Ar. 2. SSS —— 1 Zur zeit eget und 4 gut gegen guten Lohn bei 5 21 1 ling M. iger Heuchelhein, Male Hardt Kranken⸗ , selbsfahrer oder Motorbe elähmte jed. Art ühle fi gin cirt als Spel⸗ aue, Führribe⸗ Gohlis 239. Großes Lager ma Ibrod ermeister üller Nr. 29. Gießen, Sonntag, den 20. Juli 1902. 9. Jahrg. . Redaktion: a Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeuts che Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr, e * 9 Abonuementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 29% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4940)[.33/% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt, 1 Inserate 5 Die 5 fespalt. Bei mindestens Die Landes⸗Konferenz der Sozialdemoßraten Hessens findet Sonntag, deu 7. September 1902, Vormittags 9 Uhr, im Gewerkschaftshaus in Worms statt. Vorläufige Tagesordnung: 1. Geschäftsbericht des Landes⸗Komitees. Referent Ge⸗ nosse Ulrich, Offenbach. 2. Rechnungsablage. Referent Genosse Orb, Offen bach. 3. Die bevorstehenden Landtagswahlen. Referent Genosse Dr. David, Mainz. 4. Der Parteitag in München. Darmstadt. 5. Die bevorstehenden Reichstagswahlen. nosse Ulrich, Offenbach. Einlaufende Anträge. Wahl des Landes⸗Komitees. Wahl des Ortes der nächsten Landes⸗Konferenz. Partelgenossen! Die Wichtigkeit der Tages⸗ ordnung macht eine zahlreiche Beschickung der Konferenz nötig, sorgt deshalb dafür, daß überall Delegierte ge⸗ wählt werden. Diskutiert die Tagesordnung und sendet etwaige Anträge rechtzeitig an den mitunterzeichneten Genossen Ulrich, damit dieselben veröffentlicht werden können. Die Delegierten sollen mit einem Mandat versehen sein; die Formulare versendet das Landes⸗Komitee und werden dieselben vom Genossen Ulrich bezogen. Offenbach a. M., 15. Juli 1902. Das Landes⸗Komitee. C. Ulrich, ob, gr. Marktstraße 23. Geleitsstraße 14 Referent Genosse Cramer, Referent Ge⸗ Y Was ist soziale Revolution? Von Genosse Kautsky sind kürzlich zwei kleine Schriften im Verlage des Vorwärts erschienen, in welchen klar und ausführlich dargelegt wird, was man unter„sozialer Revolution“ zu verstehen hat. Beide Schriften führen den Titel„Die soziale Revolution“, welches Thema in zwei Abteilungen:„Soztal⸗ reform und Sozial revolution“ und„Am Tage nach der sozialen Revolution“ behandelt wird. Es sind Niederschriften von Vorträgen, die Kautsky vor einiger Zeit über diese Materie in Holland gehalten hat. Wir können das Studium der beiden Werkchen unsern Genossen auf das Beste empfehlen. Fragen, die oftmals zu lebhaften Auséfnandersetzungen innerhalb unserer Parteikreise Veranlassung gegeben haben, werden da in lichtvoller und für jeden ver⸗ ständlicher Weise klargelegt. Folgendes sind die Ausführungen über die Frage: Was ist soztiale Revolution? Es giebt wenige Begriffe, die soviel um⸗ stritten sind, wie der der Revolution. Dies — kaun man zum Teil dem Umstand zuschreiben, daß keiner bestehenden Interessen und Vorur⸗ teilen so zuwider ist wie dieser, zum Teil aber auch dem Umstaud, daß wenige so vieldeutig sind wie er. 1 85 Vorgänge lassen sich in der Regel nicht so scharf begrenzen wie Dinge, namentlich nicht gesellschaftliche Vorgange, die ungeheuer ver⸗ wickelt sind und immer verwickelter we„ le weiter die Gesellschaft fortschreitet, daf 1 je mannigfaltiger die Formen des Zusar wirkens der Menschen werden. Und verwickeltsten Vorgängen gehört der einer sozialen ten lei 5 Nen 1 Den Revolution, das heißt, einer völligen Umwälzung der überkommenen Formen des Zusammen⸗ wirkens der Menschen. Kein Wunder, daß dieses Wort, das jeder gebraucht, fast von jedem in einem andern Sinne, von demselben zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenem Sinne gebraucht wird. Die einen verstehen darunter Barrikaden, Nieder⸗ brennen von Schlössern, Guillotinen, die Ver⸗ einigung aller denkbaren Scheußlichkeiten. Andere möchten dem Wort jeden Stachel nehmen und es nur im Sinne großer, aber unmerkbarer, friedlicher Umgestaltung der Gesellschaft be⸗ trachten, wie etwa jene, welche durch die Ent⸗ deckung Amerikas, oder durch die Erfindung der Dampfmaschine erzeugt wurden. Zwischen diesen beiden Extremen giebt es noch mannig⸗ fache Zwischenstufen. Marx bezeichnet in seiner Vorrede zur Kritik der politischen Oekonomie als soziale Revolution die langsamere oder raschere Umwälzung des ganzen ungeheueren juristischen und politischen Ueberbaues der Gesellschaft, die aus der Ver⸗ änderung unserer ökonomischen Grundlagen her⸗ vorgeht. Halten wir an dieser Erklärung fest, so scheidet aus dem Begriff der sozialen Revolution von vornherein die„Veränderung der ökonomi⸗ schen Grundlagen“ aus, wie sie etwa die Dampf⸗ maschine oder die Entdeckung Amerikas hervor⸗ brachte. Diese Veränderung ist die Ursache der Revolution, nicht die Revolution selbst. Aber bei dieser Erklärung der sozialen Re⸗ volution möchte ich nicht stehen bleiben. Man kann sie auch in einem engeren Sinne fassen. Dann bedeutet nicht jede Umwälzung des juristischen und politischen Ueberbaues der Ge⸗ sellschaft eine Revolution, sondern es ist eine besondere Form oder eine besondere Methode der Umwälzung, die man darunter versteht. Jeder Sozialist strebt die soziale Revolution in weiterem Sinne an, und doch giebt es Sozialisten, welche die Revolution verwerfen und die soziale Umwälzung nur durch die Reform erreichen wollen. Man setzt der sozialen Revolution die soziale Reform entgegen. Dieser Gegensatz ist es, der heute in unseren Reihen diskutiert wird. Nur von der sozialen Revulution in diesem engeren Sinne, als be⸗ sondere Methode der sozialen Umwälzung, will ich hier handeln. Der Gegensatz zwischen Reform und Revo⸗ lution liegt nicht darin, daß in dem einen Falle Gewalt angewendet wird, in dem anderen nicht. Jede juristische und politische Maßregel ist eine Gewaltmaßregel, die durch die Gewalt des Staates durchgesetzt wird. Auch besondere Arten der Gewaltanwendung— Straßenkämpfe oder Hinrichtungen— bilden nicht das Wesentliche einer Revolution im SGegensatz Reform. Sie entspringen be⸗ sonderen Umständen, sind nicht notwendig mit einer Revolution verbunden und können Reform- bewegungen begleiten. Die Konstituierung der Abgeordneten des dritten Standes als National⸗ versammlung Frankreichs am 17. Juni 1789 war eine eminent revolutionäre That ohne jede äußerliche 6 thätigkeit. Dasselbe? eich hatte dagegen 1 9 elk rektionen(Aufstände) gesehen, zu dem einzigen, keineswegs revolutionären Zweck, eine Brottaxe zu erreichen, die der Brotteuerung ein Ende machen sollte! Der Hinweis auf die Straßenkämpfe und Hinrichtungen als die Merkmale der Revolution ist aber zugleich ein Hinweis auf die Quelle, aus der wir uns Belehrung über das Wesen der Revolutionen holen können. Die große Umwälzung, die in Frankreich 1789 begann, ist der klassische Typus jeder Revolution geworden. Sie hat man vor allem im Auge, wenn man von Revolution spricht. An ihr können wir das Wesen der Revolution und auch ihren Gegensatz zur Reform am besten studieren. Der Revolution war eine Reihe von Reform- versuchen vorhergegangen, darunter am bekann⸗ testen die Turgots, Versuche, die in vieler Beziehung dasselbe anstreben, was dann die Revolution durchführt. Was unterschied die Reformen Turgots von den entsprechenden Maßregeln der Revolution? Zwischen beiden lag die Eroberung der politischen Macht durch eine neue Klasse. Darin liegt der wesentliche Unterschied zwischen Revolution und Reform. Maßregeln, die dahin streben, den juristischen und politischen Ueberbau der Gesellschaft den veränderten ökonomischen Bedingungen anzu⸗ passen, sind Reformen, wenn sie von den Klassen ausgehen, die bis dahin die Gesellschaft politisch und ökonomisch beherrscht haben— sie sind Reformen, auch wenn sie nicht freiwillig gegeben, sondern durch die Macht der Umstände abgerungen wurden—; dagegen sind derartige Maßregeln Ausflüsse einer Revolution, wenn sie von einer Klasse ausgehen, die bisher ökonomisch und politisch unterdrückt gewesen und die nun die politische Macht erobert hat, welche sie in ihrem eigenen Interesse notwendigerweise dazu benutzen muß, den ganzen politischen und juristischen Ueberbau langsamer oder schneller umzuwälzen und neue Formen des gesellschaftlichen Zusammenwirkens zu schaffen. Die Eroberung der Staatsgewalt durch eine bis dahin unterdrückte Klasse, also die politische Revolution, ist demnach ein wesentliches Merkmal der sozialen Revolution im engeren Sinne, im Gegensatz zur sozialen Reform. Wer die politische Revolution als Mittel der sozialen Umwälzung prinzipiell ab⸗ weist, aber diese auf solche Maßregeln be⸗ schränken will, die von den herrschenden Klassen zu erlangen sind, der ist ein Sozialrefor⸗ mer, wie sehr auch sein gesellschaftliches Ideal der bestehenden Gesellschaftsform entgegengesetzt sein mag. Dagegen ist jeder ein Revolu⸗ tionär, der dahin strebt, daß eine bisher unterdrückte Klasse die Staatsgewalt er⸗ obert. Er verliert diesen Charakter nicht, wenn er diese Eroberung durch soziale Reformen, die er den herrschenden Klassen abzuringen sucht, vorbereiten und beschleunigen will. Nicht das Streben nach sozialen Reformen, sondern die ausgesprochene Beschränkung auf sie, unter⸗ scheidet den Sozialreformer vom Sozialrevolu⸗ tionär. Andererseis wird nur jene politische Revolution zu einer sozialen Revolution, die von einer bisher gesellschaftlich unterdrückten Klasse ausgeht, welche gezwungen ist, ihre politische Emanzipation durch ihre soziale zu vollenden, da ihre bisherige gesellschaftliche Stellung im unvereinbaren Gegensatz steht zu —— eee Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Ar.. shrer politischen Herrschaft. Ein Zwist in ner⸗ halb der herrschenden Klassen, er mag noch so sehr die gewaltthätigen Formen eines Bürgerkrieges annehmen, ist keine soziale Revolution. Politische Rundschau. Gießen, den 17. Juli. Flottenrummel und Krupp⸗Prosite. Die Sollstärke der deutschen Marine wächst infolge des Ausbaues der Flotte ständig. Sie hat sich im Laufe von 20 Jahren fast ver⸗ dreifacht. Die Sollstärke betrug: 1881: 11352 Mann, 1886: 14.682 Mann, 1891: 17083 Mann, 1896: 21835 Mann, 1901: 31171 Mann. Im letzten Jahrzehnt war die Mannschaftsvermehrung also doppelt so groß als im ersten Jahrzehnt. Nach Erfüllung des Flottengesetzes von 1900 wird unsere Kriegsmarine eine Sollstärke von 60 000 Mann haben! ** * * Was übrigens der Patriot Krupp durch die Flottenvermehrung für Gewinne eingesackt, zeigt die Thatsache, daß durch Herabsetzung der Panzerplattenpreise bei zwei in Bau zu neh⸗ menden Linienschiffen eine Ersparnis von 2 400 000 Mark erzielt wird. Zentrumsblätter bezeichnen dies als ein Verdienst des Abg. Müller⸗Fulda, der beständig auf die Preisher⸗ absetzung der Panzerplatten hingearbeitet habe. Wenn hierbei irgendwie von„Verdienst“ geredet wird, so hat sich weder der Abg. Müller noch die ganze Zentrumspartei ein solches erworben. Im Gegenteil, diese sind die Hauptschuldigen an der kolossalen Steigerung der Marinelasten. Jene„Ersparnisse“ beweisen vielmehr, welche unerhörten Profite Herr Krupp bisher auf Kosten der Steuerzahler eingeheimst hat. Uebrigens hat man der scharfen Kritik unserer Genossen an dem Prozentpatriotismus der aus eigenartigen Gründen für die Flotten⸗ vermehrung schwärmenden Kreise im Reichstag insofern Rechnung getragen, als man pathetisch ein Reichs⸗Panzerplattenwerk verlangte, um der Lieferung durch die Firmen Krupp und Stumm zu entgehen. Die Nichterrichtung dieses Panzerplatten⸗ werkes seitens der Regierung hat aber die bürgerlichen Parteien nicht gehindert, den Reichs⸗ haushaltsetat samt den Marineausgaben trotz⸗ dem energielos zu bewilligen. So sind sie, die bürgerlichen„Volksvertreter“. Zu was wir die Flotte brauchen. Wozu soll schließlich unsere starke Flotte dienen— schreibt die„Post“— wenn wir wertvolle Kolonien aufzugeben bereit wären? „Wenn stie allein den überseeischen Handel schützen sollte, wäre sie gewiß ein zu kost⸗ spieliges Unternehmen. Sie hat doch in erster Linie nationale Aufgaben, als deren wichtigste der Schutz unserer überseeischen Kolonien im Kriegsfalle erscheint. Grade der dringend notwendige Schutz unserer Kolonien hat die große Mehrzahl der begeisterten Ver⸗ fechter der Flottenverstärkung im Volke mobil gemacht, grade als Schutzinstrument unserer nationalen Zukunftsentwicklung ist die Flotte so außerordentlich populär geworden. Wenn ihr nach allmählicher Preisgabe unseres kolo⸗ nialen Besitzes eine solche wichtige Aufgabe nicht mehr zuftele, brauchten wir keine erstklassige Marine mehr, deren Ausbau gegenwärtig als eine unserer höchsten Pflichten erscheint. Ei, ei! Man erinnert sich, daß die letzten großen Flottenvermehrungen offiziell hauptsäch⸗ lich mit der„Notwendigkeit des Schutzes des überseeischen Handels“ motiviert worden sind. Und jetzt ist die starke Flotte nur zu rechtfertigen zum„Schutze unserer Kolonien“. Die gesamten Kolonien sind aber nicht so viel wert, wie der Aufwand, welchen der Marine⸗Etat für ein einziges Jahr erfordert. Zutreffend bemerkt die„Freis. Ztg.“: Für andere Mächte sei ein Angriff auf unsere Kolonsen nichts weniger als verlockend. Nebenbei bemerkt, wird in einem Kriege das Schicksal der Kolonien entschieden nicht etwa durch überseeische Kämpfe, sondern durch den Ausgang des Krieges überhaupt in Europa zu Lande und zu Wasser, wie in der Begründung der Flottengesetze seitens der Regierung hervor⸗ gehoben worden ist. So heißt es in der Be⸗ gründung des Flottengesetzes von 1898:„Das Schicksal der Kolonien wird nicht durch die kleinen Gefechte draußen entschieden, sondern durch den Ausfall des Kampfes auf dem Haupt⸗ kriegsschauplatz.“ ber das macht nichts; die neueste Weisheit der Flottenphantasten ist:„Wir brauchen eine starke Flotte zum Schutze der Kolonien.“ Christliche Arbeiter und Zolltarif. Der Vorsttzende des christlichen Metallarbeiter⸗ verbandes, Wieber, der auf dem Kongresse der christlichen Gewerkschaften in München aus dem Gesamtverbande auf Betreiben Brust's hinausgeworfen wurde, setzt den Kampf gegen den Lebensmittelwucher fort. Auf dem Kon⸗ gresse verteidigte er seinen Standpunkt mit anerkennenswerter Klarheit. Er charakterisierte es als Gotteslästerung, mit religiösen Phrasen für den Wuchertarif einzutreten; vom christlichen Standpunkt der ausgleichenden Gerechtigkeit sei der Lebensmittel zoll zu be⸗ kämpfen. Dabei wies Wieber auf die Arbeiter⸗ freundlichkeit der Großgrundbesitzer hin, deren Beutel zu füllen der Ueberzoll bestimmt sei. Seinen gewerkschaftlichen Standpunkt präzisierte Wieber dahin: Es ist ein Unsinn, im gewerkschaftlichen Kampfe mühsam win⸗ zige Verbesserungen der wirtschaftlich en Lage der Arbeiter zu erringen, dann ruhig zuzusehen, wenn durch eine gesetzliche Maß⸗ nahme den Arbeitern die Frucht jahrelanger Arbeit zum Vorteil einer kleinen Gruppe wirtschaftlich weit über den Arbeiter stehender Interessenten ent⸗ rissen werden soll Das sind wahrhaft goldene Worte, die sich alle diejenigen merken sollten, die sich einbilden, neben der gewerkschaftlichen Bewegung sei die politische Organisation der Arbeiter von durch⸗ aus nebensächlicher Bedeutung, wenn nicht gar vollkommen überflüssig. Herr Wieber hat in klarer Weise festgestellt, wie wichtig beide Organisationen sind. Und wenn Herr Wieber ein Mann von Konsequenz ist, wird er auch wissen, welcher Art die politische Organisation sein muß, der sich ein aufgeklärter Arbeiter anzuschließen hat. Wie thöricht ist es doch, wenn ein Arbeiter im Gewerkschaftsleben um eine Verbesserung seiner Lage kämpft, dann aber politische Parteien unterstützt, die ihm in Gestalt von Zöllen zu Gunsten der Großen, durch Steuern zu Gunsten der Mordkultur zu Wasser und zu Lande doppelt und dreifach die mühsam errungenen Vorteile wieder abnehmen! Zweck der christlichen Gewerkschaften. Angeblich sollen die Gewerkschaften auf „christlicher Grundlage“ die Interessen der Arbeiter vertreten. So steht's wenigstens in den Statuten. In Wirklichkeit dienen diese Organisationen andern Zwecken. Schon vor einigen Jahren erklärte der verstorbene Weih⸗ bischof Schmitz in einer Versammlung in Krefeld, daß die christlichen Arbeitervereine keinen anderen Zweck haben, als den Umsturz zu bekämpfen. Und dasselbe gesteht jetzt das Hauptorgan der protestantischen Beschützer der christlichen Arbeitervereine, die junkerliche„Kreuzzeitung“ ein. Sie schrieb über den letzten christlichen Gewerkschaftskongreß: Hält man sich von überschwänglichen Hoffnungen frei, so kann man allerdings auf Grund nüchterner Erwägungen sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß das Organisationsbedürfnis der Arbeiter heute ein all⸗ gemein herrschendes und auch allgemein verständliches ist und daß, um den sozialdemokratischen, religions⸗ und vaterlandslos geleiteten Gewerkschasten ein irgendwie wirksames Paroli bieten zu können, die christliche Ge⸗ werkschaftsbewegung auf paritätischer Grundlage mit allem Eifer betrieben und nachdrücklich unterstützt werden muß. Selbst für Denjenigen, der kein Freund der Organisterung der Arbeiter ist, muß hier der maßgebende Grundsatz zur praktischen Geltung gelangen: divide et impera.