tat. 17 Eig. Mörbe n ann Ahofstraße 40. * bin lol acher Mühle n bei Kung anwesend Gin beruf er. Dev der Versammn Ane Kollegen werden ersucht, in Nr. 27. Gießen, Sonntag, den 6. Juli 1902. 9. Jahrg. Redaktion: Nedakttonesfsluß Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Donnerstag Nachmittag 4 Uhr Mitteldeutsche utags⸗ 2 kitung. Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch] Druckerei Ludwigstr. 30 die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4940) 33/9. und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 2 FJuserate 2 Die 5 gespalt. Bei mindestens Das Wahlunrecht in Hessen bleibt bestehen! So gut wie abgelehnt! Das ist das Ergebnis der am Mittwoch im Landtag statt⸗ gefundenen zweiten Lesung der Wahlrechts⸗ vorlage. Von den verkappten Feinden des direkten Wahlrechts wurde der Artikel 3, der von der Vermehrung der städtischen Abgeord⸗ neten handelt, als Handhabe benutzt, um das Gesetz zu Fall zu bringen. Was von diesen Landboten gegen den Ent⸗ wurf vorgebracht wurde, sind nichts als Aus⸗ flüchte. Die Herren fürchten nur für ihre Mandate! Sie wollen das unwürdige System aufrecht erhalten, unter dem sich Leute in den Landtag hineinschmuggeln können, die die Wäh⸗ lerschaft gar nicht als Abgeordnete haben wollte. Das Mandat geht ihnen über alles! Sie sollen sich nur nicht täuschen! Ob nun das direkte Wahlrecht Gesetz wird, sagt mit Recht unser Offenbacher Parteiorgan, oder ob das bisherige Filtriersystem mit der Schmuggel⸗ möglichkeit bestehen bleibt: das hessische Volk wird gründliche Abrechnung halten mit allen denen, die ihm das direkte Wahlrecht vorent⸗ halten wollen. „Kommt das direkte Wahlrecht nicht zu Stande infolge des unwürdigen Verhaltens der Kautelenpolitiker, dann mögen sich die Herren auf die Stunden der Abrechnung freuen. Wir Sozialdemokraten werden sie zu finden wissen und werden ihnen aufspielen, daß ihnen Hören und Sehen vergehen soll.“ Genosse Dr. David gab sich die größte Mühe, die Vorlage zu retten. Er führte aus, die Abstimmung über diesen Artikel in der ersten Lesung wäre insofern erfreulich, als dieser Artikel mit 40 gegen 5 Stimmen angenommen wurde. Das habe gezeigt, daß der Wunsch in der zweiten Kammer bestehe, das indirekte Wahlrecht durch das direkte zu ersetzen. Die Klarheit, die hier hervorgetreten, suche man aber vergebens in der Abstimmung über die anderen Artikel. Er und seine Freunde ständen der Vorlage mit einem trockenen und einem nassen Auge gegenüber. Wenn aber auch eine Reihe von Bestimmungen in ihr ihnen nicht gefalle, so sei seine Partei andererseits doch der Meinung, daß, wenn das direkte Wahlrecht im Prinzip angenommen würde, die zweite Kammer dann auch den einzelnen Artikeln trotz mancherlei Kautelen zustimmen und somit das Gesetz ihrerseits nicht zu Fall bringen sollte. So würde seine Partei unter allen Umständen für das Gesetz stimmen und war auf Grund der Ausschußanträge. Jeden⸗ lls würde aber, wenn das direkte Wahlrecht nicht angenommen würde, die ganze Frage nicht eher zu Ruhe kommen, bis erreicht sei, was er und seine Freunde für richtig hielten. Wolle die Regierung wirklich im Ernst dem Volke Unruhen ersparen, so möge sie jetzt bei der zweiten Lesung mit etwas mehr Energie für die Vorlage eintreten und sich entgegen⸗ kommend erweisen in Fragen, in denen die Mehrheit der Volksvertretung einig sei. Es gilt, Klarheit zu schaffen über die Freunde und die Feinde des direkten Wahlrechts. Daß die Regierung zu den letzteren gehöre, wolle er nicht annehmen. Aber durch möglichst ein⸗ stimmige Stellung der Zweiten Kammer zu Gunsten des direkten Wahlrechts würde das Volk sehen, wo die wirklichen Feinde der Vor⸗ lage in Wahrheit säßen. Die Erste Kammer solle zeigen, wie sie eigentlich zur Vorlage steht. Die fünf offenen Feinde des direkten Wahlrechts in der Zweiten Kammer seien nicht die gefähr⸗ lichsten für die Vorlage, sondern jene, die diesen fünf bei der Abstimmung über andere Artikel zufielen. Die wirklichen Freunde des direkten Wahlrechts müßten unter allen Umständen ver⸗ hindern, daß in der zweiten Lesung wieder dieselbe Zersplitterung eintritt, wie in der ersten Lesung. Die verkappten Gegner der direkten Wahl sollten doch offen Farbe bekennen! Wenn in dieser wichtigen Frage Komödie gespielt werde, so schädige man das Ausehen des Land⸗ tags. Untergeordneter Punkte halber dürfe die Vorlage nicht abgelehnt werden. Was die Vermehrung der städtischen Abgeord— neten anlange, so bestehe auch hier kein Grund, um deswillen die Vorlage scheitern zu lassen. Wenn man ehrlich die direkte Wahl wolle, so sei das eine so wichtige Sache des Fortschritts, daß man sie nicht hemmen dürfe wegen der an stich sehr geringfügigen Vermehrung der städtischen Mandate. Geschehe das aber doch, so laden die betreffenden Abgeordneten den Vorwurf auf sich, daß ste die städtische Bevöl⸗ kerung als eine Bevölkerung 2. Klasse ansehe. Das könnte nur die schlimmsten Folgen haben für das ganze Land. Unter Umständen sei die Sozialdemokratie für den Kompromißautrag Wolf. Unserer Partei solle man nicht nachsagen können, daß ste mitschuldig sei, wenn die fünf ausgesprochenen Gegner des direkten Wahlrechts in der Zweiten Kammer auch bei der zweiten Lesung noch Zuwachs erhielten. Die Sozialdemokratie stelle also um deswillen ihre weitergehenden Wünsche vorläufig zurück. Er hoffe, daß die Vorlage zur Annahme gelange. Mit anerkennenswerter Energie tritt auch Dr. Gutfleisch für die Wahlreform ein. Er bezeichnet es als einen Verrat am Volke, wenn diese Vorlage wegen geringer Meinungs⸗ verschiedenheiten nicht zu Stande käme. Man müsse das direkte Wahlrecht bei der schließlichen Entscheidung in den Vordergrund stellen. Und Genosse Ulrich legte dar, daß die Sozial⸗ demokratie von diesem Entwurf keineswegs eine Verbesserung der Situation für sich erwarten könne. Wenn sie trotzdem der Vorlage im Interesse des direkten Wahlrechts zustimme, so gebe sie damit einen guten Teil ihrer Forder⸗ ungen preis und bringe das größte Opfer. Weidner und seinen Freunden müsse man den Vorwurf machen, daß sie das direkte Wahlrecht vereiteln wollten. Wie können sich denn 40 ländliche Abgeordnete vor 15 städtischen fürchten! Der Nationalliberale Jöckel von Friedberg, der daraufhin arbeitet, seine Partei um den letzten Rest des Kredits zu bringen, den sie etwa noch gehabt hätte, kommt mit der lächer⸗ lichen Behauptung, daß die Frage noch„nicht spruchreif“ wäre. Vielleicht ist sie es in hundert Jahren! Dann hat er noch die Kühnheit zu erklären, daß er nicht das direkte Wahlrecht, sondern nur diesen Entwurf ablehnen wolle! Darüber hat ihn der Landtag noch nicht einmal ausgelacht! Hoffentlich sorgen unsere Friedberger Genossen bei der nächsten Wahl auch uater 2 dem bestehenden Wahlgesetz dafür, daß dem Manne die Bürde des Landtagsmandats abge⸗ nommen wird! Die Abstimmung ergab wie bei der ersten Lesung die Ablehnung aller Abänderungsvor⸗ schläge. Für die Regierungsvorlage stimmten zwar 27 Abgeordnete, dagegen nur 19, da aber / Mehrheit nötig ist, gilt auch der Artikel 3 in der Fassung der Vorlage als abgelehnt. Ueber neue Vorschläge kann erst abgestimmt werden, nachdem die Erste Kammer darüber beraten hat. Die nächsten Wahlen. Es fehlt innerhalb unserer Partei nicht an solchen, welche eine„gänzliche Isolierung“ jeder, wenn auch noch so vorübergehenden Be⸗ rührung mit den bürgerlichen Parteien vorziehen möchten. Diesen sollte mein Artikel„Seid einig“ in der vorigen Nummer gelten. Die Taktik der Partei als solcher bewegt sich schon längst in den von mir angedeuteten Bahnen. Sie richtet sich nach dem uralt bewährten Prinzip:„Von zwei Uebeln muß man das kleinere wählen“. So trat die Sozialdemokratie mit gesunder Ueberlegung im Frühling 1898 bei der Stichwahl in Schweinitz-Wittenberg für den Freistnnigen Barth ein, um wenigstens keinen Konservativen durchgehen zu lassen. Und der Fortschritt unserer Partei in Mül⸗ hausen, von dem unsere vorige Nummer melden konnte, ist ja ebenfalls einem solchen Zusammen⸗ gehen mit dem Liberalismus zu danken. Freilich darf man bei dem Namen„liberal“ an die „Nationalliberalen“ fast gar nicht denken. Diese haben sich im Streben nach Idealen zusammen⸗ gefunden, die längst erfüllt sind. Den neu entstandenen Problemen, die wesentlich der innern Politik und speziell dem wirtschaftlichen Gebiete angehören, stehen sie zum größten Teil so verständnislos, so denlfaul oder aber gar so selbstsüchtig ungerecht gegenüber, daß man nur noch ihren Zerfall wünschen und erwarten kann. An wen ich speziell dachte, als ich die Auf⸗ forderung zur Einigkeit schrieb, das sind die liberalen Demokraten, jene Freisinnigen, welche