N N Fel von damen. offel von M an. — — — . —. — — — —— 1 dumb 1 — = . * — 2 * 2 * — 5 2 8 — 14 Nr. 48. Gießen, Sonntag, den 30. November 1902. Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Mitteldeutsche 1 Mebaltton schluß Donnerstag Nachmittag 4 Uhr — Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch] Druckerei Ludwigstr. 30 die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4940) 33/% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 500% Rabatt. 2 Inserate Die ögespalt. Bei mindestens Zum Kampfe bereit! Für die nächsten Reichstagswahlen machen Kapitalisten und Scharfmacher schon gehörig mobil. Das beweist folgender Aufruf, den eine Anzahl Junker, Kommerzienräte, Fabrik⸗ und Bankdirektoreu erlassen und von dem unsere Parteileitung Kenntnis erlangte. Es heißt darin, nachdem auf das bisherige Wachstum der Sozialdemokratie hingewiesen ist, daß unsere Partei bei der bevorstehenden Wahl 3 Millionen Stimmen aufzubringen und in viel mehr Wahl⸗ kreisen als 1898 in die Stichwahl zu kommen hoffe. Dann heißt es weiter: „Hiernach muß leider befürchtet werden, daß die Zahl der sozialdemokratischen Reichstagsmandate, die zur Zeit bereits 58 beträgt, sich bei der nächstjährigen Wahl bedeutend erhöhen, und daß damit der Einfluß der sozialdemokratischen Partei, der sich schon jetzt im Reichstage stark fühlbar macht, noch wesentlich vermehrt werden wird. Welche Gefahr aber damit verbunden wäre, wenn etwa die Sozialdemokratie im deut schen Reichstage eine maßgebende Stellung erlangen würde, bedarf nicht der näheren Ausführung. Einer solchen Gefahr mit allen Kräften vorzubeugen, ist eine Pflicht, deren Erfüllung aus nationalen, sozialen, wirtschaftlichen und sittlichen Gründen geboten ist. Vor allem gilt es, für gründliche, sachliche Aufklärung der gesamten Bevölkerung über die Unwahrheit der land⸗ läufigen sozialdemokratischen Behauptungen Sorge zu tragen, was bisher nur allzu sehr versäumt worden ist. In der Anlage leehren wir uns, Ihnen Abzüge einer in drei Ausgaben erschienenen Schrift zu übergeben, die dazu bestimmt ist, in allen Wahlkreisen, in denen es sich um den Kampf gegen die Sozialdemokratie handelt, sämtlichen Wahlberechtigten zugestellt zu werden; die drei Ausgaben sollen je nach den besonderen Verhältnissen der einzelnen Wahlkreise zur Verwendung kommen. Die Zahl der in Betracht kommenden Wahlkreise beträgt 263 mit 8½ Millionen Wahlberechtigten. Die Kosten für Druck und Verteilung etwa einer halben Million Exemplare sind bereits gedeckt. Es handelt sich noch um die Aufbringung der Mittel für den Druck und die Verteilung von 3 Millionen Exemplaren der großen, 3 Millionen der mittleren und 2 Millionen der kleinen Ausgabe, wofür nach sachverständiger Berechnung, die auf Wunsch zur Verfügung steht, insgesamt 300000 Mk. erforderlich sind. Demgemäß gelangt vorliegendes Rund⸗ schreiben an die für die betr. Städte, Bezirke, Arbeits⸗ zweige usw. maßgebenden Herren bezw. Firmen, die hierdurch ergebenst gebeten werden, unter Mitwirkung der ihnen nahestehenden Kreise je 500 Mk. aufzu⸗ bringen und an den mitunterzeichneten Architekt König, Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Baugewerksmeister, Berlin, einzusenden. Das im Einzelfalle zu leistende Opfer darf als verhältnis⸗ mäßig nicht groß im Hinblick darauf bezeichnet werden, daß die deutschen Anhänger der Sozialdemokratie, die doch meist nur über geringe Mittel verfügen, für ihre Partei nachgewiesenermaßen alljährlich 5 bis 6 Milltonen() Mark an Beiträgen aller Art zahlen. Se. Majestät der Kaiser hat wiederholt in markigen Worten zum tatkräftigen Kampf gegen die Sozialdemo⸗ kratie aufgerufen. Es ist hohe Zeit, diesen Appell zu ee, Auf dem kürzlich in München abgehaltenen sozial⸗ demokratischen Parteitage erklärte der Vorsitzende Abg. Singer:„Wir wollen Alles aufbieten, um in die gesetzgebenden Körperschaften eine so stattliche Zahl von Sozialdemokraten hineinzubringen, daß man ohne die Sozialdemokratie in Deutschland nichts mehr machen kann, auch keine Gesetze.“ Und der Führer der deutschen Sozialisten, der Abg. Bebel, sagte:„Es ist unsere dringendste Pflicht, ungesäumt, ohne auch nur einen Tag zu zögern, in die Wahlagttation einzutreten.“ Unter brausendem Jubel seiner Genossen rief Bebel aus: „In dem beginnenden Wahlkampf müssen wir unsere vollste Schuldigkeit leisten bis zur völligen Er⸗ schöpfung unserer physischen und morali⸗ schen!) Kräfte“.— Wohlan, möge dem seitens der Feinde der bestehenden Ordnung uns angekündigten heftigen Ansturm durch umsassende Belehrung der breitesten Wählermassen über die Wertlosigkeit des soztalistischen Programms begegnet werden!“ Nun folgt das„Hochachtungsvollst und er⸗ gebenst“ und die Unterschrift von 80— 90 Fürsten, Grafen, Börsenleuten, Generaldirektoren von Aktiengesellschaften, Fabrikbesitzern und Junkern. Träger des zuerst unterzeichneten edlen Namens ist jener Graf Arnim, welcher, als Bebel im vorigen Jahre im Reichstage schilderte, daß Kinder hungrig zur Schule kämen, diesem zurief: „Der Vater wird wohl Alles versoffen haben!“ Daun folgt der berühmte Baare; der Scharf⸗ machersekretär Beumer; der biedere Schneider⸗ meister Jakobs kötter in Erfurt; ferner Graf Kanitz, der Mann mit den geflickten Stroh— dächern; Krawinkel, nationalliberaler Kan⸗ didat im dritten nass. Wahlkreise; Landrat Meister in Homburg v. d. H.; Bürger⸗ meister Morneweg⸗Darmstadt, sowie eine Menge anderer, zu den oberen Zehntausend gehöriger Leute mit ellenlangen Titeln. Unsere Reichstagsfraktion antwortet darauf: Parteigenossen! Das vorflehend abge⸗ druckte Rundschreiben werdet Ihr mit ebenso viel Interesse wie Vergnügen gelesen haben. Der Hauptschlag, den unsere Gegner im nächsten Wahlkampf wider uns zu führen hofften, ist entdeckt. Wir sind nicht nur in den Besitz des Rundschreibens, sondern auch in den Besitz der Broschüren gelangt, welche die vereinigten Scharfmacher ihren Klassengenossen als„Sozialistentod“ zur Ver⸗ breitung empfehlen. An der entsprechenden Antwort von unserer Seite wird es nicht fehlen. „Juden und Judengenossen“ um im Tone eines Konservativen zu sprechen, reichen sich wider uns die Hände. Die Herren der Börse stehen Arm in Arm mit den feudalen Ueber⸗ zöllnern wider uns im Bunde. Soweit die Unterzeichner des Rundschreibens Mitglieder des Reichstags sind, gehören sie den Parteien an, die eben mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln arbeiten, um den berüchtigten Wucher⸗ tarif dem deutschen Volke als Angebinde cuf den Weihnachtstisch zu legen. Ste können mit Recht singen:„O du selige, o du fröhliche, gnadenbringende Weih⸗ nachtszeit!“ Das Elend der Milltonen, die unter dieser Gnade für unsere Junker und Junkergenossen seufzen und hungern werden, kümmert diese Edelsten der Nation ebensowenig, wie die Herren der Börse, die im Golde schwimmen. Diese eine That charakterisiert diese Gesell⸗ schaft, vom Reichstags- Abgeordneten Grafen von Arnim⸗Muskau bis zum Herrenhausmitglied Graf von Ziethen-Schwerin besser, als lange Artikel es vermöchten. Daß diese Gesellschaft sich herausnimmt im Namen des Patriotismus, ja sogar im Namen der Sittlichkeit— warum nicht auch im Namen der Religion?— zum Kampfe wider die Sozial demokratie aufzurufen, kann nur ein homerisches Gelächter hervorrufen, ) Hier leisten sich die Herren einen Unsinn. Bebel hat natürlich nur von der Erschöpfung der materiellen Mittel gesprochen. vereinigten wo immer deutsche Proletarier das obige Rund⸗ schreiben lesen. Parteigenossen! Auf diese Herausforde⸗ rung unserer grimmigsten Feinde giebt es nur eine Antwort. Wir müssen ohne Rast und ohne Ruh den Wahlkampf aufs vorzüglichste organisteren in allen Wahlkreisen, in welchen wir Anhänger habeg. Wir müssen unausgesetzt Mittel sammeln, wo immer die Gelegenheit sich bietet. Thun wir alle unsere Schuldig keit, so stellen wir den 300000 Mark, die unsere Feinde zur Verwendung gegen uns zu sammeln sich bemühen, Millionen gegenüber. Die klassenbewußten Arbeiter Deutschlands haben alle Zeit verstanden, in bewundernswerter Weise für ihre Ideale zu opfern, das erkennen selbst unsere Feinde in dem oben ver⸗ öffentlichten Rundschreiben au. Zeigen wir, daß sie auch diesmal sich nicht in uns getäuscht haben. Wie immer die Not der Zeit auf Hunderttausende von Euch drückt und schwer auf Euch lastet, andere Hundert⸗ tausende werden noch die Mittel finden, deren wir bedürfen, um einen Wahlkampf zu führen wie bisher keiner geführt worden ist Giebt der Einzelne auch wenig, die Masse der Opfernden bringt viel. Zum Kriegführen gehört vor allem Geld und der nächste Wahlkampf ist ein Krieg, in dem sehr vieles auf dem Spiele steht, wenn er nicht mit einem glänzenden Siege der Sozial⸗ demokratie endet. Parteigenossen! Geht ohne Zögern ans Werk! Organisiert und agittert für die große Schlacht, die der nächste Juni uns bringt! Arbeitet für unsere gemeinsame Sache mit all der Begeisterung, die ein großes die Menschheit befreiendes Ziel uns giebt! Unser Schlachtruf sei: Nieder mit unseren Feinden! Hoch die Sozialdemokratie! Berlin, den 21. November 1902. Die sozialdemokratische Fraktion des Deutschen Reichstags. Der Zollkampf im Reichstage. Der Kuhhan el ist fertig! Nach den bisher vorliegenden Nachrichten soll eine Mehrheit für ein Kompromiß vorhanden sein, welches das Zentrum mit den Regierungen abgeschlossen hat. Bei so und soviel Diners, an reichbesetzten Tafeln, bei Wein und Austern „verständigten“ sich„Volksvertreter“ mit der Regierung über die Höhe des Satzes, der den Armen durch Verteuerung ihrer notwendigsten Lebensmittel auferlegt werden soll! Die Regierung ist einverstanden mit der Erhöhung des Mindestzolls für Gerste von 3 auf 4 Mark, sofern es sich um Braugerste handelt, wogegen der Mindestzoll für Futter⸗ gerste überhaupt in Fortfall kommt. Für Futter⸗ gerste soll der Tarifzoll gleich dem Maiszoll auf 4 Mark festgesetzt werden. Durch dieses Zugeständnis bei der Braugerste ist die Zent⸗ rumspartei für die Regierungsvorlage gewonnen. Für diese Abmachungen sollen 220 Stimmen vorhanden sein. Kommt dieses Komprom ß zu Stande, so wird natürlich das Bier, das sich 3— ——== U sn — + .