Nr. 1 5. ihr un an 208 en. chen- Bestrebungen Uhr ien chzel b Berlin. 3 agen ar, verkauf uchelheim. rüge Krumm. abe 40. on Fahren on Ju sport von ue and. Ipnet- U. alt II sons. fl 11 hllen Lol. g ur 70 17 1 4.70 6,10 100 erung, chu d aus Nr. 16. Gießen, Sonntag, den 20. April 1902. 9. Jahra. Redaktion: 2 Redaktion 2 Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche Wong en 2 4 Uhr Sonnt 4 g8⸗JZeitung. Abonnementspreis: Bestellungen Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die] finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt, Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch] Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und] 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(B. ⸗Z. K. 4940)[ 33½⸗% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Revolution in Belgien. In 91 009 haben bekanntlich seit Jahrzehnten die Klerikalen die Regierung in der Hand. Die Art und Weise, wie die Pfaffenpartei ihre Herr⸗ schaft ausübte oder richtiger, mißbrauchte, mußte endlich den Widerstand und Unwillen des ge⸗ samten Volkes hervorrufen. Auf allen Gebieten verfolgte die christliche Regierung eine durchaus rückständige und volksfeindliche Politik und es ist kein Wunder, wenn das geplagte Volk die energischsten Anstrengungen macht und alle Mittel anwendet, sich der Pfaffenherrschaft zu entledigen. Als bestes Mittel dazu erweist sich die Beseitigung des jetzt geltenden Pluralwahlrechts und Er⸗ setzung desselben durch das allgemeine Stimmrecht. Unter dem gegenwärtigen Wahlgesetz giebt es in Belgien 915,000 Wähler mit einer Stimme und 557,000 Wähler mit 2 und 3 Stimmen (daher Pluralwahlrecht); die letzteren geben zu⸗ sammen 1,353,000 Stimmen ab. Die Wähler mit nur einer Stimme bilden also 62 Prozent der Wählerschaft und haben nur 41 Prozent der Stimmen, während die Wähler mit mehr Stimmen pur 38 Prozent der Wählerschaft bilden, aber 59 Prozent der Stimmen abgeben. Durch dieses System befestigten die Klerikalen ihre Herrschaft. Zu seiner Beseitigung ver⸗ bündeten sich Liberale, Sozialisten und christ⸗ liche Demokraten und führen seit Jahrzehnten 1 0 einen unablässigen Kampf zur Erreichung es allgemeinen Stimmrechts. Bisher leistete das klerikale Regiment den Reformbe⸗ strebungen halsstarrigen Widerstand, es ver⸗ läßt sich am letzten Ende auf Polizei und Soldaten. Im Kampfe um das allgemeine Stimmrecht ist es in den letzten Tagen der vorigen Woche in mehreren Städten Belgiens zu blutigen Zu⸗ sammenstößen gekommen. Daran sind aber die ich und Behörden schuld; von Seiten der sozialistischen Führer wurden die riesigsten Anstrengungen gemacht, die Arbeiterschaft von Ausschreitungen abzuhalten. Polizei und Gen⸗ darmerie ging mit unerhörter und durch nichts begründeter Brutalität vor; auf harmlose De⸗ monstranten, auf Kinder, Weiber und andere Wehrlose wurde losgehauen und losgeschossen. Am vergangenen Freitag begann, wie der „Vorwärts“-Korrespondent berichtete, eine solche Polizeiattacke auf die„Maison du Peuple“, wo vielleicht nur 100 Personen befanden. „Schließlich konnten wir das Haus verlassen und trafen am Place des Sablons 30 Poli⸗ zisten, die Säbel in der Hand. Als wir gegen den Platz de la Chapelle hinabstiegen, begannen einige Personen die Bretter eines Neubaues abzureißen, andere Eisenschienen aus dem Bau 3 zu fügen, in 15 Minuten stand eine rt Barrikade da. Daß diese Barrikadenbauer Sozialisten waren, scheint sehr zweifelhaft, denn die Sozialisten befanden sich bei den Mani⸗ festanten, die die Stadt durchzogen.“ Auf dem Platze de la Chapelle sprangen nach dem Berichte des Vorwärts ungefähr 20 Poltzisten aus einer Straße hervor, schlugen wie die oel anf ale l mit dem Säbel um sich und schossen auf alle Passanten. Von einem 5 00 auf die Polizisten kann keine Rede sein, da diese eben erst ankamen und auf demganz en Platz sich vielleicht 50 Neugierige befanden. Dann machten ste Jagd auf fliehende Passan⸗ ten.— Die folgenden Tage gab es sogar Tote. An den nächsten Tagen kam es nur ver⸗ einzelt zu Zusammenstößen; der Generalrat der sozialistischen Partei erließ einen Aufruf, der die Genossen aufforderte, sich jeder Ausschreitung zu enthalten. Die Mahnung wurde überall be⸗ folgt. Desto energischer wird der General⸗ streik durchgeführt, den die Parteileitung proklamiert hat und der teilweise von den Unternehmern gebilligt und unterstützt wird. Bis Mittwoch wurden etwa 300000 Aus⸗ ständige gemeldet und noch immer greift die Bewegung um sich. Zweifellos wird durch die Streikbewegung ein bedeutender Druck aus⸗ geübt; es verlautete bereits, daß verschiedene Industrielle sich an den König wenden wollten, um den Rücktritt des Ministeriums zu fordern. Das liberale Hauptorgan schrieb:„Es gilt dem Lande eine Krisis zu ersparen, deren Intensität noch niemand ermessen kann. Nicht nur die Hauptstadt, sondern das ganze Land drohe in Brand zu geraten. Warum solle denn in Belgien ein Wahlrecht schädlich sein, welches bei denn Nachbarn im Süden und Osten seit lange bestehe? Der bekannte hervor⸗ ragende Soziologe Degreef forderte den Rück⸗ tritt des katholischen Ministeriums. Von anderer Seite werden die Bürgermeister der großen Städte aufgefordert, mit dem König zu unterhandeln. Die Soldaten und besonders die Bürgergarde bezeugen vielfach der Volks⸗ bewegung ihre Sympathien. Von mehreren Orten wurde berichtet, daß der Aufruf der sozialistischen Frauen an die Soldaten, worin diese aufgefordert werden, nicht auf ihre Eltern und Geschwister zu schießen, großen Eindruck auf die Soldaten gemacht habe. In Gent, Brüssel, Charleroi und andere Orten kam es sogar zu sozialistischen Kundgebungen des Militärs, die sich in Absingen der Marseillaise und anderer revolutionärer Lieder äußerte. Auch viele Fälle von direkten Gehorsams⸗ verweigerungen kamen vor. Dagegen sind die Gensdarmen ihres brutalen Vorgehens wegen beim Volke äußerst verheßt. Der Generalrat der belgischen sozialistischen Arbeiterpartei hat einen Aufruf an die Ar⸗ beiter aller Länder erlassen, in dem diese zur Unterstützung des Generalstreiks aufgefordert werden. Die deutsche Sozialdemokratie hat bereits 10000 Mk. überwiesen, wie Vander⸗ vel de in einer Riesenversammlung im Brüsseler Volkshaus am Donnerstag mitteilte. In dieser, von 4000 Menschen besuchten Versamm⸗ lung herrschte großartige, entschlossene Ruhe. Vandervelde hielt eine begeisternde Ansprache, in der er nach der Frkft. Ztg. sagte: Mit unbeschreiblicher Bewunderung blicke ich auf den Heldenmut von 300,000 Arbeitern, die auf Lohn verzichten und den Hunger er⸗ wählen, um das System zu stür zen, das ein Attentat auf die Gerechtigkeit ist. Falls der König, so schließt er, ein Gefange⸗ ner der Klerikalen sein will, wird er zu denen gehören, die wir zermalmen! Dann forderte er auf, die Beschlüsse der Parteileitung unbedingt zu befolgen. Die Menge gelobte es und stimmte die Marseillaise an.— Die Kammersitzung am Don⸗ nerstag verlief äußerst erregt, doch zeigte das Ministerium kein Entgegenkommen den Volks⸗ forderungen gegenüber. Amerikanisches Kleisch. Moses, oder vielmehr(da die Epistenz dieser sagenhaften Persönlichkeit mehr als zweifelhaft) die sogenannte mosaische Gesetzgebung hat be⸗ kanntlich den Juden manche Speisen verboten, die bei ihnen als unkoscher(koscher= brauch⸗ bar, einwandfrei) gelten. Wirft man nun einen Blick in den Inseratenteil einer orthodox⸗jüdischen Zeitung, so erstaunt man, was da Alles als unkoscher erklärt wird. Das ist nicht sowohl auf die Vermehrung jener mosaischen Verbote durch den Talmud zurückzuführen, als viel⸗ mehr auf das Geschäftsinteresse gewisser Firmen, die den„frommen“ Juden zahlreiche Viktualien als unkoscher verekeln, woran früher nie gedacht wurde, um ihnen ihre koscheren Fabrikate aufzudrängen. An dieses spekulative Manöver erinnern lebhaft allerlei gouvernementale Maßnahmen gegen angeblich gesundsheitsschädliche Lebensmittel vom Ausland, was den agrarischen Interessen so sehr zusagt. Nachdem seit längerer Zeit das amerikanische Büchsen⸗ fleisch als unkoscher deklariert und von der Einfuhr ausgeschlossen wurde, hat man neuer⸗ dings auchanderes amerikanisches Fleisch verboten, weil es Borsäure(zur Konservie⸗ rung) enthält, die unkoscher sein soll, nämlich gesundheitsschädlich. Borsäure ist ein stark an⸗ tiseptisch(fäulnisverhütend) wirkendes Präparat, zur Erhaltung von Fleischwaren also besonders geeignet. An ihre Gesundheitsschädlichkett glau bt kein Mensch, weder in wissenschaftlichen, noch in nicht wissenschaftlichen Kreisen. Es sollte uns nicht wundern, wenn in der agrarischen Presse der Nachweis zu erbringen versucht würde, daß alles auswärtige Ge⸗ treide gesundheitsschädlich ist und maß⸗ gebende Autoritäten sich diese Auffassung an⸗ eigneten. Dann könnte ja die ganze Einfuhr verboten werden und die böse Zolltariffrage wäre zur vollen Zufriedenheit der Junker mit einem Schlage gelöst! Wie rührend ist diese zarte Besorgnis um die Volksgesundheit! Und wie könnte man den Zionswächtern der Volksgesundheit im Reich deweisen, daß sie agrarische Tendenzen ver⸗ folgen? g 1 Freilich aber läßt sich damit die sonstige Reichspolitik schwer zusammenreimen. Denkt man namentlich an den Zolltarif oder an die lendenlahme Arbeiterschutzgesetzge⸗ bung, so fällt Einem das Wort vom Mücken⸗ seigen und Kameelverschlucken ein. Ist nicht die