PPP Nr. 49. Gießen, Sonntag, den 7. Dezember 1902. 9. Juhru. 5 Redaktion: Mebattionsschlu gz Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Donnerstag Nachmittag 4 25 Mitteldeutsche 8 2 Abonnemeutspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch] Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Zt g. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Ra um kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%t bei 6 mal. Best ellung 6 Juserate Die ögespalt. Bei mindestens die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.] jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4940) 33/0 und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabattt Wohltätigkeit. „Wohlzutun und mitzuteilen, Brüder, das vergesset nicht!“— so mahnt schon der Apostel seine Anhänger. Und die Lehrer, Dichter, Führer aller Völker und Zeiten priesen und forderten Wohltätigkeit und Hitfsbereitschaft gegenüber allen Nebenmenschen. Vor wirklicher und wahrer Wohltätigkeit haben wir auch allen Respekt. Wo immer sich Jemand bestrebt, das Los seiner Mitmenschen besser und freundlicher zu gestalten, wir werden es jederzeit gern an⸗ erkennen. Aber die Wohltätigkeit darf nicht geschehen im eigenen Interesse, nicht aus eitler Ruhmsucht! Ehre dem, der seinen Bissen mit einem noch Aermeren teilt, obwohl er selbst nicht genug zum Leben hat. Ehre auch dem, der in der Stille hilft, wo er helfen kann, nicht auf Dankbarkeit, noch auf Gegenleistung, noch auf Ehrung rechnet. Das ist wahre, echte Wohltätigkeit. Kann aber von solcher im Ernste die Rede sein, wenn ein Unternehmer seinen Arbeitern, die ihm Millionen verdient haben, einen verschwindenden Bruchteil wieder zurück⸗ giebt? Ganz gewiß nicht. Gelegentlich des Ablebens Krupps sind dessen sogenannte Wohlfahrtseinrichtungen in alle Himmel gehoben und er selbst als ein„Wohltäter seiner Arbeiter“ gepriesen worden. Es erscheint angebracht, sich einige dieser Wohlfahrtseinrichtungen etwas näher anzusehen. Wie so manche 19 Unternehmung, hat auch die Firma Krupp für die in ihrem Betrieb beschäftigten Arbeitern mehrere tausend Wohnungen erbauen lassen. Durch den Bau der Wohnungen brachte die Firma Krupp nicht das geringste Opfer. Der Mietszins diefer Wohnungen mußte ja pünktlich entrichtet werden, jedes Ristko fiel für die Firma weg, sie konnte deshalb die Miete auch um ein Geringes niedriger stellen, als der ortsübliche Mietspreis sonst betrug. Dafür besaß die Firma aber in den böllig abgeschlossenen Arbeiterquartieren eine viel größere Aufsicht über ihre Arbeiter, sie vermochte mit Leichtig⸗ keit jegliche Kontrolle über die in den Arbeiter⸗ kolonien Angesiedelten auszuüben. Und sie besaß vor allen Dingen die Möglichkeit, ent⸗ lassenen Arbeitern ihr Obdach sofort zu rauben, was jedem Inhaber einer solchen Wohnung abhält, über die Arbeitsverhältnisse zu murren. Auch die vielgerühmten Konsumläden Krupps sind ein vorzügliches Mittel zur Nieder⸗ haltung der Arbeiter. Sie beanspruchten ebenso wenig auch nur den geringsten materiellen Aufwand wie die Arbeiterwohnungen. Die Konsumläden verschenkten ja keineswegs ihre Waren, sondern verkauften dieselben zu den allgemein üblichen Preisen. Der einzige Vor⸗ teil der Warenabnehmer besteht in der Berechnung eines gewissen Rabatts für die entnommenen Waren, ein Rabatt, der iu der Höhe von 6—7 Zt. am Dezember zurückbezahlt wurde. Aber dieser Rabatt wurde keineswegs, wie dies sonst bei Konsumvereinen Brauch ist, an alle Käufer ausbezahlt; die im Laufe des Jahres freiwillig oder unfreiwillig aus dem Betriebe Ausge⸗ schiedenen gingen vielmehr des Rabatts voll- ständig verlustig! f Die Pensionskasse ist ganz besonders ale die Krone der vorbildlichen Wohlfahrts⸗ einrichtungen der Firma gepriesen worden. Es verlohnt sich also, daß wir bei dieser berühmten Institution ein wenig länger verweilen. Denn diese Pensionskasse ist wirklich eine Wohlfahrts⸗ kasse— für die Firma Krupp nämlich! Der„Wohlfahrts⸗Pensionskasse“ muß jeder Arbeiter des Betriebs angehören. Man zwingt jeden, sich den Wohltaten dieser Kasse zu unterwerfen. Daß dieser Zwang zum Empfang der Wohltaten nicht überflüßig ist, wird man sogleich begreifen. Zunächst wird ein Einschreibegeld in der Höhe des 1½⸗fachen Tagesverdienstes, durch⸗ schnittlich 6 Mk. erhoben. An laufenden Bei⸗ trägen müssen 2 ½ pt. des Arbeits verdienstes gezahlt werden. Im Jahre 1900 zahlte dem⸗ zufolge jedes Mitglied der Kasse einen Jahres⸗ beitrag von 34,8 Mk. Und welche Wohltaten empfängt dafür der Arbeiter? Er kann Rentenempfänger werden. Um in diese Glücks⸗ lage zu kommen, muß er aber mindestens zwanzig Jahre— bei besonders schwerer Arbeit, Feuerarbeit, 15 Jahre— ununterbrochen im Dienst der Firma Krupp gestanden haben und seine vollständige Arbeitsunfähigkeit durch das übereinstimmende Attest zweier Aerzte nachweisen! Das sind nur einige Beispiele, die vorläufig genügen mögen. Genug, was da als Wohl⸗ tätigkeitseinrichtung überschwänglich gepriesen wird, erweist sich bei genauerer Betrachtung meistens nicht als„Wohltat“, sondern stellt häu“! eine Belastung und Bedrückung der Arbeiter dar, die ihre Beiträge zahlen und sich dabei noch eine unerhörte Bevormundung gefallen lassen müssen. Und was hat dann die Firma bei aller ihrer Wohltätigkeit geopfert? Nichts, gar nichts! Ihr Inhaber häufte alljährlich Millionen auf Millionen, wie stehts dagegen mit den Arbeitern? Zahlreiche Fälle sind vor⸗ gekommen, wo die Arbeiter nicht einmal das erhielten, worauf sie berechtigten Anspruch hatten. Aus der letzten Zeit wird wieder ein solcher Fall mitgeteilt. Ein Arbeiter, der schon über zwanzig Jahre Dienstzeit hinter sich hatte, wurde arbeitsunfähig und beantragte Pensionierung. Die Kassen⸗Aerzte erklärten ihn für gesund, ein Professor in Bonn konstatierte jedoch völlige Arbeitsunfähigkeit. Das nützte dem Manne aber nichts, er wurde nicht pensioniert. Wie dieser Tage mitgeteilt wurde, hat die Firma Krupp den Penstons⸗ 2c. Kassen zwei Millionen Mark überwiesen. Darüber großes Tamtam in der bürgerlichen Presse. Welch' ein fürstliches Geschenk! Welche großartige Wohltat!„Die Arbeiter sind über das Geschenk hocherfreut“, erzählten die Amts⸗ und Ord⸗ nungsblätter ihren Lesern. Tatsächlich bringt das Millionen⸗Geschenk keinem Arbeiter einen Pfennig Vorteil; dadurch wird weder die Höhe der Pensionen, noch die Möglichkeit Pensions⸗ berechtigung zu erlangen, irgendwie berührt. Die Arbeiter hatten vielmehr eine wirk⸗ liche Schenkung erwartet. Unter ihnen war die Nachricht verbreitet, es erhalte jeder ein Geschenk von za. 50 Mk. Bei den jetzt sehr herabgesetzten Löhnen,— ältere, ver heiratete gelernte Arbeiter erhalten gegenwärtig 30 Mk. und weniger in vierzehn Tagen!— wäre das den Arbeitern eine angenehme Beihülfe gewesen, ihre Enttäuschung war daher nicht gering. Kein Wunder, daß in diesem Jahre 5 Ver⸗ sammlungen in Essen, die von 2000 Personen besucht waren, einen gesetzlichen Schutz gegen die Krone der Krupp'schen Wohlfahrt, die Wohlfahrts⸗Pensionskasse, verlangten! Ein an Krupp, der sich damals wieder einmal auf Capri befand, abgesandtes Telegramm blieb ohne Antwort. Der Mann, der nach den An⸗ gaben der ihm ergebenen Presse in Capri Gold mit vollen Händen ausschüttete, hatte keine Zeit für jene Arbeiter, die ihm die Summen für diese humanitäre Tätigkeit erarbeiteten. Wollte die Firma Krupp etwas für die Arbeiter thun, dann mußte sie auf ordent⸗ liche Löhne und menschenwürdige Arbeits⸗ verhältnisse halten, vor allen Dingen muß sie die Bestimmung aus ihrer Arbeitsordnung be⸗ seitigen, wonach jeder, der sich irgendwie an der politischen oder gewerkschaftlichen Arbeiter- Organisation beteiligt, einfach entlassen wird! So bilden die Wohltätigkeitseinrich⸗ tungen der Firma Krupp und ähnlicher Betriebe tatsächlich und fast ohne Ausnahme eine Plage für die Arbeiter, die dadurch zu willenlosen Werkzeugen, zu Sklaven herabgewürdigt werden. Nicht Wohltaten wollen wir, sondern Recht und Gerechtigkeit! Kampf um Gesetz und Recht! Staatsstreich der Jollmehrheit. Bei der Beratung des Zolltarifs ist es zu Szenen gekommen, wie sie im Reichstage noch nicht da gewesen sind. Die Linke, unsere Ge⸗ nossen, die„Umstürzler“ sehen sich vor die Aufgabe gestellt, das Gesetz des Reichstags gegen den räuberischen Ueberfall der Zollmehr⸗ heit zu schützen. Sie erfüllen diese Pflicht redlich, während Eugen Richter mit seinem Fähnlein untätig beiseite steht und so die Junker indirekt unterstutzt. Dagegen kämpft die„Freisinnige Vereinigung“ deren Mitglieder man bisher als die, Wadenstrümpfler“ bezeichnete, tapfer Schulter an Schulter mit unsern Ge⸗ nossen. Die beiden Freisinnsparteien sollten den Namen wechseln!— Anlaß zu den heftigen Stürmen gab der Antrag des Junkers Kardorff, der den ganzen Zolltarif mit seinen 946 Positionen auf einmal(en bloc) beraten wissen will. Daß dabei von einer Beratung gar keine Rede sein kann, sieht jeder ohne Weiteres ein. Aber der Antrag ist auch unzulässig, das behauptet nicht nur die Linke, das sagt selbst die nationalliberale„Nationalzeitung“, das sagten hervorragende Juristen, das sagt jeder, der nicht an Stelle des Rechts die Willkür setzen will. Hatte doch Präsident Ballestrem gewichtige Bedenken, er trug sich sogar mit Rücktrittsgedanken, blieb aber auf vielseitiges Zureden. Daß bei der Abwehr des junkerlich⸗ pfäffischen Ueberfalles scharfe Worte fallen, ist selbstverständlich. Unsere Genossen würden pflichtwidrig handeln, wollten sie nicht auf das Energischste das Recht schützen. Die Reichstagsverhandlungen am Mittwoch (26. Nov.) zeigten ziemlich dasselbe Bild, wie die vorhergegangenen Tage. Nur mußten ver⸗ schiedene Vertreter der Zöllner- und Sünder⸗ mehrheit doch hier und da das Wort ergreifen, * ———= ien S 1 —ů— —— 1 —— —— ——— r ä 8 8 * SS SSA Se Seite 2 Mitteldeulsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 49. während sie sich vorher gar nicht an den Ver⸗ handlungen beteiligt hatten. Jumer deutlicher tritt dabei zu Tage, daß die Nationalliberalen zur Hilfstruppe des von ihnen einst tötlich ge⸗ haßten Zentrums herabgesunken sind. Zuerst stand ein sozialdemokratischer Antrag zur Be⸗ ratung, der die Aufhebung der Zölle verlangt, sobald das Getreide ꝛc. einen bestimmt festge⸗ setzten Höchstpreis erreicht habe. Dazu sprachen unsere Genossen Molkenbuhr und Stadt— hagen, der„Freisinnige“ Müller-Sagan wandte sich gegen den Antrag. Durch die Kartenabstimmung wurde er abgelehnt. Dann wandte sich die Beratung zu dem letzten Paragraphen des Tarifgesetzes, dem§ 12, der den Zeitpunkt des Inkrafttretens des Gesetzes festsetzt. Die Kommissionsfassung bestimmt als Termin den 1. Januar 1905. Dagegen beantragte der nationalliberale Dr. Paasche die Wiederherstellung der Regierungsvorlage, nach welcher der Termin des