* 2*** ——— K———v—————— each mbznfo inusdaoas gu sa hοσοαονο e, uur 8 el 6 3 9* N —ů———-„V————— 1 Munzutsasgen oon msUunbndsgsdanigog snezubin od und höheren Getreidezölle wirken. 1 Almosen von den Arbeitern! Nr. 15. Gießen, Sonntag, den 13. April 1902. 9. Jahrg. f Redattion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. 8. Mitteldeutsche tags Redaktionsschluß Donnerstag Nachmittag 4 Uhr kitung Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4940) 2 Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33½% ͤ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Getreidezölle und Land⸗ arbeiterlöhne. Von agrarischer Seite wird stets behauptet, daß höhere Zölle für die Erzeugnisse der Land⸗ wirtschaft auch höhere Löhne, nicht nur für die ländlichen Arbeiter, sondern auch für die Industriearbeiter zur Folge haben würden. Daß dies durchaus nicht zutrifft, ist nicht nur von den Zollgegnern schon öfters nachgewiesen worden, sondern es haben sogar Großgrundbesitzer im Rheinlande offen erklärt, daß sie auch nach der Bewilligung des Zolltarifs höhere Arbeitslöhne nicht gewähren könnten. Trotzdem behaupten bündlerische und antisemitische Agitatoren fort⸗ gesetzt, auch die Landarbeiter hätten Interesse an den Getreidezöllen. Dieser agrarische Schwindel wird im letzten Hefte der„Neuen Zeit“ in einem Artikel über die Landarbeiterfrage in Ostelbien, von unserm Genossen Hofer ent⸗ schieden zurückgewiesen. Die Ausführungen des Artikels haben umso höheres Interesse, als der Verfasser selbst ein bedeutender Großgrundbe⸗ sitzer in Ostpreußen ist und ihm gegenüber also der beliebte Einwand der Unkenntnis der landwirtschaftlichen Verhältnisse, mit dem die Agrarier immer gegnerische Ansichten glauben abthun zu können, durchaus hinfällig wird. Hofer weist zunächst nach, daß der Arbeiter⸗ mangel auf dem Lande durchaus nicht eine notwendige Folge des industriellen Auf⸗ schwungs set. Es gäbe auch in Ostelbien große Güter, die von Arbeitermangel nichts wüßten, weil sie auf ihre Arbeiter Rücksicht nehmen. Schlechte Behandlung und Löhne, noch schlechtere Wohnverhältnisse verbittern den Arbeitern das Leben auf dem Lande. Hofer legt dann eingehend dar, daß mit der allgemeinen Einführung der Maschinen andere Verhältnisse in der Landwirtschaft Platz gegriffen hätten und diese fast ein Saisongewerbe geworden sei. Wenn soviel Arbeitskräfte vor⸗ handen wären, daß sie zur Zeit der Ernte voll⸗ auf genügten, würde im Winter die schlimmste Arbeitslosigkeit herrschen. Dann bespricht er den Einfluß der Getreide⸗ zölle auf die Arbeitslöhne der Landarbeiter und führt aus: Wir erwähnten, die ländlichen Besitzer Ost⸗ elbiens frohlockten über die durch die industrielle Krisis bewirkte Arbeitslosigkeit der städtischen Arbeiter. Sie hoffen, daß die Not und der Hunger die städtischen Arbeiter aus der Stadt auf das Land zurücktreiben werde.) In dieser Richtung sollen auch die hohen Unsere Agrarter hoffen eben durch die maßlosen Ge⸗ kreidezollforderungen im neuen Zolltarif zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Das Wichtigere ist natürlich die direkte Wirkung der Getreidezölle. Durch Erhöhung des Ge⸗ treidepreises im Inland zunächst die mühelose Bereicherung auf Kosten der Allgemeinheit. Doch diese Bettelpolitik allein ist es nicht, die die Agrarter⸗ herzen höher schlagen läßt. Höhere Getreide⸗ preise bringen den großen Besitzern nicht nur bdermehrte Geldeinnahmen, sondern dadurch, daß höhere Getreidepreise naturgemäß höhere Brotpreise im Gefolge haben, erschweren sie vornehmlich auch den städtischen Arbeitern den Lebensunterhalt. Was die Industriearbeiter mit Hilfe der gewerkschaftlichen Organisation vielleicht in jahrelangem mühseligen Kampfe sich an besseren Lohnbedingungen errungen haben, das erstreben die Agrarier hinfällig zu machen, indem sie durch erhöhte Brotverteuerung die Lebenshaltung der Arbeiter wieder herab⸗ schrauben. Die Industriearbeiter hätten somit ihre gewerkschaftlichen Kämpfe um Lohn⸗ erhöhung nur für die Agrarier geführt! Der Happen, den sich die Arbeiter von den Industrie⸗ protzen vielleicht ertrotzt haben, soll ihnen von den Agrariern fortgeschnappt werden. Daran ist bei den gegenwärtigen Verhältnissen natür⸗ lich gar nicht zu denken, daß die Industrie⸗ arbeiter die Mehrausgabe für das tägliche Brot ihrerseits durch Erkämpfung höherer Löhne von den Unternehmern wieder wett machen könnten. Die industriellen Unternehmer suchen ja im Gegenteil Lohnreduktion vorzunehmen und die gewerkschaftlich bestorganisierten Ar⸗ beiter haben vollauf zu thun, Angriffe der Unternehmer abzuwehren. Die agrarischen Unternehmer hoffen also, daß die durch die Ge⸗ treidezollerhöhung bewirkte Brotverteuerung die städtischen Arbeiter in Masse auf das platte Land, speziell nach Ostelbien, zurücktreiben wird. Für die Agrarier erwächst aus dem Zolltarifgesetzentwurf also Profit auf zwei Enden. Direkt durch höhere Preise, indirekt durch vermehrte und somit auch verbilligte Arbeitskräfte. Selbstredend verbilligte Arbeits⸗ kräfte! Unsere Agrarier allerdings versichern mit frommem Augenaufschlag, daß sie den höheren Ertrag aus den Getreidezöllen im Wesentlichen dazu benutzen wollen, ihre Arbeiter besser zu bezahlen. Glücklicherweise glaubt das heutzutage wenigstens kein vernünftiger Mensch mehr. Die Landarbeiterlöhne waren am niedrigsten in jener Zeit, als die Agrarier noch unverhältnismäßig schuell wohlhabend und reich wurden. Die Landarbeiterlöhne sind gestiegen gerade in den letzten zehn Jahren, in denen ganz besonders kräftig das Notstands⸗ lied der Argrarier ertönt. Die Landarbeiter⸗ löhne hängen eben nicht ab davon, ob die Agrarier mehr oder weniger Profit haben, sondern allein von dem Angebot und der Nach⸗ frage nach Arbeitern!— Nun behaupten die Agraxier, abgesehen davon, daß sie vorgeblich den höheren Ertrag durch die Getreidezölle zur Lohnaufbesserung für ihre Arbeiter benutzen wollen, daß außer⸗ dem durch die Getreidezölle die kleinen Besitzer, und worauf es hier ankommt, auch die Land⸗ arbeiter Nutzen hätten. Die Herren glauben das ja selbst nicht. Wir wollen aber in ihrem Interesse annehmen, daß sie diese Behauptung nur aufstellen, um vor der Oeffentlichkeit nicht gar zu sehr erröten zu müssen. Die Landarbeiter hatten Interesse an Ge⸗ treidezöllen in jener Zeit, als der Akkord⸗ drusch mit dem Flegel die Grundlage ihres Lohnes bildete, als sie vom 1. Oktober bis zum 1. April auf der Scheunentenne den Flegel zogen und den dreizehnten, zwölften oder elften Scheffel der gesamten Ernte erhielten. Die Maschine hat auch hier ihre umstürzlerische Arbeit verrichtet. Heute sind die Landarbeiter mit ganz geringen Ausnahmen, die aber auch bald verschwunden sein werden, auf einen festen, bestimmten Lohn gestellt. Wenn der konser⸗ vative Abgeordnete von Massow kürzlich im Reichstag geäußert hat, daß seine Arbeiter an Getreidezöllen interesstert wären und pro Familie etwa achtzig Zentner Getreide jährlich verdienten, so deutet das allerdines darauf hin, daß bei diesem Herrn noch das alte Lohnsystem existiert. Nun, dieses veraltete, rückständige Lohnsystem mag ja auf der Besitzung des Herrn von Massow ganz am Platze sein und zu allem Uebrigen passen, zeitgemäß ist es aber nicht. Die Landarbeiter bekommen heute eben nur so viel Deputatge⸗ treide, als sie für ihren Haushalt notgedrungen brauchen. Sehr oft müssen sie aber heute schon Getreide zukaufen. Fraglos aber zeigt die weitere Entwicklung des Lohnsystems auf den Weg hin, an Stelle des Naturallohns in immer höherem Grade den Geldlohn treten zu lassen. Je mehr der Boden in Kultur kommt, je höher die Getreidepreise steigen, um so schneller wird diese Umwandlung des Entloh⸗ nungssystems auf dem Lande sich Bahn brechen. Waren die Landarbeiter noch vor zwanzig oder deeißig Jahren an den Getreidepreisen interessiert, hat es eine Zeit gegeben, in der die Getreide⸗ preise dem Landarbeiter gleichgiltig waren, so macht sich heute und von Jahr zu Jahr mehr die Thatsache geltend, daß auch die Lan d⸗ arbeiter direkte Gegner von Ge⸗ treidezöllen sind und in immer höherem Grade werden müssen. 5 Wie thöricht ist es von unsern ländlichen Besitzern, anzunehmen, daß die Landarbeiter Ostelbiens, speziell Ostpreußens, bei der allge⸗ meinen Wahl 1898 nur deswegen zum großen Teile sozialdemokratisch stimmten, weil vielleicht etwas mehr wie bei früheren Wahlen von sozialdemokratischer Seite agitiert wurde. O nein, der Sozialdemokratie fielen die Früchte beim Schütteln reif und überreif in den Schoß, weil sie an der Sonne der ökonomischen Um⸗ wälzung gezeitigt waren. Die Konservativen und Agrarier haben heute keinen Köder mehr für die Landarbeiter auszuwerfen. Die ver⸗ änderten Verhältnisse haben eine Aenderung des Lohnsystems bewirkt, und das Interesse der Landarbeiter hat heute absolut nichts mehr gewein mit dem ihrer Arbeitgeber. Mit dem Erwachen der Landarbeiter rückt der demokrat ische Gedanke an die Sonne der Wirklichkeit, wird die sozialistische Bewegung unwiderstehlich.