* 9 Uahurg 0 ** 8 Sorten dleute he 1 litäten feslen, eisen 5 l l. 0 as 3 Uhr:* nung 0 N a/ . 11 hug entil 16. November, rose fe Crust. 5 * 55 pfeuuig. 42 ebe He lache al rogesbteisen 1 11 lee es seinen Besitzstand behauptete. —— Nr. 46. Gießen, Sonntag, den 16. November 1902. 9. Vahr. 5 Redaktion: 2 Mebattton schlug. a Kirchenplatz 11, Schloßgasse. M Id sch Donnerstag Nachmittag 4 —— Mitteldeutsche 5-4 kitun 2 Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 1 Inserate Die ögespalt. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 fg. Direkt durch] Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 2.% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4940) 33¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt Die hessischen Landtagswahlen. Die am vorigen Samstag erfolgte Wahl der Abgeordneten ist im Allgemeinen so ver— laufen, wie es nach dem Ausfall der Wahl⸗ männerwahlen vorauszusehen war. Nur in einzelnen Kreisen kam es anders; da kommen durch die bei diesem jammerbaren Wahlsystem ermöglichten Schiebungen wieder Leute in den Landtag, die vorher kaum in Betracht kamen, für die nur wenige Wahlmänner ge— wählt waren. Ein solcher erbärmlicher Kuh⸗ handel verhalf den Antisemiten Hauck im Kreise Dieburg⸗Groß⸗Umstadt zu einem Mandate. Dort hatte der Zentrumsmann 16, der Liberale 13, der Antisemit nur 9 Stimmen. Nun hätte der zweite Wahlgang zur Wahl des Zentrums⸗ mannes führen müssen, weil die Antisemiten erst nicht abstimmen wollten. Aber die liberalen Wahlmäuner, die von dem antisemitischen Ab— geordneten Bähr„bearbeitet“ wurden, fielen um und stimmten für den Antisemiten. Dieser wird also Abgeordneter, trotzdem er nur 9 von 38 Wahlmänunern hatte! Ist eine solche„Wahl“ nicht der reine Hohn? Man sollte meinen, daß ein Mann, der einigermaßen auf politische Reinlichkeit hält, die Annahme eines ihm durch so schmutzigen Handel zugefallenen Man— dats verweigern müßte. In dieser Beziehung wird aber Hauck genau so unempfindlich sein, wie s. Zt. der im Gießener Landkreise„ge— wählte“, Herr Leun.— Dem Zentrum gönnen wir übrigens diesen Reinfall. Versuchte es doch selbst im Offenbacher Landkreise ähnliche verdächtige Manöver. Dort waren 32 sozial⸗ demokratische und 22 Zentrums-Wahlmänner gewählt. Alle waren zur Wahl in Groß⸗ Steinheim erschienen, aber die Zentrumsleute trieben unter Führung eines Kaplans Obstruk⸗ tion, erschienen nicht zur Wahl, so daß die Wahl nicht stattfinden konnte, weil die 32 sozial⸗ demokratischen Wahlmänner nicht das vorge⸗ schriebene zwei Drittel der Wahlmänner repräsen⸗ tieren, es mußte ein neuer Wahltermin augesetzt werden. Damit erreichten die schwarzen Helden nun weiter nichts, als daß sie den sozialdemo kratischen Wahlmännern unnötige Kosten ver— ursachten, denn beim zweiten Wahltermin wird die Wahl vorgenommen, ohne Rücksicht auf die Zahl der erschienenen Wahlmänner. Und so ist auch Genosse Orb am Donnerstag mit 32 Stimmen gewählt worden.— Das Zentrum hatte sich eingebildet, große Eroberungen bei dieser Wahl zu machen, es muß froh sein, daß Es hatte namentlich den Sozialdemokraten in den beiden Offenbacher Bezirken den Garaus machen wollen, schreibt die Frkftr. Ztg., und zog sich lediglich eine Blamage zu, die durch die unqualiftzierbare OObstruktion seiner Wahlmänner in Offenbach⸗ Land wahrlich nicht kleiner wird. Schiebungen ähnlicher Art wie in Dieburg werden auch aus anderen Kreisen berichtet; so pvperdankt der Nationalliberale Heidenreich sseine Wahl dem Umfall mehrerer Zentrums⸗ Wahlmänner! Parteien um ein Mandat wie die Hunde herum⸗ beißen, sind sie sich doch sofort einig, wenn ihre Wenn sich sonst die bürgerlichen Zersplitterung zur Wahl eines Sozialdemokraten führen könnte!— In Griesheim⸗Wolfskehlen halte unsere Partei 19 Wahlmänner, die Gegner insgesamt 22. Sie wählten geschlossen den Landwirtsbündler Senßfelder und ließen ihren seitherigen Vertreter Backes durchfallen. Welches Bild: ein Schwärmer für die Lebens mittelverteuerung als Vertreter eines Arbeiter— bezirkes!— Durch den Umfall mehreker Wahlmänner verlor auch der bisherige Abg. für Lauterbach⸗Schlitz, der Schlitzer Bür— germeister Zinßer sein Mandat. Hier soll ebenfalls stark hinter den Koulissen gearbeitet und die Wahlmänner beeinflußt worden sein. Der erste und zweite Wahlgang ergab Stimmen⸗ gleichheit, deshalb mußte das Mandat ausge— knobelt werden und das Lotterieglück warf es den Bürgermeister Stöpler in Lauterbach in den Schoß. Die Anhänger Ziußers sollen dar⸗ über sehr erregt sein, was man ihnen schließlich nicht verübeln kann.— In Grünberg siegte Hirschel nur mit knapper Not, er erhielt 17, Moll in Grünberg 16 Stimmen. Um ein Haar hätte sich der vorzeitig in dem Offenbacher Antisemitenblatte angestimmte Siegesjubel ge— rächt; es durfte noch ein einziger der treuen urteutschen Wahlmänner umfallen, so war Hirschel durchgefallen und konnte Klagelieder statt des Jubelgesanges ertönen lassen. Ueber das Ergebnis der diesmaligen Wahl giebt folgende Aufstellung einen Ueberblick. Stadtbezirke. Bisheriger Wahlbezirk: Vertreter: Gewählt: Darmstadt Morneweg Natl Langenbach/ Fr.⸗ Köhler Säng V. Mainz Dr. David. Z= Dr. David Haas Se. Haas Offenbach Ulrich Soz. Ulrich Worms Reinhart Natl. Reinhart Bingen Pennurich Zent. Pennrich Friedberg Jöckel Natl. Damm Fr. Alsfeld Guntrum Fr. Reh Fr. Gießen Gutfleisch Fr. Gutfleisch Ländliche Bezirke. (Provinz Oberhessen) 3. Butzbach Joutz Natl. Joutz 6. Grünberg Schönfeld Natl. Hirschel Ant. 9. Lauterbach⸗ Zinßer Natl. Stöpler 2 Schlitz 10. Herbstein⸗ Schmalbach Ant. Schmalbach Ulrichstein 11. Laubach⸗ Weidner Chrsoz. Weidner Schotten (Provinz Starkenburg) Bezirk 2. Michelstadt Lang Natl. Lang 4. Waldmichelbach Heidenreich Natl. Heidenreich 6. Reinheim⸗ Ohl Ant. Hauck Ant. Lengfeld 9. Dieburg Seelinger Natl. Seelinger 13. Griesheim⸗ Backes Natl. Sensfelder B. Wolfskehlen d. L. 16. Offenbach⸗ Land Rau Soz. Orb Soz. (Provinz Rheinhessen) 1. Pfeddersheim Möllinger Natl. Möllinger 6. Oppenheim Koch Natl. Braun Natl. 9. Finthen⸗ Frenay Zent. Frenay Ingelheim Im Allgemeinen bedeutet die diesmalige Wahl eine ganz empfindliche Niederlage der Nationalliberalen, die von ihren bis⸗ herigen Sitzen sechs verloren haben, sie sind also nur noch 15 Mann stark im Landtage vertreten. Die Freisinnigen haben mit Hilfe unserer Partei drei Mandate erobert, werden also mit fünf Mann im Landtage ein⸗ ziehen. Unsere Partei behauptete ihren Besitz⸗— stand, wie bisher zählt der hessische Landtag sechs Sozialdemokraten. Leider viel zu wenig! Entsprechend der Stärke unserer Partei in Hessen gebührte uns mindestens ein Drittel der Landtagssitze! Das Zentrum behielt seine bisherigen 7 Sitze. Der 32. Landtag zählt also 15 Nationalliberale, 7 Zentrumsleute, 6 Sozialdemokraten, 5 Freisinnige; die übrigen 17 Mitglieder sind Parteilose, halbe und ganze Antisemiten, Bauernbündler ꝛc. Zur Bildung einer Mehrheit in irgend einer Frage müssen demnach im neuen Landtage wenigstens drei Parteien zusammengehen, was immerhin einen kleinen Fortschritt bedeutet. Hoffentlich macht der neue Landtag ein Ende mit dem korrum⸗ pierenden indirekten Wahlsystem. Ueberall und allgemein kam der Unwillen des Volkes über dieses Bevormundungssystem zum Ausdruck. Nur vereinzelte Kandidaten wagten als Gegner des direkten Wahlrechts aufzutreten. Die Be— seitigung des heutigen Zustandes, der eine Rechtlosigkeit der großen Masse des Volkes ist, muß nach wie vor eine der Hauptaufgaben unserer Partei sein. Wir werden dafür mit allem Nachdruck und zäher Ausdauer kämpfen. Der Landtag ist bereits auf den 24. November einberuben. Der Zollkampf im Reichstage. Angesichts des Widerstandes der Linken gegen den Zolltarif versuchten es die Anhänger der Lebensmittelverteuerung mit Gewalt maßregeln, man will den Geist der Oppo⸗ sition mit dem Knüttel totschlagen. Um eine sachliche Beratung ist es der Junkergesellschaft überhaupt nicht zu thun, es sprechen fast nur Abgeordnete der Linken. Die Herren von der Rechten und dem Zenteum vertreiben sich der— weil die Zeit in den Restaurationsräumen des Reichstags, von wo sie nur zur Abstimmung herbeigeklingelt werden, um die Schlußanträge durchzudrücken. Das ist der regelmäßige Ver⸗ lauf einer Reichstagssitzung. So ging es auch am Mittwoch und Donnerstag. Aber das Alles genügt den Wucherparteien noch nicht. Schon lange brüten sie über den Plan einer Aenderung der Geschäftsordnung des Reichstags, wodurch sie die angebliche „Obstruktion“ vernichten wollen. Dieser saubere Plan hat nun in Form eines Antrages des Zent⸗ rümlers Aich bich ler feste Gestalt angenommen. Dieser Antrag will die namentlichen Abstim⸗ mungen beseitigen. Während jetzt die Abge— ordneten bei dem Namensaufruf durch Zuruf mit Ja oder Nein antworten, soll dann die Abstimmung durch Karten mit entsprechender Aufschrift erfolgen. Der Plan der Dunkelmänner läuft also darauf hinaus, während der Abstimmung weiter zu verhandeln, um dadurch die Beratung zu verkürzen. Es bedeutet dieser Anschlag eine niederträchtige Vergewaltigung der Minderheit, einen Bruch der Verfassung des Reichstags, der Geschäftsordnung. Den Antrag haben 175 Abgeordnete der Rechten und des Zentrums unterschrieben, selbstverständlich sind auch die Antisemiten bei dem gegen die parlamentarische 1 N 5 8— r Seite 2. Mitteldeutsche Sountasas⸗Zeituns. Nr. 48. Orduung gerichteten Streiche dabei. Noch weitergehende Vorschläge, die denselben Zweck verfolgen, sind von reaktionärer Seite gemacht worden, so daß sich dieser Antrag wirklich als der Anfang zum Staats streich darstellt.