unwahrheiten. In den agrarischen Zeitungen und Ver⸗ sammlungen wird beständig die Behauptung aufgestellt, daß Deutschland so viel an land⸗ wirtschaftlichen Produklen erzeugen könne, als seine Bevölkerung brauche. Diese Behauptung steht aber mit den Tatsachen in direktem Widerspruch, wie die amtliche Statistik nachweist und wie oft genug auch unsererseits hervorge⸗ hoben worden ist. In dieser Beziehung sind Angaben von Interesse, welche kürzlich die „Deutsche Wirtschaftspolitik“ machte. Da werden jene agrarischen Behauptungen in folgender Weise abgeführt: Wir führen jährlich z. B. die Häute von etwa 1 Million Pferden ein, ferner an Kalb⸗ fellen und Rindshäuten 80 000 Doppelzentner (das sind die Häute von nahezu 5 Millionen Stück Rindvieh, während knapp zweieinhalb Millionen jährlich in Deutschland geschlachtet werden). Es müßte also, von den Bedürfnissen der Fleischgewinnung völlig abgesehen, der deutsche Pferdebestand vervierfacht, der Rind⸗ viehbestand verdreifacht werden, nur um den Häutebedarf zu decken.— Welter: Dte etwa 10 Millionen deutscher Schafe geben hochgerechnet jährlich 20000 Tonnen Wolle; die Mehreinfuhr an Wolle betrug im Jahresdurchschnitt 18981900 aber etwa 160000 Tonnen. Der heimische Schafbestand müßte also neunmal so Jaun oder vielmehr, da man doch auch die Baumwolle durch Wolle ersetzen müßte, etwa 27mal so groß werden, wie er heute ist.„Nun ist aber das ganz besonders Mißliche, daß die Land⸗ wirtschaft diesen und vielen anderen Verpflich- tungen— Borsten, Klauen, Hörner usw. zu liefern— nur schwer nachkommen könnte, ohne andere zu vernachlässigen; das Fleischschwein bat gar keine Borsten, das Fleischschaf viel schlechtere Wolle, die Shorthornrinder liefern f keine Hörner usw. Ob all' das Federvieh, das in geradezu unglaublichen Mengen nach Deutsch⸗ F r 3——— rr erer Nr. 18. Mitteldentsche Sountags⸗geitung. Seite 3. land hineinströmt, ob die zwei bis zweieinhalb Millionen Zentner Eier, ob die vler Millionen Zentner Obst nebenbei gewonnen werden könnten“, wenn man den Viehbestand auf die erwähnte Höhe brächte, müßte bezweifelt werden. Außerdem müßte nun aber der Waldbestand auf das Doppelte seiner jetzigen Fläche ausge⸗ dehnt werden, um den deutschen Mehrbedarf an Bau⸗ und Nutzholz zu decken; vom Eichen⸗ schälwald ganz zu schweigen!„Verdoppelt man aber die Waldfläche, so nimmt man die Hälfte des Ackerlandes weg; die andere Hälfte würde reichlich gebraucht werden, um Futter für den Nei Viehbestand zu beschaffen. Dann bliebe für Getreideproduktion überhaupt kein Land übrig.“ Dazu kämen nun noch etwa 200 000 Tonnen Pflanzenspinnstoffe(außer Baumwolle), 250 000 Tonnen Leinsaat, 120 000 Tonnen Raps, Rüb⸗ saat usw., für deren inländische Herstellung „mindestens noch einmal 200 bis 250000 Hek⸗ tare erforderlich wären, d. i. die Hälfte des gesamten Areals, das heute mit Zuckerrüben bestellt ist; Seide, Wein oder tropische Erzeug⸗ nisse hier gar nicht in Betracht gezogen.„In Summa: man wird nicht übertreiben, wenn man sagt, daß die deutsche Volkswirtschaft heute schon auf einer zwei⸗ bis dreimal so großen Bodenfläche ruht, als sie das deutsche Volk mit seinen Grenzen umspannt“ und, daß es„eine geradezu abenteuerliche Vorstellung ist, zu glauben, ein Volk wie das deutsche sei noch der Erhaltung aus eigener Bodenkraft fähig“. Sittlichkeit in Stadt und Land. Unter der Spitzmarke„Großstadtluft“ brachte kürzlich das de des Antisemiten Lieber⸗ mann v. Sonnenberg folgende Notiz: „Für das Jahr 1901 zählte man in der Reichshauptstadt nach den jetzt veröffentlichten Statistik 7891 außereheliche Geburten. Die Mütter standen meist zwischen Vollendung des 17. und 30. Lebensjahres. Aelter als 30 waren aber immerhin noch 983, jünger als 17 Jahre 135 außereheliche Mütter. Von den ältesten hatten 2 bereits das 47. und 1 das 48. Lebensjahr hinter sich, von den jüngsten waren 6 noch nicht 15 Jahre alt!“ Befriedigt legt der agrarisch gesinnte Leser das Blatt zur Seite, wiederum überzeugt von der stttlichen Schädlichkeit der Großstädte im allgemeinen und Berlins im besonderen. Ein Spiel des Zufalls will es, daß zur selben Zeit die„Deutsche Wirtschaftspolitik“ einen größeren Artikel über die deutsche Bevölkerungsstatistik veröffentlicht, worin es bezüglich der unehelichen Geburten heißt: „Als bemerkenswert mag übrigens noch angeführt werden, daß die Verhältnisziffer der unehelichen Geburten in Berlin und den Hansestädten eine ziemlich niedrige ist. Es entfielen auf Tausend im Alter von 16—50 Jahren stehende Mütter in Berlin 27,4, in Hamburg 27,8, in Lübeck 26,1, in Bremen gar nur 16,9 pro Mille gegenüber einem Reichsdurchschnitt von 29,4 pro Mille. Dagegen weist beispielsweise Ostpreußen 33,9, Pommern 37,1, Mecklenburg ⸗Schwerin 37, Mecklenburg⸗Strelitz 41,1 auf. Also auch die von den Agrariern so gern propagierte Auffassung von den Großstädten als Stätten der Unsittlichkeit gegenüber dem sittlichen Lande dürfte nicht slichhaltig sein.“ Ob infolge der Erhöhung der Getreidepreise sich die Sittlichkeit auf dem Lande der Geld- höhe entsprechend heben wird? Opfer für die Sache. Die„Kriegskasse der Sozialdemokratie“ interessiert unsere Gegner gar sehr. Die erheb⸗ lichen Summen, welche die letzte Quittung unseres Parteikassierers aufwies, haben in den gegnerischen Reihen ebenso viel Neid wie Aerger erregt. Die Opferwilligkeit der Arbeiter und auch bemittelter Parteigenossen für den großen weltgeschichtlichen Kampf des Proletariats, für seine Ideale wird hier hämisch bekrittelt, dort als nachahmenswertes Beispiel empfohlen, ohne daß jedoch in letzterer Beziehung eine nennens⸗ werte Wirkung eingetreten wäre. Der Grund liegt auf der Hand: Opfer zu bringen ist nur 971 fähig und bereit, der das Bewußtsein in sich trägt, für eine große und gute Sache zu kämpfen. Dieses Bewußtsein ist aber den bürgerlichen Parteten längst abhanden gekommen; ste schleppen sich so hin, immer nur froh, sich die erlangte Macht nur einigermaßen zu erhalten. Es fehlt ihnen der Glaube an sich selbst, das Vertrauen auf die Sieghaftigkeit ihrer Be⸗ strebungen. Bebels Villa. Was schon in gewöhnlichen Zeiten von der gegnerischen Presse für Schwindel über die Sozialdemokratie und ihre Führer verbreitet wird, ist gewiß nicht wenig, zu Wahlzeiten wirds aber noch zehnfach überboten. Namentlich die Kreisblätter erzählen den ländlichen Wählern die unglaublichsten 52005 Singer wird als Ausbeuter der Mäntelnäherinnen hingestellt, obwohl er seit zwei Jahrzehnten kein Geschäft mehr