11. hn, Der Hessische Vote Sonntagsblatt für Stadt un d an. A ls Beilage zum Giesser Anzeigeblatt. Nro. 13. Des Hessischen Boten f gesammelte Schilderungen und Betrach⸗ tungen des menschlichen Lebens. 3 Des Großvaters Antritt seines sie⸗ ben und siebenzigsten Lebensjahres. Erinnerungen aus meinem Jugendleben. IV. Unter genußreichen, der Erinnerung an ver⸗ gangne Zeiten gewidmeten Gesprächen nahmen wir das Frühstück ein;— da schallten sanfte Töne mehrerer Blasinstrumente zu uns herauf, und ein vierstimmiger Gesang erhob sich unter den Fenstern der stillen Pfarrwohnung. Aeltere und jüngere männliche und weibliche Glieder der Gemeinde hatten sich, festlich geschmückt, in dem Pfarrhofe zahlreich eingefunden, um ih⸗ rem greisen Seelsorger, der ihnen fünfzig Jahre lang, als ein treuer Hirte mit Nath und That 0 beigestanden, die Tiefen der beseligenden Lehre Jesu erschlossen und ihre hohen Tröstungen mit⸗ getheilt hatte, den warmen Dank und die inni⸗ ge Verehrung, welche sie gegen ihn hegten, an diesem großen Festtage seines Erdenlebens kund zu geben. Unter Begleitung von Blasinstrumen⸗ ten sangen sie nach der Weise:„Mein ganzer Sonntag den 25. Maͤrz Geist Gott wird entzückt„“ folgendes zur Fei⸗ er des Tages eigends gedichtete Lied: Dem Himmel Bürger zu erziehn, Lob, Preis und Dank dir, Herr der Welt, Der liebevoll die Seinen hält, Sie schirmet und beglücket; Der einen Führer uns verliehn, Mit Weisheit ihn geschmücket. Guter Vater! Vor dich treten wir und beten für den Treuen, Dem wir unsere Lieb erneuen. Er weihte seine Lebenszeit Uns lieberfüllt, war stets bereit Der Brüder Heil zu gründen. Ihn zieret hehrer Würde Glanz; Schlingt Eichenlaub zum grünen Kranz, Die Schläf' ihm zu umwinden. Greiser Führer! Wir erneuen dir dem Treuen unsre Liebe Aus des Dankes reinstem Triebe 1 Dem Samen, den er ausgestreut Mit regem Fleiß so lange Zeit N Gib, Herr der Welt, Gedeihen! Jenseits im ew'gen Heimathland Wird, Vater, deine Segenshand Den Siegskranz ihm verleihen. Ewig selig 7 festliche Gaben; alle brachen in den Nuf aus: Jenseits werden die auf Erden weise leben; Sternenkronen sie umgeben. Der Jubelgreis war unterdessen in den Pfarrhof hinabgegangen, wir seine Kinder und Enkel wa⸗ ren ihm in einiger Entfernung gefolgt. Seg⸗ nend breitete er seine Hände über die versam⸗ melten Gemeindeglieder aus, und rief mit von Thränen erstickter Stimme: Gottes Segen über euch, meine vielgeliebten Kindlein, denn solche seidt ihr in der langen Reihe von Jahren, wel- che ich unter euch lebe, meinem Herzen gewor— den, Gottes Segen über euch und alle die Eu⸗ ren! Dann faltete er still seine Hände und schau⸗ te mit unaussprechlich viel sagendem Blicke zum lichtblauen Himmel auf, tief im Innern den anrufend für das Wohl der ihm anvertrauten Herde, welcher, ein Geist der Liebe, alle dieje⸗ nigen, die ihn suchen, seine heilige Nähe em⸗ pfinden läßt.— Mit entblößten Häuptern in andächtiges Flehn versunken umstanden ihn sei⸗ ne Pfarrkinder; die Gefühle, welche ihre Her⸗ zen erfüllten, malten sich in ihrem Aeußeren; oͤffnete sich auch keine Lippe, so sprach doch aus allen der heiße Wunsch: lange noch wolle der gütige Vater im Himmel unsern treuen, in Ehren ergrauten Hirten zum Heile seiner, ihm so in⸗ nig anhangenden, Heerde, uns erhalten.— Durch daurende Ergebenheit und treues Fest⸗ halten an dem für wahr Erkannten ihm seinen Le⸗ bensabend zu verschönern, sind wir alle bereit!