— 1 —. ̃]—.—** see E e et- g, ere eee eee ee* 2 Nr. 5. Gießen, den 1. Februar 1903. 10. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Medaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 38 ½¼ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt, r Juserate Die ögespalt. Bei mindestens Wann ist die Reichstagswahl? Ueber den mutmaßlichen Termin der Neu⸗ wahlen zum Reichstage wurden in den Zeitungen die verschiedensten Mitteilungeu gemacht. Vor einiger Zeit hieß es, daß die Wahl Mitte Juni stattfinden würde, während sich kürzlich ein sächsisches Blatt aus Berlin schreiben ließ, daß man in der Reichsregierung beabsichtige, in Rücksicht auf die Agrarier die Reichstagswahlen Ende August oder gar erst im September vor⸗ nehmen zu lassen. Dieser Frage widmet die „Fränkische Tagespost“ einen Artikel, in dem sie die Gründe auseinandersetzt, die dafür sprechen, daß der Wahltermin auf einen viel früheren Tag gelegt werden dürfte. Es sei möglich, daß die Wahl schon in den ersten Tagen des Mai stattfinde. Daran knüpft unser Nürnberger Parteiorgon die folgenden, auch für unsere Genossen in Oberhessen und den Nachbarwahlkreisen sehr beachtenswerten Ausführungen: Die Reichsregierung und auch die Ver⸗ bündeten Regierungen haben allen Anlaß, eine zu lange Dauer der Wahlbewegung für nicht wünschenswert zu halten, wissen sie doch, daß die Zeit für die Wahlbewegung sehr ausgenützt werden wird und daß die Besprechung ihrer Taten nur die in hohem Maße vorhandene Erbitterung steigert. Je weniger das Volk Zeit hat, über die Weisheit seiner Regierungen und herrschenden Klassen nachzudenken, desto lieber ist es der Firma Bülow u. Co. So sprechen alle Anzeigen für einen möglichst zeitigen Wahltermin; vielleicht trennt uns kaum mehr als ein Vierteljahr vom Wahltage. Da müssen wir uns die Frage vorlegen, ob uns diese Zeit für die Wahlvorbereitungen genügt. Wir werden diese Frage nur dann bejahen können, wenn wir alle Zeit ausnützen, wenn wir alle unsere Kräfte anstrengen, wenn wir die Reihen unserer Agitatoren verstärken, wenn wir überall unsere Organisation ausbauen, für das Vorhandensein der erforderlichen Geld⸗ mittel Sorge tragen. Es giebt so mauchen Wahlkreis, in dem unsere Genossen sagen können, wir sind völlig gerüstet, Graf Bülow kann zu beliebiger Zeit wählen lassen, der Graf wird uns bereit finden, aber noch weit mehr ist zu leisten, damit die Antwort des arbeitenden Volkes an die Regierungen, an die Zöllner und an ihre Gönner und Förderer unzweideutig klar und fühlbar wuchtig werde. Die Zeit ist vorbei, in der unsere Gegner voller Neid auf unsere Organisation, unsere Finanzen, unseren Eifer sahen; fast alle bürger⸗ lichen Parteien, in erster Linie die Agrarier und das Zentrum, aber auch die anderen Parteien haben ihre Organisationen ausgebaut, sie verfügen über bedeutend mehr Hilfskräfte, über weit mehr Geld als bei irgend einer vorangegangenen Wahl. Um ihnen ebenbürtig zu sein, müssen wir uns gewaltig anstrengen. Nun steht auch bei der nächsten Wahl sehr viel auf dem Spiele. Der Reaktion ist der Kamm geschwollen. Der Sieg der Zöllner⸗ mehrheit, die Nichtachtung der Rechte der Minder⸗ heit des Reichstags hat den Appettt der wirt⸗ schaftlichen wie der politischen Reaktionäre ge⸗ waltig gesteigert. Blos aus Rücksicht auf die Waählerschaft haben sie sich im Augenblicke einige Beschränkung auferlegt. Sind die Reaktionäre einer Mehrheit auf fünf Jahre sicher, dann wird sich- kein Schädler und kein Oertel einer Verschlechterung des Wahlrechtes entgegenstem— men, dann wird das Scharfmachertum wieder kühn sein Haupt erheben und die alten Ent⸗ würfe der Umsturz⸗ und Zuchthausvorlage wieder präsentieren, dann wird die Hoffnung auf sozialpolitischen Fortschritt begraben werden können. Wir können dann ein Reichsvereins⸗ gesetz erhalten, das allen Wünschen Derer Rechnung trägt, welche die öffentliche Meinung tot machen wollen, dann kann die Zeit aus⸗ genützt werden für Verschlechterungen des Preß⸗ und des Strafgesetzes, dann kann in der Kranken⸗ kassennovelle das Selbstverwaltungsrecht der Kassen zu einem Schein werden. Ein reaktio⸗ närer Reichstag wird die Reichsfinanzreform mit neuen Bier- und Tabaksteuern der Regierung bewilligen. Die Haudelsverträge, wenn sie überhaupt dann noch möglich werden sollten, werden dem Geiste des Zolltarifgesetzes ent⸗ sprechen. Und endlich wird die neue Bewaff⸗ nung der Artillerie, die Vermehrung des stehen⸗ den Heeres, eine weitere Flottenvorlage auf keinen Widerstand mehr stoßen. All dies kann uns ein Sieg der Reaktion bringen! Gewaltig viel steht auf dem Spiele für das deutsche Volk und vor Allem für die Arbeiter⸗ klasse. Wir haben einem mächtig organisterten Ansturme Stand zu halten im ganzen deutschen Reiche. Es gilt einen schweren Kampf! Soll der Wahltag ein Feiertag für das deutsche Volk, ein Siegestag für seine Arbeiter⸗ klasse werden, dann ist alle Kraft, alle An⸗ strengung, aller Opfermut notwendig, dann darf uns keine Mühe, keine Entbehrung zu viel sein. So sei die Nähe des Wahltages für jeden klassenbewußten Arbeiter, für jeden Sozial⸗ demokraten eine Mahnung, Alles zu tun, damit wir gerüstet dastehen, damit man uns kampf⸗ bereit finde. Es ist noch viel zu leisten, es darf Nichts unterlassen werden! Geschieht dies, dann werden wir nach sauren Wochen frohe Feste feiern können! Eine Rede an die deutsche Nation nannte unser Zentralorgan mit Recht die Rede Bebels, die dieser am Donnerstag im Reichstage hielt und worin er die verschiedenen Kaiserreden, besonders in den letzten von Essen und Breslau gegen unsere Partei er⸗ hobenen Angriffe energisch zurückwies. Die Rede war— das wird auch von gegnerischen Blättern anerkannt— ein rednerisches Meister⸗ stück, eines der bedeutendsten Ereignisse in der Geschichte des deutschen Parlamentarismus. Ungehindert vom Prästdenten Ballestrem zonnte Bebel diese Reden besprechen, die zwei Tage vorher Genosse Vollmar nicht erwähnen durfte. Graf Ballestrem hatte eingesehen, daß sein Vor⸗ gehen gegen Vollmar eine Ungerechtigkeit war, die vom ganzen Reichstage und fast der ge⸗ samten Presse verurteilt wurde. So blieb der erwartete Zusammenstoß des sozialdemokratischen Redners mit dem Präsidenten aus. Mit atemloser Spannung lauschte das ganze Haus, als Bebel auf die Angriffe Wilhelm II. zu sprecken kam. Niemand wagte die mit flammender Beredsamkeit vorgetragene Anklage⸗ rede zu unterbrechen. Sie protestirte— sagte die„Berl. Volks ztg.“— gegen die antisozial⸗ demokratischen Kundgebungen des Kaisers und des Kronprinzen mit einem Freimut, einer ehr⸗ lichen Offenheit, welche die Bewunderung jedes objektiv Dentenden finden muß, mag er politisch selbst auf der äußersten Rechten stehen. Dieser faszinierende Eindruck muß der soztaldemo⸗ kratischeu Partei neue, ungeahnt große moralische Erfolge sichern. Der Wucht der Bebel'schen Rede vermochte sich niemand im Hause zu entziehen. Nicht der Präsident, der starr aufrecht dastand, bereit, die Glocke zu rühren— aber es blieb bei der Bereitschaft; nicht der Reichskanzler und die Minister; nicht die Mehrheit des Hauses, nicht das Publikum, das in engster Enge Stunde um Stunde ausharrte. Mäuschenstill war es im Saale; atemlos hingen alle an des Sprechers Munde; beschämt und schuldbewußt senkte sich der Blick manches Volksvertreters zu Boden, als Bebel zürnend am Ende seiner Rede die Charakterlosigkeit, die Streberei und Kriecherei, die Stellen⸗ und Mammons⸗ jägerei, die Jammerseligkeit vor Königsthronen geißelte, die leider das Charakteristikum für einen großen Teil unserer Zeitgenossen bilden. Nachdem Bebel in schonungsloser Weise die politischen Zustände und Vorgänge: die jammer⸗ volle Finanzlage, den unruhigen und ausschwei⸗ fenden Militarismus und Marinismus, die Allerweltpolitik, die Beziehungen zu England, die Abentener in Haitt und Venezuela, die Wahlrechtsfrage, die Unzuverlässigkeit den Zen⸗ trums und der Nationalliberalen, beleuchtet hatte, kam er auf die Reden Wilhelm II. zu sprechen und führte aus: Der Herr Reichskanzler meinte, das allgemeine direkte Wahlrecht sei von den deutschen Fürsten freiwillig gegeben worden. Das allgemeine Wahlrecht trumpfte Bismark seiner Zeit gegen Oesterreich aus. Die deutschen Fürsten mußten dann zugestehen, weil sonst bei dem Widerstreben der süddeutschen Staaten die deutsche Einheit nie zu Stande gekommen wäre. Sie mochten wollen oder nicht, es war eine geschichtliche Notwendigkeit, daß das allgemeine Wahlrecht gegeben wurde. Dafür wurden dann ja auch die Diäten einbehalten, weil man fürchtete, daß mit ihnen die Sozialdemokratie groß werden würde. Ver- hindern haben sie das auch nicht können.— Der Herr Reichskanzler wandte sich auch dagegen, daß man den Kaiser persönlich angreift. Gewiß trägt eine persönliche Kampfesweise immer mehr dazu bei, die Gegensätze zu verschärfen. Der gegenwärtige Kaiser ist seit jeher bei jeder Gelegenheit auf die Sozialdemokratie zu sprechen gekommen und hat seine Stimme gegen die Sozialdemokratie in der schärfsten Weise erhoben. Der Kaiser hat sich ja wiederholt auch in den Kampf der politischen Parteien gemischt, so als der Reichstag ablehnte, dem Fürsten Bismarck zu seinem 80. Geburtstag zu gratuliren, sich einmal direkt gegen die Majorität des Reichstags ge— wandt. Das Recht der freien Meinungsäußerungen werden wir gewiß niemandem bestreiten. Aber es ist kein Zweifel: der Fürst genießt im konstitutionellen Staatsleben eine Ausnahmestellung, er ist staatsrechtlich unverantwortlich, ja sogar im hohen Grade straf⸗— rechtlich unverantwortlich. Wenn manche Reden, die in der letzten Zeit speziell gegen meine Partei 3 8 ——— —— D 5 — i * Seite 2. Mitteldeutsche Sount ꝛas⸗Zeitung. Nr. 5. in den denkbar schärfsten Ausdrücken gehalten sind, von irgend einem anderem Manne gehalten wären und einer von uns hätte den Betreffenden verklagen wollen, so wäre der Redner zweifellos von jedem Richter wegen Beleidigung bestraft worden. Auch die Presse kann ja nur in sehr vorsichtiger und gebundener Weise auf derartige Angriffe eingehen. Die Presse ist ja durch das Strafgesetzbuch gebunden, das gegenüber der soztaldemokratischen Presse in besonders scharfer Weise angewendet wird, zumal wenn es sich um den Kaiser handelt. Auch ist die Auffassung des Reichskanzlers nicht haltbar, daß der Kaiser bei seinen Kundgebungen als Privatmann auftreten könne. Der Kaiser ist ebenso wenig wie ein anderer Fürst jemals ein Privatmann. So oft der Kaiser sich irgendwo zeigt, tritt er als Kaiser auf.... Die Lage, in der speziell wir Sozial⸗ demokraten uns gegenüber diesen fortgesetzten Angriffen befinden, ist