Nr. 50. Gießen, Sonntag, den 14. Dezem ber 1902. 9. Jahrg Redaktion: 9 MNedaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. M 11 Id tsch Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. —— itteldeutsche ede kit Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen Druckerei Ludwigstr. 80; jede Postanstalt und —Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4940) 33/% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 500/ Rabatt. Alles bedroht! Wp. Die Majorität der Konservativen, des Zentrums und der Nationalliberalen, still⸗ schweigend unterstützt von der Regierung, zerstört die parlamentarischen Garüntlen der Gesetzlichkeit. Das Recht der Majorität ist das Recht des Stärkeren. Dieses Recht in nackter Brutalität, uneingeschräukt durch irgend eine beschlossene 180 durch irgend ein ge⸗ schriebenes Gesetz, soll nur noch allein gelten. Diese Reichstags mehrheit ist die Vertreterin des wirtschaftlichen Rückschritts. Es stehen hinter ihr die mächtigsten und die rückständigsten Interessentengruppen des Ausbeutertums. Von der Industrie das kartellierte Groß⸗ kapital— diese gewaltigen Verbände, die in ihren Produktionzweigen das Privateigentum aller anderen bereits expropriiert haben, im Inlande jede Konkurrenz ausschließen können und nun die Zölle, um eine ewige Teuerung — wie das Kohlensyndikat— zustande zu bringen. Sie werden dann, auf Kosten der einheimischen Konsumenten, im Auslande zu Schleuderpreisen verkaufen. Wenn aber diese Kapltalistenklasse erst den inländischen Waren⸗ markt beherrscht, so beherrscht sie auch den Arbeitsmarkt. Wie 5 den Konsumenten die Warenpreise diktieren, so werden sie den Arbeitern die Arbeitslöhne diktieren. Sie wollen teuere Warenpreise und billige Arbeitslöhne. Von der Landwirtschaft— die Agrarier. Da sind vor allem die Junker— der grund⸗ besttzende Adel, dessen ganze geschichtliche Tra⸗ dition aus politischer Knechtung und schamloser Ausbeutung der Volksmassen sich zusammensetzt, der das Volk jahrhundertelang von der Kultur zurückhielt, als Arbeitsbestie, Mittelding zwischen Mensch und Tier, behandelte und nahe daran war, die Natton, deren politische Interessen er wiederholt verraten und verkauft hat, zu Grunde zu richten. Dieser deutsche Adel ver⸗ stand es, auch nach der Revolution sich die Herrschaft im Staate zu sichern, die er benutzt, um als Staatspensionär ein üppiges Leben zu führen. Der Fiskus ersetzt ihm die gutsherr⸗ liche Gewalt, früher beutete er bloß seine Hörigen und Leibeigenen aus, jetzt mit Hilfe der Brotzölle das ganze Volk. Dem Adel folgt der Rest der Gutsbesitzer, ohne Unterschted von Stand und Rasse. Ihnen allen bietet der Brotwucher einen mühelosen Erwerb. Der Brotzoll macht zwar nicht den Boden fett, aber er verwandelt die magere Frucht in eine üppige Ernte, eine Goldernte aus den Taschen des brotverzehrenden Volkes. Schließlich der Großbauer! Nicht der freie Bauer der alten Zeit, der hie und da, unter günstigen Umständen, seine Unabhängigkeit gegen⸗ über dem Gutsherrn wahrte, sondern eine neue Spezies— der moderne Großbauer, der seinen Knechten Margarine auf's Brot streicht, der in den Wirtschaften, auf den Viehmärkten und in der Stadt mehr Zeit verbringt als auf dem Ackerfelde, der sich vorzüglich auf den Geschäfts⸗ verkehr mit Händlern, Fleischern und Milch- lieferanten versteht und sein Konto bei der Bank hat, dessen grobe Finger zwar noch un⸗ gelenk den Rechenstift führen, aber schon verlernt haben, den Pflug zu handhak en, der seine Töchter nicht in den Viehstall schickt, sondern an das Klavier setzt, kurz, der Geldbauer! Auch er fordert seinen Teil am Brot⸗ und Fleischwucher. Um diese herum eine Anzahl Mittelexistenzen, die dem Mittelstand, der längst nicht mehr existiert, den historischen Namen gestohlen haben. Sie pochen auf ihr Deutschtum, eus dem ste ihr Anrecht ableiten, auf irgend welche Weise zu einem Staatsalmosen zu gelangen. Das e ihnen freilich sehr selten. Sie werden mit Versprechungen abgespeist. Sie werfen sich stolz in die Brust und schimpfen auf das Kapital, sind aber jeden Augenblick bereit, sich vom Kapital für wenige Groschen kaufen zu lassen. Sie betreiben die Fremdenfresserei als Beruf und treten für den Schutzzoll ein, um ihre Wahrnehmung der„nationalen Interessen“ zu dokumentieren, wobei ste geflissentlich über⸗ sehen, daß es nur die Interessen der Ausbeuter der Nation sind. Die so zusammengesetzte Reichstagsmajorität weiß, daß sie nur einen winzigen Bruchteil der Nation vertritt. Sie scheut deshalb jede Be⸗ rührung mit den Massen. Sie beugt das parlamentarische Recht, um die Wähler vor eine vollendete Tatsache zu stellen. Die wirt⸗ schaftliche Reaktion bedarf zu ihrer Unterstützung der politischen Reaktion. Aber jede reaktionäre Maßregel gebiert neue, denn sie erweitert die Kluft zwischen dem Reichstage und dem Volke. Nichts ist mehr sicher. Alle Volksrechte sind in Gefahr und vor allem das Reichs⸗ tags wahlrecht. Denn alles, was geschieht, rächt sich bei den Wahlen, solange die Arbeiter 1 79 0 Stimmrecht haben. Das will die eaktion vermeiden. Man behandelt bereits die Arbeitervertreter als Abgeordnete zweiter Klasse, man wird bald die Arbeiter zu Bürgern zweiter Klasse machen wollen. Innere Zwistigkeiten haben bis jetzt die Sammlung der reaktionären Kräfte verhindert. Jetzt haben sie sich zusammengefunden. Ihr Auftreten ist Gewalt und sie werden Gewalt auf Gewalt häufen müssen, um sich gegen den Willen der Nation halten zu können. Der augenblickliche Erfolg hat sie berauscht und macht sie toll. In ihrer Tollheit glauben sie wirklich, die Entwicklung Deutschlands um ein Menschenalter zurückwerfen zu können. Vergessen sind die Erfahrungen des Sozia⸗ listengesetzes. Man provoziert aufs neue die Arbeitermassen. Das deutsche Proletariat muß aufs neue sich seine politischen Rechte erkämpfen. Nicht allein die parlamentarische Ver⸗ tretung der Arbeiterklasse, nicht allein ihre politische Organisation ist bedroht! Gerade die ka pitalistischen Verbände dulden am wenigsten die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiter. Sie wollen ein absolutes Regiment in der Fabrik— in der Art von Krupp und Stumm— wie sie ja auch den Absolutismus im Staate erstreben; eine förmliche Versklavung der Arbeiter. Es gilt eine Kraftprobe zwischen dem Pro⸗ letariat und den reaktionären Gewalten des kapitalistischen Staats. Der Kampf muß aus⸗ gefochten werden. Es giebt für uns kein Zurück mehr. Geben wir nach, so ermuntern wir bloß die Reaktion das auszuführen, was sie sich, nicht erst jetzt, sondern seit langen Jahren vor⸗ genommen hat. Sie war nicht um einen Vor⸗ wand oder eine Veranlassung verlegen— es fehlte ihr nur die Einigung und damit die Macht.„Wohl ist es anzunehmen, daß die Reakttonäre angesichts der Wahlen nach der Durchdrückung der Tarifvorlage das Volk zu beschwichtigen suchen werden,— aber unzweifel⸗ haft ist es, daß sie, wenn sie sich erst wieder die Mehrheit im Reichstage gesichert haben werden, alles aufbieten werden, um sich für die Zukunft durch Aenderung des Wahlrechts die Mandate zu sichern. Unsere Losung für die nächsten Wahlen ist: Schutz der Volks⸗ rechte! Nieder mit der Reaktion! Große Kämpfe stehen bevor, und alle Kräfte müssen angespannt werden. Jeder Arbeiter mag es sich gesagt sein lassen. Die Sache der Arbeiterklasse ist die Sache jedes einzelnen Arbeiters. Keiner darf ruhen, jeder muß sein bestes tun. In die Versammlungen, in die Vereine— jeder gehört da hinein. Dabei allein darf es aber nicht bleiben. Von Mund zu Mund, von Haus zu Haus, in den Arbeitsbuden, in den Wirtschaften muß Agitation getrieben werden. Jeder muß Parteigänger werden. Die Organi⸗ sationen, die Kassen müssen gefüllt werden. Wir müssen auf alles gerüstet sein. Es gilt, den letzten Mann und den letzten Groschen auf⸗ zubieten. Der Arbeiterpresse nicht zu vergessen— sie ist das wichtigste Bindemittel der Partei. Kein Tag, keine Stunde darf nutzlos vergehen— es ist höchste Zeit. Tut so jeder seine Pflicht, so können wir gefaßten Mutes den kommenden Dingen ent⸗ gegensehen. Für uns spricht die Weltgeschichte, unser die Masse der Ausgebeuteten, von uns erhoffen Kunst und Wissenschaft die Lösung der Sklavenfesseln, in denen sie das Kapital auf den Markt bringt, von uns erwartet die gesamte denkende Menschheit die befreiende Tat, die einer neuen Kulturentwicktung die Bahnen eröffnet— uns gehört die Zukunft, unser der Sieg!