besitzt und was der schönen Dinge mehr sind. Sehr beliebt ist auch das Märchen von dem Schloß, daß Bebel am Züricher See besitzen soll. Darüber gab nun Bebel in einer Versammlung in Worms am 18. April Auf⸗ schluß. Am Tage vorher war nämlich in dem Organ des Herrn v. Heyl ein mi“„Mehrere Arbeiter“ unterzeichnetes Inserat erschienen, in dem Bebel gefragt wurde, warum nicht seine Villa den deutschen Arbeitern als. Erholungs⸗ heim zur Verfügung stelle. Man vermutet mit Recht, daß die Aufgeber der Annonce sel bst Villenbesitzer waren. Bebel erklärte darauf: „Herr von Heyl hat ja die Möglichkeit, sich bei der Berliner Steuerbehörde zu erkundigen, inwiefern ich Kapitalist bin; er wird sehr über⸗ rascht sein. Mein Jahreseinkommen ist kleiner als die Summe, die Herr v. Heyl täglich zu verzehren hat. Was die„Villa in der Schweiz“ betrifft, so kann ich mitteilen, daß es nur ein einfaches Wohnhaus ist, in dem mehrere Familien wohnen. In diesem Haus habe ich— dummerweise— das wenige Geld, das ich hatte, angelegt. Ich bewohne, nebenbei bemerkt, während der Zeit, die mir meine parlamentarische Tätigkeit zur Erledigung von Arbeiten, die ich im politischen Kampfe in Berlin nicht zu Ende bringen kann, übrig läßt, in dem Haus eine 3⸗Zimmerwohnung im Dach⸗ geschoß. Weil aber die Unterhaltungskosten— dem Nutzen, den ich von dem Haus habe, ent⸗ sprechend— für mich zu hoch sind, würde ich es gern an Herrn Heyl, sogar unterm Wert ver⸗ kaufen. Aber ich versichere heute: an diesem Tag, an welchem Herr v. Heyl seine hiesige Villa und sein Schloß zu Herrus heim für seine Arbeiter als Erholungsheim einrichtet, bin auch ich bereit, meine Villa den deutschen Arbeitern zur Verfügung zu stellen.“ Natürlich werden die Gegner die Geschichte von Bebels Villa in der hergebrachten Weise weiter als„geistige Waffe“ verwenden. Sozialdemokratischer Wahlsieg. Bei der Stadtverordnetenwahl in Bitter— feld brachten unsere Genossen zum ersten Male ihre Kandidaten durch.— Bei der vom Ge⸗ meinderat in Mülhausen i. Els. vorzuneh⸗ menden Neuwahl eines Landesausschußmitglieds wurde Genosse L. Emmel wiedergewählt, dessen Wahl bekanntlich vom Landesausschuß für ungültig erklärt worden war. Von bürger⸗ licher Seite war vor dieser Wahl versucht worden, durch Bestechung Stimmen für den bürgerlichen Kandidaten zu gewinnen und die Wiederwahl Emmels zu vereiteln. Das Manöver schlug aber fehl, Emmel erhielt 19, sein Gegen⸗ kandidat nur 2 Stimmen, 12 Demokraten gaben weiße Zettel ab. Ein Bild. Am Dienstag voriger Woche konnte man in der großen Wandelhalle des Reichstags ein schönes Bild betrachten. Auf einer der Bänke saß ein Mann mit der bekannten konfiszirten Visage, durch die sich die Fischer, Lorenzen und andere derartigen Herrschaften von dem gewöhn⸗ lichen Volke unterscheiden. Auf ihn steuerte aus dem Sitzungssaale mit aristokratisch erhobe⸗ nem Haupte jener Graf Arnim zu, der durch Abrechnung mit den Brodwucherern:„Der Vater wird wohl alles versoffen haben!“ für immer gekennzeichnet ist. Durch die Intimität des Gespräches wußten die beiden Herren die Aufmerksamkeit auf sich lenken, so daß man sie unwillkürlich schärfer ins Au ge faßte. Und wer war der Kumpan des Grafen Armin? Herr Max Lorenz, der ehemalige Sozialdemokrat und spätere Nationalsoziale, jetzt kapitalistischer Soldschreiber! Ob er den Millionär um die 300 Mk. angepumpt hat, mit denen er der„Sächsischen Arbeiterzeitung“ durchgegangen ist? Oder ob er sich neue Ordre für Sozialistenverleumdung holte? Unter Pfaffen herrschaft. Der Erz bischof Dr. Kohn, der würdige Priester und Kirchenfürst von Olmütz(Mähren) macht wieder einmal von sich reden. Nach Be⸗ richten österreichischer Blätter herrscht in der Gegend von Frankstadt namentlich unter der kleinbäuerlichen Bevölkerung eine ungeheuere Erbitterung gegen Dr. Kohn, der sich durch seine gegen die Bauern geführten schonungs⸗ losen Grenzprozesse sehr verhaßt gemacht hat. Erst kürzlich wurde ein katholischer Redakteur, der dem Erzbischof kräftig die Wahrheit gesagt hatte, aus der Erzdiözese verwiesen. Neulich erschienen nun in dem Blatte„Pozor“ Artikel, die sich sehr scharf gegen Kohn und sein Regie⸗ rungssystem aussprachen. Dr. Kohn hatten den Pater Ocasek aus Großkunschitz im Verdacht, die Artikel geschrieben zu haben: er stellte den Pater vor ein geistliches Gericht und gab diesem den Befehl, ihn zu verurteilen. Trotz seiner Unschuldsbeteuerungen und trotzdem die Mitglieder des geistlichen Gerichts selbst nicht an die Schuld Ocaseks glaubten, wurde der Pater verurteilt und im Priestergefängnis zu Kremsier interniert. Das konnte der wirkliche Verfasser nicht mitansehen und er meldete sich selbst; es ist der Pater Hofer aus Zabrech. Er schrieb an den Erzbischof einen Brief, in dem er sich als Verfasser bekannte und sein Vorgehen begründete. Pater Ocasek wurde dar⸗ auf wieder freigelassen; den Pater Hofer brachten seine Freunde, die dessen Internkerung fürch⸗ teten, nach Mährisch⸗Ostrau. Die Sache wird zunächst ein Nachspiel im Parlament haben, da der Tschechenklub einen Dringlichkeitsantrag vorbereitet, der die Tatsache feststellt, daß Dr. Kohn zu Gesetzes verletzungen Veranlassung ge⸗ geben hat und selbst welche begangen hat. Vor dem Gefängnis des Pater Ocasek sammelte sich eine große Menschenmenge, welche eine gegen Kohn feindliche Haltung einnahmen.— Daß ein Bischof einen andern Menschen und sei dies auch sein Untergebener ins Gefängnis schicken kann, ist wirklich noch ein Stück Mittelalter.— Wenn die Franzosen die Pfaffenmacht etwas einzudämmen suchen, kann man ihnen es wahrlich nicht verdenken. ä Der Reichstag begann am Donnerstag die zweite Lesung der Krankenkassen⸗Novelle. Es hatte sich wieder das be— rühmte und so ziemlich bei allen soztalpolitischen Vor⸗ lagen in Aktion tretende Niederstimmungs⸗Kartell gebildet, das von Richter bis Richthofen alle bürgerlichen Parteien zu einer geschlossenen Phalanx gegen die Verbesserungs—⸗ anträge unserer Fraktion vereinigt. Besagtes Kartell war sich darüber schlüssig geworden, mit Ausnahme des zugleich von der sozialdemokratischen Fraktt'n und von dem Antisemiten Raab gestellten Antrags, die Hand⸗ lungsgehülfen der Wohltat der Krankenversicherung teil— haftig zu machen, jegliche Abänderung der Novelle, wie sie aus der Kommission hervorgegangen, kurzer Hand abzulehnen. Obwohl die Anträge von allen bürger⸗ lichen Rednern als im Prinzip ganz vortrefflich aner⸗ kannt wurden, bekämpfte man sie mit der Behaup⸗ tung, daß sonst das Zustandekommen des Gesetzes ge— fährdet würde. Natürlich zogen unsere Genossen ihre wohlerwogenen Anträge nicht zurück, aber die bürgerliche Mehrheit stimmte sie nieder. Trotz der vortrefflichen Begründung seitens der Genossen Stadthagen, Molkenbuhr, Albrecht fielen die Anträge auf Einbeziehung der land- und forstwirtschaftlichen Arbeiter sowie der Seeleute, auf Erhöhung des Krankengeldes, auf Gewährung eines Sterbegeldes uswv. Besos ders bemerkt möge werden, daß das mit seiner Arbeiter- freundlichkeit so gern protzende Zentrum die Führung seinen frivolen Zwischenruf bei Bebels großer»der Mehrheit übernahm, welche unseren Antrag auf . 