2 — .* 2 1 1 2 2 6 engen u Goldrand Mark an. iche Garantie. ich auswärts. kt und billig. 1 Neuebäne 5 — helheim Verkauf August Rinn fler Irrel lig zn verkaufen · I Nr. 13. Gießen, Sonntag, den 30. März 1902. 9. Jahrg Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche Sonntags Redaltionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. itung. Abonunementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4940) Bestellungen Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die 2 Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalte Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33/0% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 500/ Rabatt. Bei mindestens Auferstehung. Begleitet von Stürmen und Schauern kam wieder der Frühling ins Land, von allen Menschen herzlichst begrüßt, besonders aber von denjenigen, welche die Unbill des Winters am meisten empfunden haben, von der großen Masse der Besitzlosen. Sie haben mit Sehnsucht den Lenz erwartet und freuen sich, wieder etwas freier aufatmen zu können, wenn die wärmenden Sonnenstrahlen Baum, Strauch und Blumen ersprießen lassen. Die Neugeburt der Natur 10 5 0 auch im Menschen stärkere Hoffnungs⸗ ebe. Drum feiern alle Völker ihre Frühlingsfeste. Die alten Deutschen opferten der Frühlings- öttin Ostara, dem Symbol der die Eisfessel n Naturgewalt, der Urheberin des treibenden Lebens. Das altdeutsche nach der 1 benannte Naturfest änderte das hristentum in das Auferstehungsfest des ge⸗ glaubten Weltheilands um. Aus einer Periode menschlichen Elends erstanden, verwies das Christentum mit seiner Demutslehre auf das übersinnliche Jenseits, von wo den Gläubigen Hilfe, Trost, Gnade, Erlösung kommen solle. Christliche Feste werden gefeiert; mit Be⸗ thätigung christlichen Glaubens siehts aber trübe aus. Von Hunderten sich gegenseitig aufs bit⸗ terste bekämpfenden christlicher Sekten will jede einzelne den„wahren“ Glauben, die richtige Erkenntnis besitzen; keine verficht aber ernst⸗ lich die hohen Menschheitsideale des Nazareners und des ursprünglichen Christentums. Im Ge⸗ genteil. Die Kirchenlehre und Bestrebungen laufen wahrer, echter Menschlichkeit zuwider. Das Christentum von heute richtet sich nach den Wünschen der Gewalthaber und Besitzen⸗ den. Deren Interessen vertritt heute die Kirche, die lehrte, daß eher ein Kamel durch eine Nadelöhr gehen, als ein Reicher in den Himmel kommen sollte. Der Gewalthaber, der auf dem Geld⸗ sack Sitzende benutzt die Frömmigkeit um das Unrecht zu verewigen, das an Millionen Men⸗ schenkindern begangen wird. Wenn die From⸗ men die Osterglocken und die Predigt von der Auferstehung des Heilandes hören, denken sie nicht an die Masse Derjenigen, deren Leben kein Freudenstrahl erhellt, die in Not und Küm⸗ mernis dahinstechen. Nächstenliebe predigt die Geistlichkeit von allen Kanzeln. Zu gleicher Zeit herrscht Raub⸗ sucht, Gier nach mühelosem Gewinn und Hundert⸗ tausend Menschenbrüder werden geopfert. Wo wehrt die Kirche den Unterdrückern und Aus⸗ beutern? Ach, die Verkünder der Auferstehungs⸗ lehre, die Priester der Kirche finden wir meistens auf der Seite der Brotverteuerer, mit ihnen 1 4 ät/ zoff bemüht, den Aermsten und Unglücklichsten noch mehr Lasten aufzubürden! Andachtsvoll hört der Christ die rührende Osterpredigt. Herzlos übervorteilt er aber am Tage darauf seinen Nebenmenschen, treibt Wucher mit dem täglichen Brote des Armen. Wahrlich, der christliche Staat ist ein Hohn auf die Lehre Christi! Trotzdem, auch wir feiern das Aufer⸗ stehungsfest! 5 g Ja, wir glauben an eine Erlösung, an ein Auferstehn! Im Sozialismus ist uns eine neue Heilsbotschaft erstanden und seine Bekenner werden ebenso wie die ersten Christen von den Mächtigen und Priestern verfolgt und bedrückt. Der Sozialismus ist der Glaube an den Menschen selbst, er fordert von seinen Anhängern ihren heiligen Menschenpflichten eingedenk zu sein, sich in den Dienst der Kultur zu stellen. Wir richten den Blick nicht himmelwärts, von dort Erlösung erhoffend. Wir halten es mit Goethe: Thor, wer dahin die Augen blinzend richtet Und über Wolken seines Gleichen dichtet! Er stehe fest und sehe hier sich um! Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm. An das Proletariat aber, an die Männer und Frauen der Arbeit ergeht der Mahnruf des genannten Geistesfürsten: Wer immer strebend sich bemüht Den können wir erlösen. Sich immer strebend bemühen, rastlos weiter zu arbeiten, an der Befreiung, Erlösung der Menschheit, das sei unsere Aufgabe! Fröhliche Ostern! Das Unglaublichste von allem! Unter dieser Ueberschrift bringt unser Dresdener Parteiorgan einen Artikel, dem wir folgende Sätze ent⸗ nehmen: Die moderne Kultur, unsere wirtschaftlichen, gesell⸗ schaftlichen und politischen Zustände bieten einen furcht⸗ baren Anblick. Mit Riesenkraft hat des Menschen Geist die widerspenstige Natur bezwungen, Wunder der Technik geben uns die Möglichkeit, ungeahnte Reichtümer zu schaffen: eiserne Sklaven bewegen sich emsig für uns, mit der Schnelligkeit des Gedankens können wir uns über Länder und Meere hinweg mit unseren Mitmenschen verständigen; an jedem Tage weiß man von neuen Er⸗ rungenschaften der Wissenschaft zu melden, die Zahl der Rätsel, die des Geistes Schärfe noch nicht zu lösen ver⸗ stand, wird kleiner und kleiner— jauchzend möchte man ausrufen, wenn man das alles überdenkt: es ist eine Lust zu leben! Und doch: Die Massen der Völker sind elend, wie sie gewesen. ker meinte, der Menschheit goldener Tag werde an⸗ brechen, wenn die Mühle sich von selber drehte und der fleißigen Hand der Sklavin entraten könne. Nun, die Hand des Menschen ist durch Maschinen ersetzt worden, der Mühlstein dreht sich„von selbst“ im sausenden Um⸗ schwung: wo aber blieb der Menschheit golde⸗ ner Tag? Die Maschine, statt die Menschen zu be⸗ freien, versklavte sie nur noch mehr; die Arbeit, statt zum Segen, zum Adel unseres Geschlechts zu werden, ward mehr und mehr zum Fluche! Die Errungenschaften der Wissenschaft und der Technik— was nützen sie dem Besitzlosen, der nichts hat als die Kraft seiner Hände und die Klarheit des Hirnes, die er aufbrauchen muß im Dienste der Be sitzenden? Was frommen ihm die Schätze der Kunst, deren Genuß ein Vorrecht des Reich⸗ tums ist? Was weiß er vom belebenden Strahle ita⸗ lienischer Sonne oder vom würzigen Hauche lebenspenden⸗ der Alpenluft, wenn Krankheit ihn niederwirft? Wie soll er der oft die Kraft zum Höchsten in sich fühlt, sich die Vorbildung verschaffen, die ihn emporführen würde? Was kann er seinen Kindern, an denen er mit der ganzen Zärtlichkeit hängt, deren ein Elternherz fähig ist, bieten, als die traurige Aus sicht, ebenfalls im Dienste des Kapitalisten ein kaum menschenwürdiges Dasein voll Not und Mühsal, Kummer und Entbehrung zu führen? Ausgeschlossen, ausgestoßen, ein Enterbter mitten im Reichtume, keucht der Proletarier auf seiner schweren Lebensbahn vorwärts. Aber es brauchte nicht so zu sein. Der alte griechische Den⸗ Wir kennen die Grundfehler, aus denen die Uebel entstehen, wir kennen die Mittel, um ihnen abzuhelfen. Der Proletarier eignes Werk muß ihre Befreiung sein vom Doppeljoch der politischen Ent⸗ rechtung und der ökonomischen Ausbeutung. Millionen sind erfüllt von der frohen Botschaft des Sozialismus, stehen im Kampfe um eine grundstürzende Umänderung der Gesellschaftsordnung: in ihren Organisationen thun sie mannhaft und opferwillig ihre Pflicht, und geben ihrem Leben einen Inhalt. Unzählige andere aber— und das ist das Un⸗ glaublichste von allem— sehen das, wissen, wo⸗ rum es sich handelt, möchten sich au zu den Kämpfern der Zukunft zählen, und leben doch in bedauerlichem Stumpfsinn dahin. An nichts anderem kann man das so deutlich sehen, wie an dem Verhältnis des Pro⸗ letariers zu seiner Zeitung. Wer als wahr⸗ haft klassenbewußter Mensch im Leben seine Pflicht und Schuldigkeit zu thun sucht, der verlangt nach Aufklärung, nach Wahrheit, nach dem erfrischenden Ausdruck kernfester Ueberzeugung. Und was sehen wir? Tau⸗ sende, die sich für Sozialdemokraten, für Wahrheitssucher, für Anhänger der großen Sache des internationalen Proletariats ausgeben, entblöden sich doch nicht, die volksverdummende, arbeiterfeindliche, ver⸗ giftende Lektüre der kapitalistischen Sudel⸗ und Schundblätter in ihrem eigenen Heime zu dulden! Und viele andere gehen jahraus mit solchen schwachen, thörichten Menschen um, die zu Ver⸗ rätern an ihrer eigenen Sache werden, ohne ein ernst⸗ haftes Wort mit ihnen zu sprechen! Daß die Proletarier selbst ihren Gegnern Waffen liefern, daß sie ihrer eignen Befreiung entgegenarbeiten, das ist— wir wiederholen— das Unglaublichste von allem, das ist das Verhängnis dieser Klasse. Hier muß die Aufklärungsarbeit einsetzen, hier muß die Agitation von Mund zu Mund, von Familie zu Fami⸗ lie wirken. Es muß anders werden. Hier hat jeder Parteigenosse seine Pflicht zu erfüllen, und hier kann sie jeder erfüllen. Hinaus mit der Schundpresse aus den Häusern der Arbeiter! Es gereicht einem Proletarier zur Unehre, wenn er die Inseraten⸗ plantagen kapitalistischer Verleger unterstützt; es gereicht ihm zur Unehre, wenn er nicht mithilft, Wandel zu schaffen! 