Nr. 40 Seh u. hen. A * 5 N D 48 8 . T. un uun,L-uu K f — Nr. 42. Gießen, Sonntag, den 19. Oktober 1902. 8 9. Jahr Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. e Mitteldeuts che Unntags⸗ Medaktiousschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr — kitung. Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Bestelluugen 2 Juserate 2 finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die öigespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindeste⸗ Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch] Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestell die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4940) 33/8%% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rab⸗ Der Kampf um die Beute. Der Entscheidungskampf um den Zolltarif hat in diesen Tagen im Reichstage begonnen. Niemand weiß, wie er endigen wird. Denn obgleich sich die Kommission den ganzen Sommer über in zahllosen Sitzungen mit diesem unge⸗ heuerlichen Gesetzentwurf abgemüht hat, so ist doch noch durchaus keine Klarheit geschaffen und die Verwirrung ist größer als vorher. Verschiedene Kommissionsbeschlüsse hat die Re⸗ gierung als für sie absolut unannehmbar be⸗ zeichnet, noch öfter haben die Agrarier erklärt, die Vorlage in dieser Form 10 0 zu wollen. Andere Beschlüsse wieder dürften zu Konflikten der Anhänger des Wuchergesetzes untereinander führen. Kurz, es ist gar keine Aussicht für eine Mehrheit vorhanden. Das Zentrum treibt sein agrarisches Demagogenspiel weiter. Achtundstebzig Abge⸗ ordnete der ausschlaggebenden Partei waren zusammengekommen und beschlossen, an den Beschlüssen der Zollkommission erster Lesung im„Allgemeinen“ festzuhalten. Man hat sich also eine kleine Hinterthür offen gehalten, durch die man gelegentlich bei einzelnen schwie⸗ rigen Situationen entweichen kann. Im Ganzen aber will man bei der Brodverteuerung⸗, Wucher⸗ und Aushungerungspolitik bleiben, die in der Kommission den Sieg davon getragen hat. Nun, uns könnte es recht sein, wenn das Zentrum bei dieser volksfeindlichen Politik verharrt. Wenn man sieht, wie der gefährlichste und mächtigste Feind sich selber mit unbesteg⸗ barer Hartnäckigkeit sein Grab schaufelt, so soll man ihn daran nicht hindern. Denn die Parteien, welche die unmöglichen Sätze der Tarifkommission sanktionieren und nicht nur eine Hungersnot hervorrufen, sondern auch alle Möglichkeit künftiger Handelsverträge radikal abschneiden und uns in den allgemeinen Zoll⸗ krieg stürzen wollen— ste sind für die Zukunft ebenso unmöglich, wie die unsinnigen, von der Kommisstion beschlossenen Sätze selbst. Sie müssen untergehen. Also— lassen wir ste machen! Das vom Hunger gequälte Volk wird das Joch dieser Parteien abschütteln. Das wäre ein einfaches Exempel und sieht so verführerisch aus, daß man große Lust haben könnte, die Probe darauf zu machen. Indessen — wir find eben keine Demagogen und spielen nicht frivol mit dem Wohl und Wehe des Volkes, soweit es in unsere Hand gegeben. Unser Volk leidet so wie so schon an Unterer⸗ nährung und wir wollen den Sieg über das Zentrum nicht mit einem Uebermaß des Elendes erkaufen. So lange es in unserer Macht liegt, dies Elend abzuwenden, wer den wir das thun, und die r wird dem Zolltarif im Reichstage den äußersten Widerstand entgegen setzen. Das Zentrum geht auch so zu Grunde, weun auch etwas später. Die alten Parteien gehen ihren gewiesenen Weg; sie zersplit ern an den Interessengegensätzen. Wir gehen in den Industriestaat hinein und das Zentrum wird vergebens versuchen, die Gegensätze zwischen Agrarismus und Industrialismus zu überbrücken. Es geht bei den vergeblichen Versuchen selbst in Trümmer; die Konsumenten und die Arbeiter im Zentrum revoltieren gegen die Zentrums⸗ agrarier. Die Zentrumspresse sucht kuh die Massen irre zu führen. Man kündigt an, daß man den Antrag, die Erträgnisse der Lebensmittelzölle für die Versicherung von Wittwen und Waisen zu verwenden, wieder einbringen werde. Dieser Humbug zieht nicht mehr, das Zentrum macht sich damit zum Gespött der Arbeiter und der andern Parteien. Auch Wittwen und Waisen begreifen, welch ein Hohn darin liegt, wenn man notdürftige Lebensbedürfnisse, sagen wir um eine Mark verteuert und einen Pfennig von dieser Mark für gemeinnützige Zwecke bestimmt. Bei alledem glauben wir noch immer, daß die Herren mit sich handeln lassen. Die„Festig⸗ keit“ und„Entschiedenheit“, mit der sie nun Stellung nehmen, soll der Regierung imponiren; sie soll den„unerschütterlichen“ Willen der agrarischen Mehrheit, an ihren Beschlüssen fest⸗ zuhalten, kennen lernen. Damit hofft man, ihr die 50 Pfennig⸗Zollsteigerung abzuzwingen, wegen der jüngst das sächsische Agrarierorgan die Throne zusammenkrachen und die bürgerliche Gesellschaft in Blut und Braud untergehen ließ. So hofft man zu einer„Verständigung“ zu gelangen. Wird die Regierung schwach sein und nachgeben? Für sie muß es aber eine Grenze geben, denn sie muß doch schon längst bet den handeltreibenden Staaten sich die Sicherheit verschafft haben, wie weit sie gehen kann, wenn sie sich die Möglichkeit des Ab⸗ schlusses von Handelsverträgen offen halten will. Sie hat aber wiederholt versichert, daß sie mit den in ihrer Vorlage enthaltenen Zoll⸗ sätzen an die äußerste Grenze gegangen ist. Und doch haben auch die Zentrums-Schutzzöllner versichert, sie wollten die Möglichkeit des Ab⸗ schlusses von Handelsverträgen nicht abschneiden! Es ist darum schwer zu erkennen, ob das Verhalten des Zentrums nur ein taktisches Manöver ist, das die Regierungsvorlage als die Beute des ganzen agrarischen Feldzuges sichern soll. Dazu wird neuerdings fest ver⸗ sichert, die Regierungsvorlage werde von den entschiedenen Agrariern ebenso entschieden ver⸗ worfen werden, wie von der Sozialdemokratie. Das kann uns nur recht sein, aber wir glauben nicht ganz daran. Wenn die Taube auf dem Dache davon geflogen ist, dann wird man kaum den Sperling in der Hand nicht auch freiwillig davon fliegen lassen. So ganz zu erachten scheinen die Herren Beutepolitiker auch die Regierungsvorlage nicht, wenn ste sich auch noch so grimmig geberden. Wenn in Folge dieser berworrenen Situation beide Vorlagen— die der Regierung und die der Kommisston, unter den Tisch fielen, so wäre dies das Beste und Erwünschteste, was kommen könnte. Die Regierungsvorlage wird von der Rechten und der Linken bekämpft. Die Beschlüsse der Kommission kann die Regierung nicht annehmen. Gegen die Regterungsvorlage und gegen Kommissionsbeschlüsse wird, wenn das eine oder andere durchzugehen droht, im äußersten Falle Obstruktion gemacht erden. So ist die Situation. Hoffnungslos für uns ist ste nicht. In nationalliberalen und anderen reaktio⸗ nären Blättern wird behauptet, die Sozial— demokratie sei von dem Gedanken an eine Obstruktion abgekommen. Warum pollte sie das? Weil sie nicht immer davon sprich Nun, das Schwätzen überläßt sie in dieser Sache Anderen; wenn Thaten erforderlich sind, wird man sie schon sehen. Die nationalliberale„Fraktion Dreh⸗ scheibe“ mahnt eifrig zur„Einigkeit“ und be⸗ zeichnet es als ein nationales Unglück, wenn der Zolltarif, wie ihn die Regierung vorgelegt, nicht zu Stande käme, während die ultra⸗ montane„Fraktion Drehscheibe“ ihre dema⸗ gogischen Manöver einstweilen fortsetzt. Die Freisinnigen halten es für angebracht, die Sozialdemokratie auf Schritt und Tritt zu beobachten und zu beschimpfen, anstatt ihr Augenmerk auf die Zollgegner zu richten. Kommt es im Plenum des Reichstags mit letzteren zum Treffen, so kann es ihnen leicht ergehen, wie den fünf thörichten Jungfrauen, die kein Oel auf ihre Lampen nahmen; sie werden nicht genügend vorbereitet für Schlacht sein. Die Sozialdemokratie hat keine an! Rücksicht zu nehmen, als auf die Interesse des notleidenden Volkes. Ihr Weg ist daher klar vorgezeichnet und sie wird sich von keiner Seite irreführen lassen. politische Rundschau. Gießen, den 15. Oktober. Der Reichstag hat am Dienstag seine Sitzungen wieder auf⸗ genommen. Weil das Parlament nur vertagt, nicht geschlossen war, gab es keine feierliche Eröffnung nebst Thronrede, sondern man trat sofort in die Tagesordnung ein, nachdem Prä⸗ sident Ballestrem den Herren Kollegen einige herzliche Begrüßungsworte gewidmet hatte. Zur Erörterung gelangten Petitionen, die von Frauenvereinen ausgehen und Schaffung eines einheitlichen Vereins- und Versam m⸗ lungsrechtes auch für die Frauen verlangen. Zu diesem Gegenstand sind schon seit Jahr⸗ zehnten lebhafte und mehr als berechtigte Klagen vorgebracht worden, ohne daß sich die Regierung veranlaßt gefühlt hätte, etwas zur Abstellung der traurigen Zustände zu thun, die durch die rückständigen und bevormundenden Bestimmungen vieler einzelstaatlicher Vereins⸗ gesetze hervorgerufen sind. Auch die Vertreter der bürgerlichen Parteien, die am Dienstag sprachen, erneuten die Klagen und forderten ein einheitliches Vereins⸗ und Versammlungs⸗ recht. Wie das aussehen soll, darüber herrscht jedoch Meinungsverschiedenheit. Trimborn vom Zentrum wollte den Frauen Versamm⸗ lungsrecht nicht in der gleichen Weise wie den Männern zugestehen, sondern nur, wo es sich um ihre Berufsinteressen handele. Damit würde doch höchstens wieder eine sehr unklare Bestimmung geschaffen, welche der poltzeiltchen Willkür Thür und Thor öffnete. Nachdem der Freistunige Müller von Meiningen einige besonders krasse Fälle aus Sachsen vorge brach hatte, kritisterte Genosse Bebel die auf desegz Gebiete herrschende Willkür, unter der besonders die Arbeiter zu leiden hätten, namentlich in Sachsen, wo man mit zweierlei Maß messe. Ist es nicht ein Skandal, daß der erste beste ganz ungebildete Polizist, der sein Wissen und ——— eee ———— — — 2 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeituns. Nr. 42. Können mit dem des betreffenden Redners nicht entfernt messen kann, Tausende von Menschen wie Schulbuben nach Hause schicken könne! Dem Zentrum sagte unser Genosse sehr mit Recht, daß es dort, wo es die Macht besitze, auch nicht für freies Versammlungsrecht sorge, so im bayrischen Landtage. Anderwärts treibt es den Sozialdemokraten die Säle ab.(Dafür lieferte z. B. im Sommer der Magistrat in Montabaur den Beweis. Dieser stellte für die Zentrumspartei den dortigen Rathaussaal zur Verfügung, doch verweigerte er ihn unsern Parteigenossen.) Unser Genosse verlangte zum Schluß, daß hier endlich einmal klares Recht eschaffen werde.