— A Toelll W Ir. — uf! gezwungen, eln ö 8 2 5 2 n 8 1 Preisen: 2 7 Bettstelle,“ 100 nandernehm. 2 36 18— 35. enspiud, N. 28.— 5 22— 20— 9 30 55. J ——— 75 — wahl u Amas u Won *— f — — —— — 7 24 7 U — 27 27 1 — 7 7 1 7 7 7 7 Nr. 14. Gießen, Sonntag, den 6. April 1902. 9. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. 5 8 Mitteldeuts che Autags⸗ bit Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 1 Uhr. Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch] Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4940) Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die 2 ¶Juserate a finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalte Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33 ¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabat. Bei mindestens Arbeiter, Genossen! Rüstet zur Feier des I. Mai! Der Weltfetertag des ersten Mai ist die feierliche Kundgebung der Arbeiter aller Länder für internationalen Arbeiterschutz; der Massen⸗ protest der Arbeiter gegen die Ausbeutung durch das Kapital, gegen die Unterdrückungssucht der besitzenden und herrschenden Klassen, gegen den Uebermut der Junker und Schlotbarone, gegen den Krieg in jeder Form! Der 1. Mai ist die internationale Kundgebung des klassenbewußten Proletariats für den Frieden der Gesellschaft und den Frieden der Völker, gegen Zollkriege nnd künstliche Sperren. Rüstet euch deshalb überall, die Maifeier in würdiger Weise zu begehen! Trefft die nötigen Vorbereitungen! Wo immer zielbewußte Ge⸗ mossen wohnen, muß dem Maigedanken Aus⸗ druck gegeben werden! Auf zur Maifeier allerorts! Gerechtigkeit. Schon mehrfach war in den Zeitungen von den Urteilen des Gerichtspräsidenten Mag⸗ ma ud in Chateau⸗Thiérry(Frankreich) die Rede. Seine Urteile zeichneten sich durch große soziale Einsicht aus und erregten deshalb nicht geringes Aufsehen. Am 4. März stand ein„Bettler und Vagabund“ vor dem Richterstuhle Magnaud's. Dem Angeklagten wurde zur Last gelegt, einen Monat ohne Arbeit gewesen zu sein und ge⸗ hettelt zu haben. Er gab das auch zu. Richter Magnaud fällte folgendes Urteil: „Wenn eine strafbare Handlung vorhanden sein soll, muß ein Verstoß gegen die Moral vorliegen. Wenn jemand weder feste Wohnung noch Sub⸗ sstenzmittel mehr hat, befindet er sich offenbar im tiefsten Elend; aber so peinlich und schmerz⸗ lich diese Lage für den Betroffenen auch ist, se bedeutet keinerlei Handlung mit unmora⸗ üschem Charakter. Ebenso verhält es sich mit her Arbeitslosigkeit, selbst wenn sie eine frei⸗ willige ist, weil man diese sonst, um gerecht zu sein, ebenso allen müßigen Reichen als Ver⸗ ehen anrechnen müßte. In Wirklichkeit macht lie Gesellschaft, die die Unglücklichen ohne festen Wohnsttz und Subsistenzmittel verfolgt, diesen nen Teundenzprozeß, den sie damit be⸗ (ründet, daß sie jene, weil sie nichts besttzen, ls verdächtig der Aneignung fremden Gutes letrachtet. Ein Gericht, das sich bemüht, Ge⸗ lichtigkeit zu schaffen, kann daher keine Verur⸗ lfilung aussprechen, dem keine der Moral wider⸗ e Handlung vorgeworfen wird, und er einfach nur verdächtig sein soll, aus Elend lamoralische Handlungen begehen zu müssen. Aiese bedauernswerte Lage könnte höchstens, tenn sie wirklich durch eigene Schuld herbei⸗ E worden wäre, als erschwerend für die zeurteilung einer anderen, wirklich begangenen (trafthat angesehen werden. Nun erklärt der angeklagte, daß es ihm seit einem Monat un⸗ tglich gewesen ist, sich Arbeit zu verschaffen; e Anklagebehörde, der die Beweispflicht dafür obliegt, hätte ihm also nach allseitig feststehen⸗ den Rechtsgrundsätzen nachzuweisen, daß jenes nicht der Fall war. Sie hat diesen Beweis gar nicht angetreten. Deshalb kann etwas, was der Angeklagte nicht verhüten konnte, näm⸗ lich der Mangel an Arbeit, unmöglich bestraft werden.“ Und in Bezug auf die Anklage wegen Bettelei erkannte Magnaud: „Der Angeklagte hat, da er ohne Arbeit, festen Wohnsitz und Subsistenzmittel war, von Herrn L.... in C.. ein Stück Brot er⸗ beten und erhalten; er hat seine Bitte in pas⸗ sender Form vorgetragen, ohne jemand zu be⸗ leidigen oder zu bedrohen; dieser Anruf der menschlichen Solidarität von seiner Seite ent⸗ hält keine unmoralische Handlung, und es kann nicht die Absicht des Gesetzgebers gewesen sein, ihn als Vergehen der Bettelei zu bestrafen. Dieses Vergehen könnte nur vorliegen, wenn eine Bitte um Hülfe von einem berufsmäßigen Schmarotzer an der öffentlichen Wohlthätigkeit ausginge, oder von Beleidigungen, Gewalt⸗ thätigkeiten oder Drohungen begleitet wäre; die Bitte um ein Stück Brot und die Annahme dieses allereinfachsten Nahrungsmittels schließt jede wirklich kriminelle Möglichkeit und Absicht aus; außerdem besteht, wie durch klare Doku⸗ mente in früheren Prozessen derselben Art vor dem gleichen Gericht festgestellt worden ist, im Departement Aisne keine Anstalt, die dem Bettel wirksam entgegenarbeiten könnte; es liegt, selbst wenn man einen Augenblick sich der wirk⸗ lichen Rechtsprechung anschließen wollte, schon deshalb das Vergehen der Bettelei beim Ange⸗ klagten nicht vor, weil in dieser Richtung, wie in vielen anderen, die Gesellschaft die Pflichten nicht erfüllt, die sie sich selbst vorgeschrieben hat; seit drei Jahren und im Verfolg früherer Erkenntnisse dieses Gerichts über einfaches Betteln und Landstreichen am 30. Januar und 3. März 1892 sowie der ministe⸗ riellen Verfügung vom 2. Mai jenes Jahres ist kein Versuch von der Anklagebehörde gemacht worden, neue Prozesse dieser Art einzuleiten und das Gericht zu veranlassen, seine humane und versöhnliche Rechtsprechung zu erneuern; diese hat nur gute Wirkungen im Gerichtsbe⸗ zick gehabt, wo die Ordnung niemals und nirgends durch die Leute gestört worden, die das Gesetz mit dem Wort„einfacher Bettler“ oder„einfacher Landstreicher“ bedroht und das Gericht beharrt deshalb entschtedener als je auf seiner Anschauung und überläßt anderen Gerichtshöfen, wenn ihr Gewissen es vorschreibt und erlaubt, anders bei solchem Thatbestand zu entscheiden. Aus diesen Gründen setzt das Gericht den Angeklagten kostenlos außer Ver⸗ folgung.“ So das Urteil des guten und weisen Richters von Chateeau⸗Thierry. Wir ersehen daraus, daß Magnaud bereits seit zehn Jahren diese von hohem sozialen Verständnis zeugende Recht⸗ sprechung übt und daß die Wirkung der milden Gerichtspraxis eine äußerst segensreiche war. Keine Zunahme der Belästigungen durch Bettler zeigte sich, weniger wie anderwärts, wo man mit Flinten und Säbeln gegen die Arbeitslosen vorgeht; Eltern armer Kinder wegen ein paar aufgelesener Kohlenstückchen schwer bestraft, jeden armen Teufel unbarmherzig ins Gefängnis — wirft, der die Hilfe seiner Mitmenschen in An⸗ spruch nahm. Wie wohlthuend sticht das Ur- teil ab von zahlreichen Erkenntnissen deut⸗ scher Gerichte! Unmöglich ist es, die Fälle alle aufzuzählen in welchen die Verurteilung der Angeklagten vom menschlichen Standpunkte aus eine himmelschreiende Ungerechtigkeit dar⸗ stellte, wenn sie auch mit dem Wortlaut des Gesetzes vollkommen im Einklang stand. ** * Dieser verständigen Entscheidung des fran⸗ zösischen Richters stelle man gegenuͤber, wie in Deutschland mit Kindern verfahren wurde, die wegen geringer Vergehen vor Gericht kamen. Darüber berichtet ein gerichtlicher Sachverstän⸗ diger, Dr. Hüls, in der„Medizinischen Reform“, wobei er beklagt, daß die ärztlichen Angaben so wenig vom Gericht beachtet werden. Es handelt sich um Eigentums⸗Vergehen und Dr. Hüls schildert die„Verbrecher“ folgendermaßen: „Ueber einen der Angeschuldigten sagt das Buch des Schularztes, daß der 14 jährige Knabe geistesschwach und der Hulfsschule für Schwachbegabte zu überweisen ist. Der Klassen⸗ lehrer nennt ihn ordentlich und fleißig, aber außerordentlich beschränkt. Der zweite Ange⸗ schuldigte wird als blutarm und magen⸗ schwach bezeichnet. Von diesen und zwei anderen Angeschuldigten besagt der Bericht des Rektors der Schule, daß sie in der Erziehung verwahrlost und sich selbst überlassen seien, weil die Eltern den ganzen Tag draußen arbeiten müssen.“ Es waren also verwahr⸗ loste und zum Teil kranke Geschöpfe mit durch⸗ aus nicht schlechten Eigenschaften, über deren „Verbrechertum“ nun der gerichtliche Sachver⸗ ständige urteilt:„Es handelt sich um Dieb⸗ stähle, leichte, schwere Diebstähle, Bandendieb⸗ stähle, Einbruchsdiebstähle, Diebstähle im wieder⸗ holten Rückfall. Wenn man die vier Verbrecher, welche in der Anklagebank hintereinander standen, sah, nahmen sich für einen, durch Kenntnis des Strafgesetzbuches und Juristerei nicht beein⸗ flußten Arzt alle diese Ausdrücke doch etwas komisch aus. Die drei vordersten Knaben überragten mit ihren Köpfen nur so wenig den Tisch, an dem sie standen, und trugen, obgleich dreizehn und vierzehn Jahre alt, in allem noch so ausgeprägt den Charakter des Kindes an sich— zwei davon gehen ja noch in die Schule— daß es dem natürlichen Gefühl wider⸗ strebt, diese Kinder wie erwachsene Verbrecher behandelt zu sehen und daß mich gerade ein Grauen überkam, als da von Gefängnis⸗ strafe geredet wurde und ich gar hörte, daß zwei dieser Kinder bereits monatelang in Untersuchungshaft gesessen hatten und aus dem Gefängnisse dem Gerichte vorgeführt wurden. Ebenso wurde der vierte der Burschen, der einzige, der körperlich weniger zurückge⸗ blieben war, von seinem Lehrer als geistes⸗ schwach bezeichnet, man konnte ihm die Stumpf⸗ sinnigkeit aus dem Gesichte herauslesen.