pstunden mittags; Nr. 2. Gießen, Sonntag, den 12. Januar 1902. 9. Jahrg. Redakn: 2 Redaktionsschluß: Kirchenplatz 11öchloßgasse. Mitteld eutsche e l Na 4 Uhr. 8 N* int Abnementspreis: Die Mitteldeutsche untags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger srei ins zus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogevierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und die Expedition unter reuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4940) D Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Partei un Gewerkschaft. Ueber diesen inen letzten Jahren innerhalb der Partei⸗ und Oerkschaftskreise öfters er⸗ örterten Gegenstar enthält das neueste Heft der„Sozialistischentonatshefte“ einen längeren Artikel aus der der des Genossen Au er. Möglich, daß ihm e Debatten über den Ham⸗ burger Akkordmaur⸗Streit Veranlassung ge⸗ geben haben, das erhältnis der Sozial demo⸗ kratie zu den Geweschaften nochmals ausführ⸗ lich darzulegen. iser alter und verdienter Genosse tritt zunäst der oft aufgetretenen Behauptung ens geg, daß die leitenden Partei⸗ kreise der Gewerkseftsbewegung unsympathisch oder gar feindlich genüber ständen, schildert die gewerkschaftlich Entwickelung der letzten vier Jahrzehnte ur weist nach, daß es die Führer der Sozildemokratie in Deutsch⸗ land waren, welch den Arbeitern die erste Anregung zur gewkschaftlichen Organisation und dieser selbst jel und Richtung gaben. Er weist darauf hi, wie gerade die Genossen York, Fritsche die Brüder Kapell, Grottkau, Bock Botha) sich in den siebziger Jahren die denkba größte Mühe gaben, die gewerkschaftliche Bhegung zu fördern. Von eiuer Eifersüchtelei zwischen dieser und der Partei sei damalskeine Rede gewesen. Erst unter der Herrschaf des Sozialistengesetzes sei der Versuch gemack worden, die gewerkschaft⸗ lichen Organtsatiom in einen Gegensatz zur politischen Arbeiterartei zu bringen und so Zwist in die Reihi der Arbeiter zu tragen. Das gelang allerdigs nicht, die damals in den von der Poli geduldeten Fachvereinen befindlichen Arbeite schlossen sich enger an die Partei an. Auer erwähnt ann noch die Verhandlungen auf dem Kölner Peteitage, wo zum erstenmale Klagen gegen die Partei aus Gewerkschafts⸗ kreisen erhoben wude und fährt dann fort: „Mit dem Wasstum und der gewaltigen Ausdehnung der(ewerkschaften während der letzten geschäftlichen Blüteperiode haben sich für diese neue Freund eingefunden, von deren Vorhandensein früer niemand eine Ahnun, gehabt hatte. Dise neuen Freunde sind fa durchweg aus bürerlichen Kreisen gekommen. Ihnen allen ist gereinsam, daß, so warm auch ihre Herzen für die ewerkschaftliche Bethätigung der Arbeiter schlaga, sie doch Anstoß nehmen an der angeblichen Zugehörigkeit der freien Gewerkschaften zur sozialdemokratischen Partei. Diese Zugehörigkei soll aufhören, die Gewerk⸗ schaften sollen sic auf neutralen Boden stellen, dann— so prophezeien sie— wird das goldene Zeitalter fir die Gewerkschaften kommen. Das neue Schlagvort von der„Neutralität der Gewerkschaften“ hat merkwürdigerweise so⸗ wohl in Partei⸗ wie in Gewerkschaftskreisen Anhänger gefunder. Meiner Ansicht nach sehr zu Unrecht. Somit es sich darum hand daß der Eintritt in seine 7 f. Fachgenossen offen stehen müsse, ohne gu auf seine politische und religiöse Gesinnun dieser Standpunkt von den freien Gewerks⸗ von jeher festgeha ten worden. In dies werkschaften hat 8 nie einen Revers wonach irgend eine Meinung abgeschwor beschworeu werden sollte. Schon ein ei b bringen wollte. 1 Vergleich der Mitgliederlisten der sozialdemo⸗ kratischen Parteivereine mit denen der Gewerk⸗ schaften würde ergeben, daß den letzteren Zehn⸗, ja Hunderttausende von Arbeitern angehören, die nie Mitglied eines sozialdemokratischen Vereins gewesen sind. Man kann vom partei⸗ genössischen Standpunkte aus diese Thatsache bedauern, aber sie steht fest und beweist, wie falsch die Unterstellung ist, daß die sogenannten freien Gewerkschaften Anhängsel der sozialde⸗ mokratischen Partei seien. Neutral in dem Sinne, daß jedem Berufsgenossen der Eintritt offen stand, ohne daß er nach seinen politischen oder religiösen e ee auch nur gefragt wurde, sind, wie gesagt, die freien Gewerkschaften stets gewesen; und abgesehen von einigen Heiß⸗ spornen, die aber nie maßgebenden Einfluß gewinnen konnten, hat auch niemand daran gedacht, diesen Charakter zu ändern. Wenn dabei die Gewerkschaften soweit die politischen und beruflichen Interessen ihrer Mitglieder und deren Wahrnehmung im Parlament in Betracht kommen, sich in erster Linie und mit besonderem Vertrauen an die Abgeordneten der sozialdemo⸗ kratischen Partei wenden, so ergiebt sich dies von selbst aus der Eigenschaft der letzteren als Vertreter der Arbeiterklasse. Arbeiter, die sich über ihre Interessen klar sind, können eben die Wahrnehmung derselben nig in die Hände von Vertretern der Bourgeoist egen. 805 natürliche Verhältnis zwischen den freien Gewerkschaften und der politischen Orga⸗ nisation der Arbeiterschaft ist es, was den bürgerlichen Neutralitätsschwärmern im Wege steht. Es hindert aber doch niemand die Ver⸗ treter der bürgerlichen Parteien in den Parla⸗ menten, sich der Arbeiterinteressen in entschiedener Weise anzunehmen. Indes mit fast verschwin⸗ denden Ausnahmen, hüten diese sich davor. Wohl aber möchten sie gern die Arbeiter als Wähler angeln. Und hier soll nun die Neu⸗ tralitätslehre als Köder dienen. Neutralität der Gewerkschaften in diesem Sinne bedeutet aber nicht Unabhängigkeit der gewerkschaftlichen Organisationen von der politischen Partei— die besitzen die freien Gewerkschaften heute schon—; nein, diese Art Neutralität verfolgt den Zweck, das durch die Natur der Klassen⸗ zugehörigkeit gegebene Band der Solidarität zu zerreißen, die Arbeitergewerkschaften von der politischen Arbeiterpartei abzurücken. Um diese zu bewirken, dazu dient bald die eine Mär, daß die politische Partei den Gewerkschaften nicht günstig sei, bald die andere, daß sie sich eine Art Bevormundung über dieselben anmaße. Beiden Behauptungen widersprechen die Thatsachen. Aber der Zweck muß auch hier die Mittel heiligen. Wie wenig ernst es aber die Anhänger der Neutralität mit dieser ihrer Forderung nehmen, wenn sie durch die Fort⸗ lassung derselben ihre Zwecke besser zu erreichen glauben, das zeigte sich gelegentlich der Aus⸗ einandersetzungen aus Anlaß der Hamburger Akkordmaurerfrage in eklatanter Weise. Wenn die Anhänger der Neutralität sich in diese Sache einmischen wollten, so konnte dies von ihrem Standpunkt aus konsequenterweise nur in der Richtung eines Einspruchs dagegen ge⸗ schehen, daß man diese rein gewerkschaftliche Angelegenheit vor das Forum der Partei Sie nahmen aber gerade die entgegengesetzte Haltung ein. Die wahre Neutralität der Gewerkschaften, die sich in der Aufnahme aller Berufsgenossen zeigt, hindert diese nicht, mit anderen Organi⸗ sationen, die ehrlich bestrebt sind, die Lage der Berufsgenossen zu heben, zu gemeinsamer Arbeit in Verbindung zu treten. Dieser Neutralität wird jeder Parteigenosse und Gewerkschafter zustimmen müssen. Den wirklichen ge⸗ werkschaftlichen Aufgaben wird jeder Parteigenosse seine Unterstützung an⸗ gedeihen lassen müssen; nicht jeder Gewerkschafter aber braucht Sozial⸗ demokrat zu sein. Partei und Gewerkschaft haben sich bisher in ihren Kämpfen stets unterstützt und so lange der proletarische Klassenkampf nicht aus der Welt geschafft ist, wird es auch in Zukunft so bleiben müssen. Den Gewerkschaften aber den Rat geben, sich gegen die sozialdemokratische Arbeiterpartei zu neutralisteren, um dadurch bündnisfähig für jene bürgerlichen Elemente zu werden, die ein„warmes Herz“ für die „berechtigten“ Forderungen der Arbeiter haben, das heißt die Gewerkschaften auf Abwege führen, sie zur Verleugnung der Klassensolidarität ver⸗ anlassen. Die Solidarität der Arbeiterinter⸗ essen muß aber den organisierten Arbeitern stets der Leitstern sein; nur durch sie dürfen ste ihre Handlungen bestimmen lassen. So haben wir es bisher gehalten, so soll es auch in Zukunft bleiben!“ Kampf um den Zolltarif. Zum Rückgang der Schweinkschlach⸗ tungen im Monat November äußerte sich das ultramontane„Mainzer Journal“. Es konstatiert in dem einen Monat einen Ausfall an 30 Schlachthöfen von 53,738 Stück, und in Mainz allein einen Rückgang von über 22 Prozent und bemerkt dazu:„Und da be⸗ hauptet man von agrarischer Seite immer, die deutsche Viehzucht sei im Stande, den Bedarf zu decken. ann endlich wird die Regierung diesem trostlosen Zustande ein Ende machen— die Grenzen öffnen?!“ Ganz richtig sagt die Frkftr. Ztg. zu der Aeußerung des katholischen Blattes:„Es wäre nur zu wünschen, daß das Zentrum im Reichstag und Landtag diesen Notschrei seiner Mainzer Ge⸗ sinnungsgenossen zu dem seinigen machen würde. Leider versugt aber die Zentrumspartei, wo es sich um die Interessen der Konsumenten handelt!“ Die antisemitischen Zollkläffer sollten sich die Aeußerung des Mainzer Zentrumsblattes hinter ihre langen Ohren schreiben. * * * Den Boykott wenden jetzt die Agrarier gegen Gewerbetreibende an, die sich gegen die Zollerhöhung ausgesprochen haben. Ein Blatt in Zittau(Sachsen) veröffentlichte eine „Vertrauliche Mitteilung“ an die Mit⸗ glieder des Bundes der Landwirte, in welcher mehrere Zittauer Geschäftsleute 1 gemacht werden, die gegen die Getreidezölle Stellung genommen hätten und die deshalb den Bundes⸗ mitgliedern als solche Geschäftsleute vorgestellt werden,„welche ihre landwirtschaftliche Ge, schäftskundschaft sehr niedrig zu achten scheinen. Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. J Nr. 2. — Wenn vielleicht die Zollgegner den Spieß umkehren würden und verschiedene Agrarier boykottierten, könnte es ihnen übel bekommen. Politische Rundschau. Gießen, den 9. Januar. Der Reichstag hat seine Sitzungen am Mittwoch wieder auf⸗ genommen. Die Mitglieder des„hohen Hauses“ waren nur sehr schwach vertreten, obwohl an diesem Tage die Etats beratung begann, der doch jeder Reichsbote die größte Aufmerk⸗ samkeit schenken müßte. Zuerst sprach der Reichsschatzsekretär Thielmann, der zugab, daß die Finanzlage des Reiches und der Einzel⸗ staaten eine äußerst ungünstige sei. Der konser⸗ vative Graf Stolberg, der Vizepräsident, suchte die Krisis mit der industriellen Ueber⸗ produktion zu erklären. Er kam dann auf die Aeußerungen Chamberlains zu sprechen, was den Reichskanzler veranlaßte, eine längere Rede über die auswärtige Politik zu halten. — Nach ihm ergriff unser Genosse Südekum das Wort. Der Abgeordnete für Nürnberg ist ein geübter Redner. Er wies darauf hin, wie damals, als es sich um die Flottenver⸗ mehrung handelte, die Finanzlage als so günstig von den Ministern hingestellt wurde, daß neue Steuern absolut nicht nötig seien. Die Krisis, die im Anfang als„vorübergehend“ bezeichnet wurde, übt auf die Erwerbsberhältnisse der großen Masse die furchtbarste Wirkung aus, sie wird verschärft durch die Raubzüge der Kartelle und Ringe. Südekum beleuchtete dann noch, wie Krupp das Reich prellt, indem er ihm die Panzerplatten höher berechnet, als dem Aus⸗ lande. Das sei Betrug! Er kritisierte weiter das Ueberhandnehmen des Absolutismus, den Hunnenzug, die Wegnahme der astronomischen Instrumente ꝛc. Der bayrische Generalmajor v. Enders und der Staatssekretär Tirpitz antworteten auf verschiedene Angriffe unseres Genossen. Herr Tirpitz versuchte sich an der Unmöglichkeit, den Patrioten Krupp reinzu⸗ waschen. Die Polizei⸗Aktion gegen unsere „Weihnachtszeitung“. Das Gericht hat die Beschwerde der Buch⸗ handlung„Vorwärts“ über die polizeiliche Be⸗ schlagnahme der Weihnachtszeitung„Arbeitslos“ abgelehnt. Eine schriftliche Begründung liegt noch nicht vor; nach dem„Vorwärts“ hat die Strafkammer sich auf den Standpunkt gestellt, das zu urteilende Gericht könne in dem Gesamt⸗Inhalt, in der Zusammenstellung des ganzen Blattes die strafbare Handlung erblicken. Aus diesem Grunde müsse daher die Beschlag⸗ nahme als gerechtfertigt angesehen werden und seien darum auch die Anträge der Beschwerde⸗ führer abzulehnen. Bei der Beschlagnahme hat sich übrigens die Polizei schwere Verstöße gegen das Gesetz zu schulden kommen lassen, unter Anderem waren die Siegel der Packete, in denen sich die konfiszierten Geschäftsbücher der Buchhandlung befanden, erbrochen. Nach dem Gesetz steht die Durchsicht der beschlag⸗ nahmten Sachen nur dem Richter zu. Außer in Berlin sind der Polizei übrigens größere Mengen des Blattes nicht in die Hände gefallen, obwohl im ganzen deutschen Reiche eifrig danach gesucht wurde. Wieder ein Duellmord. Ein Menschenleben ist wie derum der Duell⸗ seuche zum Opfer gefallen. In Jena schossen stch am Samstag ein dortiger Student und ein Offizier des Infanterie Regiments Nr. 94. Whrend dieser nur leicht verletzt wurde, mußte der Student tot vom Platze getragen werden. — Vernünftige Leute werden solche Vorkomm⸗ nisse gewiß bedauern und die Angehörigen des Studenten werden über seinen jähen Tod jam⸗ mern— dafür sind wir aber auch eine„Kultur⸗ nation“, zu deren gottgewollter heiliger Ordnung die gegenseitige Totschießerei gehört. Das heißt nicht immer und allgemein;„duellieren“ sich arme Teufel, so kommen sie wegen Messerstecherei oder schwerer Körperverletzung ins Zuchthaus, während die Messerstecher der besseren Klassen 9 ein paar Monaten Festung verurteilt werden, ie sie„jottvoller“ Weise verleben. Der Gumbinner Mordprozeß wird Samstag den 11. Januar vor dem Reichs⸗ militärgericht verhandelt werden. Wie weiter mitgeteilt wird, ist das freisprechende Urteil gegen den zweiten Angeklagten im Krosigk⸗ Prozeß, Sergeanten Hickel, rechtskräftig geworden, da der Staatsanwalt die angemeldete Revission nicht begründet habe. Christentum und Militarismus. Ein sehr beachtenswerter und auch bezeich⸗ nender Prozeß wurde am letzten Freitag vor dem Kriegsgericht in Dresden verhandelt. Als Angeklagter erschien der Divisions⸗ pfarrer Dr. Kühn, als Kläger trat der Major v. Tschammer⸗Osten auf. Der Anklage liegt folgender Vorfall zu Grunde: Am Sonntag Jubilate 1897 fand im Dresdener Arsenal⸗ hofe ein Feldgottesdienst des Leib⸗Grenadier⸗Regiments statt. Dr. Kühn hielt die Predigt, in der er in scharfen Worten gegen die Unzucht im Heere loszog und da⸗ bei auch einen Ausspruch des Reichstagsabgeordneten Bebel zitiert haben soll, der da lautet:„Das Militär wäre eine Schule der Unzucht!“ Weiter hieß es in der Predigt, daß die Vorgesetzten ihren Unter⸗ gebenen mit schlechten Beispielen vorangingen. Das sei zwar eine furchtbare Anklage, um so furchtbarer, da sie wahr sei. Diese Predigt hatte natürlich bei allen Teilnehmern des Gottesdienstes das größte Aufsehen erregt, und wurde aufs eifrigste diskutiert. In der Kaserne wieder angelangt, soll dann der Major v. Tschammer⸗Osten, damals noch Hauptmann und Chef der 6. Kompagnie, seine Leute, unter denen sich anch viele Reservisten befanden, haben antreten lassen und zu ihnen gesagt haben:„Was der Frechdachs gesagt, ist weiter nichts als unsinn. Nie⸗ mand hat sich darum zu kümmern!“ Die Angelegenheit wäre jedoch schließlich im Sande verlaufen, wenn nicht in der Nr. 15 der Dresdner Rundschau vom 13. April 1901 plötzlich ein Artikel erschienen wäre, der sich aufs eingehendste mit dem nunmehr schon volle vier Jahre zurückliegenden Fall beschäftigre. In dem Artikel war jedoch weder ein Name des beteiligten Geistlichen, noch des Offiziers genannt, sondern lediglich von einem Hauptmann v. F. die Rede. In der Dresdner Garnison wußte natürlich ein jeder sofort, auf welchen Geistlichen sich der Rundschau⸗Artikel bezog. Der Name des Divisionspfarrers Dr. Kühn wurde offen genannt. Dr. Kühn giebt unter lebhaftem Pathos folgendes Bild von dem sensationellen Vorkommnis. Als der fragliche Artikel in der Rundschau erschien, sei er gerade nach Annaberg verreist gewesen. Er hatte sich über den auch zu seinen Ohren gedrungenen, kaum glaublichen Zwischenfall schon beruhigt, obgleich er später die Be⸗ obachtung machte, daß man das Ereignis lebhaft in der Garnison besprach, viele Offiziere sich von ihm zu⸗ rückzogen und er gewissermaßen boykottiert wurde. Des weiteren betont Angeklagter, daß er in jener Predigt sich nicht auf das Wort eines Reichstags abgeordneten, sondern auf eine Aeußerung des bekannten und jetzt verstorbenen Militärgeistlichen und Hofpredigers Dr. Frommel in Berlin Bezug genommen habe, der einmal in einer Konferenz der Militärgeistlichen gesagt habe: Eine Schule der Zucht hat man das Militär genannt oder ist es vielleicht auch eine Schule der Unzucht? Nach der Rückkehr von seiner Reise ist er dann(Ange⸗ klagter) sofort zu dem Militärpfarrer Zschucke gegangen und hat ihn um seinen Schutz gebeten, damit solches nicht wieder vorkomme. Zschucke habe ihm aber erklärt, daß er hier nichts thun könne, da das eine Sache sei, die die Behörden unangenehm berühren könnte. Trotzdem habe er durchs Zsch.s Vermittelung Eingaben an das Kriegsministerium und die Kommandantur einreichen lassen, da er sich an seiner Ehre verletzt gefühlt habe. Inzwischen hatte nämlich Angeklagter von mehreren Amtsbrüdern gehört, daß jener Offizier, der sich so taktlos bei dem fraglichen Gottesdienst benommen, der Hauptmann v. Tschammer gewesen sein sollte. Von dem Kriegsministerium wurde ihm jedoch am 21. Mai 1901 ein ablehnender Bescheid zu teil, ja das Schrift⸗ stück enthielt für den unerschrockenen Seelsorger sogar eine Zurechtweisung. Dadurch aber nicht entmutigt, wandte sich der Angeklagte an das Landeskonsistorium und zugleich auch an feinen Vorgesetzten, den Konsisto⸗ rialrat Klemm, dem er seinen Verdacht auf den Haupt⸗ mann v. Tschammer auch mitteilte. Dr. Kühn bemerkte noch in seinen weiteren Ausführungen, daß ein anderer Geistlicher ihm erklart habe, daß die 1 sich überhaupt fürchtenüßten, etwas zu sagen, das den Offserskreisen un⸗ angenehm sei. Der Por ersuchte nun in einem Schreiben den Haupann v. Tschammer um Aufklärung, weil die che in die Oeffent⸗ lichkeit kam und er(deyastor) für seinen Ruf fürchtete, wenn er zu schweige. Die Folge dieser Korrespondenz ischen dem Offizier und dem Geistlichen wan daß Ersterer die Einleitung des Strafverfalns gegen Letzteren beantragte. Aus den Zeugenaussag geht hervor, daß der erwähnte Hauptmann ardings seine Kom⸗ pagnie nach der Predigt sammentreten ließ und Kritik daran übte, olr es aber mit den oben erwähnten Worten tl, darauf konnten stch die Zeugen nicht besitn.— Nach den laidoyers erklärt noch k Angeklagte Dr. ühn, er halte es für einchwere Schädigung des Standes der Geistliche wenn sich in dem Volke die Anschauuf breit machen würde, die„schwarzs Gendarmen“, mit welchem Spitznamen m die Militärgeist⸗ lichen belege, dürften nudas reden, was den maßgebenden Kren und höheren Ständen gefalle. Das kricht erkannte auf Freisprechung, da es R Angeklagten den Schutz des§ 193 zusprach g 7 8 Die Anschauung, daß dGeistlichen— nicht blos die Militärgeistlichen nur den„höheren Ständen“, wir können al sagen, den be⸗ sitzenden Klassen, zu sebe reden dürfen, braucht sich nicht erst im Ake breit zu machen, sie ist verbreitet und zwarllgemein. Und für die Richtigkeit dieser stsicht bringt jeder Tag neue Beweise. We sich wirklich ein mutiger Priester im heilin Eifer gegen die Sünden der„besseren Geselchaft“ wendet, kann er sicher sein, alsbald zu fliegen“, das heißt gesellschaftlich boykottiert uf geächtet zu werden. Die Religion muß blos 50„Volke“ erhalten werden, wozu sich die„heren Zehntausend“ nicht rechnen. — Zwei Millionen Fark verspielt! Am Mittwoch voriger poche hat im Wiener Jockeyklub der reiche polfsche Graf Potocki, jedenfalls ein Agrarier, da runde Sümmchen von 2200000 Kronen, da sind fast 2 Mill. Mark in einer Nacht bim Baccarat ver- spielt. Da hungern fausende Familien trotz harter Arbeit jahraug jahrein, und hier verspielt ein Mensch eine umme, die zur Er⸗ nährung von zweitausend irbeiterfamilien ein ganzes Jahr hinreichte! ind diese Gesellschaft der„Edelsten und Besten“ yrlangt vom Staate, 10 er ihnen Liebesgaben nd sonstige Vorteile auf Kosten der Aermsten uschanze! Das ist die heutige Ordnung! Wre es möglich, ste mit Gewalt zu beseitigen angesichts solch er e möchte maß wahrhaftig dazu raten. 0 Christliche Näcstenliebe! Aus Schwandorf wir der„Münch. Post“ N In dem nan Pfarrdorf Neu⸗ trchen starb am 29. Deember vor. Js. ein mit Epilepsie behafteter Omeinde⸗ Armer des Hungertodes. Der Mun nährte sich 14 Tage lang nur mehr von Weizenkörnern. Ein Bett brachte man hm erst uach dem Tode; er starb auf bloßem Stroh. Gegen die Schuldigen hat die Staat anwaltschaft bereits Untersuchung eingeleitet.