— Mittwoch gelangte die nde Januar vertagte sozialdemokratische Interpellation wegen der Arbeitslosigkeit zur weiteren Beratung. Genosse Molkenbuhr, der zuerst zum Wort kam, bemerkte zunächst, daß sich seit Anfang des Jahres die Verhältnisse in Bezug auf die Arbeitslosigkeit noch keines⸗ wegs gebessert hätten. Weitere Verschlimme⸗ rung würde mit der Annahme des Zolltarifs eintreten. Redner verlangte Einführung der Arbeitslosenversicherung, die durchaus nicht undurchführbar sei und auf die er näher eingeht. Die Beschäftigung der Arbeitslosen müßte besser organisiert und dabei auf den Beruf der Leute Rücksicht genommen werden. Der Zentrumsmann Bachem vertrat die merk⸗ würdige Ansicht, daß der Zolltarif die Arbeits⸗ losigkeit mildern würde. Das Thörigte dieser Anschauung wurde ihm von unserm Genossen Huhlenn nachgewiesen. Gestützt auf gutes ahlenmaterial behauptete Zubeil, daß die Krise noch lange nicht überwunden sei, vielmehr im bevorstehenden Winter sich noch schärfer bemerkbar machen werde. Der Wildliberale Rösicke sprach mit anerkennenswerter Einsicht über die Frage; er bedauerte, daß die Regierung noch nichts gethan habe. Mit der Erbauung des Mittellandkanals könnte ein großer Teil der Arbeitslosigkeit beseitigt werden. Graf Posadowsky erklärte, daß sich die Regierung mit der Frage der Arbeitslosenversicherung demnächst beschäftigen werde. Geschäftspolitiker. Viele bürgerliche Politiker betrachten ein parlamentarisches Mandat als ein Mittel zur Förderung ihrer eigenen persönlichen und ge⸗ schäftlichen Interessen; das Wohl des Staates aber und der Gesamtheit, das sie schließlich auch nach ihrem Parteiprogramm fördern zu wollen vorgeben, ist ihnen vollkommen gleich⸗ gültig. Einen drastischen Beweis dafür giebt der Brief des nationalliberalen Reichstags⸗ Abgeordneten Fitz, Vertreter des pfälzischen Wahlkreises Homburg⸗Kusel. Fitz war Mitglied des Bundes der Landwirte und plauderte aus, daß dieser mit dem Zentrum ein Bündnis an⸗ strebe. Dafür rächte sich der Bund durch die Veröffentlichung des folgenden vor der 98er Wahl geschriebenen Briefes: „Es widerspricht meinen Gefühlen, mich selbst als Kandidat gewissermaßen zu empfehlen.... Aber ich will offen mit Ihnen sprechen und gestehe Ihnen des⸗ halb, daß es mir Vergnügen machen würde, Abgeord⸗ neter zu sein. Auch die günstigen Aussichten auf ein Kunstweingesetz, wodurch sich mein Einkommen be⸗ deutend günstiger gestalten würde, können mich bewegen, ja zu sagen. Was nun meinen politischen Standpunkt anbelangt, so stehe ich voll und ganz auf dem Boden des Bundes der Landwirte und bin auch ein Anhänger der großen Mittel, insbesondere des An⸗ trags Kanitz, für den ich ja, wie bekannt, schon oft gesprochen habe, zum Beispiel auf dem bekannten national⸗ liberalen Parteitag in Neustadt.“ Das sind die Leute, welche sich aus purer Vater⸗ landsliebe in Selbstlosigkeit für das Staatswohl aufopfern! Blühende Landwirtschaft ohne Zölle giebt es in Dänemark. Darauf ist von den Gegnern der Lebensmittelzölle schon oft hinge⸗ wiesen worden. Zwar konnten die Zöllner nicht abstreiten, daß sich die dänische Landwirt⸗ schaft ziemlich wohl befindet, sie behaupteten aber frisch und frech, daß sich Dänemark gegen jede Fleisch⸗ und Vieheinfuhr aus dem Auslande hermetisch abgeschlossen habe. Den Schwindel plapperten natürlich die antisemitischen Nach⸗ läufer des Junkertums getreulich nach. Jetzt wird nachgewiesen, daß Dänemark im Jahre 1900 93450 Doppelzentner Fleisch eingeführt hat oder 3,8 Kilogramm pro Kopf der Bevölke⸗ rung. In Deutschland hat im Jahre 1900 die Fleischeinfuhr 461000 Doppelzentner be⸗ tragen; das ist gleich 0,8 Kilogramm pro Kopf. Dänemark hat also beinahe fünfmal mehr Fleisch vom Auslande pro Kopf der Bevölkerung ein⸗ geführt als Deutschland. Außerdem aber sind noch 215370 Doppelzentner Schmalz und schmalzartige Fette im Jahre 1900 in Däne⸗ mark eingeführt; das ist etwa 8,8 Kilogramm pro Kopf der Bevölkerung, während die Einfuhr dieser Waren in Deutschland bei 1253 000 Doppelzentnern im Jahre 1900 nur 2,3 Kilo⸗ ramm pro Kopf der Bevölkerung betrug. Also führte Dänemark von diesen Waren beinahe viermal soviel ein pro Kopf der Bevölke⸗ rung als Deutschland. Diese Thatsachen können selbst die unverfrorensten agrarisch⸗ antisemitischen Verdrehungskünste nicht aus der Welt schaffen. Trotzdem werden die Agrarier weiter dreist und gottesfürchtig die Aufrecht⸗ erhaltung der Grenzsperre fordern,„damit die Gesundheit des Volkes nicht gefährdet werde.“ Neue Kriegsartikel sind kürzlich für das deutsche Heer heraus⸗ gekommen. Davon wird in der bürgerlichen Presse mit„Befriedigung“ gesprochen. Liest man sie ihrem Wortlaute nach, so könnte diese „Befriedigung“ einigermaßen berechtigt er⸗ scheinen. In dem einen dieser Artikel wird gesagt, daß dem Soldaten nach seinen Fähig⸗ keiten und Kenntnissen der Weg selbst zu den höchsten Stellen im Heere offen stehe, in einem anderen heißt es, der ehrenvolle Beruf des Soldaten dürfe durch ehrenwidrige Behandlung nicht herabgewürdigt werden. Und so noch manches andere. So schön diese Grundsätze klingen, so wenig steckt thatsächlich dahinter. Dem gemeinen Soldaten steht der Weg zu den höchsten Stellen im Heere ebenso offen, wie den Prole⸗ tariern der Weg zum Millionär, mögen seine „Fähigkeiten und Kenntnisse“ noch so groß sein. Ebenso eig fast jede Zeitungsnummer, wie wenig das Verbot, die Soldaten„ehren⸗ widrig“ zu behandeln, die Soldaten miß⸗ handlungen auszurotten vermag. In klas⸗ sischer Weise wird der Wert der neuen Kriegs⸗ artikel dadurch beleuchtet, daß gleichzeitig die Begnadigung eines Leutnants bekannt wird, der wegen eines frivolen, an einem Studenten begangenen Duellmordes zu einer gelinden Festungshaft verurteilt worden war und diese nur etwa zum vierten Teile abzubüßen gehabt hat. Diese Begnadigungspraxis bleibt die alte, trotz aller bürgerlichen„Entrüstung“ und obgleich unzählige Kriegsartikel des gegen⸗ wärtigen Kaisers und seiner Vorfahren auf dem preußischen Throne das Duell in dem Heere verboten haben, mitunter selbst bet Todesstrafe. Unter den vielen verlogenen Schlagworten unserer Zeit giebt es wenige, die sich an Ver⸗ logenheit messen können mit der Rederei von dem„Volk in Waffen“. Ein Volk in Waffen, das heißt ein Volk, das mit den Waffen seine eigenen Interessen, die Interessen der großen Volksmassen schirmt, giebt es nicht und kann es nicht geben, so lange es eine Klassenherr⸗ schaft giebt. Militärjustiz. Wenn zwei dasselbe thun, so ist es auch bei dem Kriegsgericht nicht dasselbe. Das be⸗ wiesen zwei Fälle, die vorige Woche vor dem Kriegsgerichte in Halle zur Aburteilung kamen und die für die militärische Rechtsprechung sehr kennzeichnend sind. Angeklagt waren in dem einen Falle der unferofftzter 1 und der Musketier Bahn vom Inf.⸗Regt. 9 in Dessau. Aus geringfügiger Ursache— Bahn hatte dem Unteroffizier gegenüber Widerrede 39— gab dieser dem Soldaten am 55. 5 ein paar Schläge gegen die linke Wange, daß, wie ärztlich festgestellt worden, das Trommelfell des linken Ohrs durchlöchert wurde. Bahn weinte und wurde bis zum 9. September im Lazarett behandelt. Bahn wurde wegen Achtungs- verletzung verbunden mit Ungehorsam zu drei Wochen strengen Arrests und der Unter⸗ offizier wegen Mißhandlung eines Unter⸗ gebenen— das Gericht nahm als erwiesen an, daß er das Trommelfell zerschlagen hat— zu zwei Wochen gelinden Arrests verurteilt! Im zweiten Falle war der Kürasster Pfeiffer vom Halberstädter Regiment angeklagt. Er hatte in der Trunkenheit, als er während des Manövers widerrechtlich in einen Sch wein e⸗ stall gesperrt werden sollte, dem Unteroffizier Werneburg ein paar Schläge gegen die Wange gegeben. Der Vertreter der Anklage meinte, wenn es sich auch um einen minder schweren Fall handle, da der Angeklagte gereizt war, so müsse doch die Autorität geschützt werden, und es sei eine Gefängnisstrafe von 3 Jahren zu beantragen. Das Urteil lautete auf 1 Jahr Gefängnis. Die militärischen Richter hielten es für ge⸗ recht, daß ein„Stellvertreter Gottes“, der einem Unglücklichen das Trommelfell zerschlagen hat, 2 Wochen gelinden, der Mißhandelte aber wegen einer winzigen Insubordination 3 Wochen schweren Arrest erhält.— Ein ganzes Jahr muß aber derjenige hinter Kerkermauern, der in der Trunkenheit einen Unteroffizier an⸗ rührte! Durch solche Urteile wird bei keinem gerecht Denkenden das Vertrauen zur Militär⸗ justiz erhöht werden. Wahlsieg der Sozialdemokratie. In Oldenburg, wa jetzt die Landtags⸗ wahlen ideen haben, eroberte unsere Partei fünf Landtagssitze. Die Agrarier ver⸗ loren sieben Mandate. Mit 1 555 Erfolge in einem Lande mit fast ausschließlich ländlicher Bevölkerung können wir sehr zufrieden sein. Der oldenburgische Landtag zählt 34 Abgeordnete. Bis jetzt hatte unsere Partei nur einen einzigen Sitz inne, jetzt wird sie mit 6 Abgeordneten vertreten sein. Zum erstenmal ist keine agra⸗ rische Mehrheit vorhanden. Konitz in Berlin. Der vorige Woche in Berlin verhandelte Prozeß gegen zwei Redakteure der antisemitischen „Staatsbürgerzeitung“ hat am Samstag mit Verurteilung der Beschuldigten zu schwerer Gefängnisstrafe geendet. Dr. Bötticher erhielt, trotzdem er verschiedene, in seinen Artikeln er⸗ hobene Beschuldigungen zurücknahm und sich dieserhalb entschuldigte, ein Jahr Gefäng⸗ nis, sein Kollege Bruhn sechs Monate. Dieser Prozeß warf in seinem Verlaufe grelle Schlaglichter auf die kulturellen und sittlichen Zustände, die in den königstreuen und gottes⸗ fürchtigen Gebieten Ostelbtiens existieren. Be⸗ kanntlich stand der Prozeß mit der Konitzer Mordgeschichte insofern im Zusammenhang, als die Angeklagten, die in der Ermordung des Gymnasiasten Ernst Winter einen füdischen „Ritualmord“ erblicken, in mehreren Artikeln der„Staatsb.⸗Ztg.