Nr. 42 0 At. 1 — L 23550 Nr. 43. Gießen, Sonntag, den 26. Oktober 1902. 9 Juhru⸗ N Redaktion: 9 nedbattion 4 Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche Desen 0 Nate 4 u. 7— f N NN 5 9 untags⸗ Zeitung. Abounementspreis: Bestellungen 1 Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die Sgespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch] Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postaustalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4940) 38 ¼%% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt Die Zollschlacht im Reichstage. Vorigen Donnerstag begann die zweite Lesung der Zollwuchervorlage. Das Haus wies eine ziemlich starke Besetzung auf; auch die Tribünen waren dicht besetzt. Bald nach Er⸗ öffnung der Sitzung erschien auch der Reichs⸗ kanzler samt fast allen preußischen Ministern. Bei den zweiten Lesungen 17 5 es bekanntlich prinzipiell keine Generaldebatte; that⸗ sächlich aber pflegt sich die Erörterung des oder der entscheidenden Paragraphen einer Vorlage zu einer Art Generaldebatte zu ge⸗ stalten. Eine solche zu entfesseln, ist allerdings der§ 1 des Tarifgesetzes mit seiner Fixierung der. höchst geeignet, zumal die die Maximalzölle für Weizen und Roggen betreffenden Tarifpositionen gleichzeitig mit be⸗ handelt wurden. Zuerst ergriff der Reichskanzler Graf Bülow das Wort. Er gab sich redliche Mühe, den Wuchertarif vor dem Scheitern zu bewahren. Seine in der Form gefällige Rede empfahl die berühmte„mittlere Linie“, deren häufige Erwähnung jedesmal die Linke in eine heitere Stimmung versetzte. Der sachlich bedeutungs⸗ vollste Teil der Kanzlerrede war die entschiedene Ablehnung aller Versuche, die Mindest⸗ sätze über die Regierungsvorlage hin⸗ aus zu erhöhen oder auf weitere Positionen des Tarifs auszudehnen. Die Erklärung ent⸗ fessete den Unwillen der Rechten und des Zentrums und fand nur bei den National⸗ liberalen einen noch dazu recht lauen Beifall. Dagegen fand die väterlich⸗salbungsvolle Mah⸗ nung des Kanzlers, nicht durch Obstruktion „die parlamentarischen Institutionen zu unter⸗ raben“ demonstrative Zustimmung bei den ollparteien. Die beinahe mitleiderregende Vereinsamung der Regierung trat am Schluß der Bülowschen Rede in deutliche Erscheinung. Eisiges Schweigen auf der Linken, eisiges Schweigen auf der Rechten, eisiges Schweigen im Zentrum; in diese eiskalte Temperatur konnte der laue Beifall eines Häufleins lauer Nationalliberaler nur ein recht unbedeutendes Wärmequantum hereintragen. Es ist hoffentlich ein günstiges Zeichen, daß als erster Redner aus dem Hause ein ent⸗ schiedener Gegner des Zolltarifs in jeder Gestalt, der Freisinnige Gothein, das Wort ergriff. Nun bestätigte sich, daß mindestens der fortgeschrittenere Flügel der Freisinnigen Vereinigung(die Abgeordneten Barth, Got⸗ hein usw.) ein zuverlässigerer i el gegen die Zollwucherparteien ist, als die Gefolg⸗ schaft des stets von Soztalistenfurcht und Sozia⸗ listenhaß geplagten Eugen Richter. In einer trefflichen Rede, deren Wirksamkeit ihre Länge wenig Eintrag that, zerpflückte der kenntnisreiche Abgeordnete von Greifswald⸗Grimmen die Sophisterrien der Agrarier; mit besonderem Nachdruck hob er den Schaden hervor, der den Arbeitern aus der Annahme des Zolltarifs erwachsen würde Lebhafter Beifall der gesamten Linken jenseits der Nationalliberalen lohnte den Redner, als er seine 2 stündigen Ausführungen schloß. Weit bequemer machte es sich der Agrarier von Kardorff, der die Sache mit den halb burschikosen, halb kavaliermäßigen Manieren eines ausgedienten Corpsburschen glaubte abthun zu dürfen. Große Heiterkeit rief es hervor, als sich der schwerreiche alte Gründer als Vertreter der— Landarbeiter aufspielte; er hatte übrigens recht, als er die⸗ selben als Parias) bezeichnete; recht freilich in anderem Sinne, als er meinte. Am zweiten Beratungstage— dem Freitag— wurde der Kampf gegen den Zollwucher durch den sozialdemokratischen Redner Antrick wirk⸗ sam fortgesetzt. Die Rede unseres Genossen dürfte die längste sein, die je im Reichstage . worden ist; sie dauerte 3¼ Stunden, also noch beträchtlich länger, als selbst jene ausgezeichnete Rede, mit welcher 1895 Genosse Auer der Umsturzvorlage gleich beim Beginne ihrer Beratung das Totenglöcklein läutete. Hoffentlich ist sie von dem gleichen Erfolge begleitet! Es war eine scharfe und gründliche Ab⸗ rechnung mit dem Egoismus der herr— schenden Klassen, die sich heute zu einem Beutezug auf die Tacchen derselben breiten Volksmasse anschicken, die sie vor Jahren durch das Umsturzgesetz zu knebeln gedachten. Antrick ließ auch nicht eine Seite der viel⸗ verschlungenen Tariffrage unberücksichtigt. Wie er den Angriff der verbündeten Großagrarier und Großindustriellen auf die Taschen der Konsumenten— in erster Linie, aber keines⸗ wegs ausschließlich der Arbeiter— auf das schärfste zurückwies, so betonte er mit nicht geringerem Nachdruck die Gefährdung der In⸗ teressen der Industrie und zumal der Export⸗ industrie durch den Zolltarif und ließ auch keineswegs den schroffen, vom Bund der Land⸗ wirte vergeblich bemäntelten, Interessengegensatz zwischen kleinem und großem Grund⸗ besitz unberücksichtigt. Ja, wir glauben sogar jene Partie, welche die schädlichen Folgen der Zölle für die kleine Landwirt⸗ schaft auf Grund sehr eingehenden Zahlen- materials behandelte, war einer der besten Abschnitte in der vortrefflichen Rede. Der Redner ging zuerst auf die Warnung des Reichskanzlers ein und bemerkte, das Ansehen des Parlamentes zu wahren, möge man diesem nur selbst überlassen. Hätte der Reichskanzler nur an seiner Stelle für die Würde Deutschlands gesorgt, als es sich um den Empfang der Buren handelte. Bei diesen Vorgängen aber ist Deutschland zum Gespött der ganzen Welt geworden. Wir werden uns durch keine Mahnung da⸗ von abhalten lassen, die Vorlage sachlich und gründlich zu prüfen. Im Interesse einer günstigen handelspoliti⸗ schen Entwicklung sind wir gegen Minimalzölle. Aber gewisse Leute wollen eben keine Handelsverträge, sondern den Zollkrieg. Frankreich hat sehr üble Erfah⸗ rungen mit seinem Doppeltarif im Kampfe gegen die Schweiz und Italien gemacht. Die Zollsätze des Ent⸗ wurfs für Weizen und Rogzen haben eine jährliche Mehrbelastung des Volkes von 658 Millionen Mark zur Folge. Deshalb müssen wir sie bis zum äußersten bekämpfen. Reduer führt eingehend den Nachweis, daß von den Kornzöllen in der Hauptsache nur der Großgrundbesitz Vorteile hat. Ueber 77 Prozent der Landwirte haben gar keinen Vorteil von den Getreidezöllen; etwa 22 Prozent verkaufen Getreide mit Vorteil; einen Riesenvorteil hat aber nur ein halbes Prozent der Landwirte. Der geringe Vortell, den die 22 Prozent haben, wird noch dazu durch die Verteuerung der Futtermittel, sowie durch die Industriezölle wieder aufgehoben. Nicht aber die U) In Indien eine verachtete Menschenklasse. Landwirtschaft als solche, sondern nur eine Handvoll Großgrundbesitzer hat einen Vorteil von den Getreidezöllen. Die Folge der Zölle wird lediglich eine Verteuerung des Grund und Bodens sein: davon haben die Landwirte aber keinen Vorteil, sondern nur Nach⸗ teil. Die Großgrundbesitzer allerdings würden eine Wertsteigerung ihres Grund und Bodens von 16 Millionen Mark erzielen. Daher die krampfhaften Anstrengungen der Agrarier, die sogar das Krachen der Throne in Aussicht stellen, wenn ihnen nicht Unsummen Mehrgewinn verschafft werden. Die kleinen Bauern werden durch die Getreide zölle direkt geschädigt. Ihre Haupteinn ahme wird aus der Viehzucht gezogen. Die Viehzucht aber wird durch die Zölle auf Gerste und Mais um ungefähr 80 Millionen geschädigt. Die kleine Landwirtschaft wird somit doppelt— durch die Versteuerung des Grund und Bodens und durch die Versteuerung der Futtermittel— getroffen. Daß trotzdem viele kleine Bauern dem Bunde der Landwirte angehören, ist bei den schwindelhaften Vorspiegelungen, die die Agitatoren des Bundes sich leisten, nicht zu verwundern. Jeder Getreidezoll kommt im Brotpreis zum Ausdruck. Je höher die Getreidezölle, desto höher der Brotpreis. Je mehr die Konsumenten für Brot ausgeben müssen, desto weniger können sie für andere Konsumtions⸗ artikel ausgeben. Man kann nicht blos den Bäckern die Verantwortung für höhere Brotpreise aufbürden, wie es die Agrarier thun. Thatsächlich wird der Zoll auf die Brot⸗ und Fleischkonsumenten abgewälzt. Bei einer Familie von 3 Köpfen beträgt bei 5 Mark Zoll die Jahresbelastung 45 Mark, bei einem 7,50 Mark⸗Zoll dagegen 67 Mark. Und das nennt der Herr Reichs⸗ kanzler eine Stärkung der wirtschaftlichen Lage der Arbeiter! Vergleichen wir mit den genannten Ziffern die Einkommenverhältnisse der verschiedenen