Inkrafttretens durch kaiserliche Verordnung mit Zustimmung des Bundesrats bestimmt werden soll. Die Sozialdemokraten wollen den Termin durch ein besonderes Gesetz bestimmt wissen. An der Debatte über diesen Paragraphen beteiligten sich die Vertreter aller größeren Gruppen mit Ausnahme des in der letzten Zeit bekanntlich sehr schweigsam gewordenen Richter'schen Anhangs. Das Zentrum leistete sich wieder einen Umfall, indem es den unter seiner hervorragenden Mitwirkung zu Stande gekommenen Kommissionsbeschluß preisgab. Der sozialdemokratische Antrag fiel, Paasches Antrag erhielt dagegen die große Mehrheit. Damit ist nun das Tarifgesetz mit Ausnahme ersten Absatzes des§S 1 angenommen. Nun⸗ mehr sollte der Tarif selbst zur Beratung ge— langen. Speck vom Zentrum wollte zunächst über die Petitionen berichten. Gothein verlangte aber, daß die Petitionen zu den ein⸗ zelnen Tarifpositionen zugleich mit diesen ver⸗ handelt würden, welches Verlangen unsere Ge⸗ nossen Singer und Stadthagen wirksam unterstützten. Darüber kam es zu einer längeren Debatte, die aber zu keinem Beschlusse führte. — In den geheimen Beratungen, welche die Zöllner der Junker⸗, Pfaffen⸗ und Drehscheiben⸗ Partei seit Wochen unter einander abhielten, haben sie einen neuen Vergewaltigungs⸗ plan ausgeheckt, den sie am Donnerstag zur Ausführung bringen wollten. So leicht ging das aber nicht. Das ebenso hinterlistige als gewaltthätige Vorgehen der Wucherzöllner peitschte die Empörung der Linken zu gewaltigen Wogen auf, es gab eine so stürmische Sitzung, wie sie im Reichstage wohl noch nie da war. Der Ueberrumpelungsantrag, den Kardorff mit Unterstützung der Konser⸗ vativen, des Zentrums und der Nationallibe⸗ ralen einbrachten, ging dahin, als Absatz 1 des §1 des Tarifgesetzes kurzerhand zu bestimmen, daß der Tarif nach den Beschlüssen der Kommission in Kraft treten solle, indessen unter Herabsetzung der Zölle auf land— wirtschaftliche Maschinen. Der kurze Sinn des Antrages ist also der, den ganzen Tarif in seinen fast 1000 Positionen en bloc zu beraten und jede eingehende Behandlung der einzelnen Materien zu hindern, er bezweckt die Mundtot⸗ machung der Opposition oder, um Brömels reffende Worte zu gebrauchen, den Ausschluß der Minderheit von der Beratung. Zweifellos ist der Antrag Kardorff geschäftsordnungswidrig, das gab indirekt selbst der Präsident zu, trotz⸗ dem wies er ihn nicht zurück. Zur Beratung kam es an diesem Tage nicht. Die lange Sitzung wurde von einer Geschäftsordnungs⸗ debatte ausgefüllt, die an Heftigkeit und Erregt⸗ heit, an Ausdrücken der Leidenschaft auf allen Seiten des Hauses in Deutschland mindestens bisher nicht ihresgleichen gefunden hat. Unsere Fraktion, welche Singer, Stadthagen, Ulrich, Peus, Südekum, Bebel ins Feld schickte, setzte, von Richter und Payer nur lau, energischer von Barth, Gothein, Pachnicke und Brömel unterstützt, dem Zentrum, dem die Junker im wesentlichen die Führung ihrer Geschäfte überließen, derart zu, daß es schließlich mürbe wurde und selbst eine Vertagung beantragte. Freitag ging die Geschäftsordnungsdebatte weiter. Das parlamentarische Junkertum, das wiederholt versucht hat, der Linken Belehrungen über die Wahrung der Würde des Parlaments zu geben, ist über das borniert⸗brutale Strauch⸗ rittertum seiner Ahnen noch nicht hinausge⸗ kommen. Jesuitische Rechtsverdrehung und der Verrat in der Kutte leisteten ihm dabei Knappen⸗ dienste. De parlamentarische Gewaltakt, der sich in diesen Tagen im Reichstage abspielte, hat allerdings das Gute, daß er die gesamte Linke zu einer Opposittonsmasse zusammen⸗ schließt, die eine Phalanx entschlossener Ge⸗ schäftsordnungshüter der bunt zusammengewür⸗ felten Durchpeitschungsmajorität gegenüber stellt. Am Donnerstag sprach Eugen Richter schon nicht mehr unter dem neuerdings bei seinen Reden beinahe typisch gewordenen„Beifall rechts und im Zentrum“; in der Freitagssitzung erntete er soaar mit seinen Ausführungen die lebhafteste Zustimmung der gesamten Linken. Rich⸗ ters Anhänger haben auch die Lust verloren, Handlangerdienste für das Junkertum zu leisten. Am Freitag ging es ziemlich ruhig her, bis der Kölner Zentrumsadvokat Bachem durch grobe Verdächtigungen der Linden einen der⸗ artigen Tumult hervorrief, daß— zum ersten Male im deutschen Reichstage— die Sitzung für eine halbe Stunde aufgehoben werden mußte. Mit tückischer Verleumdungskunst hatte der ehrenwerte Dr. Bachem die schwersten Beschul⸗ digungen gegen die Loyalität der sozialdemo⸗ kratischen Abgeordneten vorgebracht, indem er von ihnen behauptete, sie hätten sich verächtlich oder gar ehrenrührig über die Abgeordneten der Freisinnigen Vereinigung geäußert. Als die Beleidigten ihn durch immer stürmischere Zurufe aufforderten, die Beweise für diese unsäglich feige Verdächtigung beizubringen, da — schwieg der edle Bachem. Gegenüber solchem Verhalten waren die schärfsten Kund⸗ gebungen der Empörung, des Abscheus berechtigt. Eine ungeheuere Erregung bemächtigte sich der sozialdemokratischen Abgeordneten und der Mit⸗ glieder der freisinnigen Vereinigung. Aber so hageldicht ihre stürmischen Rufe auf den Redner niederprasselten, Dr. Bachem schickte sich nicht an, die Beweise zu erbringen. Immer wieder wurden seine leeren Ausflüchte von den lauten Protestrufen der Linken übertönt, die immer lauter, empörter zu ihm emporschallten.„Ver⸗ leumder! Lügner! Gemeinheit! Raus mit ber Sprache! Er soll es endlich sagen!“ Schwei— gend stand Dr. Bachem da, umgeben von den brandenden Wogen der Verachtung und der Empörung. Er bequemte sich nicht zur Wahrheit, sondern flüchtete hinter die Ausrede, wenn die Sozialdemokratie ihn nicht so empört apostrophiert hätte, würde er etwa dem Abge⸗ ordneten Singer unter vier Augen alles gesagt haben. Diese erneute Feigheit gab dem biederen Herrn den Rest, die bele digte Linke ließ ihn nicht mehr zu Worte kommen. Er verließ die Tribüne mit dem pathetischen Ausrufe:„Das ist die Freiheit bei der Sozialdemokratie!“ Abg. Singer legte dann in wirkungsvoller Weise dar, was die Sozialdemokratie zu diesem berechtigten Verhalten gegenüber einem skrupel⸗ losen Verleumder veranlaßt habe. Er besiegelte damit den moralischen Sieg der Sozialdemokratie über die jesuitische Verdächtigungskunst eines Zentrumsmannes. Die Samstags sitzung wurde ebenfalls noch durch die Debatte über den Antrag Kardorff ausgefüllt, ste wurde aber wegen Beschlußunfähigkeit bald abgebrochen. Die Junker gehen lieber auf die Jagd, als daß sie sich über die Dinge im Reichstage die Köpfe zerbrechen, nur wenn es gilt, die Beute einzuheimsen, treten sie Mann für Mann zur Abstimmung an. Stadthagen wies die „Gründe“, welche die Drehscheiben⸗ und Zent⸗ rumsmänner für den Henker⸗Antrag Kardorffs vorgebracht hatten, schlagend und schneidig zu⸗ rück. Barth sprach nach ihm. Dieser Redner hielt besonders dem Vater der„Sparagnes“, Eugen Richter, vor, daß er zu verschiedenen Malen ganz andere Ansichten über die Berech⸗ tigung der„Obstruktion“ geäußert hat, als er jetzt vertritt. Bei dieser Gelegenheit kam es zwischen Bebel und Richter zu einem heftigen Wortgefecht. Minderheit!“ rief unser Genosse Herrn Richter zu. Dieser fühlte sich dadurch schwer beleidigt und beschwor den Präsidenten, ihn vor„Be⸗ schimpfungen“ zu schützen. Den Wächter der Ordnung im Reichstagshause jammerte die Not Eugens und er rief Bebel zur Ordnung.— Barth schloß seine auch von unseren Geuossen mit lebhaftem Beifall aufgenommene Rede mit einer feurigen Kriegserklaͤrung an die Zoll⸗ mehrheit. Dann trat auf Singers Antrag Vertagung ein. Singer versäumte es nicht, die Beschlußunfähigkeit feststellen zu lassen. Durchaus ruhig verlief die Sitzung am Montag. An diesem Tage ergriff von der Junkermehrheit der Abg. v. Kröcher, der Präsident des preußischen Drei⸗ klassenhauses, das Wort. Dieser ausgesprochene Reak⸗ tionär hat in seinem Auftreten und seiner Redeweise etwas ehrlich⸗biederwännisches an sich, er würzt seine Rede mit derben und humoristischen Wendungen. Er wurde mit vollkommener Ruhe angehört. Er trat natür⸗ lich für den Antrag Kardorff ein, offenbarte dabei die innersten Gedanken der Konservativen, indem er den Staatsstreich, die Beseitigung des Wahlrechts zum Reichstage befürwortete. Vor Jahren schon rief Kröcher nach dem dummen aber starken Manne, der das Volk sozialistengesetzlich knebeln soll. Bisher hat sich aber der Schaubuden⸗Herkules noch nicht gefunden. Genosse Zubeil sagte Herrn v. Kröcher, daß es heut⸗ zutage nicht mehr so leicht sein wird, den absoluten Junkerstaat aufzurichten. Unter allgemeiner Spannung bestieg dann Eugen Richter die Rednertribüne, von wo aus er sonst nie spricht. Vom ungewohnten Platze aus gab er das ungewohnte Schauspiel, daß ein Führer der Linken der Linken in den Rücken fällt, daß ein alter Parlamentarier den Bruch ves parlamen tarischen Grund⸗ gesetzes beschönigt, daß der Häuptling einer„Volks“⸗ partei diejenigen verrät, die das Recht des Volkes auf Brot und Fleisch verteidigen, daß der langjährige Oppo⸗ sitionsmann einer Regierung die Wege ebnet, die sich selbst nicht mehr zu helfen weiß. Seine Rede fand lebhaftesten Beifall bei der Junker⸗ und der Pfaffen⸗ partei; gegen v. Kröcher sagte der große Eugen kein Wort.— Nun ergriff Bebel zu einer glänzenden Rede das Wort. Wir können sie leider nicht wiedergeben! Selbst gegnerische Organe bezeichnen sie als eine Glanz⸗ leistung. Bebel hielt gründliche Abrechnung mit der fretsinnigen Volkspartei. Er sagte Eugen auf den Kopf zu, um was es sich bei der verräterischen Taktik der Volkspartei handelt: um die elende Furcht, in Wahl⸗ kreisen, wo das Zentrum und die Konservativen den Ausschkag geben, jämmerlich hereinzufallen. Bebel schloß: „Sie wollen nun jeden Preis den Tarif fertig stellen, damit die herrschenden Klassen am Weihnachts⸗ feste bei Kaviar und Schinken singen können:„O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weih⸗ nachtszeit.“ Daß für die Millionen da draußen diese Worte nur Spott und Hohn bedeuten, darauf pfeifen Sie, wenn Sie nur die Beute in der Tasche haben. Dieser Tarif, dessen agrarische Forderungen man 1898 gar nicht voraussehen konnte, muß vor die Entscheidung der Wähler gebracht werden. Die verbündeten Regierungen würden, abgesehen davon, daß sie dadurch ihre noch vor wenig Wochen feierlich abgegebenen Erklärungen mit Füßen treten würden, sich zu Mit⸗ schuldigen an diesem Staatsstreich machen, wenn sie dem Antrag Kardorff zustimmten. Der Antrag Kardorff bedeutet ein Denkmal der Schande für den Reichstag.