eee eee 8 8 e 17 . Etg. en und b. h. Anlaß öfter an ung nserer Verlauseselle neu aufzunehmende fg. Pfg. ig zu entrichten, bis chreibung der Divi⸗ len Geschäftsankeils betzinst und beim Kann darüber ch genommen 30. Juni. H. Baum. 950 10 19 Schul⸗ und Sorten. ete. hib Ner- . . / 2 b Nr. 28. Gießen, Sonntag, den 13. Juli 1902. 9. Jahrg ö Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. V 55 Mitteldeutsche g⸗Jeitunt Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. e Abonunementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 2 Inserate Die 5 gespalt. Bei mindeste ns 5 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal Be ste llung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4940) 33 7½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 500% Rabatt. Die„vereinigte Linke“. isher stets gethan. Der Artikel des Genossen Philos in Nr. 26 unseres Blattes, der für die nächsten Wahlen ein Zusammengehen der Linken— also der Freisinnigen beider Linien, Demokraten und Sozialdemokraten empfiehlt, hat eine lebhafte, von uns kaum erwartete Erörterung in der bürgerlichen wie auch in der Parteipresse her⸗ vorgerufen. Das heißt,„erörtert“ wurde die Anregung des Artikelschreibers in den Organen unserer Partei eigentlich nicht. Diese beschränkten sich größtenteils darauf, auf die Undurch führ⸗ barkeit dieses schönen Gedankens und die Un⸗ möglichkeit eines„Kartells der Linken“ hinzu⸗ weisen. Dieselbe Ansicht vertraten wir in der dem Artikel Philos' angehängten Bemerkung. Daß die Sozialdemokratie gemeinsam mit den bürgerlichen Linksparteien den Kampf gegen die Reaktion führen solle, ist eine schon oft in unsern Blättern und auch auf Parteitagen diskutierter Gedanke. An sich wäre er so übel nicht.— „Wir glauben, daß sich die Partei prinzipiell gar nichts vergeben würde, wenn sie die Si⸗ tuation zu einer Niederwerfung des Junker⸗ tums ausnützen wollte. Dleser Standpunkt ist auch von Bebel, der gewiß als treuer Hüter des Prinzips gelten darf, in Hannover vertreten und von der Mehrheit des Parteitages acceptirt worden.“— Das sagt die Münchener Post. Gewiß, an der Beseitigung der Junker⸗ herrschaft hätte die Sozialdemokratie ein großes Interesse. Sie hat auch bei ihrem taktischen Vorgehen die Bekämpfung der junkerlichen Reaktion niemals aus dem Auge verloren. Trotzdem ist ein Kartell der Linken prinzipiell und praktisch ein Unding. Sämtliche bürger⸗ liche Parteien mitsamt dem Junkertum stehen uns als herrschende Klasse unversöhnlich gegenüber. Angesichts dieser thatsächlichen Ver⸗ hältnisse müssen wir eine soztaldemokra⸗ tische Politik verfolgen und es geht nicht an, die Agitation für unsere sozialistischen Grund⸗ sätze vorläufig bei Seite zu lassen, wie Philos meint. Sein Appell an Demokraten und Freisin⸗ nige, uns nicht im Stiche lassen, wird wirkungs⸗ los verhallen. Vor die Wahl gestellt zwischen Sozialdemokrat und konservativen Reaktionär werden die biederen Freisinnskämpen mit ganz wenigen Ausnahmen sich zu dem letzteren hin⸗ gezogen fühlen und den Sozialdemokraten durch⸗ fallen lassen. Wenn auch hier und da Fragen auf⸗ tauchen, wie jetzt die Zollfrage, in deren Be⸗ urteilung wir mit verschiedenen bürgerlichen Gruppen einig gehen, so ändert das nichts an dem zwischen sozialdemokratischer und kapita⸗ listischer Weltanschauung klaffenden Gegensatze und kann uns nicht veranlassen, eine Aenderung unserer bisherigen Taktik in Erwägung zu ziehen. f Was kann man überhaupt unter einem „planvollen Zusammengehen der linksstehenden Parteien“ verstehen? Ein förmliches Kartell, so, daß sich die in Betracht kommenden Par⸗ teien schon im ersten Wahlgange über einen gemeinsamen Kandidaten verständigen, müßten mir mit aller Entschiedenheit aus den oben angeführen Gründen und noch einer Menge anderer ablehnen. Bleibt also nur, daß wir in der Stichwahl zwischen klerikal⸗ konservativen und freisinnig⸗demokratischen Kandidaten für die letzteren eintreten. Und das haben wir Es sind nur ganz wenige ausnahmsweise gelagerte Fälle, wo unsere Ge⸗ nossen nicht mit der nötigen Energie diesen Standpunkt einnahmen. Unbekümmert um das Verhalten des Freisinns uns gegenüber wird unsere Partei auch bei den nächstjährigen Wahlen überall, wo ein Freisinniger einem Konservativen oder Klerikalen gegenübersteht, für den Ersteren eintreten. Das Schicksal des hessischen Wahlgesetzentwurfes. Was schließlich noch aus der berühmten hessischen Wahlreform werden wird, kann man im Augenblicke, da diese Zeilen in Druck gehen, noch nicht sagen. Die Frage liegt jetzt der Ersten Kammer vor, es ist aber zweifelhaft, ob darüber vor Schluß des Landtags noch entschieden wird. Wenigstens befindet sich die Wahlgesetzvorlage nicht unter den etwa siebzig Gegenstäuden, welche den„geborenen“ Gesetz⸗ gebern zur Erledigung in einem Tage vorliegen. Und wenn das Wahlgesetz jetzt nicht von der Ersten Kammer verabschiedet wird, so ist die ganze, von der Zweiten Kammer darauf ver⸗ wendete wochenlange Arbeit umsonst gewesen. Nach den Beschlüssen vom vorigen Mittwoch war die Zweite Kammer gewissermaßen abge⸗ schafft worden, denn es waren alle Anträge in Bezug auf deren Zusammensetzung abge⸗ lehnt worden. Man hatte ein Wahlgesetz geschaffen, auf Grund dessen keine Abge⸗ ordneten gewähll werden sollten! Die Kammer hatte sich selbst das Todes⸗ urteil gesprochen! Schlimmer hat sich wohl noch nie ein Parlament blamiert. Am Donnerstag bemühte sich nun besonders unser Genosse David, der Kammer aus der Sackgasse herauszuhelfen, in die sie die Ver⸗ bohrtheit der Reakttonäre hineingerannt hatte. Präsident Haas beantragte zunächst einen neuen Artikel Za, um dadurch aus der fatalen Situation herauszukommen. Dieser Antrag war jedoch geschäftsordnungsmäßig unzulässig, weil über denselben Gegenstand schon beschlossen war. Nunmehr empfahl David, die Kammer möge sich durch einen Zusatz zu Artikel 61 aus der Klemme helfen. Der Antrag Haas wird zurück⸗ gezogen und ein Antrag Weidner mit 31 gegen 3 Stimmen angenommen, der dahin geht, daß in Art. 61 folgender Passus eingefügt werde: Art. 3 des alten Wahlgesetzes und damit die bisherige Zusammen⸗ setzung der Zweiten Kammer bleibt be⸗ stehen, bis zur Neuregelung der Wahlkreis einteilung durch besonderes Gesetz, die spätestens am 31. Dezember 1907 erfolgt sein muß. Vorher war noch bedauerlicherweise die Regie⸗ rungsforderung des dreijährigen Wohn⸗ sitzes in Hessen angenommen worden. Die Wahlpflicht wurde wieder abgelehnt. Bei der Schlußabstimmung wurde dann das Gesetz mit den Aenderungen der zweiten Lesung mit allen gegen 4 Stimmen angenommen. Nun muß man, wie gesagt, abwarten, was die Kammer der Privilegierten damit anfangen wird. Fällt das Gesetz, wir weinen ihm keine Thräne nach; dessen aber können die Rück⸗ schrittler sicher sein, die Sozialdemokratie wird nicht ruhen, bis sie getreu ihrem Programm das allgemeine gleiche ind direkte Wahlrecht auch für den Landtag erkämpft hat. Religion und Sittlichkeit. „Religion muß sein!“ sagt die Kirche. Und die Schule betet es nach.„Ohne Religion keine Sittlichkeit,“ behauptet die hausbackene Philister⸗ weisheit; und die um Thron un Altar ver⸗ künden es wie aus einem Munde:„Dem Volke muß die Religion erhalten werden, weil die Religion die Voraussetzung aller Moral ist.“ Daraus ergiebt sich die Konsequenz:„Je mehr Religion, desto mehr Sittlichkeit; je weniger Religion, desto weniger Sittlichkeit.“ Also laßt uns Kirchen bauen und dem Volke das Wort Gottes predigen! Wir aber sagen: Welch' ein Irrtum! Was hat der Kirchenglaube mit den Gesetzen der Ethik und Moral zu schaffen? Seit wann kann man Trauben lesen von den Dornen und Feigen von den Disteln? Es ist nicht wahr, daß Religion und Sitt⸗ lichkeit notwendigerweise zusammen gehören und daß die eine die andere bedinge. Religion und Sittlichkeit sind zwei vollständig verschiedene Begriffe; jeder von ihnen schließt eine andere Welt in sich. Oder hat etwa der Glaube an einen dreieinigen Gott, an Himmel und Hölle, an Unsterblichkeit und Fegefeuer, an die Macht des Gebets und die Verwandlung von Brot und Wein beim Abendmahl einen direkten oder indirekten Einfluß auf das menschliche Denken und Handeln, ob es gut oder böse, sittlich oder unsittlich sei? Was haben starres Dogma und äußerlicher Zeremonienkram, sagenhafte Tradi⸗ tion und blinder Buchstabenglaube täglichen Lebenspraxis, mit dem warmen Fleisch und Blut des Menschen zu thun, der sein Können und Wollen nach dem Maße seiner Selbstbestimmung regelt? Es gehört viel Be⸗ griffsverwirrung und Aberwitz dazu, um hier innere Zusammenhänge zu entdecken. Die wer igen Goldkörnchen Ethik, die in dem Schlackenwerk aller Kirchenreligion zu finden sind, gehören von Natur aus gar nicht hinein. Spekulativer Geschäftsinstinkt hat sie, die ewig sind und alle äußeren Religionsformen überdauern, erst hin⸗ eingetragen und mit dem Schlackenwust ver⸗ schmolzen, um diesen an Wert gewinnen zu lassen. Es kann deshalb wohl eine Sittlichkeit geben ohne Religion, und es giebt eine solche; aber die Religion als Religion braucht noch lange nicht das Wesen der Sittlichkeit in sich zu fassen. N Die edelsten, größten, tugendhaftesten, geni⸗ alsten Menschen haben gelebt und leben noch ohne Glauben, ohne Kirchenlehre, ohne Gott und Teufel. Nicht ohne Religion, denn auf seine Art ist ein jeder religiös; aber jedenfalls 1 Kirchenreligion, und von der ist hier die ede. Andererseits stehen die gläubigsten und frömmsten Völker der sog. Christenheit, jene Völker, die die meisten Kirchen und Klöster, Wallfahrtsorte und Heiligtümer, Priester, Mönche und Nonnen aufweisen, die noch am mit der ———— r . 