“ das Konitzer Untersuchungs⸗ verfahren bemängelten und dabei gegen Beamte der Staatsanwaltschaft und das Richterpersonal den Vorwurf erhoben, die Juden geschont zu haben. Der dafür angetretene Wahrheitsbeweis ist mißglückt und es war die Verurteilung vorauszusehen. Ueber eine große Anzahl Per⸗ sonen hat diese Affaire namenloses Elend ge⸗ bracht. Dazu hat die Hetze, die von den An⸗ Rabe betrieben wurde, nicht wenig beigetragen. nverschuldet trifft sie deshalb die Strafe nicht. Aber viel mehr Interesse als ihre Verurteilung 3 die Sittenbilder erregen, die wäh⸗ rend des Prozesses aufgerollt wurden. Sitten⸗ bilder traurigster Art aus einer Gegend, wo die„Ordnungsparteien“ herrschen, wo nach den Versicherungen der konservativen Zeitungen ** Ser — 8 E 3 Monate. fe grelt sttlichen 9 gottes⸗ l. B. der Konizel euhang, al; otdung bes 1 jüdischen i Artslels Dresden ganz beiseite geschoben. eee Korycchefte-„RR. 1 Sehr„yochsteisen be chte Kperteken Nx. 48. Mitteldentsche Sountags⸗ Zeitung. Seite 3 Sittlichkeit und Zucht besonders zu Hause sein soll. Man 110 diese Sittlichkeit kennen gelernt! Man hat erfahren, schreibt unser Zentralorgan, daß Prostitution und widernatürliche Unzucht in jenem kleinen biederen Landstädtchen ver⸗ hältuismäßig wohl reichlicher zu finden sind, als in irgend einem großstädtischen Sodom und Gomorrha. Die reichliche Gottesfurcht hat nicht verhindern können, daß jeder im Namen Gottes des Allmächtigen und Allwissenden etwas andres beschwor. Dafür hat sich der wüsteste Aberglaube üppig entfaltet. Von oben her benutzte man den Antisemitismus als Mittel gegen den„Umsturz“. Die Zeiten find vorbei. Aber der Boden, auf dem die antisemitische Sumpfpflanze gedeiht, wird von der konser⸗ vativen Rückwärtserei sorgsam gepflegt und ihm entsprießt die Sittlichkeit und Gottesfurcht der Konitzer Sorte. Den Autisemiteuführer Zimmermann, der bei der letzten Wee e in Dresden und in Wetzlar als Kandidat aufgestellt war, aber hier wie dort durchfiel, hat man jetzt in Die Anti- semiten haben nämlich in Sachsen mit den übrigen reaktionären Parteien gemeinsame Sache gemacht und auf Grund der Abmachungen soll der Wahlkreis Dresden⸗Altstadt, den unser Genosse Gradnauer vertritt, den Antisemiten „überlassen“ bleiben. Nun hat aber eine anti⸗ semitische Vertrauensmänner⸗Versammlung nicht Zimmermann, sondern den Rechtsanwalt Häckel, den zweiten Vorsitzenden der Dresdener Stadt⸗ verordneten, als Kandidat proklamiert. Jeden⸗ falls schien Zimmermanns Kandidatur dem Ordnungskartell nicht besonders aussichtsvoll. Aber seinem Nachfolger, der natürlich ebenso rückständige Anschauungen vertritt und ebenso im Gefolge der junkerlichen Brotwucherer ein⸗ hertrabt als Zimmermann, wird es auch nicht gelingen, unserer Partei den Wahlkreis zu entreißen. Gegen den Mädchenhandel. welche auf die dieser Tage in einem in Frankfurt stattgefundenen Kongresse über die Rettung der Mädchen, die durch förmliche Handelsgesellschaften in Halb⸗ asien der Prostitution in die Arme gellefert werden. Die bürgerliche Presse macht viel Rühmens von der Thätigkeit der guten Menschen, welche die„erzwungene Prostitution“ auszu⸗ rotten bemüht sind. Die Versklavung der Frau und ihre beson⸗ ders rücksichtslose Ausnutzung zu Profitzwecken aller Art ist doch nur eine Folge des allgemeinen Zustandes. Weshalb sollen in Halbasien ge⸗ wissenlose Kapitalisten nicht mit Mädchen für Bordelle handeln, während in Deutschland unter den Augen der Behörden geschäftskundige Stellenvermittler ihren fetten Verdienst daraus ziehen, daß sie willige italienische, polnische und russtsche Arbeiter ebenfalls weiblichen Geschlechts, ja kindlichen Alters an unsere notleidenden Agrarier und Gutspächter und Bauunternehmer bis weit in den Westen hinein für Hungerlöhne verdingen, die ebenso entweder Entbehrungen oder Prostitution als Voraussetzung haben. Vor dem Auge der Menschlichkeit muß es doch wohl ganz gleich sein, ob sich eine arme hübsche Polin dem Gutsinspektor oder dem Direktor der Zuckerfabrik zu ergeben gezwungen steht, oder ob ahnungslose Mädchen aus dem Mittelstande zu gleichen Zwecken direkt nach London, Konstantinopel oder Alexandria ver⸗ handelt werden. Die Herren, die bloß gegen den jüdischen Mädchenhaͤndel kämpfen, brauchen deshalb noch keine Heuchler zu sein. Ihre Klasseninteressen lassen sie einfach nicht tiefer blicken, und das haben wir aufzudecken. Wer 140 fürstliches Vermögen der jahrhundertelangen usbeutung von Gutstaglöhnern mit allen zmoralischen“ Zuthaten verdankt, kann beim Mädchenhande. nicht grundsätzlich gegen die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen Stellung nehmen. Bezeichnend war es für diese Leute, daß sie die einzige Rednerin, Frau Fürth⸗Frankfurt, sozialen Ursachen des schmachvollen Handels mit Menschenfleisch hin⸗ wies, auszischten! Nette Gesellschaft! Gin„Kolonialkongreßz⸗ hat dieser Tage in Berlin stattgefunden. Das war sicher ein dringendes Bedürfnis. Da ein wirklicher Herzog Vorsitzender der Kolonialgesellschaft ist, da ferner die Kolonial⸗ sache immer noch„oben“ ganz gern gesehen wird, so bemühen fich sogar die Reichsbehörden um das Amüsement der Teilnehmer. Den „Enthusiasmus“ solcher Tage kann man leicht dämpfen, wenn man die nackten Zahlen unserer Kolonialstatistik vorlegt. Gemaßregelter Pastor. Der protestantische Pastor Dörries in Kleefeld bei Hannover ist Mitglied der nationalsozialen Partei und spricht öfter in Versammlungen über politische Fragen. Des⸗ halb hat ihm seine vorgesetzte kirchliche Behörde amtlich eine Verwarnung zugehen 1 8 nicht offen als partei⸗politischer Redner aufzu⸗ treten. Pastor Dörries scheint jedoch den Streit mit der Behörde aufnehmen zu wollen. Er beteiligte sich am national⸗sozialen Parteitag und hielt eine Versammlung ab, in der er über das Thema sprach: Verdirbt die Politik den Charakter? Er vertrat die Ueberzeugung, daß es Pflicht jedes guten Staatsbürgers sei, einen Teil seiner Wirksamkeit dem politischen Leben zur Verfügung zu stellen, Politik treiben heiße mitwirken am Wohle des Vaterlandes. Das „bischen politische Freiheit“, das wir haben, hätten wir nicht, wenn nicht der Volkswille sich durch eine kräftige Regung geltend mache. Jedenfalls wollten sich auch die evangelischen Geistlichen das Recht, mitzuarbeiten am Wohle des Volkes, nicht schmälern lassen. Inzwischen ist gegen Dörries das Disziplinarver— fahren eingeleitet worden. Gemütlicher christlich⸗sozialer Parteitag. In St. Pölten bei Wien kand am Sonntag ein Parteitag der Christli. statt, bei welchen es zu heftigen Zusammenstößen zwischen Klerikalen und Freisinnigen kam. Der berüch⸗ tigte Wiener Bürgermeister Lueger war mit über 3000 Anhängern, welche fünf Extrazüge füllten, nach St. Pölten gekommen. Die frei⸗ sinnigen Stadtbewohner, gleichfalls mehrere Tausend Personen, empfingen die Christlich⸗ Sozialen mit Kundgebungen, die am Abend zu Thätlichkeiten führten. Die Christlich⸗Sozialen unternahmen eine förmliche Attaque gegen die St. Pöltener, worauf diese mit einzelnen Stein⸗ würfen antworteten. Die Gendarmerie war machtlos. Vier Kompagnien Infanterie stellten mit gefälltem Bajonett die Ruhe wieder her. Die Christlich⸗Sozialen fuhren alsdann nach Wien zurück, während die Freisinnigen eine Kundgebung für den Bürgermeister Völkl und gegen Dr. Lueger veranstalteten. Eine Rede Millerands. Bei Gelegenheit eines Banketts, das in Carm aur zur Feier der Wiederwahl Jaurés stattfand, hielt Millerand zum ersten Male, seitdem er dem Ministerium nicht mehr ange⸗ hört, eine Rede, in der er unter anderem er⸗ klärte, daß die sozialistische Partei in der äußeren, wie in der inneren Politik friedliche Ziele verfolge. Die französische Republik wolle Frieden. Die Pflicht und die Ehre der Republik und namentlich auch der sozialistischen Partei beständen darin, entschieden danach zu streben, daß die Konflikte, für deren Betlegung der Krieg bisher das einzige Mittel zu sein schten, auf friedlichem Wege beigelegt würden. Auch seien die Beziehungen zwischen den Völkern so zahlreich geworden, daß ein Weltbrand fast unmöglich erscheine und sei es nur erforderlich, die Verträge, welche die Nationen durch wechsel⸗ settige Interessen verbänden, zu vervielfachen, um damit den Krieg in das Reich des Traumes zu verweisen. Dann wandte stch Millerand den Frageu der Arbeiterversicherung zu, worin Frankreich sich von Deutschland habe überholen lassen. Zur Durchführung der soztalen Reform sei der Zusammenschluß aller Republikaner nötig.— Auf die kümmerlichen sozialen Re⸗ förmchen legt Millerand offenbar zuviel Gewicht; auch kann von einem Weltfrieden in der heutigen Gesellschaft keine Rede sein. r Bergarbeiterkämpfe. Zwei riesige Bergarbeiterstreiks sind es, die in den letzten Tagen die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich ziehen. In Amerika und in Frankreich kämpfen die Bergarbeiter um Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen. Der große Kohlenarbeiterausstand, an dem mehr als 150 000 Arbeiter des pennsylvanischen Hartkohlengebietes beteiligt sind, geht nunmehr schon in den sechsten Monat. Seit der Zer⸗ trümmerung der Bergarbeiterorganisation, die Ende der 70er Jahre dem Kohlen- und Eisenbahn⸗ magnaten Austin Corbin gelang, sind die Löhne bis auf das Hungerniveau herabgedrückt worden und Jahr für Jahr sich wiederholende Streiks waren die Folge. Die Bergarbeiterschaft, in der bis Anfang der 8er Jahre Irländer, Schotten, Amerikaner und Deutsche vorherrschten, rekrutiert sich heute zu 70 Proz. aus Polen, Slowaken und Ungarn, der Rest setzt sich aus Deutschen, Italienern, Irländern und Amerika⸗ nern zusammen. Durch Heranlockung einer Reservearmee kam es dazu, daß seit langen Jahren kein Hartkohlengräber mehr als 200 Tage im Jahre beschäftigt war. Kleinere Streiks endigten in der Regel mit einer Niederlage der Streikenden. Erst vor zwei Jahren gelang es zum ersten Mal, die Kohlengräber der ganzen Anthrazitregion in Pennsylvania zum Ausstand zu bringen, in welchem sie zum Staunen Vieler bewundernswert zusammenhielten und der nach 14 Wochen durch Gewährung einiger Konzessionen zum Abschluß kam. Zu einer Anerkennung threr Union wollen sich aber die Kohlenbarone nicht verstehen, und da sich auch die Letzteren nicht zu einer festen Lohnskala entschließen konnten, sich überhaupt weigerten, mit den Ar⸗ i Bedingungen abzuschließen, so kam es zu dem jetzigen großen Streik. ie Forde⸗ aner de ern e rungen d res d ite Nuntrel. ungen für Stückarbeit, achtstündige Arbeits⸗ dauer für Zeitarbeit und Anerkennung der Gewerkschaft als Vertreterin der Arbeiter. Gerade im letzteren Punkte wollen die Unter⸗ nehmer nicht nachgeben, sie verweigern die Anerkennung der Arbeiterunionen. Der Streik ist allmählich zu einer großen nationalen Kalamität geworden. Der Mangel an Hartkohlen(Steinkohlen) macht sich immer stärker fühlbar, die Kohlenpreise steigen enorm. In den großen Industriebezirken des Ostens müssen Fabriken schließen, andere behelfen sich mit Weichkohlen und Holz, viele Waschanstalten und Bäckereien gehen in den großen Städten ein, die Preise für Hausbrand⸗Anthrazitkohle sind bis auf 30 Dollar(rund 120 Mk.) für die Tonne und höher gestiegen, alles Brennbare wird als Ersatz für Kohle versucht, Kanada und England liefern zwar Kohlen, aber bei Weitem nicht genug. Mit Bangen sieht man dem Winter entgegen; alles Brennmaterial hat ungeheuere Preise erreicht. Unter dem schweren Druck des Ausstandes fordert die öffentliche Meinung immer lauter eine Vermittlung. Die Vermittlungsversuche einflußreicher Politiker und Privatleute sind bis jetzt immer an der Hartnäckigkeit der Gruben⸗ besitzer gescheitert. Endlich entschloß sich auch der Präsident Roosevelt einzugreifen. Am 3. Oktober berief er fünf hervorragende Unternehmer, Eisenbahn⸗Präsidenten und drei Arbeiterführer zu einer Sitzung in Washington zusammen, in welcher er an die Vaterlandsliebe beider Parteien appellierte, die Streitigkeiten einzustellen, damit die Aufnahme der Arbeit ermöglicht und dadurch großes nationales Un⸗ 2 075 verhütet werde. Die Konferenz scheiterte edoch an der strikten Weigerung der Minen⸗ besitzer, die Gewerkschaft als gleichberechtigte Gegenpartet anzuerkennen. Die Arbeiterführer dagegen erklärten sich bereit, den Streik sof ort zu beenden, falls die Differenzen einem vom 7 lebesammlung statt., Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. —. 