Laternemänunche. Giessen, 27. März 1852. Erscheint wöchentlich Amal. Preiß für Stadt und Umgegend mit Bringerlohn monatlich 12 kr Einzelne Nrn 2 Kr. Auswärtige können nur bei den nächsten Postämtern 2 Monate abonniren wobei der übliche Postaufschlag eintritt. Höchst verderbliche Ansichten eines gereisten Gesindelgesellen über die hochedele Ludowieiana. I. Auf meinen Reisen durch das Land Europia, Bin ich gekommen auch nach Tudowiei ana. Wenn man durch Teutschland reis't erblickt man viele Staaten Denn fliegt man mit der Schneckenpost, so ist man heut In Vaduz in Tyrck und- en demselben Tage Kann man durch Hechingen, durch Würtemberg und Baden Noch kommen. Doch wozu die vielen Potentaten Euch nennen, kurz, ich kam einst sonder Schaden An Leib und Seel, wiewobl nicht ohne manche Plage Von Seiten Heiliger, die ich mit Fahn und Kreuz Wallfahrten sah, nach Gießen. Man tanzte wie St. Veitz, Die Plagen euch ein wenig zu beschreiben— Das laß aus Gründen ich hübsch bleiben. Doch nun zur Sach' zu kommen, das ist sicher Ich kam nach Gießen auch, allwo kein erblicher Wiewohl niemals vergeh'nder Abel herrschet:— Ich meine die Blaufärberei,'s ist eine Zunft Die mit den Löffeln fraß die heuige Vernunft. Die Medizinerei, das sag' ich frank und frei, Ist nur ein Nebenkind von dieser Färberei, Die Theologen selber sind erbärmlich dumme Schaafe Wenn sie Chemie nicht wissen— kurz im Schlafe Gelegen sind die Wissenschaften alle, die a Sich beugen nicht vor der gewaltigen Chemie.— Das Städtchen ist nicht übel, in ganz Tur⸗ kostan Trifft man ein solches nimmer an. Es herrscht dort Frohsinn, Heiterkeit, besonders auf dem Ball, — S c Warum? Ei nun, das ist ja Sitte hie In dem geheiligten, im allbekannten Saal' Des Klubbes, wo die Profsessorentöchter tanzen, Wo man in Glagee spricht von Esperaneen, Wo man die feinsten Witze hört, wo die Nuancen Der Heiterkeit so ganz unendlich sind Daß nur ein ganz erbärmlich unvernünftig Kind Wie unser einer schier den Wald, Das ist der Frohsinn kaum vor Bäumen sieht. Erfriert auch Stein und Bein und ist's auch bitter kalt. Man sieht die Damen doch entblößet bis zum Kniee— In London und Paris, bei jeglicher Noblesse; Und(ine Professorentochter ist doch mehr Beim Zeus, als eine Baronesse; Die Bildung gilt, beim Herkules, doch mehr Als Arroganz und wer war mehr gebildet schon Bei der Geburt als eines Professoren Sohn? Die andern wenschen haben alle lange Ohren— Sie wären wahrlich besser nie geboren! Doch, um auf Gießen wiederum zu kommen, So hab ich jüngst aus sichrer Quell vernommen, Daß seit die Wieseck ist gestreikt Im ganzen Städtchen selten ist der Dreck; Man bleibt doch jetzt nur bis zur Wade stecken, Doch früher soll das Ding so arg gewesen sein, Daß einst der Großherzog kaum konnt! zur Stadt hinein. Man kann durch alle Straßen ohne Furcht jetzt gehn, 4 Denn wenn auch hie und da noch alte Häuser stehn 5 Die auf uns hinzufallen droh'n, So standen sie doch so vor hundert Jahren schon. In diesem wunderschönen Neste weilen Die Herrn Studenten nun, und eilen Zu jeder Stund in's Collegium, Zu Loos und König und zum Justum! Dort wird manierlich demonstriret 3 Wann jener fürchterliche Krieg geführet, Entzündet wurde zwischen Frosch und Maus, Wieviel ein Schoppen halte, wohinaus Die Welt noch kommen soll, wenn nicht Gambrin Verthret würde mit andächt'gem Sinn. Ich war von Sinnen schier, wie die gelehrten Herrn, So jung sie sind, den heil'gen Durst so gern Schon stillien— nach der Wissenschaft, Mit welcher ungeheuern Riesenkraft Des Geistes sie die Zahlen und die Summen wissen, Die aus dem Würfelbecher niederrollen. Man soll doch niemals dem Geschicke grollen, Denn wie fawos sind diese Herren nicht zu brauchen, Sollten sie auch einstens nur als Steuererheber taugen! Doch still davon, mein Herz fleußt voller Rüh⸗ rung Seh ich im Geist den Stadt einst unter solcher Führung. (Schluß folgt.) An das Laternemäunnche. Bei allen heißt es doch neue Besen kehren