ner Host. u. 8.. nd fteundlichst er Bothand. iin Miezen nmweg Mo. — Nr. 38. Gießen, Sonntag, den 21. September 1902. 9. Jahrg Redattion: 7 1 Redaktionsscuß Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Mitteld eutsche e 5 4 U = 2 2 55 f 1 0 el tung . Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4940) 33¼/ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Junserate Die ögespalt. Bei mindestens Unser Parteitag. Unser diesjähriger Parteitag— der drei⸗ zehnte seit dem Fall des Sozialistengesetzes— wurde vorigen Sonntag in München eröffnet. Das Kongreßlokal befindet sich in der Vorstadt Schwabing, einem Orte, der noch vor kaum zehn Jahren zu dem unbestrittenen Zentrums⸗ gebiet gehörte, wo die Abhaltung eines sozial⸗ demokratischen Parteitages eine Unmöglichkeit gewesen wäre. Obwohl das Lokal ganz respek⸗ table Raumverhältnisse aufweist, konnten die Räume den gewaltigen Andrang nicht im Ent⸗ ferntesten genügen, trotzdem von vornherein nur organisterten Parteigenossen der Zutritt gestattet war. Der Parteitag ist stark besucht, obwohl wegen der weiten Entfernung für die nördlichen Reichsgebiete eine zahlreichere Beschickung ja seine pekuniären Schwierigkeiten hat. Frauen sind zahlreich erschienen; es fand bereits vor dem Parteitage eine Konferenz sozialdemokrati⸗ scher Frauen statt, auf deren Verhandlungen wir noch an anderer Stelle zurückkommen werden. Auch unter der Zuhörerschaft war das weib— liche Element ziemlich zahlreich vertreten. Von der Reichstagsfraktion fehlen nur wenige, die bayerische Landtagsfraktion ist vollzählich zur Stelle. Vollzählich ist auch die hessische Fraktion vertreten; außerdem sind aus Hessen als Delegierte anwesend: Busold⸗Friedberg, Raab⸗Pfungstadt, Rink⸗ Offenbach, Fried⸗ berg⸗Mainz für den Kreis Bingen⸗Alzey und Vetters⸗Gießen. Im Ganzen sind 243 Teil⸗ nehmer anwesend, darunter befinden sich 37 Abgeordnete. Groß ist die Zahl der Gäste aus dem Ausland. Aus Oesterreich sind Dr. Adler und Pernerstorffer, Lehrer Seitz und Redakteur Joseph Seliger aus Teplitz, Frau Popp, Frau Schlesinger und Frau Pohl⸗Glas eingetroffen, aus Belgien Vandervelde, aus Italien G. Lerda und Frau Lerda⸗Olberg. Das Lokal ist hübsch dekoriert. Tannenreisig und Tannenguirlanden schmückten die Säulen und Wände, Schilder erinnern an die früheren Parteitage der Gesamtpartei und der bayerischen Sozialdemokratie, herrliche Seidenfahnen hängen herab, die Banner bayerischer Arbeitervereine. Schwabes Kolossalbüste der Freiheit, die zuerst im Kongreßsaal zu Hannover die Vertreter der Partei grüßte, sieht aus einem Hain immer⸗ grüner Pflanzen neben der breiten Tribüne, auf der das Präsidium sitzt, auf die Delegierten herab. Für die Presse ist die Quertafel vor dem Podium bestimmt, die trotz ihrer Länge kaum ausreicht, um neben den Vertretern unserer Parteipresse den sehr zahlreich anwesenden bürgerlichen Journalisten Platz zu gewähren. Gesang der Münchener Arbeitergesangvereine Echo, Nordwest und Vorwärts ging der Er⸗ öffuung des Parteitages voran. Gewählt war ein Lied, dessen Text von unserem verstorbenen Max Kegel gedichtet ist:„Saat und Ernte.“ Kurz nach 7 Uhr betritt unser alter Münchener Genosse Birk das Rednerpult und begrüßt Namens der Münchener Parteigenossen die er⸗ schienenen Verkreter. Nicht mit Glockenklang und Kanonendonner, sondern mit einem schlichten, kernigen Proletarierliede haben wir den Partei⸗ tag willkommen geheißen. Wenn in München auch historische Thaten nicht verrichtet wurden, so haben doch die Münchener Parteigenossen in harten Stürmen mitgekämpft und manchen unserer alten Mitkämpfer finden Sie heute in Ihren Reihen. Gar manche aber dieser alten Mitkämpfer sind uns entrissen, und auch ihrer wollen wir heute freundlich gedenken. Unter volksfeindlichen Verhältnissen, wie sie heute herrschen, unter dem Zeichen des Brotwuchers, muß der Kampf für das Proletariat immer ernster und schwerer werden. In diesem Saale, der unsere Waffenschmiede sein soll, wird in den nächsten Tagen mancher Funken fliegen. Aber die Gegner werden nicht die Freude haben, sie Feuer fangen zu sehen(Bravorufe.) In unserer schönen, gemütlichen Stadt, die so reich an Kunstschätzen ist, heiße ich Sie nochmals herzlich willkommen.(Stürmischer Beifall.) Hierauf ergreift Namens des Parteivorstandes das Wort Auer. Er dankt dem Vorredner im Namen der Delegierten. Es ist der erste Kongreß, sagt er, den die sozialdemokratische Partei Deutschlands in Bayern abhält. Die Gestaltung des Vereinsgesetzes hat uns bisher daran gehindert. Diese Hindernisse sind nun gefallen, und allgemein herrschte das Bestreben, in diesem Jahre nach München zu kommen. Jetzt sind wir hier und wir sind überzeugt, daß sich dieser Parteitag würdig seinen Vor⸗ gängern anreihen wird. Wichtige Aufgaben haben wir zu erledigen. Wir haben uns vor Allem mit der nächsten Reichstagswahl zu be⸗ fassen. Mit Ernst und Sachkenntnis— das darf ich wohl aussprechen, gestützt auf frühere Erfahrungen— wird auch diesmal die Tages⸗ ordnung erledigt werden. Gewiß, es werden Meinungsverschiedenheiten zum Ausdruck kom⸗ men, aber sie werden in einer Art und Weise zum Austrag gebracht werden, wie es sich unter Genossen, unter Freunden, unter Personen, die denselben Zielen zustreben, geziemt. Und dem gleichen Ziele, der Emanzipation der Arbeiter- klassen, streben wir ja Alle zu, wenn auch der eine oder andere im konkreten Falle in einem bestimmten Punkte anderer Meinung sein kann. In der Erwartung, daß die Verhandlungen des Parteitages ebenso erfolgreich für unser Parteileben, für die Entwicklung der sozial⸗ demokratischen Bewegung in Deutschland sein mögen, erklärt er den Parteitag für eröffnet. Es folgt die Wahl des Bureaus, Singer und Vollmar werden zu Vorsitzenden gewählt. Die Geschäfts⸗ und Tagesordnung wird nach der Vorlage angenommen und darauf die Vorversammlung geschlossen. Am Montag früh begrüßt Singer als Vorsitzender zunächst die ausländischen Gäste. Wir sind stolz darauf, erklärte er, eine so große Anzahl Vertreter der Sozialdemokratie aus anderen Ländern unter uns zu sehen. Die deutsche Sozialdemokratie ist sich stets der Pflicht gegen die internationale Partei bewußt gewesen. Ich bitte die Genossen, in ihre Heimat die Versicherung mitzunehmen, daß wir in Deutsch⸗ land nie vergessen werden, daß das Gefühl der Solidarität die Proletarier aller Länder durchdringt. Hierauf begrüßten die ausländi⸗ schen Genossen den Parteitag im Namen ihrer Auftraggeber. Hervorgehoben seien die Worte des Genossen Vander velde(Brüssel), der im Namen der Sozialisten französische Zunge spricht. Er überbringt den Dank der belgischen Sozialdemokratie für die Unterstützung durch die deutschen und österreichischen, Genossen in dem schweren Kampfe um das Wahlrecht, den sie vor wenigen Monaten zu käupfen hatte. Der Kampf um die Gleichberechtigung des Proletariats ist zwar unterbrochen worden, er wird aber mit Einsetzung aller Kräfte bis zum endlichen Siege durchgefochten werden. Die belgische Partei ist einiger denn je aus dem schweren Kampfe hervorgegangen, das hat der Verlauf der letzten Wahlen gezeigt und wenn der Kongreß der belgischen Sozialdemokratie auch Meinungsverschiedenheiteu ergeben hat über die Richtigkeit der gewählten Kampfesmittel, so war doch Einigkeit darüber, daß der Kampf zu Ende geführt werden müsse.— Frau Zetkin übersetzt Vanderveldes Rede, die mit lebhaftem Beifalle aufgenommen wird. Auer erstattet nun den Bericht des Parteivorstandes. Er verweist zunächst auf den veröffentlichten Bericht und wendet sich unter Bezugnahme auf mehrere Anträge zur Tagesordnung gegen die Praxis, durch bestimmte Beschlüsse die Tagesordnung des nächsten Parteitages festzulegen. Zu den Anträgen auf Herausgabe von Agitationsbroschüren, die sich gegen das Zentrum richten sollen, meint er, es sei in Ueberfülle Material gegen das von der Oppositions⸗ zur Regierungspartei umge⸗ wandelte Zentrum vorhanden, Es habe zahl⸗ lose Sünden auf dem Kerbholz, man brauche nicht nach Material zu suchen. Gewiß ist der Kampf gegen das Zentrum nicht leicht. Das Zentrum hat in jedem Pfarrer und Kaplan einen wohlbesoldeten und gut unter⸗ richteten Agitator. Es repräsentiert eine Macht, gegen die, wie der Dichter sagt, Götter selbst vergebens kämpfen.