— ———— . SS SS SSS SSH —— N 25 e — r 3 8 5 8. .—— ——ᷣ Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 48. der Arbeiter leisten kann und dem uberdies noch eine Steuererhöhung droht, teurer und schlechter. Die Arbeiterklasse wird sicher die Antwort auf diese Auswucherung nicht schuldig bleiben.— Natürlich fragt es sich noch sehr, ob die übrigen 938 Tarifpositionen bis Juni durchberaten werden können.— Die Reichs⸗ tags verhandlungen der letzten Woche geben wir in Folgendem zusammenfassend wieder: Am Donnerstag nach der Bußtags⸗ und Verständigungspause stand der dem Tarifgesetze von der Kommission eingefügte§ 10a zur Beratung, der die Aufhebung der slädtischen Oktrois auf Getreide, Hülsenfrüchte, Mehl, Backwaren, Fleisch und Fleischwaren fordert. Dazu lag ein sozialdemokratischer Erweiterungsantrag vor, der die Abgabenfreiheit auch auf alle anderen landwirtschaftlichen Erzeugnisse erstreben und das von der Kommission ausdrücklich aus⸗ geschlossene Malz ebenfalls der Abgabenfreiheit teilhaftig machen will. Die Regierung ist gegen den Kommisstonsantrag und natürlich erst recht egen den sozialdemokratischen, deshalb lassen ich auch Minister und Kommissäre seine Be⸗ kämpfung angelegen sein.— Die Rückständigkeit in der Steuerpolitik zeigt sich am stärksten bei den Gemeindesteuern. Sorgfältig hat man die Arbeiter, soweit es ging, aus den Landes⸗ gesetzgebungen und den Stadtvertretungen fern⸗ gehalten und ist dadurch in der Lage gewesen, die kleinlichsten Privatinteressen zu pflegen. Da die indirekte Steuer sich am leichtesten er⸗ heben läßt und die Taschen der Besitzenden am wenigsten trifft, so hat man speziell in Süd⸗ deutschland diese Form am meisten kultiviert. Alle Betriebe wie Gas⸗ und Clektrizitätser⸗ zeugung, Straßenbahnen usw., wenn sich dabet etwas verdienen läßt, haben die Stadtväter ihren Klassengenossen als Privatgeschäft über⸗ tragen. Die wohlhabenden und reichen Leute will man gern in der Stadt halten uud sie deshalb wenig mit Steuerzahlen ärgern. Drum behielt man den Oktroi bei. Dieser verstößt aber gegen die agrarischen Interessen. Wenn Vieh oder Lebensmittel in eine Stadt, die Oktroi erhebt, eingeführt werden, muß am Stadtthore Oktroi bezahlt werden, zunächst von dem, welcher die Waare einführt. Dieser Um⸗ stand hat besonders die süddeutschen Bauern egen den Oktroi aufgebracht.— Der Frei⸗ Auge Fischbeck trat für Annahme des Kom⸗ missionsvorschlages ein. Posadowsky erklärte, daß die Regierung diesen Paragraphen ablehne und der preußische Minister Hammerstein that dasselbe in ausführlicherer, aber sehr wenig geschickter Weise. Er spielte sich auch als Be⸗ schützer der Selbständigkeit der Gemeinden auf, was bei einem preußischen Minister wirklich zum Lachen reizt! Er will den Gemeinden nicht das Recht nehmen, indirekte Steuern zu erheben. Wahrscheinlich ist dies das einzige„Recht“, welches er den Gemeinden erhalten will. Außer⸗ dem ist er dagegen im Interesse der— armen Arbeiter, die dann mehr direkte Steuern ent⸗ richten müßten. Singer blies etwas rauh in das Kartenhaus ministerieller Beweisführung. Wenn der Minister erklärte, daß der Haushalt vieler Städte auf den indirekten Steuern be⸗ gründet sei, dann bekenne er sich zu einer rück⸗ ständigen Steuertheorie, mit der eine vernünftige Volkswirtschaft aufräumen müsse. Die Konservativen Rettich und Kanitz, der Reichsparteiler Kardorff, Herr Paasche von den Nationalliberalen usw. bekannten sich mit dem Munde zur Gemeinschäblichkeit der Oktrois, verschanzten sich aber hinter dem schönen Vorwand, daß die Aufhebung der Stadtoktrois — verfassungswidrig sei. Genosse Dr. Süde⸗ kum ging scharf einer Petition des konservativ⸗ antisemitischen Stadtverordneten-Klüngels in Dresden zu Leibe, die sich gegen die Aufhebung des Oktrois wendet. Der Kommisstonsantrag fand in namentlicher Abstimmung Annahme; vorher hatten aber das Zentrum und die Kon⸗ servativen einem Antrage zur Annahme ver⸗ holfen, wonach dieser§ 10a erst am— 1. April 1910(warum wohl nicht erst 19502) in Kraft treten soll. Freitag kam die Witwen⸗ und Waisenversorgungs⸗ komödie zur Aufführung, welche die Zentrumspartei zur Beschwichtigung ihrer leider noch zahlreichen Arbeiterwähler in Szene setzt. Das Komödien⸗ spielen verstehen die Zentrümler ausgezeichnet. Fraglich allerdings ob sie noch damit Erfolg haben. Lange genug haben die katholischen Arbeiter den Sirenenklängen der Kaplanspresse gelauscht, die ihnen vom sozialreformerischen Eifer des Zentrums die blauesten Wunderdinge zu erzählen wußte. Das Verhalten aber, das die um Trimborn jetzt belieben, dürfte der ultramontanen Partei ihren letzten Arbeiter ⸗ anhang kosten. Die großstädtischen bayerischen Arbeiter pfeifen längst auf die Trugschalmeien des Zentrums; im Rheinland, an des heiligen römischen Reiches Pfaffengasse, fällt die Arbeiter⸗ schaft in dichten Massen von dem schwarzen Banner ab, dem sie sonst in gläubiger Inbrunst folgte; schon bei den nächsten Wahlen wird, wenn nicht alle Zeichen trügen, die rote Fahne auf den Zinnen Kölns— der getreusten Tochter der katholischen Kirche— wehen; selbst in Zabrze, in Kattowitz und sonst im dunklen Oberschlesten wird es Tag werden. Der Krug geht eben so lange zum Brunnen bis er bricht! Um nun den katholischen Arbeitern den Zollwucher schmackhaft zu machen, wirft ihnen das Zentrum den Witwen- und Waisenver⸗ sicherungsknochen vor. Zu dieser Versicherung sollen nach dem Zeutrumsantrage die aus den Zollerhöhungen sich ergebenden Mehreinnahmen aus den Getreidezöllen verwandt werden, und es wurde trotz heftigen Widerspruches der Regierung dem Tarifgesetze ein dahingehender § 11a von der Kommission eingefügt. Die soz.⸗dem. Partei beantragte dazu: 1. nicht bloß die Mehreinnahmen, e den ganzen Ertrag für die Witwen- und Waisenver⸗ sorgung zu verwenden, 2. die Verwendung auf die Erträgnisse aus allen landwirtschaftlichen Zöllen auszudehnen, 3. die Versicherung nicht, wie die Kommission und Herr Trimborn vor⸗ schlagen, erst im Jahre 1910, sondern sofort mit dem Zolltarif in Kraft treten zu lassen. Nachdem Trimborn von Köln den Zentrums⸗ antrag begründet, hielt der wildliberale Abg. Rösicke⸗Dessau eine kräftige Abrechnung mit der ultramontanen Sozialreformheuchelei, die auch bei unsern Genossen ein lebhaftes Echo fand; seinen Hauptangriff aber richtete er gegen das Prinzip, dauernde Ausgaben auf schwan⸗ kende Einnahmen aufzubauen. Er deutete an, daß die Regierung ohnedies bald mit neuen Steuern auf Bier und Tabak kommen werde. Daß diese Vermutung, begründet ist, erwiesen die Ausführungen des Schatzsekretärs Thiel⸗ mann.— Erfrischend und deutlich kennzeichnete Genosse Molkenbuhr die Zentrumsheuchelei, die den Arbeitern mit Löffeln giebt und mit Scheffeln nimmt. Der ganze Antrag— führte Molkenbuhr u. a. aus— bewegt sich in der Richtung der Bismarck'schen sog. Sozialpolitik, die den Arbeitern ungefähr ein Zehntel dessen wieder zukommen ließ, was ihnen durch Erhöhung der indirekten Steuern abgezwackt wird. Die besten In telligenzen des Zentrums sind damals nicht auf den Leim gegangen; ebenso werden jetzt die katholischen Ar⸗ beiter nicht auf den Leim gehen und sich hüten, für das Almosen der Witwen- und Waisenversicherung die Er⸗ höhung der Getreidezölle in den Kauf zu nehmen.