— Und was Hofer hier über die Arbeiterver⸗ hältnisse bei den ostelbischen Junkern und deren Agitation für die höheren Zölle sagt, hat genau ebenso für die Agrarier des Westens Geltung. *Das thun nicht blos die Ostelbier. Beispiels⸗ weise schrieb im Herbst 1900 die antisemitische Offen⸗ bacher„Volkswacht“: Freuen wir uns rücksichtslos, ja herzlos des kommenden Krachs, denn er bringt uns. die Entlassung einer Armee, von Arbeitern, die.... uns die Felder bestellen hilft. Darum: Sei willkommen, o Krach! ee politische Rundschau. Gießen, den 9. April. Auflösung des Reichstags? Mit einer Auflösung des Reichstags beginnen politische Kreise jetzt mehr und mehr — 8* Seite 2. Mitteldeusche Sountags⸗Zeitung. Nr. 15. zu rechnen. Neulich mahnte der Abg. Trim⸗ born in einer Zentrumsversammlung in Köln seine Parteigenossen, sich rechtzeitig auf Neu⸗ wahlen gefaßt zu machen. Darauf bestätigte die Berliner Korrespondenz eines Hamburger Blattes, daß an„maßgebender Stelle“ that⸗ sächlich sel. Auflösung des Reichstags ins Auge efaßt sei. 9 l sich die Unmöglichkeit herausstellen“, heißt es dort,„den Zolltarifentwurf im Reichs⸗ tag zur Verabschiedung zu bringen, so würde die Regierung, bevor sie sämtliche Verhand⸗ lungen mit auswärtigen Staaten über neue Handelsverträge eröffnete, zunächst an die deutschen Wähler appellieren, um rechtzeitig Gewißheit über die Zusammensetzung des Reichstags zu erlangen, der über Annahme oder Ablehnung neuer Handelsverträge zu ent⸗ scheiden haben würde.“ Auch andere ernst zu nehmende bürgerliche Blätter, so die„Köln. Volks⸗Ztg.“ und ein konservatives Breslauer Blatt bezeichneten schon vorher die Auflösung als wahrscheinlich. Aeußerungen dieser Art mögen sensationell aussehen, aber sie haben die Logik der Thatsachen für sich. Daß dieser Reichstag den Zolltarif zu Stande bringt, wird mit jedem Tage unwahrscheinlicher. Ohne die Gewährung von Diäten ist dies überhaupt ein Ding der Unmöglichkeit, und Diäten will die Regierung den Kerls nun einmal nicht geben. Wozu also das Martyrium von Ob⸗ struktion riskieren, wenn die ganze Sache nach— her doch nur moralischen Wert haben soll? Wir haben also alle Veranlassung, ernstlich mit der Möglichkeit baldiger Neuwahlen zu rechnen, meint unser Leipziger Parteiblatt, dem wir vollständig zustimmen. Besonders unsere Genossen in Oberhessen müssen das be⸗ herzigen. Es heißt sich bei Zeiten gerüstet, wollen wir den Wahlkampf siegreich bestehen. Agitiere jeder nach besten Kräften, denke auch jeder daran, uns mit dem Nötigsten zum Krieg⸗ führen, nämlich mit Geld zu versorgen! Die Zolltarifkommis sion hat ihre Sitzungen am Dienstag wieder auf⸗ genommen. Die Verhandlungen bieten das⸗ selbe Bild, wie vor den Ferien. Die geradezu unverschämte Begehrlichkeit der Junker und die wahnsinnigen Zollforderungen der Agrarier unter Führung des Bündlers Wangenheim muß sogar Graf Posadowsky im Vereine mit den Sozialdemokraten und Freisinnigen be⸗ kämpfen.— Für alle Lebens⸗ und Genuß⸗ mittel haben die Landwirtsbündler Zölle von unglaublicher Höhe beantragt. Bei Tafel⸗ trauben z. B. erreichen die beantragten Zoll⸗ sätze 500 Prozent des Wertes! Für Aprikosen und Pfirsiche hat Herr Wangenheim 200 Mk. Zoll für den Doppelzentner beantragt! Un⸗ verpackte Aepfel werden mit 2.50, verpackte mit 10 Mk. Zoll belegt. Hagebutten und Schlehen wurden zollfrei gelassen, man sage also nicht, daß die Interessen des armen Mannes geschädigt würden!— Mittwoch war die Kommission sehr fleißig und kam bis zu Position 66. Es sind also„blos“ noch etwa 900 Posttionen zu erledigen. Agrarische Rechenkünstler. Jüngst ist in Jena ein Buch erschienen, betitelt:„Der deutsche Bauer und die Ge⸗ treidezölle“, worin den Agrariern nachgewiesen wird, daß sie altbewährten Regeln der Rechen⸗ kunst recht wohl ein Schnippchen zu schlagen verstehen, wenn es in ihrem(der Agrarier) Interesse liegt. In der Denkschrift nämlich, die der deutsche Landwirtschaftsrat, die offtzielle Vertretung des Agrariertums im Reich, zum Fleischbeschaugesetz herausgegeben hat, wird im Gegensatz zu namhaften Statistikern, die nur 24 Kilogramm herausgerechnet haben, das alljährliche Fleischquantum, das nach der Durchschnittsberechnung auf jeden Deutschen käme, mit 38,8 Kilogramm angegeben. Wie diese gewaltige Differenz entsteht, das zeigt folgende Rechnung: das Leben dgewicht für Schweine unter 1 Jahr wird mit 85 Kilogramm, für Schweine über 1 Jahr mit 119 Kilogramm angegeben. —— Auf Seite 119 ebendaselbst wird der„Be⸗ rechnung“ der Fleischproduktion ein Schlachtgewicht für Schweine unter 1 Jahr mit 80 Kilogramm, für Schweine über 1 Jahr mit 125 Kilogramm zu Grunde gelegt. Hiernach würden also die Schweine unter 1 Jahr ausge⸗ schlachtet 15 Kilogramm, die Schweine über 1 Jahr ausgeschlachtet 6 Kilogramm schwerer sein als im lebenden Zustande. Diese Art Rechnung hat ihre Vorteile. Wie man damit den unzufriedenen Konsumenten beweisen kann, daß sie viel mehr Fleisch essen, als sie zu essen geglaubt haben, so könnte man ihnen auch beweisen, daß nach Erhöhung der Zölle das Brot billiger wird! Aber am ein⸗ fachsten wär's doch, die Agrarier rechneten auf diese Weise eine glänzende Rentabilität ihrer Güter heraus. Dann wäre ja allen geholfen! Daß die Zölle den Kleinbauern nichts nützen gestehen jetzt die Agrarier selbst ein. Seit Jahren schon rechnen die Sozialdemokraten den Bündlern vor, daß jede geforderte Erhöhung der Getreidezölle nur den Großgrundbesitzern und nicht den Kleinbauern zu gute kommen müsse und daß demzufolge der Kornzoll ein ungeeignetes Mittel zur Hebung der Not der Landwirtschaft sei. Bisher hatten die Bündler das nicht gelten lassen wollen und die„Soli⸗ darität der gesamten Landwirtschaft“ proklamiert. Jetzt auf einmal liest mans plötzlich anders. Sogar die offiziöse„Correspondenz“ des Bundes der Landwirte giebt zu, daß die Sozialdemo⸗ kraten recht hatten. Sie schreibt nämlich in einem Artikel über Schutzzölle für Gärtnerei⸗ erzeugnisse: Wenn das Unmögliche möglich und der Zolttarif⸗ entwurf des Bundesrats vom Reichstage angenommen werden könnte, dann würden die Parteien der äußersten Linken die Regierung und die supponierte Reichstags⸗ mehrheit später sicher vor dem Lande anklagen, daß sie alle in die Interessen der Groß gr undbesitzer dabei im Auge gehabt hätten, und das nicht ohne einen Schein des Rechts wenigstens. Wir sind überzeugt, daß die in dem Regierungs⸗ entwurf vorgesehene unzureichende Erhöhung der Ver⸗ tragszollsätze für Getreide überhaupt keinen Vorteil für die deutschen Getreidebauer gegenüber den jetzigen Verhältnissen mit sich bringen würde; immerhin habe die Regierung doch wenigstens so gethan, als wenn sie diesen zu Hilfe kommen wolle. Den kleinsten Ackerbauern aber, mag man sie nun Kleinbauern oder Gärtner nennen, die von Gemüse⸗, Obst⸗, Blumenkultur leben sollen, ver⸗ weigert der Regierungszolltarif jedes, auch das geringste Entgegenkommen bezüglich eines Zollschutzes. Bisher war uns, wenn wir das einseitige Interesse des Großgrundbesitzes an den Ge— treidezöllen behaupteten, von den Agrartern stets entgegengehalten worden, wirs verstehen nichts von der Landwirtschaft und können daher auch nicht mitreden. Nachdem das Organ, das in die Geheimnisse der Agrarproduktion am tiefsten eingedrungen ist und den 7.50 Mk.⸗ Mindestzoll mit Berufang auf die agrarische „Wissenschaft“ verlangt, anerkannt hat, daß der 5 Mk.⸗Zoll überhaupt keinen Vorteil für den deutschen Getreidebauer bedeute und nur die Großgrundbesitzer davon profitieren würden, werden die Bündler unseren Einwand über die Wirkung der Getreidezölle wohl oder übel als sachverständiges Urteil gelten lassen müssen. Elbing⸗ Marienburg. Mit knapper Not ist der Brotwucher⸗Kan⸗ didat in der Ersatzwahl im Kreise Elbing⸗ Marienburg durchgekommen. Um ein Haar hätte er sich aber einer engeren Wahl mit dem Sozialdemokraten unterziehen müssen, er ver⸗ fügt nur über ganze 11 Stimmen Mehrheit! Erforderlich war die Wahl wegen der Mandats⸗ niederlegung des Abg. Puttkamer⸗Plauth, der im Jahre 1898 mit 9346 Stimmen im ersten Wahlgange gewählt wurde, während seine sämtlichen Gegner 9172 Stimmen zusammen erhielten. Das amtliche Resultat der diesmaligen Wahl ist: v. Oldenburg(kons. Agrarier) 92053 König(Soz.) 4929 Zagermann(Cent.) 2587, Kindler(F Vp.) 1251, Wagner(NL.) 415 Stimmen. 5 Gegen die letzte Wahl haben die Freunde der Zollerhöhung etwa 1200 Stimmen einge⸗ büßt, dagegen verzeichnen die Zollgegner einen ganz erheblichen Fortschritt. Sozialdemokratie und Freisinn gewannen 1100 Stimmen wovon auf unsere Partei knapp 500, auf die Freisin⸗ nigen über 600 entfallen. Unsere Genossen können mit dem Ausgange der Wahl sehr zu frieden sein; zumal ihnen fast jede Agitation unmöglich gemacht wurde. Soztaldemokratische Wahlversammlungen haben fast gar keine statt⸗ gefunden! Wenn das Organ des Bundes der Landwirte diese Wahl als einen Erfolg der Agrarier hinstellt, so zeigt es eine Bescheiden⸗ heit, die ihm sonst nicht eigen ist.