42. Präsidenten Roosevelt eingesetzten Schiedsgericht unterbreitet würden. Dies wurde von den Unternehmern rundweg abgelehnt. Infolgedessen wurde der Kampf von beiden Seiten mit Er⸗ bitterung fortgesetzt. Mehrere tausend Mann Miliztruppen sind in die Streikreviere entsandt, doch gab das Verhalten der Streikenden keinen Anlaß zum Einschreiten. In den letzten Tagen kam die Nachricht, daß das En de des Riesenkampfes herbeige⸗ kommen sei. Ein Schiedsgericht ist eingesetzt worden, dessen Entscheidung sich Arbeiter und auch die Grubenbesitzer unterwerfen wollten. Unterdessen soll aber die Arbeit aufge⸗ nommen werden. Hoffentlich lassen sich die Arbeiter nach so langwierigen Kampfe nicht in den brutalen Kapitalisten übervorteilen. * *,* Von den französischen Bergleuten wurde schon mehrmals der Generalstreil be⸗ schlossen, im Oktober vorigen Jahres und zu⸗ letzt von dem Bergarbeiterkongreß im März dieses Jahres. Wegen schwacher Beteiligung an der Abstimmung kamen die Beschlüsse nicht zur Durchführung. Jüngst hat sich nun der Kongreß im Commentry einstimmig für den Generalstreik ausgesprochen. Die Lage der Arbeiter hatte sich nämlich sefgie mit der niedergehenden Konjunktur ver⸗ schlͤmmert, da die Gruben die von den Arbeitern während der Hochkonjunktur errungenen Lohn⸗ erhöhungen zum Teil wieder rückgängig machten, trotzdem die Kohlenpreise ziemlich auf der gleichen Höhe geblieben sind, wie im Vorjahre. Im Pas⸗de⸗Calais und bald darauf im Nord⸗Departement brach der Streik aus, ehe moch das Landeskomitee sich versammelt hatte. And dem Beispiel folgte das Loire-Revier, wo ider Streik schon für den 8. Oktober, einen Tag vor der Entscheidung des Kongresses erklärt durde.— Den letzten Austoß gab dem Komitee die hochmütige Antwort des Zentralkomitees der Grubenkompagnien, das jede Unterhand⸗ lungen ohne Weiteres ablehnte. Die Antwort des Ministerpräsidenten ist dagegen befriedigend ausgefallen, weshalb sich der Streik nicht gegen die Regierung, sondern ausschließlich gegen die hatten sich zu derselben eingefunden. Der Referent, Genosse Dr. David, sprach über die unserer Partei im Landtag gestellten Auf⸗ gaben und hob insbesondere die geschickte und ernstliche Thätigkeit des Abg. Ulrich hervor, auf welchen die Offenbacher Wählerschaft allen Grund habe stolz zu sein. Es sei eine Ehren⸗ sache für die Arbeiterschaft die Wiederwahl Ulrichs, den gegen diesen gerichteten gehässigen Angriffen seiner Gegner zum Trotz durchzu⸗ setzen. Dann sprach noch Gen. Scheide ⸗ mann, der den Offenbacher Kudelmuddel gehörig geißelte. Unsere Genossen hoffen auf den Sieg unserer Partei. 5 Der geplante Kuddelmuddel in Mainz ist nun doch nicht zu Stande gekommen. Vielmehr haben die Demokraten beschlossen, die Sozialdemokratie zu unterstützen. Einen gleichen Beschluß haben die Freisinnigen gefaßt. Die Nationalliberalen dagegen wollen selbständig in den Wahlkampf ziehen. Das Zentrum ist sehr betrübt, daß der Mischmasch berunglückte. Nun muß es auch eigene Kandi⸗ daten aufstellen. Herr Schmitt, der Zentrums⸗ abgeordnete für Mainz, hat denn auch schon am Sonntag auf dem sogenannten hessischen Katholikentag in Mainz den heftigsten Kreuzzug gegen die Sozialdemokratie gepredigt. Das wird ihm aber nicht viel nützen, vielmehr ist zu hoffen, daß unsere Genossen mit großer Mehrheit wiedergewählt werden.— In Darm⸗ stadt werden unsere Genossen die Freisinnigen unterstützen. Gießener Angelegenheiten. — Sozialdemokratischer Wahl⸗ verein. Mit den Landtagswahlen be⸗ schäftigte sich wiederum die letzte, am vorigen Samstag stattgefundene Mitgliederversammlung unseres Wahlvereins. Es handelte sich dabei nur darum, Stellung zu der Wahl in Gießen zu nehmen. Der bisherige Abgeordnete für Gießen war Rechtsanwalt Dr. Gutfleisch. Von mehreren Rednern wurde anerkannt, daß Herr Gutfleisch in der Frage der Wa hlreform, die bei der eerzallgen Wahl besonders in Betracht ko Lic ⸗h auch von uns zu dilli⸗ — Mißstände in Bäckereien. Es it nicht allgemein bekannt, welche schauderhaften, ekelerregenden Zustände noch heute in vielen Bäckereien existieren. Schon vor zirka 10 Jahren wies unser Genosse Bebel in einer Broschüre darauf hin, die viel Aufsehen und auch die Aufmerksamkeit der Regierung erregte. Seitdem mögen einige Besserungen eingetreten sein; aber zahlreiche Prozesse und Verurteilungen in den letzten Jahren beweisen, daß noch viele und fast unglaubliche Schweinereien in Bäckereibetriüeben vorkommen. Das da e der Bäcker führt dafür eine erdrückende Fülle von Beweisen an. Es sagt ganz mit Recht, daß die Beseiti⸗ gung dieser Uebelstände ein dringendes Gebot des allgemeinen t sei. Wohl erklärte im Juni 1899 Graf Posadoosky im Reichs⸗ tage, nachdem Bebel die in dem Würzburger Prozeß vom April 1899 an das Tageslicht gebrachten Unsauberkeiten zur Sprache brachte, daß staatlicherseits Bestimmungen über die Ein⸗ richtung und den Betrieb von Bäckereien er⸗ lassen werden sollten. Es erschien auch ein Entwurf dazu, aber man hat bis heute nichts mehr davon gehört. Das hiesige Gewerk- schaftskartel! beschäftigte sich in der letzten Sitzung auf Anregung des Bäckerverbandes mit dieser Angelegenheit und beschloß eine Resolution, in der die Regierung zum energischen Einschreiten gegen die Bäckereimißstäude aufgefordert wird. — Das Schwurgericht verhandelte Donnerstag voriger Woche gegen den Dienstknecht Janissch aus Kohden bei Fried⸗ berg wegen Brandstiftung. Er soll, als er in Diensten des Gutspächters Klein auf der Ludwigshöhe bei Leihgestern stand, ein un⸗ bewohntes Gebäude in Brand gesteckt zu haben. Die Sache wird vertagt, da noch weitere Zeugen vernommen werden sollen.— Wegen Raubes hat sich am Freitag der Maurer Schwing aus Kupferdreh zu verantworten. Er soll am 6. August ds. Js. die Gastwirts⸗ frau Berg aus Trais⸗Horloff auf der Kreis⸗ straße Friedberg⸗Hungen überfallen und ihr 5 Mk abgenommen haben. Nach langer Ver⸗ handlung sprachen ihn die Geschworenen schuldig des Raubes, worauf er zu 2 Jahren Ge⸗ chic, Hann genden Steh Wtanbe⸗ ngenommen habe und aubengesellschaften richtet. Fern. vor Nah und pa 5 Fb Hessisches. 1 Zur Landtagswahl. Von einer eigentlichen ee ee ist nur in einzelnen Kreisen die Rede. Es ist eben auch eine Folge des erbärmlichen indirekten Wahlsystems, das die Wähler den Landtags⸗ wahlen geringere Beachtung schenken. Daher werden die Wahlen vielfach nur von Kliquen oder den Landbürgermeistern gemacht. In Oberhessen hört man gon einer Wahl⸗ bewegung eigentlich nur im Grünberger Kreise. Den will sich bekauntlich der Antisemitrich Hirschel aus Offenbach erobern. Als Gegen⸗ kandidat wurde am Sonntag in Grünberg der Kaufmann Mol! aufgestellt. Dessen Anhänger stießen schon wiederholt mit den Antisemiten zusammen, wobei verschiedene Liebenswürdig⸗ keiten wie„Hanswurst“,„Lausbub“ ꝛc., wie man sie schon öfters in antisemitischen Ver- sammlungen gehört hat, herüber und hinüber flogen. Nächstens wird Herr Moll sein Pro⸗ ramm entwickeln und wir sind begierig, wie sich zum direkten Wahlrecht stellt. Unsere ütei hat bisher einige gut besuchte und gut claufene Versammlungen abgehalten. Ver⸗ iatgeirch Sonntag sprach Gen. Krumm in eiskirchen vor ausgezeichnet besuchter Ver⸗ sammlung, am Sonntag vorher in Lindenstruth und Vetters in Bersrod. Unserer Partei wird überall Sympathie entgegengebracht; dagegen soll eine autisemitische Versammlung in Londorf nur von 15 Leuten besucht gewesen sein, so daß Herr Reuther von Offenbach abzog, ohne seine Weisheit aus⸗ vepackt zu haben. 5 In Offenbach fand am Samstag Abend Dadat Einem Gegner des direkten Wahlrechts zufallen könnte, sei für uns die Unterstützung seiner Kandidatur geboten. Aber diese Gefahr liege nicht vor. Anderseits ist es Thatsache, daß unsere Partei infolge des elenden Wahl⸗ systems viel zu schwach im Landtage ver⸗ treten ist, 1 die Interessen der Arbeiter und Minderbemittelten nicht in genügender Weise wahrgenommen werden können. Wir hätten deshalb die Pflicht, wo wir irgend könnten, eigene Kandidaten aufzustellen, wie es der Beschluß unserer Landeskonferenz verlange. Dieser Ansicht war die Mehrheit der Versamm⸗ lung; sie beschloß deshalb, selbständig in die Wahlbewegung einzutreten. Als Kandidat wurde Genosse Eduard Krumm aufgestellt.— Als zweiten Punkt der Tagesordnung nahm die Versammlung den Bericht des Genossen Vetters über den Parteitag in München entgegen. Der Redner gab eine ausführliche Schilderung unseres Parteitags und eine Ueber⸗ sicht der gefaßten Beschlüsse. In einer ein⸗ stimmig angenommenen Resolution erklärt sich die Versammlung mit den Beschlüssen des Parteitags einverstanden, drückt aber den Wunsch aus, daß die theoretischen Streitigkeiten sich künftig in bescheideneren Grenzen halten möchten, weil sie nur einen kleinen Teil der Partei⸗ genossen interessieren. — Rezitation. Das Gewerkschaftskartell hat für den 13. November den auch hier bestens bekannten Rezitator Emil Walkotte zu einem Vortrage gewonnen. Die Rezitationen, die Herr Walkotte hier schon gehalten hat, haben allseitig den größten Beifall gefunden. Der Rezitator bestrebt sich, die neueren besseren Dichtwerke weiteren Kreisen und namentlich den Arbeitern zugänglich zu machen. Diesmal wird das Drama von Ernst „Die größte Sünde“ zum Vortrag kommen. Unsern Freunden und Arbeitern, die sich sonst wenig den Genuß einer Theatervorstellung leisten können, wird es will⸗ kommen sein, wenn ihnen ein gutes Stück in künstlerischer .A. 8. u%% 1 S., Herurteilt. wird. vc. nie Ar- schluß der Oeffentlichkeit gegen den Bergmann Lang von Hungen wegen Notzucht statt. Der erst 20jährige Angeklagte hat bereits zahl⸗ reiche Vorstrafen hinter sich und verbüßt auch gegenwärtig eine Gefängnisstrafe. Der ihm zur Last gelegten Verbrechen soll er sich in Hungen und in Trais⸗Horloff schuldig gemacht haben. Er wird zu 12 Jahren 2 Mo⸗ naten Zuchthaus verurteilt. aus dem Nreise gießen. — Heuchelheim. Diesen Samstag findet im Lokale„Zum grünen Baum“ eine öffentliche Parteiversammlung statt, in der über den Münchener Parteitag Bericht erstattet werden wird. Es ist Pflicht der Genossen, hierzu zahlreich zu erscheinen. — Die Bürgermeister wahl in Bers⸗ rod ist vom Provinzialausschuß für ungültig erklärt worden, wegen dabei geübter Wahl⸗ beeinflussung. Wären nicht verschiedene Wähler mit Freibier traktiert worden, so würde die Wahl anders ausgefallen sein. Die Gemeinde muß außerdem noch die Kosten des Verfahrens bezahlen. aus dem Nreise friedberg-Büdingen. x. Selbstmord eines Bürgermeisters Am Samstag Morgen wurde der Bürgermeister Wörner in Bad⸗Nauheim im großen Teiche als Leiche aufgefunden. Es stellte sich bald heraus, daß er seinem Leben freiwillig ein Ende gemacht hatte. Diese Thatsache rief natürlich im ganzen Orte eine ungeheuere Auf⸗ regung hervor. Wie der„Frkftr. Ztg.