— Am Mittwoch(12.) entspann sich um die Frage, ob dieser Antrag vor früher eingebrachten auf die Tagesordnung gesetzt werden soll, ein heftiger Kampf, der mit dem Beschluß der Mehrheit endete, seine Beratung am Donnerstag vorzu⸗ nehmen. Diese schofelen Mittel der Zöllner werden natürlich die schärfsten Abwehrmaßregeln unserer Genossen zur Folge haben. Sie werden vor keinem gesetzlichen Mittel zurückschrecken, um das Volk vor dem Zollwucher zu schützen. Lebhafter als je ging es am Freitag her. Die Mehrheitsparteien hatten ihren bisherigen Gewaltstreichen einen neuen hinzugefügt, indem sie beschlossen, über alle 17 Positionen des§ 5 des Tarifgesetzes gemeinsam zu verhandeln. Genannter§ 5 handelt von Gegenständen, die zollfrei bleiben sollen. Es lagen dazu eine Reihe Anträge— durchweg auf Erweiterung, in einem Falle aber, wo es sich um Luxusschiffe handelt, auf Beschränkung der Zollfreiheit— von seiten unserer Fraktion vor, zu denen im Laufe der Freitagssitzung noch mehrere frei⸗ sinnige Anträge, von Gothein und Müller⸗ Meiningen gestellt, traten. Eine wirklich sachliche Beratung war natürlich bei der von den Mehrheitsparteien beliebten Methode, wo⸗ nach Gemälde, Koffer, Leichen, Hochzeitsgeschenle, Reiseproviant, Garn zu Fischnetzen und der Himmel weiß, welche Gegenstände sonst noch, zusammengeworfen wurden, einfach unmöglich. Zuerst ergriff dazu Genosse Stadthagen das Wort, der es in einer beinahe 4½ stündigen Rede versuchte, das gewaltige Material zu bewältigen. Es war die längste Rede, die je im Reichstage gehalten worden ist; trotzdem muß sie als durchaus sachlich bezeichnet werden. Aber die Rede war nicht nur lang; sie war auch inhaltlich vorzüglich; nur ein Mann von Stadt⸗ hagens großer Belesenheit konnte es ermöglichen, ohne Vorbereitung über eine solche Fülle der allerverschiedenartigsten Gegenstände zu sprechen. Einige Partien der an witzigen Wendungen und schlagenden Treffern reichen Rede, wie z. B. die Ausführungen über die Belastung des Netzgarns armer Fischer zu Gunsten reicher Netzfabrikanten und die banausische Verzollung von Kunstgegenständen, sind als geradezu klassisch zu bezeichnen. Unterdessen thaten sich die Zöllner in der Restauration gütlich. Erst als Stadthagen am Ende seiner Ausführungen war, strömten sie in den Saal, um den üblichen Schlußantrag durch⸗ zusetzen. Dem Schlußantrage stellte der Frei— sinnige Brömel einen Antrag auf gesonderte Behandlung der einzelnen zu§ 5 gehörigen Positionen gegenüber. Ein gleicher Antrag war aber schon am Tage vorher abgelehnt worden; es erhob sich deshalb über die Zulässigkeit des Brömel'schen Antrages eine heftige Geschäfts⸗ ordnungsdebatte. Die Mehrheit beteiligte sich an derselben durch Zwischenrufe von ausgesuchter Ungezogenheit.„Elender Wicht“ wurde von der Rechten her schon kürzlich einem Redner der Linken entgegengeschleudert. Diesmal schrie einer dem Abg. Barth zu:„Der Kerl muß auch immer quatschen!“ Wer die Helden waren, die soviel Bildung an den Tag legten, läßt sich nicht feststellen. Einer von den Junkern war es aber, der„Singerleben“ rief! Im Uebrigen überließ die Zollmehrheit dem edlen Vertreter des„liberalen“ Bürgertums, dem„Freihändler“ und Vize⸗Präsidenten Büsing, der gerade den Vorsitz führte, vertrauensvoll die Vertretung ihrer Sache. Wieder waren es Singer, Barth, Stadthagen, Brömel, die wie am vorigen Tage, auch am Freitag den Kampf gegen die Knebel⸗ mehrheit führten; zögernd, halb widerwillig schloß sich Dr. Müller⸗Sagan von der Volks⸗ partei ihnen an. Unter hestigem Lärm kam der Schlußantrag zur Annahme. Ein Ver⸗ tagungsantrag Stadthagens wurde in nament⸗ licher Abstimmung abgelehnt. Als aber dann über die zu diesem Paragraphen gestellten Ab⸗ änderungs⸗Anträge abgestimmt wurde, ergab sich Beschlußunfähigkeit, worauf der Präsident die nächste Sitzung auf Montag festsetzte. Ganz ohne Reden ging es am Montag ab, nur der Präsident hatte stets das Wort. Es dürfte kaum schon einmal dagewesen sein, daß eine ganze Reichstagssitzung nur mit A b⸗ stimmungen ausgefüllt wurde. Die am Freitag ausgesetzte Abstimmung über die zahl⸗ reichen Nummern des§ 5 des Tarifgesetzes nahm ihren Fortgang. Vier namentliche und einige einfache Abstimmungen wurden erledigt, bei der fünften stellte sich Beschlußunfähigkeit heraus, weshalb die Sitzung abgebrochen wurde. Dabei war die Beschlußunfähigkeit keineswegs von der Linken herbeigeführt, von der Rechten waren seit Beginn der Sitzung ebensoviel, als von der Linken verschwunden. Die weiteren Abstimmungen über die ein⸗ zelnen Positionen des§ 5 wurden in der Dienstagssitzung fortgesetzt. Sie fielen alle im Sinne der Kommissionsvorschläge aus. Be⸗ zeichnend ist die Stellung, welche die Freisinnige Volkspartei verschiedentlich einnimmt; sie läßt alle Energie im Kampfe gegen das Zollunge⸗ heuer vermissen. Unsere Genossen hatten zum Beispiel beantragt, daß zukünftig auch im Aus⸗ land gebaute Luxusschiffe nach Art der„Hohen⸗ zollern“ verzollt werden sollen. Dagegen stimmten aber mit den Junkern die Freisinnige „Volks“partei in rührend monarchischer Ge— sinnung. Die Beratung der folgenden Paragraphen des Tarifgesetzes ging in der gleichen Weise wie die der erledigten von Statten. Die Mehr⸗ heit im Gefühle ihrer Ueberlegenheit im Reichs⸗ tage überließ den Rednern der Linken, die durchschlagendsten Gegengründe gegen die Kom⸗ missionsbeschlüsse vorzubringen, begnügte sich ihrerseits auf ein paar kurze Erklärungen durch den Mund ihrer Führer— und stimmte unver⸗ drossen nieder. Am Schluß verlangten Singer, Heine, Pachnicke energisch, einmal die Tarifbehandlung zu unterbrechen und an dem mittwochlichen Schwerinstag dieser Woche die zahlreichen unerledigten Petitionen oder Initi⸗ ativanträge an die Reihe kommen zu lassen. Davon will natürlich die Mehrheit und ihr Wortführer Dr. Bachem nichts wissen, sie setzten für Mittwoch wieder den Tarif auf die Tagesordnung. Die Beratung an diesem Tage endete mit dem oben erwähnten heißen Geschäfts⸗ ordnungskampfe. Politische Rundschau. Gießen, den 13. November. Vom unerschütterlichen Zentrumsturm. Zentrumsmann Trimborn behauptete jüngst im Reichstag, der Zentrumsturm sei unerschüttert, auch bei den letzten Wahlen habe sich die verjüngende Kraft des Zeutrums be⸗ währt und sie werde sich weiterhin bewähren. Sieht man sich die Wahlziffern an, so stimmt die Sache nicht ganz. Vielmehr zeigt die Reichs⸗ tagswahlstatistik, daß die Zahl der Zentrums⸗ wähler verhältnismäßig ständig abnimmt. Im Jahre 1874 gehörten noch 27,86 Prozent aller abgegebenen Stimmen dem Zentrum, bei der 1898er Wahl waren es nur noch 18,77 Prozent! Das nennt der Abg. Trimborn eine „Verjüngung“! Der Rückgang ist ein ständiger, die Unaufrichtigkeit und Volksfeindlichkeit der Ultramontanen ist von Jahr zu Jahr breiteren Massen klar geworden und hat zum Abfall von der ultramontanen Partei geführt. Nur in den Jahren 1881 und 1893 war ein kleiner Auf⸗ schwung zu verzeichnen. Freilich ist die Zahl der Zentrums-Abgeordneten in Folge der ungerechten Wahlkreis⸗Einteilung trotz Abnahme der Stimmenzahl der Wähler ge⸗ stiegen. Die sozialdemokratische Stim⸗ menzahl stieg dagegen von 6,78 Prozent von 1874 bis 1898 auf 27,18 Prozent! Zum Prahlen liegt also für das Zentrum gar keine Veranlassung vor.