N. 4d. — ger ug 2 orten eute 5 nder aten ie, 3 — — — 5 ö ö ag N Deu pu 9 1 1 OG A aοe8 ˙ c A. ne 4 1 N Nr. 47. Gießen, Sonntag, den 23. November 1992 1002. 9. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche 25 1. f Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr Abounementspreis: Bestellungen 5 Inserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 28%% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4940) 33 und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Der Fluch der Armut. Es giebt eine stattliche Anzahl wohlklingender Sprichwörter, welche das Wohl der Armut singen; es giebt eine große Religion, deren Stifter die Armut als besonderes Verdienst verherrlicht hat. Es giebt aber auch Gesetzgeber und mit ihnen Gemeindevertretungen, welche unbekümmert und Moral und Christentum ihr Bedauern mit Not und Elend ihrer Mitmenschen dadurch zum Ausdruck bringen, daß sie der Armut noch den Stempel politischer Recht- losigkeit aufdrücken. Armut ist keine Schande; das hindert aber nicht, daß dem unglücklichen Armenunterstützungs⸗ empfänger gleich einem Zuchthäusler die ohnehin spärlichen politischen Rechte entzogen werden. Wochen lang hat er— ein Opfer der Krisis, ausgebeutet durch die schrankenlose kapitalistische Begehrlichkeit— gekämpft, gerungen und ge⸗ litten, uur um sich und die Seinen ohne die infamierende Armenunterstützung durchzuschlagen. Als der industrielle und gewerbliche Absatz noch flott von Statten ging, da durfte er in auf⸗ reibenden Ueberstunden seine Kräfte im Dienste des Unternehmertums bis zum Zusammenbrechen ausnützen. Winkten ihm doch einige Pfennige mehr Lohn, hoffte er doch, in ruhigen Zeiten sich und den Seinen etwas mehr Sonnenschein gönnen zu können, als sonst dem Arbeiterlos beschieden ist. Dabet vergaß er, daß der un⸗ verhältnismäßige Kräfteverbrauch in den Ueber— stunden nie wieder ersetzt werden kann; dabei übersah er, daß er durch seine Ueberstunden⸗ arbeit mit zur Ueberproduktion beitrug und unbewußt am Grabe seiner eigenen Arbeits- thätigkeit schaufelte. Mit Macht bricht die Krisis herein, und der Arbeiter, diese edle und doch so wertlose mensch⸗ liche Maschine, fliegt als Opfer der anarchischen bürgerlichen Produktionsweise aufs Pflaster. Was liegt daran? Kommen günstigere Zeiten, so finden sich neue Tausende fleißiger Hände; jetzt ist die günstigste Zeit für eine kräftige Ausbeutung der Frauen-, ja selbst der Kinder⸗ arbeit. Was kümmert sich die bürgerliche Gesellschaft darum, was aus den ungezählten Schaaren Arbeitsloser wird. Ist doch die Arbeitslosigkeit gleichbedeutend mit Arbeitsscheue, ist sie doch nur ein künstliches Gebilde sozialisti⸗ scher Hetzer! Die bürgerliche Gesellschaft sieht ja den Arbeiter in der Vorstadt nicht, will den Arbeiter nicht sehen, der arbeitslos, verdienstlos mit der Verzweiflung ringt. Ueber Ersparnisse verfügt er nur in seltenen Fällen. Woher sollten sie auch kommen, wenn der Arbeiter nur so viel erhält, um sich notdürftig durchzu⸗ -schlagen! Woher sollten sie kommen, wenn Weib und eine mehr oder minder zahlreiche Kinderschaar zu Hause nach Brot und Kleidung schreien? Und unermüblich läuft der Arbeiter da und dorthin, in der Hoffnung, doch wieder Arbeit zu finden. Er muß ja Arbeit finden; denn wer nährt seine Kleinen, wer kleidet sein armes, abgehärmtes Weib? 5 Aber überall findet er verschlossene Thüren, bald bedauernd, bald gleichgiltig, bald höhnisch weist man ihn ab. Mag er sehen, wie er aus Steinen Brot gewinnt, wie er aus Fetzen Kleider schafft, wie er für sich und seine Familie ein kümmerliches Obdach bekommt. Da bricht wohl manches Menschenherz entzwei, das auch unter dem schlechten Arbeitsrock für alles Gute und Schöne warm geschlagen, da frägt wohl manches Mutterherz, was die armen Kinder verschuldet, daß sie nicht einmal an trockenem Brot sich satt essen können? Und wenn so ein abgehetztes, darbendes Menschenkind an den wohl gefüllten, mit allen Herrlichkeiten und Leckerbissen aus⸗ gestatteten Schaufenstern vorbeigeht, während zu Hause die Kleinen nach Brot und Milch schreien, wenn so ein Verstoßener den Reichen in gummiberädertem Wagen dahinfchren sieht, von Fürstendenkmälern, Staatskarossen, schönen Trostreden und Brotaufschlag hört, dann bleibt ihm ja noch das Jenseits, das ihm seine Kirche in Aussicht stellt, und Staat und Gemeinde, die von Gott gewollte Obrigkeit! Es wird Winter, und immer höher steigt die Not; zum Hunger gesellt sich als ebenbürtige Schwester die Kälte. Und keine Arbeit für den verzweifelnden, hungernden und frierenden Ar— beitsmann! Ja, wäre er allein, ohne Familie, so könnte er zum Wanderstab greifen, er könnte diesem Elendsdasein durch einen gefundenen Strick ein rasches Ende bereiten; aber Frau und Kinder, die binden ihn fest, die klammern sich an ihn an als ihren einzigen Halt. Er hat dem Staat als Soldat gedient, er hat seine Steuerpfennige entrichtet, er hat jederzeit seine Verpflichtungen gegen seine Mitarbeiter, seine Mitmenschen und die Gesammtheit treu erfüllt. Wäre es da nicht ein Gebot elemen⸗ tarster Gerechtigkeit und Menschenpflicht, daß sich diese Gesammtheit auch seiner und seiner Familie vorbehalts- und bedingungslos annimmt, um sie vor dem Aeußersten zu bewahren? Aber wie erfüllt der Vater Staat diese seine Pflichten? Dem Reichen eröffnet er Aemter und Ehrenstellen und sichert ihm Prämien und Zölle; dem Darbenden aber bietet er mit der einen Hand ein Stück trockenen Brotes, um ihm mit der anderen das einzige Arbeiterrecht, das Wahlrecht, zu entreißen! Kein Arbeiter würde freiwillig auf dieses Grundrecht ver⸗ zichten. Darum ist es nötig, ihm die Pistole auf die Brust zu setzen, ihn dann rechtlos zu machen, wenn er friert, wenn er hungert, wenn er der physischen und seelischen Vernichtung nahe ist. Dann ist die Zeit für den christlichen Staat gekommen, dann schleicht die bürgerliche Nächstenliebe des Klassenstaates heran, um dem Arbeiter die Wahl zu lassen zwischen dem Untergang und dem Verzicht auf sein politisches Recht. Wohl ist der Kampf schwer; aber zuletzt siegt doch der Wunsch zu leben; zu leben für sich, zu leben für seine Familie, und in gieriger Hast greift der Hilflose nach dem ihm hingehaltenen Stück Brot, während der Vater Staat ihn schmunzelnd aus der Liste der Wahlberechtigten streicht. Und freudig stellen Staat und Gemeinde fest: Wieder ein Gegner weniger! Ja, in der Liste der Wähler; aber ein Ankläger mehr in der Zahl Derjenigen, welche der bürgerlichen Gesellschaft die Totenglocke läuten! (Fr. Tagespst.) ———e—— Der Zollkampf im Reichstage. Zoll⸗„Verständigung“. Der Kuhhandel zwischen den Wucher⸗ zöllnern und der hohen Reichsregierung ist im vollen Schwange. Ein bestimmtes Ergebnis liegt allerdings noch nicht vor, doch gewinnt es mehr und mehr den Anschein, daß die Agra⸗ rier mit wenigen Ausnahmen umfallen und sich auf die Regierungsvorlage zurückziehen. Nachdem schon seit längerer Zeit ziemlich in „Verständigungs“versuchen gemacht wurde, haben am Samstag bei einem vom Reichstagspräsi⸗ denten Ballestrem gegebenen Essen offizielle Verhandlungen zwischen der Regierung und der Reichstagsmehrheit stattgefunden. Die Bemüh⸗ ungen der anwesenden Minister gingen selbst⸗ redend in der Richtung, die Mehrheitsparteien möglichst zur Annahme der Regierungsvorlage mit möglichst geringen Konzessionen zu bewegen, während die Bemühungen der Mitglieder der Mehrheitsparteien dahin gingen, möglichst große Konzessionen zu erlangen.