0 — Stadto. Preis: l. 3 9 K arten beim 1 Festkomite 7 Mer Nel telefon 50 säntliche — ach. Mutwurst nd 60 Pfg. Preßkopf nd 80 Pfg. iger Rolwurst md 1 Mark chw. Mettwurst d 1,20 Mark ardellenwurst 1,40 Mark. Cervelatwurst 1,40 Mark Cervelatwurst d 1,80 Mark ouristenschink. n. 1—2 Pfund, ö d 1,50 Mark 1 sBüch senfleisch per Pfd. 1 Mark ü—————————.. J Telefon 50. night macher Larktplatz 18 Bezugsquelle fi 1, Gold⸗ erwaren 5 imtliche, tei ratur schüren, Stunden,, U. lle Lei 5 4 postillon nedition det Erpeditien unntgge⸗en — U Azige 0 gag, Garten, 0 720 420 ˖ 4, ahr 1 59 19 1. 6. pelocks 1. Lager. b 12 b. ue Nr. 26. Gießen, Sonntag, den 29. Juni 1902. 9. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. 5 1 22435. Mitteldeutsche Nrbattionssczluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. —— * Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. 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Hier Herrenmoral, dort soziale Moral(Nächstenliebe könnten wir es nennen, weyn wir uns der christlichen Ausdrucksweise bedienen wollten); hier Absolutismus, persön⸗ liche Willkürherrschaft, dort Demokratie, ver⸗ nünftige Regierung nach den im Volke vorherr⸗ schenden Interessen. Der krasse Egoismus der herrschenden Kreise hat sich selten so schamlos ausgesprochen, wie in den letzten Jahren. Scheinen es doch diese Herren Junker schließlich als etwas ganz selbstverständliches zu betrachten, daß nach ihren wirtschaftlichen Interessen die ganze Politik des Stag tes geleitet werde, daß nur ihnen ein direkter Einfluß auf die Re⸗ gierung des Landes von Rechts wegen zukomme, daß nur sie mit ihrer oft recht mangelhaften Geistes⸗- und noch mangelhafteren Herzensbildung die für Ministerposten geeigneten Fähigkeiten aufzuweisen hätten. Diesen grund⸗ und uferlosen Anmaßungen gegenüber Stellung zu nehmen, das wäre in der That die Aufgabe der gesamten aufge⸗ klärteren Mehrheit des Volkes. Es ist ein ebenso schöner wie kluger Gedanke, die gesamten sekundären(zweiten) Prinzipiengegensätze der linksstehenden Parteien für den Augenblick wenigstens zurücktreten zu lassen vor dem pri⸗ märsten(ersten) und aktuellsten(dringendsten) Gegensatz, den es überhaupt giebt, dem Gegensatz zwischen Reaktion und Fortschritt. Ein ge⸗ schlossenes Einverständnis aller liberalen Par⸗ teien, das hieße der zur Zeit regierenden Klique mit einer so imposanten Mehrheit gegenüber⸗ treten, wie es bisher bei uns zu Lande noch niemals geschehen ist. Was der konservativen Minderheit bisher in Deutschland allein über⸗ haupt die Möglichkeit gegeben hat, sich mit all ihrer selbstsüchtigen Kurzsichtigkeit so lange am Ruder zu halten, war lediglich die Zersplitterung der liberalen Parteien. Wir sollten uns Eng⸗ land, das uns in so vielen Dingen in der ge⸗ sunden Entwicklung voraus ist, auch in diesem ungeheuer wichtigen Punkte zum Muster nehmen. Wir von der Linken sollten in Scchen des prinzipiellen(grundsätzlichen) Fortschrittes der reaktionären Gesellschaft als fest geschlossene Einheit gegenüberstehen. erreichen ließe— und im Interesse unseres ganzen Kulturlebens muß sich das über kurz oder lang erreichen lassen— dann wäre ein gewaltiger Schritt vorwärts gethan. Dann würde diese gonze lächerliche Erhabenheit des Gebahrens, mit der uns noch die bornierte Adels herrlichkeit entgegenzutreten beliebt, in das verdiente Nichts ihrer absoluten Minorität zu⸗ rücksinken müssen. Wenn sich das erst/ vereinigen. Das versteht sich natürlich ganz von selbst, daß ein solches planvolles Zusammengehen der linksstehenden Parteien wenigstens in der Ge⸗ samtrichtung des Fortschrittes noch keine Auf⸗ opferung von irgendwelchen innerhalb derselben bestehenden grundsätzlichen Ausichtsverschieden⸗ heiten bedeutete. Wir denken an die Auffassung unseres französischen Genossen Jaures. Er meint, eine Ueberleitung der Gesellschaft in sozialistische Wirtschaftsverhältnisse sei nur denk⸗ bar in einem demokratisch regierten Staate. Es gelte also in Staaten wie Deutschland zu⸗ nächst einmal eine demokratische Verfassung herzustellen. In diesem nächsten Ziele stimmen wir nun aber mit bedeutenden Gruppen bürger⸗ licher Parteien überein. Wäre es nicht Narr⸗ heit, diese natürliche Bundesgenossenschaft zu verschmähen? Von unsern sozialistischen Hoff⸗ nungen brauchten wir deshalb noch kein Tüpfel⸗ chen zu verlieren. Aber über sie kann erst eine spätere Zukunft entscheiden, eine Zukunft, in der wir den Bann des konservatiben Gewalt⸗ regiments erst müssen gebrochen haben. Unsere Ziele müßten schlecht durchdacht sein, wenn sie es nicht vertrügen, daß man sie unumgänglich notwendiger Vorbedingungen wegen einmal eine Zeit lang zurückstellte. Eben weil wir das unbedingte Zutrauen zu der Sieghaftigkeit unsrer Ueberzeugungen haben, sehen wir in einer Zu⸗ sammenarbeit mit den übrigen demokratischen Parteien, soweit die Gemeinsamkeit der Inter⸗ essen nun einmal reicht, nicht die geringste Gefahr. Der Sturz des ganz einseitigen jetzigen Regimes aber ist das Interesse der großen Mehrheit des Volkes. In diesem Interesse sollten wir uns so bald wie möglich, ja, wenn es irgend angeht, gerade schon bei den nächsten in den derzeitigen Wirren ungemein wichtigen Wahlen verständigen lernen. Steuern wir erst einmal zielbewußt auf die Demokratie los. Die Exfüllung unsrer sozialistischen Ziele können wir dann um so ruhiger der weiteren vernünftigen Ent⸗ wicklung der Dinge überlassen. Soviel ist jeden⸗ falls gewiß: eine Stärkung des liberalen Ein⸗ flusses auf die Leitung unsrer Politik wird mindestens kein verständnisloseres Regiment bringen, als unser jetziges. Deshalb haben wir nur noch ein Wort an die wirklich liberalen Parteien, d. h. an die demokratisch gesinnten Volksgenossen: Be⸗ weist eure demokratische Gesinnung! Habt Zutrauen zu der größten demokratischen Be— wegung, die es giebt, zur Sozialdemokratie. Ihr teilt nicht alle unsere Ideale. Aber wenn ihr wahrhaft demokratisch denkt, so müßt ihr trotzdem uns, die wir keinen andern Richter über unser Wollen anerkennen, als die Majorität des Volkes, der Menschheit, als unbedingt zu Recht bestehend anerkennen, als Bundesgenossen im Kampf gegen jedes metaphysische(außer⸗ irdisch begründete) Gottesgnadentum. Laßt uns bei den kommenden Wahlen nicht im Stich, wie es eure Gesinnungsgenossen in Belgien schließlich trotz aller Diszipliniertheit unserer Partei, zur Freude der Reaktion gethan haben! Verratet uns nicht, wie es in Memel⸗Heydekrug geschah, wo einigen persönlichen Gereiztheiten das Prinzip in kurzsichtigster Weise geopfert worden ist! Laßt uns, so weit wir können, unsre Kräfte Das ist's, was uns zur sieghaften Stärke bisher allein gefehlt hat. Laßt uns so viel Vertrauen zu unsern besondern Programm⸗ punkten haben, daß wir uns trotz der Ver⸗ schiedenheit derselben in den aller allgemeinsten Interessen, im Streben auf eine demokratischere Gestaltung unserer Verfassung, vereinigen! Unter der Parole„Gegen die Reaktion!“ laßt uns einig sein, einig, einig! Philos. * * Unseres Erachtens denkt unser Genosse viel zu hoch von der bürgerlichen Demokratie und dem Liberalismus. Die Vertreter desselben unterscheiden sich oft in keiner Hinsicht von den verkehrtesten Reaktionären. Man sehe sich nur die Ausführungen verschiedener Nationaliberalen bei der Beratung der hessischen Wahlrechts⸗ vorlage an! Wir meinen, daß auch unsere Partei bei den kommenden Reichstagswahlen keine andere Taktik als bei den früheren beo— bachten kaun.(D. Red.) Das Wahlrecht in Hessen. Die Wahlrechts vorlage ist vorige Woche von der Zweiten Kammer in erster Lesung erledigt worden. Das Resultat dieser ersten Lesung, so schreibt unser Offenbacher Parteiorgan, ist außerordentlich dürftig, sodaß die Aussichten der Vorlage nach derselben um kein Haar breit besser sind als sie vor derselben waren. Das derekte Wahlrecht ist zwar im Prinzip beschlossen, allein die Vermehrung der Abgeordnetensttze für die Städte ist abgelehnt worden, trotzdem die Regierung sich für dieselbe festgelegt hat, sodaß schon diese eine Differenz die ganze Vorlage zum Scheitern bringen kann. Dazu kommt, daß die Kammer auch die Wahl⸗ pflicht beschlossen hat, gegen welche sich die Regierung ebenfalls ganz entschieden ausge⸗ sprochen hat. 8 1 Die Steuerklausel ist in Konsequenz der Wahlpflicht wesentlich abgeschwächt, indem der Wähler nur die Steuern des dem Wahljahr vorausgegangenen Jahres bezahlt haben muß, was praktisch auf eine Besettigung der Bestim⸗ mung, welche bisher in dieser Richtung galt, hinausläuft, so lange die Wahlen im Herbste stattfinden. Eine Verbesserung hat der Entwurf auch insofern erfahren, als nicht mehr drei Jahre Aufenthalt im Lande zu den Voraussetzungen des Wahlrechts gehören, sondern daß e in Jahr genügt. 4. 