“ Die Diebstähle selbst trugen ebenfalls ganz den Charakter des Kindlichen: Entwendung von Selterswasser, von Petersilie u. dgl. aus einer Laube, von Handschuhen, Strümpfen, einem Messer aus einem Schaukasten u. a. m., der größte„Bandendiebstahl“ war die Fortnahme von 60 Pfg. von einer Fensterbank. Seite 2. Mitteldeusche Sountags⸗Zeitung. Nr. 14. Und von diesen Knaben erhielt nun der eine, der als Anführer angesehen wurde, 6 Monate Gefängnis, nachdem er schon einige Monate in Untersuchungshaft gesessen hatte, der zweite 6Wochen und der dritte 3 Monate. Dabei hatte der Arzt über den zweiten Knaben bekundet, daß Kinder mit solchen Nasen⸗Rachenwucherungen, welche mit offenem Munde schlafen, erfahrungsgemäß in der Regel in ihrer körperlichen und geistigen Entwickelung zurückbleiben und daß auch bei diesem Knaben, der dazu auch noch einen mißgebildeten Kopf hatte, dies anzunehmen sei. Auf diese Begutachtung ging das Gericht aber gar nicht weiter ein. Die Zustände, welche hier von berufener Seite blosgelegt werden, müssen jedem Menschen von normalen Empfinden Grauen einflößen. Man wird zugeben müssen, daß eine derartige Gerichtsentscheidung nicht nur den ärztlichen Anschauungen widerspricht, sondern auch mit dem allgemeinen Rechtsgefühl nicht überein⸗ stimmt. Ganz mit Recht verlangt der ärztliche Sachverständige, daß die Kinder nicht ins Ge⸗ fäugnis gesteckt, sondern einer Erziehungsanstalt überwiesen werden sollen, um ihnen die Er⸗ ziehung zu geben, die ihnen bisher gefehlt hat. Andernfalls treibt man sie gewaltsam dem Ver⸗ brechertum in die Arme. Auch darin ist dem Arzte beizustimmen, daß man hier überhaupt nicht Personen, sondern staatliche und soziale Verhältnisse bestraft, an denen wohl der Staat oder die Gesamtheit, nicht aber die betreffenden Kinder oder deren Eltern schuld sind. Mit einer solchen Straf⸗ methode wird man niemals eine bessernde Wir⸗ kung erzielen, sondern nur Gewohnheitsverbrecher züchten. Unsere Strafrechtspflege dürfte sich deshalb die Praxis des französischen Richters Magnaud zum Vorbild nehmen. —— politische Rundschau. Gießen, den 3. April. Regierung auf Reisen. Der Staatssekretär des Innern, Graf Posa⸗ dowsky hat in der letzten Woche eine Rundreise zu verschiedenen bundesstaatlichen Kollegen unternommen, wie es heißt,„um die Finanz⸗ lage zu besprechen.“ Jedenfalls wird aber der Zolltarif der Hauptgegenstand der Minister⸗ Unterredungen sein. Erst gings nach Dresden, von dort nach München, dann nach der Schwaben⸗ residenz und schließlich wird Karlsruhe auch mit „umgestoßen“ werden. Wir glauben aber nicht, daß die Reise viel nützen wird, denn der Zoll⸗ tarif ist ja jetzt schon eine halbe Leiche, die Ministerkonferenzen werden ihn nicht mehr vom endgültigen Tode erretten.— Außer Posa⸗ dowsky reist der Reichskanzler und der lange Möller und zwar beide in Italien, wo sich auch die Postexcellenz Krütke aufhält. Die Gesund⸗ heit der Herren Minister scheint fast durchweg angegriffen zu sein. Oder sollten die Excellenzen Erholung auf Vorschuß suchen, um sich den Strapazen der Zolltarifdebatten mit kräftigen Nerven unterziehen zu können? Centrumsführer Lieber gestorben. Am zweiten Feiertage starb in Camberg, seinem Geburts⸗ und Wohnorte, einer der ein⸗ flußreichsten Führer der Centrums partei Dr. Ernst Lieber. Vor etwa zwei Jahren war er schon einmal derartig erkrankt, daß ein Ge⸗ nesung ausgeschlossen erschien, damals erholte er sich jedoch wieder und ist jetzt doch dem gleichen Leiden erlegen. Er ist etwas über 63 Jahre alt geworden. Schon frühzeitig trat er in das parlamentarische Leben ein; seit 1870 gehört er dem preußischen Landtage und seit 1871 dem Reichstage an. In letzterem war er Vertreter des 3. nass. Wahlkreises St. Goarshausen⸗Mon⸗ tabour, der mit zu den sichersten Kreisen des Centrums gehört.— Lieber hat viel mit dazu beigetragen, daß das Centrum„Regierungs⸗ partei“ geworden ist, daß es für Heeres⸗ und Flottenvermehrung eintrat und so dem Volke ungeheuere Lasten aufhalste. Du sollst nicht denken und fühlen. Dieses Gebot hat das Militärgericht für die Soldaten aufgestellt. Das Kriegsgericht in Bochum verurteilte nämlich den Oekonomie⸗ handwerker Redmann zu drei Tagen Arrest, weil er auf die Frage, warum er die China⸗ Denkmünze nicht annehmen wollte, geant⸗ wortet hatte, daß sich dies mit seiner sozial⸗ demokratischen Ueberzeugung nicht vertrage. Nach dem„Vorwärts“ wurde das Urteil bei der Verkündigung wie folgt begründet: Der bekannte Erlaß des Kriegsministers, der die Bethätigung sozialdemokratischer Aeußerungen verbiete, sei darauf gerichtet, jegliches sozial⸗ demokratische und revolutionäre Denken oder Fühlen aus der Armee zuverbannen, ganz be⸗ sonders aber jede derartige Aeußerung. Hiergegen habe der Angeklagte durch seine wahrheitsge⸗ mäße Antwort gefehlt und sei daher strafbar. So kühn wird wohl selbst der Urheber des Er⸗ lasses nicht gewesen sein, daß er sich die Herr⸗ schaft über Gedanken und Gefühle angemaßt hätte. Selbst bei unumschränkter Disziplinar⸗ gewalt mußte er nach dem bekannten Sprüch⸗ wort die Gedanken zollfrei lassen.— Wie hätte aber der unglückselige Reservist antworten sollen? Er wurde verurteilt, weil er die Wahrheit sagte. Hätte er die Frage seines Vorgesetzten unwahr beantwortet, so verfiel er ebenfalls wegen Belügen eines Vorgesetzten in Strafe! Und selbst wenn der Unglücksmensch keines von beiden gethan und die Antwort verweigert hätte, wäre er auch dann einer Verurteilung nicht ent⸗ gangen; denn die Militärgerichte halten sich für befugt, in der Verweigerung der Antwort auf eine Frage des Vorgesetzten einen„Ungehorsam“ zu erblicken. Insofern liegt dieser Fall noch krasser als ein anderer, in dem ein Soldat als Zeuge vor ein Zivilgericht auf die Frage des Richters, ob er Sozialdemokrat sei, geautworte hatte: „Im Zivil, ja!“ Er war dann kriegsge⸗ richtlich verurteilt worden, weil er— die Ant⸗ wort hätte verweigern sollen. Wenn der Rat damals ungehörig war, so ist er hier ganz unmöglich.— Nun, Reservist Redmann wird seine drei Tage Kasten abbrummen und fort⸗ an an die Vortrefflichkeit der militärischen Rechtspflege glauben. Sozialdemokratische Wahlerfolge. Bei zahlreichen Gemeindewahlen, die in der Provinz Sachsen stattfanden, haben unsere Ge⸗ nossen recht erfreuliche Erfolge zu verzeichnen. Je ein Sozialdemokrat wurde in die Gemeinde⸗ räte der Orte in der Umgebung von Halle Döllnitz, Ennewitz, Stockwitz, Gutenberg und Schweiditz gewählt. Im letztgenannten Orte ist damit die ganze 3. Klasse sozialdemokratisch vertreten, und ebenso ist ein Vertreter der zweiten Klasse Sozialdemokrat. Auch in Schnars⸗ leben(Provinz Sachsen) siegten in der dritten Klasse unsere Genossen. Auch in der Umgegend von Magdeburg wurden vergangene Woche sozialdemokratische Gemeinderatsmitglieder gewählt in Prester 1, in Legendorf 1, in Biederitz 2, in Lemsdorf 1, in Rotensee 1.— Es geht überall unablässig vorwärts! Nationalsoziale Hoffnungen. Noch immer haben die Nationalsozialen die Hoffnung nicht aufgegeben, die Sozialdemokra⸗ ten„abzulösen.“ Sie versuchen, in dem sie verschiedene unserer Genossen, so David, Schip⸗ pel, Calwer, Heine, besonders aber Bernstein als„ihre“ Leute bezeichnen, die Sozialdemokratie „auseinanderzuloben.“ Des Letzteren Wahl in den 7. hat die Hoffnungen der merk⸗ würdigen Politiker, welche die soziale Not durch Flotten⸗ und Heeresvermehrung aus der Welt schaffen wollen, wieder auf's Neue schwellen lassen. Die Hilfe, das nationalsoziale Organ, schreibt: „Wir sehen Bernstein als Vorläufer des von uns vertretenen Ideals proletarischer Politik an und gratulieren ihm deshalb warm und herzlich zu seinem Erfolg. Möge es ihm gelingen, innerhalb der sozialdemokratischen Fraktion die für praktische Politik empfänglichen Elemente um sich zu sammeln! Bis jetzt existiert die neue Richtung in zahlreichen Einzelpersonen, aber nicht als Gruppe. Es ist aber nötig, daß die David, Calwer, Heine, Schippel, Bern⸗ stein sich ihres gemeinsamen Zieles gemeinsam annehmen. Ja, wenn v. Vollmar ein Organi⸗ sator des sozialistischen Opportunismus hätte werden wollen! Er reitet aber für sich allein, läßt höchstens die Bayern mitreiten. Was er nicht thut, wartet eines Mannes, der es schafft. Ob Bernstein dieser Aufgabe gewachsen sein wird? Wir wollen es hoffen.“ Immerhin! Seit Naumanns Auftreten sind mehr als zehn Jahre verflossen. Seine„Partei“ hat seidem schon manche Enttäuschung erlebt und wird noch manche erleben. Ein bekanntes Sprüch⸗ wort sagt, wohin hoffen und harren führt. Sozialistische Kongresse haben an den Osterfeiertagen mehrere stattge⸗ funden. Die Landesversammlung der würt⸗ tembergischen Sozialdemokraten tagte in Stuttgart. Sie war von 263 Delegierten aus 123 der bestehenden 150 Mitgliedschaften besucht. Aus dem Geschäftsbericht, den der Landesvorstand vorlegte, ist zu entnehmen, daß die Organisation gegenwärtig etwa 160 Mit⸗ gliedschafter zählt. Die regelmäßigen Mitglieder- beiträge stiegen von 6331 Mk. im vorherge⸗ gangenen Jahre auf 7708 Mk. Die Gesamt⸗ einnahme des Landesvorstandes betrugen 11,245 Mk., die in der Hauptsache von dem Reinge⸗ winn der„Schwäb. Tagwacht“, der über 8694 Mk. betrug, herrühren. Der Parteikasse in Berlin wurden 1000 Mk. überwiesen. Nach Erledigung des Vorstandsberichtes sprach Reichstagsabgeordneter Schlegel in markigen Worten über die Reichspolitik und die wichtigsten Tagesfragen. Landtagsabgeord⸗ neter Keil sprach über die landespolitische Frage, besprach die Finanzlage des Landes, Verfassungsreform ꝛc.