3 1 ——— H— 1 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 23. gehorsamsten sich unter die Zuchtrute des Pfaffentums beugen, gerade am schwächsten und traurigsten da in Sachen der Tugend, Rechtschaffenheit und Sittlichkeit. Sie haben die elendesten sozialen Verhältnisse und liefern — als die Frucht von Degeneration und De⸗ moralisation— die meisten Verbrecher, die meisten Mörder, Totschläger, Diebe und Un⸗ zuchtsbestien. Aus dem Mittelalter, der Zeit der unbe⸗ schränkten Macht der Kirche, klingt der Jammer⸗ schrei der tausend und abertausend Opfer, die unter entsetzlichen Martern und Torturen um eines Wahnwitzes oder eines düsteren Aber⸗ glaubens willen ihr Leben haben lassen müssen, bis in unsere Zeit herauf. Abgründe der Greuel und der fluchwürdigsten Verbrechen gähnen auf, und in den Thälern der von der Klerisei be⸗ herrschten frommen Distrikte in deutschen Landen wälzt sich noch heute der Rauch der Scheiter⸗ haufen, die von der alleinseligmachenden Kirche zur höheren Ehre ihres Gottes angezündet worden sind. i So sieht die Sittlichkeit aus, die aus der Religion geboren wurde. Und beute? Der„Unglaube“ greift von Tag zu Tag weiter um sic, die Zersetzung des Christentums macht unausgesetzt Fortschritte, die Schar der Gottlosen wird immer größer. Aber— und das schlägt der Logik der Kirche direkt ins Gesicht— die Verbrecherzahlen gehen zurück, die Sitten im Volke verlieren an Roheit und Niedrigkeit, die Moral bewegt sich in aufsteigen⸗ der Entwickelung. Die Thatsachen reden also selbst. Sie er⸗ klären: es ist nicht wahr, daß mit dem Schwinden des Glaubens die Moral zurückgeht; die„reli⸗ giöse Sittlichkeit“ ist ein thönerner Götze. Die Geistlichkeit hört jedoch diese Sprache nicht. Sie hält sich beide Ohren zu und richtet die Augen auf das Bibelbuch. Da ist für sie die Quelle aller Tugend. Und die Lehrerschaft, die unter ihrem Banne steht, ahmt ihr Gebaren geflissentlich nach. Unser c offizielle Jugenderziehung kommt heute ohne die Kirchenreligion nicht aus. Die Welt ihrer pa agogischen Erkeuntnis ist so mit meta⸗ physischen Brettern vernagelt, daß sie Stein und Bein darauf schwört, die Sittlichkeit könne nur auf dem Ackerboden der Religion gedeihen. Deshalb giebt sich die Schule noch her zu der geradezu barbarischen Erziehungsmethode, die den Teufel durch Beelzebub austreibt, indem sie die siltenvergiftenden Mordse, Diebs⸗ und Ehebruchsgeschichten des alten Testaments mit den Kindern behandelt, um diese zu„ittlicher Läuterung“ zu erziehen. Sie schulmeistert mit der unheilvollen christlichen Schuld- und Sühne⸗ moral das letzte bischen Stolz und Selbstachtung aus dem Menschen hinaus und vernichtet in ihm den letzten Rest des Bewußtseins seines eigenen Wertes und seiner eigenen Kraft. Sie trägt mit Eifer dazu be, die„ungeheure Weis⸗ heit Asiens“, wie Friedrich Nietzsche sagt, die Religion des Kreuzes und des Bettelsackes, zu einer mehr als zweitausendjährigen Wahrheit zu machen. Die Gewalthaber von ehedem und heute hatten und haben kein wirksameres Mittel zur Bändigung und Niederhaltung der Masse als die Religion. Wir aber wollen, daß die Sklaverei ein Ende nimmt. Deshalb fordern wir: Die Re⸗ ligion soll hinaus aus der Volkserziehung, hinaus aus der Schule! 5 politische Rundschau. Gießen, den 10. Juli. Ueber die Aussichten des Zolltarifs äußerte sich jüngst die liberale„Vossische Ztg.“ folgendermaßen:„Die Wahrscheinlichkeit, daß der Zolltarif nicht zu Stande kommt, wächst von Tag zu Tag. Graf Posa⸗ dowsky bereitet die Behauptung vor, das Scheitern sei durch die Anträge der Sozial⸗ demokraten verschuldet. Diese Behauptung wird N E werden durch die Vorschläge auf Erhöhung der agrarischen Zölle und die noch viel schlechter begründeten Vorschläge auf Erhöhung der in⸗ dustriellen Zölle hervorgerufen.“ Die Sozialdemokraten werden sich durch solche Kundgebungen in ihrem Bestreben, das Volk vor dem Wucher der Zöllner zu schützen, nicht beirren lassen. Unsere Vertreter werden vielmehr ihre Aufgabe weiterhin ernst nehmen und die Volksinteressen gegenüber dem uner⸗ sättlichen Junkertum nachdrücklich wahrnehmen. Unterdessen schleppt sich die Beratung des Tarifs langsam weiter. Bis jetzt sind etwa 560 Positionen, also erst reichlich die Hälfte der Vorlage erledigt.— Bei verschiedenen Punkten kam die Gewinnsucht der Inter⸗ essenten in abstoßender Weise zum Vorschein. So als es sich um die Garnzölle handelte. Hierbei entschlüpfte dem sächsischen Weberei⸗ besitzer Förster, als er die Erhöhung der Garnzölle bekämpfte, die Aeußerung:„Die Spinnereien schwimmen ja im Gelde“Von Seiten der Spinnerei⸗Kapitalisten wurde dann wieder auf die großen Gewinne der Webereien hingewiesen. Für die Arbeiter sind solche Ein⸗ geständnisse wertvoll; sie rücken das Gejammer des industriellen Unternehmertums über schlechten Verdienst, Verluste ꝛc. in das richtige Licht. Der gute Mann gestand aber noch etwas Anderes ein. Er sagte: 5 „Wir Konservativen wollen höhere Getreide⸗ zölle, da können wir doch durch so hohe Industriezölle, wie die Garnzölle, den armen Arbeitern, den Webern, nicht noch den Verdienst schmälern und die Klei⸗ dung verteuern, wenn die Getreide⸗ zölle schon die Nahrungsmittel ver⸗ teuer n.“ Herr Förster hat noch mehr gesagt. Auf den Vorhalt der Regierung, daß die beantragte Herabsetzung der Garnzölle ein Stoß in's Herz der Spinnerei sei, entgegnete er, daß die bis⸗ herigen hohen Garnzölle un motiviert seien, versumpfend auf die Spinnerei wirkten und ihre Entwicklung hemmten. Dasselbe läßt sich natürlich von den Getreide⸗ zöllen und der Wirkung auf die Landwirtschaft sagen. Das Eingeständnis des Agrarzöllners und Garnfreihändlers müssen wir uns merken. Die bitter notwendige Flotten vermeh⸗ rung. Wir teilten neulich mit, daß schon wieder eine ungeheuerliche Vermehrung der Panzer⸗ kähne geplant sei. Die Regierungsblätter be⸗ stritten zwar die Wahrheit dieser Meldungen, doch weiß man ja, wie es in solchen Fällen zu gehen pflegt. Erst wird kühn bestritten, dann sagt man, daß denn doch eine Vermehrung recht notwendig sei, schließlich kommt die Regierung auch zu dieser Ansicht und verlangt wieder etliche Hundert Millionen Mark für Deutsch⸗ lands wässerige Zukunft. Daß aber jetzt schon viele von den Eisenkähnen überflüssig sind, zeigt die Thatsache, datz jetzt wieder einmal ein paar Torpedoboote auf dem Rhein herumgondeln. Eins war zur Düsseldorfer Ausstellung ge— wissermaßen als Ausstellungsgegenstand ge⸗ kommen; zwei andere versahen bei Anwesenheit des Kaisers in Wesel„Wachtdienst“ und bleiben nach Zeitungsberichten noch länger dort. Zu welchem Zwecke wissen wir nicht. Dem Volke sind das aber teuere Manöver. Wieder einen erfreulichen Wahlerfolg hat die Sozialdemokratie bei der Ersatzwahl in Bayreuth zu verzeichnen. In der vorigen Nummer konnten wir das Resultat nur zum kleinen Teil wiedergeben. Das Gesamtresultat stellt sich für unsere Partei noch viel günstiger. Es erhielten Stimmen: Hagen(Il.) 3941, Hugel(Soz.) 5498, Feustel(Agrarier) 3286, Günther(Freis.) 1164. Der extreme Agrarier Feustel und der freisinnige Günther scheiden aus. Es hat Stichwahl zwischen Hagen und Hugel stattzufinden. Hierbei geben die Freisinnigen den Ausschlag und es wird sich zeigen, ob sie für den Zollwucherer oder für seinen Gegner eintreten.— Die Stichwahl Furstliche Lohnerhöhung. Durch den Thronwechsel in Sachsen sind dem sächsischen Volke wieder neue, recht erhebliche Lasten aufgehalst worden. Sofort nach der Uebernahme der Regierung durch den König Georg ging dem Landtage eine Regie⸗ rungsvorlage zu, in der bedeutende Erhöhung der Zivilliste des Königs und der Apanagen der Königinwitwe und bverschiedener Prinzen gefordert wurde. Natürlich sagten die fälsch⸗ licherweise als„Volksvertreter“ bezeichneten Bourgeois im Landtage Ja und Amen dazu. Das bedeutet eine Mehrbelastung von 639 000 Mark pro Jahr. Die Zivilliste des Königs wurde um 498000 Mark erhöht; von 3052 000 auf 3 550000 Mk., ab 1. Juli 1902; die Apanage der Königinwitwe von 123333 auf 210000, des Kronprinzen von 185 000 auf 300000, einer Prinzessin von 18 500 auf 20000 Mark. Diese Erhöhungen werden in einer Denkschrift mit dem Sinken des Geldwertes und Steigen der Warenpreise begründet. In den letzten Jahrzehnten wären die Einnahmen aller Schichten des Volkes ge⸗ wachsen. Das stimmt durchaus nicht. Im Gegenteil. Gerade in Sachsen sind die kärg⸗ lichen Löhne der staatlichen Arbeiter herabgesetzt worden, den Eisenbahnarbeitern wurde bis zu 20 Pfg. täglich abgezogen! Wenn aber auch die Löhne um das Doppelte gestiegen wären, so wäre nach unserer Meinung ein Einkommen von 3 Millionen Mark mehr als hinreichend und bedürfte keiner Aufbesserung. Andere Anschauungen scheint der König von Italien zu haben. Dieser wünscht seine Zivilliste herabgesetzt zu sehen und beauf⸗ tragte bereits das Ministerium mit der Aus⸗ arbeitung einer Vorlage, die dem Staate die zahlreichen Schlösser und Paläste überliefert, die das königliche