nicht den Fehler mitmachen, der in der Gleichsetzung monarchischer und nationaler Ge⸗ sinnung liegt. Diese Herren aber machen leider zum Schaden allen Fortschritts jenen andern Fehler, daß sie das von jedem Demokraten zu fordernde gute Zutrauen zur Menschheit einer Millionenpartei wie der unsrigen gegenüber nicht immer beweisen. Das lehrte Belgien im Großen. Das hat uns die Wahl in Memel⸗ Heydekrug im Kleinen gezeigt. Und wie standen die Gießener Demokraten bei den letzten Stadtratwahlen zu uns? Ich glaube, ein plan⸗ volles Zusammenarbeiten hätte uns auch hier etwas weiter bringen können. Und sollte bei der nächsten Reichstagswahl wirklich noch ein— mal der Antisemit der triumphierende Dritte sein? Der Vertreter der„gefühlvollsten“ aber leider gedankenärmsten aller unsrer politischen Parteien? Man muß immer wieder die Liberaldemo⸗ kraten daran erinnern, daß das Regierungs- steuer nur eben mit der Masse der Sozial⸗ demokratie nach links gedrückt werden kann. 1 er 1 15 1 4 1 1 ö 5 II 1157 1 0 11 4 1* 1 J e — 2 ä—— 3 2. R 22 — 8 r — ee Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 27. Das Arbeiterheer und seine immer kräfttger durchgreifende Organisation, das ist das Funda⸗ ment, auf dem die Hoffnungen der Zukunft ruhen. Besitz kann wechseln und schwinden. Bildung muß auch uns zugänglich gemacht werden. Der Glaube an irgend ein Gottes⸗ gnadentum menschlicher Institutionen sei den Junkern überlassen. Was allein die Geschicke der Menschheit best'immen darf, das ist die Mehrheit dieser Menschheit selbst. Alle darum, die dieses Mehrheitsprinzip redlich durchdacht haben, die es als das Grundgesetz aller Geschichte anerkennen, müssen zusammenstehen im Kampf gegen die Junker, gegen die Reaktionäre, die über der Mehrheit der Menschheit noch eige höhere Instanz zu kennen vorgeben: Gott nennen sie es; in Wahrheit aber ist es nichts, als ihr Egoismus. Ihr„gesunder Egoismus“, wie er im„goldenen Buch“ so schön genannt wird. Der„gesunde Egoismus“, zu dem sie aber uns so gern das Recht absprechen möchten. Wenn ich ein möglichst prinzipielles Zusam⸗ mengehen der liberalen mit den sozialen De⸗ mokraten so dringend wünsche, so geschieht das durchaus nicht etwa aus einer Ueberschätzung der liberalen Macht heraus. Wenn wirklich alle ihre Stimmen sich im Zusammengehen mit uns vereinigen ließen, so würden sie nur etwa ein Viertel der Macht darstellen, die wir reprä⸗ sentieren. Immerhin aber eine Verstärkung, die dem Druck nach links schon merklich würde zu gute kommen. Wunschen wir, daß wenigstens in Gießen das nächste Mal ein solches Zusammengehen möglich wird, daß da endlich einmal die z. T. auf lächerliche Vorurteile gestützte Angst vor uns einer klaren Auffassung der politischen Situation weicht. Ich wiederhole: Hie Reak⸗ tion! hie Fortschritt! Das sind die Parolen. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn nicht auch bei uns endlich die letztere die Mehr— heit fände. Philos. * * Auf den Artikel unseres Freundes in voriger Nummer nahm die„Frankfurter Zeitung“ und nach ihr die„Freisinuige Zeitung“ des Herrn Eugen Richter Bezug. Letztere meint, die Sozialdemokratie hielte es bei den Wahlen für ihre Hauptaufgabe, gerade die Freisinnigen zu bekämpfen. Unsere Partei sei vielfach an der Wahl konservativer Abgeordneter schuld, weil sie in Dutzenden von Wahlkreisen, wo wir auf die Erlangung des Mandats gar keine Aussicht gehabt hätten, den Freistun„in den Rücken gefallen“ sei. Dadurch sei der Sozial⸗ demokrat mit dem Konservativen in die Stich⸗ wahl gekommen und der Reaktionär habe ge— stiegt.— Damit gesteht das Freisinnsblatt doch nur ein, daß seine Partei für den Konser⸗ vativen stimmte, statt für den Sozialdemokraten. Das ist ja übrigens eine bekannte Sache. Da⸗ gegen haben die Sozialdemokraten stets bei Stichwahl für den Fre sinnigen gestimmt, wo ein solcher mit dem Konservativen in Stichwahl stand; man kann getrost behaupten, daß die Freistnnigen über die Hälfte ihrer Mandate der Sozialdemokratie zu verdanken haben. Ehe also das freisianige Blatt die Haltung unserer Partei tadelt, sollte es erst einmal seinen Parteigenossen für ihr wenig freisinniges Ver⸗ halten den Text lesen. Berichtigung. In der redaktionellen Anmerkung zum Leitartikel der vorigen Nummer waren zwei Fehler stehen geblieben. Einmal muß es statt„verkehrtesten“ verbohrtesten Reaktionären heißen. Dann ist im letzten Satze das Wörtchen„auch“ verstellt. Der Satz muß richtig heißen: Wir meinen, daß unsere Partei auch bei den kommenden Reichstagswahlen keine andere Taktik als bei den früheren beobachten kann. Politische Rundschau. Gießen, den 3. Juli. Unsere teueren Kolonien. Kürzlich ist die Eisenbahn von Swakoy⸗ mund nach Windhoek in Südwestafrika vollendet worden. Unsere Kolonialfexen feiern dieses Ereignis, als ob dem deutschen Volke ein großes Heil widerfahren wäre. Dabei kostet die Ge⸗ schichte dem Reiche 13½ Millionen Mark, ohne daß man in absehbarer Zeit irgend welchen Nutzen zu erwarten hätten. Außerdem erhält Deutschsüdwestafrika aus der Reichskasse einen jährlichen Zuschuß von 6 Millionen Mark; dabei giebt es dort ganze 2223 Deutsche, von denen 825 auf die Schutztruppe entfallen. Dagegen beträgt die Jahresausfuhr noch nicht eine Million Mark und nimmt ständig ab!— Man käme wahrlich billiger davon, wenn die paar Deutschen, die die„koloniale Bevölkerung“ ausmachen, in der Heimat auf Staatslosten unterhalten würden. Tänzer für die Krefelder Jungfranen. Die Stadtverordneten in Krefeld haben nun wahrhaftig beschlossen, die Kosten für die Unter⸗ bringung eines Husarenregiments zu bewilligen. Diese Geschichte kostet etwa 4 Millionen Mark. Jeder Leutnant kostet da der Stadt reichliche 266666 Mark. Dieselben Leute, welche die städtischen Mittel so reichlich zur Verfügung stellen, bezahlten noch nicht einmal den Arbeitern für deu aufgezwungenen Feiertag eine Ent⸗ schädigung. Patrioten, wo es nichts kostet! Die Krefelder Husarengeschichte macht übri⸗ gens den Ordnungsleuten aller Art arges Kopf— zerbrechen. Aber sie haben ein Aushilfsmittel gefunden— nicht eine kaiserliche Laune ist's, die die Düsseldorfer Husaren nach Krefeld sendet, sondern ein seit langem tief empfundenes Be⸗ dürfnis. Die Art und Weise, wie der Kaiser die Maßregel ankündigte, war„nur ein Scherz!“ Es wird mitgeteilt, daß die Düsseldorfer Husaren sehr ungünstig untergebracht sind, daß ihre Verlegung längst als notwendig erkannt war und daß schon früher Krefeld als neuer Garnisonort„in Erwägung“ gezogen sein dürfte. Auch die Kosten der Verlegung sucht man kleiner erscheinen zu lassen. Man hofft, damit auch unter dem finanziellen Gesichtspunkte die Maß⸗ regel vor der Volksvertretung sehr wohl zu begründen und deren Zustimmung demzufolge zu erlangen. Beteiligung an den preußischen Land⸗ tagswahlen. Voraussichtlich werden sich unsere Genossen mit aller Entschiedenheit an den preußischen Landtagswahlen beteiligen, wäre es auch nur, um die ganze Widersinnigkeit des preußischen Wahlsystems und Verfahrens ans Licht zu ziehen. Kürzlich hat Genosse Dr. Arons in einer Versammlung den Nachweis geführt, daß bei starker Beteiligung der Arbeiterschaft und unter Innehaltung der gesetzlichen Vorschristen die preußischen Landtagswahlen überhaupt nicht zu Stande kommen können. Wenn nämlich jeder Urwähler von seinem Rechte, den Namen seines Wahlmannes selbst in die Abstimmungs⸗ liste einzutragen, Gebrauch macht, dann dauert der Wahlakt so lange, daß die Wahl überhaupt nicht in gesetzlich vorgeschriebener Weise durch— geführt werden kann. Unsere Genossen hätten es also in der Hand, bei strenger Beobachtung der Gesezes⸗Vorschriften die Wahlen zu ver⸗ hindern. Das wäre, meinte der Genosse Arons, eine Blamage, vor der vielleicht sogar die preußische Regierung zurückschrecke und die sie veranlassen könnte, noch vor der nächsten Wahl eine Aenderung herbeizuführen. Gegen den Etat stimmten unsere Genossen im badischen Land⸗ tage. Dreesbach begründete die Stellung der Fraktion mit der veränderten politischen Lage. Im Landeshaushalt habe sich das Ver⸗ hältnis der Ausgaben, die kulturellen Aufgaben überwiesen wurden, zu den übrigen seit Antritt des neuen Ministeriums bedeutend verschlechtert. Im besonderen gelte dies von den Aufwendungen des klerikalen Kultus. Die Wahlrechtsfrage harre noch ihrer Erledigung, trotzdem sich sogar die nationalliberale Partei für eine Reform zu Gunsten der direkten Wahl ausgesprochen habe. Desgleichen habe man vergeblich auf die Er⸗ füllung des Versprechens gewartet, den Bau⸗ arbeitern einen bessern Schutz gegen Unfälle zu gewähren. Den Eisenbahnern kann angeblich keine Aufbesserung ihrer Lage gewährt