(Heiterkeit.) Aber unüber⸗ windlich sind die Schwierigkeiten nicht. Die Anträge, den Vorstand zu veranlassen, gute Agitationsbroschüren herauszugeben, sind recht überflüssig. Sind gute Broschüren da, so werden sie freudig gedruckt werden, aber durch Beschlüsse sind sie nicht zu beschaffen. Das Zentrum ist auch nicht überall gleich. In Schlesien ist es anders als in Bayern, dort sind Großgrund— besitzer, hier Kleinbauern, im Rheinland sind es wieder Industriebarone. Was hier ausgezeichnet wirkt, ist dort nicht zu gebrauchen. Die ganze Anregung über den Kampf gegen das Zentrum im Zentralorgan der Partei war taktisch nicht klug. Im Zentrum rumort es, seitdem es Regierungspartei geworden ist. Die Massen empfinden noch nicht so regierungsfreundlich. Den Führern war das Wort Schädlers: Was hat die Regierung für das Volk? Kanonen und Steuerzettel!, unangenehm. Herr Schädler hat sich daraufhin beeilt, zu zeigen, daß er auch anders konnte. So wohl ist dem Zentrum nicht in seiner Haut, wie es thur und thun muß. Redner streift dann die finanzielle Lage der Partei. Er weist auf die großen Opfer hin, welche verschiedene Preßunternehmungen ver⸗ schlangen. Für das Polenblatt wurden in 11 Jahren 30000 Mk. ausgegeben. Ein Defizit in der Parteikasse wurde durch die Erbschaft von 38000 Mk. verhindert. Aber da nicht jedes Jahr ein Rentier stirbt, der uns Tausende vermacht, so sollen die Genossen gerade in der nächsten Zukunft bedenken, daß es nicht genügt von Zeit zu Zeit ein Hoch auf die internationale Sozialdemokratie auszubringen, sondern daß man auch seinen Obolus entrichten muß. Daun besp icht der Referen die in Oberschlesien mit U ——— neee Seite 2. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 36, den Polen entstandenen Zwistigkeiten. Bekannt⸗ lich haben die polnischen Genossen dort sogar eigene polnische Reichstags⸗Kandidaten aufge⸗ stellt und lehnen eine Verständigung mit den deutschen Genossen ab. Durch deutsche Unter⸗ drückungsversuche der polnischen Nationalität hat sich bei den Polen eine starke nationale Bewegung entwickelt, die auch zum Teil die polnischen Sozialisten ergriffen hat. Wir können aber nicht zugeben, daß die in den polnischen Gebieten wohnenden deutschen Genossen etwa in die Rolle der in der Schweiz lebenden Deutschen kommen, daß die Deutschen sozusagen in Oberschlesien und Posen als Ausländer be⸗ trachtet werden. Hier war die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung gegeben. Im Uebrigen ist natürlich die deutsche Partei zu jeder Zeit zur Versöhnung bereit. Weiter kommt Redner auf die Forderungen des Vereins„Arbeiter⸗ presse“ zu sprechen. Der Parteivorstand glaubt, daß endlich etwas geschehen muß, damit für die Familien derjenigen Genossen, die im Kampfe für die Sache invalide geworden oder gestorben sind, gesorgt ist. Es ist für den Parteivorstand sehr peinlich, solche Unterstützungen in jedem einzelnen Falle zu bestimmen. In den Partei⸗ geschäften soll deshalb für jeden Angestellten der volle Versicherungsbeitrag gezahlt werden. Das ists, was der Verein verlangte und dem wir zustimmen. Auer geht dann noch mit einigen Worten auf die Konsumvereins⸗Bewegung ein und schließt mit dem Wunsche, daß an seinem Berichte gnädige Kritik geübt werden möge.— In der Nachmittagssitzung folgte der Bericht des Kassierers und der Kontrolleure. Der Kassenbericht ist schon früher in unserm Blatte mitgeteilt worden. Die Diskussion drehte sich hauptsächlich um die„Neue Zeit“ und„Sozialistischen Monats⸗ hefte“, wobei wieder eine kleine„Bernstein⸗ Debatte“ einsetzte. Verschiedene Parteischrift⸗ steller beschweren sich darüber, daß sie von dem Redakteur der„N. Z.“, Kautsky, in ihrer freien Meinungsäußerung unterdrückt würden. Darum wären sie aus der Neuen Zeit in die Soz. Monatshefte geflüchtet, was man ihnen nun zum Vorwurfe mache. In diesem Sinne beschwert sich besonders Heine⸗Berlin, Dr. David und Andere. Sie erklären, die Soz. Monatshefte seien ein Parteiorgan und nok⸗ wendig. Kautsky verteidigt sich gegen diese ihm gemachten Vorwürfe. Niemals sei die freie Meinungsäußerung in der„N. Z.“ unter⸗ drückt worden. Aber diese Zeitschrift sei ein Parteiorgan, die Diskussion müsse sich innerhalb der Parteigrundsätze bewegen. Uebri⸗ gens wären nur vereinzelte Beschwerden der vorgebrachten Art an ihn gelangt. Er habe noch nach dem Lübecker Parteitage Bernstein zur Mitarbeiterschaft aufgefordert. Kautsky schließt seine diesbezüglichen Ausführungen: Wir sollten froh sein, daß es bei uns trotzdem zu nichts Weiterem gekommen ist, als zu einer gewissen. Reizbarkeit. Auch diese wird ver— schwinden im Angesicht der bevorstehenden Wahlen. Diese werden uns zusammenschweißen. Die Krisis, die Wahlen, der Kampf um den Zolltarif werden nicht das Ende, sondern der „Anfang eines großen Kampfes sein. Wir werden wieder das Endziel in den Vordergrund stellen lernen und der Rest des revisionistischen Nebels wird verschwinden. Wir werden Alle einig sein in dem Rufe: Nieder mit dem Kapitalismus! Es lebe die Sozial⸗ demokratie!(Stürmischer Beifall.) Von weiteren Rednern wird erklärt— ganz mit Recht— daß die Parteigenossen im Lande den Bernsteinstreit herzlich satt haben und sich nicht um die theoretischen Silbenstechereien kümmern. Die diesbezüglichen Bemerkungen Leyendeckers von Höchst und später Ulrichs werden vom Parteitage mit lebhafter Zustim⸗ mung aufgenommen. Angesichts des Wahl⸗ kampfes müßten die theoretischen Raufereien Kautsky⸗Bernstein aufhören. Zu der Polenfrage hat Rosa Luxem⸗ burg eine Resolution eingebracht, zu der Bebel einen Zusatz beantragt hat, welcher lautet: Es muß die Absonderung einer polnischen Gruppe, der„Polnischen Sozialistischen Partei“, die sich in einen Gegensatz zur Gesamtpartei gestellt hat, als ein unge⸗ rechtfertigtes Vorgehen angesehen werden. Der Parteitag verurteilt scharf die von der Gruppe „Polnische Soz. Partei“ provozierten Doppelkandidaturen in Oberschlesien und ersucht den Parteivorstand, nochmals den Versuch zu machen, eine Verständigung zwischen den streitenden Parteien herbeizuführen, die im Interesse der gesamten Sozialdemokratie liegt. Nach längeren Ausführungen von Frau Luxemburg, Gogowsky's, Bebels und Anderer wird die Resolution einstimmig angenommen. politische Nundschau. Gießen, den 18. September. Zur Fleischnot hat auch der Landwirtschaftsminister, der frühere Husarengeneral Podbielski, seine Meinung gesagt. In Düsseldorf wars, bei einem solennen Frühstück; und es ist ihm ohne Weiteres zu glauben, daß der Herr Minister dabei nicht das geringste von Fleischnot spürte. Außerdem sprach Podbielski bei Agrariern, die sicher merk⸗ würdige Gesichter gemacht haben würden, wenn er etwa eine Rede gegen den Brot- und Fleisch⸗ wucher gehalten hätte. Hohe Schweinepreise, sagte er, wären eine vorübergehende Er⸗ scheinung, die jeden Sommer eintrete. Wenn diesmal mit besonderer Schärfe, so trügen auch die Klagen eines Teiles der Presse über den Fleischmangel, welche manche Landwirte zur Zurückhaltung veranlaßten, mit Schuld daran. Von einer erweiterten Oeffnung der Grenze für Schweine⸗Einfuhr könne aus diesen Gründen(), andererseits wegen der Seuchen⸗ gefahr(Y keine Rede sein.... Die Rede klang aus in ein Hoch auf die rheinische Land⸗ wirtschaftskammer und verständnisinnig leerten die„Notleidenden“ den bis zum Rand gefüllten Becher. Welch drastische Gegensätze. In Berlin, im ganzen Reiche überfüllte Volksversammlungen mit Tausenden von Besuchern, die Protest er— heben gegen die künstliche, nur der agrarischen Beutesucht dienenden fluchwürdigen Fleischwucher⸗ politik und auf der anderen Seite in Düsseldorf eine Hand voll Vieh- und Schweinezüchter, die sich durch einen der ihren, den preußischen Handelsminister, unter lärmendem Beifall be⸗ stätigen lassen, daß von einer Oeffnung der Grenzen für Schlachtvieh gar keine Rede sein kann. Die„Notleidenden“ stoßen an, trinken und brechen einer weiteren Flasche den Hals, wäh⸗ rend Millionen deutscher Staatsbürger, denen so die notwendigsten Nahrungsmittel unverschämt verteuert werden, hungern müssen. Beispielsweise wird aus dem sächs. Erzgebirge gemeldet, daß Fleisch und Speck von den Tischen zahlreicher Arbeiter nahezu verschwunden sei. Das stellt die Handels- und Gewerbekammer für Plauen fest. Und auch weiter, daß die Zahl der geschlachteten Hunde und Pferde verhältnismäßig gestiegen ist. Auch in München wurde bei dem Gemeinderat der Antrag auf Genehmigung einer Hunde⸗ schlächterei eingereicht. Aber Fleischnot existiert nicht— für Minister und ihres Gleichen. Sie kündigen die Revolution an. Kürzlich proklamierte das staats- und königs⸗ treue Organ der sächsischen Konservativen allen Ernstes die revolutionäre Erhebung, wenn die Regierung nicht den Wünschen der Agrarier nachgeben würde. Dann würden die Throne krachen, Blut, Brand und greuelvolle Verwüstung würde ausbrechen. Wenn solche blutrünstige Leistungen nicht helfen, dann hilft gar nichts mehr. Also unter Umständen sind die Agrarier bereit, die Throne umzustürzen, die Fürsten aufzuhängen, wenn sie nicht für Aus⸗ hungerung des darbenden Volkes die Hand bieten. Sofort sind sie aber königstreu, wenn sie davon Vorteil haben. Welch unerschütter⸗ liche Treue! Die„Leutenot“ auf dem Lande wird von den Agrariern immer in den schwärzesten Farben geschildert und als Ursache des Ruins der Landwirte hingestellt. Dabei wettert man über den Zug nach den Städten und Industrie⸗ zentren und behauptet, für die Arbeitslosen der Städte sei auf dem Lande Beschäftigung genug, wenn sie nur arbeiten wollten. In Wirklichkeit steht das Bild ganz anders aus. Als in Folge der industriellen Krisis viele Industriearbeiter brotlos wurden und ein Teil derselben sich dem Lande zuwendete, hat sich, wie„Augsb. Abend⸗ zeitung“ schrieb, gezeigt, daß das Land nicht so aufnahmefähig ist, wie man es Jahre lang hinzustellen beliebte; denn das Angebot an Arbeitskräften überstteg gar bald die Nachfrage, und damit sanken die Ar⸗ beitslöhne in fast rapidem Maße. Durch das starke Angebot von Arbeitskräften zu den Erntearbeiten im Niederbaierischen sind die Wochenlöhne gegenüber dem Vorjahre um mehr als 30 Prozent gesunken. Und dabei handelt es sich durchaus nicht um Leute, denen die landwirtschaftlichen Verrichtungen unbekannt waren. Gegenwärtig steht die Hopfenernte vor der Thür, und von verschiedenen Gegenden kommt bereits die Kunde, daß die Hopfenpflücker zum Teil von weither im Anzuge seien und daß voraussichtlich mehr Arbeitskräfte sich in den Hopfengebieten einstellten, als Verwen⸗ dung und Verdienst finden könnten. Man warnt sogar vor Zuzug! Und noch ein Drittes: Ein sehr agrarfreundliches Provinzblatt berichtet, daß man in diesem Jahre, während seither Frauen, Kinder und alte Leute dieses Geschäft besorgten, auch Männer und erwachsene Burschen zum Preißelbeerzupfen geben sehe, was bis jetzt noch nicht dagewesen sei! Ganze Scharen ziehen in der Frühe in den Wald und kehren abends schwer bebürdet heim.