eine äußerst fatale. Wir werden angegriffen, heftig angegriffen und können nicht antworten. Daß dadurch ein Gefühl der Erbitterung, ja des Hasses gegenüber der Person des Kaisers unter den Angegriffenen erwächst— wundern Sie sich darüber? Ist das nicht selbstverständlich? Ich frage die Herren auf der äußersten Rechten, die Loyalsten unter den Loyalen: wenn Sie so traktiert würden, wie wir seit vielen Jahren, würden Sie dann von denselben Gefühlen der Loyalität erfüllt sein? Es gab einmal eine Zeit, wo sie da drüben (nach rechts) in sehr erbitterter Stimmung waren und wo in den konservativen Kreisen Preußens und Deutschlands mehr Majestätsbeleidigungen begangen wurden als irgendwo sonst im Deutschen Reiche. Das war im Anfang der neunziger Jahre, in der Zeit Caprivis und Marschalls. Andere deutsche Fürsten treten nicht in dieser Weise hervor; ich weiß mich z. B. nicht zu entsinnen, daß ein sozialdemokratisches Blatt oder ein sozialdemokratischer Redner wegen Beleidigung des Prinz⸗ regenten von Bayern oder des Königs von Württem⸗ berg oder des Großherzogs von Hessen bestraft worden wäre. Warum nicht? Die Herren beachten die Reserve, die ihnen ihre Stellung als konstitutionelle Fürsten auferlegt. Sie treiben wenn ich mich so ausdrücken soll, keine persönliche, keine Parlelpolitik. Das ist bei dem deutschen Kaiser anders. Der Reichskanzler hat dies gestern von seinem Standpunkt aus zu rechtfertigen ver⸗ sucht. Er sagte, daß der Kaiser nicht Anderen gleiche, daß er eine energische Natur sei, die frei von der Leber weg spreche, und daß er kein Philister sei. Dies Wort hat mir ganz besonders gut gefallen. Gewiß, das ist er nicht. Ich will auch nicht, daß die Fürsten Philister sein sollen, so wenig, wie andere Leute— es giebt leider zu viele Philister in Deutschland.(Große Heiter⸗ keit.) Der Kaiser braucht kein Philister zu sein, und soll keiner sein nach meiner Meinung, aber die Art, wie er ist, und besonders uns gegenüber ist, gefällt uns außerordentlich wenig, die mißfällt uns im höchsten Grade— das versteht doch der Herr Reichskanzler! Und da ist es doch ganz natürlich, daß wir auch einmal das Bedürfnis haben— denn auch bei uns giebt es impulsive Naturen— frei vom Herzen unsere Meinung zu sagen. Aber wir können dies heut weder draußen noch hier im Reichstage tun, da der Präsid nt uns daran ver⸗ hindert. Wenn ich hier, ganz abgesehen von dem vor⸗ gestrigen Fall, in dem Tone gegenüber dem Kaiser redete, wie er gegenüber der Sozialdemokratie, dann ginge es mir schlecht. Also auch hier muß ich mir außerordentliche Reserve auferlegen, obgleich auch ich zu den impulsiven Naturen gehöre.(Große Heiterkeit.) Hören wir nun, was von jener Stelle seit etwa 13 Jahren in einer ganzen Reihe von Variationen gegenüber dem„inneren Feinde“ g sprochen worden ist. Da wurde gegenüber einer Deputation der Bergarbeiter 1889 gesagt:„Für mich ist jeder Sozial⸗ demokrat gleichbedeutend mit Reichs⸗ und Vaterlandsfeind!“ Am 2. September 1895 werden wir eine „Rotte vou Meunschen““ genannt, nicht wert den Namen Deutsche zu tragen! Am 13. Oktober 1892, nach Ermordung des Fabrikanten Schwarz in Mülhausen, für die wir so wenig konnten wie jeder Andere, wurde gesagt:„Wieder ein Opfer mehr der von den Sozialisten angefachten revolutionären Bewegung.“ 1891 wurde auseinandergesetzt, daß die Soldaten„dem Kaiser unbedingten Gehorsam schuldig seien, selbst wenn er den Befehl gäbe „auf Vater und Mutter zu schießen!“ Dabei wurde wieder direkt auf die Sozialdemokratie hingewiesen. So ist es unausgesetzt gegangen. Und nicht allein die Partei in Bausch und Bogen wurde verurteilt, sondern in den letzten Reden sind die schärfsten Angriffe direkt gegen uns als Vertreter der Partei gerichtet. Da werden die deutschen Arbeiter aufgefordert, sich von uns loszusagen als von„gefährlichen Menschen,“ die wir seien. Wenn die stärkste Par⸗ tei Deutschlands in dieser Weise behandelt wird, so sind das doch Dinge, die in der Politik des deutschen Reiches, man mag auf einen Standpunkt stehen wie man will, eine sehr entscheidende Rolle spielen. Wir sind die weitaus stärkste Partei, wir werden es bei den nächsten Wahlen— das ist gar kein Bra⸗ marbasiren— in noch viel höherem Grade sein! Wir werden einstmals vielleicht— ich nehme das an— die entschiedene Mehrheit der Wähler, vielleicht die ent⸗ schiedene Mehrheit der Abgeordneten haben, und gegen⸗ über dieser Partei wird fortgesetzt in der Weise verfahren, wie es hier in den verschiedensten Variationen geschehen ist! Da heißt es:„Männer, die bisher als Deutsche gegolten, hätten sich dieses Namens unwürdig gemacht. Die deutschen Arbeiter sollen jede Gemeinschaft mit den Sozialdemokraten ablehnen, sie sollen das Tischtuch zwischen sich und uns zerschneiden! Die deutschen Ar⸗ beiter sollten eine Lösung der vorhandenen Aufgaben in einer andren Richtung finden; auf die auch die kaiser⸗ liche Botschaft von 1881 zu reden kommt; es wird erklärt, daß Deutschland dasjenige Land sei, wo unter bedeutenden Opfern der Arbeitgeber die Gesetzgebung in hohem Maße zum Wohle der Arbeiter fortentwickelt sei, wo jedem Arbeiter seine auskömmliche Existenz gesichert sei. In der betreffenden Rede heißt es dann weiter von uns Sozialdemokraten:„Aber statt Euch objektiv zu vertreten, haben diese Agitatoren Euch aufzuhetzen versucht gegen Eure Arbeitgeber, die andren Stände, gegen Thron und Altar, und Euch zugleich auf das rücksichtsloseste ausgebeutet terrorisirt und geknechtet, um ihre Macht zu stärken Mit solchen Menschen könnt und dürft Ihr als ehr⸗ liebende Männer nichts mehr zu tun haben und nicht mehr von ihnen Euch leiten lassen. Nein! Sendet uns Eure Freunde und Kameraden aus Eurer Mitte, den einfachen schlichten Mann aus der Werkstatt, der Euer Vertrauen besitzt, in die Volksvertretung; der stehe ein für Eure Wünsche und Interessen, und freudig werden wir ihn willkommen heißen als Arbeiterobertreter des deutschen Arbeitsstandes, nicht als Sozia demokraten.“ Wenn der deutsche Kaiser wünscht, daß die deutschen Arbeiter, die mit uns nicht einverstanden sind, ihre be⸗ sonderen Vertreter wählen im Gegensatz zu uns, so verstehe ich das. Das können die Arbeiter tun, und Sie, meine Herren(zur Mehrheit), Sie können ihnen ja helfen dazu, senden Sie nur Arbeitervertreter in den Reichstag hinein! Aber wenn in einer solchen furcht⸗ baren Weise mit den stärksten Worten, die die deutsche Sprache überhaupt kennt, die Sozialdemokratie in ihrer Gesamtheit und wir Partei⸗ vertreter speziell angegriffen werden, dann ist es ganz selbstverständ ich, daß wir dagegen auf das allerener⸗ gischste protestiren und derartige Angriffe und eine derartige Redeweise auf das allereutschiedeuste als ungehörig und unzulässig zurückweisen! Wir bemühen uns objektiv zu sein: Wo Fürsten etwas in unserem Sinne Gutes getan haben, haben wir das willig anerkannt. Auch dem Kaiser gegenüber! Was haben wir denn für einen Grund, gegen die Per⸗ son von Fürsten zu sein? Als Republikaner sind wir Gegner der Monarchie, aber nicht Gegner der Fürsten. Es ist hier wie bei unserer Stellung zur bürgerlichen Gesellschaft, für die wir auch nicht deren einzelnen Mitglieder verantwortlich machen. Der Fürst ist als Fürst geboren. Kann er etwas dafür? Wenn er an etwas unschuldig, so ist er daran unschuldig. Durch den Zufall der Erstgeburt ist er Fürst geworden. Wenn also ein Fürst als Mensch menschlich ist, persönlich nicht gehässig gegen uns auftritt, dann werden wir ihm nie persönlich entgegentreten. Die Monarchie ist eine Insti⸗ iution, keine Personenfrage. Sie ist erwachsen auf historischer Grundlage. Deshalb sind wir auch die schärfsten Gegner der Anarchisten, die den Fürstenmord predigen. Es giebt keinen größeren Wahnsinn als die Attentate auf die Fürsten. Erstens weil die Fürsten persönlich unschuldig sind, zweitens weil die Anhänger der Monarchie nur dadurch gewinnen, drittens weil die Beseitigung einer Person nichts nützt. Ich glaube, mit der Zeit wird diese Institution eine überwundene sein. Es ist gar nicht gesagt, das das mit Gewalt geschehen muß. Es sind große Umgestaltungen sehr gemütlich vor sich gegangen. Aber wenn hier bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit die lautesten Angriffe und Beschimpfungen gegen uns gerichtet werden, dann müßten wir nicht Menschen von Fleisch und Blut sein, wenn wir uns das gefallen ließen und es ist ein Skandal für unsere Zustände, daß wir diesen Angriffen mit so gebundenen Händen gegenüber stehen. Nun eine andere Seite der Sache. Es muß doch mit diesen Angriffen ein Zweck verfolgt werden? Glaubt denn Jemand hier, daß der Kaiser der von ihm vertretenen Richtung mit solchen Reden nützt. Glauben Sie wirklich, daß in Folge der Reden die Monarchisten zahlreicher, die Sozialdemokraten geringer geworden sind? Das gerade Gegenteil ist der Fall! Ungerechte Verfolgungungen gereichen stets dem Ver⸗ folgten zum Vorteil. So war es beim Kulturkampf, ohne ihn würde das Zentrum nicht die heutige Be⸗ deutung haben. So war es beim Scszialistengesetz. Herr v. Kardorff hat gestern nach einem neuen Sozia⸗ listengesetz geschrieen. Er hat ja besondere Ideen, vielleicht spielt auch die Pietät für seinen Freund Stumm eine Rolle dabei. Aber wenn er es sich einmal ruhig überlegt, wird er sich sagen müssen, ihm hat das Ausnahmegesetz nichts genutzt, aber uns. Das beweisen doch die Wahlziffern, die ständig gestiegen sind. Auf jede kaiserliche Rede rechne ich 100 000 Stimmen für uns. Die Autorität der Monarchen gewinnt nichts im In⸗ lande und auch nichts im Auslande, wo doch der Eindruck des größten Zwiespalts zwischen der Krone und der stärksten Partei hervorgerufen wird. Nicht genug aber, daß der Kaiser gegen uns auftritt, jetzt kommt auch der Kronprinz. Dieser zwanzigjährige Herr redet anch schon von„Elenden“. Was hat denn dieser junge Herr für Verdienste(Große Bewegung; Graf Ballestrem erhebt sich), daß er sich so etwas erlaubt? Wenn man uns„Elende“ nennt, wier ärgern uns nicht darüber. Schließlich wird der Name zum Ehrennamen, so wie der Name Geusen— „Bettler“ einst zum Ehrenamen geworden ist. Vielleicht nennen wir unseren künftigen Parteitag den Partei⸗ tag der„Elenden.