5 Drum unterstützt die Arbeiterpresse Werbt Abonnenten für die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung! Politische Rundschau. Gießen, den 28. März. Wegen der Diäten für die Zollkommission ist, wie berichtet wird, eine Verständigung zwischen dem Reichskanzler und dem Reichstags⸗ präsidenten über den einzuschlagenden Weg er⸗ zielt worden. Präsident v. Ballestrem wollte nämlich vorher davon nichts wissen, wenn nicht zugleich für die übrigen Reichstagsmit⸗ glieder Tagegelder eingeführt werden. Der Bundesrat, der vor Ostern zu keinem festen Entschluß kommen konnte, dürfte demnach bald nach Wiederaufnahme der Sitzungen an den Reichstag mit einer entsprechenden Vorlage herantreten. Die Vorlage wird kaum Annahme im Reichstag finden. Die Linke wird sie ener⸗ gisch bekämpfen, und neuerdings verlautet, daß auch die Zentrumsfraktion einstimmig beschlossen habe, an der Diätenforderung für den ganzen Reichstag unbedingt festzuhalten. Da kann es nach den Osterferien hitzige Debatten absetzen. Seite 2. Mitteldeusche Sountags⸗Zeitung. Nr. 13 Lebeusmittelpreise in den Ländern mit und ohne Zölle. Einer französtschen Zeitschrift, der„Revue économique“(Oekonomische Revue) von Bor⸗ deaux entnimmt die F ft. Ztg. eine Zusammen⸗ stellung der Lebensmittelpreise in England und Frankxeich, woraus ersichtlich ist, daß die Preise aller Lebensmittel im Schutzzolllande Frankreich ganz bedeutend höher sind, als in England, wo man Zölle auf Lebensmittel nicht kennt. Für etwa 40 Artikel des täglichen Gebrauchs ist nachgewiesen, daß sie in Paris 109 Frs. 95 Centimes kosten, während in London dafür nur 84 Frs. ausgegeben werden muß, das sind für Paris 30 Prozent mehr. Beispielsweise kostet: In London Hammelfleisch Fr. 2. Fr. Beefsteatk„ 2.60 55 Kalbfleisch 10 Schweinefleisch 1.60 Butter 535 Kaffe. Thee(gute Qual.) 1 3.20 12.— Zucker„—.40 F Viel teurer sind ferner Kohlen, Holz, Petro⸗ leum, Oel, Zündhölzchen, Pfeffer Kleider usw. Die„Petite Republique“ ermahnt die Bür⸗ ger und Arbeiter, diese Ziffern sich einzuprägen und ihrer bei den Wahlen zu gedenken. Volksnahrung. Wie sehr sich die Ernährungsverhältnisse weiter Volkskreise verschlechtert haben, ist aus der stetigen Vermehrunng der Pferdeschlach⸗ tungen zu ersehen. Einer Statistik zufolge sind im letzten Jahre in Preußen rund 8000 Pferde mehr zur menschlichen Nahrung ver⸗ wendet worden, als 1900. An der Spitze der langen Zahlenreihe steht Berlin mit 12,299 Pferden gegenüber 11,610 Pferden im Jahre 1900 und 10,037 Pferden im Jahre 1899. Dann folgen Regierungsbezirk Breslau mit 7107, gegen 6640 Pferden, Reg.⸗Bez. Düsseldorf mit 6922, Reg.⸗Bez. Arusberg mit 4407 u. s. w. Ein Gleiches berichtet unser Magdeburger Par⸗ teiorgan von dem Arbeiter⸗Ort Burg bei Magdeburg. Dort wurden allein im 4. Quar⸗ tal 1901 67 Gaäule geschlachtet, die sämtlich ihren Weg in die hungrigen Proletariermagen gefunden haben werden. Wie soll das erst werden, wenn die Nahrungsmittel noch mehr durch Zölle und Grenzsperren verteuert werden? In Paris 3.— das Kilo 3.20 2.50 3.20 4.— 6.— Die Kauouen⸗Fabrikation ohne Auftrag. Die Mitteilung der Leipz. Volksztg., daß Krupp in Essen Marine⸗Geschütze in großer Zahl und nach ganz neuem System anfertige, ohne daß vom Reichstage solche bewilligt, ja noch nicht einmal gefordert wurden, versuchten die„Post“ und die„Germania“(das führende Centrumsblatt) als unwahr hinzustellen. Jetzt bestätigt aber die ebenfalls ultramontane, kruppfreundliche„Essener Volkszeitung“ die Angaben unseres Parteiorgans. Zwar be⸗ streitet das genannte Blatt, daß Sonn⸗ und Feiertags daran gearbeitet werde. Für größere Aufträge auswärtiger Staaten würden Probe⸗ geschütze angefertigt.„Aber außer diesen Arbeiten fabriziert Krupp thatsächlich wiedereinmal ,aufeigenes Rifiko“ neue Schiffsgeschütze und Hau⸗ bitzen.“ Nun also. Unser Leipziger Partei- organ war demnach sehr gut informiert. Es fügt übrigens noch hinzu, daß die neue Militär⸗Vorlage noch eine andere neue Kanone, ein 10 Centimeter⸗Geschütz fordern werde. Dieses Festungsgeschütz wird nach einem ganz neuen System gebaut, so, daß das Rohr in vertikaler Lage abgeschossen und ge⸗ laden werden kann.— Immer mehr Geld sollen die Steuerzahler für neue Mordwaffen aufbringen; für nützliche dem Wohle der Ge⸗ samtheit dienende Dinge ist aber kein Geld da. Fideles Gefängnis. Die Haft des Domänenpächters Falken⸗ hagen, der bekanntlich wegen seines Duells mit dem Landrat von Bennigsen eine sechs⸗ jährige Strafe in der Festung Weichselmünde verbüßt, ist, nichtpreußischen Blättern A en⸗ keineswegs besonders streng. Ja hagen hat, ebenso wie andere zu Festungshaft verurteilte Gefangene, schon mehrmals Ur⸗ laub nach Danzig erhalten, auch eine größere landwirtschaftliche Veranstaltung der letzten Woche besucht.— Wir haben nichts anderes erwartet. Würde Herr Falkenhagen nicht als ein„Satisfaktionsfähiger“ kaltblütig im Duell einen Menschen über den Haufen geschossen haben, sondern nach den gewöhnlichen Straf⸗ gesetzen als Mörder bestraft worden sein, so säße er jetzt wahrscheinlich friedlich im Mutter⸗ schoß des Zuchthauses beim Wollespinnen. Und wie abschreckend die schwere Strafver⸗ büßung Falkenhagens auf andere Duellfreunde wirken wird! Der Antisemiten⸗Heros Pückler auf der Flucht. Dreschgraf Pückler sollte sich am 13. März in Glogau wegen Zerstörung einer Feldbahn verantworten und war nicht erschienen. Zu einem neuen Termin am 20. März sollte er vorgeführt werden. Das ist aber nicht gelungen. Die Verhandlung wurde pünktlich um neun Uhr eröffnet. Inspektor und Gutsarbeiter waren zur Stelle, aber der Angeklagte Pückler fehlte. Der Vorsitzende stellte aus den Akten fest, daß in Verfolg des Vorführungsbeschusses vom 13. d. Mts. Haftbefehle nach Berlin, Dresden und Klein⸗Tschirne ergangen sind, aber keinen Er⸗ folg hatten. Der Staatsanwalt teilte darauf mit, daß er nunmehr das Fahndungs ver⸗ fahren gegen Graf Pückler einleiten werde, und beantragte Vertagung der Sache bis auf weiteres. Der Gerichtshof beschloß nach kurzer Beratung, die Sache zu vertagen und einen neuen Verhandlungstermin erst dann anzusetzen, wenn Graf Pückler verhaftet und in das Glo⸗ gauer Gerichtsgefängnis eingeliefert wird. — Bekanntlich drohte das Gräflein in der Berliner Versammlung, daß er den nächsten Polizisten, der ihn verhaften wolle, eine Ladung Schrot in den Bauch schießen wolle. Jetzt scheint er 055 poch die Flinte in's Korn geworfen zu haben! Ein sittlicher Schulinspektor. Im preußischen Abgeordnetenhause erzählt der Abg. Czarlinski(Pole) folgende Geschichte: „Bei Pleschen hat eine Mühlenbesitzerin eine Badeeinrichtung eröffnet mit der Anordnung, daß bis Mittag Frauen und Nachmittags Männer baden sollen. Eines schönen Sonn⸗ tags des verflossenenen Jahres begaben sich drei junge Damen mit höherer Bildung und aus den besseren Ständen der dortigen Stadt nach der Mühle, um zu baden. Ein paar Minuten nach 12 Uhr kam nun der Kreis schulinspektor Neuendorf mit seinem Sohn, der vor Kurzem das Abiturientenexramen gemacht haben soll, und unwillig darüber, daß die Badebude noch ver⸗ schlossen war, brach er sie mit Gewalt auf, nahm die Kleidungsstücke der jungen Damen und brachte sie auf eine unweit gelegene Wiese, so daß diese armen Wesen genötigt waren in dem Kostüm ihrer Stammmutter bei den Herren vorüberzugehen und unter freiem Himmel sich anzukleiden. Auf erhobene Beschwerde habe die Regierung sich bemüht, die Zurüuͤck⸗ ziehung der Sache zu bewirken.— Das muß ja ein recht netter Schulinspektor sein! Die Regierung kann sich doch wohl einer genauen Untersuchung dieses Falles nicht entziehen. Jede Nachsicht diesem Menschen gegenüber wäre unangebracht. Abgeschnittene Widmungen. Wie alljährlich, so legten auch diesmal unsere Berliner Genossen zahlreiche Kränze auf die Gräber der Märzgefallenen in Friedrichshain nieder. Viele der gestifteten Kränze waren mit Schleifen versehen, die eutsprechende Widmungen gefährlich und schnitt die betreffenden S hlei ab. Unter anderem fielen folgende Ve polizeilichen Scheerenarbeit zum; pfer: Wir wollen Freiheit, wollen Licht und Recht! Nicht länger sei das Volk das Schaf d Hürde! Nicht länger sei das Volk des Fürsten Knecht; Wir wollen Menschlichkeit und Menschenwürd Was habt Ihr nun errungen, Da Ihr das Leben gab't, Liegt den der Feind bezwungen, Dem Ihr getrotzet habt? 8 Nein, noch grinst bleich die Not, Doch blüht aus unsrem Herzen Als Siegesmal des Märzen Die Rose blutigrot. e 5 —— Diese Inschrift an einem von den Arb eitern f einer ebenfalls für umstürzlerisch. Die vom Kranze der Freien Volksbühne konsiszierten Worte lauteten: Nun flog ein Kranz mit rotem Band Wohl auf des Grabes Mitte; Und als er auf den Hügel sank Da zogen schon die Wächter blank, Der Zucht und frommen Sitte. Hörst Du der Eulen wüst Geschrei, Dann wisse: Die Mitternacht ist vorbei. Ste krächzen und heulen, aufgejagt, Vor Angst, daß bald der Morgen tagt. Das sind nur wenige Proben von den vielen a Nach dieser Polizei⸗Arbeit Scheeren⸗Opfern. konnte Berlin, konnte Deutschland wieder ruhig schlafen. Nun, Schletfen können sie abschneiden, nicht aber das Wachstum unserer Bewegung, die auf Befreiung der Meuschheit