— Nach der hierauf er⸗ folgten Wahl des Landesvorstands schloß Abg. Dietz die Konferenz mit einer begeisternden Ansprache. Die sächsische Sozialdemokratie hielt am dritten Osterfeiertage ihre Landes⸗ konferenz in Meißen ab. 53 Delegierte waren anwesend und fast sämtliche sächsische Reichstagsabgeordnete. Vom Parteivorstand war Auer erschienen. Auch ein Regierungs⸗ vertreter hatte sich zu„Studienzwecken“ ein⸗ gefunden. Nach dem Berichte des Central⸗ komitees wurden Agitations⸗ und Organisations⸗ fragen erörtert, worauf Genosse Goldstein die Thätigkeit des Dreiklassenlandtags scharf und eingehend kritisierte. Liebknecht⸗Denkmal in Berlin. Auf dem städtischen Zeutralfriedhofe bei Friedrichsfelde fand Sonntag vormittag die Enthüllung des Liebknecht⸗Denkmals unter Beteiligung zahlreicher Parteigenossen statt. An der offiziellen Feier nahmen u. d. teil die Hinter⸗ bliebenen Liebknechts, Vertreter der sozialdemokra⸗ tischen Reichstagsfraktion, die Vorstände der Berliner Reichstags⸗Wahlvereine, Vertreter der Parteigenossen aus dem Reiche und einige in Berlin weilende amerikanische Parteigenossen. Nach einem die Feier einleitenden Gesange sprach der jetzige Verkreter des 6. Berliner Wahl⸗ kreises im Reichstage, Abgeordneter Ledebour, der in Liebknecht den unermüdlichen Vorkämpfer für Wahrheit, Freiheit und Recht feierte, dessen Wirken im Herzen des Proletariats bis in die fernsten Zeiten fortleben werde. Eine Reihe von Kränzen wurde am Denkmal niedergelegt. Lebhafte Diskussion. Zu einem heftigen Zusammenstoße zwischen Antisemiten und Sozfaldemokraten kam es vorige Woche in einer Versammlung in Köln. Liebermann v. Sonneberg sprach dort über: mull. aal fuld, Deut lüßre 7 schermal. futsemttri en un von seiten 0 ui don Autsemit digung. aufe siße er ge Tchirne. cher. Wo fals hat kodesmutig Irael au Fort wesen. Wickelung schaft de den letzten satz der G 1898: 579,035 Im u sich überst schaft in sutz betru Jas Diese die geno wendigkei immer m Von oft genug mißachtet Gelästen bedingun Thalsac Greiz. 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Nachdem ein Teil„Deutsch⸗ land, Deutschland“ angestimmt hatte, sang der iber Teil die Arbeitermarseillaise.— Bei iebermann ist das nicht zu verwundern. Dieser Antisemitrich benimmt sich stets mit am rüdig⸗ sten und läßt sich im Schimpfen nicht gern von seinen Genossen überbieten. Steckbrieflich verfolgt wird vom Staatsanwalt in Glogau der Radau⸗ Antisemit Graf Pückler, wegen Sachbeschä⸗ digung. Es heißt, Pückler sei nach der Schweiz ausgekniffen, nach einer anderen Mitteilung säße er ganz ruhig und unbehelligt in Klein⸗ Tschirne. Das letztere scheint uns weit glaub⸗ licher. Wo er aber immer stecken mag, jeden⸗ falls hat er sich feig verkrochen, er, der so todesmutig— redete und zum Kampfe gegen Israel aufforderte! Maulhelden! Soziales. Fortschritte im Genossenschafts⸗ wesen. Eine rapide, vorher nicht geahnte Ent⸗ wickelung hat die Großeinkaufs⸗Gesell⸗ schaft deutscher Konsumvereine genommen. In den letzten vier Jahren entwickelte sich der Um⸗ satz der Gesellschaft folgendermaßen: 1898: 1899: 1900 5,579,035 Mk. 6,296,072 Mk. 7,956,335 Mk. 1901: 15,137,781 Mk. Im neuen Geschäftsjahr setzt sich, soweit sich übersehen läßt, das Wachstum der Gesell⸗ schaft in der bisherigen Weise fort. Der Um⸗ satz betrug Januar 1900 448,804 M. i ne, ZF ee Diese Entwickelung beweist jedenfalls, daß die genossenschaftliche Organisation eine Not⸗ wendigkeit ist, und daß ihre segensreiche Wirkung immer mehr Anerkennung findet. Arbeiterinnen⸗Entehrung. Von Fabrikanten und Werkmeistern wird oft genug die weibliche Ehre der Arbeiterinnen mißachtet und diese geben ihren Körper den Gelüsten der„Herren“ preis um besserer Arbeits⸗ bedingungen willen. Eine Bestätigung dieser Thatsache brachte eine Gerichtsverhandlung in Greiz. Bei einer Schwurgerichtsverhandlung mußte ein Stuhlmeister unter seinem Eide seine intimen Beziehungen zu einer Arbeiterin beichten. Auf die Frage des Gerichtsvorsitzenden, warum sich die Arbeiterin auf diese Weise mit dem Stuhlmeister eingelassen habe, erklärte sie, weil sie dann gute Arbeit bekommen habe!“— Jeder Kommentar hierzu ist überflüssig, denn diese Aussage der Arbeiterin und des Stuhl⸗ meisters kennzeichnen so recht das korrupte Ver⸗ hältnis, wie es mitunter in den Fabriken besteht. Sozialistischer Wahlsieg in Dänemark. Bei den am 25. März in Kopenhagen statt⸗ gefundenen Stadtverordneten⸗Wahlen haben die perbündeten Liberalen und Sozialdemokraten einen glänzenden Sieg errungen, indem ihre 7 Kandidaten alle mit Mehrheiten von 13 000 bis 14000 Stimmen gewählt wurden, während auf die Kandidaten der Rechten nur 6000 bis 7000 Stimmen fielen. Sämtliche Kandidaten der Linken haben sich verpflichtet, für die Ein⸗ führung einer progressiven Einkommensteuer ein⸗ zutreten. Die früher allmächtige Partei der Rechten hat nun in der Stadtverordneten⸗Ver⸗ sammlung nur noch einen einzigen Vertreter. Von den übrigen Mitgliedern gehören 21 den Liberalen und 20 den Sozialdemokraten an. Die französische Deputiertenkammer ist nunmehr geschlossen worden. Ihre letzte Sitzung(S a mst ag s) dehnte sich bis in die Frühe des ersten Ostertages aus.— Der von der Kammer beschlossenen Verlängerung der Mandatsdauer hat der Senat nicht zugestimmt und es bleibt somit bei der vierjährigen Legisla⸗ turpertode. Dieser Senatsbeschluß, der die Ein⸗ schränkung der Volksrechte vereitelte, entspringt aber durchaus nicht dem demokratischen Gefühle der Herren Senatoren, sondern diese wollten offenbar nur beweisen, daß sie auch noch was ztau seggen“ haben.— Die Kammer⸗Neuwahlen finden nun bestimmt am 27. April statt. Die französischen Sozsialisten können nicht mit besonderen Hoffnungen in den Wahlkampf ziehen. Sie find leider noch in zahlreiche Gruppen ge⸗ spalten, die sich gelegentlich mit äußerster Schärfe bekämpfen. An Einigungsversuchen hat es zwar nicht gefehlt, doch ist bis jetzt noch kein gutes Resulkat dabei herausgekommen. Mille⸗ rands Ministerschaft bildete bekanntlich den Hauptzankapfel auf dem letzten Einigungs⸗Con⸗ gresse.— Oft genug stimmten auch die Sozia⸗ listen in der Kammer gegeneinander. Erst in den letzten Tagen schämten sich einige„ministe⸗ rielle“ Sozialisten nicht, für Bewilligung der Mittel zur Reise des Präsidenten der Republik nach Petersburg— Herr Loubet will dem russischen Väterchen einen Besuch abstatten— zu stimmen. Eine Anzahl sozialistischer Abgeordneter enthielt sich der Stimme in dieser ine 5 und nur etwa 15 stimmten dagegen. Eine böse Zer⸗ fahrenheit! Bedeutsamer Wahlsieg in Italien. In Molfetto errang die Liste der vereinigten Volksparteien einen bedeutungsvollen Sieg über die Konservativen. Von 2638 eingeschriebenen Wählern gaben 2200 ihre Stimmen ab, die extremen Parteien siegten mit 300 Stimmen Mehrheit. In Molfetto war es, wo die am Ruder sich befindenden Konservativen bei den Wahlen von 1900 300„verdächtige“ Wähler einfach aus den Listen strichen. In dieser Wahl⸗ kampagne trat die sozialistische Erziehungsme⸗ thode glänzend in Erscheinung. Die Bauern ließen sich nicht mehr von den Priestern ins Schlepptau nehmen, und selbst das Eintreten des Bischofs konnte die Niederlage der Konser⸗ vativen nicht aufhalten. Der übliche Börsen⸗ preis eines Zehnlire⸗Scheines, den man sonst pro Stimme ausgab, wurde diesmal verdoppelt angeboten, aber auch dieses half nichts. Die Bauern stimmten mit den Arbeitern für Ab⸗ schaffung der Mehlverzehrsteuer, für das unent⸗ geltliche Schulfrühstück und für Einführung einer direkten progressiven Steuer. Der Jubel über den Wahlsieg ist sehr groß. Ceeil Rhodes. Der Napoleon Südafrikas, wie man ihn genannt hat, ist gestorben. Mit ihm ist ein skrupelloser Geschäftsmann und Politiker dahin. Rhodes hat sich in Südafrika ein Riesenvermö⸗ gen erworben und hat gleichzeitig den Grund zu einem großem englischen Weltreich in Afrika gelegt: Er war die treibende Kraft bei den englischen Expansionsbestrebungen in Südafrika, die schließlich zum blutigen Zusammenstoß mit den Burenrepubliken führten. Er hat seiner Zeit den Einfall Jamesons in Südafrika or⸗ ganisiert und trägt an dem Ausbruch des un⸗ seligen Krieges schwere Schuld. Krieg in Südafrika. Für Friedensverhandlungen scheint jetzt wieder geringe Aussicht vorhanden zu sein. Die Bemühungen des Burenführers Schalk Burger mit Steijn und Dewet Ver⸗ handlungen anzuknüpfen sind bis jetzt erfolglos gewesen.— Ferner erklärte der holländische Ministerpräsident Kuiper einem Journalisten gegenüber, daß in der Angelegenheit des süd⸗ afrikanischen Krieges vorläufig abgewartet werden müsse, bis sich ein günstigerer Augen⸗ blick zu neuer Intervention biete. i Verschiedene Gefechte haben in den letzten Tagen stattgefunden, sind aber für die Engländer meist ungünstig verlaufen. Nach Mitteilung des englischen Kriegsamtes ent⸗ wickelte sich am 24. März bei Sutherland in der Kapkolonie ein Kampf, bei dem die Engländer 8 Tote, 8 Verwundete und 29 Ge⸗ fangene verloren, darunter einen Hauptmann. Sutherland liegt im Westen der Kapkolonie. Danach haben also die Engländer auf ihrem eigenen Grund und Boden eine ganz gehörige Schlappe erlitten.