— Nach neuerlichen Mit⸗ teilungen verschiedeuer Blätter wären die Kom⸗ promißverhandlungen vollkommen gescheitert. Die Regierung habe bestimmt erklärt, daß sie nicht über den Entwurf hinausgehen könne, sie erwarte vielmehr von dem Patriotismus der Agrarier, daß sie die Vorlage so wie ste ist, annehmen. Man komme den Agrariern mit Patriotismus! Darauf pfeifen sie, wenn sie sich nicht dabei die Taschen füllen können! Thatsächlich herrscht also noch keine Einigkeit zwischen Regierung und Wucherzöllner. Diese tiefgehenden Differenzen sind für das Zustande⸗ kommen des Zolltarifs weit gefährlicher als die sogenannte sozialdemokratische„Obstruktion“, welche die bündlerischen Organe für sein Scheitern verantwortlich machen. Von einer Obstruktion kann übrigens gar keine Rede sein. Die Zöllner nennen aber jede Bekämpfung des Tarifs Ob⸗ struktion und suchen damit bei dem Volke unsere Partei ins Unrecht zu setzen. * 5* Vergewaltigung der Minderheit, Schmälerung der parlamenta— rischen Rechte ist für die Wucherparteien das einzige Mittel, sich die langersehnte reiche Beute zu sichern. Sie haben denn auch die Aende⸗ rung der Geschäftsordnung des Reichstages durchgesetzt. Dieselbe Gesellschaft, welche den Sozialdemokraten vorwirft, daß sie den„Parla⸗— mentarismus schädigen“, wenn sie nicht die Wucherzölle in Bausch und Bogen bewllligen, sondern wenigstens beraten wissen wollen, tastet die Verfassung des Reichstags, seine Ge⸗ schäftsordnung an, um den Junkern den Raub heimzubringen! Eine erbärmlichere Heuchelei ist noch nicht vorgekommen, als sie in den Gründen zu Tage trat, die von den Junkern und Pfaffen für die Aenderung der Geschäftsordnung ange— führt wurden. Das wären gerade die rechten Leute, die Würde des Parlamentes zu wahren! Sie sind viel eher zum Staatsstreiche, zur gänzlichen Beseitigung der kümmerlichen Volks⸗ rechte, über die wir noch in Deutschland ver— fügen, bereit. Verschiedene Reaktionäre drohen bereits mit weiterer Aenderung der Geschäfts— ordnung in dieser Richtung und konservative Preßorgane plaidieren ja schon längst für die 5 ö 5 8 1 5 ö 0 Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 47. demokratie, Als in der Antrags, hatte Mühseligkeit seines Antrages: wie den Antrag. 1 ordnung ein. spater schonen. begründete Singe als Abgeordneter gerebet hat. hinweg usetzen. Antrag Singer. er mit fröh Aussicht stellte. 1 lehnt. Die 1 Aichbichler nahm und 10 schrien 100 Leute wegen Die Linke rief f die wohl verdient 1 0 Murren 10 sich die Herren 1 Zentrum zerpflückte Heine empfahl unsere 0 schloß, 0 zur Stelle. —— — Aichbichler. rechte schützt und allein daz Mittwo Reichstags der Zentrumsmann Spa Prästbenten ersuchte, den der eine Aenderung des auf die namen Abstimmungen bezüglichen Paragra Geschäftsordnung vorsicht, nung zu setzen, protestiert gegen und verlangte Uebergang zur nung. Es entwickelte heftige Geschäftsorduungsde er machte sich die 4 der Kampf der Minderheit Genosse Singer und beantragte Uebe ordnung über den Die Mehrheit war ihre gewohnten Wo 1 vielleicht wollte sie sich der neugebackene Vorsitzende de 0 vativen Reichstagsfraktion, Herr 1 der in den dreizehn Jahren seiner„ Dieser unbezwinglichen Neigung behaftet zu nicht nur über die Vorschristen der ordvung, sondern au folgend— über die Regeln Natürlich ** seiner Junkergenossen . besserungen der Geschäftsordnung in Die Abstimmung über den 5 war namentlich. Es stimmten 65 davon 76 mit Ja, 201 mit Nein; einem war die Wahl zu schwer und er enthielt sich. Der Uebergang auf Tagesordnung war somit abge⸗ Diskussion durchaus entgegen. Linke und die Tribüner amüsierte bei den zahlreichen scherzhaften Bemerkungen, . die Genosse Heine in seine Rede einstreute. Allmählich füllten sich die Bänke auf der Rechten 0 und in der Mitte wieder, und als Heine 00 gegen 6 ¼ Uhr seine 3 stündigen Ausführungen war wieder ein stark besetztes Haus Graf in der Rolle des und des Parlamentarismus aus. seiner Ausführungen kam natürlich die beliebte versteckte Drohung von der Entziehung „mißbrauchter“ Rechte zum Vorschein. welche allein noch die Staatsbürger⸗ u im Stande ist. chs⸗Sitzung des auf die T N Genossen den Junkern und den pfäffischen 155 Volksverrätern ihr schamloses, die Rechte des 5 Reichstags schädigendes Treiben vorhielten. 5 Doch es nützte nichts; der Antrag kam für Donnerstag auf die Tagesordnung. 1 Herr Aichbichler, Taufp sich zur Erholung Antragsstellens au ner übernahm Herr Reichs⸗ 1 begeben. Statt sei 0 1 gerichtsrat Spahn die„Begründung“ dieses elbst. Kraftvoll rgang zur Antrag Aich o verblüfft, das Ju einer r den Antrag. Ihm bisher gerade fünf Herr scheint mit einer der deutsch führungen war allein das von Bedeu zicher Unbefangen d auf weitere Verschlimm— über de ihren Fortgang. 8 Nunmehr bestieg Genosse Heine die Tribüne. f Er hielt vorsichtig Haus mit seine * mitteln und dämpste zunächst abs b Ton seiner Worte. lärmten. der Zuruf: lauter, lauter! Ruhe erklärte Heine, er werde sich unhöflicher nicht überanstrengen. Beifall, die Mehr e Abfertigung mit erneutem verkrümelten All mählich von der Rechten trum in die Restsurationsräume. grotzer Sachkenntnis und glänzendem Humor Antrag Aichbichler und den Verbesserungsauträge. n sich göttlich Nächster Redner war Graf Limburg⸗ Stirum. Natürlich war er für den Antrag Sehr komisch nahm sich der Herr Hüters der Verfassung Am Schluß Antrag Aich bichler, e Singer sofort da⸗ Tagesord⸗ sich eine lange und äußerst batte, in der unsere ate des berühmten Sache ebenso leicht, setzte fofort für die Geschäfts⸗ erhob sich rtausbrüche unterließ— auch ihre Lungen für wuchtigen 1 deutschkonser⸗ von Normann, Thätigkeit“ Geschäfts⸗ ch— Herrn von Podbielski 0 bekämpfte er den Von seinen dürftigen Aus⸗ heit die edle Absicht ichtlich den Die Junker und Plaffen Fortwährend ertönte Aber mit stoischer hu den tlichen] im Zentrum entfesselte. Einige Junker über⸗ phen der schlugen sich fast vor Freude; die Zentrums⸗ agesord⸗ leute und die Antisemiten schrien sich vor von der f Urlaub Tages⸗ bichler. sie sogar Rede erwiderte f Worte sein, sich e Sprache tung, daß erfreuliche Antrag Singer 278 Abgeordnete, n Antrag n Stimm⸗ heit nahm und dem Mit Die so Linken fortfahren blieb konsequent. Aichbichler, einen Beifall wie noch nie auf 2 Der Vater der Sparagnes Er sprach gegen den Antrag aber in einer Weise, die gewiß; der Rechten und Entzücken die Kehle wund. Hierauf kam Bassermann an die Reihe. Der badenser Rechtsanwalt sprach für den Antrag Aichbichler, und zwar—„aus Liebe zum allgemeinen Wahlrecht“. Wer lacht da? Die trefflichen Ausführungen des Abge⸗ ordneten Schrader bewiesen, daß auch die mehr nach rechts stehenden Mitglieder der freistunigen Vereimgung im Kampfe gegen die Vergewaltigung ihren Mann zu stehen gedenken. Auch der Pole Glebocki sprach gegen den Ver⸗ gewaltigungs-Antrag. N Der regelmäßige Schlußantrag der Volks⸗ ausbeuter, der in namentlicher Abstimmung angenommen wurde, schnitt weiteren Rednern, darunter auch unserem Genossen Bebel, das Wort ab. Es gab dann eine lange Reihe persönlicher Bemerkungen, worauf die Zöllner unter Führung Spahn's und Tiedemanns Uebergang zur Tagesordnung über sämtliche zum Antrag Aichbichler gestellten Abänderungs⸗Anträge beantragten. Nun erhob sich eine äußerst erregte Geschäftsordnungsdebatte. Singer wies sofort mit überzeugender Logik nach, daß dieser Antrag den schlimmsten Bruch der Geschästsordnung, einen unerhörten Gewalt⸗ akt bedeute, der einen Zustand der Rechtlosigkeit im Reichstage herbeiführen müsse. Ihm schlossen sich Barth und Richter an; ebenso wandte sich Bebel mit aller Entschiedenheit gegen die Zulässigkeit des Antrags und nannte das Ver⸗ halten der Mehrheit schamlos. Bis beinahe 10 Uhr hatte sich die Debatte ausgedehnt. Daun beschloß der Reichstag die Zulässigkeit des Antrages durch Abstimmung. Gleich dar⸗ auf ging das eleltrische Licht zu Ende und es konnten daher die Reaktionäre an diesem Tage ihren Zweck trotz aller Anstreugung nicht er⸗ reichen. So kam es erst am Freitag zur Ab⸗ stimmung über den Vergewaltigungsautrag. Er wurde selbstverständlich angenommen und zwar mit 197 gegen 78 Stimmen. Wenn das Junkertum aber etwa glaubt durch diesen Ge⸗ waltstreich etwas gewonnen zu haben, dürfte es sich schwer täuschen. Die Gegner verfügen noch über Waffen genug, um den. Kampf gegen die Volksausbeuter wirksam zu führeu. Unsere Genossen werden ihren Mann stellen.— Nach dieser Abstimmung wurden am Freitag noch die§§ 9 und 10 des Tarifgesetzes erledigt. Die neue Abstimmungs⸗Methode gelangte dabei zum ersten Male zur Anwendung. Politische Rundschau. Gießen, den 20. November. Der Reichstag beschäftigte sich in seiner Samstagssitzung aus⸗ nahmsweise nicht mit dem Zolltarif. Deswegen hatte sich auch der größte Teil der Zöllner wieder gedrückt, die sind blos anwesend, wenn sie sich durch die Gesetzes⸗ macherei die Taschen füllen können. Die Beratung der Petitionen, die auf der Tagesordnung stand, und wobei außer dem Vereins⸗ und Versammlungs⸗ recht auch sogenannte Mittelstandsfragen, wie der von den Zünftlern heißbegehrte Befähigungsnachweis zur Erörte⸗ rung gelangten, interessierte dlese Sorte„Volksvertreter“ nicht. Der biedere Handwerker ist ja gut genug, bei den Wahlen als Stimmvich für die„staatserhaltenden“, Konservativen zu fungieren; im Uebrigen huldigt man lieber dem edlen Waidwerk.