— Der Wuchertarif im Reichstage. Kuebelung der Redefreiheit. Die saubere Sorte„Volksvertreter“, die zur gegenwärtigen Mehrheit zählen, die Beute⸗ politiker der Pfaffen⸗ und Junkerpartei schreiten von Gewaltstreich zu Gewaltstreich. Sie achtet nicht die jahrzehnte alten parlamentarischen Rechte, nicht die unbedingt notwendige Rede⸗ freiheit! Rücksichtslos wird niedergetrampelt, was nur irgendwie die Rechte der Minderheit zu schützen geeignet ist. Erst beseitigte man den Namensaufruf bei Abstimmungen, nunmehr wurde die Diktatur des Präsidenten aufgerichtet, der das Wort zur Geschäftsordnung geben und nicht geben kann, wem er will. Und diesen parlamentarischen Selbstmord zu dem Zweck, den Hungertarif im Ramsch zu erledigen. „Koste es, was es wolle, der Zolltarif muß durchgesetzt werden!“ So hat der Zentrums⸗ mann Trimborn in Köln verkündet. Zu Weihnachten soll dem deutschen Volke der Hungertarif beschert werden. Dem Men⸗ schen ein Wohlgefallen!— Nun, soviel steht fest: Die Sozialdemokratie wird von der Annahme des Tarifs keinen Nachteil haben. ———= UDO ULD * ——ͤͤͤͤ 3 r —— . ——— 23 SS S Se Seite 2 Mitteldeutsche Sonstags⸗Zeitung. Nr. 50. Arbeitslosigkeit und Elend werden sich häufen, die Masse der Besitzlosen gelangt immer mehr zur Erkenntnis der Notwendigkeit des Sozia— lismus. * Vergangene Woche leistete sich der Reichstag eine Dauersitzung nach der anderen. Die Mittwochssitzung begann bereis um 12 Uhr mit einer Geschäftsordnungsdebatte über einen soztaldemokratischen Antag, wonach die Ver⸗ handlung über den Altrag Kardorff so lange ausgesetzt werden sollte, bis die Geschäftsord— nungskommission Bericht erstattet habe üben die Frage, ob ein einmal gefaßter Beschluß über die geschäftliche Behandlung eines Gegenstandes im Laufe derselben Debatte wieber umgeändert werden dürfe. Genosse Haase begründete den Antrag, wobei er öfters mit dem Vizepräsidenten Büsing in Konflikt geriet. Natürlich lehnte die Mehrheit diesen Antrag ab. Dann kam die Abstimung über den Antrag Kardorff, der also über den ganzen Tarif von 946 Positionen zusammen verhandeln will. Der deutsche Reichstag brachte fertig, was sich kein Parla⸗ ment der Welk haue bieten lassen— er nahm diesen widersinnigen Antrag mit 210 gegen 76 Stimmen an. Sofort aber richtete die Minderheit eine neue Schanze auf. Barth beantragte mündliche Berichterstattung sämt⸗ licher 23 Kommissionsreferenten. Gegen dieses Verlangen konnte man nias einwenden; Spahn versuchte es zwar, blamierie sich aber nur. Nun begann eine„Beratu. g“ dieser in die Lebensverhältuisse des Volkes so tief einschnei⸗ dende Gesetzesvorlage, die mit einem Schachspiel viel Arbnlichkeit hatte. Die meistens der Mehr— heit angehörigen Berichterstatter waren mit ihren sogenannten„Referaten“ in ein paar Minuten fertig, von einer Wiedergabe der Kommissionsbeschlüsse war gar keine Rede. Deshalb beantragte die Linke Zurückweisung verschiedener Positionen oder ganzer Abteilungen des Tarifs zur schriftlichen Berichterstattung. Darauf antwortete die Rechte mit Anträgen auf Uebergang zur Tagesordnung. Es konnte aber dabei nicht verhindert werden, daß ein Mitglied der Linken in einer Rede gegen Ueber⸗ gang zur Tagesordnung vorbrachte, was er sagen wollte. So gings bis Nachts ½11 Uhr! Und bereits 10 Uhr Morgens trat der Reichstag am Dennerstag zu einer neuen Sitzung zusammen. Das Schachspiel ging zu⸗ nächst wie am Tage vorher weiter. Auf ein⸗ mal kam es zu einem ungeheuren Tumult. Spahn hatte wieder einen Antrag auf Ueber⸗ gang zur Tagedordnun über einen Antrag des Liberalen Rösicke eingebracht, obwohl der Präsi⸗ dent den Rösicke'schen Antrag als unzulässig bezeichnet hatte. Spahn wollte das Wort, das ihm der Vizepräsident erteilt hatte, zur Be⸗ gründung dieses Autrags nehmen, als neben anderen Abgeordneten der Linken Gen. Singer sich das Wort zur Ges! äftsordnung erbat, das ihm schon vorher der Präsident Graf Ballestrem zu geben versprochen hatte. Singer verhandelte zu diesem Zwecke eifrig mit dem Grafen Stol⸗ berg, als die Mehrheit fortwährend im hundert⸗ stimmigen Chorus brüllte: Herunter von der Tribüne! Herunter! Zur Geschäftsordnung, zur Geschäftsordnung! schrie die Linke dazwischen. Es war eig Heidenlärm, der sich noch verstärkte, als Vizepräsident Stolberg dem Gen. Singer einen dreimaligen Ordnungsruf erteilte, weil er unbekümmert um den unter ihrem Dirigenten Dr. Kropatscheck brülleuden Mehrheitschorus mit stoischer Ruhe auf der Treppe zur Tribüne stehen geblieben war. Angereizt durch seine tobenden Parteigenossen, erklärte Graf Stolberg Singer für ausgeschlossen vehn deer Sitzung. Jetzt wuchs der Lärm zug einem Orkane an. Hilflos stand der konservative Grande da und wußte keinen anderen Ausweg als die Sitzung auf eine halbe Stunde zu unterbrechen. Beim Wiederzusammenteitt ergab sich aus Erklärungen Bebels wie Stolbergs, daß ein Irrtum des Vizepräsidenten vorlag, der aber trotzdem den Ausschluß Singers auf— recht erhielt. Uebrigens kehrte sich Singer nicht weiter an diesen zu Unrecht erfolgten Ausschluß und blieb ruhig im Saa.e Dann wiederholte sich das Spiel wie Tags vorher. Nur Got— hein, der über die Positionen 190—218(Bick⸗ werk, Zuckerwerk ꝛc.) referiert, giebt eine klare und eingehende Darlegung der Kommissions⸗ beschlüsse. Während seiner Rede, die 1/ Std. dauerte, begaben sich die Zöllner in die Peichs⸗ tagsrestauration. Die Sitzung wurde auf zwei Stunden unterbrochen und dann bis Nachts ½12 Uhr ausgedehnt. Es gab aber meistens Geschäftsordnungsdebatten. Rüpelei eines nationalliberalen Abgeordneten. Während der Abendsitzung kam es zu eincul Zwischenfall, der klärlich zeigt, auf welcher Bildungsstufe mancher Vertreter von„Bildung und Besitz“ steht. Als nämlich Heine seine Rede beendet hatte, rief der nationalliberale Abgeorde te von Calbe-Aschersleben, Major a. D. Placke:„Kann man dem Kerl nicht ein paar hinhauen?“ Der Abg. Dr. Pach⸗ nicke hörte diese Aeußerung, drehte sich empört um und sagte:„Ein solcher Ruf wird aus dee nationalliberaren Ju rtei laut! Es ist empörend!“ Auch der Abg. Rösicke-⸗Dessau war Ohren⸗ zeuge der Aeußeeung. Auch er wandte sich zu Herrn Placke und rief ihm laut zu:„Herr Placke, soweit sind wir glün cherweise im Deutschen Reichstag noch nich“ Natürlich würde der Vorfall auch von unseren Genossen bemerkt und es eutstand eine große Erregung. Placke hatte noch den traurigen Mut, den Genossen Vollmar anzurempeln, indem er sich ihm mit den Worten vorstellte:„Mein Name ist Placke. Ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung.“ Vollmar lachte selbstverständ⸗ lich den Menschen aus. Der offenbar besoffene Duellfex wurde dann von seinen Parteifreunden aus dem Saale geleitet. Freitag begann die Sitzung wieder um 10 Uhr. Zuerst beschwerte sich Bebel über einen ihm von Graf Stolberg zu Unrecht er⸗ teilten Ordnungsruf. Die Mehrheit bestätigte aber den Ordnungsruf. Bebel hatte nur eine Bemerkung des Ministers Posadowsky als „unpassend“ bezeichnet. Im Uebrigen ging die Debatte in derselben Weise wie am Donnerstag weiter. Ueber die Positionen 368 bis 388 referterte Antrick, der sich seiner Aufgabe in eingehender Weise entledigte.