— Fraglich ist noch, ob die Wahlprufungskommisston keine Beanstandung findet. Ein günstiges Wahlergebnis für die Sozialdemokratie brachte eine Ersatz⸗ wahl zur Bürgerschaft in Hamburg. Unser Genosse Blume, der dort kandidiert, wurde zwar noch nicht gewählt, seine Stimmenzahl stieg aber ganz bedeutend, auf 225 gegen nur 84 im Jahre 1898! Unsere Partei gewann also 141 Stimmen, während die Gegner von denen der eine 245 und der andere 180 Stimmen erhielt, zusammen 99 Stimmen verloren haben! Selbstverständlich ist das Wahlrecht zu dieser Körperschaft ein sehr beschränktes. Ministerposten für bewilligungseifrige Parlamentarier. Aus Anlaß des Todes des Abg. Lieber war in verschiedenen Blättern zu lesen, daß dem Zentrumsführer nach der Durchbringung der Flotten vorlage von 1898 der Posten eines Ministers oder Ober⸗ bräsidenten angeboten worden sei. Diese Mitteilungen, so unglaublich sie erschienen, er⸗ klärte die„Köln. Volksztg.“ für richtig. „Ein parlamentarischer Freund des Ver- storbenen“ sagt in dem Zentrumsblatte, Lieber habe jene Angebote ausgeschlagen und von den Angeboten auch nur ganz wenigen Vertrauten Mitteilung gemacht, und auch diesen nur unter dem Siegel der Verschwiegen⸗ heit. Das katholische Volk und die Zentrums⸗ partei müßten es dem Verstorbenen hoch an rechnen, daß er eine hohe Stelle im Staats⸗ dienst ausschlug, die ihm in Anbetracht seiner sehr zahlreichen Fomilie aus persönlichen Rück⸗ sichten nur erwünscht sein konnte. Für Dr. Lieber sei vom Standpunkte seiner persönlichen Neigungen in erster Linie in Betracht ge⸗ kommen das Angebot eines Oberpräsidiums seiner Heimatprovinz Hessen⸗Nassau. Der damalige Oberpräsident Magdeburg war in Aussicht genommen als Präsident der Ober⸗ rechnungskammer. Die so eröffnete Vakanz sollte benutzt werden, um das Oberpräsidium in Kassel für Dr. Lieber frei zu machen. Wenn Dr Lieber die Annahme eines ein⸗ träglichen Staatsamtes ablehnte, so that er etwas ganz Selbstverständliches. Er hätte sich selbst mit samt seiner Partei unsterblich blamiert, wenn er einen Minister oder Staats⸗ sekretär⸗Posten angenommen hätte. Zu Lobes⸗ erhebungen liegt also gar keine Veranlassung vor. Im Gegenteil. Wenn die Regierung dem Führer einer politischen Partei dafür, daß er ihr eine Vorlage durchbringen half, dersönliche Vorteile anbot, so ist das für diesen und seine Partei die schlimmste Be⸗ leidigung, die es geben kann. Verhält sich die Sache so, wie angegeben, dann muß Lieber zum Vorwurf gemacht werden, daß er sie nicht in die Oeffentlichkeit brachte. Denn dann ist die Korruption noch schlimmer als die 12000 Mark. Affaire. Denunziantenstreiche der Mittelstands⸗ retter. Vom„Schutzverband für Handel und Gewerbe in Mitteldeutschland“ war bei der Kreishauptmannschaft in Leipzig die Auflö⸗ l r 5 1 der sozl bon El gerfe dei usgesb Halbe poll f bon der Nuflöst fände orklic hben Mletsch Doch Hindigt de, 2 heschrät daß nic die in die Pe Sänge herweh eller Petitio polit andere De witz Wenige Blldun bürger Widrig bildur in der dem senen m diese Geno nümn iti Wen dez f übrig wenn „oli gerad . Fragli misson kin ebnis eine Ersat⸗ urg. Unser wurde zwar tenzahl stieg en nur 84 gewann also F bon denen 0 Stimmen hren haben! t zu dieser ugs eifrige „Lieber lesen, daß urchbringung 1898 der r Ober⸗ 1 sei. Diese schienen, er⸗ richtig. des Ver⸗ trumsblatte, hlagen und inz wenigen und auch erschwiegen⸗ Zentrums hoch an⸗ im Staats⸗ rächt seiner lichen Rück⸗ Für Dr. persönlichen getracht ge⸗ rpräsidiums sau. Der rg Var il der Obel⸗ te Vakanz erpräsidium chen. 15 eil so that er r hätte sch Uuserblich der Staate Zu Lobes⸗ geranlassung, Regierung tel daft ingen half, das für Nr. 15. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite. 3 sung mehrerer Konsumvereine beantragt worden, weil diese im Widerspruch mit dem Genossen⸗ schaftsgesetz politische Zwecke verfolgten. Die Kreishauptmannschaft hat daraufhin folgende Entschließung gefaßt:„Es ist erwiesen, daß in hiesigen Konsumvereinsverkaufsstellen eine gegen den Zolltarif gerichtete Petition zur Unterzeichnung ausgelegen hat, und das Plakate des„Agitationskomitees der sozialdemokratischen Partei“ ausgehängt gewesen sind, die zur Unter⸗ n aufforderten; es ist ferner erwiesen, aß in den Geschäftsstellen durch Anschläge der sozialdemokratischen Parteileitung zum Kauf von Eintrittskarten für ein Ar beiter⸗Sän⸗ gerfest angeregt worden ist, und daß von zwei Konsumvereinen mehrere Vereine mit ausgesprochen sozialdemokratischer Tendenz durch Geldbeiträge unterstützt worden sind. Gleich⸗ wohl sieht die Kreis hauptmannschaft zur Zeit von der ihr gesetzlich zustehenden Maßregel der Auflösung der Konsumvereine ab, da die Vor⸗ stände sich über den Umfang ihrer Verant⸗ wortlichkeit nicht völlig im Klaren befunden zu haben scheinen und die plötzliche Auflösung wirtschaftlich zu einschneidend gewesen sein würde. Doch wird die Auflösung für den Fall ange⸗ kündigt, daß die Konsumvereine sich nicht auf die Verfolgung rein geschäftlicher Zwecke beschränken.“ Dazu sei erläuternd bemerkt, daß nicht die betreffenden Konsumvereine, sondern die in den Verkaufsstellen thätigen Lagerhalter die Petition ausgelegt und die Karten für das Sängerfest verkauft haben, was ihnen niemand verwehren kann. Uebrigens wird man doch einer Lebensmitteleinkaufsgenossenschaft die Petition gegen Brotverteuerung nicht als politisch anrechnen können, das ist nichts anderes als eine geschäftliche Maßnahme. Der Konsumverein Leip zig⸗Plag⸗ witz hat in den letzten vier Jahren nicht weniger als 8127 Mk. an Wohlthätigkeits⸗ und Bildungsinstitute ausgegeben, meistens sind das bürgerliche Vereine. Was war nun da gesetz⸗ widriges, wenn sich darunter auch zwei Arbeiter⸗ bildungsvereine befanden, deren Mitglieder in in der Mehrheit sozialdemokratisch sind?— Außer⸗ dem hat der genannte Konsumverein im verflos⸗ senen Winter an arbeitslose Mitglieder Freibrot im Gesamtwerte von 3197 Mk. verteilt. Schon diese zwei Beispiele zeigen, wie segensreich die Genossenschaften wirken und demgegenüber nimmt sich die elende Denunziation des antise⸗ mitischen„Schutzverbaudes“ noch trauriger aus. Wenn die Herrn glauben, damit die Interessen des Mittelstandes zu fördern, dann täuschen ste sich. Würde die Kreishauptmannschaft übrigens ebenso energisch eingeschritten sein, wenn die vom Konsumverein unterstützten „politischen Vereine“ konservativ und nicht gerade sozialdemokratisch gewesen wären?— Maifeier und Unternehmertum. Seitdem sich die Arbeiter ihren internatio⸗ nalen Feiertag geschaffen haben, war er den Unternehmern ein Dorn im Auge. Der Arbeiter soll nur feiern, wenn es dem„Brotherrn“ paßt, darf sich aber ja nicht erlauben, einen Feiertag nach seinen Wünschen zu begehen. Nicht genug, daß der Arbeiter sich vom Kapitalisten ausbeuten lassen muß, er soll sich auch in seinen eigensten persönlichen Angelegenheiten der Vorschriften derjenigen fügen, die aus seiner Arbeit sich be⸗ reichern. Jetzt machen die Berliner Scharf⸗ macher⸗Verbände wieder gegen die Maifeier mobil. In der letzten Generalversammlung des Bundes der Arbeitgeberverbände Berlins waren die Delegierten der 17 vertretenen Bände einmütig der Ansicht, daß weder eine ganze, noch eine teilweise Freigabe des 1. Mai von den Mitgliedern zu gestatten sei. Ein⸗ stimmig wurde beschlossen, daß Arbeiter, welche am 1. Mai ohne stichhaltigen Grund von der Arbeit fernbleiben, zu entlass en sind und in denjenigen Betrieben oder Werkstätten, wo sie bisher gearbeitet hatten, nicht vor dem 5. Mai wieder aufgenommen werden, dagegen bei anderen Arbeitgebern nicht vor dem 15. Mai Arbeit erhalten dürfen. Jedem Verbande steht es frei, diese Frist zu verlängern.— Wir sind überzeugt, die Berliner Arbeiter werden sich nicht so leicht verblüffen lassen und die Mai⸗ feier wird sich so imposant wie immer in Berlin gestalten. Thatsächlich beschlossen die meisten feier, den ersten Mai wie bisher zu eiern. Der Magen der Kirche. Aus Belgien wird berichtet, daß dort einer Statistik zufolge am 1. Januar 1901 nicht weniger als 3000 Klöster bestanden mit ca. 40000 Insassen. Das Vermögen dieser Klöster wird auf 3 Milliarden Franks geschätzt. Verhältnismäßig noch größere Reichtümer dürfte die alleinseligmachende Kirche in Spanien besitzen und in Oesterreich, Frankreich, Italien liegen die Verhältnisse ähn⸗ lich. Und da redet das Pfaffentum von der „verfolgten“ Kirche. Die belgische Sozialdemokratie und das Frauenwahlrecht. An den Osterfeiertagen fand im Brüsseler „Volkshaus“ der Kongreß der Sozialdemokratie Belgiens statt, der von 700 Delegierten besucht war. Im Vordergrunde der Erörterungen stand natürlich der bevorstehende Kampf um das all⸗ gemeine Wahlrecht und besonders mußte die Stellung der Partei zur Forderung des Frauen⸗ stimmrechts festgestellt werden, worüber in den Genossenkreisen geteilte Meinung herrscht. Doch ist vollkommene Einigkeit erzielt worden; die Resolution des Parteivorstandes wurde fast ein⸗ stimmig angenommen. Diese besagt, daß sich die Verfassungs⸗Reviston nur auf das allge⸗ meine Männer⸗Stimmrecht beziehe; falls die klerikale Partei das Frauenstimmrecht in die Debatte ziehe, sollen die soz. Abgeordneten dieses Manöver zum Scheitern bringen. In der vor⸗ hergehenden Diskussion betonte Vandervelde, daß die Forderung der Einführung des Frauen⸗ wahlrechts nur aufgeschoben, nicht abge⸗ lehnt sei. Die Bedenken gegen die sofortige Einführung des Wahlrechts für die Frauen seien bis in die Reihen der Sozialdemokraten so stark, daß man vorläufig von dieser Forde⸗ rung Abstand nehmen müsse.