Bevölkerungs- klassen, so tritt die Belastung der Armen noch hand⸗ greiflicher hervor. Das Einkommen der Armen wird mit über 13 Prozent, das der Reichen mit noch nicht 1 Prozent belastet. Das ist die gepriesene mittlere Linie des Grafen Bülow. Das ist viel nehr eine Rau b⸗ politik an den Armen zu Gunsten der Reichen! Unser Redner schließt mit dem Wunsche, daß die Regierung uns durch eine Reichstagsauflösung die Gelegenheit giebt, eine Volksbewegung zu entfachen, die so stark ist, daß sie nicht bloß den Zolltarif, sondern auch seine Anhänger und Freunde, vor allen Dingen aber das ganze preu ßische Junkertum in den Orkus hinabschleudert! Während dieser Rede waren die Buren⸗ generale Dewet, Delarey und Botha auf der Tribüne erschienen, wodurch eine große Unruhe entstand, in der ein Teil der Ausführungen unseres Genossen verloren gingen. Nachdem sprach der natlonalliberale Agrarier Professor Paasche. Er füllte den größten Teil seiner nicht langen Rede aus mit schulmeisterlichen Vorlesungen an die Adresse der Linken über die Verwerflichkeit der Obstruktion und die Unzulässigkeit langer— Oppositionsreden, so⸗ wie mit wehleidigen Ermahnungen an die Hyperagrarier, nicht allzu unbescheiden zu sein. Graf Kanitz, der ostpreußische Junker, sagte nicht klar heraus, ob er für den Kommissions⸗ oder den Bündlerantrag set, drohte aber, daß die Konservativen mit der Herabsetzung der Industriezölle vorgehen würden, wenn nicht die landwirtschaftlichen Zölle in genügender Höhe festgesetzt würden. Von dem bayrischen Zentrumsmann Di Heim ist inzwischen ein neuer Antrag einge laufen, der ein Mittelding zwischen den Sätzen der Kommisston und dem Antrage des Bundes der Landwirte darstellt. Diesen Antrag lehnt aber der Zentrums⸗Redner Herold, der darauf zum Wort kam, ab. Das„volksfreundliche“ ——— eee — 2 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 43. Zentrum will es gütigst bei den Kommissions⸗ kompromiß⸗Sätzen bewenden lassen. Aber dar⸗ unter will es um keinen Preis gehen. Trotzig klang es aus der Herold⸗Rede dem Reichskanzler entgegen: In der Frage der Zollsätze für Getreide geben wir nicht nach! Schließ⸗ lich wandte sich noch der freisinnige Volksparteiler Fischbeck in geschickter Weise gegen die Regie⸗ rungsvorlage. 5 Das Gleiche that am Samstag Pachnicke von der Freisinnigen Vereinigung. Die Aus⸗ sichten der Regierungsvorlage stellte er als sehr ungünstig hin; er rechnete vor, daß dafür zu⸗ nächst nur zirka 40 Stimmen vorhanden sind. An diesem Tage war der Bundesrat über⸗ aus stark vertreten; namentlich war eine ganze Anzahl seiner süddeutschen Mitglieder er⸗ schienen. Von diesen ergriff dann auch der badische Finanzminister Buchenberger das Wort. Vorher hielt aber der Bündlerhäuptling v. Wan⸗ genheim eine sehr kriegerische Rede, worin er die Bündler dagegen verteidigte, daß sie mit dem 7,50 Mark⸗Antrag nur eine leere Demon⸗ stration beabsichtigt hätten. Außerdem sprach er der jetzigen Regierung ab,„staatserhaltend“ zu wirken. Merkwürdigerweise antwortete dem Bündler weder der Reichskanzler, noch Posa⸗ dowsky; dagegen erhob sich, wie schon bemerkt, Dr. Buchenberger zu einer Erwiderung. Er sah es offenbar als seine Hauptaufgabe an, den Agrariern die Regierungsvorlage schmackhaft zu machen. Manche Bemerkungen des Badensers fanden anf der Linken Zustimmung, während sie laute Unwillensausbrüche auf der Rechten und im Zentrum entfesselten. Besonders die Warnung vor überspannten Forderun⸗ gen, die, wenn sie erfüllt würden, in letzter Justanz der Landwirtschaft selbst zum größten Schaden gereichen würden, sowie die entschiedene Betonung der wichtigen Rolle der Exportindu⸗ strie waren sehr wenig nach dem Geschmack der Mehrheitsparteien, die durch ironisches Lachen und Zwischenrufe ihrem gepreßten Herzen Luft machen zu müssen glaubten. Mtt der recht melancholisch klingenden Aufforderung an die Mehrheitsparteien, sich auf dem Boden der Regierungsvorlage zu vereinigen, schloß der Redner. Was der Pole Dziembowski und der Anti⸗ semit Gäbel vorbrachten, war nicht von Belang. Den Schluß machte an diesem Tage Genosse Stadthagen mit einer dreistündigen, treff⸗ lichen, an witzigen Wendungen reichen Rede. eit vortrefflichem Humor geißelte der Redner unserer Fraktion im ersten Teile seiner Aus⸗ führungen die Plattheiten des Zentrumsredners Herold und die schulmeisterliche Art und Weise, mit der sich St. Paasche wider die noch gar nicht vorhandene Obstruktion gewandt hatte. Im Weiteren ergänzte er in wirksamster Weise die Ausführungen Antricks. Montag wies das Haus eine gute Besetzung auf, da die Parteien in Erwartung der baldigen Entscheidung ihre sämtlichen Truppen heran⸗ gezogen hatten. Aber trotzdem bot diese Sitzung wenig Interessantes. Als Erster polemisierte der konservative Graf Schwerin-Lö witz, der von seinen Kreisen als eine große Leuchte in agrarischen Dingen angesehen wird, nach zwei Fronten und bekämpfte ebenso entschieden den 7,50 Mark-⸗Antrag der Ueberagrarier wie die ihm nicht weit genug gehenden Vorschläge der Regierung. Graf Posadowsky schwieg wieder. Statt seiner legte sich der württembergische Minister Pischek für die Regierungsvorlage ins Zeug. Seine Rede war eine keineswegs verbesserte Auflage der Buchenbergerschen und klang wie diese in die väterliche Ermahnung an die leber⸗ agrarier aus, sich nicht durch allzu übertriebene Forderungen um den Preis aller Anstrengungen 55 bringen. Die berühmte„mittlere Linie“ des eichskanzlers spielte auch in den Ausführungen des schwäbischen Ministers eine große Rolle. Merkwürdig kriegerisch ließ sich der National⸗ liberale Dr. Sattler vernehmen. Er forderte nicht mehr und nicht weniger als die— Auf⸗ lösung des Reichstages oder doch die Ver⸗ tagung, wie er sofort abschwächend hinzusetzte. Was die Nationalliberalen, die sich mit solcher Beflissenheit der Regierung als Hilfstruppe bei der Wahlkampagne darbieten, bei einer Auflösung zu gewinnen hoffen, bleibt vorläufig im Dunkeln. Vielleicht denkt Herr Dr. Sattler: Lieber ein 115 mit Schrecken, als ein Schrecken ohne ynde. Mit voller Lungenkraft ereiferte sich dann der Zentrumsredner Dr. Heim für seinen Privat⸗ antrag, der die heimische Gerstenproduktion noch über den Kommissionsantrag heraus ge⸗ schützt wissen will. Dabei ging es nicht ohne ein paar freundnachbarliche Auseinandersetzungen mit dem Bund der Landwirte ab, deu der bayerische Bauernbund als ein unangenehmes Konkurrenzunternehmen betrachtet. Nach dem Demokraten Haußmann, der die schwächliche Nachgiebigkeit Bülows gegen die Bündler geißelte, schloß sich der bayrische Finanzminister Riedel als Dritter im Bunde seinen süddeutschen Kollegen Buchenberger und Pischek an und ermahnte so erfolglos wie diese die Agrarier zur Nachgiebigkeit; mit ziemlicher Entschiedenheit protestierte er im Interesse der bayerischen Brauerei gegen eine Erhöhung des Gerstenzolls über die Regierungs⸗ sätze hinaus. Mit Geist und Witz geißelte schließlich Dr. Barth die agrarische Politik; daß seine Hiebe gesessen, darüber quittierte das heftige Zischen der Agrarier, das sich beim Schluß der Barth⸗ schen Rede in den lebhaften Beifall der Linken mischte. Ausgezeichnet war die Charakteristik der Agrarier, die unser Genosse, Baudert, in seinen Ausführungen gab; man merkte es an den wütenden Zwischenrufen, die bei der Erwähnung der Mordbrenner-Artikel des säch⸗ sischen lonservativen Blattes, die Junkerpartei hören ließ. Mit der Aufforderung an die Re⸗ gierung sich von den Wählern das Volks⸗ urteil über die Brotwucherpolitik einzuholen, schloß Baudert seine Rede. In der Dienstags Sitzung fiel endlich die vorläufige Entscheidung. Der Reichstag war so stark besucht wie selten. An der Abstimmung beteiligten sich 339 Abge⸗ ordnete, etliche enthielten sich der Stimmen⸗ abgabe. Vor der Abstimmung erhoben sich noch verschiedene Agrarier, um der Regierung ein⸗ dringlich Nachgiebigkeit gegen die Hoch-Zöllner⸗ forderungen anzuempfehlen. Manche warnten auch ihre eigenen Genossen vor maßlosen Forde⸗ rungen, ein Beweis dafür, daß sich die Zöllner schließlich auf die Regierungsvorlage einigen werden. Das hat unsere Partei von Anfang an vorausgesehen und darum mit Recht den Kampf gegen die Vorlage selbst geführt, die bündlerischen Anträge überhaupt nicht ernst genommen. Unter Denjenigen, die für den höchsten Zoll kämpften, befand sich auch der Vertreter für Alsfeld⸗Lauterbach, Maler Bindewald. Er, den sein Parteigenosse Lieber⸗ mann liebenswürdigerweise Hans Pinsel taufte, war noch vor wenigen Monaten der Ueberzeugung, daß der 7,50 Zoll unannehm⸗ bar sei. Er muß sich wohl unter dem Einfluß des Dreschgrafen Pückler zu den maßlosen Anträgen des Bundes der Landwirte durch⸗ gemausert haben. Dabet haben in seinem Wahlkreise wenigstens neun Zehntel der Bevölkerung Schaden von den Zöllen! Nun, wenn die oberhessischen Arbeiter und Kleinbauern Brot und Fleisch nicht mehr zahlen können, malt ihnen Herr Bindewald das Fehlende. Zum Schluß trat nochmals der Reichskanzler auf. Mit väterlichen Ermahnungen an die Junkerpartei, sich mit dem Gebotenen zufrieden zu geben, versuchte er nochmals die Ueberzöllner zu bekehren, natürlich vergeblich. Schließlich erklärte er mit ungewohnter Energie:„Die Erhöhung oder Erweiterung der Mindest⸗ sätze ist für die Regierung in jedem Stadium der Verhandlung unannehmbar.