ausreichende Ernährung die Basis der Gesundheit? Sind nicht alle Hygieiniker und Pathologen darüber einig, daß der wohlgenährte Organismus gegen die Er⸗ reger bösartiger Krankheiten, wie Tuberkulose, Diphtherie, denen so viele Proletarier und Pro⸗ letarierkinder zum Opfer fallen, widerstands⸗ kräftiger ist als der schlecht genährte? Wie kann man also den Massen das Brot und das Fleisch verteuern wollen, wenn man aufrichtig auf deren Gesundheit bedacht ist? Warum protestieren nicht jene Stellen, von denen solche Verbote verfügt werden, gegen jede Erhöhung der Zollsätze auf Volksnahrungs mittel? i Warum rafft man sich ferner nicht endlich auf zur Einführung eines Maximalarbeitstages, N Seite 2. Mitteldeusche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 16. da doch alle Welt weiß, daß allzu lange Ar⸗ beitszeit, besonders in mit giftigen Dünsten geschwängerten Arbeitsräumen, die Gesundheit untergräbt und sicherlich weit mehr als jene Ingredienzien, um derentwillen das amerikanische Fleisch verboten sein soll, und da weiter alle Welt weiß, wie zuträglich der Gesundheit Be⸗ wegung im Freien und ausreichender Schlaf ist? Für solchen Gesundheitsschutz würde man im Volk Verständnis haben, für jenen aber, der ihm das ohnehin so teuere Fleisch zu Gunsten der Agrarier noch mehr verteuert, hat es nur bittere Empfindungen und den Wunsch: Schutz vor unseren Beschützern! Agrarische Kinderausbeutung. Wie rücksichtslos und herzlos vielfach die Kinder auf dem Lande ausgebeutet werden, wie ihnen über ihre Kräfte Arbeitslast aufgebürdet und so ihre Jugend verkümmert wird, darüber giebt ein kürzlich in der„Köln. Volkszeitg.“, einem agrarierfreundlichen Centrumsblatte, er⸗ schienener Artikel Aufschluß. Offenbar kommt dieser Aufsatz aus Lehrerkreisen. Da wird uns folgendes traurige Bild vor Augen geführt: „Es war zur Herbstzeit. Ein kalter Regen rieselte unaufhörlich hernieder, als ich dem Nachbardorfe zu⸗ wanderte. Auf der Wiese, unweit des Weges, hüteten zwei Knaben von zehn bis zwölf Jahren eine Rinder⸗ heerde. Franz, der jüngere der beiden, war ein Schüler meiner Klasse. Ich hatte das kleine Kerlchen immer so lieb, denn es war fleißig und brav und was mir an dem Schuljungen besonders wohl gefällt, allezeit freund⸗ lich und heiter. Ich ging zu den Hütelnaben hinüber. Heute aber sah mein Fränzchen gar nicht lustig drein, seine sonst so lebhaften Augen zeigten einen ganz traurigen Aus⸗ druck und seine Stimme zitterte, wie es sein altes, ab⸗ getragenes Mützchen zum Gruße lüftete. Dann schlug das Kind die Hacken seiner aufgerissenen Schuhe eilig gegen einander und wischte sich nit dem Rockärmel die kalten Regentropfen aus dem Gesichte. Dem Jungen war es sehr kalt. Jetzt kam der kleine Mithüter heran⸗ gelaufen.„So, jetzt bist Du wieder an der Reihe,“ sagte er zu Fränzchen und reichte ihm den„Kuhstock.“ Er hatte das Vieh vom Kleefelde des Nachbars zurück⸗ geholt und war dabei fast außer Atem geraten. Ueber⸗ müdet und erhitzt setzte er sich dann mit seinen durch⸗ näßten Kleidern au einen Grenzstein am Wiesenrande, während sein Leidensgefährte von Neuem den Wettlauf mit den halsstarrigen Tieren aufnahm, denen der saftige Klee nun einmal besser zusagte als das dürftige Gras. Was kümmerte sie das„Mein und Dein!“ Arme Kinder! seufzte ich unwillkürlich und setzte meinen Weg fort. Nun begriff ich auch, warum Fränz⸗ chen in der letzten Zeit in der Schule immer hüstelte und oft so träumerisch vor sich hinsah; seit sechs Wochen war er beim Hofbauer als Hütejunge. Ich konnte fast die halbe Nacht nicht schlafen, immer und i nmer wieder mußte ich an die armen Knaben mit den zerrissenen Schuhen und den nassen Kleidern denken. Am nächsten Sonntag bin ich zu Fränzchens Eltern hingegangen und auch zum Hofbauer. Aber meinen Zweck, das Loos der Hütekinder zu mildern, habe ich leider nicht erreicht.„Ich habe es früher auch nicht besser gehabt,“ sagte der Vater, und„das ist immer so gewesen, das werden auch Sie nicht ändern,“ meinte, etwas verletzt der Bauer. Ich habe es nicht zu ändern vermocht; aber für den kleinen Franz hat ein Anderer es geändert. Denn als im folgenden Jahre das Viehhüten und damit für die Hütekinder das Martyrium von Neuem begann, da hatte eine schleichende Krankheit das Lebensmark des etwas schwächlichen Kindes aufgezehrt, und der Tod erlöste es von seinem Leiden. Als wir den weißen Sarg zum letzten Kindergarten hinausbegleiteten, da sagte wohl manche mitleidige Seele mit mir:„Das hat das arme Fränzchen bei Viehhüten sich geholt“—; aber dann ist es wieder beim Alten geblieben. Aber das Schicksal unseres Fränzchens ist noch nicht das Schlimmste, welches die Hütekinder zu treffen ver⸗ mag. Dort hütet ein drelzehnjähriges Mädchen mit einem halb blödsinnigen Kerl von 20 Jahren zusammen die Heerde. Mit den Kühen geht auch der Bulle auf die Weide. Das junge Mädchen beobachtet hier Vor⸗ gänge, die seinen Kindesaugen verborgen bleiben müßten und der rohe Bursche macht seine wüsten, unflätigen Bemerkungen nun dazu. Und was soll man erst dazu sagen, daß stittliche Vergehungen der Hütekinder untereinander nicht einmal zu den großen Seltenhetten gehören! Die Seelsorger und auch die Lehrer können zu dem Kapitel Viehhüten durch Schulkinder manch' trauriges, tieftauriges Bild entrollen. Man hat an verschiedenen Orten Tierschutzpereine errichtet, und das ist gut und löblich. Weshalb aber gewährt man unseren Kindern nicht besseren Schutz gegen die körperlichen, geistigen und sittlichen Schäden, die das erwerbsmäßige Viehhüten nun einmal mit sich bringt! Wie reimen sich beispielsweise die Bestrebungen der ländlichen Wohlfahrtspflege in Mecklenburg mit der That⸗ sache, daß dort eine besondere Hüteschule besteht, in der die Kinder wöchentlich nur zwölf Stunden Unterricht erhalten, und daß dort in manchen Gegenden 20 bis 90 pCt. der elf und mehr Jahre alten Schüler vom vollen Sommerunterricht befreit sind? Wer hat das Recht dazu und will die Verantwortung dafür über⸗ nehmen, daß hierdurch eine ganze Klasse von Kindern zu lebenslänglicher Rückständigkeit verurteilt und dazu den schwersten körperlichen und sittlichen Gefährnissen ausgesetzt wird?....“ f Zustände dieser Art findet man aber nicht blos in Mecklenburg, sondern auch in den üb⸗ rigen deutschen Landen. Sogar in dem gelobten Lande Sachsen lagen die Dinge noch vor gar nicht langer Zeit ebenso, wie sie hier geschildert werden. Dabei schimpfen aber agrarische Blätter über die sittliche und moralische Verderbtheit der städtischen Jugend und stimmen über die Gesundheit und Sittlichkeit der Kinder auf dem Lande wahre Lobgesänge an.— Das wirk⸗ samste Mittel gegen diese entsetzlichen Zustände ist Ausdehnung des gesetzlichen Kinderschutzes auch auf die Landwirtschaft. Das Centrum sollte sich nicht mit rührenden Schilderungen in seiner Presse begnügen, sondern als maß⸗ gebende Partei für gründliche Beseitigung der Kinderausbeutung sorgen. An der sozialdemo⸗ kratischen Unterstützung wirds nicht fehlen. Politische Rundschau. Gießen, den 16. April. Der Reichstag hat am Dienstag seine Sitzungen wieder aufgenommen. Präsident Ball estrem widmete zunächst seinem ver⸗ storbenen Parteigenossen, dem Abg. Lieber einen warmen Nachruf. Vorher begrüßte er die wenigen erschienenen Reichsboten und sprach die Erwartung aus, daß sie sich zahlreicher und eifriger an den Arbeiten des Reichs⸗ tags beteiligen möchten. Viel helfen wird dieser Mahn⸗ ruf nicht. Obwohl eine Unmasse von Arbeitsstoff vor⸗ liegt, glaubt kein Mensch, daß es möglich sein wird, diesen R ag bis über Pfingsten hinaus zusammen⸗ zuhalten, denn bis dahin wird er kaum mit dem vor⸗ liegenden Material fertig werden, außerdem kommt stets neues hinzu. Daß der Zolltarif aber nicht vor den nächsten Wahlen erledigt wird, darüber ist man sich überall einig. Die Arbeiten der Zollkommission sind eigentlich für die Katze, und man begreift nicht, warum sich ihre Mitglieder noch weiter mit dem Zolltarif ab⸗ quälen.— Die Seemannsordnung war am Dienstag der erste Beratungsgegenstand. Sie ist schon früher bis zum§ 53 in der zweiten Lesung durchberaten und so wurde die Weiterberatung beim§ 54 fortgesetzt, der von der Verpflichtung der Rheder handelt, die Kosten für Verpflegung erkrankter oder verletzter Seeleute zu tragen. Unsere Genossen Molkenbuhr und Dr. Herz⸗ feld suchten hierbei gerechtere Bestimmungen für die Seeleute in das Gesetz zu bringen, ihre Verbesserungs⸗ anträge wurden aber abgelehnt. Belohnung Dr. Liebers. Zu der Mitteilung, daß dem verstorbenen Centrumsführer Lieber nach der Durchbring⸗ ung des ersten Flottengesetzes ein höheres Reichs⸗ amt oder ein Oberpräsidium angeboten worden sei, berichtete die Kleine Presse, daß in Liebers hinterlassenem Tagebuche die Thatsache verzeichnet stehe, der Kaiser selbst habe damals dem Cen⸗ trumsführer das vielbesprochene Anerbieten ge⸗ macht.— Im Reichstage wird darüber sicher ener fer für unf werden müssen. Wie dem immer sei, für unsere politischen Zustände ist die Affaire sehr bezeichnend. 