“ Nach Bebel sprach der Nationalliberale Sattler und unser Genosse Thiele. Dienstag wurde ein Schlußantrag von der Mehr⸗ heit angenommen, obwohl nach der Geschäftsordnung ein solcher nicht zulässig ist. Ferner beschloß die Mehrheit die Zulässigkeit des Antrags Kardorff. Die Sitzung dauerte bis Abends ½10 Uhr. Die Er⸗ regung war unbeschreiblich. Die Mehrheit begeht einen Rechtsbruc nach dem andern, wogegen natürlich die Linke verpflichtet ist, sich energisch zu wehren. Der Tumult wurde immer stärker. Vizepräsident Bü s ing suchte Ruhe zu stiften und läutete so stark, daß die Glocke in Stücke ging! Unter allgemeinem Wirrwarr erfolgte Schluß der Sitzung. Zur Krupp⸗ Affaire. Die Essener Kaiserrede. In der Rede, die der Kaiser in Essen nach dem Begräbnis Krupps, dem er beigewohnt, an die Vertreter der Krupp'schen Arbeiterschaft hielt, richtete er schwere Angriffe gegen den „Vorwärts“ und die Sozialdemokratie. Nach⸗ dem er seiner Trauer über den Tod„seines „Heute sind Sie Verräter der —. ͤꝛnññ1ñ——.—68— 5 . 2 Nr. 49. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. Freundes“, wie er Krupp nannte, Ausdruck gegeben, sagte er weiter: Eine That ist in deutschen Landen geschehen, so niederträchtig und gemein, daß sie aller Herzen erbeben gemacht und jedem deutschen Patrioten die Schamröte auf die Wangen treiben mußte, über die unserm ganzen Volke angethane Schmach. Einem kern⸗ deutschen Manne, der stets nur für andere gelebt,, hat man an seine Ehre angegriffen; diese That mit ihren Folgen ist weiter nichts als Mord; denn es besteht kein Unterschled zwischen demjenigen, der den Gifttrank einem andern mischt und kredenzt und dem⸗ jenigen, der aus dem sicheren Verstecke seines Re⸗ daktionsbureaus mit den vergifteten Pfeilen seiner Ver⸗ leumdungen einen Nitmenschen um seinen ehrlichen Namen bringt und ihn durch die hierdurch hervar⸗ gerufenen Seelenqualen tötet. Wer war es, der diese Schandthat an unserm Freunde beging? Männer, die bisher als Deutsche gegolten haben, jetzt aber dieses Namens unwürdig sind. Zu den Vertretern der Arbeiter gewendet: Ihr Krupp'schen Arbeiter habt immer treu zu Eurem Arbeitgeber gehalten und an ihm gehangen; Dankbarkeit ist in Eurem Herzen nicht erloschen.. Männer, die Führer der deutschen Arbeiter se in wollen, haben Euch Eueren teueren Herrn geraubt. An Euch ist es, die Ehre Eures Herrn zu schirmen und zu wahren und sein Andenken vor Verunglimpsungen zu schützen. Ich vertraue darauf, daß Ihr den rechten Weg finden werdet, der deutschen Arbesterschaft fühlbar und klar zu machen, daß weiter⸗ hin eine Gemeinschaft oder Beztlehungen zu deu Urhebern dieser schändlichen That für brave und ehrliebende deütsche Arbeiter, deren Ehrenschild befleckt worden ist, ausgeschlossen sind. Wer nicht das Tischtuch zwischen sich und solchen Leuten zerschneldet, legt moralisch gewisser⸗ maßen die Mitschuld auf sein Haupt. Ich hege das Vertrauen zu den deutschen Arbeitern, daß fte sich der vollen Schwere des Augenblicks bewußt sind und als deutsche Männer die Lösung der schweren Frage finden werden. Antwort des„Vorwärts“. Ruhig und würdig, aber ebenso entschieden antwortet der„Vorwärts“ darauf. Er bemerkt zunächst, daß von gegnerischer Seite versucht wird, diesen Fall gegen die Arbeiterbewegung auszuschlachten und fährt dann fort:„Um allen Verdunkelungen und Verleumdungen der kapi⸗ talistisch gedungenen Schandpresse ein für alle⸗ mal entgegen zu treten, sei die Tendenz unseres Artikels kurz nochmals wiedergegeben: Wir wollten an dem Falle eines besonders bekannten Namens die Notwendigkeit der Aufhebung jenes § 175 erweisen, der für viele Unglückliche eine stete Geißel ist, der nicht nur das Laster den Erpressern und den Richtern ausliefert, sondern auch das Verhängnis eines Naturirrtums ewig bedroht und, wie wissenschaftlich feststeht, eine furchtbare Zahl von Selbstmorden vexursacht hat— die Beseitigung einer gesetzlichen Be⸗ stimmung, die überdies einen klaffenden Wider⸗ spruch des geschriebenen Gesetzes und seiner Anwendung zur Folge hat und den Willen der Polizei zum Schicksal über zahlreiche Existenzen macht. Darum erwähnten wir den Fall, darum machten wir darauf aufmerksam, daß in Deutsch⸗ land solche Personen der Willkür des Para⸗ graphen rettungslos ausgeliefert seien. Wir haben diese Tendenz nicht etwa nur ausgesprochen, um die Skandalsucht zu maskieren. Es war in der That kein Vorwand, sondern die wirkliche Absicht und die unmittelbare Ver⸗ anlassung. Wir sind sogar in der seltenen Lage, in der Gerichtsverhandlung, von der wir annehmen, daß ste in der freiesten Oeffentlichkeit geführt werden wird, den zwingenden Be⸗ weis für die Reinheit unserer Motive und die wahre Absicht unseres Vorgehens zu ingen.“ 3 155 wendet sich unser Zentralorgan gegen die Behauptung verschiedener bürgerlicher Blätter, daß es leichtfertig unkontrollterbaren Gerüchten Glauben geschenkt habe, die von italtenischen Erpressern aufgebracht wurden und bemerkt, daß es aus durchaus lauteren Quellen schöpfte.„Und auf Grund dieser Informationen stellen wir mit ruhiger, fester Ueberzeugung als unumstößlich die volle Wahrheit unserer Andeutungen fest. Das ist und das soll keine gehässige Beschimpfung sein, sondern die nüchterne, wissenschaftliche, ruhige und zu⸗ versichtliche Konstatierung einer für die Gesetz⸗ gebung bedeutsamen Erscheinung. Und weil wir nicht den mindesten Anlaß haben, an der unbedingten Zuverlässigkeit und Uubefangenheit unserer Gewährsmänner zu zweifeln, darum ziehen wir die notwendige Folgerung: Wenn es wahr ist, daß das tragische Ende Krupps mit den seit zwei Monaten bekannten Veröffentlichungen irgendwie zuf zmmen⸗ hängt, dann ist er nicht das Opfer einer boshaften Verleumdung, sondern eines der vielen Opfer des§ 175 geworden. Und wir wissen ferner, daß diese Ueber zeugung geteilt wird von den Autoritäten der Wissen⸗ schaft, die diese Frage zu ihrem Spezial studium gemacht haben. Indessen, es liegt bisher kein ärztliches Protokoll vor, das über die wirkliche Todesursache genügende Aufklärung verbreitet.“ „Diese unsere feste Ueberzeugung— fährt der„Vorwärts“ fort— setzen wir den Anklagen Wilhelms II. einfach entgegen, der uns des Mordes, der Niedertracht und Gemeinheit, der Verleumdung beschuldigt, der uns vorwirft, daß wir aus dem sicheren Versteck des Redak- tionsbureaus mit vergifteten Pfeilen schießen. Welche Beweise hat der Kaiser dafür, daß wir irgend etwas gethan haben, auf dem auch nur ein Schatten der schweren Worte mit Recht ruht, die er gegen uns schleudert? Wer hat den Kaiser über unsere Absichten, über unsere Quellen informiert? Der Kaiser sprach von dem sicheren Versteck einer sozialdemokratischen Redaktion. Nun, eine Redaktion ist für das, was sie thut, verant⸗ wortlich, dem Gesetz und der Moral. Kein sozialdemokratischer Schriftsteller und Redakteur, der nicht schon im Kampf für seine Ueberzeugung Opfer aller Art und harte Strafen auf sich genommen! Jeder, der würdig ist, Sozial⸗ demokrat zu sein, hat die heilige Pflicht, jeder Gefahr und jeder Folgerung die Stirn zu bieten. Wir lassen uns verfolgen, einkerkern, ächten, wir stehen mit unserer ganzen Person, einer Welt von Feinden gegenüber, für unsere Worte und Handlungen ein, wir gehen, wenn es sein muß, ins Elend und die Ver⸗ nichtung. Die deutsche Monarchie aber ist staatsrechtlich unverantwortlich. Der Monarch kann angreifen, aber jedes tempera- mentvolle Wort der Antwort ist durch den Majestätsbeleidigungs⸗Paragraphen verwehrt.“ Jeder vernünftige Mensch— er braucht noch lange nicht Sozialdemokrat zu sein— wird den Worten unseres Zentralorgans unbedingt zustimmen müssen. Darum läßt uns auch die Hetze, welche aus Anlaß des Falles Krupp gegen unsere Partei von den Haupt⸗Scharf⸗ macherblättern bis herab zu den letzten Kreis⸗ blättchen inszentert worden ist, vollkommen kalt. Aber selbst wenn sich die tatsachlichen Behaup⸗ tungen des Vorwärts als unrichtig herausstelleu sollten, so würde erstens den Schuldigen nicht nur schwere Strafe treffen, sondern die Gesamt⸗ Redaktion des Zentralorgans müßte auch die schärfste Kritik des Parteitags über sich ergehen lassen, doch niemals kann die ganze Partet für den Fehler— angenommen, es läge ein solcher vor— eines einzelnen Blattes verantwortlich gemacht werden. Unterdessen haben die Krupp'schen Arbeiter ein„Danktelegramm“ an den Kaiser ab⸗ gehen lassen. Natürlich mußten alle Arbeiter die Adresse unterschreiben; wer die Unterschrift verweigert hätte, wäre doch ohne viel Federlesen aus dem Betrieb hinausgeflogen. Politische Rundschau. Gießen, den 4. Dezember. Sozialdemokratische Wahlerfolge sind erfreulicherweise wieder einige zu verzeichnen. Bei den Bürgerschaftswahlen in Bremen er⸗ oberten unsere Genossen sechs neue Sitze zu den elf, die sie bisher schon inne hatten. Außer⸗ dem ist unsere Partei noch an sechs Stich⸗ wahlen beteiligt. Die sozialdemokratischen Stimmen stiegen seit 1899 von 4269 auf 5935 zeigen also 1700 Zunahme, die bürgerlichen nahmen nur um 600 zu.— Ein glänzender Sieg fiel unserer Partei in Solingen zu, wo sämtliche sozialdemokratischen Kandidaten der dritten Klasse bei der Stadtverordnetenwahl mit großer Mehrheit gewählt wurden.— Feruer brachten die am Montag in München statt⸗ gefundenen Gemeindewa hlen unserer Partei ebenfalls sehr günstige Resultate. Es schieden aus dem Gemeinderat: 12 Liberale, 7 Klerikale und 1 Sozialdemokrat; gewählt wurden: 11 Liberale, 5 Klerikale, 3 Sozialdemokraten und 1 Demokrat. 1899 wurden 4445 sozialdemo⸗ kratische Stimmen abgegeben, diesmal 4922.— In Frankfurt, wo am Montag die not⸗ wendigen Stichwahlen zur Stadtverordneten⸗ wahl vorgenommen wurden, sind unsere beiden Genossen Maier und Zielowski, die in Bornheim in die Stichwahl gekommen waren, leider unterlegen. Doch können wir auch mit dem Frankfurter Resultat zufrieden sein, auch dort ist trotz des ungünstigen Wahlsystems starkes Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen zu verzeichnen. Für Orduung und— Meuchelmord. Im„Vogtländischen Anzeiger“, einem„Ord⸗ nungsblatte erster Güte, war kürzlich zu lesen: Den Schwätzer Chamberlain, der sich von seinen Birminghamer Schraubenarbeitern als Halbgott feiern ließ, hat der Kaiser bei seinem Abschiedsmahle nicht reden hören, was für den eitlen Kolonialminister gewiß recht schmerz⸗ lich ist. Gespannt darf man darauf sein, was Chamberlain als Ausbeute seines spesenreichen Ausflugs in bas Land, das er verwüstet und deren Bewohner er ermordet hat, mit heimbringt. Sollte es eine kleine blaue Bohne sein, die sich von der Hand irgend eines erbitterten Burenstreiters zufällig zum englischen Minister verirrte, darf man sich nicht wundern. Denn Chamberlain ist wirklich eine Gottesgeißel für die Buren ge⸗ wesen. Es ist ja eine alte Geschichte, daß der Meuchelmord zu allen Zeiten bei den Ordnungs⸗ leuten seine Verteidiger gefunden hat, wenn es der Politik dieser Ordnungsleute in den Kram gepaßt hat. An dem Betspiele des Vogtländi⸗ schen Anzeigers steht man, daß das auch heute noch so ist. Von der Sleichheit vor dem Gesetz. Interessant sind die Gründe, welche das Gericht im neulichen Prozesse gegen den Dresch⸗ grafen Pückler verkündete Viele Sätze in diesen Reden enthielten nur bildliche Aus⸗ drücke, dagegen seien zwei Sätze als aufreizend zu erachten, nämlich in der Rede vom 24. Februar der Satz:„Wenn Euch auf dem Heimwege schwarzlockige Jünglinge oder Damen begegnen, so tretet auf sie zu, gebt ihnen— patsch, patsch— ein Paar hinter die Ohren, dann hebt den Fuß und versetzt ihnen einen Fußtritt“, und in der Rede vom 7. März der Satz:„20 stämmige Kerle müßten'mal den Anfang machen und einige Juden ordentlich verdreschen!