von Unter⸗ e und Bevormundung jeder Art gerichtet 1* Breslau⸗West und Gerdauen. Wie wir noch in der letzten Nummer mit⸗ teilen konnten, hat unsere Partei bei der Nach⸗ wahl in Breslau wiederum einen glänzenden Sieg erfochten. Genosse Bernstein zieht als 58. Sozialdemokrat in den Reichstag ein. Er erhielt 14689 Stimmen. Das sind etwa 200 weniger als 1898 Schönlanck erhielt, der unbe⸗ deutende Rückgang erklärt sich durch die allge⸗ meine schwächere Wahlbeteiligung bei Nach⸗ wahlen, sowie durch Verziehen zahlreicher Ar⸗ beiter aus dem Bezirke. Aber die Stimmen⸗ zahl der bürgerlichen Parteien gingen insgesamt um mehr als 1700 zurück! Die Freisin⸗ nigen, für die ein Teil der Nationalliberalen gesttmmt hat, erhielten 6408, die mit dem Cen⸗ trum verbündeten Konservativen 4426 und die Autisemiten 322 Stimmen. Die Wahl ist be⸗ achtenswert wegen der Person unseres Kandi⸗ daten. Auf ihn setzten die Gegner große Hoff⸗ nungen. Von seinem Auftreten erwarteten sie den Zerfall der Sozialdemokratie. Aber die Wahl war wieder ein schöner Beweis sozial⸗ demokratischer Disziplin; kein Genosse blieb zu⸗ rück, obwohl viele mit den von Bernstein ver⸗ tretenen Anschauungen nicht einverstanden waren. Anderseits hat der Name Bernsteins nicht ver⸗ 0 mocht, irgendwelche Stimmen von den gegne⸗ rischen Parteien abzusplittern, während. vor wenigen Jahren von einzelnen Vermittlungs⸗ theoretikern den Bernstein'schen Auffassungen eine werbende Kraft in den bürgerlichen Par: teien zugeschrieben wurde. Für die Brotwucher⸗Parteien bedeutet die Breslauer Wahl eine empfindliche Nieder⸗ 1 Fabrik gestifteten Kranze hielt die Polizei lage; sie erlitten einen Verlust von 2552 Stimmen! Das ist wieder ein Zeichen dafür, daß wir den allgemeinen Neuwahlen, wenn sie unter der Parole„Für oder gegen die Zölle“ statt⸗ finden, mit Vergnügen entgegen sehen können. Bemerkenswert ist auch die„Entwickelung“ welche die antisemitische Partei in diesem Wahlkreise genommen hat. Im Jahre 1893 erhielt der Antisemit 1370, 1878 nur noch 509 Stimmen, die jetzt auf 322 zusammengeschmol⸗ zen sind. Und das, trotzdem der antisemi⸗ tische Kandidat, v. Mosch, eine ziemliche Agita⸗ tion entfaltete. Daraus kann man mit Sicher⸗ heit den Zeitpunkt berechnen, wo der Antisemit⸗ trugen. Die hochwohllöbliche Polizei erachtete aber eine große Anzahl der Verse für staats⸗ 75 in diesem Wahlkreise verschwunden sein wird. a 50 An 5 8 n 0 5 5 augebene e ligen Re auf unser ben Habt it hel der ausgeübten Das fret daran, wie bölsteher, ganze amt. von Rautt Auf dem 9 drülct geger ann sich d Ki borgegg Fonserbakl und Verle fte nur 50 schts der den Agrar Vahlen m o zuberst Mögen. Costalist Murige gammer Aunern be sihlte sch Sozialdem Phrasen i fille d T Poltzei⸗Atbeit aud wieder ruhig en ste abschneiden, erer Bewegung, heit bon Unter⸗ der Art gerichkt Herdauen. Nummer mit⸗ 5 ind etwa hielt, der unbe⸗ durch die allge⸗ ung bei Nach⸗ ahlreicher Ar⸗ 1 die Stimmer⸗ gingen insgesamt Die Freisil⸗ Wationalliberalen e nt dem Cen; 4420 und die die Wahl it be⸗ unsetes Kandi ier große Hoff 1 erwarteten ste Ae. Aber die Veuck sozial⸗ zenosse blieb zu⸗ Bernstein bel⸗ Nr. 13. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite. 3 Die Verkündigung des Wahlresultats ge⸗ staltete sich zu einer großen Demonstration der Breslauer Arbeiterschaft für die Sozialdemo⸗ kratie. Der unerhebliche Rückgang der sozial⸗ demokratischen Stimmen erklärt sich, wie Ge⸗ nosse Bruhns dort ausführte, aus lokalen Ver⸗ hältnissen. So habe die Verlegung einer großen Waggonfabrik nach Mochbern den Umzug von Hunderten unserer besten Leute veranlaßt, die so aus dem Wahlkreis hinausgefallen seien. Angesichts dessen sei das Festhalten unserer Stimmenzahl ein sehr erfreuliches Resultat. Bernstein selbst dankte den Genossen für ihre unverdrossene Wahlarbeit und versprach, im Reichstag vom ersten Tage an immer auf dem Posten zu sein. * 5* In Gerdauen⸗Rastenburg haben im Vergleich zur 1898er Wahl ebenfalls die Brot⸗ wucher⸗Gegner um 2300 zugenommen. Die von uns in der letzten Nr. für unsere Partei angebene Stimmenzahl stimmt nach dem amt⸗ lichen Resultat nicht. Darnach fielen nur 3206 auf unsern Kandidaten, 100 weniger als bei den Hauptwahlen. Das will nichts bedeuten, ist bei der durch die Junker und Gutsbesitzer ausgeübten Wahlbeeinflussung gar kein Wunder. Das freisinnige Blatt in Rastenburg erinnert daran, wie vom Landrat bis zum Gemeinde⸗ vorsteher, Gensdarmen und Nachtwächter der ganze amtliche Apparat zu Gunsten des Herrn don Rautter in Thätigkeit gesetzt worden ist. Auf dem Lande sei es unmöglich, frei und unbe⸗ drückt gegen die Konservativen zu stimmen. Man kann sich denken, wie da erst gegen unsere Par⸗ tei vorgegangen wurde. Die Flugblätter der Konservativen strotzten von den elendesten Lügen und Verleumdungen und bei alledem schlugen ste nur 500 Stimmen mehr heraus!— Auge⸗ sichts der jüngsten Wahlergebnisie kann man es den Agrariern nicht verdenken, wenn sie vor Wahlen mit der Brotwucherparole zurückschrecken, so zuversichtlich sich ihre Organe auch stellen mögen. Sozialisten⸗Debatte in der badischen Kammer. Vorigen Freitag wurde in der badischen Kammer das Budget des Ministeriums des Innern beraten. Im Laufe der Verhandlung fühlte sich der Minister Schenkel bemüßigt die Sozialdemokratie wieder einmal mit dem alten Phrasen, wie: sie untergrabe die„religiös⸗ stttliche Ordnung“, zu„vernichten“, dann zog der Minister aus seinen Behauptungen den Schluß, daß Sozialdemokraten zu den staat⸗ lichen Selbstverwaltungskörpern, wie Bezirks⸗ räten ꝛc., nicht zugelassen werden dürften. Nachdem ihm hierauf bereits von unserem Ge⸗ nossen Eichhorn gedient worden war, ließ auch Drees bach dem Minister eine derbe Abfuhr zu teil werden. Minister Schenkel sah sich darauf veranlaßt, seine Aeußerung über die Sittlichkeit der Sozialdemokratie einiger⸗ maßen einzuschränken, er habe nicht sagen wollen, daß die Sozialdemokratie unsittliche Menschen seien, sondern nur, daß die sozialistische Propaganda die religiös⸗sittlichen Anschau⸗ Ungen untergrabe, was deutlich aus Bebels Buch über die Frau hervorgehe. Hierin trat dem Minister Genosse Fendrich mit Erfolg entgegen, zeigte die völlige Unbe⸗ gründetheit des Vorwurfs, und wies ihn mit aller Entschiedenheit zurück. Gegen den Alkoholismus. Wie es jetzt fast jedes zu irgend welchem Zwecke gegründete Vereinchen zu thun pflegt, latte auch der Verein für Gasthaus⸗Reform den kaiser antelegraphiert oder ⸗geschrieben. In zessen Namen teilte Herr v. Lukanus als Ant⸗ vort mit, daß der Kaiser„alle Bestrebungen, velche auf die Einschränkung des Alkoholge⸗ zusses und die Aufklärung des Publikums über sie sittlich und wintschaftlich schädlichen Folgen esselben gerichtet sind“, unterstütze.— Dazu emexkt der Vorwärts ironisch: Von Zeit u Zeit lesen wir in den gutgesinnten Klatsch⸗ lättern die endlosen„Speisefolgen“, die bei hoffesten und militärischen Ltebesmalen serviert werden; zu jedem Gang wird dabei eine an⸗ dere Weinsorte dargereicht, die sämtlich keineswegs alkoholfrei sind. Wird das nun wohl anders werden?— Wahlrechts Bewegung in Belgien. Für das allgemeine Stimmrecht fand am Sonntag in Brüssel eine großartige Kundgebung statt. An dem Demonstrations⸗ zuge waren etwa 300 sozialtstische, liberale und christlich⸗demokratische Vereine, sowie viele liberale und sozialistische Deputierte beteiligt. Er umfaßte mindestens 30,000 Teilnehmer, durchzog die Hauptstraßen und hielt vor dem Stadthaus, wo eine. Abordnung dem Bürger⸗ meister de Mot eine Petition überreichte und bat, sie dem Parlament zu übergeben. Der Bürgermeister erklärte, er würde um so lieber die Petition überreichen, als die heutige Kund⸗ gebung ruhig und würdevoll verlaufen sei. Verschlechterung des Wahlrechts in Frankreich. Kurz vor ihrem Ende hat die Deputierten⸗ kammer der französischen Republik einen reaktionären Streich ausgeführt. Sie nahm einen Antrag an, nach welchem die Legislatur⸗ periode von 4 auf 6 Jahre verlängert wird. Es war das eigentlich eine Ueberumpel⸗ ung der Kammer; der Antragsteller, eine politische Windfahne, war von den Ministern vorgeschickt.— Vergeblich bemühte sich der Sozialist Vaillant, die bestehende Legislatur⸗ periode aufrecht zu erhalten; vergeblich waren auch die glänzenden Reden Vivianis und Pelle⸗ tans. Der Sozialist Allemane versuchte durch einen präjudiziellen Antrag durchzusetzen, daß sich die Wahlkommisston nochmals mit dem Amendement befasse. Doch wurden alle Gegenanträge abgelehnt. Skandalöserweise stimmte auch Millerand für das„Attentat auf das allgemeine Wahlrecht“, wie der Melinist Ferry den Antrag nannte.— Fraglich ist, ob der Beschluß Gesetz wird; die Kommission des Senats hat den Antrag einstimmig a b⸗ gelehnt und beschämt damit die Kammer. Italien. Genosse Filippo Turati, welcher bereits vor einigen Monaten sein Mandat niedergelegt hatte und im 5. Mailänder Wahlkreis einstimmig wiedergewählt wurde, hat, nachdem das Man⸗ dat für gültig erklärt worden, an den Kammer⸗ präsidenten ein Schreiben gerichtet, worin er erklärt, daß er die Annahme des Mandats ab⸗ lehnen zu müssen glaubt.