— Der Grundgedanke des Zentrums antrages ist der, daß durch den Zoll der Inlandspreis des Getreides in Deutschland stets um den Zoll höher sein wird, als der Weltmarktpreis, denn nur dann wird die Einfuhr statt⸗ finden. Mit anderen Worten: Sie erklären die Brot⸗ verteuerung permanent! Weil Sie nun selbst Ihr Un⸗ recht fühlen, darum wollten Sie etwas an die Witwen und Waisen abgeben. Es ist ein Versuch, eine Art Ablaß für die Sünden zu erhalten, die Sie an den Arbeitern begehen. Eigentlich haben Sie mit Ihrer Bewilligung der Militär⸗ und Marinevorlagen Ihrem eigenen Antrag den Boden entzogen. Die letzten Militär⸗ und Marinevorlagen gingen schon von der Voraussetzung höherer Zolleinnahmen aus. Für andere Zwecke ist jetzt kein Geld da; es sei denn, daß Sie sich zur Reichs⸗ vermögens⸗ oder Reichserbschaftssteuer entschließen. Bei Ablehnung unseres Antrages werden wir aber schließlich doch für den§ 11a stimmen, weil wir glauben, daß wir damit Gegner für den Zolltarif schaffen. Die Regierung wird, wenn ihr die Mehrerträge entzogen werden, nur noch die halbe Freude am Zolltarif haben. Wir stimmten für den§ 11a auch, obwohl wir wissen, daß die Herren vom Zentrum damit den Arbeitern nur Sand in die Augen streuen wollen. Die Arbeiter aber sind klug genug, und werden sich damit nicht fangen lassen!. Nachdem noch einige Redner dazu gesprochen werden sämtliche soziald. Zusatzanträge abge⸗ lehnt, ebenso der Kommissionsantrag. Der Antrag Trimborn gelangt dagegen mit 143 gegen 106 Stimmen zur Annahme. Kulturfragen kamen am Montag zur Verhandlung. Unsere Genossen beantragten einen 8 11 b zum Tarifgesetze, wonach von den Zollerträguissen jährlich 100 Millionen an die Bundesstaaten zur Förderung des Volks schul⸗ wesens überwiesen werden sollen. In einer glänzenden Rede begründete Bebel diesen Antrag. An der Hand eines ebenso reichen wie unwiderleglichen Materials geißelte unser Redner die jeder Beschreibung spottenden, kulturwidrigen Schulzustände, wie sie namentlich auf den Latifundien des Junkerparadieses Ostelbiens florieren und neuerdings durch den Trakehner Prozeß eine so grelle Beleuchtung erfahren haben. Mit zahlreichen Beispielen belegte er die Abneigung der Junker und der preuß. Regierung, etwas für das Schulwesen und die Hebung der Volksbildung zu thun. Ihr geringes Interesse für die Volksschule bewiesen die Junker schon durch ihre Abwesenheit in der Montagssitzung, die infolgedessen ein vorzeitiges Ende fand, weil sich die Beschluß unfähigkeit bei der Abstimmung herausstellte. Ebenfalls auf die Verwendung der Zollerträgnisse aus den Lebensmittelzöllen bezogen sich drei weitere Anträge unserer Genossen, die am Dienstag zur Beratung kamen. Natürlich lehnte die Zollmehrheit alle drei ab, trotz der ausführlichen und unwiderleglichen Begründung, welche die sozialdemokratischen Reduer dazu gaben. Den ersten Antrag anf Aufhebung der Salzsteuer betzründete Rosenosw. Es nützte ihm nichts, daß er bei Darlegung der Schädlichkeit der Salzsteuer sich sogar auf den Junker Kardorff stützen konnte, der Antrag wurde unverdrossen niedergestimmt. Ebenso fiel der weitere Antrag, die Zollüberschüsse für Abschaffung der Zuckerstener zu verwenden, ob⸗ wohl Bernst ein ihn mit den durchschlageudsten Gründen als ebenso notwendig wie nützlich nachzuweisen verstand. Daß die Obstruktion, von der übrigens bei der Tarif⸗ beratung keine Rede sein kann, eine durchaus legitime Waffe parlamentarischer Minoritäten ist, bewies Genosse Bernstein an der Hand englischer Vorgänge. Den dritten Antrag, 43 Millionen zur Aufhebung der Brannt⸗ weinsteuer zu verwenden, begründete Genosse Wurm in längeren Ausführungen, in denen er namentlich die Liebesgabenpolitik mit ebeuso großer Schärfe wie Sach⸗ kenntnis geißelte. Wieder ward das alte Spiel wieder⸗ holt; wi. der schwieg sich die Mehrheit aus und stimmte diesmal, noch um die Freisinnsmannen verstärkt, unseren Vorschlag nieder. Politische Rundschau. Gießen, den 27. November. Im Reichstage kommt es jetzt nur selten vor, daß über etwas anderes als den Zolltarif verhandelt wird. Ein solch' seltener Tag war am Samstag. Polizei Miß⸗ und Uebergriffe lautete das sehr aktuelle Thema, das infolge einer sozialdemokratischen Interpellation zur Verhandlung stand. Es war sehr notwendig, daß der Reichstag einmal über die Polizei zu Gericht saß, denn die Fälle ungesetzlicher Ver⸗ haftung, Mißhandlung Verhafteter ꝛc. mehrten sich in letzter Zeit in erschreckendem Maße und mehr als je war der Ruf:„Schutz vor Schutz⸗ leuten“ berechtigt. Zweifellos hat sich unsere Rei hystagsfraktion ein Verdienst damit erworben, daß sie diese Dinge zur Sprache brachte. Ge⸗ nosse Heine begründete die Interpellation in eindrucksvoller Weise und geißelte die preußische Polizeiwillkür. 5 In einem Falle bei Bochum sei ein Bäcker wegen Kontravention in seinem Gewerbe verhaftet und obwohl von dem Schutzmann von Person gekannt, gefesselt über die Straße geführt worden. In Essen, Karlsruhe und Halberstadt sowie in Oschers⸗ leben seien ähnliche Fälle vorgekommen. In Wies⸗ baden sei eine Dame verhaftet worden, weil der Schutzmann in ihr einen Mann vermutete und in Weimar Fräulein Anita Augspurg. Ganz toll liege S SS S ——— — r — = SY SD 4 Nr. 48. Mitteldentsche Sonutagg⸗Zellung. Seite 3. der Fall bei Frau Rappaport in Altona, die viele Tage lang als geschlechtskrank im Krankenhause gehalten worden sei, ohne vor dem Richter geführt zu werden. In Braunschweig sei ein Herr Trampke dort unter ekelhaften Umständen zehn Tage lang in Haft behalten worden. Nachdem Redner noch den Fall in Kiel ge⸗ streift, wo ein junges Mädchen, das Nachts mit seiner Mutter über die Straße ging, verhaftet wurde, weil es auf der Straße etwas heiter war, geht er auf den Fall Hoffmann in Kattowitz resp. Beuthen näher ein. „Journalist sind Sie?“ habe der Schutzmann den Re⸗ dakteur Hoffmann gefragt, als dieser dagegen Einspruch erhob, mit einem Zuchthäusler zusammen gefesselt zu werden.„Oh, da müssen Sie sich daran gewöhnen. Ich kenne meine Vorschriften ganz genau.“ Was seien denn das für Vorschriften? fragt Redner den Staats⸗ sekretär, die vorschreiben, in solchen Fällen ohne jeden Anlaß eine Fesselung vorzunehmen. Dann kommt Redner auf die Strafvollzugsfrage, auf das rücksichtslose Vor⸗ gehen gegen Redakteure, so in Erfurt und Franfurta. M. gegen Dr. Quarck zu sprechen. Schon vor 30 Jahren sei ein Strafvollzugs⸗Gesetz verheißen worden. Der Widerstand liege offenbar in der Bureaukratie der Einzel⸗ staaten. Die Beamtenschaft glaube sich ihren Mitbürgern gegenüber heute gar keine Zügel mehr auferlegen zu brauchen. Besonders die preußische Polizei verhafte blindlings drauf los. Im Falle Hoffmann sei das Ekelhafte der brutale Hohn und die unverhohlene Drohung mit weiterem Mißbrauch der Amtsgewalt. Welche moralische Niederträchtigkeit spreche daraus. Die Ursache dieser Mißstände sei die Handhabung der Bestimmungen über den Widerstand gegen die Staatsgewalt seitens der Richter. Diese schützten nicht nur die rechtmäßige Aus⸗ übung der Amtsgewalt, sondern auch die unrechtmäßige. Bei solcher Rechtspflege sage sich das Volk selbst gegen⸗ über den größten Mißhandlungen durch Beamte, es nütze ja doch nichts, zum Richter zu laufen, denn eine Krähe hacke ja doch der andern die Augen nicht aus. Staatssekretär Nieberding erklärte, der Reichskanzler verurteile die vorgeführten amt⸗ lichen Uebergriffe. Aufs Ableugnen konnte er sich nicht legen; einige Fälle suchte er zu be⸗ mänteln. Uebrigens versprach er Abhilfe. Alle Parteien des Reichstags waren in der Verur⸗ teilung dieser Ueberschreitungen einig. det preuß. nud die Hebung interesse für 2 t Jullerträgnise ich drei weitrtt Krupp. Am Samstag Abend durcheilte die Nachricht von dem am Nachmittage in der Villa Hügel bei Essen erfolgten Tode Krupps, des mäch⸗ tigsten Industriellen Europas und wohl eines der reichsten Männer Deutschlands. Die Kunde kam sehr überraschend. Als Todesursache war in den Depeschen Gehirnschlag angeben; doch begegnete diese Mitteilung starken Zweifeln, man glaubte vielmehr, daß Krupp selbst Hand an sich gelegt habe, wohl in Folge des Vor⸗ wärt⸗Artikels über Krupp auf Capri. Zwar wird weiter mitgeteilt, daß der Verstorbene an einem Herzfehler und Neigung zu Schlagan⸗ fällen litt, immerhin kam sein plötzlicher Tod durchaus unerwartet. Der„Vorwärts“ schrieb zu der Todes⸗ nachricht:„Der Tod legt uns die Pflicht auf, vorläufig von jeder weiteren Erörterung der an seinen Namen geknüpften Angelegenheit abzusehen.“ Dieses Verhalten wird jeder Mensch als durchaus anständig anerkennen müssen. Dagegen legte ein großer Teil der bürgerlichen Presse sehr niedrige Gesinnung an den Tag, indem man mit Schmähungen über den Vorwärts herftel und ihn für den Tod Krupps verantwortlich machte. Die„Ordnungs“⸗ presse erhebt die ungeheuerlichsten Beschuldig⸗ ungen gegen unser Zentralorgan, ohne sein Material im Geringsten zu kennen. Und davon stnd wir überzeugt, der„Vorw.“ wird sich hüten, leichtfertig vorzugehen, er wird für -seine Veröffentlichungen die sichersten Unterlagen haben.— Was wird da all' für Zeugs zu⸗ sammengeschrieben! Der mit der Polizei in Verbindung stehende Berliner„Lokal⸗Anzeiger“, der das Gras wachsen hört, bringt eine Sen⸗ sation nach der andern, die von den Kreis⸗, Amts⸗ und„unpartetischen“ Blättern der Pro- vinz gierig aufgeschnappt und gedankenlos nach- geplappert werden. So weiß das genannte Berliner Blatt aus dem geheimen Protokoll der bei dem Tode Krupps zugegen gewesenen Aerzte mitzuteilen, daß die„Verdächtigungen der sozialdemokratischen Presse“ den Gehirnschlag Krupps verursacht hätten. Ferner meldet das Blatt wichtig,„die Untersuchungsbehörde glaube Anhaltspunkte dafür zu haben, daß maß⸗ gebende Persönlichkeiten der sozial⸗ demokratischen Parteileitung bereits zu der Erkenntnis gekommen sind, daß die Redaktion des„Vorwärts“ sich bei der Auf⸗ nahme der Meldung über die Vorgänge auf Capri hätte düpieren lassen.“ „Das Bewußtsein unseres Rechtes macht uns unempfindlich gegen derlei verdächtigende Angriffe, die überdies bald verstummen werden“, meint dazu der Vorwärts.