— Eine weitere bisher von der Censur zurückgehaltene Nachricht macht Mitteilung über ein am 6. März bei Kal⸗ vinhia stattgefundenes Gefecht. Dort wurde eine englische Kolonne unter Oberst Dorau von starken Burenabteilungen angegriffen und vollständig aufgerieben. Die Eng⸗ länder mußten dem Feinde sämtliche Proviant ⸗ wagen überlassen. Nach heftigem Kampfe wurden Oberst Dorau und 11 Mann getötet, 30 Mann verwundet. Ueber die englischen Soldaten ist in Bezug auf ihre Haltung der Burenbevölkerung gegenüber viel Schlimmes in deutschen Blättern geschrieben worden. Daß der Krieg eine un⸗ geheuere Verrohung der Soldateska im Gefolge hat, darüber kann allerdings kein Zweifel be⸗ stehen. Indessen ist bemerkenswert, was Piet Dewet, ein Bruder des berühmten Buren⸗ kommandanten Christian De Wet nach der Frkftr. Ztg. darüber gesagt baben soll. Er habe am 25. Februar in Kroonstad eine Rede gehalten, in der er alle über die Haltung der englischen Truppen verbreiteten ungünstigen Nach⸗ richten als unbegründet bezeichnete. Er per⸗ sönlich habe stets gefunden, daß der englische Soldat freundlich, großmütig und gutherzig sei. Piet De Wet hat sich verhältnismäßig früh im Kriege ergeben und lebt seit einem Jahr in Kroonstad. — Durch ein Eisenbahnunglück, das sich Ende voriger Woche bei Barterton er⸗ eignete, wurden mehr als vierzig Soldat en, sowie der Lokomotivführer, Heizer und noch ein Civilist getötet. Der Zug entgleiste, als er mit großer Geschwindigkeit einen Abhang hinab fuhr, dabet stürzte die Maschine und 6 mit Mannschaften besetzte Gepäckwagen um, wobei der Kessel der Maschine explodierte. Von Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗ kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich stren ste Gewissenhaftigkett bet Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Energische Lokomotivführer. Anläßlich des Altenbeckener Eisenbahnpro⸗ zesses erzählt die Berliner„Volkszeitung“ als ein Beispiel dafür, wie wesentlich es ist, daß die Beamten unter Umständen es auch an Entschlossenheit nach oben nicht fehlen lassen, folgende Episode aus dem Leben eines Loko⸗ motivführers: Als die Anhalter Bahn noch Privatbahn war, fuhr ein alterfahrener Loko⸗ motivführer mit einem Zuge, in dem der König Wilhelm saß, von Berlin in der Richtung nach Röderau. Auf einer Zwischenstation machte er Halt, weil das Signal nicht lauf freie Fahrt stand. Der Stationschef kam zu ihm und teilte ihm mit, daß ein von Röderau gemeldeter Zug noch nicht durchgekommen sei, er also nicht weiterfahreren könne, ehe die Strecke frei sei. Nunmußte der Zug eine halbe Stunde festliegen. Das ist höchst„fatal“, wenn„allerhöchste“ Herrschaften in dem Zuge sitzen, und wenn hohe Hofbeamte auf dem Perron Spektakel machen und versichern, daß der allerhöchste Fahrgast über den Aufenthalt sehr ungnädig sei. Der Stationschef wurde schließlich unter dem Einflusse so gewichtiger Versicherungen nervös. Er befahl dem Lokomotivführer weiter- zufahren; offenbar sei der ausgebliebene Zug schon auf einer anderen Zwischenstation ange ⸗ halten worden, wenn man sich auch nicht erklären könne, warum die Blockung davon nicht einge⸗ laufen sei. Der Lokomotivführer aber weigerte sich bestimmt, eher zu fahren, ehe er wisse, wo der entgegenkommende Zug geblieben sei. Da⸗ rüber kam es zu einem heftigen Konflikt zwi- schen den beiden Beamten. Ein Hofbeamter stellte sich auf die Seite des Stationschef und sprach in beleidigenden Worten sein Mißfallen über die„Insubordination“ des„Untergebenen. aus. Da kam der gemeldete Gegenzug mit 2 Seite 4. Mitteldeutsche Sonutagg⸗Zeitung. Nr. 14. rasender Geschwindigkeit durch die Station durchgejagt. Der Lokomotivführer wiederholte stets, er werde nie vergessen, wie der Stations⸗ chef kreidebleich und zitternd vor Schreck auf dem Perron stand, kaum im stande, sich auf den Füßen aufrecht zu erhalten. Denn darüber konnte kein Zweifel sein, daß der Hofzug und alle seine Insassen in sehr unliebsame Berührung mit dem Gegenzuge gekommen wären, hätte der denkende Führer dem Befehl des Stationschef und dem Drängen des Hofgesindes Folge ge⸗ leistet. Dieser Lokomotivführer aber war der Vater Bernsteins, unsers jetzt in den Reichstag ge⸗ wählten Genossen. Hessisches. — Großherzog und Sozialdemo⸗ krat. Daß sich auch beim letzten parlamen⸗ tarischen Abend der Großherzog wieder mit dem Genossen Ulrich unterhalten hat, veranlaßte eine Anzahl bürgerlicher Blätter zu den tollsten Sprüngen. Einige ließen dabei sogar den schul⸗ digen Respekt vor dem gekrönten Haupte ver⸗ missen, obwohl sie sonst nicht oft genug ihre zmonarchische Gesiunung“ betonen können. Der Großherzog hat nach der Frkftr. Ztg. Ulrich gegenüber bemerkt: 5 „Man hat sich das vorigemal hüben und drüben sehr darüber aufgeregt, daß ich mich mit Ihnen unterhalten habe. Mir hat das ja nichts geschadet, wohl aber Ihnen bei Ihren Genossen!“— Da irrt der Großherzog, dem Genossen Ulrich hat das nicht im Mindesten geschadet. Ulrich hat auch in diesem Sinne ge⸗ antwortet. Die„Hamb. Nachr.“ fordern in ihrer un⸗ wandelbaren monarchischen Gesinnung sogar, daß der Bundesrat gegen den Großherzog ein— schreiten soll. ——— Unsere Spediteure und Abonnenten machen wir nochmals darauf aufmerksam, daß sich unsere Expedition bei Carl Orbig Rittergasse 17, befindet. Wir bitten, bei mangel⸗ hafter Zustellung des Blattes sich sofort da⸗ hin wenden zu wollen.— Von unserer Expe⸗ dition können selbstverständlich wie bisher alle Erscheinungen der Partei Literatur bezogen werden, ebenso die Witzblätter Wahrer Jakob, Postillon etc. Gießener Angelegenheiten. — Herr Beigeordneter Wolff wurde zum Kreisamtmann in Worms er⸗ nannt, wird also am 1. Mai aus dem Ver⸗ waltungsdienst der Stadt Gießen austreten. Herr Wolff begleitet die Stelle des besoldeten Beigeordneten seit beinahe 7 Jahren und hat sich während dieser Zeit den Ruf eines tüchtigen Verwaltungsbeamten erworben. Der Arbeiter⸗ bewegung gegenüber bekundete er früher aller— dings einige Voreingenommenheit, die bei ver⸗ schiedenen Gelegenheiten zu Tage trat. — Bahnunfall. Beim Einlaufen in den hiesigen Bahnhof überfuhr am dritten Feier⸗ tage der 1.18 Uhr mittags fällige Frankfurt ⸗ Berliner Schnellzug einen großen Gepäckkarren, der in's Rollen gekommen und aufs Geleis gelaufen war. Der Wagen wurde natürlich zertrümmert. Durch die umhergeschleuderten Trümmer soll eine Dame verletzt worden sein. Aus dem Rreise gießen. — Hunnisches. Zu einer blutigen Schlägerei kam es am Mittwoch in Lich im Gasthaus zum Löwen zwischen Rekruten aus verschiedenen Dörfern der Umgebung. Besonders waren die angehenden Vaterlands⸗ verteidiger aus Grüningen und Ettingshausen beteiligt. Mehrere der Burschen wurden ver⸗ haftet. Solche Vorfälle zeigen, daß unsere Warnung an die Genossen in voriger Nr. sehr angebracht war. Aus dem Rreise griedberg⸗Püdingen. l. Volksversammlung in Vilbel. Am Sonntag vor 8 Tagen hielt hier Reichstagsabg. Ledebour einen ausgezeichneten Vortag über „die politische Lage.“ Er schilderte, wie es heute bei uns möglich ist, daß ein Kürasster⸗ general Postminister wird und dann wieder Landwirtschaftsminister, ohne daß er selbst wisse warum. Wie der Reichskanzler seine berühmte Rede für die„mäßige“ Erhöhung der Zölle hielt, sei diese dadurch berühmt geworden, daß sie durch vollständige Gedankenabwesenheit geglänzt habe. Dieser Reichskanzler sei genau ein Junker wie Bismarck, nur daß der in Kürassier⸗ stiefeln und Bülow in Lackstiefeln einherschreite. Auch die Grabschrift eines, der Ahnen Bülows „Ich bin ein mecklenburgischer Edel⸗ mann, was geht den Teufelmein Sau⸗ fen an“ beweise ebenso wie der bekannte Zuruf des Grafen Arnim„Der Vater hat viel⸗ leicht alles vertrunken“, daß diese Herren immer zuerst ans Saufen denken. Genau so beschaffen sind die notleidenden Agrarier. Je reicher sie sind, desto notleidender sind sie und desto mehr betteln sie die Regierung an. Wenn ein Handwerker kommt und beklagt sich, daß er nicht zurecht kommt, dann wird er abgewiesen, wenn aber die Söhne dieser Herren auf der Universität vielleicht alles versoffen oder im Club der Harm⸗ losen in eine Nacht Tausende verspielt haben, dann kommt der Vater und ruft nach höheren Zöllen und unsere Regierung kommt diesem Ruf entgegen und erfüllt den Herren ihre Wünsche. Dagegen werden wir uns mit aller Macht stemmen, wir wollen, daß diese Frage entweder bis nach den allgemeinen Wahlen verschoben, oder daß der Reichstag aufgelöst wird. Das Volk habe selbst zu entscheiden, ob es einer derart wichtigen Frage zustimmen wolle oder nicht. Weiter kommt Redner auf die China⸗ wirren zu sprechen, dabei genau schildernd wie dieselben verlaufen seien. Die Deutschen hätten ja nach Ansicht der Regierung keinen Krieg sondern nur Ordnung schaffen wollen. Merk⸗ würdig sei aber, daß die Deutschen immer das Pech hätten, noch mehr Unordnung zu schaffen, das hätte man ja erst kürzlich an den Arbeitslosenkrawallen in Frankfurt gesehen. Nachdem noch Redner die in Aussicht stehende Flottenvorlage, die Wegnahme der Pekinger Instrumente, die ungeheueren Ausgaben für Militärzwecke und die Kolonien gebuͤhrend be⸗ leuchtete, sowie auch das Verhalten unseres Vertreters im Reichstage des Grafen Ortola, richtete er an die Versammlung die Aufforde⸗ rung schon jetzt zu beginnen in der Aufklärung der Massen; darin muͤsse jeder sein Teil leisten, indem er die Kleinhandwerker, die Klein⸗ bauern, die Beamten und die Arbeiter darauf aufmerksam mache, was jetzt von den Mehrheitspaxteien mit Hilfe der Regierung ge⸗ plant sei und wie schädlich die Zollvorlage auf den einzelnen wirke. Die Zeit ist günstig, wenn der Magen knurrt, ist am ersten Aussicht auf Erfolg, deshalb arbeite jeder, daß bei der nächsten Wahl nicht mehr der Brod⸗ verteuerer Oriola, sondern der Gen. Busold den Kreis erobert, daß ein Strafgericht gehalten wird über diese Regierung und alle Parteien, die mit ihr sind.