— Jetzt öffneten sich die Reihen; einige der älte⸗ sten Gemeindeglieder schritten auf den Ehrengreis zu und setzten auf sein silberweißes Haupt einen in lieblichem Grüne prangenden Eichenkranz; jüngere Glieder der Gemeinde folgten und über⸗ reichten ihrem vielgeliebten Seelsorger einige Heil unserm edlen Freunde, unserm Lehrer, unserm Vater! Heil ihm und den Seinen! Tief ergriffen dankte der durch die Liebe der Seinen hochbeglückte Greis, ging unter seinen Pfarrkin⸗ dern umher, reichte einem nach dem andern die Hand und sagte einem jeden von ihnen einige wenige, aber Geist und Gemüth ansprechende Worte. Die Morgensonne umleuchtete die im Geiste in eine höhere Welt versetzte Versamm⸗ lung; alle empfanden die Nähe des großen Got⸗ tes und in flammender Begeisterung stimmten sie unter Posaunenschall' an das herrliche unter ben die Glocken der frommen Christenschaar dag Zeichen, daß die der Verehrung des de weihten Hallen ihrer harrten und geräuschlos schritt Alt und Jung dem Gotteshause zu.— Zur Laͤnder⸗ und Voͤlkerkunde. Kamtschatka und seine Bewohner. III. „Die Kamtschadalen sind ein äußerst gutmü⸗ thiges, gastfreies und furchtsames Völkchen durch Farbe und Gesichtsbildung mit Chinesn und Japanern nahe verwandt. Sie bekenmn sich sämmtlich zur christlichen Religion, habn aber doch heimlich noch manche heidnischen Ge bräuche beibehalten, unter welche besonders das Tödten ihrer krüppelhaften Kinder zu rechnen ist. Ehedem glaubten die Kamtschadalen an einen allmächtigen Schöpfer der Welt, welchen sie Kutka nannten. Er bewohnte den Himmel, hatte sich aber einige Zeit in menschlicher Gestalt in Kamtschatka aufgehalten, und war der Stamm— vater der Kamtschadalen geworden. Auch bei ihnen fand man die Sage von einer allgemeinen Ueberschwemmung, und sie zeigen noch jetzt auf der Spitze eines Berges den Ort, wo Kutka auf einem Boote gelandet seyn soll, um die Welt mit Menschen zu versehen. Ein noch jetzt in Kamtschatka allgemeines Sprüchwort, um eine längst verflossene Vergangenheit auszudrücken, ist: das war zu Kutka's Zeit. Außer dem höch⸗ sten Gotte Kutka hatten sie noch eine Menge Un, tergötter, welche ihre Einbildungskraft zum Theil auf Berge, in Wälder, Gewässer und in die Luft versetzte. Sie beteten solche an, so lange ihre Wünsche erfüllt wurden, und schimpften sie aus, sobald es ihnen nicht nach ihrem Sinne ging, ähnlich dem gemeinen Italiener, der, ärgert er sich über ein Mißgeschick, seine Mütze abnimmt, so viel Heiligennamen, als ihm ge— rade einfallen, hineinspricht und dann mit Fü⸗ ßen tritt. Zwei aus Holz geschnitzte Hausgötter, Aschu— schok und Hontai, standen bei ihnen in beson⸗ derm Ansehen. Ersterer hatte die Figur eines Menschen, und sein Amt war, die Walbgeister vom Hause zu verscheuchen, wofür er auch ge⸗ speist wurde, indem man seinen Kopf täglich dem Namen des ambrostanischen Lobgesangs be⸗ kannte Lied: Herr Gott dich loben wir; da ga— mit Fischbrühe besudelte. Hontai war halb Mensch und halb Fisch; es wurde jährlich, am a8 a e⸗ 8 nü⸗ en, sen en ben He⸗ das is nen sen Atte im⸗ bei ien auf auf t in eine ken, öch⸗ Un⸗ zum d in inge n sie inne der, kütze i ge⸗ Fü⸗ schu⸗ eson⸗ ines ister N ge⸗ lich halb am Velt g Tage der Reinigung von Sünden, ein neuer verfertigt und neben den alten gestellt, so daß die Zahl der Hontai's die Zahl der Jahre an⸗ zeigte, welche die Bewohner in einer Behausung verlebt hatten. An ihre eigene Unsterblichkeit, so wie an die aller Thiere, glaubten die Kamt⸗ schadalen und nahmen an: auch in dem künfti⸗ gen Leben müßten sie sich ihren Unterhalt durch Arbeit erwerben, hofften aber: die Arbeit werde