— Die Entschließung Turatis ist sicher bedauerlich. Es sind die Diffe⸗ renzen zwischen ihm und der Mehrheit der soz.⸗vem. Abgeordneten mit Ferri an der Spitze, die ihn zur Niederlegung des Mandats veranlaßten, noch nicht beigelegt. Turat! trat für eine Poli⸗ tik der Mäßigung und gemeinsames Vorgehen mit den bürgerlichen Radikalen ein. Krieg in Südafrika. Ueber den Burengeneral Delarey erzählt, wie die Frkftr. Ztg. mitteilt, ein früherer angeblicher Sanitätsoffizier Delareys in einem engl. Blatte Folgendes: Delarey war ein Gegner Krüger's und er war auch gegen den Krieg. Seine Familie kann man als englandfreundlich bezeichnen. Obgleich seine Kenntnis der englischen Sprache begrenzt ist, hat er doch Sorge dafür getragen, daß seine Kinder nicht unter demselben Fehler leiden. Cs trinkt fast gar nichts, raucht aber sehr stark. Als er vor dem Ausbruch des Krieges gefragt wurde, ob er glaube, daß die Buren mit Er⸗ folg England bekämpfen könnten, antwortete er: „Nein, das glaube ich nicht. Andererseits bezweifle ich, daß England uns erfolgreich bekämpfen kann, denn wir können uns 5 Jahre lang halten. Der Krieg wird England 100,000 Mann und 500 Millionen Pfd. St. kosten.“ Delarey ist niemals glücklicher, als wenn er mit seiner Frau und den Kindern zusammen sein kann. Als der Krieg aus⸗ brach, hatte er 9 Söhne und Töchter. Von den Söhnen ist wenigstens einer, wie man mit Be⸗ stimmtheit weiß, gefallen. Neue Friedensverhandlungen? Aus Pretoria wurde am Sonntag berichtet: Die Mitglieder der Regierung von Transvaal Schalk⸗ Burger, Reiß, Lukas Meyer, Krogh und Van⸗ derveld sind mit Sonderzug unter der Parla⸗ mentärfahne aus Middelburg hier eingetroffen. Der Nachricht wird noch hinzugefügt: Schalk Burger und die übrigen Burenvertreter wurden einen Teil der Woche beim Rhenosterkop von den Engländern hart bedrängt und einmal beinahe gefangen genommen. Am Freitag sandten sie Staffettenreiter nach Balmoral, die ihr Eintreffen dort ankündigten. Sie trafen am Sonnabend ein und reisten sofort nach Pretoria weiter; sie fuhren hier in Kitcheners Wagen nach dem Hauptquartier und hatten eine Unterredung mit Kitchener. Sie reisten alsdann nach dem Oranjefreistaat weiter. Der Daily Chronicle meldet, sie reisten nach Kroon⸗ stad weiter. Hoffen wir, daß dieser Schritt zur Beendigung des grausamen Blutvergießens und der Leiden der Frauen und Kinder in den Konzentrations⸗ lagern führt— durch einen ehrenvollen Frieden! In der Umgebung Krügers läßt man sich, wie die Frkftr. Ztg. berichtet, über die neuesten Vorkommnisse nicht viel merken, aber durchblicken, daß man sehr wohl orientiert sei. Der Ansicht, daß die Unterhandlungen auf eine günstige Lage der Buren schließen lassen, wird zugestimmt.— In London geht das Gerücht, die Burenxelegierten seien für allgemeine Uebergabe, um dem Kriege ein Ende zu machen. —ñ— ß.————— Von Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗ kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Sewissenhaftigkett bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Hessisches. Preußische Kniffe! Die nächstjährige Reichstagswahl verursacht allen Reaktionären starkes Unbehagen. So sehr sich die kapitalistischen Verbände schon jahrelang mit der Sozialistentöterei beschäftigen, so wenig vertrauen haben sie selbst zu einem Erfolg ihrer Wirksamkeit. Es muß etwas Neues noch nicht dagewesenes sein und flugs wird nun ein Zahlentausendkünstler en⸗ gagiert, der klipp und klar, ziffernmäßig, be⸗ weisen muß, daß die Notlage der„kleinen Leute! in ihrer Einbildung besteht, daß es ihnen allen so vortrefflich geht, daß sie von Jahr zu Jahr sich mehr dem Beruf des Rentiers und Couponabschneiders nähern, kurz und gut, daß die arbeitende Klasse im jetzigen Staat ein recht nettes Leben führt. H. Bürger heißt der wackere Zahlen⸗ Schlangenmensch, der das kühne Werk⸗ chen geschrieben hat und der Verleger ist Herr Stadtverordneter Münch in Charlotten⸗ burg. Man kann es den Leuten nicht ver⸗ denken, daß sie ihre„Ware“ an den Mann bringen wollen, aber die Wege, die sie ein⸗ schlagen, sind so merkwürdige, daß wir sie als preußische Kniffe bezeichnen. Den Bürgermeistern der Städte wird das Mach⸗ werk zugesandt; sie sollen dem Herrn Münch die Herrn Großindustriellen und Groß⸗ händler namhaft machen, bei denen die Hoff⸗ nung besteht, daß sie sich die Volks ver⸗ dum mmung etwas kosten lassen. Wir zweifeln gar nicht daran, daß es in Preußen Bürgermeister gibt, die, um den Ministern und anderen Junkern einen Gesellen zu thun derartige Handlangerdienste leisten, in Hessen davon sind wir überzeugt, sind die Bürger⸗ meister viel zu klug, um derartige Schaum⸗ schlägereien zu fördern.— Da aber Herr Münch doch nun ein Mal ein Geschäftchen mit dem Schriftchen machen will, wollen wir ihm, den sonst von den Bürgermeistern be⸗ gehrten Dienst erweisen. Möge er sich ver⸗ trauensvoll an den Gießener Stadt⸗ verordneten und Fabrikanten Herrn Emil Schuall wenden, er ist derjenige zu dem wi, das Vertrauen haben, daß er Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 13. etet zur Bekämpfung der Schon im Voraus wünschen dem guten Werke! gerne die Hand bi Sozialdemokraten. wir Heil und Segen Aus dem Landtage. eiten Kammer ein⸗ und Genossen Haltestelle hessischen Eisenbahn Ranstadt—Ober⸗ Die Abgg. Joutz die Kosten der Gebirgsbaches Us a markungen Langenhein— len und Nieder⸗Mörlen übernehmen.— Abg. e Regierung zu er⸗ d einen Gesetzent⸗ nhaltlich dessen das Gesetz 1899 die Vermögeussteuer abgeändert wird, daß Haus⸗ pflichtige Vermögensbestand⸗ der Ersten en der Zweiten chlag 1902/3 stimmt, und die Kammer selben in ihrer Sitzung t unbedeutenden Aenderungen. Ausschuß erstattet über die betreffend die Strafver⸗ aas(Soz.) Bericht und olle die Genehmigung Haas in Aussicht Ein in der Z w gebrachter Antrag der wünscht die Verlegung adt an der Ober an die Straße nahe dem Bahnübergang.— und Genossen beantragen, Unterhaltung innerhalb der Ge Ziegenberg, Ober⸗Mör e Staatskasse zu stellt den Antrag, di ammer alsbal suchen, der K wurf vorzulegen, i vom 12. August betreffend, dahin mobilien als steuer teile angesehen werden. — Der Finanzausschuß Kammer hat den Beschlüss Kammer über den im Allgemeinen zuge selbst genehmig am Dienstag mi Der Zweite Regierungsvorl ge folgung des Abg. H beantragt, die Kammer w zur den gegen den Abg. stehenden Maßnahmen nicht er weite Kammer verhandelte am ch über die Anfrage des tr. die Stellung der Re⸗ Staatsminister Rothe stehe auf dem Stand⸗ Graf Oriola bedauert Regierung wolle also ssischen Landwirtschaft Sie erschweren d Verständigung zu Gunsten Abg. Ulrich weist die keit, wie sie auch in den riola hervorgetreten sei, allerdings auch nicht Vorlage des o auch an Uebrigens habe mau chts gehört, was denn orderung der Agrarier tschaftliche Bevölker⸗ berwiegenden Mehr⸗ Getreide. Vorteile von den Ge⸗ stehen aber Hauptvorans Dienstag und Mittwo Grafen Oriola be gierung zum Zolltarif. erklärt, die Regierung punkt der Vorlage. „augenscheinlich der he nicht entgegenkom durch eine weitere der Landwirtschaft. erliche Begehrlich ten des Grafen O energisch zurück. der Regierun weil sie noch an der Bundesrat festhält und der Brodverteuerung. auch gestern wieder nt tlich die Maximalf Die hessische landwir kaufe in ihrer ü heit überhaupt kein uern mögen demgegenüber ie keinen Vorteil, sondern warten hätten. ber diesen Gegenstand Haus auf unbestimmte hessische Ba treidezöllen haben, 110,000 Bauern, d nur Schaden zu er weiteren Eröteru vertagt sich das Gießener Angelegenheiten. Für die Frauen giebt die Groß⸗ einkaufsgesellschaft ein Frauengeno das auch der Kons und Umgegend s haltungsstoff und s. die Ae e Inhalt sten em Inhalt der ersten Nummer 18 N a 5 ende Perfidie an: eine Erzählung von Maxim 955 kleine Kerl war früher, als er noch in Siegen war, ein fleißiger braver Mensch, wurde später in Gießen 5 Verbänbler, betelligte sich wiederholt an Streiks und] noch bezahlt er sie“. verfiel einem unordentlichen Leben, das schließlich zum Wir haben der Einsendung, gegen welche führ f sich obige Zuschrift richtet, Aufnahme gewährt, . Das ist eine doppelte Infamie und doppelt weil wir glaubten, daß es sich um einen besei⸗ hlt wurde, läßt erkennen, ben in Bezug auf den Arbeiter und den tigenswerten Mißstand handele, wie man ihn erband. Wie wir bei dem traurigen Falle] vielfach in der Wetzlarer Gegend findet und erwähnten verhielt sich Deibel in jeder Be⸗ worüber uns schon viel geklagt wurde. b Lesepublikum ziehung tadellos und gerade deswegen war er] der Einsender wollte dem Pfarrer keinen Wir zweifeln nicht daran, daß sehr beliebt bei seinen Kollegen. Dann werden] wurf machen, sondern eben nur eine seiner rasch beliebt machen und in dieser schamlosen Notiz die Verbandsmit⸗ Meinung nach ungesunde Einrichtung bekämpfen. schten Sinne agitatorisch glieder als Leute hingestellt, die des sittlichen] So schlimm scheint die Sache in diesem Halts entbehren, einen unordentlichen Lebens⸗ nicht zu liegen. Wie aus einem Begleitschreib ist hervorzuheben: Gorki„Groß Thal, sowie„Einige B pflege und Erziehung“ Die erstere Arb 18 dürfte bes der Redaktion gewä wie diese bemüht ist, künstlerisch wertvoll sind und Betracht kommende vater und Enkel“ deutsch von emerkungen zur Kinder⸗ von Henriette Fürth. bekannten russischen Er⸗ Selbstmord führte.