— Uebrigens richtete sich der Artikel des Vorwärts nicht gegen Krupp, er hatte vielmehr nur den Zweck, der Abschaffung des§ 175 des St.⸗G.⸗B. das Wort zu reden. *.* . Persönlich war Krupp kein sehr bedeutender aber ein liebenswürdiger Mann. Er war nur Besitzer, nicht der Leiter seiner Rtesenwerke. Von ähnlichen Auschauungen wie der verstorbene Ober⸗Scharfmacher Stumm beseelt, hatte er doch nicht dessen gehässige und abstoßende Art an sich. Dem Reichstage gehörte er als Ver⸗ treter von Essen von 18931898 an, ohne je im Parlamente eine Rolle gesp elt zu haben. Bei der Wahl von 1898 unterlag er dem Zentrums⸗„ Arbeiter“ Stötzel. Krupp hinter⸗ läßt keinen Sohn, nur zwei Töchter. Das Riesenwerk soll angeblich als Fideicommiß weitergeführt werden, die nominelle Leitung soll das östereichische Herrenhausmitglied Arthur v. Krupp, der Leiter der Metall warenfabrik in Berndorf(Niederösterreich), übernehmen, deren Betrieb sich durch die gleiche Arbeiterbevor⸗ mundung auszeichnet, wie das Essener Werk. Es werden trotzdem unsere Kanonen und Panzerplatten von einem Ausländer mit der gleichen patriotischen Begeisterung geliefert werden wie bisher.— In der letzten Zeit haben im Krupp'schen Betriebe zahlreiche Arbeiter⸗ entlassungen und bedeutende Lohnreduktionen stattgefunden. Erfreuliche Wahlerfolge erzielte unsere Partei bei den Landtagswahlen in Anhalt. Es wurden vier unserer Genossen gewählt. Bisher war nicht ein einziger Sozial⸗ demokrat im Anhaltischen Landtage vertreten, der im Ganzen 36 Abgeordnete zählt, von denen aber nur 24 aus Wahlen hervorgehen. Ferner wurden bei den Gemeindewahlen in Gera fünf Sozialdemokraten gewählt; von den bürgerlichen Kandidaten kamen 9 durch. Weniger gut schnitt unsere Partei bei den am Montag in Nürnberg, Fürth und Würzburg stattgefundenen Gemeindewahlen ab, was die Eroberung von Mandaten anbe⸗ trifft. In Nürnberg und Würzburg hatten sich alle bürgerlichen Parteien gegen unsere Partei zusammengethan. Trotzdem stieg in Nürnberg die für unsere Kandidaten abgegebene Stimmenzahl ganz bedeutend. Sie erhielten 4000 Stimmen, gegen 3500 bei der vorigen Wahl und damals gingen unsere Genossen noch mit den Volksparteilern zusammen, die jetzt in den Mischmasch aufgegangen waren. Ebenso in Würzburg.— In Fürth dagegen hatten unsere Genossen eine gemeinsame Liste mit den Demokraten aufgestellt, ste erhielt 2887, die Liste der Gegner 3321 Stimmen. Gewählt wurden 8 Liberale, 2 Demokraten und 4 Sozial⸗ demokraten.— Ferner fanden in dieser Woche die Bürgerschaftswahlen in Bremen statt, wobei unsere Genossen ebenfalls gute Erfolge erzielten. Die„Bürgerschaft“ ist das Parla⸗ ment der bremischen Republik. Das belgische Spitzel ⸗Attentat. Selbst bürgerliche Blätter sprechen vom Anschlag des Italieners Rubino anf Leopold als von„bestellter Arbeit“. Der Atten⸗ täter wußte, wie sich später herausgestellt hat, sehr wohl, daß der König sich nicht in dem Wagen befand, auf den er schoß. Er schoß eben, um zu schießen! Ferner ergab die Unter⸗ suchung, daß Rubino als Spitzel für Rechnung der italientschen Regierung in London viel Geld verdiente. Er war beauftragt, die italienischen Anarchisten in London zu überwachen und der italienischen Behörde über Ankunft und Abfahrt der Anarchisten, sowie über sonstige wichtige Vorkommnisse zu berichten. Der italienische Polizeichef Prina erklärte, Rubino innerhalb sechs Monaten 4500 Franken ausbezahlt zu haben. So wird man diese Spftzelarbeit nicht zu reaktionären Zwecken gegen die Arbeiterklasse ausbeuten können. Ein Soldatenstreik⸗Prozeß begann am Montag in Genf. Angeklagt sind von etlichen hundert Soldaten, die während des großen Streiks den Dienst verweigerten, nur 17, meistens unsere Parteigenossen, dar⸗ unter unser Genosse Arbeitersekretär Sigg. Das erste Urteil lautete gegen den Angeklagten Wyß auf 2 Monate Gefänguis und 1 Jahr Einstellung der Bürgerrechte. Der große amerikanische Kohlenarbeiterstreik hat mit einem Siege der Arbeiter geendet. Die Grubenbesitzer mußten eine Lohnerhöhung von 10 Prozent und den Neunstuadentag ge⸗ währen, sowie auf vertragsmäßiger Festlegung der Arbeitsbedingungen mit den Arbeiter ver⸗ bänden eingehen. Wie sich unsere Leser erinnern nahmen die Kohlenarbeiter schon vor einigen Wochen die Arbeit wieder auf, weil auf Inter⸗ vention des Präsidenten Roosevelt ein Schieds⸗ gericht eingesetzt wurde, das über die Streit⸗ fragen zu entscheiden hatte. Sein Schiedsspruch lautet in obigem Sinne. Die recht erfreulichen Erfolge der Arbeiter sind, wie der Frkfte. Ztg. Ende voriger Woche depeschiert wurde, zum großen Teil darauf zurückzuführen ist, daß die Aussagen des Streikführers Mitchell vor dem Schiedsgericht den denkbar günstigsten Eindruck machten, den die juristischen Vertreter der Zechenbesitzer nicht abschwächen konnten. Ferner machte es Eindruck, daß die Streiker durch Aerzte bewiesen haben, daß 90 Prozent aller Kohlengräber an Asthma leiden und die meisten kurzlebig sind. Hessischer Landtag. Die Zweite Kammer trat am Montag Mittag zur ersten Sitzung zusammen. Unter Vorsitz des Alterspräsidenten Möllinger er⸗ folgte die Wahl des Bureaus. Das Präsidium des vorigen Landtags: Abg. Haas⸗Darmstadt als Präsident, Schmitt-Mainz als erster und Reinhart⸗Worms als zweiter Vizepräsident, wird fast einstimmig wiedergewählt. Präsident Haas dankt herzlich für das ihm erwiesene Vertrauen und verspricht, die Geschäfte des Hauses unparteiisch zu leiten und alle Mitglieder gerecht zu behandeln. Zu Schriftführern werden die Abg. Schmalbach mit 42 und Ulrich mit 36 Stimmen gewählt.— Somit hat auch unsere Partei, wie es sich gebührt, einen Sitz im Kammervorstand. Das war schon früher der Fall, doch verlangten besonders die Na⸗ tionalliberalen, daß, wenn die Sozialdemokraten eine Vertretung im Bureau beanspruchten, sich der Gewählte verpflichten müsse, die verschiedenen höfischen Zeremonien ꝛc. mitzumachen. Dagegen verwahrten sich unsere Landtagsvertreter. Weder die Verfassung noch die Geschäftsordnung des Hauses schreibt derartiges vor. Früher gaben die Nationalliberalen nicht nach, jetzt erkannten sie, wenn auch nach längerem Zögern an, daß ein Schriftführer sein Amt versehen könne, auch ohne landesherrliche Segnung. So wurde denn der frühere Widerstand aufgegeben und— ein „Umstürzler“ hat zur Linken des Präsidenten Platz genommen. Unsere Kammer⸗Fraktion fühlt sich durch diese„Standeserhöhung“ Ulrichs nicht etwa besonders geehrt, sondern sie bestand nur auf ihrem Recht, das man ihr, wie die Abstimmung erweist, nur mit teilweise innerem Widerstreben endlich einräumte. 5 In der Sitzung am Dienstag erfolgte die Wahl der Ausschüsse. Danach besteht der Finanzausschuß aus den Abgg. Heidenreich, Möllinger, Häusel, Ulrich, Molthan, Hirschel und Gutfleisch, der Gesetzgebungsausschuß: Schönberger, Seelinger, Korell, David, Reh, r 2 ———=- e e a 22222 ˙————— 2— 8 2 — SS OSD Seite 4. Mitteldentsche Fonntags⸗Zoitung. Nr. 48. b. Brentano und Joutz, der Petitionsausschuß: Weith, Lang, Baehr, Cramer, Pennrich, Damm und Erck. Hierauf vertagt sich die Kammer auf unbestimmte Zeit. * Sozialdemokratische Auträge. Unsere Genossen im Landtage haben bereits mehrere Anträge in der Kammer eingebracht. Der erste forderte das direkte Wahl⸗ recht, ein zweiter die Besettigung der Stempelgebühren. Weitere von der sozialdemokratischen Fraktion eingebrachte Anträge betreffen den Ausbau der Gewerbe⸗Inspektion; die Vertretung der Arbeiter im Ministerium; den Schutz der Ge⸗ meinden Bürgel und Rumpenheim vor Hochwasser. In der vom Großherzog bei der Eröffnung verlesenen Thronrede wird u. a. die Vorlage eines neuen Wahlgesetzes angekündigt. Die Wiederwahl unseres Geuossen Ulrich in Offenbach liegt dem dortigen Ordnungsbrei so schwer im Magen, daß er sie durch einen Wahlprotest anzufechten versucht hat und bean⸗ tragt, die Wahl der Wahlmänner für ungültig zu erklären. Er wird damit kein Glück haben. Gestützt wird der famose Protest auf die hessische Verfassung von 1820, wonach Urwähler nur diejenigen Hessen sein könnten, die in keinem fremden Untertanen⸗Verbande stehen. In den letzten 6 Jahren hätten aber 926 Personen die hessische Staatsangehörigkeit erworben, ohne aus ihrem bisherigen Staatsverbande auszu⸗ scheiden. Die sozialdemokratischen Wahlmänner wären aber„nur“ mit einer Mehrheit von 259 Stimmen gewählt worden. Wie können denn die Leute vom Kuddelmuddel überhaupt wissen, ob die in Betracht kommenden Wähler ihre frühere Staatsangehörigkeit beibehalten haben? Dann ist aber jene veraltete Bestimmung seit langer Zeit nirgends mehr angewendet worden, und wir zweifeln keinen Augenblick, daß, wenn Feistmann gewählt worden wäre, keiner der Protestler danach gefragt hätte, ob die neuge⸗ backenen Hessen noch in einem„fremden“ Unter⸗ tanen⸗Verbaude stehen. An dem Protest erkennt man aber die volksfeindliche Gesinnung der Offenbacher Ordnungsbrüder. Mit Recht sagt unser Offenbacher Parteiorgan:„Die Wort⸗ und Schriftführer des Kuddelmuddels haben stets versichert, daß sie Freunde des direkten Wahlrechts sind; jeder wirkliche Volksmann nimmt an, daß wir heuer zum letzten Male nach dem erbärmlichen Verfahren von Anno Toback gewählt haben. Und nun, da das bisherige Wahlrecht in den letzten Zügen! liegt, kommen die Kuddelmuddelianer und graben eine Bestimmung aus, die seit Jahr⸗ zehnten nicht mehr beachtet worden ist, die in unsere Zeit ebenso wenig paßt, wie die Herren Lammert und Feistmann in den Landtag. Schwamm darüber!