— Auch Frau Gatti de Gamond sprach das Einverständnis der sozialistischen Frauen mit der Resolution des Parteivorstandes aus. Schwer sei es für die Frauen, ihre eigenen Forderungen abzu⸗ lehnen, sie stimmten aber der Resolution im Interesse des allgemeinen Männerstimmrechts zu. Auf dem imposanten Kongresse herrschte große Begeisterung. Unterdessen hat sich die Lage in Belgien äußerst zugespitzt. Das Vorgehen der klerikalen Regierung, die durch allerhand Winkelzüge die Einführung des allgemeinen Stimmrechts zu verhindern sucht, hat im Volke natürlich die höchste Erbitterung hervorgerufen, so daß es auf der Straße mehrfach zu Zusam menstößen mit der Polizei kam. In Bureaus Brüsseler kleri⸗ kaler Zeitungen wurden die Fenster eingeworfen. In Gent wartete am Dienstag eine große Volks⸗ menge auf die Rückkehr der Deputierten aus Brüssel und nahm eine feindselige Haltung gegen die katholischen Abgeordneten an. Ver⸗ schiedene Ansschreitungen kamen vor, wobei aber offenbar Spitzel die Hand im Spiele haben. Die sozialistischen Abgeordneten suchen die Ar⸗ beiter vor gewaltsamen Vergehen zurückzuhalten und wenden sich namentlich gegen den General⸗ streik für den besonders die Bergleute eintreten, um dadurch das allgemeine Wahlrecht zu er⸗ zwingen. In Rußland wächst die revolutionäre Bewegung von Tag zu Tag, und äußert sich in zahlreichen regie⸗ rungsfeindlichen Kundgebungen in vielen größeren Städten. Sie wiederholten sich, trotz der un⸗ menschlichen Art und Weise wie von Seiten der Polizei gegen die Demonstranten vorgegangen wurde. Außerdem wurden gegen mehrere Beamte Attentate verübt; allein dreimal gegen den Moskauer Polizeimeister Tregow. Ju Moskau wurde der Rechnungsrat der Marschau⸗Wiener Eisenbahn, Wladislaus Ma⸗ lewski, ermordet aufgefunden. Ihn hatten die Arbeiter im Nerdacht, daß er die Gens⸗ darmen auf die sozialistischen Agitatoren unter ihnen aufmerksam mache. Außer dem wurde der Fabrikdirektor Szostkiewicz durch einen Messerstischermordet. Ihm warfen die Arbeiter vor, daß er sie der Polizei denun⸗ ziere.— Hoffentliche bereitet das russiche Volk 1 755 8 der Knutenherrschaft Väterchens ein Ende. Krieg in Südafrika. Ueber Erschtießung gefangener Buren durch australische Offiziere be⸗ richteten Londoner Blätter. Der Bericht stü tzt sich auf Angaben von Augenzeugen. Er be⸗ schreibt die Grausamkeit, mit welcher zwei von diesen Offizieren sich gegenüber den Ein⸗ geborenen und ihren eigenen Leuten während ihres Aufenthalts im wilden Buschfeld betrugen, und schließlich die Gefangennahme von zehn unbewaffneten Buren, die sich nach Pietersburg begaben, um sich zu ergeben. Es habe geheißen, daß die Buren 20,000 Pfund Sterling bei sich gehabt hätten, wodurch wahrscheinlich die Hab⸗ gier des Leutnants Hancock erregt worden sei. Darauf habe dieser ein Scheinkriegsge⸗ richt abgehalten und befohlen, die Buren zu erschießen. Eine Schwadron habe sich geweigert, den Befehl zu vollziehen, worauf er die zehn Buren durch Leute einer anderen Schwadron habe erschießen lassen. Später habe Hancock erfahren, daß ein deutscher Missionar um die Sache wußte, sei nach dessen Zelt gegangen und habe ihn totgeschossen. Leutnant Hancock sowie Leutnant Morant sind auf kriegsgericht⸗ liches Urteil erschossen worden, während zehn andere Angehörige jenes Truppenteils zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt wurden. — Das ist ja eine schöne Räuber⸗ und Mörder⸗ gesellschaft! Danach scheint es, daß die Offi⸗ ziere mehr verroht und verwildert sind, als die gemeinen Soldaten. Die Friedensverhandlungen dauern noch fort. Hoffnungen auf ein günstiges Resultat sind noch nicht aufgegeben, obwohl allem Anschein nach Steijn und Dewet die Be⸗ dingungen ablehnen, die Schalk Burger anzu⸗ nehmen bereit ist. Nach einer anderen Meldung schreiten die Verhandlungen, obgleich Schalk Burger fortwährend in Unterhandlungen mit Stejn und b steht, nur langsam fort in⸗ folge der großen Entfernung, welche die Mit⸗ glieder der Transvaal-Regierung von einander trennt. Ueber die Kriegslage im Allgemeinen erhält die„Rhein⸗Westpfäl. Ztg.“ ein längeres Schreiben eines deutschen Burenoffiziers, der auf das bestimmteste versichert, daß die Buren siegen müssen. Die Burensache stehe vorzüglich, näheres werde Deutschland durch Kommandant Fronemann erfahren, der dorthin unterwegs sei. Die Gesamtzahl der Burenstreiter betrage mindestens 20000 Köpfe, die Streitmacht Dewets 5000. Die Engländer halten lediglich die Bahnlinien besetzt, während die streifenden Buren⸗ Corps das platte Land beherrschen und zahl⸗ reiche Ortschaften in ihre Gewalt bringen. Krutzinger, der von den Engländern gefangene Burenkomandant, wurde vom Gericht freigesprochen. Er war des mehrfachen „Mordes“ angeklagt. Nun wird er als gewöhn⸗ licher Kriegsgefangener behandelt. Aus den Gewerkschaften. An den Osterfeiertagen haben mehrere Centralverbände ihre Verbandstage abgehalten. Es ist uns in Rücksicht auf den zur Ver⸗ fügung stehenden Raum nicht möglich, eingehend über die Verhandlungen derselben zu berichten, wir müssen uns deshalb damit begnügen, nur das Hauptsächlichste anzuführen. Der Textilarbeiter⸗Verband hielt seine Generalversammlung in Kassel ab. 75 Delegierte waren anwesend. Gegenwärtig zählt der Verband 29 740 Mitglieder; ihre Zahl hat sich leider in den letzten zwei Jahren * 7 Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 15. um ca. 12000 vermindert, was auf die er⸗ höhten Beiträge zurückgeführt wird. In den verflossenen zwei Jahren hat der Verband in der Hauptkasse eine Einnahme von 315,130,90 Mk. zu verzeichnen, der eine Ausgabe von 235,648,25 Mk. gegenübersteht. Der Bericht über die Streiks führt 41 Lohnbewegungen auf, über die dem Vorstand Berichte zu⸗ ingen. Beteiligt waren daran 8070 Per⸗ onen, die Gesamtkosten betrugen 192,894 Mk. Von den Streiks waren 12 erfolgreich, 12 teil⸗ weise erfolgreich und 17 erfolglos. Beschlossen wird u. A. die Gemaßregelten⸗Unterstützung auf 9 Mk. pro Woche festzusetzen und für jedes Kind unter 14 Jahren eine Mk. zu zahlen. Die Sätze für Krankenunterstützung werden je nach Dauer der Mitgliedschaft auf 2, 3, und 3,50 Mk. für die Woche festgesetzt. Der Verein deutscher Schuhmacher tagte in München. Diese Gewerkschaft hat eine Mitgliederzunahme von 1474 zu ver⸗ zeichnen, sie zählt jetzt 19 362 Mitglieder. Die Einnahmen der Organisation belaufen sich in den zwei Jahren auf 343,610,69 Mk., die Ausgaben auf 313,781,76 Mk.; das Vereins⸗ vermögen beträgt 86,350,76 Mk. Die Zahl der Lohnkämpfe in 357 Betrieben ist eine sehr erhebliche und verwandte die Organisation da⸗ für 133,207,52 Mk. In 105 Fällen in 1129 Betrieben regelten sich die Differenzen ohne Streiks, es ist also hier lediglich dem Einfluß der Organisation zu verdanken, wenn in 67 Fällen mit einem Erfolg für die Arbeiter die Differenzen beigelegt wurden. An Unter⸗ stützungen zahlte die Gewerkschaft in den letzten zwei Jahren 24844 Mk. aus. Der Verband der Maschinisten und Heizer hielt seine 6. Generalversammlung in Magdeburg ab. 43 Delegierte ver⸗ traten 111 Vereine mit 6000 Mitgliedern. Auch dieser Verband verzeichnete eine erfreu⸗ liche Mitgliederzunahme. Die Gesamteinnahme betrug 26,113,31 Mk., die Gesamtausgabe 22,695,71 Mk.— Lebhafte Diskussionen ent⸗ fesselte ein Antrag Brandenburg:„Die Miß⸗ stände in der Binnenschifffahrt zu beseitigen.“ Alle Redner entrollten ein trübes Bild über die Zustände auf den Flußdampfern. Der Verbands⸗Vorstand soll nachdrücklich für die Be⸗ seitigung dieser Mißstände eintreten.— Zum Sitz des Verbandes wird Berlin bestimmt. Ferner wurde die Einführung der Arbeits⸗ losen⸗Unterstützung beschlossen, sowie ein An⸗ trag angenommen, wonach die Zahlstellen ver⸗ pflichtet sind, sich den örtlichen Gewerkschafts⸗ kartellen anzuschließen. Auch die Metzger, deren Beruf bis⸗ her noch immer der Organisation mit am un⸗ zugänglichsten war, haben sich seit 2 Jahren in einer Gewerkschaft vereinigt. Allerdings ist der Verband noch schwach, er zählt erst 2400 Mitglieder, aber gegen die früheren Verhältnisse bedeutet das einen erfreulichen Fortschritt.— Bei dem in Berlin am Ostern abgehaltenen Verbandstage verzeichnete der Kassen-Bericht in Einnahmen und Ausgaben 9630 Mk.; für Unterstützungszwecke wurden 368 Mk. aus⸗ gegeben; für das Fachorgan 1767 Mk.; für Agitation 1214 Mk. ꝛc. Der Verbandstag beschloß die Errichtung eines Verbandbureaus mit einem besoldeten Beamten. Weiter wurde beschlossen, sich der Generalkommission an⸗ zugliedern. Von Uah und Fern. Hessisches. In der Zweiten Kammer hat der Abg. Wolf(Antis.) eine Anfrage an die Re⸗ gierung gerichtet, ob sie bereit sei, an die Kreisämter eine Verfügung zu richten, welche das Durchtrelben von Schafherden nichthessischer Besitzer im Interesse der Ver⸗ hütung der Verschleppung von Viehseuchen und der Verhütung etwaiger Flurschäden verbietet. — Ferner hat der Abg. Köhler⸗Langsdorf folgenden ausführlich begründeten Antrag ein⸗ gebracht: „Die verehrliche Zweite Kammer wolle be⸗ schließen, die Großh. Regierung zu ersuchen, alsbald mit dem Herrn Kommandeur der Hess.