— Auch die Landtagswahl in Offenbach⸗Land zeigte, daß der Katholizismus keineswegs das Vordringen des Sozialismus hindert. Gerade in den vorwiegend katholischen Orten wurden— sozialdemokratische Wahl⸗ männer gewählt. Wittelstandsrettung der Bauern⸗ bündler. Bauernbündler und Antisemiten werden nicht müde, sich als warme Freunde des Mittelstandes anzupreisen. Ihre Mittelstandsfreundlichkeit illustriert ein Beispiel aus Bayern. Die dortigen Bauernbündler haben sich nämlich auf den Zigarrenhandel gelegt, um ihrer Bundes⸗ kasse, in der Ueberfluß an Geldmangel herrscht, aufzuhelfen. Die Leitung hat mit der Zigarren⸗ fabrik Reinhardt in Meißen in Sachsen ein Abkommen getroffen, wonach das Schmauchkraut den Obmännern des Bundes zum Händler⸗ Engrospreis geliefert wird. Sie haben die Bauern damit zu versorgen und den Gewinn an die Kasse abzuliefern. Die kleinen Zigarren⸗ händler sind von der Konkurrenz des Mem⸗ mingerschen Bauernbundes, dessen Ziel auch 05„Rettung des Mittelstandes“ ist, nicht sehr erbaut. Ja, die antisemitische Mittelstandsrettung schaut in der Praxis anders aus, als in der Theorie. Memminger, der Führer des bayr. Bauernbundes, ist der Busenfreund der Hirschel, Köhler ꝛc. Der„goldene Boden des Handwerks“ soll bekanntlich in erster Linie durch den Be⸗ fähigungsnachweis wieder gewonnen werden. Davon will aber die badische Regierung nichts wissen. Auf einer kürzlich in Durlach statt⸗ gefundenen Zusammenkunft badischer Gewerbe⸗ vereine, auf dem ebenfalls der Befähigungs⸗ nachweis erörtert wurde, erklärte sich der Ver⸗ treter der Regierung entschieden dagegen. Er sagte: Die Regierung sei gewiß einverstanden mit allen Bestrebungen, welche auf eine höhere Befähigung des Handwerkerstandes zielen, die Forderung des Befähigungsnachweises aber gehe uͤber den Rahmen aller der hier in Frage kommenden Einrichtungen weit hinaus. Die freie Thätigkeit des Handwerkers solle durch diese Forderung eingeschränkt werden, es werde ganz unverhohlen gesagt, daß es sich dabei weniger um die Beseitigung der be⸗ stehenden Mißstände und um den Schutz des Publikums gegen diesen handle, als darum, den Wettbewerb im Handwerk zurückzu⸗ dämmen und eine Preissteigerung herbei⸗ zuführen. Es handle sich um einen Versuch, auf einem Umwege zu der vor nunmehr 40 Jahren aus guten Gründen aufgegebenen zünft⸗ lerischen Ordnung des Handwerks mit all' ihren beengenden Folgen zurückzukehren. Eine solche Beschränkung der gewerblichen Erwerbsthätigkeit halte aber die badische Regierung nicht für ge⸗ boten, sie liege weder im Interesse des Publi⸗ kums, noch des Handwerks selbst, da der Be⸗ fähigungsnachweis nur Schranken auferlegen würde, die es in der Fortentwicklung hemmen. Freie Bewegung sei für das Gedeihen des Handwerks unerläßlich. Außerdem sei der Befähigungsnachweis kaum durchführbar; die Regierung könne mithin einer solchen Durch⸗ brechung der Gewerbefreiheit nicht zustimmen. — So sind die Zünftler hier abgeblitzt. Ob sie aber durch die ganz vernünftigen Darlegungen des Regierungsvertreters von ihren verbohrten Ansichten abgebracht werden, ist nach früheren Erfahrungen mehr als zweifelhaft. Militarismus und Sittlichkeit. Heilig ist unseren Patrioten das Kapital, noch heiliger das Militair, welches ersteres zu schützen berufen ist. Was wird uns nicht alles von den„erzieherischen“ Resultaten des Kasernen⸗ lebens vorerzählt; hört man so einen Krieger⸗ vereinsbruder(besonders nach dem Genuß einiger Schoppen), giebt es keine Tugend, die nicht durch die militairische Erziehung gefördert wird. Nun kommt der„Verein für Innere Mission“ in Metz und erhebt den Vorwurf, daß die 27000 Soldaten in Metz eine besondere, sittliche Gefahr für die weibliche Jugend bilden. Da sogar der Divisions⸗ pfarrer den Aufruf zum Bau einer„Bewahr⸗ K ͤ————·— N. G. che Wahl. dauern, werden ni litelstundez weundlichel Die dortige gen rer Bundes⸗ gel herrscht, r Jtgarren⸗ Suchen ein Imauchkraut m Händler⸗ e haben die den Gewinn en Zigarren⸗ des Mem⸗ n Jiel auch , nicht sehr tundsrettung S in der et des bayr. der Hirschel, andwerks“ Gewerbe⸗ Nr. 46. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 3. anstalt“ für Mädchen unterzeichnet, dürfte ja wohl kein Zweifel an der Wahrheit obigen Vorwurfs sein.— Sonst beschuldigen unsere „Frommen“ die Sozialdemokraten als die Zerstörer von„Moral und Sitte“; um so erfreulicher ist es, daß sie hier ungeschminkt die Wahrheit sagen.— Hoffentlich schadet ihnen diese sehr seltene Wahrheitsliebe nicht in ihrem weiteren Fortkommen! Die Politik in den Kriegervereinen. Trotzdem die Kriegervereine sich immer da⸗ gegen wehren, als politische Vereine zu gelten, wird in ihnen Politik in der allerschärfsten Form getrieben. Jetzt ist den Vorsitzenden der Kriegervereinigungen ein Programm über die „Grundsätze der vaterländischen Aufgaben“ der in den deutschen Landeskriegerverbänden ver- einigten Kriegervereine zugegangen. Die Vor⸗ sitzenden sollen dieses„Programm“ von Zeit zu Zeit zur Verlesung bringen. Es wird in diesem Programm zumeist gesagt, daß die wichtigste Betätigung des Staatsbürgers die Ausübung seines Wahlrechts ist.„Unsere Kameraden sind“, so heißt es,„vollkommen frei, innerhalb des Rahmens der den bestehenden Staat anerkennenden Par⸗ teien ihre Pflichten als Staatsbürger, bei Reichstags⸗, Landtags⸗ und kommunalen Wahlen auszuüben, wie sie wollen, sie dürfen aber, wenn sie unsere Mitglieder bleiben wollen, unter keinen Umständen einen Sozialdemo⸗ kraten wählen, auch nicht in der Stichwahl. Der Kamerad, der nachgewiesenermaßen bei einer Reichstags⸗ oder Landtagswahl einem Sozialdemokraten seine Stimme gegeben hat, muß aus seinem Vereine ausgeschlossen werden. Weigert sich der Verein, den Ausschluß herbeizuführen, so muß der Verein ausge⸗ schlossen werden. Was von den Reichstags⸗ und Landtagswahlen gilt, hat auch für die kommunalen Wahlen Geltung, denn die Wahl eines Sozialdemokraten in einen städtischen Vertretungskörper bedeutet gleichfalls eine Unter⸗ stützung der Sozial demokratie.“ Sogar den Gewerkschaften sollen die Kriegervereinler fernbleiben. Die Zuge⸗ hörigkeit zu einer solchen sei auch dann mit der Mitgliedschaft in einem Kriegerverein un⸗ vereinbar, wenn der Betreffende nicht selbst Sozialdemokrat ist, da er durch Zahlung der Gewerkschaftsbeiträge die Zwecke der Sozial⸗ demokratie direkt oder indirekt unterstützt. Es sei den Kameraden, welche Arbeiter sind, unbe⸗ nommen, ihre Berufsinteressen in national⸗ gesinnten Vereinigungen zu pflegen und sich dadurch„der Tyrannei der Sozialdemo⸗ kratie zu entziehen.“„Sodann können auch Diejenigen nicht Mitglieder unserer Vereine sein, welche die bestehenden staatlichen Verhält⸗ nisse, auf denen das Deutsche Reich in großer Zeit aufgebaut worden ist, nicht anerkennen und diese ihre Gesinnung bei den Wahlen be⸗ tätigen.“ Schließlich werden die Kriegervereine aufgefordert, Mann für Mann bei jeder Wahl zu erscheinen und sich in dieser Beziehung an dem Gegner ein Beispiel zu nehmen. Diejenigen aber, die in den Kriegervereinen sich befinden, obgleich sie Sozialdemokraten sind, sollen aus⸗ treten, andernfalls würden ste ausgeschlossen werden. 5 Das„Programm“ beweist klärlich, daß die Kriegervereine politische Tendenzen verfolgen, eine übrigens ganz bekannte Sache. Sie müßten den Bestimmungen des preußischen Vereins- gesetzes(Anmeldung der Mitglieder ꝛc.) unter⸗ worfen werden, wenn nicht nach dem Grundsatz verfahren würde: Wenn zwei dasselbe thun, ist es nicht dasselbe! Kein denkender Arbeiter tritt einem Kriegervereine bei. Kaiserreden. Bei der Vereidigung der Garde⸗Rekruten in Berlin hat der Kaiser, der kurz darauf nach England fuhr, um dem dicken Eduard zum Geburtstage zu gratulieren, eine Rede gehalten. Er sagte da unter anderem: „Ihr habt mir soeben den Fahneneid ge- schworen und dabei angesichts der glorreichen und ruhmgekrönten Feldzeichen ausgesprochen, daß Ihr kreu zu Eurem Kaiser stehen wollt in allen und jeden Lagen.... Denkt stets an Euren Fahneneid und schütrelt die Versucher von Euch ab. Vergeßt aber auch Euren Gott nicht, denn durch den Segen des Allerhöchsten wird Euch Eurer Dienst leicht und lernt Ihr schwere Stunden über⸗ stehen. Schämt Euch nicht des Gebetes, das Euch einst Eure Mutter gelehrt hat. Wer Gott vertraut, ist noch nie unterge⸗ gangen und war die Prüfung auch noch so schwer. Ihr habt mir Treue geschworen; seid aber Euch selbst auch treu. Der Rock, den Ihr tragt, ist mein Rock und Ehre dem, der ihn tragen kann. Laßt dies Ehren⸗ kleid aber nicht beschimpfen, denn wer Euch beleidigt, tritt auch mir zu nahe.“ Hoffentlich werden dann auch die Vorgesetzten, welche die Rekruten beleidigen, wegen Majestäts⸗ beleidigung bestraft! Uebrigens ist es ein Irr⸗ tum, wenn der Kaiser den Soldatenrock als seinen Rock bezeichnet. Das Volk muß die vielen Röcke mit seinen Steuergroschen bezahlen. — Was für„Versucher“ der Kaiser gemeint hat, wäre interessant zu erraten. Eine weitere Rede hielt Wilhelm II. in England. Bei einer Parade in Shornecliffe richtete er an ein Regiment eine Ansprache, in der er sagte: „Ich gratuliere dem Regiment zu seinem Aussehen und zu dem Verhalten, welches es in Südafrika an den Tag gelegt hat.