“ Von Uah und Lern. Gießener Angelegenheiten. — Die Gewerkschaftsversammlung, die am Mittwoch Abend im Lokale Orbig stattfand, war nicht so stark besucht, wie es wünschenswert gewesen wäre. Als erster Punkt stand die bevorstehende Wahl der Geueralver— sammlungs⸗Vertreter der Gießener Orts- krankenkasse auf der Tagesordnung. Es wurde eine Kommisston von fünf Mitgliedern gewählt und mit den Vorarbeiten betraut.— Zur„Saalfrage“, die den zweiten Verhand— lungsgegenstand bildete, hielt der Kartellvor⸗ sitzende das einleitende Referat, in dem er auf die mißliche Lage hinwies, in der sich die Gießener Arbeiterschaft befindet, weil ihr kein größeres Lokal zu ihren gewerkschaftlichen und politischen Versammlungen zur Verfügung steht. Im Hinblick auf die im nächsten Jahre bevor⸗ stehende Reichstagswahl sei es notwendig, hier Abhilfe zu schaffen. Hieran schloß sich eine recht lebhafte Debatte, in der unter Anderem vorgeschlagen wurde, in den beiden in Betracht kommenden Sälen, die wohl für Feste, aber nicht zu Versammlungen zu haben sind, möchten von Arbeitervereinen auch keine Feste mehr ab⸗ gehalten werden. Schließlich gelangte eine Resolution zur Annahme, die den Vorstand des Gewerkschaftskartells beauftragt, im Verein mit dem Vorstand des Wahlvereins Mittel und Wege ausfindig zu machen, die diesem Mißstande abzuhelfen geeignet sind und einer späteren Versammlung diesbezügliche Vorschläge zu machen. — Familienabend. Der Arbeiter⸗Gesang⸗ verein„Eintracht“ veranstaltet diesen Sonntag(30.) im Lokale des Genossen Orbig einen Familien Abend. Es wird erwartet, daß sich unsere Freunde und Genossen mit ihren Angehörigen dazu zahlreich einfinden. —„Un parteiisch“ will, wie die meisten Kreis⸗ und Amtsblätter, auch der„Gieß. Anz.“ sein. So hat er wenigstens wiederholt in seinen Abonnements⸗ Einladungen und auch sonst gelegentlich versichert. Wie diese famose Unparteilichkeit aussieht, zeigte sich schon bei der Landtagswahl, wo er jeden Tag aufforderte, für die gemeinsame Kandidatur der Ordnungsparteien einzutreten. Das durfte er nicht, wenn er die oft als seine ganz spezielle Eigenschaft hervorgehobene„Objek⸗ tivität“ beobachten wollte. In der Frage des Zoll⸗ tarifs arbeitete er nach dem Motto: Bald so, bald so, wies trefft! Bald tritt er gegen die Lebensmittelzölle auf, bald sucht er ihre Notwendigkeit„zur Erhaltung der Landwirtschaft“ in langen Artikeln nachzuweisen. Und über die„verfehlte“ angebliche„Obstruktion“ unserer Genossen im Reichstage kanngießert er allerlei. — Die Affaire Krupp gab ihm natürlich wieder Ge⸗ legenheit, der Sozialdemokratie alles mögliche anzu⸗ hängen.„Nur vereinzelt hört man rohe Aeußerungen der Sozialdemokraten“ ließ sich das Blatt aus Essen berichten. Dieser Meldung steht doch die Lüge an der Stirn geschrieben; welcher Sozialdemokrat soll sich zur rohen Aeßerungen veranlaßt sehen? Rohheiten begeht überhaupt kein Sozialdemokrat; in unserer Partei wird mehr auf wahre Bildung gehalten, als in bürgerlichen Kreisen.— In vollem Glanze zeigt sich aber die Un⸗ parteilichkeit des Amtsblattes in einem Artikel über den hess. Landtag und die Wahl unseres Genossen Ulrich als Schriftführer. Darüber, und daß Ulrich von Fest⸗ lichkeiten wegbleibt, zu denen ihn sein Schriftführeramt nicht im Geringsten verpflichtet, ist es ganz außer sich. „Würdig“ zum Mitglied des Präsidiums ist nach An⸗ sicht des Anzeigers nur, der katzbuckelt und bei Hofe herum scherwenzelt. Flunkerei ist, wenn behauptet wird, daß das hessische Volk sich über das Nichter⸗ scheinen Ulrichs aufregte. Höchstens regen sich„liberale“ Streber auf, die bas Blatt mit dem Hessischen Volke verwechselt. Dieses billigt vielmehr in seiner großen Mehrheit das Verhalten Ulrichs. Aus dem Rreise gießen. — Versammlung in Wieseck. Am Samstag den 13. Dezember findet in Wieseck im Saale des „Gambrinus“ eine öffentliche Volk sversammlung statt, in welcher Genosse Phil. Scheidemann⸗-⸗Offen⸗ bach über ein noch zu bestimmendes Thema sprechen wird. Unsere Wiesecker Genossen werden sich freuen, den schneidigen und beliebten Redner wied er einmal zu hören und wir glauben nicht nötig zu haben, zu zahlreichem Besuche aufzufordern. Aus dem Rreise friedßberg⸗Püdingen. + Justizrat Jöckel in Friedberg, früherer Landtagsabgeordneter dieser Stadt, der im Laufe der Wahlrechtsdebatte in der Kammer den denkwürdigen Ausspruch that, daß dem wirtschaftlich abhängigen Manne kein Wahlrecht gebühre und der deshalb auch von den Friedberger Wählern aus dem Landtage hin aus⸗ gewählt wurde, hat bei dem üblichen, zu Großherzogs Geburtstage sich ergießenden Orden 8- und Titelregen den Titel„Ober⸗Justizrat“ erhalten. Man sagt also nicht: der Herr Justizrat, sondern: der Herr Ober⸗Justiz⸗ rat Jöckel ist durchgefallen. Was wohl zu merken ist. [] Bürgermeister Sandmann hat sein Amt niedergelegt. Welche Gründe ihm zu seinem Rück⸗ tritt bewogen haben, darüber hört man verschiedene Meinungen. Bei der Einwohnerschaft erfreute er sich allgemeiner Beliebtheit. r. Kaplan Michel von Ober-Mörlen hat sich die völlige Vernichtung der Sozialdemokratie zur Aufgabe gemacht. Erst versuchte er die dortige Organisation der Maurer und der Steinarbeiter zu„zerschmettern“ und durch christliche Organisation zu ersetzen. Selbst von der Kanzel herab wetterte er gegen die freien Gewerk⸗ schaften. Aber seine Agitation blieb fruchtlos. Jetzt versucht er sein Glück mit den Kleinbauern(Großbauern giebt's hier überhaupt nicht), die er in einem christlichen Bauernverein organisieren will. Wir sind die Letzten, die es den kleinen Bauern übel nehmen, wenn sie sich zusa amenschließen, um ihre Dung⸗ und Futtermittel usw. auf genossenschaftlichem Wege billiger einzukaufen. Aber dagegen wenden wir uns, daß der Kaplan Michel diese Leute für seine agrarischen und ultramontan⸗anti⸗ semitischen Zwecke mißbraucht. Die„genossenschaftliche“ Tätigkeit Milchels hat damit begonnen, die kleinen Bauern, welche erwiesenermaßen hier am Orte zu 95 Prozent Schaden von den Zöllen haben, für die Zoll⸗ politik zu begeistern. Zu diesem Zwecke holte er sich s. Zt. den Antisemitrich Hirschel der ihm behülflich war, die Bauern„aufzuklären“. Nun betreibt Michel aber auch den Kampf gegen die Sozialdemokratie und zwar in Versammlungen, die alle 14 Tage stattfinden und in denen blos er spricht, Dis⸗ kussion giebts nicht. In einer der letzten Versammlung referierte das biedere Pfäfflein über den Münchener Parteitag. Dort sei es bunt hergegangen, erzählte Michel, Bernsteins und Kautskys Anhänger hätten sich die gemeinsten Vorwürfe gemacht; das sei die sozial⸗ demokratische Brüderlichkeit. Nachdem Frau Zetkin ihren Vortrag gehalten, hätte sie die Genossen umarmt und abgeschmatzt; das sei die freie Liebe der Sozialdemokratie. Solcher und ähnlicher Schwindel wurde den geduldigen Schäflein aufgetischt. Verwunderlich ist nur, daß ihm Niemand verklagt hat. Denn wer etwas auf fich hält, muß die Zumutung, solchen Pfaffenschwindel zu glauben, als schwerste Beleidigung empfinden.— Aber auch für „Volksbildun;“ strebt der Herr Kaplan, darum hat er die Gründung einer— natürlich klerikalen— Volks⸗ bibliothek angeregt, für welche die Semeinde Lokal, Beleuchtung und Heizung stellen soll. Also es soll auf Kosten der Steuerzahler Zentrums politik getrieben werden — wenn sie es sich gefallen lassen. Aus dem Rreise Alsfesd⸗Cauterbach. Der Wahlaus fall im Kreise Lauter⸗ bach⸗ Schlitz hat, wie wir schon in der letzten Nummer erwähnten, zur Folge gehabt, daß die Schlitzer, die wie Pech an ihren durchgefallenen Bürgermeister Zintzer hangen, den Lauterbachern die Freundschaft gekündigt haben. Aber nicht blos das, sie züchtigen die treulosen Lauterbächer, die ihren Bürger meister nach Darmstadt in den Landtag schickten, durch geschäftlichen Boykott. Auf den Beschluß einer in Schlitz abgehaltenen Versammlung hin wurden thatsächlich schon verschiedene Lauterbacher Geschäftsreisende von ihren seitherigen Schlitzer Kunden abgewiesen. Die Sache wird noch amüsanter dadurch, daß sowohl der gewählte Abgeordnete wie der seit⸗ herige der nationalliberalen Partei angehören. Also ein Boykott der Nationalliberalen gegen Nationalliberale!