8„ Gießen, Sonntag, den 9. Nopember 1302. 9 Ihren Redaktion: s, Mitteldeutsche Kirchenplatz 11, Schloßgasse N Rebattionsschtuß Donnerstag Nachmittag 4 19 * Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. 88 Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. D Inserate Die ögespalt. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4940) 331½%% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bauer und Sozialdemokratie. Dieses Thema dehandelt ein in der„Neue Zeit“ erschienener Artikel unseres Genossen Ebhard in Komorowen(Ostpreußen). Der Verfasser, einer der wenigen Großgrundbesitzer, die sich zur Sozialdemokratie bekennen, hat sich schon mehrfach über land wirtschaftliche Fragen in dem wissenschaftlichen Organ unserer Partei ausgesprochen und besonders die Wirkung der Zollpolitik auf die Landwirtschaft und die Lage des Kleinbauern vom Standpunkte des Fach⸗ mannes aus dargelegt. Vor einigen Monaten wies er z. B. in einem von uns zum größten Teile abgedruckten Artikel, auf Grund der Er⸗ fahrungen auf seinem eigenen Gute, ziffernmäßig nach, daß die Getreidezölle dem Bauer eher zum Schaden als zum Nutzen gereichten. Auch der vorliegende Artikel enthält eine Fülle des Interessanten und Anregenden und verdient weitere Verbreitung. Da der Grund und Boden die Quelle aller Nahrungsmittel bildet, ist es natürlich, daß sein Besitz auch eine große Macht verleiht. Daher wurde seit den ältesten Zeiten der Kampf um den Besitz der Erde von großen und kleinen Potentaten, von Geistlichen, Städten, Raub⸗ rittern mit großer Zähigkeit geführt und war die Hauptursache aller Kriege. Kein Wunder, daß das Bauernlegen bis in die Neuzeit reicht und der Kampf um die Scholle zwar nicht mehr mit den Waffen des Altertums und des Mittelalters, aber unter dem Schutze sehr dehn⸗ barer Gesetze ebenso gewissenlos weitergeführt wird. Der Besitz der Scholle bildet die Macht und deshalb sind die Agrarier bei uns Herren im Hause. Merkwürdigerweise hat der Bauer trotz aller Experimente, die man an seinem corpore vile gemacht hat, vor und nach Auf⸗ hebung des Feudalismus ein sehr zähes Leben gezeigt. Wie haben die Bauernkriege und der dreißigjährige Krieg den Bauernstand dezimiert, wie viel Bauern sind von deutschen Fürsten an auswärtige Potentaten als Kanonenfutter verkauft, wie viel Bauern ist von Rechts wegen ihr Eigentum gestohlen, wie viel Bauernblut hat alle Schlachtfelder Deutschlands und einen großen Teil Europas gedüngt, und trotzdem steht heute der Bauer noch in zäher Kraft da. Als ich vor bald dreißig Jahren als kleiner Grundbesitzer anfing und später einen größeren Besitz übernahm, habe ich die Ueber⸗ legenheit des Großgrundbesitzes gegenüber dem Kleingrundbesitz in eigener Wirtschaft kennen gelernt, und kann die Schlüsse, die Kautsky in seiner„Agrarfrage“ gezogen hat, nicht nur unterschreiben, sondern könnte noch manches Material darüber hinzufügen. Während der. Großgrundbesitz in der An⸗ wendung von Maschinen ꝛc. große Fortschritte gemacht habe,— führt Ebhardt weiter aus— sei davon bei den Bauernwirtschaften nichts zu spüren. Wirtschaft Fortschritte gemacht, meistens werde aber in der alten Weise weiter gearbeitet. Wenn unter diesen Umständen der Bauernstand nicht zu Grunde gegangen sei, so habe ie Anspruchslosigkeit des Bafern alt hü Zu Erhaltung gen, daß er ch der einzige 4 e ändern Geschwister meist Nur einzelne Bauern haben in der leer ausgehen und nach Westfalen ins Berg⸗ werk wandern. Ferner muß die Arbeitskraft von Frau und Kindern in viel intensiverer Weise ausgenutzt werden, als es mit der Ar⸗ beitskraft von Frau und Kindern der Arbeiter durch den Großgrundbesitzer geschieht. Das find die Quellen der bäuerlichen Kraft— und seines Elends. Was wird die Folge sein? Es ist wohl kein Zweifel, daß mit der größeren Industriealisterung der Landwirtschaft ein großer Teil von kleinbäuerlichen Besitzungen vom Groß⸗ grundbesitz aufgesogen wird. Es ist aber nicht nötig, daß alle diesem Prozeß unter⸗ liegen; ein Teil wird sich halten, wo ein Auf⸗ saugen durch den Großgrundbesitz nicht angängig ist und wo die Bauern durch bessere Schulen und die Not zu besserer Wirtschaftsweise ge⸗ zwungen werden. Hier dürfte sich derselbe Prozeß vollziehen, wie er sich in den besseren Dorfwirtschaften Norddeutschlands, zum Beispiel in Schleswig⸗Holstein, ferner in Mitteldeutsch⸗ land, namentlich in Hessen bereits zu voll⸗ ziehen begonnen hat. Trotz des„antikollekti⸗ vistischen Bauernschädels“ sehen wir das Privat⸗ eigentum in diesen Wirtschaften immer mehr zurück⸗ und das genossenschaftliche Kol⸗ lektiveigentum in den Vordergrund treten. Die Gründe dieser Umwälzung erklärt Ebhardt folgendermaßen. Die harte Notwendigkeit trieb den Bauern vielleicht zuerst zur gemeinsamen Anschaffung einer einfachen Dezimalwage, dann zum gemein⸗ samen Besitz einer Viehwage. Die Leute lernten den Vorteil des genofsenschaftlichen Eigentums kennen, kauften dann vielleicht einen Zuchtstier für die ganze Gemeinde, legten eine Genossen⸗ schaftsmeierei an, bildeten Meliorationsvereine, und der genossenschaftliche Betrieb bildete das Hauptkontingent für die Einnahme, während der Gewinn aus dem Privatbetrieb immer mehr zurückging— da unterliegt es gewiß keinem Zweifel, von welchem Bauern wir mehr Ver⸗ ständnis für unsere Forderungen zu erwarten haben, ob von dem verelendeten Bauern, der schließlich Land⸗ oder Industrieproletarier wird und erst als solcher zu uns kommt, oder von dem Bauern, der bereits die Vorteile der kollektivistischen Wirtschaftsweise kennen gelernt hat, und dessen Bestreben dahin gehen muß, diesen kollektiven Betrieb, seine hauptsächlichste Einnahmequelle auf Kosten seines Privatbetriebs zu vermehren. Von den Vorschlägen der Agrarier hat der Bauer allerdings gar nichts zu erwarten. Bei der nationalen Zollpolitik, die ja nur des Bauern wegen erfunden zu sein scheint, spielt der Bauer nur das Paradepferd. Dem Pub⸗ likum muß eben Sand in die Augen gestreut werden. Denn daß die Zollpolitik nur dem Großgrundbesitz allein helfen soll, schämen sich die Herren Agrarier wohl selbst einzustehen. Diejenigen Bauern, die nur für den eigenen Konsum bauen, haben direkten Schaden von der Zollpolitik, die sie aus Mangel an meusch⸗ lichen Arbeitskräften im Herbste fast stets zu kaufen und außerdem noch den Preisaufschlag bei den Industrieprodukten und den anderer Waren zu tragen hal Das G tern, die z genötigt sind, Saatgetreide vom Rittergutsbesitzer“ auch Saatgetreide kaufen müssen und den kleinen Vorteil aus dem Verkauf von Konsumgetreide reichlich mit dem Industrie⸗ und Warenzoll bezahlen müssen. Dazu kommt noch, daß das Getreide des Bauern, der ja nur geringe Massen auf den Markt bringt, stets einen geringeren Preis erzielt als das des Großgrundbesitzers, der direkt Waggonladungen verladen kann, während das Getreide des Bauern noch ver⸗ schiedene Hände durchläuft, an deren jeder etwas kleben bleibt, auch noch extra gereinigt und bearbeitet werden muß, ehe es verladefähig seinen Bestimmungsort erreicht. Das sind mindestens drei Viertel aller land wirtschaftlichen Betriebe, die gar keinen Vorteil von der Zoll⸗ politik haben. Daß von den anderen ein großer Teil weder Vorteil noch Schaden und der Rest nur bei extensiver Wirtschaftsweise und bei Raubbau zum Schaden der ganzen Landwirt⸗ schaft den größten Nutzen aus der Zollpolttik zieht, habe ich bereits in einem früheren Artikel nachgewiesen. Was dem Bauern haupt⸗ sächlich helfen wird, sind zum Teile Forde⸗ rungen, die bereits unser Programm enthält: Unentgeltlichkeit der Kosten für Arzt und Apotheke, Unentgeltlichkeit der Rechtspflege, Einführung des Milizsystems an Stelle der stehenden Heere, wodurch eine Menge Arbeits⸗ kräfte bei der Landwirtschaft bleiben würde, während sie bei der zweijährigen Dienstzeit der Heimat meistens entfremdet, in Großstadt und Industrie ihr Unterkommen suchen; ferner: Uebernahme sämtlicher Schullasten durch stärkere Verbände, als es die kleinen Kommunen sind, ferner Trennung von Staat und Kirche, wodurch nicht nur eine ganze Anzahl unproduktiver Kräfte für produktiver Bestrebungen frei, sondern auch eine erhebliche kapitale Entlastung der Bauernwirtschaft stattfinden würde, vermehrte Fürsorge des Staates für gute Absatzverhält⸗ nisse und namentlich Unterstützung aller Bestre⸗ bungen, die genossenschaftliche Unternehmungen anbahnen, den bäuerlichen Betrieb unseren Zielen näher bringen und unser Ziel dem Bauern verständlicher machen. Der Zollkampf im Reichstage. Um das Ungeheuer von Zolltarif unter Dach und Fach zu bringen wird hinter den Koulissen stark gearbeitet. Von Seiten der Zöllnerparteien des Reichstags werden unter sich und mit der Regierung Verständigungs⸗ versuche unternommen und besonders das Zentrum zeigt Neigung, auf die Regierungs⸗ vorlage umzufallen. Die Agrarier beharren auf ihren Forderungen und weisen jede Ver⸗ ständigung zurück. Das ist aber nur Schein; zur rechten Zeit werden sie nehmen, was sie kriegen. Tatsächlich ist die Gefahr der Annahme des Wuchertarifes bedeutend gestiegen. Wenn auch dem Zentrum eine Aenderung der Geschäfts⸗ ordnung, die es 2 al gerne vor rd, müssen nel n, sov Seite 2. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeituna. Nr. 45. wie bei der Abstimmung über die Roggen⸗ und Weizenzölle waren allerdings nicht anwesend. — Die Verhandlung über die Rind viehzölle wurde an diesem Tage fortgesetzt. Wie aus⸗ giebig auch das Thema in den vorigen Tagen behandelt worden ist, so faud doch der reisinnige Müller⸗Meiningen noch genügend Material, um daraus die scharfgespitzten Pfeile zu schnitzen, die er gegen Regierung und Mehrheit abschoß. Als Müller geendet hatte, konnte sich die Zoll⸗ majorität ihre Knebelgelüste nicht länger ver⸗ kneifen; sie stellte einen Schlußantrag, uber den auf Singer's Antrag namentlich abgestimmt werden mußte und der angenommen wurde. Gleich darauf gab es einen sehr pikanten Zwi⸗ schenfall: als einer von denen, die der Schluß⸗ antrag am Reden verhindert hatte, stellte sich ein getreuer Sohn der katholischen Kirche und in der Wolle gefärbter Ultramontaner, Sit⸗ tart, Abgeordneter des industriereichen Aachen, vor. Die Beschwerden der Arbeiterbevölkerung — und nicht dieser allein— seines Wahlkreises über die rigorose Grenzsperre und die Art und Weise, wie der Landwirtschaftsminister die Be⸗ schwerden behandelt, haben Herrn Sittart zu denken gegeben. Er ist, wie er wörtlich sagte, aus einem Freunde zu einem Gegner der Viehzölle geworden. Die Erklärung ver⸗ fehlte nicht, allseitige Sensation im Hause her⸗ vorzurufen. Nun wurde über eine ganze Menge Vieh⸗ und Fleischzollsätze abgestimmt, wobei die Kommissionsvorschläge überall zur Annahme gelangten, während die Sätze der Regierungs⸗ vorlage, wie auch diejenigen des Bundes der Landwirte abgelehnt wurden. Dann gab es eine Geschäftsordnungs⸗ debatte von einer Ausdehnung, wie sie nur bei der Lex⸗Heinze Zeit üblich war. Veranlaßt war sie durch einen Antrag, der von der Mehr⸗ heit ausging und den Zweck verfolgte, ganze Gruppen von Anträgen auf einmal zu be⸗ seitigen, dadurch die Beratung abzukürzen und den Wuchertarif durchzudrücken. Diesem Manöver traten unsere Genossen Singer, Stadthagen und Stolle mit Entschiedenheit entgegen und betonten allen lärmenden Unterbrechungen seitens der Mehrheit zum Trotz die Notwendigkeit, in der bisher beobachteten Art und Weise mit der Beratung fortzufahren und die Mindestzollan⸗ träge mit den einzelnen Positionen zu verbinden. Ein Vertagungsantrag Singers wurde abgelehnt und schließlich setzte das Zentrum den Uebergang zur Tagesordnung über die Wangenheimschen Anträge durch, die Zentrums⸗ zöllner warfen also die Wünsche ihrer mehr⸗ — 70 Freunde verächtlich in den Papier- orb. Donnerstag handelte es sich zunächst um die Interessen der Freihafengebiete Hamburg und Bremen. Die sozialdemokratische Fraktion hatte einen Antrag eingebracht, der diese Frei⸗ häfen vor den unter Umständen zur Anwendung kommenden Sperrmaßregeln bei Zollkriegen— Maßregeln, die die Kommission vorschlägt— beschützen soll. Genosse Molkenbuhr, der freisinnige Vertreter von Bremen, Frese, sowie des letzteren Fraktionsgenosse Dr. Barth ver⸗ traten energisch und geschickt diesen Antrag. Gegen ihn traten der Staatssekretär Thiel— mann, der Zentrumsmann Spahn und der Nationalliberale Prof. Paasche auf. Die Kommissionsfassung wurde natürlich angenom⸗ men.— An diesem Tage kam noch die sehr wichtige Frage der industriellen Kartelle zur Erörterung. Von unserer Partei lag der Antrag vor, die Zölle auf solche Waren aufzu⸗ heben, die von Syndikaten und Kartellen im Auslande teurer verkauft werden, als im In⸗ lande. Damit war die für Politik und Wirt⸗ schaftsleben so hochwichtige Trustfrage ange- schuitten. In ausgezeichneter Weise, auf genaue Kenntnis des einschlägigen Gegenstandes gestützt, wies Genosse Bernstein die Notwendigkeit nach, diesen modernen Riesenzünften Grenzen abzustecken. Graf Kanitz schwankte zwischen seinem junkerlichen Brotneide gegen die reichen Industriekönige und der alten Waffenbrüder⸗ schaft zwischen agrarischen und industriellen Zöllnern, bis er doch— natürlich!— für die Nach einer längeren Geschäftsordnungs debatte, bei der es sich um Vertagung der Zolltarifs⸗ beratungen handelte und in der Singer Gelegenheit nahm, den Agrariern ihre Sünden vorzuhalten, besonders ihre Heuchelei, mit der sie von Obstruktion sprechen, sie, die die Kanal⸗ vorlage mit der raffiniertesten Obstruktion, die je die Welt gesehen, zum Fall gebracht haben, wird ein Zentrumsantrag angenommen, nach welchem sich das Haus bis Dienstag(wegen der katholischen Feiertage) vertagt. Dienstag war das hohe Haus beschluß⸗ unfähig. Die Beratung über die Kartelle wurde fortgesetzt. Sie gab Bebel Gelegenheit, in einer großzügigen Rede noch einmal unsere prinzipielle Stellung zur Kartell⸗ und Trust⸗ frage darzulegen. Wir wollen keine künstliche Unterbindung der natürlichen Wirtschaftsent⸗ wickelung im Sinne kurzsichtiger Mittelstands⸗ politiker, wohl aber Beschneidung der Auswüchse des Kartellwesens, die dazu geführt haben, das Ausland auf Kosten der heimischen Industrie wie der heimischen Konsumenten zu begünstigen. Von den übrigen Rednern des Tages traten die Mitglieder der freisinnigen Vereinigung Dr. Pachnicke und Brömel für den sozial⸗ demokratischen Antrag ein; dagegen ereiferten sich der„Hauptmann der Kartelle“ und Führer des Kohlen⸗ und Eisenflügels der National⸗ liberalen, Beumer, sein Fraktionsgenosse Paasche und der sonst in merkwürdigem Gegensatz zu seiner Kartellschwärmerei stark, in Mittelstandspolitik machende Freikonservative Gam p. Handelsminister Möller stammelte auf Bebels Vorwurf der staatlichen Begünsti⸗ gung der Kartellpolitik ein paar sehr verlegene Ausreden.— Die Abstimmung über einen Vertagungsantrag ergab Beschlußunfähigkeit. Politische Rundschau. Gießen, den 6. November. Teurer Friede. Was den Völkern Europas der bewaffnete Friede kostet, das wird durch folgende Zahlen dargethan, welche die„Frkftr. Ztg.“ aus einer franz. Zeitschrift anführt. Darnach stiegen die militärischen Ausgaben Europas von 4612 Millionen Franks im Jahre 1891 auf 5324 Millionen im Jahre 1896 und auf 7875 Millionen im Jahre 1901. Von dieser letzteren Ziffer entfallen allerdings auf England für die Kosten des südafrikanischen Krieges 1600 Millionen. 1891 hatten Rußland und Frankreich ein militärisches Budget von 1608 Millionen, die Dreibundsmächte ein solches von 1457 Millionen; die Ziffern stiegen 1901 auf 2135 Millionen für Frankreich und Ruß⸗ land(Zunahme 527 Millionen oder 32 Proz.) und auf 1958 Millionen für die Dreibunds⸗ mächte(Zunahme 501 Millionen oder 34 Proz.). Während der gleichen Epoche stiegen die mili⸗ tärischen Ausgaben Englands, die Kosten des südafrikanischen Krieges nicht eingerechnet, von 794 auf 1300 Millionen, was eine Zunahme von nahezu 65 Prozent bedeutet.— Diese Riesenaufwendungen erscheinen in ihrer ganzen Unsinnigkeit, wenn man bedenkt, daß im Kriegs⸗ falle zwischen zwei europäischen Mächten nur von Besiegten die Rede sein wird, denn bei dem heutigen Stande der Massenmordtechnik führt ein Kampf zur Vernichtung Beider. Diese Unsummen genügten, um alles Elend aus der Welt zu schaffen! Ueber den Termin der nächsten Reichs⸗ tagswahlen haben in der letzten Zeit verschiedentlich Er⸗ örterungen in den Zeitungen stattgefunden und es wurde von zöllnerischer Seite behauptet, daß die Legislaturperiode bis zum Herbst ausgedehnt werden könne. Das mögen die Agrarier wohl sehnlich wünschen, um den Zolltarif durchzusetzen, trotzdem wird dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen; aus verfassungsrechtlichen Gründen ist eine Verlängerung des Reichstags unmöglich. spricht auch der Staatsrechtslehrer Laband aus, der in der„Juristenzeitung“ erklärt: „Der Reichstag muß bereits vorhanden sein, bevor er zur Augzübung seiner Funktionen berufen werden kann. Die Mitgliedschaft wird erworben durch die Wahl, nicht durch die Einberufung; mit dem Zeitpunkt des Erwerbes der Mitgliedschaft beginnt die verfassungsmäßige Maxi⸗ maldauer derselben, und die später durch Stichwahlen und Nachwahlen hinzugekommenen Abgeordneten verlieren zugleich mit den bei den allgemeinen Wahlen gewählten die Mitgliedschaft, weil die Neuwahlen allgemein sein sollen. Hieraus ergiebt sich, daß die Legislatur⸗ periode mit dem Tage der allgemeinen Wahlen beginnt.