— Das traurige Vor⸗ kommnis dürfte um so melr Aufsehen erregen, als Neukirchen nicht nur zu den begütertsten Ortschaften der Oberpfalz zählt, sondern die Bewohnerschaft auch durchius gut zentrums mäßig gesinnt ist. Zu benerken wäre vielleicht noch, daß der hochwürdige Ortspfarrer trotz seiner kürzlich beim Fallisement eines Bank⸗ hauses erlittenen Verluste 50 noch als ein 5 100,000 Mk. schweref Herr eingeschätzt wird. ante Die Lorbeeren des Dfeschgrafen Pückler lie ßen offenbar den Rettef aller Deutschen, Na eig, daß 15 die Verha stonen gegen Parlament; geliefert ha Urteutschen, d rufen:„Kauft daß er den ji sehr wohl geke in Verkehr get Thatsachen öf 0 Ert er Vegründuf sich öffentlich Die bon dem gungen haben Jawohl, es urtkutschen Fi alphabetische! sammenstellen! Nachwahlei Bei der kr wie das ja na uusehen war, Opifteus gew kberaler Geg kappe Mehr der bläherige gegen unsern mesten der ant ür den Rüch zeigten, wes 0 Ein soz; wird auß bn Durt it jeht terer die n Letzteren erbor, dez eine Kom⸗ keten ließ r mit den konnten Nach den 0 Dr. schädigun 1 155 machen armen“, iltärgest⸗ den, was hoheren kannte auf laglen den en— richt u„höheren den be⸗ en dürfen, zu machen, ein. Und ingt jeder sirklich ein gegen die det, kann das heißt zu werden. e“ erhalten tausend“ spielt! im Wiener af Potock, Sümmchen rat ber⸗ Familien und hier hie zur Er⸗ amilien ein Gesellschaft om Staate, ige Vorteile Das it glich, sie 3 solcher aftig dazu Nr. 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. Ahlwardt, nicht schlafen. Nachdem man eine lange Zeit nichts mehr von ihm gehört hatte— er schacherte mit Bergwerks⸗* pierchen — tauchte er dieser Tage plötzlich Hieder in Berlin in einer Versammlung det„Deutschen Volksbundes“ auf und erklärte den verblüfften persbmiche daß er nach einer längeren, durch „persönliche Verhältnisse“ vedingten Pause wieder „mit aller Kraft“ in den politischen Kampf eintreten werde. Im Reichstage sei er jetzt „Einspänner“, doch habe er die Absicht, sich em„Deutschen Volksbunde“ anzuschließen. Er werde wieder im politischen Kampf eine „schneidige Waffe“ führen. Da ein„Friede“ noch nicht möglich sei, verkünde er nun„Krieg auf Erden“, bis der Sieg errungen sei.— Da wird also wohl Ahlwardt sich demnächst mit dem andern antisemitischen„Einspänner“, dem ehemaligen„Hessischen Bauernkönig“ Böckel N einer neuen„Fraktion“ zusammenschließen. ine solche hat auch schon lange gefehlt! Umso⸗ mehr, als ein anderer antisemitischer Abgeord⸗ neter, Herr Werner, sich durch seinen Prozeß gegen den Nattonalsozialen Erdmannzdörfer politischunmöglich gemacht hat. In diesem Prozesse, der vor kurzer Zeit in Kasse ver⸗ andelt wurde, führte Erdmannsdörfe den achweis, daß Werner thatsächlich Brichte über die Verhandlungen der Reichstagskosmis⸗ sionen gegen Bezahlung an den jüͤdichen Parlamentsjournalisten Ham bufger geliefert hat. Weiter wurde dem bicheren Urteutschen, der stets seinen Anhängern juge⸗ rufen:„Kauft nicht bei Juden!“ nachgewesen, daß er den jüdischen Empfänger seiner Beichte sehr wohl gekannt habe, sogar mit ihm disekt in Verkehr getreten sei, trotzdem bestritt er diese Thatsachen öffentlich. Das Gericht sprach in⸗ 1. Erdmannsdörfer frei und führt in er Begründung des Urteils aus, daß We ner sich öffentlich der Lüge schuldig gemacht nabe. Die von dem Beklagten erhobenen Beschlldi⸗ gungen haben sich also als wahr erwiesen Jawohl, es sind wahre Mustermenschen die urteutschen Führer! tan kann eine guze alphabetische Liste verdächtiger Gestalten zu⸗ sammenstellen! Nachwahlen zum badischen Landtase. Bei der Ersatzwahl in Pforzheim wude, wie das ja nach der Wahlmännerwahl vorgs⸗ zusehen war, Genosse Geck an Stelle des En. Opifictus gewählt. Geck erhielt 90, sein nationl⸗ liberaler Gegner 67 Stimmen.— Mit gnz knapper Mehrheit wurde in Karlsruhe Ind der bisherige konservative Abg. Stockhoner gegen unsern Genossen Lutz gewählt. die meisten der antisemitischen Wahlmänner stimmen für den Rückschrittler, wodurch sie wiederm zeigten, wes' Geistes Kinder sie sind. Soziales. Ein sozialpolitischer Fortschrtt wird aus dem Großherzogtum Gotha bericht. Dort ist jetzt ein Arbeitersekretartat ins Leln getreten, das von den Beiträgen des Staaßs und der Gewerkschaften unterhalten wid. Der Staat geht also nicht aus dem Leiie, wenn er mit den klassenbewußten Arbeiten zusammen eine für die Arbeiter nützliche Es⸗ richtung schaffen hilft. Von der französischen Sozialdemokrat. Die Neuwahl der französischen Kamm findet im Mai 1902 statt. Die s 1 Partei Fraukreichs(Jaures und Genoss 5 in den r und Calais ha der französischen. disten) den Vorschlag gemacht, dei den Wah gemeinsame Kandidaten aufzustellen. Ueber da, wo die Guesdisten in der Mehrzahl sin, wollte die sozialistische Partei auf einen Sonde kandidaten verzichten; nur dort, wo sich bei di letzten Generalratswahlen ergeben hatte, daß e in der Majorität seien, sollke einer der ihrigt aufgestellt werden. Die Guesdisten haben du den Genossen eg Bürgermeister von Lie und Sekretär der Nord⸗Föderation, erkläm. lassen, daß ste in keinerlei Unterhaudlungen mi den„Ministeriellen“ eintreten würden. 6 lehnen es ab, weil trotz gegenteiliger Erklärungen die sozialistische Partei oder deren Führer nach wie vor„ministeriell“ seien. Die französische Arbeiterpartei hat, wie seinerzeit mitgeteilt, auf ihrem letzten Kongreß den Beschluß gefaßt, in sämtlichen fünfhundert Wahlkreisen des Landes Veschl. e Kandidaten aufzustellen. Aus diesem Beschluß und aus Obigem ist ersichtlich, daß man es in einer fie Reihe von Wahlkreisen mit zwei sozialistischen Kandidaten, die sich gene auf das Heftigste bekämpfen, zu hun haben wird. Was natürlich der Arbeiter⸗ klasse nur zum Schaden gereicht. Chinesisches. Nunmehr ist der chinestsche Hof wieder nach Peking zurückgekehrt. Der Einzug erfolgte unter Aufwendung großer Pracht in Anwesen⸗ heit großer Truppenmassen. Den Ausländern, die dem Einzuge beiwohnten, lächelte die Kaiserin zu. Sie hat Ursache zum Lachen; China ist wahrlich nicht der unterlegene Teil. Krieg in Südafrika. Eine Abstimmung über die Frage der Waffenniederlegung von Seiten der Buren hat kürzlich stattgefunden. Auf Veran⸗ lassung des Präsidenten Krüger richtete Schalk Burgher an alle Burenkommandanten die An⸗ frage, unter welchen Bedingungen sie die Waffen niederlegen würden. Alle antworteten, ent⸗ weder völlige Unabhängigkeit oder den Krieg bis ans Ende.— Das 1 eine klare Antwort. Uebrigens soll vor einiger Zeit ein englischer Geheim⸗Gesandter bet Krüger gewesen sein, um mit ihm Friedensunterhandlungen anzuknüpfen. Dieselben wären jedoch resultatlos verlaufen. Von englischer Seite wurde bestritten, daß überhaupt ein Unterhändler zu Krüger entsandt worden sei. Kämpfe. Mit den bei Tweefontein er⸗ oberten Kanonen versucht De Wet die von den Engländern errichteten Blockhäuser zu zerstören. — Eine Abteilung Engländer wurde auf dem Marsche von Brugsprult nach Brankhorstspruit von den Buren überfallen und verlor 6 Tote und 13 Verwundete. Nach zweistündigem Kampfe zog sich der Feind, ebenfalls mit einigen Verlusten, zurück. Dagegen wird auch eine Niederlage der Buren berichtet. Eine engl. Konstablerabteilung nahm im Oranjestaat den Feldkornet Lecoux, den Korporal Erasmus und 33 Buren gefangen. 30 Gewehre wurden erbeutet. Feldkornet Pretorius und 10 Buren fielen. Kriegs⸗Versorgung der Buren. Das englische militärische Fachblatt„Broad Arrow“ will nach der Frkft. Ztg. aus„unge⸗ wöhnlicher, aber zuverlässiger Quelle“ erfahren haben, daß die Buren noch immer eine große Menge von Waffen und Munition verborgen dee halten. Viele europäische Buren⸗ freunde hätten ihren Weg nach dem Norden und Nordosten von Transvaal gefunden und warteten daselbst, bis De Wet dorthin käme, um sie zu führen. Es seien in jenen Gegenden auch Vorräte für die Buren aufgespeichert, darunter zwischen 40,000 und 50,000 Gewehre, über deren Ankauf der Gewährsmann des Blattes Informationen erhalten zu haben ver⸗ sichert. —ũ—.— Pon Nah und Lern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗ kommen. Die Ehre unserer Sache gebtetet natürlich strengste Gewissenhaftigkett det Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschretben. hessisches. Tiefe Entrüstung hat sich der hessischen Kapitalisten bemächtigt, weil die Regierung angesichts dei heiklen Finanzlage eine Erhöhung der Vermögens steuer vorschlägt. tatt bisher 55 51. sollen 75 Pf pr. 1000 Mk gesteuert werden. Die vaterländisch gesinnte uationalliberale Wormser Zeitung droht bereits mit einer Massenpetition und der Auswanderung der steuerkräftigen Leute. Die Arbeiter wären wirklich Prügel wert, wenn sie sich zur Unter⸗ zeichnung einer derartigen Petition einfangen ließen. Die Verstaatlichung des Gerichts⸗ vollzieherwesens ist im neuen Etats⸗ entwurf vorgesehen. Auf Drängen des Land⸗ tags ist zum erstenmale dafür ein Betrag in den Etat eingestellt. Die Gehälter der Gerichts⸗ vollzieher werden mit 1800 bis 2800 Mark aus der Staatskasse bezahlt, während deren Gebühren in die Staatskasse fließen sollen. Eine Vermehrung der sehr angenehmen Be⸗ amten⸗Kategorie ist auch vorgesehen. Die staatliche Betriebskrankenkasse für Hessen, die vor Kurzem gegründet wurde, erstreckt sich nunmehr auf alle staatliche Geschäfts⸗ zweige des Großherzogtums. Mit der Ver⸗ waltung der Betriebskrankenkasse ist eine Medizinalkasse für staatliche Unterbeamte verbunden, welche unter finanzieller Beihilfe des Staats den kleineren Beamten— bis zu 2000 M. Gehalt— freie ärztliche Behandlung, sowie Heilmittel für sich und ihre Familie verschafft. Auch die Wersorgungsanstalt für staatliche Arbeiter, die ebenfalls der Verwaltung der Betriebskrankenkasse unterstellt ist, umfaßt nunmehr alle Ressorts der hessischen Staatsverwaltung. Allgemein ist für die staatlichen Arbeiter und Gehilfen die Kranken⸗ versicherungspflicht auf statutarischem Wege so⸗ weit ausgedehnt, als sie der Invalidenver⸗ sicherungspflicht unterliegen. Nicht einbegriffen find die Bediensteten der Eisenbahnverwaltung, für die besondere Einrichtungen bestehen. Die Verwaltungsstelle ist räumlich verbunden mit der Invalidenversicherungsanstalt Gr. Hessen. Gießener Angelegenheiten. — Wichtig für Gesang vereine! Das am 1. Januar in Kraft getretene neue Ur⸗ heberrecht hat bekanntlich eine Reihe wich⸗ tiger Veränderungen gebracht, namentlich für die Presse und für die Musik. Gestützt auf die neuen gesetzlichen Bestimmungen, richtet der Verein der deutschen Musikglienhändler in Leipzig an die Gesangvereine, Musikvereine und Kapellen eine Warnung und das Ersuchen, alles etwa widerrechtlich vervielfältigte