— Das Gie⸗ ßzener Amtsblatt gab die Mitteilung von dem Boykott ohne ein Wort der Kritik wieder, bil⸗ ligte also das Vorgehen der Schlitzer. Wir wollten mal sehen, was es gesagt hätte, wenn Sozialdemokraten in dieser Weise Rache übten. Aus dem RNreise Wetzlar. i. Die Stichwahl zur Stadtverordneten⸗ Versammlung, die zwischen den beiden Kandi⸗ daten der 3. Wählerklasse Kaufmann Giebrich und Bäckermeister Kyrmse vorzunehmen war, hat am Dienstag mit dem Siege des ersteren geendet. Giebrich erhielt 146, Kyrmse 114 Stimmen, gegen 86 bezw. 74 Stimmen in der Hauptwahl. Herr Giebrich verdankt seine Wahl dem abhängigen Teil der Wählerschaft(Be⸗ amte usw.), welche von der Rathauspartei für ihn mobil gemacht wurden. Das Kleinbürger⸗ tum bewies seine gemeindepolitische Unreife durch zahlreiches Ferubleiben. Den Achtungserfolg, den Herr Kyrmse erzielte, hat er zum größten Teil dem Eintreten der Arbeiter für seine Kandidatur zu verdanken. n. Aus Löhnberg. Mit der Umsturzbekämpfung haben die Leute, welche hier dabei die Führerrolle spielten, nicht die besten Erfahrungen gemacht. Denn es giebt erfreulicherweise jetzt in Löhnberg mehr Sozialdemokraten, als damals, wo sich der Hauptlehrer und Kriegervereins⸗ vorsitzende Benner berufen fühlte, gegen den Sozialismus zu Felde zu ziehen. Kläglich genug endete der Feldzug. Die„geistigen Waffen“ nämlich, die der tapfere Kämpfer „für Religion, Sitte und Ordnung“ gebrauchte, waren so anrüchiger Art, daß jeder nur halbwegs Gebildete ihre Anwendung verachtet. Der Jugenderzieher schrieb bekanntlich damals einen beleidigenden, unflätigen Brief an einen ehrlichen Mann und mußte später deswegen öffentlich Abbitte leisten. Daß sein Ansehen dadurch nicht stieg, läßt sich denken. Denn schließlich giebt es doch auch bei unseren Gegnern Leute, die solche schmutz⸗ — —— dehülflich uc war, begen die die alle Walen— Volls⸗ Sentinde Lolal, Aso eg poll auf getrieben werden lulerhach. Aeise Lauter⸗ halte, 1 4 Rache übten. chlat. tverordneten den Randi Nr. 48. Mitiolden sche Sountogs⸗ Zeitung. igen Kampfmittel verabscheuen. Er mußte den Vorsitz; im Kriegerverein niederlegen, vor Kuszem hat man ihm aber das Amt wieder übertragen. Wenn der Krieger— verein den Schmähbriefschreiber an die Stelle seines bisherigen sehr achtenswerten Präsidenten setzte, so beweist das, daß in demselben der Sinn für Reinlichkeit nicht besonders entwickelt ist. Vielleicht hat sich auch der Briefschreiber gebessert, dafür haben wir aber keine Beweise. Genug, im Verein mit dem Herrn Pastor macht er wieder kräftig in Sozialistenbekämpfung, die in Kaffeekränzchen und Theeabenden, die der Pastor arran⸗ giert, betrieben wird. Erfolge bemerkt man noch nicht. Sie werden aber kaum größere sein, als die in jener Versammlung im Frühjahr, in welcher der Herr Pastor und Herr Apotheker Dr. Burckhardt die Sozialdemokratie „vernichteten“ und wo dem Gottes manne direkte Unwahr⸗ heiten nachgewiesen wurden. Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain. *Nationalsoztale Unflätigkeit. An einer ziemlich harmlose Polemik, die vor Kurzem zwischen dem„Vorw.“ und der„Leipz. Volksztg.“ in scharfer, aber keineswegs ungehöriger Weise geführt wurde, knüpfte die„Hess. Landesztg.“ folgenden Satz:„Wenn sich die sozialdemo⸗ kratischen Blätter schon unter einander solch nette Liebenswürdigkeit ins Gesicht schleudern, dann wird man sich freilich über den Unflat nicht wundern dürfen, mit denen sie fortwährend die Presse anderer Parteirichtungen überschütten.“ Die Nationalsozialen wollen in Beurteilung der Sozial demokratie„objektiver“ sein, als die übrigen bürgerlichen Parteien. Das beweist diese Aeußerung des nationalsozialen Blattes, welches damit eine erbärmliche Heuchelei treibt. Natürlich, wenn die sozialdemokratische Presse der bürgerlichen die Wahrheit sagt, so heißt das„mit Unflat überschütten“; wenn aber Schweinburg⸗Junker⸗ und Pfaffenblätter die Sozialdemokratie jahrzehntelang Tag für Tag beleidigen, beschimpfen, verdächtigen, so ist das — ganz in der Ordnung. Nicht wahr, Herr Pastor? R. Schreiner⸗Aussperrung? Kürzlich beschloß die hiesige Zahlstelle des Holzarbeiter⸗Verbandes, die jetzt 58 Mitglieder zählt, über die Rohleder'sche Werkstelle verschiedener Mißstände wegen die Sperre zu verhängen. Darüber gerieten die Innungsmeister in solche Wut, daß sie dem Verbande erklärten,„sämtliche Verbandsbrüder“ (wie sich der Obermeister ausdrückte) auszusperren, wenn jene Sperre nicht sofort anfgehoben und versprochen würde, nie wieder eine derartige Maßregel zu beschließen. Für Freitag, den 28. November ist eine geheime Sitzung der Meister einberufen, in der voraussichtlich die Aussperrung beschlossen wird.— An die Gießener Kollegen richten die Marburger die Bitte, die reisenden Kollegen darauf aufmerksam zu machen, daß Umschauen hier streng verboten ist. St. Ein warmes Herz für die armen Hand⸗— werksburschen, die Arbeit suchend bei gegenwärtiger rauher Winterszeit hungernd und frierend auf der Landstraße umherirren, scheint unser Herr Oberbürger⸗ meister nicht zu besitzen. Das zeigte sich recht eklatant in letzter Sitzung der Stadtverordneten. Hier bestand nämlich seither die löbliche Einrichtung, unbemittelten reisenden Handwerksburschen freies Nachtquartier nebst Abends einem Butter⸗Brod und Kaffee auf Kosten der Stadt zu verabreichen(ohne Gegenleistung); während die in der Herberge zur Heimat Freiquartier beziehenden Reisenden einige Stunden dafür arbeiten müssen. Der Oberbürgermeister beantragte nun, dieses opulente Abendbrod auf ein Stück trockenes Brod nebst schwarzem Kaffee zu beschränken und begründete diesen Antrag damit, daß, durch diese Freigebigkeit der Stadt Marburg angelockt, eine große Anzahl reisender Handwerksburschen ihre Schritte nach Marburg lenkten, um sich hier gütlich zu tun. Dem müsse ein Riegel vorgeschoben werden; die Leute brauchten überhaupt nicht auf der Landstraße rumzulaufen usw. Unsere Stadtväter, die ebenfalls sehr wenig sozialpolitisches Verständnis zu besitzen scheinen, stimmten natürlich dem Antrage zu und so ist denn nun das„herrliche Leben“ für die Handwerksburschen in Marburg vorbei! 1 — Wieder ein polizeilicher Mißgriff. Allerdings waren es diesmal nur drei Handwerks⸗ burschen, die unter der Polizeiwillkür zu leiden hatten. Ju der Nacht vom 29. auf 30. Oktober wurde in Gladenbach durch Einbruch ein Uhrendiebstahl verübt. Drei Handwerksburschen, Buchdrucker aus Ungarn, wurden nun dieserhalb in Marienburg im Westerwald verhaftet und trotz ihrer Angabe, in der fraglichen Nacht in Herborn übernachtet zu haben, in Haft behalten. Erst am 25. November wurden dieselben wieder frei gelassen; es hatte also annähernd vier Wochen bedurft, um den Alibibeweis der drei jungen Leute auf seine Richtigkeit zu prüfen. Einen netten Begriff von Seite 2 der Schnelligkeit und Gründlichkeit deutscher Justiz können die so lange Eingesperrten mit in ihre Heimat nehmen. — Verschieden es. Das Eis der letzten Tage hat hier verschiedene Unfälle durch Einbrechen vorwitziger Schlittschuhläufer zur Folge gehabt; glücklicherweise ging es immer gut ab. In Ockershausen erlitt ein Kind durch einen Fall auf der Rutschbahn einen Beinbruch.— In der Nacht vom Samstag auf Sonntag wurde in der Rosenstraße ein Einbruchsdiebstahl verübt. Die Diebe, die bald darauf ermittelt wurden, eigneten sich die besten Marken des im Keller lagernden Weines an. Krupps Beerdigung hat am Mittwoch in Essen mit all' dem Prunk stattgefunden, der bei reichen Leuten üblich ist. Und hier handelte es sich nm einen sehr reichen Mann. Auch der Kaiser befand sich im Trauergefolge. Nach dem Begräbnis hielt er im Bahnhof eine Rede an die Vertreter der Arbeiterschaft Krupp'scher Werke, in der er Krupp als das Opfer einer Mordthat bezeichnete, begangen von Leuten, die des Namens Deutsche un⸗ würdig wären. Er forderte die Arbeiterschaft auf, das Tischtuch zwischen sich und diesen Leuten zu zerschneiden. — Der Kaiser kann viel sagen, die Angegriffenen können ihm nicht antworten, ohne befürchten zu müssen, mit dem Majestätsbeleidigungsparagraphen in Konflikt zu kommen. Die deutsche Arbeiterschaft kennt ihre Stellung⸗ nahme, sie bedarf dazu keines Rates von hoher Stelle. Für unsere Genossen überall ist aber angesichts jener Rede der Rat am Platze: Mund halten! „Polizei⸗Mißgriffe“. Wie berechtigt die am Samstag im Reichs⸗ tag geübte scharfe Kritik der Polizei wirt⸗ schaft in Deutschland gewesen ist, beweisen wiederum zwei polizeiliche Mißgriffe. In Barmen brach der Stationsassistent Emde, als er morgens um 5½ Uhr sich zum Dienst begab, auf der Bahnhofstraße bewußtlos zu⸗ sammen. Schutzleute fanden den Unglücklichen und brachten ihn in der Annahme, er sei betrunken, nach dem Gefängnis. Erst nach mehreren Stunden befragte sich die Polizei auf dem Statiousbureau und erfuhr dort, daß der ins Gefängnis Gesteckte unmöglich betrunken sein könne, da er zum Dienst erwartet wurde. Ein herbeigeholterß Arzt stellte fest, daß der angeblich Betrunkene von einem Gehirnschlag getroffen sei. Nunmehr wurde der Schwerkranke ins Krankenhaus geschafft, wo er nach kurzer Zeit verstarb.— Ferner wurde im Bahnhof Gersfeld eine Dame, die mit der Bahn vou Fulda gekommen war und weiterreisen wollte, von einem Gen⸗ darmen verhaftet und eingesperrt. Erst nach zwei Stunden wurde sie wieder freige⸗ lassen. Die Polizei hatte sie mit einer gesuchten Bremer Schwindlerin verwechselt.— Am preuß. Bußtage(19. Nov.) erschienen 2 Schutz⸗ leute im Frankfurter Gewerkschaftshause, verhafteten dort einen jungen zugereisten Mann und transportierten ihn nach dem Polizeige⸗ fängnis, wo er während der Nacht mehrere Verhöre zu bestehen hatte. Andern Tages wurde er entlassen, weil die von zwei Männern gegen ihn erhobene Beschuldigung, den Raubmord in Ilbeshausen verübt zu haben, sich als grundlos erwies.