— Zuerst kam die am 14. Oktober abgebrochene Beratung der Frauenpetition zum Versammlungsrecht zur Verhandlung. Die Redner unserer Partei, Stolle, Baudert, Heine, Dr. Herzfeld, Sachse, Thiele, geißelten die parteiische Handhabung des Vereins⸗ und Versammlungsrechts, wie sie zumal in Sachsen, den thüringischen Staaten und suchten vergeblich ihre Interessant war die Konstatieruug der Schwänzerr Er beantragte wegen schwaah er die nächste Petition betr. den doch angeblich die Rechten durch Singer. Besetzung der Rechten Befähigungs nachweis, die Herren Konservativen so sehr ordnung abzusetzen. Regierungen Mit Dr. Barth und beizuführen. fähigkeit. Wegen der konservativen ist die kaiserli nen in Westpreußen auch nicht Es muß sich in sehr befunden haben; von wohnungen sagte damals der schlechter als Schweineställe. Gutes veröffentlicht. Dil nach und nach völlig heute 150 Haupt. wird mit erfreulichem zucht. Insassen, Vervollkommungen des zunehmen, soweit Mittel aus vorwärts gekommen. Kraft, so würden sich Betriebes noch weiter der Armen. Derartige anführen. durch die sächsische Presse: Riesa. Ein Stadt mit der Rittergutes in eigene Bewirt Das Rittergut erbrachte einen Reingewinn vo zu den großen; es muß also Landwirtschaft wirklich nicht so leicht ein anderer Betrieb Verunglückte Ueber die Wirkung der U rückständiger Kreise in vielen eingeführt wurde und die helfen sollte, schrieb letzten Jahren in etwa 45 die Zahl der Konsumvereins höhte. gunst, mit der gewisse Kreise betrachten. sumvereine von voll in Anwendung gebracht nur gegen die ist erschweren sucht. Doch so Vereinigungen bisher eine pol hindern können. sächsischen Konsumvereine thuung fest, daß trotz Daseinserschwerungen konsumvereine in Mitglieder gewonnen Mecklenburg heimisch ist; die Freisinnigen Dr. Müller⸗ Meiningen, Rö sicke⸗Dessau, der die anhaltische Reaktion von 35 auf etwa 50 So erweisen interessiere, feinem Lächeln widersprach bat, einen Beschluß des Hauses her⸗ Sofort bezweifelte Singer die Beschluß⸗ Gut Cadinen wurde dem Kaiser verwahrlostem Zustande den dortigen Arbeiter⸗ Kaiser, sie wären für solche Zwecke bereit gewesen sind. mit diesen Grundsätzen ist das — Tritt der Zolltarif in die Einnahmen dieses steigern— auf Kosten Veispiele lassen sich mehr Vor kurzem ging f Uebernahme Und das ist geschehen, trotz der Arbeiterkonsumvereine. bekannt, wie mau ihnen unter dem Verdacht, der Sozialdemokratie zu dienen, den letzten Jahren 50000 und ihren Jahresumsatz Millionen erhöht haben.“ sich alle von den Rückschrittlern Seite 2.— 5 5 5 th, Beseitigung des Reichstags⸗Wahl⸗ Nun erhoo sich mit gewohntem mürrischen an den Pranger stellte, und Dr We e an rechts. Man hätte es viclleicht längst ange-] Gesicht der Abgeordnete Richter von seinem lich dak Weimaraner Goethevortrags vir een bei. 55 tastet, fürchtete man sich nicht vor der Sozial⸗ Platze. Allgemeine Spannung. Wird er mit legener Ironie verspottete, pflieneten ihten rtreter ver⸗ dem Verrat an der gemeinsamen Sache der nuten ber und der ssächsshe unden 1 wei 5 eiß in: ei der von der Tages⸗ Schwänzerei wurde also die handwerkerliche Petition auf den Sankt Nim⸗ merleinstag, und der Reichstag bis Donnerstag vertagt. Von der„Not der Landwirischaft“ che Gutsverwaltung auf Cadi⸗ überzeugt. Das s. Zt. geschenkt. Jetzt wird eine Schilderung über den Wirtschaftsbetrieb jenes den vier Jahren, in denen der Kaiser das Gut besitzt, heißt es da, ist es möglich gewesen, die aufzufrischeu. Auch die Schweinezucht Nutzen betrieben, ebenso wie die allmählich wieder belebte Schaf⸗ Der Schweinestall zählt etwa 100 der Schafbestand 180 Mutterschafe. Für die ganze Wirtschaft ist ebenso wie für die Brennerei das Prinzip maßgebend gewesen, Wirtschaftsbetriebs vor⸗ Rindviehheerde Sie zählt eigenem Betriebe Und Gut offenbar folgende Notiz gutes Geschäft hat die me des hiesigen schaftung gemacht. im letzten Jahre n 40 000 Mk. Das erwähnte Gut gehört noch nicht einmal mit der Not der so schlimm sein. 40000 Mark Reingewinn jährlich wirft nicht ab. Pittelstandsretterei. msatzsteuer, die auf das Geschrei der Antisemiten und sonstiger Orten Sachsens dem Mittelstand 0 man neulich von dort der „Frankftr. Ztg.“:„Die Steuer ist zwar in den Orten eingeführt, aber es ist nicht bekannt geworden, daß dort mit jener Maßregel eine günstige auf die genannten Erwerbszweige(Kleingewerbe und⸗Handel) erzielt wurde, doch ist es bemerkens⸗ wert, daß in vielen Orten mit der Umsatzsteuer Rückwirkung mitglieder sich er⸗ Miß⸗ die Konsumvereine Natürlich sind die agrarischen Kon⸗ dieser Mißgunst ausgenommen; wird sie eigentlich Es das Leben zu wenig man diesen itische Parteinahme im angegebenen Sinne nachzuweisen vermochte, so wenig hat man ihr weiteres Erstarken ver⸗ Auf dem Verbandstage der stellte man mit Genug⸗ Umsatzsteuern und anderer die sächsischen Verbands⸗ neue — f Nr. 47. Witteldentsche Sonntaas⸗Zeltung. Seite 3. aller Sorten zur„Hebung des Mittelstandes“ angepriesenen Mittelchen als total verfehlt und i hat auch hier in recht be⸗ alten. Antisemitische Kampfesweise. Voriges Jahr im Dezember war dem Abg. Bebel wenige Tage, nachdem er seine Etats⸗ rede gehalten, eine Postkarte aus Leipzig zuge⸗ gangen, die ganz gemeine Schmähungen enthielt. Unterzeichnet war ste mit„O. Müller, Ober⸗ lehrer.“ Die„Leipz. Volksztg.“ veröffentlichte darauf eine genaue Abbildung der Karte und schon nach ganz kurzer Zeit stellte sich heraus, daß der Ratssekretär Golla in Leipzig der Schreiber dieser, sowie auch einer anderen, an die Leipz. Volksztg. gerichteten Karte war und selbstverständlich warf unser Leipziger Partei- organ diesen Menschen öffentlich seine Schand— that vor. Er wollte es aber nicht gewesen sein und strengte gegen den Redakteur Seeger einen Beleidigungsprozeß an, der vorige Woche mit der Freisprechung Seegers endete. Der Gerichts- hof hatte auf Grund des schriftsachverständigen Gutachtens die Ueberzeugung gewonnen, daß Golla Schreiber beider Postkarten sei. Golla wurde zusämtlichen Kosten des Verfahrens sowie wegen Ungebühr vor Gericht zu 20 Mk. Strafe verurteilt. Seiner Stellung dürfte der saubere Herr ebenfalls verlustig gehen, doch wird's ihm wohl nicht so schwer fallen eine neue zu finden, als antisemitischer Sozi⸗ alistenfresser findet er sicher eher Unter⸗ schlupf, wie etwa ein gemaßregelter sozialdemo⸗ kratischer Arbeiter. Kauonenkönig Krupp. Dem reichsten Manne Deutschlands, dessen Einkommen durch die Vermehrung der Panzer⸗ kähne auf über 25 Millionen Mark jährlich gestiegen ist, sagt man böse Dinge nach. Auf der Insel Capri im Golfe von Neapel hat er sich eine mit verschwenderischer Pracht ausge⸗ stattete Villa errichtet. Dort hielt er sich einen großen Teil des Jahres auf, hat sich aber die Zeit mit ziemlich anstößigen Vergnügen vertrieben, die in Deutschland nach§ 175 des St.⸗G.⸗B. bestraft werde(Widernatürliche Unzucht.) Es kam soweit, daß bei einem Photographen der Insel gewisse nach der Natur aufgenommene Bilder zu sehen waren. Schließ⸗ lich wurde der Skandal doch zu groß und der Minister des Innern sandte einen Inspektor der öffentlichen Sicherheit nach Capri, der eine Untersuchung anzustellen halte. Das geschah ohne Wissen der Lokalbehörden. Auf die Er⸗ gebnisse dieser Untersuchung hin wurde Krupp ersucht, die Insel für immer zu verlassen. Der Vorwärts brachte diese Skandalgeschichte zur Kenntnis weiterer Kreise, nachdem sich die ausländische Presse schon längst damit befaßt hatte. Man sollte nun erwarten, daß sich die Staatsanwaltschaft mal etwas eingehender mit Herrn Krupp befaßte. Davon hat man aber noch nichts gehört. Doch mußte unser Zentral⸗ organ eine Haussuchung über sich ergehen lassen, bei welcher man nach dem Manusfkript des Artikels suchte, natürlich ohne es zu finden. Krupp hat dem Vorwärts mit einem Straf⸗ verfahren gedroht. In der Verhandlung wird unser Parteiorgan schon mit seinem Material aufwarten. Wieder ein Attentätchen! Auf den König Leopold von Belgien, rich tiger, auf einen Wagen, worin er den König ver⸗ mutete, hat am Sonntag ein angeblicher Anarchist einen Revolverschuß abgegeben. Verletzt wurde Niemand. Dem Leopold kommt das Attentat sehr gelegen. Denn sein getreues Volk war so schlecht auf ihn zu sprechen, daß es ihm vor⸗ aussichtlich bei nächst bester Gelegenheit zum Teufel gejagt hätte. Durch den Streich eines Dummkopfes hat er wieder an Popularität ewonnen; es sprechen verschiedene lic her Blätter sich offen dahin aus, es könne sich hier sehr wohl um bestellte Arbeit handeln. Der„Attentäter“ ist wieder ein Italiener, Namens Rubino, giebt an, Anarchist zu sein, in seiner Wohnung wären auch anarchistische Zeitungen gefunden worden.