(An⸗ dauernder Beifall.) Da eine Diskussion nicht beliebt wurde, schloß der Vorsitzende Genosse Armbrust, nachdem noch der Gesangverein Bruder⸗ kette wie auch vor der Rede ein Lied vorge⸗ tragen, die imposante Versammlung. IJ. Ein Fall von„Kleptomanie.“ Viel besprochen wird in Friedb erg folgen⸗ der Vorfall. Einem hiesigen Metzger fehlten in der letzten Zeit des öfteren Wurst. Nachdem er dies wahrgenommen, paßte er auf und ertappte die Frau eines Handwerksmeisters auf frischer That. Da indes der Mann ein guter Patriot und bei den Wahlen ein guter Helfer ist, dürfte es immerhin nicht unmöglich sein, daß die Frau ungestraft aus der Affaire hervorgehen wird. Aus dem Rreise Alsfesd-Cauterbach. 1. Aus Alsfeld schreibt man uns: Mit dem Eintritt des Frühjahrs hoffen auch die hie⸗ sigen Arbeiter auf bessere Arbeitsgelegenheit und lohnenderen Verdienst. Denn hier mußte sich den Winter hindurch manche Familie mit sehr schmalen Bissen begnügen. Die Löhne sind sehr niedrig und die Preise der Lebensmittel ebenso hoch wie anderswo. Man sollte meinen, daß die in der That notleidende Arbeiterschaft sich endlich einmal aufraffen, und sich die Besse⸗ rung ihrer Lage angelegen sein ließe, vor allem aber energisch gegen die Lebensmittelverteuerung Stellung nehme. Zwar etwas rührt es sich schon, doch viel zu wenig!— Ich aber singe das Lied: Handwerker bin ich— zieh das Joch— Hab auch nicht viel zu brechen Und einen Bettler hab ich doch, Sogar'nen äußerst frechen! Er kommt schon an ums Morgenrot, Greif ich nach meinem Frühstücksbrot: Da steht er schon Der Herr Baron— Da hält er hin den Deckel: „Lad ab, lad ab, Du Menschensohn, Kornzoll für meinen Säckel“! Ich bin ein Tischler, manches Brett Zerschnitten meine Hände.— Ich bau die Wiege, bau das Bett Und auch den Sarg am Ende.— Jedoch bei Wiege, Bett und Sarg Der Bettler fordert seine Mark. Da steht er schon Der Herr Baron— Da hält er hin den Deckel: 0 „Lad ab, lad ab, Du Menschensohn, Holzzoll für meinen Säckel“! s wird Mittagszeit— vorläufig Schluß Fort leg ich Säg und Bohle. Was giebts?— Hei!— Schweinepökelfuß Mit schönem Sauerkohle. Doch mach ich meinen Teller leer, So zaubre ich den Bettler her: Da kommt er schon Der Herr Baron— Da hält er hin den Deckel: „Lad ab, lad ab. Du Menschensohn, Fleischzoll für meinen Säckel“! Zwei Stündchen drauf— die Alte bringt Den Kaffee mit den Tassen. Ich weiß es wohl, sie selber trinkt Ihn süß— kanns mal nicht lassen. Nun, dazu langt es noch zum Glück!— Indeß— bei jedem Zuckerstück: Da kommt er schon Der Herr Baron— Da hält er hin den Deckel: „Die Prämie her, Du Menschensohn, Als Zoll für meinen Säckel“! Und so verfolgt mich dieser Taps Als nimmersatter Fresser, Vor Aerger trink ich meinen Schnaps, Vielleicht wird mir dann besser. O, weit gefehlt— ich armer Thor— Da springt er ja erst recht hervor: Da lacht er schon Der Herr Baron— Da hält er hin den Deckel Der Kuckuck hole den Baron Zusammt mit seinem Säckel“! n. Aus Schotten schreibt man uns: Kaum irgendwo an einer Straße findet man so viele der prächtigsten Ahornbäume, wie an der Staatsstraße Laubach⸗Schotten. Exemplare von einem Stammunfang von 2—2/ m befinden sich darunter; und manchem Sommerausflügler mögen sie als Schattenspender hochwillkommen sein. Mit anderen Empfindungen betrachten aber diejenigen die schöne Allee, welche ein Stückchen Land an der Straße haben. Diesen bringen die Bäume nicht unerheblichen Schaden. Die weit ausgebreiteten Wurzeln ziehen sich oft 10—15 m. weit ins Land hinein, saugen alle Feuchtigkeit und Dungstoffe auf, während das dichte Laubdach im Sommer kaum einen Tropfen Regen durchläßt. Deshalb ist auch die Ernte an der Straßenseite gleich Null, Kartoffeln werden bei trockenem Wetter sehr bald welk, dagegen wird im freien Felde immer eine gute Durchschnittsernte erzielt. Besser wäre es, wenn die Verwaltung Obstbäume anpflanzte. Es ist auch schon vor Jahren in diesem Sinne petitioniert worden, jedoch ohne Erfolg. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Fidele Kaisergeburtstagsfeier. Vor der Strafkammer in Wetzlar standen vorige Woche mehrere junge Burschen, welche die diesjährige Kaisergeburtstagsfeier dorthin ——— 2 — Ä—!——2—2x——————f½9r Nr · 1. ehracht 10 eee — bel grrangier 10 1 Alkoho Firrlich Nauferel, lch⸗germe latten un mehrere! fekte. luftige, strafe, der zudlttiert hrüägeleien Hehreren geeisen. Feten dot hutauset Möhelig bon der, die nach faldemok 1 St Ende Jan dahin zur ch ie — J ber olige N den, hat Was den Schritte loch jede Aus! St. L hatte un herg'schen welche sti freute ur wozu nic mag geb unser Ger um seine eines hof bedienen Von der stiedigt 155 f jährige; Nang nächsten 180,1 für die) 1899 1 der Tr. und für kallassent r für gebots, gam mag Son 10 findet i bon der g Hundwer ie Ui — u, n, sohn, Nr. 14. Mitteldeulsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. gebracht hatte. Die königstreuen und patrio⸗ tischen Jünglinge hatten nämlich anläßlich dieses Tages in ihren heimatlichen Dorfe — Oberroßbach im Dillkreis— eine Feier arrangiert, bei der zwar keine vaterländischen Reden und Toaste geschwungen, desto mehr dem Alkohol zugesprochen wurde. Den Schluß der Feierlichkeit bildete eine frisch⸗fromm“⸗fröhliche Rauferei, bei der sich die Beteiligten in christ⸗ lich⸗germanischer Weise mit Knüppeln, Zaun⸗ latten und Messern bearbeiteten, so daß es mehrere nicht unbedenkliche Verwundungen ab⸗ setzte. Zwei Brüder, die sich am kampfes⸗ lustigsten gezeigt hatten, erhalten Gefängnis⸗ strafe, der eine 7 Monate, der andere nur einen zudiktiert.— Derartige Kaisergeburtstags⸗ prügeleien kamen in diesen Jahren wieder in mehreren Orten vor, auch in„besseren“ Kreisen. Merkwürdig, bei sozialdemokratischen Festen kommen doch in größeren Städten oft zehntausende zusammen, ohne daß die geringsten Mißhelligkeiten entstehen. Das kommt vielleicht von der„Verrohung und Sittenverwilderung“, die nach Ansicht unserer Gegner in der So⸗ zialdemokratie vorhanden sein soll. h Steuersekretär Sarges, der sich Ende Januar aus seiner Wohnung enfernte, ohne dahin zurückzukehren, hat sich, wie unmehr fest⸗ steht, ins Wasser gestürzt. Seine Leiche wurde vorige Woche bei Löhnberg in der Lahn gefun⸗ den, hat also zwei Monate im Wasser gelegen. Was den jungen Mann zu dem verzweifelten Schritte veranlaßt hat, darüber fehlt auch jetzt noch jede Aufklärung. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchharn. St. Osterfeier. Am ersten Feiertag abends hatte unser Gesangverein„Eintracht“ im Jes⸗ berg'schen Lokale eine Familienfeier veranstaltet, welche sich eines äußerst starken Besuches er⸗ freute und einen recht schönen Verlauf nahm, wozu nicht am wenigsten die sehr gut zum Vor⸗ trag gebrachten Lieder beitrugen. Aber auch unser Genosse Jesberg hatte alles aufgeboten, um seine zahlreichen Gäste durch Verabreichung eines vorzüglichen Stoffes usw. aufs beste zu bedienen und so werden wohl alle Teilnehmer von der Veranstaltung des Familienabends be⸗ friedigt sein. — Kontrollversammlung. Die dies⸗ jährige Frühjahrs⸗Kontrollversammlung für die Mannschaften der Stadt Marburg findet am nächsten Montag, den 7. April auf dem Kämpf⸗ rasen in folgender Weise statt: Vormittags 9 Uhr für die Reservisten der Jahresklassen 1894, 1895 und 1896; vormittags 11 Uhr für die Reservisten der Jahresklassen 1897, 1898, 1899, 1900 und 1901, sowie die zur Disposition der Truppenteile beurlaubten Mannschaften und für die zur Disposition der Ersatzbehörden entlassenen Mannschaften; nachmittags 2 Uhr für die sämtlichen Landwehrleute 1. Auf⸗ gebots, worauf wir hiermit besonders aufmerk— sam machen. — Handwerker⸗Versammlung. Am Sonntag, den 6. April, nachmittags 5 Uhr, findet im Restaurant Freidhof dahier eine von der Kasseler Handwerkskammer einberufene Handwerker⸗Versammlung statt, in welcher u. a. über die Thätigkeit der Handwerkskammer, ihre Einrichtung, Verwaltung und ihre Erlasse usw. Bericht erstattet werden soll.