— Unsere Redner im Reichstage sprachen also mit vollem Rechte von Polizei⸗Willkür. Pückleriana. Der edle, tapfere Dreschgraf von Klein⸗ Tschirne stand am Samstag wieder einmal in Berlin vor Gericht. Zwei Redakteure der Staatsbürgerzeitung, sein Inspektor Kirchner und der Stenograph Schimmelpfennig leisteten ihm Gesellschaft. Sie waren mitsamt dem Grafen der Aufreizung zum Klassenhaß ange— klagt, der Graf hatte sich außerdem wegen einer Beleidigung der Richter von Moabit und in Gemeinschaft mit Weber noch ein zweites Mal wegen Aufreizung zum Klassenhaß zu verant⸗ worten. Die Beleidigungsklage hat er sich durch die bekannte Rede zugezogen, worin er die Behandlung, die er von den Richtern zu Moabit erfuhr, in seiner Weise beschrieben. In der Verhandlung suchte der tapfere Kämpe seine verschiedentlichen, an Versamm⸗ lungen gerichteten Aufforderungen, die Juden zu verhauen, mit der alten Ausrede abzuschwächen, daß diese nur„bildlich“ gemeint wären. Der (Staatsanwalt beantragte gegen Pückler eine Gesamtstrafe von einem Jahr Gefänguis und Verhaftung; gegen den Angeklagten Bruhn drei Monate Gefängnis, gegen die übrigen Angeklagten Geldstrafen. 28 Gräflein kam wieder sehr billig davon; er erhielt wegen Aufreizung zu Gewalttätigkeiten in zwei Fällen zu 700 Mark. und wegen Beleidigung des Arztes Dr. Neumann 300 Mk. Geldstrafe. Also im Ganzen 1000 Mk.! Das ist für den Großgrundbesitzer eine Lumperei. Kleine Mitteilungen. r Erfroren. Der aus Oberkleen bei Butz bach gebürtige Müller Joh. Jung wurde am Samstag auf der Landstraße unweit seines Heimatsoctes erfroren aufgefunden. Jung war in letzter Zeit leidend. r Eine Gasexplosion erfolgte Sonntag Nach⸗ mittag in Koblenz im Gasthaus„Zum Schwanen“. Das Gebäude wurde zum Teil zerstört, Wände und Decken stürzten ein. Glücklicherweise wurde Niemand verletzt.— Eine weitere Explosion erfolgte Sonntag Nacht in der Aschaffenburger Gasfabrik. Dabei wurde unter heftigem Knall das Regulierhaus gänzlich demoliert und ging in Flammen auf. Unfälle sind nicht vorgekommen. Das Feuer wurde bald gelöscht. In der Stadt erloschen infolge der Exploston sämtliche Lichter und am Montag konnten verschiedene gewerbliche Betriebe ihre Maschinen nicht in Thätigkeit setzen. . Auf gräßliche Weise verunglückte ein junger Arbeiter aus Neuenhaus bei Siegburg. Er fuhr Abends auf der Chaussee mit seinem Rade gegen ein von einem Ochsen gezogenes Fuhrwerk, wobei die Horner des Tieres dem Radfahrer in den Unterleib drangen. Unter fürchterlichen Schmerzen starb der junge Mann alsbald. Gewerkschastl. u. Arbeiterbewegung. Eine Konferenz der hessischen Gewerkschafts⸗ kartelle fand am Sonntag in Offenbach statt. Es handelte sich besonders darum, sich über wirksames Ein⸗ greifen bei den Wahlen zu den sozialpolitischen Organi⸗ sationen zu beraten. Beschlossen wurde, die Wahlen zu Versicherungskörperschaften besser zu organisteren. Mit den Vorarbeiten dazu wird das Gewerkschaftskartell Mainz betraut.— Gießen war durch Genosse Bock vertreten. Partei-Nachrichten. Parteigenossen! Sorgt angesichts des uns im nächsten Jahre bevorstehenden schweren Kampfes für die nötigen Mittel! Vor allem aber werbt neue Abonnenten für Euer Nampforgan, die Mitteldeutsche Sonntags-Seitung! Für den Wahlkreis Darmstadt stellte die am Sonntag in Groß-Gerau stattgefundene Kreis⸗ konferenz den bisherigen Abgeordneten Gen. Cramer wieder als Kandidaten zum Reichstage auf. Der Süddeutsche Postillon hat seine Nr. 500 als Jubiläumsnummer in reicher Ausstattung erscheinen lassen. Wir empfehlen den Genossen ihre Anschaffung. Der Preis beträgt 10 Pfg. Versammlungskalender. Samstag, den 29. November. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Dienstag, den 2. Dezember. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Sonntag, den 7. Dezember. Gießen. Freie Turnerschaft. Mitgliederv er⸗ sammlung im Lokale„Zum Pfau.“ Gießen. Freie Turnerschaft. Turnstunden jeden Mittwoch, Abends /9 Uhr, Sonntag, Vormittags 10 Uhr im„Pfau“. Briefkasten. Mrbg.⸗R. Konnte nicht alles Aufnahme finden. Mrbg.⸗W. Wir sind ganz mit Ihnen einverstanden. Trotzdem haben wir Ihre Zuschrift nicht aufgenommen, weil wir der Meinung sind, daß die Angelegenheit besser in der Parteiversammlung erledigt wird. Sturm im Reichstage. In der Donnerstagsitzung stellten die Zöllner den Antrag auf en Mloe-⸗Annahme des Zoll⸗ tarifs. Heftig protestierte die Linke gegen die⸗ sen neuen Gewaltakt. Nach lauger Geschäfts⸗ ordnungsdebatte trat Vertagung ein. ————== 88 — i a — 5 hhKH2„nwnVbfͤ ³¹. A ̃ ²˙ AAA ĩ»WAAA 8 N 8*—. 1 — —— p p—ͤ S S — SSR AS Se Seite. 6 Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung. „Unterhaltungs-Ceil. 7 —————ů—— Aus den Erinnerungen eines alten Frankfurter Hürgerwehrtambours. Wieder einmal an einem schönen Sommer⸗ nachmittag hatten wir um sechs Uhr die Wache am Affentor bezogen. Damals wurden die Wachen nicht am Mittag, sondern um sechs Uhr abgelöst. Unter der Wachmannschaft befand sich eine Anzahl Frankfurter und Sachsenhäuser Fischer, die mit dem wachhabenden Sergeanten auf kameradschaftlichem„Du“ standen. Kaum waren wir richtig eingerückt, so erklärte einer von ihnen dem Sergeanten:„Weißt Du was, wir gehen jetzt fort fischen“. „Ja, das geht aber doch nicht, wer soll dann Posten stehen?“ „Ei da der Tambour“— das war ich— „kann ja auch Posten stehen, der hat ja doch nichts zu thun“. Damit gingen sie wirklich ihres Weges und kamen erst am anderen Morgen früh wieder zurück. Fische brachten sie allerdings eine ganze Menge mit und zwar lauter prachtvolle Exem⸗ plaxe, es war eine Lust sie anzusehen. Da muß jetzt die Fischbäckern herbei, die soll uns die Fische schön herrichten und backen, aber wer soll sie holen? Der Tambour kann hingehen, das faule Aas hat ja doch die ganze Nacht nichts gethan. „Hoho, ich habe zweimal Posten gestanden, ruft Euch doch die Fischbäckern selber“, gab ich ärgerlich zur Antwort. „Mach, daß Du fortkommst und hole die Frau, sonst kriegst Du nicht einen Schwanz zu essen“. Was wollte ich thun? Wohl oder übel mußte ich mich auf die Beine machen und nach der Löhrgasse, wo damals die Fischbäckern wohnte, gehen und dieselbe rufen. Bald darauf erschien sie denn auch und mit einem:„Ach Herr Jesus, was wollt Ihr denn mit den Fischen alle machen?“ eröffnete sie ihre Thätigkeit. Als Antwort erscholl aus dem Chor ein kräftiges: Halt's Maul!„Die nimmst Du mit, putzt sie hübsch und häckst sie schön, nachher werden wir schon damit fertig werden, das laß nur unsere Sorge sein.“„Na, meinet⸗ wegen“, brummte ste und damit trollte sie mit den Fischen ab. Inzwischen wurden verschiedene bekannte Gärtner, die von ihren Feldern zum Thor hereinkamen, angehalten um auf dem Altar der Wachtstubenfreude zu opfern. Der eine mußte einige Gummern(Gurken), ein anderer Petersilie oder Kerbel, wieder ein anderer etwas abladen was zur Komplettierung eines guten Gurken⸗ salates notwendig war. Selbstverständlich hatte das alles gratis und aus Freundschaft zu ge⸗ schehen. Beim Ducat, der damals gerade zapfte, war ein tüchtiger Krug Aepfelwein geholt worden und neben ihm auf dem Tisch lag ein stattlicher Laib Brot. Jetzt fehlten nur noch die gebackenen Fische. Ja, was machen denn die? Da müßte einmal jemand hingehen und nachsehen, daß wir auch unsere Sach wieder alle bekommen. Natürlich wuchs dieser Gang mir wieder, dem faulen Tambour, in den Garten und als ich zu ihr kam, der schlag⸗ fertigen Fischbäckern, da empfing ste mich nicht sonderlich freundlich und apostrophierte mich: „Na, was willst Du? Ich brauche Dich nicht!“ „Nun, ich will nachsehen was die Fische machen und ob sie bald fertig sind.“ 5 „Die werden schon kommen, wann sie fertig sind, geh nur wieder auf Deine Wachtstube und wartet bis ich komme.“ „Ich kann ja auch hier bleiben bis Du fertig bist und dann helfe ich Dir die Fische hintragen“. Nach nochmaliger eindrucksvoller Versicherung, daß sie mich auch dazu nicht brauche, duldete sie mich doch in der Küche und beendete ihre Arbeit in tadelloser Weise. Noch protzelten die letzten Fische in der Pfanne, da holte die flinke Bäckerin auch schon zwei kleine Körbe herbei und belegte dieselben säuberlich mit weißen Tüchern. Nun legte sie die Fische, die geradezu herrlich gebacken waren, einen nach dem anderen da hinein, band selbst noch eine weiße Schürze vor und dann traten wir ge⸗ meinsam mit unserer kostbaren, reizend duftenden und verlockend aussehenden Last den Weg nach der Wachtstube an. Es kostete mich selber eine starke Ueberwindung, um nicht die Zahl der Fische um einen zu verringern. Mehr als einmal wurden wir auf der Straße angehalten mit der Bitte: ach gebt mir auch einen Fisch, was von mir ebenso prompt beantwortet wurde mit der Einladung: Komm mit auf die Wacht⸗ stube, da kriegst Du auch einen Fisch. Dort war, inzwischen eine gehörige Schüssel mit Gummernsalat präpariert worden und prangte äußerst appetitlich zwischen dem Krug Aepfel⸗ wein und dem Laib Brot. Wir hätten wirklich ein großartiges Frühstück gehabt, aber da führte der Teufel den langen, roten Roland daher. Natürlich hatte der auch schon wieder einen Hieb und mit nicht ganz sicheren Füßen kam er in das Wachtlokal und bat: ach gebt mir auch einen Fisch!