(25.) Division in Verhandlung einzutreten zwecks Einrichtung eines ständigen landwirt⸗ schaftlichen Lehrkursus für freiwillige Teilnehmer aus den Regimentern zu Darm⸗ stadt.“— In der ziemlich langen Begründung sagt Köhler neben vielen Verkehrheiten Manches, was wir für richtig anerkennen können. Er⸗ klärt er beisptelsweise, daß die Notlage in der Landwirtschaft am meisten von der ungenügen⸗ den beruflichen Vorbildung des Bauernstandes verschuldet sei, so wollen wir dem gerade nicht widersprechen. Wenn das aber früher von andern Leuten gesagt wurde, so überhäuften sie die Antisemiten mit all' den Liebeswürdigkeiten die ihr reichhaltiges Schimpfwörter⸗Lexikon aufweist.— Und wenn die Soldaten theore⸗ tischen Unterricht in der Landwirtschaft er⸗ hielten, wäre das jedenfalls besser, als wenn sie ihre Zeit mit dem nutz⸗ und zwecklosen Parademarsch und ähnlichen überflüssigen Dingen totschlagen. Noch mehr wäre aber dem Bauer und dem ganzen Volke gedient, man beseitigte das stehende Heer und führte Volks⸗ bewaffnung im Sinne des sozialdemokcatischen Programms ein. Für mehr Soldaten sind aber Köhler und seine Freunde stets zu haben gewesen, sind also mitschuldig an dem Schaden, der dem Bauernstand durch den wachsenden Militarismus zugefügt wird. Arbeiter, Genossen! Rüstet zur Feier des I. Mai! Gießener Angelegenheiten. — Aus dem Berichte des Kreisge⸗ sundheitsamtes. Im Jahre 1901 wurden in der Stadt Gießen 986 Kinder geboren gegen 1035 im Vorjahre. Von etwa 400 in der Klinik geborenen Kindern wohnen die Mütter nicht in Gießen. Verstorben sind 549 Personen, 319 männlichen, 230 welbl. Geschlechts. Einheimische waren davon nur 335. Die Sterblichkeitsziffer ist eine ziemlich niedrige, sie beträgt 12,9 auf 1000 Lebende. Im Säuglingsalter verstarben 106 oder 31 Prozent. An Scharlach, Diphtheritis und Keuchhusten verstarben 8 Kinder; die gefährlichste Kinderkrankheit ist Magen- und Darmkatarrh, woran 27 Kinder starben. Zum Teil dürfte dies auf unzweckmäßige Er⸗ nährung zurückzuführen sein.— 38 Personen starben an Lungenschwindsucht gegen 51 im Vorjahre. Die Feststellungen der Vorjahre ergeben, daß die Sterblichkeit an Schwindsucht im langsamen Abnehmen begriffen ist, eine Folge besserer Lebenshaltung eines Teiles der Bevölkerung. Mit der Lebenshaltung der Arbeiterschaft sieht es allerdings noch schlimm genug aus. — Die allgemeine Sterbekasse Gießen hatte seit der General⸗Versammlung, am 6. Dezember 1901 einen Zugang von 82 Mitgliedern zu verzeichnen und zählt nuamehr der Verein deren 1065.— Durch diesen Zu⸗ wachs, welcher sich wohl im Laufe des Jahres erhöhen dürfte, wird der Verein in der Lage sein, das Sterbegeld— wie dies seither immer der Fall war— bei der nächsten General⸗ Versammlung zu erhöhen. Bei jedem Sterbe⸗ fall eines Mitgliedes ist nur der geringe Bei⸗ trag von 25 Pfennig zu entrichten. Der Verein zahlt gegenwärtig ein Sterbegeld von 210 Mark, welcher Betrag eintretenden Falls sofort zur Auszahlung kommt. Anmeldungen zum Eintritt in die Kasse werden von dem 1. und 2. Vorsitzenden Herren Schneidermeister Georg Pfaff, Wallthorst. und Schuhmachermeister H. Seidewand, sowie dem Rechner Herrn H. Bruchhäuser jederzeit entgegen genommen. — Maifestzug. Das Gießener Gewerk⸗ schaftskartell hat beschlossen, bei dem diesjährigen Maifest am Sonntag, den 4. Mai einen Festzug zu veranstalten. Derselbe soll sich von Os⸗ walds Garten aus durch Kirch- und Schulstraße, Neue Bäue, Grünbergerstr. nach dem Stadt⸗ 8 walde zu bewegen, wo allgemeines Waldfest stattfindet. Günstiges Wetter vorausgesetzt natürlich. Für eine möglichst zahlreiche Be⸗ teiligung zu agitieren, muß jedes Gewerkschafts⸗ mitglied für seine Aufgabe halten. — Frühjahrs⸗Kontrollversammlungen finden im Bezirk Gießen vom 12.— 19. April statt. Am 14. und 15. April in Gießen; am 16. Vormittags und Nachmittags in Lollar; am 17. ia Grünberg; am 18. in Lich; am 19. in Hungen für die dazu gehörigen Ortschaften. — Sind die Kontroll⸗Versamm⸗ lungen notwendig? Die Erörterung dieser Frage dürfte angebracht erscheinen und wir sind der Meinnug, daß sie auch vom Standpunkt des heutigen Militarismus verneint werden kann. Schon bei der Beratung des diesjährigen Mllitäretats regte der freis. Abg. Bräsicke die Beseitigung der Kontroll⸗Versammlungen an. Er betonte dabei sehr richtig, daß ihr Wert bei dem heutigen Stande des Nachrichtendienstes, der Verbreitung der Zeitungen usw. ein sehr untergeordneter set, daß aber große Mas⸗ sen des Volkes, sowohl Arbeitnehmer als Arbeit⸗ geber, einen bedeutenden Vermögensnachteil dadurch hätten. Der Abgeordnete bezifferte den Schaden, der den beteiligten Kreisen durch die Versäumnisse, die hauptsächlich die in Accord⸗ sowie Stundenlohn Arbeitenden treffe, auf jährlich 4 bis 5 Millionen Mark. Was für einen großen Teil der Beamten(Bahn-, Post⸗ usw.) nicht nötig ist, sollte auch für die große Masse auch nicht notwendig sein. Denn die ersteren sind von der Teilnahme an den Kontrollversammlungen befreit. Nicht nur die Arbeiter, nein auch die Arbeit⸗ geber sind an einer Aenderung finanziell interes⸗ stert; denn es ist sicher für große Geschäfte eine ansehnliche Summe, die sie entsprechend dem 8616 des Bürgerlichen Gesetzbuches oder auf Grund gegenseitiger Abmachungen bei Tarif⸗ verträgen für die zweimal jährlich stattfindenden Kontroll⸗Versammlungen sozusagen zum Fenster hinauswerfen. Und den Kontrollpflichtigen ist doch wohl, wie man annehmen kann, mit der hierdurch bedingten„Uẽnterbrechung der Arbeit“ keine„Wohlthat“ erwiesen. Mit den Kontroll- Versammlungen kämen auch eine große Anzahl Strafen in Wegfall, die bei dieser Gelegen⸗ heit oft verhängt werden. Die Mannschaften des Beurlaubtenstandes würden jedenfalls froh sein, von dieser lästigen Fessel befreit zu werden und viele andere Leute mit ihnen. Das Volk muß das Bestreben der Beseitigung der Kontroll⸗Versammlungen unterstützen. Man sollte nicht ruhen, bis diese veraltete, auch für die Armee in ihrer heutigen Verfassung nutzlose Institution beseitigt ist.— — Größere Gelände- Ankäufe soll die Stadt Gießen in letzter Zeit gemacht haben. Wenn das mit zur Besserung der Wohnungs⸗-Verhältnisse bei⸗ tragen würde, wäre das nur mit Freuden zu begrüßen, Denn diese sind hier so schlechte, wie kaum in mancher Großstadt. — Theater. Das„Ibsen⸗„Theater giebt hier zwei Vorstellungen und zwar am Montag und Dienstag 14. und 15. April. Zur Aufführung gelangt am Montag:„Hedda Gabler“; am Dienstag:„Rosmers⸗ helm“, beide Stücke von Ibsen. Aus dem Rreise gießen. — Aus Watzenborn⸗Steinberg. Zu der An⸗ gelegenheit mit der Ostereierspende wird uns in Er⸗ widerung auf die Zuschrift des Hrn. Pfarrers Sommer⸗ lad in Nr. 13. ds. Bl. geschrieben, daß noch bis voriges Jahr fast sämtliche Confirmanden Eier gespendet haben. Außerdem betrage das Pfarr⸗Gehalt nicht, wie früher angegeben, 4000 Mk, sondern 4800 Mk. Der Einsen⸗ der versichert, daß ihn keineswegs Animosität gegen den Pfarrer leite, er wolle nur einem Mißstande entgegen wirken, der vielfach drückend empfunden werde.— Da⸗ rüber klagt uns übrigens auch eine Zuschrift aus Klein⸗ Al tenstädten bei Wetzlar. Dort bettelten die Kinder die Eier im Dorfe zusammen, Für den Pfarrer hat jedes Kind 12 Stück, für den Lehrer 6 Stück zu bringen. Nach unserer Meinung läge es im eigensten Interesse der Pfarrer und Lehrer, diese Einrichtung zu beseitigen. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Mit der Handwerksretterei wills in Wetzlar nicht recht vorwärts gehen. Bei der letzten Vollversammlung der Coblenzer arten 5. fänden. sehen eb werks Ind and kaun, 0 sostet. * oll der gung lllätt, Mittags hielmeh sch die lichten licht p lündige daß er weil de würden mit me nicht zi wenigst er sein nehmen stets st Mbeite Festeetz soll, m sollten kessen ewaigt Hinzuf gekünd weise ihm zu Mutun einem Wenn. sagt. U. 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Handwerkskammer zog man sogar die Auf⸗ lösung der Abteilung Wetzlar in Erwägung. „Der Vorstand war dahin übereingekommen, der Vollversammlung die Auflösung der Ab⸗ teilung vorzuschlagen, da sie bis jetzt weder von erheblichem Nutzen für den Kreis Wetzlar ge⸗ wesen sei, noch auch ein solcher Vorteil für die Zukunft zu erwarten sei.“ So heißt's in dem Bericht. Nur auf Zureden des Vorsitzenden der Abteilung nahm man nochmals von der Auflösung Abstand.— Sonderbar, wir hörten doch schon so oft die Verdienste eines Herrn um die Handwerker⸗Organisation in allen Ton⸗ arten preisen, daß man glaubte, die Innungen ständen in voller Blüte! Ja, die Handwerker sehen eben ein, daß die„Hebung“ des Hand⸗ werks mit Meistertitel, Befähigungsnachweis und andern schönen Dingen nicht bewirkt werden 155 sondern daß die Geschichte nur Geld ostet. * Herr Platzmeister Rademacher von der Sophienhütte sendet uns eine Berich⸗ tigung auf die Notiz in Nr. 13 zu, in der er erklärt, daß er nicht daran schuld sei, wenn die Mittagspausen der Arbeiter verkürzt würden, vielmehr schreibe die Arbeitsordnung vor, daß sich die Pausen nach der Art des Betriebes richten müßten.