— Also Arbeitslosigkeit und damit Not für Tausende; während die Schlot⸗ und Krautjunker im Ueberflusse schwelgen. Antisemitisches. Die sogenannte deutsch⸗soziale Reformpartei, ein kleiner Teil der kleinen antisemitischen Sekte, hielt am Sonntag und Montag in Eisenach so etwas wie einen Parteitag ab. 60 stimm⸗ berechtigte Mitglieder sollen, laut Zeitungs⸗ berichten, daran teilgenommen haben. Der Vorsitzende Oswald Zimmermann eröffnete den Diskurs mit dem auch bei den Antisemiten obligaten Kaiserhoch. Einen etwas lichten Augenblick hatte Zimmermann, als er u. A. erwähnte, es gebe Zeiten, in denen Byzantinis⸗ mus und Bauchrutscherei in übertriebener Weise sich breit machen.— Man stelle sich nur vor, wie der Byzantinismus und die Bauchrutscherei, mit denen Zimmermann sich schon abfindet, widerlich wirken in nicht übertriebener Weise. In übertriebener Weise wirken diese modern⸗ teutschen Mannestugenden ekelhaft.— Zimmer⸗ mann referierte auch über„den Aufmarsch der Parteien bei den nächsten Reichstagswahlen.“ Der Antisemit hatte die Stirn, zu erklären, daß es sich bei der Bekämpfung des Zolltarifs und der Fleischteuerung lediglich um„Schlag⸗ worte“ handle. Dabei schrieb noch am Sonntag die antisemitische Staatsbürgerztg., daß das Wort„Fleisch“ für Tausend und Abertausende binnen Kurzem ein leerer Begriff geworden ist und vielleicht Sonntags einmal in vielen Haushaltungen zum greif oder eßbaren Gegen⸗ stand wird. Der Redner suchte dann zu erläutern, wohin ste, die Antisemiten, eigentlich gehörten. In wirtschaftlichen Fragen(also wenn es sich um Nahrungsmittelwucher, um Verteuerung der Lebensmittel handelt) nähern wir uns der konservativen Partei, in vorwiegend natio⸗ nalen Fragen wird es ein großer Teil der Nationalliberalen sein. Nun bewilligen die Nationalliberalen ebenso unbesehen alle vom Weltmachtskitzel diktierten Flotten⸗ und Militär⸗ vorlagen und wenn es verlangt wird, Zucht⸗ häusgesetze gegen die Arbeiter. Die Geständnisse der Herren Antisemiten bezeugen, daß sie an reaktionärer Niedertracht ihre konservativen und nationalliberalen Vorbilder noch zu übertreffen suchen. Und so etwas versucht es noch, sich mit einem volksfreundlich schillerndern Mäntel⸗ chen zu verbrämen?— Im weiteren Verlaufe unterhielten sich die Herren, wie die Beute, in Form von Reichstagsmandaten, auf dem Wege krze Masten zu den — schen sind die! dlahre um neh Jabel handelt Ae, denen die rräfte si, als 2— Hen. Man ein Drittes: latt berichtet, dahrend seither dieses Geschäft achsene Burschen „ was bis jetzt Scharen ziehen kehren abends Arbeitslostgkeit bährend die flusse schwelgen. . e Reformparte, mitischen Sekte, ag in Eisenach ab. 60 stimm⸗ aut Zeitungs⸗ haben. Der mann eröffnete den Antisemiten etwas lichten 5 et U. A. aun Bhzantinie⸗ rtriebenet Weise le sich nur bol, Bauchrutschere, schon abfildet, tmiebener Weise. a 9 1 unbekannt Pfenernte bor 1 diese modern ⸗ ft.— Zimmer- Aufmarsch del Setngs wahlen.“ 1 zu erklären, „dez gollarife J um„Schlah⸗ 10 am Sonntag Ag., daß das 15 Wee ff ge iu bit en baren Gehen b a erlälterl, chörten ich g wenn 25 * l 11 2 f 1 übertlehh 1 1 ssch 1 67. Mäntel 41 Belauft fl 1 4 80 Nr. 38. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. des Kompromisses mit gleichgestimmten Seelen 3. B. Stöcker samt Anhang) zu verteilen sei. Der Verleger der Staatsbürgerztg. forderte dagegen„rücksichtsloses, selbständiges Vorgehen“, dann werde man auch wesentliche Erfolge erringen und neue Mandate dazugewinnen. Der antisemitische Reichstagsabg. Gäbel erklärte noch zum Ueberfluß, daß die Mitglieder der sozialen Reformpartet beim Zolltarif im Allgemeinen im„agrarischen Sinne“ stimmen würden. Ueber die Thätigkeit der antisemitischen Reichs⸗ tagsabgeordneren der Partei berichtete Abg. Werner. Er bezeichnete diese Thätigkeit als „eine allgemein sehr befriedigende“ und hob zum Beweise hervor, daß von den Parteiver⸗ tretern 36 Reden gehalten worden seien. Auch bei den namentlichen Abstimmungen seien die Antisemiten„meist“ zugegen gewesen. Dem Delegierten Sommer ⸗ Berlin, der verlangte, daß der Antisemitismus von den Parteiab⸗ geordneten auch im Reichstag mehr betont werde— die Juden dürften nicht so mit Glacéhandschuhen angefaßt werden—, anut⸗ wortete Werner: Man kann im Parlament die Judenfrage nicht gut an den Haaren herbei⸗ ziehen. Die„antisemitischen Eisenacher“ werden 1 855 Reichstagswahlen ihr blaues Wunder erleben. Verkrachte antisemitische Gründung. Die Hannoversche Landbank ist bank⸗ rott. Dieses Unternehmen war eine ausge⸗ sprochen antisemitische Gründung. Das Aktienkapital belief sich auf 1 Million Mark und wurde durch kleine Kaufleute, Grundbesitzer und antisemitisch gesinnte Männer gelehrten Berufs aufgebracht. An der Spitze der Bewe⸗ gung zu ihrer Gründung stand der Gewerbe⸗ kammersekretär Dr. Lindström, der die Kar⸗ riere eines Gymnasiallehrers aufgegeben hatte, um sich der antisemitischen Agitation und der „Mittelstandsbewegung“ zu widmen. Die erst 1899 ins Leben getretene Bank hat in den drei Jahren ihrer Existenz 6, 5 und 4 Proz. Dividende bezahlt. Es ist unverstäydlich, wie plötzlich, wenige Mongte nach einer Dividendenzahlung von 4 Proz. ein so großer Verlust eingetreten sein kann, daß, wie berichtet wird, das ganze Aktien⸗ kapital verloren ist. Es liegt deshalb der Verdacht nahe, daß die Verwaltung sich auf Spekulationen eingelassen und deren Folgen in der letzten Bilanz nach Möglichkeit zu ver⸗ decken bemüht gewesen ist. 2 Vom englischen Gewerkschaftskongreß seien noch einige interessante und beachtenswerte Beschlüsse mitgeteilt. Von dem Delegierten der Bauhandlanger und allgemeinen Arbeiter, war eine Resolution über den Krieg eingebracht, die zwar von einer Seite Widerspruch fand, jedoch mit großer Mehrheit angenommen wurde: „Dieser Kongreß betont aufs Neue, daß er Gegner aller Angriffskriege auf fremde Länder ist, da sie nur zur Bereicherung der widrigen Figur des kosmopolitischen Finanziers dienen, dessen Hauptzweck es ist, die Arbeiter aller Länder in allgemeiner, sozialer und ölonomischer Knechtschaft zu erhalten.“ Ward befürwortete im Anschlusse an seine Re⸗ solution einen Schiedsgerichtsvertrag zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten von Nordamerika, dem dann der nächste kontinentale Nachbar Englands beitreten werde. — Von der Notwendigkeit der politischen Aktion der Gewerkschaften war man allgemein überzeugt, jedoch ist die Mehrzahl der Delegierten noch im Heervann der Liberalen und die Ver⸗ fechter einer unabhängigen Arbeiterpolitik sind noch dünn gesät. Um eine bestimmte Stellung⸗ nahme nach der einen oder anderen Seite aus dem Wege zu gehen, wurde eine Resolution angenommen, in der gesagt wird, daß das Komitee für parlamentarische Arbeitervertretung eine Konferenz derjenigen Körperschaften einbe⸗ rufen soll, die für die politische Aktion eintreten, um eine gemeinsame Grundlage zu schaffen für die politische Thätigkeit der Arbeiter. Es muß ja nun noch abgewartet werden, ob man grund⸗ sätzliche proletarische Politik verfolgen wird, aber, wie wir schon in der letzten Nummer sagten, sehen auch die englischen Gewerkschaften ein, daß durch nur gewerkschaftliche Thätigkeit die Interessen der Arbeiter nicht genügend ge⸗ wahrt werden können.