— In seiner Heimat hat er während seiner Militärzeit fünf Jahre Gefängnis verbüßt, weil er einen Artikel gegen seinen Kommandeur in einem sozialisti⸗ schen Blatte veröffentlicht hatte. Später erhielt er nochmals 4 Jahre Zuchthaus wegen Fälschungen. In London, wohin er sich dann wandte, haben ihn die Anarchisten aus ihren Reihen ausgeschlossen, weil sie ihn für einen Spitzel hielten. Das sagt genug. Wie wir über Attentate denken, weiß Jeder⸗ mann. Wir verurteilen sie unter allen Umständen, ob sie sich gegen den besten Mann oder gegen den König Leopold von Belgien richten. Auf dem Wege der Attentate hat nie eine gute Sache gesiegt, eine schlechte ist durch sie nur gefestigt worden. Unsere Sache wird durch derartige verrückte Streiche nur geschädigt. Umso blödsinniger sind die Vorwürfe, welche aus Anlaß des Attentates die belgischen Pfaffen⸗ blätter gegen die Sozialdemokratie erheben, als sei sie die Urheberin des Anschlages. Jene Blätter arbeiten aber nur nach berühmtem Muster; bei jedem solchen Vorkommnis erhebt die deutsche reaktionäre Presse dasselbe Geschrei und fordert Maßregeln gegen die„Aufwiegler“. Als in der Deputiertenkammer der Vorschlag des Präsidenten, dem König die Teilnahme des Parlaments auszusprechen, beraten wurde, er⸗ klärte Genosse Vandervelde im Namen der Sozialdemokraten dazu, sie könnten sich wegen ihrer republikanischen Ueberzeugung diesem Vor⸗ schlage nicht anschließen. „Doch wir bedauern die That ausdrücklich und freuen uns, daß sie mißglückt ist, da wir höchste Achtung vor jedem menschlichen Leben haben. Gleichzeitig aber müssen wir unser tiefstes Bedauern darüber ausdrücken, daß man unschuldige Arbeiter eingesperrt und sogar einen englischen Abgeordneten, welcher der sozialistischen Partei angehört hat, hier verhaftet hat.“ Die Polizei, die in Belgien auch nicht schlauer ist als anderwärts, hatte nämlich den auf der Durchreise nach Deutschland befindlichen engli— schen Abgeordneten, Genossen Keir Hardi, trotz seines Protestes verhaftet. Er wurde zwar bald wieder entlassen, erhob aber bei der englischen Gesandschaft Beschwerde. Nach Mitteilungen, wälche ein englisches offizielles Blatt, die„St. James Gazette“ offenbar nach Polizei⸗Berichten, über die Ver— gangenheit des Attentäters Rubino macht und die von der Frkftr. Ztg. wiedergegeben werden, steht fest, daß der Attentäter ein Polizei⸗ spion war, der von der italienischen Regierung unterhalten, aber entlassen wurde, als er von den Londoner Anarchisten als Spitzel erkannt worden war. Er soll sich damals geäußert haben, daß er nach Italien reisen werde, um den König zu töten. Die Londoner Polizei glaubt, daß er die That in Brüssel aus Ver⸗ zweiflung beging, weil er kein Geld mehr hatte. Die alte Geschichte!— Die Regierungen züchten selbst die Verbrecher, deren Hallunkenstreiche sie dann dem arbeitenden Volke zur Last legen und als Vorwand zu Unterdrückungsmaßregeln benutzen. Eine sozialdemokratische Landtags⸗ mehrheit sollten die Wahlen in Schwarzburg⸗Rudol⸗ stadt ergeben haben, wie von vielen Blättern berichtet wurde. Das ist leider nicht der Fall; die letzte Nachwahl, die wegen Doppel wahl eines unserer Genossen erfolgen mußte, fiel zu Gunsten des Gegners aus, der nach großer Anstrengung mit 12 Stimmen Mehrheit Sieger blieb, obwohl die sozialdemokratischen Stimmen gegen die vorige Wahl noch eine respektable Zunahme aufweisen. So war der radikale Umsturz im Rudolstädter Ländchen nochmals glücklich abgewendet. f Doch brachten uns die letzten Tage eine Reihe recht erfreulicher Wahlerfolge. So in Leipzig bet den Stadtverordnetenwahlen, wo unsere Genossen in allen Bezirken über die vereinigten Bürgerlichen und die Hausbesitzer⸗ partei siegten und vier Mandate eroberten. Ebenso siegte in Crimmitschau(Sachsen) und in Rixdorf bei Berlin die sozialdemo⸗ kratische Liste. E Purteis Lueger. Wic haben neulich schon erwähnt, in welch' skandalöser Art die Antisemiten in Wien unter Führung ihres Häuptlings Lueger Wahlterro⸗ rismus bei den Landtagswahlen geübt haben. In der Freitagssitzung des Reichsrats kam die Interpellation Pernerstorfers wegen des Ein⸗ bruchs der Polizei ins Arbeiterheim zur Ver⸗ handlung, wobei unser Genosse mit Lueger gründlich abrechnete. Er sagte von Lueger und seinem Anhang: Wir haben das Gefühl, daß die Arbeiterschaft vogelfrei ist gegenüber dieser Partei, die die korrupteste auf der Welt ist, die sich aber als kaisertreue und katholische Partei aus giebt. Redner erzählt die von den Christlich⸗sozialen erfundene Geschichte, daß in der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch ein Wachmann in Favoriten von Sozialdemokraten erstochen worden sei. Diese Geschichte reduziere sich darauf, daß zwischen Leuten, die 22 Krügel Bier getrunken, eine Wirtshaus⸗Rauferei entstand. Unter diesen Leuten befand sich auch ein Wachmann in Zivil. Derselbe erhielt von einem Streik⸗ brecher, einem Gegner der sozialdemokratischen Partei, einen Messerstich. Auf Grund der Lügen der christlich⸗ sezialen Blätter hat uns Lueger in der Mittwochssitzung fortwährend„Meuchelmörder“ genannt. Er hat sich benommen wie ein Irrsinniger oder ein Gassen⸗ junge. So benimmt sich nicht der Bürgermeister des letzten Dorfes. Der Bürgermeister von Wien, Dr. Lueger, hat sich einer Ehrlosigkeit schuldig gemacht, wenn er auf Grund von Lügen verleumdet. Mit diesem Manne, der bar ist jeden Gefühles der Ehre, verkehren die höchsten Würdenträger des Staates! Er gilt als Verkünder der Kaisertreue und des Patriotismus, derselbe Mann, der sich öffentlich sagen lassen muß, daß er ein Verleum⸗ der ist. Redner erinnert an die Ausfälle der antisemi⸗ tischen Zeitungen gegen die Frauen, die sich an der Wahl in Favoriten beteiligt. Wer sich Frauen gegen⸗ über so benimmt, ist der ärgste Schandbube in Oesterreich. 5 Die deutschen Antisemiten betrachten die Luegerianer als ihre Vorbilder. Fortschritte des Sozialismus in Amerika. Vor kurzem haben die Kongreßwahlen in Amerika stattgefunden. Dort streiten sich nur die beiden bürgerlichen Parteien der„Demo⸗ kraten“ und„Republikaner“ um die Herrschaft. Die Sozialisten, die es bei den bisherigen Wahlen auf keine nennenswerte Stimmenzahl brachten, erhielten etwa 500000 Stimmen gegen 36000 im Jahre 1896. Zur Präsidenten⸗ wahl über zwei Jahre werden die sozialdemo⸗ kratischen Arbeiter ein entscheidendes Wort mitreden. Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. Die Mannheimer Gewerbe-Gerichts⸗ wahlen sind am Montag vorgenommen worden und zwar kam hier das Proportinalwahlsystem in Anwendung. Der Termin war schon einmal auf einen früheren Tag festgesetzt, wurde aber wieder verlegt, weil die Hirsch⸗Dunkerschen ihre Kandidatenliste einzureichen vergessen hatten, wie das in diesem Falle Vorschrift war. In der Arbeitgeberklasse erhielt die Liste des Gewerbe-Vereins 449, die des Gewerkschafts⸗ kartells 103 Stimmen. Auf der Seite der Arbeiter entfielen 3012 Stimmen auf die Liste des Kartells, 884 auf diejenige der nicht⸗ sozialdemokratischen Arbeiter. Letztere erhie ten also ein Fünftel der Arbeitnehmerbeisitzer, während unsern Genossen ein Sechstel der Arbeitgeber zufällt. N f T Die Gewerbegerichtswahl in Berlin hat am Samstag für die Arbeitgeber und Sonntag für die Arbeiter stattgefunden. Von den 70 Beisitzern, die von jeder Seite zu wählen sind, brachten unsere Genossen 4 Kau⸗ didaten bei den Arbeitgebern durch. Die von der Gewerkschaftskommission aufgestellte Arbeitnehmerliste ging glatt durch. Es wurden die Kandidaten mit 6700 Stimmen gewählt! Diese Wahlbeteiligung ist eine gute zu nennen. In den letzten Jahren sind in mehreren Berufen Innungsschiedsgerichte errichtet worden, wodurch natürlich Tausenden Arbeitern das Wahlrecht genommen wird. Trotzdem wurden beinahe doppelt soviel Stimmen als vor zwei Jahren abgegeben. ———-= e U ln — 1 ———ůj—jç—f%é— — Seite 4. Mitteldeutsche Sonntaas⸗Zeitung. Nr. 47. Der Weberstreiren Meerane dauert noch fort. Der zweite Versuch des Bürger⸗ meisteramtes, zwischen den streikenden Webern und den Fabrikanten zu vermitteln, ist ebenfalls gescheitert. Beide Parteien waren nach dem Rathause bestellt, doch kam es zu keiner gemeiu⸗ samen Aussprache. Bürgermeister Wirthgen konferierte mit beiden Gruppen getrennt, um dann den Arbeitern die— Wiederaufnahme der Arbeit zu empfehlen, da die Fabrikanten zur Anerkennung eines neuen Lohntarifes nicht zu bewegen seien.