“ Wie mag das unseren biederen Kaisertreuen, aber dabei englandfeindlichen Patrioten gefallen? — Ueber die englische Kaiserreise gerieten sich übrigens die bayrischen und preußischen Agrarier in einer Versammlung in Würzburg gehörig in die Haare. Thomas Memminger, der Leiter des Bauernbundes, kritisierte sehr abfällig die kaiserliche Politik, was den preußischen Oberbündler Dr. Hahn und seine Begleiter veranlaßte, demonstrativ den Saal zu verlassen. Statt mit einer Einigung endete die Versamm⸗ lung mit Krach. Einen schönen Wahlsieg erkämpften unsere Genossen im Landbezirke Heilbronn, wo am Montag in der Stichwahl unser Genosse Schäffler gegen den reaktio— nären Bürgermeister Hegelmeier von Heil— bronn in den Landtag gewählt wurde. Es handelte sich hier um eine Ersatzwahl; vorher besaß den Kreis die Volkspartei. Nunmehr ist unsere Partei im württembergischen Landtage mit 6 Mann unter 93 Abgeordneten vertreten. Bei den vorige Woche in Magdeburg stattgefundenen Stadtverordnetenwahlen erzielte unsere Partei ebenfalls gute Erfolge. Das von uns bisher innegehabte Mandat in Magdeburg⸗Neustadt wurde glänzend behauptet, sechs unserer Kandidaten kommen in Stichwahl. Ebenso erzielte unsere Partei in Düssel⸗ dorf, wo sie sich zum ersten Mal an den Stadtratswahlen beteiligte, einen beachtenswerten Erfolg. Die sozialdemokratischen Kandidaten erhielten 2294, die des Zentrums 2921 Stimmen. Außerdem fielen noch auf die mittelparteilichen Kandidaten Stimmen, so daß Stichwahl zwischen Zentrum und Sozialdemokratie zu entscheiden hat. Hänge⸗Peters, jener berüchtigte„Kolonialheld“, der wegen verschiedener scheußlicher Verbrechen disziplina⸗ risch mit Dienstentlassung bestraft wurde, macht sich wieder mausig und spielt den Unschuldigen und Gekränkten. Er suchte Bebel im Reichs⸗ tage auf und wollte von ihm den Namen seines Gewährsmannes in der Tuckerbriefange⸗ legenheit erfahren. Bebel lehnte es natür⸗ lich ab. Peters braucht nur den Mann, den er im Ver dacht hat, der Gewährsmann Bebels zu sein und der sich bereits öffentlich als solcher bezeichnet, zu verklagen. Das zu thun, wird sich der Hängekarl aber hüten. Uebrigens kam der Tuckerbrief für die Verurteilung gar nicht in Betracht, der Ehren⸗Peters wurde auf andere Anklagepunkte hin verurteilt. Seine Rein⸗ waschung wurde schon verschiedentlich vergeblich versucht. Schergendienste für die russische Polizei leisten deutsche Hochschulen. Viele von der russischen Polizei aus irgend einem Grunde— an Gründen fehlt es der Polizei des Knuten⸗ reichs noch weniger als der anderer Länder— verfolgten Studenten wenden sich nach Deutsch⸗ land, um hier ihre Studien fortsetzen zu können. In der letzten Zeit kam es nun mehrfach vor, daß die jungen Leute zur Polizei zitiert, einem Verhör unterworfen und sogar ausgewiesen wurden. Wie das geht, ersieht man aus fol⸗ gender Zuschrift, die unserm Zentralorgan aus Darmstadt zuging: „In den letzten Tagen des vorigen Monats kamen in Darmstadt zwei russische Studenten an, die — wie so viele der an der dortigen Hochschule Studie⸗ renden— in Rußland relegiert waren, um sich für das Winter semester immatrikulieren zu lassen. Der eine hatte dies auch bereits gethan, als am anderen Tage Abends sich ein Kriminalbeamter bei ihnen ein⸗ stellt und sie einlud, dem Polizeirevier einen Besuch abzustatten. Hier wurden sie in ein Verhör genommen und am anderen Tage zu dem Rektor der Hochschule gerufen, der dem einen seine Studiengelder wieder zurück⸗ gab, mit dem Ausspruch:„Wer in Rußland ein⸗ mal von der Universität verwiesen ist, den brauchen wir hier in Deutschland auch nicht.“ Im Korridor der Hochschule hatte sich inzwischen ein Kriminalbeamter eingefunden, der sich der beiden Stu⸗ denten in der liebenswürdigsten Weise annahm und sie nach dem Polizeirevier spedierte, woselbst ihnen eröffnet wurde, innerhalb 24 Stunden Darmstadt zu ver⸗ lassen, da man sie sonst abschieben würde“. Es muß also die Behörde der Hochschule der Polizei die Papiere der Studenten vorgelegt haben. Mit Recht fragt der„Vorwärts“ die Regierung, ob die russischen Studenten unter Polizeiaufsicht gestellt wären? Vielleicht ver⸗ langen unsere Genossen im hessischen Landtage darüber Auskunft. Skandalösen Wahlschwindel trieben die Christlich⸗sozialen(Antisemiten) unter der Führung ihres berüchtigten Häupt⸗ lings Lueger, des Bürgermeisters von Wien bei den kürzlich stattgefundenen Wahlen zum österreichischen Landtage. Die Taktik der Luegerianer war nämlich eine einfache. In den Wählerlisten wurden eine Menge„Wähler“ aufgeführt, die längst verstorben sind oder nie gelebt haben. Für diese„Wähler“ wurden Wahllegitimationen ausgestellt— das hat der antisemitische Magist⸗ rat ja leicht!— und allerlei Lumpengesindel gab für die nichtexistirenden Wähler Stimm⸗ zettel ab. Ein Bursche wurde dabei abgefaßt, als er gerade wieder mit einem gleichwertigen »Komplicen den Rock tauschte, um zum sechs— zehnten Mal einen Stimmzettel abzugeben. Sozialistische Wähler wurden von Messerhelden angegriffen, ohne daß die Polizei die Messer⸗ stecher festnahm.— Am Wahltage drangen eine Heerde besoffener Polizisten mit blanker Waffe in das Arbeiterheim ein, wo sie alles zerschlugen und viele Leute verletzten, wurden aber schließlich zurückgeschlagen.. Ohnehin ist das Wahlrecht zum österreichischen Abgeordnetenhause urreaktionär, zum Vorteile der Besitzenden zugeschnitten; es ist desyalb kein Wunder, wenn die christlich⸗soziale Sippe durch Schwindel und Beeinflussung auf der ganzen Linie siegte. Bisher war unser Genosse Adler einziger Vertreter der Sozialdemokratie im Landtage; er unterlag leider im Bezirk Favoriten gegen den Antisemiten mit nur 39 Stimmen Minderheit. Dagegen siegte Genosse Seitz in Floridsdorf.— Die Vorgänge bei diesen Wahlen, wie auch sonst die ganzen Zu⸗ stände in Wien und Oesterreich zeigen, was von einer antisemitischen Parteiherrschaft zu erwarten ist. Immer mehr Soldaten! Eine neue Wehrvorlage hat die öster— reichische Regierung dem Parlament vorgelegt. Sie verlangt 21600 Mann mehr, die auf fast alle Waffengattungen verteilt werden sollen; besonders wären durch die Einführung der ———= UD n — — . — Seite 4. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. 7 Nr. 9. Haubitzen und Verstärkung der Kriegsmarine mehr Mannschaften notwendig.— Kaum wird dort die Heeres verstärkung angenommen sein, sehen sich natürlich die andern Staaten ebenfalls zu neuen Militärforderungen„genötigt“, dann kommt Oesterreich wieder an die Reihe und so gehts fort, bis endlich die Völker dem tollen Spiel selbst ein Ende machen. Hoffentlich dauerts nicht mehr allzu lange. Sozialismus im russischen Heere. Neulich veröffentlichte der Vorwärts einen geheimen Erlaß des russischen Kriegsministers. Darin schildert der Minister das immer stärkere Auftreten des Sozialismus in der Armee und fordert die Regimentskommandeure auf, Gut⸗ achten über die Bekämpfung desselben einzu⸗ senden.— Die letzte und beste Stütze absolu⸗ tistischer Brutalität— ein halbwildes Militär— beginnt zu schwanken. von Uah und Lern. Gießener Angelegenheiten. Dr erraten kasse i der am Mittwoch Abend im Postkeller stattgefundenen ordentlichen Generalversammlung wurde zunächst der Rechnungsprüfungsausschuß für 1902 gewählt und dafür Holtberg, Sickert und Schmidt bestimmt. Dann erfolgte die Ersatzwahl des Vorstandes, welche die Wieder⸗ wahl der seitherigen(ausscheidenden) Mitglieder ergab.— Es folgt dann die Beratung über die vom Vorstand beantragten Statutenände⸗ rungen. Diese beziehen sich auf die§§ 2, 15, 22 und 31 des Statuts und sehen Erhöhungen der Leistungen der Kasse an die Mitglieder vor. Den Aenderungen wird nach den Anträgen des Vorstandes zugestimmt, nachdem sie der Ge— schäftsführer Fourier mit dem Hinweise auf den verhältnismäßig günstigen Stand der Kasse begründet hat. Den letzten Punkt der Tages⸗ ordnung bildet die Berichterstattung über den Krankenkassentag in Hamburg, die von Fourier gegeben und beifällig aufgenommen wird. — Der neugegründete Arbeiter⸗ turn verein hielt vergangenen Sonntag seine erste Generalversammlung ab. Zunächst nahm diese das Referat des Turngenossen Krafft aus Frankfurt entgegen, in welchem der Redner die Entwickelung der Arbeiterturnvereine schil— derte und ihre Aufgaben erläuterte. Seine Ausführungen wurden sehr beifällig aufgenom— men. Bei der folgenden Statutenberatung wurde u. a. festgesetzt, daß jede 17 Jahr alte männliche Person Mitglied werden kann. Jüngere können in die Zöglingsriege eintreten, wo sie 10 Pfg. Monatsbeitrag zu entrichten haben. Für die übrigen Mitglieder kostet das Eintrittsgeld 50 Pfg., der monatliche Beitrag 30 Pfg. An⸗ meldungen zum Eintritt werden in den Wirt⸗ schaften von Löb und Orbig entgegengenommen. — Die Rezitation Walkottes am onnerstag Abend war außerordentlich stark besucht; der allerdings nicht große Saal des Leuzschen Felsenkellers bot kaum Platz für alle Erschienenen. Walkotte entledigte sich seiner Aufgabe in gewohnter künstlerischer Weise, die Zuhörer folgten ihm mit großer Aufmerksam⸗ keit und spendeten reichen Beifall. Auch in Wetzlar, wo Herr Walkotte am Mittwoch im Suützengarten„Enoch Arden“ vortrug, war ein überaus starker Besuch zu verzeichnen, etwa 600 Personen waren anwesend.— Für diese Veranstaltung wird man dem Gewerkschafts— kartell Dank wissen. — Menschenfreundlicher Unter⸗ nehmer.„Wer nicht genug schafft, ob jung oder alt, weg mit ihm!