“ Laute Mißfallensäußerungen auf der Rechten begleiteten diesen Satz. Die Linke hatte natürlich keinen Anlaß, sich in den 50 Pfennigstreit einzulassen. Bei der nun folgenden Abstim mung wurden die von der Kommission beschlossenen Sätze mit 187 gegen 152 Stimmen ange⸗ nommen, alle anderen Anträge und auch die Regierungsvorlage abgelehnt. Nun hätte man erwarten sollen, der Reichs⸗ kanzler würde die Auflösung verkünden. Es geschah aber nichts; man hofft noch auf einen passablen Kuhhandel, obwohl für das Zustande⸗ kommen des Zolltarifs so gut wie gir keine Aussichten vorhanden sind. Aber die Parole lautet: Es wird fortgewurstelt! Politische Rundschau. Gießen, den 23. Oktober. Ein Rückblick. Am Dienstag waren es 24 Jahre, daß jenes Schandgesetz, das bestimmt war, die Sozialdemokratie zu vernichten, das Sozialisten⸗ gesetz, in Kraft trat. Was war aber der Er⸗ folg dieses für seine Urheber schimpflichen Mach⸗ werkes? Gewiß, viele unserer Parteigenossen haben schwer leiden müssen; die Existenz Hun⸗ derter ward ruiniert, Familien in Menge zu Grunde gerichtet, Mancher durch die Anansge Verfolgungen in den Tod gehetzt. Aber die Partet, unsere Bewegung? Ihr Vormarsch ist durch das skandalöse Gesetz und die brutalen Polizeiknüppel nicht im Geringsten aufgehalten worden. Weder dadurch, noch durch die„Ver⸗ nichtungs“pauken des Blechschmied⸗Bachem und anderer Zentrumshelden, noch hat die „Bekämpfung“ unserer Partei durch Ehren⸗ Stöcker und seinem Mucker⸗Anhang uns Abtrag gethan. Bei den Attentats⸗Wahlen im Jahre 1878 erhielt die Sozialdemokratie 437158 Stim⸗ men; bei der letzten Wahl, 20 Jahre später, 2¼ Millionen! Und das wir noch weitere Fortschritte machen werden, dafür bürgt schon der Landtagswahl⸗Ausfall in Oldenburg und in Schwarzburg⸗Rudolstadt. Immer Vorwärts! Wieder ein Wahlsieg! Die am 16. Oktober stattgefundenen Lan d⸗ tagswahlen im Fürstentum Schwarzburg⸗ Rudolstadt haben für unsere Partei ein glänzendes Ergebnis geliefert. Während bisher in dem 16 Abgeordnete zählenden Landtage nur ein einziger Sozialdemokrat vertreten war, eroberten unsere Genossen bei der diesmaligen Wahl sieben Mandate, außerdem kommen wir in drei Wahlkreisen in günstige Stichwahlen. Gesiegt hat in zwei Wahlkreisen die Freisinnige Volkspartei und nur in drei die konservative Regierungspartei. Somit kann leicht der Fall eintreten, daß dieser Landtag eine sozialdemo⸗ kratische Mehrheit erhält. Hoffentlich sind die erfreulichen Erfolge von guter Vorbedeutung für die hessischen Wahlen! Verunglückte Bismarckehrung. Vor Kurzem geriet der antisemitische Hypothekenverein in Hannover in Konkurs. Bei diesem Institute hatte auch die dortige Studentenschaft40 000 Mk. angelegt, die für Errichtung einer Bis marcksäule ge⸗ sammelt waren. Damit ist's nun aber vorläufig nichts, denn das Geld ist futsch und die Bis⸗ marckanbeter haben das Nachsehen. Am 18. Okt. sollte schon die Grundsteinlegung stattfinden, die nun natürlich auf lange Zeit hinausgeschoben ist. Von den antisemitischen Gründern hätte man doch erwarten sollen, daß sie etwas mehr Respekt vor den für die Ehrung ihres Heiligen bestimmten Geldern bekundet hätten. In Geld⸗ sachen hörte aber bei diesen Leuten außer der Gemütlichkeit noch manches Andere auf! Autisemitische Wahlmogelei. Der Bürgermeister von Wien, Lueger Führer der dortigen Christlich⸗Sozialen oder Antisemiten, was beides gleich ist, sucht mit den verwerflichsten Mitteln seine Macht hoch zu halten und er scheut nicht vor den gemeinsten Betrug zurück. Die jetzt aufgestellte Wähler⸗ liste erweist sich als zu Gunsten der Lueger⸗ artei 1 Es werden in der Liste ähler aufgeführt, die überhaupt nicht exi⸗ stieren, auf deren Namen aber dann die Antisemiten unberechtigter Weise wählen und so die für sie abgegebene Stimmenzahl beträcht⸗ lich erhöhen. Schon nach den bis jetzt vor⸗ —-—ññ———ß——— ent ef here übe n aufgehalten lch die Ver⸗ varzburg⸗ Partei ein ährend bisher en Landtage Titten wat, diesmaligen mmen wir it Fteisinnige konserbatibe icht der Fall e sozialdemo⸗ sind die Borbedeutung hrung ienitische * nobel 1 „ hatt auc A. angelegt, rdsäult ge. ber porläufig nd die Biz An 18. Ol. künden, die Aug eschoben * Nr. 43. Mitteldeutschs Sountags⸗Zeilung. Seite 3. enommenen Stichproben wurde polizeilich bestäkt t, daß 47 in den Listen Aufgeführte bereits längst verstorben, 270 polizeilich überhaupt nicht gemeldet und 316 Per⸗ sonen entweder in andere Bezirke abgemeldet oder von Wien verzogen waren, was vor⸗ läufig zusammen 633 Personen ergiebt. Weiter ist hervorzuheben, daß eine große Zahl 1 5 Wähler in der Liste unter einer alschen Adresse angeführt erscheint, so daß sie in Folge dessen keine Wahllegitimation er⸗ halten würden und auch ihr Wahlrecht nicht ausüben könnten. Bei dem fortschrittlichen Wahlkomitee meldeten sich bereits über 500 Personen, die nicht in der Liste standen und auf ihre Reklamation hin aufgenommen werden mußten.— Der Statthalter sicherte eine genaue Prüfung der Liste zu. Mit solchen elenden Betrügereien arbeiten die Herren Antise⸗ miten, wo sie in der Macht sind. Und ihre deutschen Gesinnungsbrüder, die Zimmermann, Hirschel ꝛc., die in Lueger und sesnem Anhang jeder Zeit ihre Vorbilder, denen sie nacheifern müssen, erblicken, werden jene Wiener Praktiken gewiß beifällig gutheißen, denn auch bei ihnen gilt 5700 jesuitische Grundsatz: Der Zweck heiligt die Mittel. 22 Millionen Kronen Jahresgehalt — das sind 18,7 Millionen Mark— will der österreichische Kaiser haben, sein bisheriges von 18 Mill. ist ihm zu klein. Bei den teuren Lebensmittelpreisen finden wir diesen Wunsch um Aufbesserung begreiflich. Die beiden Mini⸗ sterien von Cis⸗ und Trausleithanien beeilen sich natürlich, die Notwendigkeit der Aufbesse⸗ rung begreiflich zu machen. Man kann in diesen Streikzeiten nie wissen, was passiert. Eines Morgens wachen die österreichischen Völker auf und sehen sich mit Entsetzen vor einem Kaiser⸗ streik. Dieses Unglück zu verhindern, kommt es auf die Bagatelle von vier Millionen pro anno wahrhaftig nicht an. Auch nicht darauf, daß zu diesem ungeheurem Gehalt Tausende mit beitragen müssen, die nicht im Stande sind, ihren Hunger zu stillen. Betrügerischer Pfaffe. Bei der St. Wenzels⸗Vorschußkasse zu Prag wurden nach dem Tode eines ihrer höheren Beamten bedeutende Unterschlagungen entdeckt, was zur Folge hatte, daß der Präsident der Vorschußkasse, Drozd, und der Buchhalter Kohoft von ihren Aemtern suspendiert wurden. Die Erhebungen ergaben noch andere Fehl— beträge. Der 1 Präsident wurde nach dem Verhöre in Haft behalten. Später wurden der Oberbuchhalter Hartwig und der Buchhalter Hueber verhaftet. Die Höhe der defraudierten Summe beträgt nach den angestellten Unter⸗ suchungen über drei Millionen Kronen. Der Beginn der Dae enen reicht 20 Jahre zurück. Durch Aufstellung falscher Bilanzen und infolge mangelhafter Kontrolle war es möglich, daß die Defraudattonen bis jetzt unentdeckt blieben.