“ a An„maßgebender“ Stelle soll man nach Mitteilung eines Hamburger Blattes der gleichen Ansicht sein, trotzdem wolle man die Wahlen erst im Herbst stattfinden lassen. Aber auch das wird nicht angehen; denn es darf doch nicht 3 bis 4 Monate ohne Volksvertretung regiert werden. Wir müsseu uns deshalb auf den Monat Juni als Wahltermin einrichten. Agrarischer Unsinn. Herr von Treuenfels ist Reichstagsabge⸗ ordneter für den sechsten Mecklenburgischen Wahlkreis. Als er am 6. März v. Is. in Güstrow im konservativen Wahlverein über seine Thätigkeit Bericht erstattete, sagte er über die Zölle:„Die Gerüchte, die über einen 7 bis 8 Mark⸗Zoll im Umlauf sind, berühren mich nicht. Ich halte einen solchen Zoll für einen Unsinn in Anbetracht dessen, daß dadurch dem kleinen Manne das Brot zu sehr verteuert würde.“ Und am 21. Oktober d. J. ging Herr von Treuenfels hin und stimmte für den 7.50 Mark⸗Zoll der Bündler. Gröber kann ein Reichstagsabgeordneter seine Thätigkeit wohl selbst uicht bezeichnen, als daß sie Unsinn sei. Bindewald, der Vertreter für Alsfeld⸗ Lauterbach, hat es übrigens genau so gemacht. Auch er erklärte den 7.50 Mk.⸗Zoll für unan⸗ nehmbar und stimmte ein paar Monate später selbst dafür! Alles, nur keinen Sozialdemokraten denkt die elsaß⸗lothringische Regierung. In der Stadt Mülhausen waren nämlich zwei Beigeordnete zu ernennen, weil die früheren infolge des Wahlsieges der Demokraten und Sozialdemokraten ihr Mandat niedergelegt hatten. Unsere Parteigenossen haben im dortigen Gemeinderat die Hälfte der Sitze inne und deswegen schlug der Gemeinderat auch unsern Genossen Redakteur Martin als Beigeordneten vor. Den lehnte die Regierung aber ab und ernannte den der demokratischen Partei ange⸗ hörenden Rentner Henri Beuer, sowie den Gerichtsassessor Zöpffel.— Mit den Demokraten gedenkt die Regierung also immer noch aus⸗ kommen zu können. Aber ein Sozialdemokrat? Der läßt ja wohl nicht mit sich handeln. Unaufgeklärter Vorfall in der Kaserne. Aus dem dunkelsten Osten Deutschlands kommt eine Nachricht über eine grauenhafte Soldaten⸗Mißhandlung, die schon im August ds. Is. verübt und den Tod des Mißhandelten verursacht haben soll. Bis jetzt war der Fall fast unbekannt geblieben, nur ganz Unbestimmtes drang in die Oeffentlichkeit. Am 8. August soll der Kanonier Baltrusch von seinen eigenen Kameraden in grauenhafter Weise erschlagen worden sein. Zu dieser Affaire erhielt nun unterm 31. Oktober die„Ostd.⸗Volks.⸗Ztg.“ in Insterburg einen Brief der Witwe des Getöteten, einer armen Arbeitersfrau, den das Blatt vollinhaltlich zum Abdruck bringt. Die Frau schreibt darin, daß am 8. August ihre Mutter in Darkehmen starb und sie telegraphierte deshalb von dort an ihren bei dem 1. Artillerie⸗Rgt. in Gumbinnen als Soldat dienenden Mann, den sie bat, zu dem Begräbnisse ihrer Mutter zu kommen. Sie erhielt die Depesche mit dem Vermerk zurück, daß ihr Mann tot sei! In dem Briefe heißt es weiter: „Am Sonntag fuhr ich von Insterburg, woselbst ich wohne, nach Gumbinnen, und hier erfuhr ich, daß mein Das ist schon mehrmals von unserer Partei- Ablehnung des Autrags sich erklärte. presse hervorgehoben worden; die gleiche Ansicht Mann auf Befehl eines Unteroffiziers auf das furchtbarste gemißhandelt und dann aus . ͤ ˙—— 2 ²˙¹ A 1˙1——.——— SS S N 2 2— e er. rr e S e U Nr. 45. 2 Mitteldentsche Sountaas⸗Zollung. Seite 3. einer zwei Stock hoch gelegenen Stube zum Fenuster; auf den Kasernenhof dicht vor den Wacht⸗ posten hinausgeworfen sei und infolgedessen seinen Dod gefunden habe.... Von den Kameraden meines Mannes erfuhr ich, daß mein Mann vorher von einem Pferde geschlagen worden und deshalb revierkrank gewesen sel. Er hätte am Tage vor seinem Tode einen Schwindel⸗ oder Ohnmachtsansall erlitten und sich auf ein Bett geworfen. Kurz darauf wäre ein Unter⸗ osfizier gekommen, hätte auf meinen Mann geschimpft und einigen Leuten befohlen, ihn aus der Stube zu werfen und ordentlich zu verhauen, und dies sei dann auch in bestialischster. Weise ausgeführt worden. Am Begräbnistage selbst bekam ich meinen Mann zu sehen. Es war dies ein so schrecklicher Anblick, daß ich ihn wohl, so lange ich lebe, nicht vergessen werde. Brust und Kopf waren durchlöchert und sah sein Körper ganz entstellt aus. In den ersten Wochen nach dem Tode meines Mannes habe ich keine Nacht schlafen können, weil mir das schmerzverzerrte Gesicht desselben nicht aus dem Gedächtnis schwand.“ Schließlich teilt das arme Weib noch mit, daß ihr von dem Rittmeister Unterstützung und auch die Bestrafung der Schuldigen zugesagt worden sei, doch habe sie bisher weder Unter⸗ stützung erhalten, noch etwas von der Bestrafung gehört.— Bei der zu erwartenden Gerichts⸗ verhandlung wird man wohl Weiteres und Genaueres erfahren. Denn es ist doch undenk⸗ bar, daß das Militärgericht diese Schandthat ungesühnt lassen sollte.— Von anderer Seite wird behauptet, daß Baltrusch nicht mißhandelt, sondern infolge eines Sturzes einen Schädel⸗ bruch erlitten haben. Dagegen stellt die„Königsb. Hartungsche Ztg.“ den Vorgang ganz anders dar. Sie erklärt, der Fall sei kriegsgerichtlich verhandelt und eingehend untersucht worden. Die Beteiligten wären freigesprochen worden, weil ste sich in Notwehr(ö) befunden hätten. Darnach muß der Kanonier doch aus dem Fenster gestürzt worden sein. Auffällig bleibt, daß nichts davon in die Oeffent⸗ lichkeit gelangt ist. Verstorbene Abgeordnete. Einer der bekanntesten bürgerlichen Abge⸗ ordneten des Reichstages, Heinrich Rickert, ist am Montag früh nach längerem Leiden, beinahe 70 Jahre alt, gestorben. Er war einer der Führer der Freisinnigen Vereinigung und vertrat im Reichstage den Wahlkreis Danzig⸗ Stadt.— Ferner verstarb der frühere Alters⸗ präsident und Zentrumsabgeordnete Lingens im hohen Alter von 83 Jahren. Er war es, der vor etlichen Jahren im Reichstage das Wort vom Unteroffizier als Stellvertreter Gottes aufbrachte. Neue ungeheure Kohlenlager sind im nördlichen Belgien entdeckt worden. Sie erstrecken sich von Limburg(Belgien) bis Antwerpen und die Flötze haben eine Dicke von 500 bis 600 Meter. An dieser Entdeckung haben auch die Arbeiter ein großes Interesse, denn es wird in jener Gegend zweifellos eine durchgreifende Revolution vor sich gehen; in der unfruchtbaren Ebene werden Städte ent⸗ stehen und ganze Arbeiterheere ihren Einzug halten. Um zu verhüten, daß die neuerschlossenen unterirdischen Reichtümer ausschließlich einer winzigen Anzahl Kapttalisten in die Hände fallen, haben, wie dem„Vorwärts“ geschrieben wurde, die sozialistischen Abgeordneten Vander⸗ velde und Denis in der Kammer einen Antrag auf Verstaatlichung der neuen Kohlen⸗ werke gestellt. Kaum aber sind etliche Tage seit dem Bekanntwerden dieses Antrages ver⸗ =flossen, so beginnt die Kapitalistenpresse schon gegen ihn Sturm zu laufen. Natürlich wollen die Kapitalisten den Profit einheimsen und sie erklären durch ihre Organe, daß der Staat zu langsam und teuer arbeite. Damit wird aber doch nur der Regierung das schlechteste Zeugnis ausgestellt! Eine bessere staatliche Organisation würde sofort Abhülfe schaffen. Auf alle Fälle wird die Sache dem Sozialismus nützen. Wer ist schutzbedürftig? Agrarier und Industrielle streiten sich darum, wer von ihnen am meisten schutzbedürftig ist. Jede der beiden Interessentengruppen versucht, die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen. Auf beiden Seiten spricht man von Notlage, dabei werden sachliche Argumente durch Geschrei ersetzt. Wo wollen Großgrundbesitzer und In⸗ dustriebarone auch sachliche Momente für solche Behauptung hernehmen? Ein anderer ist es, der mit Recht von Notlage reden kann und schutzbedürftig ist: das ist der Arbeiter. Nehmen wir die Arbeiter des rheinisch⸗west⸗ fälischen Industriegebietes. Deren Bilanz schließt ab mit Lohnrückgang und Unfallsteige⸗ rung. Den Rahmen zu dem Bilde liefert die fortgesetzte Verteuerung der Lebenshaltung, die Steigerung der Lebensmittelpreise, deren Folge Unterernährung ist. Zahlreiche Familien leiden heute thatsächlich direkt Not. Zweifellos ist es an der Arbeiterschaft, Schutz gegen weitere Plünderung, Schutz gegen weitere Belastung durch Zollwucher und erhöhten Schutz für Gesundheit und Leben zu verlangen. Als während der guten Geschäftsjahre das jährliche Einkommen der Arbeiter sich etwas gehoben hatte, hauptsächlich durch die Ueber⸗ arbeit, da wußte die kapitalistische Presse nicht genug Aufhebens davon zu machen. Jetzt aber, wo die Löhne zurückgegangen sind, schweigen diese noblen Blätter. Glücklicherweise ist es aber trotzdem doch das Unternehmertum selbst, welches Farbe be⸗ kennen muß, und zwar durch die Berichte der Berufsgenossenschaften. Da ist der Bericht der Rhein.