— Ferner wurde eine Resolution angenommen, die eine Erleichterung der Erwerbung des englischen Bürgerrechts für Ausländer verlangt. Dagegen lehnte man eine Resolution, welche das Stimmrecht für die Frauen verlangt, mit 110 gegen 103 Stimmen ab. Die Mehrheit war der Ansicht, daß dann wohl die Frauen und Töchter der Aristokraten das Stimmrecht erhielten, den Arbeiterfrauen dasselbe aber verweigert würde. Welch rück⸗ ständige Elemente auf dem Kongreß noch an— wesend waren, ist daraus zu ersehen, daß gegen einen Antrag auf Verbot der Arbeit von Kindern unter 15 Jahren noch 514000 Stimmen abge⸗ geben wurden. Angenommen wurde dieser An⸗ trag dagegen von 535000 Stimmen. Für den Frieden. So betitelt unser französische Genosse Jaures einen in der„Petite Republique“ erschienenen Artikel. Er knüpft darin an eine Ansprache an, die der Literaturprofessor Droz aus Anlaß der Victor Hugo⸗Feste in Besancon an die erschienenen fremden Studenten richtete. Pro— fessor Droz erinnerte an die bekannte Idee Victor Hugos von der Gründung der Vereinigten Staaten Europas, welche die Gelehrten, die Universitäten hätten verwirklichen sollen, die sie aber den arbeitenden Klassen zur Durchführung überließen. Droz wandte sich dann an die deutschen Studenten und rief: a „Brüder Deutschlands, seid willkommen! Wir dürfen nicht vergessen, wir vergessen nicht, was zwischen unseren beiden Ländern vor 30 Jahren vorgefallen ist und was sich daraus ergeben hat. Ihr selbst würdet uns verachten, wenn wir das vergäßen, und wir halten auf Eure Achtung, weil wir auf Eure Freundschaft halten. Victor Hugo träumte von einem letzten Kriege, nach dem die beiden Völker einander umarmen und ineinander aufgehen würden. Das war unter der Wucht unserer Niederlagen. Wir, seine Schüler, stoßen energisch nach 30 Jahren die Idee einer kriegerischen Revanche zurück und hegen die Hoffnung auf eine rück⸗ haltslose Aussöhnung, sobald diese möglich ge⸗ worden sein wird. Wir gefallen uns in dem Glauben, daß in einer schwer zu bestimmenden, aber hoffentlich nahen Zeit die Völker, wenn ste Herren ihrer Regierungen geworden sein werden, unter dem Weltreiche der Gerechtigkeit die Notwendigkeit fühlen werden, untereinander eine neue heilige Allianz, diesmal mit Recht so genannt, bilden werden und daß das Land, das uns entzweit, eine neue Stellung erhalten wird, in der diese Tochter Frankreichs und Deutschlands eine freie Stimme wird erheben können, um ihre beiden Mütter zur Einigung aufzufordern.“ Die wahre Revanche, führt nun Jaurés in seinem Artikel aus, werde für die beiden Völker darin bestehen, die Freiheit zu entwickeln, die Demokratie zu verwirklichen, den Frieden zu organisieren. Die wahre Revanche werde die sein, das Schreckensgespenst der Revanche zu verjagen, das dem Militarismus, allen Kräften der Bedrückung, der Routine und der Reaktion den notwendigen Vorwand liefere. In dieser europäischen Strömung von Demokratie und Freiheit, in diesem französisch⸗deutschen Einver⸗ nehmen von Demokratie und Freiheit würden die Elsaß⸗Lothringer die notwendigen Bürg⸗ schaften des Rechts finden. Auch sie wollen den Frieden. Und wenn sie frei ihre Sympa— thien für das Frankreich der Revolution aus⸗ drücken, wenn sie einmal sicher seien, daß sie nie mehr gegen dieses die Waffen zu tragen brauchen, wenn sie frei ihren Kindern all' die Ruhmesthaten und das Genie Frankreichs mit⸗ teilen können, dann werden sie an der edlen Aussöhnung zwischen dem deutschen und dem französischen Genie mitarbeiten. Das werde die wahre Rückkehr zum Vaterlande sein, die einzige, die die Menschheit nicht Blut und Thränen kosten und die endlose Reihe gegen— seitiger Revanchen unterhalten werde. fährt Jaurès fort: „Wir allein denken wirklich und tief an die Elsaß⸗Lothringer. Alles Uebrige ist nur Parade, und die leeren Revancheworte, die heute noch von einem Volte gesprochen werden, das die Revanche nicht will, dienen nur dazu, die rohe Herrschaft des Militärsystems zu perlängern und jene Schwenkung der europäischen Demo⸗ kratie zu verzögern, die Elsaß⸗Lothringen die große Rolle geben wird, die es spielen kann. Man braucht nur zu sehen, wie die chauvinisti⸗ schen Blätter Deutschlands die jüngste abscheu⸗ liche Revancherede des Generals André aufge⸗ nommen haben. Im Grunde freuen sie sich darüber. Sie wissen zwar, daß das nur leere Worte sind, daß Frankreich den Frieden will und kein blutiges Ideal hat, aber sie bedienen sich seiner Erklärungen.„Europa sieht, sagen sie, daß das Deutsche Reich die Bürgschaft des europäischen Friedens ist. Nur weil das Reich militärisch stark ist, ist der Friede gesichert. Falls es einen Augenblick seine militärischen Einrichtungen vernachlässigte, würde es von Frankreich überfallen werden, dgs alle Kriegs⸗ minister, General André, wie General Boulanger, zum Kampfe gegen Deutschland aufreizen. Seien wir daher wachsam und stark.“ Die veraltete Rhetorik des Generals André hat also nur die Wirkung, dem deutschen Chaupi⸗ nismus Argumente zu liefern, die Macht des preußischen Militarismus zu erhöhen, das deutsche Kriegsbudget, somit auch das unserige, anzu⸗ schwellen und die Völker unter dem wachsenden Gewichte einer falschen Revanchepolitik und einer kriegerischen Lüge zu bedrücken. Mit diesem ruinierenden und tötlichen Schwindel muß end—⸗ lich aufgeräumt und auf die verhängnisvolle Routine jener wahnwitzigen Deklamationen mit dem Rufe:„Nieder mit dem Kriege!“ geant⸗ wortet werden. Trotz Allem schreitet die Idee des Friedens und der Abrüstung vorwärts. Man versucht es noch, sie mit Zornausbrüchen zu behandeln; man kann sie nicht mehr mit Verachtung behandeln. Und in der Eutrüstung, die man zur Schau trägt, ist nichts Aufrichtiges. Eine Trommel klingt immer hohl, selbst in Kriegszeiten. Wenn das Trommeln aber endlos über die Schlacht hinaus anhält, wenn es nur scheinbare Angriffe von Gaffern belebt, die sich nicht schlagen wollen, sondern nur den Stolz kriegerischen Schauers mit der Sicherheit des Friedens verquicken möchten, wenn es nur unnütz überlastete Völker wach erhält, dann ist es eine unerträgliche Musik. Und Europa wird bald sagen:„Jetzt ist's genug!“ Dann Ein Pfarrer über den Sozialismus. Pfarrer Mac Grady von Bellevue sprach unlängst in Philadelphia vor einer etwa 2000 Köpfe starken Versammlung über den Sozialismus als Mittel zur Zivilisation und verteidigte ihn gegenüber den Angriffen der frommen Augenverdreher und sonstigen„Streng— gläubigen“. Er sagte unter Anderem Folgendes: „Der Zweck der Zivilisation liegt darin, die Menschen von dem Zwange unausgesetzter Arbeit zu befreien. Wir haben alle früheren Generationen weit übertroffen in der Ansamm⸗ lung von Reichtümern. Der Genius der Er— findungen ist in alle Kanäle der menschlichen Thätigkeit eingedrungen. Lesen Sie den Bericht des Arbeitskommissärs der Regierung und Sie werden finden, daß unsere Produktivkräfte zwanzig Mal größer sind, als vor zehn Jahren. Wir sollen zwanzig Mal so diel Annehm⸗ lichkeiten genießen; aber dies ist nicht der Fall. Armut herrscht überall und hält gleichen Schritt mit dem Fortschritt in allen Dingen. Man sagt, die Sozialisten sind Atheisten, Gottes- lästerer; ich frage, ist es Gottes lästerung, eine Besserung unserer Lage anzu⸗ streben? Sozialismus ist in erster Linie ein ökonomischer Kampf, ein Kampf zur Befreiung der Arbeiter aus der Lohnsklaverei, und darum auch eine Befreiung aller Menschen. Meine Freunde, Arbeit ist der Segen der Zivili sation. Arbeit baute die Städte, Dörfer. Ar⸗ —— ——— eee — Sete 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 38. beit macht Flüsse schiffbar. Alle Universitäten und Schulen sind das Erzeugnis von Arbeit. Arbeit hat die Wissenschaft möglich gemacht, und doch— jetzt hat man drei Mann für jede Stelle, weil Einzelne Alles sich angeeignet haben. Durch das viele Angebot sind die Löhne gefallen, es werden Bettler, Vagabunden und Verbrecher gemacht. Sozialismus ist die einzige Rettung aus dem Sumpfe der heutigen Arbeitersklaverei. Und Sozialismus wird kommen, Niemand kann ihn aufhalten, er ist einfach eine natür⸗ liche Notwendigkeit, der nächste Schritt vorwärts in der Zivilisation; so wie der Kapi⸗ talismus den Feudalismus abgelöst, wird die sozialistische Gemeinschaft, die Brüderschaft aller Menschen, den Kapitalismus entthronen. Alle Verleumdungen, alles Werfen von Schmutz wird hieran nichts ändern. Dieser Mann scheint sein Evangelium mit mehr Verständnis gelesen zu haben als die Herren, die auf der Zentrumsparade in Mann⸗ heim das große Wort führten. Die gescheitelten und geschorenen„Diener Gottes“, die ihre Auf⸗ gabe in der Verunglimpfung des Sozialismus und der Verdächtigung seiner Anhänger erblicken, sollten an dem amerikanischen Pastor ein Bei⸗ spiel nehmen. rr pon Uah und Lern. hessisches. Zu den Landtagswahlen. In diesem Wahlkampfe, der allerdings erst in einigen Orten schwach eingesetzt, tritt die„eine reaktio⸗ näre Masse“ in Erscheinung. Das Zentrum zeigt Neigung, sich mit den Nationalliberalen zu verbünden und die beiden schließlich noch mit den Antisemiten gegen die Sozialdemokraten. Sowohl in Mainz wie in Offenbach ist das Zustandekommen eines solchen Kuddelmuddels gar nicht ausgeschlossen. Wie aus den Aeuße⸗ rungen eines Pfaffenblattes in Mainz hervor⸗ geht, möchte man besonders dem Genossen Ulrich in Offenbach das Mandat entreißen. Daß unter den bürgerlichen Parteien überhaupt kein großer prinzipieller Unterschied besteht, das weiß ja beinahe jeder„sozialdemokratische Säug⸗ ling“. Je eher sie zusammenfließen, desto besser. Dann giebts freie Bahn. Unsere Mainzer und Offenbacher Genossen werden ihren Mann stellen. Gießener Angelegenheiten. — Für Gründung eines Arbeiter⸗ turn vereins zirkulieren gegenwärtig die Listen zur Unterschrift innerhalb der Gewerkschaften. Wir sind gewiß keine Freunde von vielen Ver— einsgründungen, aber wir möchten