“„Mit Rücksicht darauf, daß die Reden im Großen und Ganzen sich innerhalb erlaub ter Grenzen halten, hat der Gerichtshof eine Geldstrafe noch einmal für zulässig erachtet.“ Dann heißt es weiter, die Reden des Dresch— grafen bekundeten„tiefes Gottvertrauen, tiefen Glauben an der christlichen Religion, wie hohen patriotischen Sinn.“ Eine nette Rechtsprecherei! Wir wollten mal sehen, was dem Arbeiter passierte, der in einer Versammlung aufforderte, die Schutz⸗ leute, oder auch nur Streikbrecher zu„verdreschen“ oder hinter die Ohren zu schlagen! Der ver⸗ rückte Dreschgraf ist uns vollständig gleichgültig. Aber nicht gleichgültig ist es uns, wenn der Arbeiter, der Arme, wegen eines Wortes, in welches eine„Aufreizung“ erst hineininterpretiert werden muß, zu schwerer Strafe verurteilt wird, während der hochgeborene und reiche Graf seinen brutalen, gewaltthätigen Instinkten Aus⸗ druck geben darf, weil seine Aufforderungen zur Rohheit nur„bildlich gemeint“ sind— in den Augen Berliner Richter. ——— ee iz N ä 2 .. SS Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 49. Pon Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. — Die Wahlen zur Ortskranken⸗ kasse finden am Mittwoch und Donnerstag, den 10. und 11. Dezember, im Kassenlokale statt und zwar wählen die Arbeiter am Mitt⸗ woch von Mittags 12 bis Abends 8 Uhr, die Arbeitgeber am Donnerstag, Nachmittags von 2 bis 6 Uhr. Es sind von Seiten der Arbeiter 148; von Seiten der Arbeitgeber 74 Vertreter zu wählen. Das Gewerkschafts⸗ kartell hat bereits die Aufstellung der Kan⸗ didatenliste für die Arbeiter⸗Vertreter in die Hand genommen. Wir weisen diesbezüglich auf den in der Beilage veröffentlichten Aufruf des Kartells hin. Alle wahlberechtigten Parteigenossen und Gewerkschaftsmitglieder wollen sich recht zahlreich an der Wahl beteiligen, ihre Kollegen, Bekannte 2c. ebenfalls zur Stimm⸗ abgabe auffordern. Die Liste des Kartells beginnt mit dem Namen Amend, Lorenz. — 1899 fielen auf die Liste der organisierten Arbeiter 349 Stimmen, eine Gegenliste brachte es auf 106.— Der Wahltermin konnte unseres Erachteus etwas früher vom Vorstand bekannt gemacht werden, die Zeit zu den Wahl⸗ vorbereitungen ist entschieden zu kurz. Ueber die Wahl Ulrichs in das Landtagspräsidium kann sich der Gleß. An⸗ zeiger noch immer nicht beruhigen. Er leistete sich darüber in dieser Woche wieder einen ganzen Leid⸗Artikel, es ist schon der dritte oder vierte. Von dem abgesägten Schrist⸗ führer Abg. Brauer läßt er sich einen Schreibebrief schicken, worin dieser— nämlich Brauer— erklärt: „Im übrigen vertrete ich den in Ihrem Blatt mit Rocht betonten Standpunkt, daß ein Sozialdemokrat nicht in das Bureau eines deutschen Parlaments gehöre.“ So, so. Wir können froh sein, daß Herr Brauer nicht den Standpunkt vertritt, daß Sozialdemokraten nicht in die Welt„gehören“, wir müßten uns sonst alle miteinander aufhängen. Ein Musterarbetter. Das Schottener Kreisblatt druckte dieser Tage einen Brief ab, der von einem bei Krupp beschäftigten Arbeiter stammen soll. Das Schreiben war so hübsch, daß es auch der „Gieß. Anz.“ seinen Lesern nicht vorenthalten konnte. Der brave Arbeiter schrieb über Krupp u. a.„Alle seine Wohlfahrtseturichtungen die ich hier nicht alle anführen kann, sind die Beweise seiner Herzensgüte. An die Verläum⸗ dungen in dem„Vorwärts“ glaubt kein Mensch, dafür kannten wir unsern Herrn Krupp zu gut, es war nur eine elende Verläumdung, welche sich für die nächstjährigen Wahlen nur geltend machen sollten. Das rote Gespenst hat hier einen unblutigen Mord be⸗ gangen, welcher niemals gesühnt werden kann“. Ob den Brief wirklich ein Arbeiter geschrieben, ist äußerst zweifelhaft. Es müßte dann ein hoffnungslos beschränkter Mensch sein. Ganz sicher ist, daß er den Vorwärts⸗Artikel nicht gelesen hat, was ihn aber nicht hindert, dumme und niederträchtige Vorwürfe zu erheben. Amtsblättern erscheint solches Zeug zur weiteren Verbreitung besonders geeignet. Das Ge⸗ spenst, was einen Mord begeht, ist jedenfalls kein übler Witz, man sollte aber doch das tragische Geschick Krupps nicht zu Possenreißereien benutzen. Del ersten Preis erhielten die Architekten Stein und Meyer für den von ihnen eingereichten Entwurf zur Erbauung eines Stadtbades in Aschersleben. Es wurde ihnen auch die Bauleitung übertragen. Die Herren Stein und Meyer sind die Erbauer des hiesigen Volksbades und des Sophienbades in Eisenach, die wahre Musterbäder sind. — Das Schwurgericht für Oberhessen hatte in seiner vierten Periode nur zwei Fälle zu verhandeln. Im ersten saß der Pferdelnecht Janisch aus Kohden wegen Brandstiftung auf der Anklagebank. Die Sache wurde schon im Oktober verhandelt, damals aber vertagt. Der Angeklagte wird der Brandstiftung be⸗ gehöriges, Leihgestern in Brand gesteckt haben. handelt es sich nur Doch erkennen die der fahrlässigen Brandstiftung, worauf der An⸗ unbewohntes Haus in der Nähe von Offenbar um einen dummen Streich. Geschworenen auf schuldig geklagte zu 3 Monat Gefängnis verurteilt wird. — Dienstag verurteilte das Gericht den Weißbindermeister W. Westerburg aus Nau⸗ heim zu 3 Jahre Zuchthaus und dauernder Eidesunfähigkeit. Er hatte in einer Zivilklage⸗ sache einen Meineid geleistet. — Prächtige Kirchen schlechte Wo h⸗ nungen. Eine neue katholische Kirche wird in der Wilhelmsstraße erbaut, die Fundamentierungsarbeiten sind bereits in Angriff genommen worden. Es soll ein Prachtbau erstehen,„der unsere Stadt um ein groß⸗ artiges Bauwerk bereichern, eine dauernde Zierde für sie sein wird.“ So und ähnlich wurde darüber geschrieben. Wir wollen nicht untersuchen— so schreibt man uns— ob die neue Kirche wirklich ein so„dringendes Bedürfnis“ war, wie behauptet wird; sehr viele Leute sind allerdings der Meinung, daß die alte Kirche für die Religions⸗ übungen der katholischen Gemeinde vollkommen aus⸗ reichend sei. Wir würden über den geplanten Kirchenbau auch kein Wort verlieren, wenn die Gläubigen die Kosten dafür selbst aufbringen würden. Erfahrungs- gemäß fordert man aber früher oder später Zuschüsse in irgend einer Form von der Stadt, oder man wendet sich mit einer Lotterie an die Gesamtheit, sucht den Spielteufel und die Gewinnsucht der Masse für den Kirchenbau in Dienst zu stellen. Deswegen haben wir ein Recht, dazu unsere Meinung zu sagen. Und diese geht dahin, daß es denn doch noch viel, viel Not⸗ wendigeres für wirkliche Ehristen zu thun giebt, als Prachtkirchen zu bauen. Man denke nur an die Wo h⸗ nungsnot. Damit steht's in Gießen durchaus nicht besser, wie in vielen Großstädten. Wem sein Beruf öfter in die Wohnungen der Aermsten führt, weiß davon zu erzählen. Vielfach kann man schon von dem Aeußern der Häuser auf den Zustand der Wohnungen schließen. Verschiedene Gassen weisen„Häuser“ auf, die diesen Namen ganz mit Unrecht tragen, die der Vorsichtige nur betritt, wenn er nicht anders kann, deren unverzüglichen Abbruch die Behörde anordnen, die sie aber nicht zu menschlichen Wohnungen benutzen lassen sollte. Goethe⸗ straße 4 und das lebensgefährlich aussehende„Haus“ Neue Bäue 20 sind schließlich noch nicht einmal die schlechtesten. Jedermann weiß, welche gesundheitlichen und sittlichen Gefahren aus den schlechten Wohnungs⸗ verhältnissen erwachsen. Hier wäre ein großes Feld zur Betätigung praktischen Christentums. Christliche Nächstenliebe würde durch Linderung der Wohnungsnot mehr gezeigt, als durch Errichtung von prächtigen Tempeln. Aus dem Rreise gießen. — Genosse Scheidemann spricht, wie schon in letzter Nummer mitgeteilt, nächsten Samstag, 13. Dezember, in Wieseck. Die Versammlung findet aber nicht im Gambrinus, wie irrtümlich angegeben wurde, statt, sondern im Saale von Gustav Schneider.— Sonn⸗ tag, den 14., spricht Scheidemann in Lich, dort findet die Versammlung im„Holländischen Hof“, Nachmittags um ½4 Uhr statt. Thema in beiden Versammlungen ist:„Der Umsturz im Reichstage.“ Unsere Freunde werden er⸗ sucht, zu den Versammlungen recht zahlreich zu erscheinen. Es versteht sich von selbst, daß Jedermann willkommen ist und freie Dis kussion gewährt wird. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Verdächtigung der Zolltarif⸗ Gegner und besonders der Sozialdemokratie betreibt die„Ordnungs“ und Amtsblattpresse in geradezu unheimlicher Weise. Beispiels⸗ weise druckte der„Wetzl. Anz.“ folgendes skandalöse Zeug aus der Köln. Ztg. nach: „Der Hausherr(im Reichstage) walte seines Amtes, indem er den Parlamentaris⸗ mus gegen Leute schützt, die den Reichstag zu einem Tollhause herabzuwürdigen drohen. Sollte aber der Präsident Graf Ballestrem wirkliche juristische Bedenken haben, so ändere man die Geschäftsordnung, oder aber man zerlege den Zolltarif in etliche Gruppen. Das deutsche Volk hat es jedenfalls satt, sich von der Sozialdemokratie, die jüngst erst einen der größten Wohltäter der Arbeiter gemordet hat, anckeln zu lassen.“ tigen zu lassen. Das werden die Wahlen be⸗ weisen. Unseren Genossen, die Ordnung und Recht im Reichstage schützen, unterzuschieben, daß sie die Beratungen störten, ist mehr als jesuitische Verdrehung und Heuchelei. h. Sic transit gloria mundi— lautet ein latei⸗ nisches Sprüchwort und es bedeutet:„So vergeht die Herrlichkeit der Welt!“ Man wurde daran erinnert, als neulich die Bekanntmachung des Konkursverwalters über das Vermögen des Fabrikanten Arthur Packard zu lesen war. Die Gläubiger werden zwar die dort ange⸗ gebenen Zahlen keineswegs mit Gefühlen der Hochachtung für den ehemaligen Wetzlarer Fabrikanten studsert haben. 94 700 Mk. sind verfügbar— 554302 Mk. betragen die Forderungen! Mit anderen Worten: es kommen ganze 17 Prozent zer Verteilung!