„Wem diese Arbeitsordnung nicht paßt, der kann sein Arbeitsverhältnis kündigen.“ Punktum. Weiter erklärt Herr R., daß er Abzüge um deswillen nicht machen könne, weil die Löhne von der Direktion festgesetzt würden.— Nun, wir meinen, es müßte doch mit merkwürdigen Dingen zugehen, wenn es nicht zu ermöglichen wäte, daß jeder Arbeiter wenigstens eine Stunde Mittagspause hat, damit er sein kärgliches Mittagsmahl in Ruhe zu sich nehmen kann. Ginge das nicht und wäre es stets so üblich gewesen, würden sich doch die Arbeiter nicht beklagen. Daß er ferner auf die Festsetzung der Lohnsätze ganz einflußlos sein soll, möchten wir sehr bezweifeln.— Allerdings sollten sich die Arbeiter zur Wahrung ihrer Inte- ressen zusammenschließen, dann erst können sie etwaigen Mißständen wirksam entgegentreten.— Hinzufügen wollen wir noch, daß einem Arbeiter gekündigt wurde, weil man in ihm fälschlicher⸗ weise den Einsender der Notiz vermutet, den ihm zu nennen uns Herr R. die beleidigende Zu⸗ mutung stellt. Sein Schreiben ist übrigens in einem Tone gehalten, daß wir uns nicht wundern, wenn den Arbeitern die Behandlung nicht zu⸗ sagt. h. Auch Einer. Der Kaufmann Adolf Becker aus Rodenroth wurde vorige Woche in Limburg wegen Sittlichkeits⸗Vergehen an einem achtjährigen Kinde zu 6 Monaten Ge⸗ fängnis verurteilt. Wir registrieren den Fall deswegen, weil es sich hier um einen Menschen handelt, der sich vor mehreren Jahren im Kampfe für Sitte und Ordnung besonders her⸗ vorthat. Damals denunzierte er einen unserer Genossen in Niedershausen wegen einer harm⸗ losen Aeußerung und wirkich wurde unser Freund damals infolge verschiedener mißlicher Umstände bei der Verhandlung zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt. Nun sitzt der Denunziaut wegen eines so gemeinen Verbrechens selbst im Loch! Solcher Helden giebts aber noch manche. aus dem Nreise Marburg-Rirchhain. St. Parteiversammlung. Die —nächste öffentliche Parteiversammlung findet am Samstag, den 19 d. M., abends 9 Uhr, im Jesberg'schen Lokale am Wehrdaerweg statt. Die Tagesordnung befaßt sich zunächst mit einer Besprechung über die nächstjährige Reichstagswahl; darauf folgt die Beschluß⸗ fassung über die Maifeier. Als dritter Punkt ist die Neuwahl eines Kolportagekommissions⸗ Mitgliedes zu erledigen, dem sich unter Punkt 1„Verschiedenes“ anschließt. In, Anbetracht der Wichtigkeit der beiden ersten Punkte ist es Pflicht der— 5 zu dieser Versamm⸗ lung zu erscheinen. re Der verantwortliche Redakteur der„Brandenburger Zeitung“, Gen. Arthur Meyer, früher hier in Marburg, hatte sich in einem Artikel mit der„Gottheit Christi“ beschäftigt. Das ist heutzutage nur bedingungsweise gestattet und da die Beding⸗ ungen nicht allenthalben erfüllt waren, so wurde der Redakteur zu zwei Wochen Ge⸗ fängnis verurteilt. — Konsum verein. In der am ver⸗ gangenen Samstag abend im Saale des Café Quentin dahier stattgefundenen, mäßig besuchten Versammlung des Konsumvereins referierte der Vertreter der Großeinkaufs⸗ genossenschaft in Hamburg, Herr De jung aus Mannheim über„Zweck und Nutzen der Konsumvereine“. Redner hob besonders hervor, daß bei den heutigen Teuerungsverhältnissen auch die Arbeiter gezwungen seien, sich zum gemeinsamen Einkauf der Lebensbedürfnisse zusammen zu schließen; nur dadurch sei es möglich, die Waren zum billigsten Tagespreise an die Mitglieder abzugeben. Der Zwischen⸗ handel verteure die Ware um 30—50 Pt., während der Unkostensatz der Konsumvereine nur 7—10 pCt. betrage und trotzdem noch Ueberschüsse erzielt würden. Der Referent schilderte in klarer und überzeugender Weise die Vorteile, welche die Konsumvereine ihren Mitgliedern bieten und erntete am Schluß seiner Rede lebhaften Beifall. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats teilte dann noch mit, daß die hiesige Verkaufsstelle bereits eröffnet sei (im Hause Metzgergasse Nr. 6) und forderte zu reger Benutzung auf. Mit einem Hoch auf die Genossenschaftsbewegung wurde alsdann die Versammlung geschlossen. — Ortskrankenkasse. Die statuten⸗ gemäße Frühjahrs⸗Generalversammlung der Marburger Allgemeinen Ortskrankenkasse findet am Mittwoch, den 16. April, abends 8 ¼ Uhr im Saale der alten Realschule(Luth. Kirchen⸗ platz) statt. Die Tagesordnung lautet: 1. Vorlage der Jahresrechnung pro 1901 und Bericht der Rechnungs⸗Revisoren; 2. Sonstige Kassenangelegenheiten.— Etwaige Auträge sind bis zum 15. d. M. auf dem Kassenbureau einzureichen. Wie Landarbeiter behandelt werden. Aus Blösien im Kreise Merseburg wird berichtet: Der bejahrten Wittwe Richter, welche mit ihrem vor nunmehr drei Jahren verstorbenen Ehemann und sämtlichen Kindern seit etwa 40 Jahren auf dem Fußischen Rittergute arbeitete, wurde aufgegeben, die von ihr seit langer Zeit benutzte Drescherwohnung zu räu⸗ men, und da das nicht schnell genug geschah, so erschien der Auftraggeber mit zwei Arbeitern, brachte sämtliche Möbel und Wirtschaftgeräte aus dem Hause und stellte sie unter freiem Himmel auf. Frau Richter mußte in der darauffolgenden Nacht bei vier Grad Kälte mit ihrer vor längerer Zeit auf demfelben Rittergut verunglückten Tochter, die als 15 jähriges Mädchen an der Dampfdreschmaschine ein Bein einbüßte, auf dem Sopha biwakiren. In die geräumte Wohnung aber zog sofort die unverehelichte D. mit ihren zwei Spröß⸗ lingen unbekannter Herkunft. Als besonders bemerkenswert verdient noch hervorgehoben zu werden, daß dem Ortsrichter, der ein Schreiben des Amtsvorstehers überreichte, in welchem derselbe um Einstellung der Räumung ersuchte, das Haus verboten wurde. Das Schreiben flog in Stücken in alle Winde. Vor fünf Jahren erhielt die Familie Richter vom land wirtschaft⸗ lichen Kreisverein für 35 jährige Dienstzeit ein Ehren diplom nebst Prämie; der älteste Sohn der Familie stand ebenfalls 17 Jahre auf dem Rittergute in Arbeit und büßte durch Ueberfahren sein Leben ein. Das ist der Dank vom agrarischen Hause! Rechtssprechung. Eheversprechen. Die frühere Inhaberin einer Fremden⸗Peuston zu Bad⸗Nauheim, Anna Lohmar, erhob auf Grund§ 1300 des B. G.⸗B gegen den Notar Dr. Pfeiffer zu Wörstatt eine Klage auf Entschädigung von . 15000. Sie stützt ihren Anspruch auf ein ihr von Dr. P. gegebenes Eheversprechen, das sich dieser weigerte jetzt zu erfüllen. Die Par⸗ teien hatten einige Zeit in intimem Verhältnis zu einander gestanden, das nicht ohne Folgen geblieben ist. Die Klägerin beansprucht besonders um des willen eine so hohe Entschädigung, weil ste hierdurch gezwungen gewesen sei, ihre Penston aufzugeben. Der Beklagte beantragte Abweisung der erhobenen Klage und begründet diesen Antrag wie folgt: Ehe er mit der Klägerin in intimen Verkehr getreten sei, habe ein rechtsgültiges Verlöbnis zwischen ihnen noch nicht stattgefunden. Wenn ein Eheversprechen von seiner Seite überhaupt stattgefunden habe, so sei dies erst nach dieser Zeit erfolgt. Mithin liege die Voraussetzung des§ 1300 B. G.⸗B., welche zur Geltendmachung des Entschädigungsanspru⸗ ches die Unbescholtenheit der verlassenen Braut vorausgesetzt, nicht vor. Das Landgericht, in Uebereinstimmung mit dem Oberlandesgericht, an welches die Sache in Folge eingelegter Be⸗ rufung gelangte, wies die Klage ab. Beide Gerichte gehen dabei, nach der„Frkf. Volksst.“ von folgenden thatsächlichen und rechtlichen Erwägungen aus: Klägerin habe den Beweis nicht erbracht, daß eine rechtsgültige Verlobung zwischen ihr und dem Beklagten vor Eingehung des intimen Verkehrs bestanden habe. Ein späteres Eheversprechen komme nicht in Betracht, da eine verlassene Braut, sofern ste bereits vor dem Verlöbnis mit ihrem früheren Verlobten intim verkehrt habe, nicht mehr, wie der§ 1300 B. G.⸗B. es erfordere, als unbescholten anzu⸗ sehen sei, und ihr deshalb auch kein Recht Zaf Entschädigung zusteht. Partei-Nachrichten. Wilhelm Liebknecht, der vierte Sohn unseres verstorbenen„Alten“, ist bei der Universität Berlin mit dem Prädikat magna cum laude(„mit großem Lobe“) zum Doktor promoviert worden. Er hat acht Semester zu Berlin Nationalökonomie und daneben Geschichte, Philosophie und Jura studiert und gehört zu den Schülern von Schmoller, Sering und Adolf Wagner. Seine Dissertation, die später in weiterem Umfange erscheinen wird, ist ein Beitrag zur Geschichte der Werttheorie in England. In Stuttgart wurde an Stelle des Genossen Kloß, Vorsitzender des Holzarbeiter-Verbandes, der zur Zeit den ersten württembergischen Reichstagswahl⸗ kreis vertritt, Genosse Hildenbrand, Redakteur der Stuttgarter Tagwacht, als Reichstagskandidat für die nächste Wahl nominiert. Kloß lehnt ab, weil die Aus⸗ übung des Landtags- und Gemeinderatsmandats keine genügende Zeit übrig läßt. An die Partei Vertrauensleute im Wahl⸗ kreiße Gießen⸗Grünberg⸗ Nidda! Bestellungen auf Maifestzeitungen urd Festabzeichen müssen bis 8. April bei mir oder der Expedition der Mitteldeutschen Sonntgs.⸗Ztg. eingelaufen sein. Andernfalls kann für rechtzeitige Lieferung nicht garantiert werden. A. Bock, Kreisvertrauensmann Gießen, Dammstr. 22. Versammlungskalender. Samstag, den 12. April. Soz.⸗dem. Wahlverein. Uhr Versammlung bei Orbrig. T.