“ So rief kürzlich der Bauunternehmer Schneider seinem Parlier zu. Damit wollte er andeuten, daß diejenigen Maurer, die schon eine Reihe von Jahren sich bei ihm abquälen, keinen Vorzug genießen, sondern bei nicht zufriedenstellender Leistung so gut wie die jungen Leute„fliegen“ sollen. An diesem Ausspruch, wie an tausenden von Fällen ersieht jeder Arbeiter, daß es ihm nichts das Geringste nützt, wenn er jahrzehnte lang dem Unternehmer seine Arbeitskraft zur Verfügung stellte, zufrieden mit dem, was man ihm zu bieten für gut fand; seine Lage kanu er nur verbessern, wenn er im Verein mit seinen Be⸗ rufs⸗ und Arbeitskollegen allgemeine Ver⸗ besserung der Arbeits verhältnisse anstrebt. Das kann aber nur durch weiteren Ausbau der ge⸗ werkschaftlichen Organisation geschehen, der sich darum auch jeder Maurer anschließen müßte. Aus dem Nreise gießen. — Der Prozeß gegen das hessische Anti⸗ semitenblatt, die„Volkswacht“ in Offenbach wegen Beleidigung des Händlers Berlin in Großen-Buseck, der vor einiger Zeit mit der Verurteilung des Redakteurs Reuther zu einem Monat Gefängnts endete, erlebte vor Kurzem eine Neuauflage. Reuther hatte näm⸗ lich den Verfasser der beleidigenden Notiz ge⸗ nannt und nun wurde auch gegen diesen, den Steinmetz Arnold in Beuern, Anklage er⸗ hoben. Gegen ihn fand die Verhandlung am 31. Oktober vor der Gießener Strafkammer statt, die ihn zu 80 M. Geldstrafe und Pub⸗ likation verurteilte. Die Verhandlung bot manches Interessante. In der inkriminierten Notiz war gesagt worden, Berlin habe einen Einbruch bei sich fingiert, um die Entschädigung von der Versicherung einzuheimsen. Wie fest⸗ gestellt wurde, war aber Berlin gar nicht gegen Einbruch versichert. Reuther bestätigte als Zeuge u. A., daß ihm der Angeklagte Arnold nach seiner,(R's.,) Verurteilung 60 Mark ge⸗ schenkt, die er dankend angenommen habe. Weiter ging aus den Zeugenaussagen des Pro⸗ tokollführers und Hirschels hervor, daß der angeklagte Mitarbeiter der Volkswacht ein über⸗ spannter Mensch sei.— Daß Arnold aber an⸗ geklagt wurde, hat Reuther durch seine Tol⸗ patschigkeit verschuldet, weil er ihn gegen alle redaktionelle Gepflogenheit als Verfasser der Notiz nannte. Ueberflüssiger Weise sagt er auch noch in dieser Verhandlung, daß er zur Zeit der Aufnahme des Artikels nicht am Blatt thätig gewesen sei; daraufhin ist es gar nicht unmöglich, daß noch andere Personen hereinfallen. Und das durch Reuthers Eselei. Aus dem Rreise friedberg-Püdingen. o. Prozeß wegen Flugblätter⸗ Verteilung. Genosse Hofmann⸗Vilbel war seisser Zt. mit einem Strafmandat belegt worden, weil er an einem Sonntage während der Kirchenzeit unsere Landkalender verbreitet hatte. Auf seinen Einspruch wurde er vom Schöffengericht verurteilt, von der Gießener Strafkammer aber freigesprochen. Gegen das Urteil legte die Staatsanwaltschaft Reviston ein. Das Oberlandesgericht in Darmstadt sprach aber den Angeklagten wiederum frei. e. Lehrermangel herrscht gegenwärtig in Heldenbergen. In den letzten zwei Jahren haben vier Lehrer unsern Ort verlassen, ohne daß sofort wieder Ersatz geschaffen war. Infolgedessen mußte der Unterricht von den anderen beiden Lehrern mit übernommen werden. Es ist leicht begreiflich, daß dabei der Unterricht sehr leidet; außerdem büßt aber auch der Lehrer seine zur Weiterausbildung in seinem Berufe so nötige freie Zeit ein, was gewiß nicht geeignet ist, seine Berufsfreudigkeit zu erhöhen.— Würde unsere Programmforderung: „Unentgeltlichkeit des Unterrichts und der Lehrmittel“ verwirklicht, so würde dieser Uebel⸗ stand beseitigt. Vie manches Kind besitzt die Befähigung zu dem Lehrerberufe, aber keine Mittel zur Ausbildung. In andern Fällen wieder verhält es sich umgekehrt. Würde übrigens der Staat etwas mehr für Kultur⸗ zwecke übrig haben und weniger für Mord— werkzeuge aufwenden, so brauchte kein Lehrer— mar gel zu existieren, wovon immer wieder die arbeitende Klasse den Nachteil hat. Aus dem Nreise Wetzlar. i. Die Stadtverordnetenwahlen, welche hier in Wetzlar am 6. November stattfanden, haben das Ergebnis, daß aus jeder der 3 Abteilungen ein neues Mitglied in das Rathaus einzieht. Die neuen Mitglieder sind in den Abteilungen 1 und 2 die Herren Sanitätsrat Dr. Herr und Kaufmann Ad. Becker; während in der 3. Wahlabteilung eine engere Wahl zwischen de Kaufmann Karl Giebrich und Bäckermeister Edug Kyrmse stattzufinden hat. Daß sich die Wahlen d 1. Abteilung mit 24, und die der 2. Abteilung mit 116 Stimmberechtigten, ohne öffentliche Agitation voll⸗ zogen, ist bei der geringen Zahl der Wähler dieser be⸗ vorzugten Wahlklassen nicht zu verwundern. In der 3. Wahlabteilung mit 806 Stimmberechtigten ging es erst an den letzten Tagen vor der Wahl etwas lebhafter ständig negatives, denn es haben nur etwa 33 Prozent der Wahlberechtigten von ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht, obwohl sich 5 Kandidaten um das Mandat des seitherigen Stadtverordneten Ritterle bewarben. Das Wahlresultat war folgendes. Fast einstimmig wurde Herr Allmenrö der mit 249 Stimmen wiedergewählt. Ferner erhielten Kaufmann Giebrich 86, Bäckermeister Befort 38 Stimmen; die weiteren Stimmen waren zersplittert. Die öffentliche Agitation war fast aus⸗ Wählerversammlung beschränkt. sammlung konnte eine Einigung auf einen bestimmten Kandidaten nicht herbeigeführt werden, da für keinen der beiden dort in Frage stehenden Kandidaten, Befort und Kyrmse, eine Veranlassung zum Rücktritt vorlag. Unsere Parteigenossen haben sich an der Wahl selbst in nur kleiner Zahl beteiligt, da es uns unmöglich war, geeignete, unabhängige Kandidaten zu finden. Es war daher jedem einzelnen Genossen überlassen, über seine Beteiligung an der Wahl zu entscheiden. Für die am 25. November stattfindende Stichwahl ist indessen ein Fernbleiben von der Wahl nicht zu empfehlen, da unter den beiden Kandidaten Herr Bäckermeister Kyrmse seinem Gegner, Herrn Kaufmann Giebrich, entschieden vorzuziehen ist. In der Stadtvertretung sitzen bereits so viele Kaufleute und Großgewerbetreibende, daß die Versammlung eher einer Handelskammer, ö Gemeindevertretung ähnlich sieht. Schon die Thatsache, für, daß genannte Kreise die Gemeindeverwaltung iu ihrem Interesse zu führen gedenken. 4 h. Eine Gedächtnisfeker, die für den verstor⸗ benen Pfarrer Repp in Werdorf am 3. November vom Pfarr⸗Verein veranstaltet wurde, wird viel besprochen. Man wunderte sich, daß die Herren Pastoren eine solche Feier nicht in der Kirche, sondern im Hotel Kaltwasser abhalten. Herr Dr. Liebe und seine Guttempler sind darüber besonders tief betrübt, denn sie nehmen an, daß ihre Enthaltsamkeits⸗Agitation selbst bei den Herren Pastoren nicht den gewünschten Boden findet. Wir finden im Gegenteil es ganz in der Ordnung, daß die Feier im Wirtshaus abgehalten wurde, uns würde es in der Kirche auch nicht gepaßt haben. f k. Der Arbeiter⸗-Jubilar. Auch Hachen⸗ burg(Westerwald) schreibt man uns: Kürzlich gab es in unsern Städtchen ein rührend-erbauliches Fest. Einer der Arbeiter der Firma Gebrüder Dewald hatte das fünfzigste Jahr seiner Thätigkeit in diesem Geschäft vollendet. Diese fünfzigjährige Arbeit fand dann auch die gebührende Anerkennung; der Proletarier erhielt— nun was denn? Eine lebenslängliche Rente? Ein paar tausend Mark, damit sich der arme Teufel seinen Lebens⸗ abend etwas behaglicher gestalten könnte? Ach nein, nichts Derartiges. Das wäre eher etwas für Aufsichts⸗ ratsmitglieder. Dem Arbeiter belohnt man seine fünfzig⸗ jährigen Dienste mit dem—„Allgemeinen Ehrenzeichen“. Aus Anlaß feierlicher Ueberreichung dieser Medaille fand ein Festgelage statt. Dabei ließ man auch großartige Reden los. Unter anderem leistete sich einer vom Bureaupersonal den Ausspruch, daß die Dewald'schen Arbeiter nichts von dem Phrasengeklingel mo⸗ derner, sozialer Bestrebungen hören wollten. Man muß annehmen, daß der Brave keine blasse Ahnung von dem hat, was er moderne, soziale Bestrebungen nennt; verstände er etwas davon, dann bekundete er mit diesen Worten eine geradezu erbärmliche Knecht⸗ seligkeit. Solche Leute machen sich allerdings Liebkind bei den Unternehmern.— Der treue Arbeiter aber dekoriert seinen Sonntagsrock mit dem blanken Kupferstück, geht fromm zur Kirche, betet, daß er bis zu seinem seligen Ende seine Arbeitskraft dem Kapitalisten zur Verfügung stellen darf. 1 Stöckerianer-Agitation auf dem Wester⸗ wald. In Emmrichenhain sprach am Sonntag der Stöckerapostel und Sekretär der Christlich⸗Sozialen Dr. Burkhardt⸗Godesberg. Seine Hauptausführungen betrafen natürlich den Zolltarif. suchte er die Kleinbauern für Vertretung der Junker⸗ interessen einzufangen und ging dabei mit echt Stöcker scher weltbekannter Wahrheitsliebe vor. Die Kornpreis wird der Zoll nicht höher treiben(I), aber die Vieh preise werden der Landwirtschaft goldene Berge ein⸗ bringen uw. Was Herr B. sonst über die Sozlal⸗ demokratie vorbrachte, stand auf dem Niveau des Kasseler Sonntagsblattes und der sonstigen antisemitischen K. zu. Das Ergebnis dieser Agitation war aber ein voll⸗ Kyrmse 74, Rentner Ritterle 63, Schmiedemeister schließlich auf eine, von dem Handwerkerverein berufene Auch in dieser Ver⸗ als einer daß die Handels⸗ und Krämerkreise einen der ihrigen in der 3. Wahlklasse zur Wahl stellen, ist ein Beweis da⸗ Mit honigsüßen Worten D . . . —— —— —— CC. nr über Laute unser * Verhe ethob als Part geseht nur hetha daß berha nochn aber fielen kratie der! test die l Oeffe Vette Part 2 „Her ber Vethe sie se Handl nur nicht gam geheil wert 7 Kopf die, Soze verht daß geleg halte Hehn beha dant krör dä schän schul kr g stat 190 lic Acht of 8 wird Ine leide Nr. 45. — wis dischen * dn eule h. Wiel f Juan gi. ze. on bil, aur diet he dern. In d. tigten ging g dun län An pol, da 33 Prosch recht Gebruug * Nundat dal — du uimmig Wulhe ö wiedergewöll. 