— Dann wollten sich aber die Junker mal ein paar Tage dem Jagdvergnügen widmen, sie beschlossen daher Vertagung bis zum Dienstag. Diktatur des Präsidenten. Unterdessen hat die Mehrheit einen neuen Vergewaltigungsplan ausgeheckt. Der Präsident soll ganz nach Belieben das Wort zur Geschäftsordnung erteilen oder verweigern, wann und wem er will. Mit anderen Worten: es soll eine absolute Prästdenten⸗Distatur ein⸗ geführt werden. Natürlich unter der Voraus⸗ setzung, daß sie zu Nutz und Frommen der Mehrheit gehandhabt wird. Der Zentrums⸗ mensch Gröber hat folgenden Antrag einge⸗ bracht: „Das Wort zur Geschäftsordnung wird nur nach freiem Ermessen des Präsidenten erteilt. Eine von demselben zugelassene Bemerkung zur Geschäftsordnung darf die Dauer von fünf Minuten nicht übersteigen.“ Diese Bestimmung soll den bisherigen ersten Satz des§ 44 der Geschäftsordnung ersetzen, der lautet: Sofortige Zulassung zum Wort können nur diejenigen Mitglieder verlangen, welche über die Verweisung zur Geschäftsordnung reden wollen. Außer der Junker⸗, Pfaffen⸗ und Dreh⸗ scheiben⸗Partei hat diesen skandalösen Antrag 199 die Partei der dummen Kerle, die antise⸗ mitische, unterzeichnet. m bana i e stand der famgse Antrag auf der Tagesordnung. Zunächst legte Singer dagegen Verwahrung ein, daß der Antrag außerhalb der Reihenfolge der Initiativanträge verhandelt werden solle. Auch Pachnicke von der Freifinnigen Vereinigung unterstützte die Bedenken der Sozialdemokratie, trotzdem erklärte natürlich die Mehrheit den Antrag für zulässig. Nach Recht und Gesetz fragt die Gesellschaft überhaupt nicht mehr. Gröber „begründete“ den Antrag der Zollwucherer. Als Grund für den Gewaltakt führte diese Zentrumsleuchte an, daß die Sozialdemokratie die Gesellschaftsordnung umstürzen wolle, sonst wußte er nichts anzuführen. Ruhig, aber in sehr klaren und wirksamen Ausführungen ant⸗ wortete ihm Genosse Bebel. Er erinnerte das Zentrum an seine cigene Oppositionszeit, als diese Partei selber umsturzverdächtig war, für Meuchelmörder verantwortlich gemacht und als vaterlandslose Gesellen bezeichnet wurde. Dann wies er den gefährlichen Unsinn des Antrages nach, der den Präsidenten zum ewigen Angeklagten machen müsse.„Ihr Antrag macht den Präsidenten zum Büttel der Mehrheit. Kann man sich einen lächerlicheren, absurderen, abgeschmackteren, tollcren Vorschlag denken, als die 5 Minuten Redezeit zur Geschästsordnung? Wenn ch bisher an der Zurechnungsfähigkeit der Mehrheit nicht gezweifelt hätte, so müßte ich jetzt damit den Anfang machen.“ Wie schon bemerkt, wurde der verrückte Antrageugenommen. Dann setzte man die sogenannte Beratung fort. Das gewissenlose Vorgehen der Zollmehrheit veranlaßte auch den Rücktritt Singers als Vorsitzender der Geschäftsordnungskommession. Unser Genosse erklärte in einem Schreiben an den zweiten Vorsitzenden, den Abg. Roeren, daß er den Vorsitz in einer Kommission, deren Mehrheit den Antrag Gröber unterzeichnet habe, der an Stelle des Rechts die Willkür zu setzen beabsichtige, nicht weiter führen könne. Politische Nundschau. Gießen, den 11. Dezember. Rückgang des Fleischverbrauchs. Aus dem statistischen Jahrbuch für das Königreich Sachsen teilt unser Leipziger Partei⸗ organ die Zahlen über den Fleischverbrauch im Jahre 1901 mit, aus denen sich ein bemerkens⸗ werter Rückgang des Fleischkonsums schon für dieses Jahr ergiebt. Trotz der Zunahme der Bevölkerung um 75000 Köpfe ging die Zahl des versteuerten Schlachtvlehes gegen das Vorjahr zurück. Schweine wurden allein 52723 weniger geschlachtet. Auf den Kopf der Bevölkerung berechnet, ergiebt sich für das Jahr 1901 ein Verbrauch von Rindfleisch von 14,9 kg, während es 1900 15,5 waren; der Verbrauch von Schweinefleisch stellt sich auf 25,9 kg pro Kopf, während es 1900 und 1899 27,9 waren. Angesichts dieser amtlichen Zahlen fallen alle Einwände, die Posadowsky und Konsorten er⸗ hoben, als sie die horrenden Zustände in Bezug auf die Fleischversorgung ableugnen mußten, platt zu Boden. Um nahezu 5 Prozent ist der Konsum von Schweinefleisch zurückgegangen. Schweinefleisch ist aber gerade ein Konsumartikel der breiten Masse und deshalb zeugt diese Zahl von einem starken Rückgang des Fleischkonsums bei der Arbeiterbevölkerung.— Nun war aber im Jahre 1901 von einer Fleischnot noch nicht die Rede, erst das Jahr 1902 brachte Steige⸗ rung der Fleischpreise auf der ganzen Linie. Für das laufende Jahr ist also noch mit ganz anderen Ziffern zu rechnen. Das statistische Amt konstatiert also hier klipp und klar, daß die notorische Unterernährung des sächsischen Arbeiters im Jahre 1901 sich noch weiterhin verschlimmert hat, und das darauf folgende Jahr brachte noch weiteren Rückgang. Aber die Vertreter Sachsens im Bundesrate plädieren für horrend erhöhte Vieh- und Fleischzölle. Antisemitische Staatsstreichler. Der Beseitigung des Reichstags⸗ wahlrechtes redet auch der Antisemiterich und Junkergenosse Liebermann v. Sonnen⸗ berg das Wort. Unter Hinweis auf die gegenwärtigen Zustände im Reichstage erklärte er am Samstag in einer Versammlung des Bundes der Landwirte in Halberstadt: Wenn es nicht mehr anders gehe, dann müsse die„Gott sei Dank von den Fürsten und Ver⸗ tretern der freien Städte nicht beschworene Verfassung“ geändert werden und das Wahl⸗ recht durch die Wahlpflicht ersetzt werden. Liebermann ist der Haupthahn unter den Anti nett ä ———— — 9— 1 b sächsschen weiterhin folgende n Aber 0 z dieren Nr. 50. Mitteldeutsche Ssuntgas⸗Zeitung. Seite 3. für die reaktionäre Gesinnung, die bet den Antisemiten herrscht. Beweist auch, wie recht wir neulich hatten, als wir die hessischen Partei- genossen Liebermanns in der Frage des direkten Wahlrechts als durchaus unzuverlässig bezeich⸗ neten. Sind halt saubere„Volksvertreter“! Der Kaiser auf Wahlagitetior. Vorigen Freitag war der Kaiser in Breslau. Dort haben Arbeiter bei seinem Einzuge Spalier gebildet, später wurde auch eine Arbeiter⸗Depu⸗ tation von 16 Mann im Fürstenzimmer des Bahnhofs empfangen, welche dem Kaiser für die Essener Rede dankte und ihm im Namen ihrer Mitarbeiter unentwegte Treue schwor. Der Kaiser antwortete dieser Abordnung in einer längeren Ansprache, die folgende Stellen enthält: „Durch die herrliche Botschaft des großen Kaisers Wilhelm I. eingeleitet, ist von mir die soztale Gesetz⸗ gebung weitergeführt worden. durch die für die Arbeiter eine gesichert⸗, gute Existenzb ingung geschassen worden ist bis ins Alten hinein unter Auferlegung von oft bedeutenden Opfern für die Arbeitgeber. Und unser Deutschland ist das einzige Land, in den die Gesetzgebung in hohem Maße zum Wohle der arbeitenden Klassen fortentwickelt ist. Auf Grund dieser von Cneren Königen Euch zugewandten großen Fürsorge bin ich berechtigt, auch ein Wort der Mahnung an Euch zu richten. Jahrelang habt Ihr und Eure Brüder Euch durch die Agitatoren der Sozialisten in dem Wohne erholten lassen, daß, wenn Ihr nicht dieser Partei cngehört oder Euch zu ihr bekennt, Ihr für nichts geachtet und nicht in der Lage sein würdet, Euren berechtigten Interessen Gehör zu verschaffen zur Verbesserung Eurer Lage. Das ist eine grobe Lüge und ein schwerer Irrtum. Statt Euch objektiv zu vertreten, versuchten die Agitatoren Euch aufzuhetzen gegen Eure Arbeitgeber, die anderen Stände, gegen Tron und Altar, und sie haben Euch zugleich aufs Rücksichtsloseste ausgebeutet, terrorisirt und geknechtet, um ihre Macht zu stärken. Und wozu wurde diese Macht gebraucht? Nicht zur Förderung Eures Wohles, sondern um Haß zu säen zwischen den Klassen und zur Ausstreuung feiger Verleuadungen, denen nichts heilig geblieben ist und die sich schließlich am Hehrsten vergriffen, was wir hinieden besitzen: an der deutschen Mannesehre! Mit solchen Menschen könnt und dürst Ihr als ehrliebende Männer nichts mehr zu tun haben, nicht mehr von ihnen Euch leiten lassen. Nein! sendet uns Eure Freunde und einen Kameraden aus Eurer Mitte, der Euer Vertrauen besitzt, in die Volks⸗ vertretung. Der stehe ein für Eure Wünsche und Interessen, und freudig werden wir ihn willkommen heißen als Arbeitervertreter des deutschen Arbeiterstandes, nicht als Sozialdemokraten.