5 Ob diese Beschlüsse in der zweiten Le ung, welche voraussichtlich in der nächsten Woche beginnt, die erforderliche Zweidrittelmehrheit erhalten werden und ob insbesondere die Bauern⸗ bündler einer Vermehrung der städtischen Ab⸗ geordneten zuneigen werden, ist sehr fraglich. Ebenso fraglich ist es, ob vie Regierung, wenn wirklich in der Kammer die erforderliche Mehr⸗ heit zu Stande käme, den Beschlüssen zustimmen wird. i Und schließlich ist es noch fraglicher, ob die Erste Kammer den Beschlüssen ihre Sanktion erteilen wird. Denn die„Worms. Ztg.“, das Mundstück der Auffassung des Freiherrn v. Heyl verhält sich selbst gegen die direkte Wahl —.ä—— 2 7 2 5 0 1 1 1 0 1 1 1 1 71 1 5* 1 1 1* f e 1.* Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 26. 8 völlig ablehnend, sodaß anzunehmen ist, daß der Freiherr in der Ersten Kammer stark mobil machen wird gegen die Vorlage, gleichviel wie sie aus den Beschlüssen der Zweiten Kammer und der Regierung hervorgehen sollte. Wir kommen somit auch heute zu keinem anderen Resultat, als wir schon früher mitge⸗ teilt: es bleibt Alles beim Alten! Wie die Kammer⸗Verhandlungen zeigen, ist es den ländlichen und besonders den anti⸗ semitischen Abgeordneten keineswegs ernst mit der Wahlreform, im Gegenteil, sie suchen sie durch Manöver aller Art zum Scheitern zu bringen. Die„Volkswacht“ des Herrn Hirschel billigt dies Verhalten nicht. Sie meint, wenn die erste Kammer das Gesetz ab⸗ lehnte, würde sie vier Fünfteln der Herren Landtags⸗Abgeordneten einen schweren Stein vom Herzen nehmen. „Denn es wird eben ein falsches Spiel im Landtag getrieben, die meisten Landtags⸗ abgeordneten fürchten um ihr Mandat, weil sie voraussehen, daß das direkte Wahlrecht sie in die wohlverdiente Dunkelheit schleudern würde. Sie haben aber nicht die Kurage, offen heraus zu sagen, daß sie den Wähler weiter unter Vormundschaft lassen wollen und so werden Schleichwege gesucht, damit man sich auf der einen Seite als Freund des Landvolks hinstellen, auf der andern Seite aber sein Mandat sichern kann.“ Das ist ganz richtig und es paßt vollkommen auf das schofle Verhalten der meisten antise⸗ mitischen Abgeordneten. In erster Dinie wird Herr Hirschel wohl dabei an den Bürgermeister Leun von Großen-Linden gedacht haben. Politische Rundschau. Gießen, den 25. Juni. Wieder eine neue Marinevorlage in Sicht! Mit dem tollen Flottenrummel scheint man es gauz uud gar auf den wirtschaftlichen Ruin des deu hen Volkes abgesehen zu haben. Von gut unterlichteter Seite melden erusthafte Blätter, daß eine größere Marinevortage zu er⸗ warten sei. Es dürfte gleich ein ganzes Auslandsgeschwader von Linien⸗ schiffen gefordert werden. Staatssekretär Tirpitz hat schon die hervorragendsten Mit⸗ glieder der Budgetkommission zu einer Flotten⸗ schau mit umfangreichem Programm eingeladen. Dabei werden die Herren von der unbedingten Notwendigkeit der Flottenvermehrung„überzeugt werden“. Dabei läuft das gegenwärtige Flotten— gesetz noch bis zum Jahre 19171— Wenns so weiter geht, dürfte auf der Nord⸗ und Ostsee kaum noch Platz sein für die deutschen Panzer⸗ kähne. Glänzender Sieg der Sozlaldemokratie! „Die Sozialdemokratie wird in den Reichslanden niemals Boden finden“ — so hatte bei der Beratung der Diktatur⸗ vorlage der Staatssekretär v. Köller gegenüber den Angriffen Bebels auf die reaktionären Zu⸗ stände in Elsaß⸗Lothringen pathetisch ausge⸗ rufen. Unser Genosse erklärte ihm darauf, daß er die Sozialdemokratie im Elsaß noch lange nicht los sei. Die am Sonntag im Elsaß stattgefundenen Nachwahlen zum Gemeinde⸗ rat haben Bebel Recht gegeben, unsere Partei hat einen vollständigen Sieg zu ver⸗ zeichnen! In Straßburg waren noch 21 Mandate zu besetzen. Davon fielen der Sozial⸗ demokratie, die allein im Kampfe gegen die gesamten bürgerlichen Gegner stand, 12 Sitze zu; von den 36 Stimmen im Gemeinderat ver⸗ fügt unsere Partei über 13. Gegen die Wahlen von 1896 haben sich die sozialdemokratischen Stimmen beinahe verdoppelt!— Aehn⸗ lich war der Ausgang der Wahl in Mül⸗ ste in der Mehrheit in dieser Körperschaft!— lose zählen. Die Wahlen bedeuten eine ver⸗ nichtende Niederlage der Klerikalen. Letztere sind z. B. aus dem Mülhäuser Gemeinderat ganz verschwunden; seit 30 Jahren waren Auch in andern Orten brachten uns die Nach⸗ wahlen noch weitere Erfolge. In Schiltig⸗ heim bei Straßburg wurden noch zwei Ge⸗ nossen gewählt, ebenso in Gebweiler. In beiden Orten ziehen zum ersten Male Sozial⸗ demokraten in den Gemeinderat ein. Kaiserreisen und Reden. Die„gutgesinnten“ Klatschblätter hatten in den letzten Tagen ihre liebe Not. Sie mußten ihr geduldiges Lesepublikum über alle Einzel⸗ heiten höfischer Feste und Vergnügungsreisen unterrichten. Da gab's spaltenlange Tele⸗ gramme und Festberichte. Im Ausland muß man zu dem Glauben kommen, daß das deutsche Volk aus dem Festtaumel nicht mehr herauskommt. Manches geschah auch und wurde geredet, was ein sehr bedenkliches Schütteln des Kopfes hervorrufen muß. In Bonn, wo der Kaiser von Nürnberg aus hinkam, um an einem studentischen Feste teil⸗ zunehmen, wurde das Duell, das doch straf⸗ gesetzlich untersagt ist, als höchstes christliches Lebensideal gefeiert. Dort brachte der Kaiser einen Trinkspruch auf seine Frau aus, worin er u. a. sagte: Noch nie so lange die Geschichte der deutschen Universitäten ge⸗ schrieben ist, ist einer Universität eine solche Ehre zu Teil geworden, wie am heutigen Tage. Im Kreise der Schönen Bonns, umgeben von fürstlichen Damen ist Ihre Majestät,d ie Kaiserin erschienen, die erste Landesfürstin, um dem Kommers der Studenten beizuwohnen. Diese beispiellose Ehre wird der Stadt Bonn zu Teil. Wir reiben einen urkräftigen Salamander. Ihre Majestät die Kaiserin hurra, hurra, hurra!— Von Bonn kam Wilhelm II. nach Aachen, wo er wieder eine längere Rede hielt, in der die Aufforderung bemerkenswert ist, die Religion im Volke aufrecht zu erhalten. Dann gings nach Krefeld. In der dort gehaltenen Rede betonte Wilhelm II. die Notwendigkeit der Flottenvermehrung. Dort ereignete sich noch was Besonderes. Als er von dort abfuhr, fragte er die Ehrenjungfrauen, ob ste auch tüchtig mit jungen Leutnauts tanzten. Eine der Damen antwortete:„Ach Majestät, es sind ja gar keine Leutnants hier.“ Worauf der Kaiser:„Na, dann muß ich Ihnen einige herschicken,“ und schon am selben Abend lief bei dem Krefelder Oberbürgermeister die Nachricht ein, daß Krefeld ein Husaren⸗ Regiment erhalten solle.— Ein solches dork⸗ hin zu verlegen, kostet aber wenigstens 2/ Millionen. Und ob der Reichstag für die Ab⸗ hülfe des Tänzermangels in Krefeld diese Summe opfern wird, ist mindestens fraglich. Die Reise ging dann nach Wesel und von da zur feierlichen Beerdigung des Königs von Sachsen. Die Zentrumsschäfchen rebellieren. Mit der Zeit beginnen auch die treuesten Anhänger des Zentrums einzusehen, wenigsteus soweit sie zu den Arbeiter und Kleinbauern⸗ Kreisen zählen, daß das Zentrum mit seinem Eintreten für den Lebensmittelwucher nur die Geschäfte der Großgrundbesitzer besorgt. Be⸗ sonders im Rheinland, und namentlich im Düssel dorfer Landkreis finden jede Woche Ver⸗ sammlungen statt, die sich mit allem Nachdruck gegen die Zollvorlage aussprechen und in denen unter dem Beifall der bäuerlichen Zuhörer die schärfsten Angriffe gegen das Zentrum erhoben werden. So erklärte in Styrum bei Düsseldorf ein Anhänger des Zentrums, ein Arbeiter und Mitglied des christlichen Holzarbeiter⸗Verbandes: „Für die hohen Zölle liege durchaus keine Notwendigkeit vor. Wenn der Großgrund⸗ besitz nicht mehr existieren kann, so ist er eben nicht mehr existenzberechtigt. Wir würden uns also am besten stehen, wenn wir dem Großgrundbesitzer seine Güter ab⸗ Zölle zu erhöhen.() Generalsekretär Dr. Pieper sagt, die Zollerhöhung diene der aus⸗ gleichenden Gerechtigkeit, Referent aber müsse ste als eine Politik der ausweichenden Gerechtigkeit bezeichnen. Er achte und liebe das Zentrum als Mitglied, aber man denkt oft, wenn man seine Abgeordneten gewählt hat, habe man sich die Hände gebunden. Wenn man die Sachlage näher untersucht, kann ein geistlicher Präses nicht die Verant⸗ wortung auf sich nehmen, die Lage des armen Mannes durch Nahrungsmittel⸗Verteuerung noch zu verschlechtern. Gegner haben den Kakholiken Dummheit vorgeworfen; wir wür⸗ den diesen Vorwuef verdienen, wenn wir diese Zollvorlage gutheißen.“ Und ein anderer Redner führte aus: „Wir müssen leider konstatieren, unsere Abgeordneten wollen unsere Interessen verraten. Was hat Herr Kirsch bei Strucksberg versprochen:„Ich werde stets in jeder Weise für das arbeitende Volk ein⸗ treten“— und was hat er gethan?! Das werden wir uns merken, wenn es sich im nächsten Jahre darum handelt, eine neue Kandidatur aufzustellen.