— Der Verhaftete Drozd war früher Religionsprofessor und besitzt den Titel eines fürstbischöflichen Notars. Bei der Untersuchung ergab 15 daß der 65 jährige Geistliche große Verluste im Börsen⸗ spiel gehabt hat, er soll durch Vertrag sein Vermögen seiner Wirtschafterin und deren Sohne(ö) zugewendet be lb Bel der Eröffnung wurden skandalöse Privatbriefe ge⸗ funden. Drozd war auch Mitglied des katholisch⸗ politischen Vereins Böhmens. Aus Frankreich. Vorige Woche trat die französische Kammer wieder zusammen. Die Sozialisten brachten sofort eine Interpellation über den Bergarbeiter⸗ ausstand ein. Bei der Beratung derselben betonte Deputierter Basly, der Führer der Bergarbeiter, den Ausstand hätten lediglich die Gesellschaften hervorgerufen, die niemals die Freiheit der Arbeiterverbände anerkannten, die Löhne kürzten und Verhandlungen ablehnten. Die Re 1 den Arbeitern Gerechtigkeit verschaffen. Der Staat habe das Recht, die Kohlengruben selber zu übernehmen, wenn die e nicht ihrer Verpflichtung gemäß den Betrieb aufrecht erhielten. Selle bean⸗ tragt die Bewilligung einer Unterstützung von zwei Millionen für die Ausstänbdigen. Die e wurde vertagt. Klosterskandale scheußlicher Art deckte das Pariser Blatt„Aurore“ auf. Es handelt sich um eine geistliche Erziehungsanstalt in Tours, wo die dort untergebrachten Kin⸗ der in raffinirtester Weise gepeinigt wurden. Die Sache dürfte ebenfalls in der Kammer zur Sprache kommen. Ende des amerikanischen Bergarbeiter⸗ streiks. Der monatelange Riesenkampf der amerika⸗ nischen Bergleute ist nunmehr zu Ende. Nach⸗ dem sich die Grubenbesitzer auf Drängen Mit⸗ chells, des Führers der Arbeiter, damit ein⸗ verstanden erklärt hatten, daß das Schiedsgericht ein Mitglied der Arbeiterunion aufweisen solle, empfahl Mitchell die vorläufige Wiederaufnahme der Arbeit. Die Entscheidung war dem außer— ordentlichen Bergarbeiterkongresse überlassen, der am Montag zusammentrat und 650 Delegierte zählte. Dort trat Mitchell ebenfalls für die Annahme des Unternehmer⸗Vorschlages auf Einsetzung des Schiedsgerichtes ein, der den Arbeitern größere Gerechtigkeit sichere, als durch Fortsetzung des Ausstandes erreicht werden könne. Eine starke Gruppe will, daß die Zechenbesitzer gehalten sein sollen, jeden Streiker wieder anzustellen, andernfalls der Streik fort⸗ 975. werden soll. Dem gegenüber erklärte Mitchell, daß jeder Streiker, der nicht seinen Platz wieder erhalte, von der Union unterstützt werde. Darauf wurde der Beschluß, am Donnerstag die Arbeit wieder aufzu— nehmen, einstimmig angenommen. Das Ende des Ausstandes wird im ganzen Kohlendistrikt festlich begangen.— Präsident Roosevelt berief das Schiedsgericht zusammen. Ungeheuere Opfer hat der Streik gekostet. Der den Arbeitern entgangene Verdienst beträgt nach mäßiger Schätzung, mit Zugrundelegung der Verhältnisse vor dem Streik, eine Summe von 10 bis 12 Millionen Dollars. Demgegen— über steht alsdann die Thatsache, daß wenigstens ein Bruchteil der Streiker in Feld⸗ und Garten⸗ arbeit Verwendung für ihre Arbeitskraft fanden, daß ein anderer Teil Beschäftigung im Weich— kohlengebiete erhielt. Die finanziellen Opfer der Streiker sind jedenfalls sehr groß, indes kaum so riesig, als die gegnerische Presse sie aus sensationellen und noch gemeineren Motiven darzustellen beliebt, um die Arbeiter als ver— blendete Thoren erscheinen zu lassen. Die finanziellen Verluste der Ausständigen sind mindestens teilweise gemildert durch die Hilfe, welche ihnen aus den Kreisen ihrer Brüder und Freunde stetig zufließt. Dagegen ist der moralische Gewinn der Bergleute sehr hoch an⸗ zuschlagen. Der von den Grubenbesitzern mut— willig heraufbeschworene Kampf zur Vernichtung der Bergarbeiter⸗Organisation hat die organi— sterten Arbeiter des ganzen Landes wie ein Trompetensignal unter die Fahne gerufen. Sie begriffen, daß es sich um ihre Zukunft, um ihre Existenz handelte. Jetzt gilt's diesen Sieg im Interesse der Arbeiter zu nützen, seine Früchte zu sichern. Die hessischen Landtagswahlen. Obwohl uns nur noch wenige Tage von dem Wahltermin trennen, haben wir auch jetzt noch nur in einzelnen Wahlkreisen einen leb⸗ feen Wahlkampf zu verzeichnen. Das be⸗ stehende Wahlrecht verhindert einen solchen; es hat den großen Teil der Wähler in Bezug auf die Landtagsfragen abgestumpft. Es muß die Hauptaufgabe des hessischen Volkes sein, die offenen und versteckten Feinde des direkten Wahlrechts aus dem Landtage hinauszuwerfeu. Im Volke verlangt man auch das direkte Wahl⸗ recht ganz allgemein; man weiß auch, daß man die Beibehaltung des indirekten den Abgeord⸗ neten zu verdanken hat, die ihr Mandat ge⸗ fährdet sehen und sich deshalb hinter Kautelen verkrochen, um nur nicht ihre Feindschaft gegen ein gerechtes Wahlsystem eingestehen zu müssen. Unsere Partei wird daher überall, wo wir eigene Kandidaten nicht aufstellen können, die⸗ jenigen unterstützen, die sich unbedingt für das direkte Wahlrecht erklären. Allerdings kann man sich dabei nur auf wenige verlassen. Für ein wirklich freies Wahlrecht ist keine bürger⸗ liche Partei zu haben. Was die Aussichten unserer Partei betrifft, so scheint die Wieder⸗ wahl der Genossen David und Haas in Mainz gesichert. 85 tobt dagegen der Kampf in Offenbach Stadt und Land. Hoffentlich ge⸗ lingt es unseren dortigen, tüchtig arbeitenden Genossen, den Sieg an unsere Fahne zu fesseln. Im Grünberger Kreise hätte ein frei⸗ sinniger Kandidat wohl Aussicht gehabt, wenn ein solcher aufgestellt wäre. Denn für Hirschel ist sogar anch in manchen antisemitischen Dör⸗ fern keine Sympathie vorhanden. Der rückstän⸗ dige Phrasendrescher würde dem Landtag kei⸗ neswegs zur Zierde gereichen; von der Sorte sind ohnehin noch genügend darin verblieben. * ** Mit den Landtagswahlen befaßte sich auch vorige Woche ein in dem„Gieß. Anz.“ er⸗ schienener, mit„Wolfhart“ unterzeichneter Ar— tikel. Was da für tolles Zeug über unsere Partei zusammengeschwefelt wird, davon geben wir unten zur Erheiterung unserer Genossen ein Beispiel. Am Schluß fordert er zwar auf, „mit eisernen Besen“ die Feinde des direkten Wahlrechts auszukehren. Auskehr, gut. Wie denkt sie sich der Mann? Er proklamiert die — Sammelpolitik, den bürgerlichen Mischmasch zur Verdrängung der zuverlässigsten Wahlrechtsanhänger, der Sozialdemokraten. Das Verhalten der bürgerlichen Parteien im letzten Landtage hat er offenbar vergessen. Dabei leistet er sich folgende alberne Ausfälle auf unsere Partei: „Die große Masse der Parteiangehörigen besteht zum Teil aus Mitläufern, zum Teil aus solchen, die von dem Parteiprogramm kaum eine Ahnung haben und zum kleinsten Teil aus wirklich überzeugten Sozia⸗ listen. Ueber allem aber schwebt Singers Geist. Die Sozialdemokratie wird vom Instinkte der Massen getragen. Was sie nicht den Dummheiten der Gegner verdankt, schuldet sie dem Schlagwort„Brotwucher“ und „Fleischwucher“, das zieht, was braucht's da Argumente! Darum will die Sozialdemokratie unter allen Umständen den Zolltarif zur Wahlkampfparole machen. Sie betrachtet alles zuerst im Partei⸗, nicht im Arbeiterinteresse. Und wie Bebel einst im Reichstag die sogenannte Zuchthausvorlage, bei deren Al lehnung fast die Hälste der Sozialdemokratie fehlte, als Agita⸗ tionsmittel ersten Ranges bezeichnete, so wird auch jetzt der Schutzzoll der agttatorischen Wirkung halber bekämpft. Man spricht zwar wenig davon, daß der neue Zolltarif im wesentlichen industriealistisch ist, ergießt aber seinen hellen Zorn über die Agrarier.„Brotwucher“,„Fleisch⸗ wucher“— Schlagworte tragen die Partei, die in die „Abendröte der bürgerlichen Welt“ hineinschreitet. Ach, und wie leicht wäre sie zu besiegen. Es könnten bei nur teilweiser Einigkeit der Bourgeoisie der Sozialdemo⸗ kratie drei Dutzend Reichstagsmandate entrissen werden. Es wird nicht geschehen. Wir sind noch nicht so weit.“ Kommt auch niemals so weit! Selbst bei vollkommener Einigkeit des Bürgertums wird es ihm nicht gelingen, unsern Besitzstand erheblich zu schmälern. Offenbar weiß der Schreiber des Anzeiger-Artikels nicht, daß weit über zwei Drittel unserer Abgeordneten im ersten Wahlgange gewählt sind; und in vielen Wahlkreisen dürfte der bürgerliche Mischmasch dasselbe Schicksal wie 1898 der Frankfurter erleben. Also wir haben gar nichts gegen die „Einigkeit“ des Bürgertums!— Was aber sonst noch in den obigen Zeilen gesagt wird, ist doch geradezu haarsträubender Blödsinn. Es gehört wahrhaftig eine gehörige Portion Unverstand dazu, zu behaupten, wir hätten gegen die Zölle nur Schlagworte und keine Argumente. Derartiges sagt und schreibt, wer sich durch die Zölle auf Kosten des armen Volkes bereichern und deshalb die öffentliche Meinung irre führen will; andernfalls kann es nur ein politischer Kindskopf thun. Was also die Agrarier für die Wucherzölle vorbringen, sind triftige„Argumente“, was aber von den Zollgegnern, zu denen bekanntlich außer den Sozialdemokraten auch noch andere Parteien gehören, vorbringen, sind„Schlagworte“! Welch' unergründliche Weisheit! ——— el ———— 12 1— Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 43. Auf gleicher Höhe feht die Behauptung von den„Mitläufern“. Man sehe doch die bürger⸗ lichen Parteien an! Da weiß die Mehrheit der Wähler überhaupt uicht, wozu sie gehören, neun Zehntel wissen nichts von den Grundsätzen der Partei, zu der sie sich rechnen. Dagegen weiß auch der letzte Arbeiter, warum er sozialdemo⸗ kratisch wählt. pon Uah und Lern. Gießener Angelegenheiten. — Zur Landtagswahl. Nächsten Mittwoch(29. Oktober) finden bekanntlich die Wahlmännerwahlen statt. Aus Gründen, die wir schon mehrfach dargelegt haben, nimmt diese Wahl das Interesse der großen Masse nicht in dem Maße in Anspruch, als die Reichstagswahl. Unsere Genossen werden aber besonders auf die Wahlen in Mainz und Offenbach sehr gespannt sein. Unser Wahlkomitee wird deshalb für telegraphische Benachrichtigung über den Wahl- ausfall in den genannten und noch anderen Orten Sorge tragen und die Resultate am Mittwoch Abend im Lokale des Genossen Orbig bekannt machen. Dort wollen sich dann also die Parteigenossen zahlreich einfinden. In den Stadtverordueten⸗ Versammlung wurde in der Sitzung am Donnerstag u. a. beschlossen, die Einziehung der Beiträge für die Alters- und In va⸗ lidenversicherung künftig der Orts- krankenkasse zu übertragen. Hierüber sind in verschiedenen Städten Erkundigungen eingezogen worden, die sich sämtlich günstig für diese Einrichtung aussprechen, nur die von Worms, wo der nationalliberale Agrarier Hey! regiert, bemerkte dabei, die Einrichtung bewähre sich„so lange die Kasse sich nicht in den Händen einer politischen Partei befinde.