werden, weil der Finanzabschluß nach den Darlegungen des Finanzministers ein sa ungünstiger sei. Dem gegenüber habe man dem Klerus bereit⸗ willigst höhere Ansprüche zugestanden. Ueber⸗ haupt sei in der ganzen Gesetzgebungsperiode kein Gesetz zu Stande gekommen, das sozial⸗ politisch einen Fortschritt bedeute. Die Fraktion habe mithin keinen Anlaß, dem Budget zuzu⸗ stimmen. Minister Buchen berger meinte, die Sozialdemokraten handelten mehr nach den Beschlüssen des Parteitages, als nach ihrer Ueberzeugung. Diese Unterstellung wies Drees⸗ bach energisch zurück. Kein sozialdemokratischer Abgeordneter würde ein Mandat im Widerspruch mit seiner persönlichen Ueberzeugung ausüben. Vom gleichen Recht. Ueber die Behandlung des Duellmörders Falkenhagen, der den Ehegatten einer Dame erschoß, die er vorher verführt hatte, berichten die Blätter:. Der Verurteilte, der am 6. März von zwei hanno⸗ verschen Kriminalbeamten in der Festung Weichselmünde eingeliefert worden, mußte anfangs krankheitshalber vielfach einen Danziger Arzt konsultieren und erhielt dazu den bei Festungsgefangenen üblichen Urlaub. Von dieser Vergünstigung machte Herr Falkenhagen aber einen etwas sehr ausgiebigen Gebrauch, und mit Recht erregte es Befremden, daß man den mit einer verhältnismäßig so hohen Strafe belegten Gefangenen fast täglich in den Hauptstraßen der Stadt spazieren gehen und sich gelegentlich an öffentlichen Orten in lustiger Gesellschaft vergnügen sah. Das hat se rt einiger Zeit vollständig aufgehört, und Herr Falken⸗ hagen ist mit vorübergehenden Ausnahmen auf den eigentlichen Ort seines unfreiwilligen Aufenthaltes, die Zitadelle von Weichselmünde, beschränkt. Es ist hart, daß man also doch die Strafe dieses Mörders„ein wenig verschärft hat“, welcher sich erfrechen konnte, sich in„lustiger Gesellschaft“ zu„vergnügen“. Was das für eine„Gesellschaft“ gewesen ist, versteht sich auch für den, welcher die Vergangenheit des lebens⸗ lustigen Verbrechers nicht kennt. Der Herr Mörder fühlt sich„nicht wohl“, der Herr Mörder wird nicht etwa— wie z. B. ein schwerkranker Preßsünder im Gefängnis— ins Lazarett gebracht, sondern darf frei und unbe⸗ helligt seinen Privatarzt aufsuchen. Er bekommt natürlich den„üblichen“ Urlaub. Er macht — wer will's ihm verdenken?— davon den weitgehendsten Gebrauch und sucht amüsante und liebenswürdige Geselligkeit, um seinem Vergnügen nachzugehen! Den sozialdemokratischen Redakteur Bre⸗ denbeck aber führte man gefesselt über die Straßen, als er als Zeuge vernommen werden sollte. Wer doch auch Mörder sein könnte!— Ein Urteil über die Zentrumspresse. Der Augsburger Präfekt Dr. Bumüller hat in einem katholischen Blatte geschrieben: „Der Mangel der Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit ist ein spezifisches Kenn⸗ zeichen der ultramontanen Presse.“ Natürlich ist diese Abschätzung durch einen Mann, der weder Jude, noch Atheist, weder Freimaurer, noch Protestant, sondern katholischer Geistlicher ist, den Zentrumsblättern höchst unangenehm. Aber alle Hetzpfaffen und Preß⸗ kapläne können die Wahrheit dieses Urteils nicht erschüttern.. Die Krönungsschmerzen in England. Die Berichte über das Befinden Eduard's des Siebenten lauten zwar recht günstig, doch es geht auch daraus hervor, daß es sich um eine außerordentlich schwere Erkrankung han⸗ delte und es ist noch immer sehr zweifelhaft, ob der König sie überstehen wird. Jedenfalls vergehen Monate bis zur Genesung. Unter⸗ dessen werden die braven Patrioten wegen der entgangenen Festlichkeiten, der dafür aufgewen⸗ deten ungeheueren Kosten und zum nicht geringen Teil auch wegen des zu erwerbenden Gewinnes fuchswild geworden. Es kam zu Entrüstungs⸗ kundgebungen und sogar Tumulten. Diese richteten sich besonders gegen die Behörden, welche die Festlichkeiten abgesagt hatten. Der Kor⸗ respondent der„Köln. Volksztg.“ hörte eine e 8 E DNN ee ee 3 2 JJ T.. e B= ̃GN—— ¾⁵— ̃—0•¹w¹.Iin!n;n; e f. ¾—. C FTT . 222 l bt. Duellnörders hatten einer Tführt hatte, on zwei hanno⸗ Weichselmünde krankheltzhalber en und erhielt chen Urlaub. sallenhagen aber rauch, und mit den mit einer ten Gefangenen adt spazieren lichen Orten in sah. Das hat ind Herr Falken⸗ ahmen auf den lufenthaltes, die ch die Strafe schärft hat“, in„lustiger Was das für csteht sic auch tt des lebens⸗ „Der Herr „ der Herr ie z. B. ein ugnis— ins e und unbe⸗ Er bekommt Er macht dabon den cht amüsante um seinem akteur Bre selt über die mmen erden in könnte!— umshresse r. Vun e geschrieben. tigkeit und 7 sheist, rn fath folgende Fragen ersucht: Nr. 27. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. Unterhaltung mehrerer Leute des besseren Bür⸗ erstandes mit an.„Es ist eine Schande,“ agte der Eine,„daß die Festlichkeiten abgestellt sind. Die Regierung hatte kein Recht, abzu⸗ stellen, was soviel Geld gekostet hat.“„Wenn nun aber der der König doch krank ist?“ warf ein Zweiter ein.„Dann konnte der Prinz von Wales für ihn den Eid schwören oder die Krone nach dem Palast holen. Jedenfalls war die Krönung doch nur dazu da, einen großen Aufzug nach dem Krieg zu bieten, und das Volk ist ungerecht behandelt worden dadurch, daß man ihm dieses Schauspiel entzog.“ Ein nationalliberales Mannheimer Blatt begleitet die Berichte der bürgerlichen Presse über die Erkrankung des Königs Eduard und den Eindruck, den die Verschiebung der Krönungsfeier nach demselben auf das englische Volk gemacht haben soll, mit folgenden Worten: „Wir haben die Notwendigkeit der Heuchelei gegenüber fürstlichen Persönlichkeiten immer nur in beschränkten Maße gelten lassen. Bei einem Herrscher von dem Charakter und der Vergangen⸗ heit König Eduards nun vermögen wir für die Berichterstattung nicht den geringsten An⸗ laß zu erkennen, über das Maß fachlicher Mit⸗ teilung hinauszugehen. Die Gefühle des deut⸗ schen Volkes gegenüber dem kranken Briten⸗ könige werden den Wärmegrad kühlster Gleich- gültigkeit schwerlich übersteigen. Von ir⸗ d Besorgnis um das Leben König duards kann jedenfalls keine Rede sein; man ist vielmehr wohl ziemlich übereinstimmend der Meinung, es könnten bessere Leute sterben... Um den Helden so manches schon nicht mehr zweideutigen Aben⸗ teuers wollen wir Schneider und Modenarren trauern lassen, das deutsche Volk aber wird Thränen für bessere Leut aufsparen. Ob König Eduard lebt oder stirbt, ist ihm zum Min⸗ desteun sehr gleichgültig.“ Dem Ordnungsblatte würde es sicher nicht einfallen, sich so über einen Herrscher„von Gottes Gnaden“ auszusprechen, wenn es sich um einen deutschen Fürsten von genau den⸗ selben Charaktereigenschaften handelte. Da würde es die Heuchelei nicht nur in„be⸗ schränktem Maße“ üben, sondern dem Betreffen⸗ den alle möglichen Tugenden andichten. So machen es übrigens fast alle Ordnungsblätter. Das Volk weiß aber, was es davon zu halten hat. Sozialistische Wahlerfolge in Italien. Die kürzlich in zahlreichen Orten Italiens stattgefundenen Gemeinde- und Provinzialrats⸗ wahlen haben wieder für das weitere siegreiche Vordringen der Sozialdemokratie in diesem Lande Zeugnis abgelegt. In Genua wurden von der sozialistischen Liste, welche 11 Namen enthielt, 6 gewählt. Dieser Erfolg ist um so beachtenswerter, weil er durch eigene Kraft er⸗ rungen. In der Industrievorstadt Genuas, in Sanpierdarena, wurden von 3 zu erwäh⸗ lenden Provinzialräten 2 Sozialisten gewählt. Voltri wählte zwölf Sozialisten. Auch aus einer Reihe anderer Städte werden recht er— freuliche Erfolge der Volksparteien und Sozia⸗ listen gemeldet. Fast überall erlitten die Kle⸗ rikalen Niederlagen; ein Beweis dafür, wie gründlich satt das italienische Volk die Pfäfferei hat. In Deutschland dagegen ist Zentrum Trumpf. ö Soziales. Umfrage wegen Arbeitszeitver⸗ kürzung. Der Reichskanzler hat die Ge⸗ werbe⸗Inspektionen um Bericht über Erscheint es zweck⸗ mäßig und durchführbar, die nach 8 137, Absatz 2 der Gewerbe⸗Ordnung zulässige tägliche Arbeits⸗ zeit von elf auf zehn Stunden herabzu⸗ setzen; die nach§ 137, Absatz 3 zu gewährende Mittagspause von einer Stunde auf 1½ zu verlängern und den Arbeitsschluß am Samstag früher als 5 ¼½ Uhr zu legen, oder stehen Be⸗ denken entgegen? Rechtssprechung. Aussetzen der Arbeit. Das„Gewerbe⸗ gericht“ veröffentlicht eine wichtige Eutscheidung des Gewerbegerichts in Weimar betr. den § 615 des B. G.