“ Dann wurde unter demounstrativem Beifall eine Protest⸗Resolution gegen den Zollwucher und ein Mißtrauensvotum gegen den Abg. Kirsch angenommen. Dem Zentrum dürste seine Junkerpolitit noch manche Stimme kosten. Rückzug des Bündlers. Zu der bevorstehenden Ersatzwahl im Lieberschen Wahlkreise hatten die Leute vom Bunde der Landwirte den Hauptmann von Graberg, der übrigens ebenfalls dem Zentrum angehören soll, als Kandidaten auf⸗ gestellt. Der Herr Hauptmann hat aber jetzt verzichtet. Er erklärt, daß er sich davon über⸗ zeugt habe, daß der aufgestellte Zentrums⸗ Kandidat Dr. Dahlem die Forderungen der Bauernvereine in Betreff der landwirtschaftlichen Zölle im Reichstage zu vertreten bereit sein werde. Daß dem Bündler nur diese seine „Ueberzeugung“ zu dem kläglichen Rückzuge bewogen hat, glaubt natürlich kein Mensch. Sicher haben es die Zentrumsleute nicht an der nötigen„Bearbeitung“ fehlen lassen.— Uebrigens besteht ja in Bezug auf die Wucher⸗ zoll⸗Forderungen zwischem dem Zentrum und dem Bund der Landwirte wirklich kein großer Unterschied. Religion und Geschäft. Einem autisemitischen Blatte wurde kürzlich aus Köln geschrieben: In dem Vorort, in dem ich wohne, war die Prozession am diesjährigen Fronleich⸗ namsfeste besonders glänzend ausgefallen. Das Warenhaus eines lieben jüdischen Mit⸗ bürgers hatte dabei ausgezeichnete Geschäfte gemacht und namentlich die künstlichen Lilien, welche die kleinen Mädchen in der Hand tragen, schon frühzeitig ausverkauft. Der Besitzer gab den Gefühlen seiner Dankbarkeit dadurch Ausdruck, daß er höchst eigenhändig auf der Straße einen Altar drapierte, über dem er das Abendsmahlsbild Leonardo da Vincis angebracht hatte. Streng katholische Familien pflegen sonst solche Altäre an diesem hohen Feste vor ihren Häusern zu errichten. Damit aber noch nicht genug. Der dankbare Israelit, der natürlich an jüdischen Feiertagen seinen Laden schließt, erwartete mit seinem zum Teil jüdischen Personal am Eingang eines Ladens den Vorüberzug der Prozession. ls der Priester mit der Hostie nahte, sank die ganze Gesellschaft in die Knie. Mehr kann man nicht verlangen! Gewiß nicht. Man glaube aber nur ja nicht, daß derartige Heuchelei etwa blos von Juden eübt wird. hristen die Religion dazu, ihre Geschäfts⸗ Interessen damit zu fördern. Vom duellwütigen Dreschgrafen. Graf Pückler⸗Klein Tschirne hat am Mon- hausen. Dort hatten unsere Genossen mit den. ebvaten eine gemeinsa me Liste aufge⸗ stell. e auf der ganzen Linie siegreich durch⸗ drang. Der Mülhäuser Gemeinderat wird 12 Sozialdemokraten, 15 Demokraten und 9 Partei- kauften und dieselben zerschlügen und kleine Bauern hinsetzten: dann tag nach der Tägl. Rdsch. dem Vorsitzen⸗ Mehr noch als diese benutzen die brauchten wir feineswegs die Steuern und r F ⅛ mn. ¾¼—ͤLô. ——— 2 ⏑—»— r S I K r, d. uus: tieren, unsere Interessen rr Küsch bei ch werde stets ende Volk ein⸗ sethan?! Das in es sich im lt, eine neue em Beifall eine den Zollwucher gegen den Abg. um bürste seine ile kosten. lers. Frsatzwahl im die Leute vom auptmann bon ebenfalls dem Kandidaten auf⸗ hat aber jetzt sich dabon über⸗ te Zentrums⸗ orderüngen der wirtschaftlichen eten bereit sein nur diese selne lichen Rückzuge h kein Mensch. leute nicht an blen lassen. auf die Wucher; d Zertrum und lac) kein großer schaͤft. e wurde kürzlich Nr. 26. 52 Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. den des Glogauer Gerichtshofes, der kürzlich die Verhandlungen gegen ihn leitete, eine 1 1 auf Pistolen zugesandt. Vorher hatte er schon den ärztlichen Sachverständigen, einen 70 jährigen Greis, zum Duell gefordert, weil er den Führer der nationalen Parteien wle sich der Ueberantisemit bezeichnete als un zu⸗ rechnungsfähig erklärte. Seitens des königlichen Landratamtes ist übrigens bei der Landes⸗ regierung bereits am Samstag die Unterbring⸗ ung des Grafen in einer Irrenanstalt zur Beo⸗ bachtung seines Geistes zustandes beantragt worden. Die Extra⸗Ausgabe der Staatsb.⸗ Ztg. vom 7. Juni, die die letzte Rede des Grafen Pückler in Berlin enthielt und von diesem selbst verantwortlich gezeichnet war, ist auf Grund des§ 130 des Strafgesetzbuches e zu Gewalttätigkeiten) durch Ge⸗ richtsbeschluß polizeilich beschlagnahmt worden. Wahrscheinlich erfolgt ein neuer Prozeß gegen Graf Pückler; hoffentlich wird dann der Mann dahin gebracht, wohin er gehört, in eine Heil⸗ anstalt, damit er nicht schließlich großes Unheil anrichtet. Eisenbahn⸗Thielen ist gegangen. Der preußische Eisenbahnminister und Chef des Reichseisenbahnamtes hat aus Gesundheits⸗ rücksichten seinen Abschied genommen. Sein Nachfolger ist schon vorher in der Presse ge⸗ nannt worden, es ist der General Budde. Dieser hat sich seiner Zeit vergeblich abgemüht, den Junkern die Notwendigkeit des Mittelland⸗ kanals nachzuweisen. Die Agrarier ließen ihn glatt abfallen. Königskrönung mit Hinternissen. Diese Woche sollte die Krönung Eduard des Dicken in London stattfinden. Bei solchen Gelegenheiten wird dort eine fabelhafte mittel⸗ alterliche Pracht entfaltet. Massen von Be⸗ suchern waren in London angekommen, Zu— schauer⸗Tribünen errichtet, Fenster zu hohem Preise vermietet. Eine große Anzahl fremder Fürstlichkeiten kam zu Gaste. Jetzt ist der ganze Aufband umsonst gemacht. Der König ist sehr bedenklich erkrankt; er mußte bereits eine schwere Operation durch— machen und er ist durchaus noch nicht außer Lebensgefahr. Die Nachrichten aus London lauten ziemlich hoffnungslos. Danach soll die Krankheit in einer gefährlichen Blinddarm⸗ entzündung bestehen; vorher wurde indessen von der Notwendigkeit einer Halsoperation geschrieben. Der König habe die Operation bis nach der Krönung verschieben wollen, doch sei das nicht möglich gemesen. Dienstag zeigte sich, daß ein Absceß von erheblicher Größe vor⸗ handen sein müsse, der, wenn er aufbreche, das Leben des Königs in die größte Gefahr ge— bracht hätte. Es heißt, daß ein Einschnitt in der Leistengegend gemacht und daß vier Zoll weit aufwärts mit einer Biegung nach außen zu operiert worden ist. Ein großer Absceß wurde aufgeschnitten und viel Materie daraus entfernt. Ob noch andere gefährliche Bildungen entfernt sind, weiß man nicht. Nach einer solchen Operation kann der Könnig sich während der nächsten drei Monate keinen besonderen Anstrengungen unterziehen. Die meisten Fremden haben London wieder verlassen, den Londoner Ge⸗ -schäftsleuten, besonders den Hotelbesitzern ent⸗ steht dadurch großer Schaden. Der dänische Kronprinz, der sich ebenfalls in London befindet, hätte an seine Frau depeschiert, daß der Zu⸗ stand des Königs hoffnungslos sei. Die Blutopfer in Südafrika. Nach einer Aufstellung des Kriegsamtes beträgt der Gesamtverlust der britischen Armee im südafrikanischen Kriege 28434 Mann. Es starben 1072 Offiziere und 20870 in Südafrika, sowie 8 Offiziere und 500. nach der Rückkehr nach England, 105 Mann werden noch vermißt und 5879 Mann sind invalide geworden. die auf der Seite der Buren Gefallenen. Dazu kommen nun noch Man greift wohl nicht zu hoch, wenn man insgesamt 50000 durch den Krieg vernichtete Menschen⸗ leben annimmt. Welche ungeheuere Summe von Menschenglück wurde da im Interesse des Geldsacks zu Grunde gerichtet! Geg en das französisch⸗ russische Bündnis sprach sich Genosse Jaurès am Sonntag auf einer franko⸗italienischen Verbrüderungsfeier aus. Jaures, der den Vorsitz führte, betonte den von ihm in letzter Zeit energisch ver fochtenen Gedanken von der Notwendigkeit, Frankreich zaus den engen Banden einer ausschließlichen Allianz(d. h. der Zarenallianz) zu befreien.“ Die neuerliche Annäherung zwischen Frankreich und Italien wurde von ihm begrüßt auch als Mittel, jene Bande zu schwächen:„Wir werden mit Freuden den eisigen Allianzkreis sich öffnen sehen unter dem Einfluß der heißen Strahlen einer Allianz zwischen Demokratien, die uns helfen den Eisblock der franko⸗russischen Allianz zum Schmelzen zu bringen.“ Colly, sozialistisches Mitglied des Pariser Gemeinderats, erstreckte in seiner Ansprache die Verbrüderung auf alle Völker und namenk⸗ lich auf das russische Volk, unter dem Rufe:„Nieder mit dem moskowitischen Henker!“ Schurkereien russischer Gewalthaber. 