“ onders interessieren; daß sie Werke zu bieten, die zugleich das für das Blatt in interessieren. sich das Blatt sich auch in dem gewün wirken wird. Anträgen einverstanden.— — Beerdigungswesen und Volks⸗ ba d. Mit diesen beiden Gegenständen befaßte sich eine vom Gießener Sanitätsverein einbe⸗ rufene Versammlung, die am Samstag im Leib'schen Saale stattfand. Leider war sie nur schwach besucht; man sollte meinen, derartigen wichtigen Fragen würde mehr Verständnis entgegen gebracht. Ueber beide Punkte referierte Stadtverordneter Krumm. Er wies auf die Mängel hin, die im Leichenbestattungswesen hier herrschten, besonders, daß die Leichen bis zur Beerdigung im Hause liegen bleiben, was natürlich die größten Mißstände, in hygienischer Beziehung sogar Gefahren im Gefolge habe. Dem müsse abgeholfen werden. Zur Eröffnung des neuen Friedhofes müsse eine neue Fried⸗ hofsordnung erlassen werden und bei dieser Gelegenheit solle man versuchen eine Besserung herbeizuführen. Redner zählte dann eine Reihe Städte auf, wo die Leichen von Gemeindewegen bestattet werden. Dazu werde man hier aller⸗ dings noch nicht gelangen; obwohl die Kosten dafür den Stadtsäckel nicht sehr hoch belasten würden. Vorläufig werde man sich damit be⸗ gnügen müssen, zu erreichen, daß die Stadt verpflichtet werde, die Leichen vom Sterbehause in die Leichenhalle des Friedhofes zu bringen. Vor allem müsse man prinzipiell für v Unentgeltlichkeit aller Bestattungen ein⸗ treten;— wobei man ja vorläufig davon absehen könne auch den Sarg zu stellen— kann dieses Ziel jetzt der Kosten wegen nicht verwirklicht werden, müsse unentgeltliche Be⸗ stattung wenigstens in den Fällen gewährt werden, wo dies beantragt wird. Derarttgen Antrag zu stellen, sind vielfach die Arbeiter zu wie jüngst die Offiziere in Bamberg zu nacht⸗ stolz; das sei ja ganz lobenswert, aber in den schlafender Zeit allerlei Unfug treiben und un⸗ meisten Fällen sehr unangebracht; ganz andern] gebührlichen Lärm verursachen. Auch Leuten fließen Unterstützungen aus öffentlichen Wirges im Westerwald entstand vorige Mitteln in allen möglichen Formen zu.— In Woche eine Keilerei unter den Gestellungs⸗ der Diskussion trat Herr Wohlmuth dafür pflichtigen, wobei sogar dem katholischen ein, daß man es diejenigen, die es können, Pfarrer, der Frieden stiften wollte, ins Gesicht überlassen solle, ihre Angehörigen zu bestatten.] geschlagen wurde. Wenn irgendwo Genossen Krumm erwidert, daß dann die Unentgeltlich⸗] von uns mit zur Musterung müssen, raten wie keit wie Armenunterstützung aussehe, was man ihnen, sobald sie abgefertigt sind, ruhig wieder vermeiden müsse. Die Versammlung erklärte ihrer Arbeit uachzugehen, das ist bdesser, 1 sich mit den im Sinne des Referats gehaltenen] wenn sie unnütz Geld verpulvern, und schließlich des Bades in den Säckel gegriffen; auf Divi⸗ denden habe man nicht 5 War eine reiserhöhung unumgänglich, f 7 hühung gänglich, sollte man sie 40 Kr. 11 Mk. 43 Pfg., aus der zu G „zunächst bei den Bädern der ersten Klasse vor⸗ nehmen. Auch wenn einzelne Mibräuche vor benteich 3 fl= 5 Mk. 15 Pfg. bezahlt wurden. gekommen sind, rechtfertigt sich deswegen diese uon 99 15 1 da c die der Dis⸗ ussion bemerkt wurde, da ie Frequen 5 275 i des Bades erst allmählich erhöhe, 9990 sich einem Federstrich beseitigt werden. Uebrigens weite Kreise des Publikums erst nach und nach an öfteres Benutzen des Bades gewöhnten, wandel führen! Es hieße die Organisation und ihre Mitglieder beleidigen, wollten wir sie gegen den gemeinen Anwurf des Blattes ver⸗ keidigen. Bemerken wollen wir nur noch, daß der Besitzer und Redakteur desselben Emil Bommert heißt; es ist der Vater des jetzigen Verlegers der„Gießener Neuesten Nachrichten“, der hier vor Jahren in einem Konflikte mit seinen Schriftsetzern höchst unrühmlich abschnitt. — Der Gesangverein„Eintracht“ hält am zweiten Feiertag im Saale„Steins Garten“ einen Familien ⸗Abend ab. Wir machen die Genossen darauf aufmerksam und hoffen, daß der Arbeitergesangverein zahlreiche Unterstützung findet. Auf dem Feste wird das Beste geboten werden und jeder Besucher kann einen genußreichen Abend erwarten. — Die Musterungen im Aushebungs⸗ bezirke Gießen finden gleich nach den Feier⸗ tagen statt. Man kann sich also darauf gefaßt machen, in diesen Tagen die angehenden Vater⸗ landsverteidiger gruppenweise und fastnachtmäßig aufgeputzt durch die Straßen wanken zu sehen, die berühmten Lieder gröhlend. Das macht und oft genug kommt es dabei zu Exzessen. Erst kürzlich gerieten in Metz einige Rekruten mit der Polizei in Konflikt, wobei erstere auf die Hüter der Ordnung einschlugen. Für diese Aeußerung übermütiger Jugendlaune werden müssen; ihnen wird man derartiges viel weniger verzeihen, als Angehörigen der„besseren“ noch in Streitigkeiten verwickelt werden. Zweiter Verhandlungsgegenstand war der f ei i von Vorstand des Gießener Volkshades een Matei Heben. gefaßte Beschluß, künftig die den Krankenkassen⸗— Wazenborn⸗ Steinberg. Mit Be. mitgliedern gewährte Preisermäßigung wegfallen zug auf die Notiz in unserer letzten Nr. betreffend zu lassen. Darüber sprach Krumm ebenfalls, des Ostereiergeld sendet uns Herr Pfarrer Som⸗ zu entrichten Der Mit⸗ den gedachten Fonds abgeführt werden. Gerede von einer„Spende“ an den Pfarrer — ——— immer einen höchst widerwärtigen Eindruck die deutschen Jünglinge sicher schwer büßen Kreise, wie z. B. Studenten, wenn sie die Nacht⸗ wächter prügeln, Laternen zertrümmern oder u der diese Maßregel al isozi i merlad in Watzenborn folgende Erklärung: 1 abregel als antisoßial de ohne„Vor circa 50 Jahren wurden die dem Um den Minderbemittelten ein billiges Bad zu. 5 öglichen, hab di F Erri Ortsgeistlichen zu liefernden Grü ndonners⸗ ermüglichen, babe aeg ge geramen; e ta geier(aus jedem Hause zwei Stück) in der Art abgelöst, daß aus der Gemeindekasse zu Watzenborn an den Pfarrer alljährlich 6 fl Diese Beträge bilden einen auf rechtlicher Grund⸗ lage beruhenden integrirenden Teil des Pfarr⸗ einkommens der Stelle und können nicht mit hat der Geistliche weder einen Pfennig 11 0 550 0 ee 1 1 10 wird beschlosfen, mit dem Vorstand des Bades iese Beträge bezahlt oder nicht, da er wie Ol. wegen Weitergewährung der Vergünstigung zu alle Geistliche des Landes seit dem 1. Jan. 1890 deutscher Konsumvereine jetzt verhandeln.— Hoffentlich mit Erfolg! seinen ganzen Gehalt in bar aus dem ssenschaftsblatt heraus,— Eine nfederträchtige Verleum⸗ evangel. Central⸗Kirchenfonds bezieht, während um Verein für Gießen] dung eines Arbeiters und alle Gehaltsteile an den Kirchen rechner g ei eiters und einer Arbeiterorga sind und von diesem direkt an Mitgliedern gratis nisation leistet sich das, wenn wir nicht ir 5. f ren, . 5— 75„freisinnige“„Siegener Volksblatt“. 2 e een ne de e e tragischen richtet sich demnach bon selbst.— Die„Foufte odes de riftsetze a 2 0 chrittsetzers Delbel hängt es 5 mandeneier“ sind sammt den Accedentien durch Gesetz vom 23. Juni 1891 abgelöst bezw. ab? geschafft. Der Geistliche verlangt sie weder tem zahlreiche Fele wird diz ehe um Aushebungz⸗ uach den Feier⸗ darauf gefaßt faden Vater achtmäßig u schen, Das macht tigen Eindruck zu Exzessen. einige Rekruten vobei erstere auf Agen. Für diese aune werden f büßen tiges viel weniger der„besseren“ an sie die Nacht, imern odel berg zu nacht⸗ reiben und un⸗ „Auch in eutstand vorige den Gestellungs⸗ dem katholische wollte, ins Gesich dwo Genossen L. beer, al ern, und schließlich t werden. 1 Par er 8 lande Erklärung „ wurden die del gründonne!? EU 1 90 Stück) i gemeind eka 5 alljährlich 91 au her u f bolt wurd 0 licher run „Degradation. Nr. 13. Mitteldeulsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. des Herrn Pfarrer S. hervorgeht, werden ihm von Seiten der Konfirmanden in den letzten Jahren kaum noch Eier gebracht, und wo dies trotz seiner vorherigen Ablehnung geschehen sei, habe er dafür iu irgend welcher Weise Ent⸗ schädigung geleistet. Aus dem Rreise Jriedherg⸗Püdingen. n. Eine Glasarbeiter⸗Versammlung tagte am Sonntag im Rathaussaale in Büdingen. Der Vorsitzende des Glasarbeiter„Verbandes, Girbig, sprach über:„Das Recht der gewerkschaftlichen Organi⸗ sation.“ In einem fast zweistündigen Vortrage zeigte Redner, wie das Unternehmertum die Gewerkschaften stets mit Zuhülfenahme der staatlichen Machtmittel be⸗ kämpft und drangsaliert habe. Dies Beginnen sei um so thörichter und verwerflicher, als man längst darüber einig sei, daß durch den gewerkschaftlichen Zusammen⸗ schluß nicht nur die Lage der Arbeiter, sondern auch die Industrie im Allgemeinen gehoben werde. Mit einem warmen Appell an die Anwesenden, sich dem Verbande anzuschließen, soweit dies noch nicht der Fall ist, schloß der Redner seine belehrenden Ausführungen. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Ueber die Knappschaftskassen wurde kürz⸗ lich ein Bericht in dem„Wetzl. Anz.“ veröffentlicht, worin dieselben über den Schellenkönig gelobt und den Arbeitern vorgerechnet wird, was es doch für eine große Wohlthat für die Arbeiter mit den Knappschafts⸗ kassen sel. Bei genauerem Zusehen wird man aber finden, daß die Leistungen der Knappschaftskassen weit unter denen der meisten Ortskassen stehen. Bei Mk. 2.