“ Ich meine, der junge Mann hätte vorläufig wirklich anderes zu tun, als der stärksten Partei Deutschlands feindlich gegenüber zu treten, die Sozialdemokraten zu beleidigen. Das kann ihm für seine Zukunft als Thronerbe nicht sehr förderlich sein. Die Kaiserreden haben nun zu „Loyalitätskundgebungen““ geführt. Im Ruhrrevier, in Magdeburg, in Stettin sind die Arbeiter gezwungen worden, sich in den un⸗ würdigsten Ausdrücken in Adressen an die höchste Person zu wenden. Das Unternehmertum hat die Scha m⸗ losigkeit so weit getrieben, die Abhängigkeit, threr Arbeiter so auszunutzen, daß es die Arbeiter gezwungen hat, um Abänderung der Gesetz⸗ gebung zur eigenen Knebelung in diesen Adressen zu petitioniren. In Zillertal im Riesengebirge ist die neue Kaiserrede, in der von den guten Existenzbedingungen der Ar beiter die Rede ist, in den Sälen der dortigen mechanischen Webereret angeschlagen worden. Der gute Verdienst besteht dort in zwei bis sieben Mark Wochen⸗ lohn! Hungerlöhne! In vielen Fällen, ich nenne nur das Grusonwerk in Maadeburg, sind die Arbeiter die sich weigerten, die Adressen zu unterschreiben, entlassen worden. Wir sagten ihnen:„Unterschreibt nur! Wollen die Arbeitgeber belogen sein, belügt sie nur!“ Die Erfolge waren auf unserer Seite. In zwet Monaten hat das Parteiblatt im Ruhrrevier 68000 neue Abon⸗ nenten, der Vorwärts 10 000 neue Abonnenten erhalten. Fahren Sie nur so sort. Daß dieses Treiben aber zur Vergiftung unseres ganzen Volkslebens führen muß, das ist zweifellos. Wir haben Zustände, die einen Vergleich nur mit dem Rom der Zäsaren oder mit Byzanz zu lassen. Byzantinis mus auf der einen, Zasarismus auf der anderen Seite. Strebertum und Servilismus, der nirgends schlimmer auftritt, als in den oberen Klassen Deutschlands. Wer sich nur ein wenig umsieht, der weiß, welche Feigheit, welche Charakterlosigkeit, welch erschreckender Mangel an Mut überall vorhanden ist. Alles kneift, alles sucht Geld und Vorteil zu erbeuten. In der Tasche wird die Faust geballt, wenn der persönliche Vorteil ausbleibt. Ja, Sie hätten alle Ursache, diesen fürchterlichen Krebsschäden im Volkstum durch gutes Beispiel zu beseitigen und Mannesmut auch vor Königsthronen zu zeigen! politische Rundschau. Gießen, den 29. Januar. Die Etatsberatung im Reichstage ist am Freitag zu Ende gegangen und der Reichstag selbst vertagte sich bis zum Donnerstag, 29. Januar, an welchem Tage zunäachst die Präsibenten⸗Neuwahl auf der Tagesordnung steht. Außer der Glanzrede Bebels am Don⸗ nerstage brachten die drei letzten Tage der Etats debatte nicht viel Bemerkenswertes. Am Mittwoch ergriff Eugen Richter, der Führer der Freisinnigen„Volks“partei das Wort. Seine sonst so schneidige Kritik an dem Etat und den Zuständen im Reich war diesmal ziemlich schwach. Richter wird alt; seine oppo⸗ sitionelle Schärfe ist entschieden abgestumpft, seit er bei den Zolltarifkämpfen eine so ver⸗ räterische Rolle spielte. Er hatte noch nicht einmal ein Wort gegen die Unterdrückung der Redefreiheit durch den ungerechten Präsidenten und bezeichnend genug ist, daß ihm das Zent⸗ rum Beifall spendete. Herzlich unbedeutend war auch die Rede des Konservativen Kar- dorff, der sich mit dem feindlichen Bruder, dem Bunde der Landwirte auseinandersetzte e . r tin eit die seh⸗ zu die gen jute en⸗ nut ssen len Die nen on⸗ ub, nen mit nen, tum als ein Ache les J. 9 liche een uteß vor 1 del ag dlk ung ol del Am rel ll. tal 1 0. f bel LU bel el 17 ful 117 l/ 11 Nr. 5. Mitteldeutsche Sountags⸗geitung. Seite 3. und schließlich, wie gewöhnlich, nach einem neuen Sozialistengesetz schrie.— Don⸗— nerstag war Bebel der erste Redner, der in dreistündiger Rede eine eingehende Kritik an dem Etat übte und dabei natürlich auf die innere und äußere Politik zu sprechen kam. Seine Ausführungen, die wir oben zu einem großen Teile wörtlich wiedergeben, wurden mit gespannter Aufmerksamkeit angehört. Welch' ein Unterschied zwischen Richter und Bebel'! Ausgeglühte Schlacke bei Richter, loderndes Feuer bei Bebel! Wie ganz anders klang die schneidende Kritik, die Bebel an unserer ganzen inneren und äußeren Politik übte, gegenüber den zahmen, saft- und marklosen Richterschen Ausführungen! Militarismus und Marinismus, Stillstand der Sozialpolitik und gepanzerte Eisenfaust: Alles wurde von Bebel mit dem⸗ selben Temperament, mit derselben einschnei⸗ denden, ätzenden Kritik behandelt. Am 22. Jan. hatte die Sozialdemokratie einen glänzenden Trium ph zu verzeichnen.— Der letzte Tag der Etatsdebatte brachte als wichtigstes Er⸗ eignis die Amtsniederlegung des ersten Präst⸗ denten Bal lestrem. Der konservative Graf Vizepräsident Stolberg verlas am Eingang der Sitzung ein Schreiben des schlesischen Zent⸗ rumsgrafen. Ballestrem demissioniert, weil— die„Kreuzzeitung“ unzufrieden mit seiner Amts⸗ führung ist und er daraus schließt— oder so tut, als ob er schlösse— daß die deutsch⸗ konservative Reichstagsfraktion an ihm etwas auszusetzen hat. Herr v. Normann erklärte, das sei gar nicht der Fall. Die ganze Sache sieht danach aus, als ob der gräfliche Major a. D. sich von der Zollwuchermehrheit ein Vertrauens⸗ votum geben lassen will. Warum spricht er von der Mißstimmung der Konservativen, die nach Herrn v. Normann sehr problematisch ist, statt von der sehr unproblematischen und mehr als begründeten Mißstimmung unserer, der sozialdemokratischen Fraktton, die ihm Genosse Singer in der Freitagssitzung noch einmal nachdrücklichst bestätigte? Erster Redner am Freitag war der dicke Agracier Oertel, der dem Reichskanzler ver⸗ schiedene agrarische Unliebens würdigkeiten sagte und über die beabsichtigte Sicherung des Wahl⸗ geheimnisses ein reaktionäres Gezeter erhob. Als Oertel sich schweißtriefend gesetzt hatte, erhob sich Graf Posadowsky. Er verteidigte die bekannte Mittellinien⸗Politik; seinen Haupt⸗ angriff richtete er aber diesmal gegen die Re⸗ aktionäre der Rechten, gegen die er das Wahl⸗ recht zum Reichstag mit einem gewissen Eifer in Schutz nahm. Er erzielte daher zu ver⸗ schiedenen Malen lebhaften Beifall nicht nur im Zentrum und auf der bürgerlichen Linken, sondern auch bei unseren Parteigenossen. Schließlich hielt der abgetane Hosprediger Stöcker eine Fastenpredigt über die Vernich⸗ tung der Sozialdemokratie. Der Rücktritt des Reichstagspräsidenten afen Ballestrem gestaltet sich als die reinste 25 10 ödie. Wie bereits oben erwähnt, verlas der Vizepräsident des Reichstags in der Sitzung vom Freitag ein Schreibeu des Präsidenten Ballestrem, in welchem dieser seinen Rücktritt erklärte. Als Grund führte er auffälligerweise einen Artikel der Konservativen„Kreuzzeitung an, aus dem er entnehmen müsse, daß er nicht mehr das Vertrauen der Mehrheit besitze. Also au dem Vertrauen dieser einen Frattion scheint ihm außerordentlich viel zu liegen, während ihm das Mißtrauen der größeren, sozialdemo⸗ kratischen Fraktion, gleichgültig, ist. Die darin liegende Mißachtung der sozialdemokratischen Fraktion nagelte Singer sofort fest, indem er erklärte, daß die sozialdemokratische Fraktion schon lange jegliches Vertrauen zur Geschäfts⸗ führung des Grafen Ballestrem verloren habe. Voraussichtlich wird Graf Ballestrem diesen Donnerstag als Präsident wiedergewählt wer⸗ den, wie das sofort nach seinem Rücktritt in allen Blättern vorausgesagt wurde. Die ganze ichte war also nichts als Komödie. Früher Al der Wrandent auch das Vertrauen unserer Genossen; sein Vorgehen während der Zoll⸗ kämpfe hat ihn darum gebracht. Wenn er auch jetzt wiedergewählt wiro, besitzt er nicht das Vertrauen des ganzes Hauses. Sicherung des Wahlgeheimnisses. Die Vorlage betreffend die Aenderung des Reichstagswahlreglements behufs Sicherung des Wahlgeheimnisses ist dem Bundesrat zug e⸗ gangen. Der Antrag lehnt sich durchweg an den vom Reichstag angenommenen Antrag Rickert an. Die Stimmzettel müssen 9 Centimeter im Quadrat groß und von mittel- starkem weißen Schreibpapier sein und sind von dem Wähler in einem mit amtlichen Stempel versehenen Umschlage, der sonst keine Kenn⸗ zeichen haben darf, abzugeben. Die Umschläge sollen 12 Centimeter im Quadrat groß und aus undurchsichtigem weißem Papier hergestellt sein. Sie sind am Vorstandstisch in der er⸗ forderlichen Zahl bereit zu halten und in Empfang zu nehmen. Jeder Wähler hat nach Empfangnahme des Umschlages den bereitge⸗ stellten Nebenraum zu betreten, wo er un⸗ beachtet den Stimmzettel in das Kouvert legen kann. Der Wahlvorstand hat alle Stimm⸗ zettel zurückzuweisen, die nicht in dem Neben⸗ raum in den Umschlag gelegt worden sind. In Baden wird bei den Landtagswahlen bereits in vorstehend geschilderter Weise gewählt.— Es wäre nun an der Zeit, daß auch eine Neu- einteilung der Wahlkreise stattfände. In vielen Wahlkreisen hat die Bevölkerung so zugenommen, daß aus ihnen mehrere Kreise gebildet werden müßten, wenn die Bestimmung der Reichs⸗ verfassung, wonach auf je 100000 Einwohner 1 Abgeordneter entfallen soll, eingehalten wurde. . Dann müßte auch auf den Wahltag Rücksicht genommen und der Sonntag als Wahltag festgelegt werden. Tausende von Wählern können ihr Wahlrecht nicht ausüben, weil ihr Beruf fie zwingt, vom Wohnort ab— wesend zu sein; zahllose Arbeiter können nicht wählen, weil sie ihre Arbeitsstelle nicht verlassen dürfen. Sozialdemokratische Wahlsiege. Die Stadtverordnetenwahlen in Braunschweig brachten unserer Partei nach erbittertem Wahl⸗ kampfe einen glänzenden Sieg. In der dritten Wählerklasse wurden die Genossen Dr. Jasper und Wiehle gewählt, zwei andere unserer Kandidaten kommen in günstige Stichwahl. Die Sozialdemokratie verzeichnet starken Stim⸗ menzuwachs; sie ist jetzt durch 8 Mann im Braunschweiger Rathause vertreten.— Ferner siegten unsere Genossen bei den Gemeindewahlen in Floridsdorf bet Wien. Sie beteiligten sich dort zum ersten Male an der Gemeinde⸗ ratswahl und der Erfolg ist um so höher an⸗ zuschlagen, als die klerikalen und antisemitischen Gegner den Wahlkampf in der gemeinsten Weise führten. Sämtliche Sitze im dritten Wahlkörper fielen der Sozialdemokratie zu. Neun Jahre Gefängnis wegen Maje stäts⸗Beleidigung. Ein ungeheuerliches Urteil fällte das Kob⸗ lenzer Kriegsgericht. Es verurteilte einen Sol— daten der 2. Kompagnie des Infanterie⸗Regi⸗ ments Nr. 68 wegen Majestätsbeleidigung und groben Ausschreitungen zu der unglaublichen Strafe von neun Jahren Gefänguts. Dagegen hat er zwar Berufung eingelegt, frag- lich bleibt aber, ob die ihm bei der heutigen Rechtsprechung etwas nützen wird. Auch ein Grund für ein Versammlungs⸗ verbot. Eine in Rothenstein(3. weimar. Wahl⸗ kreis) vorige Woche geplante Volksversammlung, in der Genosse Leutert-Apolda über„Die bevorstehenden Reichstagswahlen“ sprechen wollte, wurde von dem Gemeindevorstand Seidler verboten! Als Grund des Verbots teilte der Herr Gemeindevorsteher mit:„Ueber die nächsten Reichstagswahlen zu sprechen, ist ohn⸗ streitig noch zu früh, da ist immer noch Zeit genug, wenn dieselben ausgeschrieben sind. Der biedere Weimaraner Bürgermeister ist also um Gründe für seine staatsrettenden Verbote nicht verlegen. Einen Orden für ihn! Der sächsische Hofskandal. Der Ehescheidungsprozeß des sächsischen Kronprinzenpaares kam am Mittwoch in Dresden zur Verhandlung. Nach mehrstündiger Ver⸗ handlung wurde ein neuer Termin auf den 11. Februar angesetzt.