5 Das gemeine und schamlose Mittel, mit dem die russische Regierung die Arbeiterbewegung zu unterdrücken denkt, die Körperstrafe, die in so viehischer Weise v. Wahl in Wilna gehandhabt hat, ist nicht nur in Wilna zur Anwendung gekommen, sondern auch in ver⸗ schiedenen anderen Städten. In Jekaterinoslaw, wo es den Arbeitern bei der Maidemonstration gelang, mit einer roten Fahne mit der Inschrift: „Nieder mit dem Absolutismus“ durch mehrere Straßen einen Umzug zu veranstalten, wurden von elf Verhafteten sechs einer grausamen Zu chtigung unterworfen. In Krementschug sind fast alle Arretierte durchgepeitscht worden. Aus der Sckreckensresidenz v. Wahls wird berichtet, daß unter den mit Ruthen be⸗ straften Teilnehmern der Demonstration sich auch ein junges Mädchen befunden habe, das bald nach den barbarischen Unmenschlich⸗ keiten verstorben ist. Eine weitere Bestialität der zarischen Henker wurde dem Vorwärts gus Liebau mitgeteilt. Dort wurde eine Versammlung von zirka 60 jüdischen Arbeitern und Arbeiterinnen verhaftet. Im Polizeihause wurden die Arbeiterinnen der Sittenpolizei übergeben, sie wurden ge⸗ waltsam einer ärztlichen Unter- suchung unterworfen und man gab ihnen gelbe Billets“(Legitimation für Prostituierte). Jeder zivilisierte Mensch— welcher politischen Richtung er auch angehören mag— wird gegen⸗ über einem Regierungssystem, das solche Mittel in der Verfolgung ehrlicher Arbeiterinnen, die sich an der Organisation ihrer Klasse beteiligten, anwendet, die tiefste Verachtung empfinden.— Kann man es da den Gequälten verargen, wenn sie zu den Waffen greifen? Wir meinen sogar, diese Bestien von Beamten mit allen Mitteln zu beseitigen, ist geradezu menschliche Pflicht. Die Pfaffenseuche in Epauien. Im frommen Spanien wurde jüngst amtlich die Zahl der Klöster festgestellt. Sie beträgt 3115 mit 50933 Mitgliedern, davon sind 529 Mönchsklöster mit 10745 Mitgliedern und 2586 Nonnenklöster mit zirka 40 188 Mitgliedern. 354 Klöster sind nicht eingeschrieben. Es wäre noch interessanter, festzustellen, wieviel Millionen oder Milliarden durch Erbschleicherei, Bettelei und Bußsteuern in diesen Klöstern aufgehäuft sind. Man würde dann erst begreifen, warum das Land verarmen mußte. Von Nah und Lern. Hessisches. Die Zweite Kammer erledigte am Seite 3. öffentlichen Sparkassen. Diese Vorlage regelt die rechtlichen Verhältnisse der Sparkassen und trifft Bestimmungen, die die Sicherheit der Einleger erhöhen sollen. Die Vorlage wurde mit einige! Abänderungen genehmigt. Mittwoch kam in Verbindung mit dem Gesetzentwurf über die Pfandbrief bank die Vorlage über die Wohnungsfür⸗ sorge für Minderbemittelte zur Erörterung. Finanzminister Gnauth begründete die Vorlage sehr eingehend. Wenn auf dem Gebiet der Wohnungsfürsorge für Minderbemittelte etwas Positives geschehen soll, so bedarf es dazu eines billigen Kredits. Zu diesem Zweck wäre zu⸗ nächst die Landeskreditkasse berufen. Wenn man aber der Landeskreditkasse neue Aus gaben zumutet, so kann man das nur, falls man zu⸗ gleich den Staatskredit schonen will, indem man die Landeskreditkasse auf der anderen Seite entlastet. Das soll durch die Pfand⸗ briefbank geschehen. Der Minister führt dann weiter aus, in welcher Weise die Bank in den Stand gesetzt werden soll, den Kreditbedarf der Gemeinden und privater Gewerbetreibender zur Erbauung billiger Wohnungen zu befriedigen. Abg. Gutfleisch bezeichnet die Vorlage als einen Versuch. Er set überzeugt, wenn die Kammer die Vorlage annehme, so würde man für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes einen heilsamen und guten Schritt vorwärts thun.— Nach weiterer kurzer Spezialdebatte wird die Vorlage nach den Beschlüssen des Ausschusses angenommen. Gießener Angelegenheiten. „Der Stadtbahn Schmandt hat seine Entlassung aus dem Dienste der Stadt Gießen eingereicht. Wie berichtet wird, übernimmt er das Direktorium etner Baugesellschaft in Köln. Vor einiger Zeit wurden in der Stadtverordneten⸗Versamm⸗ lung heftige Angriffe gegen das Stadtbauamt gerichtet und es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Rücktritt Schmandts damit zusammenhängt. — O, welche Lust, Soldat zu sein! Auf unsere Notiz in voriger Nummer mit diesem Stichwort schreibt uns ein Freund unseres Blattes: Vom 7. bis 20. dieses Monats war ich bei der 3. Landwehr⸗Kompaguie(Hauptmann Groß⸗ mann) eingezogen. Schon am Sonntag Morgen (Samstag waren wir eingerückt) merkten wir die— Strammheit unseres Hauptmannes. Wider alle Gepflogenheit im aktiven Dienst mußten wir auf dem Kasernenhof Honneur üben, zum Gaudium der aktiven Soldaten, die gerade zum Kirchgang antraten. Und dann der Dienst in der Woche. Jede Minute wurde ausgenützt. Fast jeden Augenblick beim Exerzieren wurde den Unteroffizieren gerufen und sie ermahnt, uns richtig herzunehmen. Und während dessen mußten immerwährend Griffe geübt werden. Ein Glück war nur, daß die Unteroffiziere die Leiden eines solchen Dienstes für den Land⸗ wehrmann besser zu würdigen wußten. Und erst die Titulationen! Alte Weiber, Hammels ꝛc. flogen uur so in der Luft herum. Und wie mag den Frommen zu Mute gewesen sein, als der Hauptmann rief: Jetzt laßt den Herrgott, Herrgott sein, jetzt horcht ihr auf mich! Bei einem Aufmarsch stürzte ein Landwehrmann, dabei entfiel ihm sein Gewehr. Er mußte das Unglück noch mit einer halben Stunde Nach⸗ exerzieren büßen, weil, wie der Hauptmann sagte, er das Gewehr festhalten müsse und wenn der Arm zerbreche. Das Gewehr müsse ihm lieber sein, wie der Arm. Wie sehr die Zeit ausgenutzt wurde, geht daraus hervor, daß wir beispielsweise an einem Tage morgens um ¼6 Uhr zum Felddienst antraten, der bis ½11 Uhr dauerte. Dann hatte die ganze Kompagnie Schießen und um 5.30 Uhr wurde wieder zum Felddienst angetreten, der bis fast 9 Uhr Abends dauerte. 2 Felddienste in einem Tage habe ich in meiner ganzen Dienstzeit nicht mitgemacht. Daß auch der Parademarsch tüchtig geübt wurde, kann man sich denken. Fast täglich gab es nach Beendigung des Ex⸗ erzierens noch einen Vorbeimarsch im Parade⸗ schritt zur Kasernenthüre. Sogar der lang⸗ Dienstag die Regierungsvorlage betreffend die! same Schritt wurde geübt zum Leidwesen 2 4 N„ g. eee N— .— 5 c. 25 5.*—— 55 . 2 Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 26. der Landwehrleute, die ihn in ihrer Dienstzeit nicht gelernt hatten. Einer der schlimmsten Tage war jedenfalls der 14. Juni, ein Samstag. An diesem Tage war im ganzen Regiment Felddienst. Die Kompagnie sollte mit den übrigen zu einer bestimmten Zeit am Ostaus⸗ gang von Wieseck stehen. Längst schon waren die andern Kompagnien abgerückt, da standen wir immer noch auf dem Kasernenhofe. End⸗ lich rückten auch wir ab, ohne daß bis dahin der Hauptmann dabei war. Erst bei Wieseck holte er uns ein. Und als dann die andern Kompagnien bereits abmarschiert waren, wurden wir immerwährend zur größten Eile angetrieben, um die andern einzuholen. Im größten Eil⸗ marsch ging es bei der schwülen Witterung auf Alten⸗Buseck zu. Und als wir auch jetzt die andern noch nicht einholten, da hieß es Laufschritt. Und mit gepacktem Tornister lief die ganze Kompagnie den Berg hinauf; ein Experiment, das jedenfalls noch keiner von Uns erlebt hatte, auf dem Marsche. Ein schlimmer Tag war noch der Mittwoch, der Tag vor der Besichtigung. Morgens von ½6 Uhr Felddienst. Der Regen floß in Strömen und es regnete bis zur Beendigung des Dienstes um ½11 Uhr. Ganz durchnäßt kamen wir in der Kaserne an. Das Wasser stand in den Stiefeln. Wohl hatte der Feldwebel vorsorglich auf den Zimmern heizen lassen. Aber das hielt nicht lange vor, so daß es nicht möglich war, die Kleider schnell zu trocknen. Trotzdem war um 3 Uhr Exerzieren in demselben Anzug und um 6 Uhr Appell in demselben hergerichtet zur BesichtigQung. So war es denn auch kein Wunder, daß, als der Hauptmann die Aufforderung an die Mann⸗ schaft stellte, vorzutreten, wer geneigt sei, sich auf einem Bilde mit photographieren zu lassen, kein Mann vortrat. Selbst der stramme Kriegervereinler von Hohensolms nicht, der in der Instruktion auf die Frage, was„Treue“ sei, antwortete, wenn man in Zivil sei, so müsse man im Kriegerverein sein und jeden, der unehrerbietig von einem Fürsten spreche, zur Anzeige bringen. Zum Schlusse will ich noch bemerken, daß auch die Kost viel zu wünschen übrig ließ. An einem Tage war sogar die Nudelsupne vollständig mit Kaffersatz vermischt. Die Entrüstungsrufe und sonstigen Auslassungen der Landwehrleute infolge dieser Erlebnisse zu schildern, ist mir aus bekannten Gründen nicht möglich. — Zur Wohnungsfrage. Im hessi⸗ schen Landtage ergriff bei Beratung der Re⸗ gierungsvorlage, betreffend die Wohnungsfür⸗ sorge für Minderbemittelte unser Genosse Ulrich das Wort, um den Standpunkt unserer Partei in dieser Frage darzulegen. Er führte aus, ihm gehe dies Gesetz lange nicht weit genug. Es ist nicht genügend, die ungesunden Wohn⸗ ungen zw ngsweise zu beseitigen, sondern man muß den aus diesen Wohnungen Ausgetriebenen zugleich gesunde Wohnungen zur Ver⸗ fügung stellen können. Solange hierfür nicht gesorgt ist, wird das neue Gesetz nur wenig zur Beseitigung der Wohnungsnot bei⸗ tragen. Es müsse den Gemeinden ein direktes Recht zum Bauen gegeben werden, und die Gemeinden müssen von Staatswegen zum Bauen angehalten werden. Dies Gesetz komme den minderbemittelten Gemeinden, insbesondere auf dem Lande, zu Gute, denn die Wohnungs— verhältnisse in den Gemeinden unter 5000 Seelen seinen zum Teil himmelschreiender als in Städten. Für die Arbeiter ist die Wohnungsfrage zur Zeit eine Lohnfrage und nichts anderes. Es ist außer Zweifel, daß die Wohn⸗ ungen der Arbeiter ihr Einkommen weit mehr belasten, als es bei allen anderen Leuten der Fall ist. In den Industriestädten werden die Arbeiter oft weit über ein Viertel ihres Ein⸗ kommen durch die Wohnungen belastet. Ein Reichswohnungsgesetz sei herbeizu⸗ führen, und die hessische Negierung solle dahin wirken, daß die Gedanken dieser ihrer Vorlage dem Bundesrat nahe gebracht würden. Jeden⸗ falls habe das Vorgehen der hessischen Regierung in dieser Frage große Bedeutung, und könne für die anderen deutschen Staaten ein Vorbild sein. Ihm sei der Vorschlag der Regierung annehmbar, weil er das Verständnis für diese Frage in weiteren Kreisen fördern werde. Wie schon unter„Hessisches“ mitgeteilt, wurde die Vorlage angenommen. — Bäcker Versammlung. Diesen Mittwoch, den 2. Juli nachm. 