Haus von früher übernommen hat und deren Unterhaltung etwa zehn Millionen jährlich kostet. Eine Anzahl dieser Schlösser soll an Private verkauft werden, andere sollen zu wohlthätigen Zwecken verwandt werden. Gleichzeitig ist der Verkauf von hundert Pferden des Marstalls angeordnet und sonstige Streich- ungen vorgenommen. Das fordert zu Vergleichen heraus! Von der deutschen Gerechtigkeit. Ein ungeheuerliches Urteil wurde vorige Woche gegen zwei unserer Genossen in Beuthen, Oberschlesien, gefällt. Die dortige Strafkammer verurteilte nach langer, unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattgefundener Verhandlung den Redakteur Morawsky zu zwei Jahren, die Schriftstellerin Frau Dr. Golde zu einem Jahre Gefängnis. Das Vergehen soll, nach dem Berichte des„Vorwärts“, begangen sein durch Verbreitung bon Mailiedern und anderen Arbeiterliedern in polnischer Sprache, die im Verlage von Morawski und unter Redaktion von Frau Golde erschienen sind, übrigens längst überall verbreitete Schriften. Einzelne der Lieder waren früher in der„Gazeta Robotnicza“ (Arbeiter⸗Ztg.) abgedruckt worden, ohne daß eine Strafverfolgung unternommen worden wäre. Einziger Belastungszeuge war ein ge⸗ wisser Guß ner, ein wegen gemeiner Verbrechen vorbestrafter Mensch, der im Verdacht steht, Polizeispitzel zu sein. Die Verteidigung führten Rechtsanwalt Dr. Heine⸗Berlin und Färber⸗Beuthen. Das Gericht nahm an, daß einzelne Lieder, besonders in ihrer Sammlung in einem Buche, und daß viele Stellen in den beiden inkrimi⸗ nierten Schriften geeignet seien, die ober⸗ schlesische Arbeiterbevölkerung zu einer„Empö⸗ rung“ gegen die Unternehmer und gegen die Obrigkeit zu bewegen. Auch da, wo in den Schriften eigentlich nur russische Zustände ge⸗ schildert seien, würden deutsche Leser diese Stellen auf Deutschland beziehen. Was also früher, als die„Gaz. Robotnicza“ noch in Berlin erschien, bei Polizei und Gericht als erlaubt galt, das hat in Beuthen den Grund zu einer unerhört schweren Verurteilung gegeben. Die Bewegung in Oberschlesien er⸗ fordert immer neue Opfer: aber die tapferen nie zu begründen sein. Die Schwierigkeiten findet bereits diesen Freitag, den 11. Juli, statt. Genossen, die dort winken, werden sich auch 1 „ 7. r. Uginwitwe bon Touprinzen pon Brizessin von se Erhöhungen uit dem Sinken der Warenpreise yrzehnten wären des Volkes ge⸗ aus nicht. Im 1 sind die kärg⸗ beiter herabgesetzt an wurde bis zu Wenn aber auch gestiegen wären, ein Einkommen als hinreichend 1 der König bon r wünscht seine sechen und beauf⸗ m mit der Aus⸗ dem Staate die näste überliefert, her übernommen 5a zehn Millionen dieser Schlöset en, andere ollen wandt werden. hundert Pferden 0 sonstige Streich ⸗ n heraus! erechtigkeit. wurde horige sossen in Beuthen, nge S Straffammet 1 Ausschluß der 11 Berhundlung dn wei Jahren, k⸗ 72 12 pie 1 270 1 0 fehel. obo 1 1000 1d 15 U 1 ell 1 el⸗ 1 1 51e 10 vel 7 den sch 4 1 —————————5r—5ð?ẽqu S' cha U — lassen sei,„weiter dreschen“. Ar. 28. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. durch diese neueste That der oberschlesischen Justiz nicht wankend machen lassen. Nicht die Sozialdemokratie ist es, die man durch solche Urteile zu Grunde richtet, sondern es ver⸗ schwindet der Glaube an das juristische Ver⸗ ständnis der Justiz. 2 Jahre und 1 Jahr weil es möglich sei, daß etwas geschehe! Selbst unter dem Sozialistengesetz sind solche Urteile kaum vorgekommen!— Wahlrechtsreform in Baden. Fast in allen süddeutschen Staaten steht jetzt die Wahlrechtsfrage zur Erörterung. Auch die Verfassungskommission des badischen Landtages hat nach langen Beratungen endlich zwei Gesetz⸗ entwürfe fertiggestellt, denen alle Parteien zu⸗ gestimmt haben. Ju erster Linie wird das direkte Wahlrecht gefordert, ferner wird für die größten Städte des Landes eine Vermeh⸗ rung der Mandate gefordert; Freiburg soll 3, Karlsruhe 4, Mannheim 6 Mandate haben; das übrige Land soll in Wahlbezirke von 25000 Einwohnern eingeteilt werden. Der sozialdemokratische Antrag auf Einführung des Proportional⸗Wahlrechts fand keine Annahme. Andererseits hat die Regierung Anschauungen über die Wahlfrage, die weit reaktionärer ind als diejenigen der Abgeordnetenkammer. In einer Sitzung der Verfassungskommission im März d. J. erklärte der Ministerpräsident Schenkel, daß die Regierung für das direkte Wahlrecht an Stelle des jetzigen indirekten sei, daß sie aber dafür„Eingrenzungen und Gegen⸗ gewichte“ fordere, so längere Seßhaftigkeit am Wahlorte, längere Frist der Staatszugehörigkeit, eventuell Pluralwahlrecht und Census, auch Wahlpflicht usw.; so etwa sieht das „Jubiläumsgeschenk“ für das badische Volk aus, das ihm die Regierung„der Gradheit und Gerechtigleit“ zugedacht hat, und das durch eine Wahlgesetz⸗Vorlage im nächsten Landtag Gestalt erstalten soll. Vorige Woche, kurz vor Schluß der Session gab's nun im Landtage wieder eine Debatte über die Wahlrechtsfrage. Zunächst gab das Staatsministerium eine vorsichtig zurückhaltende Erklärung ab, durch welche verleitet der Zent⸗ rumsführer Wacker der Regierung eine Ver⸗ trauensbezeugung darbrachte. Das weitere Auftreten des Ministerpräsidenten Schenkel führte zu scharfen Auseinandersetzungen, in denen sich alle Parteien gegen die Regierung richteten. Die Kommissionsanträge wurden einstimmig angenommen. Der frühere Reichstagspräsident, Freiherr v. Buol⸗ Berenberg, ist vorige Woche gestorben. Er war der erste Prästdent, der aus dem Zentrum gewählt wurde, als Levetzow den Vorsttz niederlegte, weil der Reichs⸗ tag die besondere Ehrung Bismarcks zu seinem Geburtstage ablehnte. Präsident v. Buol ver⸗ stand die Würde seines Amtes und des Reichs⸗ tages wohl zu wahren. Bei allen Parteien war er hoch angesehen. Der hervorragendste Antisemit. Der„Führer der nationalen Parteien“, wie er sich selbst nennt, Graf Pückler⸗Klein⸗Tschirne, sprach am 4. Juli in Berlin vor öffentlicher Versammlung über seine letzte Gerichtsverhand⸗ lung. Der Saal war schon lange vor Er⸗ öffnung so überfüllt, daß die Polizei die Thüren schließen lteß. Graf Pückler sprach sich überaus scharf über die Art seiner Behandlung durch das Glogauer Gericht aus und erklärte, wenn das Reichsgericht das Urteil bestätigen sollte, werde er, wenn er aus dem Gefängnisse ent⸗ Der Sohn adligen Geschlechts dürfe nicht behandelt werden, wie ein Proletarier! Die Auflösung erfolgte, als er die„Söhne des Lichts und der Gnade“ aufforderte,„sich zu einer Phalanx zusammen⸗ zuscharen und alles niederzuwerfen, was jüdisch ift“. Auf der Straße kam es noch zu einigen Sistierungen.— Eine später einberufene Ver⸗ sammlung, in der sich der Dreschgraf nochmals produzieren wollte, wurde vom Polizeipräsidenten im Voraus verboten. Dazu hat die Polizei nicht das Recht. Es muß dagegen protestiert werden, auch wenn es sich um einen Menschen wie Pückler handelt. Wenn bei der Versamm⸗ lung selbst die öffentliche Ordnung gestört wird, kann die Polizet noch immer einschreiten. Ein Kulturwerk nähert sich seine Verwirklichung. Aus Amerika wird berichtet, daß der Präsident Roosevelt das Gesetz über den Bau des Panamakanals unterzeichnete. Nun hat also Amerika das Projekt in die Hand genommen und es ist an seinem Zustandekommen nicht zu zweifeln. Die Vollendung des Kanals wird einen großen Kulturfortschritt bedeuten. Europa wird der Westküste Amerikas und Ostasiens bedeutend nähergerückt, die Entfernungeu auf unserem Erdballe werden gewaltig verkürzt werden. Der Weltverkehr im Allgemeinen, insbesondere aber der Verkehr zwischen der Ost⸗ und West⸗ küste Amerikas würde bedeutend erleichtert werden. Die Fahrt von dem englischen Hafen Liverpool zur wichtigsten westamerikanischen Stadt St. Franzisko wird durch den Kanal um 9527 Kilometer verkürzt. Der Haupt⸗ vorteil wird der Industrie und dem Handel Nordamerikas zu Gute kommen, so in Süd⸗ amerika und in Ostasien. Deshalb erscheint der nun gesicherte Bau des Kanals als ein Riesenschritt zur Herrschaft der Vereinigten Staaten über den Weltmarkt. Gewerkschaftliches und Arbeiterbewegung. Ein,„christlicher“ Gewerkschafts⸗ kongreß fand vorige Woche in München statt. Sein Verlauf war aber nicht der beste. Im Gegensatz zu dem Stuttgarter Kongreß der freien Gewerkschaften, wo sich die Verhand⸗ lungen durchaus ruhig und sachlich abwickelten, kam es in München zu heftigen und lang⸗ wierigen Zänkereien zwischen den einzelnen Führern. Es kam sogar zum vollständigen Bruch mit dem christlichen Metallarbeiter-Ver⸗ band, der aus dem Gesamtverband aus ge⸗ schlossen wurde. Es soll unverzüglich die Gründung eines neuen Metallarbeiter-Ver⸗ bandes in die Wege geleitet werden. Und warum das? Weil der Vorsitzende des christ⸗ lichen Metallarbeiter⸗Verbandes, Wieber, gegen die Zollvorlage auftrat! Das paßte den maßgebenden Führern, den Brust und Genossen nicht, welche die christlichen Ge⸗ werkschaften in erster Linie als ein Anhäugsel der Zentrumspartei betrachten und des⸗ halb gleich dieser für die Zollerhöhung eintreten. Diese Stellungnahme, die geradezu eine Ver⸗ sündigung gegen die Interessen der Arbeiter bedeutet, ist mit ernsthafter Gewerkschaftsarbeit nicht zu vereinigen und muß natürlich zu Kon⸗ flikten führen. So sehen wir schon jetzt den Verfall der Organisationen beginnen, die gegründet wurden, um ein Gegengewicht gegen die freien Gewerkschaften zu bilden. Um die christlichen Arbeiter vor Beitritt in die freien Gewerkschaften und dem Einfluß der Sozial⸗ demokratie zu behüten, konstruterte man einen künstlichen Gegensatz zwischen ihnen und ihren andersdenkenden Kollegen und suchte sie unter der Flagge christlicher Gewerkschaften dem Zentrum zu erhalten. Aber die unvereinbaren Gegensätze zwischen Zentrumspolitik und In⸗ teressenvertretung der Arbeiter schließen ein Gedeihen der christlichen Sonderorganisation in der Gewerkschaftsbewegung aus. Die Debatten in München haben ja auch gezeigt, daß es mit den christlichen Gewerkschaften ungünstiger steht, als die Führer es hinstellen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wie lange sich die katholischen Arbeiter noch von ihren der Zentrumspartei ergebenen Führern leithammeln, und wie lange sie sich noch einreden lassen, daß sie, abgesondert von ihren andersdenkenden Klassengenossen, ja im Gegensatz zu diesen, ihre wirtschaftlichen Interessen vertreten können. Die nüchternen Thatsachen werden auch die Arbeiter in den jetzt noch vom Zentrum beherrschten Gegenden und auch die in den evangelischen„Arbeiter“- Vereinen befindlichen, zu der Erkenntnis bringen, daß die Arbeiter ohne Unterschied der religiösen Meinungen zusammen gehören, wenn es gut, ihre wirtschaftlichen Interessen zu vertreten. 