doch— be— sonders unseren jüngeren Freunden und Ge— werkschaftsmitgliedern— den Beitritt zum Turnverein empfehlen. Richtig ist allerdings, daß viele Arbeiter nach des Tages Mühe nicht besonders geneigt sind, sich turnerisch zu be— thätigen, aber anderseits läßt sich der Nutzen der Turnerei für den Körper nicht wohl in Abrede stellen. Es giebt auch noch viele Ar⸗ beiter, die viel Vergnügen daran finden. Aber sollen unsere Arbeiter bei den patriotischen Turnern eintreten, und sich da zum Hanswurst für andere Leute hergeben? Wir meinen, die Arbeiterturnvereine sind ganz am Platze. Bei Arbeiterfesten können sie viel zur Verschönerung des Programms beitragen. Was beispielsweise die Münchener Arbeiterturner bei dem am Montag zu Ehren des Parteitages veranstalteten Kellerfest im Hackerbräusaale boten, war geradezu staunenswert. Wir gestehen, selten solche turne⸗ rischen Leistungen gesehen zu haben und die Tausende von Besuchern waren des Lobes voll. — Wer also Lust zum Turnen hat, zeichne sich auf die Liste für einen Arbeiterturnverein in Gießen ein! . Geschäftsflauheit in der Gießener Zigarren-Industrie. Der Bericht der Gießener Handelskammer sagt über die Zigar⸗ ren⸗Industrie in Oberhessen: „Die Rauchtabakfabrikation, die schon seit Jahren einen recht schweren Kampf kämpfe, um nur einigermaßen den Umsatz auf der bis herigen Höhe zu halten, hat dies im abgelaufenen Jahr nur durch Opfer für höhere Verkaufs- spesen erreicht. Teils hierdurch, teils durch die sehr hohen Preise der amerikanischen Faß⸗ tabake, sowie durch die allgemeine ungünstige Geschäftslage, die sich namentlich in schlechtem Geldeingang zeigte, ist der Verdienst zurückge⸗ gangen, und er steht in keinem Verhältnisse zu der aufgewandten Mühe und zu dem großen Ristko, das mit dem immer längeren Ziele verbunden ist. Auch die Cigarren-Industrie klagt über mangelnden Absatz und über hohe Preise des Rohmaterials, während andererseits die Ansprüche der Kundschaft in Bezug auf Ausstattung usw. gesteigert sind. Dadurch und durch Zinsverluste infolge langer Kredite ist der Nutzen der Fabrikation nur ein geringer. Wenn, so führt der Bericht aus, Arbeiterent⸗ lassungen noch nicht oder doch nur ganz ver⸗ einzelt stattfanden, so lag dies daran, daß die Unternehmer geschultes Personal nicht ziehen lassen wollen und daher lieber auf Vorrat haben arbeiten lassen.— Das sollte für die Arbeiter ein Ansporn zur Vereinigung sein! Aus dem Rreise Kiedherg-Püdingen. — Zur Landtagswahl. Aus Fried⸗ berg schreibt man uns: Unsere Stadt wurde, wie allgemein bekannt sein dürfte, bisher von dem„berühmten“ Nationalliberalen Jöckel im Landtage vertreten. Zur bevorstehenden Neu⸗ wahl wurde nun als Gegenkandidat der frei⸗ sinnige Beigeordnete Damm von Friedberg aufgestellt. Da es unseren Parteigenossen in⸗ folge des indirekten Wahlsystems nicht möglich ist, eigene Wahlmänner zu bekommen, so wurde beschlossen, nachdem uns Herr Damm die Ver⸗ sicherung gegeben hat, daß er für ein allge⸗ meines, gleiches, geheimes und direktes Wahl⸗ recht ohne Kautelen eintreten werde, für den⸗ selben mit aller Kraft einzutreten. Die Partei⸗ genossen wollen deshalb mit aller Energie die Agitation betreiben. Es muß eine Ehrensache sein mitzuhelfen, damit wir von dem bekannten Erzreaktionär befreit werden. Aus dem Rreise Wetzlar. r. Lehrlingszüchterei engros wird in der C. schen Fabrik technischer und mecha⸗ nischer Apparate betrieben. Bei nur 6 Gehülfen sind dort 10 bis 12 Lehrlinge beschäftigt. Die Behandlung der Jungen läßt sehr zu wünschen übrig. Während doch in jeder Werkstelle für Frühstück und Vesper, wenn auch nur eine kurze Pause gemacht wird, kennen die Jungen solche nicht und oft genug wirds abend 9 bis 10 Uhr, ehe die Kerlchen aus der Werkstatt gelassen werden. Hier sollte doch einmal die Gewerbeinspektion etwas eingreifen. An Prügel fehlt's auch nicht, bei jeder Kleinig⸗ keit regnet's Ohrfeigen und es ist nur verwunder⸗ lich, daß von den Eltern der Jungen dem Prügelhelden nicht ganz gehörig die Meinung gesagt wird. — Pfäffische Aufdringlichkeit. Folgendes famose Schreiben sandte der Pastor Knieper in Krofdorf einem dortigen Ein⸗ wohner: „Hierdurch teile ich Ihnen ergebenst mit, falls Ihr Sohn Ferdinand nicht bis morgen Abend bei mir er⸗ scheint und erklärt, daß er am Sonntag zur Christen⸗ lehre kommen will, ich folgendes von der Kanzel am nächsten Sonntag bekannt machen werde:„Dem F. J., Sohn von Gg. J. in Krofdorf, ist bis auf Weiteres das Recht der Taufpathenschaft entzogen worden, weil er trotz wiederholter Aufforderung nicht zur Christenlehre erschienen ist.“ Ich bemerke noch, daß Ihr Sohn der Erste sein wird, welcher von der Taufpathenschaft aus⸗ geschlossen wird, weil mir von keinen Eltern, die ich besucht habe, direkt erklärt worden ist, daß sie ihre Kinder nicht schicken würden, ich habe vielmehr bei Allen freund⸗ liches Entgegenkommen gefunden. Sodann muß ich Ihnen und Ihrer Frau als Ihr Seelsorger noch ein Wort sagen. Ob Sie jetzt dasselbe annehmen werden, bezweifele ich freilich, aber ich hoffe, daß Sie sich des⸗ selben doch noch einmal erinnern werden, wenn auch erst in der Stunde des Todes. Aus Ihrem Verhalten habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß Sie beide sich bis jetzt sehr wenig um Ihre unsterbliche Seele und die Ewigkeit gekümmert haben. Es wird deshalb die höchste Zeit, daß Sie es thun. Sie müssen einmal sterben, vielleicht bald, vielleicht noch in diesem Jahre. Und wenn Sie sterben, ohne der Vergebung Ihrer Sünden gewiß zu sein, so gehen Sie verloren. Denn glauben Sie nur: es ist mit dem Tode nicht aus, sondern es giebt eine Ewigkeit. Mitt dem Grundsatz:„Thue recht und scheue niemand“, können Sie vor Gott nicht bestehen; denn kein Mensch thut recht, auch Sie nicht, sondern Sie übertreten Gottes Gebote und sind ein Sünder, wie ich und jeder andere Mensch.“.. So gehts noch eine Zeitlang weiter. Ob die angedrohte Kirchenstrafe über den„Burschen“ verhängt wurde, entzieht sich unserer Kenntnis. Für die Beurteilung der Sachlage ist es auch gleichgiltig. Die ganze Zuschrift zeugt von einem Geiste zelotischer Unduldsamkeit, wie er krasser wohl kaum in den finstersten Zeiten des Mittelalters zur Geltung gekommen ist. Das ganze Register christlicher„Heilswahrheiten“ von der unsterblichen Seele bis zur Todesfurcht mit ihren im Hintergrund schlummernden Höl⸗ lenstrafen muß herhalten, um eine widerhaarige Seele zu retten bezw. um die geistige Knech⸗ tung auch nach dem Religionsunterricht der Schule und der Konfirmationszeit fortzusetzen. Es ist fraglich, ob die angedrohte Kirchenstrafe auf den jungen Mann so einschüchternd wirken wird, daß er sich auch in Zukunft der kirch⸗ lichen Geistesfrohn willen⸗ und widerstandslos unterwirft. Eher steht das Gegenteil zu er⸗ warten. Dem wohlfeilen Rat an die Eltern, über ihr Seelenheil nachzudenken, setzen wir die ernste Mahnung entgegen, zunächst einmal über die Verbesserung ihrer Lebens⸗ lage in diesem irdischen Jammerthal zu grü⸗ beln und Alles zu thun, was im Stande ist, dieselbe so weit zu fördern, daß sie in dieser Hinsicht mit ihrem gestrengen Seelsorger wenig⸗ stens einiger maßen gleichgestellt sind. Macht hier das Leben gut und schön, Kein Jenseits giebt's, kein Wiederseh'n! Diese Zeilen stehen als ernstes Mahnwort am Eingang zum Friedhof der Freireligiösen Gemeinde zu Berlin. Und was da gesagt wird, hat entschieden mehr Wahrscheinlichkeit für sich, als die vom Herrn Pastor mit so großer Be⸗ stimmtheit vorgebrachte Behauptung von der Existenz des Jenseits, wofür er nicht den geringsten Beweis zu führen im Stande ist. Den Eltern raten wir, sich die Aufdringlichkeit dieses Herrn höflichst zu verbitten, von dessen Vermuckerungsversuchen an der Krofdorfer Eiuwohnerschaft wir noch weitere Pröbchen geben. Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain. St. Der Gesangverein„Eintracht“ begeht am Sonntag, den 28. d. M. im Saale des Schloßgarten dahier sein diesjähriges Stif⸗ tungsfest. Seit längerer Zeit wird schon fleißig geübt, um den Besuchern des Festes einige recht genußreiche Stunden zu bereiten. Außer Instrumental⸗ und Vokalkonzert, bet welch' letzterem verschiedene neue Lieder zum Vortrag gelangen, kommen auch komische Szenen und Couplets zur Aufführung. Der Eintritts⸗ preis ist im Verhältnis zu dem so reichlich Gebotenen ein sehr mäßiger. Karten im Vor⸗ verkauf— bei den Mitgliedern erhältlich— kosten für Herren 50 Pfg.(1 Dame frei), für jede weitere Dame 20 Pfg., Abends an der Kasse 75 Pfg. für Herren(1 Dame frei), 30 Pfg. für Damen. Den Beschluß des Festes bildet ein flottes Tänzchen. Da der Gesang⸗ verein seither stets mit freundlicher Bereit⸗ willigkeit zur Verschönerung aller Arbeiter⸗ festlichkeiten beigetragen hat, so ist zu erwarten, daß die hiesige Arbeiterschaft sich erkenntlich zeigt, und durch zahlreichen Besuch des Stiftungs⸗ festes unserer wackeren Arbeiter⸗Sängerschaar ihre Dankbarkeit bezeigt. 5 — Zur Fleischnot. Das hiesige konser⸗ vative Bündlerblatt fährt fort, über den Ueber⸗ fluß an Schlachtvieh in Deutschland zu berichten, wovon in unserem Kreise allerdings nichts zu merken ist; im Gegenteil, ein hiesiger Metzger⸗ meister teilte in einem„Eingesandt“ in der „Hess. Landesztg.