“(Teile und herrsche.) Einsichtige und aufgeklärte Arbeiter wußten und sagten von vornherein, daß die christlichen Gewerkschaften nur zum Zwecke der Zersplitte⸗ rung der Arbeiterbewegung gegründet wurden. Nach dem Grundsatz„Teile und herrsche“ suchen die Unternehmer mehr als je die Arbeiter⸗ organisationen zu beseitigen. Die Arbeiter müssen daher mehr als je auf der Hut sein und in ihrer Taktik diese Streiche der Unternehmer zu vereiteln suchen. Wenn die Arbeiter jede neue Erscheinung darauf prüfen, ob hinter derselben nicht die Absicht versteckt ist, die Arbeiterorganisationen zu spalten, um dadurch die Macht der Arbeiter zu vernichten, dann werden die Arbeiter manchen Streich der Unternehmer parieren können. Nicht nur unter der Maske der Frömmigkeit wird dieses Streben der Unternehmer verborgen. Den Unternehmern ist es gleich, ob sie an die religiösen Gefühle, an die politische Gesinnung oder an sonst etwas appellieren, wenn sie nur den Zweck erreichen, die Arbeiter in mehrere Gruppen zu spalten, dann haben sie gewonnen. Darum sollte man überall wo Arbeiter zusam⸗ men kommen, ihnen zurufen:„Die Unternehmer wollen die Arbeiterorganisationen zersplittern, um die Arbeiter völlig in ihre Gewalt zu be⸗ kommen.“ Wenn dieser Satz immer und immer wiederholt wird, dann werden ihn die Arbeiter zur Richtschnur ihres Handelns nehmen und die Absichten der Unternehmer durchkreuzen. Die Stichwahl in Bayreuth endete, wie das vorauszusehen war, mit dem Siege des Nationalliberalen. Allzu stolz brauch dieser zwar auf seinen Sieg nicht zu sein. Er erhielt nur einige hundert Stimmen mehr als unser Genosse Hugel; etwa 600 weniger, als 1898 der Nationalliberale in der Stichwahl erhielt. Das endgültige Resultat ist: Hagen (natl.) 8543, Hugel(Soz.) 7623 Stimmen. Unerhörte Anmaßßung eines Staais⸗ anwaltes. a Von einem fast unglaublichen Vorkommnis wird aus Dortmund berichtet. Ein dortiger Parteigenosse, Bureauvorsteher Erdmann, hatte wegen nächtlicher Ruhestörung ein polizei⸗ liches Strafmandat erhalten, gegen welches er Widerspruch erhob. In der Verhandlung vor dem Schöffengericht begründete Amtsanwalt v. Dewitz seinen Antrag auf Verurteilung des Angeklagten zur höchsten zulässigen Strafe mit etwa folgenden Worten: Der Angeklagte gehöre zu den Führern der Sozialdemokratie in Dortmünd. Diese seien vielfach unzufriedene, ver kom mene Existenzen, die meist selbst nicht glauben, was ste lehren, und denen es nur darauf ankomme, den Arbeitern die Groschen aus der Tasche zu ziehen, um davon bequem leben zu können und von sich reden zu machen. Solche Menschen müßte man möglichst unschädlich machen, da sie Religion, Thron und Vaterland bedrohen, und mit allen gesetzlichen Mitteln bekämpfen. Der Angeklagte protestirte in scharfen Worten gegen diese Unterstellung und zog sich dadurch eine Ungebührstrafe von 24 Stunden Haft zu; in der Sache selbst wurde er zu einer Strafe von 30 Mk. verurteilt. Genosse Erdmann strengte nun gegen Amtsanwalt die Belei⸗ digungsklage an, der Oberstaatsanwalt erhob zu Gunsten des Amtsanwalts den Konflikt, den der persönlich vor dem Ober⸗ verwaltungsgericht erschienene Kläger abzuweisen beantragte. Denn er sei weder ein verkommener Mensch, noch ein Geschäftssozialist, er bringe vielmehr seiner Partet die erheblichsten Opfer an Zeit und Geld. Um so schwerer falle die ihm vom Amtsanwalt dae Beleidigung ins Gewicht. Der Senat erklärte aber den Konflikt für begründet und stellte das gerichtliche Verfahren endgültig ein. Die Begründung dieses Urteils ist ein arte Prachtstück preußischer Justiz. Man öre: Es komme nur darauf an, ob objektiv eine Amtsüberschreitung des Amtsanwalts bekurt damit Ei 3 Sie! gegen ind in i re Mpanhen ischeinung n nacht die ganisationen der Abetter ter manchen nen. Nacht ligkeit wird verborgen. b se an die Gestrnung enn sie nur iu mehrere e gewonnen. eiter zusam. interuehmer zelsplittern, walt zu be⸗ c und immer die Arbeiter nehmen und kreuzen. euth r, mit dem stolz brauch u sein. Er en mehr als weniger, er Stichwahl ist: Hagen Stimmen. 8 Etaals⸗ Vorkommnis Ein dortiger rd mann, ein polige n welches er andlung bor Amtsauwall teilung des klässigen ten: den Führern fund. Diese er kom melt icht glauber. Hul darauf Gtosschel 1, um dabol an sch ren gen nüßte 0 nac and bedrohen, 1 bekämpfel. fen Worten 11 . U 55 Strafe Erdnal, se, gelei⸗ die Be walt aasee 9 ano Ober⸗ Nr. 29. Mitteldeutsche Sountaas⸗Zeitung. Seite 3. — er zu Marienburg vorliege. Das verneine das Gericht. Es gehe davon aus, daß der Vertreter der Anklage⸗ behörde Ausführungen allgemeiner Art über die Persönlichkeit der Beschuldigten machen dürfe. Hier lagen derartige Aus⸗ führungen um so näher, als sich der Amts⸗ anwalt bewogen fühlte, die höchste Strafe von sechs Wochen Haft zu beantragen und ihm daran liegen mußte, die Persönlichkeit des damaligen Angeklagten in das seines Erachtens richtige Licht zu setzen.. Was einzelne Aeußerungen anlange, so halte ste der Gerichtshof für garnicht so schlimm, wie Erdmann thue. Wenn der Amtsanwalt von Führern der Sozialdemokratie spreche, die als Feinde von Thron, Religion ꝛc. ge⸗ meingefährlich seien und unschädlich gemacht werden müßten, dann sei das„ge⸗ meingefährlich“ nicht allein angewandt, sondern enthalte nur ein Urteil des Amtsan⸗ walts über die seiner Meinung nach bedroh⸗ lichen Tendenzen der Sozialdemokratie. Und durch die Worte, E. sei zur Sozialdemokratie gegangen, um den Dummen das Geld aus den Taschen zu ziehen, dann sollte damit nicht auf betrügerische Manipulationen hingedeutet werden. Der Amtsanwalt wollte damit vielmehr nur seine Annahme aussprechen, daß der Privatkläger aus seiner Stellung in der Sozialdemokratie eine Einnahmequelle zu machen suche, daß er in der Partei seinen Erwerb suche, indem er Schriften für die Partei und ihr Anhänger verfasse und der ⸗ gleichen mehr.— Die Worte aber, daß E. eine andere Meinung habe, als er vertrete, schieden hier aus, weil sie— nicht in der Privatklage genannt seien. Die Rechtspflege in Deutschland bezeichnete schon einmal der verstorbene Abg. Lieber im Reichstage als himmelschreiend. Wir sind ja auch schon etwas gewöhnt. Vorstehendes dürfte aber das Stärkste darstellen, was bis jetzt vorgekommen ist. Jeder, der noch einen Funken Rechtsgefühl in sich trägt, welcher Partei er immer angehört, wird eine derartige Kritik verurteilen. Das„gleiche Recht für Alle“ wird damit wieder einmal trefflich illustriert. Ein Steckbrief gegen den deutschen Kaiser. Bös hereingefallen ist die Polizei in Prag. Sie wurde das Opfer eines Streiches, der sich gegen die Person des deutschen Kaisers richtet. Vermutlich aus polnischen Kreisen, von einer Person, der es bekannt sein mußte, daß von der Prager Polizei in amtlicher Form abgefaßte Schriftstücke ohne weiteres für den Polizei⸗ Anzeiger in den Druck gegeben werden, ist der Redaktion dieses Orgaus eine Zuschrift zuge⸗ gangen, die die schwersten Beleidigungen des deutschen Kaisers mit Bezug auf seine Marienburger Rede enthält und unter der Rubrik„Steckbriefe“ in der Abendnummer des Prager Polizei⸗ Anzeigers vom 3. Juli zur Veröffentlichung gelangte. Nach bürgerlichen Blättern hatte der Steck⸗ brief unter Weglassung der nicht wiederzugeben⸗ den Stellen folgenden Wortlaut: „Kaiser, Wilhelm, Sohn des in Char⸗ lottenburg bei Berlin wohnhaften Kaiser, Friedrich, der in der 5 des Professors Dr. Buclow(Bülow?) in Berlin 1 war, ist vor einigen Wochen e e„und wird seit dieser Zeit vermißt. Vor einigen Tagen wurde e gesehen. Nach demselben ist eifrigst zu forschen und ein Resultat anher bekannt zu geben.“ K. K. Polizei⸗Direktion in Prag, 23. Juni 1902. Diese Bekanntmachung erschien schon am 3. Jull in dem„Prager Polizeianzeiger“; es verging also mehr als eine Woche, ehe die Sache entdeckt wurde. Die Prager Polizei entschuldigt diesen Umstand damit, daß täglich eine sehr große Zahl solcher Bekanntmachungen einlaufe und es daher mit der Korrektur nicht so sehr genau genommen werde. Der betr. Beamte sei auf sechs Wochen seines Dienstes mit so deutlichen Hinweisen versehene Fälschung auffallen müssen. Genau wie anderwärts! Politische Kriegervereine. König Georg von Sachsen hat gelegentlich der in diesen Tagen in Dresden abgehaltenen Generalversammlung des sächsischen Militär⸗ vereinsbundes das Präsidium des Bundes empfangen, wobet er u. A. Folgendes gesagt haben soll:„Es sei ihm eine Freude, das Bundespräsidium zu empfangen, da er den Bund für einen wichtigen Faktor sowohl im allgemeinen Leben, wie aber insbesondere auch in politischer Hinsicht halte politischer Beziehung dienen bekanntlich die Militärvereine bei jeder passenden und unpas— senden Gelegenheit als Sturmbock gegen die moderne Arbeiterbewegung. Dabei sind sie statutengemäß unpolitisch!! Den Kerls auch keine Diäten! Die bayrische sozialdemokratische Landtags⸗ fraktion beantragte, den auf jeden der Bundes⸗ ratsvertreter