3 Uhr findet eine öffentliche Bäckerversammlung im„Wiener Höf“ statt, in welcher Herr Hetschold-Berlin über:„Die eingeführte Arbeitslosen⸗u. Kranken⸗ unterstützung als Förderer unserer Bestrebungen zur Verbesserung unserer Arbeits- und Lohn⸗ bedingungen“ sprechen wird. Selbstverständlich haben auch Angehörige anderer Berufe Zutritt. Pflicht der Bäcker ist es aber, für einen recht zahlreichen Besuch der Versammlung zu wirken. — Das„Volksfest“ zur Feier der Immatrikulation des 1000. Studenten soll nach einer Bekanntmachung der Bürgermeisterei Mitt⸗ woch den 2. Juli im Philosophenwald statt⸗ finden. Das Eintrittsgeld beträgt für jeden männlichen Teilnehmer 2 Mark, für Damen 1 Mark. Dafür stehen die von der Stadt ge⸗ stellten Speise und Getränke unbeschränkt zur Verfügung. Wer sich also beteiligen will, muß sich schon in solchen Verhältnissen befinden, daß er„es machen kann,“ wie man sich gewöhnlich ausdrückt. Unter diesen Bedingungen kann von einem„Volksfeste“ gar nicht geredet werden. Ein Fest für bessere Leute! Und das auf Kosten des Stadtsäckels. — Auf die Johannisfeier des hiesigen Orts⸗ vereins des Buchdruckerverbandes, die diesen Sonntag auf der Liebigshöhe stattfindet, machen wir nochmals aufmerksam. Wir sind überzeugt, daß jeder Besucher von der Fülle des dort Dargebotenen befriedigt sein wird. Zahlreiche Kollegen aus Marburg und den übrigen Orten der Umgebung haben ihr Erscheinen zugesagt. Die Festrede hält Stadtverordneter Krumm. — Die Deutsch⸗Amerikanische Petroleum⸗Gesellschaft sucht sich neuerdings festen Fuß zu fassen. Sie sucht durch enormen Preisdruck die Konkurrenz zu vernichten, um dann später die Preise willkürlich hoch zu schrauben. Die Konsumenten sollten sich hüten, diesen kapitalistischen Kniff zu Unterstützen. Aus dem Rreise gießen. — Eine Volksversammlung wird am Sonntag 6. Juli, Nachmittags ½4 Uhr in Rödgen im Lokale des Herrn Gustav Schneider stattfinden. Wir machen schon jetzt die Genossen in Rödgen, Trohe und Altenbuseck hierauf auf⸗ merksam. Gegenstand der Tagesordnung wird die Wahlrechts vorlage sein. Für guten Besuch zu sorgen, ist Pflicht der Genossen.— Bei dieser Gelegenheit wäre es für die Gießener Genossen angebracht, einen Ausflug nach Rödgen zu unternehmen. Der Weg dahin ist ja durch den schönen schattigen Wald selbst bei großer Hitze angenehm. — Feste. dortige Arbeiterverein Sonntag, den 29. Juni sein Stiftung sfest im Lokale des Herrn Gastwirt Schäfer. Stadtverordneter Busold⸗Friedberg hält die Festrede.— Der Gesangverein„Eintracht“ in Steinberg hält ebenfalls diesen Sonntag sein 33. Stiftungs⸗ fest im„Grünen Baum“ ab. Es findet ein Festzug durch den Ort statt, an dem sich zahl- reiche Vereine beteiligen.(Siehe Inserate.) Aus dem Rreise Wetzlar. h. Tod bei der Arbeit. Am Freitag kam der Bergmann Klotz aus Bechlingen, der in der bei Breitenbach gelegenen Grube beschäftigt war, auf schreckliche Weise ums Leben. Wie der Wetzl. Anz. berichtet, hatte Klotz bemerkt, daß an dem Bremsberg etwas nicht in Ord⸗ nung war. Er sah nach und während dessen wurde er von einem Seil erfaßt und in die Höhe gezogen. Hierbei wurde ihm der obere Teil des Kopfes vollständig abgerissen, sodaß die Gehirnteile in der ganzen Nähe umherflogen. Der unglückliche Mann, welcher eine Frau mit f kleinen Kinder hinterläßt, war natürlich so⸗ ort tot. In Niedershausen fand am Sonntag vor acht Tagen eine öffentliche Volks⸗ versammlung statt, in der Genosse Habicht⸗ Frankfurt über das Erfurter Programm sprach. Die Versammlung war außerordentlich gut be⸗ In Daubringen begeht der b sucht und folgte dem Vortrage mit großer Aufmerksamkeit. Redner schilderte die brutalen Versuche, mit welchen die Gewalthaber seit 1848 die Arbeiterbewegung niederzuknüppeln suchten. Dann erklärte und erläuterte der Redner an der Hand des Erfurter Programmes unsere Forderungen an den heutigen Staat in aus⸗ führlicher Weise, öfters von Beifall unterbrochen. Die Versammlung hat gezeigt, daß alle Sozi⸗ alistentöterei, die in letzter Zeit in hiesiger Gegend vielfach verbrochen wird, absolut nicht mehr zieht. Selbst der tapfere„Gottesmann“ im benachbarten Löhnberg wird uns nicht mehr offen entgegentreten, denn trotzdem die Gegner öffentlich eingeladen waren, meldete sich keiner zum Wort. Diese„Tapferen“ sind eben auch pfiffig; daß sie bei einer offenen Aussprache ohne Einschränkung der Redezeit zum Schlusse den Kürzeren ziehen, wissen sie vorher, deshalb schießen diese Leute aus dem Hinterhalt. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. St. Schwurgericht. Am Montag begann vor hiesigem Landgericht die diesjährige Som⸗ mersession des Schwurgerichts mit der Ver⸗ handlung gegen den Kaufmann Karl Breiden⸗ stein aus Biedenkopf wegen Sittlichkeitsver⸗ brechen. Das Urteil lautete auf Freisprechung. — In der Dienstagssitzung wurde der Hand⸗ langer Dietrich Michael aus Großseel heim, ebenfalls wegen Sittlichkeitsverbrechen angeklagt, zu 1 Jahr 9 Monaten Gefängnis verurteilt. An beiden Tagen war die Oeffentlichkeit aus⸗ geschlossen.— Am Mittwoch, dem letzten Sitz⸗ ungstage, wurde gegen den Kaufmann Karl Kreicker aus Bledenkopf wegen Brandstiftung verhandelt. Bei Absendung dieses Berichtes waren jedoch die Verhandlungen noch nicht beendet. — Das Sommerfest des Gesangvereins „Eintracht“, welches am vergangenen Sonntag im Schloßgarten dahier gefeiert wurde, nahm einen recht gemütlichen Verlauf. Bei Gesangs⸗ vorträgen, Preiskegeln für Herren und Damen ꝛc. und Tanz vergnügten sich die Teilnehmer aufs beste und dürfte auch das pekuniäre Ergebnis ein befriedigendes gewesen sein. — Sängerkrieg in Beltershausen. Im Gegensatz zu obigem Arbeiterfeste nahm das am Sonntag in Beltershausen abgehaltene Sängerfest einer Anzahl ländlicher Gesang⸗ vereine, wie es bei solchen Gelegenheiten aber fast immer der Fall ist, einen recht ungemüt⸗ lichen Verlauf. Eine gehörige Keilerei, bet der es blutige Köpfe und sonstige Verletzungen gab und bei der mit Wagenrungen drauf gehauen wurde, gab dem Fest die nötige Weihe. Der anwesende Gendarm konnte natürlich nicht viel ausrichten. Die Sache wird aber ein gericht⸗ liches Nachspiel haben. Schlimmes Sittenbild aus Offenbach. Eine am Freitag in Darmstadt stattgefundene Strafkammerverhandlung entrollte ein schauder⸗ haftes Bild von dem skandalösen Treiben eines Offenbacher Wirtes. Der 54 Jahre alte vor⸗ bestrafte Gastwirt Joh. Leonh. Schneider in Offenbach hatte sich, wie das Offenb. Abendbl. berichtet, wegen schwerer Kuppelei zu verant⸗ worten. Er betreibt seit einer Reihe von Jahren Wirtschaft, hatte erst den„Oberpollinger“ und seit 1897 die Wirtschaft„zum Schützenlies'l“ im großen Biergrund 15, und hat in diesem Lokale, in welchem meist Dirnen und deren Zuhälter verkehrten, in nicht zu beschreibender leichtfertiger Weise der Unsittlichkeit Vorschub geleistet, wie es man fast kaum in der Groß⸗ stadt antrifft. Die Verhandlungen wurden unter Ausschluß der Oeffentlichkeit geführt, und dau⸗ erten bis zum Abend, da über 40 Zeugen zu vernehmen waren. Es wurden geradezu schau⸗ dererregende Thatsachen ans Tageslicht gefördert und bedauerte der Vorsitzende, daß ulcht auch eine Anzahl der Zeugen unter Anklage gestellt seien, damit man sie für ihr Treiben büßen lassen könnte. Der Vertreter der Staatsan⸗ waltschaft hatte drei Jahre Gefängnis bean⸗ tragt, doch wurde Sch. nur zu 2 Jahren Ge⸗ fängnis verurteilt und ihm die bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf Jahre aberkannt.— — —rß... ²˙ Q]jðͤ ˙. ,, * r— F — 2 chain. tag begann rige Som⸗ t der Ver⸗ Breiden⸗ tlichkeitsver⸗ reisprechung. der Hand⸗ roßseelheim, n angeklagt, pberurteilt. lichkeit aus⸗ letzten Sitz⸗ mann Kall randstiftung 28 Berichtes hoch nicht esangbereins nen Sonntag rde, nahm ei Gesangs⸗ d Damen 2e. sehmer aufs e Ergebnis röhausen. cfeste nahm abgehaltene er Gesang⸗ heiten aber t ungemüt⸗ rei, bel der ngen ga f gehauen Beihe. Der, h nicht viel ein gericht⸗ Offenbach. attgefunde an cha reiben kills re alte bor neidel 1 lb. Aberobl zu beralt⸗ 0 Jahren bol Jaht. 0 linger e Hütenlles! t in diesen deren ————— ——— —— N ee — dieser Meldung Nr. 26. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. Uebrigens ist schon wieder eine Untersuchung ähnlicher Art im Gange. In letzterem Falle betrifft es aber einen Wirt, bei dem die„besseren“ Kreise verkehrten. Als Zeugen sind Ehemänner und junge Leute aus den ersten Familien ver⸗ nommen worden. Duellwütiger Beigeordneter. Der abgesetzte Beigeordnete Wolff in Offenbach hat dem Stadtverordneten Th. Böhm kürzlich eine Forderung auf Pistolen übersandt. Der betreffende Stadtverordnete hatte s. Zt. den Antrag auf vorläufige Amts⸗ enthebung des Herrn Wolff eingeoracht und begründet. Für einen Mann, der sonst doch etwas moderne Anschauungen bekundet hat und der nebenbei noch Jurist ist, sind das doch höchst eigenartige Verteidigungsmittel. Bei jedem vernünftigen Menschen macht sich der Mann nur lächerlich, wenn er mit Sabul und fei. herumfuchtelt, er schabet damit nur sich elbst. Ordnungsmann, der den Stadt bemogelt. Die Strafkammer in Dortmund verur⸗ teilte den Brennereibesitzer Stokebrand aus Cörbecke bei Soest wegen Steuerhinter⸗ ziehung, wissentlich falscher Anschuldigung und verleumderischer Beleidigung zu einer Ge⸗ fängnisstrafe von zwei Monaten und 2000 Mk. Geldstrafe. Der Obersteuer⸗ kontroleur Heimann in Soest fand heraus, daß Stokebrand Jahre lang es fertig brachte, durch Erhitzung des Probebehälters und Zuführung heißer Dämpfe den Alkoholgehalt herabzudrücken und demgemäß auch zu wenig Steuern gezahlt hatte. Während des Verfahrens machte der Angeklagte verschiedene Eingaben, sogar eine solche an den Bundesrat, in welchen er den Beamten verdächtigte und behauptete, dieser suche ihn zu vernichten. Die Geldstrafe wäre weit höher ausgefallen, wenn der Gerichtshof nicht in Betracht gezogen hätte, daß der Ange⸗ klagte durch die mehrere Tausend Mack betra⸗ geuden Prozeßkosten schon hart genug getroffen sei.— Ja, ja, das Zahlen über⸗ lassen die braben Patrioten gern den übrigen Bolksgenossen. Ein entsetzliches Grubenunglück ereignete sich am Montag auf dem Oberhohn⸗ dorfer Forstschacht bei Zwickau in Sachsen. Arbeitende Bergleute wurden plötzlich durch hereinbrechendes Gestein überrascht, wo— bei zwei Arbeiter den Tod erlitten. Der Fördermann Dehler wurde von Gesteinsstück direkt erschlagen, während einem Häuer das Kreuz gebrochen und der Unterleib eingedrückt wurde, worauf der Aermste erst nach drei Stunden unter unsagbaren Schmerzen seinen Geist aufgab. Ein dritter Arbeiter wurde am Kopfe nur leicht verletzt. Der er⸗ schlagene Häuer war verheiratet und Vater mehrerer Kinder, während der Fördermann Dehler noch ledig war. Wen die Schuld an dem furchtbaren Unglück trifft, konnte bisher nicht festgestellt werden. Sittenstrenger Kaplan. Kaplan Gremer, Religionslehrer in einer Volksschule zu Karlsruhe, hat den Knaben verboten, in kurzen Hosen, den Mädchen, mit kurzen Aermeln in die Schule zu kommen. Acht Tage schwieg die ultramontane Presse zu eines Karlsruher Blattes. Dann erklärte das Fraktionsorgan des Zentrums, der„Bad. Beob.“, der Kaplan sei vollkommen im Recht. Also auch die Herren von der Presse sind so sittenstreng und schamhaft wie der Kaplan. Doch muß die Keuschheit der Leutchen auf sehr schwachen Füßen stehen, wenn sie durch den Anblick eines bloßen Mädchenarmes in's Wanken gerät! Das Urteil eines Satten. Was ein„hübscher Wochenverdienst“ ist, das erfuhren die Teilnehmer einer Verhandlung beim Schiedsgericht für Arbeiterverstcherung in Chemnitz aus berufenem Munde. Eine ältere einem Juvalidenrenten-Ansprecherin hatte mit ihrem Rentenantrag bei der Versicherungsanstalt aus verschiedenen Gründen kein Glück gehabt und deshalb Berufung eingelegt. Alle Hinderntsse schienen beseitigt. Da machte der Vertreter der Versicherungsanstalt darauf aufmerksam, daß doch die Frau noch„einen ganz hübschen Wochenverdienst“ habe. Sie verdiene wöchent⸗ lich noch 1,80 Mk.() und somit mehr, als ein Drittel desjenigen Betrages, den bei gleicher Arbeit gesunde Arbeiter verdienen. Der das sagt, ist ein Mann der jährlich etwa 10000 Mk. an Gehalt ꝛc. einzuziehen das Glück hat. Kleine Mitteilungen. a Ein nicht unbedeutender Brand entstand am vorigen Freitag in der elektrischen Anlage des Eisen⸗ werkes in Lollar, wodurch erheblicher Schaden ange⸗ richtet wurde. Ein Uebergreifen des Feuers auf die übrigen Gebäude wurde verhindert. a Wegen Unterschlagung wurde vorigen Donnerstag der Stadtrechner Schreiner in Laubach verhaftet. Schr. war Verwalter der Stadt- und der Sparkasse und auch Kassierer des land wirtschaftlichen Provinzialvereins. Er wurde bisher von Jedermann als ein durchaus gewissenhafter Beamter angesehen und erfreute sich allgemeiner Beliebtheit. Wie hoch sich die Unterschlagungen belaufen, muß erst die weitere Unter⸗ suchung feststellen. ) Opfer der Arbeit. Auf der Grube„Justine“ bei Weilburg verunglückte der Bergmann Rehn aus Kirschhausen am Samstag dadurch, daß er ausrutschte und in den Schacht hinabstürzte. Er war sofort tot. Megen Sittlichkeitsverbrechen begangen an einem 5 jährigen Kinde wurde der 60 jährige Knecht eines Landwirts in Vilbel verhaftet und in das Gießener Untersuchungsgefängnis eingeliefert. . Unschuldig verurteilt. Der Bergmann Spitz in Essen war im Jahre 1883 wegen Sittlich⸗ keitsverbrechen zu neun Monaten Gefängnis verurteilt worden, die er trotz unaufhörlicher Unschuld⸗ beteuerung verbüßte. Die Bestrafung war auf die Aussage seiner mit ihm iu Streit lebenden Stieftochter erfolgt. Diese zeigte jetzt dem Gerichte an, damals falsche Aussagen gemacht zu haben. Im Wiederauf⸗ nahmeverfahren ist hieraufhin Spitz freigesprochen worden. e Wer begnadigt wird. Den Frommen müssen alle Dinge zum Besten dienen. Pfarrer Faulhaber in Hall in Württemberg, der im Sommer 1900 wegen zahlreicher Verbrechen zu 2 Jahren 3 Monaten Gefäng⸗ nis verurteilt wurde, ist wegen seines„Leidenden Zu⸗ standes“ begnadigt worden, nachdem er erwa die Hälfte seiner Strafe ab gesessen hat. Auf arme Teufel, die oft viel weniger Sünden auf dem Kerbholz hatten, wird in der Regel keine Rücksicht genommen. Gewerkschaftliches und Arbeiterbewegung. Der deutsche Schneiderverband hat nach seiner eben veröffentlichen Abrechnung im Krisenjahre 1901 doch einen Mitglieder⸗ zuwachs von rund 1000 gehabt. Ende 1901 zählte der Verband 16,693 Mitglieder, darunter 704 weibliche. Die Gesamteinnahmen betrugen 251,473 Mk.; aus segeben sind u. a. 20,632 Mk. für die Fachzeitung, 9230 für Kranke, 12,405 für Reisende, 62,144 für Streikende, für Agi⸗ tation 8140 Mk. Das Vermögen betrug am Jahresschluß mir dem Bestand in den Zahl⸗— stellen rund 79,000 Mk. Vom Gewerkschaftskongreß, der am Samstag seine Verhandlungen beendete, sei noch folgendes nachgetragen. Begonnen wurden am Freitag die Arbeiten des Kongresses mit einem Referate des Zentralkassierers des Schneiderverbandes, des Gen. F. Käming über die Hausindustrie. In kritischer Weise behandelte er die Ohnmacht der amt⸗ lichen Sozialpolitik im deutschen Reiche den zum Himmel schreienden Mißständen in der Hausindustrie gegenüber. Weit ausgreifend legte er die Schäden der Hausindustrie nach verschiedenen Richtungen dar, sie an den that⸗ sächlichen Verhältnissen in verschiedenen Ge⸗ werben anschaulich machend. Der Kongreß drückte seinen Beifall aus, indem er sich ohne Diskussion einstimmig mit dem Referate in Uebereinstimmung erklärte. Die General⸗ kommission wurde auf Grund der beschlossenen Resolution beauftragt, einen besonderen Kongreß zur Erörterung aller die Hausindustrie betreffen⸗ den sozialpolitischen Fragen einzuberufen. Weit mehr griffen die Debatten aus über die für die Arbeiter gerade in der Zeit der Krise so bedeutungsvollen Fragen der Arbeits⸗ losenstatistik und Arbeitslosenver⸗ sicherung. Eine Reihe tüchtiger Reden be⸗ handelten die Arbeitslosenversicherung in gründ⸗ licher Weise. Die Ausführungen von Elm's, der Arbeitslosenversicherung, auch eine etwa in ferner Zukunft vom Reiche gestützte, nur im engen Zusammenhange mit den Gewerkschaften als Selbstverwaltungsorgane für annehmbar und wünschenswert erklärte, fanden den Bei⸗ fall des Kongresses, während die weniger ein⸗ fachen Vorschläge Tischendörfers nur bei einer sehr geringen Minderheit Anklang fanden. Ritler und Frl. Imle dehnen die Elmschen Vorschläge in Uebereinstimmung mit dem Kongresse aus. Nach Erledigung dieses Punktes verließen die Vertreter der Reichsregierung und Württem⸗ bergs den Kongreß. Es wurde nämlich über das mangelnde Koalitionsrecht der Eisen⸗ bahner und der ländlichen Arbeiter ver⸗ handelt. Den Vertretern von Behörden, die für die Zuchthausvorlage eintraten, war nicht die Erlaubnis gegeben worden, die so berech— tigten Beschwerden der Arbeiter zu hören. Die lebhaften Sympathien der industriellen Arbeiter für die Verwirklichung des Köoalitionsrechtes auf alle Arbeiter wurde durch die trefflichen Referate gesteigert. Aber nicht blos ländliche und Verkehrs- ar beiter bedürfen der Sicherung des Koalitions⸗ rechtes, auch für die industriellen Arbeiter fehlt selbst ohne Zuchthausgesetz noch vieles, um das Koalitionsrecht zur Wahrheit zu machen. Polizei und Gerichte sind eifrigst bemüht, das Koali⸗ tionsrecht der Arbeiter so enge wie möglich einzuhegen. Dagegen wandte sich eine kräftige von Massini begründete und einstimmig ange⸗ nommene Resolution. Schließlich wurde noch eine energische Protestresolution gegen den Zoll⸗ wucher einstimmig und ohne Debatte angenom⸗ men.