— Giron und die Kron⸗ prinzessin haben sich von Genf nach dem Bad Mentone(Südfrankreich, an der Riviera) begeben. Beide wolleu nach neueren Meldungen zur protestantischen Religion übertreten. Die gepauzerte Faust trat in Venezuela ein zweites Mal in Aktion. Die deutschen Schiffe„Vineta“,„Gazette“ und Panther“ bombardierten das Fort und das Städtchen San Carlos und schossen letzteres in Brand. Das Fort wurde aber noch von den Venezoleanern behauptet, die deutschen Geschütze konnten das Fort nicht zum Schweigen bringen. Von der amerikanischen Presse wird das Vorgehen Deutschlands entschieden verurteilt. Uebrigens wird berichtet, daß Präsident Castro noch bereit sei, sich gütlich mit den Mächten zu einigen. Jaurès für den Friedeu. In der französischeu Deputiertenkammer hielt am Freitag der Sozialist Jaures eine roße Rede, welche in Frankreich ebenso großes ufsehen erregt, als Bebels Rede in Deutsch⸗ land. Jaures ist ein glänzender Redner und er wurde von der Kammer mit großer Auf⸗ merksamkeit angehört. Was noch vor Kurzem kein Politiker in Frankreich wagen durfte aus⸗ zusprechen, er verkündete es von der Tribüne der Volksvertretung herab, nämlich, daß Frank⸗ reich die Revanche-Idee und den Chauvinismus ablegen, für den Weltfrieden eintreten und mit der Abrüstung beginnen sollte. Wie sehr auch in Frankreich die von Jaures bertretene Meinung an Boden gewinnt, zeigt der riesige Beifall, den die Mehrheit der Kammer seiner Rede zollte. Parlamentsmitglied zum Tode verurteilt. Wegen Hochverrat wurde in London gegen den Obersten Lynch verhandelt. Dieser, ein Irländer, war in Südafrika Bürger von Trans⸗ vaal geworden und hatte sich als solcher am Feldzug gegen die Engländer beteiligt. Später wurde er von einem irländischen Wahlkreise zum Abgeordneten gewählt. Er begab sich in⸗ folgedessen nach England, wo er verhaftet und ihm der Prozeß gemacht wurde, der mit seiner Verurteilung zum Tode endete. Nach neueren Nachrichten wäre er zu lebeuslänglicher Haft begnadigt. Von Nah und Lern. hessůches. Reichstagskandituren in Ober⸗ hessen. Nach Meldungen verschiedener Blätter soll im Wahlkreise Alsfeld-Lauterbach der frühere Landtagsabg. Zinsser in Schlitz dem bisherigen antisemitischen Abg. Bindewald entgegengestellt werden. Von Seiten unserer Genossen ist in diesem Wahlkreise noch kein Kandidat nominirt.— Ja Friedberg⸗ Büdingen kandidirt der natilonalliberale Zöllner Graf Oriola wieder. Hoffentlich gelingt es unserm Genossen Busold ihn aus den Sattel zu heben.— Im Gießener Kreise, haben die Liberalen, die ihn früher im Besitz hatten, noch keinen Kandidaten proklamiert. Von einer Seite war Professor Bier mer in Vorschlag gebracht worden, doch dürfte er als Kandidat kaum in Betracht kommen. Herr Köhler soll, wie uns von mehreren Seiten mitgeteilt wird, von der antisemetischen Fraktion aufgefordert worden sein, auf die Kandidatur zu verzichten, weil er nie das Mandat ausübe. Wir hörten aber weiter, daß Köhler wicht gesonnen sei, diesem Verlangen nachzukommen. 8 men n 1 Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung Kr. 5. Wahlrechtsvorlage in Hessen. Die neue Regierungsvorlage über die Land⸗ stände ist den Abgeordneten zugegangen. Der Entwurf zeigt im Vergleich zu dem vom vorigen Landtag abgelehnten nur unwesentliche Aende⸗ rungen. Gießener Angelegenheiten. — Auf die Gewerkschaftsversamm⸗ lung, die Sonntag, den 1. Februar im Lokale Orbig stattfindet, werden die Gewerkschafts⸗ mitglieder nochmals aufmerksam gemacht und zu zahlreichem Besuche aufgefordert. Neben dem Kartellbericht steht die Gewerbegerichts⸗ wahl auf der Tagesordnung und hierbei ist es nötig, daß sich die einzelnen Gewerkschaften über die aufzustellenden Kandidaten verständigen. Die bisherigen Gewerbegerichtsbeisitzer werden ebenfalls ersucht, in der Versammlung zu er⸗ scheinen. Nach Erstattung des Kartellberichts wird erst ein Vortrag über das Gewerbegerichts⸗ gesetz gehalten werden. — Das neue Gewerbegerichtsstatut für das Gießener Gewerbegericht ist von dem Ministerium vorbehaltlich einiger unwesentlicher redaktioneller Aenderungen genehmigt worden. Diesen Aenderungen stimmte die Stadtverord⸗ neten⸗Versammlung in ihrer letzten Sitzung zu, womit das Statut rechtsgültig geworden ist. Wie schon früher mitgeteilt, ist darin das Pro⸗ portionalwahlrecht für die Wahl der Beisitzer vorgesehen. f l. Der Besuch des Volksbades ist gegen das Vorjahr etwas zurückgegangen. Im Jahre 1902 wurden insgesamt 96594 Bäder abgegeben, mehr als tausend weniger als im Jahre vorher. Das ist gewiß bedauerlich, denn häufiges Baden übt zweifellos auf die gesund⸗ heitlichen Verhältnisse einen wohltätigen Ein⸗ fluß aus. Es sollten sich deshalb auch alle Arbeiter und Arbeiterfrauen daran gewöhnen, mindestens allwöchentlich ein Bad zu nehmen. Für den Preis, den z. B. ein Brausebad kostet, (10 Pfennig), kann sich niemand zu Hause ein Bad leisten. Allerdings sind Brausebäder auch nicht jedermanns Sache und Wannenbäder wiederum für Arbeiterverhältnisse zu teuer. Hier könnte die Ortskrankenkasse etwas tun, wenn sie Billets für Wanneubäder in größeren Mengen kaufte und, indem sie einen geringen Prozentsatz des Preises darauflegte, billiger an ihre Mitglieder abgeben würde. Die dafür gemachten Aufwendungen würden sich wohl durch Verminderung der Apotheker⸗ und sonstigen Heilkosten ausgleichen. — Der Sanitätsverein hielt am Montag Abend im„Gambrinus“ seine Haupt⸗ versammlung ab. Nach dem vom Vorsitzenden Bräutigam erstatteten Jahresbericht gehören dem Verein 581 Mitglieder an. Der infolge neuerer Bestimmungen des Ortskrankenkassen⸗ statuts erfolgte Uebertritt von Hausgewerbe⸗ treibenden in die Ortskrankenkasse veranlaßte den Austritt einer größeren Anzahl von Mit⸗ gliedern, wofür im abgelaufenen Jahre 30 neu eintraten. Der Kassenbericht weist an Ein⸗ nahmen 5171 Mk. 47 Pfg, an Ausgaben 5095 Mk. 14 Pfg. nach. Die ausscheidenten Vor⸗ standsmitglieder wurden wieder gewählt. — Ein Schurkenstreich. Auf vorigen Sonntag hatten unsere Genossen eine Volks⸗ versammlung nach Rödgen einberufen, in der unser Kandidat, Genosse Krumm, sprechen sollte. Bei diesem lief am Sonntag Vormittag eine mit„Der Vorstand“ unterzeichnete Post⸗ karte ein, des Inhalts, daß der Wirt den Saal nicht zur Verfügung stelle. Der Referent blieb infolgedessen zu Hause, es ging aber ein anderer Genosse nach Rödgen, um nach der Ursache der Saalverweigerung zu forscheu. Und siehe da, die Geschichte stellte sich als Schwindel her⸗ aus, vielmehr warteten zahlreiche Versammlungs⸗ besucher auf den Referenten! Irgend ein schuftiger Gegner hat die Fälschung begangen, um unsere Versammlung zu verhindern. Dies⸗ mal ist's ihm gelungen, ein zweites Mal fällt sicher niemand mehr darauf herein. Wird der Bursche herausgefunden, dann dürfte die Sache ein gerichtliches Nachspiel haben. Unseren Ge⸗ nossen ist aber bei der bevorstehenden Wahl⸗ ö N 5 bewegung die größte Vorsicht anzuempfehlen, wer an irgend einen Vertrauensmann oder das Wahlkomitee schreibt, soll stets seinen vollen Namen unterzeichnen.— Für diesen Sonntag (JI. Februar) ist in Rödgen eine neue Ver⸗ sammlung auf mittags 3 Uhr im Saale von H. Wagner anberaumt, in der Gen. Krumm⸗ Gießen sprechen wird. Die Parteifreunde in AI wollen für recht zahlreichen Besuch wirken! Aus dem Nreise gießen. — Die Versammlung in Annerod, die am Sonntag stattfand, nahm den besten Ver⸗ lauf. Der Besuch war wegen der ungünstigen gewählten Tageszeit nicht sehr stark. Fragen der Reichstagspolitik wurden sehr beifällig aufgenommen. In einigen Wochen wird dort eine weitere Versammlung stattfinden. r. Der Arbeiterbildungsverein in Steinberg hielt am Samstag seine Jahresversammlung ab, die sehr zahlreich be⸗ sucht war. Der Kassenbericht des Kassirers wurde für richtig befunden. Bei der Vor⸗ standswahl wurden die bisherigen Mit⸗ glieder wiedergewählt. Ferner erfolgte die Wahl dreier Genossen als Delegirte zur Kreis⸗ konferenz. Weiter gelangte ein Antrag zur Annahme, der den Kretswahlvereins⸗Vorstand ersucht, den Punkt:„Uuẽnsere Presse“ als 5. auf die Tagesordnung der Konferenz zu setzen. Im Anschluß hieran wurde beklagt, daß wir noch immer nicht zur Erweiterung und besserer Ausgestaltung unseres Blattes gelangt sind und der Wunsch ausgesprochen, daß es der Kreis⸗ konferenz gelingen möge, hier Besserung zu schaffen. Eine Hausagltation für die„Mittel⸗ deutsche Sonntags⸗Zeitg.“ wurde beschlossen. Nach lebhafter Diskusston über die politischen Tagesfragen und nach der Aufforderung, unsre Ideen für die Befreiung der bedrückten Mensch⸗ heit auszubreiten, wurde die Versammlung mit einem Hoch auf die Sozial demokratie geschlossen. h. Für die Weltmachtspolitik— so schreibt man uns aus Großenlinden— scheint sich unser Bürgermeister und Landtags⸗ ab geordneter Leun sehr zu interessieren. Am Samstag hatte er einen Vortrag für Krieger⸗ vereinler ꝛc. arrangiert, in dem ein Herr Selters aus Gießen, der den Hunnenzug mitgemacht haben will, das glorreiche Chingabenteuer in die richtige patriotische e zu rücken suchte. Der Herr erzaͤhlte sehr viel von China und dem Kreuzzuge, was aber die Geschichte den deutschen Steuerzahlern gekostet hat, da⸗ rüber sagte er nichts. Die Ermordung des Gesandten Ketteler stellte er als die Ursache des Chinakrieges hin, was bekanntlich mit den Tatsachen keineswegs übereinstimmt.