leichter und die Ausbeute immer hinlänglich seyn, um nie Hunger zu leiden,— ein Be⸗ weis, daß auch schon damals der Fischfang nicht immer ergiebig gewesen seyn mag. Vor den Zügen der Russen nach Kamtschatka hatten die Kamtschadalen kein Oberhaupt, leb⸗ ten in völliger Unabhängigkeit und hielten dieß für ihr höchstes Gut. Ueber Staatsumwaͤlzungen. Mittheilungen eines Vaters an seinen Sohn. Wortgetreue Uebersetzung einer französischen Handschrift. (Schluß der ersten Mittheilung.) Die Nationalversammlung war in zwei Par⸗ teien getheilt, in die Gironde und den Berg, oder in Girondisten und Jacobiner. Unter den letzteren befanden sich die allerverworfensten Leu⸗ te; Orleans, welcher den Namen Egalité an⸗ nahm, stand an ihrer Spitze; Nobespierre, Ma⸗ rat und Danton waren die blutgierigen Voll⸗ strecker seiner Befehle, und vergoßen stromweise das Blut der edelsten Franzosen. Marie Antoinette, Ludwigs hochherzige Ge⸗ mahlin, Tochter der unsterblichen Maria There⸗ sia, jener großen Kaiserin, der Mutter Kai⸗ ser Josephs II. glorreichen Andenkens, wurde ebenfalls auf das Blutgerüste geschleift.— Ma⸗ rie Elisabeth, eine der tugendhaftesten Frauen Frankreichs, mußte durch die Hand des Scharf⸗ richters sterben, einzig und allein deßwegen, weil sie die Schwester Lxudwigs XVI. war.— Das war meinem Grachten nach noch ein Trost für zartfühlende Menschen, welche unmittelbar nach einem dieser edelen Opfer, ihre Häupter auf das Blutgerüste legen mußten, zu sehen, daß ihr Blut mit demjenigen ihres Königs und ihrer Königin sich mischen würde.— Die Wü⸗ 51 ein Ziel; der Dauphin, noch im Kindesalter, bei dessen Geburt alle Franzosen von Freude trunken waren, wurde von ihnen, um das Maaß ihrer Schandthaten anzuhäufen, einem Unmen⸗ schen übergeben, der ein Vergnügen daran fand, ihn langsam zu Tode zu quälen. Frankreich! glaubst du an keinen Gott, strengen Richter aller dieser Unthaten, die du in deinem Schooße hast begehen seh'n?— Ich hege die Ueberzeugung: du werdest seiner Straf⸗ gerechtigkeit nicht entgehen; nein! solche wird noch weit schrecklicher dich treffen. Grabschrift eines finstern Talmudisten. Des Grabes dunk'le Nacht Mag ihm nicht unbehagen, Denn durch des Talmuds Macht Ward's Nacht an seinen Tagen. A. L. Nosenthal. Auflösung der Charade in Nr. 12: Pfeifenkopf. Vaterlaͤndisches. Unser wackerer Ernst Emil Hoffmann hat folgendes beherzigungswerthe Bekenntniß öf⸗ fentlich abgelegt 8 Ultraliberalismus, der Andersdenkende ver⸗ achtet und auf sie schimpft, halte ich für schäd⸗ lich, namentlich beim deutschen Volk, das nicht die Willkühr Karls X. und Anderer zu fürchten hat; Ultra⸗Aristokraten, die es bloß aus Eigen⸗ nutz sind, verachte ich, die wahren Rechte jedes Menschen ehre ich. 5 Für Unterdrückte habe ich seit meinem Ein⸗ tritte in die bürgerlichen Verhältnisse frei und offen Partie genommen und werde es, so Gott mich bei Verstand läßt, bis an mein Ende thun. Dagegen habe ich jederzeit die bestehenden Gesetze, so lange solche bestanden, geachtet, selbst wenn ich solche gern verbessert gesehen hätte. theriche setzten ihren Greuelthaten keineswegs „) In Nro. 313 des Hesperus. ——— 52 Aus dem Leben Kaiser Maximilians J. Diensteifrige Genealogen hatten dem deut⸗ schen Kaiser Maximilian I. sein„männliches, jedoch lang unterdrücktes“ Geschlecht bis zur Arche Noahs zurückgeführt. Da ließ dieser freundlich lächelnd die Worte fallen. Ich bin ein Mann, wie ein anderer Mann, Nur daß mir Gott die Ehre gann; Als Adam hackt' und Eva spann, Wo war damals der Edelmann? Name des Monats Maͤrz. Der Name März ist aus dem lateinischen Martius entstanden. So nannte Romulus, Roms Erbauer und erster König, den ersten der zehn Monate, in welche er das Jahr getheilt hatte, seinem vermeintlichen Vater, dem Kriegsgotte Mars, zu Ehren. Der deutsche Name dieses Monats ist Lenzmonat. Der 25. März ist dem Andenken an die Luc. I. 26.