— Was spielte Packard für eine großartige Rolle in Wetzlar! Er ver⸗ kehrte nur in den besten Kreisen, stand bei allen Hono⸗ ratloren im höchsten Ansehen. Was mag er jetzt treiben? Vielleicht putzt er die Stiefel in irgend einem amerika⸗ nischen Hotel; wer weiß aber, ob er sich noch zu einem so ehrlichen Gewerbe bequemt hat, möglich, daß er seinen Unterhalt auf weniger respektable Art erwirbt, die ihn zwingt, den Gesetzeshütern möglichst weit aus dem Wege zu gehen! Sic transit h. Lügen über die Sozialdemokratie. Was Alles über die sozialdemokratische Arbeiterwegung zu⸗ sammengeschwindelt wird, ist doch geradezu unerhört. Da machte kürzlich ein Notiz des„freisinnigen“ Nürnberger „Fr. Kurier“ durch die Blätter die Kunde, des Inhalts, daß die sozialdemokratische Mehrheit im Gemeinde⸗ rate zu Fürth i. B. innerhalb dreier Jahre die Gemeindesteuer von 100 auf 145 Proz. erhöht habe und zwischen den Zeilen war zu lesen, daß doch die Sozialdemokratie eine rechte Lotterwirtschaft geführt haben müsse. Selbstverständlich schnappten alle arbeiter⸗ feindlichen Blätter diesen Brocken begierig auf und— natürlich!— auch das Wetzlarer Amtsblatt. Wie liegt aber die Sache in Wirklichkeit? Eine sozialdemo⸗ kratische Mehrheit ist— leider!— in der Fürther Gemeindeverwaltung gar nicht vorhanden! Dort sind bisher 18 Sozialdemokraten und 22 Bürgerliche vertreten. Wo ist da die„sozialdemokratische Mehrheit?“ Aber selbst wenn eine solche vorhanden gewesen wäre und es wären die Steuern erhöht worden, dann müßte doch immer erst gefragt werden, ob die Mehreinnahmen im Inte resse des Gemeinwohls verwandt wurden. Das wären sie bei einer sozialdemokratischen Geme inde⸗ vertretung ganz sicher; die Bürgerlichen sorgen aber meistens erst für ihre Tasche. h. Eine Arbeiter-Versammlung, einberufen vom„Christlichen Gewerkverein Deutschlands“, sollte am Sonntag im Saale des Wirtes Reinhardt in Nieder⸗ girmes stattflnden. Am Samatag erklärte aber der Wirt im Wetzl. Anz, daß er sein Lokal zu dieser Ver⸗ sam mlung nicht hergebe. Wenn der Mann, wie wir annehmen, vorher den Saal zugesagt hatte, so hat er entschieden unrecht gehandelt un) sein Verhalten wird jeder rechtlich Denkende verurteilen. Vielleicht gab er irgend einem von Seiten der Fabrikanten oder sonstwo „von oben“ ausgeübtem Drucke nach; denn das Mittel der Lokalabtreibung wendeten die Ordnungsleute in Wetzlar von jeher mit Vorliebe an. Bisher allerdings nur gegen die„Umstürzler“, die Anhänger der modernen Arbeiterbewegung. Daß man die braven, staats⸗ und königstreuen christlichen Arbeiter mit derselben Elle mißt, ist jedenfalls neu und— bezeichnend. Ob wohl die Christlichen daraus die richtige Lehre ziehen? Dann müßten sie erkennen, daß, sobald sie ihre Interessen als Arbei ter wahrnehmen wollen, denselben Anfeindungen des Unternehmertums und seiner Organe ausgesetzt sin d, wie die„sozialdemokratischen“ Organisationen. Des halb sollten sie diese im Kampfe für Gerechtigkeit und bessere Arbeitsbedingungen unterstützen, nicht aber ihre durch Gründungen in der Arbeiterschaft Zersplitterung schaffen. aus dem Nreise Marburg-Rirchhain. St. Der Bürgerverein hielt am Montag abend eine Versammlung ab, in welcher u. a. über das Projekt der Einrichtung einer Mittelschule gesprochen wurde. Der Referent meinte, eine Anzahl hiesiger Bürger beklage es sehr, daß die früher hier bestandene Frei⸗ resp. Armenschule vor etwa 10 Jahren mit der Bürgerschule vereinigt worden sei und nun als Volks⸗ schule weiter bestehe, in der seit einigen Jahren auch das Schulgeld aufgehoben wurde. Dadurch seien„ihre gut erzogenen“ Kind er durch den Umgang mit den armen, verwahrlosten und meist schlecht erzogenen Kindern der Proletarier mancherlei Gefahren ausgesetzt, was bel Errichtung einer Mittelschule ausgeschlossen sei. Den Referent möchte aber hierbei alles getan wissen, was geeignet erscheint, die soztalen Gegensätze zu mildern, er hält die gemeinsame Unterrichtung der Kinder aller Gesellschaftskreise für notwendig, schon darum, daß jenen Kindern, die„einst“ die Freischule besuchten,„das Das deutsche Volk hat es satt, sich von schuldigt. Er soll ein dem Landwirt Klein Junkern und Pfaffen ausbeuten und vergewal⸗ Gefühl der drückenden Armut die sie als Schande empfunden, durch die Beseitigung der Freischule genommen e e 1 Nr. 49. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. ist.“ Weshalb denn da durch die Errichtung einer Mittelschule die Volksschule wieder zur Armenschule machen?— In der Versammlung waren auch eine Anzahl Lehrer der hiesigen Volksschulen anwesend, die sich sämtlich, zum Teil sogar recht energisch, gegen die Errichtung einer Mittelschule und für besseren Ausbau der Volksschuren aussprachen. Besonders Herr Lehrer Ach ler, welcher mit Stolz bekaunte, daß er selbst fünf Jahre an der Freischule gewirkt habe, ergriff mit warmen Worten Partei für die„weniger gut erzogenen“ Kinder der Armen; er habe die Er fahrung gemacht, daß die Kinder der Reichsten oft die Dümmsten gewesen selen. Lediglich die Begabung müsse für besseres Fortkommen in der Schule entscheidend sein, nicht der Geldbeutel. Solche Worte, von dieser Seite gesprochen, hört man heutzutage nicht oft. Möchten sie dem wackeren Manne nicht zum Schaden gereichen. — In der Bierbrauerei von Carl Bopp hier scheinen recht nette Zustände zu herrschen. Kürzlich wurden nacheinander drei verheiratete Brauer unter nichtigen Vorwänden auf die Straße gesetzt, unter letzteren befindet sich einer, der schon drei Jahre unter dem äußerst strengen Regiment des Herrn Brau⸗ meisters ausgehalten hatte und nun plötzlich, ohne jeden triftigen Grund, aufs Pflaster flog. Sechs Kollegen erklärten sich mit dem Gemaß⸗ regelten solidarisch und verließen ebenfalls die gastliche Stätte. Ihre Papiere konnten sie erst unter Assistenz eines Schutzmannes erhalten. Recht bitter beklagten sich die Entlassenen über die brutale Behandlung durch den Braumeister, sowie über die Unreinlichkeit in den Schlafsälen, die nur dreimal im Jahre aufgewaschen würden. Ebenso lasse die Bettwäsche viel zu wünschen übrig. Die Klosets befänden sich in einem er⸗ bärmlichen, polizeiwidrigen Zustande. Die Sauce liefe seit langer Zeit oben heraus. Der Herr Braumeister bekümmere sich darum ntcht, da er sie nicht zu benutzen brauche()); was sagt aber unsere Sanitätspolizei dazu? Sollte dies Alles dem Besitzer der Brauerei, in welcher Reinlichkeit die Hauptsache sein muß, dem reichen Herrn Bopp unbekannt sein? R. Der„Arbeiter⸗Bildungs⸗Verein“ Marburg hat sich kürzlich aufgelöst. Er führte eigent⸗ lich nur noch ein Scheindasein; seit Jahren wurden keine Versammlungen mehr abgehalten und auch keine Beiträge bezahlt. Doch besaß der Verein eine recht ansehnliche Bibliothek, sowie sonstiges Inventar. Die noch vorhandenen Mitglieder traten deshalb zusammen und beschlossen, den Verein aufzulösen und sämtliches Inventar der Gewerkschaftskommission zu überweisen. R. Agitation für die Krieger vereine betrieb der dienstthuende Major bei der Kontrollversammlung in Marburg. Nach Erledigung der üblichen Vorlesungen kammandierte der Major: Wer nicht im Kriegerverein ist, vortreten! Etwa neun Zehntel des versammelten Kriegsvolkes traten vor, was den Herrn Major veran⸗ laßte, in einer langen Predigt an die räudigen Schafe seinen Unwillen über das geringe Interesse, was sie dem Kriegervereine entgegenbringen, Ausdruck zu geben. Selbstverständlich schloß er mit der Aufforderung, sich dem Kriegervereine anzuschließen. Dann belobte er die paar Stehengebliebenen, daß sie treu zu Kaiser und Reich hielten und ermahnte sie, ihre Kameraden ebenfalls dem Kriegervereine zuzuführen. Bei verständigen Ar⸗ beitern werden solche Reden nicht den geringsten Eindruck machen, die wissen, daß die Kriegervereine eine ar bei⸗ terfeindliche Politik verfolgen, die mit aller Ent⸗ schiedenheit zu bekämpfen sich jeder Angehörige der besitzlosen Klasse verpflichtet fühlt. „Keine Fleischnot.“ Aus Lüdenscheid wird berichtet:„Ein Pferdemetzger Namens Keßler, aus Gießen hat hier einen Laden eröffnet. Drei Pferde waren am ersten Tage verkauft; am Tage darauf wurde ein wegen Beinbruchs geschlachtetes schweres Pferd aus dem Schlacht- hause ins Verkaufslokal gebracht. Eine Stunde nach Ablieferung war das Fleisch des etwa 1200 Pfund Schlachtgewicht zeigenden Tieres verkauft. Der Pferdemetzger kann die vom Publikum beanspruchten Fleischmengen nicht liefern. Das Pfund Fleisch ohne Knochen kostet 35 Pfg., mit Knochen 30 Pfg. Ein großes Brandunglück erreignete sich am Dienstag in Bochum. In 4 1 Konditorei brach das Feuer in der Back⸗ stube aus und verbreitete sich rasch über das Treppenhaus, so daß den Bewohnern der Ausweg abgeschnitten wurde. Zwölf Per⸗ sonen sind verbrannt, außerdem verletzten sich mehrere tötlich durch Herabspringen. Der Erfolg der kaiserlichen Krupprede. Bei der Geschäftsstelle unseres Dortmunder Parteiorgans in Essen haben sich am Sonntag 88 neue Abonnenten angemeldet. Die Frank⸗ furter„Volksstimme“ meldet ebenfalls Steiger⸗ ung der Abonnentenzahl. So vernichtet man die Sozialdemokratie. Zur Krupp⸗Affaire veröffentlicht das wissenschaftlich- humanitäre Komité Berlin⸗Leipzig eine Erklärung, in der gesagt wird, daß anläßlich des Falles Krupp in der Presse vielfach die Anschauung hervor⸗ getreten sei, daß die Behauptung, Jemand sei homosexuell(der Männerliebe ergeben), an sich eine schwere Beleidigung und Ehrenkränkung bedeute. Dagegen müsse das Komitee energischen Widerspruch erheben im Namen von 1500 ihm bekannten Homosexuellen, die in ihrem Karakter und sittlichen Verhalten genau so ehrenhaft sind, wie die normalsexuell Geborenen. Es fordert, daß aus wissenschaftlichen Forschungs— gebieten die Konsequenzen der Humanität ge— zogen werden, damit die folgenschweren Ver— kennungen, denen schon so viele homosexuell Geborene zum Opfer gefallen sind, endlich ein Ende nehmen. Ein christlicher Deuunziant. An den Kontrollversammlungstagen ist es den Kontrollpflichtigen bekanntlich verboten, ihrer etwaigen sozialdemokratischen Gesinnung Ausdruck zu verleihen. Das geistreiche Ver⸗ bot besteht und wird natürlich auch von den davon Betroffenen mit peinlichster Gewissen⸗ haftigkeit befolgt. Doch darüber, was Be— tätigung sozialdemokratischer Gesinnung ist, sind die Meinungen der Schriftgelehrten ge⸗ teilt. Da es der Militärbehörde natürlich nicht möglich ist, jede Bethätigung dieser ver⸗ ruchten Gesinnung zu ermitteln, so verläßt sie sich auf den guten Willen der nichtsozialistisch gesinnten Ehrenmänner, ste in ihrem Streben, die Schwerverbrecher zur Verantwortung zu ziehen, zu unterstützen. Einem solch freiwilligen Helfer ist in Speyer ein Brauereiarbeiter zum Opfer gefallen, der am 14. November, wo er zufällig kontrollpflichtig war, die Brauer⸗ zeitung von der Post holte, sie im Burschen⸗ zimmer der Schulzenbrauerei auf den Tisch legte und später wieder einschloß. In dieser Thätigkeit erblickte der christliche Arbeiter Georg Fuchs eine Bethätigung sozialdemokratischer Gesinnung. Flugs setzte er sich hin und schickte an das Bezirkskommando Ludwigshafen einen Schreibebrief, in dem er seinen Kollegen de⸗ nunzierte. Das Bezirkskommando griff zu und leitete Untersuchung ein. Auf das Ergeb⸗ nis dieser Untersuchung darf man ja wohl sehr gespannt sein. Dem christlichen