entfallenden Betrag an Di⸗ äten und Reisekosten so lange zu streichen, als nicht auch die Reichstagsabgeordneten Di⸗ äten erhalten. Recht so! Soziales. Vier Wochen nichts Warmes ge⸗ gessen. Unser märkisches Parteiblatt bringt folgende Illustration unserer herrlichen Gesell⸗ schaftsordnung: Zwei Männer, die am Sonntag! in der Merzdorfer Heide bei Cottbus nach Pilzen suchten, bemerkten, wie der Cottbuser Anz. mitteilt, einen dem Arbeiterstande ange⸗ hörigen Mann, welcher sich gerade anschickte, seinem Leben durch Erhängen ein Ende zu machen. Verblüfft schauten die beiden zu, erst als der Todeskandidat schon in der Schlinge hing, kam es ihnen zum Bewußtsein, daß sie hier hindernd eingreifen müßten. Sie eilten denn auch hinzu und schnitten ihn ab. Der Lebensmüde, ein hiesiger Weber, erzählte, daß er schon seit vier Wochen nichts Warmes ge⸗ nossen habe und schon seit Weihnachten ohne Arbeit sei. Die Helfer nahmen ihn mit nach hier, ließen ihm in einem Lokale eine ordentliche Portion Essen geben und verabreichten ihm außerdem noch je eine Mark. Nun entfernte sich der Mann mit neuem Lebensmut. Wenn es dem Manne nicht gelingt, bald Arbeit zu erhalten, dürfte der neue Lebensmut nicht lange anhalten und er dürfte doch wieder nur im Strick seine einzige Rettung vor dem Verhungern erblicken. Genossenschaftswesen. Der Konsum⸗ verein Leipzig⸗Plagwitz hat im Monat Juni 1902 einen Umsatz von 838 142 Mk. er⸗ zielt gegen 744792 im Juni des Vorjahres. Der gesamte Verkaufserlös des nun zu Ende gegangenen Betriebsjahres 1901/02 betrug 10398654 Mk. gegen 9729 643 Mk. im Vor⸗ jahre. Die Zunahme beträgt demnach 663011 Mk. Im Monat Juni sind 388 Mitglieder dem Verein beigetreten.— Der Konsumverein Leipzig⸗Connewitz hat in seinem am 30. Juni beendeten 32. Geschäftsjahre einen Umsatz von 1493 159,26 Mk. erreicht, das sind 68 426,44 Mk. mehr als im vergangenen Jahre. Diese Ent⸗ wickelung der Genossenschaften ist um so. beach⸗ tens werter, als sie stets mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, die ihnen behördlicherseits auf das Betreiben der Mittelstandsretter gemacht wurden. Jedenfalls beweist diese Aufwärts⸗ bewegung, daß solche Organisationen ein Be⸗ dürfnis und eine Notwendigkeit sind. 2 Mittelstandsrettung. Die letzte Nr. des amtlichen Organs des Handelsministeriums überrascht uns mit einem ganzen Bündel von Erlassen auf diesen Gebieten. Der erste Erlaß bezweckt die Förderung des kleingewerblichen Genossenschaftswesens durch die Handelskam⸗ mern. Ein weiterer Erlaß des Handelsministers, der sich mit demselben Gegenstand befaßt, knüpft an den Antrag Trimborn⸗Crüger zur Förderung des Handwerks an. Minister Möller fordert die Regierungspräsidenten auf, ihm Bericht darüber zu erstatten, was in ihrem Bezirke bisher vom Staate, von den Gemeinden, In⸗ enthoben.— Besonders schlau scheint die Prager Polizei auch nicht zu sein, sonst hätte ihr die nungen, Handwerkskammern, Genossenschaften, und ähnlichen Organisationen zur Förderung des Kleingewerbes geschehen ist.— Diese neuen Maßnahmen des Ministers schaden zwar nichts, werden aber auch nichts helfen. Die französische Deputiertenkammer wurde Ende voriger Woche bis Mitte Oktober geschlossen.— In der Freitagssitzung verführten die Klerikalen und Reaktionäxe einen fürchter⸗ lichen Spektakel, weil der Ministerpräsident zirka 2500 Ordensschulen, meist Schul⸗ anstalten von Frauenorden, die schon vor Erlaß des vor einiger Zeit in Kraft getretenen Ordens⸗ gesetzes bestanden, aber nicht um Genehmigung nachsuchten, aufgehoben hat. Der Minister⸗ prästdent mußte, ohne zum Worte zu kommen, die Tribüne verlassen und die Sitzung aufge⸗ hoben werden. Schließlich aber setzte der Ministerpräsident Combes doch seinen Willen durch. Er erklärte, die Regierung werde dem Gesetze Achtung verschaffen und sich durch Drohungen nicht einschüchtern lassen.— Jedenfalls haben die französischen„christlichen“ und antisemitischen Maulhelden von ihren österreichtschen Gesinnungsverwandten gelernt und versuchen, durch wüsten Krakehl von sich reden zu machen. Auf andere Weise gelingt das ihnen nicht. Recht günstig urteilte der französische Kriegs⸗ minister André bei Gelegenheit eines Turnfestes über die Arbeiter. Er sagte in Erwiderung auf die Begrüßungsansprache:„Wenn meine politische Meinung radikaler Richtung ist, so kommt das daher, daß ich als Direktor der staatlichen Munitionsfabriken in Vincennes die Erfahrung gemacht habe, wie häufig mau bei Arbeitern Beispiele von Opferwillig⸗ keit, Selbstlosigkeit und edelster Ge⸗ sinnung findet.“— Welchen Orden würde wohl in Deutschland ein höherer Offizier er⸗ halten, wenn er sich ähnlich ausspräche? Die Krönung Eduard's soll nun etwa Mitte August stattfinden. Ueber seine Krankheit wurden zwar günstige Berichte verbreitet, doch lassen andere mitgeteilte Aeuße⸗ rungen der Aerzte dies Leiden äußerst bedenl⸗ lich erscheinen. Der König wurde an die See gebracht.— Vorigen Samstag empfing er den Lord Kitchener, der, aus Afrika zurückgekehrt, mit großer Feierlichkeit in verschiedenen Städten begrüßt wurde. Eduard dankte ihm im Namen des ganzes Reiches für die hervorragenden Dienste, die er dem Vaterland geleistet habe, und überreichte ihm die Insignien des neuen Ordens„Pour le merite“. von Nah und Fern. Hessisches. Schluß des Landtags. Am Freitag, den 11. Juli wurde der 31. Landtag geschlossen. Vorher waren noch eine Anzahl Rückäußerungen der Ersten Kammer von der Zweiten Kammer erledigt worden. In dieser letzten Sitzung kam es noch ein⸗ mal zu sehr lebhaften Auseinandersetzungen. Zunächst platzten die Geister bei der Besprechung der Rückäußerung der Ersten Kammer bezügl. der Beschlüsse der Zweiten Kammer über das Gesetz betreffend die Errichtung einer Wersiche⸗ rungsanstalt für von Maul- und Klauen⸗ seuche gefallenes Rindvieh, aufeinander. Die Vertreter der Landwirte in der Zweiten Kammer hatten einige Aenderungen des Gesetzes durchgesetzt, die der Regierung nicht gefielen und von der Ersten Kammer abgelehnt worden waren. 5 f Die Landwirte in der Zweiten Kammer riffen die Erste Kammer wegen ihrer Beschlüsse heflig an, weil durch dieselben das ganze Gesetz wertlos werde und es besser sei, wenn dasselbe gar nicht zu Stande käme, als wenn die Be⸗ schlüsse der Zweiten Kammer beseitigt werden sollten. a 5 Da die Vertreter der übrigen Fraktionen des Hauses den Ausführungen der Landwirte folgten, so beharrt die Zweite Kammer auf ihren Beschlüssen. —— ell wird. Das Komitee hat sich auch bemüht, das Fest Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. 1 Eine sehr lebhafte Auseinandersetzung brachte die ablehnende Haltung der Ersten Kammer zu dem Beschluß der Zweiten Kammer zu dem sog.„Notgesetz“, betreffend den für Wahl⸗ männer erforderlichen Steuersatz. War vor⸗ her der Antrag Dabid⸗Ulrich statt„mehr als 11 Mk.“ zu setzen:„mindestens“ 11 Mk. schließlich mit der erforderlichen Zweidrittel⸗ Mehrheit angenommen worden, so reute dies später offenbar eine Anzahl Abgeordnete, welche einfach umfielen und dadurch das ganze Not⸗ gesetz untern Tisch fallen ließen. Insbesondere waren es die Herren vom Zentrum und einige nationalliberale Abge⸗ ordnete unter Führung des Grafen Oriola, welche lieber gar nichts zu Stande kom⸗ men lassen wollten, als den Antrag David⸗Ulrich zum zweiten Mal zum Beschluß zu erheben. Das ist natürlich auch ein Stand⸗ punkt! f Bei dem Schlußakt, der im Residenzschlosse stattfand, waren unsere Genossen natürlich nicht anwesend. Dort wurde der„Landtagsabschied“ verlesen, worin die in der abgelaufenen Tagung erledigten Gesetzesvorlagen aufgezählt werden, und den Abgeordneten der Dank für ihre Pflicht⸗ treue und anstrengende Arbeit ausgesprochen Es wird bedauert, daß infolge der Kürze der Zeit die Verhandlungen betr. Reviston des Wahlgesetzes, namentlich durch Einführung 0 direkter Wahlen, nicht zum Abschluß gebracht seien, und der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß diese sowie die anderen nicht erledigten Vorlagen im nächsten Landtag zu Stande kommen. Gießener Angelegenheiten. — Auf das Gewerkschaftsfest, das diesen Sonntag im Walde links der Licherstraße stattfindet, machen wir nochmals aufmerksam. Jedes Gewerkschaftsmitglied muß für recht zahlreichen Besuch Sorge tragen. Bei dem jetzigen prachtvollen Sommerwetter bietet der Aufenthalt im Walde Genuß und Erholung. zu einem echten Arbeiterfeste zu gestalten und es dürften alle Teilnehmer von dem Gebotenen befriedigt sein. Als Gewinne für das Preis⸗ schießen sind recht nützliche und wertvolle Gegen⸗ stände angekauft worden. — Stadtverordneter Louis Flett ist am Donnerstag früh nach kurzer Krankheit im Alter von 67 Jahren gestorben. Der