13 ———— — e ä—— Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung Nr. 18. 7 Gewährung einer Unterstützung an die Wöchnerinnen in den Papierkorb warf. Am Freitag kam der Soldatenmord in Essen zur Ver⸗ handlung. Der Abgeordnete für Essen, der christkatholische Mann aus der Werkstatt, Stötzel hatte mit seinem Parteifreunde Gröber eine Interpellation über den Fall eingebracht und erörterte sehr milde die frech-brutale Tat des aufgeblasenen, unreifen Todtschlägers Hüssener. Zu der Forderung eines generellen Verbotes des Waffentragens kann sich das Zentrum nicht aufschwingen; es begnügt sich damit, zu verlangen, daß den Kadetten und Mannschaften das Waffentragen außerhalb der Garnison verboten wird. Aber selbst diese bescheidene Forderung zu erfüllen, lehnte Herr v. Tirpitz zwar leidlich höflich, aber sehr entschieden ab, wenn er auch den jungen Krupp⸗Protegé fallen ließ. Weit energischer, denn Herr Stötzel, ging der mit der Familie des unglücklichen Opfers der Kadettenbrutalität persönl'ch bekannte Freisinnige Lenzmann mit dem Todtschläger ins Gericht. Doch auch er grub nicht bis an die Wurzel des Uebels; auch bei dieser Gelegenheit sah der altersschwach gewordene Liberalismus sich genötigt, in die Hände der jugendfrischen Sozialdemokratie abzu⸗ danken. Wieder, wie so oft, war es Genosse Bebel, der die unerbittliche Geißel über den Militarismus zu Wasser und zu Lande schwang, der, statt an Symptomen herumzukurieren, das System als solches als den wahren Schuldigen entlarvte. Der Nationalliberale Paasche plad erte für mildernde Umstände.— Nachdem erlitt der Marinismus noch eine Niederlage. Im Nach⸗ tragsetat werden 6 Millionen für Errichtung eines Marinepalastes gefordert. Genosse Singer beleuchtete die geheimen Machenschaften, die die auf das alte Marinegebäude spekulierende Untergrundbahn⸗Gesellschaft angestellt hat und verlangte Ablehnung der Vorlage oder doch eingehende Kommissionsberatung. Selbst die Rechte schloß sich diesem Wunsche an und es wurde so beschlossen. Am Samstag wurde die zweite Lesung der Krankenkassen Novelle fortgesetzt. Die sozial⸗ demokratischen Verbesserungsanträge erfuhren durch die Mehrheit regelmäßig Ablehnung, obwohl selbst Posa⸗ dowsky sie als materiell berechtigt anerkannt hatte.— Nur in einem einzigen, nebensächlichen, aber doch nicht völlig unwesentlichen Punkte wurde ein kleiner Fort⸗ schritt erzielt: Es wurde den Gemeinden, die noch die rückständigste Form der Versicherung, die Gemeinde⸗ versicherung, besitzen, untersagt, die Ueberschüsse zur Tilgung früher den Kassen von den Gemeinden ge⸗ leisteken Ueberschüsse zu benutzen. Dagegen wurde der Paragraph, der die Erhöhung der Beiträge auf 3 Prozent des ortsüblichen Tagelohnes erlaubt angenommen. Aehnlich verlief die Debatte am Montag vor sehr schwach besetztem Hause.— Das Phosphorgesetz wurde an diesem Tage in der dritten Lesung angenommen, da⸗ gegen der Palast für das Reichsmarineamt abgelehnt. — Am Dienstag kam es infolge einer Interpellation des Zentrumsmannes Kohl zu einer Debatte über das Fleischbeschaugesetz, das seinen Vätern schon unbequem wird. Die Wahlbewegung. Als„Ordnungs“kandidat im Kreise Offenbach ist der Stadtverordnete Fabrikant Böhm, Sohn des früheren Reichstagsabge⸗ ordneten, aufgestellt worden. Ihm ist der Durchfall tötlich sicher. Antisemitisch-nationalliberaler Kuddelmuddel. In einer gemeinsamen Vertrauensmänner⸗Versammlung der national⸗ liberalen Partei und der Antisemiten des Wahlkreises Darmstadt⸗Großgerau wurde der nationalliberale Rechtsanwalt Dr. Stein einstimmig als Kandidat aufgestellt. Pon Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. — Maifeier. Wir machen unsere Freunde und Genossen, besonders auch die Gewerkschafts⸗ mitglieder auf die am 1. Mai abends 8½ Uhr im Lokale des Genossen Orbig stattfindende Volksversammlung aufmerksam. Genosse Krumm wird über die Bedeutung der Mai⸗ feier sprechen. Die Feier wird durch Lieder⸗ vorträge des Gesangvereins„Eintracht“ ver- schönert werden.— Weil in diesem Jahre kein Waldfest stattfinden kann— wie schon neulich mitgeteilt, wurde wegen der Wahlbewegung davon abgesehen, infolge des ungünstigen Wetters verbietet es sich ganz von selbst,— hat das Gewerkschaftskartell für Sonntag einen zu. Hier hat sich aber schon der Ein Ausflug nach Wieseck arraugtert. Abmarsch ist 2 Uhr ab Stadt Marburg. — Bald haben wir ihn, den liberalen Kandidaten nämlich. Der„Gieß. Anz.“ ver⸗ kündet, daß sein Name in den nächsten Tagen veröffentlicht werde. Hohe Zeit ist es eigentlich. Wie aus den Andeutungen des Amtsblattes zu entnehmen ist, beabsichtigen die Netional⸗ liberalen und Freisinnigen einen gemeinsamen Kandidaten aufzustellen. Das ist zwar im Hinblick auf die Differenzen, welche zwischen diesen Parteien namentlich in den Zollfragen bestehen, eigentümlich genug, aber das geniert die Leute weiter nicht, sie sind froh, wenn sie blos einen Kandidaten haben. Als solcher wurde uns vor einiger Zeit der Stadtverordnete Jean Kirch genannt; das war aber so um den ersten April herum und deshalb nahmen wir keine Notiz davon. Immerhin kann etwas daran sein. — Die Flugblattverteilung im Kreise Gießen hat am vergangenen Sonntage stattgefunden. Das Flugblatt wurde in elt lich 24000 Eremplaren in allen zum Wahl⸗ kreise gehörigen Ortschaften verbreitet. Soviel uns berichtet wurde, ging die Verbreitung überall glatt von statten, es kam nur selten vor, daß unsern Genossen von rückständigen und ungebildeten Leuten 0 und Schimpfereien an den Kopf geworfen wurden. Auch in dieser Beziehung ist ein Fortschritt unverkennbar, denn bei früheren Wahlen, vor 10, 15, 20 Jahren bestand für den sozial⸗ demokratischen Flugblattverteiler sozusagen Lebensgefahr und er konnte froh sein, wenn er mit heilen Knochen wieder von einer Landtour zu Hause kam. In den dunkelsten Zentrums⸗ und Junkerkreisen trifft das ja heute noch uß der Sozial⸗ demokratie auf die Hebung der Kultur und Verbesserung der Sitten in wohltätiger Weise bemerkbar gemacht. Ueberall reicht dieser Ein⸗ fluß noch nicht hin und mancher ist auch ver⸗ edelnder Einwirkung schwer zugänglich. Nicht etwa blos auf dem Lande. In der Stadt Gießen passierte es z. B. einem unserer Flugblattverteiler, daß ihm Ecke der Grünberger⸗ und Moltkestraße— das Flugblatt zusammengeknäult von einer älteren Frau mit den Worten nachgeworfen wurde:„Das sind ja Sozialdemokraten!