7 Gewerkschaften und Sozialdemo⸗ kratie. Nach dem Stuttgarter Gewerkschafts⸗ kongreß schrieb die nationalsoziale„Hilfe“: „Wenn man Neutralität auf Abwendung der Gewerkschaften von der sozialdemokratischen Partei versteht, so hat zweifellos der Stutt⸗ arter Kongreß aufs Neue bestätigt, was schon rüher jeder Kenner der deutschen Arbeiter⸗ bewegung wußte: So lange keine neue, absolut zuverlässige und machtvolle Arbeiterpartei in Deutschland vorhanden ist und so lange die Verständnislosigkeit der Behörden und der Scharfmacher dem Radikalismus immer frische Nahrung zuführen, so lange ist an eine Tre'n⸗ nung von Sozialdemokratie und Ge⸗ werkschaftsbewegung gar nicht zu Nee Da aber an eine solche„neue machtvolle Arbeiterpartei“ erst recht nicht zu denken ist, so wird der schöne Traum von einer Trennung der Gewerkschaften von der Sozialdemokratie für alle Zeiten eben ein— Traum bleiben. Und das ist gut so! Aufhebung des Hamburg er Maurerstreiks. Am Freitag Abend be⸗ schlossen die Hamburger Maurer in einer Ver⸗ sammlung die Aufhebung des Streiks und die Aufnahme der Arbeit zu den alten Bedingungen. „Der Zuzug von Streikbrechern soll ein zu großer gewesen sein. Der Kampf hat sechs Wochen gedauert.— So hat wieder einmal das ver⸗ räterische selbstmörderische Verhalten der Rauh⸗ beine eine Besserung der Arbeiterverhältnisse verhindert und die brutalen Bauarbeitgeber triumphteren.— In Stuttgart hingegen dauert der Maurerstreik in unverminderter Schärfe fort. von Uah und Lern. Hessisches. Schluß des Landtags. Für Donnerstag waren beide Kammern zur letzten Tagung in dieser Periode einberufen; der Schluß des Landtags erfolgt Freitag Vormittag durch den Großherzog, der den „Landtagsabschied“ verliest. Mit dem Schluß des Landtags laufen die Mandate der folgenden Abgeordneten ab: Köhler⸗Darmstade, Morneweg, Dr. David, Haas⸗ Mainz, Dr. Gutfleisch, Gundrum, Ulrich, Jöckel, Reinhart, Pennrich, Lang, Dr. Heidenreich, Schönberger, Ohl, Seelinger, Backes, Rau, Joutz, Schönfeld, Zinßer, Schmalbach, Weidner, Möllinger, Koch, Dr. Frenay. Es werden außer in den Städten Darm⸗ stadt, Mainz, Gießen, Alsfeld, Offenbach, Fried⸗ berg, Worms, Bingen in folgenden Wahl⸗ bezirken Neuwahlen stattzufinden haben: Michelstadt, Waldmichelbach, Reinheim, Groß⸗ Umstadt, Lorsch⸗Zwingenberg, Darmstadt⸗Groß⸗ Gerau, Offenbach⸗Seligenstadt, Butzbach, Grün⸗ berg, Lauterbach, Herbstein⸗Ulrichstein, Laubach⸗ Nidda, Pfeddersheim, Oppenheim-Wörrstadt und Nieder⸗Olm⸗Ober⸗Ingelheim. In der Kammer werden verbleiben die Abgeordneten Breimer, Häusel, Ripper, Schlenger, Haas⸗Darmstadt, Euler, Noack, Berthold, Cramer, Horn, Graf Oriola, Weith, Köhler⸗Langsdorf, Leun, Brauer, Korell, Erck, Bähr, Diehl, Pitthan, Schill, Wolf, Molthan, Dr. Schmitt, v. Brentano. Gießener Angelegenheiten. — Hilfeleistung für Schutzleute. Mit der Frage, ob ein Bürger unbedingt einem Schutzmann Hilfe leisten muß, beschäftigte sich das preußische Kammergericht. Ein Schutzmann hatte bei der Verhaftung einer Person, die sich widersetzte, einen Mann Names Schüske zur Hilfeleistung aufgefordert. Da dieser der Auf⸗ forderung nicht ausreichend Folge leistete, wurde er auf Grund des§ 360 des St.⸗G.⸗B. in Verbindung mit der Vorschrift einer Polizei⸗ verordnu g in Strafe genommen. Schüske beantragte gerichtliche Verhandlung und wurde —* FP ö I —5 — Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 28. vom Landgericht freigesprochen. Die Staats⸗ anwaltschaft focht die Entscheidung durch Re⸗ vision beim Kammergericht an. Das Kammer⸗ gericht wies diese R vision zurück und führte iu den Entscheidungsgründen aus, daß sich nur Derjenige strafbar mache, der bei Unglücksfällen, gemeiner Gefahr oder Not von Polizeibeamten ohne Erfolg zur Hilfeleistung aufgefordert werde, obschon er der Aufforderung ohne erhebliche eigene Gefahr habe nachkommen können. Po⸗ lizeiliche Verordnungen, welche mehr verlangen, find demnach ungesetzlich. — Der Provinzialdirektor von Ober⸗ hessen, v. Bechtold, wurde am Samstag vom Schlage getroffen und starb sofort. Seine Leiche wurde nach Darmstadt gebracht und dort beerdigt. Durch sein liebenswürdiges Entgegenkommen, daß er im amtlichen Verkehre Jedermann gegenüber bethätigte, war er allge⸗ mein geschätzt. Als sein Nachfolger ist Ministerialrat Breidert in Aussicht genommen. — Das Protokoll des letzten Ge— werkschaftskongresses ist erschienen. Das 288 Seiten slarke Buch, das im Buchhandel 1 Mk. kostet, wird den Gewerkschaftsmitgliedeen durch ihre Organisation oder durch das örtliche Gewerkschaftskartell unter dem Selbstkostenpreise, zu 20 Pfg. das Exemplar, geliefert. Wir empfehlen den Gewerkschaftsmitgliedern seine Anschaffung. Für Gießen nimmt der Kartell⸗ vorsitzende A. Bock, Dammstr. 22, Bestellungen entgegen. — Der sozialdemokratische Wahl— verein Gießen hält Samstag, den 19. Juli seine Generalbersammlung ab. Auf der Tagesordnung steht zunächst Rechnungs⸗ ablage des Kassierers, dann folgt Vorstands⸗ wahl. Es ist notwendig, daß die Genossen zu dieser Versammlung zahlreich erscheinen; es sollen außerdem noch wichtige Parteiangelegen⸗ heiten zur Besprechung gelangen. — Sein Stiftungsfest mit Fahnen⸗ weihe begeht diesen Sonntag der Wahl⸗ verein Wieseck. Das Fest findet in dem geräumigen und schattigen Garten des„Gam⸗ brinus“ stott. Vorher findet ein Festzug durch den Ort falt, an welchem sich zahlreiche Wiesecker und aus wärtige Vereine beteiligen werden.— Die Mitgieder der Gietzener Gewerkschaften, des Gesangverein„Eintracht“ und des Wahlvereins ersucht das Gewerkschaftskartell, sich mittags 1 Uhr in der„Stadt Marburg“ zum Abmarsch nach Wieseck einzufinden. — Waldfest der Gewerkschaften. Sonntag, den 20. Juli, findet das diesjährige Gewerkschaftsfest im Walde an der Licherstraße, am Fußwege nach Anne⸗ rod statt. Wir machen schon jetzt darauf aufmerksam und ersuchen die Genossen, für recht zahlreiche Beteilig⸗ ung zu wirken. Falls an diesem Tage ungünstiges Wetter eintritt, wird das Fest trotzdem abgehalten und zwar im Saale des Café Leib. — Das Jugendfest soll nach den Be⸗ schlüssen der Stadtverordneten-Versammlung am 13. oder 14. August stattfinden. Es hat darüber erst lange Debatten gegeben. Denn die höheren Schulen, bezw. deren Leitung zeigte sich der Beteiligung au dem Volksfeste abge⸗ neigt. Es wurden allerhand Ausflüchte gemacht, man wollte nicht ohne Weiteres sagen, daß die besitzenden Kreise ihre Kinder nicht mit denen der ärmeren Klasse zusammenkommen lassen wollen. Der Bürgermeister trat warm für eiue allgemeine Beteiligung ein und wie uns mitgeteilt wird, beteiligen sich Realschule und Gymnasium vollzählich. Entrüstet schreibt uns ein Arbeiter darüber: Gerechter Zorn packt einem, wenn man von der Verhandlung der Stadtverordneten über das Jugendfest Kenntnis erhält. Daraus ersieht man so recht, wie stark der Klassengegensatz thatsächlich ist, dessen Vor⸗ handensein sonst von den Gegnern abgeleugnet wird. Noch nicht einmal ein Jugendfest, worauf sich doch jedes Kind freut, wollen die besseren Kreise mit dem„Pöbel“ abhalten. Ganz dasselbe trat ja auch bei dem Fest der 100 0sten Immatrikulation hervor. Herr Krumm that sehr recht daran auf diesen von den besseren Kreisen geflissentlich erweiterten Gegensatz hinzuweisen; Krumm hat da keineswegs übertrieben, wie Herr Jann meinte. Man soll doch den besseren Kreisen keine guten Worte geben, wer von ihnen seine Kinder das Jugendfest nicht mitmachen lassen will, mag sie zu Hause lassen, damit die guten Sitten, Zucht und Ordnung der„Besseren“ keine Not leidet. — Wegen Verteilung von Druckschriften ohne kreisamtliche Erlaubnis war der Genosse Hofmann in Vilbel vom dortigen Schöffengericht mit 6 Mark Geldstrafe belegt worden. Hofmann hatte an einem Sonntage in Okarben Parteikalender verteilt und solche u. a. in einer Wirtschaft abgegeben. Kirche wurde an diesem Sonntage in Okarben nicht abgehalten. Das Schöffengericht stützte sich bei der Verurteilung auf § 224 des hess. Polizeistrafgesetzes, sowie auf das alte hess. Preßgesetz, wonach Druckschriften nur mit Erlaub⸗ nis des Kreisamtes öffentlich verteilt werden dürfen. Gegen das schöffengerichtliche Urteil legte Hofmann Berufung ein. Dieser gab die Gießener Strafkammer statt und sprach den Angeklagten frei. In der Be⸗ gründung des Erkenntnisses wird gesagt, daß§ 224 des hess. Pol.