— Ehe aber Herr Leun sich um Vorträge über den Chinarummel bemühte, sollte er Ueber mal in den verschiedenen Orten selnes Wahlkreises über seine Landtagstätigkett berichten; viele Wähler wüßten z. B. gerne, warum er gegen das direkte Wahlrecht gestimmt hat! Aus dem Rreise friedherg⸗Püdingen. J. Ulrich in Friedberg. Am Sonntag sprach im Saalbau Reichstagsaßgeordneter Ulrich aus Offen⸗ bach über den Zolltarif vor dem deutschen Reichstage. Saal, Nebenzimmer, Wirtszimmer und Vorplatz waren dicht angefüllt. Genosse Busold, der den Vorsitz fü rte, machte in der Einleitung bekannt, daß diese Versamm⸗ lung die Antwort sein solle auf die Versammlung vor 14 Tagen, in der uns Graf Oriola über eine Stunde lang angegriffen, aber nicht verteidigen ließ. Genosse Ulrich nahm dann auch die Gelegenheit sofort wahr, um das Verhalten dieser modernen Bauernfreunde Oriola, Windecker und Konsorten in das rechte Licht zu stellen. Feige, wie sie nun einmal sind, schimpfen sie bei jeder Gelegenheit, wo sie unter sich sind, über uns, aber ich wette drum, daß heute, wo sie Gelegenheit hätten, dies zu wiederholen, keiner derselben anwesend ist. Und nun kam der Redner auf das Verhalten unserer Fraktion im Reichstage zu sprechen. An der Hand reichen Ma— terials wies er nach, daß die Fraktion nicht anders handeln durfte. Ganz besonders unsere hessischen Ver— hältnisse wurden eingehend beleuchtet. Dann beleu tete Redner die einzelnen Parteien und schilderte ihr Ver⸗ halten im Reichstage, wobei er sich eingehend mit dem jetzigen Vertreter des Wahlkreises Friedberg, Grafen Oriola beschäftigte. Nachdem Redner noch ausführlich das Verhalten un serer Partei bei den Reichstagsdebatten dargelegt und gerechtfertigt, richtete er an die Versamm⸗ lung die dringende Mahnung, aus diesen Verhandlungen die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Wenn die Bauern aber heute noch ihrem„Bruder“ Oriola vertrauer, in 10 Jahren werden sie ihm die Knochen im Leibe ver⸗ wünschen. Langandauernder Beifall lohnte den Redner. — Trotz wiederholter Aufforderung meldete sich kein Gegner zum Wort, was allgemein bedauert wurde. Nachdem noch Genosse Ulrich aufgefordert, bei der nächsten Wahl dem sozialdem. Kanditaten Busold die Stimme zu geben, wurde eine Resolution angenommen, in der die Versammlung ihr Einverständnis mit den Ausführungen Ulrichs erklärt und sich verpflichtet, bei der nächsten Wahl für den sozialdem. Kandidaten ein⸗ zutreten. Etwa 700 Personen waren anwesend. Aus dem Rreise Wetzlar. Vorspiele zur Reichstagswahl. Unsere Parteigenossen haben an den beiden letzten Sonntagen die Wahlagttation mit der Verteilung eines Flugblattes(Dezemberaufruf der Reichstagsfraktion) und des Landkalenders begonnen. Die Verbreitung vollzog sich pro— grammäßzig und ohne Zwlschenfall. Die Auf⸗ nahme in den Landorten war eine durchweg gute und läßt nach der vorhandenen Stimmung in der Landbevölkerung auf eine erhebliche Zu⸗ nahme unserer Stimmenzahl schließen. Das Amtsblatt des Kreises, der„Wetzlarer Anzeiger“ ärgert sich in einem„Eingesandt“ über den Inhalt des Flugblattes und spricht vom Stand⸗ punkt der satten Tugend und der zahlungs⸗ faͤhigen Moral, von„ungeheuerlichen Ueber⸗ treibungen, handgreiflichen Verdrehungen“ usw. Der Einsender zählt sich in seinem Schreiben zu den verständigen, den e und wahrheitliebenden Menschen und schließt mit einem Apell an die bürgerlichen Parteien, mög⸗ lichst bald und geschlossen in den Wahlkampf einzutreten. Unsere Gegner sind recht sonder⸗ bare Käuze. Erst bringen sie durch Rechts⸗ bruch einen Beutezug in Sicherheit und dann wollen sie noch von uns mit Sammethand⸗ schuhen angefaßt sein. Daß der Aufruf unserer Reichstagsfraktion auch nur eine Unwahrheit oder„handgreifliche Verdrehung“ enthält, glunde uußer dem„wahrheitfucheuden“ Ein⸗ sender kein Mensch. Wenn die bürgerlichen Parteien„geschlossen“ und„einheitlich“ sich auf einen„klerikal⸗konservatib⸗nationalltberal⸗ antisemitisch⸗bündlerischen Kandidaten einigen wollen, solls uns recht sein. Hoffentlich finden sie den gewünschten Universalprachtmenschen, Wie wärs mit Herrn Vorsteher Diehl? Die Nationalliberalen scheinen im nächsten Wahlkampfe die„blamierten Europäer“ werden zu sollen. Wie anderwärts, so werden ste auch in unserem Wahlkreise zum Dank für die Mithülfe bei der Dezember⸗Kardorffiade von ihren konservativen Bundesgenossen an die Wand gedrückt. Die letzteren wollen nämlich dem seitherigen Abgeordneten Krämer(nutl.) die Wahlhülfe versagen und haben die Absicht, mit den Christlich-⸗sozialen und dem Bunde der Landwirte einen gemeinsamen Kandidaten auf⸗ zustellen, welcher sich der deutschkonservativen Fraktion anschließen soll. Als Kandidat ist Herr Stackmann ausersehen. Derselbe war früher Landrat in Wetzlar, dann Oberpräsidial⸗ rat in Koblenz und zuletzt Finanzdirektor der Firma S. Schuckert in Nürnberg. h. Der Bund der Landwirte be⸗ treibt gegenwärtig in unserem Wahlkreise eine umfassende Agitation. Es zieht ein Agitator herum, der sich als„Kleinbauer“ in den Ver⸗ sammlungen vorstellt, in Wirklichkeit ein Ange⸗ stellter des Bundes der Landwirte zu sein scheint. Ihm ist die Hauptsache, Mitglieder für den Junkerbund zu werben, was ihm der Antisemit Reuther nach Möglichkeit zu er⸗ schweren sucht. In Oberbiel fand am Samstag eine Versammlung statt, in welcher der Bauernbündler als Referent die Bescheiden⸗ heit hatte zu sagen, daß in dem angenommenen Zolltarif die Jul viel zuniedrig gesetzt sesen, so daß dieser Zolltarif den Bauernstand ruiniren müsse. Letzteres ist wohl möglich, aber nicht durch zu niedere Zölle, sondern das gerade Gegenteil ist der Fall. Das sagte ihm auch unser anwesender Genosse Vetter s⸗Gießen, der die junkerliche Raubpolitik, sowie die poli⸗ 5. — alten mn. Nr. 5. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 5. tischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland gehörig beleuchtete. Herr Reuther ergriff auch das Wort, um sich gegen unseren Genossen zu wenden. Dieser antwortete ihm, indem er die Rückständigkeit und Zerfahrenheit des Antisemitismus darlegte, der ebenfalls mit den Junkern im Bunde sei. Unter Beifall der Versammlung empfahl er, bei den Wahlen für die Sozsaldemokratie einzutreten, als derjenigen Partei, die jederzeit unentwegt die Interessen des werktätigen Volkes gewahrt habe. Wir 15 mit der Versammlung sehr zufrieden ein. r. Kaiserfestessen mit Keilerei. Aus Haiger schreibt man uns: Zur Feier von Kaisers Geburtstag hatten die hiesigen„besseren“ Patrioten am 27. Jan. ein Festessen im Casino veranstaltet. Nachdem gegessen und„gehocht“, dazu gar nicht wenig getrunken worden war, ging man nach christlich⸗germanischer Art zu den Kampfspielen über, oder deutlicher aus ge⸗ drückt, es kam zu einer ganz gehörigen Prügelei. Der angeblich schuldige Teil, ein Provisor, mußte infolgedessen die Klinik aufsuchen, weil er Schläge aufs Auge erhielt. Vorher hatte er aber seinen Gegner, einen Chemiker, der nach den in höheren Kreisen herrschenden Be⸗ griffen nicht„satisfaktionsfähig“ sein soll, mit der Hundspeitsche bedroht.— Man sieht also was ein guter Patriot für Kaiser und Reich alles zu leiden hat. Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain. St. Parteiversammlung. Nächsten amstag, den 7. Februar Abends 9 Uhr findet im Jes bergschen Lokale eine öffeniliche Parteiversammlung statt, in welcher Genosse Vetters⸗Gießen über ein noch näher zu bestimmendes Thema referieren wird. Außer⸗ dem findet die Abrechnung der Kolportage⸗ kommission, sowie eine Besprechung über die bevorstehenden Reichstagswahlen statt. Die Versammlung darf also, ihrer reichhaltigen und interessanten Tagesordnung wegen, hoffent⸗ lich auf einen starken Besuch der Parteigenossen rechnen. — Die Kaiser⸗ Geburtstagsfeier nahm hier ihren gewohnten Verlauf und wir würden auch weiter keine Notiz hiervon nehmen, wenn wir nicht beim Lesen der hiesigen Zeitungs⸗ berichte auf einige Vorkommnisse aufmerksam geworden wären, die uns einer Erwähnung wert erscheinen. Am Abend des 27. Januar fand auch ein„Festessen“ im Restaurant Fronhof statt, an dem sich eine Anzahl Bürger beteiligten; hierbei hielt der Tapetenfabrikant Schäfer(Vorsitzende des hies. konservativen Vereins), der ob der Zahlung„horrenter Löhne“ an seine Arbeiter und zugleich als eifriger Agitator für den Flottenverein weit bekannt ist, die Jestrede, in der er vor allem der Fürsorge des Kaisers für die Flotte gedachte. Wenn Herr Schäfer(einem Wunsche des Kaisers gemäß) an diesem Tage seiner Arbeiter gedacht hätte, vielleicht durch eine kleine Lohn⸗ erhöhung, würde er sich einer dankbareren Aufgabe unterzogen haben. Statt dessen er⸗ folgten vorige Woche Entlassungen derselben und weitere sollen noch bevorstehen.— In einer Festversammlung des Postunterbeamteu⸗ Vereins feierte der Vorsitzende Kronemann den Kaiser in einer„schwungvollen“ Rede, in welcher er u. a. sagte, daß wir(die heutige Generation) das ganze, reine Glück eines fast idealen Staatslebens() genießen dürfen und nicht nötig hätten, einer Vergangenheit nachzu⸗ trauern, noch viel weniger voll bangender Spannung einer verschleierten Zukunft entgegen zu sehen. Wir möchten den Mann, ob seiner naiven Auffassung der politischen und wirt⸗ schaftlichen Lage Deutschlands, fast beneiden. Jedenfalls bezieht er ein bedeutendes Ge⸗ halt, daß er so zuversichtlich der bevorstehenden Verteuerung aler Lebens- und Verbrauchsar⸗ tikel durch den e Auch entgegenblickt. Ob seine Kollegen diese Anschaung mit ihm teilen, möchten wir bezweifeln, denn es ist doch all⸗ gemein bekannt, daß diese Postunterbeamten in unserem„idealen Staate“ nicht besonders glänzend hynorirt werden.— Im Uebrigen bot der Kaisertag das gewohnte Bild: viele („gebildete“) Betrunkene auf den Straßen, fürchterlicher Radau in der Nacht. „— Bahnhofs⸗Erweiterung. Im dies⸗ jährigen Eisenbahn⸗Etat sind für die Erweite⸗ rungsbauten des hiesigen Haupt⸗Bahnhofs 150 000 Mark vorgesehen.— Bekanntlich sind die Arbeiten einem Wiesbadener Unternehmer unter der Bedingung zur Ausführung über⸗ tragen worden, möglichst nur hiesige Arbeiter einzustellen. Trotzdem arbeiten meist Italiener bei ihm. Wahrscheinlich arbeiten diese noch billiger wie die hiesigen Arbeiter, die doch wirk⸗ lich in ihren Ansprüchen so bescheiden wie nur möglich sind. Kleine Hitteilungen. * Verhaftungen in Offenbach. Wegen Verbrechen wider das keimende Leben wurden ein Werkmeister und mehrere Arbeiterinnen verhaftet. Der Werkmeister soll der Anstister der Verbrechen sein. Ein Stück Arbeiterinnen-Elend! r Ein schrecklicher Vorfall ereignete sich Donnerstag Abend auf den Frankfurter Haupt⸗ bahnhof. Eine ca. 25 Jahr alte unbekannte Frau warf sich vor den einfahrenden Limburger Zug und wurde zermalmt. * In Heldenbergen fiel am Montag Abend der Postwagen, der von hier nach Höchst an der Ridder fährt, durch Scheuen des Pferdes an einer Kurve um. Von den Insassen des Wagens, die herausfi len, erlitt der Viehhändler und Metzger Isaak Haas in Höchst, einen doppelten Beinbruch. * Erdbeben wurden am Sonntag in verschie⸗ denen Orten der Pfalz verspürt. Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. Bei der Berggewerbegerichtswahl im rheinisch⸗westfälischen Kohlen⸗ gebiete, von deren günstigen Ausfall für den alten Bergarbeiterverband, der auf dem Stand⸗ punlt der freien Gewerkschaften steht, wir schon be⸗ richteten, wurden nach endgiltiger Feststellung 26 710 Stimmen abgegeben. Davon erhielt der Bergarbeiter verband 14,123, der Gewerk⸗ verein 8884, die Zechenpartei 2600 Stimmen. Von den 104 Kreisen hat der Bergarbeiterver— band 56, der Gewerkverein nur 38 erobert, 8 Sitze konnte der letztere nur durch sein Bünd⸗ uis mit der Unternehmerpartei behaupten. In 11 von den 18 Spruchkammern hat der Ver⸗ band jetzt die Mehrheit der Beisitzer. Insge⸗ sammt gehören ihm 88 Beisitzer au, dem christ⸗ lichen Gewerkverein nur 49. Dieser Wahl⸗ ausgang bedentet eine wichtige Entscheidung nicht nur für die Beteiligten, sondern für alle Gewerkschaften. In ihrer eigenen Domäne wurde die„größte christliche Organisation“ aufs Haupt geschlagen und die schon fertigen Jubel⸗ artikel über„die entscheidende Niederlage des roten Verbandes“ mußten in den Papierkorb wandern. So muß es früher oder später überall kommen. Schneiderstreik in Wien. Die in der Herrenkleiderkonsektionsbranche beschäftigten Schneider Wiens beschlossen am Sonntag in den Ausstand einzutreten. Es kommen ca. 20000 Gehilfen in Betracht. Auch die Schneider in der Provinz wollen streiken. Schlosser und Dreher haben in den Adler⸗Fahrradwerken in Frankfurt die Arbeit niedergelegt wegen Lohndifferenzen und Maßregelungen. Zuzug fernhalten! Der Natfonalsoziale Tischen⸗ dörfer, bisher Vorsitzender des Lithographen⸗ Verbandes, hat seine Aemter in der Gewerk— aftsbewegung niedergelegt. 5 9 Weg treikvergehen standen vorige Woche drei Arbeiter vor der Magdeburger Strafkammer. Den Angellagten, Maurer Schleue, Arbeiter Busch und Herwig wird vorgeworfen, im August 1902 versucht zu haben, die Bauunternehmer Kräbel und Lochner durch Drohung zur Zahlung höherer Löhne zu nötigen und dadurch ihren Kollegen einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen. Außerdem sollen sie Arbeitswillige durch Diohungen und Verrufserklärung zu best maten versucht hüben, an Verabredungen zum Behufe der Erlangung günstigerer Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen teil⸗ zunehmen und ihnen Folge zu leisten. Außer⸗ dem waren sie noch der Erpressung und des Hausfriedensbruchs angeklagt. Die Beweisauf⸗ nahme fiel für die Angeklagten sehr günstig aus, trotzdem erhielten Schleue und Busch je elnen Monat Gefängnis, Herwig 30 Mark Geldstrafe. Partei-Nachrichten. Zurück in die deutsche„Freiheit“. Am Sonntag ist der Redakteur des Vorwärts Robert Schmidt aus der Strafanstalt Plötzensee, wo er eine ihm wegen Veröffentlichung der Hunnenbriefe zuerkannte Gefängnisstrafe von 6 Monaten verbüßt hatte, entlassen worden. Eine große Begrüßungsfeier mit zahlreichen Ansprachen war veranstaltet, bei welcher der Gefeierte auf seinem Ehrenplatze unter Blumen fast verschwand. Wegen Beleidigung des Nürnberger Magistrats wurde Genosse Rodolph, jetzt Redakteur der„Metallarbeiter-Zeitung“ zu 4 Monaten Ge⸗ fängnis verurteilt. Rudolph soll das Verbrechen in einer Rede begangen haben, die er in einer kurz vor den Nürnberger Gemeindewahlen stattgefundenen Volks⸗ versammlung hielt. Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda. Sonntag, den 15. Februar 1902, Vormittags 10 Uhr Kreiskonferenz in Gießen, Lokal Orbig, Rittergasse 17. Tagesordnung: 1. Vorstandsbericht und Neuwahl des Vertrauens⸗ mannes; 2. Organisation und Agitation im Kreise (Ref. Gen. Orbig); 3. Die bevorstehende Reichstags⸗ wahl(Ref. Gen. Krumm); 4. Maifeier(Ref. Beck⸗ mann). Die Parteigenossen aller Parteiorte im Kreise werden ersucht, für ihre Vertretung zu sorgen. Jeder Ort hat das Recht, bis zu drei Delegierten zu ent⸗ senden. Etwaige Anträge sind baldmöglichst einzureichen. — Ferner werden die Parteigenossen ersucht, ihre Vor⸗ schläge über den Ort, wo das geplante Kreisfest abgehalten werden soll, noch vor der Konferenz an uns gelangen zu lassen. Der Vorstand des Kreiswahlvereins. Versammlungskalender. Genossen! Besucht regelmäßig Eure Versammlung en! Samstag, den 31. Januar. Gießen. Soz.⸗dem. Wahl verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Referat:„Das Reichs⸗ tagswahlrecht“. Sonntag, den 1. Fedeuar. Gießen. Zrauer verband. Mittags 1½ Uhr Versammlung bei Lö b, Wiener Hof., Lollar. Wahl verein. Nachmittags 5 Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Kübler(Germania). Rödgen. Volksversammlung. Nachmittags 3 Uhr bei Wirt H. Wagner. Montag, den 2. Februar. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Ur Versammlung bei Orbig. Samstag, den 7. Februar. Lollar. Metallarbeiterverband. Abends 9 Uhr Abend⸗Unterhaltung bei Wirt Weinrich. Gießen. Jeden Dienstag, Abends punkt 1/9 Uhr, Diskussions⸗ und Unterrichtsstunde im„Wiener Hof“ bei Lö b(oberes Zimmer). An die Parteigenossen! Diejenigen Orte, welche Versammlungen wünschen, wollen sich an den Vorsitzenden des Wahlkomitees, Gg. Beckmann, Grün⸗ bergerstr. 44, oder an die Redaktion unseres Blattes wenden. Brtefkasten. Friedberg. Gewerksch. und Kartell⸗Bericht in nächster Nummer. Letzte Nachrichten. Bei der Neuwahl des ersten Präsi⸗ denten im Reichstage wurden 285 Stimm⸗ zettel abgegeben, darunter 195 für Balle strem, 89 waren unbeschrieben. Ballestrene nahm die Wahl an.(Huzugefügt zel hier, daß Ballestrem zum erblichen Mitglied des Herrenhauses ernannt wurde und eiren Orden erhielt.) Seite 6. Mitteldeuische Sonutags⸗Zeitung. Nr. 5. Parteigenossen! Gedenket des Wahlfonds! Von Nah und Fern Der Mord auf der„Loreley“. Am 13. November d. Js. wurde auf dem im Hafen von Piräus(Griechenland) vor Anker liegenden deutschen Stationsschiffe „Loreley“ der wachhabende Unterofftzier Biede⸗ ritzty ermordet und ein wichtige Papiere ent⸗ haltender Kasten geraubt, der aber unerbrochen am anderen Tage gefunden wurde. Da der in der betr. Nacht auf Posten gestandene Matrose Kohler abgängig war, nahm man sofort an, daß dieser die Tat verübt und sich geflüchtet habe. Dieser wurde am 18. Novem. in Athen verhaftet. Am Freitag begann nun vor dem Kriegsgericht in Wilhelmshafen die Verhandlung gegen ihn. Kohler ist geständig. Er giebt an, er sei zufällig einmal vorbeigegangen, als der eiserne Kasten, der auch die Schiffskasse enthielt, geöffnet war. Der Anblick des Geldes habe ihm keine Ruhe mehr gelassen. Als er daher in der betr. Nacht auf Posten stand und wußte, daß nur der Unteroffizier allein unten schlief, habe er den Entschluß gefaßt, die Kasse zu rauben. Den Unteroffizier habe er nicht löten wollen. Allein als er im Salon war, habe der Schlafende plötzlich eine Bewegung gemacht. Darauf habe er in der Augst vor der Entdeckung ohne Ueberlegung einen Messer⸗ stich nach dem Halse seines Opfers geführt. Die Leiche warf er ins Meer. Dann schleppte er den Kasten aus dem Rauchsalon und ließ ihn mit den bereit gehaltenen Tauen in eine Barke hinab, mit der er vom Schiffe abstieß. Ein im Hafen kreuzendes Fischerboot bewog ihn, an Land zu rudern, wo er den Kasten zu öffnen versuchte. Da ihn der Fischer auch dorthin verfolgte, ließ er das Beiboot im Stiche und flüchtete an das Land. Das Boot wurde am nächsten Morgen in der Nähe des Leucht⸗ turmes entdeckt, in diesem fand sich der uner⸗ öffnete Geldkasten. Das Kriegsgericht ver⸗ urteilte Kohler zum Tode, sowie zu 6 Jahren 4 Monaten Zuchthaus und zu dauerndem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte. Ein trauriges Schicksal. widerfuhr einer Kaufmannsfamilie in Elber⸗ feld. Nachdem erst kürzlich der eine Sohn, ein 17jähriger Oberprimaner seinem Leben durch Erhängen ein Ende gemacht hat, folgte ihm in einem Anfalle von Schwermut seine 16jährige Schwester und erhängte sich im Walde bei Kronenberg. Nun ist auch der Vater jener Kinder, der eine Eisenbahnfahrt nach Düsseldorf unternahm, nicht mehr zurück⸗ gekehrt, sodaß anzunehmen ist, auch er habe infolge des gewaltsamen Todes seiner Kinder seinem Leben selbst ein Ziel gesetzt. Der Oberamtsrichter als Dienstherr. Vom Schöffengericht Bamberg war im November v. J. der Redakteur Schmidt der Bamb. Neuesten Nachr. wegen Beleidigung des Oberamtsrichter Reischel in Hollfeld zu 150 Mk. Geldstrafe verurteilt worden. Er hatte dem Oberamtsrichter vorgeworfen, daß er sein Dienstmädchen, das im Hause der Dienstherrsch-ft von einer Geburt überrascht wurde, menschenunwürdig behandelt habe. Ins⸗ besondere war behauptet worden, daß Reischel resp. dessen Frau bet der Geburt die Abgabe warmen Wassers verweigert und die Wöchnerin schon am Tage nach der Niederkunft auf einem Mistwagen aus dem Hause habe schaffen lassen. Gegen das Urteil ergriff Herr Schmidt Be⸗ rufung und die Strafkammer des Landgerichts hob jetzt das erstrichterliche Urteil auf, sprach Schmidt frei und überbürdete dem Ober⸗ amtsrichter alle Kosten. Durch die Beweisauf⸗ nahme wurde festgestellt, daß der Herr Richter und seine Frau das Dienstmädchen in herzlosester Weise behandelt und ihm außerdem noch un⸗ berechtigterweise Geld abgenommen hatten. In der gleichen Sache schwebt noch gegen den Ge⸗ nossen Gärtner von der Fränk. Tagespost in Nürnberg, ein Verfahren. 0 0 G 7 b Anterhaltungs-Ceil. 4 7——— wir sind die Elenden! Wir sind die Armen, wir sind die Elenden, Arme und Elende sind wir nicht, Weil mit reichen Tönen, mit glückbeseelenden Su uns die Stimme der Sukunft spricht. Wir sind die drunten in Tiefen wohnenden, Um uns're Stirnen noch streicht die Nacht, Doch wir beneiden die droben Thronenden Nicht um die prunkenden Sessel der Macht. Denn in die Tiefe sollen versinken Gleißende Nerrlichkeiten der Herr'n, Stürzen zur Rechten, stürzen zur Einken, Ob ihren Häuptern erbleicht ihr Stern. Aber zu unsern Häupten entflammen Sterne der Freiheit ihr funkelnd Licht, Säulen der Häßlichkeit brechen zusammen, Nimmer, was wir erbauen, zerbricht. Uns ist gefallen ein Cos vor allen Unvergleichlich und wahrhaft schön: Wir steigen aufwärts und vorwärts wallen Wir zu des Lebens leuchtenden Nöh'n. Wir sind die Armen, wir sind die Elenden, Arme und Elende sind wir nicht, Weil mit reichen Tönen, mit glückbeseelenden Su uns die Stimme der Sukunft spricht. K. Henckell. Aus einem deutschen Hause. Ein Familienbild aus dem neunzehnten Jahrhundert von Ludwig Schierk. (Schluß.) 4. Ein Zug dieses Leichtsinnes lag offenbar auch in der nachlässig⸗gemütlichen Art, mit der Aennchen jetzt nach einer Zeder blickte, die aus einem Teppich feinsten Grases in grüner Vor⸗ nehmheit emporragte; obwohl im nächsten Augen⸗ blicke das Köpfchen enttäuscht nach einem Bündel weißer Schnüre gedreht wurde, das ebenda auf der Erde lag. „Das ist keine Arbeit für mich; will die Jungen aus der Fabrik holen!