⸗Westf. Hütten⸗ und Walz⸗ werk⸗Berufsgenossenschaft für das Jahr 1901. In dieser Genossenschaft waren im Berichtsjahre versichert 126 902 Personen, gegen 134717 im Jahre 1900. Die Gesamtsumme der gezahlten Löhne und Gehälter betrug 166 253 602.45 Mk. gegen 182449791 Mk. im Jahre vorher. Die Zahl der beschäftigten Arbeiter ging um 7815, die Gesamtlohnsumme um 16 196 238.55 Mk. zurück. In dem laufenden Jahr wird der Rückgang zweifellos noch größer sein. Aber die Unfälle gingen nicht zurück; im Gegenteil ist bei diesen eine fortgesetzte Steigerung zu verzeichnen. Insgesamt verunglückten 21799 Personen, oder 172 pro 1000 Versicherte. Von den Verunglückten waren tot 118, dauernd teilweise erwerbsunfähig 1017, dauernd völlig erwerbsunfähig 491 Personen. Die entschädigungspflichtigen Unfälle nahmen ständig zu und das, obwohl bei den Feststellungen immer schärfer vorgegangen wird. Auf 1000 versicherte Per⸗ sonen entfallen entschädigungspflichtige Unfälle: 1895 1896 1897 1898 1899 1900 1901 9,5 10 10 11 12 12,8 12,9. Nach den Ursachen der Unfallzunahme braucht man nicht lange zu forschen. Es ist das die Folge der wahnsinnigen Antreiberei mit rück⸗ sichtslosester Akkordreißerei. Die Arbeiter haben keine Zeit, auf Gesundheit und Leben zu achten, in tollem Drauflosschuften müssen sie immer mehr Produkte schaffen, bei gekürzten Löhnen schwillt die Ziffer der Opfer auf dem industriellen Schlachtfelde immer mehr an, immer größer wird das Heer der Krüppel und Leichen, die Blutwelle steigt! Nicht der Junker und der Großindustrielle ist schutzbedürftig, wohl aber und zwar ganz dringend der Arbeiter. Möge er seine Stimme erheben und den Wucherlustigen und der Regierung mit donnernder Stimme ent⸗ gegenrufen: Mehr Arbeiterschutz! (Morgnrth,) Gewerkschastl. u. Arbeiterbewegung. + We berstreik. Seit etwa drei Wochen befinden sich die Weber in Meerane in Sachsen im Ausstande. Die armen Weber, die bisher schon für Hungerlöhne arbeiten mußten, waren 171 e der Arbeit gezwungen, weil ie Fabrikanten die Löhne noch ganz bedeutend herabgesetzt hatten. Außerdem verlangen die Herren Unternehmer, daß sie einfach die Löhne festsetzen; die Weber wissen somit gar nicht, wenn sie ein Stück in Arbeit nehmen, was sie dafür erhalten. Natürlich lassen auch bei diesem Streik die Fabrikanten die bekannten Klagelieder ertönen, daß sie zu Grunde gehen müßten, wenn sie höhere Löhne zahlten. Darauf antwortet aber ein Textilfabrikant in einem Leipziger Blatte: „Wer in unserer Branche arbeitet, weiß ganz genau, daß es gleichgiltig ist, ob eine Ware 105 oder 110 Pfg. per Meter kostet, dagegen ist es gewissen Fab ri⸗ kanten nicht gleichgiltig, wenn sie an einen festen Lohn⸗ tarif gebunden sind. Denn dadurch sind sie gebunden, festgelegte Löhne zahlen zu müssen, damit hört der Wucher auf, Geschäfte auf Rechnung der Löhne zu machen und anderen Fabrikanten, die ordnungsgemäße Löhne zahlen, Ordres aus den Zähnen zu reißen. Warum sind es denn nur gewisse Firmen, welche sich in kurzer Zeit viele Hunderttausende zusammen⸗ schlagen? Weil es eben nicht Jeder fertig bringt, über Leichen zu wandeln.“ Hier wird also von einem Fabrikanten selbst die von dem Unternehmertum betriebene gewissenlose Plusmacherei bestätigt. An Be⸗ mühungen zur Beilegung des Streiks hat es nicht gefehlt. Sowohl der Fabrikinspektor als der Meeraner Stadtrat versuchten eine Einigung der Parteien. Die Versuche scheiterten an der Starrköpfigkeit der Unternehmer, die keinerlei Zuständnisse machen wollen. Der heilige Profit könnte geschmälert werden! Die Ausständigen halten tapfer aus; Streikbrecher giebt es keine. T Ein Kongreß der Gasarbeiter Deutschlands soll am 18. April 1903 in Berlin abgehalten werven. Der hauptsächlichste Punkt der Tagesordnung des Kongresses ist die Forderung des Achtstundentages für die Gasarbeiter. Heute wird in den meisten deutschen Gasanstalten noch 10—12 Stunden, beim Schichtwechsel sogar 18—24 Stunden gearbeitet. Die lange Arbeitszeit bei der furcht⸗ baren Hitze an den Retorten, verbunden mit dem ständigen Temperaturwechsel, dem die Arbeiter ausgesetzt sind, trägt dazu bei, daß der Gesundheitszustand der Gasarbeiter ein äußerst schlechter ist und Krankheiten aller Art entstehen. Einigkeit unter den Buchdruckern! Nunmehr sind die Streitigkeiten unter Buch⸗ druckern entgiltig beseitigt. Die Einigungsver⸗ handlungen zwischen den beiden Buchdrucker⸗ Organisationen sind zum Abschluß gekommen. Die Gewerkschaft der Buchdrucker löst sich auf und ihre Mitglieder treten in den Verband ein, der ihnen die früher an den Verband und die durch fünf Jahre an die Gewerkschaft geleistete Beiträge anrechnet. Der Verband gewinnt dadurch 180 Mitglieder und einen Vermögens— zuwachs von 12 600 Mk. Es ist ein Frieden— schreibt die„Buchdrucker Wacht“, das Organ der„Gewerkschaft“ in seiner Schlußnummer— der hoffentlich nirgends auf die Dauer einen Stachel zurückläßt. Und weiter richtet das Blatt die Mahnung an die Kollegen: „Hinweg mit der Vergangenheit— vor⸗ wärts richten wir den Blick! An die Stelle des Bruderkampfes hat der einheitlich geführte Kampf gegen die natürlichen Gegner der Arbeiter- klasse zu treten. Wie früher, so werden die bisherigen Mitglieder der Gewerkschaft auch in Zukunft wieder ihren Mann zu stehen wissen, wo es sich darum handelt, für die Interessen der Arbeiter einzustehen. a Möge jeder verbleibende persönliche Groll schnell und für immer verblassen und möge Eintracht und Friede einziehen, damit das Werk der Einigung zu einem segensreichen werde.“— Recht so! von Uah und Lern. Hessisches. Der hessische Landbote kommt! Das Landeskomitee der sozialdemo⸗ kratischen Parteiorganisation Hessens teilt den Genossen mit, daß mit der Versendung des „Hessischen Landboten“ begonnen worden ist. Jeder Kreis erhält, sofern nicht anders bestimmt werden sollte, seitens der Genossen, dieselbe Anzahl Kalender zugesandt, die er im vorigen Jahre gehabt. Die 1 gehen auch an die vorjährigen Adressen, sofern nicht anders bestimmt wird. 74 ——=-= UD n Seite 4. Mitteldeulsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 45. Die hessischen Landtagswahlen. Diesen Samstag, den 8. November finden nun die Abgeordnetenwahlen statt, die immerhin noch Ueberraschungen bringen können. Denn die Parteistellung vieler Wahlmänner ist noch zweifelhaft, teilweise fehlen sogar noch zuverlässige Nachrichten über die Wahlresultate. So kann man Genaueres über die Zusammen— setzung der neuen Kammer noch nicht sagen. Was O berhessen betrifft, so ist die Wahl dreier Freisinniger sicher. Es sind dies Gut⸗ fleisch⸗Gießen, Reh⸗Alsfeld und Dam m⸗ Friedberg. Im Grünberger Kreis soll die Wahl Hirschels gesichert sein. Darüber stimmt er in seinem Offenbacher Blättchen ungeheueren Jubel an; unseres Erachtens hat er dazu keine Veranlassung, denn die für die Antisemiten abgegebenen Stimmenzahlen sind geradezu erbärmlich gering. Soviel ist sicher, Hirschel würde in diesem Kreise bei dem direkten Wahlrecht nie gewählt, er würde sogar jetzt durchgefallen sein, wenn die Gegner mit ge⸗ eigneteren Kandidaten aufgetreten wären. Unsere Partei hatte hier von vornherein leine Aussicht, weil wir nur in einzelnen Orten Wahlmänner bekommen. Gießener Angelegenheiten. — Nachwehen von der Landtags⸗ wahl. Während es vor der Landtagswahl hier in Gießen sehr ruhig zuging— nicht mal eine Versammlung hat stattgefunden— gab es nachher einige Aufregung. Bei uns zwar nicht, unsere Genossen sind im Gegenteil leid⸗ lich zufrieden. Fürchterlich hat sich aber ein Mann alteriert, dem die Ehre erwiesen wor⸗ den war, als Wahlmann auf den sozialdemo⸗ kratischen Zettel gesetzt zu werden. Schleunigst stürmte er auf das Amtsblatt, um öffentlich hoch und tener zu schwören, daß er nicht zu den bösen Sozis gehöre. Das war ganz über⸗ flüssig, jeder wußte es ohnedies. Vielleicht würden wir uns auch für seine Parteigenossen⸗ schaft bedanken. Was veranlaßte aber den Wirt Sauer zu dieser Erklärung? Er ist Mitglied des unpolitischen Kriegerver⸗ eins, der ihm die politische Meinung diktiert. Im Interesse seines Geschäftes„muß“ er Rücksicht nehmen auf ein paar Kriegervereinler, Eisenbahnassisteuten und was sich etwa sonst noch den„besseren Leuten“ zurechnet, nicht aber auf die vielen Arbeiter, die dort ver⸗ kehren. Die dürften sich jedenfalls veranlaßt fühlen, die kriegervereinlichen Kreise nicht weiter zu stören.— Das indirekte Wahlrecht ist aber doch noch zu etwas gut. Man kann den Geg⸗ nern am eigenen Leibe die Gesinnungsriecherei und Aechtung, mit der sie uns bedenken, füh⸗ len lassen. Vielleicht setzen wir das nächste Mal, wenn dieses Wahlsystem noch existiert, den Schweinburg-Dichter Sommerlad und andere Sozialistenfresser auf unsere Liste! So muß ans dieser Zufall— denn um einen solchen handelt es sich— zum Besten dienen! Auch Hirschels Arizonakiker giebt seinen Seuf zu der Sache.„Er läßt sich von hier schreiben: Bei der hiesigen Landtagswahl war es sehr auffallend, daß sie sich fast gar nicht rührten und ihr Kandidat Krumm, der sich doch sonst so gerne reden hört, seine liebliche Stimme in Wählerversammlungen nicht er- schallen ließ. Hat es etwa am nervus rerum gefehlt oder hat er andere Schmerzen?