Notenmaterial zur Vernichtung an die Geschäftsstelle des Vereins der deutschen Musi⸗ kalienhändler(Geschäftsführer Karl Hesse) zu Leipzig, Buchgewerbehaus, abzuliefern und sich jeder weiteren Vervielfältigung solcher zu ent⸗ halten. In diesem Falle wird von einem Strafantrag abgesehen. Jeder weitere zur Kenntnis des Vereins gelangende Fall wider⸗ 97 Vervielfältigung wird gerichtlich ver⸗ olgt. — Gute Unterhaltungs⸗Litteratur dem Volke zu bieten, bestrebt sich seit Jahren die Buchhandlung„Vorwärts“, indem sie die illustrierte Romanbibliothek„Freie Stunden“ schuf. Welchen verderblichen Einfluß die Schauer⸗ und Schundromane, die dem Volke von gewissen⸗ losen Unternehmern für teures Geld aufgehängt werden, auf die allgemeine geistige und mora⸗ lische Entwickelung ausüben, ist bekaumt. Dieses Zeug aus den Kreisen des arbeitenden Volkes zu verdrängen, wo sie mehr als man glauben sollte, gelesen werden und dafür einer guten Unterhaltungslektüre mehr Eingang zu ver⸗ schaffen, muß jeder für seine Aufgabe halten, dem die Bildung des Volkes am Herzen liegt. Der neue Jahrgang der„Freien Stunden“ bringt Werke zweier hervorragender Dichter: Spindler und Gorki. Der Erstere mußte so wie der andere sich vagabundierend auf der Landstraße herumtreiben. Spindler, geb. am 16. Okt. 1796 zu Breslau, steht, obwohl ein äußerst gewandter und lebendiger Erzähler, den sozialen und politischen Verhältnissen seines Vaterlandes gleichgültig gegenüber. N Wie ganz anders Gorki! Das unerbittliche, unabänderliche soziale Verhängnis der bürger⸗ lichen Wirtschaftsordnung hatte ihn zum Proletarier gestempelt und hielt ihn mit un⸗ erreißbaren Ketten in der Armut, im Elend 10 5 Monate nur konnte er beim Großvater ie Schule besuchen; dessen Bankerott warf den Agitation in Großen⸗Buseck. —— Seite 4. —— Mitteldeutsche Sountaas⸗ Zeitung. ——— ß—ß—ß—ĩ Nr. 2. 4 vaterlosen Knaben erwerblos auf die Straße: schon mit 9 Jahren muß er als Laufbursche sein Brod verdienen, verbrüht sich die Hände, wird fortgeschickt und nun beginnt sein Wander⸗ leben durch ganz Rußland als Gelegenheits⸗ arbeiter. Heute da, morgen dort, heute Zeichner, Maler, Küchenjunge auf einem Wolgadampfer, morgen Tagelöhner bei einem Gärtner, Bäcker, übermorgen Bahnwärter, Packträger, Holzhacker; dann wieder auf eigene Faust Händler— Obst⸗ händler, Flascheubierhändler, Kohlenhändler. Da und dort fand er unter seinen Leidensgenossen einen, der die Lust am Lesen in ihm erweckte, ihm Bücher lieh. Der Wissensdrang erwachte in ihm; er suchte und fand Gelegenheit mehr zu lernen— von Studenten, mit denen er zusammentraf, bei einem Advokaten, dem er Schreiberdienste leistete und der ihn weiter⸗ bilden wollte—, aber der Vagabundengeist, der ungezügelte Freiheitstrieb trieb ihn immer wieder hinaus, in das Elend, zu den Ausge⸗ stoßenen, aber auch in die— Freiheit. Und was sein Auge sah und was sein Herz erfüllte: er schilderte es nun! Eine ganz neue Welt schilderte er, die Welt der Ausgestoßenen und Enterbten, ihren Fluch und ihr Sehnen, mit einer Schärfe, Klarheit und Unerbittlichkeit— wie sie nur ein Dichter schildern kann, der all' das Elend, die Schmach, den Zorn und die Sehnsucht der Ausgebeuteten und Unterdrückten selber empfunden hat und empfindet! Freunde gewann er, der plötzlich zum Bannerträger der Freiheit und der Arbeiter geworden, aber auch Feinde— auch die Reakttonäre verstanden ihn! Seine Zeitung wurde verboten, er selbst anläßlich der letzten Studentenunruhen ins Gefängnis geworfen.— Wir empfehlen allen Arbeiter⸗ Familien, sich das Unterhaltungsbatt anzuschaffen. — Im sozialdem. Wahlverein spricht in der Versammlung am 18. Januar, die im Vereinslokale bei Orbig stattr findet, Ge⸗ nosse Thiel⸗Cassel über:„Der Segen des Reichtums und der Fluch der Armut.“ Die Genossen werden ersucht, sich dazu recht zahlreich einzufinden und auch ihre Bekannten mitzubringen. Selbstverständlich hat in der Versammlung Jedermann Zutritt. Aus dem Rreise gießen. — Eine heitere Versammlung fand Donnerstag Abend in Lollar statt. Einbe⸗ rufen war dieselbe vom Bunde der Landwirte, einer der Agitatoren, die Vorkenntnisse nicht brauchen, sollte für den Brotwucher Propaganda machen. Das war dort allerdings eine schwierige Aufgabe. Die Versammelten zollten vielmehr den eingehenden Darlegungen des Gen. Vetters lebhaften Beifall und nahmen einstimmig eine Resolution an, die sich entschieden gegen die Zölle ausspricht und für die auch— der Agitator des Bundes der Landwirte stimmte! Der Mann war anderer Ueber⸗ zeugung geworden! — Antisemitische e it bemerkenswertem und vorher nicht gekanntem Eifer widmen sich, wie wir schon mehrfach er⸗ wähnten, die Antisemiten gegenwärtig der Agitation. Besonders Oberhessen haben sie sich als Arbeitsfeld auserkoren, und der von uns ebenfalls schon charakteristerte Reuther, Redakteur des Offenbacher Arizona⸗Kikers ist der Apostel des Brotwucher⸗Evangeliums. Zwar ist er auch nicht besser beschlagen, als die vom Bunde der Landwirte auf dem In⸗ seratenwege gesuchten Agitatoren, die für 10 Mk. pro Tag losgehen, das Agitations⸗ material geliefert erhalten und Vorkenntnisse nicht brauchen. Möglich, daß der Bund der Landwirte die hier betriebene Agitation auch bezahlt. Man muß es aber den für die Interessen der junkerlichen Raubvögel ar⸗ beitenden Bauernfängern lassen,— sie verstehen ihr Handwerk und finden auch immer noch Angehörige der großen Klasse derer, die nicht alle werden. Vorsichtig gehen sie dabei zu Werke. Von den öffentlichen Versamm⸗ lungen sind sie längst abgekommen; dabei laufen sie Gefahr abzublitzen. Sie laden sich einfach ihre Leute ein und jene, die sie glauben, kapern zu können. Die Opposttion wird so klüglich fern gehalten, und den im Glauben starken Bauern kann die agrarische Heilsbot⸗ schaft ungestört eingetrichtert werden. Ihre Notlage wird ihnen überzeugend geschildert, so daß sie wirklich daran glauben. Sicher ist ihre geistige Notlage größer, sonst würden sie den antisemitischen Schaumschlägern vom Schlage eines Reuther entgegenhalten, wie die Dinge in Wirklichkett sich verhalten. Zu hoffen ist allerdings, daß die Leute einmal zur Einsicht kommen; vorläufig bilden ste noch held beschränkte Gefolge antisemitischer Maul⸗ elden. Das zeigte sich auch in der Versammlung, die am Sonntag in Großen⸗Buseck statt⸗ fand und in der der sattsam bekannte Reuther seine bekannten Phrasen drosch. Von unsern Genossen waren einzelne anwesend und Genosse Vetters⸗Gießen trat den Reuther'schen Salba⸗ dereien entgegen, legte die Ungerechtigkeit der indirekten Steuern und Zölle für die Masse und ihre Nutzlosigkeit für den Bauernstand dar. Unser Genosse wurde öfters durch Geschrei unterbrochen und verschiedene Zwischenrufe be⸗ wiesen die Rückständigkeit der Antisemiten. Nicht minder die Ausführungen, die der Bürgermeister meister a. D. Meyer machte. Dieser gute Mann hat von den wirtschaftlichen Verhält⸗ nissen nicht die geringste Ahnung. Er erklärte, bei Heyligenstaedt in Gießen 40—50 M. wö⸗ chentlich verdient zu haben, 108 Stunden habe er in der Woche gearbeitet. Auf die Frage wa⸗ rum er nicht dageblieben, antwortete er, er habe es nicht ausgehalten! Natürlich! Daß er sich dadurch auch schwer gegen die Arbeiter⸗ interessen versündigte, wenn er täglich durch⸗ schnittlich 18 Stunden schuftete, sieht er nicht ein. Hierzu sollten sich übrigens die bei Heyligen⸗ staedt beschäftigten Arbeiter äußern. Für die Zölle ist er,„weil der Staat Geld braucht“. Also nicht, um dadurch der Landwirtschaft auf⸗ zuhelfen? Nun, wir geben den Großen-Busecker Kleinbauern Gelegenheit, die Zollfrage von anderer Seite beleuchtet zu sehen. Souutag, den 12. Jaunar findet im Saale des Herrn Größer eine öffentliche Versammlung statt, in der Geuosse Beckmaun⸗Gießen über: „Der Zolltarif und der Antisemitismus“ sprechen wird. Dazu hat Jederman Zutritt und kann seiner Meinung Ausdruck geben. Wir ersuchen auch unsere Genossen aus Alten⸗Buseck zahlreich am Platze zu sein. Aus dem Rreise Sriedberg⸗Büdingen. Friedberger Eisenbahnergeschichten. Auf die Zuschrift des Schaffner Kuhl von Friedberg erwidert unser Gewährsmann, daß durch den Umstand, daß das Kind bisher in den evangelischen Religions- und Konfirmanden⸗ Unterricht geschickt wurde, anzunehmen war, daß der Junge evangelisch getauft sei, wenn dies nicht dennoch der Fall sein sollte. Wenn aber Herr Kuhl schreibt, er habe sich auf Veranlassung seiner Frau nach Fried⸗ berg gemeldet, um seinen Sohn in den katho⸗ lischen Religionsunterricht zu schicken, so steht das mit der Thatsache im Widerspruch, daß die Frau des Herrn Kuhl, als er selbiger seinen Plan mitteilte, zu verschiedenen Leuten in Friedberg in größter Aufregung kam und um Rat fragte, was sie thun solle, um dies zu verhindern. Aus dieser Thatsache ist auch an⸗ zunehmen, daß die Frau in Nieder⸗Wöllstadt noch keine Ahnung von dem Vorhaben ihres Mannes hatte. 4 2 Von der Eisenbahnbetriebsinspektion Frank⸗ furt erhalten wir in Bezug auf die Notiz in Nr. 49 v. Js. folgende Zuschrift mit der Bitte um Aufnahme: „Nicht der Stattonsvorsteher in Friedberg, sondern der aus 4 Beamten und 4 Arbeitern zusammengesetzte Vereinsvorstand des seit 2 Jahren bestehenden Eisenbahnvereins bestimmt, ob und wann Feste abgehalten werden sollen. Von welch' geringem Einfluß hierbei die Person des Stationsvorstehers ist, beweist der Umstand, daß die Arbeiter in zwet Fällen für Abhal⸗ tung einer größeren Feter stimmten, wäh⸗ rend die Beamten nur für ein geselliges Zu⸗ sammensein der Mitglieder eintraten. Die Angabe, daß fast nur noch katholische Arbeiter ankommen könnten, weil der Stations⸗ vorsteher auch katholisch sei, ist ganz unzu⸗ treffend, denn von 84 Arbeitern sind 71 evangelisch und nur 13 katholisch. Die in der letzten Zeit angenommenen Arbeiter sind sogar sämtlich evangelisch. Diese Thatsache dürfte beweisen, daß die Einstellung der Arbeiter lediglich von der Brauchbarkeit und nicht von der Konfesston abhängig gemacht wird.