⸗B. Ein Arbeiter war bei einem Arbeitgeber für einen Stundenlohn von 35 Pfg. bei zehnstündiger Arbeit beschäftigt und es wurde ihm bei der Lohnzahlung am 3. August vorigen Jahres vom Beklagten be⸗ deutet, daß er vom nächsten Montag den 5. ab„aussetzen“ oder„einige Tage aussetzen“ müsse, da keine Arbeit für ihn da sei. Kläger widersprach dem Aussetzen und der letztan— geführten Behauptung. Alles dieses steht fest, ebenso auch, daß in der That während der Zeit des„Aussetzens“ Arbeiter, darunter auch einige ganz junge, erst seit wenigen Wochen beim Beklagten eingetretene, beschäftigt worden sind. Kläger fordert als Entschädigung den Tagelohn für eine Woche, d. i. 6 mal 3,50 Mk. gleich 21 Mk. Beklagter widerspricht: er habe Kläger nicht entlassen; wenn ihm die Arbeit, auf die er gerechnet und für die er den Kläger bestimmt habe, entgangen sei, könne er doch dafür nicht verantwortlich gemacht werden. Der Beklagte wird verurteilt mit der Begründung: Der Arbeitsvertrag ist ein zwei— seitiger Vertrag, der von keinem Teil ohne Zustimmung des anderen Teiles geändert werden kann.„Ausreichende Beschäftigung“(G.⸗O. § 124,4) und Lohnzahlung gehören zu den Grundlagen des Arbeitsvertrags. Entzieht diese der Arbeitgeber dem Arbeiter ohne dessen Ein⸗ verständnis, so macht er sich eines Vertrags⸗ bruches schuldig und wird schadenersatzpflichtig. Insofern hat das„Aussetzenlassen mit der Arbeit“ gleiche Wirkung, wie die rechtswidrige Entlassung(G.⸗O§§ 122, 124 b letzter Satz). Erschweren Betriebsstörungen die Erfüllung des Vertrages, so hat der Unternehmer sich deshalb mit dem Arbeiter ins Einvernehmen zu setzen, wenn er sich dessen Arbeitskraft über die Zeit der Störung hinaus sichern will, oder muß ihm kündigen, kann ihn aber nicht durch Aus— setzenlassen plötzlich arbeits- und verdienstlos machen. Gewerkschaftliches und Arbeiterbewegung. Ueber„die Gewerkschaften im Jahre 19017 veröffentlicht Genosse Legien im „Korrespondenzblatt der Generalkommission“ seinen Bericht. Der Artikel giebt einleitend zu, daß die in der letzten Jahresübersicht bereits ausgesprochene Befürchtung, daß das Jahr 1901 infolge der wirtschaftlichen Depression bei einem Teil der Organisationen einen Rückgang in der Zahl der Mitglieder bringen würde, sich leider bestätigt habe. Von den 57 Zentralver⸗ bänden, welche am Schluß des Jahres 1901 vorhanden waren, haben jedoch nur 19 einen Mitglieder verlust im letzten Jahre gehabt, während die anderen 38 Organisationen eine zum Teil nicht unbeträchtliche Steigerung der Mitgliedsziffer aufweisen. Immerhin be— trägt das Minus an Mitgliedern bei den Zen⸗ tralverbänden im Jahre 1901 gegenüber des Vorjahres 2917. Beim Anhalten der ungün⸗ stigen Konjunktur ist ein weiteres, wenn auch unbedeutendes Zurückgehen der Mitgliederzahl zu erwarten. Eine geringe Abnahme haben auch die lokalen Vereine zu verzeichnen. Auch einzelne Hirsch-Dunckersche Gewerk⸗ vereine hatten im letzten Jahre einen Verlust an Mitgliedern, doch hat die Gesamtzahl der Mitglieder dieser Gewerkschaftsgruppe sich von 91661 im Jahre 1900 auf 96765 im Jahre 1901 erhöht. Die Gesamtmitgliederziffer in den gewerk— schaftlichen Zentralorganisattonen, in den lokalen Vereinen, den Hirsch-Dunckerschen Gewerk⸗ vereinen, den christlichen Gewerkschaften und den unabhängigen Vereinen betrug 1901 993056 gegenüber 996362 für 1900. Mithin ist ein Verlust von insgesamt 3306 Mitgliedern ein⸗ getreten. Daß viele von unseren Verbänden schon eine ganz respektable Mitgliederzahl er⸗ reicht haben, zeigt folgende Zusammenstellung. Es zählten an Mitgliedern im Jahre 1901: Metallarbeiter Maurer Holzarbeiter Bergarbeiter Fabrikarbeiter Buchdrucker Textilarbeiter Zim merer Schuhmacher Handels-, Trans⸗ port⸗ u. Verkehrs⸗ arbeiter Tabakarbeiter Bauarbeiter Schneider Hafenarbeiter 102 905 Bäcker 4 651 80 869 Steinsetzer 4 644 70 251 Bildhauer 4412 38 042 Tapezierer 4411 31857 Sattler 4241 30 974 Handschuhmacher 3170 28 836 Werftarbeiter 3 668 24 151 Kupferschmiede 3 525 19 585 Seeleute 2 996 Dachdecker 2 961 Hutmacher 2 810 18 274 Glaser 2 595 17 737 Schiffszimmerer 2 033 17 500 Gastwirtsgehülfen 1 950 16 769 Stukkateure 1933 13 719 Müller 1838 Brauer 12 121 Buchdruckereihülfsar. 1 815 Maler 11894 Vergolder 1 501 Buchbinder 9 971 Fleischer 1464 Steinarbeiter 9 000 Graveure 1380 Porzellanarbeiter 8 702 Zigarrensortierer 1054 Töpfer 7 584 Handlungsgehülfen 900 Glasarbeiter 7531 Kürschner 850 Lithographen und Konditoren 814 Steindrucker 6 530 Lagerhalter 625 Schmiede 6 392 Barbiere 515 Böttcher 6 238 Formstecher 5515 Maschinisten u. Heizer 6 000 Kärtner 323 Gemeindebetriebsar. 5 176 Bureauangestellte 322 Leder arbeiter 4 830 Um das Verhältnis der Organisierten zu den Berufsangehörigen festzustellen, konnte nach entsprechender Umrechnung nur die Gewerbe— zählung im Jahre 1895 benutzt werden. Es kommen dabei für die gewerkschaftlichen Zentral— verbände 4977765 Berufsangehörige(darunter 901383 weibliche), die sich den einzelnen Orga⸗ nisationen zuteilen lassen, und 38528 Berufs⸗ angehörige in Frage, die nicht spezialisiert in der Gewerbestatistik ausgewiesen sind, insgesamt also 5016 293. Von diesen waren im Jahre 1901 16,04 Prozent männliche und 2,36 Prozent weibliche, zusammen 13,51 Prozent in den ge— werkschaftlichen Zentralverbänden. Von je 100 überhaupt vorhandenen Berufs⸗ angehörigen waren in den Organisationen: Bildhauer 73,53; Buchdrucker und Buchdruckerei⸗ hülfsarbeiter 72,06; Kupferschmiede 54,24; Handschuhmacher 51,50; Glaser 41,47; Tape⸗ zierer 35,44; Maurer 34,08; Brauer 28,64; Böttcher 28,52; Stukkateure 25,42; Formstecher, Graveure und Ziseleure 25,16; Buchbinder 24,36; Zimmerer 23,71; Holzarbeiter 22,51; Hutmacher, Dachdecker 21,22; Glasarbeiter 21,09; Metallarbeiter 19,25; Schuhmacher 18,11; Tabakarbeiter und Zigarrensortierer 17,98; Bergarbeiter 10,15; Schneider 9,16; Fabrik- und gewerbliche Hülfsar beiter 9,01 ꝛc.; Bäcker 6,26. Die Zahl der weiblichen Mitglieder hat sich erfreulicherweise von 22 844 auf 23 699, das ist um 855, erhöht. Es sind 22,22 Prozent der weiblichen Berufsgenossen bei den Tapezie⸗ rern, 20,28 Prozent bei den Buch bindern, 18,41 Prozent bei den Schuhmachern und 15,53 Prozent bei den Buchdruckereihülfsarbeitern organisiert. Hierbei muß immer aufs neue betont werden, daß der Agitation unter den Arbeiterinnen größere Aufmerksamkeit zugewandt werden muß, wenn nicht die mangelnde Orga⸗ nisation der Arbeiterinnen schließlich nachteilig auf die Lohnverhältnisse der männlichen Arbeiter einwirken soll. Ueber die Einnahmen und Ausgaben der Verbände sind, mit Ausnahme des Verbandes der Barbtere, dessen Einnahmebetrag das Ge— samtresultat aber nur unbedeutend verändern würde, von allen Vorständen Angaben gemacht. Die Gesamteinnahme betrug im Jahre 1901 9 722 720 Mark, die Ausgabe 8 967 168 Mark. An Kassenbestand verblieben am Schlusse des Jahres 8 798 333, wobon 6 774504 Mark in den Hauptkassen der Verbände. Die Einnahme überstieg die des Vorjahres um 268 645, die Ausgabe aber war um 879 147 Mark höher als im Jahre 1900. In den 10 Jahren vol 1891 bis 1901 hatten die Verbände eine Ge⸗ samteinnahme von 51 189 999 Mark und eine Gesamtausgabe von 45 000 572 Mark. Eine alle vorhergehenden Jahre weit über⸗ steigende Erhöhung ist bei der Ausgabe für Gemaßregeltenunterstützung mit 198173 Mark gegen 97092 Mark, Reiseunterstützun 9 Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. 2 7 7 8 Nr. 27: mit 607 127 Mark gegen 461028, Arbeits⸗ losenunterstützung mit 1 238 197 Mark gegen 501078 Mark im Jahre 1900 zu ver⸗ zeichnen. Hieraus ist zu ersehen, welche Opfer die wirtschaftliche Krisis den gewerkschaftlich organisierten Arbeitern, die ihre arbeitslosen Kollegen unterstützen, auferlegt. Die Arbeits⸗ losenunterstützung haben bis jetzt 22 Verbände eingeführt. Der Bericht über den Stand der Bewegung in Deutschland im Jahre 1901 dürfte die beim Anzug der wirtschaftlichen Krise ausgesprochene Erwartung bestätigen, daß der Verlust an Mit⸗ gliedern nicht derart sein würde, um die Ge⸗ werkschaften nennenswert zu schwächen. Wir glauben nicht fehlzugehen, wenn wir annehmen, daß auch im Jahre 1902 sich die Lage der Gewerkschaften nicht ungünstiger gestalten wird. Es gilt aber, mit Anspannung aller Kräfte dahin zu arbeiten, daß auch in der ungünstigen Zeitperiode den Gewerkschaften nicht das geringste von ihrem Einfluß verloren geht. Pon Nah und Fern. Hessisches. Die Zweite Kammer verhandelte am Dienstag über die Regierungsvorlage betreffend die Errichtung von Irrenanstalten. Staats⸗ minister Rothe erklärte, die Regierung habe die Errichtung der einen Anstalt in Gießen ins Auge gefaßt, schon wegen der Verbindung mit den dortigen Kliniken. Wenn die Errich⸗ tung neuer mittelgroßer Anstalten auch mehr Kosten verursache, als die Errichtung einer großen Anstalt, so verkenne die Regierung die Vorteile der Errichtung zweier Anstalten nicht, zumal die Kammer sie wünsche, und ebenso Oberhessen und Rheinhessen. Die Regierung wolle auch eine zweite Idiotenanstalt errichten und zwar in Grünberg.