5 f Aufhebung des„fliegenden Gerichts⸗ 5 standes⸗ der Presse. Wenn Jemand wegen irgend einer Misse⸗ that zur Verantwortung gezogen wird, so ist nur das Gericht seines Wohnortes zuständig. Bei den Zeitungen wurde bisher in vielen Fällen ein anderes Verfahren beliebt; bei Anklagen egen Redakteure erklärten sich Gerichte anderer Orte, als des Erscheinungsortes der Zeitung zuständig. Dieser-ustand-soll—jetzt—beseitigt werden; der Bundesrat hat einen Gesetzent⸗ wurf angenommen, nach welchem folgende Be⸗ stimmung der Strafprozeßordnung eingefügt: werden soll: „Der Gerichtsstand ist bei demjenigen Gericht begründet, in dessen Bezirk die straf⸗ bare Handlung begangen ist. Wird der Thatbestand der strafbaren Handlung durch den Inhalt einer im Inland erschienenen peri⸗ odischen Druckschrift begründet, so ist als das nach Absatz 1 zuständige Gericht nur das⸗ jenige Gericht anzusehen, in dessen Bezirk die Druckschrift erschienen ist. Jedoch ist in den Fällen der Beleidigung, sofern die Verfolgung im Wege der Privatklage stattfindet, auch das Gericht, in dessen Bezirk die Druckschrift verbreitet worden ist, zuständig, wenn in diesem Bezirk die beleidigte Person ihren Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt hat.“ Das ist leider nur eine halbe Maßregel. Hoffentlich wird der Reichstag dafür sorgen, daß der fliegende Gerichtsstand auch bei Privat⸗ klagen beseitigt wird. Zwei Urteile. Ueber die Rechtspflege in Deutschland, die gelegentlich der verstorbene Abg. Lieber als „himmelschreiend“ bezeichnete, wird sich jeder rechtlich und vernünftig Denkende seine eigenen Gedanken machen, wenn er die folgen⸗ den beiden Gerichtsurteile nebeneinander hält. Im ersten Falle handelt es sich um ein Urteil des Landgerichtes Breslau, das zwei Maurer zu zwei und sechs Monaten Gefängnis verurteilte, weil sie angeblich Arbeitswillige beleidigt und sich des Haus⸗ friedensbruchs schuldig gemacht haben sollen. Folgendes ist kurz der Thatbestand. Auf dem Neubau eines Fabrikbesitzers in Breslau waren Differenzen mit den Zimmerern und Maurern ausgebrochen, sodaß die beiden Gewerkschaften die Sperre über diesen Bau verhängten. Im weiteren Verlaufe der Ange⸗ legenheit kam es zu erregten Auftritten, demzu⸗ folge vier Maurer und ein Zimmerer wegen Beleidigung, Nötigung, Hausfriedensbruchs und Vergehens gegen den§ 153 der Gewerbeordnung angeklagt wurden. Die Beweisaufnahme ergab die Unschuld von drei Angeklagten, während der Maurer Machate sich der Beleidigung da⸗ durch schuldig gemacht haben soll, daß er Ar⸗ beitswillige als Lumpen bezeichnete, die nicht wert seien, angespuckt zu werden. Obwohl von den Arbeitswilligen mit Kaffee nach ihm gegossen, mit Latten gedroht und mit Ziegelstücken ge⸗ worfen worden war, so daß seine Aeußerungen mehr auf seine Erregung zurückgeführt werden können, verurteilte ihn das Gericht zu der harten Strafe von sechs Monaten Gefäng⸗ nis. Der Maurer Ernst Haase, der seine Pan⸗ tinen aus der Baubude holen wollte und sich auf die an ihn ergangene Aufforderung nicht sofort entfernte, weil er der Meinung war, er müsse drei Mal aufgefordert werden, wurde mit zwei Monaten Gefängnis bestraft. Recht merkwürdige Ansichten gab in der Ver⸗ handlung der Vorsitzende von sich. Er behauptete, daß die vielen Ehescheidungen darauf zurückzu⸗ führen seien, daß die Männer zu viel in den Wirtschaften und in Versammlungen sitzen, und zu einem Zeugen äußerte er:„Ja, freilich, Sie bekommen Streikunterstützung, da können Sie allerdings in die Kneipen laufen.“ * Das zweite Urteil fällte das Landgericht Augsburg. Vor diesem hatten sich eine An⸗ zahl Einjährig⸗Freiwillige des dort garnisonierten Cheveauxlegers⸗Regiments wegen Nötig ung zu verantworten. Die Angeklagten, sämtlich natürlich Söhnchen besitzender Väter, hatten sich an einer Kellnerin im„Goldenen Adler“ in Augsburg in der ro hesten Weise stttlich vergangen. Ende Mat v. Is. zechten sie in dem genannten Lokal, wobet sie wie schon oft, die bedienende 19 jährige Kellenerin arg belästigten. Einer packte plötzlich die Kellnerin von oben, ließ sie auf den Boden gleiten, zwei Andere packten sie an den Fußgelenken, und nun folgten Manipulationen von so haarsträubender Gemeinheit, b aß ste nicht einmal andeutungs⸗ 8 Hesezent⸗ ende Bz. emjenigen de straf. Ard der 0 dur en peri⸗ als dag mur das⸗ Voit die ist in den ersolgung doit, auch mucschrst wenn in on ihren galt hat.“ Maßregel. ir sorgen, ei Pribat⸗ cutschland, Lieber als wird sich ende seine die folgen⸗ der hält. h um ein das zwei lonaten angeblich es Haus⸗ ben sollen. besitzets in Zimmerern Nie beiden iesen Bau der Ange⸗ eu, demzu⸗ rer wegen hruchs und beordnung chme ergab „während digung da⸗ daß er Ar⸗ „ die nicht wohl von m gegossen, sstücken ge⸗ eußerungen hrt werden t zu der n Gefang⸗ En te und ung niht 10 Wal, el den, wurde 7 bestraft, u der Vil⸗ behaupte, — 3 ——.. eee, e e längere Zeit in ärztlicher Behandlung. Nr. 16. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite. 3 weise wiedergeben lassen. Erst als von außen an die Thür geklopft wurde, standen die Wüst⸗ linge von ihrem unsauberen Beginnen ab. Das Mädchen war nach jenem Vorfall bettlägerig, bekam stark angeschwollene Füße und stand Der Staatsanwatt beantragte gegen zwei der Wüst⸗ linge vier, gegen die übrigen vier Angeklagten drei Monate Gefängnis. Und das Urteil? Vier erhielten die für ihre Verhältnisse lächer⸗ liche Geldstrafe von ganzen 450 Mk., zwei wurden freigesprochen!— In der Begrün⸗ dung sagt das Gericht, es habe zu Gunsten der Angeklagten deren Jugend, deren etwas leichten Sinn und die damalige Ange ⸗ trunkenheit in Betracht gezogen, dann deren ungetrübten Leumund.— Das ist gewiß nachsichtig. Den armen Opfern des Löbtauer Zuchthausurteils wurde ihre Angetrunkenheit nicht als strasmildernd angerechnet. Diese beiden Erkenntnisse lassen wieder, wie schon so manche vor ihnen, den obenerwähnteu Ausspruch Lieber's mehr als berechtigt erscheinen. Zahllose Soldatenschindereien sind in der letzten Zeit von den Militärgerichten abgeurteilt worden. Unser Chemnitzer Partei⸗ organ hat sich eine Liste der allein in Dresden und Chemnitz verhandelten Fälle angelegt, in welchen wegen Mißhandlungen von Soldaten in und außer Dienst, Offiziere, Unteroffiziere und Gemeine in der Zeit vom 1. April 1901 bis 1. April 1902 abgeurteilt wurden. In diesem Jahre sind nur von diesen beiden Kriegs⸗ gerichten 38 Soldatenmißhandlungsprozesse ver⸗ handelt worden, darunter einer, in dem 81 Einzelfälle, ein anderer, in dem gar z wei⸗ hundert Fälle zur Sprache gekommen sind. Unter den Bestraften finden sich alle Dienst⸗ rade, vom Hauptmann bis zum Gemeinen herab, vertreten. Wie hervorgehoben, handelt es sich hier nur um zwei sächsische Garnison⸗ plätze; man kann sich danach ein Bild machen, wie es im ganzen Reiche auf diesem traurigen Gebiete aussieht. Pfäfsische Verdummungsarbeit. Was das klerikale Regiment in Bel gien für„Erfolge“ auf dem Gebiete des Schul⸗ wesens aufzuweisen hat, geht aus einer Broschüre hervor, die kürzlich in Brüssel erschienen ist, Danach sind unter der jetzigen klerikalen Regie⸗ rung in Belgien 2243 Volksschulen und 14 Normalschulen geschlossen worden; zur Ent⸗ lassung gelangten 1500 Lehrer. Die Zahl der belgischen Gemeinden, wo nicht einmal mehr eine Gemeindeschule existiert, beträgt 275. Auf eine Million kommen 290,000 Kinder im schulpflich⸗ tigen Alter, die keinerlei ernsthaften Unterricht erhalten.— Also beinahe ein Drittel der Kinder ohne ordentliche Schulbildung! Natürlich, je ungebildeter das Volk, desto fester ist die Pfaffen⸗ herrschaft begründet. Und was das nach der materiellen Seite hin bedeutet, zeigt das Riesenvermögen der Kirche und der Klöster, das, wie in letzter Nr. schon angegeben, auf drei Milliarden Frks. geschätzt wird. Wahlrechtsbewegung in Schweden. Wie in Belgien, so rühren sich auch in Schweden unsere Genossen, um das allge⸗ meine Wahlrecht zu erringen. Der sozialdemo⸗ kratische Parteitag, der am Sonntag in Stock⸗ holm tagte, nahm eine Resolution an, nach der beabsichtigt wird, eine permanente Agitation für den General ausstand bis zur Durch⸗ führung zufriedenstellender Erweiterungen des Stimmrechts zu organisiren. Von Sonntag, den 20. April, ab sollen im ganzen Lande jeden Sonntag Demonstrationsver⸗ sammlungen stattfinden, bis der Bericht des Verfassungsausschusses über die Stimmrechts⸗ vorlage der Regierung erschienen ist. Wenn der Reichstag die Beratung über das Stimmrecht beginnt, soll die Arbeit womöglich überall niedergelegt und sollen die Demonstrationen fortgesetzt werden. Glänzeuder ante der Sotialdemo⸗ ratie. Im Schweizer Kanton St. Gallen fand ü am Sonntag eine Ersatzwahl für den zurück⸗ getretenen Regierungsrat Curti statt. Ein äußerst erbitterter Wahlkampf war vorausge⸗ gangen, wobei sich die Liberalen mehrfach Aus⸗ schreitungen gegen unsere Genossen erlaubten. Trotzdem ist unser Genosse Scherrer mit der glänzenden Stimmenzahl von 29,098 gegen 20,520 in den Regierungsrat gewählt worden, der damit eine neue tüchtige Kraft und einen würdigen Nachfolger Curti's erhält. Erschießung des russischen Polizei⸗ ministers. Die russische Gewaltpolitik hat wieder ein neues Opfer gefordert. Am Dienstag Nach⸗ mittag erschoß ein Student den Minister des Innern. dessen Ankunft in Vestibule des Reichsratsge⸗ gebäudes ein versiegeltes Couvert mit der Bemerkung, er habe es ihm im Auftrage des Großfürsten Sergius zu überbringen. Im selben Moment feuerte er vier Schüsse auf den Minister ab und traf ihn tötlich. Der Mörder, der festgenommen wurde, giebt an, Balschanew zu heißen. Er behauptet, als Student der Universität Kiew bei den vorjährigen Unruhen gemaßregelt und dadurch zu einem Racheakt gegen den Minister bestimmt worden zu sein. Krieg in Südafrika. Ueber die Friedensverhandlungen verlautet nichts Bestimmtes. Seit voriger Woche befinden sich die hervorragendsten Buren⸗ führer, darunter Steijn, Dewet, Dela⸗ rey u. a. in Pretoria, wo ste mit Kitchener und Milner verhandeln. Ob die Konferenz ein günstiges Ergebnis zeitigen wird, bleibt immer⸗ hin fraglich.