Verstorbene, der in den Sitzungen rednerisch wenig hervortrat, aber in politischer Beziehung sich der demokratischen Richtung zuzählte, war wegen seines offenen und geraden Wesens all⸗ gemein beliebt. Bei der letzten Stadtverordneten⸗ wahl hatten ihn unsere Genossen mit auf ihre Liste genommen; er erhielt dadurch 1535 Stim⸗ men, befand sich also unter den Kandidaten, die mit den höchsten Stimmenzahlen gewählt wurden. — Zum Provinzialdirektor für Oberhessen ist an Stelle des Verstorbenen v. Bechtold Ministerialrat Breidert ernannt worden. Volks bertreter“ Auf Aus⸗ führungen der antisemitischen„Volkswacht“, welche die Landtagsabgeordneten, die gegen das direkte Wahlrecht stimmten, scharf angreift, antwortete unser Offenbacher Parteiorgan: Die Volkswacht müßte doch am schärfsten vor⸗ gehen gegen ihren eigenen Parteigänger Leun von Großenlinden. Dieser hat nicht nur in sehr windiger Weise seinen Parteifreund Hirschel (den Redakteur der Volkswacht) im Jahre 1899 aus der Kandidatur verdrängt, sondern hat auch gleich den un der Volkswacht so schneidig gebrandmarkten Nationalliberalen gegen das direkte Wahlrecht votiert. Es bleibt abzuwarten, ob die Bauernbündler einen Mann in ihren Reihen weiter dulden werden, der dasselbe gethan hat, wie die Drehscheiben⸗ männer, deren Verhalten in der Volkswacht mit Recht als volsverräterisch charak⸗ teristert worden ist. Weisen die Bauernbündlern dem Gegner des direkten Wahlrechts Leun von Großenlinden nicht die Thür, dann gra⸗ Antisemiten das„Verlangen nach Wahl“ zum Schlachtruf bei den kommenden Landtagswahlen machen. Aus dem Rreise gießen. l. Wahlvereinsfest in Wieseck. Der Wiesecker Wahlverein feierte am vergangenen Sonntag sein 12. Stiftungsfest, mit dem zu⸗ gleich seine Fahnenweihe verbunden war. Es hatte sich dazu recht zahlreicher Besuch einge⸗ funden, besonders die auswärtigen Genossen waren in respektabler Anzahl vertreten. Nach⸗ dem die Fahne von der Beauftragten der Stifterinnen dem Verein übergeben worden war und der Vorsitzende den Dank des Vereins ausgesprochen, ergriff Genosse Busold⸗Fried⸗ berg das Wort zur Festrede. Darin ermahnte er im Hinblick auf die uns im nächsten Jahre bevorstehenden Kämpfe zu festem Zusammen⸗ schlusse. Unter der Fahne vereint müsse auch der Wiesecker Wahlverein mit Energie gegen Rückständigkeit, Lebensmittelwucher, überhaupt gegen politische und wirtschaftliche Knechtung ankämpfen. Mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die Sozialdemokratie schloß Redner seine von lebhaftem Beifall begleiteten Aus⸗ führungen. Dann gab man sich der Festes⸗ freude hin, vergnügte sich mit Preisschießen und sonstigen Unterhaltungen. Erst spät strebten die letzten Festbesucher ihrem Heim zu. Jeder⸗ mann ist von dem ausgezeichneten Verlauf des Festes befriedigt. Aus dem Nreise Friedberg⸗Püdingen. — Die Kreiskonferenz findet nicht am 24., sondern am 31. August statt. Friedberger Submission. Für die Gewerbe⸗ akademie war die Lieferung von Tischen, Schemeln, Kathedern, Schultafeln ꝛc. ausgeschrieben. Dazu waren zwei Angebote eingelaufen. Eines von 12 hiesigen Schreinermeistern, welche 5520,50 Mk. forderten, ohne den Anstrich und eines von der Firma Fuhrmann und Haus in Frankenthal, welche 2779,40 Mk. mit Anstrich fordert. Unter Berücksichtigung des geforderten geringsten Betrages für den Anstrich ergiebt sich, daß die Franken⸗ thaler Firma um 3200 Mk., also um mehr als die Hälfte billiger arbeitet, als die Friedberger Handwerks⸗ meister. Mit Recht konnte deshalb auch unser Genosse Busold in der Stadtverordnetenversammlung bei der Vergebung darauf hinweisen, daß man hier so recht ersehe, daß alle schönen Reden über die Rettung des Handwerks, wie sie im Gewerbeverein ꝛc. gehalten würden, wertlos seien. Wenn man heute glaube, daß durch gemeinsames Handeln für den Kleinmeister der goldene Boden noch zu erhalten sei, so ersehe man hier, daß es damit auch nichts wäre. Nicht ein einziger Stadt⸗ verordneter wagte hierauf etwas zu entgegnen, obwohl sie jedenfalls fast alle Mitglieder des Gewerbevereins sind. Auch der Vorsitzende, Beigeordneter Hironimus, nicht, der doch seit undenklichen Zeiten schon im Gewerbe⸗ verein das große Wort führt.— Interessant für den Beobachter ist auch das Folgende: Im vorigen Jahre, wo derartige Arbeiten ebenfalls ausgeschrieben waren, hatte die hiesige Firma Gebr. Ferber auf den Voran⸗ schlag des Stadtbaumeisters für den Anstrich 18 Prozent abgeboten und die Arbeit erhalten. In diesem Jahre nun war diese Arbeit im Voranschlage mit dem Satz vorgesehen, für den diese Firma die letzte Arbeit gemacht hatte. Und nun bot diese Firma nochmals 26 Pro⸗ zent ab. Trotzdem erhielt sie die Arbeit nicht, die Frankenthaler Firma macht sie noch billiger. Aus dem Rreise Wetzlar. h. In eine schlimme Lage ist die Familie des vor einigen Tagen in ziemlich jugendlichem Alter verstorbenen W. Jost ge⸗ raten. Dieser war bei dem Herrn Landtags⸗ abgeordneten Schlabach als„Bureauchef“ für den Riesengehalt von monatlich 85 Mk. thätig. Er erkrankte plötzlich und starb bald darauf. Als nun die Frau nach Krankengeld und Begräbniskosten fragte, stellte sich heraus, daß der verstorbene überhaupt nicht gegen Krankheit versichert war. Herrn Schlabach war es offenbar unbekannt, daß nach§ 1 Abs. 3 des Krankenverstcherungsgesetzes die in den Geschäftsbetrieben der Versicherungsanstalten und ähnlicher Institute beschäftigten Personen versicherungspflichtig stind, wenn ihr Gehalt tulieren wir unseren Genossen in Oberhessen zu dem prächtigem Agitationsstoff, wollen doch die jährlich 2000 Mk. nicht übersteigt. Der Herr Landtagsabgeordnete, der sich mit Viehbver⸗ sicherung redlich Mühe giebt, sollte eigentlich denken. Nun wird er jedenfalls für die Krank⸗ heits⸗ und Beerdigungskosten des Jost aufkommen müssen.— Sache der Angestellten wäre es allerdings auch, sich darum etwas zu bekümmern, ob sie gesetzmäßig verstchert sind. 5 h.. Zwei Steinbruch⸗ Arbeiter verunglückten am Dienstag im Stein⸗ bruch bei Hirschhausen dadurch, daß ein Spreng⸗ schuß zu früh explodierte. Beide wurden sehr schwer verletzt; der eine dürfte kaum mit dem Leben davonkommen, während der andere sein Augenlicht verlieren wird. Beide wurden in die Gießener Klinik gebracht. Sollte es denn nicht möglich sein, durch weitgehendere Vor⸗ sichtsmaz regeln solche grausigen Unglücksfälle zu verhüten? Bei der nötigen Vorsicht kann doch nicht ein Schuß„zu früh“ losgehen. Aus dem Rreise Marburg-Nirchhain. St. Gewerkschaftsfest. Das diesjährige Sommerfest der Marburger Gewerkschaften (. Ins. in heutiger Nr.) findet am Sonntag, den 27. d. Mts. von nachmittags 3½ Uhr an in dem so schön gelegenen Dammelsberg statt. Außer Konzert der Kapelle Pauli und Tanz finden verschiedene Belustigungen für Jung und Alt statt und ist auch für Speise und Trank hinreichend auf Beste gesorgt. Abends findet im Saale des Cafe Quentin das Fest seine Fortsetzung. Die seitens der hiesigen Gewerkschaften in früheren Jahren veranstalteten Waldfeste im Dammelsberg waren stets außer⸗ ordentlich stark besucht und erfreuen sich einer großen Beliebtheit unter der hiesigen Arbeiter⸗ schaft. Wir wünschen deshalb auch für dieses Jahr, daß sich möglichst alle Arbeiter mit ihren Familien im Dammelsberg einfinden und — was wohl hauptsächlich dabei in Betracht kommt— recht günstiges Wetter. — Kommunales. In der am Montag abend stattgefundenen Sitzung der Stadtver⸗ ordneten wurde u. a. auf Antrag des Vereins zur Bekämpfung der Schwindsuchtsgefahr in der Provinz Hessen⸗Nassau und Waldeck be⸗ schlossen, dem erwähnten Verein einen jährlichen Beitrag von 75 K* zu bewilligen. Es wurde hierbei darauf hingewiesen, wie gerade die Schwindsuchtsgefahr durch die Staubentwicklung in den neuen, ungepflasterten Straßen hiesiger Stadt, besonders in der Biegenstraße, gefördert würde und eine fleißigere Besprengung gewünscht. Als jedoch später die Bewilligung von 1400 A. für Beschaffung einer Reserve⸗Lokomobile von 50 Pferdekräften für das städtische Wasserwerk zur Verhandlung stand, und unter dem Hin⸗ weis, daß man bis jetzt ohne eine solche fertig geworden und diese Summe in den nächst⸗ jährigen Etat einzustellen sei, abgelehnt wurde, beschwerte sich der Oberbürgermeister über die inkonsequente Handlungsweise der Stadtver⸗ ordneten, die einerseits eine häufigere Besprengung der Straßen forderten, andererseits aber die Bewillung der Mittel zur Verhütung einer etwaigen Wasser⸗Kalamität ablehnten und machte dieselben für die etwaigen Folgen verantwort⸗ lich.