5 Läckrneise Sohmiedemeist Ammen warn dar fast aug rein berufen in dieser Ig inen bestimmte sie nehmen an, i den Herta Nr. 46. Mitteldeuische Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. bläiter. Unser Genosse Thomas-Rehe(selbst ein kleiner Bauer) leuchtete dem Junkeragenten gründlich heim. Er fragte Herrn B. klipp und klar, warum er den Bauern nicht auch von den horrenden Verteuerung der Futterartikel und aller sonstigen Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände erzähle. Gerade in dem Schweigen über diese Seite des Zolltarifs merke man die unehrliche Art der Christlich⸗sozialen. Unter stürmischem Beifall der Versammlung wies unser Genosse Schlag auf Schlag nach, daß die Stöckerianer in jeder Beziehung Feinde des arbeitenden Volles und Förderer und Begünstiger der Besitzenden sind. Wir freuen uns herzlich, daß den Junkerfreunden auf dem Westerwald so gründlich heimgeleuchtet sind, doppelt freut es uns aber, daß dies durch einen Mann wie Thomas geschieht, der als einfacher Mann aus dem Volke durch unermüdlichen Fleiß sich ein Wissen und eine Schlagfertigkeit angeeignet hat, um die ihn mancher „studierter Herr“ beneiden dürfte. Er darf sich des herzlichen Dankes aller Parteigenossen versichert halten. Aus dem NRreise Marburg⸗Rirchhain. * In der letzten Nummer war versehentlich über die Rubrik„Kreis Marburg“„Kreis Alsfeld— Lauterbach“ als Ueberschrift gesetzt worden. Wir bitten unsere Marburger Leser deshalb um Entschuldigung. * Unsere Parteitage sind gewohnt, ihre Verhandlungen in voller Oeffentlichkeit zu führen. Es erhob sich auch in unserer Partei lebhafter Widerspruch, als im vorigen Jahre zum Lübecker Parteitage der Parteivorstand eine geschlossene Sitzang vor⸗ gesehen hatte. Allerdings wurden in dieser Sitzung nur geschäftliche, pekuniäre Angelegenheiten verhandelt; viele Genossen waren trotzdem der Meinung, daß man auch diese Dinge getrost in öffe itlicher Sitzung verhandeln könne, wir glauben auch kaum, daß eine nochmals geschlossene Sitzung abgehalten wird. Als aber damals die Tagesordnung bekannt gemacht wurde, fielen die gegnerischen Parteien über die Sozialdemo⸗ kratie her, die Dinge zu verhandeln habe, die das Licht der Oeffentlichkeit zu scheuen hätten. Am vorlau⸗ testen waren wie immer, die Nation alsozialen, die bei ihrer Tagung in Hannover selbst teilweise die Oeffentlichkeit ausschlossen. Diese Thatsache führt Gen. Vetters bei der Berichterstattung über den Münchener Parteitag in Marburg an. Dazu schrieb die nationalsoziale„Hess. Landesztg.: „Herr Vetters hat bei seiner Kritik der, Nationalsozialen übersehen, 1) daß die Sozialdemokratie sich über geheime Verhandlungen anderer Parteien lustig macht, während sie selbst im vorigen Jahr in Lübeck zu geheimen Ver⸗ handlungen zusammentrat, 2) daß die Nationalsozialen nur wahltaktische Fragen vertraulich behandelt haben, nicht wie die Freisinnigen und Nationalliberalen Pro— grammfragen und politische Tagesfragen. Nur eine geheime Behandlung solcher Fragen aber dürfte tadelns wert sein.“— Damit wird doch geradezu die Wahrheit auf den Kopf gestellt. Grade die Nationalsozialen, allem voran die„Hess. L.⸗Ztg.“, hatten nicht Worte genug, um die Sozialdemokratie wegen der geschlossenen Sitzung zu verhöhnen, dagegen ist es uns längst selbstverständlich, daß die Gegner im Geheimen tagen. Vetters errinnerte gelegentlich seiner Berichterstattung nur an das Ver⸗ halten derer um Naumann, die erst den Mund so voll nehmen, und dann selbst„wahltaktische Fragen“ geheim behandelten. Welchem politischen Kinde will man dann erzählen, daß dabet nicht politische Tagesfragen erörtert wurden? Einer Un wahrheit und Ver⸗ dächtigung, deren uns die Hess. L.⸗Ztg. unver⸗ schämterweise bezichtigt, haben wir uns in keiner Weise schuldig gemacht. Eher die Marburgerin! Z. Vorstandswahl bei der Orts⸗ krankenkasse. Bei der am Mittwoch stattgefundenen Vorstandswahl der Marburger Ortskrankenkasse wurden die Genossen Faul⸗ stich, Mälzer und Stöber von Seiten der Arbeitnehmer in den Vorstand, Mäurer und Moso als Revisoren gewählt. St. Wo bleibt die Volksküche? So wird schon mancher Arbeiter oder sonstiger Interessent gefragt haben. Wir können es leider auch nicht sagen; es ist wieder alles ganz ruhig geworden und man hört nichts mehr von der Volksküche. Sollte das Projekt fallen ge⸗ lassen sein? Das wäre bedauerlich, aber nicht zu verwundern, denn wenn es gilt, eine Wohl⸗ fahrtseinrichtung für das arbeitende Volk zu schaffen, so hat man bekanntlich keine Eile da⸗ mit. Die Er richtung einer Volksküche ist für Marburg aber zum dringenden Bedürfnis ge⸗ worden. Die vielen Arbeiter aus der Um⸗ gegend, die hier beschäftigt sind, wie auch viele hier ansässige, würden die Errichtung einer Volksküche mit Freuden begrüßen; durch die Erhöhung der Fleischpreise ist der Genuß des Fleisches bei dem niedrigen Verdienst schon zum Luxus geworden. Anstatt daß nun die Arbeiter in einer Volksküche für einen kleinen Betrag sich ein warmes Mittagessen verschaffen könnten, was ihnen besonders im Winter sehr nötig thäte, müssen sie mit immer kleiner wer⸗ 1 0 10 1. deni 0 be eld vorlieb nehmen. Hoffentlich geschie er bald Abhilfe. 5. — Volksbad. ECbenso nötig, wie die Er⸗ richtung einer Volks küche, ist hier die Er rich⸗ tung eines Volks bades. Die städtischen Be⸗ hörden haben zwar durch die städtische Bade⸗ und Schwimmanstalt diesem Bedürfnis teilweise abgeholfen, aber diese Bäder können nur im Sommer benutzt werden, im Winter ruht die Badeanstalt im Winterhafen aus. Wer sich während der rauheren Jahreszeit ein Bad leisten will, muß schon 40 und 50 Pf. dafür ausgeben, was sich nur wenige Arbeiter er— lauben können. Ein Volksbad wäre aber nicht nur allein für die Arbeiter, sondern auch für die übrige Einwohnerschaft und die Studenten eine große Wohlthat. Natürlich dürfte der Preis für ein Bad 10 Pf. nicht übersteigen. In Gießen erfreut man sich dieser Einrichtung schon lange, weshalb sollte dies nicht auch für Marburg möglich sein? — Arbeiter⸗ Bildungsverein„Ein⸗ tracht.“ Nächsten Samstag, 22. ds., abends 9 Uhr, findet im Lokale von Konrad Müller Nichf., Hirschberg 12, hier, eine Versammlung der Mitglieder des schon seit langer Zeit in den Ruhestand getretenen Arb.-Bild.⸗Ver. Ein⸗ tracht statt, um über die endgiltige Auflösung des selben und die Verwendung der vorhandenen Bibliothek, die einen ziemlich reichen Bestand aufweist, zu beraten. Hoffentlich kommt dies⸗ mal ein alle Beteiligten befriedigender Beschluß zustande. — Verschiedenes. Die Submisstons⸗ offerten für die Schlosserarbeiten an der sogen. kleinen Kaserne differierten zwischen 225 Mk. Höchstforderung und 135,50 Mk. Mindestfor⸗ derung der hiesigen Schlossermeister.— Ein hier beschäftigter Buchbindergehilfe(N.-V.) wurde am Samstag Abend wegen Diebstahls (er hatte seinem Meister seit geraumer Zeit aus der Werkstatt Materialien entwendet) und Sittlichkeitsbergehen verhaftet.— Ein Glaser— gehilfe verduftete von hier, nachdem er in der Umgegend auf seinen Meister Schulden gemacht und höhere Geldbeträge für diesen erhoben hatte, als sie wirklich ausmachten.— Aus An⸗ laß seiner silbernen Hochzeit gab der Tabak- fabrikant Karl Niederehe hier seinen Arbeitern in Ockershausen ein Fest. Die Arbeiter über— reichten ihm eine kunstvoll ausgestattete Glück⸗ wuuschtafel. Eine kleine Lohnerhöhung wäre den Arbeitern der Tabakfabrik auch zu gönnen gewesen. Der reiche Fabrikant hätte sich da⸗ durch jedenfalls keinen Schaden zugefügt. Industrielle Hochstapelei. In Neuwied ging am Samstag der Prozeß gegen den früheren Direktor der„Fabrik säure- und feuerfester Produkte Bad Nauheim⸗Wirges“ nach vierwöchentlicher Dauer zu Ende. Der Hauptangeklagte, Leo Otto Boeing, wurde wegen zahlreicher Vergehen gegen das Handelsgesetz zu 4 Jahren Gefängnis, 19800 Mk. Geldstrafe und 5 jährigem Ehrverluste verurteilt. Sein Bruder Arthur Boeing erzielte Freisprechung. Der Staatsanwalt hatte gegen L. O. Boeing acht Jahre Zuchthaus und 60000 Mk. Geldstrafe beantragt. Die Verhandlung lieferte nicht blos einen Beweis für die fortgesetzten Schwindeleien Boeings, sondern auch einen Beleg für die Lotterwirtschaft, die oft in großen Unternehmungen herrscht. An dieser Unordnung, durch welche es Boeing ermöglicht war, sich Hunderttausende zu ergaunern, durch die aber auch hunderte Existenzen ruiniert, viele Menschen ins Unglück gestürzt wurden, war die sehr mangelhafte Kontrolle schuld. Wäre der Aufsichtsrat seinen Verpflichtungen nachgekommen, so hätte Boeing diese Betrügereien nicht ausführen können. Bezeichnete doch ein Sachverständiger die Nauheimer Gründung als Hochstapelei schlimmster Sorte! Be⸗ stände der Aufsichtsrat aus gewöhnlichen Laien, aus Arbeitern ꝛc., könnte man ihm allenfalls wegen großer Beschränktheit mildernde Umstände zubilligen. Vorsitzender des Aufsichtsrates war aber ein geheimer Justizrat, Dr. Reatz in Gießen! Dieser Mann hat unseres Wissens sogar einen Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch geschrieben. Wenn derselbe nun als Zeuge aussagt, daß er Bilanzen ꝛc. unterschrieben habe, ohne dieselbe zu kennen, daß er überhaupt nichts von der Buchführung verstehe, so ist dies ein Maaß von Leichtfertgkeit, wie es nicht alle Tage vorkommt. Kein Wunder, daß er nach seiner Vernehmung als Zeuge in Ohnmacht fiel! Allem Anschein nach geht dieser Herr, der durch seine Oberflächlichkeit schweren Schaden angerichtet hat, straffrei aus, das bedauerte auch der Staatsanwalt. Keinen Menschen schützt sonst Unkenntnis vor den strafrechtlichen Folgen seiner geschäftlichen Thätig⸗ keit; es scheint dieser Milderungsgrund gerade denjenigen zugebilligt zu werden, die als Anwälte des Rechtes vor Beschränktheit und Gesetzesunkenntnis geschützt sein müßten. Was sagt aber die Anwalts kam mer zu dieser Sache? Kleine Mitteilungen. n Schlechter Erzieher. Großes Aufsehen erregt in Wörrstadt die Verhaftung des Lehrers Josef, welcher hier au der höheren Bürgerschule tätig war. Derselbe hat sich an einer Reihe von Mädchen, die bei ihm in die Schule gingen, in sittlicher Beziehung vergangen. Verschüttet wurden am Samstag in einem bei Altenstadt(Kr. Friedberg) gelegenen Steinbruch 2 Arbeiter durch herabstürzendes Gestein. Einer, der Sohn des Steinbruchbesitzers, wurde sofort getötet, sein Mitarbeiter leichter verletzt. * Vier Personen im Gährkeller erstickt. Der Landwirt Graeß, in Biebelsheim(Rheinhessen), seine Ehefrau, seine Tochter im Alter von 28 Jah cen und das 3½ jährige Söhnchen eines zum Besuche wei⸗ lenden Sohnes wurden in einem Keller, in dem sich gährender Most befand, von den Gasen betäubt. Man fand später alle vier tot im Keller. Partei-Uachrichten. Die Parteistreitigkeiten in Solingen, die jahrelang eine wirksame sozialdemokratische Agitation in diesem Kreise unmöglich machten, bei der letzten Reichstagswahl sogar zum Verlust des Solinger Mandates führten, sind endlich beglichen. Die bisher in Solingen vorhandenen zwei sozialdemokratischen Vereine schließen sich zu einer Organisation zusammen. Diese erfreuliche Thatsache wird hoffentlich bewirken, daß unsere Genossen bei der nächsten Reichstagswahl das Solinger Mandat wieder erobern. Die Stadtverordnetenwahlen in Frank⸗ furt, die am Mittwoch unter starker Wahlbeteiligung stattfanden, brachten unserer Partei einen erfreulichen Stimmenzuwachs. Leider wurde noch keiner unserer Genossen gewählt; es kommen nur die Genossen Zielowsky und Maier in Bornheim mit den Demokraten in Stich- wahl. 5 Wahlkreis Alsfeld⸗Lanterbach. Sonntag, den 16. November. Kreiskonferenz in Lauterbach bei Gastwirt Ksa ut. Versammlungskalender. Samstag, den 15. November. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.— Sonntag, den 16. November. Gießen. Freie Turnerschaft. Vormittags 11 Uhr Vorstandssitzung im„Pfau“. Vollzähliges Erscheinen notwendig! Samstag, den 22. November. Marburg. Arbeiter⸗Bildungs⸗Verein„Ein⸗ tracht“. Versammlung bei K. Müller Nchf., Hirschberg 12. Sonntag, den 23. November. Gießen. Glaserverband. Vormittags 10 Uhr Versammlung bei Orbig. Briefkasten. R. Mbg. Läßt sich an dieser Stelle nicht gut erledigen. Rödgen b. Nhm. Mußten zurückstellen. Einzelne Angaben zu unbestimmt. Ortskrankenkasse Friedberg Ord. Generalyversammlung am Mittwoch, den 19. Nov. d. J. abends 8 ½ Uhr präzis im Rathhaussaale zu Feiedberg: Tagesordnung: I. Wahl der Revisoren für die Rechnung 1902. II. Ersatzwahl des Vorstandes. III. Aenderung des§ 30 des Statuts. IV. Verschiedenes. Die Vertreter der Arbeitnehmer und Ark werden hierzu freundlichst eingeladen. 5 Carl Damm,(On, n ele. 1 ——— UU U n 3 ͤ— ͤꝗ EE. — —— — a— . e————— — —— — 8 2 ...... 3 1 . 9 ——ö——— * 5 Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 46. eee eee ————— Das Goldmacherdorf. Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinrich Zschokke. (Fortsetzung). 31. Die Kindtaufe. Oswald genoß zu dieser Zeit eine rechte Herzenswonne, nach der er sich lange schon vergebens gesehnt hatte. Nämlich die liebe, gute Elsbeth hatte ihm einen muntern Sohn zur Welt gebracht. Und er ging darauf zu seinem Freund, dem neuen Löwenwirt, der einer von den wohlbe⸗ kannten zweiunddreißig Bundesgenossen war. Zu diesem sprach er:„Mein Freund ich habe doch dich noch nie um eine Gefälligkeit ange⸗ sprochen, und ich komme damit zum ersten Mal. Meine Frau liegt im Kindbette, und ich kann sie nicht verlassen, und zur Stadt gehen. Ich gebrauche aber fünfhundert Gulden, wenn auch nur acht Tage lang, und sie sollen wo möglich in Gold sein. Willst du mir so viel auf acht Tage leihen?“ „Ich bin dir 25) Der Löwenwirt anwortete: für so vieles Dank schuldig; warum sollte ich nicht? Ich habe eben achthundert Gulden empfangen, die liegen noch immer bei mir. Aber sie sind zum Teil in Silbermünze. Willst du, so nimm alles auf so lange du willst.“ Oswald sagte:„Ich möchte lieber Gold; es liegt mir sehr daran.“ „Wohlan, ich Der Löwenwirt versetzte: Wann mußt du es haben?“ will Rat schaffen. Oswald erwiederte:„Bringe mir das Geld morgen Abend um die achte Stunde in mein Haus. Aber sage niemanden davon.“ Als er sein Geschäft hier vollendet hatte, ging er fort zu den übrigen einunddreißig Bundesgenossen und sagte ihnen dieselben Worte, wie dem Löwenwirt und bat um fünfhundert Gulden, wo möglich in Gold. Und jeder freute sich, dem wackern Manne endlich einmal einen Freundschaftsdienst erweisen zu können, und versprach, ihm das Geld zu bringen. Er bestellte jeden auf den folgenden Tag des Abends um die achte Stunde zu sich. Und sie kamen um dieselbe Stunde, da es schon dunkel war, zu ihm. Er führte sie alle in sein Zimmer, aber es war noch kein Licht angezündet. Die Leute wunderten sich in der Stille über die Menge der Anwesenden. Oswald ging, um Licht zu holen. Und als er wieder in die Stube trat, mit zwei brennenden Kerzen in der Hand, erblickten sie ihn wieder, wie sie ihn schon einmal gesehen hatten, in prächtigen Offtzierskleidern, mit hohem Feder⸗ busch auf dem Hut, einem Orden auf der Brust und einem langen Säbel an der Seite. Sie sahen einander verwundert an, und sahen, wie vor sieben Jahren, dieselben Gestalten, in dem⸗ selben Zimmer, um denselben Tisch, auf welchem der Offizler die Kerzen niedersetzte. Oswald sagt darauf:„Habet ihr mir ge⸗ bracht, liebe Freunde, um was ich gebeten habe, so leget es hier auf den Tisch.“ Da traten sie alle, einer nach dem andern, zum Tisch und mehrere bedauerten, ihm die Summe nicht in Gold zahlen zu können. Er sagte darauf liebreich:„So ist's gleichviel. Gebet, was ihr es habet.“ Und sie schütteten Gold, andere Silber auf den Tisch, andere legten ihm gute Kapitalbriefe und Zinsschriften in Darauf erhob Oswald die Stimme und sprach:„Erinnert euch, es ist die Zeit der Prüfung vorüber, und die sieben Jahre und ken Wochen sind zu Ende, von denen ich euch redet habe. Und ihr habet mehr Geld auf dies-Tisch geworfen, als ich vor sieben Jahren unszeben Wochen vor euern Augen ausschüttete. Damals waret ihr kaum im Stande fünfhundert rote Kreuzer auszuleihen; in der Stadt hätte sie euch niemand anvertraut. Jetzt habet ihr binnen vierundzwanzig Stunden jeder fünfhundert Gulden aufgebracht, also daß sechzehntausend Gulden hier plötzlich auf dem Tisch beisammen sind. Also ist die Prüfungszeit vorüber, und ich habe euch die Kunst gelehrt, Gold zu machen. Und nun werdet ihr verstehen, was ich sagte, da ihr das erste Mal hier standet. Ich sagte aber, die Kunst ist selbst mehr noch, als das Gold, wert; denn diese Kunst ist die beste Weis⸗ heit des Lebens. Bleibet euern Gelübden immer getreu, und euer Glück und Wohlstand wird wachsen von Tag zu Tag. Wer vom Gelübde läßt, der läßt von seinem Glück. Präget dies Gelübde euern Kindern ein, und lasset sie es halten, so werden sie Fülle haben. Nun habe ich mein Wort gelöst, das ich euch gegeben. Ihr seid darum reich, weil ihr wenig bedürfet und viel erwerbet, und weil ihr Zutrauen genießet bei den reichen Leuten, daß ihre Geldsäcke euch offen stehen. So habet ihr das Goldmachen gelernt, wie Ehrenmänner Gold machen sollen. Oder habet ihr anders erwartet?“ Ste lächelten allesamt und sprachen:„Ei nun, wir haben wohl längst schon vermerken können, wie du es mit der Goldmacherei ge⸗ meint hast. Doch als wir einmal zur rechten Erkenntnis gekommen waren, schämten wir uns auch des dummen Aberglaubens, der uns vor⸗ mals betörte, und wußten es dir im Herzen Dank, daß du uns auf bessere Bahn gebracht. Ohne dich und deine Hilfe wären wir aber doch nie dahin gekommen.“ 5 Oswald freute sich dieser Worte und der dankbaren Herzlichkeit, mit der ihm jeder die Hand drückte und schüttelte. Und er stellte ihnen ihr Geld wieder zu, weil er es nicht hatte gebrauchen, sondern nur ihre Zuneigung auf die Probe setzen wollen. Sie aber sagten: „Gebiete über uns, wie du willst, Tag und Nacht. Denn wir alle sind dir unser Haus⸗ glück schuldig. Sprich, wir sollen für dich durch Feuer gehen, wir werden gehen. Sprich, wir sollen für dich sterben, und wir werden den Tod nicht fürchten.