— Ju drei sehr stark besuchten Versammlungen berichteten die Arbeitsausschüsse über die Verhandlungen. Das Ansinnen, die Arbeit bedingungslos wieder aufzunehmen, wurde entrüstet abgelehnt.— f Der deutsche Bergarbeiterver⸗ band hat sich in der letzten Zeit recht erfreulich entwickelt. Die Mitgliederzahl betrug anfangs des Jahres 39000 und stieg bis Anfang No⸗ vember auf 48000. Die„Bergarbeiter⸗Zeitung“, welche diese Zahlen angiebt, hofft, daß bis zum Jahresschlusse 50 000 Mitglieder zu verzeichnen sein werden. Darüber wird sich gewiß jeder aufgeklärte Arbeiter freuen. Trotzdem stehen noch zahllose Bergarbeiter der Gewerkschaft gleichgiltig gegenüber. Auch in unserer Gegend, in Oberhessen, im Dillthale, Westerwald, Sieger⸗ land arbeiten massenhaft Bergleute, von denen kaum einer etwas von Organisation weiß. Da giebt's für uns noch viel Arbeit! r pe von Nah und Lern. Gießener Angelegenheiten. — Ortskrankenkasse. Durch die von der letzten Generalversammlung beschlossenen Statuten änderungen sind, wie wir schon neulich erwähnten, die Leistungen der Kasse in verschiedener Beziehung erhöht worden. Dem § 2 wurde eine Fassung gegeben, wonach sogenannte Gelegenheitsarbeiter, deren Beschäftigung voraus sichtlich weniger als eine Woche dauert, versicherungs pflichtig sind. Diese Aenderung wird zur Folge haben, daß die Bürgermeisterei Gießen die Gemeindekrankenversicherung eingehen läßt und dadurch ist ein Schritt zur Verein⸗ heitlichung der Krankenversicherung gethan.— Bei§ 5, der von der Beitrittsberechtigung handelt, wird bestimmt, daß in Zukunft alle im Kommunaldienst beschäftigten, nicht versicherungspflichtigen Personen, selbständige Ge⸗ werbetreibende, Apothekergehilfen und Lehrlinge, Dienst⸗ boten, beitreten können.— 5 15 wurde dahin abge⸗ ändert, daß ledige Kassenmitglieder, die in einem Kranken⸗ hause untergebracht werden, in Zukunft ein Achtel des ihrem Krankengelde zu Grunde gelegten Durchschnitts⸗ lohnes erhalten. Seither erhielten sie ein Zehntel des Krankengeldes.—§ 22 wird dahin abgeändert, daß den nicht im Bezirke wohnenden Mitgliedern bei Er⸗ krankung ihrer Angehörigen für eine Consultation des Arztes 50 Pf. und für einen Besuch desselben 1 Mk. auf die Rechnung zu vergüten ist; seither gab es nichts. Außerdem wird Sterbegeld für Ehefrauen und Kinder bezahlt und zwar für Erstere die Hälfte des dem Mit⸗ gliede zustehenden Sterbegeldes, für die Letzteren, sobald sie zwischen 6 und 14 Jahre alt sind, ein Viertel und unter 6 Jahren ein Fünftel des Satzes für Mitglieder. — Bei 8 31 wurde beschlossen, daß Mitglieder, welche in den letzten drei Wochentagen eintreten für die betr. Woche Beiträge nicht zu zahlen brauchen.— Schlteß⸗ lich sei noch erwähnt, daß bei geburtsärztlichen Hilfe⸗ leistungen die Kasse ab 1. Januar 1903 die Honorar⸗ zahlung übernimmt. Seither brauchte die Kasse für derartige Hilfeleistungen nichts zu bezahlen. — Die Brotpre ise brachte unser Genosse Krumm in der letzten Stadtverordnetenversammlung zur Sprache. Er meinte, nachdem die Bäcker zu einem Teile selbst der Meinung sind, daß der jetzige Brotpreis im Verhältnis zu den Mehlpreisen zu hoch ist, sei die Frage am Platze, ob nicht die städtische Verwaltung etwas thun könne, um der Bevölkerung in dieser teueren Zeit wenigstens billigeres Brot zu verschaffen. Es sei Unrecht, wenn die Bäcker an den hohen Preisen festhielten, obgleich einige unter ihnen selbst einen Abschlag befürworten. Es scheint, die Bäcker bilden einen Ring, um künstlich die hohen Preise zu halten und jede gesunde Konkurrenz zu unterbinden. Er möchte nicht gern, daß die Konsumen⸗ ten veranlaßt werden, von auswärtigen Lieferanten zu beziehen; der Ringbildung zum Schaden der Konsumen⸗ ten müsse aber entgegengewirkt werden. Bürgermeister Mecum antwortete, daß er sich mit dieser Frage schon beschäftigt habe, er werde sie der sozialpolitischen Kom⸗ mission unterbreiten und vorschlagen, Brot als Wochen⸗ marktsartikel zuzulassen, wenn nicht ein Abschlag von die Rede gewesen und darüber lietze sich„vielleicht“ noch reden! Nach weiteren unwesentlichen Bemerkungen wird dieser Gegenstand verlassen.— Also einen halben Pfen⸗ nig pro Pfund wollen die Herren gütigst heruntergehen. Und auch das thun sie erst, wenn die Oeffentlichkeit einen Druck ausübt. Im Anzeiger versuchte neulich je⸗ mand in einem Eingesandt darzuthun, daß die Bäcker wirklich nicht viel verdienten, die Forderung eines Brot⸗ abschlags ungerechtfertigt sei. Nun, wir gönnen gewiß jedem Gewerbetreibenden seinen angemessenen Gewinn, meinen aber, die Bäcker brauchten sich nicht zu beklagen. Wir können uns nicht erinnern, daß in Gießen ein Bäckermeister, der sein Geschäft verstand, Bankerott ge⸗ gangen ist, dagegen wissen wir eine ganze Anzahl, die reich geworden sind; wancher konnte sich sogar Grund⸗ stücksspekulationen leisten. — Versammlungen. Nächsten Dienstag, den 25. November, findet abends ½9 Uhr eine öffentliche Holzarbetter-Versammlung im Lokale zum„Wiener Hof“ statt, in der besonders die Arbeitsverhältnisse im Schreinergewerbe erörtert werden sollen.— Für Mitt⸗ woch, ven 26. November ist eine Gewerkschafts⸗ versammlung in das Lokal Orbig einberufen. Diese soll sich zunächst mit den Wahlen der General⸗ versammlungsvertreter zur Ortskrankenkasse be assen und als zweiter Punkt ist die„Saalfrage“ auf die Tagesordnung gesetzt. Wir machen auf beide Versamm⸗ lungen aufmerksam. n. Freie Turnerschaft Gießen. Der neu⸗ gegründete Turnverein macht über alles Erwarten gute Fortschritte; er zählt bereits über 80 Mitglieder. Wer sich noch zu den Gründern des Vereins gerechnet wissen möchte, muß seinen Beitritt noch im Monat November bewirken. Beitrittserklärungen und Beiträge nimmt der Kassierer P. Niewisch, Katharinenstr. 12, jeden Abend, sowie Sonntags vorm. von 10—12 Uhr im Turnlokale„zum Pfau“ entgegen. Aus dem Rreise gießen. r. Ueber die Aufgabe der Schule haben manche Geistliche merkwürdige Begriffe, so z. B. Herr Dekan Strack in Leihgestern. Dort wurde am Sonntag die neue Schule mit der nötigen Feierlichkeit eingeweiht, wobei natürlich auch verschiedene Reden zu hören waren. Regierungsrat Wagner übergab die Schlüssel der Gemeindevertretung mit dem Wunsche, daß diese Schule eine Pflanzstätte wahrer volkstümlicher Kultur, Bildung und Sitte sein möge. Hatten die Worte dieses Herrn auf die Zuhörer den besten Eindruck gemacht, so ist das von der Rede des Herrn Dekan Strack nicht zu sagen. In seiner längeren Ansprache betonte dieser Herr, daß die Schule die Aufgabe habe, die Kinder zu religösen, gehorsamen Menschen, zu untertänigen Dienern der Obrigkeit zu erziehen. Wir meinen im Gegenteil, daß die Schule die Kinder zu freien, selbständigen, klardenkenden Männern, nicht zu knechtseligen, muckerischen Kreaturen erziehen soll und wir hoffen, daß trotz Herrn Strack in der neuen Schule in diesem Sinne gewirkt wird. Aus dem Nreise sriedberg⸗Büdingen. k. Recht viel Beschwerden haben die Einwohner von Rödgen bei Bad⸗Nauheim zu führen. Besonders sind verschiedene Beschlüsse des Gemeinderats Gegenstand herber Kritik. Abgelehnt wurde z. B. der Antrag eines Bürgers, den Weg zu seinem Hause in Stand setzen zu lassen, damit er nicht durch Wasser zu waten braucht; ferner wurde im Sommer der Antrag auf Errichtung eines Bleichplatzes abgelehnt, erst nachdem eine Menge Strafen über verschiedene Einwohner verhängt waren, stellte der Gemeinderat einen Platz zur Verfügung. So sind noch viele Beschwerden, deren Abhülfe sich der Ge⸗ meinderat angelegen sein lassen sollte, wenn er sich das Vertrauen der Gemeindemitglieder erhalten will. Diese sollten aber bei den Wahlen vorsichtiger sein. Aus dem Nreise Alsfeld-Cauterbach. e. Die Kreiskonferenz, die am Sonntag in Lauterbach stattsand, war gut besucht. In dem Berichte des Vorstandes wird mitgeteilt, daß leider nur eine größere Versammlung seit der letzten Konferenz statt⸗ finden konnte. Zur weiteren Agitation wurden 6000 Kalender verteilt, die überall gute Aufnahme fanden. An Einnahmen verzeichnet der Bericht 110,32 Mk., Ausgaben 87,37 Mk., es ergiebt sich also ein Ueber⸗ schuß von 22,95 Mk.