“ Hoffentlich zieht die durch das Flugblatt bei der Dame verursachte Aufregung keine weiteren Folgen nach sich, im Gegenteil dürfte sie sogar günstig wirken, denn die Dame wird sonst doch weiter keine Be⸗ schäftigung haben, als das von ihren Cigarren⸗ arbeitern verdiente Geld zu verzehren. Das hält sie sicher für ihr gutes Recht und ihre einzige Aufgabe, daß aber die Lohnsklaven auch noch gewisse Rechte und Ansprüche erheben dürfen, wird ihr kaum jemand begreiflich machen können. Im Uebrigen ging, wee gesagt, alles glatt von statten. Hoffen wir, daß das Flug⸗ blatt seine Wirkung nicht verfehlt. — Der Militarismus hat sich in den letzten Tagen für eine ganze Anzahl Gießener Bürger recht unangenehm bemerkbar gemacht. Vet der Kontrollversammlung nämlich erschienen viele, die sich, weil sie Ersatzreservisten sind, mit den einzelnen militärischen Vorschriften nicht so genau vertraut gemacht hatten, über⸗ haupt nicht oder unpünktlich. So etwas muß natürlich gerochen werden und deshalb bekamen eine ganze Menge dieser Leute 2—3 Tage „Kasten“. Man ließ auch dringende geschäft⸗ liche Abhaltungen nicht als Entschuldigung gelten. Durch das Abstitzen mehrerer Tage sind manchem der Sünder erhebliche materielle Nachteile zugefügt worden; außerdem war nach den uns gewordenen Mitteilungen die militä⸗ rische Haft eine ziemlich strenge. Soviel wir vernommen haben, wurde aber dadurch der bei vielen vorhandene Militär⸗Enthustasmus merk⸗ lich abgekühlt und sie dürften bei der Wahl kaum für einen militärbegeisterten Kandidaten zu haben sein. Es giebt viele, denen eine derartige Kur durchaus nichts schadet. Aus dem Nreise gießen. — Wegen der Schlägerei in Dorf⸗Güll, die wir in letzter Nr. erwähnten, haben, wie wir hören, bereits gerichtliche Vernehmungen stattgefunden. Die Bur schen aus Grüningen, die mit den übrigen von der Kontrollversammlung zurückkehrten, sollen in geradezu hunnischer Weise gehaust haben. Man sieht auch hier wieder: wo der Hurrah⸗Patriotismus noch in Blüte steht, ist auch die Rohheit zu Hause. Aus dem Rreise Friedberg⸗Büdingen. — Waisenpflege. Man schreibt uns aus Ilbenstadt(Kreis Friedberg): Wie mangelhaft manche Waisenkinder auf dem Lande untergebracht werden, davon haben wir hier ein Beispiel. Haben wir doch hier ein derartiges bedauernswertes, 1213 Jahre altes Kind, welches von seinen Pflegeeltern zum Hausteren mit allen möglichen Waren verwandt wird. Ist es schon eine Unbilligkeit ein derartiges armes Geschöpf um seine Spiel⸗ und Erholungs⸗ zeit zu bringen, so dürfte auch der Hausterberuf noch mit sonstigen Gefahren verknüpft sein, vor denen alle Eltern ihre Kinder gerne be⸗ wahren. Ist Niemand da, der hier Remedur Wa Wo sind die Herren Geistlichen, ehrer, Polizeibehörden usw.? U. A. w. g. aus dem Nreise Alsfesd⸗Cauterbach. Pfäffische⸗Intoleranz. Aus Schotten schreibt man unserem Frankfurter Parteiblatt: In dem Dorfe Einertshausen wollte ein Bauern⸗ sohn mit seiner Braut, nachdem die standesamtliche Trauung vollzogen war, auch die kirchliche Trauung vornehmen lassen. Der evangelische Geistliche lehnte je⸗ doch diesen Wunsch entschieden ab, da die Braut in kurzer Zeit Mutter werden dürfte. Die moderne Geist⸗ lichkeit denkt eben in so chen Fragen anders, wie ehe⸗ mals der Zimmermannssohn Jesus. Nun, hoffentlich wird die Ehe auch ohne den pfäffischen Segen eine glückliche. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Pfarrer Heckenroth, der konservativ⸗bünd⸗ lerische Kandidat hat sich am Sonntag nun auch in der Stadt Wetzlar den Wählern vorgestellt. Ob er mit der Versammlung sehr zufrieden ist, dürfte mindestens fraglich sein, denn sie war zu mindestens/ sozial⸗ demokratisch. Das zeigte sich schon zu Beginn, els der Vorsitzende verkündete, daß Diskussionsredner 15 Minuten Redezeit haben sollten, was mit Recht den Widerspruch der Versammlung hervorrief. Denn in so kurzer Zeit ist es keinem Redner möglich, auch nur die wichtigsten, bei der Wahl in Betracht kommenden Fragen mit Gründlichkeit zu erörtern. Die Ausführungen Heckenroths boten weiter nichts Bemerkenswertes. Sie bewegen sich stets in allgemeinen Redensarten und sind auf„Hoch“ und„Hurra“ gestimmt.„Schutz dem Handwerk, Schutz dem Junker, Schutz der Landwirtschaft, Schutz, Schutz, Schutz...„Von unserer Seite ergriffen die Genossen Vetters und Krumm das Wort. Natürlich mußten sie bei der kurzen Redezeit vieles ungesagt sein lassen, was vor der Reichstagswahl unbedingt gesagt werden müßte. Duellwesen, Soldatenmißhandlung, Rechtsprechung, Kaiserreden und so manches Andere mußte unerwähnt bleiben. Doch fanden die Ausführungen unserer Redner starken Beifall, sie hatten der großen Mehrheit der Versammelten aus dem Herzen gesprochen. Als national⸗ liberaler Redner trat Lehrer Martell aus Frankfurt auf, dec sich in törichtsten Angriffen auf unsere Partei erging. Stürmische Heiterkeit erregte er dadurch, daß er sich mehrmals versprach und einmal erklärte:„Die Sozialdemokraten wollen die Lebensmittel abschaffen.“ Er wollte Lebensmittel zölle sagen. Wir können mit dem Verlauf dieser Versammlung zufrieden sein; bei der Wahl werden wir zwelfellos auch in der Stadt Wetzlar Stimmenzuwachs zu verzeichnen haben. h. Als Wahlkommissar für den Wahl⸗ kreis Wetzlar⸗Altenkirchen ist der Landrat Dr. Sartorius ernannt worden. a h. Ein Kreiskrankenhaus zu errichten hatte die Stadt Wetzlar bei dem Kreisausschusse beantragt. Dieser hat in seiner Sitzung in voriger Woche diesen Antrag abgelehnt. Warum wohl? Gründe dafür sind in dem Bericht des Amtsblattes nicht angegeben; es ist aber doch eigentümlich, daß Einrichtungen, die im Interesse der ärmeren Bevölkerung liegen, von den maßgebenden Stellen abgelehnt werden. * Wohltäter der Menschheit. In Siegerländer Blättern war vor Kurzem folgen⸗ des Inserat zu lesen: „Kinderreiche Famtlien finden gut⸗ lohnende Arbeit und Wohnung bei Leopold Krawinkel in Vollmerhausen(Aggerthal).“ — D 2 4 C o 8 — 1 A ˙v— ͥͤ8a— ꝙB. 7..,.], ⅛ w!]