“ ** Auf dieses Schreiben, von dessen Inhalt wir unserm Gewährsmann Kenntnis gaben, bemerkt derselbe: Wir haben gar nicht be⸗ hauptet, daß der Vorsteher die Feste festsetzt, sondern nur, daß die Feste seit des Vorstehers Hiersein eingeführt wurden. Wenn man aber mit der Zuschrift glaubt beweisen zu können, daß de Arbeiter diese Feste wollten oder gar noch fark patriotisch seien, so möge an die Thatsiche erinnert sein, daß am letzten Groß⸗ herzogs Geburtstage nur 41 Beamte und Ar⸗ beiter anwesend waren, während es im vorher⸗ gehenden Jahre noch über das Doppelte ge⸗ weser sein sollen. Was nun der zwette Punkt betrefs der Bevorzugung der katholischen Arbeiter betrift, so bedarf unsere Mitteilung insofern der Erläuterung, als wir nur die Besetzung der dem Vorsteher unterstellten Stellen und hauftsächlich der besser bezahlten im Auge hatten. Bei den in der Zuschrift der Inspektion ge⸗ zählen Beamten sind jedenfalls auch die etwa 50 Streckenarbeiter, welche dem Bahnmeister untestellt und jedenfalls ausnahmslos evan⸗ gelich sind, mitgerechnet. Zählt man diese von 84 ab, so ergiebt sich ein anderes Bild, vortusgesetzt, daß die Zahl von 13 richtig ist. Wi haben bis jetzt noch nicht direkt behauptet, daß der Vorsteher schuld set, sondern nur die in Friedberg allgemein herrschende Ansicht wie⸗ denegeben. Vielleicht dienen die nachfolgenden Miteilungen noch zum besseren Verständnis. Im letzten Jahre sind zwei kath. Bahn⸗ mester und zwei Rangiermeister oder ähnliches nah Friedberg versetzt worden, wovon einer vestarb. Warum lassen sich diese Beamten nah hier versetzen? Ferner sollen die evange⸗ lishen Arbeiter vorwiegend als Wagenputzer ꝛc. vewendet werden, während zu den besser be— zalten Rangierern die katholischen verwendet weden. Jetzt sind hier nur noch Z evange⸗ liche Rangierer thätig. Ebenso sollen für eisen früheren Schuhmacher 2 oder 3 Gesuche an die höhere Stelle um Gehalts⸗Aufbesserung genacht worden sein, ohne daß seine Kollegen wißten warum. Selbstverstän dlich ist er auch ketholisch. Zum Schluß sei mitgeteilt, daß, we uns glaubwürdig versichert wird, auch der fuhere katholische Pfarrer Thöbes den Herrn Sationsvorsteher öffentlich von der Kanzel globt habe. Warum? Vielleicht begiebt sich einmal ein höherer Bamter inkognito nach Friedberg; er würde manches hören, was wir aus bekannten Gründen ncht schreiben können. Im Uebrigen werden nir später mitteilen, ob die in obiger Zuschrift gmachten Angaben richtig sind. o. Vom Zuge überfahren wurde Mitt toch Abend beim Uebergange am Bahnhof ein LNann, Namens Weiß aus Bönstadt. Wann tird endlich eine Aenderung an der gefährlichen Ctelle herbeigeführt? o. Arbeiterentlassungen. Am Mitt⸗ toch wurde 35 Arbeitern der Böing'schen Fa⸗ kik in Nauheim geile Zum Teil sind le Betroffenen schon seit 30 Jahren im Ge⸗ haft thätig.— Böing, der frühere Direktor, kfindet sich übrigens noch in Haft. 1. Die Unglücksbahn. Auf unserer ruen Bahn nach Homburg sind wiederum ein zammrutsch und eine Entgleisung vorgekommen. zu Friedberg werden diese Vorkommnisse schon jehr mit Heiterkeit. Wer freilich ese Strecke nicht unbedingt fahren muß, der ßt es vorerst noch bleiben. 0 STT 3 dagzobgeord ichn 10 1 sügleit als? ar laterstüzune len Pateisckeet gehracht. Die Rr m ömichen f. fand, war zalllel Genossen, besut lebhasten Auseina lberalen und Saz las zunicht den den Zollfrage. auf der„mittlere zungsborlage darst Mt den Zollertr Witwen- und Die Minimalzölle Unterhändler. Ku Krämer, man kö ektraueneboll übe ach der Rede so Zölle gun Herr g kam dann Patte Zentrum und 0 die hösen Mächte, Reich nörgeln. Unternehmer, fenhnufen, der zwe den lik nicht in könne, der eben! Toduktion führen Eahlbenotinen flir Her und Fla 1 In lebrigen iheasengelin 1 In der Disk al festgesetzt Gießen das Wor er aus, sei ein b jeder arbeiten. Jesalscastzfurm kamte und Ar⸗ es im borher⸗ L zwelte Punkt lischen Arbeiter eilung insofern die Besetzung Stellen und m Auge hatten. Inspektion ge⸗ auch die etwa 1 Bahnmeister ahmslos evan⸗ lt man diese anderes Bild, 19 lichti it. krekt behauptet, dern nur die he Ansicht wie⸗ nachfolgenden Verständnis. kath. Bahn⸗ oder ähnliches wobon einer iese Beamten en die ebange⸗ Hagenputzer 2e. 0 besser be⸗ en verwendet 9 2 ebange⸗ 0 sollen für der 0 1 2⸗Aufbesseru seine bug ich ist er aue 1115 1 Nr. 2. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. — Unsere Kalender sind bis auf wenige Orte bereits im ganzen Kreise verteilt. Allüberall wurden ste gut aufgenommen. Teilweise wurden unseren Genossen Mittagessen, Frühstück, Kaffee und andere Erfrischungen dargereicht. Ein Bauer spendete 2 Mk. Nur in Okarben, wo unser Genosse noch etwa 6— 8 Häuser zu versehen hatte, wurde er auf die Bürgermeisterei zitirt und ihm mit der Konfiskation gedroht, falls er nicht die Verbreitung einstelle. Es wird Sorge getragen werden, daß der Bürger⸗ meister in Zukunft besser Bescheid weiß. Aus dem Rreise Wetzlar. W.„Unser“ Volksvertreter. Herr Reichstagsabgeordneter Krämer sah sich end⸗ lich einmal veranlaßt, in Wetzlar über seine Thätigkeit als Volksvertreter zu berichten. Zur Unterstützung hatte er sich auch gleich seinen Parteisekretär Patzig aus Berlin mit⸗ gebracht. Die Versammlung, die am Sonntag im„Römischen Kaiser“ zu diesem Zwecke statt⸗ fand, war zahlreich, auch von Seiten unserer Genossen, besucht und gestaltete sich zu einer lebhaften Auseinandersetzung zwischen National⸗ liberalen und Sozialdemokraten. Herr Krämer las zunächst den Standpunkt seiner Partei zu den Zollfragen ab. Seine Partei wolle auf der„mittleren Basis“, welche die Regie⸗ rungsvorlage darstelle, eine Veyständigung suchen. Mit den Zollerträgnissen wolle man an die Witwen⸗ und Waisenversorgung gehen. Die Minimalzölle stärkten die Position unserer Unterhändler. Kurz zusammengefaßt sagte Herr Krämer, man könne der Regierung die Sache vertrauensvoll überlassen. Die Zuhörer wußten nach der Rede so wenig wie vorher, für welche Zölle nun Herr K. zu haben ist. Als Zweiter kam dann Parteisekretär Patzig zu Wort. Zentrum und Sozialdemokraten sind die bösen Mächte, die an dem neuen herrlichen Reich nörgeln. Im Zukunftsstaate fehlten die Unternehmer, die Arbeiter seien der Amei⸗ senhaufen, der zwar arbeiten könne, der aber den Blick nicht in die Ferne und Höhe erheben könne, der eben nicht die geistige Leitung der Produktion führen könne. Die ausländischen Sozialdemokraten bewilligten ihren Regierungen für Heer und Flotte, was sie haben wollten. Im Uebrigen war die Rede ein nationales Phrasengeklingel in seltener Vollendung. In der Diskussion(Redezeit 10 Minu⸗ ten festgesetzt) nahm Genosse Kru m m⸗ Gießen das Wort. Ameisenhaufen, führte er aus, sei ein gutes Wort, denn darin müsse jeder arbeiten. Wenn wir nun die sozialistische Gesellschaftsform bekämen, wo wollten dann die Herren mit ihrer großen Intelligenz hin? Sie werden doch hübsch bei uns bleiben; wollten sie das nicht, so könnten wir sie ent⸗ behren. Haben wir die Macht, dann richten wir ein Schulwesen für die Gesamtheit ein, wie es jetzt nur für die reichen Leute exi⸗ stiert. In den Aktiengesellschaften ꝛc. arbeitet heute schon die Intelligenz für die Koupon⸗ abschneider und Dividendenschlucker, sie würden mit größerem Vergnügen als freie Leute für die Allgemeinheit arbeiten. Der Vorwurf der Reichsfeindschaft ist außer Kurs, uns trifft er nicht, halten die Gegner Heer, Flotte und Kolonien für so notwendig, dann sollen ste die direkten Steuern gerechter verteilen und aus ihrer Tasche bezahlen, anstatt sie jetzt das Bezahlen den armen Teufeln überlassen. Ein solcher praktischer Patriotismus ist mehr wert wie alle schöͤnen nationalen Phrasen. Wir find gegen die Zölle, weil sie die Aermsten am höchsten belasten und die Erträg⸗ nisse nicht den kleinen Bauern zu Gute kom⸗ men, sondern den Todfeinden des Volkes, dem Junkertum und seinen Abarten. Haben dann die 23 Jahre Zoll den kleinen Bauern etwas genützt? Ihrer eigenen Aussage nach sind sie ärmer geworden, da müsse doch das Mittel untauglich fein.„Setzen Sie die in⸗ direkten Steuern herab, entlasten Sie die Ge⸗ meinden; verkürzen Sie die Militärdienst⸗ zeit, damit nützen Sie den kleinen Bauern mehr wie mit allen Zöllen, wo ihm mit der einen Hand mehr genommen wird, als er von der anderen erhält. Die Bezugnahme auf Schippel ist verfehlt; Sch. sagt, wenn die Gewißheit steigender Löhne mit einer Zoll⸗ erhöhung verbunden ist, kann der Arbeiter sie akzeptieren. Ja, wenn! Wissen denn die Herren Patzig und Freunde, daß eine Lohn⸗ erhöhung mit der Zollerhöhung kommt? Das sind schöne Worte, aber es steckt nichts dahinter. Herr Patzig beklagt sich über den Ton der Antizollflugblätter; man lese nur die geg⸗ nerischen Flugblätter! Da wird man sich über den Ton noch mehr wundern. Krumm schließt unter großer Heiterkeit mit den Worten:„Wenn wir Un vernünftiges wollen, dann verbreiten Sie doch unser Pro⸗ gramm. Hören Sie mit Ihren Saalab⸗ treibereien anf, stellen Sie sich uns in unseren Versammlungen, dann werden Sie bald lernen, daß das arbeitende Volk hinter uns, der Sozialdemokratie steht!“ Wir können mit dem Verlauf der Versamm⸗ lung zufrieden sein. Aus dem Westerwald schreibt man uns: Ende Juli dieses Jahrs wurde die Klein⸗ bahn Selters⸗Hachenburg eröffnet. Reden wurden bei dieser Gelegenheit viel gehalten, in welchen in überschwenglichen Worten dem Wester⸗ wald gesagt wurde, von welch großer Bedeu⸗ tung dieses Bähnchen für denselben sei. Aber bis heute hat sich keines dieser schönen Worte erfüllt, nur die Mißstimmung ist inzwischen eine große geworden, weil das Bähnchen auch gar keine Aussicht hat, jemals rentabel zu wer⸗ den. Wegen den hohen Fahrpreisen fällt es den Bewohnern der angrenzenden Orte nicht ein, die Bahn zu benutzen. Was den Güter⸗ verkehr betrifft, so ist dieser kaum zu rechnen, auf einem Teil der Strecke gleich Null. So erfordert das Unternehmen bedeutende Zubuße und es ist kaum Aussicht auf Besserung. Merk⸗ würdigerweise sieht man an maßgebender Stelle nicht ein, daß durch Verbilligung der Fahr⸗ preise eine größere Einnahme zu erzielen wäre. Zu der Bahn, die ein Aktien⸗Unternehmen ist, hat der Kreis erhebliche Zuschüsse geleistet; mit⸗ hin sind die Steuerzahler interessiert, denn ste haben die Kosten aufzubringen, gefragt sind sie aber nicht worden. Durch diesen Bahnbau wird das Kapitel der verfehlten Kleinbahn-Unter⸗ nehmungen wiederum bereichert und für die K reisbewohner bleibt das hauptsächlich von den Landräten inscenierte Experiment ein ewiges Andenken. Zahlen und abermals zahlen heißt es für ste. Aus dem Nreise Marburg-Rirchhain. St. Gewerkschaftliches. Bekanntlich war mit dem 1. Januar d. Is. der Termin zur Einführung des revidierten Buchdruckertarifs gekommen, welcher den Angehörigen dieses Berufes die schon lange ersehnten materiellen Aufbesserungen bringen sollte, welche bei den teuren Wohnungs- und Lebens mittelverhältnissen sehr notwendig sind. Die hiesigen Prinzipale gaben dann nach mehr oder minder längeren Verhandlungen den Forderungen der Gehilfen⸗ schaft nach und so gelangte der neue, verbesserte Tarif in sämtlichen Geschäften zur Einführung. Was dieser Erfolg der Tarifgemeinschaft bei der jetzigen allgemeinen Depression in der Industrie für die organisierte Arbeiterschaft bedeutet, wird jeder selbständig denkende Mensch zu würdigen wissen. 