Denunziauten aber heute schon ein kräftiges Pfui Teufel! Stietencron will gutwillig zahlen. Der von den Hinterbliebenen des italienischen Arbeiters Fazzit gegen den Rittmeister z. D. v. Stieteneron angestrengte Zivilprozeß, in welchem auf den 3. Dezember abermals vor dem Oberlandesgericht Colmar Termin an⸗ beraumt war, ist durch Vermittelung des italienischen Konsuls in Mannheim im Wege des Vergleiches beigelegt worden. Stieten⸗ cron verpflichtet sich, an die Hinterbliebenen des von ihm Erschossenen eine bestimmte Summe zu zahlen. Kleine Mitteilungen. * Verhaftet wurde in Großen-Linden ein verheirateter Bahnarbeiter, dem ein Sittlich— keitsvergehen zur Last gelegt wird. „ Tod bei der Arbeit. Ein Holzmacher aus Alten-Boseck wurde am Samstag beim Holzfällen von einem stürzenden Baum erschlagen. Der auf so schreckliche Weise ums Leben Gekommene war Familien⸗ vater. ze Vom Eisenbahnzuge überfahren wurde per St. Mk. 0,70— 1,25, vorigen Montag Nachm. der Getreidehändler Klingel⸗ höfer aus Mainzlar auf der Station Friedelh ausen. Er hatte sich verspätet und wollte seben in den nach Marburg abgehenden Zug einsteigen, als er von ein em Eilgüterzuge erfaßt, heruntergerissen und sofort getötet wurde. ** Ein eigentümlicher Unfall passierte in Eschersheim. Ein mit Reparaturarbeiten in einem Brunnen beschäftigter Schlossermeister brauchte ein Messer, das man ihm an einer Kordel hinunterließ. Die Kordel riß und das Messer fiel dem Manne in den Hals, der schwer verletzt wurde. * Opfer der Arbeit. In der Schiefer⸗ grube Nieder⸗Erbach bei Limburg stürzten zwei jugendliche Arbeiter mit dem Förderwagen in einem 25 Meter tiefen Schacht und blieben sofort tot. r Staatsstützen. In Altenburg verurteilte das Schwurgericht den hoch angesehenen Fabrikbesitzer und Bankagenten Gruenert- Schmölln, welcher im Frühjahr nach Unterschlagung von über Mk, 400 000 flüchtete und in Amerika verhaftet wurde, wegen be⸗ trügerischen Bankerotts und fortgesetzter Unterschlagun g zu 8 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust.— Wegen Unterschlagung verhaftet wurde Leutnant a. D. Kegel, Inspektor des Rixdorfer Amtsgerichts⸗ gefängnisses. „“ Die Genossenschaftsbäckerei in Lüttich ist abgebrannt. Der Schaden beläuft sich auf 150000 Franks. Die Genossenschaft gehört, wie viele in Belgien, zur sozialistischen Partei. Letzte Nachrichten. Im Reichstage gab es am Mittwoch und Donnerstag wieder stürmische Szenen. Mittwoch dauerte die Sitzung bis 10 Uhr, Donnerstag sogar bis ½12 Uhr Nachts. Wieder gab es heftige Ge⸗ schäftsordnungsdebatten; Singer wurde von der Sitzung ausgeschlossen, wogegen er Protest einlegt. Die Mehrheit sucht nur den Tarif mit allen Mitteln durchzudrücken, was darin steht, ist ihr gleichgültig.— 27 Volksversammlungen tagten Donnerstag Abend in Berlin und er⸗ hoben Protest gegen den Rechtsbruch der Reichs— tagsmehrheit. Friedberg. Zum Bürgermeister wurde Baurat Stahl in Gießen gewählt. Versammlungskalender. Gewossen! Besucht regelmäßig Eure Versammlungen! Samstag, den 6. Dezember. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Referat:„Die Kämpfe Gießen. Versammlung bei Orbig. im Reichstage“. Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends 8½ Uhr Versammlung bei Wirt Kruse. Wich⸗ tige Tagesordnung! Sonntag, den 7. Dezember. Gießen. Freie Turnerschaft. Mitgliederver⸗ sammlung Nachmittags 3 Uhr im Lokale„Zum Pfau.“ Montag, den 8. Dezember. Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uh; Versammlung bei Orbig. Samstag, den 13. Dezember. Gießen. Glaserverband. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig. Wieseck. Oeffentliche Versammlung Nachmittags 4 Uhr bei Schneider. Lauterbach. Wahlverein. Abends 8 Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Kaut. Gießen. Freie Turnerschaft. Turnstunden jeden Mittwoch, Abends ¼9 Uhr, Sonntag, Vormittags 10 Uhr im„Pfau“. FTT. ͤ.— Marktberichte. Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 2. Dezbr.: Butter per Pfd. Mk. 1,10— 1,15, Hühnereier 2 St. 15— 19 Pfg., Enteneter 1 St. 0—0 Pfg., Gänseeier per St. 00— 00 Pfg., Käse 1 St. 5—8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—6 Pfg., Erbsen per Liter 21 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 5,20— 5,50 Mk., Zwiebeln per Ztr. Mk. 3,50—4,50, Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0,80 bis 0,90, Hühner per St. Mk. 1,00—1,20, Hahnen Enten per St. Mk. 2,00 bis 2,60, Gänse per Pfd. 50—64 Pfg. f 5 3 0 3 3 a 1 2 J ö Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. ä terhal tun Der Adler— ein Nsch. Ein japanesisches Märchen. Vor ungefähr hundert Jahren saß in Japan ein Mikado auf dem Tron, welcher sich mehr mit Politik beschäftigte, als man es sonst von einem Mikado gewohnt ist. Eines Tages ließ er seinen ersten Minister zu sich rufen und sprach zu ihm:„Minister, Du sollst ein stcheres Mittel ausfindig machen, das mir zeigt, welche von den vielen Zeitungen meines Reiches es mit der Wohlfahrt des Ganzen am besten meint.“ Der Minister erschrak, denn auf derlei Er⸗ findungen verstand er sich viel schlechter, als auf die Erfindung neuer Steuern. Er warf sich auf den Bauch, küßte die Zehenspitze des Mikado und sagte:„Erhabener Sohn der Sonne und Beherrscher des Mondes, ich flehe Dich an, gewähre mir drei Tage Zeit zum Nachdenken.“ Der Mikado sprach:„Ministerchen, Du ver⸗ dienst den Bambus. Wozu bist Du Minister, wenn Du drei Tage Zeit brauchst. Ich wette, der Eseltreiber, welcher soeben am Tore meines Palastes sein graues Tier vorbeiführt, braucht keine drei Tage dazu. Geh, Dummkopf und führ ihn herauf.“ Der Minister erhob sich, ging und brachte den Eseltreiber. 5 Der Mikado sprach:„Eseltreiber, was meinst Du, wie bring ich heraus, welche von den vielen Zeitungen es am besten meint mit der Wohlfahrt meines Reiches“? Der Eseltreiber besann sich ein Weilchen und sagte:„Großmächtiger Mikado, in drei Tagen ist das große Jahresfest, an dem Du Dich dem versammelten Volke zeigst und eine Rede hälst. Ich rate Dir, daß Du in dieser Rede einen recht großen Unsinn sagst. Die vielen Zeitungen Deines Reiches werden, wie gewöhnlich, sich mit Deiner gehaltenen Rede beschäftigen. Sieh nun zu, was sie darüber schreiben. Ich sage Dir, diejenige Zeitung, welche den Mut hat, zu schreiben, daß Du einen Unsinn geredet hast, sie meint es mit der Wohl⸗ fahlt des Reiches am besten.“ Der Mikado mußte über diesen Rat des Eseltreibers lachen, daß sein Zopf die possier⸗ lichsten Luftsprünge machte. Dann sagte er: „Eseltreiber, Du hast mehr Verstand in Deiner Fußsohle als mein erster Minister in seiner Hirnschale. Nimm diesen Beutel voll Gold— stücke, ziehe deines Weges und schweige, so lieb Dir Dein Leben ist.“ Am dritten Tage nach dieser Begebenheit hielt der Mikado seine große Jahresfestrede vor dem versammelten Volke. Er zog einen Vergleich zwischen dem Reiche Japan und dem Reich der Lüfte und sagte dabei:„Der Adler istder größte Fischunter allen Fischen.“ Dieses Wort machte im Reiche Japan große Sensation und alle Zeitungen beschäftigten sich mit demselben. In Japan, muß man wissen, wurden damals die Zeitungen auf Papier von verschtedenen Farben gedruckt, und zwar hatte jede Zeitung eine besondere Farbe, nach welcher cb le, Stetnannt wurde. Es war nun — die Zeitung auch e. Enrwre der japanesischen interessant, die Komme lr le Mikado zu ver⸗ Zeitungen über die Rede des Sagen. gleichen. N Die Blaue Zeitung, das Organ des höchsten 1 japanesischen Adels, schrieb:„Wenn der Mikado sogt, der Adler ist ein Fisch, dann ist er ein Fisch. Basta!“ Die Gelbe Zeitung schrieb:„Wir glauben, daß der Mikado nicht richtig verstanden worden ist. Er wird wohl gesagt haben, der Adler sei der größte Vogel unter allen Vögeln. Wir erwarten eine authentische Mitteilung aus dem Diwan über den genauen Wortlaut.“ Die Grüne Zeitung schrieb:„Wenn der Mikado sich auch ausgedrückt hat, der Adler sei ein Fisch, so hat er damit doch offenbar sagen wollen, der Adler sei ein Vogel. Wenn man die Aehnlichkeit zwischen den Flossen der Fische und den Flügeln der Vögel bedenkt, wenn man ins Auge faßt, daß man die Flossen auch Floßfedern nennt, wenn man weiter erwägt, daß die Vögel den Ozean der Lüfte mit ihrem Fluge in der gleichen Weise durchsegeln, wie die Fische den wirklichen Ozean, und wenn man endlich beachtet, daß der Rogen der Fische aus zahlreichen Eiern besteht, die Eier aber dem Vogel geschlecht eigentümlich sind, so kann es nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, daß der Mikado gemeint hat, der Adler sei ein Vogel.“ Die Graue Zeitung, welche sich für die gebildetste hielt, schrieb:„Ohne der Weisheit unseres erhabenen Mikado, welche tief ist wie der Ozean und hoch wie der Himmel, zu nahe zu treten, möchten wir uns doch daran zu erinnern erlauben, daß der Adler eben nicht im eigentlichen Sinne und ohne weiteres als Fisch anzusehen ist. Wenigstens hat er bis jetzt nach allen Lehrbüchern über Zoologie als Vogel gegolten. Wir sind zwar weit entfernt, in Abrede stellen zu wollen, daß die Einreihuug des Adlers unter die Fische eine gewisse Be⸗ rechtigung chat und eine Anstcht ist, welche die volle Beachtung der wissenschaftlichen Kreise verdient, und wir würden es freudigst begrüßen, wenn die Gelehrten von dem Wort unseres erhabenen Mikado angeregt würden, die wichtige Frage, ob der Adler in die Klasse der Fische oder Vögel gehöre, aufs neue gründlich zu untersuchen. Was immer auch das Ergebnis sein möge, so gebührt in allen Fällen der Auffassung unseres erhabenen Mikado die Palme der Originalität.“ Die Violette Zeitung überging den Satz mit gänzlichem Stillschweigen. Die Schwarze Zeitung erklärte, sie beuge sich unter die Autorität des Mikado, ieh sie nicht umhin könne, zu bemerken, daß nach den Traditionen der schwarzen Brüderschaft der Adler nicht sowohl ein Fisch als vielmehr ein Reptil sei. Der Mikado hatte diese sämtlichen Zeitungen vor sich und lachte wiederum, daß sein Zopf die drolligsten Kapriolen ausführte. Gerne hätte er auch erfahren, was die Rote Zeitung über seine Rede schrieb. Aber er hatte die Rote Zeitung aus seinem Palast verbannt, weil sie einmal geschrieben hatte, daß das japanesische Reich auch ohne einen Mikado bestehen könne. Diesmal siegte die Neugierde über seinen Groll. Er ließ durch einen Diener die Rote Zeitung herbeiholen, nahm sie ihm hastig aus der Hand, las und schleuderte ste dann mit einem fürchter⸗ lichen Fluch zu Boden. Die Rote Zeitung hatte geschrieben:„Der Mikado soll in seiner Rede den Unsinn behauptet haben, der Adler sei ein Fisch. Unsere Ansicht über diese Be⸗ hauptung wollen wir im Interesse unserer Fußsohlen für uns behalten.