— Alles dies wird dem Handwerkerstande nicht viel nützen, derselbe ist bei der heutigen Gesellschaftsordnung unrettbar dem Ruin verfallen, wenn auch die hiergegen angewendeten Mittel der Macht des Großkapitals gegenüber den Todeskampf etwas verlängern. b — Roheit. Am 3. Ostertage hatten si h mehrere hiesige junge Bürgerssöhne bei Ge⸗ legenheit einer Jubiläumsfeier einen Rausch geholt. Einer derselben, welcher geistig nicht ganz normal sein soll, fiel auf der Straße hin und vermochte sich nicht wieder zu erheben. Anstatt daß nun, wie es sich gehört hätte, diese wohlerzogenen Bürgerssöhne ihren Kameraden aufgehoben und nach Hause geführt hätten, ließen sie ihn, der sich beim Fallen eine blutende Wunde zugezogen hatte, hilflos liegen und entfernten sich lachend. Eine Frau nahm sich des Verletzten an und wusch ihm das Blut ab, während ein Arbeiter die Angehörigen desselben in Kenntnis setzte, welche ihn dann nach Hause holten. Wir glauben nicht, daß in ähnlicher Lage Arbeiter einen ihrer Kameraden auf so rohe Weise im Stiche lassen würden. Das Altenbekener Eisenbahnunglück bildete am Samstag vor 8 Tagen den Gegen⸗ stand eines Prozesses vor dem Gericht in Pader⸗ born. Zwei Eisenbahner sind zu Freiheitsstrafen verurteilt, weil sie an dieser furchtbaren Kata⸗ strophe schuld sein sollen. Sie sollen den Tod von elf Menschen verschulden und der Haupt⸗ schuldige, der Blockwärter Kleinhaus, soll dafür neun Monate, der zweite und minder schul⸗ dige, Zugführer Peters, sechs Wochen ins Gefängnis. Die preußische Eisenbahnverwaltung ist gerechtfertigt— nicht sie, nicht mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen sind für das Unglück verantwortlich— die beiden verurteilten Be⸗ amten sind der Beweis, daß die Diensteinrich⸗ tungen vollkommen sind!— Liest man den Prozeßbericht, kommt man allerdings zu andrer Ueberzeugung. Als bemerkenswert sei folgende Aussage Regierungsbau rats Dahme hervorge⸗ hoben: Wenn höchste und allerhöchste Herrschaften reisen, werden weitgehende Sicherheitsmaßregeln getroffen. Meist wird die Bewachung der ganzen Strecke verdreifacht. Die Wärter stehen so nahe, daß einer den anderen sehen kann.“ Kleine Mitteilungen. ** Schlägerei und Messersteche⸗ rei. In Freiensee bei Laubach entstand in dem Lokal des Wirtes Hofmann eine Prü⸗ gelei, wobei der Wirt durch Messerstiche verletzt wurde. r Bergrutsch am Rhein. Zdwischen Bacherach und Oberwesel lösten sich in der Nacht zum 27. März große Steinmassen von den Bergabhängen los und verschütteten die Bahngeleise. Dadurch war das Geleise längere Zeit unpassierbar. Der Verkehr wurde durch Umsteigen aufrecht erhalten. Den Küphursverwaltex der Leipziger Bank, Justizrat Barth, der seit einiger Zeit vermißt wurde, fanden Wald⸗ arbeiter erschossen im Bolditzer Staatsforst⸗ revier. Neben der Leiche lag ein Revolver; an Geld hatte der Erschossene ca. 100 Mk. bei sich. ** Von der bekannten Sorte einer. Der agrarische antisemitische Agitator Lutz, Abgeordueter des bayrischen Landtags, hat sich zurückgezogen. Daß er auf einmal still geworden ist, der früher nicht laut genug über die Not der Landwirtschaft schreien konnte, hat seinen Grund mit in den Verhältnissen der mittelfrän⸗ kischen Kreisdarleheuskasse, zu deren Verwal⸗ tung Lutz gehörte und die im Jahre 1900 einen Defizit von 200000 Mk. machte. Nach berühmten Mustern zog Lutz in der Kammer gegen den jüdischen Zwischenhandel los, unter⸗ hielt aber trotzdem sehr freundschaft iche Bezieh⸗ ungen mit israelitischen Getreide- und Vieh⸗ händlern. Arbeiterbewegung. Von der Glasarbeiter Aussper⸗ rung. Noch immer sind gegen 80 Glasarbeiter vom Ring der deutschen Flaschenfabrikanten dauernd von der Arbeit ausgesperrt. Darunter sind 77 Verheiratete, welche zusammen rund 200 Kinder nebst Frauen zu ernähren haben. Das sind die Opfer eines haßerfüllten, unver— söhnlichen Unternehmertums, das Rache nimmt für das Eintreten der Arbeiter zur Wahrung ihrer heiligsten Menschenrechte. Die deutschen Arbeiter werden durch hinreichende Unterstützung dafür sorgen, daß die armen Kämpfer nicht untergehen. R Arbeitslosen⸗Unterstützung im Holzarbeiterverban d. Innerhalb des deutschen Holzarbeiter⸗Verbandes hat in den letzten Wochen eine Ur a bstim mung über die Einführung der Arbeitslosen⸗Unter⸗ stützung stattgefunden. Von den 70 000 Mit⸗ gliedern beteiligten sich etwa 40 000 an der Abstimmung, die sich mit ca. 800 Stimmen Mehrheit für Einführung der Arbeitslosen⸗ Unterstützung erklärten. Genaue Zahlen über die Abstimmungsergebnisse liegen noch nicht vor. Partei-Nachrichten. An die Partei ⸗ Vertrauensleute im Wahl⸗ kreiße Gießen⸗Grünberg⸗ Nidda! Bestellungen auf Maifestzeitungen und Festabzeichen müssen bis 8. April bei mir oder der Expedition der Mitteldeutschen Sonntgs.⸗Ztg. eingelaufen sein. Andernfalls kann für rechtzeitige Lieferung nicht garantiert werden. A. Bock, Kreis vertrauensmann Gießen, Dammstr. 22. Versammlungskalender. Samstag, den 5. April. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends Abends 9 Uhr Versammlung bei Ferd. Kröck. Marburg. Konsum Verein. Abends 9 Uhr: Oeffentl.⸗Versammlung im Café Quentin(Hocck) Steinweg 4. Sonntag, den 6. April. Gießen. Glaserverband. Vormittags 10 Uhr Versammlung bei Orbig. Montag, den 7. April. Gießen. Schneiderver band. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Dienstag, den 8. April. Gießen. Gewerkschaftskartell. Sitzung bei Orbig. Briefkasten. N. Schotten. Gewiß, Sie verfahren ganz rich⸗ tig, so sollte es überall gemacht werden.— Statut w ird beigelegt. Sorgen Sie dafür, eine Organisation zu schaffen! Chr. D. Kl.⸗Altenstädten. Für die Folgen einer Verletzung, die ein Arbeiter durch Schuld des Unternehmers erlitten, haftet der letztere, auch wenn der Betrieb nicht unfallversicherungspflichtig ist. Ob in Ihrem Falle ein Verschulden der Arbeitgeberin vorliegt, muß festgestellt werden. Wenn übrigens das Mä dchen nicht ausschließlich in der Hauswirtschaft, sondern auch im Gastwirtschaftsbetriebe thätig war, wenn auch nur einige Stunden am Tage, vielleicht mit Reinigen der Gastizmmer, Waschen der Gläser ꝛc., so mußte es der Krankenkasse angehören und hatte somit die festg e⸗ setzte Unterstützung zu beanspruchen. . Geschichtskalender. 6. April. 1897: Prozeß gegen den Anarchisten Koschemann in Berlin. 1528: Albrecht Dürer be⸗ rühmter Maler, geboren. 7. 1875: Georg Herwegh, Dichter, GBet' und arbeit'), gestorben. 3. 1835: Wilh. von Humboldt, Gelehrter und Staatsmann, gestorben. 9. 1865: Ende des amerikanischen Bürgerkrieges. 10. 1891: Kontraktbruch-Verschärfungsparagraphen — im Reichstag abgelehnt. 11. 1825: Ferdinand Lasalle geboren. 1814: Napoleon I. dankt ab. 12. 1891: Kühnemann⸗Metallarbeiter-Complott enthüllt. Abends 9 Uhr Letzte Nachrichten. Bei der am Donnerstags stattgefuadenen Reichs— tagsersatzwahl im Kreise Elbing⸗Marienburg(1. Danzig) erhielten nach den bis Abend vorliegenden Ergeb nissen: König(Soz.) 4315, Oldenburg(Kons.) 1720, Kindler(Freis. Volksp.) 1150, Zagermann(Zentr.) 990, Wagner(Natlib.) 365 Stimmen. Offenbar fehlen aus den meisten Orten noch die Resultate, doch zeigen obige Zahlen, daß für unsere Partei sehr gut gewählt wurde. Bei den Hauptwahlen 1898 wurde der Konservative im ersten Wahlgange mit 9346 Stimmen gewählt gegen 4473 sozialdemokratische, 3034 Zentrums und 1048 nationalliberale Stimmen. Bei der Landtagsstichwahl in Triebes-Hohen⸗ leuben(Reuß ä. L.) siegte der Sozialdemokrat Patzer mit 427 Stimmen gegen den Landrat Ruckdeschel, der nur 377 Stimmen erhielt. — 1 Unserer heutigen Gesamtauflage liegt ein Preisverzeichnis des Kaufhauses Cohn& Comp. in Gießen bei, worauf wir unsere Leser aufmerksam machen. 1 25* — 8 * 2 5* 5* 2 5*— ä * 1—— r *—.— I 5 3——— — 2 3 er —— ͥ 22—— .— FP* * ——* Seite 6. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 14. — 4 * e* 6 Unterhaltungs-Ceil. 5 Frühling. Strömt herein, ihr milden Frühlingsdüfte! Ach, wie wohl ist mir!— Der Winter schied. Von des Baumes allerhöchstem Gipfel Tönt der Amsel frohes Frühlingslied! Sanft, als wie aus Mutterarmen löst sich Leicht die Unospe, die vom Schlaf erwacht, Und verwundert blickt die kleine Blume In ein neues Leben, das ihr lacht. Wie die Blume ihre Hülle sprenget, Oeffnet sich der Menschheit Nerzensschrei Und es zieht mit seligem Empfinden— Göttliches Geschenk— die Liebe, ein! Strömt herein, ihr milden Frühlingsdüfte! Frühling! Du bist Herrscher dieser Welt, Alles atmet wonnig deine Lüfte Aller Herzen hast du neu erhellt. Kathi Gruner. Pappel. Von Jean Julllien, In dem stillen Forsthaus verkündete die Kuckucksuhr mit großem Lärm die zehnte Stunde. Bernard, der mit dem Kopfe auf den ge⸗ falteten Händen auf dem Tische schlummerte, richtete sich auf und reckte sich mit lautem Gähnen; dann ging er mit lauten Bemerkungen im Zimmer auf und ab. Aus dem Nebenzimmer fragte eine weiner⸗ liche Stimme:„Du willst heut Nacht noch eine Runde machen?“ „Ein Bischen! Bei diesem bewölkten Him⸗ mel sind wohl alle unsere Strauchdiebe im Walde.“ „Laß sie doch in Ruhe! So viel Unheil due sie ja gar nicht an! Es ist soviel Wild a 1¹ Bernard, zuckte die Achsel. War er Förster des Herrn Legrand, ja oder nein? Hatte er geschworen, die Besitzung zu schützen und den Gesetzen Respekt zu verschaffen? Und seine Pflicht, seine Aufgabe? Wie stellte sie sich da⸗ zu? Was würde wohl aus der Autorität, wenn man auf die Weiber hörte! Man würde dann ruhig die Jagden zerstören lassen, kein Wild mehr züchten und es nur für die Herrn Wilddiebe vor dem Wiesel und dem Iltis schützen! Er knöpfte seine Gamaschen an, zog seine Pelzmütze bis über die Ohren und ergriff sein Gewehr. „Ich weiß dich so ungern draußen, bei all den schlechten Kerls, die alle Gewehre haben! So was geht so schnell! Set vorsichtig, wage Dich nicht zu weit vor; es lohnt nicht, daß Du Dein Leben aufs Spiel setzt. Nimm Dich namentlich vor dem„Schießjohann“ in Acht!