15. Akademisches. Herr Geh. Rat Prof. v. Behring beabsichtigt, wie die„Nationalztg.“ mitteilt, den ganzen Betrag des ihm zugefallenen Nobelpreises von 168,000 Mk. dem preußischen Staate zur Errichtung eines besonderen In⸗ stituts für experimentale Therapie an der Universität Marburg zu stiften. f — Ueber die Krankheiten bes Gehör⸗ organs unter den Kindern der Volksschulen des Kreises Marburg veröffentlichte kürzlich der Direktor der hiesigen Klinik für Nasen⸗, Ohren⸗ und Halskrankheiten, Herr Professor Dr. Ostmann, die Ergebntsse seiner im vorigen Jahre angestellten Untersuchungen der Gehör⸗ organe säö r sicher Schüler. Sechs Monate lang hat er diese Untersuchungen fortgeführt, nicht, wie er selbst sagt, um zu untersuchen, sondern um zu bessern; es wurden viele schwere Er⸗ krankungen des Mittelohres festgestellt, durch deren Vernachlässigung insbesondere hochgradigste Schwerhörigkeit und selbst Taubheit der Kinder hervorgerufen wird. Von den in 70 Schulorten des Kreises Marburg untersuchten 7537 Kindern vom 5.—14. Lebensjahre sind 2142= 28,4 Prozent auf einem oder auf beiden Ohren schwerhörig und teilweise mit den schwersten Ohrenleiden behaftet. Eine dringende Mahnung für die Eltern, auf die Pflege der Gehörorgane ihrer Kinder künftig die größte Sorgfalt zu verwenden. — In Kirchhain herrschte am vergangenen Sonntag unter der Einwohnerschaft große Auf⸗ regung. Dort wurde eine ältere Dame, welche an Epilepsie litt, und gestorben war, beerdigt. Beim Zuschütten des Grabes glaubte der Totengräber ein fortgesetztes Klopfen aus dem Grabe zu vernehmen; auch eine andere Person glaubte diese Wahrnehmung zu machen und schleunigst wurde die Polizei hiervon benachrichtigt. Diese ordnete die sofortige Oeffnung des Grabes und des Sarges an. Hierbei stellte sich heraus, daß der Tod der Bestatteten schon vor mehreren Tagen eingetreten war. Die Leiche lag noch genau so, wie sie eingelegt war. Man ist auf den weiteren Ausgang der Sache natürlich sehr gespannt. 5 Kleine Mitteilungen. ** Wil derer erschossen. Aus Bieden⸗ kopf wird berichtet, daß der Förster Klinker den Wilderer Stenger aus Langenzaun erschossen habe. Stenger soll auf des Försters Anruf die Flinte nicht niedergelegt haben, sondern im Anschlag vorgegangen sein. ** Im Mordprozeß gegen Kneißl fand am Donnerstag vor dem Reichsgericht die Revisionsverhandlung statt. Das Reichsgericht verwarf die Reviston und bestätigte das Todes⸗ urteil des Schwurgerichts in Augsburg. * Die herabgestürzte Glocke. In dem etwa eine Stunde von Innsbruck ent⸗ fernten Dorfe Ampaß erreignete sich in der Christnacht ein gräßliches Unglück. Zwei Männer, ein verheirateter und ein lediger, gingen nach der Mette in den auf einer An⸗ höhe alleinstehenden Turm zum sogenannten Tagläuten. Während des Läutens stürzte plötzlich die alte, 9000 Kilo schwere Glocke herab, so zwar, daß der ledige Mann buch⸗ stäblich über die Brust entzwei ge⸗ schnitten wurde. Ein Teil lag in, der andere außerhalb der Glocke. Der Verheiratete befand sich ganz unter der Glocke und kam unbeschädigt davon, mußte aber in seiner ent⸗ setzlichen Lage verharren, bis endlich Hülfe kam und die Glocke gehoben wurde. * Der Leipziger Bankkrach vor Gericht. Die Voruntersuchung gegen Exner und Genossen ist nunmehr abgeschlossen und dieselben werden demnächst wegen betrügerischen Bankrotts vor das Leipziger Schwurgericht gestellt werden. L Versammlungskalender. Samstag, den 11. Januar. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Wieseck. General versammlung des Wahl⸗ vereins bei B. Wacker. Erscheinen aller Mit⸗ glieder erforderlich. Montag, den 13. Januar. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Briefkasten. V.⸗Büdingen. Wir werden uns das nächste Mal damit beschäftigen. Besten Dank! Red. Die Spediteure in Schlitz, Eckartshausen, Grünberg werden um pünktlichere Abrechnung gebeten, da wir sonst die Sendung einstellen müssen.— Ferner bitten wir diejenigen Kreuzband⸗Abonnenten, welche den Betrag für das erste Quartal noch nicht eingesandt haben, dies umgehend zu erledigen, da wir die Zustellung der Zeitung sonst einstellen! Expedition. en, Ode eg Sh 222 ges SSSR — . — —————„—-„— Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 2. 2 Brigitte taumelte zurück. Das also war's! Aber Ann' wurde schwächer Tag um Tag, Das! ste welkte wie ein Pflänzlein, das man mit den = Die Knie zitterten unter ihr, es wurde ihr Wurzeln ausgerissen, und an einem hellen Sonntag 0 SS e. 8 schwarz vor den Augen und sie mußte sich fest⸗ im November, als durch's offene Fenster die 0 9 87 5 halten. Doch nur einen Augenblick dauerte die Glockentöne hereinzogen und die Sonnenstrahlen Unter altungs-Ceil. Schwäche. Dann wankte sie zu Ann' hinüber, das Haar der Ruhenden küßten, da flüsterten und mit einer Zartheit, die man der Alten gar die bleichen Lippen ein leises:„Gute Nacht, nicht zugetraut hätte, nahm sie der Enkelin das Ahning, und habe mein Aennchen lieb!“ 4 Kind ab und legte es auf ihr Bett. Dann In dem Blicke, mit dem die braunen Augen 25 holte sie die warmen Strümpfe und das die Großmutter und das Kleine umfaßten, lag Brigitte. Sonntagsgewand und hekleidete die Frost⸗ eine Welt voll Dank und Liebe. Und dann Von G. Stein. zitternde damit. Willenlos ließ Ann' alles mit schlossen die Augen zum ewigen Schlummer. Nachdruck verboten.) sich geschehen. Und als ste sich in den Arm der Als sie die Ann' zu Grabe trugen, da schlich 1 Fortsetzung) Ahne schmiegte wie in alten Zeiten, wenn am Brigitte dahin, als werde sie sich nimmer auf⸗ Der Herr Lehrer, der selbst ganz stolz war auf die Erfolge, die er vorausgesagt, mußte fi. der alten Brigitte vorlesen, die sie nachher ür sich allein einmal ums andere mühsam nach⸗ buchstabierte und sie dann zwischen den Blättern des Gesangbuches aufbewahrte. Auch sonst hatte es die Ann' gut. Die Frau Baronin hatte sie bei ordentlichen Leuten untergebracht, und als ste in ihrer einfach⸗zierlichen Kleidung ein⸗, zweimal zu den Ferien heimkam, war das anze Dorf voll von ihr und Jedermann pries ihr Glück und die Herzensgüte der Schloßfrau. Dann hatte sie ihr Examen gemacht und gleich eine Anstellung gefunden. Das war gut, in doppeltem Sinn. Die Frau Baronin war nach kurzem Krankenlager hochbetagt gestorben, da hörten die Zuwendungen von der Seite auf. Ein Glück, daß Ann gleich die Stellung gefunden hatte, vierzig Mark Gehalt im Monat— Brigitte meinte, das sei eine Summe, die könnte man gar nicht kleinkriegen. Nur, daß die Briefe jetzt seltener wurden. Kein Wunder, das Kind hatte jetzt viel mehr zu thun. Bis Abends zehn Uhr manchmal, wo sollte da die Zeit zum Schreiben herkom men? Wie müde sie manchmal sein mochte, das arme Ding! Zuletzt blieben sie ganz aus. Zu Johannt hatte sie sich von dem Herrn Lehrer einen Brief schreiben lassen; aber auch darauf war keine Antwort gekommen. Nun hatten wir bald Martini. Brigitte wußte nicht ein noch aus. Nachts kam kein Schlaf in ihre Augen, und bei Tag trieb die Unruhe sie um. Wenn ihre Ann' krank war, krank bei fremden Menschen! Allein und verlassen! Und nun kam es über sie: ste mußte hin. Sie hatte ein paar Pfennige erspart. Auf den Winter, wenn es draußen nichts zu holen gab. Die mußten heran. Beim Schein ihres Oellämpchens zählte Brigitte ihre Schätze. Ein Nickel und Pfennig⸗ stück nach dem andern tauchte aus der Tiefe des Strumpfes auf; eine stattliche Anzahl, wer weiß— bei zehn Mark. Plötzlich war es der Alten, als ob sie aus dem Sturm, der das Häuschen umtobte, durch die Ritzen der Fenster fuhr und einen Regenschauer nach dem andern dagegen warf, eine Stimme ihren Namen rufen hörte. Sie horchte. Es blieb alles stumm. Nein, war ste schreckhaft geworden! Doch nein! Da kam es wieder— und nun, sie hatte sich nicht getäuscht, nun pochte es an die Thüre. Mit erschrockener Hast barg sie ihre Schätze wieder in den Strumpf und erhob sich schwer⸗ fällig, um zu öffnen. Wer mochte da kommen? Sie hatte kaum die Hand auf die Klinke gelegt, als ein mächtiger Windstoß die Thür weit aufriß und ihr einen Sprühregen ins Gesicht jagte. Sie konnte nicht gleich sehen. Und als ste dann sah—— Nein, es war nicht möglich! Auf der Schwelle stand ein junges Weib. Ein dürftiger Rock saß lose über einer abgetragenen Bluse. Um Kopf, Brust und Schulter war ein großes graues Tuch geschlagen, das zeronch irgend ein Bündel oder Packet zu bedecken schien. Klatschnaß hing das Haar an den Schläfen nieder, und in dem hohlen Gesicht standen zwei große erschrockene Kinderaugen von dunkelbrauner Farbe. „Ann'!“ Brigitte sagte es mehr mit den Augen wie mit den Lippen, und nun machte die Freu de einige Schritte und sank dann in die Knie. Sie hielt das Bündel der Alten entgegen und in herzzerreißenden Tönen schluchzte es auf:„Ahning, Ahning, verstoß mich nicht!“ Sonntag die Glockentöne über die Ebene dahin⸗ zogen, da löste sich der Krampf in ihr, und schluchzend barg sie ihr Antlitz an der treuen Brust. Brigitte redete kein Wort. Liebkosend strich manchmal die rauhe Hand über Scheitel und Nacken der Weinenden.„Meine Dirn, meine arme Dirn,“ murmelten die zitternden Lippen. „Und in einer solchen Nacht, keinen Hund sollte man hinausjagen, und sie schickt man durch Sturm und Wetter!“ Nach einer Weile richtete Ann' sich auf.„Nicht, Großmutter, darfst keinen schelten. Es ist ein Gesetz, daß sie da, wo ich war, einen nur zehn Tage nach der Zeit behalten, dann muß man sich eine andere Unterkunft suchen gehen. Ich hätte ja auch eine Stelle haben können, aber“— ein Schauder lief über sie hin—„ich konnt' nicht, ich mußt' heim, heim zu Dir. Und Großmutter, Aehni, nicht wahr, Du verstößt mich uicht, morgen nicht— niemals!“ „Dumme Dirn!“ Und schwere Thränen tropften aus den alten Augen, die das Weinen so lange schon verlernt hatten über all dem Jammer, den ste schon gesehen.„Dumme Dirn!