— Der englische Schatzsekretär sagte in einer langen Rede am Montag, er habe Hoffnung auf ein günstiges Ergeb⸗ nis der Konferenzen der Burenführer, könne sich aber durch solche Hoffnungen bei einer solchen Gelegenheit nicht beeinflussen lassen. Nichts sei mehr geeignet, in der gegenwärtigen Krisis zum Frieden beizutragen, als der Entschluß des Parlaments des Landes, daß, wenn unglück⸗ licherweise die Hoffnungen sich nicht erfüllen sollten, der Krieg bis zum erfolgreichen Ende geführt werden müsse, koste es, was es wolle. Man könne ihn fragen, was geschehen solle, wenn binnen einigen Wochen der Friede ein⸗ trete. Er möchte dem Hause bemerken, daß wenn es auch eine kostspielige Sache sei, Krieg zu führen, es doch gleichfalls kostspielig sei, ihn zu Ende zu bringen. Weiter teilte er mit, daß die Kriegsaus gaben bisher 160 Millionen Pfund(3200 Mil⸗ lionen Mark) betragen.— Am Mittwoch erklärte der Staatssekretär für Indien, Hamil⸗ ton, in einer Versammlung, die Regierung würde den Buren keine hauptsächlichen Kon⸗ zessionen machen. 1 Arbeiterbewegung. Die Schneider in München waren von ihren Unternehmern ausgesperrt worden. Am Montag fanden vor dem Müncher Gewerbe— ericht Einigungsverhandlungen statt, die von rfolg begleitet waren. Von beiden Seiten wurde Entgegenkommen gezeigt, die Aussper⸗ rung aufgehoben und der Kampf für beendet erklärt. f Der Streik der Schreiner und Lackterer in Isenburg dauert noch fort. Den Fabrikanten ist es mit Mühe und Not gelungen, einige Streikbrecher zu bekommen, das ist aber ganz unbrauchbares Material.— Wir sagten früher schon, daß ein Schreiner auf die Isenburger Spezialitäten gut eingeübt sein muß, wenn er auch nur seinen Durchschnitts⸗ lohn verdienen will, T Aus dem Maurer verband. Die Jahresabrechnung des Zentralverbandes der Maurer für das Jahr 1901 den eine Gesamteinnahme von 1, 248 544 Mk. der eine Aus gabe von 994958 Mk. gegen⸗ übersteht. Diese Summe setzt sich zusammen: Der Attentäter trug Adjutantenuni⸗ form und übergab dem Minister Ssipjagin, bei Prozente der Zweigvereine M. 221 552,68, Verbandsorgan 86 751,25, Gaue 26 442,28, Agitation 31 983,86, Streiks im eigenen Ge⸗ werbe 488, 450,63, Streiks anderer Berufe 9500,—, Gemaßregelten-Unterstützung 9647,96, Rechtsschutz 11 497,99, Reisenunterstützung 22 730,40, Sterbenunterstützung 13 840,—, Generalversammlungen und Konferenzen M 20 889,76, Quartalsbeitrag an die General⸗ kommission M 8718,—, statistische Erhebungen M 2090,46, Protokolle und Broschüren M 5039,—, Zeitungen in fremder Sprache M 1204,65, sachliche Verwaltungskosten M. 18 988,61, persönliche Verwaltungskosten M. 13 609,67, sonstige Ausgaben M. 2021,14. Von Uah und gern. Hessisches. Aus dem Landtage. Der zweiten Kammer hat die Regierung zu der Vorlage betreffend die Wohnungsfürsorge für Minderbemittelte eine umfangreiche Begrün⸗ dung übermittelt. Herausgehoben sei aus ihr der Grundsatz, daß die Gemeinde die verantwortliche Trägerin der Bestrebungen zur Verbesserung der Wohnungsverhältnisse sein und der Staat mit seinem Kredit ihr nur helfend und fördernd zur Seite stehen soll. Das neue Gesetz will auch die Beseitigung der Wohnungsmißstände in Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern ermöglichen, da diese Mißstände bis in die kleinsten Gemeinden in gleichen oder nur wenig geringerem Maße vorhanden seien, wie in größeren Orten, und zwar nicht nur in Gemeinden mit mehr industrieller, sondern auch in solchen mit überwiegend Landwirtschaft treibender Bevölkerung. Es wird geradezu die Frage aufgeworfen werden können, ob nicht die Landflucht teilweise in den schlechten Wohn⸗ ungsverhältverhältnissen ihren Grund hat, deren Besserung auch nach jener Seite hin günstig wirken würde. — Eine weitere der zweiten Kammer zuge⸗ gangene Regierungsrorlage betrifft die Errich⸗ tung von Irrenanstalten. In dieser Vorlage wird die Genehmigung eingeholt, daß die für Oberhessen geplante Landestirren⸗ anstalt in die unmittelbare Nähe von Gießen, diejenige für Rheinhessen bei Alzey errichtet werde. Für Ausarbeitung der Pläne und Veranschlagung der geplanten Neubauten werden je 8000 Mk. und für Errichtung der beiden Anstalten(1. Baurate) 120,000 Mk. als Nachtragsforderung gefordert. Gießener Angelegenheiten. — An die Arbeiter⸗Sänger richtet sich ein Aufruf des geschäftsführenden Aus⸗ schusses der Liedergemeinschaft der deutschen Arbeiter⸗Sänger⸗ Vereinigungen. Darin heißt es:„Wie auf politischem und gewerkschaftlichem Gebiete die Arbeiter ihre eigene Organisation bilden, durch die sie sich die ihnen gebührende Macht erringen, so auch auf dem Gebiete des Gesanges. Die Liedergemeinschaft der Arbeiter-Sänger⸗ Vereinigungen hat die früher zersplitterten und daher wirkungslosen Kräfte der Arbeiter-Sängerbünde und Vereine zu einer notengemeinschaftlichen Organisation vereinigt, die ihnen das Arbeiterlied gab, das ihre Hoff⸗ nungen, ihre Freude und ihr Leid zum Aus⸗ druck bringt. Daß diese nur zu oft im schroff⸗ sten Widerspruch zu denen der bürgerlichen Welt stehen, welch' denkender Arbeiter weiß und liest das nicht heute auch? Und doch sind noch zahlreiche Sänger vorhanden, die anstatt auch im Liede sich zur Freiheit bekennen, deren Geg⸗ nern Gefolgschaft leisten. Hier Wandel zu schaf⸗ fen, dazu erheben wir unsere mahnende Stim⸗ me. Mit Erfolg hat sich die Liedergemeinschaft in den 10 Jahren ihres Bestehens bemüht, durch Preisausschreiben wie durch direkte Auf⸗ träge den Liederschatz zu vervollkommenen. Der Liedergemeinschaft ꝛc. gehören zur Zeit 32 Arbeiter⸗Sängerbünde an, bestehend aus 970 Vereinen mit einer Gesamtmit⸗ gliederzahl von ca. 40 000 Sängern. Nach den — 22 * 8 * r F . — —— — 2 ö —— Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 16. Beschlüssen des letzten Delegirtentages ist eine Gaueinteilung für die zur Gemeinschaft gehö⸗ renden Arbeiter⸗Sängervereinigungen vorge⸗ nommen worden, um den einzelnen Vereinen es zu ermöglichen, dem in ihrem Gau domizi⸗ lirenden Arbeiter⸗Sängerbund sich anschließen zu können. Sowohl einzelne Vereine als ganze Ver⸗ bände können jederzeit der Liedergemeinschaft beitreten. Eintrittsgeld und Beitrag wird nicht erhoben. Die zur Ausgabe kommenden Lieder(im Jahre vier) werden zum Selbst⸗ kostenpreise(in der Regel pro Quartett und Partitur 10 Pfg.) an die Mitglieder verabfolgt. Anfrage und Beitrittserklärungen sind an den Obmann Otto Rasche, Berlin 8.0. Mari⸗ annenplatz 5 zu richten. ——— == Arbeiter, Genossen! Rüstet zur Feier des 1. Mail! Der Weltfetertag des ersten Mai ist die feierliche Kundgebung der Arbeiter aller Länder für internationalen Arbeiterschutz; der Massen⸗ protest der Arbeiter gegen die Ausbeutung durch das Kapital, gegen die Unterdrückungssucht der besitzenden und herrschenden Klassen, gegen den Uebermut der Junker und Schlotbarone, gegen den Krieg in jeder Form! Der 1. Mai ist die internationale Kundgebung des klassenbewußten Proletariats für den Frieden der Gesellschaßt und den Frieden der Völker, gegen de ge 5 und künstliche Sperren, eig e Hollkriege 8 Missate Vin N 1 e f a elvagenes. Tr euch deshalb überall, die Maifeier in würdiger Weise zu begehen! Trefft die nötigen Vorbereitungen! Wo immer zielbewußte Ge⸗ nossen wohnen, muß dem Maigedanken Aus⸗ druck gegeben werden! Auf zur Maifeier allerorts! — Oeffentliche Lesehalle. Vom Vor⸗ stand des Lesehalle-Vereins wird uns mitgeteilt: Das Zeitungszimmer von der öffentlichen Lesehalle wird Werktags von 6-10 Uhr Abends, Sonntags von 11 Uhr Vormittags bis 10 Uhr Abends für jedermann offen gehalten. Die Beleuchtung soll in diesen Tagen wesentlich verbessert werden. Auch ist eine Schreibgelegen⸗ heit geschaffen worden. Tinte, Feder, Brief⸗ papier und Briefumschläge werden zur Be⸗ nutzung am Orte dauernd verfügbar sein. — Diese Einrichtung wird gewiß den Beifall aller Besucher der Lesehalle finden. * 150 Mk. Geldstrafe erhielt am Diens⸗ tag Genosse Vetters als verantwortlicher Redakteur der„Mitteldeutschen Sonntags ⸗Ztg.“ vom Schöffengerichte in Friedberg zudiktiert, weil er in mehreren Notizen den Stations vor⸗ steher Kieser in Friedberg beleidigt haben soll. Es handelt sich um die in Nr. 49 und 51 des vorigen und in Nr. 1 und 2 dieses Jahrgangs enthaltenen Korrespondenzen aus Friedberg, in denen der in Friedberg herrschenden Meinung Ausdruck gegeben war, daß auf der Station Friedberg katholische Arbeiter und Beamte eher Aussicht auf Annahme bezw. Beförderung hätten, als Angehörige anderer Konfessionen. Diese Artikel waren von sehr verschiedener Wirkung. Während uns mehrfach Zuschriften zugingen, die ihr Einverständnis mit den Notizen ausdrückten, Eisenbahnbeamte selbst auf der Redaktion erschienen und bestätigten, was da behauptet wurde, lief aber auch eine gerichtliche Vorladung ein, laut welcher der Redakteur er⸗ scheinen und den Einsender der Artikel nennen sollte. Das wurde natürlich abgelehnt. Da⸗ rauf leitete man Strafverfolgung gegen den Redakteur selbst ein.