— Ein Antrag einiger Mitglieder auf Gründung eines Städtebund⸗Theaters wurde dahin erweitert, daß eine Kommisston von 3 Mitgliedern gewählt wurde, welche die weiteren Vorarbeiten zu erledigen hat. Der Magistrat soll mit den Städten Gießen, Wetzlar, Fulda, Wildungen und Salzschlirf in Unterhandlungen treten. Der Referent, Stadtv. Stroinsky, teilte mit, daß die Vorstellungen in jeder Stadt abwechselnd während 4 Wochen gegeben werden sollen, und zwar wöchentlich eine Volksvor⸗ stellung zum Eintrittspreise von 40 Pfg., eine Schülervorstellung zum Eintrittspreise von 20 Pfg., die übrigen Vorstellungen zum Ein⸗ trittspreis von 2.(Studenten 50 Pfg.).— Es wäre zu wünschen, daß dieser Plan stch verwirklicht, damit auch den geringer Bemittelten einmal der Besuch einer guten Theatervorstellung ermöglichst wird. Pietätvolle Verwandtschaft. Ein bezeichnender Vorfall wird aus einem 9 kleinen, nicht sehr weit von Kassel gelegenen Ackerstädtchen mitgeteilt. In jenem Städtchen Nr. 29. direkter; auch an die Versicherung seiner eigenen Leute e L rr 2 2 e. e a— Verhör De Mont einge ab, w. Ferne N Und u ö Meime Text gewiß Er l Rei 1 ausbe 0 eit Nr. 29. dunn wäre ez irbeiter am Sten in Spreng, hurden schr m mit dem andere sein wurden in lte es denn dere Vur⸗ glücsfälle orsicht kann gehen. chain. diesjährige werkschaften Sonntag, 8 310 Uhr melsberg Pauli und gungen für für Speise te gesorgt. zuentin das der hiestgen ranstalteten stets außer⸗ n sich einer en Atheiter⸗ für dieses er mit ihren finden und in Betracht am Montag F Stadtber⸗ des Vereins tsgefahr in Walbeck he⸗ e jährlichen Us wurde gerade die hentwicklung cen hiesger be, gefördert 10 gewinscht, von 1400 4 omobile bon e Waserperk 1 dem Hin⸗ solche fertig den nächtt⸗ lehnt wurde, ter über die 1 Stadtbel⸗ Vesprengung ite ober tung eil 5 und nacht berantwolt⸗ uuglicde au fater 11 Isston 15 pellen er Nail Nr. 29. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. soule ein Fest gefeiert werden, auf welches sich Jung und Alt schon seit Monden freute. Es war dies auch der Fall in der Familie eines Ackerbürgers, welcher mehrere tanzlustige Töchter, aber auch einen sterbenskranken Großvater besaß, welcher die große Rücksichtslosigkeit beging, grade am Vorabend des Festes das Zeitliche zu segnen. Was thun? Wurde der Tod bekannt, so konnte man sich doch unmöglich bei dem Feste zeigen. Was würden die Leute dazu sagen! Man verschwieg also den Tod des Alten und brachte die Leiche zur Nachtzeit hinab in den Keller. Am nächsten und an den folgenden vier oder fünf Tagen genossen die Familien⸗ mitglieder die festlichen Vergnügungen dann in vollen Zügen. Erst als der letzte festliche Tag auch vorüber, holte man die Leiche wieder aus dem Keller heraus, um sie droben in das Bett des alten Auszüglers zurückzubringen und mit gut geheucheltem Schmerz den Nachbarn zu erzählen, daß der Großvater„soeben“ verschieden sei. Die Nachbarn glaubten das auch, allein der die Totenschau übende Arzt erkannte aus gewissen untrüglichen Merkmalen, daß der Tod schon vor mehreren Tagen eingetreten sein müsse. Er nahm die„trauernden Hinterbliebenen“ in's Verhör und erfuhr so den Sachverhalt.. Kreisblati⸗Gedicht. Das amtliche Kreisblatt für den Kreis Montabaur vom 12. Juli druckt ein ihm eingesandtes„Gedicht“ zum Lobe des Bauern ab, worin folgende Verse vorkommen: Nun lob den braven Bauersmann, Der treu sein Feld bestellt; Der Schmuck und Pracht entbehren kann Und Gott vor Augen hält! Er ist des Reichen Fundament, Im Frieden schafft er Brot; Und wird einmal der Krieg erklärt, Dann ist er Helfer in der Not! Ferner: Und rinnt der Schweiß ihm von der Stirn, Und ist die Arbeit schwer, Und scheint die Sonne noch so heiß; Er klagt doch nimmermehr.( Und weiter: Das ist der Mann, der fest noch steht, Des Reichen Kraft und Mark; So lang er— gute Wege geht, Sind sicher wir und stark. Der gottbegnadete Poet, der mit seiner Reimerei etwas Abwechselung in den öden Text des Kreisblattes bringen wollte, hat sich gewiß mit diesem einen schlechten Witz erlaubt. Er läßt das Amtsblatt die staatsfeindliche Wahrheit aussprechen, daß der Bauer des Reichen Fundament und Kraft und Mark ist, also, daß die besitzende Klasse den Bauern ausbeutet. Stimmt! Nur, daß es dem Ar⸗ beiter gerade so geht! Wieder einer. Nach Unterschlagung von Kirche n⸗ gel dern flüchtig geworden ist der Pfarrer Ziemer aus dem Dorfe Wollin im Kreise Prenzlau. Vor einigen Wochen verließ der 44 Jahre alte Geistliche seine Gemeinde, in der er eine lange Reihe von Jahren thätig war, mit dem Bemerken, daß er sich nach Berlin begebe, um sich hier in einer Augenklinik einer Operation zu unterziehen. Bald nach seinem Weggange wurde von mehreren Kirchengemeinde⸗ mitgliedern der Verdacht ausgesprochen, daß in der Verwaltuag der Kirchengelder etwas nicht in Ordnung sein könne, da Ziemer eine Revision der Kasse und der Bücher kürzlich mit einer gewissen Aengstlichkeit vertagt wissen wollte. Als seine plötzliche Abreise jenen Ver⸗ dacht noch reger machte, ging man an die Revision heran und entdeckte zahlreiche Fehl⸗ beträge, die Ziemer längere Zeit geschickt zu verschleiern gewußt hatte. Die Höhe seiner Veruntreuungen ließ sich noch nicht feststellen, da die Geschäfte der Kirchenverwaltung ziem⸗ lich verwickelter Natur waren.— Bald nach seiner Flucht wurde er in einem norddeutschen Kleinstädtchen erkannt und verhaftet. Ein Hunne! an den Folgen eines Fußtritts, den ihm im Verlauf eines Streites sein eigener Sohn beigebracht hatte. Wie die Familienangehörigen des Verstorbenen unserm Dresdener Parteiblatt schrieben, hat der Sohn unseres Parteigenossen als Soldat des Eisenbahn⸗Regiments den Feld⸗ zug in China mitgemacht. Als er in so brutaler Weise nach seinem Vater stieß, daß diesem der Mastdarm gerissen, mehrere Rippen gebrochen und andere schwere Verletzungen zugefügt wur⸗ den, gebrauchte er die Worte:„Warte, ich will Dir beweisen, wie wir's in China gemacht haben!“ Der rohe Patron ist verhaftet. Vor die Leiche des Vaters geführt, zeigte er keinerlei Reue. Wie muß dieser rohe Mensch nach seiner eigenen Aussage in China gehaust haben, den das graue Haupt des Vaters nicht vor einem Totschlag abschreckte.— Wieder ein Beweis, wie verrohend der Rachezug auf seine Teilnehmer wirkte. Einsturz des Glockenturms in Venedig. Der Glockenturm von San Marco in Venedig ist Montag früh eingestürzt, nachdem er schon vorher verdächtige Risse gezeigt hatte; auch die ihm vorgebaute Loggetta des San Sovino und die anstoßende Ecke des königlichen Palastes sind zerstört. Ein etwa 30 Meter hoher Trüm⸗ merhaufen bedeckt die Stätte, wo sich bisher der herrliche Bau erhoben hat; der Markusplatz und die ganze Umgebung sind mit Steintrüm⸗ mern und Staub bedeckt. Menschen sind dabei nicht ums Leben gekommen. Die Aufräumungs⸗ arbeiten sind sofort in Angriff genommen worden. Fürchterliche Grubenkatastrophe. Eine Explosion schlagender Wetter ereignete sich am 10. Juli in den Kohlengruben der Gesellschaft Cambria in Pittsburg(Amerika). 600 Grubenarbeiter wurden verschüt⸗ tet, die in einer Entfernung von zwei Meilen von der Oeffnung des Schachtes sich befanden. Die Zahl der Toten beträgt annähernd 250. Kleine Mitteilungen. „ Die Bahnstrecke Stockheim-Vilbel dürfte nunmehr bald zur Ausführung gelangen. Die Vorarbeiten sind erledigt, die Linien endgültig genehmigt und der Bahnbau wird demnächst in Angriff genommen werden. e Böser Hahn. In Vilbel wurde ein zwei⸗ jähriges Kind von einem wütenden Hahne angegriffen und ihm durch Schnabelhiebe ein Auge so schwer verletzt, daß es auslief. zer Schrecklich verbrüht. Im Hotel„Englischer Hof“ in Frankfurt stürzte am Montag ein dort im Dienste befindliches 20 jähriges Mädchen in einen großen Kessel kochender Bouillon, wobei es natürlich schwere Brandwunden erlitt. Es ist zweifelhaft, ob es mit dem Leben davonkommt. z Die Land arbeiter verhältnisse beleuchtet folgendes von den Zeitungen gemeldetes Vorkommnis: Auf der Domäne Tren delnburg, Kreis Hofgeismar, stürmten infolge Lohnstreitigkeiten die Arbeiter mit Sensen und anderen Werkzeugen bewaffnet das Wohnhaus des Besitzers, des Freiherrn v. Grothe. Eine herbeigerufene Dragoner abteilung aus Hof⸗ geismar stiftete Ruhe.— Wenn sogar die anspruchslosen Polacken zu solchen Mitteln greifen, dann müssen es doch schon ganz erbärmliche Arbeitsbedingungen gewesen sein, die ihnen der freiherrliche Agrarier geboten hat. ze Wieder zwei. Aus Köln wird berichtet: Der hochbetagte Dechant Ropperts aus dem benach⸗ barten Ehrenfeld wurde von der Kriminalpolizei verhaftet unter der Anschuldigung schwerer Sittlichkeitsverbrechen, begangen an den den Religionsunterricht des Pfarrers besuchenden Knaben.