— Auf einzelne der auf dem Kongresse behandelten Gegenstände kommen wir gelegentlich noch eingehender zurück. Partei-Nachrichten. Unsere Totenliste. Vorigen Dienstag starb in Dresden nach einem längeren schweren Gehirnleiden der Genosse Gruner, bis vor Kurzem Mitinhaber der Firma Kaden und Komp.(Verlag der Sächs. Arbeiter⸗ Ztg.). Gruner war ein äußerst rühriger und bewährter Genosse. Er war früher Landtagsabgeordneter, und einer der letzten, die durch den Wahlrechtsraub hinaus⸗ gedrängt wurden. Die Partei wird sein Andenken in Ehren halten. Versammlungskalender. Samstag, den 28. Juni. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.— Brauerverban d. Abends 9 Uhr General-Ver⸗ sammlung bei Löb, Wiener Hof. Sonntag, den 29. Juni. Schwalheim bei Friedberg. Bauarbeiter⸗Ver⸗ sammlung. Nachmittags 3 Uhr bei Gg. Wagner. T.⸗O.: Bauunfälle und ihre Verhütung. Referent Busold. Dienstag, den 1. Juli. Gießen. Gewerkschaftskartell. Sitzung bei Orbig. 8 Mittwoch, den 2. Juli. Abends 9 Uhr Gießen. Bäckerversammlung. Abends 8 Uhr bei Löb(Wiener Hof). —. ̃ ͤ—F1— ̃ ¶— MM p— Briefkasten. G. H. Gießen. Sie verlangen von uns, daß wir auf das Gebahren einzelner Geschäfte hinweisen sollen, die durch Ankündigungen Waren im Einzelver⸗ kauf fast billiger anbieten, als sie im Großhandel zu haben sind. Für uns ist es aber außerordentlich schwierig, nachzuprüfen, ob irgend eine Ware für den angegebenen Preis geliefert werden kann oder nicht. In allen soliden Geschäften sind die Preise für die gangbarsten Waren ungefähr gleich. Daß für Schund⸗ preise keine ordentliche Ware geliefert werden kann, weiß ja jeder Käufer. „. 3 — e . 0 Seite 6. Mitteldeutsche Ssuntags⸗Zeitung. Nr. 26. G e* b Unterhaltungs-Ceil. 5—— 2 Das Goldmacherdorf. Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinrich Zschokke. 4(Fortsetzung). 5. Wie Oswald von seinen Feinden verfolgt wird, und was er dagegen thut. Oswald hatte seit dem Tage, da er an die Gemeinde geredet, eitel Verdruß und Not. Böse Buben warfen ihm Nachts die Fenster mit Steinen ein.„In einer andern Nacht hatten sie ihm sechs junge Obstbäume abgebrochen, die er im Garten gepflanzt hatte. In einer andern Nacht hatten sie ihm den Salat von den Beeten e „Als er zu den Vorgesetzten ging und Klage führte, lachten sie höhnisch und sprachen:„Du hättest wohl mehr Strafe verdient, wenn wir mit dir nach aller Strenge verfahren wollten. Packe dich von hinnen, du Lästermaul!“ Oswald sagte:„Wenn ihr mir gegen Böse⸗ wichter weder Recht noch Schutz verleihen wollet, so machet in der Gemeinde bekannt, daß ich mich selber zu beschirmen wissen werde, und sich jeder vor Schaden hüten solle.“ Die Feinde aber fuhren fort, ihn zu plagen, doch nie ohne ihren Schaden und Schrecken. Denn als er eines Abend in der Mühle war, und sie es wußten, und sich in seinen Garten schlichen, um ihm alles zu zerstören, geschahen plötzlich aus den Fenstern seines Hauses zwei Schüsse. Da liefen sie mit Entsetzen davon und meinten, er müsse den bösen Geist im Hause zum Wächter haben. Denn während sie noch ltefen, begegnete ihnen Oswald, der von der Mühle kam; er packte einen von ihnen und sprach mit fürchterlicher Stimme:„Warum habt ihr, wie Diebe, in meinen Garten ein— brechen wollen?“ Doch that er ihnen nichts zu leide. Ein andermal, da schlechte Kerls ihm einen Possen spielen wollten, und nach Mitternacht, vom Branntwein erhitzt, über den Haag stiegen, der sein kleines Gut umfing, wurden sie an den Füßen blutig verwundet, daß sie vor Schmerzen laut aufschrieen, und kaum über den Haag zurück konnten. Diese und andere Geschichten verbreiteten im Dorfe große Furcht und es wagte sich keiner mehr des Nachts in die Gegend von Oswalds Haus. Er aber blieb freundlich gegen jedermann, wie zuvor; gab dem einen guten Rat, dem andern in der Not ein Stück Geld. Doch that ihm der elende Zustand der Gemeinde leid, und er begab sich eines Tages zum Pfarrer und klagte es. Der Pfarrer sprach:„Ich bin Pfarrer, und habe hier nicht zu befehlen, und kann mich in Eure Händel nicht mischen. Alles Unglück dieses Dorfes kommt daher, daß die Leute im Schlamm und Unflat der Sünden untergehen. Sie fragen dem Worte Gottes nichts nach, und verkürzen aller Orten das Einkommen meiner Pfründe. Es wird aber ein schweres Zorngericht des Herrn über sie kommen, und die Langmut des Himmels nicht länger ihren Sünden nachschauen.“ Oswald sagte:„Herr Pfarrer, mit Er⸗ laubnis, Ihr könnet doch, wenn Ihr wollet, vieles zur Rettung der Gemeinde thun. Denn das Herz dieser Menschen ist verwildert, weil ihr Verstand verwildert ist. Wenn Ihr Euch der Schule annehmen und die Jugend in guten Sitten und im christlichen Lebenswandel unter⸗ richten wollet, daß sie die Tugend lieben und das Laster scheuen lernte: es würden die guten Früchte der Besserung nicht ausbleiben.“ Der Pfarrer antwortet:„Dafür ist der Schulmeister und nicht der Pfarrer. Ich habe bei der Menge meiner wichtigen Amtsgeschäfte keine Zeit dazu übrig. ist Schuld, daß sie keinen rechten Schulmeister haben kann, weil sie ihn schlecht besoldet.“ Oswald sagte:„Wohlehrwürdiger Herr Pfarrer, ein guter Hirt, der seine Heerde wohl weidet, bekümmert sich auch um jedes einzelne in derselben. Die Leute sind unwissend, und verderben oft blos aus Unverstand, weil sie nicht wissen, wie sich helfen und ihre Sachen einrichten? Wenn Ihr nun bald zu dieser, bald zu jener Haushaltung in müßigen Stunden ginget, und sehet die Unvernunft der armen Leute, die oft nur zu Grunde gehen, weil ste sich nicht recht zu raten wissen;— sehet, wie sich die armen Menschen nach und nach an ihr Verderben gewöhnen, bis sie von Haus und Hof getrieben werden; sehet,— wie die Kinder, erbärmlich verwahrloset, unmöglich besser werden können, weil sie nur das schlechteste auf der Erde hören und sehen;— o, Herr Pfarrer, wenn Ihr nun einmal...“ Der Pfarrer unterbrach den Oswald in seiner Rede und schrie:„Was ficht Euch an? Wollet Ihr dem Pfarrer gute Lehren geben und Unterricht, was er als Pfarrer zu thun habe. Hebet Euch weg von mir mit Euren Versuchungen. Ich bin ein geistlicher Hirt, der für die armen Seelen sorgt, und bete täg⸗ lich für sie. Aber Ihr wollet mich, glaub ich, zum Säutreiber machen:“ Als der Herr Pfarrer so zornig sprach, ging Oswald von dannen und sein Herz war sehr betrübt. Aber er konnte doch nicht ruhen und dachte: es muß und soll geholfen werden, und Gott wird mir beistehen. Und er legte Feierkleider an, nahm den Stab, und wanderte in die Hauptstadt des Landes. Da ging er umher zu den obersten Staatsbeamten, von Haus zu Haus, sein schweres Anliegen vorzubringen. Aber der eine von den Herren hatte ein großes Gastmahl und konnte ihn nicht hören; der andere war spa⸗ zieren gefahren und konnte ihn nicht hören; der dritte saß eben beim Spieltisch mit den Karten in der Hand und konnte ihn nicht hören; der vierte zählte die eingegangenen Zinsen und konnte ihn nicht hören; der fünfte führte ein junges Frauenzimmer zum Tanzhaus und konnte ihn nicht hören. Endlich kam er zum letzten, der hörte ihn an. Es war ein steinalter Mann mit einer weißen Haarbeutel⸗ perücke. Vor diesem schüttelte Oswald sein Herz aus, sprach vom Elend seines Dorfes, von der Schlechtigkeit der Vorgesetzten, von der Gleichgültigkeit des Pfarrers, von der Unwissenheit des Schulmeisters. Darauf antwortete der alte Herr in der Haarbeutelperücke ganz freundlich und sprach zu ihm:„Du Flegel, der du geistliche und weltliche Obrigkeiten verlästerst, packe dich und räsonniere nicht weiter, oder ich lasse dich ins Zuchthaus bringen. Euer Herr Pfarrer ist ein vortrefflicher Mann, denn er ist mein eigener Vetter.