“ Wie derartige„Kaiserdeputationen“ zu Stande kommen, werß man ja. In der jetzigen Zeit der Krise müssen die Arbeiter derartige Geschichten mitmachen, sonst fliegen sie bet bester Gelegenheit auf's Pflaster. Sie müssen gegen ihre Ueberzeugang die knuechtseligsten, ihrer Ge. sinnung ins Gesicht schlagenden„Adressen unterschreiben. Ueber den Arbeiter, dessen Ge⸗ fühl sich dagegen aufbäumt, wird sofort Brot⸗ losigkeit verhängt. Dafür kann sofort ein drastisches Beispiel von den Krupp'schen Gruson⸗ werken in Buckau⸗Mag deburg angeführt werden. Dort erhielten die Treher Kuntze und Andree ihre Eutlassung, weil sie die Adresse an den Kaiser nicht unterschrieben hatten. Ersterer war bereits 22 1 Andree 16 Jahre auf u Werke tätig. — 80 wird's 920 So kommen die„Er⸗ gebenheits⸗Adressen“ zu Stande, Machwerke der auf Orden spekulierenden Fahrikanten und Byzantiner, welche die flaue Zeit benutzen, die Arbeiter zu schmählichem Verrat und zur er⸗ bärmlichen Heuchelei zu zwingen.— Und zu 4 potenten Niedertracht werden it Arbeiter von ihren Ausbeutern gezwungen! Hieß es doch in einer Adresse, welche die Fabrikanten Bochums ihren Lohnstlaven unter Hinweis auf die zu erwartende Entlassung, zu Unterschreiben zwangen: a n ugleich möchten wir Euere Majestät allerunter⸗ 19 717 1 9 einer Aenderung der 1 gebung die Jultlative ergreisen zu wollen, 1175 er elteren Vergiftung unseres Volksle en„ 0 semiten. S ine Aeußerung ist also ein Beweis; durch eine verwerfliche Kampfes werse vorgebeugt erden kan.“ Bedauernswerte Menschen! Die Rede des Kaisers zeigt aber, wie ihn seine Berater anlügen. Es ist bekannter⸗ maßen nicht wahr, daß die„soziale Gesetz⸗ gebung“ von Wilhelm I. eingeleitet wurde; Jahrzehnte vorher het die Arbeiterschaft Forde⸗ rungen in dieser Richtung erhoben, sie hätte aber ohne die Sozialdemokratie— nach Bis⸗ marcks offenem Ei ändnis— noch nicht einmal das Wenige erreicht, was wir an sog. „Sozialreform“ haben. Und die„bedeutenden Opfer“ der Arbeitgeber betragen ganze sechs Pfennige für den Tag und Arbeiter, und diese müssen doch auch erst von den Arbeitern verdient werden!„Gute und gesicherte Existenz“ sei für die Arbeiter geschaffen! Darüber brauchen wir kein Wort zu verlieren; jeder Ar iter weiß, wie es damit bestellt ist. Ausbeutung und Knechtung der Arbeiter wird den sozialdemokratischen Führern vorge⸗ worfen. Wer sind die Führer? Jeder, der sich zur Sozialde.gokratie zählt, wirkt als Agitator und Führer, zwischen Fuhrer und Truppen besteht kein Gegensatz. Mit Recht sagten darum die Breslauer Arbeiter in der Resolution der Massenversammlung, daß sie bisher von den sozialdemokratischen Führern und Leitern nicht ausgebeutet und terrocistert worden wären. Kurz, aus der Kaiserrebe geht hervor, daß ihm seine Berater ganz falsche Darstellungen von den Arbeiterverhältnissen und von der Sozial- demokratie gegeben haben müssen.— Die Sozialdemokratie geht über solche Angriffe zur Tagesordnung über. Sie wurzelt in den Ver⸗ hältnissen und Dutzende kaiserliche Reden werden sie in ihrer Eutwickelung nicht aufhalten, eher das Gegenteil! Wirkung der Hetze. „Man muß der Bestie den Zaum anlegen“ schrieb kürzlich ein reaktsonäres Blatt und es wollte damit die Aenderung des Reichstagswahlrechts empfehlen, das Volk, die„Bestie“, soll kein Recht haben, im Staate mitzureden, sondern einfach Steuern zahlen, sich ausbeuten lassen und das Maul halten. Die „Bestie“ duldet aber derartige Behandlung nicht mehr, sie giebt den frechen, verlogenen und beutegierigen„Ordnungs“ helden und ihren Preß⸗ söldlingen die richtige Autwort. Im ganzen Lande finden großartig besuchte Versammlungen statt, in denen der sozialdemokratischen Reichs⸗ tagsfraktion begeisterte Zustimmung zu Teil wird. Wir erwähnten schon die 27 in Berlin am vorigen Donnerstag abgehaltenen Versamm⸗ lungen, von denen eine ganze Anzahl wegen Ueberfüllung polizeilich abgesperrt wurden. Ebenso stark besucht waren 12 in Leipzig stattgefundene Versammlungen, die zusammen von etwa 14000 Personen besucht waren. Montag Vormittag(kath. Feiertag) tagte eine Riesenversammlung im„Münchener Kindl“⸗ Saale in München. Dieser ungeheuere Saal, der etwa 6000 Personen faßt, war dicht besetzt und die Masse stimmte den Ausführungen des Genossen Eduard Schmidt begeistert zu. Gleich⸗ falls am Montag protestlerten in Frankfurt 3 große Versammlungen gegen den Staatsstreich. Samstag referierte Genosse Ulrich in Offen⸗ bach unter stürmischem Beifall. In Breslau konnte die Versammlung infolge eines Form⸗ fehlers bei der Anmeldung erst Dienstag statt Montag abgehalten werden. Etwa 2000 Per⸗ sonen waren in dem Saale, in dessen Umgebung sich die Menge in den Straßen staute. Die beschlossene Resolution spricht der sozialdemo⸗ kratischen Fraktion Vertrauen und Anerkennun aus. Bernstein, der Abgeordnete für Bres⸗ lau⸗West erschien später und wurde stürmisch begrüßt. Ferner fanden Versammlungen statt: in Mainz, Magdeburg, Stuttgart, Harburg, in Hamburg den Vororten 13, für Dresden und Umgebung sind diesen Samstag dreißig Versammlungen vorgesehen. Ueberall kollosaler Andrang, über⸗ all hohe Begeisterung für die sozialdemokratische Sache.— Wie wenig uns die Kaiserreden schaden, beweist auch die Zunahme der Abon⸗ nentenzahl unserer Parteiorgane, die aus vielen günstiges Ergebnis lieferten. Orten gemeldet wird. Stteg doch die feste Abo nnentenzahl in den letzten Tagen um fünftausend, während der Verkauf an einigen Tagen die bis dahin unerhörte Höhe von dreiundzwanzigtausend Exemplaren erreichte! So ists recht! Je schamloser die Unterdrücker und Ausbeuter hetzen, umsomehr müssen sich die Besitzlosen zusammenschließen. So erweist ich die Reaktion als die Kraft, die stets das Iöse will und das Gute schafft! Sozialdemokratische Wahler folge. In vielen Orlen Sachsens haben in ver⸗ gangener Woche Gemeinderatswahlen stattge⸗ funden, die fast überall ein für unsere Partei Es sind dabei wieder eine nicht geringe Anzahl sozialdemo⸗ kratische Vertreter in die Gemeinderäte einge⸗ zogen. Nur in Dresden brachten unsere Ge⸗ nossen keinen Kandidaten durch, obwohl die Stimmenzahl gegen die letzte Wahl um 1000 zunahm. Doch fiel der Hausbesitzer⸗Klique die große Mehrheit zu. Der Fall Krupp ist gar nicht zuerst vom„Vorwärts“ angerührt worden. Schon am 8. November, acht Tage früher als der Vorwärts, brachte ein Hauptblatt des Zentrums, die„Augsburger Postzeitung“ folgende Notiz aus Rom: 6. Nov. „Schon seit Jahren zirkulieren in Italien Gerüchte, daß Capri, die schöne Insel im Golf von Neapel, ein wahres Sodom für gewisse Laster geworden sei. Jetzt hat sich die sozialdewokratische Presse der Angelegenheit augenommen. Leider ist in die Angelegenheit der Name eines deutschen Großindustriellen vom besten Klang, dessen enge Beziehungen zum Kaiserhof bekannt sind, aufs engste verwickelt.