“ murmelte dann die Schöne in entrüstetem Selbstgespräch, während sie auf den wohlgepflegten Kieswegen dahinschritt. Der aufmerksame Leser hört da⸗ bei dasselbe Stimmchen, das im Angesichte eines für den Prinzen Ewald bereiteten Früh⸗ stückes einer schweigsamen und traurigen Gestalt die Geschichte eines eben eingetroffenen Liebes⸗ h zu erzählen unternahm, ohne Gehör zu inden. Aenuuchen war die Schwester des strebsamen jungen Franz, auf dessen bedeutende Arbeits⸗ kraft der Inhaber der Firma C. v. H. aus Gründen einer durchaus gerechtfertigten Tugend leider hatte verzichten muͤssen. Ihr kleines, fröhliches Herzchen schlug zur Zeit unter zwei Sorgen gleich schwer. Sie sollte weiße Schnüre spannen von Baum zu Baum und farbige Papierlaternen daran be⸗ festigen; denn der Firmenchef gedachte am Vor⸗ abende des Jubelfestes seinen Garten zu be⸗ leuchten. Die zweite Sorge entsprang dem Gedanken an ein bleiches Antlitz mit jammernden Gretchen⸗ augen, die dem beweglichen Doktor auf der Treppe den kleinen Schreck eingejagt hatten. Aennchen hielt sich verpflichtet, die weit ältere Freundin, die Braut ihres Bruders, bei Munterkeit und Gesundheit zu erhalten. Wie ein Staarmatz pflegte sie die ernste Martha gewöhnlich zu umhüpfen, und wenn sie auf dem stillen Gesichte derselben den Schein eines Lächelns bemerkte, flog sie der Freundin jubelnd an den Hals. Nun war Martha seit längerer Zeit völlig unzugänglich, sie schien die Nähe der Freundin förmlich zu meiden. Seit einem Monate hatte sie die Briefe ihres Bräutigams ohne Antwort gelassen, und Franz schrieb deshalb in großer Sorge an seine Schwester. „Wenn ich wüßte, liebe Schwester, daß Du stie am Ende beleidigt hättest, ich drehte Dir gleich Deinen kleinen Hals um!“ schloß die letzte Epistel. i Das kluge Aennchen wußte diesen Erguß echt brüderlicher Teilnahme der Freundin heim⸗ lich zuzustecken. Martha hatte ihr dabei einen Blick zugeworfen; nur einen Blick, aber Aenn⸗ chen glaubte darunter erstarren zu müssen. „Es muß ein bbses Unglück sein!“ seufzte das arme Kind. Unter der Schwere dieser Gedanken trabte Aennchen leichtfüßig nach der andern Seite des Gartens. Hier dehnte sich ein mächtiger Teich aus, dessen jenseitiges Ufer von den umfang⸗ reichen Gebäuden einer lärmenden, sausenden Fabrik eingefaßt wurde. An einer kunstgewerb⸗ lich gezierten Landungsbrücke lag ein Kahn in bi N Nachahmung eines Wikinger⸗ botes. Das besorgte Aennchen lugte vorsichtig durch die letzten Büsche, die sich aus der Pracht des Gartens noch an diese Stelle verloren, nach jenem Boote; denn zusammengekauert auf der stilvoll geschnitzten Ruderbank desselben saß eine weibliche Gestalt. Kein Zweifel, es war Martha! Aennchens literarische Neigungen waren in Folge der mangelhaften Organtsation des Unter⸗ richts eines auf das rein Materielle gerichteten Zeitalters keineswegs bis zu der Höhe gediehen, die ihr eine Heldin, wie ste Tegner in seiner Ingeborg geschaffen, verständlich gemacht hätte. Gleichwohl ahnte sie, daß jene Frau in dem Wikingerboote in stummer Klage irgend ein geheimes Weh dem leichten Winde vertraute, der sich auf der glatten Oberfläche dieses ver⸗ ständiger und einträglicher Arbeit gewidmeten Wassers verlor. Mit einem Sprunge stand Aennchen im Boote und umschlang die Freundin. 5 W rief sie atemlos,„was fehlt ir 14 Die Angeredete richtete sich empor; ihr bleiches Gesicht zeigte einen erschreckenden Aus⸗ druck. „Schreibe Franz!“ sagte eine trostlose, brechende Stimme,„schreibe Franz, daß Alles aus ist zwischen uns; ich... ich trage ein Kind unter dem Herzen!“. Aennchen fühlte plötzlich einen scharfen Stich im Kopfe; der Schrei, den das Mädchen aus⸗ stieß, hallte über die Wasserfläche und lockte den Werkmeister ans Fenster, der das Gnadenbrot der Firma C. v. O. aß. „Dies Schürzenvolk kann die Narretei nicht lassen!“ brummte der Alte.„Ich glaube gar, 's ist eine in den Teich gefallen.“ In wenigen Minuten stand Aennchen zorn⸗ glühend in ihrem Kämmerchen, daß sich irgend⸗ wo im Dachraum des eleganten deutschen Hauses befand. Mit zitternden Händen wühlte sie in einem Kästchen, das von Briefchen, Bildchen, Kettchen und derlei nützlichem Kram bevölkert war; Dinge, die den ganzen Stolz dieses niedlichen Geschöpfes ausmachten. rohes Porträt; es stellte Martha vor im Sonntagsstaate mit Schirm und Haudschuhen. Das zornige Aennchen riß das Bild in Stücke. ö „Die falsche Schlange!“ zischte es aus dem roten Mündlein. sterben!“ IV. Es war ein herrlicher Abend geworden. Als die Gäste des Inhabers der Firma C. v. O. essensmüde und weinessatt über die kunstgewerbliche Treppe hinabschlichen, um die ärmliche Prosa ihres nächtlichen Lagers aufzu⸗ suchen, erschien jede dieser Gestalten als das verkörperte Lob des gastfreien Hausherrn, der nach dem begeisterten Abschiede in die duftende Oede des Speisesaales zurückgetreten war. a Eine herrliche Uhr schlug irgend eine späte Nachtstunde. Bei diesem Zeichen der eilenden Zeit sprang 5 in dem Emailschilde, mit dem jenes Prachtstück nationalen Kunstgewerbes geschmückt war, ein Türchen auf und zeigte auf goldenem Grund Bald fand sie ein „Aber Franz soll daran nicht 4 r. 5. — 5 Du le r aß die Crguß hein, einen Aen. . seufzte kKabte tte dez Teich lenden ewerh⸗ ahn in linger. durch gt des „aß uf der aß eine ren in later⸗ chteten diehen, setner hatte. u dem nd ein traute, 8 bel⸗ dmeten en im fehlt F iht 1 Aus⸗ stlose⸗ Alls 9e ein Stich u aus fle del. enbrot i nicht e gal, zorl⸗ rgend⸗ ulschen einen eltchel wal; lichen ie eil * in Huhel. ib 3 dell N fich el. N Firn 1 Nr 5. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. die Buchstaben C. v. O. im S ines gezackten Krönchens. e Der Träger dieses Namens drehte sein Haupt nach den Schlägen und warf einen flüchtigen Blick auf das Zifferblatt; dann trat er schweren Schrittes in einen Nebenraum. Mit seinem Abgange lagerte die Stille eines von den Kämpfern verlassenen Schlachtfeldes in dem prachtvollen Saale. Die Stühle glichen geräumten Schanzen; ansehnliche Reihen halb⸗ geleerter Flaschen, totbringenden Geschützen, auf deren Forschaffung kriegerischer Mut ent⸗ sagend verzichtet hatte; trüb brennende Lichter harrten gleich tötlich Verwundeten der mit⸗ leidigen Hand, die sie von der Qual eines halben Daseins erlöse. Es war ein Bild trostloser Vergänglichkeit, das im Rahmen dieser von Reichtum strotzenden Saalwände erschien. Der Kreis, der hier ge⸗ schmaust, gezecht, gelärmt, gesungen,— war offenbar gewohnt sich an den süßen Inhalt des Augenblicks zu klammern und den berauschenden Schaum des Gegenwartsweines mit dem tröst⸗ lichen Zukunftsworte zu schlürfen:„Hinter uns die Sintflut!“ Im Garten verglommen die letzten Lampen, welche an diesem Vorabende des großen Jubel⸗ festes die vielsprachige Blütenfülle durch einige Stunden mit dem Scheine einer geheimnisvollen Märchenpracht überstrahlt hatten. Tiefschwarz ragten die ernsten Zedern gegen den Nacht⸗ himmel, auf dem sich die späte Mondsichel zu einer trüben Beleuchtung anschickte. Inmitten der glänzenden Reihe der Fami⸗ lienzimmer des eleganten deutschen Wohnhauses lag ein merkwürdiges Gemach; eine jener sonder⸗ baren Stuben, denen der Stempel einer gewissen Zwecklosigkeit aufgeprägt ist; weder Empfangs⸗ noch Speisezimmer, weder Wohn⸗ noch Schlaf⸗ zimmer. Man ging flüchtig hindurch und warf einen gleichgültigen Blick auf den kunstgewerb⸗ lichen Wandschmuck, der dem Künstler gerade auch für diesen Raum einige Mühe gemacht haben mochte: einige Hilflofigkeit atmete aus dem Figuren⸗ und Ornamentenreichtum. Das Zimmer diente gewöhnlich dem Mädchen als Schlafgemach, das zum speziellen Dienst der 57 Herrschaft“ für die Nacht bestimmt war. Um eben diese Stunde bargen die schnee⸗ weißen Kissen, die in dem reichgeschnitzten Himmelbette fast verschwanden, Aennchens ge⸗ schmeidige Gestalt. Ein bleicher Strahl des Mondes fiel durch das Bogenfenster und ver⸗ lieh dem figurenreichen Schmuck der Wände ein geheimnisvolles Leben. Das junge Mädchen lag regungslos mit offenen Augen da. Aennchen war ruhiger ge⸗ worden. Sie hatte den Bruder in ihrer Weise von dem herben Unglücke verständigt, das ihm die Untreue der Braut zugefügt. Aber das Bild dieser Braut stand beständig vor ihr. Die jammernden Augen, das bleiche Antlitz .. sah so die Untreue aus? An der Zimmerwand lebte jetzt im Strahle der Mondsichel ein Bild auf, so plötzlich, daß das einsame Mädchen unwillkürlich das Köpf⸗ chen nach jener Richtung wandte. Eine schöne weibliche Gestalt wehrte sich gegen einen lüsternen Faun, der die sinkende Hülle von ihrem halb entblößten Körper zu ziehen bemüht war. Es lag eine Ruhe, eine Hoheit in den Zügen des Weibes, die der ohne Zweifel etwas sinnlich geratenen Gruppe einen besonderen Reiz verlieh. Aennchen starrte unverwandt das Bild an; geraume Zeit hing ihr Blick an dem Antlitz der Frau... ihr kleines Köpfchen neigte sich plötzlich und eine trostlose Erkenntnis schien dies fröhliche Kind mit einemmale zu erfüllen. Vielleicht war es eine Folge dieser grausamen Erkenntnis, daß ein jugendlich Herz stärker zu klopfen anfing, und ein Paar zierlicher Händ⸗ chen ein müdes Gesicht bedeckten. Das arme Mädchen weinte bitterlich.—— Da knarrt ein leiser, vorsichtiger Schritt. ö Aeunchen heb. den Kopf und sieht das Wandbild plötzlich in der Helle eines Licht⸗ scheines, der aus der Türe eines zweiten Ge⸗ maaches fällt. 1 Ehe noch sie recht denken kann, tappt eine unsichere Hand nach ihrem Lager,— ein beruhe neigt sich weinschweren Hauches erab——— Mit einem lauten Schrei springt Aennchen auf, entringt sich einem beg⸗hrlichen Arme, der sie zu fassen bemüht ist, und eilt auf den Korridor. Da steht das arme Kind, zitternd vor Frost, eine Summe von Schreck und grenzenlosem Ekel in den jungen Gliedern! Die stumme Sprache des lüsternen Wand⸗ bildes ward ihr mit einemmale verständlich. „Arme Martha!“ hauchte das Mädchen. Von diesem Augenblicke an dachte Aennchen nicht mehr an sich. Sie fühlte es kaum, daß sie mit nackten Füßchen eine kalte Steintreppe emporstieg, um Marthas einsame Kammer aufzusuchen.