“ Das Oellicht war ausgelöscht. Man mußte sparen. Brigitte hatte Ann' auf ihr Lager gebettet, und es war wie Frieden über das Gesicht des armen jungen Weibes geflogen, als sie von dort aus zusah, wie Brigitte mit den alten ungeschickten Händen sich um das Kind mühte. Dann ruhten beide neben einander, Mutter und Kind, und wie ein Traum aus ferner Kinderzeit klang es an das Ohr der braunen Ann', von zitternden Lippen mit gar dünner, schwacher Stimme gesungen:„Eia popeia, was rappelt im Stroh, Kätzchen ist tot und's Mäuslein ist froh, eia popeia!“ Bald zog ein friedlicher Doppelatem durch den Raum, und am Bett saß Brigitte im Dunkeln und hielt die Wache. 5 Dunkel außen und dunkel innen, so schreck⸗ haft dunkel und öde im Kopf und im Herzen. Nach einem Leben in Sorge und Arbeit, einem Leben der Zucht und Ehre, ein Ende in Schande. Schande durch sie, ihren Sonnenschein, den Troft ihres Alters! Und heimgekommen in solcher Nacht, durch Regen und Sturm. Keiner, der sie schützte, keiner, der ihr half. Es hätte wohl einen gegeben, aber Ann' hatte abgewehrt, nichts von ihm, kein Wort selbst von ihm, nicht einmal der Name war auf ihre Lippen gekommen. Kein Wort von dem, was dahinten lag, ver⸗ sunken, versunken, vergessen—— auf ewig! Was hatten ste ihr angethan, ihrem Liebling, der heute noch rein war, wie am ersten Tag, rein trotz der Schmach, die sie auf sie gewälzt hatten? Es rumorte in dem armen, alten Kopf, die Gedanken drehten sich im Kreise; im Herzen baute sich's auf wie eine Mauer von Liebe, die die Arme da schützen sollte vor aller Unbill und Rauheit der Welt, und die Lippen murmelten: „In solcher Nacht! Durch Wetter und Sturm, allein und verlassen!“ Am andern Tag fteberte Ann' und als nach zwei Tagen der Doktor ins Dorf kam, paßte ihm Brigitte auf. Der Arzt schüttelte den Kopf und machte ein ernstes Gesicht. Die Schwäche, der Gang durch die stürmische Regennacht, die Aufregung— Brigitte solle sich auf Alles gefaßt machen. Der Doktor komme noch einmal nach⸗ sehen. Der Doktor war 1 8 und Brigitte 115 sich am Thürpfosten fest. In ihrem Innern öhnte es auf:„Nein, das durfte ihr Gott nicht thun— das nicht!“ richten, und die Leute glaubten, ihr letztes Stündlein sei nicht mehr fern.— Dann aber, da gab sie sich gleichsam einen Ruck, so von innen, und als dann die Kleine heranwuchs und lieblich heranwuchs, das mußte ihr der Neid lassen, da flog es manchmal wie ein Abglanz von Sonne über das verwitterte Gesicht.—— „Großmutter! Großmutter!“ Brigitte fuhr auf. Wahrhaftig, nun war sie doch eingeschlafen. Oder war ihr nur im Halbschlaf ihr ganzes Leben im Geist vorüber⸗ gezogen? Die Sonne war hinunter, kaum daß noch ein roter Streifen den westlichen Horizont säumte. Schon wuchsen die Schatten des Abends über die Ebene, die Tannen ragten schwarz und drohend in die graue Luft und fröstelnd schmiegten sich die Blätter der Laubbäume aneinander. (Schluß folgt.) Im Kampf mit— ihr. Humoreske von Ph. Scheidemann. Strahlend vor Freude stürzte Gottlieb Schulze zu mir in's Zimmer. Er, der sonst so N schien ganz aus Rand und Band zu sein. „Mensch, was ist Dir denn passtert“, frage ich,„hast Du in der Lotterie gewonnen?“ „Nein, nein— viel freudigere Nachricht bringe ich! Ich habe„ihr“ geärgert, ich habe „ihr“ gründlich hinein gelegt“. „Ihr? Ah, ich verstehe; na, dann schieße mal los, Gottlieb.“ „Also höre: Zum ersten Male wohnen wir in einem Hause mit Gasanlagen. An der Decke unserer sogenannten guten Stube ist eine Rosette an⸗ gebracht; ein pausbäckiger Engel sperrt den Mund auf und aus dem Mund guckt ein Stück Gasrohr. Meine Schwiegermutter sagte, das sei rei⸗ zend, ein allerliebstes Posaunenengelchen; mir kommt es vor, als wenn der sogenannte Engels⸗ kopf ein abgebrochenes Pfeifenrohr im Mund und im Uebrigen eine verfluchte Aehnlichkeit mit meiner Schwiegermutter hatte; ich finde also die Rosette geschmacklos. Meine Frau ist auch in dieser Frage in der schlimmsten Situation. Sie hat aber bald, wie gewöhnlich, die goldene Mittelstraße zwischen mir und meiner hochverehrten Schwiegermama gefunden. Der Engelskopf sei nicht gerade reizend, aber auch keineswegs geschmacklos; aber praktisch sei das Gasmundstück auf jeden Fall innerhalb der Rosette angebracht. O, es ist erstaunlich, wie ein Weib, das sich bemüht, das europäische Gleichgewicht zwischen ihrem Gatten und ihrer Mutter auf⸗ recht zu erhalten, sich zu helfen weiß. Also praktisch! Auf das Wort schien meine Schwiegermutter, die jeden Sonntag zu Besuch bei uns weilt— ich begreife übrigens nicht, wie man 52 Sonntage im Jahr einrichten konnte, 4 wären gerade genug!— nur gewartet zu haben. —„Jawohl, sehr praktisch! Und Ihr werdet Euch natürlich in diesem Zimmer Gas⸗ beleuchtung zulegen müssen.“ —„Erlauben Sie, verehrte Frau Schwieger⸗ mutter, aber das werden wir nicht thun. Unsere Petroleum⸗Hängelampe ist noch wie neu und wird sich zwischen den Engelszähnen auch ganz gut machen.“ —„Aber ich bitte Sie, Sie können doch dem reizenden Engel keine Petroleumlampe in den Mund stecken!“ J f ln le 50 bil 1 ufer, 15 f Mee i 0 ug 0 nal n icts die 10 deln hui 2 megermutter! 5 Feroleunl Cr kriegt eine in Gisenstange 11 Il a Aim in d 555„Ei zum ich Ihnen lieben auf den Mund f — Almächt — ber lieb Herzbrechende Thränen fließen, — Ich War meine Stammkne Hier machte Panse, dann fuh „Am nächsten elschien bereits d fläche. Er schra in den Mund, warf mir neben vom Schreibtisch Mqenspize einbil als ob er ein M. bracht hätte, von Am Nachmitt Oaswerks und che an. Er 9 nd heilig, die g fei ganz von fel Abends erst loft einen Zyl. Dienstag len, ub se Gas neichen Stilpe flotten, Mittwoch an Eusbergitun sch em daß „Donners ie 0 reitg 1 Fan40 a euhrung Al, gung die Während g Kchnise 1 Sorten mei b und Wieder der a zum sütr ddr die Uunnen Nelke estlihen Horzont hatten des Abendz ten schwarz und stelnd schmiegten 0 aneinander. — — ihr. eidemann. stürzte Gottlieb k. Er, der sonst Rand und Band in hafftert“, frage gewonnen!“ digere Nachricht ärgert, ich habe 0, dann schieße u wir in einem der Decke unseter eine i 1 Fngel spertt de ö duc ein Stück ite, das sei kei⸗ mega Mir genannte Eugels⸗ rohr im Mun. 10 Achulscleit hütte; ich fude 8 1 lage in her 11 75 hal vi kein Gas. Nr. 2. Mitteldenutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. —„Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich den Engel mit dem aufgesperrten Mund nicht reizend finde.“— Meine Frau sitzt wie auf glühenden Kohlen. Ich sehe es ihr an, sie sucht nach einem Mittel⸗ ding zwischen Gas und Petroleum. Aber da giebts diesmal nichts! Eine Fackel kann man meiner Schwiegermutter— o, Pardon!— eine Fackel kann man dem sogenannten Engelskopf doch nicht in den Mund stecken. —„Aus lauter Dickköpfigkeit wollen Sie Nur weil ich gesagt habe, Ihr müßt Gas legen lassen, wollen Sie——“ —„Nein, weil ich nicht einsehe, daß ich unnützer Weise eine Gaskrone kaufen—“ —„Sie verschänden aus Eigensinn Ihr Zimmer, wenn Sie dem Engel eine Petroleum⸗ lampe in den Mund stecken.“ —„Aber verzeihen Sie doch, sehr verehrte Schwiegermutter! Ihr schöner Engel soll ja keine Petroleumlampe in den Mund haben. Er kriegt eine in hübsch gefältetes Tuch gehüllte Eisenstange———“ —„Ach, du lieber Gott, eine Eisenstange will er ihm in den Mund stecken—“ —„Ei zum Donnerwetter, allerdings möchte ich Ihnen lieber ein spanisches Fliegenpflaster auf den Mund kleben.“ —„Allmächtiger Gott, welche Herzlosigkeit —„Aber lieber Mann, wie kannst Du nur—“ Herzbrechendes Schluchzen! Und viele Thränen fließen, wies Bächlein auf der Wiesen! —— Ich war zerknirscht und floh, floh in meine Stammkneipe.“— Hier machte Gottlieb Schulze eine kleine Pause, dann fuhr er in seiner Erzählung fort: „Am nächsten Morgen, es war Montag, erschien bereits der Installateur auf der Bild⸗ fläche. Er schraubte dem Engel ein Gasrohr in den Mund, befestigte die kleine Gaslampe, warf mir nebenbei eine kleine Goethe⸗Büste vom Schreibtisch, so daß der große Heide die Nasenspitze einbüßte und ging dann vergnügt, als ob er ein Meisterstück sonder Gleichen voll⸗ bracht hätte, von dannen. Am Nachmittag kommt ein Angestellter des Gaswerks und bringt eine Gasuhr in der Küche an. Er versichert beim Fortgehen hoch und heilig, die große Scheibe in der Küchenthür sei ganz von selbst zerbrochen. Abends erster Beleuchtungsversuch. Er kostet einen Zylinder und ein Glühstrümpfchen. Dienstag will unsere Siebenjährige fest⸗ stellen, ob sie schon mit dem Lineal an das Gas reichen kann. Leider geht dabei die Stülpe flöten. Mittwoch Früh war unser Kanarienvogel an Gasvergiftung selig entschlafen; es stellte sich heraus, daß die Leitung nicht ganz dicht war. Donnerstag geht beim Dichten der Röhrenansätze ein Glühstrümpfchen entzwei. Freitag platzt der Zylinder. Samstag ist großes Reinemachen. An die Berührung mit Besenstielen noch nicht ge⸗ wöhnt, ging die zweite Stülpe zum Kuckuck. Während Gottlieb Schulze diese traurigen Erlebnisse schilderte, durcheilte er mit großen Schritten mein Zimmer; offenbar wollte hin und wieder der alte Aerger und Verdruß wieder zum Durchbruch kommen. Schließlich aber hatte die Freude endgiltig die Oberhand ge⸗ wonnen und in lustigster Stimmung erzählte Gottlieb weiter: i „Kreuzfidel kam ich am Sonntag Vormittag egen 7 Uhr vom Maskenfest des Gesangvereins euchhusten heim, nichts ahnend von der zer⸗ brochenen Stülpe.... Eiskalt überlief es mich, als ich, ein Zündholz in Brand setzend, die Beleuchtungsruine sah. Unbeschreiblicher Zorn überkommt mich—— ein Griff, ein 75 Klirrrrrr! und der Zylinder liegt zer⸗ chellt in der Kohlenschaufel—————. Drei Stunden Schlaf lagen hinter mir. Der Angstschweiß stand mir auf der Stirn; ich hatte nämlich geträumt, daß mich meine Schwiegermutter unter allen Umständen küssen wollte. Ich floh förmlich aus dem Bett!! Ich fürchtete, daß sich der Traum wiederholen könne... Ich trat in die gute Stube. Da fiel mein Blick wieder auf das Scheusal von sogenanntem Engel, das Pfeifenrohr im Munde und daran das Gerippe des Beleuchtungskörpers. Ein Brief, der auf dem Tisch liegt, lenkte meinen Blick ab. Na, das hatte gerade noch gefehlt: die Rechnung des Installateurs. Fort da lies selbst.“ Gottlieb brachte aus der Rocktasche ein zerknittertes Papier zum Vorschein, gab es mir und ich las: Rechnung des Installateurs Häusl! für Hochwohlgeboren Herrn Ober-Brennmaterial⸗ verwaltungsanwärtergehilfe erster Klasse Gott⸗ lieb Schulze. Auf Bestellung Ihrer Hochwohlgeboren Frau Schwiegermutter, der Oberschweinestecherswittwe Giftschnabel: 1 Lampe mit kpl. Steifarm u. Glühlicht M. 8.50 1 Augenscho ne„ 1 Zylinderschutz decken„—.50 1 Monteur(3 Stunden 1.80 2 75 Gasuhr verbunden, 0.40 Meter Rohr /¼“,—.32 oe!, Gasarm verlängert 0.25 Meter Rohr„—.15 Ff 1 Mantenr(2% Stunden); 1.43 Fb:: 0 2 Glühstrümpfchen extra.