“ die Wormser meinen, wenn die Arbeiter ihre kasse sel bst verwalten, befindet sie sich in den Händen einer Partei, wenn sie aber von Natkonalliberale ꝛc. verwaltet wird, so ist das natürlich keine Partei. Faule Fische!— Für 6 Arbeiter, die bei den Sielbauten mit Ausladen beschäftigt sind, wird der Stunden⸗ lohn nach dem Vorschlage des Bürgermeisters auf 28 Pfg. festgesetzt. Vorher erhielten sie nur 23 Pfg.— Der von Marburg ausgehende Vorschlag für Errichtung eines gemeinsamen Theaters(Städtebundtheater) wird in eine Kommission verwiesen.— Einer Eingabe des deulsch⸗nationalen Handluugsgehilfen-Verbandes für vollständigen Schluß der Geschäfte am Sonntag wird micht beigetreten. Unser Ge⸗ nosse Krumm trat dafür ein, daß wenigstens die Großhandlungen schließen sollten, aber auch dafür stimmte außer Krumm nur Herr Euler. Der fromme Herr Schmall sprach sich auch gegen die vollständige Sonntagsruhe aus. — Arbeiter-⸗ Turnverein. Wie uns mitgeteilt wird, ist jetzt die Gründung eines Arbeiter-Turnvereins erfreulich erweise gesichert und in die Wege geleitet. Demnächst soll eine weitere Zusammenkunft stattfinden, in welcher der provisorische Vorstand gewählt werden soll. Wer beizutreten wünscht, kann sich in den Wirtschaften Löb und Orbig in die dortaufliegenden Listen eintragen lassen. — leber„Naturheilkunde und Schulmedizin“ wird Herr Dr. med. Spohr zus Frankfurt am Montag, den 27. d. Mts., ibeuds ½9 Uhr im Hotel Einhorn auf zinladung des Sanitäts vereins einen Zortrag halten. Der Vortragsgegenstand ist ein solcher, worüber die Meinungen sowohl in Aerzte⸗ wie in Laienkreisen sehr auseinander⸗ gehen; zweifellos wird aber seine Erörterung eine Fülle des Belehrenden und Wissens werten bieten. Da auch Nichtmitglieder eingeführt werden können, empfehlen wir Jedem den Besuch des Vortrags.(Siehe Inserat.) — Billigeres Brot wurde dieser Tage in einer Zeitungsnotiz in Aussicht gestellt. Bis jetzt ist aber ein Abschlag noch nicht einge⸗ treten, was bei der Teuerung der Lebensmittel und besonders des Fleisches recht sehr zu wün⸗ schen wäre. Wenn aber auch wirklich der Brotpreis um ein paar Pfennige herabgesetzt werden sollte, so werden im Falle der Annahme des Zolltarifs die Preise sehr bald wieder in die Höhe schnellen. Dabei fast überall die schändlichsten Lohndrückereien! Will die Arbeiterklasse nicht hungern, so muß sie gegen die Beutepolitiker energisch ankämpfen! Der Arbeiter⸗Notiz⸗Kalender für 1902 ist soeben in der Buchhandlung Vorwärts erschienen. Der Inhalt ist reichhaltig und zweckentsprechend. Vor allen werden, angesichts der nächstjährigen Reichstagswahlen, die Reichstags-Wahlergebnisse mit allen Nach⸗ wahlen bis zum September 1902 und die Winke für die Reichstagswahlen, mit Wahlgesetz und Wahlreglement, interessieren. Ferner enthält er: Was muß der Arbeiter von der Wahlpflicht wissen; Sozialdemokratische Abgeordnete in den Landtagen; Deutsche Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern und dem ortsüblichen Tagelohne. Auch für die gewerkschaftlich thätigen Arbeiter enthält er wissenswertes Agitationsmaterial; so u. a. Deutsche Streikstatistik 1890 bis 1901; die Leistungen der deutsche! Gewerkschaften; die Unfall⸗ statistik von 1886 bis 1900; die Mitgliederzahlen der deutschen freien Gewerkschaften; ein Kapitel aus dem Gewerbegerichtsgesetz. Dann die Adressen der zentrali⸗ sierten Gewerkschaften, des Parteivorstandes, der Gewerbe⸗ inspektoren, sowie der Zentralen der ausländischen Ge⸗ werkschaften. Der reiche Inhalt macht auch den dies⸗ jährigen Notizkalender zu einem nützlichen und praktischen Nachschlagebuch für jeden Arbeiter. Der Preis ist 60 Pfg. In Gießen nimmt die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins Bestellungen entgegen. Aus dem Rreise gießen. — Mit den Beschlüssen des Partei⸗ tages einverstanden erklärte sich die am Sams⸗ tag in Heuchelheim stattgefundene, gutbesuchte Parteiversammlung, in der Genosse Vetters Bericht erstattete. Auch die Versammlung in Krofdorf, die am Dienstag im Lokale Abel tagte, war mit dem Verlauf und den Beschlüssen in München einverstanden und versprach, für die Durchführung derselben zu wirken. Aus dem Nreise Alsfeld⸗Cauterbach. t. Landtagswahl in Alsfeld. Der bisherige Vertreter der Stadt Alsfeld im Landtage war der sich zur freisinnigen Partei zählende Gastwirt Gundrum. Ihm ist die Bürde der Würde zu schwer geworden, er lehnt eine Wiederwahl ab. Daß die Freisinnigen das Mandat ihrer Partei zu erhalten suchen, kann man ihnen nicht verübeln und sie haben deshalb in der Person des Rechtsanwalts Reeh einen Kandidaten aufgestellt. Ihm tritt ein Gegenkandidat in der Person des Lehrers Rudolph gegenüber, der unter parteiloser Flagge segelt, in Wirklichkeit Antisemit zu sein scheint. Früher soll er den Nationalliberalen angehört haben und rechnet auf deren Unter⸗ stützung. Am Mittwoch Abend entwickelte er in einer Wählerversammlung sein„Programm“, nach dem er es allen Leuten recht machen will. In seiner Rede erschienen die üblichen Redens— arten:„Treue zu Kaiser und Reich“;„Hebung des Mittelstandes“;„weise Sparsamkeit im Staatshaushalt“ usw. Er will auch die In⸗ teressen der Arbeiter wahrnehmen, lobte aber zugleich den Bund der Landwirte und den Verband der Scharfmacher; über die Lebens⸗ mittelzölle und das Wahlrecht sagte er aber gar nichts. Nach alledem ist Rudolph politisch eine höchst faule Adresse;„parteilos“ ist über⸗ haupt stets verdächtig. Uns liegt es fern, die Freisinnigen irgendwie herausstreichen zu wollen, ihr Sündenregister ist gewiß kein kleines, speziell Herr Reeh hat früher mal über unsere Partei recht thörichtes Zeug verzapft; aber er hat sich wenigstens für das gleiche und direkte Wahlrecht und gegen die Echöhung der Lebens— mittelzölle erklärt und deshalb werden unsere Genossen für seine Wahl eintreten. Genofsen! Geht alle zur Wahlurne und stimmt für den Gegner des jetzigen Wahl un rechts! Aus dem Rreise Wetzlar. h. Ergänzungswahlen zur Stadt⸗ verordneten⸗Versammlung finden am Donnerstag. den 6. November statt. Es werden 6 tadtverordnete,— in jeder Klasse] der Mitglieder veranstalten zu können. zwei— gewahlt. Die Wahler erhalten zu diesem Zwecke Wahlkarten. h. Schweinerei in der Schweine⸗ metzgerei. Bei einer vorige Woche in einer Wetzlarer Metzgerei vorgenommenen Revision wurden so schauderhafte Zustände entdeckt, wie man sie heutzutage kaum noch für möglich halten sollte. Unter Anderem soll der Wurst⸗ kessel auch zum Abkochen der Wäsche benutzt worden sein. Da amtliche Personen diese Dinge mit eigenen Augen gesehen haben, ist eine ge⸗ richtliche Verhandlung zu erwarten. Dann werden wir Genaueres berichten. Für heute sei nur noch bemerkt, daß der Metzger sich zu den„besseren Kreisen“ zählt; seine Söhne be⸗ suchen höhere Schulen, die Töchter machen bedeutenden Kleideraufwand. Zeigt wieder, wie notwendig öftere Revisionen der Nahrungsmittel⸗ geschäfte sind. h.„Verschleppungshalber“— schreibt der„Wetzl. Anz.