⸗O.: 1. Politische Lage“ Ref. Vetters, 2. Maffeier. Marburg. Buchdrucker. Abends 9 Uhr. Bezirks⸗ versammlung bei Jesberg. Abends 9 Gießen. „Die Briefkasten. Alsfeld, Odenhsen und Wetzlar. Mußte auf nächste Nr. zurückgestellt werden. D. R. D. Kaminka Uhrmacher Giessen, Marktplatz 18. Vorteilhafte Bezugsquelle für Uhren, Gold⸗ Silberwaren Schnellbesohlanstalten Wolkengasse 20, Schlossgasse 5 Johannes Hecker besohlt billig. besohlt schnell, besohlt gut. Seite 6. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 15. b Unterhaltungs-Ceil. ———— 2 Im Stillen erblüht. Von E. Langer. „Fritz, stehe auf. Es ist halb fünf,“ rief eine Frauenstimme in der noch dunklen Stube, in der das kräftige Schnarchen eines Mannes hörbar war. Als sich auf den Ruf nichts rührte, wurde er ungeduldig wiederholt.„Ja, Auer ertönte es dann von einer schlaftrunkenen inderstimme, und aus dem Knarren einer Bettstatt zu schließen, machte das Kind Anstalt, dem Befehle Folge zu leisten. Dann wurde es aber wieder still und nun erhob sich die Frau und rüttelte den kleinen Schläfer, einen Knaben von acht Jahren, mit einem„Nun, wird's bald?“ unsanft aus dem Schlummer, der ihn von Neuem überwältigt hatte, auf. Brummend über den„faulen Bengel,“ suchte ste dann wieder ihr Lager, das sie mit zwei jüngeren Kindern teilte; Fritz hatte indeß ein dünnes Höschen angestreift, die übrigen Kleider zusammengerafft und war damit in die anstoßende Küche gegangen, wo er sich in einer irdenen Schüssel flüchtig Gesicht und Hände wusch und, bebend vor Frost, vollends ankleidete. Darauf nahm er aus einer Ecke des Herdes ein Latern⸗ chen, das er anzündete und vorn an seinem Rocke befestigte. So ausgestattet, verließ er die im fünften Stocke eines Hinterhauses gelegene Wohnung und das Haus, in dem es bereits lebendig ward von Arbeitern, die an ihr Tage⸗ werk eilten. Einen Augenblick wimmelte der schmale Hof von ihnen, so daß Fritz in der Dunkelheit gegen Diesen und Jenen anrannte. Wohin ging das Kind in so früher Morgen— stunde?— Ihr habt wohl von den Wichtelmännchen gehört, die in vergangenen Zeiten dem Menschen freundlich zur Seite standen, ihm seine Arbeit in der Nacht, während er schlief, verrichteten, so daß die Hausfrau, die Magd, oder der Knecht, was sie Abends halb fertig zurückgelassen, am Morgen fein säuberlich vollendet fanden. Schon lange, lange sind diese hilfreichen Hausgeister⸗ chen aus der Welt verschwunden, weil die Menschen ihnen nachspürten und undankbar egen sie waren. Aber das kleine menschen⸗ Föundiche Volk ist nicht ohne Erben geblieven. In unseren Tagen ist eine andere Generation von Wichtelmännchen aufgetaucht, nur daß sie keine Geister sind, sondern Wesen von Fleisch und Blut, die, wenn Alles noch im tiefen Schlummer liegt, von Haus zu Haus, von Treppe zu Treppe huschen und das frisch ge⸗ backne Frühstücksbrot in die Beutelchen stecken, die der Spätheimkehrende außerhalb der Korri⸗ dorthüren hängen sieht.—„Semmeljungen“ nennt man diese heutigen Wichtel männchen, sieben⸗ bis zehnjährige Knaben, die der Bequem⸗ lichkeit des großstädtischen Haushalts drei Stunden Morgenschlaf opfern müssen, und ein solcher Semmeljunge war unser Fritz. Ein schneidender Ostwind empfing den Kleinen auf der Straße. Sein dünnes Höschen zu⸗ sammenziehend, mußte er mit vorgebeugtem Körper gegen den Wind ankämpfen. Hu! wie er ihm durch und durch ging, ihm den Atem ver⸗ setzte, um die Ohren pfiff und heulte! Bei den Straßenecken erfaßte ihn ein förmlicher Wirbelsturm, der ihn wie ein Kretsel um und um drehte, ehe es ihm gelang, seinen Weg fort⸗ usetzen. Der Bäcker, von dem er das Früh⸗ stücsbrot abzuholen hatte, wohnte ein gutes Stück entfernt vom Hause, aber in der Back⸗ stube war es so köstlich warm. Der bloße Gedanke daran belebte seine erstarrten Glieder. Und nach vollendetem Geschäft gab's dort auch ein Topf Kaffee nebst Schrippen,“) und wenn der Monat um war, ganze vier Mark. Was konnte die Mutter nicht Alles für diese vier Mark kaufen! drei, vier Tage konnten sie da⸗ ) In Berlin Bezeichnung für Brödchen. von leben. Wie stolz fühlt er sich jedesmal, wenn er ihr das Geld einhändigte! Freilich, der Louis Hübner, sein guter Freund und Flur⸗ nachbar, der hatte es besser, der konnte im warmen Bett liegen und seine Mutter hätschelte ihn, obgleich sie auch nur eine arme Frau war. Aber sie hatte nur den einen Jungen, während bei ihnen drei Mäuler zu füttern waren.„Na, wartet nur, wenn ich erst ganz groß sein werde, dann sollt Ihr es gut haben, besonders Mutter und Vater. Ach Gott ja, auch der Vater—“ Das Bäckerhaus war erreicht. Der warme Brotgeruch duftete dem Knaben verlockend ent⸗ gegen und in der heißen Luft der Backstube blühte das Kind förmlich auf. Schade, daß der Geselle den Korb für Fritz so schnell packte, aber schon die kurze Spanne Zeit genügte, Letzteren zu durchwärmen, so daß er die Kälte draußen weniger empfand. An solch bösen Tagen wie dem heutigen stand es bei ihm fest daß er Bäcker werden wollte, und er malte! sich das Behagen aus, in dem sie Alle dann leben würden. Dabei trabte er immer vorwärts, so schnell er konute. Dort war auch schon der Wacht⸗ posten, an dem er täglich vorbei mußte. Die noch brennenden Straßenlaternen warfen ihren zitternden Schein über das Schilderhaus, vor dem der in seinen Mantel gehüllte Soldat mit geschultertem Gewehr, die Hände in die Aermel versenkt, auf⸗ und abstampfte, um nicht vor Kälte zu erstarren. Unserem Fritz that der Mann herzlich leid. Unwillkürlich blieb er stehen. Nein, Soldat wollte er nicht werden. Bei der Kälte Wache stehen, in stockfinsterer Nacht, sich nicht vom Flecke rühren dürfen! Brrr! da hatte er es doch besser. Er konnte sich warm laufen und am Ende winkte ihm die Backstube mit Kaffee und Schrippen. Der arme Mann äße gewiß auch gerne eine warme Schrippe, fuhr es unserem Semmeljungen durch den Kopf, und ohne sich weiter zu bedenken, that er einen Griff in seinen Korb. Aber als großstädtisches Kind und als aufgeweckter Knabe, der er war, wußte er, daß der Wachtposten weder etwas nehmen, noch angeredet werden durfte. Wie sollte er ihm das Brot nun zukommen lassen? Halt, neben dem Schilderhaus befand sich das niedere Wachtstubenfenster. Da konnte er das Brot hinlegen. Wie gedacht, so gethan,„Ist das für mich?“ fragte der Wachtposten, welcher das Thun des kleinen Laternenträgers auf⸗ merksam beobachtet hatte. Dieser nickte stumm und rannte eilends davon. Jetzt war er in seinem Revier angelangt. Nun ging's Trepp' auf, Trepp' ab in den noch dunklen Häusern. Und noch andere Knaben fanden sich ein, die für andere Bäcker das Früh⸗ stücksbrot austrugen, Jeder mit seinem Korb und seinem Laternchen. Wie Irrlichter tanzten sie durcheinander, ohne daß je Eines sich in der Thür und den daran hängenden Beutel irrte. So gut hatten sie ihre Kunden und die Zahl der ihnen bestimmten Brötchen im Kopfe. Fritz hatte an die fünfzig Kunden zu bedienen, was ihn volle zwei Stunden beschäftigte. Erst gegen sieben Uhr war er fertig und zu seinem Schreck hatte er für den letzten Beutel eine Schrippe zu wenig. Daran hatte er garnicht gedacht, als ihn sein gutes Herz getrieben, den frierenden Wachtposten zu erquicken. Er mußte es dem Meister anzeigen, ehe es dieser von dem benachteiligten Kunden erfuhr. Das war nun freilich schlimm. Aber was! er würde heut nur eine Schrippe essen und morgen die fehlende nachliefern. Der Bäckermeister schmunzelte bei dieser Mitteilung des Knaben, machte aber schnell eine strenge Miene und sagte:„Nun ja, ja, hungere Du nur Deine Wohlthat ab.“ Dem Gesellen aber gab er einen Wink, ihm die üblichen zwei Schrippen zuzuteilen. Ach, wie schmeckte nun der braune Aufguß, der mehr Zichorien⸗ brühe als Kaffee war, aber das durchfrorene Kind wonnig durchwärmte! Zu Hause angekommen, tönte ihm auf der Treppe ein wüster Lärm aus der elterlichen Wohnung entgegen. Die Mutter schalt, die Kinder schrien und dazwischen hörte man die heisere Stimme des Vaters, der in der Nacht, wie in der letzten Zeit schon häufiger, trunken nach Hause gekommen war. Aber wenn seine Stimme auch rauh und heiser klang, so gab er der Frau doch keine bösen Worte. Im Gegen⸗ teil, er suchte sie zu begütigen und versprach ihr heilig und gewiß, sich nie wieder vom Schnaps⸗ teufel verleiten zu lassen. Sie aber ließ nicht ab mit Kneifen und Schelten, nannte ihn einen Lumpen und Lüderjahn, drohte, sich und die Kinder zu ersäufen, und tobte in einer Weise daß Mann uud Kinder, Fritz nicht ausgenommen, der bestürzt in der geöffneten Thür stehen ge⸗ blieben war, sich vor Schreck nicht zu regen wagten. Und doch war die Frau keineswegs bösartig von Natur. Nur die Selbstsucht hatte in ihr von früh auf, wie der Wurm in der Blüte gesteckt, und das Unglück, das sie gehabt, nur dazu gedient, ihr Gemüt zu verhärten. Kein schmuckeres und fröhlicheres Mädchen hatte es gegeben, als Marie Grunert, als sie noch daheim auf dem großen Gute gelebt, auf dem ihr Vater Milchfuhrmann gewesen war. Jedermann hatte sie gern gehabt, von der Guts⸗ herrschaft bis zum letzten Holzknecht. Jeder⸗ mann hatte ihr etwas Schönes gesagt und etwas Freundliches