— Bei der Hauptverhand⸗ lung bekundet zunächst der Stationsvorsteher Kieser als Zeuge, daß er niemals nach der Religion der Arbeiter oder Beamten gefragt habe. Von Bevorzugung der Katholiken könne keine Rede sein. Andere Zeugen bekunden je⸗ ut werde hier von einer Frau betrieben, bergs als feststehend galt, daß Katholiken be⸗ vorzugt würden. Das erklärte auch ein Bahn⸗ meier der noch weiter bekundete, daß jetzt eine Verordnung erschienen sei, wonach das Rangier⸗ etc. Personal aus den Streckenarbeitern entnommen werden solle. Ob diese Anordnung eine Folge der Artikel ist, entzieht sich unserer Kenntnis.— Zeuge Stadtverordneter Busold erklärt, daß ihm sehr oft Klagen von Arbeitern und Beamten zu Ohren kamen. Mehrere Arbeiter hätten sich bei ihm beschwert, daß sie abgewiesen und dann katholische einge⸗ stellt worden seien. Allgemein beklagten aber die Bahnangestellten und Arbeiter, daß die katholischen bevorzugt würden. Ein höherer Beamter habe ihm direkt die Richtig⸗ keit der Artikel bestätigt und auf seine Frage, wo der Vorsteher denn die Katholiken hernehme, habe er geantwortet, er hat sie ja auf Lager. Ein anderer Beamter habe ihm gesagt, daß die Direktion eine Summe bewilligt habe, mit der die Beamten und Arbeiter renumeriert werden sollen, die sich im Eisenbahnver⸗ e in besonders hervorthun. Einige hatten dies nun gethan, aber nichts erhalten, obwohl sie sicher darauf rechneten, während andere die Renumeration erhalten hätten, ohne daß man wisse, warum. Daß man auch in der Bürger⸗ schaft vielfach der Meinung sei, an der Bahn sei katholisch Trumpf, könne er bestätigen. Man sage, mehrere Beamte seien versetzt Pgrden, unt N gg. 0h mitchen. Die Bahnhofs⸗ das sei sonst nirgends in Preußen der Fall; die Frau sei katholisch. Auf die Frage des Angeklagten äußert sich der Zeuge über den Fall Harig. Obwohl Harig ein übelbeleumunde⸗ ter Mensch gewesen sei, wäre er nach kurzer Thätigkeit auf der Strecke Hilfsrangierer ge⸗ worden; sei aber am dritten Tage seiner Rangier- thätigkeit verunglückt. Er war Katholik. Ein Zeuge, der früher mehrere Jahre als Strecken⸗ arbeiter thätig war, hörte öfter Arbeiter klagen, daß sie sich zur Arbeit oder zum Dienst in der Station gemeldet hätten, vorgemerkt, aber dann andere— katholische— eingestellt wurden.— Der Amtsanwalt bemerkte in seinem Plaidoyer, die Presse wirke segensreich, wenn sie Mißstände an das Licht der Oeffentlichkeit ziehe; sie brauche mit ihrer Kritik auch nicht vor Beamten Halt zu machen, wenn sie sich auf erweislich wahre Thatsachen stütze. In diesem Falle sei einem Beamten parteiliche Handhabung seines Dienstes vorgeworfen, ohne daß dafür ein Beweis er⸗ bracht worden sei. Er beantragte 200 Mk. Geldstrafe und Publikation. Der Angeklagte betonte, daß es ihm fern gelegen habe, irgend jemand zu beleidigen, er habe nur berechtigte Kritik geübt. Thatsächlich und nicht ohne Grund sei man fast allgemein in Friedberg der Meinung gewesen, daß Katholiken bevor⸗ zugt würden. Das dürfte aber an einem öffent⸗ lichen Institute, an dem jeder Bürger Anteil habe, nicht stattfinden. Er habe in Wahrung berechtigter Interessen und im guten Glauben gehandelt. Das Gericht fällte obiges Urteil. In dessen Begründung heißt es, daß die in den Artikeln behaupteten Thatsachen nicht bewiesen seien. Doch meinte der Vorsitzende weiter, dem Angeklagten sei ein Vorwurf, daß er die Ar⸗ tikel aufgenommen nicht zu machen, da er an⸗ nehmen mußte, daß sie erweislich wahr seien. Aber auch dem Artikelschreiber mache das Ge⸗ richt keinen Norwurf, da auch er jedenfalls der Meinung sein konnte, daß die Artikel der Wahrheit entsprächen, da thatsächlich unter den Bahnangestellten und Ar⸗ beitern die Meinung verbreitet war, daß katholische Arbeiter bevorzugt würden. aus dem Nreise gießen. — Maifeier in Wieseck. Unsere Genossen in Wieseck begehen ihre Maifetier am Sonntag den 4. Mai abends im„Gambrinus“. Sie wird in Konzert, Vorträgen und theatralischen Aufführungen bestehen, die Festrede wird Genosse Beckmann halten. Die Wiesecker Arbeiter werden zu recht zahlreicher Beteiligung einge⸗ doch, daß allerdings in den Kreisen des Bahn⸗ personals, wie in der Einwohnerschaft Fried⸗ Festlichkeit des Wahlvereins(Fahnenweihe) in Aussicht genommen, was jetzt schon mitgeteilt wird, damit die befreundeten Vereine in der Umgebung, die alle eingeladen werden sollen, sich danach richten können. Aus dem Rreise Friedberg⸗Büdingen. l. Ueber Errichtung eines Gewerbe⸗ gerichts verhandelte eine Versammlung, die am Sonntag Nachmittag in der Windeck in Friedberg tagte. Arbeitersekretär Heyden aus Frankfurt sprach über Nutzen und Bedeu⸗ tung der Gewerbe⸗Gerichte. Die Versammlung war überfüllt, trotz des schönen Wetters. Auch der Bürgermeister, ein Beigeordneter, 7 Stadt- verordnete und 1 Gemeinderatsmitglied von Bad Nauheim waren erschienen. Die belehren⸗ den Ausführungen des Referenten, die in einen Appell an die Stadtverwaltungen ausklangen, den Arbeitern ihre Forderung zu bewilligen, wurden mit großem Beifall aufgenommen. In der Diskussion nahm zunächst Herr Beigeordneter Damm das Wort zu einer Richtigstellung. Alsdann sprach Herr Schuh von Frankfurt namens der christlichen Arbeiter, der sich dem Referenten anschloß. Von seiten der anwesenden Stadtverordneten nahm nur Busold das Wort, der an der Hand von Material die Notwendigkeit begründete. Gemeinderat Muth von Bad Nan⸗ „beiw-schließt sich dem an, und führt ebenfalls Beispiele, aber in umgekehrter Richtung, an und verspricht in Bad Nauheim nach Kräften zu wirken. Nachdem noch die Genossen Pfeffer⸗ Dorheim und Kuhl⸗Obermörlen sowie der Re⸗ ferent weiteres Material vorgebracht, wird eine Resolution angenommen, die sich für Errichtung eines Gewerbegerichts für Friedberg⸗Bad⸗Nau⸗ heim und möglichst auch die anderen Orte des Kreises ausspricht. Dafür stimmen auch die anwesenden Stadtverordneten, sodaß wohl die Errichtung gesichert erscheint. l. In Dorheim fand am Samstag Abend eine Versammlung statt, in der Gen. Busold Friedberg über den Zolltarif referierte. An der Hand von zahlreichen Belegen, legte er die schädlichen Folgen dar, die bei Annahme desselben entstehen müssen. Namentlich die nachteiligen Wirkungen, die hohe Zölle auch für den Bauer mit sich bringen werden, betonte er, unter Beleuchtung der Haltung des Grafen Oriola im Reichstage. Reicher Beifall wurde dem Redner zu teil. In der Diskussion meldeten sich mehrere Bauern, sowie der Bürgermeister zum Wort, ohne indeß wesent⸗ liches vorbringen zu können. Unserm Gen. war es denn auch ein Leichtes, dieselben unter dem Beifall der Versammlung zu widerlegen. Auf den Vorschlag zur Gründung eiuer Filiale des Kreiswahlvereins ließen sich 17 Mann aufnehmen. aus dem Nreise Alsfeld-Cauterbach. — Auf der Herberge. In Alsfeld wurde voriges Jahr von Seiten der Stadt eine Herberge errichtet. Damit allein hätte man sich aber nicht begnügen sollen; es hätte gewiß nichts geschadet, wenn die Fürsorge für die reisenden Arbeiter und Handwerker noch etwas weiter ausgedehnt worden wäre. Beispielsweise bemerkte man öfters, daß nach Regentagen die Reisenden die Herberge mit durchnäßten Kleidern verließen. Nasse Kleider am Leibe ist aber nicht nur höchst unangenehm für die Betroffenen, sondern kann unter Umständen höchst nachteilig für deren Gesundheit sein. Man müßte ihnen doch die Möglichkeit gewähren, ihre Kleider trocknen zu können. Freilich kann sich der Herbergsvater auch nicht viel darum bekümmern. Als solcher fungiert nämlich ein Polizeidiener, der außerdem noch die Stelle eines Markt- und Wiegemeisters, sowie Aufsehers der Liederbach versieht. Da bleibt ihm also wenig Zeit für die Herberge. Warum man einen so viel be⸗ schäftigten Mann die Stelle übertrug, wo sich doch andere geeignete Leute genug gemeldet hatten? Die Gemeinderatsmitglieder sollten mal der Sache Fu Aufmerksamkeit schenken. Besser allerdings wäre, die n rbeiter⸗ schaft hätte auch ihre Vertreter im Gemeinderat, laden.— Ferner ist auf den 13. Juli eine die dort ein Wörtchen mitreden und besser für egrab nicht b gar ul macht hielte stüh! Erreg die 2 ordne letzter 1 beit Aol beihe) in mitgeteilt e in der u solln, igen. ewerbe⸗ ung, die indeck in Heyden d Veden. ammlung dd. Auch Stadt glied bon belehren in einen zsklangen, willigen, men. In geordneter igtellung. Frankfurt sich dem nwesenden das Wort, vendigkeit Bad Nau⸗ ebenfalls , an und räften zu Pfeffer ie der Re⸗ wird eine Errichtung Bad⸗Nau⸗ n Orte des auch die bohl die Samstag der Gen. f referierte. gen, legte Annahme etlich die ölle auch den, betonte des Grafen fall wurde Diskusston sowie del dh wesent⸗ nde Gel. selben unte widerlegen. eiuer Fal 17 Mann lerbach. Alsfeld dt eile htte man hüte gen che noch etwas gelten blen Kleben iche nen Betroffene f fache müßte i f bel gene lleber 2 4 eee 05 füt 9 —— eee e eee* nicht besonders in Erscheinung. —— Nr. 16. Mitteldeuische Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. die armen Teufel, die das Schicksal auf die Landstraße hinaustreibt, sorgen könnten. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Rezitation. Die„Lesevereinigung“ hat auf Montag, den 21. April wieder einen Vortragsabend im Schützengarten veranstaltet. Der bestens bekannte Rezi⸗ tator, Herr Schauspieler Walkotte aus Berlin wird „Jolanthe's Hochzeit“ von Sudermann vortragen. Der Eintrittspreis beträgt nur 30 Pfg. Wir empfehlen jeden Arbeiter angelegen!lichst den Besuch des Vortrags. h.