“ Schäumend vor Wut trat der Mikado ans Fenster, um Luft zu schnappen, und erblickte wiederum den Esel⸗ treiber, der ihm den Rat gegeben hatte. Da besann er sich erst wieder darauf, zu welchem Zweck er den unsinnigen Satz gesprochen hatte. Aber wie hätte er seine Fein din, die Rote Zeitung, als die Zeitung betrachten können, die es am besten mit der Wohlfahrt des Ganzen meint? Dagegen sträubte sich sein Stolz. Aus dem inneren Konflikt, in welchen ihn die Sache versetzte, befreite er sich dadurch, daß er den Eseltreiber rufen und ihm ein halbes Hundert wohlgezählter Bambushiebe auf die Fußsohlen verabreichen ließ. Damit war die Sache abgetan, die Rote Zeitung blieb auch ferner aus dem Palast verbannt und der 55 Er galt, solange dieser Mikado regierte, im Abrerckeen Reiche als Fisch. japanesischr. 1. Anus (W. Jak. 1892.) — b 5—— 7— e 5 Parteigenossen, Arbeiter! werbt stets Abonnenten für die „Mitteldeutsche Sonntagszeitung“ n Splitter. Spielen soll Ergötzen sein! Dieses seh ich nicht wohl ein: Glaubt ein Spieler, welcher viel Eingebüßt, es sei ein Spiel? *. * Sohn, die äußere Reinlichkeit Ist der inneren Unterpfand. Fr. Rückert. * * Das Wahre ist eine Fackel, aber eine ungeheure, deswegen suchen wir alle nur blinzelnd so daran vorbeizukommen, in Furcht sogar, uns zu verbrennen. Goethe. gumoristisches Setzerspäße. Die„Langensalzaer Zeitung“ brachte am Totensonntag einen Leitartikel mit den Schluß worten: „Selig sind die Toten, sie haben kalte Pfoten! Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben!“ Offenbar hatte ein Setzer sich hinter dem Rücken der Redaktion diesen„Spaß“ geleistet. Das Blatt brachte am folgenden Tage eine de⸗ und wehmütige Abbitte, in welcher sie alle Schuld dem Druckfehlerteufel aufbürdet, der den Setzer und den Korrekter verwirrte. Ein Volksbeglücker. Polizist:„Jetzt habe ich ein famoses Mittel gefunden, um dem sozlalen Elend ein Ende zu machen: ich arretiere jeden, der keine Arbeit hat“. Geschichtskalender. 7. Dezember. 1835: Eröffnung der ersten Eisenbahn in Deutschland(Mürnberg⸗Fürth). 18155 Standrechtliche Erschießung des franz. Marschalls Ney, 3. 1897: Conzett, früher Verleger des„Sozial⸗ demokrat“, Zürich, f. 1881: Brand des Ringtheaters in Wien(800- 900 Tote). 9. 1895: Minister Köller entlassen. zengruber, Dichter, f. 10. 1900: Bülow erklärt den Nichtempfang Krügers. 1896: Alfred Nobel, Erfinder des Dynamits,. 11. 1900: Posadowsky rechtfertigt den 12000 Mk.⸗ Bettel. ö 12. 1896: Hamburger Streik vor dem Reichstage. 1653: Cromwell, Diktator von England,. 13. 1863: Friedrich Hebbel, Dichter, F. Heinrich Heine. k. 1769: Gellert, Dichter, 7. *= geboren; 1- gestorb en 1889: An⸗ 1799: — ů— Empfehlenswerte Schriften. Die Kolportage-Kommission des Wahlvereins Gießen, Wirtschaft Orbig— empfie het: Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer. Lohnarbeit und Kapital. Separatabdrucfk aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg. 1 Christentum und Sozialismus. Von A. Bebel. Preis 10 Pfg. 2 Diese religiöse Polemik zwischen unserm Genossen und dem Kaplan Hohoff fand bereits in den Jahren 1873/74 statt. Der Inhalt des Schriftchens ist aber noch heute durchaus zeitgemäß.. Weltkrach und Weltmarkt. tische Skizze von Fr. Mehring. Die Neue Zeit. Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Hefte. Prels 25 Pfg. Sozialistische Monatshefte, Jeden Monat ein zirka 80 Seiten starkes Heft. Praes pro Heft 50 Pfg. Wilhelm Liebknecht. Sßein Leben und Wirken. Unter Benutzung unqedruckter Briefe und Aufzeichnungen. Herausgegeben„von Kurt Eisner. Mit Porträts und Abbildungen. J Preis 30 Pfg. Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine peopuläre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg. Grundzüge und Fg cderungen der Sozial⸗ Se on Karl Kautsky und Bruno schöenlkank. Preis 10 Pfg. 8 0 Enthält eine kurzgefaßte, allgemein verständliche Er⸗ läuterung des Erfurter Programms. Muß jeder Genosse besitzen! Das Erfurter Programm. Von Karl Kautsky. 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Kräuterwein beseitigt alle Störungen in den Blut- gefäßen, reinigt das Slut von allen verdorbenen, l krankmachenden Stoffen und wirkt fördernd auf die Neu-? a gildung gesunden Blutes. Durch rechtzeitigen Gebrauch des Kräuter⸗Weines werden Magenübel meist schon im Keime erstickt. Man sollte also nicht säumen, seine Anwendung allen anderen scharfen, ätzen⸗ den, Gesundheit zerstörenden Mitteln vorzuziehen. Alle Symp⸗ tome wie: Kopfschmerzen, Aufstossen Sodbrennen, Blän- ungen, Uebelkeit mit Erbrechen, die bei chronischen veralteten) Magenleiden um so heftiger auftreten werden oft! nach einigen Mal Trinken beseitigt. Stuhlyerstopfung und deren unangenehme Folgen 8 a 5 wie: Beklemmung, Kolikschmer- en, Herzklopfen, Schlaflosigkeit, sowte Blutanstauungen;? in Leber, Milz und Pfortadersystem(Hämorrhoidalleiden), werden durch Kräuter⸗Wein rasch und gelind beseitigt sträuter⸗Wein behebt jedwede Unverdaulichkeit, verleih em Verdauungssystem einen Aufschwung und entfernt durch! einen leichten Stuhl alle untauglichen Stoffe aus dem Magen; und Gedärmen. Hageres, bleich. Aussehen, Blutmange! 5 Entkräftung sind meist die Folge schlechter Verdaunng mangelhafter Blutbildung und eines krank haften Zustandes oer Leber. Bei gänzlicher Appetitlosigkel unter nervöser Abspannung und Gemüthsverstimmung häufigen Kopfschmerzen, schlaflosen Nächten siechen oft solche Kranke langsam dahin. 7 Kräuter⸗Wein tebt der geschwächten Lebenskraft einen frischen Impuls. Kräuter⸗Wein steigert den Appetit, befördert Verdauu ag und 0 regt den Stoffwechsel kräftig an, beschleunigt und verbessert die Blutbildung, beruhigt die erregten Nerven und schafft dem Kranken neue Kräfte und neues Leben. 8 Zahlreiche Anerkennungen und Dankschreiben beweisen dies. Kräuter ⸗Wein ist zu haben in Flaschen à Mk. 1.25 u. 1,75 in: Gießen, Großen⸗ Linden, Wetzlar, Fronhausen, Braunfels, Butz⸗ 5 bach, Brandoberndorf, Gladenbach, Weilburg, f Groß⸗Buseck, Allendorf, Grünberg, Lich, Hungen, Laubach, Bad Nauheim Marburg usw. usw. in den Apotheken. Auch versendet die Firma„Hubert Ullrich, Leipzig Weststrasse 82, 3 und mehr Flaschen Kräuterwein zu Ori⸗ ginalpretsen nach allen Orten Deutschlands porto⸗ u. kistefrei. Vor Nachahmungen wird gewarnt. Man verlange ausdrücklich Hubert Ullrien'senen Kräuter-Wein ein ist kein Geheimmittel; seine Bestandtetle sünd Malagawein 450,0, Weinsprit 100,0, Rothwein 240,0. Ebereschensaft 150,0, Kirschsaft 420,0, enchel, Ants, Helenen⸗ wurzel, Enzianwurzel, Kalmuswurzel Ad 10,0. 8 5 D 8 1 Kane HNKdS§e bless 1 Gemäß 8 50 des Statuts hat die Wahl der Vertreter zur Ge⸗ neral⸗Versammlung alle 3 Jahre stattzufinden und muß sonach, da die letzte Wahl am 13. Dezember 1899 stattgefunden hat, dieses Jahr Neuwahl eintreten. Von Seiten der Kassenmitglieder sind 148 und von Seiten der Arbeitgeber 74 Vertreter zu wählen. Zu diesem Zwecke haben wir für die Kassen mitglieder Wahltermin auf Mittwoch, den 10. Dezember J. J. von mittags 12 Uhr bis Abends 8 Uhr im, Kassenlokal Ludwig⸗ straße 12 und für die Arbeitgeber auf Donnerstag, den Il. Dezember l. J. von 2 bis 6 Uhr ebendaselbst anbereumt und laden wir die Interessenten zu diesem Wahlakt höf⸗ lichst ein. Wählbar, sowie wählen können von den Kassenmitgliedern solche, die das 21. Lebensjahr überschritten haben und im Besitze der bürger⸗ lichen Ehrenrechte sind. — Der Vorstand. eee eee ee Beinrich Doll, Giessen- 7 Däusburg 7 Papier-Bandlung 1 cksdchen L. W üsler, Bahnhofstr. 58. 1 10 1 0 1 2 10 See eee ebe e 5 Buchbinderei* Geschäftsbücher* D. l ———= DDD 8 K — SS SS SSS S SS q. 9 8 Seite 8. Mitteldeulsche Sonutags⸗Zeitung Nr. 49. Marktstrasse 9 L. Süss oettergasse Gießens Lange Stiefel v. 12.— Mk. a Herren⸗Arbeitsschuhe, 4.50„„ Herren⸗Zugstiefel.„ 4.—„„ Damen⸗Kuopfstiefel„ 4.50 Herren⸗Schnürstiefel„A.50„„ Damen⸗Schnürstiefel, 4.28 Herren⸗Halbschuhe„3.75, Damen⸗Halb⸗ und größtes und billigstes Herren ⸗Pantoffel mit Fleck v. 1.25 Mk. an. Schuhwaren hans Damen⸗Pantoffel v. 85 Pfg. an. Damen⸗Pantoffel 0 0 abgesteppt„ 38„ „„ Damen⸗-⸗Pantoffel abgesteppt mit Absatz v. 1.25 Mk. an. „„ Damen⸗-Plüschpantoffel 2.—„„ Herren⸗Filz⸗Pantoffel, 80 Pfg. 1 Spangenschuhe„ 2.75 Damen⸗Tanzsehuhe zu allen Preisen. — Grosses Lager in Gν]]jmmischuͤen. Beachten Sie meine Schaufenster! D Beachten Sie meine Schaufenster! Auf nach Marburg! Fparen Sie die Fahrt nicht. Paletots Paletots Paletots Paletots für Herren m. Futteru. mit Plaid⸗ od. Zanella⸗ Gummi⸗Mänutel für Burschen, Sammetkragen a. Double futter, 150. 2⸗reih. in allen Raglans, Lodencapes Christbäume Das Fahrgeld kommt 5fach heraus. Sonntags bis abends 8 Uhr geöffnet. empfehlen ab 10. Dezember im „Wiener Hof“ u. Tiefenweg in großer Aus wahl. Fertige rederhbetten mit 6 Pfund Federn gefüllt, Stück zu 10.50, 12.— 14.— 18.— Mark und besser. 5 Reuter& Co. Knaben u. Kinder Havelocs für jede Größe, od. Flacone v. 9 Mk. an. mod. Farben v. 15⸗25 Mk. von s Mark an. Havelocs Haveloes Haveloes ohne Futter, ohne extra schwer, mit Futter, und Hohenzollern⸗ Mäntel Aermel, in all. Größen in allen erdenkl. Farben für Jünglinge, Knaben f Sic 6.42 M. Stick 1225 Mark. in feinster Verarbeitung für Ine Nader Hadrsoheidlen l. Rasieren. Johs. 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Quart. 55 Pf. ohne Bestellgeld, der einzelnen Nummer 10 Pf. Erscheint alle 14 Tage nebst einem Unterhaltungsblatt Redigirt von S. Heymann Eingetragen im Beichspostkatalog unter Nr. 7895 — Besichtigung der Verkaufsräume an Wochentagen bis 10 Uhr Vormittags gerne gestattet. Oberde 8ssscher Nleider-Bazar Preis pro Quartal 65 Pf., der einzelnen Nummer 10 Pf. — Wir bitten unsere verehrlichen Leser, bei ihren Einkänsen gie in diesem Blatte iuserlereuden Geschäfte gefl. be rücksich⸗ teinweg 22. tigen zu wollen. — Verlag der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung(E. Krumm), Gießen. Verantw. Redakteur: F. A. Vetters, Gießen. Druck von E. Ottmanns Druckerei, Gießen. tadt 10. R Mempofle. don A. Bebel, gr. Mehring, paul Lafargue 1. M. tedigirt von gurl ante) — tete demokrane] — . 3389 ge 25 Pfennig: Augen dubeilerinnlh Bedigirt glura zeln ä Ar. 305 en Tummer 10 10 a T er 1 — S 50 7 kilnge n Mlitteldeutschen Sonntags-Teitung. Nur Und Fru schon sinkt di 5 2 15 2 91 i N 3* 1 Nb dibe wirds, wie f. Gießen, Sonntag, den 7. Dezember 1902. 