⸗Str.⸗G. nicht anwendbar sei, weil der Angeklagte keine die Sonntagsruhe störende Handwerks⸗ thätigkeit ausgeübt habe. Er habe sich aber auch nicht gegen das hess. Preßgesetz vergangen, weil die Wirt⸗ schaft, in der Angeklagter Kalender abgab, nicht von Gästen besucht war und also nicht als öffentlicher Ort bezeichnet werden könne.— Die Kosten fallen der Staatskasse zur Last. — Kirschenkerne soll man nicht verschlucken, besonders soll man davor die Kinder warnen, denn es können durch das Verschlucken der Kerne schwere Magenerkrank⸗ ungen entstehen, sogar Todesfälle hervorgerufen werden. Ebenso darf man die Kerne nicht auf das Trottoir werfen, weil dadurch schon oft Personen sehr unglücklich zu Fall kamen.— Für die meisten Arbeiter dürften zwar War⸗ nungen dieser Art ganz überflüssig sein, denn die Preise für Kirschen und anderes Obst sind dieses Jahr solche, daß die wenigsten Arbeiter daran denken können, ihren Kindern mit ein paar Beeren oder Kirschen eine Freude zu machen. Traurig! Auf den Genuß der Früchte, welche die Erde für alle Menschen in Fülle spendet, muß der größte Teil gerade der arbei⸗ tenden Klasse verzichten! — Der Heilkundige Hch. Haug, der in Ulrichstein ärztliche Praxis ausübte und vor einiger Zeit von dort unter Hinterlassung bedeutender Schulden verschwand, wurde am Dienstag von der Gießener Strafkammer wegen Betrug und Zechprellerei etc. zu 3 Jahren Gefäng⸗ nis verurteilt. Aus dem Rreise gießen. — Aus Watzenborn⸗Steinberg schreibt man uns: Mit den Beschlüssen, die unser Gemeinderat in Bezug auf den Bau eines neuen Schulhauses gefaßt hat, ist der größte Teil der Einwohnerschaft durchaus nicht einverstanden. Allgemein ist man der Meinung, daß der dafür vorgesehene Platz sich in gesund⸗ heitlicher Beziehung durchaus nicht für eine Schule eignet. Man fragt sich, warum denn nicht die Südseite der Verbindungsstraße Watzen⸗ born⸗Steinberg für den Bauplatz gewählt wurde und findet die Haltung der Gemeinderäte un⸗ verständlich, die so wenig auf die öffentliche Meinung Rücksicht nehmen. Stichhaltige Gründe gegen den erwähnten Platz können nicht ange— führt werden. Es muß doch immer darauf geachtet werden, daß das Gemeinwohl gewahrt wird, davor müssen alle anderen Interessen zurückstehen. Mit der Taufe ihrer Kinder hatten kürzlich hier 2 Väter ihre Schwierigkeiten. Sie ersuchten den Herrn Pfarrer, die Taufe in ihren Wohnungen vorzunehmen, was dieser zunächst ablehnte und verlangte, daß die Kinder in die Kirche gebracht werden sollten, worauf aber die Väter wegen familiärer Verhältnisse nicht eingehen konnten. Schließlich besann sich aber doch der Herr Pfarrer noch eines Anderen und er nahm, eingedenk des Wortes:„Gehet hin in alle Welt und taufet alle Völker“ die Taufe im Hause vor. Warum denn solche Schwierigkeiten?(Die betr. Väter brauchen ja nicht taufen zu lassen. Red.) Aus dem Rreise Wetzlar. h. Wahlagitation in den Krieger⸗ vereinen. Diesmal scheint die Wahlbewegung sehr lebhaft werden zu wollen, schon in den unpolitischen Kriegervereinen wird Agitation getrieben. Am Sonntag fand in Aßlar eine große Kriegervereinsparade statt, bei welcher, wie sich das von selbst versteht, der Hauptmann Hardt eine Rede hielt. Dabei fand er es für gut, die Wahlgeschäfte der„Ordnungs“⸗ parteien zu besorgen, indem er nach dem Bericht des„Wetzl. Anz.“ auf die Reichstagswahl hinwies. Im nächsten Jahre, sagte er, könne jedes Kriegervereinsmitglied wieder zeigen, wie es die Liebe und Treue zu Kaiser und Reich hegt und pflegt, indem es bei den alsdann stattfindenden Wahlen zur Volksvertretung nur königstreuen und monarchisch gesinnten Männern seine Stimme giebt.— Abwarten! Ein Verein scheint aber irgendwelche Seiten⸗ sprünge gemacht zu haben. Diesen hat der Herr Hauptmann„etwas vorgenommen“, wie sich der Anz. ausdrückt. Was der gesündigt hat, wird nicht gesagt. So ist's ganz recht. Wenn die Leute sich dazu hergeben, in glühender Sonnenhitze Parade mar sch zu machen, wovon sie doch wirklich in der aktiven Dienstzeit genug bekommen haben müssen, dann schadet es ihnen auch nichts, wenn sie wie Rekruten herunterge⸗ putzt werden. Jeder denkende Arbeiter bedankt sich allerdings dafür. Aus dem Nreise Marburg⸗-Rirchhain. St. Parteiversammlung. Wie aus dem Inseratenteil ersichtlich, findet am nächsten Sumstag, den 19., des Abends 9 Uhr, eine öffentliche Versammlung im Jesberg' schen Lo⸗ kale statt. Außer der Abrechnung der Kolpor⸗ tage und des Vertrauensmannes findet auch eine Neuwahl zur Kolportage⸗Kommistion statt; ferner eine Besprechung über die nächstjährige Reichstagswahl, ev. Aufstellung eines Kandidaten zu derselben. Die Wichtigkeit der Tagesord⸗ nung erfordert eine zahlreiche Beteiligung. — Gesangverein„Eintracht.“ Am heutigen Sonntag, den 13. Juli, vormittags ½11 Uhr, findet eine Generalversammlung des Vereins im Restaurant Jesberg statt. Da es sich um die Beschlußfassung sehr wichtiger An⸗ gelegenheiten, u. a. auch über die beabsichtigte „Sängerfahrt“, handelt, so ist das Erscheinen sämtlicher Mitglieder sehr erwünscht. — Der hiesige Konsumverein hatte am verflossenen Samstag abend im Restaurant Metzig in Ockershausen auf vielseitigen Wunsch eine Versammlung einberufen, welche auch ziem⸗ lich gut besucht war. Auch ein Gendarm war zur Ueberwachung erschienen, obgleich wir uns nicht erklären können, wozu in einer derartigen Versammlung eine polizeiliche Ueberwachung vonnöten ist. Als Referent war der Vertreter der Großeinkaufs⸗Genossenschaft in Hamburg, Herr Dejung aus Mannheim, erschienen, welcher in wohldurchdachter Rede den Anwesenden die Entstehung, den Zweck und Nutzen der Kon⸗ sumvereine auseinandersetzte. Eine aus der Mitte der Versammlung gestellte Anfrage, ob es wahr sei, daß die Dividende am Jahres⸗ schluß nicht zur Auszahlung gelangen, sondern zu anderen Zwecken verwandt werden solle, und deshalb zwei Mitglieder ihren Austritt erklärt hätten, wurde seitens der Vertreter des Vereins dahin beantwortet, daß dies Gerücht unwahr und nach dem Gesetz überhaupt ohne die Zustimmung der Generalversammlung nicht möglich sei. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats und der Geschäftsführer gaben noch nähere Aufschlüsse über den Stand des Vereins, welcher sehr gut ist und nach einem Schlußwort des Referenten wurde die Versammlnng geschlossen. Es erfolgten dann eine Anzahl Beitritsser⸗ klärungen, welche jedoch zur Errichtung einer Filiale in Ockershausen noch nicht genügen. Weitere Anmeldungen nimmt Herr Wirt Metzig gern entgegen.— Als ein Zeichen, wie sehr gewisse Leute die Errichtung einer Verkaufs⸗ stelle in Ockershausen fürchten, wollen wir noch bemerken, daß ein dortiger Krämer, die an die Schulkinder verteilten Zettel(mit der Vers.⸗ Anzeige) diesen abnahm, soviel er erlangen konnte und dann vernichtete? — Das 5. hessische Sängerbundes⸗ fest, welches dieser Tage hier stattfand, hat auch sein Opfer gefordert. Ein junges Mädchen fiel beim Tanzen hin und liegt seit dem in einem starrkrampf⸗ähnlichen Zustande im Krankenhause darnteder. Alle Wiederbelebungs⸗ versuche sind bis jetzt erfolglos geblieben. — 3 e, e, ,, Fr.. Dienszeit gen schadet ez 115 ten herunterge⸗ beiter bedankt Rirchhain. ung. Wie aus det am nächsten dds 9 uhr, eine Nesberg' schen Lo⸗ nung der Kolpo⸗ ines findet auc Kommison statt die nächstiährige eines Kandidaten 1 der Tagesord⸗ Beteiligung. utracht.“ Am Juli, vormittags bersammlung des cg statt. Da es chr wichtiger An⸗ die beabsichigzte t das Erscheinen pünscht. umberein hatte d im Restaurant elsetigen Wunsch welche auch ziem⸗ n Gendarm war obgleich wir uns einer derartigen e Ueberwachung har der Vertreter aft in Hamburg, eim, erschlenen, e den Anwesenden p Nuten det Ron. 9 0 1 0 am Hilo ö onder gelangen, le bt werden bol 1 üblen Aua der Vertreter 0 ab dies Genn j übetha Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. Die Arbeitsschürze ein Werkzeug. Der Ruhm dieser Entdeckung blieb dem Schöffengericht in Bamberg vorbehalten. Ein dortiger Besitzer einer Dampfwäscherei war zum Hoflieferanten befördert worden und er⸗ wartete den Besuch seines Etablissements durch den Prinzen Rupprecht, der in der Zukunft Thronfolger von Bayern sein wird; damit bei dieser Gelegenheit seine Arbeiterinnen flott und fesch da stünden, ließ der Unternehmer sie sämtlich mit schönen, neuen Schürzen aus⸗ statten. Die Vorstellung klappte wundervoll und der Prinz soll über das blitzsaubere Aus⸗ sehen der Waschermadlu nicht wenig entzückt gewesen sein und dem Herrn Prinzipal seine höchste Anerkennung ausgesprochen haben. Aber die Schürzen hatten Geld gekostet, und die Kosten seines patriotischen Reinlichkeitsbe⸗ dürfnisses aus der eigenen Tasche zu zahlen, war dem Unternehmer in der Seele zuwider. Deshalb zog er kurz entschlossen den Arbeite⸗ rinnen je 3,50 Mk. pro Schürze vom Lohn ab. Da jedoch die Gewerbeordnung dem Unter⸗ nehmer nur gestattet, Werkzeuge zum Selbst⸗ kostenpreis au die Arbeiter abzugeben, wurde der Hoflieferant angezeigt; das Gericht sprach ihn indessen frei, da die Schürze als ein „Werkzeug im Sinne des Gesetzes“ zu betrachten sei!