“ 5 An der Hetze gegen den Vorwärts und die Sozialdemokratie beteiligen sich die Zentrums⸗ blätter in hervorragendem Maßstabe. Sie sollten ihr Gift also gegen ihr Parteiblatt spritzen. Nun kann der Kaiser nach Augsburg reisen und in der Domkirche eine entrüstete Rede gegen die„Mörder“ Krupps halten. Milttärjustiz. Das furchtbare Kriegsgerichts⸗ urteil, welches Ende Oktober vom Kriegs- gericht in Halle gegen die Kürassiere Leopold und Sommer aus Halberstadt gefällt wurde und auf 6½ bezw. 5½ Jahren Zuchthaus wegen„Meuterei“ lautete(siehe Nr. 44 der Mitteld. S.⸗Ztg.), hat zas Oberkriegsgericht Magdeburg am Samstag aufgehoben und die Angeklagten zu 1½ und 1 Jahr Gefängnis verurteilt. Die Kürassiere hatten einen Wachtmeister auf dem Tanzboden den Gehorsam verweigert. Das Oberkrigsgericht hat also das auf Meuterei lautende Urteil nicht gebilligt, sondern nur einfache Gehorsams verre eigerung angenommen und eine wesentlich mildere Strase ausgeworfen. Und trotzdem ist die abgemilderte Strafe im Verhältnis zu dem harmlosen Ver⸗ gehen noch außerordentlich hart. Und doch welch' gewaltiger Unterschtied zoischen beiden Urteilen! Wäre gegen das erste Urteil keine Berufung möglich gewesen, oder aus irgend einem Grunde versäumt worden, so mußten diese Armen die entsetzliche Strafe über sich ergehen lassen! Nicht totgeprögelt. Wir haben vor nicht langer Zeit von einer Mitteilung Notiz genommen, wonach ein Kanonier Namens Baltrusch von dem 1. Artillerie ⸗Regt. in Gumbinnen von seinen Kameraden tot⸗ geprügelt worden sein sollte. Jetzt wird eine umfangreiche Berichtigung des Generalkomman⸗ dos des 1. Armeekorps veröffentlicht, aus der hervorgeht, daß der in der Nacht zum 8. August in Gumbinnen durch Sturz aus einem Fenster der Artilleriekaserne ums Leben gekommene Kanonier Baltrusch sein Ende durch einen in der Trunkenheit selbst verschuldeten Unglücksfall gefunden hat. Damit sind selbstverständlich die weiteren an diesem Fall unsererseits geknüpften Ausführungen hinfällig. Es bleibt unverständlich, wie die Frau des Baltrusch öffentlich die Mißhandlung ihres Mannes so bestimmt behaupten konnte. ———=== UD DD 1 —— p — —— — 0 —————ꝛäp—— SHS. SS SS SSA Seite 4. Mitteldentsche Sountogs⸗Zeitung. Nr. 50. Wahlsieg in Holland. Bei einer Nachwahl, die in Amsterdam nötig war, siegte unser Genosse Troelstra in der Stichwahl mit großer Mehrheit. Schon in der Hauptwahl fehlten ihm nur noch wenige Stimmen an der absoluten Mehrheit. Pon Nah und Fern. Hessisches. Hessen ohne Großherzog. Demnächst unternimmt der Großherzog eine Reise nach Indien. Mit seiner Vertretung während seiner Abwesenheit ist das Staatsminisierium beauf⸗ tragt. Wir sind überzeugt, es wird kaum ein Mensch im Lande merken, daß kein Fürst vor⸗ handen und Hessen gewissermaßen Republik geworden ist. Und ebensowenig würde die Staatsmaschinerie in's Stocken geraten, wenn sämtliche Fürsten ihre Trone und Trönchen auf immer verließen. Der hessische Landtag ist auf Dienstag, den 16. Dezember einberufen. Auf der Tagesordnung stehen 36 Punkte.— Das sozialdemokratische Wahlkomitee bei der Landtagswahl in Offenbach hat eine Vor⸗ stellung gegen den Wahlprotest der Mischmasch⸗ leute eingereicht. Darin wird ausgeführt, daß der Passus im Wahlgesetz, wonach nur derjenige Wähler sein könne, der„in keinem fremden Untertanen⸗Verbande stehe“, sich nur auf außer⸗ deutsche Staaten beziehen könne. Wollte man die Gründe des Offenbacher Wahlprotestes als stichhaltig anerkennen, so müßten alle Wahlen für ungültig erklärt werden, denn überall sind die Listen in der gleichen Weise aufgestellt. Das Wahlkomitee ersucht deshalb um Abweisung des Protestes. Gießener Angelegenheiten. — Sozialdemokratischer Wahlver⸗ ein. In der Mitgliederversammlung am Samstag sprach Genosse Krumm über die letzten Vorgänge und den Rechtsbruch im Reichstage. Redner schilderte die schändlichen Gewaltakte und Gesetzes verletzungen, die sich die Reichstagsmehrheit fortgesetzt zu schulden kommen läßt. Nachdrücklichst kennzeichnete er das erbärmliche Verhalten des Zentrums, dem es möslicherweise noch einmal recht leid tun könne, den Umsturz der Geschäftsordnung mit herbeigeführt zu haben. Skandalös verhielten sich die nationalliberalen„Bassermann'schen Gestalten“, ebenso kläglich der Richter'sche Frei⸗ sinn. Unsere Partei mußte im Kampfe um den Zolltarif mit aller Kraft die Volks⸗Interessen verteidigen; es war vorauszusehen, daß sie in diesem Kampfe fast allein stehen würde, ihre Taktik stand von vornherein fest. Sie wird nicht zurückweichen, sondern alles tun, um die Ausraubung des Volkes durch die Junkersippe zu verhüten. Und wenn ihnen das auch nicht gelingt, sie werden kämpfen bis zur letzten Minute, wie es ihre Pflicht ist. Der Referent ging dann noch kurz auf die neuesten Kaiser— reden und die Krupp⸗ Affaire ein, hierbei auf die Hetzereien der meisten bürgerlichen Blätter hinweisend. Folgende Resolution gelangte ein⸗ stimmig zur Annahme: Gegenüber der Hetze, die jetzt von Seiten des verbündeten Junker⸗, Pfaffen⸗ und Ausbeutertums und der diesen ergebenen Presse gegen die Sozialdemokratie in Szene gesetzt wird, verpflichtet sich die heutige Ver⸗ sammlung des soz. dem. Wahlvereins unausgesetzt für die hohen Ziele der Sozialdemokratie zu wirken. Sie fordert alle Arbeiter zu festem Zusammenschlusse auf, damit sie ihre Interessen gegen die Beutegier des Kapita⸗ lismus wirksam verteidigen können. Die Versammlung spricht der soz.⸗dem. Reichstagsfraktion für ihr Verhalten bei den Zolltarifdebatten Dank und Anerkennung aus. Als zweiter Punkt wurde ein von Genossen Vetters gestellter Antrag, eine Agitatious⸗ kommission für den Kreis Gießen zu wählen, verhandelt und nach längerer Debatte merk— würdigerweise abgelehnt. Schließlich wurde noch der Wunsch ausge— sprochen, Diskussionsabende zur Belehrung der Mitglieder einzurichten. Dem stimmt die gut⸗ besuchte Versammlung zu und beauftragt den Vorstand mit den Vorbereitungen dazu. — Die Wahlen zur Ortskranken⸗ kasse ergaben auf Seite der Arbeiter 439 Stimmen für den vom Gewerkschaftskartell auf⸗ gestellten Zettel. Eine Gegenliste war nicht vorhanden. Gegen das Vorjahr wurden also beinahe 100 Stimmen mehr abgegeben. Das bedeutet eine ziemlich rege Wahlbeteiligung, besonders wenn man die jetzige Arbeitslosigkeit berücksichtigt. Viel weniger Interesse als die Arbeiter bekundeten die Arbeitgeber an der Kasse. Von 700 Wahlberechtigten er⸗ schienen am Donnerstag ganze elf zur Wahl! Das ist auch ein kleines Zeugnis für die vielgerühmte Fürsorge des deutschen Unter⸗ nehmertums für ihre Arbeiter. — Durch die strenge Kälte, die wie es scheint, noch nicht sobald einem gelin⸗ den Wetter Platz machen dürfte, leiden natürlich die Arbeiter am meisten. Viele sind dadurch arbeitslos geworden und kaum im Stande, für sich und ihre Familie die nötigen Lebensmittel zu beschaffen. Selbstverständlich muß da auch an Heizungsmaterial soviel als möglich gespart werden, zahlreiche Familien giebt es, die sich kein warmes Heim bereiten können. Und wie schlimm es mit denen steht, welche die Arbeits⸗ losigkeit zwingt, zum Wanderstabe zu greifen, das beweisen die zahlreichen Opfer der Kälte. Thatsächlich wurden in den letzten Tagen so⸗ viel Erfrorene gemeldet, wie noch selten in einem Winter. Ein trauriges Zeichen für den „christlichen“ Staat! Wie recht hatte unser Genosse Bebel, der seine Rede im Reichstag am Dienstag mit den Worten schloß:„Draußen herrscht der Winter. Hunderttausenden von Menschen im Lande fehlt es an Brot, an Feuer, an Kleidung. Hunderttausenden von Menschen fehlt das, was das Leben lebenswert macht. In solchen Zeiten sollten wir beraten darüber, wie wir diesen Armen, diesen Elenden helfen könnten, wie wir ihnen Brot, Kleidung und Wärme schaffen könnten! Statt dessen beraten Sie einen Ge⸗ waltantrag uach dem anderen, zu dem Zwecke, die Opposition gegen den Hungertarif mundtot zu machen, eine Opposiition, die dar⸗ auf gerichtet ist, die Lebenshaltung des Volkes, die Sie niederdrücken wollen, auf der bis⸗ herigen Stufe zu erhalten. Greller können die Gegensätze der heutigen Gesellschaft nicht zu Tage treten, krasser kann der Kontrast zwischen Satten und Hungrigen, zwischen der zahlungs⸗ fähigen Moral und dem Proletarier nicht be⸗ leuchtet werden, als wie es hier geschieht“. — Zum Schutze gegen die Kälte wurde in einer Notiz des„Gieß. Anzeiger“ empfohlen, möglichst viel Fett, besonders aber Zucker zu sich zu nehmen. Dadurch würde die natürliche Körperwärme erhöht und der Körper weniger empfindlich gegen die Kälte gemacht. Ja, das mag wohl stimmen. Aber der Rat mutet doch gerade so an, als die Mahnung des braven Chirurgus in Heines Gedicht„Jammerthal“(das wir heute abdrucken): „Wenn Fröste eintreten, setzt' er hinzu, Sei höchst notwendig Verwahrung Durch wollene Decken; er empfahl Gleichfalls gesunde Nahrung.