“ ge⸗ schrieben wurde, hätte Wörners Verhaftung in einem Ehescheidungsprozesse vor dem Gießener Landgerichte einen Mein eid geleistet habe. im„Saalbau“ eine imposante Wähler⸗Ver⸗ Etwa 1500 Personen Weise dargeboten wird. Deshalb darf wohl auch dieser Vortrag auf zahlreichen Besuch rechnen. Der Bürgermeister stand sonst allgemein in hohem Ansehen. Von anderer Seite wurde die U Rr. — Sache Wörn Teiln. — für die Vortt Oltober an die sprehel Eno Mittel Lang! lieder Fruuff gahte Enttit 1 unte bevor gestanden, weil er am 15. April v. Js. niedrig fe bes woͤchte 17 nie g Pes Vene Gene unte Pat born sst! Ag! Lande sche mun auf Arb dul Hal in intr Feld asser ersc eger dami begue wirke geger Schü man; wen größ dolle Gen ding unte hin arb Sei uff ge! wa im Gr kan Die nic gar unk für 00 Beweisen e Veseiti⸗ s Gebot erklärte n Reichs urzturger Cageslicht e brachte, t die Ein⸗ reien er⸗ auch ein ute nichts Jewerk⸗ der letzten andes mit iesolution, finschreiten dert wird. erhandelte gegen den dei Fried r soll, als in auf der „ein un⸗ zu haben. ch weitere — Wegen er Maurer antworten. Gastwirts⸗ der Kreis⸗ und ihr anger Ver⸗ un schuldig ren Ge⸗ 16 Adler- ergmaun t stat. its zahl⸗ düßt auch Der ihm er sich in 9 gemacht 2 No⸗ Nr. 42. Mitteldentsche Sonntag tag ug. 957 Seite 5. Sache mit dem Falscheid als unrichtig bezeichnet. Wörners Beerdigung erfolgte Teilnahme der Einwohner. Aus dem Rreise Wetzlar. — Die Lesevereinigung veranstaltet auch unter großer für diesen Winter eine Anzahl belehrender und populärer Vorträge, deren erster nächsten Mittwoch am 22. Oktober stattfindet. Professor Biermer⸗Gießen wird an diesem Tage über„die deut sche Reichsbank“ sprechen. Ferner sind als Vorträge in Aussicht genommen: „Enoch Arden“, Rezitation von Emil Walkotte; Mittelalterliche Kunst:„Raffael“, Vortragender Rektor Lang aus Frankfurt; Musikgeschichte:„Weihnachts⸗ lieder“, Vortragender Musiklehrer Gerold in Frankfurt; und schli eßlich:„Schillers Jugend⸗ jahre“ von Prof. Dr. Mannheimer⸗Frankfurt. Die Eintrittspreise zu diesen interessanten Vorträgen find so niedrig gesetzt, daß auch der minderbemittelte Arbeiter sie besuchen und seine Kenntnisse erweitern kann. Wir möchten allen(ent ssen den Besuch der Vorträge empfehlen. t.„Unparteiischer“ Schwindel. In wie gemeiner Weise die sogenannte„unparteiische“ Presse gegen unsere Partei hetzt, das beweist eine vor Kurzem erschienene Notiz im„Wetzl. Generalanzeiger“, in welcher Genossen Bebel unterschoben wird, daß er auf dem Münchener Parteitage die Bauern als egoistischen und bornierten Menschenschlag bezeichnet habe. Längst ist dabei richtig gestellt, daß Bebel von den r hat, was ganz etwas anderes ist. as braucht aber das„unpartei⸗ ssche“ Organ nicht zu wissen, es verleumdet munter darauf los. Diese Art Blätter spekulieren unter der Flagge der„Unparteilichleit“ besonders auf die Arbeiter als Abonnenten. Welcher Arbeiter nur einigermaßen denken gelernt hat, duldet ein derartiges Blatt nicht in seinem Hause. W. Erbärmliche Waffen. Wer als Mitkämpfer in unseren Reihen für die Besitzlosen und Unterdrückten eintritt und sich gegen die Herrschaft des allmächtigen Heldsacks auflehnt, der muß manches über sich ergehen assen. Zwar hat man schon vor langer Zeit und von erschiedenen Seiten den Kampf mit„geistigen Waffen“ egen die„Irrlehren“ der Sozialdemokratie proklamiert, damit kam man nicht weit, man zieht deshalb vor mit bequemeren und im ersten Augenblick auch manchmal wirksameren, wenn auch schofelen und ehrlosen Waffen gegen uns zu kämpfen. Maßregelung, geschäftliche Schädigung und gesellschaftliche Aechtung mußte schon mancher Genosse über sich ergehen lassen. Mit Vorliebe wendet man diese„feinen“ Mittel in Städten an, deren größtenteils spießbürgerliche Einwohnerschaft das Schmach⸗ volle solcher niedrigen Waffen nicht empfindet. Unser Genosse Fauth kann in dieser Beziehung auch ein Lied singen. Nachdem er vor Jahren aus seiner Arbeitsstelle unter eifriger Mitwirkang eines jetzigen Stadtvaters hinausgeworfen war, machte er sich selbständig und arbeitete und wohnte ruhig in der Sophienstraße. Seine Kundschaft und sonst Jedermann war mit ihm zufrieden. Auf einmal wurde ihm seine Wohnung gekündigt. Unser Freund konnte sich nicht erklären warum. Befand er sich doch mit seinem Hausbesitzer im besten Einvernehmen. Bald erkannte er aber den Grund. Im gleichen Hause hatte nämlich der sehr be⸗ kannte Fabrikant Ohlenburger eine Wohnung gemietet. Dieser scheint die Sozialdemokraten und besonders Fauth nicht leiden zu können. Leute wie Herr O., der als ganz armer Teufel nach Wetzlar kam, aber durch„Fleiß und Sparsamkeit“— vielleicht auch noch durch andere für ihn glückliche Umstände— es„zu Etwas gebracht“ hat, sind keine Freunde der Umstürzler. Jetzt wurde es auch Fauth klar, warum Ohlenburger einmal von der Straße herauf die geballte Faust drohend gegen das Fenster unseres Genossen erhob. Nun, Fauth wird diesen Nadelstich überwinden und keines weges besser über die schofeln, von überaus niedriger Gesinnung zeu⸗ genden Kampfmittel denken, die man gegen ihn anwendet. t. Gemeinderatswahl in Krofdorf. —Unsere Partei hat bei der am Dienstag hier stattgefundenen Gemeinderatswahl einen recht erfreulichen Erfolg zu verzeichnen. In der dritten Wählerklasse wurden die von unsern Genossen aufgestellten Kandidaten g. ewählt. Die auf sie gefallene Stimmenzahl ist ja nicht hoch; aber bei dem elenden Wahlsystem(öffent- liche Stimmabgabe) können wir mit dem Re⸗ sultat sehr zufrieden sein.— Nächsten Dienstag (21. Oktober) findet im Vokale der Wwe. Abel eine Volksversammlung mit der Tagesordnung: „Der Parteitag in München“ statt. Referent ist Genosse Vetter s-Gießen, Hoffentlich sorgen unsere Freunde für recht zahlreichen Besuch. Aus dem Rreise Marpurg-Ter hal. St. Parteiversammlung. Am Sams⸗ tag, den 25. d. Mts., Abends 9 Uhr, findet im Lokale von D. Jesberg eine öffentliche Parteiversammlung statt, in welcher Redakteur Vetters⸗Gießen über den Parteitag in München referieren wird. Außerdem finden die Abrech⸗ nungen des Vertrauensmannes, sowie der Kol⸗ portagekommission statt und die Neuwahl des Vertrauensmannes. In Anbetracht der reich⸗ haltigen und interessanten Tagesordnung ist zu erwarten, daß die Versammlung recht zahlreich besucht wird. — Verunglückt. Am Dienstag mittag geriet am Rotengraben, einer äußerst steilen Straße, ein leerer Lastwagen in's Rollen. Ein Arbeiter, welcher noch schnell bremsen wollte, geriet hierbei unter den Wagen und wurde überfahren. Er trug außer einem Beinbruch noch andere Verletzungen davon und mußte in die chirurgische Klinik gebracht werden. Der Verunglückte ist aus Wehrda, verheiratet und Familienvater. — Konsumverein. Auf Einladung des hiesigen Konsumvereins versammeln sich am Sonntag, den 19. d. M., vormittags 10 Uhr, im Jesberg'schen Lokale dahier eine Anzahl Vertreter des hiesigen und verschiedener aus⸗ wärtiger, benachbarter Konsumvereine, um über die Gründung einer gemeinsamen Einkaufs- genossenschaft zu beraten. Der Vertreter der Hamburger Großeinkaufsgenossenschaft, Herr Dejung aus Mannheim, wird der Beratung ebenfalls beiwohnen. Auch soll bei dieser Gelegenheit eine kleine Waren⸗Ausstellung ver⸗ anstaltet werden.— Die zweite Verkaufsstelle des hiesigen Konsumvereins, die Filiale Ockers⸗ hausen, wird am Samstag, den 18. ds. im Hause des Herrn Gastwirts Metzi dortselbst eröffnet. Der Verein zählt jetzt schon, nach kaum Jahresfrist, ca. 180 Mitglieder. Etwaige Klagen der Mitglieder sind beim Geschäfts⸗ führer Fischer anzubringen und wird derselbe, wenn irgend thunlich, sofort Abhilfe schaffen. Es ist das einzige und richtigste Mittel, um allen etwaigen Beschwerden abhelfen zu können. ueber den Juden⸗Hirschel schreibt uns aus Marburg ein Genosse:„Die Offenbacher„Volkswacht“ deren Redakteur Hirschel heißt, wirft bekanntlich Juden und Sozialdemokraten in einen Topf und spricht von der„daitschen“ Sozialdemokratie. Nicht, daß sich die Sozialdemokratie darüber zu ärgern braucht! Denn was die Junker⸗Schutztruppe über die Sozial⸗ demokratie denkt, spricht oder schreibt, kann ihr „Wurscht“ sein. Ueberhaupt wären die Deutsch⸗ Sozialen oder wie sich die Gesellschaft von der„Volks⸗ wacht“ nennt, für die Sozialdemokraten viel zu minder⸗ wertig, als daß sie diese beachten sollten, wenn jene nicht ein Anhängsel der Bündler oder der Kon⸗ servativen wären. Da nun das Offenbacher Blättchen stets von der„verjudeten Sozialdemokratie“ spricht, so möchte ich Sie darauf hinweisen, daß Hirschel ja eee eee das heißt, er stammt von jüdischen Voreltern ab, die sich wahrscheinlich irgendwo haben taufen lassen. Das war hier in Marburg, als sich der Hirsch(el) s. 3. noch hier befand, ja stadtbekannt. Die jüdischen Vor⸗ eltern dieses Hirsch(el) haben Hirsch geheißen, aus welchem Namen dann jene Juden einen Hirschel machten. Damit stimmt ja auch sein Aeußeres überein. Wer ihn sieht, dem muß sofort der Gedanke kommen, daß der Mann eine unverkennbare Aehn⸗ lichkeit mit Juden aufweist. Weshalb ereifert sich der Mann in seiner„Volkswacht“ nur stets so sehr über die ver judete Sozialdemokratie? Wäre sie dies, dann wäre sie nichts weiter als eine ver⸗ hirschelte Sozialdemokratie. Es ist nun von jeher bezeichnend für das Renegatentum gewesen, daß es seine einstigen Glaubensgenossen am wütendsten anfeindet. Dies trifft also auch bei dem Hirsch(el) zu. Diese drei Umstände, die auf letzterem also zutreffend sind; Name, Aeußeres und Renegaten⸗Eigenschaften, dürften völlig genügen zum Beweis dafür, daß Hirschlel) ein Juden⸗ Abkömmling ist. Wenn nun auch der„daitschen Sozialdemokratie“ die Nachrede, sie sei verjudet, gleich⸗ gültig sein kann, so müßte sie den Vorwurf, sie sel verhirschelt— falls er ihr gemacht werden könnte— aber ganz energisch von der Hand weisen.