— Der fürstliche Seminaroberlehrer und Theologe Collm ann, ein Mitglied der ersten Gesellschaftskreise in Greiz, ist, wie von dort gemeldet wird, wegen schwerer Sittlichkeitsverbrechen, die er seit fünf Jahren mit Schülern und Schülerinnen verübte, verhaftet worden. Die Verhaftung erregt großes Aufsehen. Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. In gemeiner Weise verhöhnt die Hamburger Junung„Bauhütte“ die wegen Verbesserung ihrer Verhältnisse ausständig ge⸗ wordenen Bauhandwerker, die übrigens zum roßen Teil die Sperren über die Bauplätze Kürzlich starb in Königsbrück(Sachsen) alter Parteigenosse, der Töpfer Frenzel, wieder aufgehoben haben, aber trotzdem vorläufig zur Arbeit nicht wieder angenommen wurden. In einem an einen auswärtigen Zimmerer gerichteten Engagementsbrief dieser Innung findet sich u. A. folgender Passus:„Da die hiesigen Gesellen die Sommerfrische genießen, d. h. anstatt zu arbeiten, auf den Straßen herumlaufen, so werden fremde Gesellen, die ordentlich arbeiten können, bevorzugt.“ Als Sicherheitsmaßregel wird etwaigen Arbeitswilligen anempfohlen, nicht im Arbeitsanzug zuzureisen. Auch sei die Polizei zu jeder Auskunft bereit. Wenn diejenigen, an welche das betreffende Schreiben adressiert ist, nicht jedes Gefühl für Arbeiter⸗ würde verloren haben, dann werden sie denselben die gehörige Nichtbeachtung schenken. Partei-Nachrichten. Manfred Wittichs Beerdigung fand am Sonntag in Leipzig unter riesiger Beteiligung statt, Hunderte prachtvoller Blumenspenden wurden dem Sarge vorangetragen. Genosse Grenz sprach am Grabe im Namen der Leipziger Parteigenossen; für den Partei⸗ vorstand war Genosse Pfannkuch erschienen, der dem Verstorbenen tief empfundene Abschiedsworte widmete. Sozialistische Presse Deutschlands. Nach der letzten Zusammenstellung des Parteivorstandes er⸗ scheinen gegenwärtig in Deutschland 79 sozialistische Parteizeitungen, worunter 55 tägliche. Außerdem giebt es 67 Gewerkschaftsblätter. Ferner die„Neue Zeit“; die Unterhaltungsblätter Neue Welt und Hütte, sowie die Witzblätter„Wahrer Jakob“ und„Süddeutscher Postillon“. Wahlkreis Gießen ⸗Grünberg⸗Nidda. Sonntag, den 10. August, Mittags punkt 1 Uhr, im Lokale Orbig in Gießen: Kreiskonferenz. Tagesordnung: Abrechnung. . Vorstandswahl. .Die Landeskonferenz. Ref. C. Orbig. Der Parteitag. Ref. G. Beckmann. „Die bevorstehende Reichstagswahl. Ref. F. Vetters. . Verschtedenes. Die Parteigenossen der einzelnen Orte im Kreise werden ersucht, für zahlreiche Beteiligung an der Kon⸗ ferenz zu sorgen und die Wahlen der Delegierten baldigst vorzunehmen. Etwaige Anträge wolle man an G. B eck⸗ mann, Gießen, Grünbergerstr. 44, gelangen lassen. Der Vorstand des Kreiswahlvereins. FDD Versammlungskalender. Samstag, den 19, Juli. Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr General⸗Versammlung bei Orbig. T.⸗O.: Rech⸗ nungsablage, Vorstandswahl, Parteiangelegenheiten. Marburg. Parteiversammlung. Abends 9 Uhr bei Jesberg. T.⸗O.: 1. Abrechnung der Kolportage⸗ Kommission und Neuwahl derselben. 2. Nächstjährige Reichstagswahl. Wieseck. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr außerordentliche Generalversammlung. T.⸗O.: Ab⸗ rechnung des Festkomitees; Vereinsangelegenheiten. Montag, den 21. Juli. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Briefkasten. Liste sehen wir uns erst genauer an. Ueber die Cochemer Geschichte konnten Lassen aber th.-Witzlr. R. ⸗Hachbg. wir noch keine Erkundigungen einziehen. die Sache nicht aus dem Auge, Gruß! Tuche und Buxkin 2 Anfertigung nach Mass a Markus Bauer, Giessen f f f Mitteldentsche Seuntags⸗Zeitung. Nr. 29. 1 Unterhaltungs-Ceil. — 2 Das Goldmacherdorf. Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinrich Zschokke. 8)(Fortsetzung). 9. Von der Sonntagsschule, und dem Vorfalle in der Mühle. So und auf andere Weise unterrichtete Oswald die Schulkinder; alle Tage hatte er etwas Neues für sie. Die Ratsherren und der Herr Parrer gaben ihm große Lobsprüche und nannten ihn den vortrefflichsten Schulmeister im Lande. Das konnten die Bauern in Golden⸗ thal nicht begreifen, und sprachen untereinander: „Wie will's doch der Oswald besser verstehen, als die alten Schulmeister, die wir in unserer Jugend gehabt? Aber er kayn allerlei Blend⸗ werk machen, und hat es selbst dem Pfarrer und den Ratsherren angethan. Ganz richtig ist es mit ihm nicht.“ Im Sommer war zu Goldenthal nie Schule gehalten worden; denn die größten Kinder mußten den Eltern in Feld- und Hausge⸗ schäften helfen. Aber Oswald nahm auch im Sommer die Kleinen zu sich, und unterrichtete ste einige Stunden und gab ihnen bei sich zu spielen, oder kleine Geschäfte in seinem Garten und Feld, wohin ste ihn begleiteten und Stein⸗ chen aus dem Acker trugen, Unkraut bejäten und dergleichen. Als das die andern Kinder sahen, baten sie Oswald beweglich, sie nicht zu vergessen, und er nahm sie, wenn Feierabend war, auch roch zu sich und setzte den Unter⸗ richt mit ihnen fort. An Sonn⸗ und Festtagen ging er mit ihnen sogar spazieren in Feld und Wald; zeigte ihnen die giftigen Kräuter und erzählte gräuelhafte Geschichten davon; oder er erzählte ihnen vom Leben und der Haus⸗ haltung der Tiere, der zahmen und wilden; von den Quellen, Strömen und Meeren; von den Bergen und Höhlen; von den Ländern und Menschen auf Erden; von den Sternen, und wie weit sie von uns entfernt wären und wie groß. Das hatte er alles gesehen und in Büchern gelesen. Als das die großen erwachsenen Bursche im Dorfe sahen, bekamen einige Lust, Sonntags ebenfalls bei Oswald zu sein. Und er erlaubte es ihnen, denn ihre große Unwissenheit jammerte ihn. Und er lehrte sie noch allerlei, und gab ihnen auf, was sie in müßigen Stunden der Woche zu Hause lesen, rechnen und schreiben mußten. Das ging er dann Sonntags mit ihnen durch. So ward es eine wahre Sonn⸗ tagsschule. Und es kamen immer mehr junge Leute dazu. Wer aber nicht sehr reinlich ein⸗ herging, wer die Wirtshäuser besuchte, wer Karten spielte, wer jemals schwor und fluchte, oder einen Raufhandel hatte, stieß er von sich. Er war ihr Schiedsrichter, und that doch im⸗ mer, als wäre er ihresgleichen. Sie halfen ihm dankbar auch in der Woche gern bei der Feldarbeit, ohne daß er es forderte. Die jungen Leute aber, welche es mit dem Oswald hielten, wurden von ihren Kameraden im Dorfe ausgelacht und verspottet; man hängte ihnen Uebelnahmen an, hieß sie Schul⸗ meister und Gelehrte, und spielte ihnen aller⸗ lei Possen. Und die Gemeindsvorsteher sahen es gern, wenn man den Oswald und seine Freunde verfolgte; denn sie fürchteten sich, er wolle sich Anhang machen, um einst an ihre Stelle gewählt zu werden. Darum sagten sie ihm alles ersinnliche Böse nach, und wiegelten bei jeder Gelegenheit die Bauern und deren Weiber gegen ihn auf.— Oswald kam daher auch zu niemanden; nur regelmäßig besuchte er die Mühle, wo er allzeit willkommen war. Wie er aber eines Tages in die Mühle kam, fand er die lieben Leute darin alle mit ver- störten Gesichtern. Der alte Siegfried war still und nachdenkend, die Müllerin kalt und verdrießlich, im Hause umherfahrend und die Thüren hinter sich zuwerfend; Elsbeth hatte rotgeweinte Augen. 5 Sobald Oswald mit Elsbeth allein war, sprach er:„Welches Unglück ist hier geschehen, und welcher böse Geist ist in dieses Haus des Friedes eingezogen? Ihr alle seid wie ver⸗ wandelt. Sage mir Elsbeth, was ist vor⸗ gegangen?“ Elsbeth antwortete mit zitternder Stimme: „Gott seis geklagt, Oswald, ich muß es dir sagen. Ja es muß heraus. Ich bin recht unglücklich.“ So sprach sie, und konnte vor Weinen und Schluchzen nicht weiter sprechen. Nachdem er sie beruhigt hatte, sagte sie: „Nun ist's ein Jahr, Oswald, da fandest du mich mit verweinten Augen und fragtest mich, und sagte dir's nicht. Damals war der Löwen⸗ wirt Brenzel zu uns gekommen, und hatte bei meinem Vater und meiner Mutter um mich angehalten für seinen Sohn, der schon eine Mühle im Dorfe Altenstein hat. Und Vater und Mutter hatten nichts dagegen, denn der Löwenwirt ist der reichste Mann im Dorf, und erster Vorsteher der Gemeinde, der uns viel schaden und nützen kann; und mein Vater will keinen Schwiegersohn als Müller. Ich aber sagte, ich sei noch jung und wolle noch ein Jahr warten, und blieb dabei, und sie richteten bei mir nichts aus.— Nun ist das Jahr vorbei, und auf den Tag kam der Löwen⸗ wirt mit seinem Sohne wieder. Sie haben bei uns gespeiset, und Vater und Mutter hatten mit dem Löwenwirt schon alles in Richtigkeit gebracht, und die Verlobung sollte heute geschehen. Aber ich habe gesagt, ich wollte mich nie ver⸗ heiraten und bin dabei geblieben. Denn der junge Brenzel ist ein wüster Gesell, gleichwie sein Vater ein harter und wüster Mann ist. Nun ist im Hause Unglück und Herzeleid.