— In den Vorstand des Kreis⸗ wahlvereins wurde Grünewald als Vorsitzender; die Gen. Linn als Schriftführer und Wahl als Kassirer gewählt. Als Kreisvertrauensmann wird Eder⸗Alsfeld bestimmt, nachdem sein Vorgänger eingehend Bericht aber seine Tätigkeit erstattet hat. Zu Punkt„Presse“ werden mehrfache Klagen über mangelhafte Zustellung der „Mitteld. S.⸗Ztg.“ vorgebracht. Außerdem wird darüber geklagt, daß die Zeitung öfter als einmal die Woche erscheinen möge; dadurch würde sie eine größere Ver⸗ 4 Pf. per Laib erfolge. Herr Löber meinte, es set in der Bäckerversammlung nur von einem 2 Pß.-Abschlig verein zu verbinden.— Nach einen ausgezeichneten Referat des Genossen Wieg andte Alsfeld über die nächste Reichstagswahl, das beifällige. Aufnahme fand, erfolgte Schluß der Konferenz. (Die Klagen gegen die Redaktion müssen wir als durchaus unberechtigt bezeichnen. Die Alsfelder Genossen berichten leider so wenig, daß wir kaum in die Lage kommen, etwas zu kürzen oder in den Papier⸗ korb zu werfen. Wir würden es im Gegenteil mit Freuden begrüßen, wenn unsere Freunde dort oben und auch anderwärts mehr von sich hören ließen. Daß sich manche Einsendung als un verwendbar erweist, ist nicht unsere Schuld. Doch erinnern wir uns keines Falles, daß eine Alsfelder Korrespondenz zurückgeblieben wäre. D. Red.) 5 — Grimme Fehde, geschäftlichen Boykott haben die Schlitzer den Lauterbachern angesagt. Und warum? Weil nicht der Schlitzer, sondern der Lauterbacher Bürger⸗ meister in den Landtag gewählt wurde. Was so eine Wahl doch alles nach sich zieht— bei Spießbürgern. — Ein Raubmord, der am Sonntag auf der Straße Ilbeshausen⸗Grebenhain an einem früher im Basaltwerk Ilbeshausen beschäftigten Arbeiter namens Zinntritz begangen wurde, hält die Bewohner des Vogelsberges in Aufregung. Im Gebüsch an der Straße wurde Z. mit durchschnittener Kehle aufgefunden, In Verdacht, den Mord begangen zu haben, ist ein Kroate, der flüchtig ist. Dem Mord muß ein starkes Ringen vorausgegangen sein, wie die Spuren unmittelbar an der Staatsstraße zeigen. Neben der Leiche lagen der entleerte Geldbeutel und die Uhrkapsel. Aus dem Rreise Weßlar. — Oswalt Zimmermann in Dresden, der Häuptling der sächsischen Antisemiten, dürfte kaum wieder im Wetzlarer Kreise, den er 1898 erobern wollte, als Reichstagskandidat aufgestellt werden. Er hat stch vielmehr, nach dem er auch in Dresden als Mischmaschkandidat abgelehnt wurde, in den stark ländlichen 3. säch sischen Wahlkreis geflüchtet, den sein Parteige v osse Gräf gegenwärtig vertritt. Dieser will aber zu Zimmermanns Gunsten verzichten, um ihm zu einem Mandat zu verhelfen. Für Wetzlar wurde uns kürzlich Hirschel als antisemitischer Kandidat genannt. a h. Mit der Lahnmühle und den dort existierenden Arbeitsverhältnissen beschäftigte sich eine Notiz in Nr. 44, in der öber einen thätlichen Konflikt des Besitzers mit seinem Obermüller berichtet wurde. Dieser Streit fand vor dem Schöffengericht am Freitag sein gericht⸗ liches Nachspiel. Es stellte sich dabei heraus, daß der Freund Obermüller der beste Bruder auch nicht ist, denn er hat schon mehrfache Vorstrafen wegen Körper⸗ verletzung erlitten. Er ist in diesem Falle beschuldigt, seinen Arbeitgeber thätlich angegriffen und beleidigt zu haben. Dafür werden ihm 3 Monate Gefängnis zu⸗ diktiert. Das günstige Zeugnis, was in der damaligen Notiz dem Obermüller ausgestellt war, daß er allgemein als ein ruhiger und anständiger Mensch bekannt sei, wird dadurch allerdings erheblich beeinträchtigt. Wenn aber Herr Amend in einer Zuschrift an uns meint, dem Einsender wäre es nur darauf angekommen, den Arbeitgeber mit Schmutz zu bewerfen, so müssen wir dagegen mit aller Entschiedenheit Verwahrung einlegen. Unser Gewährsmann hat sich stets als durchaus gewissen⸗ haft und zuverlässig erwiesen. Es geht auch nicht gut an, daß Herr A. mit Bezugnahme auf diesen Fall aus⸗ schließlich den Arbeitern die Schuld an den starkem Wechsel in seinem Betriebe aufladen will. Alle Ar⸗ beiter sind doch nicht so renitent? h. Keine Not der Lan dwirtschaft. Im Wetzl. Anz. Nr. 270 lesen wir:„Wie ertragreich die Schweine⸗ zucht in gegenwärtiger Zeit ist, dafür liefert ein Zucht⸗ ergebnis den Beweis, welches ein sehr bekannter und beliebter Landwirt des Kreises zu verzeichnen hat. Ge⸗ nannter Herr hat im Lause eines einzigen Jahres von einem einzigen Mutterschwein so viel Ferkel bekommen, daß er daraus die stattliche Zahl von 800 Mk. sage und schreibe: Achthundert Mark zu erlösen vermochte.“ Nun also. Beweist, daß die Landwirtschaft, wo sie intensiv betrieben werden kann, gar nicht so unrentabel ist. Die Bündler⸗Lamentationen von der Not der Land⸗ wirtschaft, die stets in das Geschrei nach höheren Zöllen auslaufen, hat aber das Kreisblatt stets unbesehen nach⸗ gedruckt.(Siehe den Artikel unter Pol. Rundschau. Red.) — Herr Burckhard, der Sekretär der Stöckerianer durchquert gegenwärtig den Westerwald, um den 5. nass. Wahlkreis für die Christlich⸗Sozlalen zu bearbeiten und zu— erobern. Er tritt natürlich für die Zölle ein, Darlegungen mundgerecht zu machen sucht. schwach besuchten Versammlung in kannte er sich breitung erlangen. Dann wurde noch in Anregung gebracht, eine Krankenunterstützungskasse mit dem Wahl⸗ Vetters legte eee e eee die er der armen Westerwald⸗Bevölkerung durch unklare In einer Rabenscheid be⸗ am Montag sogar als Kanalgegner! Gen. unsere Ansicht über die Zollpolitik dar. 1 ä—— . „„ . 0 ͤ—.—— JC ²˙% ˙ ˙ꝛmm ̃.. ̃ꝗ⅛, n Doo( dag auf der früher in der namen Bevohner dez edüsch an det Ale aufgefunden, baden, ist en muß ein starked den unmittelbar der Leiche lagen 0 ar. in Dresden, emiten, dürfte den er 1898 Dat aufgestellt 9 dem er auch dat abgelehnt 3. sächsischen Parteigerost ger will aber dien, um ihn. Für Wetzlar antisemitische dort epistierenden Notiz in Nr. 44, 4 des Besizer .. Dieser Stel digt l 2 Gcfüngnis lu 5 Nr. 47. Mitteldeutsche Sonntgas⸗Zeitang. Das wird noch ausführlicher geschehen in einer Volks⸗ versammlung, die unsererseits Sonntag, den 30. Dez. in Rabenscheid abgehalten wird. Aus dem Nreise Marburg⸗Nirchhain. St. Rezitation. Der von unserer Ge⸗ werkschafts⸗Kommission am Freitag v. W. arrangierte Rezitations-Abend des Schauspielers Walkotte aus Berlin war, wie wir auch schon befürchtet hatten, nicht so gut besucht, wie er es eigentlich hätte sein sollen. Herr Walkotte rezitlerte das fünfaktige Drama von Otto Ernst:„Die größte Sünde“, in vorzüglicher Weise und erntete für seine interessante Dar⸗ bietung reichlichen Beifall. — Konsumverein. Trotz aller Anstreng⸗ ungen gewisser Leute, die Konsumvereins.Be⸗ wegung in Marburg lahm zu legen, will ihnen das nicht gelingen. Im Gegenteil, der Verein nimmt an Mitgliedern stetig zu und der Waren⸗ umsatz steigt. So haben jüngst die hiesigen Innungs⸗Bäckermeister einen, wie sie wohl laubten, vernichtenden Schlag gegen den Kon⸗ umverein ausgeführt, indem sie den Preis für den Apfündigen Laib Brot um 4 Pfg. herab⸗ setzten(von 46 auf 42 Pfg.), für welchen Preis der Konsumverein seither schon das Brot lieferte. Auscheinend haben sich auch einige Mitglieder durch diesen Kniff irritieren lassen, denn der Brotkonsum des Vereins hat etwas nachgelassen. Lange werden indes die Herren Bäckermeister ihren billigen Brotpreis nicht aufrecht erhalten. Sobald die Mehlpreise etwas anziehen sollten, werden sie sofort mit Brotaufschlag kommen, oder— sie helfen sich auf andere Weise. Durch das Manöver will man doch nur die unbequeme Konkurrenz kalt stellen, um später mit Preis⸗ steigerungen vorzugehen.