“ mit, daß er einige Schlacht⸗ schweine von einem Gutsbesitzer in Borken bezogen habe, wobei ihn das Pfund Schlacht⸗ gewicht auf 73/ Pfg. komme, ohne die Betriebs⸗ unkosten. Er ist bereit, die Beweise hierfür beitet. Ob N„Vurschen⸗ zeitige ktnech. erricht der dirchenstrafe end wirken er kirch⸗ Adslos die Eltern, setzen wir icht einmal er Lebens⸗ thal zu grü⸗ Stande ist, sie in dieser es Mahuwort Freireligiösen 4 gesagt wird, lichkeit für sch, so großer Be⸗ 9 bon der er nicht den m Stunde ist. lufdringlichkeit 1, bon dessen r Krofdorfer gröbchen geben. Mirchhain. Eintracht“ N. in Sul gähriges Sill 1 wird schon „ des deses f zu herkiten. kallonzert, bel 1 Weder zun iche Szenen Der Eintritte erhältlich Dame frei), 4, Wen g, „ ame fte) a det Fee . der Gion, licher Berel⸗ — Arbeitel⸗ 10 erwatlel, 9 1 11 — — einem geschäftlichen Nr. 38. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. zu geben. Wenn das so weiter geht, werden die Fleischpreise bald noch höher steigen.— Wie wir bereits in voriger Nr. mitteilten, hat es die Stadtverordneten⸗Versammlung noch nicht für nötig befunden, sich mit dieser brennenden Frage zu beschäftigen.— Uns steht kein Saal zu einer Versammlung zur Verfügung. Wir müssen es daher abwarten, ob nicht von anderer Seite eine Protestversammlung einberufen wird; für zahlreichen Besuch einer solchen und für tüchtige Redner würden wir eventl. schon Sorge tragen. E— Eine edle Dame. Am Mittwoch fanden zwei aus der Schule kommende Mädchen ein Portemonnaie mit 200 Mark Inhalt, das ein Fräulein verloren hatte. Die glücklichen Finderinnen erhielten eine Belohnung von— 50 Pfg.! — Die hiesige Schneider⸗Innung, welche am Dienstag Abend über einen Antrag auf„Auflösung der Zwangsinnung“ beschließen wollte, mußte unverrichteter Sache auseinander gehen, da der Vertreter der Behörde erklärte, daß die Versammlung wohl den Statuten, aber nicht dem Gesetz entsprechend einberufen sei, daß somit ein Beschluß uugiltig sein würde. Die Hoffnung einiger Zünftler, daß das Leben der Innung nun geretket sei, dürfte sich trotz⸗ 1 nicht sehr lange mehr aufrecht erhalten lassen. Zur Landtagswahl in Offenbach. Als Mischmasch⸗Kandidat in Offenbach wird auch der berühmte Bürgermeister Brink genannt. Den Schwarzen paßt aber dieser Vorschlag durchaus nicht. Schließlich beißen sie doch in den sauren Apfel. Wenn man die Hauptsache vergißt! Der„Leipz. Volks⸗Ztg.“ wird aus Mann⸗ heim geschrieben: Die demnächst hier statt⸗ findenden Gewerbegerichtswahlen sollten zum ersten Male nach dem Proportionalsystem stattfinden. Dasselbe war auf das eifrige Be⸗ treiben der christlichen Gewerkschaften eingeführt worden, denen es nicht gelungen war, bei der bisherigen Masoritätsvertretung neben den freien Gewerkschaften eine Vertretung zu erhalten. Seit Monaten hatten sie nun für die Wahlen agitiert, ihre Anhänger zur Einzeichnung in die Wählerlisten aufgefordert, mit Zeitungsartikeln und Flugblättern dafür gearbeitet, und nun, wo die Frist zur Einreichung der Kandidaten⸗ Vorschlagsliste abgelaufen ist, stellt es sich her⸗ aus, daß sie die Einreichung einer solchen— vergessen haben! Der Vorschlag der freien Gewerkschaften ist jetzt also ohne Gegner, und wenn nicht noch besondere Umstände eintreten, beschränkt sich die Arbeit der Wahlkommission am 22. September darauf, die Liste der Ge⸗ werkschaften als einstimmig gewählt zu erklären. Im Interesse der praktischen Erprobung des Proportionalsystems ist die Vergeßlichkeit der Christlichen, denen zum Schaden der Spott natürlich nicht erspart bleibt, lebhaft zu bedauern. Züchtung von Duellmördern. Der militärische Rechtsbegriff hat im christ⸗ lichen„Musterländle“ Baden wieder eine hübsche Illustration erhalten. In Pforzheim ist der Rechtsanwalt und Reserveleutnant Dr. Kratt, als Offizier verabschiedet worden, weil er eine Duellforderung seines Kollegen Dr. Dammert, ebenfalls eines Reserveoffiziers, abgelehnt hat. Die beiden Anwälte sollen aus Anlaß in Differenzen geraten und stark hintereinander gekommen sein. Beide zählen zur liberalen Partei, Rechtsanwalt Kratt ist Vorsitzender des jung⸗ liberalen Vereins. Dr. Dammert soll ebenfalls mit einer Rüge bedacht worden sein.— Auch wieder ein krasses Beispiel für den Duellunfug. Der Mann, der die Gesetze des Staates befolgt, wird gemaßregelt, der Andere, der eine unge⸗ setzliche Handlang begangen hat, darf heute mit dem„Rock des Königs“ paradieren. Und da wundert man sich noch, wenn im Volke das Vertrauen auf die Gerechtigkeit des bürgerlichen „Ordnungsstaates“ immer mehr schwindet! Aus fromm ⸗tatholischem Lande. Für die stttlichen Verhältnisse in Tyrol bezeichnend ist das Verzeichnis der Straffälle, die vor dem Schwurgericht in Bozen am 9. September zur Verhandlung standen. Es waren nach der Frankfurter Zeitung folgende: 1. der 17 jährige Bauernsohn Jos. Bödenter aus Dölfach wegen Notzucht; 2. der 19jährige Bauernknecht Jos. Pradler in Lajen wegen Notzucht; 3. der 20 jährige Schuhmacher Ferd. Fischnatter in Kollmann wegen Not⸗ zucht; 4. der 45 jährige Sägschneider Nikol. Bellante aus Cavaleser, zuletzt in St. Peter, wegen Notzucht; 5. der 32 jährige Knecht Jos. Moroier in St. Martin in Enneberg wegen Notzucht; 6. der 17jährige Knecht J. Crepaz in St. Lorenzen wegen Notzucht, Schändung und Unzucht wider die Natur und 7. Phil. Horalek, Ingenieur, zu⸗ letzt bei der k. k. Tracirungsexpositur der Vintsch⸗ gaubahn in Meran, wegen Veruntreuung im Amte. Ein ganzes Stück Kulturgeschichte des„glaubenstreuen“ Tirol! Kleine Mitteilungen. ** Der Teufel traue den Frommen. In Dorf Gill stahl vorige Woche ein sich sehr fromm stellender, arbeitsuchender Schreiner eine Summe Geld aus der Schublade. ** Eine Feuersbrunst vernichtete am Sonntag in Gedern ein Wohnhaus nebst Scheune und Stallung. — Auch in Herbstein brannte am Montag Vormit⸗ tag eine Hofsraithe vollständig nieder. * Familien⸗Tragödie. Vorige Woche starb in Richen bei Groß⸗Umstadt das Kind eines Heil⸗ gehilfen. Die Mutter des Kindes vergiftete sich aus Gram über den Verlust ihres Kindes. e Der Offenbacher Hafen wurde am Montag dem Betrieb übergeben. Er ist eine großartige Anlage. Die Rheinschiffe können nun auch bis Offen⸗ bach fahren. en Wegen Verbrechen gegen das keimende Leben wurden vorige Woche in Dresden nicht weniger als 25 Frauen und Mädchen verurteilt. Eine Heb⸗ amme erhielt 7 Jahre Zuchthaus. * Verhaftet wurde in Wien der mutige„Anti⸗ semit“ Böckler, früherer Redakteur der„Staatsbürger⸗ zeitung“. Böckler hatte sich einer sechs monatlichen Ge⸗ fängnisstrafe durch die Flucht nach Wien entzogen, wo er für Antisemiten⸗Blätter schrieb. Vom Parteitage in München. (Fortsetzung von Seite 2.) Nachdem der Parteitag bis Dienstag Abend die Diskussion über den Partei- und Kassenbericht und die dazu gestellten Anträge beendet hatte, wurde noch der Punkt„Maifeier“ erledigt, der eine ziemlich lebhafte Debatte hervorrief. Von verschiedenen Seiten wurde empfohlen, mehr als bisher auf allgemeine Ar⸗ beitsruhe hinzuwirken. Es fehlte aber auch nicht an Stimmen, die sich mit Entschiedenheit dagegen aus⸗ sprachen. Schließlich wurde die vom Referenten vorge⸗ schlagene Resolution angenommen. Mittwoch Vormit⸗ tag kam dann der Thätigkeitsbericht der Reichs⸗ tagsfraktion zur Verhandlung. Rosenow, der hier referirte, wies besonders anf die Verhandlungen über den Zolltarif hin, den zu Fall zu bringen die Hauptaufgabe der Fraktion sei. Eine Obstruktion von unserer Seite sei bisher noch nicht nötig gewesen; die Fraktion würde selbstverständlich davor nicht zurück⸗ schrecken, wenn es sich als notwendig erweisen sollte. Dann ging der Referent auf die Sozialgesetzgebung ein. Auf diesem Gebiet sucht das Unternehmertum selbst die kümmerlichen Reförmchen zu verhindern, zu denen sich die Regierung etwa bequemte. Dem Referat folgte eine sehr angeregte Debatte, die sich in der Hauptsache um die Arbeiterschutzgesetze drehte. Sie wurde am Mittag abgebrochen, weil an diesem Tage die Dampferfahrt auf dem Starnberger See stattfand. Diese war vom besten Wetter begünstigt, doch konnte merkwürdigerweise der sonst stets vorhandene fröhliche Humor nicht recht zur Geltung gelangen. Donnerstag früh wurde die Dis⸗ kusston über den Fraktionsbericht beendet. Darauf hielt Abg. Molkenbuhr ein ausgezeichnetes Referat über Arbeiterversicherung, an das sich eine recht interessante Debatte anschloß. Der Punkt Internationaler Arbeiter-Kongreß wurde darauf noch erledigt, wo⸗ rauf Genosse Lindemann mit seinem Referat über Kommunalpolitik begann. Das setzt er Freitag fort und dann wird Bebel über die Reichstagswahlen sprechen. eee ee. Partei-Machrichten. Parteitags⸗Berichterstattung. Alle zu den Agitationsbezirken Gießen und Friedberg gehörigen Parteiorte, die Bericht⸗ erstattunug über die Parteitagsverhandlungen wünschen, wollen sich recht bald direkt an Genosse Vetters⸗Gteßen bezw. Busold⸗Fried⸗ berg wenden. Vom 23. September ab stehen die genannten Geuossen zur Verfügung. Wo es möglich ist, lege man die Versammluugen auch auf audere Tage, als Samstag und Souutag, weil dadurch alle Wünsche in dieser Beziehung schueller befriedigt werden können. Wieder in Freiheit gesetzt wurde am Samstag Vormittag 9 Uhr Genosse Dr. Quark aus der„Feste“ bei Preungesheim, in der er 11 Wochen lang als „Preßsünder“ zu büßen hatte. Es ist nun das zweit e Mal, daß Genosse Quark jene Mauern kennen lernte; bereits im Jahre 1899 mußte er dort vier Monate zubringen. Hoffentlich hat seine Gesundheit nicht Not gelitten. Versammlungskalender. Samstag, den 20. September. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.— Brauer. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Löb, Wiener Hof. Lollar. Wahlverein. lung bei Wirt Schupp. Landeskonferenz. Sonntag, den 21. September. Alsfeld. Wahlverein. Nachmittags 4 Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Kloos. T.⸗O.: Bericht von der Landeskonfexenz. Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Nach⸗ mittags 3 Uhr Versammlung bet Wirt B. Keil. Sonntag, den 28. September. Gießen. Glaserverband. Vormittags 10 Uhr Versammlung bei Orbig. Lauterbach. Wahlverein. Versammlung bei Wirt Kaut. der Landeskonferenz. A———. Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Der Neue Welt⸗Kalender für 1908. Preis 40 Pfg. Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Sozialistische Monatshefte. Jeden Monat ein zirka 80 Seiten starkes Heft. Preis pro Heft 50 Pfg. Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft. à 10 Pfg. Die Hütte. Zeitschrift für das Volk und seine Jugend. Illustriert. Prachtvoll ausgestattet. Alle 14 Tage ein Heft. à 25 Pfg. Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer. Wilhelm Liebknecht. Sein Leben und Wirken. Unter Benutzung ungedruckter Briefe und Aufzeichnungen. Herausgegeben von Kurt Eisner. Mit Porträts und Abbildungen. Preis 30 Pfg. Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der handelspolitischen Srreitfragen. Preis 30 Pfg. Grundzüge und Forderungen der Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky und Bruno Schönlank. Preis 10 Pfg. Enthält eine kurzgefaßte, allgemein verständliche Er⸗ läuterung des Erfurter Programms. Muß jeder Genosse besitzen! Das Erfurter Programm. Von Karl Kautsky. Preis brosch. 1.50 Mk., gebd. 2 Mk. Das Kommunistische Manifest. Von Karl Marx und Friedrich Engels. Preis 15 Pfg. Das im Jahre 1847 verfaßte Manifest ist die be⸗ deutungsvollste Schrift der sozialistischen Litteratur. Trotz der 45 Jahre Zeitfortschritt haben die darin auf⸗ gestellten allgemeinen Grundsätze im Ganzen heute noch ihre Richtigkeit. Christentum und Sozialismus. Bebel. Preis 10 Pfg. Diese religiöse Polemik zwischen unserm Genossen und dem Kaplan Hohoff fand bereits in den Jahren 1873/74 statt. Der Inhalt des Schriftchens ist aber noch heute durchaus zeitgemäß. Wie ein Pfarrer Sozialdemokrat wurde. Eine Rede von Paul Göhre, Pfarrer a. D. Preis 10 Pfg. Weltkrach und Weltmarkt. Eine weltpoli⸗ tische Skizze von Fr. Mehring. Preis 25 Pfg. Weltpolitik, Chinawirren und Trans⸗ vaalkrieg. Von W. Liebknecht. Liebknecht's letzte Rede, gehalten zu Dresden im„Trianon“ am 28. Juli 1900. Preis 15 Pfg. Die Kommission. Abends 9 Uhr Versamm⸗ T. O.: Bericht von der Nachmittags 4 Uhr T.⸗O.: Bericht von Von A. ——— eee Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 38. altungs-Ceil. „ Unterh Das Goldmacherdorf. Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus, Von Heinrich Zschokke. (Fortsetzung). Ferner sprach er:„Es ist wohl gut, daß man einen wohlhabenden Mann zum Gemeinds⸗ vorsteher wählt; aber Reichtum nicht, sondern Uneigennützigkeit ist die höchste Tugend. Wehe der Gemeinde, die den zum Vorsteher macht, dem die Bürger schuldig sind. Denn sie machen ihn zum Gewalthaber und Richter in seinen eigenen Angelegenheiten, und sie werden Sklaven eines Dorftyrannes durch eigne Thorheit. Sie sollen lieber den wählen, der auch den hartherzigen Gläubiger und den reichen Tyrannen in Schranken halten kann.“ Ferner sprach er:„Ein guter Kopf thut viel, aber ein redliches Herz thut noch weit mehr. Darum fraget erst: ist der Mann ein grundredlicher, hilfreicher Mann? nachher fraget: hat er Klugheit genug, und ist er keines Reichen Schuldner?— Der Vorsteher einer Gemeinde soll unabhängig sein, sonst ist nicht er, sondern 15 Gläubiger, den er fürchtet, Vorsteher des Orts.“ „Ihr könnet nicht leicht irren, den würdigen Mann zu finden. Denket nur nach, welchen Mann würdet ihr auf eurem Sterbebette am liebsten zum Vogt eurer Witwen und hinter⸗ lassenen Waisen machen, in der Ueberzeugung, er werde das Glück der eurigen wohl besorgen? Nun, diesen machet zum Vorsteher.— Oder, wenn ihr zu einem eurer Mitbürger in Dienst treten müßtet, welchen wünschet ihr am liebsten zu euerm Herrn? Nun, diesen machet zum Vorsteher.“ „Wenn an einem Orte die Mehrheit der Vorsteher guten Willen und redliches Gemüt hat, welche das Unrecht verabscheut, so findet sich leicht zu allem guter Rat. Ein einziger guter Kopf ist genug. Drei gute Köpfe, ohne gutes Herz, werden sich beisammen nicht ver— tragen. Denn jeder will es besser verstehen, als der andere, und so kommt Zwietracht unter sie, und von ihnen in die Gemeinde.“ „Saget mir, wer ist der beste Vater bei seinen Kindern; liebreich und doch nicht schwach, streng und doch nicht hartherzig? Oder saget mir, wer ist der beste Hausherr, dem sein Gesinde gern dienet und zugethan ist, aber den es doch fürchten muß; der alles in seinem Hauswesen geschickt ordnet und leitet ohne Larmen und Geräusch, ohne Zank, ohne Zorn, und daß doch alles dabei gut geht, wie von selber?— Diesen macht zum Hausvater der ganzen Gemeinde.“ So sprach der weise Herr Pfarrer, und jeder dachte nun anders als vorher. Und als die Gemeinde sich versammelte, um zwei Vor⸗ steher zu wählen, ward von den meisten ver⸗ langt, man solle nicht offen wählen, sondern jeder solle seine Stimme auf einen verschlossenen Zettel eingeben, damit niemand wisse, wer sie gegeben, auf daß jeder frei und ohne Furcht und Rücksicht den wählen könne, der ihm der würdigste scheine. Der Löwenwirt Brenzel wollte zwar dagegen lärmen; denn er hatte schon bestimmt, wen er zum Amtsgenossen ver⸗ lange und nun wollte er gern diejenigen sehen, die es mit ihm hielten, oder von ihm abtrünnig wären. Aber der grimmige Löwenwirt setzte es nicht durch. Und es ward geheimes Stimmen⸗ mehr gesammelt, und in der ersten Wahl der Schulmeister Oswald, in der zweiten der Müller Siegfried zu Vorstehern des Dorfes erwählt. Letzterer nahm aber die Stelle nicht an, dieweil er Oswalds Schwiegervater wäre; das tauge nicht, daß aus einer Verwandtschaft zwei Glieder beisammen im Rat säßen. Also ward, statt des Müllers, gewählt Ulrich Stark, ein stiller, fleißiger, verständiger Mann. 17 Dem Löwenwirt, da er diese Wahl sah, ward es ganz grün und gelb vor den Augen. Er hoffte noch, Oswald werde sich ebenfalls weigern, die Stelle anzunehmen. Aber er betrog sich; Oswald dankte der Gemeinde für das Zutrauen, und empfahl nun seinen lieben Johannes Heirer zum Schulmeister. Und Heiter ward Schulmeister. Der Löwenwirt ging betäubt, als wäre ihm ein Kirchturm auf den Kopf gefallen, nach Hause. Daselbst ließ er seine Wut erst an der Katze aus, die ihm schmeichelnd zwischen die Beine kam; dann an dem Hunde, der freund— lich an ihm hinaufspringen wollte; dann an der Magd, die ihn nicht gleich verstand, als er ein Glas Branntwein begehrte; dann an der Frau, als die sagte, der Ulrich Stark sei eine ehrliche Haut. 22. Der Gemeindsstall muß ausge⸗ mistet werden. „O Herr Jerum! O Herr Jerum!“ rief der Löwenwirt und kratzte sich hinter den Ohren, so oft er daran dachte, daß Oswald nun Ortsvorsteher geworden. Doch besann er sich, und lief spornstreichs zum Oswald hin, umarmte ihn als seinen Kollegen, gratulierte von ganzem Herzen, sagte: nun wollen sie beide rechte Herzensfreunde werden und wie Brüder leben. Elsbeth wunderte sich über die gar zu schnelle Höflichkeit des Löwenwirts, und sprach, als er fortgegangen war, zu ihrem Manne:„Oswald, Oswald, hättest du doch die Stelle nicht an⸗ genommen! Denn Brenzel ist ein falscher Mann, und er wird dir eine Grube graben und dich in die Falle bringen. Oswald, lieber Oswald, hüte dich vor dem Löwenwirt!“ Oswald küßte Elsbeths finstere Stirn und sprach:„Brenzel ist kein grimmiger Löwe; ich sehe, er ist nur ein seiger, schmeichelnder, tückischer Kater. Aber ich will ihm die Pfoten schon lähmen.