— Der Abg. Mol⸗ than spricht sich im Sinne der Ausschußanträge aus, daß nämlich Alzey und Gießen als Orte für die neue Irrenaustalt gewählt werden. Abg. Pi: han und Andere wünschen, daß bei der Erri tung von Irxenanstalten die Gemeinde Wendels heim in Rheinhessen berücksichtigt werde. Doch wird nach langen Debatten der Ausschuß⸗ antrag angenommen, der dahin geht, daß Gießen und Alzey als Orte für die neuen Irrenan⸗ stalten in Betracht kommen. Gießener Angelegenheiten. — Von der letzten Landwehrübung in Gießen teilt uns ein Landwehrmann noch mit, daß, als die Leute entlassen wurden, ein Reserve⸗Leutnant der 2. Kompagnie eine Rede hielt, worin er den Leuten eindringlich empfahl, doch ja den Krieger vereinen beizutreten, denn es sei ihre Pflicht, auch im Zivilverhältnis den militärischen Geist zu pflegen, Treue zu Kaiser und Reich zu bethätigen und wie die schönen Redensarten sonst immer lauten. Für die Kriegervereine wird überhaupt eine gewaltige Agitation entfaltet. Neulich bekamen wir einen Militärpaß zu Gesicht, in dem ein Flugblatt, das zum Beitritt in den Kriegerverein„Hassia“ auffordert, gleich vorn eingeklebt war. Diese Vereine bethätigen sich politisch; bei Wahlen fordern sie ihre Mitglieder fast immer auf, für die reaktionären Parteien zu stimmen. Hoffent⸗ lich werden aber alle gleich behandelt und d'rum ist's wohl nicht unbescheiden, wenn wir ver— langen, daß unser Parteiprogramm ebenfalls den Militärpässen einverleibt werde. Vielleicht stellen unsere Genossen im Landtage einmal diesbezügliche Anträge.— Ein leidlich aufge⸗ klärter Arbeiter bedankt sich dafür, dem Krieger⸗ verein beizutreten, denn er weiß, daß dieser dem Streben nach Verbesserung seiner Lage entgegenarbeitet. Schon öfters schlossen Krieger⸗ vereine Mitglieder aus, weil diese in die Ge⸗ werkschaft eingetreten waren, oder sich an Lohn⸗ bewegungen beteiligt hatten! Kriegervereine sind rückständige, die kulturelle Weiterentwickelung hindernde, arbeiterfeindliche Institutionen, denen kein auf Wahrung seiner Interessen bedachter Arbeiter beitritt!— Viel Wirkung wird übri⸗ gens die Rede des Offiziers(Amtsrichter Wiener, Gießen) nicht haben, die Landwehrleute schenken in der Regel solchen Redeübungen keine Be⸗ achtung. — Streikbrecher werden noch immer in Kiel gesucht. Das schon vor Monaten im „Gieß. Anz.“ erschienene Inserat, in dem Maurer und Zimmerleute nach Kiel gesucht werden, wo die Bauarbeiter sich im Ausstande befinden, wird noch immer veröffentlicht. Warum das geschieht, während doch gleich dabei bemerkt wird, daß schon elfhundert Mann arbeiten, also, wenn das wahr wäre, doch kaum noch Leute gebraucht werden können, ist nicht recht ver⸗ ständlich. Die Herren Bauunternehmer werden sich vielmehr arg in der Klemme befinden und suchen mit allen Mitteln Leute dorthin zu locken. Wir warnen wiederholt, diesen Lockrufen Folge zu leisten. In erster Linie, weil es ehrlos gehandelt wäre, seinen im schweren Kampfe befindlichen Kameraden in den Rücken zu fallen, dann haben aber auch die darauf Hereingefallenen höchstens materielle Nachteile zu erwarten. — Das Johannisfest der Gießener Buchdrucker, das am Sonntag auf der Liebigs⸗ höhe unter starker Beteiligung stattfand, nahm den besten Verlauf. Von auswärts, besonders aus Marburg waren zahlreiche Gäste erschienen, von denen ein guter Teil bis zum Schluß des Festes aushielt. Die Festrede des Genossen Krumm wurde mit lebhaften Beifall aufge⸗ nommen. — Der 1000. Student. Am Mittwoch ist das Fest anläßlich der Immatrikulation des 1000. Studenten programmmäßig von statten gegangen. Im ersten Wagen des Festzuges saß der ganz unschuldiger⸗ weise zu großen Ehrungen gekommene Student mit dem Rektor der Universität. Dann folgten die Wagen der Stadtverordneten und die studentischen Verbindungen. Der Zug endete auf dem Festplatze im Philosophenwalde. Militär hatte den Platz abgesperrt; auch das Bedienen der zahlungsfähigen Festteilnehmer besorgten Soldaten. — Warum ließ man denn nicht die Kellner die paar Groschen verdienen? Etliche patriotische Reden wurden gehalten, dito Lieder gesungen und wie das jetzt allge⸗ mein üblich, Kaiser und Großherzog antelegraphiert. Aus dem Rreise gießen. — Das Stiftungsfest des Arbeiter⸗ vereins in Daubringen nahm, begünstigt vom herrlichsten Sommerwetter einen ausge⸗ zeichneten Verlauf. Genosse Busold⸗ Friedberg, der die Festrede hielt und darin besonders im Hinblick auf die nächstjährigen Wahlen zu festem Zusammenhalt und unablässiger Agitation auf⸗ forderte, erntete reichen Beifall. Durch zahl⸗ reiche sonstige Darbietungen unterhielten sich die Festteilnehmer aufs Beste. Aus dem Rreise Friedberg⸗Büdingen. I Allzu denitsch ünd deutlich Kürzlich war am Friedberger Rathause eine Urteilspublikation angeschlagen, die sich durch eine ungewöhnliche Deutlichlichkeit auszeichnete. Da hieß es:„In der Strafsache gegen den A. F. von G. wegen Beleidigung durch die Worte:„Spitzbuben könnt ihr keine fangen, mich wollt ihr einsperren, ihr könnt mich...“ und nun folgt vollständig ausgeschrieben die bekannte Einladung aus Götz von Berlichingen. Der Schuljugend, die haufenweise davor stand, schien diese merkwürdige Bekanntmachung viel Spaß zu machen. Beleidigt war ein Polizist und ein Nachtwächter. Aus dem Rreise Alsfeld-Cauterbach. g. Als nationalsozialer Reichstags⸗ kandidat für unsern Wahlkreis soll der Pfar⸗ rer Licht in Angersbach nach verschiedenen Blättermeldungen in Aussicht genommen sein. Der Herr Pfarrer ist ein großer Politiker vor dem Herrn; fast in jeder Versammlung, die in Lauterbach und seiner Umgegend stattfindet, ist er auwesend, beteiligt sich auch an der Diskussion, wenn immer es die Umstände ge⸗ statten. Dabei erregt er fast stets Heiterkeit. Sicher würde es ihm Vergnügen machen, wenn er das„M. d. R.“ auf seine Karte setzen könnte. Wir sind menschenfreundlich genug, Jedem seinen Spaß zu gönnen, wünschen deshalb, daß der Herr Pfarrer gewählt und dem Reichstag mal ein„Licht“ aufgesteckt werden. Dieser— nämlich der Reichstag— würde es gewiß auch verschmerzen, wenn er den Trabanten des tap⸗ feren Dreschgrafen nicht mehr zu seinen Mit⸗ gliedern zählte. Eine wahre Selstmordmanie scheint in Lauterbach zu herrschen. Vor Kurzem erhängten sich in wenig Tagen drei Personen. Was diese Leute veranlaßt hat, ihrem Leben ein Ziel zu setzen, ob vielleicht aus Nahrungssorgen, ist nicht bekannt. Ferner wurde ein Mann, der betrunken heim kam, von seiner Frau derart mit einem schweren Holzstück auf den Kopf geschlagen, daß der Tod durch Verblutung eintrat. Hier hat also wieder der Alkohol den Ruin einer Familie herbeigeführt. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Eine fürchterliche Messerstecherei fand am vorigen Mittwoch vor der Wetzlarer Strafkammer ihr gerichtliches Nachspiel. Am ersten Osterfeiertage gerieten die Bergleute Brüder Schneider mit den Brüdern Heymann, ebenfalls Bergleute, in Streit, in dessen Verlauf es zahlreiche schwere Verletzungen durch Messerstiche auf beiden Seiten gab. Einer der Beteiligten starb andern Tags an den erhaltenen Stichen, ein anderer entging nur mit knapper Not dem Tode. Die Verhandlung ergab, daß die Angeklagten zum Teil in Notwehr gehandelt hatten, weshalb sie sehr glimpflich davon kamen. Nur der Anstifter des Streites erhält 3 Monate Gefängnis.— In Messerstechereien können verschiedene Dörfer des Wetzlarer Kreises bald die Kon⸗ kurrenz mit niederbayrischen aufnehmen. — Wegen Majestätsbeleidigung stand bei der letzten Strafkammerverhandlung am 2. Juli ein geistig nicht intakter armer Teufel vor den Schranken. Er weiß offenbar nicht, was man eigentlich von ihm will und wird freigesprochen. Warum man erst so einen unglücklichen Menschen unter Anklage stellt, ist unver⸗ ständlich. Aus dem Rreise Marburg-Rirchhain. St. Todesfall. In der Nacht vom Diens⸗ tag zum Mittwoch starb hier nach kurzer Krank⸗ heit der auch weiterhin bekannte Parteigenosse Fritz Seelenmeier. Er war früher eifrig im Interesse unserer Sache thätig und wegen seines lustigen Wesens recht beliebt. In letzterer Zeit hatte sich Seelenmeier vom Parteileben, teils wegen Kränklichkeit, teils wohl anderer Ursachen wegen zurückgezogen.— Auch der Gesangverein„Eintracht“ verliert in ihm ein altes treues Mitglied.