— Die vor Kurzem in Ockershausen eröffnete zweite Verkaufs⸗ stelle des hiesigen Konsumvereins erfreut sich eines regen Zuspruchs, ein Beweis dafür, daß die Waren desselben gut und preiswert sind. Herr Restaurateur Metzig, in dessen Hause sich die Verkar fsstelle befindet, hat hierfür einen schönen großen Laden eingerichtet und den Ver⸗ kauf gegen eine prozentuale Entschädigung selbst übernommen. Es liegt nun an den Mitgliedern im Nordviertel unserer Stadt, durch rege Agi⸗ tation zur Gewinnung neuer Mitglieder die nötige Anzahl zusammen zu bringen, um dann auch zur Errichtung einer dritten Verkaufsstelle im Nordviertel schreiten zu können. — Verschiedenes. Der Kelluer Heinrich Freytag aus Bassum beschwindelte in raffi⸗ nierter Weise seinen Freund, den Wirt Jole in Biedenkopf, um mehrere teilweise hohe Geld⸗ beträge. Er wurde in der Strafkammersitzung am letzten Freitag zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt, unter Anrechnung eines Monats der erlittenen Untersuchungshaft.— Der Schweizer Felix Kuster aus St. Gallen, derselbe, welcher neulich seinem Transporteur auf dem Wege nach dem Krankenhaus ausgerissen war, erhielt wegen Schwindelei weitere 8 Monate Gefängnis. — Ein„fideles Gefängnis“ scheint das Arrest⸗ lokal in unserm Nachbarort Wehrda zu sein. Dort wurde am Samstag Nacht ein junger Mensch aus Marburg wegen großen Lärms und Beleidigung des dortigen Bürgermeisters eingesteckt. Der Arrestant schimpfte und fluchte zunächst fürchterlich, dann aber öffnete er das Fenster und sang mit lauter Stimme:„Ich weiß ein Herz, für das ich bete“ und bombar⸗ dierte die draußen stehenden, andächtig lauschen⸗ den Zuhörer mit Kohlraben, die in dem Raume aufbewahrt waren. Am nächsten Morgen aber, als man den Arrestanten herausholen wollte, war der lustige Bruder ausgeflogen. Er hatte die vor dem Fenster befindlichen Eisenstäbe aus⸗ einandergebogen und war entschlüpft. Räpelei„gebildeter Urteutschen. Die Darmstädter Strafkammer verhan⸗ delte am Dienstag gegen vier„gebildete“ Anti⸗ semiten wegen Beleidigung. Zwei der Ange⸗ klagten sind Juristen, der eine sogar Amts⸗ richter. Dr. Mahr— so heißt dieser—, Rechtsanwalt Geßner fuhren mit den Brüdern Reitzel, deren einer Hofbuchhändler in Cann⸗ stadt, der andere Rechnungsrevisor in Darm⸗ stadt ist, am Abend des 7. August von Mainz nach Darmstadt. In dem Eisenbahnkoupee be⸗ fand sich ein jüdischer Kaufmann aus Groß⸗ gerau, den die biederen Teutonen, die in Mainz dem deutschen Weine gehörig zugesprochen hatten, sofort anpöbelten und auf der Fahrt bis Groß⸗ gerau mit Beleidigungen überhäuften, durch die sie ihre antisemitische Gesinnung zu erkennen gaben. Der Gerichtshof verurteilte den famosen Amtsrichter zu 150 M., zwei seiner Zechgenossen zu 70 M. und den dritten zu 50 M. Geld⸗ strafe. Wir fürchten, daß wenn ein Arbeiter etwa den Amtsrichter in ähnlicher Weise be⸗ 10 0 hätte, er nicht so billig davon gekommen wäre. Ländliche Wahlschlacht. Aus Raunheim schrieb man jüngst unserem Mainzer Parteiblatt:„Bei der Beigeordne⸗ tenwahl siegte mit 88 Stimmen Herr Ad. Preß 2. Sein Gegenkandidat, der seitherige Beigeordnete Gerlach erhielt nur 14 Stimmen. Der neugewählte Vize-Bürgermeister ließ es sich nicht nehmen, seine Wähler mit Freibier zu regalieren und es soll in Vertilgung des Gersten⸗ saftes ganz Bedeutendes geleistet worden sein. Als die„Gemütlichkeit“ um Mitternacht den Höhepunkt erreichte, wurde aus der Wahl⸗ Kneiperei eine Wahl-⸗Keilerei und die holde Einigkeit mußte der Zwietracht weichen. Aerztliche Hülfe wurde requiriert, denn der Sohn des Forstwartes Heß erhielt zwei Messer⸗ stiche. Heute sieht man verschiedene lebendige Zeugen des Kampfes mit geschwollenen Köpfen, blauen Augen ꝛc. umherwandeln.“ Aus dem Lande der Gottesfurcht und frommen Sitte. Das Schwurgericht in Bonn hat am Samstag(8. Nov.) einen Doppelmörder freige⸗ sprochen. Der 42 Jahre alte Gutspächter Courth hatte sich wegen Tötung seiner Ehe— frau und seines Verwalters zu verantworten. Er hatte am 20. September auf seinem Gute bei Siegburg seins Ehefrau mit dem Ver⸗ walter beim Ehebruch überrascht, und er schoß noch am selben Tage beide nieder. In der Verhandlung wurde festgestellt, daß die Frau fast mit dem gesamten männlichen Dienstpersonal seit Jahren geschlechtliche Beziehungen gepflogen hatte. Der Angeklagte gab an, er sei durch die Entdeckung so über⸗ rascht und erregt worden, daß er die Tat in unzurechnungfähigem Zustand begangen habe. Die Sachverständigen gaben die Möglichkeit zu, daß der Angeklagte sich in einer krank⸗ haften Gemütszerrütterung befunden habe, die den Ausschluß der freien Willensbestimmung bewirkte. Deshalb verneinten die Geschworenen die Schuldfrage und der Angeklagte wurde freigesprochen.— Daß so etwas in dieser Muckergegend passiert, zeigt, daß die Herren Stöcker, Burckhardt ꝛc. ihre Kapuzinerpredigten andern Leuten, als den Sozialdemokraten zu halten notwendig hätten. Bankier als Mörder verurteilt. Vor dem Oldenburger Schwurgericht spielte sich kürzlich ein aufsehenerregender Prozeß ab. Der Bankier Bade n⸗Bruns war der Ermordung des Oberamtsrichters Becker angeklagt. Baden⸗Bruns war Leiter der Olden⸗ burger Volksbank, die allerlei unsaubere Geschäfte machte, sich Wucherzinsen dafür zahlen ließ und viele Geschäfte dadurch schließlich zum Zusam⸗ menbruch brachte. Unter letzteren befand sich auch eine Delmenhorster Ziegelei, die in Konkurs geriet. Oberamtsrichter Becker wurde mit der Regelung dieses Konkurses beauftragt und erhielt so einen genauen Einblick in die Machenschaften und Geschäfte der Oldenburger Volksbank; er unterzog das Gebahren des Direktors Baden⸗ Bruns bei verschiedenen Gelegenheiten einer abfälligen Kritik. In seiner Wut darüber begab sich Baden⸗Bruns in die Wohnung des Ober⸗ amtsrichters Becker und ließ diesen, der gerade mit seiner Familie beim Frühstück saß, heraus⸗ rufen. Er streckte ihn mit drei Schüssen nieder und zertrümmerte darauf noch die ganze Zim⸗ mereinrichtung. Man nahm zunächst an, daß er geistesgestöct sei; seine JIntermerung ul einer Irrenanstalt ergab jedoch, daß er durchaus mit Vorbedacht gehandelt hatte. Die Geschworenen erkannten nue auf schuldig des Totschlags, nicht des Mordes, wie der Staatsanwalt wollte. Baden⸗Bruns wurde zu zwölf Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust verurteilt. Wegen Betrug erhielt er später noch ein Jahr dazu. Kleine Mitteilungen. * Bubenstreich. In Sprendlingen hetzte ein 13 jähriger Junge seinen ihn begleitenden Hund auf ein 9 jähriges Mädchen, das eine Ziege führte. Der Hund sprang auf die Ziege los, diese riß das Kind derart um, daß es mit dem Unterleib gegen einen Treppenstein fiel und sich so schwer verletzte, daß es bald darauf starb. * Einen gräßlichen Tod fand in Offen bach am Sonntag der elfjährige Sohn des Portefeuillers Reitz. Er spielte mit Feuerwerkskörpern. Eine Rakete ging los und fuhr dem Knaben in den Mund, wodurch ihm der Kopf auseinandergerissen und er sofort getötet wurde. * Ein Träger des vornehmsten Rockes. Am Samstag verhandelte das Kriegs gericht in Halle gegen den Leutnant Hinz v. Oertzen vom Halberstädter Kürassierregiment wegen versuchter Notzucht. Das Urteil lautete auf 4 Monate Gefängnis und Dienst⸗ entlassung. * Geborstene Ordnungsstütze. Der ange⸗ sehene Großindustrielle Robert Martin in Hohensteir⸗ Ernstthal Sachsen), ist nach Hinterlassung von Wechselschulden in Höhe von 80000 bis 100 000 Mt. flüchtig geworden. * Ein schweres Grubenunglück ereignete sich Freitag Abend auf der Zeche„Zentrum“ bei Watten⸗ scheid(Westphalen). Sieben Bergleute waren beim Ausfahren verbotswidrig in einem unter dem Haupt⸗ förderkorbe angebrachten und für Kohlenförderung von der unteren nach einer oberen Sohle bestimmten kleinen Förderkorbe gefahren; die Verbindung hatte sich auf bisher ungeklärte Weise gelöst und der Korb stürzte aus der Höhe der fünften Sohle in die Tiefe. Sämtliche Insassen waren sofort tot. Partei-Nachrichten. Wegen Beleidigung des dem Zentrum ange⸗ hörigen hess. Landtagsabg. Horn wurde Gen. Wiehle, Redakteur des„Offenbacher Abendblatt“, zu 200 Mt. Strafe verurteilt. Ein Pfaffenblatt hatte unseren Ge⸗ nossen Rau, der sechs Jahre den Lanbtagswahlbezirk Offenbach⸗Land in der Zweiten Kammer vertrat, auge⸗ rempelt und gesagt, Rau sei nicht im Stande einen fehlerfreien Brief zu schreiben. Darauf hatte Wiehle in seinem Blatt geantwortet, daß Rau dazu sehr wohl in der Lage wäre, aber es wäre zweifelhaft, ob der dem ultramontanen Blatt nahestehende Landtagsabg Horn es könnte. Dadurch fühlte Herr Horn sich beleidigt und klagte, worauf die erwähnte Strafe gegen Wiehle ver⸗ hängt wurde und der Herr Abg Horn nunmehr von dem häßlichen Verdacht, nicht fehlerfrei schreiben zu können, befreit dasteht. Versammlungskalender. Samstag, den 22. November. Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Gießen. Glaserverband. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig. Lollar. Wahl verein. Adends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wirt Schupp. Marburg. Arbeiter⸗Bildungs⸗Verein„Ein⸗ tracht“. Abends 9 Uhr Versammlung bei K. Müller Nachf., Hirschberg 12. Sonntag, den 23. November. Gießen. Freie Turnerschaft. Von Vormittags 10 Uhr ab Turnen im„Pfau“. Montag, den 24. November. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Ugr Versammlung bei Orbig. Dienstag, den 25. November. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“. Mittwoch, den 26. November Gießen. Oeffentl. Gewerkschaftsversammlung. Abends 9 Uhr bei Orbig. Briefkasten. E.⸗Alsfeld. August Bock, Dammstr. 22.— Die Einrichtung der Sterbekasse im Wahlverein hat sich ganz gut bewährt. ————⏑-= ODU Seite. 6 1 Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 47. 9 Das Goldmacherdorf. Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus,. Von Heinrich Zschokke. (Schluß). Wie nun drei Tage nach diesem der Sonn⸗ tag kam, da Oswalds Sohn getauft werden sollte, war alles im Dorfe schon früh wach. Oswald aber trat zu seiner Elsbeth an das Bette, küßte die junge Mutter und ihren holden Säugling und sprach:„Sieh' teure Elsbeth, mein Herz bricht vor Freude und Wehmut. Mein Söhnlein, das du geboren hast, macht mir große Wonne; aber noch größere Wonne macht mir der Anblick unseres Dorfes. Und es ist doch wahr, die Menschen sind so böse nicht, und nicht so herzlos, wie man oft sagt. Man soll den Glauben an die Güte der Menschheit nie verlieren. Siehe, in dieser Nacht haben sie unser Wohnhaus wieder mit Blumenkränzen bedeckt und verziert, wie es am Tage unserer Hochzeit war. Aber dabei ist es nicht geblieben. Alle Häuser des Dorfes sind mit Blumen und Zweigen ver⸗ ztert, als wäre unser Fest das Fest jedes Hauses. weg bis zur Kirchtür haben sie grünende Birkenstangen auf beiden Seiten des Kirchwegs gepflanzt und lange Blumenschnürre von Birke zu Birke gezogen, und den ganzen Weg mit grünnendem Laub und allerlei Blumen über⸗ streut.“ So sprach Oswald und die junge Wöchnerin errötete in stiller Rührung, und ihre Augen wurden feucht. Dann sagte sie nur:„Hab' ich doch in der Nacht oft ein Gehen und Sumsen draußen gehört, und wußte nicht, was es gab?“ Sie konnte nicht im Bette bleiben, und mußte auf und ans Fenster gehen und die Herrlichkeiten sehen. Da weinte sie still; denn nichts ist für ein zartes Gemüt rührender, als wenn es den Zusammenklang der Seelen in tugendhafter Erhebung wahrnimmt. Das ist die wahre Vergebung der Menschheit und eine Ahnung. Als Elsbeth wieder zu ihrem Säugling gegangen war, kamen ihre Eltern, denn sie waren die erbetenen Taufzeugen. Die Müllerin konnte nicht genug sagen, wie ausgeschmückt die Häuser wären, wie lebendig alles im Dorfe sei, und sie rief einmal um das andere 26) Und hintem vor unserm Haus hin⸗ aus:„Nein, solch eine Kindtaufe ist in Gol den⸗ thal noch nie geworden! So feiert man ja nicht die Geburt eines Fürsten.“ Und wie sie noch so redete, kam ein ganzer 11. junger Mädchen und Knaben gegen 8walds Haus, sämtlich in Feierkleidern, Paar um Paar. Alle trugen ein kleines Geschenk von ihren Eltern zur Wiege des Neugebornen; die einen schneeweißen Leinwand, die andern Zucker, oder Mandeln, oder Blumen, oder selbstgestrickte Strümpfe oder Handschuhe, die andern niedliches Hausgerät, kleine Bedürf⸗ nisse für Küche und dergleichen. So viele Haushaltungen im Dorfe, so viel Geschenke. Und alle Kinder küßten Elsbeths Hand und sagten: Mutter Elsbeth! und küßten Oswalds Hand, indem sie bloß dazu die Worte sprachen: Vater Oswald! Aber welcher Wohllaut lag für Oswald und Elsbeth in diesem Vater⸗ und Mutternamen! Cs gab keinen einfachern und rührendern Glückwunsch. Da läuteten alle Glocken mit vollem Klange zur Kirche. Der Säugling ward zur Taufe getragen, er voran; ihm folgten die beiden Großeltern, hintennach der tiefgerührte Vater. Die ganze Gemeinde stand vor der Kirche in weitem Halbkreis, Alt und Jung, und sah den Oswald kommen. Sanft und freundlich sprach alles, wie er vorbei ging an der Menschen⸗ menge:„Guten Morgen, Vater Oswald.“ Dann folgte ihm alles in die Kirche. Hier hielt der Pfarrer Roderich nach voll⸗ brachter Taufhandlung eine schöne Predigt über die Pflicht öffentlicher Dankbarkeit des Volks gegen eine gute Obrigkeit. Er schien noch nie so begeistert und salbungsvoll geredet zu haben. Wort auf Wort traf die Herzen. Es war im ganzen Volk die tiefste Andacht und wachsende Rührung. Jeder hielt an sich, seine Tränen zu unterdrücken. Als nun der Herr Pfarrer selber die Bewegung seines Gemüts nicht länger zurückzwingen konnte, und ihm unter Tränen der Name Oswald entschlüpfte — da ward lautes, heftiges Schluchzen in der ganzen Kirche. Da nun dachte jeder an das alles, was dieser Oswald der Gemeinde getan und gestiftet: jeder erkannte in ihm den Urheber des allgemeinen Glückes. Der gute Oswald, sehr verlegen und be⸗ schämt, und doch froh gerührt, konnte kaum aufsehen, da er aus der Kirche ging, und begab Menge zu seiner Elsbeth. Er konnte kaun reden. Zum Mittagsmahl maren bei ihm seine Schwiegereltern. und der Herr Pfarrer, der Schulmeister und die beiden Mitvorgesetzten. Die erzählten, daß fast in allen Häusern des Dorfes Gastmähler gehalten würden, wozu einer den andern eingeladen habe; die Aermern speiseten bei den Reichern. Oswald schüttelte den Kopf und sprach:„Das ist mir der Ehre allzuviel; ich habe es nicht verdient.“ Doch die allgemeine Freude machte auch ihn wieder froh und wohlgemut. Er gin gegen Abend, begleitet von seinen Gästen, hinaus ins Dorf, und ging da von Haus zu Haus, und setzte sich zu jeder Familie einige Augenblicke und dankte allen für so viel Liebe. Goldenthal war voller Freuden; denn man wußte in der Stadt von dem Feste, und wer konnte, eilte nun hierher, Zuschauer zu sein. Bis in die späte Nacht währte der Tanz der Jugend, man hörte aller Enden Musik und Gesang vor den Häusern, unter der Linde, unter den Blumenkräuzen und in den Gärten. Man sprach und spricht noch lange zu Goldenthal von diesem schönen Tage. Und Oswald hieß seit demselben nur Vater Oswald, und die liebenswürdige Elsbeth hieß Mutter Elsbeth. Wahrlich, wahrlich, was im Leben Gutes gesäet wird, das findet endlich immer seinen schönen Erntetag. Geschichtskalender. 21. 1852: Wiedereinführung des Kaisertums in Frankreich. 22. 1871: Braunschweiger Hochverrats-Prozeß. 1863: Lassalle wegen Hochverrat verhaftet. N 23. 1896: Hafenarbeiterstreik in Hamburg. 24. 1900: Interpellation im Reichstage wegen der 12000 Mk.⸗Affalre. 1632: Baruch Spinoza, N Philosoph,*. 25. 1901: Heinrich Heines Grabdenkmal in Paris ö enthüllt. 26. 1901: Italien. sozialist. Landarbeiterkongreß. 1812: Uebergang des franz. Heeres unter Napoleon über die Beresina. 27. 1897: Marinevorlage veröffentlicht. 28. 1878: Kleiner Belogerungszustand über Berlin verhängt. 29. 1878: Massenaus weisungen aus Berlin. 1798: Prof. Beccaria, Malland, Gegner der Todesstrafe,. * gebor en;= gestorben sich, tief sein Haupt gesenkt, durch die grüßende 2 ie 1 9 5 8 8 48 152 7 0 Geschäfts- Eröffnung! ee„Rana 9** Herren- u. Knaben-Anzüge nbrmacher 1 5 Einer verehrlichen Einwohnerschaft von Heuchelheim Tuche und Buxkin Ciessen, Marktplatz 18. ö die ergebene Mitteilung, daß ich in meinem Hause ein 5 Anfertigung nach Mass e Bezugsquelle für Lande u. Kucwaren-Peschätt ꝙ—ᷓ · * 8 1 55 irchenplatz u gegenüber d. Stadtkirche. a 52 N. 2 7 0 5 J 6 eröffnet habe. 1 2. Silberwaren 1 J 1 0 Es wird mein Bestreben sein, durch nur gute und 8 VVCHFꝶiln3 5 preiswerte Waren das Vertrauen der geehrten Kundschaft zu GSS SN 8 5 a 0 rechtfertigen. Achtungsvoll! S S8 5 0 a 2 Luduig Schmidt III. 2 8 8 8 2— 0 0 2 48„ l: 8 8 8 14. ——[ lbohe Fleischpreise! 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