„Kein Geistlicher hat ihn begleitet.“ Wie dem Werther, erging es auch dem Sekretär Sarges, dessen Leiche vor kurzem in der Nähe von Löhnberg aus der Lahn gezogen wurde. Die näheren Umstände bei der Beerdigung des Unglücklichen werden in Wetzlar noch immer viel besprochen, wobei das Verhalten der Geist⸗ lichkeit allgemein getadelt wird. Diese verweigerte näm⸗ lich die Begleitung der Leiche, obwohl es ziemlich sicher ist, daß Sarges den unglückseligen Schritt im Zustande höchster Gemütserregung gethan hat, also kaum dafür verantwortlich zu machen ist. Uebrigens kann ihm ja auch ein Unglück zugestoßen sein, kein Mensch hat ge⸗ sehen, daß er selbst ins Wasser ging. Wie oft kam es schon vor, daß Leute„besserer“ Stände, die freiwillig aus dem Leben schieden, doch mit allen religiösen Ehren begraben wurden. Die christliche Nächstenliebe tritt hier In solchen Fällen sollten gar nicht viele Bittgänge zu den schwarzen Herren ge⸗ macht werden, es geht ja so auch. Der Bürgermeister hielt am Grabe eine kurze Ansprache, in der er den so früh Verstorbenen lobte.— Uebrigens führt man die Erregung Sarges' am Tage seines Verschwindens auf die Auseinandersetzung zurück, die er mit dem Beige⸗ ordneten Hiepe hatte und die Behandlung, die ihm letzterer angedeihen ließ. h. Arbeiterentlassung. Etwa 40 Ar⸗ beitern auf dem Zementwerke der Sophienhütte wurde gekündigt, jedenfalls wegen Arbeitsmangel. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhai n. Sb Kym münales, In der am Freitag nachmittag stattgefundene Sitzung der Stadtverordneten teilte der Stadtverordneten⸗ Vorsteher Dörffler mit, daß die Regierung die Anschaffung von Litevken für die Poltzei⸗ sergeanten vorläufig abgelehnt habe. Warum, erscheint uns unerfindlich. Die Polizisten der früheren staatlichen Polizeiverwaltung war das Tragen von Litevken während der Sommer⸗ monate gestattet, ebenso ist dies bei der Post und Steuerbehörde der Fall und den jetzigen Polizeibeamten wird diese Vergünstigung nicht gewährt.„Erkläret mir Graf Oerindur usw.“ — Aus den weiteren Verhandlungen ist noch erwähnenswert, daß der schon früher erwähnte Entwurf einer Polizeiverordnung zur Regelung der Schornstein⸗Reinigung im Stadibezirk Marburg, welcher einer Kommission überwiesen war, der Versammlung zur Beratung vorlag. Die Stadt bildet hinfort einen einzigen Zwangs⸗ Kehrbezirk und kann sich jeder nach Belieben einen der hiesigen Schornsteinfegermeister wählen. Die Reinigung muß 24 Stunden vorher an⸗ gesagt oder im Verhinderungsfall abgesagt werden. Die Verordnung enthält genaue polizeiliche Vorschriften, denen die Schornstein⸗ fegermeister, deren Gesellen oder Lehrlinge nach⸗ zukommen haben. Dieselbe wurde mit den Kommissionsanträgen genehmigt. — Der Streit über die Unterhaltung der Wege auf dem Friedhofe wurde dadurch ge⸗ schlichtet, daß die Stadt dieselbe künftig über⸗ nimmt. Auch ist durch den Ankauf verschiedener Grundstücke westlich des Friedhofes für den Kaufpreis von 32 650 Mk., eine Erweiterung desselben zugesichert.— Weiter ist der Bau eines 28 m hohen vierten Gasbehälters vor⸗ gesehen. Da man sich jedoch darüber nicht einigen konnte, wo das Ungetüm aufgestellt werden soll, so wurde zunächst eine Besichtigung des Terrains der Gasfabrik vorzunehmen be⸗ an— Zum Schluß wurde noch die euanstellung von weiteren 8 Polizisten genehmigt. 5 — Der Kampf ist entbrannt! Näm⸗ lich gegen unsern Konsumverein. Der Inhaber der„Kölner“ Konsum⸗Anstalt, Arnemann, verwahrt sich in einem längeren„Eingesandt“ in den hiesigen Zeitungen, wobei er in reklame⸗ mäßiger Weise sein Unternehmen anpreist, gegen vermeintliche Angriffe des„Wander⸗ redners“ des Konsumvereins Dejung⸗ Mannheim, welcher, wie schon an dieser Stelle mitgeteilt, kürzlich hier im Cafe Quentin,(in welchem sich auch das Arnemannsche Geschäft befindet) über Zweck und Nutzen der Konsum⸗ vereine sprach. Herr A. schreibt da u. a., daß der Vorstand und Aufsichtsrat des Konsum⸗ vereins wüßten, daß der Hamburger Handlungs⸗ beflissene nur dazu da sei, um dem Arbeiter sein Liter Petroleum, Dutzend Heringe oder Pfund Schmierseife zu verkaufen. Wenn dies die Hauptartikel der Arbeiter sind, so braucht sich Herr A. nicht so aufzuregen, denn da an diesen Artikeln bekanntlich wenig verdient wird, so wird auch der Ausfall durch den Verlust der Arbeiter⸗Konsumenten für Herrn A. zu ertragen sein.— Natürlich hat es sich der Vorstand und Aufsichtsrat des Konsumvereins angelegen sein lassen, die Entstellungen und teilweisen wahrheitswidrigen Behauptungen das Herrn A. durch eine gesalzene Entgegnung und Richtigstellung in den hiestgen Zeitungen zu widerlegen. — Lehrlings⸗Ausstellung. Bei der kürzlich hier stattgefundenen Ausstellung von Lehrlingsarbeiten wurde einem im ersten Lehrjahre stehenden Schreinerlehrling für ein von ihm angefertigtes Nachtschränkchen der 2. Staatspreis(25. Mk.) von der Prüfungs⸗ kommission zuerkannt. Nachträglich bezweifelten aber zwei andere Meister(vielleicht aus Brot⸗ neid 2), daß der Lehrling die betreffende Ar⸗ beit allein ohne fremde Hilfe angefertigt habe, trotzdem dies sein Meister durch Nameusunter⸗ schrift beglaubigt hatte. Der Lehrling hat aber nun in einer anderen Werkstatt dieselbe Arbeit noch einmal allein angefertigt und dürften die beiden Rivalen nunmehr von der Richtigkeit überzeugt sein. Ein furchtbares Unwetter entlud sich am Montag früh über Berlin und richtete in der ganzen Stadt ungeheure Verwüstungen an. Seit Menschengedenken ist kein so verheerendes Gewitter über Berlin niedergegangen. Gegen 2 Uhr morgens nahte es sich, aus dem Nordosten kommend, der Reichs⸗ hauptstadt zunächst nur unter Blitz- und Donner⸗ erscheinungen. Gegen ½3 Uhr setzte leichter Regen ein, dem gegen 3 Uhr stellenweise ein gewaltiger Hagelschlag folgte. Um ½4 Uhr fielen besonders im Südwesten, Westen und Centrum solche Eismassen, daß Fahrdämme und Bürgersteige 10 Centimeter hoch bedeckt waren. Um 5 Uhr endlich trat ein wolken⸗ bruchartiger Regen ein, von dem zunächst ganz besonders der Norden betroffen wurde. Inner⸗ halb weniger Minuten standen ganze Stadtteile unter Wasser und die bedrängten Bewohner der Kellerräume, die vielfach nicht ihr Mobiliar zu retten vermochten, riefen jammernd um Hilfe. In drei Fällen mußten Feuerwehrleute in Wiegen schwimmende Kinder aus ihrer gefähr⸗ lichen Lage herausholen. Obwohl auf sämt⸗ lichen Pumpstationen alle Maschinen in Thä⸗ tigkeit gesetzt waren, drangen die Wassermassen quellenartig aus den Kanälen hervor. Außer⸗ dem platzten Wosserröhren und erhöhten so die allgemeine Not. Durch vielfache Dammrut⸗ schungen war der Eisentahnverkehr nach meh⸗ reren Richtungen hin unterbrochen; auch die elektrische Bahn mußte den Betrieb einstellen. Mehrfach schlug der Blitz in die elektrischen Wagen, doch sind Menschenleben glücklicher⸗ weise nicht zu beklagen. Mehrere Häuser stürz⸗ ten ein, viele mußten abgesprießt werden. Die Feuerwehr wurde an 400 mal alarmirt. Kleine Mitteilungen. * Bauunfall. Am Samstag Vormittag verunglückte in Friedberg ein Maurer von Ober⸗Mörlen am Neubau Zimmermann dadurch, daß ihm ein Träger auf den Arm fiel. Er mußte nach Gießen in die Klinik gebracht wer⸗ den. * Ein Einbruch wurde in der Nacht ger Samstag auf Sonntag bei N. Spier Söhne lael Alsfeld verübt und ein Anzug im Werte 60 Mk. gestohlen. Dem Thäter, einem dortigen Bürgersohn, der sich schon längere Zeit beschäf⸗ tigungslos in der Gegend herumtreibt, legt man auch mehrere Zechprellereien zur Last. ** Gerüsteinstur z. Bei einem Neu⸗ bau in Offenbach, Ecke der Kaiser⸗ und Johannisstraße, stürzte am Samstag Abend das Gerüst ein. Drei Arbeiter, darunter der Polier, wurden in die Tiefe gerissen und schwer verletzt. ** Der Direktor des Akkumula⸗ torenwerkes Pollak in Frankfurt, Massenbach, wurde am Montag Abend bei Boppard am Rhein todt auf dem Eisenbahn⸗ geleise aufgefunden. Jedenfalls hat Massen⸗ bach seinem Leben freiwillig ein Ende gemacht. Sein Selbstmord wird mit dem Fehl betrag von über 271000 Mk., den die Jahresbilanz der Werke aufweist, in Verbindung gebracht. Schon im Jahre 1900 soll ein Fehlbetrag vor⸗ handen gewesen, aber durch falsche Buchungen verdeckt worden sein. Fraalich ist indessen, ob Massenbach eine Schuld trifft. k Preußische Polizei. Genosse Ro⸗ dert Seidel, Reallehrer in Zürich, sollte in dieser Woche in Frankfurt zwei Vorträge halten, die Polizei erlaubte jedoch nicht, daß der gefährliche Mensch reden durfte. ** Sauberer Seelenhirte. Das Münchener Landgericht verurteilte am Dienstag den katholischen Pfarrer und Distrikts-Schul⸗ inspektor Graf von Oberalting wegen 5 Ver⸗ brechen gegen die Sittlichkeit, begangen an Schulmädchen zu 2½ Jahren Gefängnis. Sechs weitere Fälle konnten ihm nicht genau nachgewiesen werden. Natürlich versuchte er sich herauszuschwindeln und die Vorgänge als harmlos hinzustellen. * Ratssekretär Golla in Leipzig hat den verantwortlichen Redakteur der„pz. Volks. Ztg.“ verklagt, weil das Blatt vor einiger Zeit ihn beschuldigte, Schmähkarten an Bebel geschrieben zu haben. Dafür will aber der Beklagte, Genosse Seeger den Wahrheitsbeweis erbringen. Am Donnerstag stand in der Sache Termin vor dem Leipziger Schöffengericht an, die Verhandlung wurde aber vertagt. Auf Antrag des Klägers sollen noch weitere Schreib— sachverständige geladen werden. Partei-Nachrichten. Wegen eines Hunnenbriefes, den er in der Frkftr.