“ Als nun die Vorsteher das erste Mal nebst dem Gemeindsschreiber beisammen saßen, ver— langten Ulrich Stark und Oswald vor allen Dingen, die Rechnungen einzusehen und die Gemeindsbücher. Aber da fand sich alles in Unordnung. Vieles war gar nicht ins Protokoll eingetragen. Die Gemeinde hatte bei sieben⸗ tausend Gulden Schulden. Beinahe die Hälfte war sie dem Löwenwirt schuldig, der sich fünf Prozent zinsen ließ, während er Geld zu drei und vier Prozent für sich aufgenommen hatte. Die jährlichen Gemeindssteuern waren meistens für allerlei Unkosten, Bemühungen, Augenscheine und Besichtungen, für Reisen, Entschädigungen und dergleichen der bisherigen Gemeindsvor— steher darauf gegangen. Besondere Rechnung war darüber nicht geführt, sondern alles nur in runden Summen ausgestellt. Eben so war es mit den Einkünften des Dorfspitals oder Armenguts gegangen. Mit den Vormund⸗ schaftsrechnungen für die Witwen und Waisen stand es nicht besser. Aus den Waldungen hatte man im Einverständnis mit dem Förster nach Belieben Holz geschlagen und verkauft, wie es hieß, zum Besten der Gemeinde, ohne daß man jetzt wußte, wohin und wie viel. Hatte sich doch der Löwenwirt manchmal selbst gerühmt:„Mein Beil hat schon mehr Holz angeschlagen, als der beste Hof im ganzen Lande wert ist.“— Genug, es war mit dem Gut der Gemeinde übel gehauset, übel Rechnung gehalten; hingegen sah man wohl, die Herren Vorgesetzten hatten sich dabei nicht vergessen. Es fand sich sogar, daß um den Spottpreis von tausend Gulden ein großes Stück Gemeind— land verkauft worden war, daß es die Vorsteher gekauft, das Geld noch nicht einmal bezahlt und seit fünf Jahren nicht verzinset hatten. Ferner, daß der Löwenwirt schon vor elf Jahren, im Einverständnis mit seinen Beisitzern, vier⸗ tausend Gulden Kapital aufgenommen hatte, Namens der Gemeinde; daß dafür die Gemeinds⸗ wälder unterpfändlich verhaftet worden waren; daß die Gemeinde den Zins unter den übrigen Steuern hatte mitzahlen müssen, und daß das Kapital in den Händen der Vorgesetzen geblieben war. Da ergrimmte Oswald in seinem Gemüt, und sprach:„Man hat mich nicht in den Gemeindsrat gesetzt, sondern in den Gemeinds⸗ stall, der da ist voller Unflat und Verderben. Aber wir wollen den Stall ausmisten, und sollte der Gestank auch durch das ganze Land dringen. Ihr habet, als Vorsteher, nicht das Gemeinbeste vertreten, sondern ihr habet es zertreten. Ihr Väter der Witwen und Waisen habet eure Kinder bestohlen, und den armen Leuten verschimmeltes Brot zugeworfen, während ihr aus ihrem Gute euch Wein und Braten auftischtet. Ihr habet den, der vom Felde zwo Rüben stahl, in den harten Kerker geworfen, aber euch weiche Betten gekauft vom Gelde, das ihr der Gemeinde geraubt. Ihr Ottergezüchte, die ihr immer von Gerechtigkeit redet und in Ungerechtigkeit schwelget, die ihr immer die Religion im Maule habet und den Teufel in der Brust— wahrlich, wahrlich, ihr sollt ernten, was ihr gesäet habt: Armut für Hochmut, Galgenholz für Räuberstolz!“ Als dies der Löwenwirt hörte, kam großes Entsetzen über ihn, daß er im Innersten erzitterte. Er schob die Schuld auf seine ehemaligen Bei⸗ sitzer, und fiel vor Oswald weinend und heulend nieder, und beschwor denselben bei allem, was heilig ist, ihn nicht unglücklich zu machen. Aber noch denselben Tag sendete Oswald einen Bericht an die hohe Obrigkeit, und deckte alles auf. Und im ganzen Dorfe war großer Schrecken und allgemeine Bestürzung; denn so viel Betrug hatte keiner den ehemaligen Vor⸗ stehern zugetraut. Viele wollten gar nicht glauben, und schalten den Oswald einen Ver⸗ leumder und Bösewicht, der sich großes Ansehen geben und unschuldige Leute ins Verderben bringen wolle. Und der Löwenwirt lief umher im Dorfe und suchte bei seinen Freunden allerlei Zeugnis, um sich gegen die schwersten Beschul⸗ digungen sicher zu stellen. Jedoch seine besten Freunde zuckteu die Achseln, und wollten sich in das Geschäft nicht mischen. Und schneller, als er vermutete, erschien eine Untersuchungs⸗ kommission der Regierung. Da kam alle Schändlichkeit ans Tageslicht. Der Löwenwirt ward gefangen hinweggeführt, um vor Gericht abgeurteilt zu werden. Er ward seiner Stelle entsetzt und kam ins Zuchthaus. Aus seinem Vermögen wurde vieles von dem wieder ersetzt, um was er die Gemeinde betrogen hatte. So endete der stolze Löwenwirt; denn unrecht Gut al nicht, und Hochmut kommt vor dem a Oswald aber wurde zum ersten Vorsteher der Gemeinde ernannt, und ihm ein Ehrenmann aus dem Dorfe zum dritten Beisitzer gewählt. 23. Die Schulden müssen getilgt werden. Der Oswald hatte jetzt gar viel zu schaffen. Keiner wußte, was er trieb. Bald lief er in allen Feldern herum, bald tagelang in den Wäldern, bald wieder in die Stadt. „Ach, du armer Oswald!“ seufzte Elsbeth, wenn sie ihm am Abend vor dem Dorfe ent⸗ gegenging und ihn mitleidig bewillkommte: „Warum kümmerst du dich so sehr, armer Oswald, uud plagest dich? Du wirst am Ende doch nur Undank und Verdruß von aller deiner Mühe haben.“ Oswald sprach:„Undank ist die Münze, womit das Volk am liebsten zahlt. Wer aber einer Gemeinde vorsteht, der soll an seine Pflichten denken, nicht aber auf Lohn und Dank. Siehst du, liebes Herz, Gott lohnt endlich auch gewiß alles Gute, gleich wie er Bbses straft.“ So redete Oswald, und that, was er sollte. Es begab sich aber, daß die Gemeinde noch über sechstausend Gulden schuldig war, teils von den Zeiten des Krieges und der Teuerung her, teils durch die schlechte Haushaltung der ehemaligen Vorgesetzten.— Und Oswald sann Tag und Nacht, wie er diese Last von dem armen Goldenthal nehmen, oder doch vermindern könne. Und als sein Plan endlich reif war, legte er ihn seinen Amtsgenossen vor; diese hießen ihn nach langer Beratschlagung gut, und sprachen: Wollte Gott, die Schulden wären abgethan, so wüßte doch auch jeder el zu schaffen. ald lief er in ng in den zie Elsbeth, Nr. 38. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. eite 7. wieder, was er Eigenes hätte, und könnte frei atmen, und müßte nicht fort und fort an das Zinsen denken.“ Darauf ward eine Besichtigung und Schätz⸗ ung aller liegenden Gründe der Ortsbürger angeordnet, damit man ungefähr wisse, wie arm oder reich jedermann sei; und damit jeder auf gerechte Weise in Zukunft wegen der Steuer angelegt werden könne. Und jeder mußte bei den Gemeindsvorstehern angeben und beweisen, wie viel Schulden er auf Haus und Gütern stehen habe; und das ward treulich in ein Buch eingetragen und darnach jedermann geschätzt. „Dann trat Oswald am Sonntage nach der Kirche mit seinen zween Beisitzern vor die ver⸗ sammelte Gemeinde und sprach:„Ihr Männer, liebe Mitbürger, unser Dorf hat sechstausend vierhundert Gulden Schulden. Das Geld haben wir teils in den benachbarten Städten zu ver⸗ zinsen, teils sind wir es hier im Dorfe uns selber für Heu, Haber, Fuhren und Requisi⸗ tionen schuldig. Was wir auswärts zu zahlen haben, wollen wir ein andermal besprechen. Jetzt wollen wir abthun, was sich die Gemeinde selber schuldig geworden ist. (Fortsetzung folgt.) Humoristisches. Eine wahre Geschichte. Auf der Brühl'schen Germanen, anscheinend Referendare, an einem Tische, als sich ein polnischer Jude im jüdisch⸗polnischen Kostüm (langer Kaftan, lange Stiefel und mit den unvermeid⸗ lichen Peies geziert) mit der Frage, ob es erlaubt sei, Platz zu nehmen, nähert und ohne Antwort abzuwarten, sich niedersetzt. Ueber die Vergrößerung der Tischrunde wenig erfreut, wendet sich der eine der Herren an den Juden mit den Worten: 10 17 Sie nicht, daß Sie hier unter Antisemiten en 70 Worauf ihm die verblüffende Antwort wird: „Entschuldigen Se, meine Herren, so lang Se sich hier anständig betragen, können Se ruhig sitzen bleiben.“ (Jugend.) Der Herr Major besichtigte eines Morgens unerwartet das Bataillon. Als ihm bei der dritten Kompagnie, dessen Hauptmann— Pape mit Namen— beurlaubt war, etwas nicht in Ordnung zu sein schien, rief er den stellvertretenden Herrn Oberleutnant heran und schnaubte ihn derb an.„Befehlen, Herr Major“, versuchte der Oberleutnant sich zu verteidigen,„aber Herr Hauptmann Pape—“„Bleiben Sie mir mit Pape vom Leibe“, schnauzte der Major,„Pape ist mir piepe, ich pupe auf Pape.“ (Simplic.) Splitter. O, daß ich große Laster säh', Verbrechen, blutig kolossal,— Nur diese satte Tugend nicht Und zahlungsfähige Moral! H. Heine. Terrasse in Dresden sitzen * Lebensweise ein Magenleiden, wie: MNagenkatarrh, Mogenkrampf, Magen⸗ schwere Verdauung oder Ver⸗ schmerzen, schleimung zugezogen haben, sei hiermit ein gutes Hausmittel empfohlen dessen vorzügliche heilsame Wirkungen schon seit pielen Jahren erprobt sind. 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Jakoby und Herbig werden in Lötzen gefangen gesetzt. 1838: Eröffnung der ersten preußischen Eisenbahn Berlin⸗Potsdam. 1792: Proklamierung der Republik in Frankreich. 22. 1901: Parteitag in Lübeck. 1862: Sklaven⸗ befreiung in Nord⸗Amerika. 23. 1895: Steckbrief gegen Hammerstein erlassen. 1900: Internationaler Arbeiter-Kongreß in Paris. 1783: Cornelius, Maler,* 24. 1782: England erkennt die Unabhängigkeit Nord⸗Amerikas an. 1537: Jürgen Wullenweber, Führer der Hansa, hingerichtet. 25. 1896: Erster Sozialdemokrat im schwedischen — Reichstag. 1896: Publikation der„Wahlreform“ in Oesterreich. 26. 1815: Die„heilige Allianz“(„Friedens⸗ Bündnis zwischen Rußland, Oesterreich, Preußen 2c.) in Paris gegründet. 27. 1890: Letzte Nummer des„Sozialdemokrat“ in London erscheint. 1881: Geheimbundsprozeß in Chemnitz. 5 geboren;= gestorben. sind dauerhaft und preiswert. Sonnenschirme, kauft man gut und billig Gießen, Seltersweg 9 (nahe am Kreuzplatz). 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