“ Dann erzahlt er mit wichtiger Miene, daß zwei Wahlmänner im Anzeiger gegen ihre Aufstellung auf die sozialistische Liste protestirt hätten. a Nun, wenn uns Geld fehlte, könnten wir vielleicht bei den Antisemiten einen Pump anlegen? Ihr armen Schelme! Der sich hier durch seine lateinischen Brocken so gelehrt stel⸗ lende Antisemitrich kann die Tatsache des finanziellen und des politischen und moralischen Bankrottes des Antisemitismus nicht aus der Welt schaffen. — Stadtverordneter Professor Fuhr ist am Montag Vormittag gestorben. In dem Verstorbenen ist ein Mann von edler, freier Gesinnung und lauterem Charakter dahin gegangen. Zu Lebzeiten hat er sich jeden Nach⸗ ruf im Falle seines Ablebens verbeten. Dazu meint unser Offenbacher Paxteiorgan:„llas soll die Bitte Fuhrs nicht abhalten, hier fest⸗ zustellen: der„außerordentliche“ Professor Fuhr war ein ganz außerordentlicher Mensch, wenn er in Gießen auch niemals„ordentlicher“ Professor geworden ist. Fuhr war in seinem Spezialfach— Chirurgie— eine hervorragende Kraft, aber gar nichts hervorragendes hat er in der Katzbuckelei geleistet. Dem Verstorbenen wurde allezeit eine sehr freie Gesinnung„nach⸗ gesagt“, dazu war er liebenswürdig im Um⸗ gange selbsr mit dem Allerärmsten, er war— mit einem Wort gesagt: so wenig professoral, daß es uns ganz selbstverständlich erscheint, wenn er nicht„ordentlicher Professor“ wurde. Professor Fuhr war nicht etwa Sozialdemokrat — das ist ja der erste Verdacht, der ausge⸗ sprochen wird, wenn ein Mann aus der Sphäre Fuhrs auch mit armen Teuseln als Mensch zum Menschen spricht—, aber er war ein braver Mann vom Scheitel bis zur Zehe. Und deshalb achteten wir ihn allezeit hoch.“ Das dürfte stimmen. — Kein billigeres Brot! Neulich hieß es einmal, daß der Brotpreis um einige Pfennige heruntergesetzt werden solle, weil das Mehl gegenwärtig im Preise ebenfalls niedrig stehe. Es ist aber nichts daraus geworden, obwohl die Herren Bäckermeister darüber in zwei Versammlungen berieten, eine Anzahl sich auch für Preisherabsetzung ausgesprochen haben soll. Doch die Mehrheit war dafür, den Konsu⸗ menten weiter die höheren Preise bezahlen zu lassen. Sie können sich's leisten, die Ritter vom Backtrog, sie gehen geschlossen vor und diktieren einfach die Preise. Hier wäre es Aufgabe der Konsum vereine, auf Mittel und Wege für Beschaffung des Hauptnahrungs⸗ mittels zu billigerem Preise zu sorgen und die Uebervorteilung des konsumierenden Publilums unmöglich zu machen. — Der Konsumverein für Gießen und Umgegend hielt am Sonntag im Postkeller seine erste Generalversammlung ab. Dazu waren die Mit⸗ glieder ziemlich zahlreich erschienen uud nahmen zunächst den Geschäftsbericht des Geschäftsführers entgegen. Nachdem dieser die Zunahme der Mitgliederzahl erwähnt, bespricht er das geschäftliche Ergebnis. Wenn dieses den gehegten Erwartungen nicht entspreche, so sei dies in erster Linie durch eine Reihe außergewöhnlicher, im ersten Jahre unvermeidlicher Ausgaben verschuldet. Für den Vorstand sei das Jahr ein recht arbeitsreiches ge⸗ wesen; er habe aber auch manche Erfahrung gesammelt und hoffe, daß, wenn die Mitglieder sich die allein richtige Ansicht zu eigen machten, daß sie Inhaber des Geschäfts sind und ihren Bedarf nur in ihrem Geschäft deckten, dann die folgenden Jahre einen besseren Abschluß bringen würden. Hiernach erhielt der Kassierer Keßler das Wort zur Berichterstattung. Er verlas die bereits veröffentlichte Bilanz und erläuterte dann eingehend die Einnahmen und Ausgaben; kam auf das geringe Erträgnis des verflossenen Geschäftsjahres zurück und wies ziffernmäßig die Ursache hiervon nach. Bezüglich der Einzahlung auf die Anteilscheine be⸗ obachteten die Mitglieder eine sehr erfreuliche Pünktlich⸗ keit, deren sich wohl selten ein Verein zu erfreuen hätte. Redner knüpft daran den Wunsch, daß sie auch beim Wareneinkauf das gleiche Interesse zeigen möchten, umso⸗ mehr als der Vorstand stets bestrebt sei, für die Mit⸗ glieder nur das Beste zu beschaffen. In der sich an die beiden Berichte anschließenden Diskussion ward der Thätigkeit des Vorstandes dankend gedacht; von Mit⸗ gliedern anerkannt, daß Waren und Preise zufrieden⸗ stellende seien, doch wurde die Einführung weiterer Artikel gewünscht. Die Bilanz wurde einstimmig gutgeheißen, der Reingewinn dem Reservefonds überwiesen. Die beiden durchs Loos ausgeschiedenen Mitglieder G. Krüger und Schellwien wurden wiedergewählt. Mit dem Wunsche, daß die Mitglieder die gehörten Ausführungen beherzigen und ihr Mögliches zur Weiterentwickelung des Vereins beitragen möchten, da nur durch gemein same Arbeit Vorteile für das einzelne Mitglied erreicht werden könnten, schloß der Vorsitzende gegen 6 Uhr die Ver⸗ sammlung. — Die Gießener Maurer hielten am 1. November im Löb'schen Lokale eine öffent⸗ liche Versammlung ab, in welcher der Leiter des Gaues Frankfurt, Kollege Hüttmann, in sehr klaren und verständlichen Ausführungen die Notwendigkeit des gewerkschaftlichen Zu⸗ sammenschlusses den in ziemlicher Anzahl Er⸗ schienenen darlegte. Nach dem Streik von 1900, der für die Arbeiter ungünstig verlief, kehrten bedauerlicherweise viele Maurer der Gewerkschaft 2 ben Rücken, erst in ber letzten Zeit rat iu ber Mitgliederzahl des Verbandes wieder eine er⸗ freuliche Steigerung ein. Infolge des mangeln⸗ den Zusammenschlusses sind denn auch die Löhne ganz erheblich gesunken, während im Vorjahre noch 38—40 Pfg. Stundenlohn bezahlt wurden, bieten die Unternehmer jetzt 32 Pfg. und noch weniger. Und das zu einer Zeit, wo die Kosten der Lebenshaltung stetige Steigerung zeigen! Solche Lohndrückereien würden die Bauunter⸗ nehmer nicht wagen, wenn sämtliche Maurer in der Organisation wären. —„Die größte Sünde“. Das so betitelte Drama von Otto Ern st wird am Donnerstag(13.) im Saale des Lenz'schen Felsenkeller der hier bereits bestens bekannte Rezitatoer Walkotte zum Vortrag bringen. Wir machen auf die für Jeden interessante Darbietung nochmals aufmerksam. Der Eintritt kostet 20 Pfg. die Person. Die Gewerkschafts⸗ mitglieder erhalten Familienkarten, die zur Einführung einer Dame berechtigen.— Der Inhalt des Stückes ist kurz folgender. Wolfgang Behring, ein junger Freigeist und Journalist, hat sich mit einer reichen Kaufmanns⸗ tochter verlobt. Seine Weigerung, sich kirchlich trauen zu lassen, bringt seine Schwiegereltern, die religiös gesinnt sein wollen, sehr in Harnisch. Wie es oft schon ging, wird auch über Behring ein gesellschaftlicher Boykott verhängt, infolgedessen gerät er in Not, sein Kind stirbt, die Frau wird totkrank und kann nur durch eine Reise nach dem Süden gerettet werden. Um die Mittel dazu bittet er, seinen Stolz besiegend, den reichen Schwieger⸗ vater. Der hält ihm eine Bußßpredigt, B. verzichtet auf weiteres Wirken für seine Ueberzeugung, läßt sich nachträglich kirchlich trauen. Nachdem empfindet er fürchterlich das Schimpfliche, seine bessere Ueberzeugung preisgegeben zu haben. Dies erklärt er für die größte Sünde und geht mit seiner Frau freiwillig in den Tod. Aus dem Rreise gießen. — Versammlung in Wieseck. Diesen Sonntag nachm. 4 Uhr findet bei Wacker im Gambrinus eine öffentliche Ver⸗ sammlung statt, in der die Berichterstattung vom Parteitag erfolgen wird, die neulich wegen Verhinderung des Referenten ausfallen mußte. Die Genossen wollen zahlreich erscheinen. Aus dem Nreise Wetzlar. h. Zur Kreiskonferenz des Wahl⸗ kreises Wetzlar⸗ Altenkirchen, die Sonntag im Lokale Löb in Gießen tagte, hatten sich die Parteigenossen recht zahlreich eingefunden, selbst aus der dunkelsten Ecke, dem Kreise Alten⸗ kirchen waren Teilnehmer erschienen; sie wollten auch ihr Teil Parteiarbeit leisten und hatten die weite Reise nicht gescheut. Von Frankfurt war ein Vertreter der dortigen Agi⸗ tationskommisston anwesend. Die Verhand⸗ lungen selbst waren sehr anregend, alle Tages⸗ ordnungspunkte wurden ebenso sachlich als gründlich erörtert. Zuerst erstattete der Ver⸗ trauensmann seinen Tätigkeits- und Kassen⸗ bericht. Er verbreitete sich hierin über die Agitation im Kreise, die uns natürlich in jeder Beziehung erschwert wird. Lokale zu Ver⸗ sammlungen sind nur in vereinzelten Orten zu haben. Wer im Geruche sozialdemokratischer Gesinnung steht, sieht sich allen möglichen Chikanen und wirtschaftlichen Schädigungen von Seiten der Gegner, hier und da auch der Polizei ausgesetzt. Trotzdem ist der Zu⸗ sammenhalt der Parteigenossen ein recht fester; es werde auch durch die fortgesetzten Lohndrücke⸗ reien, Arbeitslosigkeit, Lebens mittelverteuerung unserer Agitation Vorschub geleistet. Und wenn die Parteigenossen nur einigermaßen arbeiten, so könuten wir nächstes Jahr ein günstiges Wahlresultat erwarten. Mit den Beschlüssen des Parteitages erklärte sich die Konferenz nach eingehendem Bericht des Gen. Vetters einverstanden und versprach für deren Durch⸗ führung zu wirken.— Dem Berichte schloß sich eine recht eingehende Debatte an, in deren Verlauf alle Parteiangelegenheiten besprochen wurden. Dem Vertrauensmann wurde für seine Tätigkeit Anerkennung gezollt und seine Ab⸗ rechnung für richtig befunden.