“ Mit diesem Bescheid verließ Oswald die Hauptstadt. Als er wieder außer dem Stadt⸗ thor in die freie Luft kam, brach ihm das Herz, und er weinte laut. 6. Der neuerwählte Schulmeister. Als er am Nachmittag in das Dorf zurück⸗ kam, ließ er keinen Menschen wissen, warum er in die Hauptstadt des Landes gereiset, und wie es ihm da ergangen sei. Vielmehr stellte er sich wohlvergnügt und redete jedermann freundlich an, selbst seinen ärgsten Feind, den Löwenwirt Brenzel, welcher im Dorfe der reichste Mann, und im Gemeinderat der Vor⸗ nehmste war. Der stand breitbeinig vor der Hausthür, die Kappe schief auf dem Ohr, die Hände über den Bauch gefaltet, und schaute gar gebieterisch rechts und links. „Guten Abend, Herr Brenzel!“ rief ihm Oswald zu:„Habt Ihr schon Feierabend?“ Brenzel nickte vornehm mit dem Kopfe und sprach, ohne den Oswald anzusehen:„Ich verdiene meinen Taglohn, wenn ich mit der Hundspeitsche daheim bleibe und die Bettler von meinem Hause treibe.“ Wie Oswald diese unchrtistliche Rede von einem Vorsteher der Gemeinde hörte, welcher Die Gemeinde selbst; ein Vater der Armen, der Witwen und Waisen sein sollte, lief es ihm heiß und kalt über die Haut, und er verdoppelte seine Schritte, um davon zu kommen. Desto mehr erquickte ihn, da er an der Mühle vorüberging und er Elsbeth sah, die schöne Tochter des Müllers Siegfried. Sie saß auf der Bank vor dem Hause im spielenden Schatten eines jungen Kirschbaumes und nähte neue Hemden. Und sie ward feuer⸗ rot, wie sie den Oswald erblickte, reichte ihm die Hand zitternd, lächelte ihn holdselig an, und ihre Augen glänzten von Thränen. „Warum weinest du, Elsbeth?“ fragte Os⸗ wald erschrocken. Elsbeth wischte sich schnell die Augen, lächelte noch freundlicher und sagte, indem ste den Kopf schüttelte:„Heute sag ich dir's nicht, lieber Oswald, du sollst es schon einmal erfahren.“— Sie schien ihm schöner und zärtlicher, als er sie je gesehen. Aber wie viel er auch fragen 555 er erfuhr nicht, warum sie geweint abe. Darauf fragte ihn Elsbeth: bist in der Hauptstadt gewesen. Gelt, da hast du dir ein paar lustige Tage gemacht, wohl gar mit den schönen Stadtjungfern getanzt? Wie?— Oswald, du seufzest? E, ei, Oswald, das will mir nicht gefallen. Nun hast du Heimweh zur Stadt, und in unserm armen Dörflein ist es dir nicht schön ge ug.“ (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges. Bei verhagelten Kartoffeln treibt das Kraut frisch nach und zwar auf Kosten der Wurzeln und Knollen, welche in dieser Zeit an Größe nicht zulegen; deshalb ist eine Düngung mit Chilisalpeter nötig, damit möglichst rasch frisches Kraut nachwächst. Die Vertilgung der Ackerschnecke gelingt durch öfteres Ausstreuen von staub⸗ förmigem, gelöschtem, gebranntem Kalk. Der⸗ selbe wirkt so scharf ätzend, daß die davon ge⸗ troffene Schnecke zu Grunde geht. Um möglichst alle Schnecken zu treffen, bedarf es aber des mehrmaligen Ueberstreuens, und zwar nimmt man diese Arbeit bei trockenem Wetter früh Morgens vor. Splitter. Der Glaube ist zum Ruhen gut, Doch bringt er nicht von der Stelle; Der Zweifel in ehrlicher Männerfaust, Der sprengt die Pforten der Hölle. Theodor Storm. * E Die Kunst, Staaten zu erschüttern, besteht darin, geltende Gewohnheiten zu erschüttern, indem man ihre Quelle untersucht und darin aal Mangel an Autorität und Gerechtigkeit zeigt. Pascal. r Humoristisches. Auch ein Vergleich. Gattin(zum Gatten, der nach einer häuslichen Scene zärtlich wird):„Mann, Du bist wie ein Ofen, erst wenn man Dir einmal ordent⸗ lich einheizt, wirst Du wieder wärmer!“— Stilblüte. Aus einem Rom an:„Der Gatte sizt mit seiner Gattin beim Mittagessen. Sie schweigen. Augenscheinlich herrscht eine Mißstimmung zwischen ihnen. Sie verzehren ihr opulentes Mahl, ohne auch nur ein einziges Mal ihren Mund zu öffnen!“ ———— Geschichtskalender. 29. Juni. 1896: Dr. Sax, National⸗Oekonom, gestorben. 30. 1896: Soz. Wahlsieg in Halle. Joseph II. von Oesterreich erläßt Toleranz⸗Edikt. 1. Juli. 1876: Michel Bakunin, russischer Revo⸗ lutionär, gestorben. 1885: Lieske in Frankfurt wegen Ermordung des Poltizeirats Rumpf zum Tode verurteilt. 2. 1901: Wilhelm II. Racherede gegen China in Wilhelmshaven. 3. 1889: Wilh. Hasencle ver, soz. Reichstags⸗ abgeordneter, gestorben. 1878: J. J. Rousseau gestorben. 4. Jesuitenausweisung ans Deutschland. 5. 1792: Letzte deutsche Kaiserwahl durch die Kur⸗ fürsten. ö 1781: „Du aber ———— — ———— — 4 ause im ir 0 keichte un weg ine. 9 an, fragte Oz. gen lächelte sie 5 55 bebe cfahren.“ her, als er auch fragen sie geweint „Du aber delt da hat macht, wohl ern getanzt? „ei, Oswald un hast d sserm armen g.“ — n treibt das f Kosten der eser Zeit an ine Düngung öglichst rasch scerschnecke bon staub⸗ Kall. Der⸗ ie dabon ge⸗ im möglicht 8 aber des war nimmt Wetter früh b, telle; merfaust, le. heodot Storm. tern, best steht erschüttern, d und darin Gerechtgket Patcal. — aum Gatten, ird): e, aundl orden. 1— met! Nr. 26. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Seit Monatsfrist hat der Wahlverein Gießen den Vertrieb der sozialistischen Litteratur übernommen. In⸗ dem wir unsere Genossen darauf hinweisen, richten wir die Bitte an ste, sich ihrerseits um die weiteste Verbreitung unserer Parteischriften mit zu bemühen, damit unsere Anschauungen in die weitesten Kreise dringen. Auch alle hier nicht angeführten Bücher und Zeitschriften be⸗ sorgt die Kommission. Es sei noch bemerkt, daß der etwa erzielte Gewinn wieder im Interesse der Agitation verwendet wird. Wir machen auf folgende Broschüren und Zeitschriften aufmerksam. Das Kommunistische Manifest. Von Karl Marx und Friedrich Engels. Preis 15 Pfg. Das im Jahre 1847 verfaßte Manifest ist die be⸗ deutungsvollste Schrift der sozialistischen Litteratur. Trotz der 45 Jahre Zeitfortschritt haben die darin auf⸗ gestellten allgemeinen Grundsätze im Ganzen heute noch ihre Richtigkeit. Lohnarbeit und Kapital. Separatabdruck aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg. In der Einleitung, die Friedrich Engels dieser vorzüglichen Agitationsschrift über das Wesen der heutigen Produktionsweise vorausschickt, entwickelt er die Gründe, warum einzelne Stellen und Wendungen geändert sind und knüpft daran eine klare ökonomische Auseinander⸗ setzung über die verschiedenartigen Begriffe: Arbeit und Arbeitskraft. Christentum und Sozialismus. Bebel. Preis 10 N Von A Diese religiöse Polemik zwischen unserm Genossen und dem Kaplan Hohoff fand bereits in den Jahren 1873/74 statt. Der Inhalt des Schriftchens ist aber noch heute durchaus zeitgemäß. Grundzüge und Forderungen der Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky und Bruno Schönlank. Preis 10 Pfg. Enthält eine kurzgefaßte, allgemein verständliche Er⸗ läuterung des Erfurter Programms. Muß jeder Genosse besitzen! Wie ein Pfarrer Sozialdemokrat wurde. Eine Rede von Paul Göhre, Pfarrer a. D. Preis 10 Pfg. Weltkrach und Weltmarkt. Eine weltpoli⸗ tische Skizze von Fr. Mehring. Preis 25 Pfg. Weltpolitik, Chinawirren und Traus⸗ vaalkrieg. Von W. Liebknecht. Liebknecht's letzte Rede, gehalten zu Dresden im„Trianon“ am 28. Juli 1900. Preis 15 Pfg. Wilhelm Liebknecht. Sein Leben und Wirken. Unter Benutzung ungedruckter Briefe und Aufzeichnungen. Herausgegeben von Kurt Eisner. Mit Porträts und Abbildungen. Preis 30 Pfg. Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der 1 Streitfragen. Preis 30 Pfg. ozialdemokratisches Reichstagshandbuch. Bon Max Schippel. Ein Führer durch die Zeit⸗ und Streitfragen der Reichspolitik. In 37 Lieferungen A 20—.— Gebunden 9 Mk. Das Erfurter Programm. Von Karl Kautsky. Preis brosch. 1.50 Mk., gebd. 2 Mk. Die Agrarfrage. Von Karl Kautsky. Eine Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirt⸗ schaft und die Agrarpolitik der Sozialdemokratie. Preis brosch. 5 Mk., gebd. in Leinwand 6.50 Mk. Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie. Von Ed. Bernstein. Preis brosch. 2 Mk. Bernstein und das Sozialdemokratische Programm. Von Karl Kautsky. Eine Anti⸗ kritik. Preis brosch. 2 Mk. Städteverwaltung und Munizipal⸗Sozi⸗ alismus in England. Von C. Hugo. Preis brosch. 2 Mk., gebd. 2.50 Mk. Die Geschichte der englischen Arbeit. (Six Centuries of Work and Wages.) Von J. E. Thorold Rogers. Autorisierte Uebersetzung von Max Pannwitz. Revidiert von K. Kautsky. Preis brosch. 5 Mk., gebd. in Leinwand 6.50 Mk., in Halb⸗ franz 7.50 Mk. Geschichte des britischen Trade Unionis⸗ mus. Von Sidney und Beatrice Web b. Deutsch von R. Bernstein. Mit Roten und einem Nachwort versehen von E. Bernstein. Preis brosch. 5 Mk., gebd. in Leinwand 6.50 Mk., in Halbfranz 7.50 Mk. Theorie und Praxis der englischen Ge⸗ werkvereine..(Industrial Democracy.) Von Sidney und Beatrice Webb. Deutsch von 6 Hugo. (Zwei Bände.) Preis pro Band brosch. 6.50 Mk., in engl. Leinwand gebd. 3 Mk., Halbfranzband 9 Mk. . Ein nd 50 Elegante 15 Einfache Arbeiter-Zwirn⸗Hosen à 1.50 um dies besiͤtigt. 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Bringe Freunden und Ge⸗ nossen meine in empfehlende Erinnerung. Carl Orbig, Rittergasse. Wirtschaft Der ——— r c F P —