— Beitrag pr. Monat müssen die Leistungen als äußerst geringfügig bezeichnet werden. Wenn mit den Beiträgen der Unternehmer immer renom miert wird, so muß doch bemerkt werden, daß diese eben die Arbeiter auch erst verdienen müssen. h. Lebhafte Klagen führen die Arbeiter der Sophienhütte über die Behandlung die sich der „Platzmeister“ Rademacher ihnen gegenüber erlaubt. Dieser Mann, der mehrere Jährchen als Unteroffizier bei der Marine diente, glaubt sich jedenfalls noch in seiner Funktion als Rekrutendriller. Willkürlich verkürzt er den Arbeitern die Mittagspause auf eine halbe Stunde, so daß diese ihr Mittagessen nicht zu Hanse einnehmen können. Wer Einwendungen macht bekommt Abzüge. Die Betriebsleitung sollte da doch einmal nach den Rechten sehen. Warum sich die Arbeiter nicht dei den Vorge⸗ setzten des Rademacher beschweren, kann man sich ja denken. * Christlich⸗sozial⸗antisemitischer Kuhhandel. Um das Wetzlarer Reichstags⸗ mandat schachern die Stöckerschen mit den Antisemiten Zimmermannscher Richtung. Wie das„Volk“ berichtet habe Dr Burckhardt, kürzlich in einer Versammlung in Oberquembach mitge⸗ teilk, daß er in dieser Sache mit Herrn Hirschel schriftlich und mündlich verhandelt und ein Abkommen dahin getroffen habe, daß die Anti⸗ semiten die Christl.⸗Sozialen im Wetzlarer Wahlkreise unterstützen sollten. Die Christlich⸗ sozialen würden wiederum die Antisemiten in anderen Wahlkreisen unterstützen. Auch Herr Abg. Liebermann von Sonnenberg habe sich mit der gegenseitigen Unterstützung einverstanden erklärt. Im Wahlkreise Wetzlar würden die Christlich⸗sozialen auf keinen Fall auf die Aufstellung eines eigenen Kandidaten verzichten, da sie bei ihrem ersten Vorgehen 10 Prozent Stimmen mehr erhalten hätten, als die Anti⸗ semiten, die jetzt um so weniger Aussicht auf Erfolg hätten, als sie für die höchsten Korn⸗ zölle wären, von denen die Arbeiter und Klein⸗ bauern, die fast alle Korn zukaufen müßten, nichts wissen wollten; das würde die Sozial⸗ demokratie gründlich ausnutzen, und nur dieser Partei zu gute kommen, sodaß die Gefahr vorläge, daß die Sozialdemokratie mit dem Centrum in Stichwahl käme und der zu drei Viertel evangelische Kreis dann ans Centrum verloren ginge. Der liberale Kandidat würde wohl gar nicht mehr in Frage kommen de. Uns dünkt, die Herren verkaufen das Fell, bevor sie den Bären haben. Unsere Genossen werden sich erlauben, in dieser Angelegenheit ein bescheidenes Wörtchen mitzureden. Nur unablässig die Agitation von Mund zu Mund betrieben, damit die reaktionäre Gesellschaft eine gehörige Schlappe erleidet! Aus dem Rreise Marburg-Rirchhain. St. Metallarbeiter ⸗Versammlung. Eine öffentliche Versammlung der Metallarbeiter und aller im Baufache beschäftigten Arbeiter fand am letzten Sonntag Nachmittag im Jesberg'schen Lokale dahier statt und war recht gut besucht. Metallarbeiter Holland aus Frankfurt a/ M. referierte über das zeitgemäße Thema„Ursachen und Wirkungen der Arbeits⸗ losigkeit und ihre Bekämpfung.“ Der Redner entledigte sich seiner Aufgabe in sehr geschickter Weise und richtete am Schluß seiner Aus⸗ führungen die Frage an die Anwesenden: „Stehen Sie sich wirklich so gut in Marburg mit ihrem Sommer- und Winterlohn(siehe Maschinenfabrit O st hei m), daß Sie keine Organisation brauchen?“ Unter lebhaftem Bei⸗ fall schloß Redner seinen ausgezeichneten Vortrag; worauf sich acht Mann zum Verbande meldeten. — Der Metallarbeiterverband zählte hier seit⸗ her nur 13 Mitglieder und ist ihm dieser Zu⸗ wachs nur zu gönnen. Leider stehen aber noch sehr viele Arbeiter außerhalb der Organisation. Sie räsonnieren wohl über die schlechten Ver⸗ hältnisse und geringen Löhne und ballen die Faust— in der Tasche— aber damit wird nichts gebessert. Nur durch den Zusammenhalt der Arbeiter in der Organisation kann eine Besserung erreicht werden. Darum: Auf, Ihr Metallarbeiter, schließt Euch Eurer Organisation an, nur in der Einigkeit liegt die Macht, Euer Loos zu verbessern und einigermaßen stabile Verhältnisse zu schaffen! — Ordnungsstütze. In einer Wirt⸗ schaft in Ockershausen benahm sich kürzlich der Vizebürgermeister eines benachbarten Dorfes dermaßen rauhbeinig, daß er vom Wirt unter Assistenz einiger Gäste an die frische Luft be⸗ fördert werden mußte. Hierbei soll diese Stütze der Sitte und Ordnung sogar mit Messerstechen gedroht haben! — Ein wahrer Christ und Freund der armen Reisenden scheint Herr Nikolaus Prediger in Kirchhain zu sein. Bei der Beratung des Punktes„Ver⸗ pflegungsstation“, gelegentlich der kürzlich in Kirchhain stattgefundenen Kreistagssitzung, wünschte dieser Herr Kreistagsabgeordnete eine bauliche Instandsetzung der Verpflegungsstation, eventuell Verlegung derselben nach Schweins⸗ berg, Halsdorf ꝛc., damit man in Kirchhain diese„Lumpen“ los würde!— Kommentar hierzu überflüssig! Kleine Mitteilungen. ** Ein merkwürdiger Unglücksfall passierte in Frankfurt⸗Sachsenhausen. Dort war ein 13jähriger Knabe im Begriff sich zur Schulprüfung zu begeben und trank noch in aller Eile Kaffee. Hierbei blieb ihm ein Bissen Brod im Halse stecken und ehe ärztliche Hilfe zur Stelle war, erstickte der Knabe. ** Theater⸗Brand. Das Stadttheater in Barmen brannte in der Nacht vom Montag zum Dienstag vollständig nieder, nur das Foyer blieb erhalten. Menschen sind nicht ver⸗ unglückt. rn Der älteste Glasarbeiter und wohl auch der älteste Mann in Deutschland, durfte der Glasmacher Paul Müller aus Kleintettau in Bayern sein, der am 22. März 1793 geboren ist und also drei Jahrhunderte esehen hat. Er lebt zur Zeit in seinem letzten Arbeitsorte Weitersglashütte bei Carls⸗ feld im sächsischen Erzgebirge. Wenn man be⸗ rücksichtigt, wie schwer und aufreibend der Beruf eines Glasarbeiters ist, so muß man über diese außerordentliche körperliche Widerstandsfähigkeit staunen. * Wieder einer. In Hannover wurde der achtzigjährige Pastor Quentin wegen Sittlichkeit svergehen, die er an Knaben verübt hatte, verhaftet. Gewissen braven Seelenhirten, die nicht müde werden, die Sozialdemokratie als den Inbegriff alles Schlechten hinzustellen, sei dieser Fall zur gefälligen Anmerkung empfohlen. * Wieder ein Soldatenschinder. Das Kriegsgericht in Trier verurteilte vorige Woche den Sergeanten Schieffen, Futter⸗ meister im 44. Feld⸗Artillerie⸗Regiment, wegen fortgesctzter Mißhandlung von Untergebenen zu 1 Jahr Gefängnis und Nicht weniger als 69 Zeugen bekundeten, daß sie von dem Angeklagten mißhandelt worden waren. Gräßlicher Tod eines Arbeiters. Am Freitag stürzte der in der Filzfabrik in Löbau(Sachsen) beschäftigte Arbeiter Heinzel⸗ mann von dort infolge Ausgleitens kopfüber in einen mit kochender Farbe gefüllten Bottich. Der Verunglückte hatte noch so viel Geistes⸗ gegenwart, sich selbst herauszuarbeiten. Die Kleider mußten dem Bedaueruswerten vom Leibe geschnitten werden, wobei ganze Haut⸗ stücken mit abgerissen wurden. Der Bedauerns⸗ werte starb bald darauf. Er hinterläßt Frau und zwei Kinder im zartesten Alter. Briefkasten. Nach Lollar. Sie sind nicht der Erste, der da⸗ rüber Klage führt. Wir erhielten schon mehrfach Zu⸗ schriften, in denen auf die eigentümlichen Umgangsformen, die auf dem dortigen Postamte jetzt üblich sind, hinge⸗ wiesen wurde. Von einer Veröffentlichung nahmen wir aus gewissen Gründen Abstand und verwiesen in einem Falle den Einsender auf den Weg der Beschwerde an die vorgesetzte Behörde. Wir werden aber die Sache im Auge behalten; wenn wir jetzt auch Ihre Einsendung nochmals zurückstellen müssen.— F. Wetzlar. Nein. Der Rheder, der nach dem Untergang eines seiner Schiffe an seinen Freund telegraphierte:„Die Mannschaft ist leid er gerettet“ hieß— irren wir nicht— Adolf Schiff und wohnt in Elsfleth. Zur Beachtung für unsere Spediteure u. Abonnenten! Mit dem 1. April legt unser bisheriger Expedient, Genosse Schneider, die Expedition unseres Blattes nieder und übernimmt dieselbe Genosse Carl Orbig, Rittergasst. Wir bitten, alle die Expedition unseres Blattes be⸗ treffenden Bestellungen und Sendungen an diesen zu richten. Die Redaktion befindet sich wie seither Kirchenplatz 11. Wir nehmen hierbel Veranlassung, unserm Genossen Schneider, der seit sechs Jahren die Expedition ge⸗ leitet hat, für seine gewissenhafte und unermüd⸗ liche Thätigkeit, die er unserm Blatte gewidmet hat, unsern herzlichsten Dank, zugleich im Namen der Preßkommisston, auszusprechen. Wir bedauern leb⸗ haft seinen Rücktritt von der Expedition, wozu er durch die— übrigens sehr erfreuliche— Weiterentwickelung der von ihm außerdem betriebenen Buchhandlung veran⸗ laßt wird, wünschen ihm weiteres Gedeihen seines Ge⸗ schäftes und hoffen, daß er unserem Blatte auch in Zukunft das gleiche Interesse wie bisher entgegenbringen wird. Redaktion und Verlag der Mitteldeutschen Sonntags-⸗Zeitung. Die Spediteure, welche mit der Abrechnung pro I. Quartal noch im Rückstande find, bitten wir um umgehende Erledigung derselben, damit die Fertig⸗ stellung der Bücher nicht verzögert wird. Die Expedition. Versammlungskalender. Samstag, den 29. März. Gießen. Sozialdem. Wahl verein. Abends 8 uhr Versammlung im Lokale Orbig. Sonntag, den 30, März. Marburg. Arbeiter⸗Gesang⸗Verein„Eintracht“. Abends 8 Uhr bei Jesberg: Familienfeier. Alle Mitglieder und Freunde sind hierzu herzlichst eingeladen. Eintritt frei. Ortskrankenkasse Friedberg. Das Bureau unserer Kasse befindet sich vom 1. April ab im Hause Haingraben 13. Die Bureaustunden sind wie seither Vor- mittags von 8—9 Uhr, Nachmittags von 3—7 Uhr. Der Vorstand: Carl Damm, erster Vorsitzender. * 9— Seite 6. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 13. 50 Unterhaltungs-Ceil. 7 r————ů A Frühlings klänge. Auf Sturmes flügeln naht die Zeit Der Freiheit und der Menschlichkeit; Die Welt in ihren Tiefen zittert, Weil sie den neuen Frühling wittert. Empor zum Himmelslichte strebt Ein jedes Sämlein neu belebt; Was lange, lang verborgen war Drängt sich zutage wunderbar.— Die Fesseln löset der Titan Im dunkeltiefen Ozean. And auf zur Sonn stürmet seine Schaar Die lang, ach lang gefangen war. Zu Boden donnernd was sich stellt, So naht der Lenz der neuen Welt, Wie Seus mit Blitz und mit Gewittern Der Starke lacht, die Feigen zittern.— Fröhliche Oflern. Erzählung von Frida Pritzlaff. „Guten Tag, Mutter Krause! Immer trüb gestimmt, sogar heut am Osterfest.— Seid Ihr immer noch ohne Nachricht don Eurem Sohne, dem Franzel?“ Eine alte Frau, der diese Anrede galt, saß vor der Thür ihres kleinen Häuschens. Die Frühlingssonne lag auf ihrem grauen Haare, so daß es fast weiß erschien, und als sie die Augen aufhob zu dem Fragenden, sah derselbe, daß sie in Thränen schwamm. Eben war die alte Frau aus der Kirche gekommen, in ihrem Schooße ruhte noch das Gesangbuch, fein säuberlich zusammengelegt, ein weißes Taschentuch darauf und, wie es so Sitte ist auf dem Lande: ein kleines Sträußchen da⸗ bei, wohl abgeschnitten von den blühenden Ge⸗ ranien, welche freundlich zu den die Vorderwand des Häuschens zierenden Fenstern herausschauten, trotz der frühen Jahreszeit in flammenden Far⸗ ben prangend. Die alte Frau traute ihren Ohren kaum, als ste diese Stimme, die ihr nur zu bekannt war, hörte; sie trocknete sich die Augen und er⸗ hob sie heimlich bungend zu dem Manne, der als der verkörperte Typus eines protzigen Bauern vor ihr stand, abgesehen von einigen gutmütigen Zügen im Gesicht, die in etwas das protzenhafte Aussehen verminderten. Mit schwankender Stimme und erneuten Thränen klagte die Frau, daß ihr Franz immer noch kein Lebenszeichen von sich gegeben habe, am End' sei er schon tot, ihr Franzel— und er, der Wiesenbauer, sei Schuld am ganzen Elend. Der Wiesenbauer bekam ein Zucken im Ge⸗ sicht, trat von einem Fuß auf den andern, räus⸗ perte sich, spuckte wütend aus und sagte:„Wißt, Frau Krause, ein Anderer hätt's eben so ge⸗ macht wie ich; ausgelacht hätten mich die Leut', hätt' ich Eurem Franzel, der so arm ist wie eine Kirchenmaus, mein bildsauberes Mädel an den Hals geworfen, mein Mädel, das Haus und Hof allein erbt von ihrem Vater, von mir! Aber das Mädel ist leider eben so narrisch ver⸗ schossen in Euren Franzel, hängt den Kopf und wird alle Tag' blässer. An dem Allem ist der Franzel schuld; Meiner Seel'! Wißt ich, wo der Junge steckt, per Eilpost müßt er her! Das Kopfhängen und die Heulerei hab' ich satt! Meine Alte heult und schilt mich einen Rabenvater. Die Junge heult, und an⸗ statt der frühern Liebe hat sie Furcht für mich. Die Mutter Krause heult sich die Augen blind, Alles wegen dem Wiesenbauer, dem Barbar, dem Wüterich, der zu seinem vielen Geld noch mehr dazu möcht'! Sakra! Die Heulerei muß nein Ed' nehmen, sag' ich, der Wiesenbauer! Kommt heut Nachricht von dem Franzel, schreibt ihm: der Wiesenbauer giebt ihm seine Tochter! — Punktum!“ Die alte Frau hatte sprachlos zugehört, immer erstaunter über die Reden des Bauern; nun, da er mit hochrotem Gesicht schwieg, schaute sie durch Thränen auf zu ihm und sagte:„Nun wäre Alles gut, wenn der Franzel noch lebt; hab' immer gehofft, heut am Osterfest komme gute Nachricht von ihm.“ Und schluchzend brach sie aufs Neue in Thränen aus.— Da erklang das Posthorn:. „Muß i denn, muß i denn zum Städtel naus Und du, mein Schatz, bleibst hier...“ Und als der Postillon bei dem dritten Vers angelangt war: „Wenn i komm', wenn i komm', wenn i wieder⸗ um komm', g Kehr' i ein, mein Schatz, bet dir...“, da entstieg der gelben Postkutsche, als einziger Passagier, ein hübscher, frischer Bursche mit treuherzigem Gesicht. f 105 nahm er seine Reisetasche und schritt durch die winkeligen Straßen des Dorfes. Neugierige Gesichter schauten überall durch die Fensterscheiben. Augenblicklich stutzten die Leute, was für ein Fremder heut ihr Dorf be⸗ suche— aber da sagte Eins und das Andere: „Gewiß es ist Krause's Franzel!“ Und die Buben sprangen hinter ihm her, diese und jene Nachbarin machte sich vor dem Hause zu schaffen, um dem Wiedersehen zwischen Mutter und Sohne und besonders der Begegnung des Franzel mit dem Wiesenbauern beiwohnen zu können. So war so ziemlich das halbe Dorf Zeuge bei der Wiedersehensszene vor dem Häuschen der Frau Krause. Von den beiden Hauptpersonen unbemerkt war Franzel ganz nahe gekommen, und plötz⸗ lich erklang fein heller Ruf:„Grüß' Gott, Mutter!“ Die alte Frau erhob sich zitternd von der Bank, doch ihre Füße wollten sie nicht tragen, sie sank wieder darauf zurück. Schon war der Franzel bei ihr, umarmte und küßte sie. Sie erzählte unter Schluchzen, wie bitter er ihr weh gethan mit seinem langen Schweigen, doch nun sei Alles wieder gut! Der Wiesenbauer war zurückgetreten bei diesem bewegten Wiedersehen, um durch seine Anwesenheit nicht zu stören. Auf der andern Seite des Häuschens stand er, wischte sich die Augen und lauschte auf die Erzählung des Burschen, der von seinen Irrfahrten in der Fremde sprach. Wie er nicht schreiben gewollt, um seiner Mutter nicht das Herz schwer zu machen, über sein mißliches Ergehen. Endlich hatte er einen Freund gefunden, der ihm behilflich war, zu einer guken Stellung, auch sonst war er ihm in der uneigennützigsten Weise 9517 Hand gegangen, hatte ihn da auf einen Vorteil, dort auf einen Nachteil aufmerk⸗ sam gemacht, so daß er sich bald in bessern Verhältnissen befunden hatte. Eben dieser Freund hatte ihn auch bestimmt zu seinem heu⸗ tigen Besuch in der Heimat, um wieder gut zu machen, was er durch sein langes Schweigen an seinem alten Mütterchen gefehlt habe. Und nun überraschte Franzel die Mutter noch mit der Nachricht, daß dieser edle Freund, ohne den er verkommen wäre in der großen Stadt, morgen selbst kommen werde, um sein liebes Mutterlein kennen zu lernen. „Wie geht's der Margareth, Mutter?“ fragte dann plötzlich der Franz und eine dunkle Röte brentete sich über sein Gesicht. „Herrjeh!“ sagte Mutter Krause,„wo ist denn der Wiesenbauer hingekommen? Er war, ehe Du kamst, bei mir, um zu sagen, daß die Margareth Dein sein soll, wenn Du kommst.“ Der Wiesenbauer schaute um die Hausecke und weidete sich lächelnd an der Ueberraschung des Burschen, der nicht zu wissen schien, sollte er diese Nachricht glauben oder nicht. Nachdem sich der Bauer die verdächtig glän⸗ zenden Augen gewischt— trat er zu Beiden: „Na, grüß' Gott, Franz! Ausreißer, bist wieder da? Wie wär's, wenn Du und Deine Mutter gleich mitkämet zu der Margareth, lugt eh schon lang genug aus nach dem verschwundenen Schatz. Morgen am Ostermontag könnt' man die Ver⸗ lobung abhalten, Abends kann das Brautpaar tanzen im„Lamm“, und wir Alten, wir bleiben im Wiesenhof gemütlich beinand. Topp, schlagt ein und vorwärts; Die Margareth hat sich lange genug kränkt, Zeit ist's, daß sie wieder rote Backen kriegt!“ Durch das ganze Dorf flog es wie ein Lauf⸗ fener:„Krauses Franzel kriegt jetzt doch noch des Wiesenbauern Margareth!“ 5 Das waren fröhliche Ostern im Wiesenhof. Die Augen der Margareth leuchteten im alten Glanze und auf ihren Wangen blühten die schönsten Rotröselein! Am Ostermontag war Verlobung, die Tische brachen fast von der Ueberfülle der Speisen und Getränke. Der Wiesenbauer strahlte ordentlich im Glanze seiner neuen Würde als Schwieger⸗ vater— und als dieses Glückes Schmied. Franzels Freund war richtig gekommen aus der Stadt und mit Vorliebe unterhielt sich der Bauer mit dem jungen Manne, der so bescheiden auftrat, so gewinnende Manieren und so klare Ansichten mitbrachte aus der Stadt. Der Bauer wollte Alles wissen und wurde nicht müde, ihm zuzuhören. Tausend Fragen hatte der junge Mann schon beantwortet und nun platzte der Bauer noch mit einer, wie es schien, ganz besonders interessterenden heraus:„Und sagen Sie, was sind denn das für Leut', die Sozialdemokraten, die's in der Stadt gar so viel geben soll? Müssen verdammte Kerle sein, wie der Pfarrer sagt. Wollen das Unterste zu oberst kehren, Güter verteilen und so weiter.