— Friede seiner Asche! — Das Schneuzen ist verboten— nämlich bei der Feuerwehr— laut Urteil der Strafkammer hiesigen Landgerichts vom 1. Juli d. Is. Am 30. Dezember v. Is. fand nämlich in Gemünden a. d. Wohra eine Uebung der Pflichtfeuerwehr unter dem Kommando des Straßenmeister Otto statt, bei welcher zwei Mitglieder derselben sich nicht in ordnungs⸗ mäßiger Weise, wie es die Polizeiverordnung vom 10. Mai 1883 erheischt, betragen haben sollen. Der eine stand nämlich unter der furchtbaren Anklage, nach dem Kommando „Stillgestanden“ sich noch geschneuzt und mit dem Taschentusch die Nase hin- und hergerieben zu haben, weiter hat er den Brandmeister Otto angelacht und sich breitspurig mit nicht zu⸗ sammengezogenen Hacken vor ihn hingestellt, wobei er, die Hände reibend, geäußert hatte: „Heute ist's aber kalt.“ Der zweite hatte die Pfeife im Munde behalten und sie auch nicht entfernt, nachdem ihn der Brandmeister dazu aufgefordert. Das Amtsgericht Rosenthal hatte die Angeklagten freigesprochen, da in dem Ver⸗ halten derselben keine Widersetzlichkeit zu finden sei, insbesondere nicht gegen den wegen des „Schneuzens“ Angeklagten, da dieser wegen seines Schnupfens das Taschentusch etwas länger, als sonst üblich, gebraucht habe. Die Staats⸗ anwaltschaft legte Berufung bei kgl. Landge⸗ richt ein und dieses hob das erstinstanzliche, freisprechende Erkenntnis auf und verurteilte den unglücklichen— vom Schnupfen geplagten— Feuerwehrmann zu 15 Mk. und den anderen zu 5 Mk. Strafe.— — Elektrische Anlage in Kirchhain. In unserem Nachbarstädtchen Kirchhain finden Verhandlungen zwecks Einrichtung einer elektri⸗ schen Anlage zu Beleuchtungs⸗ und gewerblichen Zwecken statt. Wahrscheinlich wird sich in nächster Zeit eine öffentliche Versammlung mit dieser Angelegenheit beschäftigen. . 1 . ̃— ͤö[¹ẽ—ð. —— 1 —————.—.——ñꝗ— . Ar.. e des lap. u seinen Mi. K deranlaßt 0 t hat, 1 0b diellächt zun. Ferner Reim kam, Von weten Holzstic der Tod dur al wieder der e herbeigeführt. ehlar. erstecherei fand drer Snaflamnier Oseerfeiertage neider mit den n in Streit, in Lerletzungen durch ner der Beteiligten Stiche ein schr glimpflich Streites erhält cherelen können J bald die Kon⸗ ung stand bel der 2. Juli ein geistig Schranken. 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Wie aus einer Verhandlung des Frankfurter Kriegsgerichts vom vorigen Freitag hervorging, fand man in einem Abort, der von den Soldaten des Truppenteils, zu dem Angeklagter Wüst gehörte, benutzt wurde, allerlei schöne und un⸗ schöne Gestalten nebst Verschen an die Wand gemalt, die größtenteils die Offiziere des Re⸗ giments darstellen sollten. Auch ein Reservist war trefflich karikiert worden. Diese Produkte eines höchst künstlerisch veranlagten Zeichners gelangten zur Kenntnis der Vorgesetzten und nun wurde nach dem Urheber der Karikaturen geforscht, was anfänglich ergebnislos ausfiel. Jetzt hieß es, wenn sich der Maler nicht melden würde, dann bekomme die ganze Kompagnie im Sommer keinen Urlaub. Jener abkonterfeite Reservist machte nun eines Tages die Meldung, daß der obenerwähnte Ingenieur so schön zu zeichnen verstehe. Eine Haussuchung bei Wüst ergab denn auch die Richtigkeit dieser Aussage. Ja, man fand in einem Notizbuch fast genau dieselben Figuren, wie sie an der Abortwand standen. Der Ingenieur hatte sich daher wegen Achtungs verletzung und Beleidigung vor dem Kriegsgericht der 21. Division zu verant⸗ worten. Die Verhandlung wurde hinter ver— schlossenen Thüren geführt, wahrscheinlich um die abgezeichneten Offiziere nicht zu kompro⸗ mittieren, die als Zeugen geladen waren. Das Urteil lautete auf 6 Monate Gefängnis. Wüst stammt aus einer sehr angesehenen Familie. Unerhörter Polizei⸗Mißgriff. In Hannover wurde vorige Woche ein Dienstmädchen ohne jeden begründeten Verdacht als Prostituierte festgenommen und erst Tags darauf wieder entlassen, trotzdem es gleich angab, wo es in Stellung sei. Der Kriminalbeamte hatte das Mädchen gefragt, ob es unter Kontrolle stehe und da es, neu zugezogen, des Ausdrucks unkundig war, erklärte es, nicht zu wissen, was das sei. Wenn darunter die Anmeldung verstanden werde, so könne es sagen, daß es gemeldet sei. So schlimm nun dieser Mißgriff auch ist, so ist doch Aehnliches schon oft genug vorgekommen. Aber nicht alle Tage kommt vor, daß die Polizei den Fehler als solchen anerkennt. Das that aber in diesem Falle der Polizeipräsident. Er richtete ein Schreiben an unser Parteiorgan in Hannover, das den Fall aufgedeckt hatte, in dem er aner⸗ kannte, daß ein Mißgriff vorliegt. Er erktärte, der Beamte habe keinerlei Recht gehabt, die obige Frage zu stellen, unter allen Umständen aber wäre er verpflichtet gewesen, zunächst durch Nachfrage in dem von dem Mädchen angegebenen Hause festzustellen, ob es dort in der That wohne.„Der Beamte, der seit dem 1. Oktober 1879 bei der Sittenpolizei beschäftigt ist, ohne bisher zu Klagen Anlaß gegeben zu haben, ist, so schließt das Schreiben, von der Ausübung des Außendienstes abberufen und bestraft worden.“ So schnell wurde bisher noch selten dem belei— digten Rechtsgefühl von Seiten der Polizei Genugthuung geleistet. Erfreulich ist das ge⸗ wiß; dem armen Mädchen nimmt aber niemand mehr den Tag Haft und die ausgestandene Angst und Aufregung ab. Der Blitz schlug am Montag Nacht in Krof⸗ dorf in ein neuerbautes Haus, richtete indessen keinen großen Schaden an. i Als weiteres Opfer des Grubenbrandes bei Hungen ist der Arbeiter Streb, Familienvater mit Frau und 2 Kindern, seinen Wunden erlegen. Kc ̃ͤ— Letzte Nachrichten. Reichstagswahl in Bayreuth. Für den bei einem Eisenbahunglück um's Leben gekommenen Abg. Friedel(natl.) fand am Donnerstag den 3. Juli im Wahlkreise Bayreuth eine Nachwahl statt. Nach dem Frei⸗ tag früh vorlie genden Resultat erhielten: Hugel (Soz.) 4802, Hagen(natl.) 3420, Feustel (Bauerubd.) 1663, Günther(freis.) 1166 Stimmen. Stichwahl zwischen Hugel und Hagen sicher.— Bei der Wahl von 1898 wurden nur 4211 sozialdemok atssche Stimmen abgegeben, also ist schon nach dem unvollstän⸗ digen Resultat eine erfreuliche Zunahme unserer Stimmen zu verzeichnen. Par tei-Nachrichten. Kreiskonferenz. Die zweite diesjährige Kon ferenz für den Wahlkreis Gießen findet Sonntag, den 10. Au gust in Gießen statt. Tagesordnung und sonstige Einzelheiten wird der Kreis wahlvereinsvo rstand noch näher bekannt geben. Von einem tragischen Schicksal wurde unser Genosse Wilh. Swienty, Redakteur des„Volks⸗ blatt für Halle“ ereilt. Seit längerer Zeit bedenklich erkrankt, stürzte er sich am Donnerstag Mittag im Fieberwahn aus dem Fenster auf die Straße und blieb tot liegen. Swienty ist der Schwiegersohn Lieb⸗ knechts. Ferien des sozial.dem. Redakteurs. Genosse Dr. Qu arck von der Frankfurter„Volksstimm e“ hat am Montag das Gefängnis in Preungesheim auf 2½ Monate bezogen. Verurteilt wurde er wegen Notizen, die sich mit Zuständen in einer Kaserne be⸗ schäftigten. Bayrische Zeitung en, welche dieselbe Notiz gebracht hatten, sind d swegen nicht verfolgt worden. Möge unser Genosse diese unfreiwilligen Ferien ohne Schädigung seiner Gesundheit überste hen. Die Reichstagskand datur in Wies⸗ baden. Dieser Tage meldete die Frankftr. Zeitung, daß unsere Genossen in Wiesbaden die Kandidatur für ihren Kreis, die Genosse Quarck niedergelegt hat, dem freireligiösen Prediger Welcker übertragen hätten. Der Parteivertrauensmann erklärt jedoch, daß von einer Kandidatur Welcker's nichts bekannt sei. Letzterer äußerte wohl bei öftern Gelegenheiten Ansichten, die mit den unsern übereinstimmen, er ist indessen nicht der Partei bei getreten. Versammlungs kalender. Samstag, den 5. Juli. Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr: Versammlung bei Orbig. T.⸗O.: Wahlrechts⸗ vorlage. Ref.: E. Krumm. Wieseck. Soz.⸗dem. Wahlverein. Versammlung bei B. Wacker. Sonntag, den 6. Juli. Gießen. Glaserverband. Vormittags 10 Uhr Versammlung bei Orbig. f Montag, den 7. Juli. Gießen. Schneiderverband. Versammlung bei Orbig. Samstag, den 12. Juli. Friedberg. Nichtgewerbl. Arbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Ihl, Stadt New⸗Yor k. Vortrag des Stadtverordneten Busold über die Gewerbe⸗Orduung. Abrechnung. Abends 9 Uhr Abends 9 Uhr gewöhre ich auf sämtliche braune und farbige Schuhwaren einen Extra⸗Rabatt von I rosen. Keine Partiewaren. Nur Badr Leit Keine Gelegenheitskäufe. L. Stss, Schuhwarenhaus. Dreschzeit einen guten Einleger und 4 gute bald zu melden bei Ph. Kreiling VI. Gesicht zur enias Franz Neumeier, Sonnenstr. 20—22 Achtung Achtung! Empfehle zu außergewöhnlich billigen Preisen: 8 5555 ten L Kinder⸗Ohrenschuh 30 Pfg., Kinder⸗Spaugenschuh 1,80 Mk. een een uten Lohn Kinder⸗Halbschuh 1.50 Mk., Kinder⸗Lnopfschuh Nr. 2224 2,35 Ml., Kinder⸗Schnürschuh Nr. 25— 26 2.30 Mk., Kinder⸗ Straminschuh 70 Pfg., Madchen⸗Straminschuh 90 Pfg., Dreschmaschinenbestzer Heuchelheim. 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Da trat sie näher, nahm seine Hand in die ihrige, und sagte wieder, mit einer zitternden Stimme, die man kaum hörte:„Oswald, lieber Oswald, was fehlt dir? Sage mir auch ehrlich: was quält dich!