“ in seinem Reichs⸗ tagsbericht— hätten die Sozialdemokraten 14 Anträge auf namentliche Abstimmung gestellt. Mutet denn der Anzeiger⸗Mensch unsern Ge⸗ nossen zu, den Hungertarif unbesehen und im Galopp zu bewilligen? X. Vereinsgesetzliches in Preußen. Für politische Vereine schreibt das preußische Vereinsgesetz die Einreichung einer Mitglieder⸗ liste vor. Dabei verlangten die Behörden sehr oft die ausführlichsten Personalien der Mit⸗ glieder. So hatte die Polizeibehörde in Alt⸗ Zabrze auch Angabe über Alter und Stand der Mitglieder verlangt. Dies erklärte neulich das Kammergericht für ungesetzlich und entschied, daß nur Angaben über Namen und Wohnung zu machen seien. Es hob infolge dessen die entgegenstehenden Verfügungen des Landrates und Regierungspräsidenten, sowie das Urteil der Strafkammer auf. Diese Ent⸗ scheidung ist für politische Vereine und auch für die Gewerkschaften, die von den Be⸗ hörden sehr oft als„politische“ Organisationen angesehen werden und deshalb Mitgliederlisten einreichen müssen, beachtenswert. Aus dem Nreise Marburg⸗-Rirchhain. St. Achtung. Wir wollen nicht verfehlen, noch einmal auf die heute, Samstag abend 9 Uhr, bei Jesberg stattfindende öffentliche Parteiversammlung, in welcher bekanntlich Gen. Vetters aus Gießen über den Parteitag in München referieren wird, aufmerksam zu machen. — Die Vertreter der Konsum vereine Kassel, Gießen, Lollar, Wetzlar und Marburg hatten am vergangenen Sonntag vormittag im Lokale von D. Jesberg hier eine Besprechung zwecks Gründung einer gemeinsamen Einkaufs⸗ vereinigung. Herr Dejung aus Mannheim, Vertreter der Hamburger Großeinkaufsgenossen⸗ schaft, hielt dabei einen Vortrag über den Nutzen und die Vorteile einer solchen Vereinigung. Die Vertreter von Kassel, Gießen und Marburg erklärten hierauf ihren Beitritt zu derselben, während diejenigen von Wetzlar und Lollar unter Vorbehalt zusagten. Die Vereinigung erhielt den Namen„Erste hessische Einkaufs⸗ vereinigung“ mit dem Sitz in Marburg; als Leiter derselben wurde der Geschäftsführer des hiesigen Konsumvereins Fischer gewählt. Nach Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten wurde die von Herrn Dejung arrangierte Ausstellung von Warenproben einer eingehenden Besichtigung unterworfen. — Unsere Gewerkschaftskommission, deren Thätigkeit wir schon in einer früheren Notiz Erwähnung gethan haben, ist es gelungen, Herrn K. Beißwanger aus Nürnberg zu einem populär⸗ wissenschaftlichen Vortage gewinnen (s. Inserat in heut. Nr.). Da der Eintritt zu dieser Veranstaltung für die Gewerkschafts⸗ mitglieder und deren Angehörige frei ist, so steht hoffentlich ein recht starker Besuch in Aussicht. Nichtorganisierte haben gegen ein Eintrittsgeld von 25 Pfg. pro Person eben⸗ falls Zutritt. Wir Winden der Kommission u diesem Vortrag ein recht volles Haus, damit si auch für die Zukunft imstande ist, weitere Vorträge zur Ausbildung und Unterhaltung „a0 — dig uns Heel Hal Ein nad wal ihre Rel. Nur Tra kia eine Vebörden seht ien der Mit. hörde in Alt⸗ r und Stand ärte neulich Flich und amen und hob infolge gungen des denten, sowie . Diese Ent⸗ ae und auch on den Be⸗ (irc gain. nicht verfehlen, a0 abend 9 öffentliche lanntlich Gen. Parteitag in am zu machel. ubereine Marburg 1 Merbutg 1 derselben, 5 1 Lollat e Vereinigung ce Einlugz e Em 7 u Nr. 43. Mitteldeuische Sonntags⸗ZJeitung. Seite 5. — Die jungen Vaterlandsvertei⸗ diger zogen dieser Tage in hellen Haufen in unsere Stadt ein, um sich, soweit sie nicht hier bei den Jägern eingestellt wurden, beim Hauptmeldeamt zur Weiterbeförderung zu stellen. Eine Abteilung Rekruten der Artillerie, die nach Hagenau in Elsaß⸗Lothringen bestimmt waren, lieferten am Dienstag abend, kurz vor ihrer Abreise, erst noch ein Gefecht mit anderen Rekruten, bei dem es blutige Köpfe setzte. Nur mit Mühe gelang es den begleitenden Transporteuren, die rauflustigen Rekruten aus⸗ einander zu bringen. Mogcelei. Aus Darmstadt wird berichtet: Gegen einen Beamten im Ministerium schwebt augen⸗ blicklich eine Untersuchung, weil er den Kandi⸗ daten zum Finanzexamen vorher gegen Ent⸗ eld ein Buch zur Verfügung stellte, in dem fast alle in Betracht kommenden Fragen und Antworten enthalten sind. Für das Buch hatten die Kandidaten dem Beamten 45 Mk. Leihgebühr zu zahlen. Dies soll der Beamte schon jahrelang treiben und selten soll bei seinen Schützlingen ein Durchfall zu verzeichnen sein. Natürlich erwartete dann der Brave klingende Belohnung von dem durch das Examen ge⸗ schwindelten Kandidaten. Prügelpädagogen. Im Juni ds. Is. teilten wir mit, daß in Ebsdorf im Kreise Marburg der Lehrer Bierwirth den Knaben Weimer fürchterlich geprügelt hatte. Der Vater des Jungen ver⸗ langte damals eine Bestrafung des Lehrers, die Behörde hat aber ein Einschreiten abge⸗ lehnt. Und das, trotzdem der Arzt dieses Attest ausgestellt hatte: „Der Sohn des Arbeiters Weimer kam am 3. Juni in ärztliche Behandlung. Es zeigte sich Unter⸗ und Oberlippe stark angeschwollen, mit wenigen, oberfläch⸗ lichen, leicht blutenden Einrissen. Am linken Oberarm fanden sich zwei etwa daumenbreite, blutunterlaufene Striemen und ihre Umgebung ebenfalls angeschwollen. Der Junge klagt über starke Schmerzen in Ohren und Kopf. g Dr. Frohwein.“ Trotzdem erklärte die Regierung dem Be⸗ schwerdeführenden: Auf Ihre am 4. d. Mts. bei dem Herrn Landrat zu Marburg zu Protokoll gegebene Beschwerde gegen den Lehrer Bierwirth dortselbst wegen Ueberschreitung des Züchtig⸗ ungsrechtes an Ihrem Sohn Caspar eröffnen wir Ihnen, daß nach den angestellten Er⸗ mittelungeu kein Grund vorliegt, gegen den Lehrer disziplinarisch vorzugehen. Auch die Staatsanwaltschaft nahm sich der Sache nicht an. Wir wollen nun gewiß nicht den Lehrern ihren ohnehin aufreibenden Beruf erschweren, meinen aber, hier wäre eine Bestrafung am Platze gewesen.— Ein ähnlicher Fall wird uns von dem Lehrer Blecher in Weilmün⸗ ster mitgeteilt. Dieser richtete den Knaben August Weil fürchterlich zu. Furchtbares Urteil. In Halle wurden zwei Kürrassire zu 5 und 6 Jahr Zuchthaus wegen„Meuterei“ verurteilt. Das Vergehen bestand in Wirklich⸗ keit in einer gewöhnlichen Gehorsamsver⸗ weigerung. Christliche Kultur. Der Kampf zwischen Geschossen und Panzer- platten wird immer heftiger. Die Zeitschrift „Engineering“ bringt einen Bericht über neuliche Versuche in England, die dort in Fachkreisen große Erregung verursacht haben. Die Geschosse von Vickers⸗Kanonen zu 152 und 190 Milli- meter Kaliber haben dabei Panzerplatten von über 30 Centimeter Dicke völlig durchlöchert. Sie waren mit einer cylindrischen Kappe aus ehämmertem Stahl versehen, die die Durch⸗ schlagskraft bedeutend erhöht. Panzerplatten von 152 Millimeter wurden durch solche Ge⸗ schosse von 152 Millimeter glatt durchschlagen, und die größeren Geschosse(von 190 Millimeter) drangen sogar hinter der Platte noch 6 Meter tief in eine Sandschicht ein. Man kann sich einen Begriff von der Zerstörung machen, die ein derartiges Geschoß, geladen mit den jetzt gebräuchlichen Sprengstoffen, in einem Panzer⸗ schiff berursachen würde. Eine Panzerung von 305 Millimeter Dicke bietet gegen das Geschoß keinen Schutz mehr, wenn dieses mit einer Geschwindigkeit von 854 Metern in der Sekunde auftrifft. Diese Thatsachen sind für die englische Marine höchst beunruhigend, da selbst deren stärkste Schiffe nur einen Panzer von 152 bis 178 Millimeter Dicke haben. Dabei ist es eine Thatsache, daß die Geschosse mit Stahlkappe wenigstens in der französischen Marine bekannt und in Gebrauch sind, weshalb auch die neuen französischen Kriegsschiffe einen Panzer von 275 Millimeter erhalten haben. Kleine Mitteilungen. r Eisenbahn-Unfall bei Wiesbaden. Am Sonntag früh entgleiste der 9.38 von Wiesbaden nach dem Rheingau abgehende Personenzug kurz vor Biebrich⸗ Mosbach. Die Maschine stürzte mit dem Schutzwagen die Böschung hinunter. Von den Reisenden wurde nie— mand verletzt; aber der Heizer erlitt einen doppelten Beinbruch, auch der Lokomotivführer wurde leicht verletzt. Ein Schienenbruch soll die Ursache der Entgleisung sein. k Aus einer Irrenanstalt. In der Berliner Irrenanstalt„Wuhlgarten“ wurde am 3. Oktober der Epileptiker Maler Stägemann in der Jöolierzelle tot aufgefunden. Wie man annimmt, ist Stägemann von dem Wärter Tryszineski gewaltsam iu die Jsolier⸗ zelle gesperrt worden, nachdem der Patient den Wärter ersucht hatte, durch seine Unterhaltung die Anderen nicht im Schlafe zu stören. Der Wärter habe dann auf ihn losgeschlagen und ihn totgeprügelt. Oberbürger⸗ meister Kirschner hat Untersuchung eingeleitet und den Stadtrat Dr. Straßmann mit der Angelegenheit betraut. Außerdem hat die Gattin Stägemanns die Sache bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. ** Ein Bubenstück führten am Sonntag in Dortmund nichtswürdige Burschen ans, indem sie in einer Wirtschaft die Gasbrenner auf dem Abort ab— drehten, so daß Gas ausströmte. Mit einem Lichte in der Hand bemühten sich die Wirtin, deren Tochter und ein Heizer zu erfahren, von wo der Geruch ent— standen war. Plötzlich erfolgte eine furchtbare Detonation und alle drei wurden sehr schwer verletzt. k Fünffacher Mord. In Damerkow, Kreis Stolp in Pommern, schlug der Arbeiter Bantin mit einer Axt die Wittwe Dona tot. Als er ihr Geld rauben wollte, kam Frau Grunst mit drei Kindern hinzu. Alle Vier erschlug Bantin und entfloh alsdann. Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. Wegen bedeutender Lohnreduk⸗ tion traten am Montag sämtliche Schuhmacher der Mainzer Schuhfabrik Waldmann u. Co. in den Ausstand. Bei den Arbeiterinnen wurden die Löhne um die Hälfte heruntergesetzt, wodurch sie bei den hohen Lebensmittelpreisen natürlich sehr empfindlich getroffen werden. T Einen schönen Erfolg hat die Brauerorganisation in Kulmbach in Bezug auf ihre Anerkennung durch die Unter⸗ nehmer erfochten. Durch die Boykottirung des Kulmbacher Bieres in Sachsen wurden die organisationsfeindlichen Arbeitgeber zum völligen Nachgeben gezwungen und 14 Brauereiftrmen verstanden sich zur Abgabe einer schriftlichen Erklärung, in der sie sich u. A. verpflichteten, alle von der Lohnkommission getroffenen Ver⸗ einbarungen strengstens zu beachten, der Organi⸗ sation der Brauereiarbeiter künftig nichts in den Weg zu legen, die Koalitionsfreiheit der Arbeiter zu respektien und bei Bedarf von Arbeitskräften in erster Linie arbeitslose Brauer und Hilfsarbeiter am Orte selbst einzustellen. + Der schristliche Holzarbeiter⸗Ver⸗ band— eine Streikbrecher-Organi⸗ sation. In der Tischlerei von Zache in Berlin, Fruchtstraße 8, hatten die Gesellen die Arbeit niedergelegt. Sie verlangten, daß die durch fortgesetzte Abzüge verminderten Löhne wieder auf die frühere Höhe gebracht werden, und daß zwei Gesellen, die mit einem Schein von dem Arbeitsnachweis der Innung einge stellt waren, wieder entlassen würden, ein Ver⸗ langen, welches angesichts des Kampfes, den die organlsierten Holzarbeiter seit Monaten gegen den Arbeusnachweis der Innung führen, durchaus berechtigt ist. Die dem christlichen Verbande angehörigen Gesellen hatten vorher die Arbeit mit niedergelegt, traten dann aber als Streikbrecher ein, der Vorsitzende ihrer Organisation beorderte sogar seine Verbands- mitglieder in diese Werkstelle. Eine nette Organisation! Die Mannheimer Gewerbegerichts⸗ wahlen sind nun auf den 17. November anberaumt und zwar müssen neue Vorschlags⸗ listen eingereicht werden. Die Christlichen und Hirsch⸗Dunckerianer, die bekanntlich das erste Mal die Einreichung der Listen zur Pro⸗ portionalwahl vergessen hatten, haben nun erreicht, was sie wollten. Verdient auch ein derartiges Verfahren den schärfsten Protest, so können andererseits die Gewerkschaften es nur begrüßen, sich in offenem Kampfe mit ihren Gegnern messen zu können und diesen ihre Nichtigkeit im Verhältnis zur klassenbewußten Arbeiterschaft im eigenen Spiegelbilde zu zeigen. + Buchdrucker⸗-Einigung. Nunmehr dürfte endlich der verderbliche Streit, der jahre⸗ lang unter den Buchdruckern herrschte, und der vom Verband auf der einen, der an Mitgliederzahl nur schwachen„Gewerkschaft“ auf der andern Seite geführt wurde, eingestellt werden. Wie das Verbandsorgan, der„Correspondent“ schreibt, sind die Verhandlungen wegen Aufnahme der Gewerkschaftsmitglieder in den Verband am 14. Oktober in Leipzig zum Abschlusse gebracht worden und die Gauvorstände dürften den Vereinbarungen zustimmen. Versammlungskalender. Samstag, den 25. Oktober. Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Vollzählig erscheinen! Marburg. Parteiversammlung. Abends 9 Uhr bei Jesberg. Sonntag, den 26. Oktober. Gießen. Glaserverband. Vormittags 10 Uhr Versammlung bei Orbig. 11 Uhr Oeffentliche Glaserversammlung. Lollar. Nachmittags 3 Uhr Zusammenkunft der Kollegen bei Schupp. Montag, den 27. Oktober. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 2. November. Alsfeld. Wahlverein. Nachmittags 4 Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Kloos. . Ugnserer heutigen Auflage liegt ein Preisverzeichnis des Warenhau ses Adolf Baer n Gießen bei, worauf wir unsere Leser aufmerksam machen. — fesche Stadttheate Sonntag, den 26. Oktober 1902: nachmittags 4 Uhr: Kindervorstellung: Sneewittchen und die sieben Zwerge Komödie in 5 Bildern von C. A. Görner— abends: Othello, der Mohr von Venedig mit Richard Kirch als Gast. Dienstag, den 28. Oktober 1902: Der Stabstrompeter (Volkstümliche Vorstellung) Mittwoch, den 29. Oktober 1902: Zum ersten Male: Der Ausflug ins Sittliche Komödie in 4 Akten von Georg Engel Freitag, den 31. Oktober 1902: Kabale und Liebe Trauerspiel in 5 Akten von Friedr. v. Schiller. * ——— eee anfangs die augen Zelen cbeliet fetßig, Mieten oder nicht arbeiten, iert Loch bei Denn sie Vermögen den begierig, sich aufangs ind den Dreck sie zu leben u und schrien war botzeiten e sie lichts. nich Elsbelh achern. Die escuen— Sten. 0 8 por ez 18; ward 6 Eiutt lauette De Sptul⸗ hrung ben datken, urde lc augebon igel dalle if den Pac Klebung, Un u Geld bel⸗ 0 u be 5 malen abr aber f II. der Stadt ber wal Nr. 43. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. Eigentum. Denn was sie außer den acht üblichen Stunden mehr arbeiteten, konnten ste zu ihrem Nutzen in Geld vorwandeln und in der Ersparniskasse an Zins legen; eben so, was ste von den Erzeugnissen ihres Pachtlandes erübrigten und verkaufen lassen konnten. Das war kein geringer Vorteil. Die Menschen wurden arbeitslustig und bekamen Freude am Sparen und Vermehren ihres Eigentums, weil sie die Zeit voraussahen, da sie ganz unab⸗ hängig leben und einen gewissen Wohlstand zu genießen im Stande waren. Am besten hatten es die Spitalmeister und die Aufseher, welche selbst Spittler. Denn alles, was sie neben ihren Amtsverrichtungen arbeiten konnten und verkaufbar war, das wurde zu ihrem Nutzen verkauft. Darum war jedermann beflissen, sich wohl zu halten, um zu einer solchen Stelle zu gelangen. Und diejenigen, welche das Aemtlein hatten, nahmen sich wohl in Acht, etwas von den ihnen übertragenen Pflichten zu versäumen. Der kleinste Fehler konnte sie um den vorteilhaften Dienst bringen, auf welchen viele hofften. Es gab zuletzt in der Armenanstalt Golden⸗ thals recht geschickte Arbeiter. Nicht nur die Bauern im Dorfe, sondern selbst viele Leute aus der Stadt kauften von den hier verfertigten Waaren, oder ließen hier arbeiten. Und wenn so ein geschickter Arbeiter spürte, er verdiene mehr, wenn er für sich allein arbeite, verließ er das Spital und mietete sich Wohnung im Dorf oder in der Stadt und lebte für sich selber. Das feuerte nun wieder die andern an, ebenfalls recht geschickt zu werden. In Dorf war natürlich jedermann froh, nicht mehr vom Bettelgesindel geplagt oder in Häusern und Gärten nächtlicher Weise bestohlen zu sein. Jeder schickte mit Freuden, statt der Almosen, etwas ins Spital, wenn es irgend in demselben an etwas fehlte. Allein es zeigte sich noch ein anderer Vorteil für das Dorf, an den vorher niemand gedacht hatte. Nämlich, hatte es im Sommer an Feldarbeit gemangelt, so waren andere Arbeiten im Freien vorge⸗ nommen worden. Und so war's gekommen, daß alle Gassen des Dorfes, wo man sonst bei schlechtem Wetter im Kot bis über die Knöchel waten mußte, mit Steinen besetzt wurden; daß der Bach im Dorfe, der sonst. überlief und große Pfützen bildete, mit Gemäuer eingefaßt stand: daß die Feldwege und Fußstege ohne Löcher waren; daß die Gemeindswaldungen keine Stelle mehr hatten, die nicht mit jungen Setzlingen den erfreulichsten Nachwuchs zeigte. Weit umher im Lande sah man keinen Wald in besserer Ordnung, und kein säuberliches Dorf als Goldenthal. Es kamen sogar große Herren von der Regierung und besichtigten die Golden⸗ thaler Anstalten und Einrichtungen, und hätten dergleichen gern überall gehabt. Allein sie sahen sich in andern Dörfern oft vergebens nach dem edeln Pfarrer Roderich, nach dem menschenfreundlichen Oswald und seiner eifrigen Gehilfin Elsbeth um. Dennoch ward es auch anderswo mit Abänderungen und mit Glück versucht. Und daran that man Recht. Probieren geht über Studieren. Und wo man mit eifriger Menschenliebe was Rechtes will, da geschieht auch was Rechtes. (Fortsetzung folgt.) Eine Erinnerung aus dem Wahlkampse. — Dumpf dröhnend verkündet die alte Turm⸗ uhr die sechste Stunde. Einzeln oder in Gruppen entströmen die Arbeiter in verstaubter Kleidung dem Fabrikthor. Es ist Feierabend und Jeder eilt seinem Heime zu. f er behäbige Herr, dessen Gestalt jetzt an einem Fenster des etwas zurückliegenden Pfarr⸗ hauses erscheint, blickt auf das lebhafte Treiben hinab. Er wischt sich mit einem Zipfel der Serviette den Mund, mit einem anderen die Schweißtropfen von der Stirn. Schwere Arbeit mußte der Herr Pastor verrichtet haben. Auf dem Tische stehen diverse Schüsseln und Teller. Das tägliche Brot bestand 1 aus Bouillon, Kalbsbraten, Spargel und Compot. Jetzt ent⸗ zündet der Herr Pfarrer seine Hauspfeife und öffnet zwei Knöpfe seines Rockes. Drüben geht gerade der Jürgen. Stolz Wan. er in seinem schmutzigen Ehrenkleide ahin. Ein Zug des Unwillens huscht über das graue Gesicht seiner Ehrwürden. Mußte ihn der Anblick dieses Mannes schon wieder in seiner Andacht stören? Voller Unmut begiebt er sich an seinen Schreib⸗ tisch. Doch die rechten Gedanken zu der morgigen Predigt wollen sich nicht einstellen. Die fatale Geschichte vom vergangenen Jahre wiederholte sich in seinem Geiste. Da hatte ihn dieser Jürgen belehrt, daß der alte Spruch:„Schweigen ist Gold!