9. Jahrg. Die e 1 N 7 5 1 7 N An eld Ster Nationen. Die Steuergesetzgebung betreffend. An die Mitglieder 5 2 Die Kammer wolle beschließen, die Groß— f silide diayluren wieder kahl dhftühsschon sinkt die Nacht hernieder— ieh trürbe wirds, wie kalt und fahl Aukt in des Armen Hütte wieder. Die Nauptsach' ist das liebe Brod, An Licht und Heizung heißt es sparen; Wie schnell im Winter Mangel droht, Er hat es öfter schon erfahren. Doch, ob verblich der Sonne Strahl— Elektrisch leuchten neue Sonnen, Es winkt der festgeschmückte Saal: Es hat ja die„Saison“ begonnen. Da rauscht Musik, da perlt der Wein, Da schlingt der Reiche sich zum Tanze, Da blitzt's von Gold und Edelstein, Da liegt die Welt in lichtem Glanze. Und wenn der erste Schnee nun fällt, Da wird die Arbeit unterbrochen, Auf Bau und Werkstatt eingestellt Vielleicht auf viele lange Wochen. Den ganzen Winter arbeitslos, Und Miete zahlen, Steuern geben, Und Kinder ziehen in Ehren groß, Da ist es eine Kunst, zu leben. Jedoch an Arbeit fehlt es nicht, Wo die„Gesellschaft“ sinnreich waltet— Wie übt man der Bewirtung Pflicht, Wie prunkvoll wird das Mahl gestaltet! Bei Soiree und Spiel und Ball, Was giebts da nicht zu arrangieren, So sorgsam, daß den Veidern all' Nicht Stoff mehr bleibt zum Kritisieren! Doch während Fest auf Fest sich drängt Pflegt nicht der Reiche zu vergessen Die Summen, die das Volk ihm schenkt Am Stand der Kurse zu ermessen. Und manchmal greift er kräftig ein, Und an der Börse giebts ein Leben— Erst schachern und Reklameschrein, Dann neuen Reichtum zu erheben. Doch auch der Arme nicht vergißt, Was die„Gesellschaft“ ihm genommen— In allem Leid sein Streben ist: Empor, zu seinem Recht zu kommen! Versammlung auf Versammlung tagt, Das Flugblatt eilt auf leichten Schwingen, Der Freiheit Wort tönt unverzagt, So wird auch er empor sich ringen! Max Kegel. Hessisches. Anträge der Sozialdemokraten im hess. Landtage. Unsere Genossen im Landtage haben, wie schon in der letzten Nummer erwähnt, mehrere Antcäge eingebracht. Die beiden wichtigsten, das Wahlrecht und die Steuergesetzgebung be⸗ treffend, haben folgenden Wortlaut: Das direkte Wahlrecht. Die Kammer wolle beschließen, die Großh. Regierung zu ersuchen den Ständen umgehend einen Gesetz-Entwurf vorzulegen, wonach die Wahlen zum Landtag auf Grund des allge⸗ meinen gleichen direkten und geheimen Wahl⸗ rechts mit Proportionalsystem stattzufinden habe, und zwar unter Berücksichtigung folgender be⸗ sonderer Bestimmungen:„ 1. Wahlberechtigt ist jeder rechtsmündige, in Hessen ansässige Reichsangehörige. 2. Die Gesamtzahl der Abgeordneten ist dem Bevölkerungszuwachs derart anzupassen, daß auf je 20000 Seelen ein Abgeordneter zu rechnen ist.. 3. Die Wahlen sind an Sonntagen vorzunehmen; die Wahlstunden sind von Mittags 12 bis 8 Uhr Abends festzusetzen. 4. Die Wählerlisten sind ständig auf dem Laufenden zu halten und bei Ankündigung des Wahltermins durch den Druck zu ver⸗ öffentlichen. i i 5. Das Wahlgeheimnis ist durch Einführung autlicher Stimmzettelkouverts und Einfüh⸗ rung von Isolirräumen sicher zu stellen. herzogliche Regierung zu ersuchen, alsbald in eine Revision der Steuergesetze einzutreten und daß die Stempelgebühren be⸗ zwar derart, seitigt, bei der Einkommensteuer eine höhere Progression eintritt und bei der Vermögens⸗ 15 0 eine entsprechende Progression eingeführt wird. Eine neue Partei hat sich im Hess. Landtage unter Führung des Abg. Hirschels zusammen getan. Sie nennt sich „Hessische Volkspartei“, sämtliche antise⸗ mitische Abgeordnete sind ihr beigetreten. Bezeichnend ist, daß diese„Volks“partei auch den Abg. Leun, den Gegner des direkten Wahlrechts unter ihre Fittige genommen hat. Daß es übrigens alle Antisemiten mit ihrem Eintreten für das direkte Wahlrecht ehrlich meinen, ist mehr als fraglich. Haben sie doch durch das indirekte noch manches Mandat ergattert, was ste bei der direkten Wahl nie erobert hätten. Wenn die neue Wahlrechts⸗ vorlage im Landtage zur Verhandlung kommt, wird es sich ja zeigen, welche Stellung die neue Partei zur Wahlreform einnimmt, wo die Freunde der Wahlmogelei sitzen. Gegen die Wahl Hirschels ist übrigens von Grünberger Wählern Pro test eingelegt worden. In der Begründungsschrift wird behauptet, daß Wähler und Wahlmänner durch Spendiren von Getränken ꝛc. beeinflußt worden wären. Bewahrheitet sich das, so ist das auch eine hübsche Illustration zur antisemitischen Wahl⸗ ehrlichkeit. Da Hirschel nur elne Stimme Mehrheit hat, kann es leicht zur Kassirung seiner Wahl kommen. Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung. Welchen Wert die Organisation für die Arbeiter hat, trat bei einer Lohndiffe⸗ renz in Erscheinung, welche die Holz⸗ und Metallarbeiter der Firma Schleißmann in Kastel⸗Mainz auszukämpfen hatten. Die Fabrikleitung versuchte, die seitherige Bezahlung der Frühstücks⸗ und Vesperpausen abzuschaffen. Durch das einige Vorgehen der Arbeiter und das geschickte Eingreifen des Vorstandes des Holzarbeiter-Verbandes gelang es, den drohenden Streik zu verhüten und durch gütliche Verein⸗ barung die Differenzen zu beseitigen. Die An⸗ gehörigen derchristlichen Organisation spielten bei dieser Gelegenheit eine traurige Rolle. An⸗ statt mit ihren Kollegen solidarisch vorzugehen, reichten sie eine Bittschrift bei dem Unternehmer ein, diese machte aber auf die Betriebsleitung keinen Eindruck. Bei den Wiesbadener Gewerbe⸗ gerichts wahlen, die Donnerstag und Freitag voriger Woche stattfanden, ging auf der Arbeit⸗ nehmerseite die Liste der Gewerkschaften glatt durch. Es wurden dafür 510 Stimmen, doppelt soviel als bei der vorigen Wahl, abgegeben. Auf der Seite der Arbeitgeber siegte die Liste der Handwerkerpartei. T Der Weberstreik in Meerane dauert noch immer fort. Vorigen Donnerstag wurde eine Einwohner-Versammlung, in der über den Streik referiert wurde, polizeilich aufgelöst. Dadurch ist die Erbitterung der Streikenden natürlich noch gestiegen. Die Bauern sym⸗ pathisieren mit den Streikenden und unter⸗ stützen sie mit Geld und Naturalien. Auf dem Stiftungsfeste des landwirtschaftlichen Vereins in Warnsdorf sang man: „Der Weberstreit, der jetzt gemacht, Da leidet auch die Land wirtschaft, Denn alles, was wir bau'n im Feld, Schwer Absatz find't, weil's fehlt an Geld. Man bittet, um die Landwirtschaft, Unterstützt die streikenden nach Kraft! Bei acht Mark Verdienst kann's nicht geh'n. Müssen mit Grundeis untergeh'n.“ Die Reime sind zwar nicht gut, der darin ausgesprochene Gedanke desto besser. der Ortskrankenkasse Gießen. Laut Bekanntmachung des Vorstandes findet die Wahl der Vertreter der Kassenmit⸗ glieder fat Mittwoch, den 10. Dezember Wäbler! Auch dieses Mal gilt es, Leu te zu wählen, welche einigermaßen sozialpolitisch es Verständnis besitzen, die bestrebt sind die Ka sse zum Wohle seiner Mitglieder auszubauen. Arbeiter! Wie berlautet, wollen auch dieses Mal wieder einige Arbeitgeber eine Arbeiterliste aufstellen, um den organisierten Arbeitern die Verwaltung der Kasse zu ent⸗ reißen; sie wollen auch in der Ortskrankenkasse „Herr im Hause sein“, dem Hause, das ihnen nicht gehört. Deshalb wünschen die Herrn nur solche Arbeiter als Vertreter, welche zu allen ihren Wünschen Ja und Amen sagen, wie das früher der Fall war. Daß aber die Kasse unter der Verwaltung der organisierten Arbeiter einen erfreulichen Aufschwung genommen hat, müssen auch die Gegner zugeben. Seit die Verwaltung sich in den Händen der Arbeiter befindet, hat die Kasse sich recht gut entwickelt, sie hat die Leistungen an die Mitglieder erhöht und manche Vorteile zugewendet. Wir weisen nur hin auf die Einführung der vollen Krankenunterstützung für 26 Wochen, die früher nur 13 Wochen gewährt wurde; ferner die freie ärztliche Be⸗ handlung der Angehörigen; den Wegfall der dreitägigen Karrenzzeit; Zahlung der Unter⸗ stützung für in die Woche fallende Feiertage ꝛc. Kranken- und Sterbegeld wurden erhöht; die letzte Generalversammlung beschloß außerdem, bei Sterbefall der Frauen und Kinder ein Sterbegeld zu gewähren; die Familien der Kranken, die in einer Heilanstalt untergebracht sind, erhalten das volle Krankengeld. Weitere Verbesserungen, die hier nicht alle einzeln auf⸗ gezählt werden können, sind eingeführt worden. Alles dies ohne Erhöhung der Beiträge! So⸗ mit können wir wohl mit der Thäligkeit der von uns gewählten Geueralversammlungsver⸗ treter zufrteden sein. Wir wollen aber nicht bei dem bisher Erreichten stehen bleiben. Viel⸗ mehr muß durch weitere Vorwärtsentwickelung der Kasse versucht werden, ohne die Mitglieder und Arbeitgeber stärker zu belasten, zum Wohle der Mitglieder zu schaffen, was nur irgend möglich ist! Darum, Mitglieder! Auf zur Wahl! Wählt die vom Gewerkschaftskartell aufgestellten Kandidaten! Die Wahl findet Mittwoch, den 10. De⸗ zember, von 12 bis 8 Uhr, im Kassen⸗ lokale, Lubwigstraße 12, statt. Wahlberechtigt sind die Mitglieder, auch weiblichen Geschlechts, welche das 21. Lebens⸗ jahr vollendet haben. Also versäume keiner von seinem Stimm⸗ rechte Gebrauch zu machen. Thue jeder seine Schuldigkeit, damit unsere Kandidaten siegreich aus der Urne hervorgehen. Das Gewerkschaftskartell. Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Die Kolportage-Kommission des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt: Der Neue Welt Kalender für 1903. Preis 40 Pfg. Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft. à 10 Pfg. Die Hütte. Zeitschrift für das Volk und seine Jugend. Illustriert. Prachtvoll ausgestattet. Alle 14 Tage ein Heft. A 25 Pfg. Die agrarische Gefahr. Von Paul Göh re. Der Verfasser schildert in gemeinverständlicher Sprache die einseitige agrarische Interessen-Bewegung von ihrer Entstehung bis zu ihrer heutigen das Volkswohl ge⸗ fährdenden Macht und legt dar, wie allein die sozial⸗ demokratische Bewegung die letzten Ziele dieser Bewegung des Junkertums und seiner Anhängsel verhindern kann. Preis 20 Pfg. 8 —— 3 1 1 r A 2 — Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Fladen 00 Berliner Cewerklchaftshaus und in der Nachwahl gewählte sozialdemokraliiche Hpgeordnete. Geb. 60 Pfg., Porto 10 Pfg. = er Wehrpflicht der Slektri- ibliche Tagelöhne. che Artikel: Doutsche Strei Aclreslen der — Vom ü 8— Die Mit gliedderzahten 95 ien Gewerk⸗ schaften.— Ein Kapitel aus dem Gewerbegerichtsgeletz. Wie der Inhalt zeigt ist der Kalender für Gewerkschaften und Paptei ein praktisches und unentbehrliches L uch. 7 3833 CCCCC CCC Bualde's Schirme sind Dauerhaft und preiswert. Regenschirme, Sonnenschirme, Spazierstöcke kauft man gut 0 billig Casseler Schirem fabrik Gießen, Seltersweg 9 (nahe am Kreuzplatz). Marburg a/L., Neustadt 11. Fulda, Buttermarkt 14„z. Steuerhaus“ Reparaturen und Neubeziehen 15 gut und 1 1 Erscheinen ersucht. CC der Allgem. Sterbekasse Giessen am Sountag, den 7. Dezember 1902, Nachmittags 4 Uhr in der Restauration„Zum Ganbrinns Aug. Albold. Tagesordnun 5 Geschäfts⸗ und Kassenbericht. u. Aufsichtsrats. 3. Erhöhung des Sterbege 2. e des Vorstandes des. 4. Verschiedenes. Wegen der Wichtigkeit der Tagesordnung wird um zahlreiches Der Vorstand. erren-! I. Wasserkrüge und Paekkörbe kaufen Benner& Krumm 2 5 40. ee Marku us 5 n f IE Tuche und Buxkin Anfertigung nach Mass auer„Gies essen 5 0 Jeden Tag von 4 Uhr ab: e Hohe Pleischpreise! ehr billige Scefsche! 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