“ „Kind!“ rief Oswald und schlug die Augen gen Himmel auf:„Gott weiß es, ich könnte glücklich sein, und ich bin es, und in der Welt nirgends mehr, als bei dir, denn du bist herz⸗ gut. Aber mich jammern die Menschen, denn ich kenne ihrer so viele, und die meisten sind herzschlecht. Sieh nur an das Elend der Leute in unserm armen Goldenthal. Es würde doch so wenig kosten, sie wieder zu erretten. Aber man macht die armen Leute, Gott erbarm's, zum Vieh, und den hartherzigen Reichen ist das eben recht. Die Ortvorsteher haben ihre Stelle nur, um ihren Hochmut zu kitzeln, und gewaltig zu sein, und sich allerlei Vorteil zu machen. Sie betrügen die Waisen, und plün⸗ dern die Witwen, und haben kein Gefühl und kein Gewissen. So wird es im Dorfe immer schlechter, die Not der meisten Haushaltungen immer größer, und keiner hilft. Wir haben eine Regierung— Gott sei's geklagt! Die Herren wollen nur regieren, um zu stolziren und sich Vorteile zu machen; aber des Volkes Not aus dem Grunde zu heilen, das hält keiner für seine Pflicht und Schuldigkeit. Es ist bei allen nur auf Großthueret, Lustbarkeit und Geld abgesehen. Da wollen sie nur ihre Fa⸗ milien bereichern, ihren Söhnen und Vettern aufhelfen; da wäscht eine Hand die andere, da hackt ein Rabe dem andern die Augen nicht aus, und das Land wird immer elender; und das kümmert die Herren nicht. Sie lassen sich noch dazu für ihre Weisheit und große Gnade loben, so niederträchtig und schamlos sind sie 10 Elsbeth sagte:„Ach, Oswald, herzlicher Oswald, warum grämt dich doch das? Es ist ein gerechter Gott im Himmel, der wird die richten, die ihre Pflichten verachten. Du bist ja unschuldig an dem Elende des Volkes. Warum grämst du dich doch?“ Oswald sagte:„Kann mir denn wohl sein in der Hölle, wo ich die Abscheulichkeit der Teufel und die Pein der armen Seelen sehen soll? So kann mir auch nicht wohl sein auf Erden, wo ich in Schändlichkeit der Herren in den Städten, und die Schändlichkeit unserer groben, stolzen Dorfkönige sehe, die das arme Volk noch tiefer in den Kot und Staub nieder⸗ treten, statt hervorzuziehen, wie ihre Schuldig⸗ keit wäre. Wenn dann die Unglücklichen aus Verzweiflung zuletzt Verbrecher werden, betrügen und stehlen oder gar morden, läßt man sie recht rührend und feierlich hinrichten: oder wenn sie sich aus ihren Kindern weniger als aus ihrem Vieh machen, lacht man recht herzlich dazu. Ist das nicht ein Vorspiel dex Hölle? Und sind nicht unsere meisten Goldenthaler durch ihre Armut fast dem Vieh gleich geworden, roh, ekelhaft, grob, unreinlich, gefühllos? Und sind sie nicht durch die Laster der Armut noch schlechter als das Vieh geworden, nämlich zäukisch, schlägerisch, verleumderisch schadenfroh, diebisch, träg, nur aufgelegt zum Fressen und Saufen?“ Elsbeth sagte:„Der alte Schulmeister hat auch vom Saufen den Lohn davon. Vorgestern Nachts kam er betrunken vom Adlerwirt und zu nahe an den Weiher, stürzte ins Wasser und ertrank. Gestern Morgens fand man ihn. Deut ist er begraben. Zum Glück hat er nicht Weib und Kind.“ Diese Nachricht hörte Oswald nicht ohne Bestürzung. Er fragte noch dies und das. Er schien etwas Wichtiges zu überlegen, und ging gedankenvoll nach Hause. Elsbeth begriff nicht, was ihm so plötzlich durch den Kopf geflogen war. Aber sie erfuhr es am nächsten Sonntag. Da wurde die Gemeinde nach vollendetem Gottesdienst zusammenberufen, weil es um die Erwählung eines neuen Schulmeisters zu thun war. Oswald ging auch in die Gemeinde. Elsbeth stand in der Ferne bei den Weibern und Töchtern. Sie hatte große Angst, daß Oswald reden werde, was den Leuten mißfallen könnte, und darum ihren Vater gebeten, den Oswald, wenn er aufbrause, zu besänftigen. Auch kam der Müller Siegfried dem Oswald nicht von der Seite. Der erste Vorsteher, Herr Brenzel, er⸗ öffnete der Gemeinde, um was es zu thun sei, und sagte:„Weil der Schulmeisterdienst er⸗ ledigt und ein geringer Dienst mit vieler Mühe sei, indem die Besoldung nur aus vierzig Gulden bestehe, sei es ein Glück, daß er der Gemeinde einen wackern Mann vorschlagen könne, der das Amt annehmen wolle. Das sei der Schneider Specht, dessen Profession schlecht ginge, und der ihm mütterlicher Seits etwas verwandt wäre.“ Darauf schlug der Adlerwirt Kreidemann, als zweiter Vorsteher, seinen armen Vetter, den lahmen Geiger Schluck vor, der um so eher Vorzüge verdiene, weil er, statt vierzig Gulden zu nehmen, wegen Dürftigkeit der Ge⸗ meinde, mit fünfunddreißig zufrieden sein wolle. Der Schneider Specht, als er sah, daß sich die meisten Bauern für den Geiger erklären würden, sagte demselben all Sünd' und Schande, und erbot sich, mit dreißig Gulden zufrieden zu sein. Der Geiger ward darüber so erboset, daß er den Specht einen Dieb und Ehebrecher und meineidigen Schelm hieß, und sich für fünfundzwanzig Gulden zum Schulmeister an⸗ trug. Der Schneider erklärte, den Geiger wegen seiner Schimpfereien vor Gericht zu ziehen; aber um so geringen Lohn wolle er nicht schul⸗ meistern. Da sich nun weiter zu dem Dienst niemand meldete, weil sich kein Ehrenmann zu einer Stelle hergab, die von jeher verachtet und nur von Leuten gesucht war, die sonst nichts thaten, so war die Gemeinde schon entschlossen, ste dem Schluck, als einen Nebenverdienst, zu geben. Denn dieser kounte doch notdürftig schreiben und lesen. Aber nun drängte sich Oswald hervor, ward blaß und rot im Gesicht und rief:„Dem Kühe⸗ und Säuhirten, der euer Vieh auf die Weide treibt, gebt ihr bessern Lohn, als dem Schul⸗ meister, der eure Söhne und Töchter in Gottes⸗ furcht und nützlichen Dingen unterrichten soll! Eure Kinder sind Menschen, geschaffen, ein Ebenbild Gottes zu sein, aber nicht euer Vieh. Schämet ihr euch nicht der Sünde, die ihr thut.— Aber ich weiß gar wohl, der Gemeinde⸗ säckel ist immer leer, wenn für das Mützlichste gesorgt werden soll, und das Schulgeld können die armen Leute nicht zahlen, die kaum Erd⸗ äpfel und Brot und Salz haben. So will ich denn ein Uebriges thun, und ich biete euch an, Schulmeister zu werden, und verlange gar keinen Lohn. Ich sage noch einmal, ich will Schulmeister sein, es soll weder der Gemeinde noch den Haushaltungen einen Kreuzer kosten!“ Die Leute fahen sich einander verwundert an und den Oswald. Einige wollten ihn nicht haben und sagten, er könne oder wolle die armen Seelen der Kinder vielleicht dem Teufel ver⸗ kaufen. Aber die Meisten bedachten, daß kein anderer den Dienst so wöhlfeil übernehme, und lärmten und schrieen, Oswald solle Schulmeister sein. Also wurden die Stimmen abgehört und Oswald wurde zum Schulmeister gewählt. Als dies Elsbeth hörte, wollte sie vor Scham und Bestürzung in die Erde sinken, denn im Dorfe war, außer dem Dorfwächter und dem Säuhirten, keiner geringer gehalten, als der Schulmeister. Sie rannte ganz außer sich zur Mühle, als wäre ihr das größte Unglück und die bitterste Schmach wiederfahren. Auch der ehrliche Müller Siegfried schüttelte ärger⸗ lich den Kopf und sagte:„Ich glaube, der Oswald ist im Kopfe verrückt.“ 5 Jedoch Oswald blieb bei seinem Entschluß. So ward er von dem Gemeinderat nach Vor⸗ schrift der obrigkeitlichen Schulpflege in Vor⸗ schlag gebracht. Er mußte sich in der Stadt prüfen lassen, und weil er eine zierliche Hand schrieb, im Rechnen mehr verstand, als für Bauern nötig zu sein schien, ward er förmlich bestätiget. 7. Wie Oswald Schule hält. „Elsbeth, Elsbeth, quäle mich nicht mit deiner Unzufriedenheit und deinem niedergeschla⸗ genem Wesen!“ sagte Oswald zu der betrühten Tochter Siegfrieds:„Siehe, die Alten sind verderbt und kaum zu bessern. Vielleicht kann ich unser armes Dorf wieder durch gute Er⸗ ziehung der Kinder in Ansehen und Ehren bringen. Dorfschulmeister ist freilich ein geringer und verachteter Mann; aber wie tief hat sich doch unser Herr und Heiland erniedrigt, um die Menschen zu bessern, zu belehren und selig zu machen. Hätten wir auch verständige und gewissenhafte Regierungen, denen es weniger um ihre, als um des Volkes Wohlfahrt zu thun wäre, für die sie eigentlich da sind, so würden sie mehr Sorgfalt und Achtung für die Landschullehrer, als für die Professoren an den hohen Schulen beweisen. Aber so ist es einmal nicht in der verkehrten Welt; alles sieht und zieht nach oben, und versäumt was unten ist. Darum wird es meistens oben zu schwer, und unten zu leicht, und viele Throne stehen auf schwachen Füßen.“ „Ach Oswald, Oswald!“ rief Elsbeth: „Du weißt nicht, wie übel du gethan hast!