“ immer noch seine Giltigkeit habe.—— Es war in einer Wählerversammlung. Die Anwesenden gehörten in ihrer großen Mehrzahl der arbeitenden Klasse an. Seine Ehrwürden trat kraftvoll, wie es ihm in seinem Amte zu⸗ kam, für den Kandidaten der Ordnung ein. Er wetterte gegen den Umsturz, die immer mehr sich verbreitende Lauheit in religiösen Dingen. „So wahr es eine ewige Seligkeit giebt,“ zeterte der alte Herr,„steht Denen, die aus frevlem Uebermut diesen Wühlern Gefolgschaft leisten, das Feuer der Hölle in sicherer Aussicht!“ Ein unbestimmtes Murmeln erhob sich in der Versammlung. Der Redner hielt es für e Mit erhöhter Stimme fuhr er ort: „Und ist es denn der Genuß des irdischen Lebens, welcher der Seele Befriedigung bringt? Ich sage Nein! Wohl aber ist es das Bewußt⸗ sein, die von Gott eingesetzte Ordnung geachtet zu haben. Wer giebt uns denn das klägliche Brot? Etwa diese Sozialdemokraten, die selbst nichts haben, die sich nicht scheuen, alles Fromme und Ehrbare in den Schmutz zu ziehen? Oder Jene, die ihr Kapital in wohlthätiger Weise dazu anlegen, der Mehrzahl unserer Einwohner den nötigen Verdienst zu geben? Und sorgt unsere, von Gott eingesetzte Gesellschaftsordnung nicht dafür, daß auch der Armen gedacht wird nach dem Bibelspruche: Wer zwei Röcke hat, gebe Dem einen ab, der keinen hat? Wahrlich, die Wahl kann nicht schwer fallen zwischen unserem allbeliebten Bürger N., der fest auf dem Boden unserer heutigen Ordnung der Dinge steht und jenem fremden Eindringlinge.“— Er hatte seine Rede mit demütigen Blicken nach oben, mit strengen Blicken auf die Ver⸗ sammelten b gleitet. Nun, da er geendet, erhob sich vereinzelter, schüchterner Beifall. Der Herr Pastor mochte allseitige, jubelnde Zustimmung erwartet haben. Er machte ein bekümmertes Gesicht, als er ab⸗ trat. Sollte der Geist der Unzufriedenheit sich in diesem ehrwürdigen Städtchen auch schon eingenistet haben? Der Vorsitzende rief laut den Namen des nächsten Redners in die Versammlung. Eine Bewegung machte sich in der Versamm⸗ lung bemerkbar. Man schob und drängte sich. Ein hochgewachsener Mann strebte nach dem Rednerpult. Jetzt stand er oben. Es war Jürgen. Merkwürdig erklang seine Stimme. Er er⸗ zählte von dem niedrigen Verdienst und dem Elend der Lohnarbeiter und zog zum Vergleiche die hohen Dividenden und den mühelosen Gewinn der Aktionäre und Unternehmer heran. Atemlos lauschten die Versammelten. Er empfahl ihnen, im Gegensatz zu dem Pfarrer, den Kandidaten der Arbeiter, da dieser, im Arbeiterstande aufgewachsen, auch am besten Mile wo seinen Standesgenossen der Schuh rücke. „Wir verlangen keine Wohlthat,“ sprach der Redner,„sondern Arbeit, und für diese Arbeit den verdienten Lohn!“ „Es hört sich schöͤn an,“ fuhr er fort,„wenn mein Vorredner von dem bekannten Bibelworte spricht, doch ich muß erklären, daß dieser Spruch 0 5 von den besitzenden Klassen nicht beherzigt wird.“ In der Versammlung entstand eine Bewegung. Zornesröte im Gesicht meldete sich der Pastor zum Wort. „Denn,“ fuhr Jürgen mit einem Blick auf den Pastor fort,„auch der Herr Pastor wird mir gleich beipflichten müssen.“ „Es sind schon verschiedene Jahre verflossen, da stand an einem kalten Winterabend ein kleiner Junge vor einem Pfarrhause. Sein Anzug war zerschlissen. Der Hunger war ihm von den hohlen Wangen abzulesen. Das erste Almosen zu erbitten war ihm nicht leicht. Aber Hunger thut weh. Der Vater hatte schon Wochen lang keine Arbeit, und es fehlte am Nötigsten. Zögernd ergriff der Kleine die Glocke und schellte. Jan der nächsten Minute stand er dem Pfarrer gegenüber. Er stott erte seinen Wunsch auf ein Stückchen Brot hervor, ihm sei gar so hungrig. Der Pfarrer faßte ihn am Arm, schalt ihn einen nichtsnutzig en Schlingel, und trotz flehentlicher Bitte übergab er den„Bettler“ einem Schutzmann.“ Stürmische Pfuirufe ertönten hier aus der Versammlung. Der Pastor rief:„Beweise!“ Aller Augen richteten sich auf ihn. „Selbstredend,“ begann Jürgen wieder, und seine hohe Gestalt reckte sich,„habe ich dieses Beispiel der vielgerühmten Nächstenliebe nicht erzählt, um es unbewiesen zu lassen.“ „Dieser arme Junge,“ und er maß die Gestalt des Pastors mit den Augen,„steht jetzt, nach dreizehn Jahren, vor Ihnen, und der S Samariter von damals, das sind e!“ Der Pfarrer erbleichte und wich einen Schritt zurück. Drohworte wurden aus der Mitte der Versammlung gegen ihn laut. Der Tumult verstärkte sich noch, als Jürgen ein Schriftstück vorlas, dessen Echtheit durch das unten befin d⸗ liche Gerichtssiegel außer allem Zweifel war. Es war das Gerichtsurteil, laut welchem der damalige„Bettler“ mit einem Tage Gefäugn is bestraft wurde. Als einziger Zeuge war der Pastor verzeichnet. Nachdem sich die Erregung etwas gelegt, wurde als nächster Redner der Pastor aufge⸗ rufen. Doch dieser war nicht mehr anwesend. Einige der Versammelten wollten bemerkt haben, wie er die entstandene Unruhe dazu benutzte, sich durch eine Hinterthür zu entfernen. Er hatte den Kampf gegen den Umsturz aufgegeben. Der Herr Pastor hatte den Kopf in die Hand gestützt. Er wirft ab und zu hastig einige Sätze auf das vor ihm liegende Papier.— Möge er morgen in seiner Predigt nicht unter⸗ lassen, die Gemeinde zu bitten, nicht nach seinen Werken, sondern nach seinen Worten zu handeln, denn wir sind allzumal Sünder! b Humoristisches. Beim Rechtsanwalt. Angeklagter: Gott ist mein Zeuge, daß ich den Ring nicht gestohlen habe! — Rechtsanwalt: Ja, lieber Mann, wenn Sie mir keinen richtigen Zeugen für Ihre Unschuld angeben können, dann steht es schlecht mit Ihrer 3 (Sgd.) Zweierlei Standpunkt. A.:„Merkwürdig, je schöner eine Gegend, desto mehr Wirtshäuser hat sie.“ B.:„Umgekehrt, lieber Freund, je mehr Wirtshäuser sie hat, desto schöner ist sie.“ Ein Stammgast. Richter:„Sitzen Sie heute zum ersten Male auf der Anklagebank?“— Ange⸗ klagter:„Heute ja!“ e HHHHHHKK̃̃ñ Geschichtskalender. 26. Oktober. Caprivi. 27. 1553: Calvin läßt Hervet als Ketzer ver⸗ brennen. 23. 1901: Holländische Hafenarbeiter planen den Boykott der englischen Schiffe, um den Buren zu Hülfe zu kommen. 29. 1897: Henry George, amerik. Arbeiterführer, F. 1477: Tizian Vezellio, berühm. ital. Maler,*. 30. 1901: Bruno Schoenlank, soz. Abg., F. 1880: Belagerungszustand über Hamburg verhängt. 31. 1884: Albert Dulk, soz. Schriftsteller, F. 1848: Windischgrätz unterwirft Wien. 1. November. 1887: Verfassungsbruch Ernst 1894: Sturz des Reichskanzlers Augusts von Hannover. „ teboren;- ——— eee Seite 8. MNitteldeutsche Sountaes⸗Jeitung. Nr. 43. F Faniläts-Verein. Montag, den 27. Oktober, Abends 8 ½æ Uhr im Hotel Einhorn: — Vortrag— des Herrn Dr. Spohr aus Frankfurt a. 12100 über Naturheilkunde und Schulmedizin, wozu die Mitglieder und deren erwachsene Angehörige freundl. eingeladen werden. Nichtmitglieder können eingeführt werden. Der Vorstand. Oeffentliche Glaserversammlung am Sonntag, den 26. Okt., Vormitt. 11 Uhr im Gasthaus„Zum Ritter“. Referent: Richard Böticher⸗Maunheim. „Die gegenwärtige Krise, ihre Ursachen u. Folgen.“ Tagesordnung wird in der Versammlung bekannt gegeben. Hierzu ladet freundlichst ein Der Vorstand. 2 Harburgl Case Ouentin, Keinweg. Sonnabend, 1. November, Abends 9 Alhr Populär⸗wissenschaftl. Vortrag des Herrn Kour. Beißwanger⸗Nürnberg über: AK des Meeres). Erläutert durch etwa 100 Tierpräparate, getrocknete und ausgestopfte Tiere, Versteinerungen usw. 2. Die Erde und ihre Lebewesen,(die Enstehung der Erde und ihrer Lebewesen, unter besonderer Theorie). Hierzu ebenfalls zahlr. Präparale, Versteinerungen usw. Eintritt für Gewerkschaftsmitglider und deren Angehörige frei. Nichtorganisierte pro Person 25 Pfg. Die Gewerkschastskommission. DDD — Berücksichtigung der Darwin' schen 5 1. Die Wunderwelt des Ozeaus, lein Blick in die a 11 4 Frankfurter Schuhlager Mäusburgs 12. J. Reiss. Mäusburg 12. Gießens größtes und billigst. Schuhwarenhaus Besonders in Winterschuhen finden Sie sehr preiswerte Artikel für Herren, Damen und Kinder. Arbeiter schule aαιν l,=/ e Stiefel in uur Prima Ou alitäten. d neng seste Preise!! eorg Lhr macher Weckuhren von Uhrglas Uhrzeiger Versandt nach Auswärts. 7 5 5 E 25 1 2 N Taschenuhren von 8 Mk. an. Regulateure mit Schlagwerk von 10 Mark an. Trauringe, massiv Gold, von 12 Mk. an das Paar. Haaruhrketten, zu Geschenken geeignet, mit feinem Beschlag 3 Mk. Reiche Auswahl in Uhrketten etc. Gründl. Reparatur einer Taschenuhr 2 Mk. Neue Feder in eine Taschenuhr 1,50 Mk. 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