— Die nächste Reichs⸗ tagswahl verursachte ebenfalls eine längere Aussprache, die sich besonders um die Kandidaten⸗ frage drehte. Einstimmig beschloß die Konfe⸗ renz, die Kandidatur des Genossen A. Bebel auch diesmal aufzustellen.— Zum Vertrauens- 2 — 22S FETT//= S K»⁰ãů A K b so betitelte chan. Der er Freizeit f Kaufmanns⸗ glich trauen 58 gesnnt con ging, er Boykott Nind stirbt, ne Reise dazu Schwitger⸗ B. berzichtet zeugung die größte iz in den Tod. . Wieseck. findet bei 771 4 wegen en mußte. einen — Nr. 45. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. Maan wurde A. Fauth wiedergewählt, der für das ihm geschenkte Vertrauen dankte und um kräftige Unterstützung bat. Nach fünf⸗ stündiger Dauer erreichte die Versammlung ihr Ende und die Genossen gingen, nachdem sie versprochen hatten, für die Partei nach besten Kräften zu arbeiten, mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie auseinander. n. Staats rettung auf dem Westerwald. Uusere„Regierung“ in Marienberg hat einen schönen Schreck ausgestanden. Hatte da ein Gießener Sozial⸗ demokrat, unser Genosse Krumm, eine öffentliche Ver⸗ sammlung nach Willingen einberufen, um von diesem Gebirgsdörfchen aus den wackeligen preußischen Staat „umzustürzen“. Haare und Perücken sträubten sich bei den„Ordnungsmännern“ ob dieses Frevels; schnell wurde zu den„geistigen Waffen“ der Staats⸗ erhaltenden gegriffen; der Herr reitende Gendarm mußte auf seinem Rößlein gen Willingen traben und sein Erscheinen wirkte dort so erfolgreich, daß uns der Wirt das Lokal absagte. Wie aber Sozialdemokraten hartnäckig in Verfolgung ihrer Ziele sind, acquirierten unsere Genossen Lokale in Homberg und Rehe. Aber auch hier wurde uns nach 24 Stunden das Lokal abgetrieben, so daß wir für diesmal auf eine Versamm⸗ lung verzichten mußten. Unsere Genossen haben sofort Schritte zur Beschaffung eines transportablen Zeltes gethan und so wollen wir im Frühjahr den amüsanten Kampf gegen die ordnungeparteilichen Angstmänner wieder aufnehmen. Im Uebrigen ist die Affaire für uns von vorzüglicher agitatorischer Wirkung. Dutzende Bauern und Arbeiter, die seither uns gleichgiltig oder gar feindlich gegenüber standen, haben die Schlafmütze weggethan und gegenüber der liebevollen Fürsorge der Behördeu, hinter der nur die Angst vor der Wahrheit steckt, versprochen, dem Kampf fürs gleiche „Recht für Alle“ aufzunehmen. In nächster Zeit werden wir im ganzen Kreise ein Flugblatt verbreiten, in welchem wir uns mit der„Saalabtreiberei“ näher beschäftigen werden. Unsere Genossen aber werden nunmehr doppelt thätig sein, um auch in diesem Wahlkreise den Arbeitern und Bauern die Augen zu öffnen und ihnen den Weg aus der Bevormundung zur politischen und wirtschaftlichen Freiheit zu zeigen. Die „Großen“ sind sich alle hübsch einig, mögen sich die „kleinen Leute“ an ihnen ein Beispiel nehmen. Hoch die Sozialdemokratie! Aus dem Rreise Alsseld-Cauterbach. St. Gewerkschaftliiches. Der am ver⸗ gangenen Samstag abend von der hiesigen Gewerkschaftskommission im Saale des Café Quentin veranstaltete populärwissentschaftliche Vertragsabend hatte iich eines zahlreichen Besuches der Gewerkschaftsmitglieber nebst Angehörigen zu erfreuen; auch waren sonst noch viele Besucher anwesend. Herr Beißwanger aus Nürnberg schilderte in seinem interessanten Vortrage über„die Wunderwelt des Ozeans“, das Leben zahlreicher Meerestiere und⸗ Pflanzen, wobei er die verschiedenartigsten Präparate von Fischen und sonstigen Lebewesen vorzeigte. Nach einer kurzen Pause folgte der zweite Teil des Vortrages, der die Entstehung der Erde und ihrer Lebewesen behandelte und ebenfalls durch Vorzeigung von Versteinerungen und Abbil⸗ dungen näher erläutert wurde. Lebhafter Beifall lohnte den Redner für seine interessanten Ausführungen.— Nächsten Freitag abend, den 14. Nov., findet im Café Qentin der eben⸗ falls von unserer rührigen Gewerkschaftskom⸗ mission arrangierte Rezitationsabend des Herrn Walkotte aus Berlin statt. Derselbe wird das fünfaktige Schauspiel„die größte Sünde“ von Otto Ernst rezitieren. Da Herr Walkotte bei uns bereits vorteilhaft bekannt ist, so wird auch diese Veranstaltung, trotz des etwas ungünstig gewählten Abends(was aber nicht anders möglich war), hoffentlich recht gut besucht werden. — Schwurgericht. In der am Montag begonnenen Schwurgerichtssession wurde in der Vormittagssitzung der Taglöhner Wilhelm Wichel aus Obernburg, Kreis Frankenberg, wegen Stttlichkeitsverbrechen zu einem Jahre Gefängnis verurteilt. In der Nachmittags⸗ resp. Abendsitung wurde der Landwirt Jakob Pitzer aus Steinperf, Kr. Biedenkopf, wegen Urkundenfälschung zu drei Wochen Gefängnis verurteilt. Am Dienstag vormittag wurde gegen die Dienstmagd Anna Katharina Göbel von Michelsberg wegen Meineid verhandelt. Dieselbe wurde freigesprochen. In der Nachmittagssitzung wurde der Schuhmacher Heinrich Scheibeler aus Gilserberg wegen Sitt⸗ lichkeitsperbrechens zu 9 Monaten Gefängnis und 2 Jahren Ehrverlust verurteilt. — Verschiedenes. Die Erweiterungs⸗ arbeiten am hiesigen Hauptbahnhof wurden einem Wiesbadener Unternehmer übertragen, mit der Bedingung, hiesige oder in der Nähe wohnende Arbeiter einzustellen.— In der Dienstag Nacht wurden zwei Personen, die einen in einem Vorgärtchen am Pilgrimstein stehenden Handwagen stehlen wollten, von der Polizei dabei abgefaßt und sehen ihrer Bestrafung entgegen.— Ein Gefangener, der von einem Aufseher nach dem Krankenhause gebracht werden sollte, nahm unterwegs Reiß⸗ aus und flüchtete durch mehre Straßen und über das Wehr bei der Oelmühle nach dem anderen Ufer der Lahn. Schließlich wurde er, gänzlich durchnäßt, von dem Aufseher und einem Schutzmann wieder eingefangen. Kleine Mitteilungen. Gefährliches Spiel trieben zwei Schul⸗ knaben in Klein⸗Linden. Sie schossen mit sog. Flitzbogen, wobei dem einen der Pfeil direkt in's Auge flog, das schwer verletzt wurde. Der Junge mußte so⸗ fort in die Klinik gebracht werden. ze Unheimlicher Fund. In Fraurombach bei Schlitz fand man in der kleinen alten Kirche vor einigen Tagen beim Abkratzen der alten Wandtünche zwischen Gewölbe und Decke der Kirche, in den Ecken versteckt, sieben menschliche Gerippe. Es ist unerklärlich, wie die Toten an diese Stelle gekommen sein mögen. e Schwer verunglückt ist am Samstag ein Hilfsschaffner Namens Röchel auf der Main- Neckar⸗ Linie zwischen Isenburg und Sprendlingen. Er hat sich jedenfalls, als er auf den Trittbrettern am Zuge hinging, zu weit hinausgebeugt und schlug mit dem rechten Arm gegen eine Signalstange, wodurch ihm Arm und Schulter zerschmettert wurden. Die Passagiere brachten den Zug zum Stehen und zogen den Unglück⸗ lichen, der sich mit der linken Hand festgehalten hatte, in das Koupee. Er kam in ein Frankfurter Kranken⸗ haus. e Opfer der Arbeit. Auf der Grube Glücks⸗ kopf bei Daaden(Westerwald) blieb am Samstag der Förderkorb hängen und vier Bergleute stürzten in den Schacht hinab. Zwei sind tot, der dritte ist schwer verletzt, während der vierte mit dem Schrecken davon gekommen ist. * Von dem Schnellzug wurden Mittwoch Abend bei Köhn drei Kinder überfahren und getötet. . Mehr Arbeiterschutz! In Duisburg stürzte ein Neubau ein, wobei sieben Maurer abstürzten, glücklicherweise nur drei leicht verletzt wurden.— Schlimmer lief eine Baukatastrophe in Czenstochau (russ. Polen) aus. Dort stürzten beim Bau einer Kaserne drei Mauern ein, während 130 Arbeiter daran beschäftigt waren. Es wurden 15 Tote festgestellt 33 Arbeiter sind schwer verletzt.— In Wanzleb ev explodierte am Freitag der Dampfkessel einer Zucker⸗ fabrik. Sieben Personen wurden schwer, mehrere andere leicht verletzt. a Edelste der Nation. Ein adeliges Falsch⸗ münzerpaar stand dieser Tage in Hildesheim vor Gericht. Gegen das Paar, einen Herrn Dr. v. Wedel⸗ städt und seine Ehefrau, wurde am Dienstag gegen Mitternacht das Urteil gefällt. Wedelstädt erhielt unter Zubilligung mildernder Umstände 1 Jahr und 1 M o⸗ nat Gefängnis, während seine Ehefrau als Urheberin der Betrügereien mit 2 Jahren Zuchthaus bestraft wurde. Partei-Nachrichten. Ehrung des Majestätsbeleidigers. Genosse Albert Schmidt-Magdeburg wurde vorigen Donnerstag Mittag aus dem Gefängnis in Halle entlassen, nachdem er seine dreijährige Gefängnisstrafe abgebüßt hatte. Zu seiner Begrüßung waren seine Frau und eine Anzahl Genossen aus Halle und der Umgegend erschienen, die einen ersten Händedruck mit dem Entlassenen, der die furchtbare Strafe verhältnismäßig gut überstanden hat, wechselten. Nach einem Spaziergang an der Saale trat Schmidt mit seiner Frau gegen 6 Uhr die Heimreise nach Magdeburg an. Auf der Fahrt fand unter Hoch⸗ rufen eine stürmische Begrüßung in Schönebeck statt. Ungefähr 150 Personen hatten dort Bahnsteigkarten gelöst, um au den Zug herankommen zu können. Nur mit Mühe gelang es den Bahn- und Polizeibeamten, die andrängende Masse vom Zuge zu entfernen. Auch burg. in Buckau war der Bahnhof und die nähere Umgegend von Arbeitern besetzt, die den einlaufenden Zug mit Hochrufen begrüßten. Zu einer großen Demonstration gestaltete sich der Empfang am Hauptbahnhof in Magde⸗ Obwohl die Parteileitung, um unliebsamen Vor⸗ kommnissen vorzubeugen, von einer offiziellen Empfangs⸗ feier abgesehen und erst in letzter Stunde die Zeit der Ankunft bekannt gegeben hatte, waren doch zirka 1500 Personen erschienen. Nach einer stürmischen Begrüßung ging es unter fortwährenden brausenden Hochrufen durch die Straßen der Stadt, der Wohnung Schmidts zu. Die Polizei verhielt sich sehr taktvoll. Der Einzelne hat schwer gelitten, die Partei aber hat unendlich viel gewonnen. Stadtverordnetenwahlen. Unsere Fran k⸗ furter Genossen befinden sich jetzt in heftigem Wahl⸗ kampfe. Am 12. Nopbr. finden die Stadtverordneten⸗ wahlen statt, für welche sie in allen Bezirken Kandidaten aufgestellt haben. Ein Zusammengehen mit den Demo⸗ kraten hat unsere Partei abgelehnt, früher gemachte Er⸗ fahrungen ließen unseren Freunden ein derartiges Wahl⸗ bündnis nicht ratsam erscheinen. Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach. Sonntag, den 16. November. Kreiskonferenz in Lauterbach bei Gastwirt Knut. Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes, Kreisvertrauensmannes und Neuwahl derselben. 2. Rechnungsablage. 3. Verschiedenes. 4. Die nächste Reichstagswahl. Referent: Gen. Wiegand. Versammlungs kalender. Samstag, den 8. November. Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 9. November. Gießen. rauer verband. Nachmittags 1 Uhr Versammlung bei Lö b(„Wiener Hof“). Gießen. Glaserverband. Vormittags 10 Uhr Versammlung bei Orbig. Wieseck. Oeffentliche Versammlung Nachmittags 4 Uhr bei Wacker Lollar. Nachmittags 4 Uhr Zusammenkunft der Kollegen bei Wirt Schupp. Montag, den 10. November. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Vortrag von Vetters. Dienstag, den 11. November. Lollar. Metallarbeiter⸗-Versammlung. 7 Uhr bei Wirt Kübler(Germania). Briefkasteu. Ob. Lhnst. Wenn ein Arbeiter sich selbständig macht, findet keine Rückzahlung aus der Altersversicherung statt.— Alsfld. Bericht kam zu spät. Abends f Der Neue Welt⸗Kalender für 1903. Preis 40 Pfg. Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Sozialistische Monatshefte. Jeden Monat ein zirka 80 Seiten starkes Heft. Preis pro Heft 50 Pfg 9 Rezitation Von Herrn E. Walkotte. Die grösste Sünde. Donnerstag, den 13. Nov. Abends ½ 9 Uhr: im Lenz'schen Felsenkeller, Bahnhofstraße. Entree 20 Pfg. 2 Eutree 20 Pfg. Zahlreichen Besuch erwartet Das Gewerkschaftskartell. Ortskrankenkasse Friedberg Ord. Generalyersammlung am Mittwoch, den 19. Nov. d. J. abends 8 ¼æ Uhr präzis im Rathhaussaale zu Friedberg: Tagesordnung: I. Wahl der Revisoren für die Rechnung 1902. II. Ersatzwahl des Vorstandes. III. Aenderung des§ 30 des Statuts. IV. Verschiedenes. Die Vertreter der Arbeitnehmer und Arbeitgeber werden hierzu freundlichst eingeladen. Carl Damm, 1. Vorsitzender. . ——, Seite 6. Nitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 45. 16— „AUnterhaltungs-Ceil. 3 A Das Goldmacherdorf. Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinrich Zschokke. 240 Cortsetzung). Die Bauern sagten:„Das ist ganz richtig, aber es läßt sich nicht ändern. Man kann seine Aecker nicht auf den Rücken nehmen und an einen Haufen legen.“ Oswald sprach:„Das könnet ihr, wenn ihr wollet, nun ihr den Plau vom Gemeinds⸗ bezirk habet und nun jedermann weiß, wie groß jedes seiner Stücke ist. Aber ich sage euch, die Sache hat viel Schwierigkeiten. Ihr müsset mit einander die zerstreuten Stücke austauschen, so daß endlich jeder sein Land im Zusammenhang hat als ein einziges Stück. Da rede jeder mit seinen Nachbarn und An⸗ stößern. Entschädiget einander, wo der eine ein paar Schuhe Land mehr oder bessern Boden hat, als der andere. Und wenn einer oder der andere beim Tauschen wirklich etwas einbüßen sollte, so gewinnt er doppelt dadurch, daß er alles beisammenliegend hat. Wo ihr nicht eins mit einander werdet, nehmet unpar⸗ teiische Schätzer oder billige Schiedsrichter, oder ziehet Loose. Ich sage: lasset euch durch kein Hindernis abschrecken, oder seit darum nicht zufrieden, weil ihr es jetzt seit vielen Jahren so gewohnt seid; es kommt darauf an, daß ihr reicher werden könnet, ohne größere Mühe.“ Als der erste Vorsteher so geredet hatte, ging die Gemeinde kopfschüttelnd auseinander. Zwar alle sagten, der Gedanke sei gar gut; aber man würde nun und nimmermehr einig werden. Inzwischen dachten doch einige in müßigen Augenblicken daran, welches Stück von ihren Feldern sie wohl Dem und Diesem für das seinige geben könnten, das an das ihrige stieß. Sie fingen sogar zum Spaß an, davon mit den Angrenzern zu reden. Diesen war dann das Angebotene nicht allezeit gelegen, und wünschten ein anderes, das dem Dritten gehörte, zu empfangen. Da begrüßten beide Teile nun den Dritten. Einer stieß den andern. Bald machte jener Pläne für sich, seine Be⸗ sitzungen auszurunden und in ein einziges Stück zu verbinden. In kurzer Zeit griffen die Unterhaltungen um sich. Manche gelang, manche scheiterte. Immer kam dabei etwas heraus. Es war in Goldenthal wie an einer Landversteigerung oder wie auf einem Güter⸗ markt, zumal im Winter, da man mehr müßige Stunden hatte und Abends zum Gespräch zu⸗ sammenkam, bald bei Diesem, bald bei Jenem. Denn ins Wirtshaus zu gehen und das gute Geld durch die Gurgel zu jagen und einem Vieh gleich zu werden, schämten sich alle Ehrenleute im Dorfe. Lieber tranken sie ihr Glas bei Weib und Kind und mit denselben an einem Sonn- und Festtage. Oswald hatte es vorausgesagt: der Güter⸗ tausch hat Schwierigkeit! So war es auch. Allein im ersten halben Jahr war es doch schon Fünfen fast ganz gelungen, all ihr Land beisammen zu haben. Das verdroß die andern. Sie sahen den Nutzen davon sehr wohl ein. Nun setzten sie den Kopf daran, es auch so weit zu bringen. Das Gemeindshaus ward beständig besucht am Abend. Da standen immer einige Bauern vor der großen Karte, und handelten und stritten, daß man es draußen hörte, und liefen auseinander im Zorn, und traten wieder mit neuen Vorschlägen zusammen. Was war die Folge? Von Jahr zu Jahr rundeten sich die Güter immer besser zu, und die guten Wirkungen wurden auffallend sichtba r. 30. Wie es im Goldmacherdorfe aus sah. Wohl war Goldenthal nuu ein rechtes goldenes Thal. Da lag es mitten in den fruchtbarsten Gärten, wie vergraben in den vollen Obstbäumen, umringt von Wiesen und goldenen Saatfeldern, wie mitten im Paradiese. Die Feldwege zwischen den Aeckern waren wie Gartenwege sauber und eben, die Landstraßen auf beiden Seiten mit Obstbäumen besetzt, so weit der Gemeindsbezirk ging. Und trat man ins Dorf, so glaubte man in kein Dorf zu treten, sondern in einen statt⸗ lichen Marktflecken. Denn die Häuser waren, wenn auch nicht alle groß, doch alle schön und wohlunterhalten von oben bis unten; die Fenster glänzend und hell; die Thüren und Gisimse stets gewaschen oder frisch angestrichen; die Dächer fast alle mit Ziegeln gedeckt, denn durch ein Gemeindsgesetz waren die Stroh⸗ dächer wegen Feuersgefahr verboten. Und wurde ein neues Dach gedeckt, mußten es Ziegel sein. Auf mancher First sah man Blitzableiter, fast vor allen Fenstern Blumen; neben den Häusern kleine Gärten, zierlich 1 10 und daneben wohlgeschirmte Bienen⸗ körbe. Die Leute grüßten jeden so freundlich auf der Straße, und neckten einander im Vorbei⸗ gehen scherzend. Man sah es ihnen wohl an, daß sie unter einander gut lebten und mit ihrem Zustande vergnügt waren. Das konnte nicht anders sein. Sogar in der Woche bei Feld⸗ und Gartenarbeit gingen alle, zwar schlicht und einfach, aber doch reinlich gekleidet; man sah keine beschmierten, keine zerrissenen Gewänder. Es gab braune, von der Sonne verbrannte Gesichter, aber keine kotigen, mit struppigen Buschhaaren; und die Kraft und Gesundheit lachte allen aus den Augen. Die jungen Bursche in andern Dörfern sahen am liebsten nach den Goldenthaler Mädchen; denn sie waren nicht nur wundernett und hübsch, sondern auch häuslich, geschickt und wirtlich. Mancher reiche Bauerssohn in andern Dörfern holte sich ein Mädchen aus dem Goldmacher⸗ dorf; wenn es auch nicht viel Geld hatte, hatte es doch viele Tugenden. Und ging ein junger Mann aus Goldenthal auf die Heirat aus, so konnte er unter den Töchtern des Landes wählen. Man schlug einem Golden⸗ thaler nie leicht die Tochter ab, wenn sie auch mehr Vermögen hatte; denn man wußte, es war gar wohl angelegt. Das vermehrte den Wohlstand der Gemeinde nicht wenig. Daß man keine Bettler und Müßiggänger in Goldenthal sah, verstand sich. Aber man erblickte auch nicht einmal dem Anschein nach arme Leute. Denn sogar die Spittler hatten ihr sattes Essen und Trinken und ordentliches Gewand. Und trat man ins kleinste ärmste Bauernhaus, so meinte man beinahe, es sei etwas recht Vornehmes darin. Die Fußböden waren so reinlich und gefegt, die Bänke, Stühle, Tische so ohne Flecken und Fehl, Fenster und Spiegel so hell— kurz, es war nicht wie in den Sauhütten mancher Bauern in andern Dorfschaften. Man bekam rechte Lust, da zu wohnen unter den Biederleuten. Während der Sommermonate, vom Früh- jahr bis zum Herbst war es an den Sonntagen bei schönem Wetter ein fröhliches Leben zu Goldenthal. Da wimmelte es von Besuchen aus der Stadt. Das große, neu ausgestattete Wirtshaus, welches— wär hätte es glauben sollen?