— Frau Justitia macht doch die schwie⸗ rigsten Sachen— zu Gunsten des Unterneh wers. Sittenstrenger Kaplan. Kaplan Gremer, Religionslehrer in einer Volksschule zu Karlsruhe, hat den Knaben verboten, in kurzen Hosen, den Mädchen, mit kurzen Aermeln in die Schule zu kommen. Acht Tage schwieg die ultramontane Presse zu dieser Meldung eines Karlsruher Blattes. Daun erklärte das Fraktionsorgan des Zentrums, der„Bad. Beob.“, der Kaplan sei vollkommen im Recht. Also auch die Herren von der Presse sind so sittenstreng und schamhaft wie der Kaplan. Doch muß die Keuschheit der Leutchen auf sehr schwachen Füßen stehen, wenn sie durch den Aublick eines bloßen Mädchenarmes in's Wanken gerät! Kleine Mitteilungen. * Erschossen. Vergangenen Sonntag hat sich eine 28 jährige Russin, im Walde bei Bad⸗Nauheim er⸗ schossen. Sie war von Wiesbaden gekommen und hatte an barem Gelde nur wenige Mark bei sich. a Ein schweres Eisenbahnunglück ereignete sich am Dienstag früh auf dem Frankfurter Güter⸗ bahnhofe. Ein Rangierzug fuhr auf einen Prellbock, wobei die Rückwand der Maschine des Rangierzuges eingedrückt wurde. Der Lokomotivführer und der Heizer wurden eingeklemmt; der Heizer ist getödet, der Lokomotiv⸗ führer schwer verletzt. Die Rangiermaschiene ist zer⸗ trümmert. Im Wahnsinns anfall erschlug der 62 jähr. Bauer Buhl im Dorfe Hohenrot bei Kassel, seine 66jähr. Ehefrau mit einem Beil. k Das Kasseler Schwurgericht verhandelte am 28. Juni gegen den Maurer Joh. Maurer, der am 12. Mat seine Ehefrau erstach. Die Verhand⸗ lung wurde vertagt, weil der Angeklagte auf Antrag des Sachverständigen 6 Wochen zur Beobachtung seines Geisteszustandes in die Marburger Irrenklinik gebracht werden soll. i Durchgebrannter Bürgermeister. Der Gemeindevorstand Weichelt in Großschönau, bei Zittau i. S. ist flüchtig. Eine Revision der Gemeindekasse er⸗ gab, daß erhebliche Summen fehlen. . Drei Todesurteile auf einmal! Vom Schwurgericht in Gera wurden vor einigen Tagen die Abmarsch um 2 Uhr, Licherstraße. Eintritt 20 Pfennig. 2 2 70 2 2 75 Bet ungü Witwe Seifert und ihre Helfer Tänzler und Nieder⸗ meyer zum Tode verurteilt. Wegen eines Giftmord⸗ versuchs erhielten die Seifert und Niedermeyer noch je acht Jahre Zuchthaus. l Mehr Bauarbeiterschutz! Beim Neubau der Ritterbrauerei in Dortmund brach das Gerüst beim Aufbringen von Eisenteilen zusammen. Fünf Mann stürzten in die Tiefe und wurden schwer verletzt, einer davon ist gestorben. n Ungetreue Gewerkschaftsbeamte. Das Landgericht Nürnberg verhandelte gegen den vor einiger Zeit aus der Partei ausgeschlossenen Heiz er Ströbert und den Schlosser Reindl wegen Un⸗ treue und Privaturkundenfälschung. Ersterer war längere Zeit Vorstand, letzterer Kassierer der dortigen Zahlstelle des Verbandes der Heizer und Maschinisten. Ströbert erhielt 9 Monate, sein Komplize Reindl 3¼ Monate Gefängnis. Beiden wurden die Ehrenrechte auf 5 Zahre aberkannt. Geschieht ihnen recht. * Sittlichkeit in„besseren Kreisen.“ Aus Berlin wird berichtet, daß die dortige Kriminalpolizei wiederum Sittenverbrechen„A la Sternberg“ auf der Spur ist. Wie die bisherigen Feststellungen ergeben haben, sind an dem Skandal mehrere„hoch an gesehene Herren“ beteiligt, die sich an schulpflichtigen Mädchen vergriffen haben. Die schmutzige Geschichte wurde von dem Vater des einen Mädchens zur Anzeige gebracht; das Mädchen befindet sich, trotzdem es erst vierzehn Jahre alt ist, bereits in anderen Umständen, ebenso eine gleichalterige Freundin desselben. —— ——————— Partei- Nachrichten. Manfred Wittich tot! Eine erschütternde Kunde für jeden Parteigenossen kommt aus Leipzig. N ö Genosse Manfred Wittich, durch seine Schriften, wie durch seine mündliche agitatorische Thätigkeit in ganz 0 1 1 Deutschland bekannt, ist einem Herzschlage erlegen. Seit längerer Zeit war er nervenkrank. Vor einigen Tagen berichtete die Leipziger Volkszeitung, daß seine Krankheit eine lebensgefährliche Wendung genommen habe. Doch glaubte niemand, daß die Katastrophe so schnell eintreten würde. Unser Genosse ist nur 51 Jahre alt geworden. Vor seiner Thätigkeit in der Partei wirkte er in Dresden als Oberlehrer.— Die Leipziger Volkszeitung schließt ihren Nachruf mit diesen Worten, denen wir uns von Herzen anschließen: Nun hat er ausgelitten, der treue Freund des arbeitenden Volkes, der überzeugte Anhänger des modernen Sozialismus. Hunderttausende von Arbeiterherzen be⸗ ö ö klagen in aufrichtiger Trauer den allzufrühen Tod eines hervorragenden Kämpfers für die Sache der Freiheit und des Volkes. Am meisten aber empfinden die Ar⸗ beiter Leipzigs, in deren Mitte er seit einem Dutzend Jahren gewirkt, den Verlust dieses edlen, freimütigen Stre ters und Freundes Sein Andenken wird bei dem klassenbewußten Proletariat immerdar fortleben. Er ruhe in Frieden! Ueber den tragischen Tod Wilhelm Swienty's. Swieniy hatte erst einige Tage vor dem Unglück nach wochenlangem schweren Krankenlager seine redaktionelle Thätigkeit am Haller Volksblatte wieder aufgenommen. Er war an Blinddarmentzündung erkrankt und hatte schwere Operationen über sich er— gehen zu lassen, die nach einem glücklichen Verlauf völlige Gesundung versprachen. Ueber Nacht aber hat ihn ein gastrisches Fieber gepackt, das ihn am Donnerstag früh den unseligen Schritt begehen ließ. Er stürzte fich im Fieberwahn aus dem Fenster seiner Wohnung und hat bei dem Sturz so schwere Verletzungen erlitten, daß er bereits auf dem Transporte in das Krankenhaus ver⸗ schieden ist. Swienty war erst einige Jahre verheiratet; seine Frau die jüngste Tochter Liebknechts aus erster Ehe, schenkte ihm während er im Gefängnis weilte, das erste Kind. Von Beruf war Swienty Handlungsgehilfe, für deren Organisation und Interessen er rednerisch und schriftstellerisch hervorragend thätig war. Auch sonst hat sich Swienty als ein tüchtiger Redalteur und Agitator bewährt. Unser unglücklicher Genosse, der auf so tra- gische Weise aus dem Leben geschieden, ist noch nicht 30 Jahre alt geworden. kannter, in Ehren halten! Hasnusssell, Tune. Sein Andenken werden alle, die Fommerfest der Gewerkschaften Giessens. . Sonntag, den 20. Juli er., im Walde am alten Anneroder Weg, links der Licherstraße Grosses Volksfest Hreis schiessen, Hinder spiele mii. eiSνο,,¶½lei lung, f Bretgelpolomuise, Das Gewerkschaftskartell. ünstiger Witterung findet das Fest von 3 Uhr ab im Cafe Leib statt. Ein Skandal beseitigt. Im Wahlkreise Ans⸗ bach⸗Schwal ach verzichtete der aus dem Nürnberger sozialistischen Wahlverein ausgeschlossene und trotzdem aufgestellte Kandidat Roßkopf infolge der Beschlüsse des Ludwighafener Parteitages auf eine Kandidatur.— Das hätte schon früher geschehen sollen. Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen. Sonntag, den 24. August, Vorm. 10 Uhr, im Saale zur„Stadt New⸗York“ in Friedberg Kreis konferenz. Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes. 2. Rechnungsablage und Bericht der Kontrolleure. 3. Die Landeskonferenz. Ref. Gen. Repp. 4. Der Parteitag. Ref. Gen. Harris. 5. Die nächstjährige Reichstagswahl. Ref. Gen. Busold, 6. Verschiedenes. Die Wahlkreisorganisationen und Parteigenossen der einzelnen Orte werden ersucht, sofort zu dieser Konferenz Stellung zu nehmen und die Wahl von Delegierten in die Wege zu leiten. Jeder Ort muß vertreten sein! Der Kreisvertrauensmann. Versammlungskalender. Samstag, den 12. Juli. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Vortrag von Krumm.— Brauer. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Löb, Wiener Hof. Friedberg. Nichtgewerbl. Arbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Ihl, Stadt New⸗York. Vortrag des Stadtverordneten Busold über die Gewerbe⸗Ordnung. Abrechnung. Sonntag, den 13. Juli. Marburg. Gesang⸗Verein„Eintracht.“ Vor⸗ mittags ½ 11 Uhr Generalversammlung bei Jesberg. Mittwoch, den 16. Juli. Gießen. Gewerkschaftskartell. Sitzung bei Orbig. Briefkasten. W. R. Gsn. In Köln fand während der Legis⸗ laturperiode 93— 98 eine Ersatzwahl für den verstorbenen Abg. Greiß(Ctr.) statt. Sozialdemokratischer Kan⸗ didat war der Schreiner Woldersky. F. Ortubg. Sie konnten doch die Sachen als Drucksache schicken! Verursachte unnütze Kosten! Geld ist übrigens noch nicht eingegangen. Bgr. Gsn. Wir haben nicht gehört, daß von dem seiner Zeit versprochenen 1000 Taels Be⸗ lohnung für jeden der damals in Peking eingeschlossenen Europäer etwas zur Auszahlung gelangt wäre. Vor kurzem hat der Stuttgarter„Beobachter“ die Sache an⸗ geregt, ohne daß von zuständiger Seite eine Erklärung erfolgt wäre. Abends 9 Uhr 2 2 2 88 8 8 2 5— 8 . + 2 2 8 8 2 8 „ 2 2 2 8 „ 328 8938888 2 8 2 3 2 8 „C 2 3 8 2533 2 2 SSG 2 A 7 3 3 5 3 2 S 0* 2 2 — 5 FE „2s IAS„ —— 22 88 S 2 2 5 833 2* 3 1 2 2 3 32 8 2 3 2 2 8 8— S FN Ss 5 2 22 D 2 . 8 2 2 33 . 2 2— GG Es ladet freundlichst ein e 2 —— . * . — — 1 —— — r 1 .—— 22— e — 3 e 1 3— 7 f 3 5 Seite 6. Mittel dentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 28 A n 5 AUnterhaltungs-Ceil. ——ůů .— . 2 Das Goldmacherdorf. Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinrich Zschokke. 