„Du kriegst auch einen Fisch“, sagte der Sergeant und drehte sich nach dem Tisch, um ihm einen solchen zu geben. Wäh⸗ renddessen hatte aber Roland die Schüssel mit Gummernsalat eutdeckt und krümmte sofort seine fünf Finger zu einer Art Greifzange, mit welcher er blitzschnell in die Schüssel fuhr um einen tüchtigen Griff Gummernsalat nach dem Munde zu führen. „Ei, zum Donnerwetter, seht mal was der da macht, der greift ja mit seinen sommerfleckigen Pfoten in den Gummernsalat, ei den Kerl muß ja“— und damit giebt ihm Einer einen Stoß. Roland, nicht faul, packt seinen Gegner, die Anderen mischen sich herein und wollen den Frechen hinauswerfen. Das ging aber nicht so glatt und bei der Balgerei fiel der Tisch um und alles was darauf stand und lag mußte mit, das Brot, die schönen Fische, die Schüssel mit Gummernsalat und der Krug mit Aepfel⸗ wein, der ging aber auch kaput. Ein Jammer wars, wie die Kerle nun mit ihren Stiefeln in den schönen, guten Sachen herumtrampelten, ich habe mir schnell noch zwei Fische dazwischen herausgeholt, sonst hätte ich gar nichts gehabt. Schleunigst habe ich mich damit vor's Affenthor geflüchtet, um sie ungestört verzehren zu können und die drinnen haben sich weiter gebalgt. Ach, und die Wachtstube hat ausgesehen, es war eine Höllenschande! So um vier Uhr herum sagt dann der Sergeant: Wir müssen aber doch das Wacht⸗ lokal wieder sauber machen, um sechs Uhr löst uns die Linie wieder ab und da können wir doch das Lokal so nicht übergeben.„Das soll der Tambour machen, der hat ja doch nichts zu thun“, heißt's wieder. „Ihr kämt mir aber gerade recht, erst liegt Ihr die ganze Nacht am Main und ich muß hier Posten stehen, dann muß ich ein paar Mal zur Fischbäckern laufen und dann vertrampelt Ihr alles, so daß ich nicht einmal etwas zu essen kriege, das thät mir aber aufliegen, macht Euch die Wachtstube selber sauber, ich mach's nicht!“ Was wollten sie machen, die Zeit ist immer näher an sechs Uhr herangerückt. So sind sie zusammengetreten, haben ihre Geldbeutel gezogen und ein paar Sechsbätzner auf den Tisch gelegt; Einer ist hingegangen, hat wieder einen Krug Aepfelwein geholt und einen kräftigen Schinkenknochen mitgebracht, ein Anderer hat einen halben Laib geholt und dazugelegt. So haben wir nun die Linie erwartet. Endlich kam dieselbe und wir sind auch angetreten. Nachdem wir uns gegenseitig was vorpräsentiert hatten, nahm unser Sergeant den Sergeanten von der Linie in das Wachtlokal. Da haben sie dann mit einander gediwert und nach einer Weile kamen ste wieder heraus. Freundlich klopft der Sergeant von der Linie unserem Sergeanten auf die Schulter und sagt: Ziehen Sie nur ab, Herr Kamerad, wir machen das alles wieder in Ordnung. Damit war die Sache gut, die Linie ist eingerückt und wir sind abgezogen mit Glanz und eee Splitter. Sei zum Geben siets bereit, Miß nicht kärglich deine Gaben, Denk, in deinem letzten Kleid Wirst du keine Taschen haben. 5 Paul Heyse. * Die Wahrheit hat schon manchesmal in Höhlen gehaust, wenn draußen der Unsinn in großen Schritten durchs Land ging. 0 Scheffel. g * 5* 8 5 Der Wahn, daß man der Revolution am sichersten durch Festhalten am Alten und durch strenge Verfolgung der durch solche geltend gemachten Grundsätze entgegentreten könne, hat besonders dazu beigetragen, die Revolution zu fördern und derselben eine stets wachsende Ausdehnung zu geben. Die Gewalt dieser Grundsätze ist so groß, sie sind so allgemein anerkannt und verbreitet, daß der Staat, der sie nicht annimmt, entweder seinem Untergange oder der erzwungenen An⸗ nahme derselben entgegensehen muß. Minister v. Hardenberg. * * — 2 ** Die größtmöglichste Kraft und Schönheit der menschlichen Gesellschaft, der moralischen Reichtümer, welche noch in ihrer Zukunft schlummern, können nur ans Licht gefördert werden durch die langsame, schwierige, arbeits- volle und Vorsicht erfordernde Methode des für Alle zu lebenden politischen Lebens, d. h. der Regierung der Nation durch die Nation. Jak. Grimm. Humoristisches. Unterofsiziers Klage.„Ick werde det Jewerbe bald an den Nagel hängen. Keen Aas von so n Ur⸗ lauber bringt jetzt bei die Fleischnot noch'ne Wurst mit!“ Konsequent. Pfarrer: Geld macht nicht glücklich, Sepp, das merkt Euch! Sepp: Ja, Herr Pfarra, do muaß i do glet im Gmoanderat beantrage, daß Sie koa Pfarrabgab' von der Gmoand mehr kriage!k Die Kunst lange zu leben. Ein nieder⸗ hessischer Pfarrer hatte in seiner Gemeinde einige räudige Glieder, die der Branntweinflasche unmäßig zusprachen und die zu bessern sein eifriges Bemühen war. Zu ihnen gehörte auch ein mehr als siebzig Jahre alter Schäfer. Eines Tages traf nun der Geistliche auf seinem Spaziergange besagten Schäfer bei seiner Herde und beschloß, die Gelegenheit zu benützen und dem Alten, der erst kürzlich völlig berauscht in seiner Schäferhütte aufgefunden worden war, ins Gewissen zu reden. Da er aber kein zorniger Eiferer war, sondern durch milde und lehrreiche Ermahnungen zu wirken suchte, begrüßte er sein verirrtes Gemeindeglied mit freundlichen Worten, sprach mit ihm über Wetter, Ernte und dergleichen und sagte dann wie beiläufig: 1 „Nun ist ja der alte R. auch zur ewigen Ruhe eingegangen. Vierundachtzig Jahre alt! Ein schönes 1 Alter!“ 0 „Do hon Se recht, Herr Parr,“ bemerkte der Hüter 1 der Schafe, beifällig nickend. „Er hat aber auch,“ fuhr der Pfarrer fort, indem er den Schäfer ernst ins Auge faßte,„in seinem Leben nie einen Tropfen Branntwein getrunken.“ Der brave Schäfer nickte wieder zustimmend und erwiderte treuherzig:„Wissen Se, Herr Parr, ich hon schont so bi me gedacht, wann he alsemol en Schnäps⸗ chen getrunken hätt', viellichte lewete he dann noch.“ Durch diese unerwartete Bemerkung verblüfft und belustigt zugleich, verabschiedete sich der Geistliche lächelnd, ohne seine sanfte Strafpredigt vollendet zu haben. . Ä.... ̃—-r—b—.....— 11 Geschichtskalender. 30. November. 1878: Erstes sozialdemokrati⸗ sches Flugblatt unter dem Sozialistengesetz. 1 1. Dezember. 1900: Jakobowsky, Liederdichter, F. 1897: Bergarbeiterunglück in Kaiserslautern, 37 Tote. 2. 1896: Prozeß Lecke rt⸗Lützow. 3. 1894: Wilh. II. Rekruten⸗Bevorzugungsrede. 9 4. 1901: Petition gegen die Zölle mit 3/ Mill. Unterschriften geht an den Reichstag. 5. 1901: Graf Arnim's Armenverhöhnung im Reichstag(der Vater wird alles versoffen haben). 6. 1871: Gründung der Gotthardtbahngesellschaft. * geboren; 7= gestorben 3 PmlEM&ʒ᷑I·B; ·]]] ¹!. ˙. ·˙à—ͤ ä m——— ͤ—ꝛ— ²˙⁵mÄ ̃%⅛KNTv˙˙wñʃwiq.— ⅛ttt— ᷣͥüZ?öe D' ² v)Üe P ⏑⁰gůùd j ⅛' ů—E—;̃—˙ü——ͥ0 ⁰e. 12 1 gelte perde det Jewerbe 9'n lu⸗ gie, begrüßte Aallcden Vortel, Nr. 48. Mitteldeutsche Souutags⸗Zeitung. Für Arbeiter und Landleute empfehle mein reichhaltiges Schumbwarem-Lager in gediegenen, soliden Qualitäten zu billigsten Preisen. Arbeiterschuhe Ul.-Itiefel sowie sämtl. Winterschuhwaren in jeder Preislage und reicher Aus wahl. Ansertizung nach Maass sowie Reparaturen werden in eigener Werkstätte rasch, gut und billig ausgeführt. Justus Benner, Marttstraße 34. * en gros Lang e Wiederstein Marktstrasse 4 Glessen Marktstrasse 4 Glas-, Porzellan- und Steingut-Handlung. Grosses Lager aller Sorten Teller, Tassen, Kannen, Schüsseln u. S. w. in weiss und bunt. 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Kräulerwein beseitigt alle Ptörungen in den Blut- elne, reinigt das Blut von allen verdorbenen, ranämachenden Stoffen und wirkt fördernd auf die Neu- lutes. 5 träuter⸗Weines werden Sees in ganz Deutschland gesetzl. erl 5 Hildung gesunden Durch rechtzeitigen Gebrauch des Magenübel meist schon im Keime erstickt. Man sollte also nicht säumen, seine Anwendung allen anderen scharfen, ätzen⸗ den, Gesundheit zerstörenden Mitteln vorzuztehen. Alle Symp⸗ tome wie: Kopfschmerzen, Aufstossen Sodbrennen, Bläh- ungen, Uebelkeit mit Erbrechen, die bei chronischen (veralteten) Magenlelden um so heftiger auftreten werden oft nach einigen al Trinken beseitigt. und deren unangenehme Folgen Stuhlverstopfung wie: Belle nini Kolikschmer- zen, Herzklopfen, Schlaflosigkeit, sowie Brutanstauungen 0 in Leber, Milz und Pfortadersystem(Hamorrholdalleiden) werden durch Kräuter⸗Wein rasch und gellnd beseitigt. Kräuter⸗Wein behebt jedwede Unverdaulichkeit, verleiht dem Verbauungssystem einen Aufschwung und entfernt durch einen leichten Stuhl alle untauglichen Stoffe aus dem Magen und Gedärmen. Hageres, bleich. Aussehen, Blutmangel, 3 sind meist die Folge schlechter Verdaunn Entkräftung mangelhafter Klutbilbung und eines kran haften Zustandes oer Leber. Bei gänzlicher Appetitlosigkei unter nervöser Abspannung und Gemüthsverstimmung, fowte häufigen Kopfschmerzen, schlaflosen Nächten, sitechen oft solche Kranke langsam dahin. n Kräuter⸗Wein stebt der geschwächten Lebenskraft einen frischen Impuls. 2585 Kräuter⸗Wein steigert den Appetit, befördert Verdauung und 1„regt den Stoffwechsel kräftig an, beschleunigt und verbessert die Blutbildung, beruhigt die erregten Nerven und schafft dem Kranken neue Kräfte und neues Leben. Zahlreiche Anerkennungen und Dankschreiben beweisen dies. 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