„—.80 2 Zylinder extra 0 Summa M. 16.80 „Ja, 16 Mark 80— Das macht sich! fiel mir hier mein Freund in's Wort. Und dazu eine zerbrochene Goethebüste, die zerschmissene Küchenthürenscheibe und ein gasvergifteter Ka⸗ narienvogel! Kreuzdonnerwetter! Mir wurde dunkel vor den Augen, als ich die Rechnung gelesen hatte und an meinen toten„Piepmatz dachte“, fuhr Gottlieb fort. „Rache, Blutwurst! Auch du, unglückseliger Augenschoner, du einziger noch lebender Zeuge unserer unvergleichlichen Gasbeleuchtung auch du mußt sterben! Komm herunter, stolzer Por⸗ zellanschirm— und hinein— klirrklirr!!— in den Kohlenkasten!“ Wahrscheinlich um mir zu zeigen, mit welcher Vehemenz er den Augenschoner zer⸗ trümmert hatte, warf Gottlieb seine kaum viertels aufgerauchte Zigarre in meinen Kohlen⸗ kasten, daß die Funken im Zimmer herumflogen. Dann erzählte er weiter: „Ein teuflischer Plan reifte innerhalb einer Sekunde in mir. Ich drehte den Haupthahn in der Küche ab. Dann schraubte ich dem sogenannten reizenden Engel die Gasröhre aus dem Mund. Und wie pries ich nun meinen Maskenkauf! Die scheußlichste Schreckenmaske, die im Laden war, hatte ich Abends zuvor für unser Faschings⸗ vergnügen erstanden; ein altes schieläugiges Weibergesicht, das die Zunge aus dem gräß⸗ lichen Rachen streckt— Warzen im Gesicht und lange Haare drauf!. Die Maske stülpte ich nun dem Engel in der Deckenrosette auf und auf die Zunge klebte ich die Installateurs⸗-Rechnung! N Meine nichtsahnende Frau wußte ich dem Zimmer fernzuhalten und als wir dann nach Tisch die vielgeliebte Schwiegermutter ankommen hörten, verduftete ich schleunigst.————“ Gottlieb Schulze hielt sich den Bauch vor Lachen— sein Gesicht glänzte vor Freu de und Genugthuung, wie eine Speckschwarte. Ich wollte einige Einwendungen machen, daß es doch nicht schön sei, eine alte Dame in dieser Weise zu behandeln, da kam ich aber schlecht an. „Hast Du je eine Schwiegermutter gehabt?“ „Leider nein!“ „Mensch, dann rede nix! Im Vertraun: Weißt Du, was die Alte zu meiner Frau gesagt hat? Im Vergleich mit mir müßte der Mat⸗ thias Kneißl ein Muster von einem Schwieger⸗ sohn sein!“ — Splitter. Die Schulen, das wissen Sie Alle, erziehen die Menschen nicht zur Freiheit, sondern zur Knechtschaft. Sie nagen die Wurzeln der jungen Menschenpflanze an, so daß sie verkrüppelt. Wir alle haben es mehr oder weniger an uns selbst erfahren; wie außerordentlich schwer es hinterher ist, die Lähmung abzuschütteln, in welche der Geist durch die Schule versetzt worden, welche Anstrengungen es kostet, um aus den Banden des Autoritätsglaubens zu selbständiger Prüfung und selbständigem Denken zu gelangen. Denn die Grundlage der Freiheit ist das Denken und das ist's, was die Schulen systematisch nicht lernen. Humoristisches. Fatales Wiedersehen. Erster Bedienter: „Schau her, da ist mir vor der Soiree plötzlich ein Knopf von meiner Livree verschwunden!“— Zweiter Bedienter:„Hat er sich wiedergefunden?“— Erster Bediener:„Ja, da ist e? soeben hat ihn mir jemand als Trinkgeld in die Hand gedrückt!“ Die Antisemiten wollen die Juden verbrennen; sie kommen aber über das Kohlen nicht hinaus. 3——— Litterarisches. Das Januarheft der„Sozialistischen Mo⸗ natshefte“(Berlin) enthält: Ignaz Auer: Partei und Gewerkschaft.— Ria Claassen: Stefan George. — Richard Calwer: Der Zolltarifentwurf.— Carl Legien: Tarifgemeinschaften und gemeinsame Verbände von Arbeitern und Unternehmern.— Eduard Ber n⸗ stein: Der Gang der wirtschaftlichen Entwickelung.— Heinrich Kauffmann: Zur Frage der genossen⸗ schaftlichen Produktion durch Produktivgenossenschaften. — Wilhelm Düwell: Wohlfahrtseinrichtungen.— Dr. Conrad Schmidt: Ein neues Buch über die Frauenfrage.— Rundschau: Politik; von Richard Calwer.— Wirtschaft; von Max Schippel.— Sozialistische Bewegung; von Oskar Petersson und Dr. Ladislaus Gumplowicz.— Gewerkschafts⸗ bewegung; von Heinrich Bürger.— Genossenschafts⸗ bewegung; von Gertrud David.— Soziale Kom munalpolitik; von Dr. Hugo Lindemann(C. Hugo) — Frauenbewegung; von Henriette Fürth. Preis des Heftes 50 Pfg. Geschichtskalender. 5. Januar. 1595: Frz. Drake, Seefahrer, angebl. Entdecker der Kartoffel, gestorben. 1898: Poli⸗ zei⸗Kommissar Tausch vor dem Disziplinargericht. 6. Januar. 1816: Aufhebung des zu Königs⸗ berg gegründeten sittlich-wissenschaftlichen Vereins„Tugend⸗ bund“ durch den König von Preußen. 7. Januar. 1895: Negerschinder Wehlan vor Gericht. 3. Januar. 1892: Umsturzd ebatte im Reichs⸗ tage. 1868: 7 Stolze, Stenograph. 9. Januar. 1893: Westphälischer Ber garbeiter⸗ Streik. 10. Januar. 11. Januar. des russ. Zareu. —. k. K————K— Aus dem Gießener Standesamtsregister. Aufgebotene. 30. Dezember: Friedrich S ie⸗ wer, Schneider dahier mit Friederike Seckler in Darm⸗ stadt. 2. Januar: Theodor Pfeiffer, Sergeant dahier mit Karoline Hörr in Launsbach. Karl Wagner, Kauf⸗ mann dahier mit Johanna Hochkirchen in Frankfurt a. M. 3. Karl Menk, Hilfsheizer dahier mit Karoline Will in Großen⸗Buseck. Johann Klein, Taglöhner mit Elisabethe Schmidt dahier. Eheschließungen, 3. Januar: Dr. Franz Kummer, Gymnasial⸗Oberlehrer in Chemnitz mit Marie Rudolph dahier. 7. Karl Horn, Bäcker mit Elisabethe Prang dahier. Geborene. 29. Dezember: Dem Taglohner Friedrich Jeschke e. T. 30. Dem Schreiner Karl Wirt zwei T. 31. Dem Wirt Karl Schmid e. T. 1, Ja⸗ nuar: Dem Kutscher Heinrich Seibel e. T. 3. Dem Fabrikant Georg Noll e. S. Dem Möbeltransporteur Friedrich Schnierle e. T. Dem Schnetder Heinrich Klee e. T. 5. Dem Taglöhner Johann Amend e. T. Dem Kaufmann Georg Seng e. S. Gestorbene. 31. Dezember: Zulius Annusseck, 39 Jahre alt, Agent. 3. Januar: Katharine Burk, geb. Käppchen, 38 Jahre alt, Ehefrau. Elisabethe Schlicht, geb. Eidam, 62 Jahre alt, Ehefrau. 5. Her⸗ mann Weimer, 1⅛ Jahre alt. 6. Johannette Mar⸗ einer, geb. Thorn, 68 Jahre alt, Ehefrau. Katharine Becker, geb. Stoll, 42 Jahre alt, Ehefrau. Adolf Schepers, 15 Jahre alt. 7. Johannes Bernhardt, 56 Jahre alt, Rentner. 1898: Esterhazy⸗Prozeß in Paris. 1889: Zweites Abrüstungs zirkula r * en e Sees bee 2 — 2 1 2 8 8 8 S ee eee ee l FFF n 2 4 8 5 5 5 5.* 59 e 8 e e 0 e n Schnellbesohlanstalten Wolkengasse 20, Schlossgasse 5 ————— Seite 8. Nr. 2. Wahlverein Wieseck. Samstag, den 11. Januar 1902, abends 8 ½ Uhr General-Versammlung e bei Balthasar Wacker„zum Gambrinus“. Die Mitglieder werden ersucht, zahlreich und pünktlich zu erscheinen. Der Vorstand. Brauer- und Küfer-Ball 2 Samstag, den 18. Januar 1902 in Lony's Gierkeller. Anfang 8 Uhr. Bier im Glas. Um zahlreichen Besuch bittet 2 Das Komitee. ee MARBURG. Sonntag, den 19. Januar 1902, abends 7 Uhr im Saale des Cafe Quentin(Höck) feiern die vereinigten Gewerkschaften Marburgs ihr diesjähriges Wintervergnügen durch Konzert, Theater, Gesaugvorträge u. Ball. Eintritt für das ganze Fest 1/(wobei 1 Dame frei). „, für Theater à Person 30 3. Eine Tanzkarte 75. Zu recht zahlreichem Besuch ladet ergebenst ein Die Gewerkschafts-Kommission. Job Water Pabetots Flocone, Ratinéè und Double mit Plaid- futter und Sammtkragen S Mk. —ꝛ—ß—p—ꝛ᷑—ꝛ̃ zoo feine kamm garn Anzüge 13.50 MIX. Einen Riesenposten JoPPEN mit Futter, Mufftaschen u. Schnallen ete. 3.50 MI. ä——ůꝛů—ů———.——ĩ᷑? 82 Alles für Erwachsene. ——ů— ö — —— —————— Oberhess. Kleider-Bazar Marburg. Afagenedende Verdauungs⸗ g Hubert Ulrich'she Kräuter-Wein.] 5 des Menschen, Anfertigung nach Mass Markus Bauer, Giessen kirche, 3 3 Allen denen, die sich durch Erkältung oder Ueberladung 5 5 des Magens, durch Genuß mangelhafter, schwer verdaulicher, zu heißer oder zu kalter Speisen, oder durch unregelmäßige VLebensweise ein Magenleiden, wie: Magenkatarrh, Magenkrampf, Magen⸗ schmerzen, schwere Verdauung oder Ver⸗ schleimung zugezogen haben, sei hiermit ein gutes Hausmittel empfohlen dessen vorzügliche heilsame Wirkungen schon seit vielen Jahren erprobt sind. Es ist dies das bekannte und Blutreinigungsmittel, der Dieser Kräuter Wein ist aus vorzüglichen, heil kräftig; Jefundenen Kräutern mit 0 stärkt und belebt den ganzen NVerdaunngsorganismus 2 0 ohne ein Jchführungsmittel zu Aut. Kräukerwein beseitigt alle Störungen in den 2 lut- gefäßen, reinigt das Blut von allen verdorbenen, kraukmachenden Stoffen und wirkt fördernd auf die Neu- ildung gesunden Blutes. Durch rechtzeitigen Gebrauch des Kräuter⸗Weines werden Magenübel meist schon im Keime erstickt. Man sollte also nicht säumen, seine Anwendung allen anderen scharfen, ätzen⸗ den, Gesundheit zerstörenden Mitteln vorzuziehen. Alle Symp⸗ tome wie: Kopfschmerzen, Aufstossen Sodbrennen, Bläh- ungen, Uebelkeit mit Erbrechen, die bei chronischen (veralteten) Magenleiden um so heftiger auftreten werden oft nach einigen Mal Trinken beseitigt. und deren unangenehme Folgen Stuhlverstopfung wie: Beklemmung, Kolikschmer- zen, Herzklopfen, Schlaflosigkeit, sowie Blutanstauungen in Leber, Milz und Pfortadersystem(Hämorrholdalleiden) werden durch Kräuter⸗Wein rasch und gelind beseitigt, Kräuter⸗Wein behebt jedwede Unverdaulichkeit, verleiht dem Verdauungssystem einen Aufschwung und entfernt durch einen leichten Stuhl alle untauglichen Stoffe aus dem Magen und Gedärmen. Hageres, bleich. Aussehen, Blutmangel, 3 sind meist die Folge schlechter Verdaunng, Entkräftung mangelhafter lub ildung und eines krank⸗ haften Zustandes oer Leber. Bei gänzlicher Appetitlosigkeit unter nervöser Abspannung und Gemüthsverstimmung, sowie häufigen Kopfschmerzen, schlaflosen Nächten, stechen oft solche Kranke langsam dahin. n Kräuter⸗Wein giebt der geschwächten Lebenskraft einen frischen Impuls. Kräuter⸗Wein steigert den Appetit, befördert Verdauung und Gele 5 regt den Stoffwechsel kräftig an, beschleunigt und verbessert die Blutbildung, beruhigt die erregten Nerven und schafft dem Kranken neue Kräfte und neues Leben. Zahlreiche Anerkennungen und Dankschreiben beweisen dies. Kräuter ⸗Wein ist zu haben in Flaschen à. Mk. 1.25 u. 1,75 in: Gießen, Großen⸗ Linden, Wetzlar, Fronhausen, Braunfels, Butz⸗ bach, Brandoberndorf, Gladenbach, Weilburg, Groß⸗Buseck, Allendorf, Grünberg, Lich, Hungen, Laubach, Bad Nauheim Marburg usw. usw. in den Apotheken. 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