⅛⁰cc. — i 1 Nr. 13. Mitteldeuische Sonntags⸗Zeitung. Seite b. Ein braver Mann, der so die kinderreichen Familien bevorzugt! Jedenfalls entspringt diese Handlungsweise nur der Sorge um die Familien, nicht etwa der Erwägung, daß kinderreiche Familien viel schwerer Unterkommen finden, wenn ihnen etwa die Verhältnisse bei Herrn Krawinkel nicht gefallen sollten, der betreffende Familienvater also ein willigeres Ausbeutungs⸗ objekt darstellt. Krawinkel ist der Kandidat für den 3. nass. Reichstagswahlkreis. Aus dem Nreise Marburg⸗Nirchhain. R. Wahlagitation im Kreise Marburg. Die meisten Versammlungen, die bis jetzt in unserem Wahlkreise abgehalten worden sind, entfallen auf den Kandidaten der nationalsozialen Partei, v. Gerlach. Schon seit/ Jahren reist er im Wahlkreise herum und hält Versammlungen ab. Liest man dann die Versammlungsberichte in der„Hess. Landesztg.“, so sollte man meinen, daß Herr v. Gerlach einstimmig in unserem Wahlkreise als Reichstagsabgeordneter gewählt wird. Kommt man aber dann selbst mal in ein Dorf, wo eine nationalsoziale Versammlung stattfand und erkundigt sich nach den Parteiverhältnissen, dann steht die Sache doch anders. Erkundigt man sich, warum den Natlonalsozialen die Versammlungslokale zur Ver⸗ fügung stehen und den Sozialdemokraten nicht, dann erhält man zur Antwort, das Gerlach fürs Heer und die Flotte sei, und aus diesem Grunde die Lokale erhält. Würde er dagegen sein, wie die Sozialdemokraten, dann würde er selbstverständlich auch keins erhalten. Zieht man in Betracht, daß uns Sozialdemokraten im ganzen Wahlkreise nur 2 Versammlungslokale zur Verfügung stehen, so darf man Gerlach's Tätigkeit wohl als un⸗ bewußte Vorarbeit für uns— wenigstens was die Lokal⸗ frage betrifft— einschätzen und anerkennen. Auch der klonservative Kandidat hat sich in die Agitation gestürzt. Kürzlich hielt er, wie in letzter Nr. schon be⸗ richtet, in Marburg seine erste Versammlung ab. Wo war aber Herr v. Gerlach? Hier hätte er doch vor Leuten reden können, die seinen Versammlungen fern⸗ bleiben.— Wir Sozialdemokraten haben die„Reichs⸗ tagswahl“ schon seit September v. J. auf der Tages⸗ ordnung in unseren Versammlungen. Nachdem unser Kandidat Paul Bader proklamiert war, gingen wir rüstig an die Arbeit. Das Wahlkomitee nahm zunächst eine entsprechende Bezirkseinteilung vor und am letzten Sonntag gelangte das erste Flugblatt in 10 000 Exem⸗ plaren zur Verteilung. Recht zahlreich beteiligten sich unsere Freude an der Wahlarbeit. Eine Freude war es, mit anzusehn, wie die Genossen in aller Frühe zu Fuß und per Bahn hinauszogen, um f für unsere Sache zu arbeiten. Mit Stolz kann unsere Partei in Marburg sagen, daß, wenn sie ihre Kämpfer ruft, sie auch zur Stelle sind. Alle anderen Parteien hingegen müssen ihre Flugblätter gegen Entgeld durch Dienstmänner und Frauen verbreiten lassen, was natür⸗ lich mehr kostet, als der ganze Inhalt ihrer Flugblätter wert ist.— Verlief sonst die Flugblattverteilung ohne Störung, einen Zwischenfall gab's doch. In Neu⸗ stadt war der Bürgermeister ob des Fluglattes ganz außer dem Häuschen geraten, kam kreidebleich auf die Straße gerannt, riß unseren Genossen die Flugblätter aus der Hand und verlangte Legitimation. Dazu ge⸗ nügte ihm noch nicht einmal der Militärpaß und In⸗ validenkarte, er verlangte auch noch eine Bescheinigung vom Landrat, ob das Flugblatt erlaubt sei! Außer- dem gab das Dorfoberhaupt unserm Genossen den Rat, nächstens die Flugblätter in einem Koffer zu tragen, es sei eine„geheime Verordnung“ vom Landrat herausgekommen, welche das öffentliche Tragen der Flu blätter verbiete. Als ihm unser Genosse auf die gesetzlichen Bestimmungen aufmerksam machte, sagte der Gestrenge, man möge Neustadt mit solchen Flugblättern verschonen.(Wir machen die Genossen überall auf die Bestimmungen betr. Verbreitung von Druckschriften zu Wahlzeiten aufmerksam, die wir von Zeit zu Zeit ver⸗ öffentlichen. D. R.) Dies alles kann uns aber ab⸗ halten unsere Pflicht zu erfüllen. Und wenn uns das Wahlkomitee wieder ruft, dann hoffen wir, daß sich die Genossen wieder recht zahlreich einfinden und jeder sein Teil dazu beiträgt, daß unsere Partei auch im Mar⸗ burger Kreise gute Erfolge zu verzeichnen hat. — Konsum verein. Am Samstag abend hielt der hiesige Konsumverein bei Jesberg seine Frühjahrs⸗ generalversammlung ab, die leider schwach besucht war. Geschäftsführer Fischer erstattete den Bericht für das A best. deutsch. Fabrikat. 7 1 Oe, v. el. 75 an b. z. feinsten. . Laufmuüntel v.% 5.— an , Iaftschluuche„,. 3.— an. I latern., Glock. eto. sehr blllig- 1 iederverk. ges. Catalog gratis. Volk GTrambauer, Nürnberg. erste Halbjahr des l. Geschäftsjahres. Derselbe lautete den Umständen nach recht günstig. Warenumsatz und Mitgliederzahl sind in stetem Steigen begriffen, letztere beträgt zur Zeit 216. In der Diskussion wurde die Anstellung eines Hausburschen als sehr wünschenswert bezeichnet, um auch den entfernter wohnenden Mitgliedern, besonders denen im Nordviertel, bessere Kaufgelegenheit zu bieten. Es wurde beschlossen, dem Vorstand diese Angelegenheit zur weiteren Regelung zu überlassen, eben⸗ so die Erwerbung eines zweiten Geschäftsanteils bei der Großeinkaufsgesellschaft, sowie die Fleischlieferung. Dann erfolgte die Verlesung des Verichts über die im Februar d. J. erfolgte Revision des Verbandsrevisors Arndts in Stuttgart, der sich recht günstig über unseren Verein ausspricht. Der Vorsitzende Stumpf erstattet den Be⸗ richt des Aufsichtsrats, der bei seinen Reviftonen Bücher und Kasse in bester Ordnung befunden hat. An Stelle eines seinen Pflichten nicht nachkommenden Mitgliedes des Aufsichtsrates wurde Gen. Prophet neugewählt. Paschawirtschaft. In St. Johann⸗Saarbrücken hat der dortige Polizeipräsident eine Willkürherrschaft errichtet, wie sie wohl selbst in Rußland selten vorkommen dürfte. Ohne jeden vernünftigen Grund hat er die frühzeitige Schließung mehrerer Cafés angeordnet! Das„Cafe Conti⸗ nental“ mußte an einem Tage bereits um 8 Uhr, am darauffolgenden sogar schon 6 Uhr abends geschlossen werden. Natürlich hat sich der Bürgerschaft darüber eine große Erbitterung bemächtigt, aber deswegen bleibt sie doch „patriotisch“. Sogar der in seinem Geschäft so schwer geschädigte Besitzer des Café brachte vor seinem geschlossenen Lokale ein Kaiser⸗ hoch aus!