“ 0 5 Die Plauderei ist ja ganz amüsant. Natür⸗ lich machen wir dem Sachsenhäuser Architekten seine jüdische Abstammung nicht zum Vorwurf. Wir beurteilen ihn nach seinen Thaten und da haben wir allerdings sehr viel auszusetzen. Partei-Nachrichten. Die Frankfurter Parteigenossen beschäf⸗ tigten sich in ihrer letzten Versammlung mit den Stadt⸗ verordnetenwahlen. Diese finden am 12. November statt. Unsere Genossen haben ihre Kandidaten bereits aufgestellt und die Agitation aufgenommen. Es ist zu erwarten, daß für uns einige Sitze gewonnen werden. Parteipresse. Die Frankfurter„Volks⸗ stimme“ wird vom 1. Dezember ab in einer Stärke von mindestens acht Seiten und reichhaltigerer und ver⸗ besserter Ausstattung erscheinen. Anstatt auf der jetzigen kleineren Rotationsmaschiene wird das Blatt von dem genannten Zeitpunkte ab auf einer neuen 16 seitigen Rotationsmaschine gedruckt. Damit werden viele Wünsch e der Arbeiter in Bezug auf die Zeitung erfüllt. Ohne stetige unablässige Arbeit der Genossen wäre diese er⸗ freuliche Entwickelung des Blattes nicht zu verzeichnen. Versammlungskalender. Samstag, den 18. Oktober. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.— Brauer. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Löb, Wiener Hof. Heuchelheim. Abends ½9 Uhr: Oeffentliche Parteiversammlung bei Wirt Germer,„Zum grünen Baum“. T.⸗O.: Der Parteitag in München. Ref. Genosse Vetters. Sonntag, den 19. Oktober. Lollar. Versammlung in der„Germania“ Nachmit⸗ tags 3 Uhr. Dienstag, den 21. Oktober. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sigung bei Orbig. Karten⸗Ausgabe für die Rezi⸗ talion Walkottes:„Die größte Sünde“.— Ferner werden zu dieser Sitzung alle Arbeiter und Genossen, die sich für die Gründung eines Arbeiter⸗ Turn⸗ vereins interessieren, freundlichst eingeladen. Krofdorf. Abends 9 Uhr Volks versammlung bei Wtwe. Abel. Sonntag, den 26. Oktober. Gießen. Glaserverband. Vormittags 10 Uhr Versammlung bei Orbig. Glaserversammlung. Briefkasten. Weilmünster u. Neustadt. Nächste Num. e Letzte Nachrichten. Im Reichstage, der am Donnerstag in die zweite Lesung des Zolltarifs eintrat, ergriff zuerst der Reichskanzler das Wort, um in längerer Rede den Zolltarif zu verteidigen. Er erklärte, daß die Regierung eine Erhöhung der Mindestzölle nicht eingehen könne und bat die Agrarier, das Werk nicht zu vereiteln. Die Linke bat er, keine Obstruktion zu treiben, dadurch würde der Parlamentarismus geschädigt. Die Burengenerale, Botha, Dewet und Delarey sind, nachdem sie Anfangs der Woche Paris besuchten, am Donnerstag in Berlin eingetroffen, wo sie enthusiastisch empfangen wurden. gessele Staate Sonnta g, den 19. Oktober 1902 Der Stabstrompeter Dienstag, den 21. Oktober 1902: Die Fee Cnpriee Mittwoch, den 22. Oktober 1902: Flachsmann nls Erzieher Freitag, den 24. Oktober 1902: Charlotte Wiehe⸗- Gastspiel. PPP Parteigenossen, Arbeiter! werbt stets Abonnenten für die „Mitteldeutsche Sonntagszeitung“ 11 Uhr Neffen— N 1 Asche Sor Soeuntags-Zeituns. Nr. 42. Unterhaltungs-Ceil. Das Goldmacherdorf. Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinrich Zschokke. 21)(Fortsetzung). Oswald versetzte darauf:„Ich habe frei⸗ lich schon daran gedacht, das Spital abzuschaffen. Aber damit ist nichts gebessert. Es wird in den besteingerichteten Gemeinden immerdar Arme geben und Taugenichtse. Wohin mit diesen?— Ich habe in den andern Gemeinden gesehen, daß man die dortigen Armen bei den vermöglichen Bauern umziehen läßt in die Runde, oder eine Woche lang von einer be⸗ stimmten Haushaltung Kost oder vielleicht auch den Stall zum Schlafen erhält. Das ist egen Alte und Kranke oft unmenschlich, und füt die Arbeitsfähigen Bestätigung im Müßig⸗ gang, seelen⸗ und sittengefährlich. Ich habe wieder in andern Gemeinden, die den Bettel abschafften, gesehen, daß sie ihre Bettler auf Unkosten der Gemeinde bei gewissen Leuten verkostgeldeten. Man übergab dann die Ver⸗ pflegung des Gesindels denjenigen, die am wenigsten dafür forderten. Das waren nun wieder höchst arme Leute, die damit ein Stückchen Geld verdienen wollten und in so ruchloser Gesellschaft ganz verdarben. Dabei hatte die Gemeinde gar keinen Nutzen, sondern Schaden, denn die Bettler besserten sich nicht und steckten andere mit ihrer Lüderlichkeit an, bei denen sie wohnten.— Ja, Herr Pfarrer, und Blut weinen möchte ich, wenn ich zumal an arme, verwaisete Kinder denke, welche auf diese Weise durch die Gemeinden versteigerungsweise in „Verpflegung an den Wenigstnehmenden gegeben ausge sind. Ich weiß, wie man in den die Reiten für solche Kinder das Geld nahm, Ui hungern ließ; und wenn die armen Wulmer jammerten und vor Hunger schrien, wie man sie mit Ruthen gestrichen hat, um sie zum Schweigen zu bringen, damit die Leute es nicht vernehmen sollten. Ich weiß, wie einst der Leichnam eines solchen Kindes geöffnet ist= wurde, fand sich im Magen nichts als etwas Gras und Wasser, und der Rücken und die Lenden waren blutrünstig. Wahrlich, wahrlich, es ist unter Türken und Heiden mehr Barm⸗ herzigkeit, als bei unsern rohen Bauersleuten oft gefunden wird. „Ich weiß auch gar wohl,“ fuhr Oswald fort,„daß die Vorsteher in vielen Gemeinden an Errichtung von Armenhäusern und Spitälern dachten, worein sie ihre Bedürftigen thun wollten. Das geschah aber nicht aus wahrer Mensch⸗ lichkeit; sondern die hartherzigen, bequemen Vorsteher wollten sich damit nur die Mühe erleichtern und die Plage abschaffen, immer an die armen Leute denken zu müssen. Denn der Stolz der Vorsteher liebt zwar im Dorfe die Würde, aber erleichtert sich auf ehr- und gottbergessene Weise die Bürde, wie es gehen mag!“ So sprach Oswald. Der Herr Pfarrer freute sich über des Vorstehers gründliche Kenntnis der Dinge und sprach:„Ich habe über diesen höchst wichtigen Gegenstand meine Gedanken einmal schriftlich verfaßt; leset doch diese Blätter. Es sind viele unreife Gedanken darin; aber ändert und bessert oder verwerfet alles, was ihr wollet.“ Oswald nahm des Pfarrers Schrift zu sich. Er las sie mehrmals durch. Er sprach darüber mit den Beisitzern. Er ging zum Pfarrer und machte ihm allerlei Einwürfe, hörte dessen Antworten und beriet sich wieder mit den Beisitzern. Endlich verstand er sich mit dem Herrn Pfarrer über einen Plan zur bessern Versorgung der Armen im Dorfe. Dann versammelte er die achtbarsten Männer der Gemeinde, zog auch diese zu Rat und hörte N selb⸗ ihre Einwende hr. en. Da ward wieder allerlei abgeändert um wieder verbessert. 27. Was die Goldenthaler mit ihren Bettlern machen. Nachdem alles wohl beraten war, ging man ans Geschäft. Doch wußten wenige im Dorfe, wie man so viele Bettler, Müßigganger, hilflose Kranke, Gebrechliche und Kinder, ohne ungeheure Kosten ernähren könne und wolle. Zuerst wurde aus dem Armengut eine Summe Geldes, mit Genehmigung der hohen Regierung, erhoben; damit schaffte man eine Drehbank, Aexte, Hobel, Sägen, Schaufeln, Spaten, Hacken und anderes Arbeitsgeräte an. Man verbesserte auch die Küche des Spitals, um daselbst für viele arme Familien zugleich kochen zu können, und machte allerlei Aender⸗ ungen im Hause des Spitals, also daß darin eine Arbeitsstube für Männer, eine andere für Weiber und zwei Krankenzimmer für Personen beiderlei Geschlechts angelegt wurden. Auch ward dafür gesorgt, daß für jeden Gesunden ein eigenes Schlafkämmerlein eingerichtet wurde. Das war eine enge Zelle, nur zehn Schuh lang und drei Schuh breit, am Boden nur Platz für einen Strohsack, ein Kopfkissen mit Stroh gefüllt, mit grobem Betttuch und einer warmen Wollendecke. Jede Zelle hatte eine eigene Thür mit Luftloch.„Man muß es Bettlern nie ganz bequem machen,“ sagte Oswald, „damit sie auch Lust bekommen, sich durch eigenes Bemühen eine bessere Lage zu schaffen.“ Darum ward jeder Winkel im Hause zu Schlaf⸗ stellen benutzt. Unter dem Dache des Hauses bewahrte man angekaufte Vorräte von Wolle, Hanf, Nutzholz und dergleichen. Sobald alles und jedes vorbereitet war, nahmen die Vorgesetzten ein Namens verzeichnis auf von denjenigen Personen im Dorfe, welche nicht ohne Unterstützung von der Gemeinde leben konnten. Das war bald gemacht. Man kannte diese Leute nur allzugut. Verschiedene derselben hatten im Dorfe noch eigene Wohnungen; andere aber zogen ohne Obdach umher, dem Bettel nach, von Stall zu Stall. Diejenigen nun, welche keine eigenen Wohnungen besaßen, wurden aufgefangen und ins Spital gebracht. Sie gingen willig, denn der kalte Winter war vor der Thür. Diejenigen, welche zwar eine Stube hatten, aber mit andern armen Leuten gedrängt beisammen wohnten, so daß Alt und Jung, Leute beiderlei Geschlechts im gleichen Gemach schlafen mußten, wurden ohne Umstände ins Spital geführt. Nur diejenigen wurden in ihren Wohnungen gelassen, die darin nachweisen konnten, daß sie und ihre Kinder alle getrennt schliefen und gesund wohnten. Also waren sämtliche Arme und Bedürftige des Dorfes in zwei Klassen zerfallen. Die, welche eigene Wohnungen hatten, hießen Häusler; die, welche ins Spital kamen, hießen Spittler. Beide aber wurden als Genossen der gemeinen Armenanstalt betrachtet, ohne Uuterschied. Wo Kinder waren, ließ man sie gern bei ihren Eltern. War aber die Behausung derselben zu klein, oder waren die Eltern ruchlos oder unsittlich oder im Spital: so suchte man die Kinder bei guten Haushaltungen im Dorfe oder in der Stadt unterzubringen, nicht bei armen Leuten um Geld, auch nicht bei reichen Leuten, sondern bei solchen, die durch ihre Rechtschaffenheit bekannt waren. Diese Kinder bekamen ihre Kleider von der Armenanstalt, und die Pflegeltern, wenn sie es verlangten, auch geringe Entschädigung. Aber die Wenigsten, die Kinder zu sich genommen hatten, forderten Entschädigung. Sie thaten es aus Ermahnung des Herrn Pfarrers und aus Frömmigkeit. Der Herr Pfarrer war der rechte allgemeine Waisenvater. Er hatte zwei böse, mutwillige, naschhafte Knaben, die keiner annehmen wollte, zu sich ins Haus genommen, und schon nach einem halben Jahre waren dieselben zu jeder⸗ manns Verwunderung recht artig geworden. Auf diese Weise brachte man die Kinder an, und sie sahen nicht täglich mehr das böse Bei⸗ spiel ihrer Eltern, und lernten arbeitsam werden, da sie sonst nur zum Betteln, Stehlen und müßigen Herumschwärmen gewöhnt worden waren. Wie man die gesamten armen Leute mit ihren Kinder also verteilte und Jeglichem sein rechtes Obdach gab, ward zugleich von den Ortsvorgesetzten ein Hauptgrundsatz aufgestellt, nämlich: Wer nicht im Stande ist, sich selbst zu erhalten, und von keinem versorgt wird, den muß die Gemeinde versorgen. Wen aber die Gemeinde versorgen muß, den hat sie auch das Recht zu beaufsfichtigen und zu bevogten, damit er sich selbst erhalten und versorgen lerne. Das war nicht anders als recht und billig. Darum ward jeder einzelnen Armenfamilie ein rechtschaffener Mann zum Vormund oder Vogt gesetzt. Dieser Vogt hatte über Nahrung, Kleidung, Vermögen, Schulden und Erwerb seiner ihm übergebenen Familie Vorsorge zu thun; mußte über Ordnung und Reinlichkeit der Häusler in ihren Wohnungen und über die Arbeit wachen, die ihnen gegeben ward. Dabei verfuhr man sehr streng. Denn da auch die Häusler ihre