„Volksstimme“ veröffentlicht hatte, war Genosse Dr. Quarck vom Franksurter Landgericht zu 3 Wochen Gefängnis verurteilt worden. Seine hiergegen eingelegte Revision wurde vorige Woche vom Reichsgericht ver⸗ worfen. Versammlungskalender. Samstag, den 19. April. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versam m⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Dienstag, den 22. April. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Humoristisches. Die Ansicht des Großstadtkindes. In den Osterprüfungen einer Dresdener Bürgerschule fra gte ein Lehrer:„Was mögen sich die Eltern des Herrn Jesus Christus wohl gedacht haben, als sich das Kind drei Tage im Tempel aufhielt?“ Nach verschtedenen Antworten der Schülerinnen meldete sich auch noch Klein⸗ Elschen und sagte:„Die Eltern haben vielleicht gedacht, ec ist unter die Elektrische gekommen!“ ** * Ein Leutnant spricht in der Instruktionsstunde über den Fahneneid im Allgemeinen und die Fahne im Be⸗ sonderen:„Die Fahne ist das Symbol der Treue für den Soldaten.— Aeh... Pionier Kubel, sagen Sie mal, was ist Symbol?“— Pionier Kubel schweigt, ebenso alle anderen, an die sich der Leutnant mit seiner Frage wendet. So sieht sich genötigt, die Erklärung selbst zu geben:„Aeh Symbol— äh— ist ein Ding, woran nicht zu ven ist.“ 5 * 3 — Seite 6. Mitteldeutsche Sonuntags⸗Zeitung. Nr. 16. 4 b Unterhaltungs-Ceil. ——— Im Stillen erblüht. Von E. Langer. (Fortsetzung). „Eines Tages stand in den Zeitungen, daß ein neugeborenes Kind, ein Knabe, ausgesetzt, die unnatürliche Mutter aber entdeckt und ver⸗ haftet worden sei. Ach, wie leicht man doch darüber hinweg⸗ geht, oder mit sittlicher Entrüstung liest, daß hier eine Mutter ihr Kind getötet, dort aus⸗ gesetzt habe, während unter hundert Lesern kaum Einer daran denkt, daß die Schmach, welche die Gesellschaft an eine uneheliche Geburt heftet, die als unnatürlich gescholtenen Mütter zu der That getrieben hat. Marie hatte das heimlich geborene Kind nicht zu töten vermocht. Die Hand, welche sie schon um das Hälschen gelegt, um es zusam⸗ menzudrücken, war kraftlos herabgesunken, und wie erstarrt hatte sie dagesessen und auf das kleine Wesen geschaut, bis die Angst und Ver⸗ zweiflung 15 aufgerüttelt. Fort mußte es. Wohin mit ihm? Es irgendwo hinlegen. Gute Menschen würden es finden und aufer⸗ ziehen. Schwach, wie sie war, erhob sie sich und kleidete sich an. Das Kind packte sie in ihren Marktkorb und verließ damit das Haus. Es war noch früh am Morgen und noch still auf den Straßen. Sie ging und ging, immer mit dem Gefühl, daß sie beim nächsten Schritte zu⸗ sammenbrechen würde. Jetzt endlich mußte es geschehen. Dort der Thorweg, kein Mensch in der Nähe— sie schlüpfte hinein, im nächsten Augenblick erschien sie wieder, am ganzen Leibe zitternd, das Gesicht mit Todesblässe bedeckt. Einige Schritte schwankte sie noch, dann stürzte sie ohnmächtig zu Boden.— Vor dem Richter legte sie ein vollständiges Bekenntnis ab, doch ohne Reue über ihre That zu zeigen. Das Urteil lautet auf drei Monate Gefängnis. Als sie dasselbe verließ, ein Schatten ihrer selbst, übergab man ihr einen Brief mit der Nachricht von dem Tode ihres Vaters und die Adresse der Frau, welche das Kind in Pflege genommen hatte. Mechanisch verfügte sie sich nach der ihr bezeichneten Wohnung. Ihr Empfang von Seiten der Frau, einer Korbmacherswittwe, die das Geschäft nach dem Tode ihres Mannes mit einem Gesellen fort⸗ setzte, war kein sehr freundlicher, weil diese das Kostgeld, welches sie von der Waisenverwaltung für das Kind bezog, nun zu verlieren fürchten mußte. Bald überzeugte sie sich jedoch, daß Marie gar nicht gewillt war, ihr das Kind abzunehmen. Stumpf betrachtete sie dasselbe, wie es kärglich bekleidet auf seinem keineswegs sauberen Bette lag und eifrig an einer nach saurer Milch riechenden Flasche sog. Wieder⸗ erkannt hätte sie es niemals und der mütter⸗ liche Instinkt sagte ihr nichts. Auch hörte sie kaum darauf, als die Frau nun zu ihr trat und ihre auf das Kind verwendete Pflege zu rühmen begann. „„Und es ist ein so gutes Geschöpfchen, immer still und freundlich. Was werden Sie denn nun mit ihm anfangen?“ Ja, was sollte sie mit ihm anfangen? „Kann es denn nicht bei Ihnen bleiben 29 fragte sie.„Ich muß doch wieder in Dienst 1 soll ich denn dabei mit dem urm?“ Die Frau betrachtete sie von oben bis unten. „Na, machen Sie man erst, daß Sie zu Kräften kommen. So, wie Sie jetzt sind, nimmt Sie keine Herrschaft. Sie sehen ja aus, wie efragt Umblasen.“ könne Man kam dann überein, daß Marie en je⸗ Erste bei der Korbmacherin in Schlo Bahn⸗ bleiben sollte. Von der kleinen Sumnt Fried- sie aus dem Nachlaß ihres Vaters erhalten, konnte sie das Kostgeld erlegen. Die Räum⸗ lichkeiten waren allerdings äußerst beschränkt. Marie mußte in einem Verschlage schlafen, in dem nur gerade das Bett und ein Stuhl Platz hatten, aber nach dem Gefängnis erschien ihr diese Unterkunft wie ein Paradies. Der Wartung des Kindes unterzog sie sich jedoch nur mit Widerwillen. Das Kind war an ihrem Unglück schuld und dann hatte es auch die blauen Augen ihres Verführers, jenes Schurken, den sie haßte— haßte. Bei schönem Wetter trug sie es hinaus, bei schlechtem saß sie mit ihm stumpf und gleichgültig in einer Ecke des Arbeitsraumes, in dem die Kinder der Wittwe umherspielten, und sah den Hantie⸗ rungen der Frau und ihres Gesellen zu. Bei diesem müßigen Leben und dem häufigen Aufenthalt in freier Luft blühte Marie bald wieder auf und verfehlte nicht, das Wohlgefallen des Gesellen zu erregen, der gutmütige Mensch hatte zudem herzliches Mitleid mit ihr. Er war auch in den Jahren, eine Frau zu nehmen, und da er sein Geschäft gut verstand, so würde er ja auch sein Auskommen haben. „Frau Henning,“ sagte er eines Tages zu seiner Brotherrin,„was meinen Sie, wenn ich die Marie Grunert heiraten thät?“ Die Wittwe glaubte, nicht recht zu hören. Denn sie hatte selbst im Stillen gehofft, den Gesellen zum Mann zu bekommen, obgleich ste zehn Jahre älter war. „Was, heiraten wollen Sie? Und die an⸗ gebrannte Grütze ist Ihnen gut genug?“ „Reden sie doch nicht so, Frau Henning. Ist denn das was Anderes, als wenn man eine Witwe freit?“ versetzte der Geselle arglos. „Da spricht doch kein Mensch von angebrannter Grütze, und so'n Mädchen denkt nicht einmal mehr an den Lump von Verführer, während eine Witwe sich am Ende noch immer um ihren ersten grämt.“ „Kann schon sein; der Zweite taugt auch gewöhnlich nicht viel,“ sagte die Frau kühl. „Na, probieren Sie's doch. Ich werd! mich dann aber gleich nach einem anderen Gesellen umsehen, denn Sie werden doch wohl auf eigene Rechnung arbeiten wollen.“ Das würde wohl so'rauskommen, meinte der Geselle, und noch selbigen Tages ging er, nachdem er Feierabend gemacht, der Marie nach, die mit dem Kind auf einer Bank des nahen Spielplatzes saß. Als er sich ihr eröffnete, sah sie ihn eine Weile stumm mit großen Augen an und dann sagte sie, daß sie es sich überlegen wollte. Der stille bescheidene Mensch mit dem Dutzendgesicht war ihr niemals begehrenswert erschienen. Einer, der ihr gefallen sollte, mußte ganz anders aus⸗ sehen. Aber es schmeichelte ihr doch, daß er sie trotz des Kindes heiraten wollte, und nach⸗ dem sie ihre Lage recht überdacht, erschien es ihr als das Beste, den Ankrag anzunehmen und mit guter Manier unter die Haube zu kommen. So war denn Marie Frau Fengler ge⸗ worden und die Ehe ließ sich ganz gut an. Aus dem Arbeiten auf eigene Rechnung war freilich nichts gewordeu, denn Fengler hatte eingesehen, daß der Kleinbetritz, sich nicht verlohnte und daher in einer gro an Korbwarenfabrik Arbeit genommen. Marie Krug zum Erwerb mit bei, indem sie feine Wäsche bügelte, was ste als Hausmädchen gründlich gelernt hatte. Es war soweit ein ganz ordentlicher und friedlicher Hausstand, allein es fehlte ihm von vornherein etwas, und das war die Liebe der Frau für Mann und Kind. Obgleich sich das Letztere sehr gut entwickelte und bei allen Leuten für ein herziges Bübchen galt, blieb es für Marie die Ursache ihres Unglücks, denn als solches betrachtete sie ihre Ehe mit dem schlichten Arbeiter. In ihrer Eitelkeit und Selbstsucht hatte sie viel höher hinaus gewollt und es kam ihr nicht in den Sinn, daß eben dieser Hochmnt zu ihrem Fall geführt hatte. Je herzloser sich ie Mutter gegen das Kind verhielt, desto inniger ahm sich Fengler des Kleinen an. Er machte Larie keine Vorwürfe, wie er überhaupt ihr zesen schweigend ertrug, denn er liebte sie um rer hübschen Erscheinung und der Ordnung — willen, mit der sie den Haushalt führte. Er hätte ihr die Hände unter die Füße legen mögen, wenn er einmal ein freundliches Gesicht von ihr bekam. Aber das war selten genug. Immer und immer grübelte sie über die Vergangenheit, und wie Alles anders und besser gekommen wäre, wenn sie ihrem Verführer nicht blindlings Glauben geschenkt hätte. Sie bildete sich noch immer ein, daß er sie geheiratet haben würde, wenn sie ihm nicht zu Willen gewesen wäre. Zwei Mädchen, die im Laufe der Jahre geboren wurden, lenkten zwar Marie von ihren selbstsüchtigen Gedanken ab, aber nun kam ein Anderes hinzu, was zu ernstlichen Zerwürfnissen zwischen den Eheleuten führte. Bisher hatte Fengler einen, wenn auch kargen, so doch regel⸗ mäßigen Verdienst gehabt, der bei Maxien's Ordnung und des Mannes Bedürfnislosigkeit zum Leben hingereicht hatte. Infolge einer allgemeinen Flauheit des Geschäftsverkehrs begann man nun aber ihm wie seinen Kame⸗ raden willkürliche Lohnabzüge zu machen, ja man zahlte au den Löhnungstagen nicht einmal den Rest vollständig aus. Fengler wußte oft nicht, woher er die nötigen Lebensmittel für die Familie schaffen sollte. Die Wirtschaft ging mehr und mehr zurück. In dieser Zeit war es, wo der nun fast achtjährige Fritz seine Stelle als Semmeljunge antrat, wie sehr der Vater sich dagegen sträubte, das Kind so früh aus dem Schlaf reißen zu lassen. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Als Fengler an einem Sonnabend wieder nur einen Teil seines Wochenlohnes ausgezahlt erhielt und sich bei dem Prinzipal darüber beschwerte, wurde er ohne Angabe des Grundes entlassen. Seine Bemühungen, anderwärts Arbeit zu finden, blieben fruchtlos. Die Korbmacherfirmen wett⸗ eiferten förmlich mit der Herabdrückung der Arbeitslöhne, aber selbst wenn er für den nied⸗ rigsten Lohn hätte arbeiten wollen, die Werk⸗ stätten blieben ihm wie auf Verabredung ver⸗ schlossen. (Fortsetzung folgt.) Wie Bebel und Singer reich wurden. Unserm kölnischen Parteiorgan war, offenbar aus sehr gutgläubigen Kreisen folgende Anfrage mit altem Inhalt zugegangen:„Hierdurch die ergebenste Anfrage, aus welchen Mitteln das dem Abgeordneten Bebel gehörige Schloß am Züricher See erbaut wurde, vieleicht aus Arbeitergroschen? Ferner, wie sich der Sozialisten⸗ Millionär Singer als Vertreter des„ausge⸗ heuteten Volkes“ aufzuspielen wagt, ist mir ein Rätsel; er ist doch jedenfalls auch ein Börsenspekulant, der somit auf die Getreidepreise und somit auch auf die Verteuerung des Brodes einen großen Einfluß hat. Anstatt den „Zentrumsjudassen“ sollet Ihr Heuchler den „Juden“ mal zu Leibe gehen; aber nein, „Singer“ ist ja auch ein Jude! Bitte um Auskunft!“ Unser Bruderblatt antwortet sehr witzig wie folgt:„Da Sie so höflich um Aus⸗ kunft bitten und außerdem ohne Zweifel ein sehr christlicher Mann sind, dem wir seine Osterfreude gönnen, so wollen wir Ihre Fragen gerne beantworten. Bebel ist, wie sie wissen, ein geborener Kölner; als solcher ist er mit Dr. Röckerath bekannt geworden und hat mit diesem in glücklichen Terrainspekulationen gemacht. Daher sein Vermögen. Sein„Schloß“ am Züricher See soll übrigens, wie er bereits testamentarisch festgelegt hat, nach seinem Tode in eine Kapelle umgebaut werden. Was Singer betrifft, so sind Sie im Irrtum. Singer hat sein Vermögen nicht an der Börse erworben, er hat auch nicht in Getreidespekulationen gemacht; an der Verteuerung des Getreides sind so viele Christenseelen, vor allen Dingen Zentrumsmänner thätig, daß Singer es für gut fand, hier die Konkurrenz nicht noch zu vergrößern. Wir rechnen auf Ihre Verschwiegen⸗ heit, wenn wir Ihnen verraten, daß Singer von 1882 bis 1891 den Peterspfennig gepachtet hatte; er hat damit ein anständiges Stück Geld verdient. Der Papst hat ihn sogar für seine Umsicht, mit der er den Peterpfennig in den genannten Jahren eintrieb, zum Grafen ernannt r fen s — a il 1a il Der ur ein Die Glephan Eich Die le die Das uwisser Nr. 16. te. Er n mögen, ict bon „Immer genheit, kommen indlings sich noch würde, en wäre. L Jahte n ihren zam ein rfnissen her hatt 0h Tegel⸗ Marien'z Klosigkeit ge einer berkehrs e Kame⸗ achen, ja gt einmal hußte ost üttel für Wirtschaft ieser Zeit Fritz seine sehr der d so früh Aber es Fengler nen Teil und sich e, wurde n. Seine finden, nen wett⸗ kung der den nied⸗ ie Werk⸗ ung ver⸗ vurden. offenbar Anfrage durch die tteln das chloß am icht aus oiialister⸗ Nr. 16. Mitteldeutsche Sonntags⸗Feitung. Seite 7. Die Sache ist geheim geblieben und wir hoffen, daß auch Sie weiter keinen Gebrauch 2 machen. Im Uebrigen wünschen wir Ihnen Glück, daß Sie einer Religion angehören, in der Sie nur Ihre Sünden nicht aber auch Ihre Dummheiten zu beichten brauchen. Sie hätten sonst viel zu thun.“ Was ist ein Spießbürger. Ein Spießbürger ist nichts als ein Hasen⸗ herz in vergrößertem Maßstabe. Der Kopf eines Spießbürgers ist gleichsam nur ein Trichter für seinen Magen. Die echten Spießer haben eine Art geistige Elephantenhaut, durch welche weder Hieb noch Stich geht. Die Spießbürger leben in abgelebten Ideen, wie die Lumpen in abgelegten Röcken. Das Spießbürgertum ist ein vierschrötiger, unwissender, tauber, blinder und besoffener Richter, an welchen alle Schurken appellieren die schlechte Absichten gegen Recht, Wahrheit und Vernunft durchsetzen wollen. Die Spießbürger sind die Sandkörbe, hinter welchen die brutale Gewalt am stchersten Frei⸗ heit und Recht beschießen kann. Dummheit, Dünkel und Eigennutz sind des Despotismus treueste Waffengefährten; Aber⸗ witz und Eitelkeit dessen Leiblakaien, die Feig⸗ heit sein Stiefelputzer und die Niederträchtigkeit sein Hofpoet. Diese Eigenschaften zusammen vereinigt aber ein Spießbürger in seiner liebens⸗ würdigen Person. (Aus dem Wiener„Charivari“, August 1848.) Splitter. Die Wahrheit kann wie echter Wein Mild, herb und schneidig und feurig sein; Jung sprüht sie glühend, zündet in die Ohren Und wärmt als Weisheit, wenn sie ausgegohren. Konrad Ettel. Geschichtskalender. 20. April. 1898: Mac Kinley's Ultimatum an Spanien. 1652: Cromwell sprengt das engl. Par⸗ lament auseinander. 21. 1898: Norwegisches Parlament beschließt das allgemeine Stimmrecht. 1888: Ausweisung des„Soztal⸗ demokrat“ aus der Schweiz. 1488: Ulrich von Hutten geboren. 22. 1897: Attentat auf König Humbert in Rom. 1896: Prozeß gegen v. Hammerstein, Redakt. der „Kreuzztg.“ und Reichstagsabg. ö 23. 1897: Wilhelm II. Vaterlandlosen⸗Depesche an Prinz Heinrich. 24. 1900: Skandalprozeß gegen die Zentrums⸗ größe Dasbach. 1897: Prozeß gegen den Kolonial⸗ Peters. 1792: Rouget de l'Isle(spr. Ruscheh D' Lihl) komponiert die Marseill aise. 25. 1901: Große Explosion in der chem. Fabrik Griesheim, 23 Tote. 1792: Einführung der Guillotine. 26. 1787: Od w. Uhland, Gelehrter und Dichter in Tübingen geboren. Fir Mlagenseidende Allen denen, die sich durch Erkältung oder Ueberladung des Magens, durch Genuß mangelhafter, schwer verdaulicher, zu heißer oder zu kalter Speisen. oder durch unregelmäßige Lebensweise ein Magenleiden, wie: Magenkatarrh, Magenkrampf, Magen⸗ schmerzen, schwere Verdanung oder Ver⸗ sch leimun 9 zugezogen haben, sei hiermit ein gutes Hausmittel empfohlen; dessen vorzügliche heilsame Wirkungen schon sett vielen Jahren 2 erprobt sind. Es ist dies das bekannte Verdauungs⸗ und Blutreiuigungsmittel, der Hubert Ulrich'sche Kräuter-Wein Preisen empfiehlt E Nonfirmandenltiekel u tte rer, rasen in jeder Preislage und reichster Auswahl, sowie Arbeiter, Schuhe und ⸗Stiefel, Sonntagsstiefel und alle sonsti⸗ gen Schuhwaren in den besten Qualitäten zu den billigsten ObDraht-⸗ Arbeiten Carl Germer, Heuchelheim. Zur Anfertigung aller als: Gartenzäune, Hühner- u. and. Justus Benner, Gießen, Marktstraße 34. Gogesbauser, pühnernester u. sonst Anfertigung nach Maß!— Reparaturen in Drahtarbeiten empfiehlt sich eigener Werkstätte rasch, gut und billig. Max Aruold, Neuenweg 42. Dieser Kräuter Wein ist aus vorzüglichen, heilkräftig it hefundenen Kräutern mit gutem Wein ber stärkt und belebt den ganzen Verdauung des Menschen, ohne ein Abführungsmit zu sein. Bucdde's Schirme sind dauerhaft und preiswert. b, und Regenschirme, Sonnenschirme, Wasserkrüge kaufen „Benner& Krumm Bahnhofstraße 40. 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Kräuter⸗Wein behebt jedwede Unverdaulichkeit, verleiht dem Verdauungssystem einen Aufschwung und entfernt durch einen leichten Stuhl alle untauglichen Stoffe aus dem Magen und Gedärmen. Hageres, bleich. Aussehen, Blutmangel, Entkräftung sind meist die Folge schlechter Verdaunng, mangelhafter Blutbildung und eines krank⸗ haften Zustandes oer Leber. Bei gänzlicher Appetitlosigkeit unter nervöser Abspannung und Gemüthsverstimmung, sowie häufigen Kopfschmerzen, schlaflosen Nächten, siechen oft solche Kranke langsam dahin. 3 Kräuter⸗Wein giebt der geschwächten Lebenskraft einen frischen Impuls. i Kräuter⸗Wein steigert den Appetit, befördert Verdauuag und Ernährung, regt den Stoffwechsel kräftig an, beschleunigt und verbessert die Blutbildung, beruhigt die erregten Nerven und schafft dem Kranken neue Kräfte und neues Leben. Zahlreiche Anerkennungen und Dankschreiben beweisen dies. 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Etwaige Anträge zur Generalversammlung sind 8 Tage vorher schriftlich bei dem Vorstande einzureichen. Marburg! Sonnabend, den 19. April, Abends 9 uhr Oeffenlliclie Partei-Oersammlung im Jesberg' schen Lokal, Wehrdaerweg 2 Tagesordnung: 1. Reichstagswahl. . Maifeier. Neuwahl eines Mitgliedes zur Kolportage-Kommission. 4. Verschiedenes. Um zahlreiches Erscheinen ersucht Der Vertrauensmann. Heinrich Poll Giessen 2 Mäusburg Bo. 7 Papfer⸗Handlung Buchbinderei Geschäftsbücher — Drucksachen Einrahmen v. Bildern 2 3 2 Man nehme die Gelegenheit wahr! 5 Lieferung durch eigenes Fuhrwerk Tücht. Roekarbeiter Gg. Leib K Sohn gesucht. Georg Leib& Sohn Jung. 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