— Am Mittwoch abend kam es zu Straßenkrawallen, bei welcher mehrere Personen durch Säbelhiebe verwundet wurden. Arbeiter⸗Aussperrungen werden aus vielen Orten gemeldet. In Pirmasens sind mehrere tausend Schuhmacher ausgesperrt, in Mainz Maurer und Bauarbeiter, in Iserlohu Me⸗ tallarbeiter und in Frankfurt drohen die Schreiner- geschäfte wegen des Streiks in der Kothe'schen Werkstelle mit Aussperrung sämtlichen Schreiner. Es scheint bald, als ob man die Arbeiter in der Wahlarbeit stören wollte. Kleine Mitteilungen. * In Eberstadt bei Butzbach brannten am Sonntag nachts zwei dem Fürsten Solms⸗Lich gehörige Scheunen nieder. Ein dort beschäftigter Knecht wurde als der Brandstiftung verdächtig verhaftet. e Eingebrochen wurde am Montag nacht in dem Friedberger Steuerkommissariat. Die Diebe erbeuteten jedoch nur ein paar Flaschen Wein. * Wegen Unterschlagung und einfachen Bank⸗ rott verurteilte das Schwurgericht in Hanau den Bankier Lilienfeld zu einer Gefängnisstrafe von 4 Jahren. Die Frage nach mildernden Um⸗ ständen war von den Geschworenen mit Ausnahme von einem Falle bejaht worden. . Wer begnadigt wird. Die auf 2 Jahre Zuchthaus lautende Strafe des Hildelsheimer Schwur⸗ gerichts gegen die Ehefrau von Wedelstädt wegen Verausgabung von falschen Zehnmarkstückchen, die der Assistent an der landwirtschaftlichen Versuchsstation, Dr. phil. E. v. Wedelstädt, angefertigt hatte, wurde im Gnadenwege in ein Jahr Gefängnis umgewandelt. — Ferner wurden einem früheren Polizeisergeanten, aus M.⸗Gladbach der wegen Mißhandlung eines Ver⸗ hafteten und wegen Mein eides zu zwei Jahren Ge⸗ fängnis verurteilt war, sind die noch zu verbüßenden. acht Monate der Strafe im Gnadenwegeerlassen * Soldatenselbstmorde kamen in der letzten Zeit recht zahlreiche vor. In Frunkfurt a. d. Oder erhängte sich der Soldat Brauer von der 6. Kom⸗ pagnie des Grenadierregiments Nr. 8.— In Dres den stürzte sich der Soldat Max Bellmann aus dem zweiten Stock der Gardereiterkaserne und verletzte sich schwer.— In Karlsruhe hat sich der Soldat Kern vom Leib⸗ grenadierregtment Nr. 109 mit einem Rasiermesser den Hals durchschnitten.— In einem Eisenbahnwagen erster Klasse hat sich nach der„Danz. Ztg.“ der Bursche eines Leutnants vom 59. Infanterie-Regiment in Deutch⸗ Eylau erhängt. Wieder eine unangenehme Ueberraschung wurde den Mitgliedern des Allgemeinen Krankenvereins in Speier in ihrer außerordentlichen Generalversammlung zu teil. Sie erhielten nämlich die Mitteilung, daß das Vermögen ihrer Kasse in Höhe von 12 000 Mark den Weg alles Fleisches gegangen sei. Der Verwalter des Vermögens, Dr. Vorwerk, hatte das Geld in seinen Nutzen verwendet. Die Kasse ist eine Gründung der evangelischen Arbeiter. *„Religöse Darbietungen.“ Unter dieser Firma verstaltete ein Ehepaar in Meerane in Sachsen geheime Zusammenkünfte, bei denen wüste Orgien gefeiert wurden. Die Beträge, die manche Personen geopfert haben, gehen in die Hunderte. Das saubere Paar wurde verhaftet. r Partei-Uachrichten. Wahlkreis Alsfeld-Lauterbach. Kreis⸗ konferenz. Sonntag, den 10. Mai nachm, 3 Uhr im Lokale zur Pfefferhöhe. Die Genossen im Kreise werden ersucht recht zahlreich zu erscheinen. Ein Bierbohykott ist in Leipzig ausgebrochen weil die Saalbesitzer, gestützt auf den Brauereiverein ihre Säle zu sozialdemokratischen Versammlungen ver⸗ weigerten. Versammlungskalender. Samstag, den 2. Mai. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.— Brauer. Abends 9 Uhr Versammlung bei Löb(Wiener Hof). Sonntag, den 3. Mai. Gießen. Glaser⸗Verband. Vormittags 10 Uhr Versammlung bei Or big. Alsfeld. Maifeier auf der„Pfefferhöhe“. Fest⸗ rede, Konzert, Vorträge. Anfang 3 Uhr nachmittags. Dienstag, den 5. Mai, Gießen. Gewerkschaftskartell. Sitzung bei Orbig. Briefkasten. Friedewald. Dem„Bergknappen“ wird es wohl schon die„Bergarbeiterztg.“ besorgen. Wir können ja immerhin kurz darauf eingehen, aber erst in der nächsten Nummer, für diese war es zu spät. Wtzlr. F. Wer weiß, wer den faulen Schwindel aufgebracht hat. Viel⸗ leicht irgend ein Witzbold. Das wir nicht anderen Parteien Lokale abtreiben— das ist uns ja überhaupt nicht möglich— weiß jeder Säugling. Soviel ich mich erinnere, war ich zuletzt im September v. Is. in Launsbach; habe keine Ahnung davon, ob seit dieser Zeit eine bürgerl. Partei dort Versammlung abgehalten hat oder abhalten wollte. Gegen solch' einfältige Vor⸗ würfe mich zu verteidigen, halte ich unter meiner Würde. V.— St. Johann. H. Besten Dank. In dieser Nr. konnten wir aber nicht näher auf die Ge⸗ schichte eingehen. Oberlahnst. Als liberaler Kan⸗ didat ist wieder Krawinkel aufgestellt. Quittung. Für den Wahlfonds gingen ein: Mllr. 0.70. Jeder Parteigeuosse hat die Verpflichtung, nach seinen besten Kräften mitzuwirken, daß die bevorstehenden Reichstagswahlen der Sczialdemo⸗ Abends 9 Uhr X. Y. 10.—, kratie einen entscheidenden Sieg bringen. Jeder muß agitieren wo er nur kann, sich die Verbreitung unserer Flug⸗ blätter, Broschüren und ganz besonders der Parteipresse angelegen sein lassen. Ebenso muß für die nötigen Geldmittel gesorgt werden, bedeutende Anforderungen werden an uns heran treten! Sammel⸗ listen sind bei den bekannten Vertrauens⸗ leuten zu haben. An die Arbeiterschaft Giessens! Am Sonntag, den 3. Mai findet ein Gewerkschafts⸗Ausflug nach Wieseck statt und zwar nach der Wirtschaft„Zum Gambrinus“,(B. Wacker). Abmarsch um uhr von der„Stadt Marburg“ mit Musik. Das Gewerkschaftskartell. Seite 6. Mitteldeuische Sountags⸗Zeitung. Nr. 18. ö 5 10 Unterhaltungs-Ceil. 7 —————ů E Maien-Trost. Eine Seele, ein Herz, Ein einziger Schlag Das Volk aller Länder Am Maientag! Und ob man uns schmiedet Ein ehernes Joch— Vereinigte Kräfte Sie brechen es doch! (Postill.) Die Schreckensnacht. Am Stammtische des Gasthauses zum „Blauen Wallfisch“ herrschte eine gedrückte Stimmung. „Morgen ist der erste Mai— da wollen sie losschlaͤgen“, bemerkte der hagere Seifensieder Köhler. „Sie wollen Alles teilen,“ betonte in an⸗ klagendem Tone der Bauunternehmer Backstein, welchem das Teilen ohnedies viel Sorgen machte, da er sich zur Zeit in Konkurs befand. „Sie wollen die Ehe abschaffen,“ fügte der Schneider Kümmerlein hinzu. „Ach, das leidet ja Deine Frau gar nicht,“ neckte der Schuster Lehmann, darauf anspielend, daß Kümmerlein als Pantoffelheld bekannt war. „Wird es denn wirklich so schlimm werden?“ erkundigte sich der Rentier Schulze, ein dickes Männchen mit ängstlichem Gesichtsausdruck. „Freilich— es hat ja im Kreisblatt ge⸗ standen,“ betonte Köhler,„am ersten Mai erheben sich gleichzeitig in allen Ländern die Sozialdemokraten, um die bestehende Staats⸗ odnung gewaltsam umzustürzen.