Nahrung aus der Spitalküche bekamen, wo, wie in der teuern Zeit, die Sparsuppe gemeinschaftlich gekocht wurde, und sie Kleider und Gerät von der Armenpflege erhielten, so mußten sie auch für die Armenanstalt arbeiten, und damit ihr Brot und was ihnen sonst zukam wieder ab⸗ verdienen. Was sie außer der aufgetragenen Arbeit durch größern Fleiß verdienten, ward ihnen bezahlt. Sowohl dies Geld, als das, was sie im Taglohn bei den Bauern verdienten, bekamen sie nicht in die Hände, sondern es wurde in die Ersparniskasse für sie gelegt. Denn Leute, die zu ihrem Unterhalt alles und jedes empfingen, brauchten kein bares Geld, sie mußten aber erst sparen und haushalten lernen. Jeder Vogt mußte dem Herrn Pfarrer von Zeit zu Zeit über das Betragen und Schicksal der anvertrauten Familie Rechenschaft geben. Denn der Herr Pfarrer war der rechte Ober— ausseher aller Vögte; er war der Pfleger aller Armen und führte darüber ein eigenes Buch. Fand er gegen ein Vogt zu klagen, so daß derselbe sein menschenfreundliches Amt übel versah, so ward der Unwürdige von dem Orts— vorstehern geradezu abgesetzt. Diese beständige, unmittelbare Aufsicht und Bevogtung jeder armen Haushaltung oder Person im Dorfe hatte ungemein viel Gutes. Denn weil das Geschäft der Aufsicht für jeden Vogt nur auf eine Familie ging, ward es weniger mühsam und besser und sorgfältiger verrichtet. Jeder that das Wenige gern und unentgeltlich aus christlichem Gemüt. Es wurde bald ein ordentlicher Wetteifer unter den Vormündern, wie jeglicher nach dem Ruhm trachtete, die ihm anvertrauten Person durch Rat und Anweisung und Beihilfe emporzu⸗ bringen. So hatte ganz unerwartet jede sonst verlassen gewesene arme Haushaltung einen Freund, Vater und Fürsprecher gefunden, dem sie lebenslänglich dankbar wurde. Nun aber war die Frage: woher Nahrung und Kleidung für die Armen nehmen? Der Zins des Armenguts reicht nicht dazu. Oswald aber sagte:„Es wäre wohl böse, wenn die Leute mit gesunden Händen nicht ihr Brot verdienen können. Alle zusammen, Häusler und Spittler, Männer und Weiber machen jetzt gleichsam eine einzige große Haushaltung, und müssen Einer für Alle, Alle für Einen arbeiten. Die Häusler müssen in der Woche arbeiten, was ihnen aufgegeben wird; die Spittler müssen des Tages acht Stunden arbeiten, mit Ausnahme der Sonn⸗ und Feiertage.“ Und so ging es. Wer nicht arbeiten wollte, der ward in's finstere Loch des Turms gesperrt; da saß er und bekam zum Getränk kaltes Wasser, und zur Nahrung geschwellte Erdäpfel, kalt und ohne Salz, welche die andern nicht hatten essen mögen. Das war reinem angenehm. Wer aber arbeitete, hatte täglich warme Speisen, Suppe, Gemüs und zweimal in der Woche Fleisch. Wer, außer den acht Arbeitsstunden, noch fleißiger sein wollte, konnte sich damit Geld verdienen. Seine verfertigte Waare ward für ihn verkauft, und das erlösete Geld für ihn als ein kleines Kapital in die Ersparniskasse an Zins gethan. So sammelten ste sich ein kleines Vermögen.— Wer aber SSO S S0 Nr. 42. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. fein still und ehrbarlich lebte, der hatte Hoff⸗ nung, seinen Zustand zu verbessern. Er konnte im Spital ein Unteraufseher oder gar Spital⸗ meister werden. Denn aus den bravpsten Leuten im Spital wurden die Aufseher über die Arbeiten und das Betragen der andern, über Reinlichkeit und Ordnung der Zimmer und Elsbeth führte die Oberaufsicht der Spital- küche. Hier unterrichtete sie zwei arme Frauen im Kochen. Eine andere Spittlerin hatte Aufsicht über Wäsche, Kleidung und Gerät der Spittler.— Also wurden sämtliche Spittler zwischen Furcht der Strafe und Hoff⸗ Geschichtskalender. 19. Oktober. 1897: soz. Reichstagsabgeordneter, f. vom Reichstage angenommen. Carl Grillenberger, 1878: Sozialistengesetz Schlafstätten und Kleider erwählt. Die Auf⸗ Besten seher berichteten alles dem Spitalmeister, der nung des Nutzens gestellt und zu ihrem eigenen 20. (Fortsetzung folgt.) hingeleitet. 1820: Monarchenkongreß in Troppau gegen die Revolution in Spanien, Portugal ꝛc. 21. 1894: Parteitag in Frankfurt. 1878: Soz.⸗ selbst ein Spittler war. Der Spitalmeister, so wie die Köchinnen, hatten den Vorteil, nicht zur gemeinen Arbeit gebraucht zu werden. Was sie neben ihren Amtsgeschäften verdienen Der konnten, das war ihr Eigentum und kam in die Ersparniskasse. Die Unteraufseher hatten nur vier Stunden des Tages für die Gemein⸗ schaft mitzuarbeiten; die übrigen Stunden waren ihnen erlaubt, für ihren Vorteil fleißig zu sein. Die Köchinnen hatten es eben so. nach m Humoristisches. wöhnt. Tod ist! Bäuer in(zu ihrem Mann):„Geh', 23 Hins, mach' s Fenster auf, unser Sohn kommt aus 0 der Stadt— der ist die verfeinert' Lebensweis' gewöhnt!“— Der Zweifler.„So'n Pastor weiß viel, was 25 Der weiß auch nicht mehr, als daß ö 'n toter Hering eingesalzen und gefressen wird.“ (Simplic.) Gesetz tritt in Kraft. 22. 1900: Der 12 000 Mk.⸗Bettel wird ver⸗ öffentlicht. 1901: Bürkli, Zürich, T. 1878: Verbot der Berliner„Freie Presse“. 1862: König Otto von Griechenland schüttelt den Staub von den Pantoffeln, 24. 1901: Franz. Bergarbeiterstreik vertagt. 1896: Eröffnung der Arbeiter-Glashütte in Albi(Frankreich). * A geboren;= gestorben. Fir Mfagenleldendel Allen denen, die sich durch Erkältung oder Ueberladung des Magens, durch Genuß mangelhafter, schwer verdaulicher, 85 heißer oder* kalter Speisen, oder durch unregelmäßige ebensweise ein Magenleiden, wie: 0 5 Magenkatarrh, Megenkrampf, Magen⸗ schmerzen, schwere Verdauung oder Ver⸗ schlei ung zugezogen haben, sei hiermit ein gutes Hausmittel empfohlen. dessen vorzügliche heilsame Wirkungen schon seit vielen Jahren erprobt sind. Es kst dies das bekannte Verdauungs⸗ und Blutreinigungsmittel, der Hubert Ulrich“che Nräuter-Wein. 0 Kräuter Wein ist aus vorzäglichen, heilkräftig befundenen Kräutern mit gutem Wein bereitet, und stärßt und belebt den ganzen Verdauung⸗organismu⸗ des Menschen, ohne ein Jcbfüßrungsmittel zu sein. Kränterwein beseitigt alle Störungen in den lut⸗ gefäßen, reinigt das Blut von allen verdorbenen, krankmachenden Stoffen und wirkt fördernd auf die Nen⸗ gildung gesunden Blutes. Durch rechtzeitigen Gebrauch des Kräuter⸗Weines werden Magenübel meist schon im Keime erstickt. Man sollte also nicht säumen, seine Anwendung allen anderen scharfen, ätzen⸗ den, Gesundheit zerstörenden Mitteln vorzuziehen. Alle Symp⸗ tome wie: Kopfschmerzen, Aufstossen Sodbrennen, Bläh- ongen, Uebelkeit mit Erbrechen, die bei chronischen (veralteten) Magenleiden um so heftiger auftreten werden oft nach einigen Mal Trinken beseitigt. und deren unangenehme Folgen Stuhlverstopfung wie: Beklemmung, Kolikschmer- zen, Herzklopfen, Schlaflosigkeit, sowte Blutanstauungen in Leber, Milz und Pfortadersystem(Rämorrholdalleiden) werden durch Kräuter⸗Wein rasch und gelind beseitigt. Kräuter⸗Wein behebt jedwede Unverdaullchkeit, verleiht dem Verdauungssystem einen Aufschwung und entfernt durch einen leichten Stuhl alle untauglichen Stoffe aus dem Magen und Gedärmen. Hageres, bleich. Aussehen, Blutmangel. Dur 8— sind meist die Folge schlechter Verdaunng, den Entkräf tung mangelhafter Blutbildung und eines krank⸗ 8 haften Zustandes oer Leber. Bei gänzlicher Appetitlosigkeit Ruhm 5 unter nervöser Abspannung und Gemüthsverstimmung, 8 0 sowie häufigen Kopfschmerzen, schlaflosen Nächten, dur fiechen oft solche Kranke langsam dahin. n Kräuter⸗Wein porzu⸗ giebt der geschwächten Lebenskraft einen frischen Impuls. 10 Kräuter⸗Wein steigert den Appetit, befördert Verdauung und 5 er regt den Stoffwechsel kräftig an, beschleunigt und verbessert die Blutbildung, beruhigt die erregten Nerven und schafft dem Kranken neue Kräfte und neues Leben. Zahlreiche Anerkennungen und Dankschreiben beweisen dies. 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Hierzu ladet freundlichst ein Der Vorstand. N Heuchelheim! effet ice Patte-Versammang E amstag, den 18. Oktober, Abends 9 Uhr, beim Wirt Germer„Zum grünen Baum“. Tagesordn.:„Der Parteitag in München. Ref. Gen. Vetters. Zahlreichen Besuch erwartet Der Einberufer. Konsumvereindiessen u. Umgegend E. G. m. b. H. Sonntag, 2. N 8 nachm. 3 Uhr, im oberen Saale der Restauration„Postkeller“: * General⸗Versammlung. Tagesordnung: 1. Geschäftsbericht. 2. Kassen⸗ bericht. 3. Genehmigung der Bilanz. 4. Ergänzungs⸗ wahl des Aufsichtsrats. 5. Beschlußfassung über ein⸗ elaufene Anträge(hierbei wird auf§ 12, Abs. 2 des tatuts besonders aufmerksam gemacht). 8 Nur Mitglieder haben Zutritt und wird um deren vollzähliches Erscheinen dringend gebeten. Der Vorstend: Der Aufsichtsrat: Gustav Holtberg. Michael Keßler. K. Orbig, Vors. en détail.. en gros Lang& Wiederstein Marktstrasse 4 Glessen. Marktstrasse 4 Glas-, Porzellan- und Steingut-Handlung. 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Ottmanns Druckerei, Gießen. . 0 urg. und nhauz finden die Under. e Shiefel zalitäten. Preize! Neider, nal eine Host eib& Sohn. lionen rren in verkaufen. arten nur M. 205 „„ 8,0 „„ 470 III ee e posen 3 ner kräftiger War, von 70 Pfg. n auge sausache dagen 5 im 0 br lle r 2—ů—— Beilage zur Iklitteldeutschen Sonntags-Teitung. Nr. 42. Gießen, Sonntag, den 19. Oktober 1902. 9. Jahrg. Was Colstoi über Patriotismus sagt. Mords⸗- und sonstige„Ueber“ patrioten können sich folgenden Ausspruch Tolstoi's zu Gemüte führen, der sich in W. Henkel's Sammlung Tolstoischer Gedanken„Reife Aehren“ findet. Der berühmte Dichter sagt dort über Patrio⸗ tismus: „Ich weiß jetzt, daß alle Menschen überall gleich und Brüder sind. Wenn ich nun an all das Böse denke, das ich gethan, das ich infolge der Feindschaften der Nationen erfahren und gesehen habe, daun wird es mir klar, daß die Ursache alles dessen jene grobe Täuschung war, die man„Patriotismus“ und„Liebe zum Vaterlande“ nennt. Ein Gefühl der Feindschaft gegen andere Völker empfand ich nie, es wurde mir künstlich durch eine unver⸗ nünftige Erziehung eingeimpft. Was man heut⸗ zutage Patriotismus nennt, ist einesteils eine Geistesrichtung, die durch die Schule, die Religion, die abhängige Presse, welche für die Regierung arbeitet, unter den Völkern hervorgerufen und erhalten wird, andernteils ist es eine zeitweise Erregung, die durch außergewöhnliche Mittel von den herrschenden Klassen unter denjenigen Volksschichten hervorgerufen wird, deren sittliches und geistiges Niveau sich auf einer niedrigen Stufe befindet, und diese Erregung wird dann als der Ausdruck des Volkswillens bezeichnet. Der Patriotismus ist in unseren Tagen ein grausames Erbe einer überlebten Zeit; wenn er erhalten wird, so geschieht es durch die Macht des Beharrungsvermögens und auch deshalb, weil die Regierungen und die herrschenden Klassen, fühlend, daß ihre Macht und sogar ihre Existenz daran hängt, sich bemühen ihn durch List und durch Gewaltmittel im Bewußtsein des Volkes zu erhalten. Der gegenwärtige Patriotismus ist einem Gerüst ähnlich, das dazu gedient hat, einen Bau zu errichten; jetzt hindert es, um hinein zu gelangen, man beseitigt es aber des⸗ halb nicht, weil es einigen Leuten von Nutzen ist. Der Patriotismus in seiner einfachsten und klarsten Form ist für die Regierungen nichts anderes als eine Waffe, die ihnen ermöglicht, ihre ehrgeizigen und selbstsüchtigen Ziele zu erreichen; für die Regierten dagegen ist der Verlust jeglicher menschlicher Würde, jeder Ver⸗ nunft, jedes Bewußtseins, und die knechtische Unterwerfung unter die Machthaber. Das ist der Patriotismus überall, wo man ihn predigt. Der Patriotismus ist die Sklaverei!