— 38. erzählte Begebenheit, die der Maria ge⸗ wordene Verkündigung: sie werde den Welthei⸗ land gebären, geweiht. Fastnacht, Aschermittwoch und F a⸗ sten zeit. i Die ganze Zeit von dem Feste der heiligen drei Könige an bis auf den Aschermittwoch, deßgleichen der Tag vor dieser Nacht, heißt Fastnacht. Die Art und Weise, wie diese Tage noch an vielen Orten begangen werden, hat ihren Ursprung von einem heidnischen Feste, dem Narrenfeste, welches die Römer am Anfange des -Jahres mit Belustigungen aller Art feierten. Sie kleideten sich kostbar, zierten ihre Thü⸗ ren mit Kränzen, zündeten Freudenfeuer an, schickten einander Geschenke, führten Schauspiele auf, und tanzten lärmend durch die Stadt. Mannsleute steckten sich in Frauen⸗ und Frauen⸗ personen in Mannskleider; viele zogen Felle von Thieren, vorzüglich von Hirschen an, oder setzten sich wenigstens die Köpfe derselben auf; man vermummte sich auf verschiedene Weise, und beging nicht selten die gröbsten Ausschweifungen. Man überfüllte sich mit Speise und Trank, und trieb den schändlichsten Muthwillen. Obwohl nun die ersten Christen Freuden di ser Art verabscheuten; obwohl die Aae Kirche gegen solche Ausschweifungen eiferten nachdrücklichst davor warnten, und die Christen vielmehr zu Gebet und Fasten an diesen Tagen aufmunterten, so schlich sich doch im siebenten Jahrhunderte ein ähnliches Fest in der christli⸗ chen Kirche ein. Man hat im Scherze Bischöfe Aebte und Aebtissinnen erwählt. Diese wurden mit den Kleidungsstücken und Ehrenzeichen die ihrer Würde angemessen waren, versehen und mußten am Neujahrstage in den Kirchen das, was einem Bischofe oder Abte zusteht, verrichten. Dann wurde im nämlichen Orte ein kostbares Gastmahl aufgetischt, und mit großen Lärmen genossen. Die Freude zeigte sich wih Man sang, tanzte und berauschte sich. Es er folgten manchmal Schlägereien und bisweilen Blutvergießungen. Das Bet- und Lehrhaus wurde in ein Tollhaus verwandelt. Endlich ver⸗ mummte sich Alles; der Bischof oder Abt der großen Buben wurde in einen Wagen gesetzt und durch alle Gassen zur Schau geführt. Seine Begleiter trieben den frechesten Muthwillen, um sich und das Volk zu belustigen.— Noch im Jah; re 1444 herrschte dieser schändliche Mißbrauch.— Auch heut zu Tage sind die sogenaunen Fastnachtstage die Zeit einer allgemeinen Freu⸗ de, die jedoch von jener der erwähnten Zeiten sehr verschieden ist, und sich größtentheils in den Schranken der Mäßigkeit und eines edlen Anstandes erhält. O möchte man doch nie ver— gessen, was der Dichter singt: Der weisen stillen Fröhlichkeit Darf jedes Herz sich weih'n, In Unschuld und mit Mäßigkeit Des Lebens sich erfreu'n. f Der erste Tag in der Fasten ist der Ascher⸗ mittwoch, wo man nach geschlossener Fast⸗ nachtslustbarkeit in der kathol. Kirche die Fasten damit anfängt, daß man in der Kirche die Chri⸗ sten äschert, das ist, mit geweihter Asche bestreut. Der Priester spricht, wahrend er den Christen die Asche auf das Haupt streuet, die Worte: „Bedenke, o Mensch, daß, weil du Erde und Asche bist, du auch wieder zu Erde und Asche werden mußt!“— Nedaction und Verlag der Brühl'schen Buch⸗ und Steindruckerei.