erwiesen, bis sie schließlich geglaubt, daß die ganze Welt sich nur um ste drehe. Vater und Mutter hatten die böse Anlage Marien's ebenfalls genährt, indem sie ihr stets den Willen ließen; als die Mutter aber starb und der Vater eine zweite Frau nahm, da wurde es anders. Die Stiefmutter wollte Mariens Eigenwillen nicht dulden, und so hatte sich diese kurz und gut entschlossen, nach der Stadt, nach der ihr Sinn schon lange gestanden, und in Dienst zu gehen. Der Vater war zu schwach, sie an ihrem Vorhaben zu hindern und der Stiefmutter konnte nichts Lieberes geschehen. Wenn Marie aber geglaubt, in der Stadt ein angenehmeres Leben führen zu können, so hatte sie sich arg verrechnet. Sie wechselte anfangs rasch den Dienst, weil sie sich nirgend fügen wollte, bis sie endlich in ein vornehmes Haus kam, in dim sich die Herrin nicht viel um die Dienstleuté kümmerte. Hier hatte sie denn viel freie Zeit und das führte zu ihrem ersten großen Unglück. Die hübsche schlanke Dirne mit den schwarzen Augen hatte bald einen Schwarm Anbeter hinter sich gehabt, unter diesen war Einer gewesen, dessen schmuckes Aeußere und glatte Worte das unerfahrene Ding bethört hatten. Mit den heiligsten Eiden hatte er ihr die Ehe versprochen, dann aber war er eines Tages spurlos verschwunden und Maria sah sich der Schande preisgegeben. Es war eine furchtbare Entdeckung für sie. Was sollte sie beginnen? Ihr erster Gedanke war, sich das Leben zunehmen, und oft schlich sie in die Nähe des Wassers und schaute über das Geländer der Brücken in die trübe Flut. Aber das er⸗ griff sie jedesmal ein Schauder; sie hatte mehr⸗ mals Wasserleicheu gesehen, sie sahen so gräß⸗ lich aus; nein sie wollte nicht, daß sie einmal am hellen Tage so daläge und von Gaffern umstanden würde. Nachdem sie den Selbstmord⸗ gedanken aufgegeben, war ihr ganzes Sinnen und Trachten nur darauf gerichtet, wie sie sich des Kindes entledigen könnte. Tag und Nacht grübelte sie darüber nach. Welche Sünde sie gegen das keimende Leben damit beging, kam ihr nicht in den Sinn. Ein furchtbarer Ent⸗ schluß jagte den anderen. Bald wollte sie das Kind erdrosseln, bald ertränken, es bald im Keller, bald im freien Feld vergraben, fortge⸗ schafft mußte es werden, das stand bei ihr fest. Sich zeitlebens mit diesem Kinde schleppen, die Schande und Demütigung vor ihren Leuten er⸗ tragen, das vermochte sie nicht, und sie war überzeugt, daß wenn sie es klug anfinge, es ihr gelingen würde, das Kind heimlich bei Seite zu schaffen, wie es ihr denn auch gelang, ihren Zustand vor den Hausgenossen zu verbergen. (Fortsetzung folgt.) Schonet die„Kätzchen“! Die Unsitte, daß Erwachsene und Kinder die ersten Triebe von Weiden u. s. w., die sog. Kätzchen abreißen und nach Hause tragen, kann 0 del lesse r. uterlass — Anekt Ftlftr. ben: 5 iche N ic gesotb gell o fall vorzu Aae st Nensd abe gest Als in ee Haupt⸗ deren Wi kechische, d Haupt wagten bon m Sylb nem Leu Uhr bre ibu. Imern de Poriser 9. ein Spiel. eingeschürft ju Act zr Um J dem Paris dann:„ „Denk weil's doc dach zu des Oos A Fran aber gene Jun eine Bros suaße 2 stunder der Hygit hediegene werbenden Forderun überzeuge lag für leben, fir Staatzwe lange Ar großer N id it ledem zu Gcli — 13.9 Scriftste haftet ließ nicht ihn einen und die ner Weise eommen sehen ge⸗ zu Legen bözartig te in ihr er Blüte habt, nur 8 Mädchen elebt, auf ksen war. der Guts . 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Humoristisches. Anekdoten aus Alt⸗Frankfurt erzählt die — Folgende seien davon wiederge⸗ geben: Ein Finanzmann erhielt an der Börse die telegra⸗ phische Nachricht, daß seine Schwiegermutter plötz⸗ lich gestorben sei. Er eilte sofort nach Hause, um seine Gattin so schonend als möglich auf den Trauer⸗ fall vorzubereiten, und fand diese nichtsahnend am Klavier sitzen. Da rief er empört aus:„Wie kann e' Mensch Klavier spiele, wenn em sei Mutter ebbe gestorbe is!“ * 9*. Als im Jahre 1833 am 3. April die Studenten dle Haupt⸗ und Konstablerwache stürmten, besetzten nach deren Wiedereroberung abwechselnd, preußische, öster— reischische, Frankfurter Linientruppen und Stadtwehr die Hauptwache. Die beiden erstgenannten Truppenteile waren vom Bundestag von Mainz her beordert worden. Am Sylvestertag 1833 hatte die Stadtwehr mit einem Leutnant die Hauptwache bezogen. Abends um 7 Uhr brachte eine Patrouille ein„verdächtiges“ Indi⸗ viduum. Der Leutnant befahl, ihn auf die Pritsche im Innern der Hauptwache zu setzen und zog sich in den Pariser Hof zurück, um seinen Schoppen zu trinken und sein Spielchen zu machen, nicht ohne seinem Feldwebel eingeschärft zu haben, auf das verdächtige Individuum ja Acht zu geben. Um Mitternacht kommt der Leutnant wieder aus dem Pariser Hof zurück.„Prosit Neujahr,“ sagte er, und dann:„Wo ist denn der Kerl?“ „Denke Se aa, Herr Leutnant, mer hawwe uns, weil's doch Neujohr is, Punsch gemacht, hawwe dem aach zu trinke gewe, gutmütig wie mer is, und als des Oos e Bisse in'n Kopp krieht hot, hot er aagefange uf Frankfort zu räsoniere. Do hawwe mer'n aber genomme und hoben ihn'nausgeschmisse.“ Litterarisches. Zum ersten Mai hat Robert Seidel(Zürich) eine Broschüre bei Rich. Lipinsky in Leipzig, Lange⸗ straße 27 erscheinen lassen, betitelt:„Der Acht⸗ stundentag vom Standpunkt der Sozialökonomie, der Hygiene, der Moral und Demokratie.“ Es ist eine gediegene Agitationsschrift, in der der Verfasser mit werbender Kraft und jugendfrischer Begeisterung für die Forderung des Achtstundentags eintritt. Trefflich und überzeugend weist er nach, wie notwendig der Achtstunden⸗ tag für die Gesundheit, für ein gedeihliches Familien⸗ leben, für die Moral und ein wirkliches demokratisches Staatswesen ist; wie notwendig es ist, die vertierende lange Arbeitszeit zu verkürzen. Das Büchlein ist mit großer Wärme schlicht und leicht verständlich geschrieben und ist deshalb die Anschaffung der billigen Schrift jedem zu empfehlen.— Der Preis beträgt 10 Pfg. Bestellungen nimmt unsere Expedition gerne entgegen. Geschichtskalender. 13. April. 1894: Ludwig Pfau, demokratischer Schriftsteller, gestorben. 1598: Edikt von Nantes garantiert Religionsfreihett in Frankreich. 14. 1879: Attentat Solowieff's auf Zar Alexander II. 1865: Ermordung des amerikanischen Präsidenten Abra⸗ ham Lincoln. 15. 1832: Wilh. Busch, beliebter Humorist und —Karrikaturenzeichner, geboren. 1881: Sophie Perows⸗ kaja und 3 Genossen(Nihilisten) in Petersburg gehängt. 1888: Josef Dietzgen, bedeutender sozialdemokratischer Schriftsteller und Agitator in Amerika gestorben. 16. 1863: Lassalle spricht zu den Leipziger Arbeitern. 17. 1867: Annahme der Verfassung des nord⸗ deutschen Bundes. 1790: Benj. Franklin, amerika. Staatsmann., Erf. des Blitzableiters gestorben. 18. 1873: Chemiker J. v. Liebig(von 1821—52 Professor in Gie gen) in München gestorben. 1901: Waldersee's„unverbrennliches“ Asbesthaus brennt in Peking ab. 19. 1775; Beginn des nordamerik. Freiheitskrieges. 1882: Charles Robert Darwin gestorben. ö Con- fmanden⸗ Keeider! 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Es ist dies das bekannte Verdauungs⸗ und Blutreinigungsmittel, der Hubert Ulrich'ce Kräuter-Wei n.] el le rauter-Wel l.; ieser Kräuter Wein ist aus vorzügliche g, heilträftig efundenen Kräutern mit gutem Wein bereitet, und ärkt und belebt den ganzen Verdauungsorganismus es Menschen, ohne ein cbführungsmittel zn sein. Kräuferwein beseitigt alle Störungen in den Blut- efäßen, reinigt da⸗ Blut von allen verdorbenen, krankmachenden Stoffen und wirkt fördernd auf die Neu- a bildung gesunden Blutes. urch rechtzeitigen Gebrauch des Kräuter⸗Weines werden? Magenübel meist schon im Keime erstickt. Man sollte also icht säumen, seine Anwendung allen anderen scharfen, ätzen⸗ den, Gesundheit zerstörenden Mitteln vorzuziehen. Alle Sym [tome wie: Kopfschmerzen, Aufstossen Sodbrennen, Bla fungen, Uebelkeit mit Erbrechen, i bei chronischen veralteten) Magenleiden um so heftiger auftreten werden oft nach einigen Mal Trinken beseitigt. und deren unangenehme Folgen Stuhlverstopfung wie: Beklemmung, i en, Herzklopfen, Schlaflosigkeit, sowie Blutanstauungen in Leber, Milz und Pfortadersystem(Haämorrhoidalleiden) werden durch Kräuter⸗Wein rasch und gelind beseitigt. Kräuter⸗Wein behebt jedwede Unverdaulichkeit, verleiht dem Verdauungssystem einen Aufschwung und entfernt durch einen leichten Stuhl alle untauglichen Stoffe aus dem Magen und Gedärmen. Hageres, bleich. Aussehen, Blutmangel, 7 3 sind meist die Folge schlechter Verdaunng, 8 Entkräftung mangelhafter Blutbildung und eines krank⸗ haften Zustandes ber Leber. Bei gänzlicher Appetitlosigkeit unter nervöser Abspannung und Gemüthsverstimmung, sowie häufigen Kopfschmerzen, schlaflosen Nächten, siechen oft solche Kranke langsam dahin. 8 Kräuter⸗Wein giebt der geschwächten Lebenskraft einen, frischen Impuls KkKräuter⸗Wein steigert den Appetit, befördert Verdauung und Ernährung, regt den Stoffwechsel kräftig an, beschleunigt und verbessert die Blutbildung, beruhigt die erregten Nerven? und schafft dem Kranken neue Kräfte und neues Leben. 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