“ Als Oswald dies hörte, ward er sehr un⸗ ruhig. Er ging im Zimmer schweigend auf und ab. Er selber hatte sich im Stillen Hoff⸗ nung gemacht, daß Elsbeth einmal seine Frau werden müsse. Dann trat er mit hastigen Schritten zu ihr und sagte:„Elsbeth, liebe Elsbeth, du willst dich niemals verheiraten? So will auch ich ohne Weib bleiben mein Lebenlang, denn ich hätte kein anderes gewählt, als dich. Und habe dich allezeit mehr geliebt als mich selber, und hoffte immer, du würdest mir noch recht gut werden.“ Da sank Elsbeth weinend an die Brust Oswalds und sprach mit gebrochener Stimme: „Ach, Oswald, Gott weiß es, du bist mir allzulieb geworden, mehr denn recht ist. Aber mein Vater ist reich, und will einen reichen Sohn haben, und ändert seinen streugen Sinn nicht. Du aber bist nur ein geringer Schulmeister, und kannst noch lange keine Frau ernähren.“ Da schloß Oswald die gute weinende Elsbeth in seine Arme, und drückte den ersten Kuß anf ihre Lippen und sagte:„Nun bist du meine Braut und Verlobte, und keine Macht auf Erden soll dich wieder von mir nehmen. Fürchte dich nicht, du Holdselige, denn nun gehörst du mir an.“ Und er ging hinaus, den alten Siegfried und die Mutter zu suchen. Und Elsbeth hörte ste alle sehr laut und heftig mit einander reden, aber verstand nichts. Und sie zitterte vor großer Angst und wußte in ihrer Not keinen Rat. Da fiel sie an der Fensterbank auf ihre Kniee, und faltete ihre Hände und betete inbrünstig mit thränenvollen Augen zum Himmel, während die andern stritten. Und als es ihr leichter ums Herz ward und sie aufstand, sah sie draußen den Oswald, begleitet vom Vater und der Mutter, von der Mühle weg, ins Dorf gehen. Das vermehrte die Furcht und Angst über die Maßen. Keines in der Mühle wußte, wohin die Eltern mit dem Oswald gegangen. Sie wußte aber wohl, Oswald war hitzig und aufbraufend, und konnte gegen die Eltern ge⸗ fehlt haben und mit ihnen vor den Richter gegangen sein, und das war der Löwenwirt! Es war zehn Uhr nachts, da hörte sie draußen Geräusch. Es kamen Vater und Mutter mit Oswald. Und Siegfried nahm seine Tochter und sprach:„Elsbeth, du hast ob sie träume. also den Oswald lieb?“ Sie antwortete und sprach:„Kann ich dafür? Ihr hattet inn ja auch lieb.“ Da legten die Eltern die Hände Oswalds und Elsbeths in einander und segneten die beiden als ihre Kinder. N Elsbeth war ganz erschrocken, und wußte nicht, 10. Oswald kommt in schlechten Ruf. Als am folgenden Sonntag in der Kirche der Schulmeister Oswald und Elsbeth als Brautleute von der Kanzel herab gekündigt wurden, da rissen die Goldenthaler Bauern 4 die Augen gewaltig auf, und die Weiber zischelten beständig einander etwas in die Ohren, 1 und der Löwenwirt ging aus der Kirche, wie ein grimmiger Löwe, und schwor, er wolle nicht ruhen, bis er den meineidigen Müller samt seinem ganzen Hause und den Schul- meister zu Grund gerichtet, aus dem Dorfe 0 vertrieben und alle ins Zuchthaus gebract hätte oder an den Galgen. Nichtsdestoweniger 5 feierten Oswald und seine Elsbeth nach drei Wochen in der Mühle sehr vergnügt ihre Hoch⸗ zeit, dem grimmigen Löwen zum Trotz. 1 Und als die Neuvermählten abends aus 8 der Mühle heim kamen in Oswalds Haus, fiel Elsbeth ihrem Manne um den Hals und sagte:„Ach Gott, wie bin ich so glücklich! Ich kann noch nicht daran glauben, das alles wahr sei. Und man sagt wohl, es giebt be⸗* trübte, übelgeratene Ehen; könnten mir auch wohl beide jemals aufhören, uns lieb zu haben, und könnten wir jemals wünschen, lieber getrennt, ⁶ als ewig verbunden zu sein?“ 1 „Wir 939 0 2 4 1 28 5 r e . Oswald antwortete und sprach: werden beide mit einander glücklich sein, so lange wir leben auf Erden; aber wir müssen ein dreifaches Gelübde thun. Und so lange wir es redlich halten, wird Eintracht in unserer 15 Ehe sein. Von heute an lebst du für mich, 1 und ich lebe für dich; und wir wollen nie vor einander das geringste Geheim⸗ nis haben, und selbst wenn wir gefehlt haben, es uns einander sogleich offenbaren. Dadurch werden wir manchen Fehltritt und manches Mißverständnis verhüten, das oft schmerzliche Folgen haben kann. Dann aber wollen wir von unsern häuslichen Sachen niemanden, auch Vater und Mutter nichts offenbaren, daß niemand in unsern Dingen reden könne, oder sich zwischen uns dränge. Nur so gehören wir beide uns ganz an, als wären wir allein in der Welt. Endlich wollen wir niemals gegen ein⸗ ander böse werden, und nicht einmal zum 5 Scherz mit einander böse thun; denn ans Neckerei wird oft Ernst, und was man zuweilen thut, daran gewöhnt man sich leicht.“ 1 (Fortsetzung folgt.) 5 22 ͤ e Gemeinnütziges. Schwarzer Rettig als vorzügliches I Mittel gegen Husten. Schwarzer Rettig wird gerieben und mit gleichen Teilen gestoßenen Kandis vermischt. Nachdem sich reichlich Saft gebildet hat, läßt man denselben durch ein feines Läppchen laufen und nimmt täglich einen Theelöffel voll, ganz besonders, wenn starker Reiz zum Husten vorhanden ist, sowie vor dem Schlafengehen. 4 Appetitlosigkeit. Ein ebenso einfaches als sicher wirkendes Mittel gegen Appetitlosi⸗ keit bereitet man sich, indem man Bitterklee, Wachholderbeeren und Wermutkraut(je für etwa 10 Pfg.) in 2 Liter Wasser kocht und auf 1 Liter Flüssigkeit einkochen läßt. Dann seiht man die Mischung durch und nimmt von der⸗ selben vor jeder Mahlzeit einen Eßlöffel voll kalt. Nach wenigen Tagen schon wird der erwünschte Erfolg eintreten. 2 ——————— —— Splitter. Der Dienst der Freiheit ist ein strenger Dienst, Er trägt nicht Gold, er trägt nicht Flasteneunst Er bringt Verbannung, Hunger, Schmach u. Tod Und doch ist dieser Dienst der höchste Dienst. Ludwig Uhlant 2 Rechen Drahte Stachel Rasenn Stehlei 20 gewöhr einen Kein L. — ö — 3 11 elnandet „Kinder. ite nick, en Ruf. er Kitche sbeth 5 geln r Bauern . Weber die Ohren, irche, wie er wolle en Müller en Schul⸗ em Dorfe gebracht stoweniger nach drei ihre Hoch⸗ lot bends aus ds Haus, Hals md o glücklich! das alles giebt be⸗ mir auch zu haben, er getrennt, ch:„Wir ch sein, so wir müssen d so lange t in unserer für mich, wollen nie Geheim⸗ wir gefehlt offenbaren. tritt und das ost ann aber äuslichen ater und aß niemand sich zwischel T beide uns der Welt. egen eil einmal zun : denn dus nan zuweilen 0 ei ifaches 90 bett titlosih⸗ 1 Viel ö o für ell Nr. 29. Mitteldentsche Sountags⸗JNeitung. Seite 7. Nichtzso vieles Federlesen! Laßt mich immer nur herein, Denn ich bin ein Mensch gewesen, Und das heißt ein Kämpfer sein. Humoristisches. 21. 1778: Papst Clemens NI V. hebt den Jesulten- orden auf. Schul⸗Entschuldigungszettel.(Thatsächlich 22. 1896: Kriegsministerieller Erlaß zur Be⸗ vorgekommen.) „Ich bitte die Versäumnis meines kämpfung der Sozialdemokratie im Heere. 1893: Großer Goethe.] Sohnes zu entschuldigen, derselbe war zu einer befreunde⸗ Bergarbeiterstreik in England. 5* ten Leiche eingeladen und wollte ich ihm das Ver⸗ 23. 1901: J 5 * 8 1 1901: Internationaler Tuberkulose⸗Kongreß Wer die Wahrheit liebt, der muß schon seinznügen nicht mißgönnen. Jugend.) in London. i Pferd am Zügel haben,—— 24. 1896: Untergang des deutschen Kanonenbootes Wer die Wahrheit denkt, der muß schon den a„Iltis“. Fuß im Bügel haben, Geschichtskalender. 25. 1792: Herausforderndes Manifest des Herzogs Wer die Wahrheit spricht, der muß statt der Arme Flügel haben, Und doch singt Mirza Schaffy: wer da lügt, muß Prügel haben. von Braunschweig an das französische Volk. 1800: Franzosen besetzten Frankfurt a. M. 20. Juli. 1870: Gräfe, Berlin, berühmter Augen⸗ 26. 1896: Internationaler Arbeiter- Kongreß in arzt, gestorben. Bodenstedt.! Köhler, geheime demokratische Gesellschaft) in Neapel. 1820: Revolution der Carbonari(d. h.] London. 1844: Attentat des Bürgermeisters Tschech auf Friedrich Wilhelm IV. Parteigenossen! Berücksichtigt bei Euren Einkäufen die Inserate der Mitteld. SonntagsZeitung. Abmarsch um 2 Uhr, Licherstraße. Eintritt 20 Pfennig. 18 Sommerfest der Gewerkschaften Giessens. Sonntag, den 20. Juli er., im Walde am alten Anneroder Weg, links der Licherstraße Grosses Volksfest Hreisschiessen, Hindersnpiele mit Hreisver teilung, Brelæelpolonuise, Husees sell, Tuns. Bei ungünstiger Witterung findet das Fest von 3 Uhr ab im Cafe Leib statt. Es ladet freundlichst ein Das Gewerkschaftskartell. 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Sonntags⸗Zeitung(E. — — * 2 Kir 6 — Die Mi Austrä Dutch dit die Erpel — 0 Mit Kreuze auf pa geben., der Arl ein and religion schaften und m. hier zur (Spalt Mi feindlie gegrün ausges Presse gegebe! hat, w Vessuck den her Interef zu lege worden Nat lich du das fl und ei gekomn Bourg sie erk Uehr. 0 Schulz Wein! genan Arbeit nachde seines hatte. Blicke Nieder empor llbet Abeit Die lil nicht er liche; zum J beweg sundte laben.