“ „Ach, der„Schießjohann“, der Boitel“.. Vor dem habe ich ebenso wenig Angst wie vor den Andern; wenn er mir auch gedroht hat; wenn ich ihn treffe, kann er sich darauf ver⸗ lassen, daß ich ihn anzeige; und das kann ihm teuer zu stehen kommen!“ Das auf der Lichtung des früheren Buire⸗ walds in den Ardennen, des jetzigen Legrand⸗ gehölzes, gelegene Försterhaus wurde von den zum Flecken und zu den Wiesen führenden Wegen eingeschlossen. Als Bernard draußen stand, streckte er einen Augenblick den Kopf aus und schien nach rechts und links zu schnuppern, ob etwa ein Wilddieb in der Nähe wäre; darauf betrat er den Wald⸗ weg, den ein schmaler Streifen Himmel zwischen den Wipfel der dunkeln Bäume beleuchtete. Das Wetter war gut, um beim Teiche auf den Anstand zu gehen. Er schlich sich zwischen das Dickicht durch einen unbekannten Fußpfad, an dessen Ende man das Glitzern eines Wasser⸗ spiegels bemerkte. Mit schweren, von hohem Grase gedämpften Schritten ging er langsam bis zu einer aus Zweigen hergerichteten Hütte und stellte sich dort auf * Nein, vor dem„Schießjohaun“ hatte er keine Angst! Das war etwas für die Bauern, vor den Drohungen dieses Taugenichts zu zittern: er hätte etwas darum gegeben, wenn er noch in dieser Nacht mit Boitel zusammengestoßen wäre! In dieser niedrigen Hütte auf der feuchten Erde kauernd, ganz Auge und Ohr, dachte er begeistert an die Menschenjagd. Seine Rolle erschien ihm größer, seine Mission wurde fast göttlich. In dieser Einöde und Finsternis war er gleichsam das Auge Gottes, das stets auf das Werk der Bösen herniederblickte. Er war der größte Rächer, er berauschte sich an seiner Autorität und bewunderte sich selbst, daß er solche Rechte besaß und so über den andern Menschen dastand. 1 Ein verdächtiges Knistern ließ sich im Ge⸗ strüpp vernehmen; eine menschliche Gestalt zeichnete sich auf dem klaren Spiegel des Teiches ab. Bernard verschwand zwischen dem Schilfe und tauchte dann vor dem Manne auf. „Ach, guten Tag, mein alter Bernard!“ sagte der andere mit der größten Seelenruhe, indem er das in der Schlinge gefangene Wild weiter in seine Jagdtasche steckte:„Wie geht's? Gut?... Und bei Dir zu Hause? Frau und Kinder, Alles wohl?... Na, um so besser! Du hast heut Abend schönes Wetter für Deine Runde. Da wirst Du aber Wild⸗ diebe fangen!... Eben hab' ich gerad einen 1 1 Er ging in den reservierten Jagdbe⸗ zirk!“ „Genug der Worte! genug!“ knurrte Ber⸗ nard, der nur uoch mit Mühe an sich hielt. „Du wirst mir folgen!“ „So! Mach' keine Dummheiten! Du er⸗ innerst Dich, was ich Dir versprochen, wenn Du mich noch einmal anzeigst! Ich werde mein Wort halten; ich 1100 nie!“ „Ich weiß nur so viel, daß Du ein Dieb bist und daß ich Dich verhafte.“ „Das Wild ist einen Tag da, morgen wo anders, es gehört weder Dem noch Dem. Ich betrieb das Gewerbe, bevor Dein Herr hier war; Niemand beklagte sich darüber, und alle Leute aus der Gegend sind für mich!“ „Sie wissen Alle, was sie erwartet, wenn sie Dich anzeigen, aber mir machst Du nicht bange!“ „Gut! Hier ist mein Gewehr, meine Netze, meine Tasche zeige mich an, verhafte mich; führe mich nach der Gendarmerie... Na, nimm sie doch; worauf wartest Du denn? Fürchte nichts, ich werde Dir folgen, wenn ich Dir's sage, ist es so, ich lüge nie!“ Der Forsthüter machte unerhörte Anstregung, vorzuschreiten; doch eine unsichtbare Kraft schien ihn zu lähmer; schließlich ward er es müde, gegen sich selbst anzukämpfen, und er brummte in verdrießlichem Tone:„Geh' Deiner Wege, Boitel! Geh' Deiner Wege! Aber geh' schnell!“ Damit drehte er ihm den Rücken und schob den Riemen seines Gewehes zurecht. „Das laß ich mir gefallen! Es ist auch besser, wenn wir uns Beide als Kameraden zu einanderstellen!... Im Jagdbezirk wirst Du schon welche finden, die sich gern fassen lassen. Auf Wiedersehen Bernard!“ Er ließ ihn gehen, wo er ihn packen konnte? Weshalb? Das konnte er sich selbst nicht er⸗ klären. Die Ruhe, die Sicherheit Boitels hatte ihm die Ermahnungen seiner Frau ins Ge⸗ dächtnis zurückgerufen, dieser lange Kerl hatte eine Manier, einem gerade in die Augen zu sehen und dazu zu sagen:„Ich lüge nie!“ Er sah so entschlossen aus, daß sich Bernard un⸗ willkürlich trotz der guten Gründe, die er ins Feld führen konnte, besiegt fühlte. Stand sein N willkürlich höher als das Bischen Trotzdem kam er wieder zu sich, je mehr er sich von dem„Schießjohann“ entfernte; es war seine Pflicht, Boitel um jeden Preis zu verhaften; er hatte wie ein Hasenfuß, wie ein Feigling gehandelt. Was würde man sagen, wenn die Geschichte jemals ruchbar wurde? Auf gewilderte Rebhühner und Hasen achtete er in seinem Zorne gar nicht mehr; vor Allem war er auf sich wütend, weil er die Autorität, auf die er stolz war, hatte verhöhnen lassen. Dieser Gedanke empörte ihn dermaßen, daß er auf dem Sprunge stand, umzudrehen, dem Wilddieb eine Portion Schrot nachzuschicken und ein⸗ für allemal ein Ende mit ihm zu machen, damit das Gesetz Recht behielt. Doch wozu? Er hätte die ganze Gegend, die Boitel so ergeben war, gegen sich aufgebracht. Ber⸗ nard setzte fluchend und wetternd seinen Weg nach dem Jagdbezirk fort, er war auf sich noch wütender als auf„Schießjohann“. Er war also nichts, gar nichts, man konnte sich unge⸗ straft über ihn lustig machen; seine Autorität war also thöricht, willkürlich ungerecht; ja, er wagte sich nicht einmal mehr auszuüben. Sein altes Unterofftzierblut wallte auf. Der Förster sah sich bereits seines Amtes enthoben; denn er mochte den Wald noch so trefflich verwalten, Herr Legrand glaubte wie alle Besitzer nur den Anzeigen und Protokollen. Um jeden Preis mußte er einen Wilderer fassen, um jeden Preis! Boitel hatte wahr gesprochen; in dem Ge⸗ strüpp lauerte ein Mann auf die Kaninchen, die aus den Erdgruben kamen. Bernard er⸗ kannte ihn; es war ein halb verkrüppelter, halb schwachsinniger Landstreicher, der vom Betteln lebte und den man in der Gegend wegen seiner langen Gestalt und seiner Magerkeit die Pappel nannte. In einigen Sätzen war der Förster bei ihm, hatte ihn, bevor der Andere noch Zeit zur Verteidigung fand, zu Boden geworfen und an beiden Armen gefesselt. Nun ließ er seiner Wut freien Lauf und überschüttete den Unglück⸗ lichen mit allen Schimpfreden, mit denen er gar zu gern Boitel belegt hätte. Bei diesem hier hatte er nichts zu befürchten; hier konnte er seine Autorität gebrauchen; ja, er konnte sie sogar mißbrauchen; der Schwachsinnige hatte nie Jemand bedroht, er war dazu sogar außen Stande. Pappel beschränkte sich darauf weinend um Verzeihung zu bitten, und wiederholte, er glaube kein allzu großes Verbrechen begangen zu haben, denn er wollte das Kauinchen, das er gefangen, nur essen; außerdem wimmelte es ja im Walde von Kaninchen, die man schon zum Vergnügen abschießen sollte. Natürlich! Wenn man nichts besaß, dann hole man es sich bei Andern! Bernard lachte jetzt, Pappels Sache stand gut, man hatte ihn bei der Nacht auf einer Privatbesitzung betroffen, wie er die Erdgruben zerstörte! Er konnte da⸗ rauf rechnen, daß die Richter, die alle Jäger waren, ihn nicht schonen würden. Man beob⸗ achtete ihn schon lange, er war an all den Schäden und Diebstählen schuld, über die man sich in der Gegend beklagte. Und die Richter, die guten Richter, würden ihn im Gefängnis verschimmeln lassen! Jawohl: verschimmeln! Damit er ihm nicht entwischte, packte Bernard den Verbrecher bei den Schultern, betrat wieder den Waldweg und führte ihn der Gendarmerie zu. Pappel ging betrübt, von dem Gedanken an die Richter, die Gendarmen und das Ge⸗ fängnis ganz verblödet neben ihm her. An einer Wegkrümmung riß er sich mit heftigem Rucke aus Bernhards Händen los und entfloh, so schnell er konnte. Doch er lief nicht weit. Ein Schuß krachte und sein großer, magerer Körper stürzte in das Heidekraut; das Schrot hatte getroffen und ihm die Brust zerrissen. „Du sollst Dich wenigstens nicht mehr über mich lustig machen!“ rief Bernard, als er be⸗ merkte, daß der Landstreicher auf der Stelle tot geblieben war. ann gab er ohne Bedauern, ja sogar mit einer gewissen Genugthuung seine Erklärung ab. Der Förster hatte seine Feigheit, die er Boitel gegenüber bewiesen, wieder ausgewetzt; er stieg wieder in seinen eigenen Augen; er hatte seine Autorität wiedererlangt und bewiesen! Was hatte Pappels Leben dagegen zu bedeuten! Der Gendarmeriebrigadier, der Maire, der Pfarrer, der Friedensrichter beglückwünschten ihn. Herr Legrand überreichte ihm eine Prämie von hundert Franken; man schrieb seinen Namen in das Ehrenbuch der Förster, und sogar Boitel stellte sich ein, um seinem„alten Freunde Ber⸗ nard“ die Hand zu schütteln. Die Frau hatte doch recht gehabt! Gulbstbel ien iche 1. 15 schiede 9 Sie denselben thodogle, das sche eie wir 0 auffa Sie Wil Haben. fin. Schafft dieser N. und ber Bildung sch zut Grenzflü Das Al möglich Und das finden. Dachtigk wird fu Diese N haben,! Unter! Nation Merikt den Au hundert lich der gegessen daß, w. chen! lige N diesem den die überflu licht u willen; lichen und e Malth bersor zu en Biene Zelten der w ein De seins Unter! Erde! als Bi i der Recht, des Ge des N. aufge ul. Ein Enhet lasttent, Ar. 14. n lassn. daß er zuschicen n zu . ah de Boitel 9 u We sich 5 Er wat Autoritt t; n, er cl. 