“ „Aber geht es denn S schnell?“ fragte Schulze.— „Es soll ganz genau acht Stunden dauern, bis der heutige Staat umgestürzt und der Zukunftsstaat errichtet wird,“ belehrte Köhler, „darum wird die Sache auch die Achtstunden⸗ bewegung genannt.“ n „Aber wir haben doch Militär und Polizei,“ bemerkte Schulze. „Allerdings,“ sagte Köhler,„es wird harten Kampf geben und das Blut wird in Strömen fließen. Wer kann da im Voraus wissen, wie die Sache ausgeht! Anno Achtundvierzig in meiner Heimat haben die Revolutionäre dem Ortspolizeidiener einfach das Gewehr wegge— nommen und haben ihn dann abgesetzt.“ „Schauderhaft,“ seufzte der ängstliche Schulze, „und weng der Streich gelingt?“ „Dann müssen Sie Ihren Geldschrank an den sozialdemokratischen Wahlverein abliefern und werden gezwungen, Ihr Brot durch Arbeit zu verdienen.“ „Ach, eine solche Schändlichkeit ist ja gar nicht denkbar,“ rief Schulze mit Entrüstung. Der Seifensieder Köhler nahm das Kreis⸗ blatt zur Hand und las verschiedene Stellen aus dem Artikel vor. Dieser Artikel wandte sich gegen die Sozialdemokraten, welche als Umstürzler und Teiler bezeichnet waren. Der phantasiereiche Verfasser dieses Artikels knüpfte an die in Aussicht stehenden inter⸗ nationalen Kundgebungen zum ersten Mai aller⸗ lei Befürchtungen, und erzielte damit den Er⸗ folg, die Spießbürger des Städtchens, soweit sie das Kreisblatt zu ihrer einzigen Lektüre erwählt hatten, ganz aus Rand und Band zu bringen.— Besonders auf den Rentier Schulze machte dieser Artikel großen Eindruck. Er hatte vor dem Kreisblatt allen Respekt, weil das⸗ selbe ihm täglich zu Heller und Pfennig genau angab, wie seine Eisenbahn⸗Aktten und Industrie⸗ Papiere standen. Wenn ein solches Blatt eine Gefahr signalisterte, dann mußte es doch Grund dazu haben! Die Tafelrunde blieb heute länger wie gewöhnlich beisammen, man ging vom Bier zum Grog über und die Diskussion über die Gefahren des ersten Mai gestalte sich immer lebhafter und abenteuerlicher. Endlich schlug aber doch die Trennungsstunde, und als der Rentier Schulze mit unsicheren Schritten die Treppe zu seiner Wohnung emporstieg, da fiel es ihm schwer aufs Herz, daß er diese Nacht ganz allein in seiner Behausung sein werde. Seine Wirtschafterin hatte sich Urlaub erbeten, um Verwandte zu besuchen. Also böllig isoltert am Morgen der blutigen Revolution! Das schien Herrn Schulze bedenklich, besonders da er ganz waffenlos war. Er ent⸗ sann sich jedoch trotz der Verwirrung, die Bier und Grog in seinem Kopfe angerichtet hatten, daß er im Besitz einer alten Flinte sein welche sein Großvater als Nationalgardist getragen hatte. Pulver und Blei hatte diese Flinte vielleicht nie gesehen, auch Schulze hatte solche Munition natürlich nicht im Hause, aber das Bajonnet war immerhin eine nicht zu unterschätzende Waffe. Freilich lag diese Flinte oben unterm Dach im Bodenraum, aber der ängstliche Rentier scheute die Mühe nicht, sie herabzuholen. Er stieg mit einer brennenden Kerze die zwei Treppen empor, ergriff die Nrust und nun fühlte er wieder Mut in seiner rust. Herr Schulze legte sich zu Bett und ver⸗ fiel in einen festen, traumlosen Schlaf. Leider sollte er aus demselben bald unsanft gestört werden. Der schrille Klang der Hausglocke tönte an sein Ohr, und er glaubte Lärm und Stimmengewirr zu vernehmen. Schlaftrunken öffnete er die Augen— es war erst Morgen⸗ dämmerung, also noch sehr früh am Tage; Schulze wandte sich im Bett um und schloß die Augen wieder. Doch in diesem Moment erneuerte sich der Lärm; man hörte rufen, dann das Rollen schwerer Wagen, jetzt sogar Signale. „Was ist das?“ fragte sich Schulze und richtete sich empor. Da fiel sein Blick auf die alte Flinte, gleichzeitig fielen ihm die gestrigen Stammtischgespräche ein, der Zeitungsartikel — richtig, der schrecklichste erste Mai war eben angebrochen! Herr Schulze sprang auf, zog seinen Schlaf⸗ rock an and spähte durch die Gardinen. Das Fenster des Schlafzimmers mündete in die schmale Seitengasse. Der Erschrockene konnte nicht viel wahrnehmen, aber so viel erkannte er doch, daß etwas ganz Ungewöhnliches vor⸗ gehe. Leute liefen eilig herbei, Schulze glaubte sogar hier und da einen Helm blitzen zu sehen; Pferdegetrappel und kurze Signale konnte er jetzt deutlich in nächster Nähe hören. Und nun gar Lärm auf der Treppe! Schwere Schritte näherten sich der Tür von Schulzen's Woh⸗ nung; man schellte, man rief, man schlug mit Gewalt an die Tür. „Das sind sie! sie wollen den Geldschrank holen!“ jammerte Schulze und sank vor Schreck in seinen Lehnstuhl. In welch anderer Absicht konnte man auch sonst in so stürmischer Weise Morgens vor vier Uhr an seine Tür kommen? Schulze ermannte sich und ergriff seine Flinte. „Das Militär wird ja hoffentlich bald ein⸗ schreiten; bis dahin kann ich mich vielleicht halten“, dachte er. Die Hoffnung auf das Militär kräftigte ihn wieder. Das schwere Rollen da unten war vielleicht schon die Auffahrt der Artillerie. Schulze ging ins Wohnzimmer, dessen Fenster nach der Haupstraße mündeten. Plötzlich stieß er einen lauten Schrei aus Das Fenster, dem er sich näherte, krachte und splitterte, die Spitzen einer Leiter zeigten sich und dann eine dunkle, männliche Gestalt mit geschwungenem Beil— „Jetzt ists aus!“ jammerte Schulze und flüchtete mit seiner Flinte in den Vorsaal, um womöglich die Treppe zu gewinnen.— Hier machte er zunächst eine neue schreckliche Wahr⸗ nehmung; es herrschte ein merkwürdiger Brand⸗ geruch. Sollten die Revolutionäre das Haus niederbrennnen? Nun mußte er doch versuchen, sich bis auf die Straße durchzuschlagen, sonst war er verloren. Da krachte die Tür, und es sprangen so⸗ sbn 1925 Behelmte mit Beilen bewaffnet auf ihn los. „Zurück oder ich schieße!“ rief Schulze mit dem Mute der Verzweiflung und hielt den Ein⸗ brechern das Bajonnet entgegen. Einer der Männer packte ihn am Arme. „Keine Narrenspossen!“ rief er.„Geben Sie schnell die Schlüssel zu den Bodenräumen her, daß wir nicht so viel Zeit mit dem Einschlagen der Türen verschwenden.“ „Ach Gott, verschonen Sie mich!“ bat Schulze rührend. „Vorwärts! wollen Sie denn verbrennen?“ schrie ihn der Fremde an. „Ach nein, lieber gebe ich meinen Geld⸗ schrank gutwillig,“ beteuerte Schulze. „Bei dem scheints nicht richtig zu sein,“ äußerte der Fremde, da stürmte schon wieder ein Trupp Männer herauf, die gleichfalls mit Beilen bewaffnet waren; man brachte auch Licht, und wenn Schulze nicht ganz außer Fas⸗ sung gewesen wäre, hätte er jetzt deutlich er⸗ kennen müssen, daß es— Feuerwehrmänner waren. Sie stießen den Rentier bei Seite und die Nachbarn fanden ihn, wie er an seiner Tür lehnte, während die alte Flinte vor ihm auf dem Boden lag. „Was geht hier vor?