“ Der junge Mann sagte, während ein feines Lächeln um seinen Mund huschte, daß er selbst zu diesen vermaledeiten Sozialdemokraten gehöre. Ungläubig schüttelte der Bauer den Kopf, er hatte sich einen Sozialdemokraten ganz anders vorgestellt, woran besonders der Pfarrer des Dorfes schuld war, der solche entstellte Bilder von diesen Sozialdemokraten entworfen hatte, daß den Bauern der Angstschweiß auf die Stirn trat, wenn sie nur an diese dachten. „Da hat Euch der Herr Pfarrer einen or⸗ dentlichen Bären aufgebunden“, sagte der junge Mann. Dann suchte er dem Bauern die Grund⸗ züge der sozialdemokratischen Ideen zu erklären. Der Bauer war ganz Ohr. Nicht genug konnte er sich wundern über die Klugheit des jungen Mannes, wie der Alles verstand! Selbst thätig in einer Maschinenfabrik, er⸗ erzählte er dem aufhorschenden Bauern von den Fortschritten der Technik, von den Aufsehen erregenden Verbesserungen der Maschinen die tausend und tausend Hände überflüssig machen, durch ihre schnelle und unübertroffene Arbeit. Leider seien die Maschinen der Menschheit noch nicht zum wahren Segen geworden, denn durch diese große Ersparnis menschlicher Arbeitskraft werden täglich Hunderte brotlos. Erst durch eine neue gerechte Arbeitsteilung, die den Kern⸗ punkt der sozialistischen Lehre bildet, sei es mög⸗ lich, all die Hilfsmittel der neuen Zeit zu segens⸗ vollen, die Menschheit entlastenden Einrichtungen zu verwerten. Diese Reden klangen wieder anders als die⸗ jenigen, die der Pfarrer ihnen von der neuen Lehre gehalten, doch hatte der Bauer Verstand genug, die unwiederleglichen Thatsachen, die ihm der junge Mann vorführte, zu begreifen und eben darum auch einzusehen, daß all den veralteten Einrichtungen eine neue Gesellschafts⸗ ordnung zurechtgezimmert werden müsse, was allerdings nicht von heut auf morgen, sondern durch mühsame Arbeit Tausender erst errungen und erzwungen werden kann. Wie weggeblasen waren die Vorurteile des Bauern vor den Ausführungen seines Gastes, und als derselbe spät in der Nacht den Wiesen⸗ hof verließ, schüttelte ihm der Bauer herzlich die Hand und sagte:„Dank bin ich Ihnen schuldig, vielen Dank, ich sehe ein, die Sozial⸗ demokraten wollen nichts Unrechtes, so viel habe ich gelernt, und es soll nicht umsonst gewesen sein, verlassen Sie sich darauf.“ a „Ein ganzer Kerl,“ sagte der Wiesenbauer zu seiner Frau,„schade, daß wir nicht noch eine Tochter haben, ich hätte ste Keinem lieber ge gönnt als diesem Malefizsozialdemokraten!“* ———————— 4 au, uo dae felte Ute urch Rach Fopf und Haren die'! ig erhalten kmmen zu dae Hükte Hegend nic b groß w Haupt nur e stelung der Tieres, dab stackte. Da Venen seh gegen fast! welchen Se die Kälte h. die am obe lang it, f 10 Cegtime Schwarze fin dichler Sorgfalt w dic zusche Nerbindung 10 eine bn der gef. den 5 8 ig gekommen anz unterhielt sich der der so bescelde den und so klar zladt. 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In Petersburg ist nun der Mammukkadaber eingetroffen, der— etwa Jahresfrist im nörd⸗ lichen ien entdeckt wurde. Das Tier lag am Beresomka, einem Nebenfluß des Kolyma, etwas nördlich von dem Verwaltungssitz Sred⸗ no-Kolymsk, wo es von Eingeborenen gefunden worden war. Ein Erdrutsch hatte es zu Tage gefördert. Da ein weiterer Erdrutsch und so⸗ mit eine Zerstörung des Fundes zu befürchten war, rüstete man in Petersburg schleunigst eine Expedition aus, zu der außer dem Zoologen Herz noch der Zoologe* gehörte. Beide trafen noch Anfang September vorigen Jahres in Sredno⸗Kolywsk ein. Von dort suhren sie in Booten den Kblymafluß hinab bis Saimka⸗Myssolwaja, was drei Tage dauerte. Mach mehrtägigen Bemühungen gelang es ihnen hier Pferde zur Weiterreise aufzutreiben, und urst am 22. September kamen sie an der Stelle an, wo das Mammut lag. Die sofort ange⸗ stellte Untersuchung ergab, daß der Kadaver Durch Raubtiere stark beschädigt war. Vom Ropf und Rücken fehlten große Fleischteile, doch waren die Knochenpartien so gut wie vollstän⸗ Jig erhalten. Um in der Kälte geschütztes Unter⸗ Hommen zu haben, baute die Expedition zunächst eine Hütte. Eingeborene wohnten in dfeser Gegend nicht. Der ganze Kolymadistrikt, der so groß wie Oesterreich⸗Ungarn ist, hat über⸗ haupt nur etwa 5000 Einwohner. Nach Fertig⸗ flellung der Hütte begann die Ausgrabung des Tieres, das teilweise eingefroren in der Erde seckte. Das Fell war am Bauche und an drei Beinen sehr beschädigt, am vierten Beine da⸗ gegen fast vollständig erhalten. Interessant ist, welchen Schutz dieses Tier der Efszeit gegen die Kälte hat. Unter der reichen Haarbekleidung die am oberen Teil des Beines 20 Centimeter lung ist, sitzt noch ein dichter Pelz von 5 bis 10 Centimeter Länge. Der Rüssel fehlte. Vom Schwanze war die Spitze vorhanden, an der An dichter Haarbüschel sitzt. Mit besonderer Sorgfalt wurden die Futterreste verwahrt, die uch zwischen den Zähnen vorfanden und die in Berbindung mit dem ganzen Fund von Neuem eigen, einen wie vorzüglichen Aufbewahrungs- ont der gefrorene Erdboden der arktischen Gegen⸗ den bildet. Gemeinnütziges. Ein grober Fehler in der Schweine⸗ sucht ist die mangelhafte Auswahl der Zucht⸗ ere. Die schönsten Ferkel verkauft man, iustatt sie aufzuziehen und zur Nachzucht zu berwenden, und die schlechten behält man. Dadurch erlöst man für den Augenblick mehr Geld, verliert aber weit mehr durch die schlechte Nachzucht. Auch denkt man nicht daran, die zucht von den fruchtbarsten Müttern zu nehmen, oder man nimmt die Nachzucht erst, wenn die Fruchtbarkeit der Mutter abgenommen hat. Dadurch werden die Ferkel auch später weniger fruchtbar. Die Eber werden oftmals ohne Rücksicht auf gute Sprungfähigkeit ausge⸗ wählt oder, wenn man solche kauft, werden die billigsten gekauft. Von schlechtern Ebern kann keine gute Nachkommenschaft erzeugt werden. Die jungen Küchlein müssen in den ersten acht ben einige Male nachgesehen werden, ob sie oben auf dem Kopfe keine Läuse haben; ist dies der Fall, so reibe man sie einige Male mit Insektenpulver ein, auf diese Weise werden sie bom Siechtum und Zugrundegehen gerettet. Dieser Punkt ist sehr wichtig, denn die meisten Küchlein gehen an Ungeziefer zu Grunde. Splitter. Niemals nur in Kunst und Leben Schlechtem, Halbem Raum gegeben! Populär darf der nur heißen, Der zu seinen Höh'n kann reißen. Sie schwatzen von Bescheidenheit, Mich dünkt, das ist ein fleckig Kleid! Der hat nach Rechten nie getrachtet, Der nicht die eigne Arbeit achtet. Ein jedes Mädchen sollst du betrachten, Als könnte sie mit dir zum Altar gehn; Und jeden Gegner sollst du achten, Als könnt' er dir zu Seit' einst stehen. G. Kinkel. * —— Ein Mensch von echter Geistes⸗ und Herzens⸗ bildung wird niemals, und wenn er das sehn⸗ lichst Erwünschte, das Beste und Höchste damit erreichen könnte, sich zum Schmeicheln und Kriechen erniedrigen, sondern lieber ganz schweigen, wo er sich nicht äußern darf. d* Die Kunst, reich zu werden, ist im Grunde nichts Anderes als die Kunst, sich des Eigen⸗ tums anderer Leute mit ihrer Zustimmung zu bemächtigen. Humoristisches. Bewußte Ursache. Hübsche Arz tin(zu einem Herrn, der sie vertrauensvoll konsultiert):„Gehen Sie besser zu einem männlichen Arzt, bei mir werden Sie Ihre Herzaffektionen nie los kriegen!“ Litterarisches. Sozialdemokratische Jugendzeit⸗ schrift. Der vorletzten Nummer unseres Blattes, war ein Prospekt für„Die Hütte“ beigelegt. Unter diesem Titel erscheint am 1. April ab unter der Redaktion des Feuilletonredakteurs der Sächs. Arb.⸗Ztg., Gustab Morgenstern eine Zeitschrift für das Volk und seine Jugend. Ueber die Ziele, die die Zeitschrift erstrebt, giebt der Prospekt ausführliche Auskunft. Wir wünschen dem jungen und bedeutungsvollen Un⸗ ternehmen den besten Erfolg und hoffen, daß die Parteigenossen ihm ihre Unterstützung nicht versagen werden. Wer die Jugend hat, hat die Zukunft!— dieses Wort muß uns alle anspornen, die heranwachsenden Generationen nach Möglichkeit in unseren Ideen zu erziehen, sie für unsere Bestrebungen heranzubilden. Dem ersten Hefte wird als Kunstbeilage ein auf starkes Papier gedrucktes Bild unseres alten und doch jugendfrischen Vorkämpfers August Bebel beigegeben sein. Bestellungen nimmt unsere Expedition gern entgegen. — — Geschichtskalender. 29. März. 1826: Wilhelm Liebknecht geboren. 30. 1901: Oberleutnant Rüger 6 Jahre Zucht⸗ hans wegen Duellmord. 1559 Rechenmeister Adam Riese, gest. 31. Gesetzes. 1. April. setz Millerand. tagsabg., gest. 2. 1791: Mirabeau, Mitgl. der franz. National⸗ versammlung, bedeutender Redner, gest. 1840: Emile Zola, geboren. 3. 1898: Bergmann Schröder aus dem Zuchthaus entlassen. 1814: Rückkehr der Bourbonen⸗Dynastie nach Paris. 4. 1900: Soz. Abg. Oertel⸗Nürnberg gestorb. 1791: Errichtung des Pantheon iu Paris. 5. 1901: Sozialistische Wahlsiege in Dänemark. — Marktberichte. Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 27. März: Butter per Pfd. Mk. 1,00— 1,10, Hühnereier 1 St. 6—7 Pfg., Enteneier 1 St. 0—0 Pfg., Gänseeier per St. 00—00 Pfg., Käse 1 St. 5—7 Pfg., Käsematte 2 St. 5—7 Pfg., Erbsen per Liter 20 Pfg., Linsen per Liter 30 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 3,50—0,00 Mk., Zwiebeln per Ztr. Mk. 4,00 5,00, Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0,80 bis 1,00, Hühner per St. Mk. 1,00 1,40, Hahnen 1881: Erste Verlängerung des Sczialisten⸗ 1900: Stufenweises Zehnstunden⸗Ge⸗ 1897: Schultze⸗Königsberg, soz. Reich⸗ per St. Mk. 1,20— 1,90, Enten per St. Mk. 2,20 bis 2,50, Gänse per Pfd. 60— 75 Pfg. 90 Bier im Glas. 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