— einer von den zweiunddreißig armen Genossen des Goldmacherbundes durch Erb und Kauf an sich gebracht hatte, war ange⸗ füllt mit städtischen Familien, die Erfrischungen nahmen. Andere Familien kehrten in die Wohnungen ihnen bekannter Bauern ein; saßen da in den Gärten bei Milch, Obst, Honig und andern Näschereien des Dorfes; oder lagerten sich plaudernd und spielend auf grünen Rasenplätzen, oder saßen auf den saubern Bänken vor den Häusern im Schatten weit vorragender Dächer, und sahen die auf⸗ und abwandelnden bunten Reihen der Spaziergänger; oder traten auf den Platz unter der Linde, wo die Jugend des Dorfes zuweilen tanzte beim heitern Gesang der andern. Man kann leicht denken, die Herren und Frauenzimmer aus der Stadt waren für das Vergnügen, welches sie in Goldenthal genossen, nicht undankbar, und die von den gefälligen Landleuten angebrachten Bequem⸗ lichkeiten und Verschönerungen ihrer Häuser und Gärten trugen guten Zins. Selbst im Winter fehlte es nicht an Besuchen. Da wurden aus der Stadt Schlittenpartien nach Golden⸗ thal gemacht. Wo konnte man's besser haben? Die Leute in andern Dörfern sahen und hörten das und wunderten sich fast zu Tode, warum das bei ihnen nicht auch so sei? Sie meinten in vollem Ernst, die Goldenthaler hätten geheime Künste. Statt aber sich nach diesen Künsten recht zu erkundigen, blieben sie ruhig auf ihrem alten Mist sitzen, und blieben, wie sie waren. Sie zeigten nur Neid und Mißkunst, wenn ste von Goldenthal sprachen, und spotteten und nannten es das Goldmacherdorf. Aber dieser Uebername war kein Uebelnahme. Auch machten sich die Goldenthaler nicht viel daraus. Denn wohin sie kamen, waren ste wertgehalten und geschätzt. Sie fuhren in ihrer guten Weise fort und waren dabei des Lebens froh. Hatten sie die ganze Woche ge⸗ arbeitet, war jeder Sonntag ein rechter Ruhe⸗ tag. Ins Wirtshaus freilich gingen die Goldenthaler nicht. Sie hatten ihren Labetrunk daheim. Aber auch im Winter tanzten da des Abends die jungen Leute bei guter Mustk. Einige Männer und Knaben waren durch den Schulmeister Johannes Heiter im Spiel der Geigen und Flöten angeleitet worden. Sie hatten es ziemlich weit gebracht. Oft führten auch die jungen Sänger und Sängerinnen große Singstücke auf, wie man dergleichen kaum in der Stadt hörte. Die alten Männer und Frauen kamen familienweise des Abends zu einander; da bewirteten sie sich mit einfacher ländlicher Kost, und hatten ihre muntern Ge⸗ spräche. Von besoffenen Leuten, von Raufereien, von Prozessen, von Ausschweifungen anderer Art hörte man gar nicht. Denn mit dem Wohlstande und der bessern Erziehung, die aus der Schule stammte, hatte sich ein gewisses Ehrgefühl und eine Liebe zu anständigen Sitten unter den Bauern ausgebildet, wovon man sonst nicht leicht in andern Dörfern Aehnliches gewahr ward. Man kannte und unterschied ste schon beim ersten Anblick in der Stadt von Landleuten aus andern Gegenden. Sie waren in ihrer Tracht höchst einfach und säuberlich, in ihrer Rede sanft und bescheiden, in ihrem Benehmen offen und gutherzig. Sie trugen zwar keine feinen Kleider, aber dafür war ihr Betragen fein. Man muß wohl nicht glauben, daß dies höfliche, ehrbare und löbliche Wesen eine reine Frucht der Erziehung oder des allgemeinen Wohlstandes allein gewesen; es war auch eine Wirkung der Gemeindegesetze. Denn wie einige Bauern reicher geworden waren, hatte es gar nicht an solchen gefehlt, die wieder über die Schnur hieben und aus der Art zu schlagen drohten. Da wollten einige hochmütig werden und putzten ihre Töchter ungebührlich, kleideten sich in kostbares Tuch recht städtisch, und taten in allen Dingen groß. Einige andere nahmen die Spielkarten wieder vor oder die Weinflaschen im Wirtshaus. Das erweckte aber großes Aergernis bei den rechtschaffenen Leuten, und sie sprachen:„Fängt man es so wieder an, werden wir bald wieder den Krebsgang gehen!“ Und es war allgemeiner Unwille chen diejenigen, welche von der einfachen, löblichen Weise ab⸗ wichen; und man begehrte, die Ortsvorgesetzten sollten besser über die Bewahrung der guten Sitten im Dorfe wachen. Dieser Vorwurf, welchen man den Orts- vorstehern machte, erfüllte den Oswald gar nicht mit Verdruß, sondern mit wahrer Freude. So kam ein strenges Gemeindegesetz zu Stande; darin war aller Aufwand in den Kleidern ver⸗ boten und jedem Alter seine Tracht vorge⸗ schrieben, und auf Kartenspiel und alles Spiel um Geld und Geldeswert, auf das Laster der Trunkenheit, auf Schimpfreden, Lästerungen, Balgereien und andere Schändlichkeiten waren von der Gemeinde einmütig harte Strafen gesetzt. So kam es, daß sich keiner überhob und übernahm; daß, wenn irgend einer auch einmal Lust hatte, zu tun, was weder ehrbar⸗ lich noch recht war, die Furcht vor Scham, Schande und Bestrafung ihn wieder zurück⸗ schreckte. r c e Nr 45. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 7. Alle Jahre wurde das Sittengesetz vor der ganzen Gemeinde vorgelesen. Da mußten Alt und Jung, Männer, Weiber und Kinder es anhören. Fand man Zusätze nötig, wurden sie gemacht. Und wenn das Sittengesetz vor⸗ gelesen war, mußte der erste Vorsteher jedes⸗ mal fragen:„Wollet ihr das Gesetz halten, welches die Grundlage unseres Wohlstandes, unserer Eintracht und Ehre ist?“— Und Alt und Jung antwortete mit lauter Stimme deutlich ein allgemeines Ja. (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges. Der Genuß von Aepfeln hat sich mit Recht immer weiter verbreitet, mehr aus in⸗ stinktivem Gefühl, als aus Kenntnis der Wirkung. herporragendsten diätetischen Mittel. Der Apfel enthält mehr Phosphorsäure in leicht verdau⸗ licher Verbindung als irgend ein anderes pflanz⸗ liches Erzeugnis der Erde. Sein Genuß, be⸗ sonders unmittelbar vor dem Schlafen, wirkt: 1) vorteilhaft auf das Gehirn, 2) regt die Leber an, 3) bewirkt, wenn regelmäßig genossen, einen ruhigen Schlaf, 4) destustziert die Gerüche der Mundhöhle und bindet die Säuren des Magens, 5) paralistert hämorrhoidale Störungen, G) be⸗ fördert die sekretierende Thätigkeit der Nieren, 7) hindert somit die Steinbildung, 8) schützt ferner gegen Verdauungsbeschwerden und 9) gegen Halskrankheiten. Humoristisches. Moderne Landwirtschaft. Bäuerin:„No, Letztes Mittel. Soldat(zum andern):„Wie ick jarnich mehr wußte, wie ick vom Ollen Jeld raus kriegen sollte, hab' ick ihm jeschrieben, ick muß mir die neuen Kriegsartikel koofen.“ Geschichtskalender. 9. November. 1848: Robert Blum in Wien erschossen. 1799: Napoleon I. wird Konsul. 10. 1880: Kleiner Belagerungszustand über Ham⸗ burg⸗Altona verhängt. 1807: Robert Blum,*. 1759: Schiller,. 1485: Luther,*. 11. 1901: Grubenunglück zu Staßfurt; 13 Berg⸗ leute tot. 1887: 4 Chicagoer Anarchisten gehängt. 12. 1901: Der Bundesrat stimmt der Zollvorlage zu. 1896: Stöcker wegen Verleumdung verurteilt. 13. 1862: Ludwig Uhland, Dichter, 5. 14. 1831: Friedr. Wilh. Hegel, Philosoph, f. 1716: G. W. v. Leibnitz, berühmter Gelehrter in Viele haben sich an den Genuß eines Apfels vor dem Schlafengehen so gewöhnt, daß sie ihn nicht mehr missen wollen, weil sie seine angenehme und gesundheitliche Wirkung spüren. Ein Arzt sagt darüber: Der Apfelgenuß, be⸗ sonders unmittelbar vor dem Schlafengehen, ist ein bewährtes Mittel zur Förderung der Gesundheit. Der Apfel liefert nicht nur eine vorzügliche Nahrung, er ist zugleich eines der Bauer; ganz guate Kläger ein wia kemma mie aussi heuer mit unsern Sach'?“— der Viehversicherung, 800 Mk. fürs Hagelwetter; jaz brauch i bloß uo's Haus onzünd'n, nacha werd's a Zeitgemäß. Richter: Sie geben also zu, den Sie zu Ihrer Entschuldigung anzuführen? Angeklagter: Daß ein Ochse bei den teuren Fleischpreisen einen be⸗ deutenden Wert repräsentiert!(W. Jak.) Hannover. „Nöt schlecht! 1200 Mk. han i kriagt von 15. 1897: Erst r Hirbst!“ en Ochsen genannt zu haben. Was haben er Seemannskongreß in Hamburg. 1882: Lockspitzel Schmidt in Zürich entlarvt. * geboren;.= gestorben Parteigenossen, Arbeiter! werbt stets Abonnenten für die „Mitteldeutsche Sonntagszeitung“ Budde's Schirme sind dauerhaft und preiswert. Regenschirme, Sonnenschirme, Spazierstöcke kauft man gut und billig Casseler Schirmfabrik Gießen, Seltersweg 9 ö (nahe am Kreuzplatz). Marburg a/ L., Neustadt 11, 5 Fulda, Buttermarkt 14„z. 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