“ stammelte Schulze. „Es brennt!“ wurde ihm geantwortet.„Es scheint, als ob Brandstiftung vorliegt. Aber was ist denn das?“ Mit diesen Worten hob der Nachbar die Flinte auf. f „Ach, die Flinte,“ sagte Schulze,„ich habe sie vom Boden geholt, um dem ersten Mai nicht so ganz schutzlos gegenüberzustehen...“ „Vom Bodenraum— heruntergeholt— mit Licht und über Nacht?“ Schulze nickte ganz zerknirscht. „O, dann ist Alles aufgeklärt,— da haben Sie selbst durch eine Unvorsichtigkeit Brand angestiftet.“ Und so war es auch. Schulze mußte in * seinem Dusel in der Nacht irgend einen leicht brennbaren Gegenstand mit dem Licht gestreift haben, das Feuer hatte sich langsam entwikelt, bis es nach außen sichtbar zum Ausdruck ge⸗ kommen war. Durch das rasche Eingreifen der Feuerwehr ward das Feuer bald gelöscht. Immerhin war der Schaden nicht unbedeutend und Schulze hatte ihn allein zu tragen; außer⸗ dem mußte er wegen fahrlässiger Brandstiftung einer Strafe gewärtig sein. a Das erste, was Schulze tat, als er wieder zu sich kam, war, das Kreisblatt abbestellen, das ihn und die Bürgerschaft so schändlich an⸗ gelogen hatte. Sodann ging er auf die Fest⸗ wiese, um sich die Soziademokraten aus nächster Nähe anzusehen. Einem Gerücht zufolge soll er mit einigen Führern in später Stunde Brüderschaft getrunken haben. a Der erste Mai verlief im Uebrigen bei prächtigstem Wetter. Außer dem in früher Morgenstunde stattgehabten Brand bei Schulze sind weitere Ruhestörungen nicht vorgekommen. ——— Die Eutstehung der arabischen Ziffern. Unsere Ziffern 1 bis 9 haben wir bekanntlich von den Arabern erhalten und diese nannten sie wieder indische Ziffern. Franzose, Nun hat ein 4 wie die„Schweizer Graphischen Mitteilungen“ berichten, eine Aufklärung über die richtige Entstehung unserer Ziffern gegeben. Nach diefer Theorie sind diese durch eine Zu⸗ 1 sammensetzung einfacher Striche entstanden, von denen jeder Strich als eins zählt. Die Er⸗ findung unserer Ziffern wäre demnach in der⸗ selben Weise vor sich gegangen wie bei den Römern, nur ist die Gruppierung der einzelnen 4 Das ursprüng⸗ licke Aussehen der einzelnen Ziffern muß nach⸗ 5 Striche viel einfacher gewesen. stehendes gewesen sein: E e 1üů̃ů ỹꝛLwp—Wꝛrͥ 3 8 ——. p r F 2 5 en 10 der mit uc el⸗ er — 2 — — ——ͤ K r die einzelnen Striche, die Ecken rundeten sich 9 von Heiligenkreuz, darüber befragt, dieser sagte Nr. 13. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Infolge des raschen Schreibens verschmolzen Das ist nicht so, Sie sind dazu verpflichtet.“ Die Angeklagte wurde wegen unwiderstehlichen Zwanges freigesprochen. Der Richter bedeutete bem Pfarrer, sofort seinen Alimenta⸗ tionspflichten nachzukommen. ab und unsere heutigen Ziffern waren fertig. Du sollst Vater und Mutter ehren. 115 0 a. 15 vierte 5 Gebot befolg arüber wird aus Wiener⸗ 1 Neustadt berichtet: Vor dem Strafrichter Splitter. des hiesigen Bezirksgerichtes hatte sich die 73⸗ jährige Frau Anna Challa wegen Bettelei zu verantworten. Ihr Sohn, der Cisterctenser⸗ ordens⸗Priester P. Emerich Challa, ist Pfarrer in Maiersdorf. Er hatte seine betagten Eltern aus dem Pfarrhofe verwiesen und ihnen jegliche Macaulay, Reden. Unterstützung entzogen. Sie waren daher ge⸗** * nötigt, betteln zu gehen, wobei die Frau betreten Erscheint ein wahres Genie in der Welt, so wurde. Acht Tage lang, sagte die geständige könnt ihr dasselbe daran erkennen, daß alle Angeklagte, hätten sie nichts zu essen ge⸗ Dummkböpfe ein Bündnis dagegen geschlossen habt, weshalb sie genötigt war, zu betteln. haben. In der Gensdarmerie⸗Anzeige, welche die alten Leute als gänzlich erwerbsunfähig bezeichnet, wird diese Verantwortung bestätigt. Richter Gum vorgeladenen Pfarrer):„Warum unter⸗ stützen Sie denn Ihre Eltern nicht?“ Pfarrer: „Ich habe meinen geistlichen Oberen, den Abt Die Hälfte der Logik schlechter Regierungen liegt in dem sophistischen Dilemma: Wenn das Volk unruhig ist, so ist es für die Freiheiten nicht reif; wenn es ruhig ist, so verlangt es nicht die Freiheit. Swift. Humoristisches. Ofsiziersehre. Leutnant: Donnerkiel! Hundert Soldaten heute schon im Notizbuch, die nich ordentlich jegrüßt haben! Und da zweifelt det dämliche Zivil noch an die janz besonders feine Offtziersehre? —— mir, ich brauche meine Eltern nicht zu unter⸗ stützen.“ Richter(in entschiedenem Tone): Wohltäter der Menschheit. Fabrikbesitzer (in einer Gesellschaft): Die Arbeiter wissen gar nicht, wie man für ihr Wohl bedacht ist: Bei der grimmigen Winterkälte hat man ihnen gestattet, sich so lange wie möglich in den schönen, warmen Fabrikräumen aufzu⸗ halten,— dafür kommen sie einem dann noch grob! (W. Jak.) Geschichtskalender. 1. Mai. 1890: Erste Maifeier. 1851: Erste Weltausstellung in London. Joh. Jakoby, Sozialist*. 2. 1898: Brotkrawalle in Italien. Leonardo da Vinci, ber. ital. Maler f. 3. 1469: Macchiavelli, ital. Staatsmann, 1. 4. 1897: Erschießung der fünf Barcelonaer Anar⸗ chisten. 5. 1818: Karl Marr geboren. 1789: Anfang der franz. Revolution. 6. 1901: Scharfmacher Möller wird Handels⸗ minister. 7. 1898: Hungerrevolte in Mailand. Attentat Blind's auf Bismarck in Berlin. 3. 1902: Vulkan⸗Katastrophe auf der Insel Mar⸗ tinique, 40 000 Tote. 1901: Straßenkämpfe in Barcelona. 9. 1879: Internat. Kongreß in Genf. Schiller F. 1805: 1519: 1866: 1805: ———ñ— Leser und 8 22 millionen mark ez Ain Aagenledendel ö Allen denen, die sich durch Erkältung oder Ueberladung des Magens, durch Genuß mangelhafter, schwer verdaulicher, 5 heißer ober zu kalter Speisen. ober durch unregelmäßige F e ein Magenleiden, wie: Magenkatarrh, Magenkrampf, Magen⸗ schmerzen, schwere Verdauung oder Ber⸗ schleimung 3 zugezogen haben, set a ein gutes Hausmittel empfohlen dessen vorzügliche heilsame Wirkungen schon sett vielen Jahren erprobt sind. Es ist dies das bekannte Verdauungs⸗ und Blutreinigungsmittel, der darunter Haupttreff. jahr. von Mk. 8 8 97440 000 8b ll, 380000 e bod, b 15 C00 kommen im Laufe der Vereinszeit zur Verloosung Jedles Loos ein Treffer. Die kleinsten Treffer betragen mindestens ca. 97 pCt., des Ein- satzes, daher bei Verloosung fast in Risico Unsere Gesellschafts- Kombi- nationen bieten die 18 Leserinnen!! Berücksichtigt bei Euren Einkäufen die Inserenten dieses Blattes! 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