“ Dem armen Teufel, der sich bei unserer herr⸗ lichen Ordnung kaum satt Kartoffeln essen kann, muß es wie der reine Hohn klingen, wenn man ihm den Rat giebt, Flelsch, Fett, Zucker ꝛc. zu essen. Diese Lebensmittel sind infolge der Zölle und Grenzsperren für die Mehrheit des Volkes unerschwinglich. Gerade der deutsche Zucker kostet in Deutschland dreimal so viel als in England! Und solche Lebensmittelverteuerungspolitit unterstützt der Anzeiger! B. Die allgemeine Sterbekasse Gießen, welche vor nunmehr 13 Jahren gegründet wurde und jetzt in ihr 14. Geschäftsjahr tritt, besteht zur Zeit aus 1106 Mitgliedern. Dieselbe hatte im verflossenen Jahre einen Zuwachs von 131, dagegen einen Abgang von 14 Mitgliedern(12 durch Tod und 2 durch freiwilligen Austritt). Während seines 13 jährigen Bestehens hat der Verein 126 Sterbefälle unter seinen Mitgliedern gehabt und wurden hierfür an 15 Mitglieder A 75 Mk., an 15 à 100, an 24 à 120, an 23 à 150, an 10 à 170, an 14 à 185, an 13 ͤà 200 und an 12 4 214 Mk., in Summa 18365 Mk. ausgezahlt. Außer⸗ dem besitzt der Verein einen Reservefond von 5007 Mk. und ist mithin im Stande, selbst in außergewöhnlichen Fällen seinen Verpflichtungen nachzukommen. Auch ist die Sterbekasse wieder in der angenehmen Lage vom 1. Januar 1903 ab, das Sterbegeld von 210 auf 230 Mk. zu erhöhen. Das Eintrittsgeld beträgt für eine Person im Alter von 16—25 Jahren 1 Mk., 25 30 Jahren 1.50 Mk., 30— 35 Jahren 2.50 Mk., 35— 40 Jahren 4 Mk., 40—45 Jahren 7 Mk. Bei der Aufnahme ist außerdem noch ein Sterbefallbeitrag von 25 Pfennig zu bezahlen. Für jeden Sterbefall eines Mitgliedes ist der Kasse ein Beitrag von 25 Pfennig zu entrichten, welcher durch den Kassenboten gegen Quittung erhoben wird. Zur Auskunft in allen Fragen ist Herr Schneider⸗ meister Georg Pfaff, Wallthorstraße 25, Herr Schuh⸗ machermeister Seidewand, Teufelslustgärtchen, sowie Herr Bureau⸗Vorsteher Bruchhäuser, Wolfstraße 8, gerne bereit. Aus dem Nreise gießen. r. Heuchelheim. Vorige Woche wurde uns ein braver Genosse, Gustav Stein, durch den Tod ent⸗ rissen. Stein hatte sich wegen eines Kopfleidens in die Gießener Klinik aufnehmen lassen. Samstag früh wurde er tot im Hofe aufgefunden, offenbar hatte er sich im Fleber aus dem Fenster gestürzt. Der Verstorbene hinter⸗ läßt Frau und 3 Kinder. Wir verlieren in ihm einen rührigen und überall gern gesehenen Genossen, dem wir ein gutes Andenken bewahren werden.(In der Klinik sollte doch unseres Erachtens für genügende Aussicht ge⸗ sorgt werden, um solch en traurigen Fällen vorzubeugen. D. R.) — Versammlungen. Wir machen noch⸗ mals auf die diesen Samstag in Wieseck im Lokale Schneider und die Sonntag in Lich im„Holländischen Hof“ stattfindenden Volks⸗ versammlungen aufmerksam in denen Genosse Scheidemann⸗Offenbach über„der Umsturz tm Reichstage“ sprechen wird. Eine weitere Versammlung findet Sonntag(14.) nachmittag 4 Uhr in Klein⸗Linden im Saale des Herrn Hinterlang statt, wo Gen. Vetters über dasselbe Thema sprechen wird. Unsere Freunde werden zu zahlreichem Besuch der Versamm⸗ lungen aufgefordert. Aus dem Rreise Alsfesd⸗Cauterbach. — Zu was Schulsäle verwendet werden. Der„Schulbote für Hessen“ berichtet, daß im Schulsaale der ersten Volksschulklasse in Grebenhain am 17. Nov. gerichtliche Leichenschau über einen Tags zuvor einem Raubmörder zum Opfer gefallenen Mann gehalten, trotz des Einspruches des Lehrers und des Schulvorstandes. Den betreffenden Schulsaal soll der Bürgermeister, wie es heißt auf Zureden des Gerichtsherrn, zur Verfügung gestellt haben, und auch die die Seklion aus⸗ führenden Aerzte hätten kein Bedenken getragen. Die Kreisschulkommission zu Lauterbach hat Beschwerde bei dem Ministerium erhoben. Der Berichterstatter bezweifele, daß eine derartige Amtshandlung im Lehrsaal eines Gymnasiums oder einer Realschule vorgeschlagen worden wäre, so habe es sich aber nur um eine Volks⸗ schule gehandelt, deren Kinder jedenfalls den Saal wieder mit Grausen betreten. Aus dem Nreise Wetzlar. h. Von„unserem“ Reichstagsabgeord neten Krämer, über dessen Thätigkeit man sonst verteufelt wenig hört, teilte das Amtsblatt mit verblüffender Fixigkeit bereits vorige Woche mit, daß er für den Antrag Kardorff gestimmt habe. Merkwürdig, im Augen⸗ blick, wo wir dies schreiben(Donnerstag) wird über den Antrag Kardorff noch verhandelt! Aber wir glauben schon, daß der Anzeiger hier Recht behält; die Fraktion Drehschelbe, zu welcher Krämer gehört, wird selbstver⸗ ständlich im Verein mit Junker und Pfaff für diesen Antrag stimmen und damit Recht und Gesetz nleder⸗ trampeln helfen. Uebrigens war sich kaum Jemand über die Stellung Krämecs zu dem Vergewaltigungs⸗Antrag im Unklaren. Der Mann war noch stets für jeden reaktionären Streich zu haben, war er doch s. Zt. auch für das Zuchthausgesetz. Mit den Wucherzöllen dürfte er aber auch bei den Kleinbauern unseres Kreisez wenig Gegenliebe finden, die kommen nämlich immer mehr zu der Einsicht, daß sie bei der Zollpolitik die Geprellten sind. Beispielsweise leuchtete neulich in Löhnberg ein einfacher Bauer einem Agitator des Bundes der Land⸗ wirte gründlichst heim. h. Die Lesevereinigung Wetzlar veranstaltet diesen Sonntag(14.) ihren vierten Vortrag. Herr Musiklehrer Th Gerold⸗Frankfurt spricht über: Das deutsche Weihnachtslied. Konzertsängerinnen Frl. Br. führ gabe die wur eie und am dem lang Ter der Hau Hoc gest Mae Unt Dee zur vie den I. „dure mn eh 9 den Tod ent apflabenz in die . früh wurde date er sich im erstorbene hinter⸗ a in ihm einen mossen, dem wit I det lin ande Aussiht ge⸗ len dorzubeugen c machen noch⸗ Vieseck in lag in Lich Anden Volks en Genosse „der Umsturz Fiue weitere nachmittag e des Herrn Vetters über insere Freundt der Versamm⸗ ulerhach. verwendet ssen“ berichtet, Jolcsschuldlacse gerichtliche zubor einen Mann 3 des Lehrer u bettefenden wie es heißt zur Verfügung Seklion aus“ eulen getragel. Ater bach hal ben. Del eine derartige 3 E mnastume en worden 1e Volk Nr. 50. Mitteldenische Sonntags⸗Zeit ung. Soite 5. Brauser und Frl. Schwekowsky werden die Ans⸗ führungen des Herrn Gerold durch gesangliche Wieder⸗ gabe der besprochenen Lieder unterstützen. Bisher haben die Veranstaltungen der rührigen Lesevereinigung sich immer der besten Aufnahme zu erfreuen gehabt und so ift auch diesmal wieder ein starker Besuch zu erwarten. Es wird 50 Pfg. Eintritt erhoben; das mag manchem Arbeiter für die heutigen Zeitläufte etwas hoch gegriffen erscheinen, allein man muß berücksichtigen, daß hier etwas Vorzügliches geboten wird und daß ein derartiger Vortrag ziemlich bedeutende Kosten verursacht. Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. St. Ein großes Feuer entstand am Montag Abend in dem ungefähr 1000 Ein⸗ wohner zählenden Flecken Niederklein im Kreise Kirchhain. Bei dem herrschenden Wasser⸗ mangel war an ein Löschen des Feuers, trotz⸗ dem die benachbarten Wehren mit ihren Spritzen zahlreich zur Hilfe herbeigeeilt waren, nicht zu denken; man mußte sich vielmehr darauf be⸗ schränken, die brennenden Gebäude niederzu⸗ reißen, um ein Weitergreifen des Brandes zu verhindern. Hierbei stellte es sich heraus, daß kein einziger Feuerhaken vorhanden war! Erst nach dem Eintreffen des telephonisch von Kirchhain herbeigerufenen Steigerzuges mit Geräten konnte dem verheerenden Elemente wirksam entgegengearbeitet werden. Aber erst am Dienstag mittag 1 Uhr war man des Feuers Herr geworden, dem 12 Wohnhäuser und eine Anzahl Nebengebäude zum Opfer fielen. 15 Familien sind obdachlos und meistens nur gering versichert. Da Brandstiftung ver⸗ mutet wurde, so ist noch in derselben Nacht die Staatsanwaltschaft in Marburg telegraphisch benachrichtet worden. — Verschiedenes. Am Mittwoch wurde von der hiesigen Polizei ein junger Mann ver⸗ haftet, welcher in Gießen verschiedene Zech⸗ prellereien verübt hatte.— Vor etlichen Tagen hatte sich ein obdachloser Mann einen am Bahnhof leerstehenden Möbelwagen als passende Wohnung ausgesucht und sich häuslich darin niedergelasseu. Der Wagen war dann aber von den dabei beschäftigten Arbeitern, ohne daß diese den Insassen bemerkt hatten, geschlossen worden. Erst zwei oder drei Tage später entdeckte man den vor Kälte halb erstarrten Bewohner des Möbelwagens, dessen Klopfen und Rufen im Innern man draußen nicht gehört hat.— In Ockershausen stahl vor einigen Tagen ein 12jährigen Junge einem Ziegelmeister aus dessen Wohnung 42 Mark bares Geld. Bei der Untersuchung wurden noch 16,60 Mark bei ihm vorgefunden. Dynamit⸗Explosion. Auf der Zeche Gneisenau bei Dortmund erfolgte am Donnerstag beim Abladen von Dynamit eine fürchterliche Explosion, die fast alle Gebäude des Ortes Derne zerstörte. Fünf oder sechs Menschen wurden getötet, eine größere Anzahl schwer verletzt. Kleine Mitteilungen. * Un geratener Sohn. In Hohensolms wurde ein Bursche wegen schwerer Mißhandlung seiner eis— Mutter. dle inzwischen verstorben ist, verhaftet und in das Wetzlarer Gefängnis eingeliefert. — In Frankfurt brach in der Kronprinzenstraße 41 am Montag Vormittag ein bedeutendes Feuer aus, bei dem Menschen in Lebensgefahr gerieten. Es dauerte lange, bis die Feuerwehr den durch Entzündung von Terpentin entstandenen Brand gelöscht hatten. * Seine Gattin ermordet hat am Samstag der 80 jährige Gärtner Dietzel in Frankfurt⸗Sachsen⸗ hausen. Das Ehepaar hatte erst kürzlich die guns, Hochzeit gefeiert. Der arme Alte ist offenbar geistes⸗ 1 Kohlengas vergiftet. Am Montag Nacht fand der in der Pfeilerstraße in Köln wohnhafte Bäcker Salomon seine Leute, 3 Gesellen und 2 Lehr⸗ linge, die er wecken wollte, bewußtlos im 177 Die Lehrlinge starben, die Gesellen konnten ins Leben zurückgerufen werben. Es liegt Kohlengasvergiftung 1 — Fernrr erstickten in Stockstadt, bei Aschaff enburg vier Kinder eines Arbeiters, während die Mutter kanne das Essen brachte. e 75 Arbeit. Auf der Zeche 191 Iserlohn wurden drei Bergleute durch hereinbrechende Gestelnsmassen verschüttet. Zwei sind tot, einer konnte noch hervorgezogen werden, war aber sehr schwer verletzt. a Alter frommer Sünder. Der 65 jährige Bäckermeister Kelterborn aus Dransfeld wurde von der Strafkammer zu Göttingen wegen Sittlichkeits verbrechen zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt. Der alte Wüstling, der das Amt eines Waisenrates, Kirchenvorstandes und Kirchenrechners bekleidete, hat sich an schulpflichtigen Mädchen schändlich vergangen. * Sensationelle Verhaftung. In Rom ist einer der Führer der klerikalen Partei, der Bankier Chippa, unter der Anschuldigung, in Genua eine reiche Witwe, die Frau Ghiglino, umgebracht zu haben, ver⸗ haftet worden. * Der Dreschgraf nochmals verurteilt. In dem Prozeß gegen den Grafen Pueckler wegen Beleidigung der Richter der zweiten Strafkammer des Landgerichts J Berlin wurde der Angeklagte zu 60 0 Mark Geldstrafe verurteilt. Wegen viel geringfügiger Beleidigungen haben Sozialdemokraten schon Jahre Gefängnis bekommen. Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. 7 Ueber die Gewerkschaften hat der französische Marineminister andere An⸗ schauungen, als wir sie in Deutschland bei den Regierungsleuten wahrnehmen. Der Minister richtete ein Schreiben an den Seepräfekten und die Direktoren der seinem Ministerium unter⸗ stellten Anstalten, worin er nach der Soz. Praxis sagt: Er habe wiederholt bemerkt, daß bei den Lokalbehörden der Marineverwaltung gewisse Bedenken beständen über den Verkehr mit den Arbeitervereinen. Demgegenüber ver⸗ weise er auf das Syndikatsgesetz, das auch für die Zivilarbeiter in der Marine gelte.„Die Regierung ist seit einer Reihe von Jahren mit den Vereinen von Arbeitern und Angestellten, die sich in anderen Verwaltungszweigen gebildet haben, in Verbindung getreten. Unmöglich kann gestattet werden, daß in der Marine ein anderes Verhalten beobachtet werde. Die wahrgenom⸗ menen Bedenken entbehren daher jeder Begrün⸗ dung und die Behörden der Häfen und der Marinebetriebe haben keinerlei Anlas zu zögern, mit den unter ihren Untergebenen bestehenden Organisationen gemäß dem Gesetz vom 21. März 1884 in Beziehung zu treten.“ Das klingt anders, als der Scharfmacher-Ton, den man in Deutschland gegen die Gewerkschaften anzu⸗ schlagen beliebt. T Christliche Gewerkschaft verboten! Der„Verband deutscher Eisenbahn⸗Handwerker und Arbeiter(Sitz Trier)“ ist sicherem Ver⸗ nehmen nach in Altona von der königlichen Eisenbahndirektion verboten worden. Auf An⸗ weisung der Inspektion haben eine Anzahl Bedienstete auf„Ehre und Gewissen“ ein Schriftstück unterzeichnen müssen, der oben genannten Organisation nicht anzugehören und in Zukunft nicht beizutreten. Diese Organi⸗ sation ist eine Gründung der Zentrumspartei, und die hervorragendsten Angehörigen derselben, wie die Brotverteuerer Dasbach, Cahensly, Euler und andere sehr christliche Sozialpolitiker sind seine Hintermänner. Ihren Bemühungen ist es gelungen, die Mitgliederzahl bis auf 32 000 zu bringen. Also alle Staats⸗ und Königstreue nebst Christentum nütz nichts, man will die Organi⸗ satiou„oben“ selbst in der harmlosesten Form nicht. Partei-Nachrichten. Einer der ältesten Sozialdemokraten des Rheinlandes ist gestorben, nämlich der Bäcker meister Gerhardt Meyer in Solingen. Der 76 Jahre alt gewordene Genosse beteiligte sich schon vor 1848 in Köln an geheimen Versammlungen. Später trat er dem Kommunistenbunde bei und als Lassalle auftrat, schloß er sich der wiedererstandenen Arbeiter⸗ bewegung an, der er unentwegt treu geblieben ist. Wieder„frei“. Genosse Breden beck in Dort⸗ mund. der gefesselte Redakteur, verließ am Sonntag das Gefängnis in Herford, wo er acht Monate hinter⸗ einander Gelegenheit hatte, über die preußisch⸗deutsche Freiheit nachzudenken. Damit sind seine sämtlichen Preß⸗ fünden„gesühnt“.— Genosse Fleißner in Dresden verließ Samstag das Gefängnis, in dem er z wei Monate wegen Beleidigung des Prof. Hasse hat zu⸗ bringen müssen. Als Reichstagskandidat im Kreise Wies⸗ baden stellte die am Sonntag in Biebrich stattgefundene Kreiskonferenz den Genossen Lehmann in Mannheim auf. Lehmann gelernter Schreiner, war früher Redakteur am Dortmunder Parteiorgan, später an der Mannheimer Volksstimme tätig. Versammlungskalender. Genossen! Besucht regelmäßig Eure Versammlung en! Samstag, den 13. Dezember. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Brauer. Abends 2/9 Uhr Versammlung bei Löb, Wiener Hof.— Glaserverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Gießen. Gewerkschaftskartell. Sitzung bei Orbig. Marburg. Konsum verein. Abends 9 Uhr Ordentliche Generalversammlung bei D. Jesberg. Wieseck. Oeffentliche Versammlung Nachmittags 4 Uhr bei Schneider. Sonntag, den 14. Dezember. Gießen. Metallarbeiter. General⸗Versammlung Nachmittags 2 Uhr bei Orbig. Gießen. Freie Turnerschaft. Turnstunden jeden Mittwoch, Abends ½9 Uhr, Sonntag, Vormittags 10 Uhr im„Pfau“. Briefkasten. R. Marbg. Zurückgestellt. Weiteres. Abends 9 Uhr Sie erhalten brieflich Bitte um Unterstützung. Durch langwierige Krankheit ist ein Genosse in D. in großer Notlage geraten. Wir veranstalten zu seiner Unterstützung eine Sammlung und bitten diejenigen, die eine Kleinigkeit beisteuern können, diese recht bald an uns, die Expedition oder den Genossen A. Bock, Dammstraße 22. gelangen zu lassen. Red. d. M. S.⸗Ztg. Eingesandt. Weihnachtsfest und Uhrenbedarf. Ein besonderes beltebtes Weihnachtsgeschenk sind Uhren. Bei keiner anderen Ware aber kann der Käufer so herbe Enttäuschungen erleben als gerade bei einer Uhr. Jedem Käufer sei daher geraten, sich an Firmen zu wenden, deren Inhaber nicht nur mit Uhren handeln, sondern den Bau und die Qualität derselben auch gründlich kennen, sodaß sie in der Lage sind, dem Käufer eine thatsächliche Garantie zu ge⸗ währen. Ferner sei bemerkt, daß die von vielen Bazaren und Versandthänsern angepr iese nen billigen Uhren keine verläßlichen Zeitmesser abgeben können. Wer den⸗ noch solche billigen Uhren zu kaufen wünscht, dem kann sie der Uhrmacher zum gleichen und oft noch billigeren Preise verschaffen. Der Zolltarif wurde in zweiter Lesung en bloc(Antrag Kardorff) mit 183 gegen 136 Stimmen ange⸗ nommen. Zur Veachtung! Die Nr. 52(Weihnachtsnummer) unseres Blattes gelangt Dienstag, den 23. Dezember zur Ausgabe. Wie bitten unsere geehrten Inserenten und Spediteure dies beachten zu wollen. Expd. d. M. S.⸗Zig. Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: Der Neue Welt⸗Kalender für 1908. Preis 40 Pfg. Die katholische Kirche und die Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky. Der Verfasser giebt in der soeben erschienenen Broschüre eine historische Darstellung der ökonomischen und politischen Grundlagen der katholischen Kirche und skizziert die prinzipielle und taktische Stellung, welche die Sozialdemokratie ihr gegen⸗ über einnimmt. Gerade jetzt, wo in Frankreich der Kulturkampf tobt und in Deutschland das Zentrum nicht blos in der Frage des Zollwuchers, sondern allgemein die Schutztruppe der protestantischen Reichsregierung ist, kommt die Schrift zeitgemäß. Preis 30 Pfg.(Agi⸗ tationsausgabe) — ———— u i ———— SS SS ESA SS S SSS Seite 6. 1 Mitteldeulsche Sonntags⸗Zeitung Nr. 50. Jammnerthal. Der Nachtwind durch die Lucken pfeift, Und auf dem Dachstublager Zwei arme Seelen gebettet sind; Sie schauen so blaß und so mager. Die eine arme Seele spricht: „Umschling' mich mit deinen Armen, An meinen Mund drück' fest deinen Mund, Ich will an dir erwarmen.“ Die andere arme Seele spricht: „Wenn ich dein Auge sehe, Verschwindet mein Elend, der Hunger, der Frost Und all mein Erdenwehe.“ Sie küßten sich viel, sie weinten noch mehr, Sie drückten sich seufzend die Hände, Sie lachten manchmal und sangen sogar, Und sie verstummten am Ende. Am Morgen kam der Kommissär, Und mit ihm kam ein braver Chirurgus, welcher konstatiert Den Tod der beiden Kad wer. „Die strenge Witterung,“ klärte er, „Mit Magenleere vereinigt, Hat Beider Ableben verursacht, sie hat Zum Mindesten solches beschleunigt.“ Wenn Fröste eintreten, setzt' er hinzu, Sei hochst notwendig Verwahrung Durch wollene Decken; er empfahl Gleichfalls gesunde Nahrung. Heinrich Heine. Ein weiser Richter. In London ist eine stattbekannte Persönlich⸗ keit, Robert Malcolm Kerr, der 42 Jahre lang Richter am Stadtgericht war, gestorben. Mr. Comissioner Kerr war ein Mann von ausge⸗ prägter Eigenart; seine Methode, Recht zu sprechen, erinnerte oft an den Kadi unter dem Palmbaum. Abneigung gegen lange Reden der Anwälte Er hatte eine unüberwindliche unb sagte einst: 1 Gericht denkt heute, er sei ein Demosthenes.“ Er war in Folge seiner beißenden, sarkistischen und witzigen Aussprüche, aber auch in Folge seiner richterlichen Fähigkeiten weit und breit bekannt. Gewissenlose Geldverleiher hatten eine gesunde Furcht vor ihm, und er war sicherlich der Schrecken aller Uebeltäter, die vor ihn kamen. Einst sagte er zu einem Prozessterenden:„Werden Sie niemals klagbar, ganz gleich, welches der Beweggrund sein mag. Sie tun besser daran, Ihr Geld zu verlieren als zu klagen. In der Regel- steckt man das Geld in die Taschen der Rechtsanwälte, und das ist die schlechteste Art, wie man Geld ausgeben kann.“ Ein anderer Ausspruch von ihm lautete:„Man soll jedes Geschäft schriftlich machen. F. ern siud billig, Tinte ist billig und Papiec ist billig. Die Leute widersprechen sich so viel, daß allmälig jede geschäftliche Transaktion schriftlich gemacht werden muß. Sogar wenn man ein kleines Laib Brot kauft, wird man einen schriftlichen Lieferungsschein dafür nehmen müssen, damit sich kein Widerspruch erhebt.“ Oder:„In dem Augenblick, in dem man als Fremder in Dover landet, soll mau das ganze englische Gesetz kennen, das, soviel ich weiß, bis jetzt Niemand gekannt hat.“„König David sagte in der Uebereilung:„Alle Menschen sind Lügner.“ Wenn er, wie ich, vierzig Jahre hier gegessen hätte, würde er das auch mit Ueberlegung gesagt haben.“ Hat man einen guten Fall, so ist man sicher bei einem Richter. Hat man einen schlechten Fall, so bleibt immer eine Chance bei einer Jury.“ Splitter. Ja, wenn die Mäuse Weltgeschichte schreiben, wird Kater Murr schwerlich„der Gute“ heißen. „Jeder juuge Mann am Kein Schurke ist so dumm, daß er nicht einen Grund für seine Niederträchtigkeiten fände. Th. Körner. * ** Vorurteile und eine unglückliche Liebe sind zwei Stücke, deren eins schon hinreicht, einen Mann zu etwas ganz anderem zu machen, als. er ist. Lessing. Humoristisches. Verschiede ne Ansichten. Die größte Heiterkeit erregte dieser Tage ein wegen Diebstahls vor dem Münchener Gericht stehender Schuster, der auf die Be⸗ merkung des Vorfitzenden, eine Handlung wie die seinige heiße man eben— Diebstohl, erwiderte:„Ja, seg'ns Herr Amtsrichter, dös moan i wieda nöt— die An⸗ sichten find eben verschieden!“ Zuletzt behielt aber doch die„verschiedene“ Ansicht des Gerichts die Oberhand und der Zweifler wurde zu einem Tag Gefängnis ver⸗ urteilt. Geschichtskalender. 14. Dezember. 1900: Bankier Sanden erhält einen Orden.(In diesem Jahre wegen großer Schw in⸗ deleien verurteilt.) 1844: Bürgermeister Tschech in Spandau hingerichtet. 15. 1896: Barcelonaer Anarchisten in Montejuch gefoltert. 16. 1898: Dandet, franz. Romwanschrlftsteller,. 1897: Wilh. II. Rede von der„gepanzerten Faust.“ 17. 1896: Wilh. II. lobt die Hamburger Rheder wegen Abwelsung der Arbeiterforderungen. 183. 1896: Hamburzer Senat weist das Gesuch der streikenden Hafenarbeiter um Vermittelung ab. 1778: Beginn des nordamerik. Befreiungskrieges. 19. 1890: Cäsar de Paepe, sozialistischer Schrift⸗ steller in Brüssel, F. 20. 1900: Frommer Bankschwindler Sanden ver⸗ haftet. 1895: Leopold Jakoby, sozial. Dichter in Zürich, f. geboren; 1- gestorben Marktstrasse 9 L.. Süss Waottergasse Gießens größtes und billigstes Schuhwarenhans Lange Stiefel. v. 12.— Mk. an. 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