7(Fortsetzung). Oswald war ein Mann, der sich auch bei Erwachsenen in Ansehen zu setzen wußte, der zwar nie schwor und fluchte, aber keinen fürch⸗ tete; kein Wunder, daß alle Kinder Hochachtung für ihn empfanden, und ihn zuletzt fast mehr lieb hatten, als sie ihre Eltern liebten. Da hätte man sehen sollen, wie ihm alle mit Ehr⸗ furcht schmeichelten; wie freundlich sie zu ihm liefen; wenn er ihnen begegnete; wie sie ihm seine Wünsche aus den Augen zu lesen suchten; wie ein Wink genug war zum freudigen Ge⸗ horsam. Das war den Bauern im Goldenthal ganz unbegreiflich, um so mehr, da dieser Schul⸗ meister sich weder des Haselstockes, noch der Birkenrute bediente. Manche Leute wurden ängstlich und erzählten sich die Historie von einem Ratzenfänger zu Hameln, der auch die Kinder an sich zu locken gewußt, und endlich alle in die Höhle eines Berges geführt habe, wo sie mit ihm verschwunden seien. Einige alte Bauernweiber sagten öffentlich, das ginge nicht mit rechten Dingen zu, und rieten, man solle keine Kinder mehr zum Schulmeister lassen. Doch dazu kam es nicht. Oswald aber redete und sprach:„Reinheit des Jerzen ist die Gesundheit der Seele: Reinlich⸗ keit des Leibes ist die Gesundheit des Körpers. Die Tiere mögen sich wälzen im Kot, aber der Mensch soll sich rein erheben zum reinen Himmel. Solches muß der Anfang aller Kinderzucht sein, daß die Kindlein wissen, sie seien Menschen und viel besser als Tiere. Dann ist aus ihnen Alles zu machen, aus den Tieren läßt sich nichts machen.“ Ferner redete Oswald und sprach:„Ein Schulmeister, welcher nicht einmal versteht, die zarten Kinderherzen durch Ernst und Liebe zu leiten, daß sie ihm willig folgen, der versteht sein Handwerk schlecht. Und man sollte billig den Stock auf des Schulmeisters Rücken zer⸗ schlagen, womit er die Kinder züchtigt, als hätte er Affen, Hunde und andere Tiere abzu⸗ richten, die keine Vernunft und kein menschliches Herz haben.“ 8. Was ferner in der Schule vorgeht. Es ging aber ein Geschrei im Dorfe, der Oswald verführe die Kinder und bringe ihnen eine neue Religion bei, und die Kinder könnten nichts bei ihm lernen. Denn es sei erschreck— lich anzusehen, wie die Kinder alltäglich daran treiben, um in die Schule zu kommen, da doch sonst die Jugend nicht gern mit dem Schulgehen zu thun hat; das sei wider die Natur. Des⸗ gleichen sei es den ganzen Tag in dem Schul⸗ hause totenstill, wie in einer Kirche, wo man sonst Lärmen und Geschrei der Lernenden weit hinaus über das Dorf seit Menschengedenken gehört habe; selbst in den Singstunden töne es nur wie Bienengesumse. Ferner vernehme man, daß beim Gebet ärgerliche Neuerungen vorfallen, und daß die Kinder zur Hexerei an⸗ geleitet würden, wozu sie schon die verdächtig⸗ sten Zeichen machen lernten. Diese und andere Reden gelangten endlich selbst vor die Ohren des Herrn Pfarres und der hochobrigkeitlichen Schulräte in der Stadt. Und weil in der That niemand wußte und begriff, was der Oswald treibe, ward zur Untersuchung und Abhilfe der Beschwerden eine Kommission abgeordnet, die aus zwei Herren von der Stadt und dem Herrn Pfarrer bestand. Diese traten eines Morgens unerwartet, ehe die Schule angefangen war, zum Oswald und sagten, was ihr Auftrag sei, und er solle in ihrer Gegenwart lehren, wie er gewöhnlich thue. Da nun die Kinder einzeln ankamen, war auch in armen und zerrissenen Kleidern Sau⸗ berkeit und Ordnung lieblich zu schauen, und wie alle erst zum Schulmeister gingen, ihm die Hand zu geben, dann sich still zu ihren Sitzen begaben, wo sie freundlich mit einander flüsterten und auf die Fremden schauten. Es waren der Kinder in allem fünfundfünfzig; die Knaben saßen auf der einen, die Mägdlein auf der andern Seite. Nachdem sie alle versammelt waren, sprach Oswald mit lauter Stimme:„Ihr lieben Kindlein, lasset uns vor allen Dingen erst vor dem allgegenwärtigen lieben Gott, unserm Vater, uns demütigen, und ihm unsere Gedanken und Bitten ehrfurchtsvoll vortragen.“ Und wie er dies sprach, falteten alle fünfundfünfzig Kindlein ihre Händlein und sanken auf die Knie, still vor sich zur Erde schauend. Auch Oswald kniete nieder; und der Herr Pfarrer und die Ratsherren aus der Stadt, da sie alles sich demütigen sahen vor dem Ewigen, folgten dem Beispiel aller und knieten auch. Dann las der Schulmeister ein schönes, rührendes Gebet, welches vor ihm auf dem Stuhle lag. Es war so verständig abgefaßt, daß es auch dem Verstande des kleinen sechsjährigen Kindes begreiflich war. Das bewegte das Herz eines der Ratsherren so tief, daß ihm die Augen voller Thränen wurden. Da standen alle auf, und die Aeltesten der Schule, indem sie auf eine mit Noten und Worten beschriebene schwarze Tafel sahen, sangen mit sanfter Stimme vierstimmig ein schönes Morgenlied. Die kleinen sumseten den Gesang für sich ganz leise nach. Darauf lasen die besseren Leser aus einem Buche, abwechselnd einen frommen Vers; jede Zeile aber wurde von der ganzen Schule mit halblauter Stimme nachgesprochen, dann das Buch geschlossen, und erst von der Schule, dann wieder von einzelen Kindern, die Oswald aufrief, der fromme Vers auswendig hergesagt. Nach diesem wandten sich die Kinder in vier Haufen nach vier verschiedenen Seiten vor eben so viele schwarze Tafeln, auf welchen teils lateinische, teils deutsche Buchstaben, teils Silben, teils ganze Zeilen in großer Vorschrift geschrieben zu sehen waren. Alle schrieben und malten auf Rechentafeln mit Tinte und Feder die Vorschriften nach. Oswald ging von Kind zu Kind, belobte das eine, belehrte das andere, ließ das dritte Feder und Griffel besser halten, und dergleichen mehr. Nach einer Stunde teilten sich die Kinder wieder in vier Haufen, und man sah statt eines Schulmeisters pier Schulmeister. Denn die, welche am besten lesen konnten, stellten auf den schwarzen Tafeln gedruckte lateinische oder deutsche Buchstaben einzeln oder in Silben oder in ganzen Sätzen auf, wie Oswald es an⸗ gab. Die Buchstaben waren auf Pappe ge⸗ klebt, beweglich und einzeln. Dann sah Oswald nach, ob alles recht gemacht sei; und jeder der kleinen Schulmeister ließ seinen Haufen die Buchstaben, die Silben, die Wörter und Sätze sprechen mit halblauter Stimme. Keiner störte den andern. Oswald Auge und Ohr war bei allen, und mit leiser Stimme half er bald links bald rechts nach. Und abermals nach einer Stunde verteilten sich die Haufen, und statt der Buchstaben kamen Zahlen und Rechenexempel auf die schwarzen Tafeln, und neue Lehrmeister und Lehrmeiste⸗ rinnen dazu; und die einen sprachen Zahlen zusammen, die andern addirten, die dritten subtrahirten, die vierten sagten das Einmaleins, und so weiter. Den besten Rechnern gab Oswald geschriebene Exempel, die rechneten für sich. Am Ende sagte jeder an, was er herausge⸗ bracht. Oswald sah in einem Büchlein nach, worin die gelösten Aufgaben standen, und sagte auf der Stelle, ob recht oder falsch. Gar bewunderungswürdig war die Stille, die Ordnung, die Lernbegierde aller. So etwas hatten die Ratsherren und der Pfarrer in ihrem Leben noch nicht gesehen. Als nun so der Morgen vollbracht war, begaben sich die Kinder, den Schulmeister und die Fremden grüßend, still hinweg. Draußen aber war frohes Gelächter und lauter Jubel der Kleinen. Und Nachmittag sah man in der Schule die Kinder wieder vor den schwarzen Tafeln. Da zeichneten sie künstliche Figuren von geraden und krummen Linien auf ihren Rechentafeln und Papier, einige sogar schon Umrisse von Blumen und wunderbaren Gefäßen. Dies gethan, lasen die besten Leser aus einem Buche lustige und lehreiche Geschichten und Gespräche vor. Da hätte man die Freude der Kinder sehen sollen über alles das, was sie hörten. Dann befahl Oswald denen, die am besten schreiben konnten, die angehörte Geschichte auf⸗ zuschreiben, und ihm morgen zu bringen, doch keine Fehler gegen die Rechtschreibung zu be⸗ gehen. Zuletzt nannte Oswald öffentlich und mit Lobspruch die Namen derer, die an diesem Tage ihre Sache am besten gethan. Und weil derselben sechs waren, machte er allen die Freude, ihnen noch eine Stunde lang etwas Schönes zu erzählen. Und er erzählte ihnen eine ganz erschreckliche Geschichte von einem Manne, der in der strengsten Winterkälte auf der Landstraße schläfrig geworden und erfroren sei, daß man ihn tot in ein Dorf gebracht; und wie unwissende Bauern ihn haben sogleich in eine warme Stube legen und auftauen wollen. Aber ein geschickter Arzt sei gekommen, habe den Erfrorenen entkleidet und bis an die Nase im Schnee begraben, nachher sogar in eiskaltes Wasser gelegt, daß um die Glied⸗ maßen dünnes Eis geworden; dann habe er den Leib in kalte Betten in ein ungeheiztes Zimmer gebracht, mit Wollentüchern stark ge⸗ rieben, bis der Totgeglaubte wieder zum Leben gekommen wäre. Wie das zugegangen, erklärte Oswald alles. So war der Schultag zu Ende. (Fortsetzung folgt.) Splitter. Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgend ein Mensch ist, oder zu sein vermeint, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit besteht. Der Besitz macht ruhig, tc st ol z. essing. 5 0 Der Mut besteht nicht darin, daß man bei Gefahr blind übersieht, sondern daß man sie sehend überwindet. Jean Paul. Humoristisches. Der fatalste Streik ist es doch, wenn Bank⸗ kassierer ihre Zahlungen einstellen— und gerade in solchem Falle melden sich keine Streikbrecher. („Der wahre Jakob.