“ Sie sagte jedoch nicht warum. Inzwischen, sobald die Wintertage kamen, fing Oswald mit der Schule an. Den ersten Tag stellte er sich vor die Hausthüre und empfing daselbst die Schulkinder. Hatten sie kotige Schuhe, mußten sie dieselben erst mit Stroh rein fegen, und die Sohlen abkratzen am Eisen vor der Hausthüre, damit sie den sauberen Fuß⸗ boden des Zimmers nicht besudelten. Dann reichte er jedem zum Willkommen freundlich die Hand. Waren aber die Hände unreinlich, mußten sie erst zum Brunnen und Gesicht und Hände waschen. Waren ihre Haare nicht zier⸗ lich gekämmt, schickte er ste in ihre Häuser zu⸗ rück, sich kämmen zu lassen. Die aber, welche reinlich und wohlgekämmt erschienen, küßte er freundlich auf die Stirn. Die Buben und Mägdlein wunderten sich sehr; einige schämten sich, andere lachten, noch andere weinten. So etwas war ihnen nie widerfahren. f Den zweiten und dritten Tag stand Oswald wieder vor der Hausthüre, und so noch manchen Tag, bis alle so säuberlich zur Schule kamen, wie er es befohlen hatte. Nachher empfing er sic im Schulzimmer. Wer dann mit unrein⸗ lichem Haare und Gesicht oder unsaubern Händen und Schuhen kam, ward zum Gelächter Aller auf einen Tritt zur Schau gestellt, und nach⸗ dem er eine Stunde da gestanden war, heim⸗ geschickt, um sich reinigen zu lassen. Viele Leute im Dorf verdroß das; allein sie hatten in der Schule nichts zu befehlen, und mußten geschehen lassen, wie es Oswald wollte. So kam es, daß in wenigen Wochen die Schulkinder, groß und klein, arm und reich, alle äußerst reinlich am Leibe wurden, wenig⸗ stens so lange sie beim Schulmeister waren. Oswald ließ es aber dabei nicht bewenden. Nachdem die Kinder ein Vierteljahr lang zur Ordnung gewöhnt waren, gab er auf die Rein⸗ lichkeit der Kleider Acht. durften nicht daran haften, wenn auch die Kleider alt und zerrissen waren. Letzteres verzieh er; das war nicht der Kinder Schuld. Wer die ganze Woche am reinlichsten erschienen war, sowohl in der Schule, als außer derselben, im Dorfe, auf den Gassen, in der Kirche, auf den Feldern, war sein Liebling. Dem gab er die erste Woche ein Bild, oder ein Stücklein Seidenband, oder einen Bogen feines Papier Andern Weg giebt es nicht. Ein Schmutz, Staub, Kot 7 G SGS S S F e hält. ic nicht mit miedergesla⸗ der beträhten ie Alten sind leicht kann urch gute Er⸗ n und Ehren nicht. Ein geringer und dat ssc doc drigt, um die und selig zu erständige und en es weniger Wohlfahrt zu ich da sind, so ) Achtung für Professoren an Aber so ist es gelt; alles sicht mt was unten ben zu schwer, Throne stehen rief Elsbeth: gethan hast!“ stertage kamen, n. Den ersten ire und ewpfing tten sie kotige mit Stroh rein am Eisen bor sauberen Fuß⸗ delten. Daun amen fteurdlich inde umreirlich ind Gesicht und are nicht zer hre Häuser zue die aber, welche fienen, küßte er wundelten sc war ihnen lle uud Oawad o roch auch Sgule kamen assen. len 6 dds; 4 bros 5 befchlel, 6 Ou Nr. 27. Mittel deutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. zum Briefschreiben; die andere Woche aber⸗ mals ein kleines Denkzeichen seiner Freundschaft; zuletzt öffentlich vor Allen einen Kuß auf den Mund und das geküßte Kind empfing das Recht, am Sonntag mit Oswald spazieren zu gehen, oder wenn es schneite und unfreundliches Wetter war, bei ihm zu sein und sein großes Bilder⸗ buch zu besehen, aus welchem Oswald schöne Geschichten zu erzählen wußte. (Fortsetzung folgt.) Zehn Gebote für Kinder. In den städtischen Schulen der italienischen Stadt Reggio d' Emilia, deren Stadtverwaltung in Händen der Sozialisten liegt, ist unter den Kindern ein Erinnerungsblatt an das Maifest verteilt worden. Es enthält folgende zehn Gebote: Liebe Deine Schulgefährten, die die Arbeits⸗ gefährten Deines Lebens sein werden. Liebe die Belehrung, die das Brot des Geistes ist; sei dankbar Deinem Lehrer, wie Deinem Vater und Deiner Mutter. Du sollst alle Tage heiligen durch gute und nützliche That, durch eine freundliche Handlung. Du sollst die gulen Menschen ehren, alle Meuschen achten, Dich vor Niemandem beugen. Du sollst keinen Menschen hassen, keinen ö Denke nicht, daß Der das Vaterland liebt, der die anderen Völker haßt oder verachtet oder den Krieg wünscht, der ein Ueberrest des Bar⸗ barentums ist. Wünsche vielmehr den Tag herbei, an dem alle Menschen als freie Bürger eines Vater⸗ landes in Frieden und Gerechtigkeit als Brüder leben werden. Splitter. Der Mensch soll die Freiheit haben, seine Gedanken, seine Zweifel, die er sich nicht selbst auflösen kann, öffentlich zur Beurteilung aus⸗ zustellen, ohne darüber als ein unruhiger und gefährlicher Bürger verschrieen zu werden. Dies liegt schon in dem ursprünglichen Rechte der menschlichen Vernunft, welche keinen anderen ö beleidigen, Dich nicht rächen; aber Du sollst Dein Recht vertreten und dem Uebermütigen widerstehen. Du sollst nicht feig sein. Sei ein Freund der Schwachen und liebe die Gerechtigkeit. Sei eingedenk, daß alle Güter der Erde von der Arbeit stammen; wer sie genießt, ohne 8 arbeiten, der stiehlt dem Arbeitenden sein Brot. Beobachte und denke nach, um die Wahrheit zu erkennen. Glaube nichts, was der Vernunft 1 0 täusche weder Dich selbst, noch ndere. Richter anerkennt, als selbst wiederum die all⸗ gemeine Menschenvernunft, worin ein jeder seine Stimme hat, und da von dieser alle Besserung, deren unser Zustand fähig ist, herkommen muß: so ist ein solches Recht heilig, und darf nicht geschmälert werden. Kant. Humoristisches. Aus einer Verteidigungsrede:„.... Meine Herren Richter! Ich kann allerdings nicht leugnen, wider das Gesetz gefehlt zu haben. Aber ich glaube, mildernde Umstände beanspruchen zu können. Ich war nämlich früher Diener bei dem Korps, dem damals der Herr Staatsanwalt präsidierte, und hab' ihn in dieser Stellung so oft für Mensur und Duell plädieren hören, daß meine Begriffe von Recht und Unrecht seit⸗ dem etwas in Verwirrung geraten sind. Geschichtskalender. 6. Juli. 1898: Kolonialheld Wehlau vor dem Reichsgericht. 1535: Thomas Morus, engl. utopistischer Sozialist hingerichtet. 1373: Johann Huß geboren. Programm. 7. 1789: Anfang der franz. Revolution. 3. 1822: Shelly, engl. Freiheitsdichter, im Mittl. Meer ertrunken. 9. 1895: Entlassung des Redakteurs der„Kreuz⸗ zeitung“ Hammerstein. 10. 1900: Wilh. II. Racherede in Kiel. Ende der badischen Revolution. 11. 1896: Geschichtsschreiber Curtius gestorben. 12. 1874: Fritz Reuter, plattdeutscher Dichter, ge⸗ storben in Eisenach. 1806: Deutsche Fürsten schließen den landes verräterischen Rheinbund mit Napoleon. — 1849: ———— Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Seit Monatsfrist hat der Wahlverein Gießen den Vertrieb der sozialistischen Litteratur übernommen. In⸗ dem wir unsere Genossen darauf hinweisen, richten wir die Bitte an sie, sich ihrerseits um die weiteste Verbreitung unserer Parteischriften mit zu bemühen, damit unsere Anschauungen in die weitesten Kreise dringen. Auch alle hier nicht angeführten Bücher und Zeitschriften be⸗ sorgt die Kommission. Es sei noch bemerkt, daß der etwa erzielte Gewinn wieder im Interesse der Agitation verwendet wird. Wir machen auf folgende Broschüren und Zeitschriften aufmerksam. Sozialdemokratisches Reichstagshandbuch. Von Max Schippel. Ein Füh rer durch die Zeit⸗ und Streitfragen der Reichspolitik. In 37 Lieferungen à 20 Pfg. Gebunden 9 Mk. Das Erfurter Programm. Von Karl Kautsky. Preis brosch. 1.50 Mk,, gebd. 2 Mk. Die Agrarfrage. Von Karl Kautsky. Eine Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirt⸗ schaft und die Agrarpolitik der Sozialdemokratie. Preis brosch. 5 Mk., gebd. in Leinwand 6.50 Mk. Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie. Von Ed. Bernstein. Preis brosch. 2 Mk— Bernstein und das Sozialdemokratische Von Karl Kautsky. Eine Anti⸗ kritik. Preis brosch. 2 Mk. Städteverwaltung und Munizipal⸗Sozi⸗ alismus in England. Von C. Hugo. Preis brosch. 2 Mk., gebd. 2.50 Mk. Die Kommission. Parteigenossen! Berücksschtigt bei Euren Eink 1 2 ufen — die Inserate der Mitteid. Sonntags⸗Zeitung. Heinrich Noll. Giessen 7 Mäusburg 7 Deen Hundllitteg Buchbinderei, Geschäktsbüher, Drucksachen 1 Einrahmen von Vildern. 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W Genosse erfolgten Ableben unseres Gleiberg bei Leib Witwe. Fritz Seelenmeier treuen Mitgliedes Launsbach bei Ph. Debus. Z nach kurzem Leiden ent⸗ 3 Fritz Seelenmeier Wißmar bei Gg. Speier. J schlafen ist. 5] geziemend in Kenntnis. Gießen bei C. Seibel, Frankfurterstr. bei Henn, Lindenpl. 8 Er ruhe sanft! J. A.: Der Vertrauensmann. Der Vorstand. Verlag der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung(E. Krumm), Gießen. Verantw. Redakteur: F. A. Vetters, Gießen. Druck von E. Ottmanns Druckerei, Gießen.