“ Und wie sie sich so traulich und herzlich um ihn drängten, betrachten sie sein schönes Kleid und den Orden auf der Brust, und hätten gern erfahren, was das bedeute. Er antwortete:„Ich danke es euerm alten Schulmeister, meinem seligen Vater, noch in der Erde, daß er mich in vielen nützlichen Dingen und sogar im Feldmessen unterrichtete. Denn als ich unter die Soldaten kam, half es mir, nebst redlichem Sinn und herzhaftem Betragen, daß ich meinen Kameraden vorge⸗ zogen ward. Ich tat meine Pflicht und ward zuletzt Rittmeister. Und als ich in einem Treffen, da sich der Erbprinz zu weit vorwagte, denselben mit seinem Gefolge von feindlichen Reitern umgeben sah, drang ich blitzschnell mit meiner Schwadron unter die Feinde und rettete den Prinzen. Dafür empfing ich diese Wunde hier auf der Stirn, und dieses Ordens- und Gnadenzeichen auf der Brust, und als ich den Abschied beim Friedensschluß nahm, eiuen an⸗ ständigen Jahrgehalt auf Lebenszeit. Auch hat der Erbprinz, als er unser Land durch⸗ reisete, mich nicht vergessen, und mich, wie ihr wisset, sogar im Vorbeireisen einmal besucht. „Da ich aber heimkam nach Goldenthal, in meine liebe Heimat, und ich sah, wie elend und verlumpt hier alles war, verbarg ich meinen Wohlstand, um nicht von lüderlichen Bettlern belagert zu werden. Auch hatte ich alle Lust verloren, hier zu bleiben, und wäre wieder fortgezogen, hätte ich nicht des Müllers Elsbeth gesehen. Meine Elsbeth hielt mich fest. Da beschloß ich in meinem Herzen zu versuchen, ob ich mir das Leben bei euch lieb machen könne? Und ich stellte mich arm und den Uebrigen gleich, um Vertrauen zu erwecken. Und ich sagte niemanden von meinen Ehren und Jahrgeldern, so ich genösse. Nur Elsbeths Eltern mußte ich es am Abend, da ich um die Tochter anhielt, offenbaren, sonst hätten sie mir ihr Kind nicht gegeben, denn sie hielten mich für arm. Als ich aber noch am Abend den Müller Siegfried und seine Frau zu mir ins Haus führte, und hier meine Uniform mit dem Orden anlegte, ihnen mein gesammeltes Geld und den königlichen Orden wies, woraus sie sahen, daß ich mehr Jahrgehalt bezog, als des Müllers Mühle in drei Jahren verdienen konnte, wurden sie andern Sinnes. Doch mußten sie verschwiegenen Mund halten, denn es war nötig. Nun aber mag es jedermann wissen; es schadet nicht mehr.“ So erzählte Oswald und die Leute ver- wunderten sich und freuten sich über sein Glück. Und sie hatten vor ihm so große Ehrfurcht bekommen, daß sie ihn kaum du nennen wollten. Er aber sagte:„Was treibet ihr auch mit mir?— Nein ich bleibe eures Gleichen; darum seid und bleibet meine Brüder. Kein Offizier⸗ rock und kein Orden, sondern ein wohlwollendes Herz macht zum Ehrenmann.“ So redete er und umarmte alle nach der Reihe, da sie sich heim begaben; und sie dankten ihm, denn er sei der wahre Stifter ihres irdischen und ewigen Glücks, und sie nannten ihn Vater. Und wenn er Kindtaufe halten würde, versprachen sie alle, sich mit ihm zu freuen, als wäre sein. Fest ihr eigenes Fest. ö(Schluß folgt.) Verbreitung von Keuchhusten durch die Eisenbahn. Der Keuchhusten gehört zu den sehr an⸗ steckenden Krankheiten und verlangt daher einen sorgfältigen Abschluß der daran leidenden Kinder. Nun wird aber die Luftveränderung als ein besonders wirksames Heilmittel gegen den Keuch⸗ husten geschätzt, und daraus ergiebt sich, daß keuchhustenkranke Kinder, wenn die Mittel es erlauben, auf die Reise geschickt werden müssen. Die weitere Folge davon aber ist, daß die Eisenbahn somit, wenn nicht eigene Vorsichts⸗ maßregeln getroffen werden, zur Uebertragung der Krankheit Anlaß geben kann. Ein franzö⸗ sischer Arzt, Variot, hat auf diesen Umstand in Professor Mendelsohns Monatsschrift: Die Krankenpflege(Berlin, Georg Reimer) hinge⸗ wiesen und empfohlen, daß in den Eisenbahn⸗ zügen ein besonderes Abteil zur Aufnahme von keuchhustenkranken Kindern vorbehalten bleiben müßte. Dies Verlangen wird der Eisenbahn⸗ verwaltung zunächst vielleicht sonderbar erscheinen, aber man sollte denken, daß in einem langen Eisenbahnzuge wohl ein einziger Raum auch für diesen Zweck zur Verfügung stehen müßte, wenn es wirklich dringend geboten ist, und das ist zweifellos der Fall. Aus diesem Raume würden die Vorhänge zu entfernen sein, Kissen und Teppiche müßten ganz mit leicht waschbaren und zu desinfizierenden Ueberzügen aus einem geschmeidigen und undurchlässigen Stoffe bedeckt werden. Wenn die keuchhustenkranken Kinder den Zug verlassen haben, wären die Ueberzüge zu entfernen und zu desinfizieren und die Fenster mit Sublimat zu waschen. Wie dringend die Einführung einer solchen Vorschrift ist, hat der Verlauf dieses Jahres in Frankreich erwiesen, wo der Keuchhusten in allen Teilen des Reiches ganz überraschend viele Opfer gefordert hat. Wer einmal mit einem keuchhustenkranken Kinde zusammen in der Eisenbahn gefahren ist, wird sich davon überzeugt haben, daß eine Verun⸗ reinigung der im Wagen befindlichen Gegen⸗ stände geradezu unvermeidlich ist und damit die Uebertragung auf ein noch etwa anwesendes anderes Kind einen hohen Grad der Wahr⸗ scheinlichkeit gewinnt. Die Masse der Planeten. Unter den großen Planeten des Sonnen⸗ systems steht die Erde der Masse nach ungefähr in der Mitte. Wenn man noch den Mond hinzunimmt, so bildet sie sogar genau das Mittelglied dieser Körper, indem deren vier eine kleinere und die vier übrigen eine größere Masse besttzen. Nimmt man die Masse der Erde gleich 1, so ist die der Venus gleich 0,787, also etwas über drei Viertel, die des Mars 0,105, also etwas über ein Zehntel, die des Merkur 0,61, e e ee die des d groß Sonne! 15 mehl, kellich uff an, Nase d 5 goldenes dann in Matz 2 Nond polcher e Nebtun 620 N 1 vorzufül bal ren! Der aus den schwinde 2 esse„- beute — — — — 2 — 3 darunte cl Srlaubt — — — komme Jede Pie 9 E mindest 2 tz E Satzes, N S 2 natlonet Go E S E E Am 25 Nr 46. Mitteldeutsche SonntagsZeitung. Seite 7. also etwa ein Sechzehntel, die des Mondes leich 0,013, etwa ein Siebenundstebzigstel. Die asse des Planeten Uranus dagegen ist 14 mal größer als die der Erde, die des Neptun 16mal, die des Saturn 92mal und die des Jupiter, des größten Planeten, 310 mal. Die Masse der Sonne übertrifft weitaus die aller Planeten zusammengenommen und beträgt 324 430mal mehr als die der Erde. Ein Astronom hat neulich in einem Vortrag einen el ganten Kunst⸗ griff angewandt, um diese Massenverhältnisse noch deutlicher zu machen. Er nahm an, die Masse der Erde würde dargestellt durch ein goldenes Zwanzigmarkstück. Die Venus würde dann im Vergleich dazu 15 Mk. wert sein, der Mars 2 Mk., der Merkur 1.20 Mk. und der Mond 25 Pfg.; der Uranus dagegen würde 14 solcher Goldstücke bedeuten, also 280 Mk., der Neptun 320, der Saturn 1840 und der Jupiter 6200 Mk. Um die Sonne in diesem Maßstabe vorzuführen, müßte man schon über einen Gold⸗ barren im Wert von 6488 780 Mk. verfügen. Splitter. Der Langsamste, der sein Ziel nur nicht aus den Augen verliert, geht noch immer ge⸗ schwinder, als der ohne Ziel herumirrt. Lessing. 3522 Millionen mark. darunter Haupttreff. jabr. von Mx. 8 400 0b, 5240 0“ 140 v0, 32000 298570 lob,. 0b 5 kommen im Laufe der Vereinszeit 8 zur Verlosung Jedes Loos ein Treffer. Die kleinsten Treffer betragen mindestens ca. 97 pCt. des Ein- satzes; daher bei Verloosung fast Lein Nisico Spaten Rechen Rasenmäher Waag Stehleitern Messerputzmaschinen Rache trägt keine Frucht! * ** Stelle dich selber dar, Und du läufst nie Gefahr, Aus deiner Rolle zu fallen. Not. All euer girrendes Herzeleid Thut lange nicht so weh Schafft nicht so herbe Pein ache Sich selbst ist ste die fürchterliche Nahrung; ihr Genuß ist Mord, und ihre Sättigung das Grausen. * * Nur zu einem frisch entschlossen, Sei es Dulden, That, Genuß! Aus dem Zweifel, träg, verdrossen, Stets beglückend hebt dich der Entschluß. * Wahrheit ist das leichteste Spiel von allen, Rückert. Wie Winterkälte im dünnen Kleid, Die bloßen Füße im Schnee. All eure romantische Seelennot Wie ohne Dach und ohne Brod, Sich betten auf einen Stein. Ada Humoristisches. Unschuldig. Richter:„Schämen Sie sich, Meier! So lange ich Amtsrichter hier bin, stehen Sie regelmäßig jährlich drei⸗ bis viermal vor mir!“— Gauner:„Aber Ich kann doch nix dafür, daß Sie nicht avancier'n!“(Fl. Bl.) Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Der Neue Welt ⸗Kalender für 1903. Preis 40 Pfg. Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ Schiller. Kinkel. striert. Wöchentlich ein Heft. A 10 Pfg. Die Hütte. Zeitschrift für das Volk und seine Jugend. Illustriert. Prachtvoll ausgestattet. Alle 14 Tage ein Heft. à 25 Pfg. Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer. Lohnarbeit und Kapital. Separatabdruck aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg. Christentum und Sozialismus. Bebel. Preis 10 Pfg. Diese religiöse Polemik zwischen unserm Genossen und dem Kaplan Hohoff fand bereits in den Jahren 1873/74 statt. Der Inhalt des Schriftchens ist aber noch heute durchaus zeitgemäß. Weltkrach und Weltmarkt. Eine weltpoli⸗ Von A. 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