“) Der wahre Grund. A.: Das ist aber hübsch von dem neuen Eisenbahngeneral, daß er den Photo⸗ graphie Rummel nicht mitmacht. Er hat seinem Photo⸗ graphen bei höchster Ungnade verboten, ein Bild von ihm zu verkaufen. B.: Hm, Hm! Ich glaube, das geschieht blos aus Angst vor den Karikaturenzeichnern und Witzblättern. (Südd. Postillon.) Geschichtskalender. 13. Juli. 1874: Kullmann⸗Attentat auf Bis marck. 1870: Fälschung der Emser Depesche durch Bismarck.(Was zur Kriegserklärung führte.) 14. 1901: Stahlarbeiter⸗Riesenstreik in Amerlka. 1861: Attentat Becker auf Wilh. I. 1789: Erstür⸗ mung der Bastille in Paris. 15. 1839: Aufstand der Chartisten in Birmingham. 17. 1854: Eröffnung der Sömmerringbahn. 1798: Charlotte Corday hingerichtet. 18. 1898: Zolaprozeß in Versailles. 1870: Ver⸗ kündigung des Unfehlbarkeitsdogmas in Rom. 19. 1879: Louis Ferose, Erbauer des Gott, hardttunnels, gestorben. 1838: Eröffnung der Eisen⸗ bahn Leipzig⸗Dresden.(Erste längere Strecke in Deutsch land.) — 2———— r erzählte ihnen zichte von einem Winterkälte auf den und erfroren u Dorf gebracht; n haben sogleich u und auftauen legt sei gekommen, t und bis an die nachher sogar in 5 un die Glied⸗ u; dann habe er ein ungeheiztes ntüchern stark ge⸗ wieder zum Leben gegangen, erklärte Ende. 1 —ü— ää—ẽ ren Bestz irgend hermeint, sondern ie er angewandt kommen, macht denn nicht durch e Nachforschung ine Kräfte, worin Vollkommenheit g träge stolz, Lessing. 5 rin, daß man be ern daß nan se Jean Pall. — Ilset 5 fuhrte fla. an n nac iesenstt 1180 Gust b. I. 5 fal. ten m 1 u nenubchn 870: V.. Nr. 28. Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung. Seite 7. Parteigenossen! Berücksichtigt bei Eure e 20 — Ein Freund befragte mich unlängst, wie es möglich sei, das Geld für die teueren Annoncen wieder hereinzubringen; er glaube nicht daran und befreundete Kaufleute hätten ihm dies bestätigt.— Meine Annoncen haben stets Erfolg! Warum und weshalb? Alles, was ich in einer Anzeige verspreche, wird haarscharf gehalten.— Wenn ich z. B. den Verkauf eines feinen Herren⸗ Kammgarn⸗Anzuges A 13½½ Mk. anzeige, so kann der Kunde ruhig die Reise von Sachsenberg, Battenberg, Laasphe, Homberg, Biedenkopf, Gladenbach ꝛc. an⸗ treten, denn er weiß, er wird in seinen Erwartungen meistens übertroffen. Für die nächste Zeit habe ich nun wieder groß⸗ artige schöne Posten in meinem 700[Fuß halten⸗ den Konfektionsraum ausgestellt und bitte ich, eifrigen Gebrauch davon zu machen. Wer nicht kommen kann, erhält das Gewünschte per Nachnahme.— Umtausch noch nach 6 Wochen. Coupons bis 1. 10. 1902 werden in Zahlung genommen, ebenso Wechsel auf In- und Ausland. c Mk. Einfache Arbeiter-Zwirn-Hosen à 1.50 Gladbacher Zurkin-Hosen 2. Schwere Zwirn- u. Moleskin⸗Hosen 2.50 Schwere Zurkin-Hosen in allen Farben 3.— Schwere gestr. Leder- u. Manchester⸗ Hosen 3.— Hochfeine gurkin-Hosen, Prachtmuster 3.50 Prima Rammgarn⸗- u. Loden⸗Hosen à Mk. 4.50—6.— Hocheleg. karrirte Herren-Kamm⸗ garn-Anzüge à 13.50 Gummi⸗Mäntel, Façon Raglan 22.— Herren-Pelerinen 7.50 Sommer-Paletots und Havelocks von k. 10.— an. Sommer-Loden-Joppen in allen modernen Farben bis zur feinsten Sportjoppe à Nik. 2.— bis 10. Italiener kaufen alle ihren Bedarf an Koffern, Anzügen, Hemden, Arbeiterkleidern Elegante Sommer-Joppen für Touren, Jagd, Garten, Jünglings-Anzüge bis zum Alter von 17 Jahren Gehrock-Anzüge für Herren I. 22. Anfertigung nach Maß innerhalb 12 Std.; u Einkäufen die Inserate der Mitteld. 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Man sollte also nicht säumen, seine Anwendung allen anderen scharfen, ätzen⸗ den, Gesundheit zerstörenden Mitteln vorzuziehen. Alle Spymp⸗ tome wie: Kopfschmerzen, Aufstossen Sodbrennen, Bläh- ungen, Uebelkeit mit Erbrechen, die bei chronischen (veralteten) Magenleiden um so heftiger auftreten werden oft nach einigen Mal Trinken beseitigt. 7 L 7 Stuhlverstopfung wie Beklernmung, Keligschmer- zen, Herzklopfen, Schlaflosigkeit, sowie Blutanstauungen in Leber, Milz und Pfortadersystem(Hämorrhoidalleiden) werden durch Kräuter⸗Wein rasch und gelind beseitigt. Kräuter⸗Wein behebt jedwede Unverdaulichkeit, verleiht dem Verdauungssystem einen Aufschwung und entfernt durch einen leichten Stuhl alle untauglichen Stoffe aus dem Magen und Gedärmen. Hageres, bleich. Aussehen, Blutmangel. 37 ind meist die Folge schlechter Verdaunng Zntkräft ung Angel eer Hlutdelbung und eines krank haften Zustandes der Leber. Bei gänzlicher Appetitlosigkeit unter nervöser Abspannung und Gemüthsverstimmung, sowie häuftgen Kopfschmerzen, schlaflosen Nächten, siechen oft solche Kranke langsam dahin. Kräuter⸗Wein giebt der geschwächten Lebenskraft einen frischen Impuls. Kräuter⸗Wein steigert den Appetit, befördert Verdauung und Ernährung, regt den Stoffwechsel kräftig an, beschleunigt und verbessert die Blutbildung, beruhigt die erregten Nerven und schafft dem Kranken neue Kräfte und neues Leben. Zahlreiche Anerkennungen und Dankschreiben beweisen dies. Kräuter ⸗ Wein ist zu haben in Flaschen a Mk. 1.25 u. 1,75 in: Gießen, Großen⸗ Linden, Wetzlar, Fronhausen, Braunfels, Butz⸗ bach, Brandoberndorf, Gladenbach, Weilburg, Groß⸗Buseck, Allendorf, Grünberg, Lich, Hungen, Laubach, Bad Nauheim Marburg usw. usw. in den Apotheken. 5 Auch versendet die Firma„Hubert Ullrich, Leipzig Weststrasse 82, 3u. u. mehr Flaschen Kräuterwein zu Ori⸗ ginalpreisen nach allen Orten Deutschlands porto⸗ u. kistefrei. Vor Nachahmungen wird gewarnt. Man verlange ausdrücklich 5 IIubert Ulirien'schen KAräuter-Mein Mein Kräuter⸗Wein ist kein Geheimmittel; seine Bestandteile find Mal gawein 450,0, Weinsprit 100,0, Rothwein 240,0. Ebereschensaft 150,0, Kirschsaft 420,0, Fenchel, Anis, Helenen⸗ wurzel, Enzianwurzel, Kalmuswurzel àà 10,0. Jzugezogen haben, sei hiermit ein gutes Hausmittel empfohlen; dessen vorzügliche heilsame Wirkungen schon seit vielen Jahren erprobt sind. Es ist dies das bekannte Verdauungs⸗ und Blutreinigungsmittel, der; Hubert Ulrich'she Kräuter- Wein. befundenen Kräutern mit gutem Wein bereitet, und, stärkt und belebt den ganzen Verdauungsorganismus des Menschen, ohne ein Abführungsmittel zu sein. Fonsumberein Giessen und se ez Umgegend e 4 u. b 5. 22740 bh, J 5 40., Zur Aufklärung von Irrtümern und aus Anlaß öfter an uns 9* oh, 0 10 000 gerichteter Anfragen geben wir bekannt: kommen im Laufe der Vereinszeit Bei der Anmeldung, die jederzeit in unserer Verkaufsstelle Bahnhofstraße 31 erfolgen kann, hat jedes neu aufzunehmende Mitglied zu zahlen: Eintrittsgeld 50 Pfg. Geschäftsanteil 50 Pfg. 5 Weiter sind monatlich wenigstens 50 Pfennig zu entrichten, bis der volle Geschäftsanteil von 30 Mark mit Zuschreibung der Divi— denden erreicht ist. Nach Erreichung des vollen Geschäftsanteils werden die Dividenden jährlich baar ausbezahlt. Die Geschäftsanteile werden mit 4 pCt. verzinst und beim etwaigen Ausscheiden wil zurückgezahlt. Die Haftsumme beträgt 30 Mk. und kann darüber hinaus kein Mitglied in Anspruch genommen g werden. 80 W. Walter, Essen322, Das Geschäftsjahr läuft vom 1. Juli bis 30. Juni. N 9 Millionen Der Vorstand: Mich. Keßler. Cigarren Heinrich Noll. Giessen segeff Big zn vertan. 5— 75 100 St. 5 Pf.⸗Cigarren nur M. 2,95 7 Mäusburg 7 0„ epier- Hundlumßsm ꝓ%% 445 1 975 Stüc Fran 91 1 Buchbinderei, Geschäflspücher, Drucksachen“ erfand gegen Aachens. i 7 ür Güte der War ird 85 Einrahmen von Rildern. Für Güte der Ware wird au drücklich garantiert. Tausd. Anerkennungen liegen vor e 222 2 5 0 Gießener Fischbörse. Belt,. 40 5 7. 8 Ebersstraße 75. Marktplatz 5 Telefon 50 Empfehle als neu zugelegten Spezialartikel sämtliche Wasserkrüge und n Murstwaren Packkörbe 5 5 5 kaufen Benner& Krumm Feinste Leberwurst Fst. Hausmach. Blutwurst Gießen, Bahnhofstraße 40. te 1 60 Pfg. 1 per Pfund 60 Pfg. Feinste Fleischwurst Feinster Preßkopf FN PAce per Pfund 30 Pfg. per Pfund 80 Pfg. Gesund und KI äktig st. Hausmach. Mettwurst Fst. Thüringer Rotwurst Jarnhe g 5 17 95 Pfund 1 Mark. per Pfund 1 Mark Kol ub! 0t Fst. Braunschw. Leberwrst. Fst. Braunschw. 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Wahlverein Wieseck. Sonntag, den 13. Juli 1902: 2. Sliftungs⸗Fest verbunden mit Fahnenweihe im schönen, schattigen Garten des Balth. Wacker„Zum Gambrinus“. Programm: Mittags 1 Uhr Empfang der hiesigen u. auswärtigen 2 Uhr Aufstellung des Festzuges und Bug durch den Ort nach dem Felpdaas; Daselbst Enthüllung der Fahne und Ueber⸗ en durch die Festdamen. Festrede, gehalten vom 2 2 2 Sonntag, den 13. und Montag, den 14. Juli Gutbesetzte Tanzmusik wozu ergebenst einladet Heinrich Volkmann. Montag Morgen von 9 Uhr ab Comceri m. Fruihse hupnpen eee Heuchelheim! —Kirchweihfest am 13. und 14. Juli 1902, wozu ergebenst einladet August Rinn. Für gute Speisen und Getränke ist bestens gesorgt. Montag Morgen 9 Alhr vorzügliches Frühstück. eee 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 ee Chr. Franz Ciessen, Noch strasse 14 Buchbinderei und Papierhandlung empfiehlt sich in sämtlichen Comptoir-, Schul⸗ und Schreibwaren.— Packpapiere in allen Sorten. D PTuschkasten, Pinsel, Farben, ete. 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Vetters, Gießen. Druck von E. Ottmanns Druckerei, Gießen. 1 elwai Geno könne 5 2 seln; werde 0