— Arme Martha! N Sie fühlte nur noch, daß die gefallene Freundin ihr ganzes Mitleid verdtene, und es schten fast, als ob dies Mitleid die Zuneigung weit überträfe, die das arme Kind dem fernen Bruder stets entgegenbrachte. Die Türe der Kammer war halb geöffnet, und Aennchen stürzte hinein; beim nächsten Atemzuge stand sie am Bette der Freundin und sank in die Knie. Der trübe Glanz des Mondes schien auf ihre bußfertige Gestalt; aber das Lager war leer Ueber eine kleine Weile lief Aennchen durch den Garten; lautlos lag die scheidende Sommer⸗ nacht auf Blatt und Baum. Aber im Osten begann der Tag zu grauen, dem der Inhaber der Firma C. v. O. die Ehre seines Jubelfestes zugedacht hatte. Es ließe sich schwer bestimmen, wie vielen Blüten der eilende Fuß des Mädchens das Stenglein knickte: Aennchen gedachte nur der einen stillen Blume, die ein roher, selbstsüchtiger Männerfuß in den Kot getreten. So kam das Mädchen an den Teich. Der Drachenkopf am Bug des Wikinger⸗ bootes hob sich gespenstisch über die Wasser⸗ fläche empor. Aber Aenncheu sah nur in das leere Fahrzeug. Als sie endlich darin stand, glitt ihr angstvoller Blick nach der Ruderbank. Auf dem zierlichen Schnitzwerke lag ein armselig Gebetbuch, ein gedörrtes Sträußlein, ein kleiner Goldreif;— Dinge, die ein junges Menschenherz an ein freundliches Dasein ge⸗ knüpft hatten. In unendlicher Ruhe lag die glatte Wasser— fläche und harrte des goldenen Strahles, der den jungen Morgen bringen sollte. Bald entzündete dieser Strahl die tausend Farben der Blüten. Aber am Ufer kniete die Gestalt eines schluchzenden Mädchens, dessen grenzenloser Schmerz dem Gedanken entgquoll, daß jener wärmende Strahl das Leben nicht mehr zu erwecken vermöge, das in der feuchten Tiefe vor ihm schlummerte. An diesem Tage feierte der Inhaber der Firma C. v. O. sein Jubelfest. Gegen den Krieg. In ihrer reizenden Erzählung:„Geschichte eines Rekruten von anno 1813“ legen die beiden elsässischen Schriftsteller Erckmann und Chatrian, deren fesselnde Erzählung„Frau Therese“ eben jetzt in der fllustrirten Romanbibliothek„In freien Stunden“ veröffentlicht wird, einen flammenden Protest ein gegen Exoberungskriege oder Kriege in dynastischem Interesse. An einer Stelle heißt es:„Könnten unsere Herrscher, die nach ihrer Behauptung von Gott zu unserm Glücke in die Welt gesandt sind, beim Beginn eines Feldzuges all die armen Greise und un⸗ glücklichen Mütter sich vorstellen, denen sie ge— wissermaßen das Herz und Eingeweide aus dem Leibe reißen, um ihren Ehrgeiz zu befriedigen, könnten sie ihre Tränen sehen, ihre Seufzer hören bei der Nachricht:„Euer Kind ist tot, nie werdet ihr es wieder sehen, es hat sein Leben unter den Hufen der Pferde ausgehaucht, oder ist, von einer Kugel zerschmettert oder in der Fremde in einem Krankenhause verstümmelt, im Fieberwahnsinn, trostlos dahingestecht und hat euch gerufen, wie es als kleiner Junge tat,“— könnten sie sich die Tränen dieser Mütter vorstellen, nicht einer, glaube ich, würde so roh sein, weiter zu kriegen. Aber sie denken an nichts, glauben gar, andere Leute lieben ihre Kinder weniger als sie, und halten die Leute für dumm. Doch sie irren sich, all ihr Genie, alle ihre hochfliegenden Ruhmesgedanken sind eitler Wahn, denn nur um einer einzigen Sache willen muß das ganze Volk mit Mann, Weib, Kind und Greis ins Feld ziehen: wenn unsere Freiheit angegriffen wird, wie anno 92; dann stirbt oder siegt man zusammen, wer dann zurückbleibt, ist ein Feigling, der andre ihre Haut für sich zu Markte tragen lassen will; da ist der Sieg nicht Sache einiger weniger, sondern aller, da verteidigen Vater und Sohn die Familie, und fallen sie, so ist das zwar ein Unglück, doch sie sind im Kampfe um ihr Recht gefallen. Das ist der einzige gerechte Krieg, über den Niemand klagen darf, alle anderen sind schmachvoll, und der Ruhm, den sie bringen, ist nicht der Ruhm eines Mannes, es ist der Ruhm eines wilden Tieres.“ An einer anderen Stelle heißt es vom Ruh me: „Ruhm ist für andere Leute gut als für uns, für Leute, die gut essen, schlafen und ein Wohl⸗ leben führen, die da tanzen und fröhlicher Dinge sind, wie man aus den Zeitungen sieht, und obendrein noch Ruhm gewinnen, den wir mit unserm Schweiße, unserm Hunger und unserm Blute errungen haben. Wenn so arme Teufel wie wir, die gewaltsam fortgezwungen sind, schließlich heimkehren, so haben sie die Gewöhnung an Arbeit, zuweilen auch ein Glied verloren, doch Ruhm nur wenig gewonnen. Viele ihrer früheren Genossen, nicht besser als sie und vielleicht nicht einmal so gute Arbeiter, haben während der sieben Jahre Geld verdient, haben einen Laden eröffnet und die Schätze der anderen geheiratet, haben hübsche Kinder, sind gesetzte Leute geworden, Gemeinderäte, wohl gar Standespersonen. Und wenn nun die anderen von ihrer Jagd nach Ruhm, die in der Tötung von Menschen besteht, zurückkehren und mit ihrem Streifen auf dem Arme vorübergehen, so sieht man sie über die Achsel an, und sollten sie unglücklicherweise eine rote Nase haben von wegen des Branntweins, den sie getrunken haben, um sich bei Regen, Schnee und Gewalt— märschen den Mut zu erhalten, während die andern zu Hause ihren guten Wein geschlürft haben, so heißt man sie gleich Trunkenbolde, und so wird aus diesen Soldaten, die so gern zu Hause geblieben wären und gearbeitet hätten, eine Art Bettler. Das ist meine Meinung, ich halte das gar nicht für recht, und mir wäre es weit lieber, wenn jeder, der den Ruhm liebt, sich allein schlüge und uns zufrieden ließe.“ Humoristisches. Ländlich sittlich. In einem mecklenburgischen Dorfe war eine Bauernhochzeit gefeiert worden. Am folgenden Tage fragt der Lehrer die Schulkinder:„Was ist eine Hochzeit?“ Ein kleines Mädchen hebt die Hand hoch.„Na Mile?“ Mile, die schon viele Hochzeiten mitgemacht hat, sagt:„Wenn ein kleines Kind ein' Vata bekommt.“(Jug.) Zarte Andeutung. In einer vornehmen Gesellschaft befindet sich ein Student, der den aufge— tischten Getränken in allzu lebhafter Weise zuspricht. Sein Sitznachbar, den dies mit Rücksicht auf die Gast⸗ geber peinlich berührt, stoßt den Student an und flüstert' ihm zu:„Aber so trinken Sie doch!“„Was wollen Sie?“ erwidert der Musensohn,„ich trinke ja!“„Par⸗ don“, versetzt der andere lächelnd,„Sie trinken nicht, Sie— saufen. Geschichtskalender. 1896: Stöcker muß aus der kon⸗ 1558: Universität 1. Februar. servativen Parteileitung ausscheiden. Jena gegr. 2. 1868: Ledru⸗Rollin, franz. 48er Sozialdemo⸗ krat f. 1829: Brehm, Naturforscher*. 3. 1899: Löbtaner Zuchthausurteil. 53 Jahre Zuchthaus, 8 Jahre Gefängnis über 10 Arbeiter weßen geringfügiger Vergehen verhängt. 4. 1897: Achtstundentag⸗Debatte im Reichstage. 1890: Wilh. II. Arbeiterschutzerlasse. 5. 1880: Tynamit⸗Attentat im kalserl. Winter⸗ palast in Petersburg. 1682: Böttger, Erfinder des Porzellans*. * e — —— * 5 )J 1 8 — — — 3 N — 2 E. 2 4 8 — 7 r — —— 7 Seite 3. Mitteldeutsche Sonntaas⸗Zeitung. Nr. 5. Agemeie Cchellschatts-Vesammlung am Sonntag, den 1. Februae 1903, Nachmittags 3 Uhr im Lokale des Herrn Orbig, Rittergasse. Tagesordnung: b 1. Geschäfts⸗ und Kassenbericht. 2. Die Gewerbegerichtswahlen und Aufstellung der Kandidaten. 3. Verschiedenes. Die Mitglieder sämtlicher Gewerkschaften sind eingeladen. Das Gewerkschaftskartell. 0 Marburg! 8 Samstag, den 7. Februar 1903, Abends 9 Ilhr: Oeffentliche Partei- Oersammlung im Jes berg'schen Lokal, Wehrdaerweg 2. Tages⸗Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Vetters⸗Gießen. Kolportage-Kommission. 3. Reichstagswahl. 4. Verschiedenes. Un zahlreiche Beteiligung ersucht Der Vertrauensmann. Allen denen, die sich durch Erkältung oder Ueberladung des Magens, durch Genuß mangelhafter, schwer verdaultcher, u heißer oder zu kalter 12757 oder durch unregelmäßige Lebens weise ein Magenleiden, wie: Magenkatarrh, Magenkrampf, Magen⸗ schmerzen, schwere Verdauung oder Ver⸗ schlomung 50 zugezogen haben, set hiermit ein gutes Hausmittel empfohlen dessen vorzügliche heilsame Wirkungen schon seir vielen Jahren erprobt sind. Es ist dies das bekannte Verdauungs⸗ und Blutreinigungsmittel, der Hubert Ulrich che Nräuter-Wein. 1 0 Kräuter Wein ist aus vorzüglichen, heillräftig 9 efundenen Kräulern mit gutem Wein bereitet, und e stärkt und belebt den ganzen Nerbauungsorganismus be⸗ Aenschen, ohne ein Jchbführungsmiklel zu sein Kräukerwein beseitigt alle Ptörungen in den Wluk⸗ Fefäßen, reinigt das WPlut von allen verdorbenen, krankmachenden Stoffen und wirkt fördernd auf die Neu- bildung gesunden Blutes. 10 Durch rechtzeitigen Gebrauch des Kräuter⸗Weines werden Magenübel meist schon im Keime erstickt. Man sollte also 1 nicht säumen, seine Anwendung allen anderen scharfen, ätzen⸗ den, Gesundheit zerstörenden Mitteln vorzuziehen. Alle Symp⸗ tome wie: Kopfschmerzen, Aufstossen Sodbrennen, Blän- ungen, Uebelkeit mit Erbrechen, die bei chronischen (veralieten) Magenleiden um so heftiger auftreten werden oft nach eintgen Mal Trinken beseitigt. und deren unangenehme Folgen Stuhlverstopfung wie: Beklemmung, Kolikschmer- zen, Herzklopfen, Schlaflosigkeit, sowie Blutanstauungen in Leber, Milz und Pfortadersystem(kiädmorrhoidalleiden). werden durch Kräuter⸗Wein rasch und gelind beseitigt. Kräuter⸗Wein behebt jedwede Unverdaullchkeit, verleiht 73 dem Verdauungssystem einen Aufschwung und entfernt durch einen leichten Stuhl alle untauglichen Stoffe aus dem Wagen fz und Gedärmen. Hageres, bleich. Aussehen, Blutmangel. 7 3 sind meist die Folge schlechter Verdaunng, 1 Entkräftung mangelhafter Blutbildung und eines krank haften Zustandes der Leber. Bei gänzlicher Appetitlosigkel unter nervöser Abspannung und Gemüthsverstimmung sowte häuftgen Kopfschmerzen, schlaflosen Nächten stechen oft solche Kranke langsam dahin. 8 Kräuter⸗Wet giebt der geschwächten Lebenskraft einen frischen Impuls. Kräuter⸗Wein stetgert den Appettt, befördert Verdauuag und Benbeffent regt den Stoffwechsel kräftig an, beschleunigt und verbessert die Blutbildung, beruhigt die erregten Nerven und schafft dem Kranken neue Kräfte und neues Leben. Zahlreiche Anerkennungen und Dankschreiben beweisen dies. Kräuter⸗Wein ift zu haben in Flaschen! a Mk. 1.25 u. 1,75 in: Gießen, Großen⸗ Linden, Wetzlar, Fronhausen, Braunfels, Butz⸗ bach, Brandoberndorf, Gladenbach, Weilburg, Groß⸗Buseck, Allendorf, Grünberg, Lich, Hungen, Laubach, Bad Nauheim Marburg usw. nsw. in den Apotheken. Auch versendet die Firma„Hubert Ullrich, Leipzig Weststrasse 82, 3 und mehr Flaschen Kräuterwein zu Ort⸗ ginalpretsen nach allen Orten Deutschlands porto⸗ u. kistefrei. D Vor Nachahmungen wird gewarnt. Man verlange ausdrücklich Hubert Ullriehsehen Kräuter-We Fir iagenleidende! Mein Kräuter⸗Wein ist kein Geheimmtittel; seine Bestandteile nd Malagawein 450,0, Weinsprit 100,0, Rothwein 240,0. Ebereschensaft 150,0, Kirschsaft 420,0, 1 9 0 Anis, Helenen⸗ wurzel, Enzianwurzel, Kalmuswurzel 10,0.* 2. Abrechnung der 0 0 N 6.70, 8.— Mark und besser f . err and der Käfer. Sonutag, den 1. Februar, Nachmittags 4 uhr: inteweignügen mit Jan: auf der„Liebigshöhe“. tritt frei! Der Vorstand. Nn 15 8 4 7 i Ein 322 Millionen mark ö darunter Haupttreff. jahr. von Mk. 94740 000 ol, e 30 10 böb, 6, 16 000 kommen im Laufe der Vereinszeit Fertige Pederbetten mit 8 Pfund Federn gefüllt, Stück zu 10.50, 12.— 14.— 18.— Mark und besser. 9 Kissen mit 2¼ Pfund gefüllt, Stück zu 2.75, 3.50, 5.50, 28 88 zur Verloosung Jedes Loos ein Treffer. 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