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Sie wird keinen Unterschied finden zwischen einem General und einem Schlächter; der Purpur des einen wird ihr nicht sehr ver⸗ schieden vorkommen vom Rot des anderen. Sie wird erstens für die Autorität ungefähr denselben Respekt haben, den wir für die Or⸗ thodoxie empfinden; ein Preßprozeß wird ihr das scheinen, was uns ein Hexenprozeß scheint. Sie wird die Verfolgung gegen die Schriftsteller so auffassen, wie wir gegen die Astronomen. Sie wird die höchste Gerechtigkeit der Güte haben. Sie wird empört gegen alle Barbareien sein. Die Erscheinung eines sich erhebenden Schaffots wird ihr Abscheu verursachen. Bei dieser Nation wird die Strafthätigkeit schmelzen und verkümmern, als Folge der wachsenden Bildung und Erziehung, wie das Eis in der sich zur Mittagsglut erhebenden Sonne. Den Grenzflüssen werden die freien Flüsse folgen. Das Abbrechen einer Brücke wird ebenso un⸗ möglich sein, wie das Abschneiden eines Kopfes, und das Kanonenpulver wird andere Verwendung finden. Der Salpeter, der gegenwärtig die Dichtigkeit besitzt, die Brust zu durchbohren, wird funktionieren, um Berge zu zerschmettern. Diese Nation wird als Gesetzgeber eine Urkunde haben, die dem natürlichen Rechte gleichkommt. Unter dem Einfluß dieser alles bewegenden Nation werden die unausmeßbaren Länderstrecken Amerikas, Astens, Australiens den civilisteren⸗ den Auswanderen eröffnet werden. Jene acht⸗ hunderttausend Büffel Südamerikas, die jähr⸗ lich der Häute wegen verbrannt werden, werden gegessen werden. Diese Nation wird sich sagen, daß, wenn es auf der einen Seite des Atlan⸗ tischen Oceans Büffel hat, so hat es auch hung⸗ rige Menschen auf der anderen. Und unter diesem Eindruck wird der lange Zug der Elen⸗ den die ungekannten, fetten, reichen Einsamkeiten überfluten. Man wird nach Kalifornien gehen, nicht um des Goldes wegen, aber um der Erde willen; die Hungerleider Barfüßler, die schmerz⸗ lichen ehrenwerten Brüder unserer kurzsichtigen und egoistischen„Glanzperiode“, werden trotz Malthus unter derselben belebenden Sonne versorgt werden. Die Menschheit wird von der zu eng gewordenen Mutterstadt gleich einem Bienenschwarm ausschwärmen, um mit ihren Zelten den neuen Kontinent zu bedecken. Jeder, der will, wird auf dem jungfräulichen Boden ein Dach, ein Feld haben und sich des Wohl⸗ seins und des Reichtums der Natur erfreuen; unter der einzigen Bedingung, auf der ganzen Erde die Menschheitsidee zu pflegen und sich als Bürger und Arbeiter der Welt zu betrachten, in der Weise, daß das natürliche, menschliche Recht, die erhabene Freiheit, diese Herrschaft des Geistes über die Materie, diese Souveränität des Menschen über das Tier, weit entfernt, e zu sein, Gemeingut aller Menschen wird. Einheit der Sprache, Einheit des Maßes, Einheit des Meridian, die Abschaffung des Pa⸗ rasitentums werden einen unberechenbaren Mehr⸗ wert geben, kein Müßiggang mehr, das Gewehr im Arm, die gigantischen Ausgaben für Kriegs- zwecke aufgehoben, die vier Millionen junger 1 Aräftiger Arbeiter, welche die Uniform annulliert, der Agrikultur und Industrie zurückgegeben. Ueberall das Eisen in Form von Schwert und Kette verschwunden und umgeschmiedet zur Form der Pflugschar. 8 a Keine Ausbeutung mehr, überall die Wich⸗ tigkeit des einzelnen gewürdigt durch alle. Die Gleichheit ansgehend von der Erziehung, die Züchtigung erketzt durch die Belehrung, das Gefängnis verwandelt in eine Schule, die Un⸗ wissenheit aufgehoben, ein Mensch, der nicht zu lesen vers 910 ebenso rar wie der Blindgeborene. Diese Nation wird sich nicht Frankreich nennen, sie wird Europa heißen. Sie wird heißen Turopa sm zwanzigsten Jahrhundert und in den folgenden 85 110 klärteren Jahrhunderten wird sie die Mensch⸗ heit heißen. Aber dasjenige, was sich vor den Augen des neunzehnten Jahrhunderts abspielte, ist die Neubildung Europas. In dem gegenwärtigen Moment, in dem wir leben, ist eine erhabene Keimung wahrnehmbar in den Flanken der Civilisation, dort keimt das einige Europa. „Diese werdende Nation zuckt bereits im gegen⸗ wärtigen Europa wie das geflügelte Wesen in der Larve. In diesem Jahrhundert wird sie ihre zwei Flügel entfalten, der eine entwickelt von der Freiheit, der andere vom Willen. N Litterarisches. Die Neue Zeit, das wissenschaftliche Organ der Sozialdemokratie, beginnt mit dem 4. April erscheinenden Hefte den zweiten Band ihres zwanzigsten Jahrganges. Wir nehmen dabei Veranlassung, unsere Genossen, denen es möglich ist und die das Bedürfnis haben, sich außer ihrer politischen und gewerkschaftlichen Zeitung noch weitere geistige Anregung zu holen, auf diese Zeitschrift aufmerk⸗ sam zu machen.— Die Neue Zeit ist nicht blos ein Organ der Theorie, sie verfolgt auch die Exeignisse des Tages, soweit ihre Bedeutung den Tag überlebt. Und sie beschränkt sich nicht auf die Untersuchung der politischen und ökonomischen Entwicklung, wenn auch diesen ihr Hauptaugenmerk gilt, sondern zieht auch die Ergebnisse des künstlerischen, litt erarischen und natur⸗ wissenschaftlichen Wirkens in ihr Bereich. All⸗ wöchentlich erscheint ein Heft zum Preise von 25 Pfg. Die„Neue Zeit“ kann von unserer Expedition bezogen werden. Die Sozialistischen Monatshefte haben soeben das Aprilheft ihres VIII. Jahrganges er⸗ scheinen lassen. Aus dem Inhalt desselben heben wir hervor: Adolph von Elm: Sozialdemokratie und Arbeiterschaft.— Eduard Bernstein: Zur jüngsten Entwickelung der französischen Sozialdemokratie.— Wolfgang Heine: Neuestes von unserm Vereins ⸗ und Versammlungsrecht.— Paul Göhre: Das religtöse Problem im Sozialismus.— Dr. Hug o Lindemann(C. Hugo): Zur Kritik der sozialdemo⸗ kratischen Communalprogramme.— Helma Stein⸗ bach: Gefährliche Strömungen in der Genossenschaftsbe⸗ wegung.— Dr. Albert Südekum: Die Zuckergesetz⸗ gebung Frankreichs.— Fany Im le: Die Arbeits⸗ losenunterstützung in den deatschen Gewerkschaften. ꝛce. Preis des Heftes 50 Pfg. Probehefte können von der Expedition in Berlin W. Lützowstr. 85 àa bezogen werden. Humoristisches. Eine Anekdote von Viktor Hugo. Als Viktor Hugo 1832 seinen berühmten Roman„Notre Dame de Paris“(Unserer lieber Frau von Paris) geschrieben hatte, der den Titel nach der berühmten Hauptkirche von Paris trägt, nahm die Zahl der Be⸗ sucher des herrlichen Bauwerks stark zu und der Pförtner der alten Basilika heimste reiche Trinkgelder ein. Eines Tages erschien auch Viktor Hugo mit einigen befreundeten Damen dort, um ihnen„seine Kathedrale“ zu zeigen. Als sie ganz oben auf dem Turme angekommen waren, öffnete der Pförtner plötzlich die Thüre einer Zelle nnd sagte:„Hier, meine Herrschaften, hat Viktor Hugo seine Geschichte der Notre Dame Kirche geschrieben; da steht noch sein Tisch, sein Stuhl und sein Bett.“ „Mein lieber Freund,“ sagte der Dichter lachend,„ich danke Ihnen für diese historischen Details, die mir un⸗ bekannt waren. Ich bin nämlich— Viktor Hugo!“ Sprach's und drückte dem verblüfften Führer ein Trink⸗ geld in die Hand. Prinz Heinrich befichtigte auch das Staatsge⸗ fängnis zu Illinois. Alle Arten von Verbrechern wurden ihm gezeigt.„Aber wo bewahren Sie die Majestätsbeleidiger auf?“ fragte schließlich der Prinz. Verlegen antwortete man ihm:„Wir haben keine.“ —„Na, beruhigen Sie sich,“ sagte der Prinz mit dem bezaubernden Lächeln, das ihm im Sturme die Herzen Amerikas erobert hat,„ganz vollkommen ist nichts auf dieser Welt.“ ** * Die kleinen Knaben find eben in die Schule aufge⸗ nommen und der Lehrer fragt sie, ob sie denn auch Abends vorm Zubettgehen beteten. Allgemeines Schweigen. Um ihnen die Antwort zu erleichtern, fragt er Schillings Emil:„Nun, Emil, was sagt denn Deine Mutter, wenn sie Dich ins Bett bringt?“ Hierauf Emil: „Emil, geh noch mal uffn Topp!“ unn 8 109 ll h l ad nie d MaAauaDeinaöst nan 4 4 Ae 4 91 Don- fmanden⸗ (ider! Wenn Sie einen Sohn zu kon⸗ firmieren haben, so fragen Sie Ihren nächsten Nachbar, welcher im verflossenen Jahre dieselbe Freude hatte. Dieser Mann wird Ihnen, wenn er glaubwürdig ist, was man voraussetzt, sagen: In den oberhessischen Kleide-Baza H. Möller Marburg da wirst Du reell bedient, da kannst Du Dir unter 100 und aber 100, Anzügen, vom billigsten bis zum feinsten, ebenso einzelne Röcke, Hosen, Westen, Hüte, Stiefel, Cravatteu, Hemden, Kragen ꝛc. ꝛc., für Land und Stadt passend, aussuchen. Fach Maß werden die feinsten Anzüge in eigener Werkstätte von Ie Direktion eines tüchtigen Znschneiders angefertigt Ind auf Verlaugen nach 8 Di Stunden abgeliefert. Preise: Rock, Hose und Weste Mk. 7.— 1 Paar Stiefel„ 5.— 1 feiner Hut 7 50 Die sehr beliebten blauen Diagonal⸗ und Kammgarn⸗ Anzüge sind in Prachtware am Lager. Bei dieser Gelegenheit empfehle mein enormes Lager in: Herren⸗Anzügen, Röcke, gosen, Westen Kirchen Röcke Un. Hochzeits⸗Anzüge als Spezialität Sommer-Loden-ZJoppen für Haus, Comptoir, Garten, Jagd. Leichte Joppen aus grünem Jagdleinen, Piqusé, Lister ꝛc. ꝛc. Kinder⸗Anzũüge tinallen Qualitäten. Strohhüte. 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