“ Rechtssprechung. Zahlung der Krankenkassenbeiträge für Bedienstete. Mit der Frage, ob ein Arbeitgeber verpflichtet werden kann, Bedienstete, die ohne Lohn angestellt und nur auf Trin 5 gelder angewiesen sind, zur Krankenkasse anzumelden und ob er den auf ihn(den Arbeitgeber) treffenden gesetzlichen Pflichtteil der Beiträge zu bezahlen hat, hatte sich am Samstag das Gewerbegericht München zu befassen. Das Krankenversicherungsgesetz spricht nur von im Lohne stehenden Arbestern. Der Liftjunge G. war ohne Lohn bei der Hotel⸗ besitzerin Elise Schmöller in Stellung. Bei seinem Austritt verlangte die Hotelbesitzerin Ersatz von 17 Pt. 40 Pfg., das ist der volle Betrag der von Fran Schmöller an die Kranken⸗ kasse geleisteien Beiträge während der Beschäf⸗ tigung des Jungen. Der Junge bezahlte den Betrag, klagte aber nachher auf Herauszahlung der ihm zu Unrecht abverlangten Summe. Das Gewerbegericht stellte sich auf den Stand⸗ punkt, daß ein derartiges Verlangen der Be⸗ klagten gegen ihre Augestellten wider, die gesetzliche Vorschrift verstößt und ver⸗ urteilte Frau Schmöller kostenfällig zur Zahlung von 17 Mk. 40 Pfg. 1 Von Nah und Fern Preußische Polizeistreiche. In Wiesbaden tagte vorige Woche der Bund deutscher Frauenvereine. Dem zeigte die preußische Polizei, mit wie scharfen Augen sie über die Sittlichkeit wacht und wie ausge⸗ zeichnet die„Organe“ instruirt und befähigt sind, die immer Lärm erregenden„Mißgriffe“ zu vermeiden. Diese Frauenvereine beschäftigen sichmitder Bekämpfung der Prostitution, rechtlichen Gleichstellung der Frauen ꝛc. Unter den Delegierten des Kongresses waren auch solche, die sogenannte „Reformkleider“ trugen, die von der gewöhn⸗ lichen Frauenkleidung etwas abweichen. Als sich nun dieser Tage eine der Delegirten, Frau Hilda v. Decker aus Berlin, die auch Reform⸗ kleidung trug, nach dem Kongreßlokal begab, wurde sie von einem Polizisten auf offener Straße arretirt und zur Wache gebracht, „da sie so langsam über die Straße gegangen sei.“ Nach Feststellung ihrer Persönlichkeit wurde sie ohne Entschuldigung wegen des Mißgriffs wieder entlassen. Frau v. Decker müßte nur die Gattin eines Generals sich vielleicht bewogen sehen, die Polizeiallmacht etwas einzuschränken. Das Offenbacher Antisemitenblatt sagt zu diesem Vorkommnis, die Frau gehöre in's Tollhaus. Wir sind aber der Meinung, ehe man dorthin Frauen schickt, die sich ohne Rück⸗ sicht auf die Modethorheiten so kleiden, wie es viele Aerzte als gesundheitlich vernünftig be⸗ zeichnen, sollte man doch eher verschiedene Antisemitenführer, z. B. den Dreschgrafen Pückler dort unterbringen. Verurteilte Bankdirektoren. Das Schwurgericht in Heilbronn ver⸗ urteilte am 11. Oktober nach zehntägiger Ver⸗ handlung den Gewerbebank in Heilbronn wegen betrüge⸗ rischen Bankerotts ꝛc. zu acht Jahren Zucht⸗ haus und acht Jahren Ehrenverlust, den Direktor Keefer zu vier Jahren drei Monaten Zuchthaus, den Prokurtsten Krug zu drei Jahren und zwei Monaten Zuchthaus. Jedem Anklagten wurden zehn Monate als durch die Untersuchungshaft ver⸗ büßt angerechnet. Der Staatsanwalt hatte gegen Fuchs neun Jahre Zuchthaus, 10 Jahre Ehrenverlust, gegen Keefer sechs bzw. acht Jahre, gegen Krug fünf bzw. sechs Jahre beantragt. Menschenfreundlichkeit des Kohlen⸗ barons. In einer Auslassung eines Unternehmers über die ungünstige Geschäftslage im Kohlen⸗ bergbau heißt es in den„Leipz. N. N.“: „Hoffentlich realisteren sich die Erwar⸗ tungen für das letzte Quartal durch einen zeitigen und streugen Winter.“ Es gehört eben zu den notwendigen Bestand⸗ teilen der kapitalistischen Weltordnung, daß Not, Sorge, Elend und Frost der Armen Ueppigkeit und Profit der Reichen erzeugen. Und wenn die Armen, die Arbeitslosen und die übrigen Opfer dieser herrlichen„Ordnung“ im Winter vor Frost und Kälte zittern, dann reibt sich der Grubenprotz schmunzelnd die Hände und trinkt eine Flasche Heidsick auf— den strengen Winter. Eine unübertrefflich, herrliche„Ordnung“! KK» P A ³˙1ꝛ Kleine Mitteilungen. *. Ein Großfeuer brach Samstag Nacht in Staufenberg aus. Es brannte eine noch ziemlich neue, gefüllte Scheuer nieder. Die Lollarer Feuerwehr war zur Hilfe herbeigeeilt. Das Gebäude soll nicht versichert gewesen sein. Darmstadt ein dreijähriger Kuabe zum Opfer gefallen. oder anderen„hohen Tieres“ sein, da würde man Direktor Fuchs von der . Dem Spiel mit Schießgewehren ist in 1 Der 13 Jahr alte Keil zielte mit einem Flobertgewehr auf das Kind, das an der Hand seiner Mutter über die Straße ging. Leider war das Gewehr geladen; der Schuß ging dem armen Kinde in den Kopf und dteses wurde sofort getötet. ** Wegen schweren Raubes verurteilte das Potsdamer Schwurgericht den Maler Wagner, der im August die Justizratswitwe Ilß mer tödete nnd beraubte, zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe. Erdbeben in Württemberg. In Tübingen wurden am 9. Oktober, Nachmittags 3 Uhr, heftige Erdstöße in verschiedenen Teilen der Stadt verspürt. Die Zimmer im Schloß wurden sehr erschüttert; der Stoß ging von Süden nach Norden. Auch in der Stadt Horb wurde gleichzeitig im unteren Stadtteile ein starkes Erdbeben verspürt, während in den letzten Tagen weniger starke Stöße in der oberen Stadt wahrzunehmen waren. Auch in der Umgegend von Hechingen wurde abermals ein Erdbeben verspürt. k Der Glockenturm in Venedig soll, wie jetzt festgestellt ist, des halb eingestürzt sein, weil aus dem uralten Mauerwerk, welches die Stützpfeiler des ersten Stockwerkes trug, zahlreiche, für die Stabilität des Gebäudes wichtige Teile mittels Stemmeisen aus⸗ gemeißelt waren, um die im Turm befindliche Wohnung des Turmwächters zu erweitern. An mein Volk. Mein Volk, wach' auf aus Deinen Träumen Und rüste dich zur stolzen Wehr, Es gilt dein Recht; daher kein Säumen, Ein Sieg zur Freiheit, hoch und hehr. Wirf ab die Bande, die dich drücken, Und trotze selbst der Uebermacht, Dein Streben wird und muß dir glücken, Wenn du erst bis zum Kampf erwacht. Folg' einig, furchtlos deinem Siele, In Treue fest mit Mannesmut, Und sind es auch der Gegner viele, So streite tapfer um dein Gut. Wahr' dir der Menschheit heil'ge Rechte, Damit den Lenz das Auge sieht Von Dem, der jetzt gedrückt zum Knechte, Am Pflug' der reichen Norden zieht. Daß dich des Sabbats Friedensmorgen Auf deine bleiche Stirne küßt, Und jubelnd du nach Not und Sorgen, Das Licht der gold'nen Freiheit grüßt. Die armen Mütter freudig sehen, Der lieben Kinder Sukunftsbild, Dann wird den Sieg ein Hauch durchwehen, Von hoher Andacht, groß und mild. Juliette Jourdan. Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Der Neue Welt⸗ Kalender für 1903. Preis 40 Pfg. Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Sozialistische Monatshefte. Jeden Monat ein zirka 80 Seiten starkes Heft. Preis pro Heft 50 Pfg. Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft. à 10 Pfg. Die Hütte. Zeitschrift für das Volk und seine Jugend. Illustriert. Prachtvoll ausgestattet. Alle 14 Tage ein Heft. A 25 Pfg. Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer. Wilhelm Liebknecht. Sein Leben und Wirken. Unter Benutzung ungedruckter Briefe und Aufzeichnungen. Herausgegeben von Kurt Eisner. Mit Porträts und Abbildungen. Preis 30 Pfg. Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg. Grundzüge und Forderungen der Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky und Bruno Schönlank. Preis 10 Pfg. Enthält eine kurzgefaßte, allgemein verständliche Er⸗ läuterung bes Erfurter Programms. Muß jeder Genosse besitzen! Das Erfurter Programm. Von Karl Kautsky. Preis brosch. 1.50 Mk., gebd. 2 Mk. Das Kommunistische Manifest. Von Karl Marx und Friedrich Engels. Preis 15 Pfg. Weltpolitik, Chinawirren und Trans⸗ vaalkrieg. Von W. Liebknecht. Liebknecht's letzte Rede, gehalten zu Dresden im„Trianon“ am 28. Juli 1900. Preis 15 Pfg. Die Kommission. „——————— 3 — 5 ä 1 ele — 3 N reer Seite 10. Mitteldeulsche Scuntogs⸗ Zeitung. Nr. 42. Wegen eametang meine beschäftsogettdten u. Aufgabe meines Letadgeschaftes bin ich genötigt, mein 0 gesammtes Warenlager einem Löperkar zu unterwerfen und verkaufe, so lange der Vorkat reicht Abteilung für D ische M kurwar bteilung für Damenwasche. anufakturwaren. Dameuhemden, Els. Hemdentuch, verziertsmit Spitze, 110 em lang, Stück 95 Pfg. Kleiderpoffe, uni, beige und grau f per Meter 45 Pf · Damen⸗Nachtjacken, extra groß 5% 9, Schürzenzeu ge, 90 em breit 5 2 15 11 7 do.„ mit Spitze 0 1% Blaudrucks, hübsche Dessins t 25 75 Damen⸗ Hemden mit gestickter Passé„ 125„ Blusenstoffe, gestreift und karriert 1 5 35 Ein großer Posten Damen⸗Taschentücher, Linon, 45 1 1 15 Hemdentuche, Elsässer Ware, 10 Meterstücke per Stück 2.90 Mk. Dd 7„ Haushaltungs⸗ Artikel. e 0 9 en, Ober⸗ und Untertasse l Stück 15 Pfg; VV r i Salate, viereckig und oval 5-„ 18„ Bierbecher, schöne Form i.: 4 Stück 20„ Kaffestasse, Ober⸗ und Untertasse, 5 1 6 Pfg. Markitaschen mit Lederhenkel. N per Stück 48„ Gemüse⸗Tonnen, groß, bunt mit i Auch 5 1% 88 Kaffce⸗ und Zucker büchseu, lackiert e ee, Gemüse⸗Schüssel, 25 em.„ 25„ Küchenwaagen, gut gehend 1 1 5„ 2.20 Mik. 175 20„. 5 4% Glühkörper, hell e 1„ 13 Pfg. 95 35 n Closetpapier,. il 5 Rolle 15„ 1 w Emai lewarei n. 0 ö aren. 28 5 Stück Gewürzschränke, 7teilig 1 Stück 42 Pfg. 1 fel mit Stiel 8 5 5 fg Wichs⸗ und Putzkasten g 5 1 45„ alp weiß 5 5 N 2 5 55 95 Salz⸗ und Mehlfässer 8 8 0 5 0 35„ Toiletteneimer, weiß„ 2.75 Me Gemüse⸗Etagoren a 5 g 1 . 5 1 0 Schlüsselhalter, 4 Haken 88 Kochtöpfe, 16 em 65 Pfg. 7. Küchenlampen mit 91 Schild, prima Brenner, Stück 32 Pfg. Tischlampen m. Glasfuß, Rundbrenner, früher 8 Mk. jetzt 1, 68 Mk. Schuh- Aren Kin derschuhe 5 5 per Paar 35. Herreuplüschschuhe, mit Fleck. a per Paar 1.20 Mk. Kinderschuürstiefel, Lackkappe 8 1 1 Herren⸗Halbschuhe, gutes Wichsleder ff Kinderkuopsstiefel 5„„% 1.10 Mk. Herren⸗Zugstiefel, gewalkt 5 F Damenfilzschuhe mit Fleck„ e 35 Pfg. 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