gut, bei dem Laternemäynche aber nicht, denn es bekümmert sich blos um die Beleuchtung der großen Straßen und nicht um die der Neben- gassen. So ist z. B. in der Hintergasse schon drei Wochen eine Laterne eingeschlagen und jeden Abend 7 Uhr wird dieselbe dennoch angesteckt, da aber durch die verbrochene Scheibe kein Licht brennen kann, so ist es in längstens einer halben Stunde aus. Wo ist aber die Laterneinspection und wo bleibt das Oehl? Ein Freund des Lichts. Lieber Lichtfreund! Das Laternemännche hat nicht einen Abonnent in der Hintergasse also auch gar keine Geschäfte daselbst und kaun sich also darin kein Lichtfreund befinden. Man steht ja schon, Ihr verlangt Oel, das doch in einer zerschlagenen Laterne nicht brennen kann, reicht es ja kaum in den andern! am Ende verlangt ihr auch noch Haarpomade! Seid Ihr nicht schon bevorzugt ge⸗ nug, indem Ihr nächstens ganz neu bepflastert werdet, wo bleiben aher Wir die Kathrine-, Hunds-, Diebs-, Schinder⸗, Flegels-, Brand-, Teufels ⸗, Caplanei⸗, Bach=, Löwe-, Weit-, und Mühl-Gässer! Oben kein Licht und unten das bische Lichtdörner die nur nach innen leuchten und uns alle Woche frisch beschlagen lassen müssen? Machts daher wie die Lappländer: legt des Abends einen mit Callvonium angefüllten und mit Fett eingeseiften Plattkopp ins Fenster und dies Licht wird schöner strahlen, als das der ganzen Stadtbeleuchtung.— Doch, wenn Ihr nachstehendes Räthsel errathet, sollt Ihr eine„silberne Laterne“ haben. Laternemännche. Verdoppele die ersten Silben beide Und Doppel erste geht durch Doppel zweite * Die Dritte ist ein vielbekannter Trank Vom Engländer genossen viel vor allen. In meiner Doppel- vierten hat's gefallen Noch keinem Freien. Und damit der Schwank Zu Ende komm, das Ganze ist der Mann, Der, wenn die Doppel- erste nicht gelinde Durch Doppel zweite gehen will, geschwinde Für gutes Geld dir helfen will und kann. Herr: Christoph, wo bist Du? Christoph: Ei, im Hof. Herr: Was treibste dann? e e e Herr: Wo ist dann der Kasper? Chr.: Ei, der iß bei mer! Herr: Was hut dann der? Chr.: Ei, der hilft mer! Herr: No dann packt euch! Mein Hof kann nur ein Tagdieb ernähre, und den kann ich mir serbst mache. Zur Nachahmung. Herr B. N. verreiste in eine große Stadt, und wollte in derselben den Tag nach seiner An⸗ kunft seine Geschäftsfreunde besuchen. Als er so schon einige Stunden in der Stadt herumgelau⸗ sen war, fiel ihmseins der dringen dsten Geschäfte ein, das unmöglich länger aufgeschoben werden konnte, denn es lag Gefahr auf dem Verzug. Da er nun augenblicklich keineu bequemen Ort finden konnte, so stürtzt er in das Haus eines Tape⸗ zierers hinein, an dessen prunkendem Laden er eben vorbeiging, und fragte ihn, ob er überzo⸗ gene chaises pereée fertig habe. Der Mann zeigte Herrn B. N. einen; auf die Frage aber, ob er keine reichere habe, antwortete er, daß welche mit Sammet und Golddruck vorherrschend wären. „Nun, holen sie einige her“, sagte Herr B. N.; der Tapezierer lief, um sie zu holen. Herr B. N. benutzte indessen den ihm zuerst gezeigten Stuhl und verschaffte so seinem bedräng⸗ ten Herzen Luft. Als der Tapezierer wiederkam, und vor Er— staunen, Herrn B. N. in einer unerwarteten Po⸗ situr zu finden, ausrief:„Ei, ei, was machen Sie da, mein Herr?“ antwortete Herr B. N. sehr kaltblütig:„Ich probire den Stuhl und ob— wohl er das richtige Facon nicht hat, so werde ich ihn doch holen lassen. Ist aber bis heute noch nicht gescheh'n! Philipp: Du Kasper, was hatt der Eise ewe ausgeschellt? Kasper. Ei der hott bekahnt gemoacht, es selle kah Kartuffel nett mieh zo Branntwei ver- brahnt wer'n! 1 Philipp: No, vo mihr kriege se kah unn wann aich se allmitnanner mit meim Vieh ver⸗ zehrn soll. 5 RNeisender: haben? Kellner: Gehorsamster Kalbsbraten und unterthänigster Hecht, ergebenst aufzuwarten. Reisender: Gut, bringen Sie mir Hecht. Füttern Sie aber auch meinen Hund. Kellner: Wie ist der werthe Name Ihres Herrn Hundes. Reisender: Caro. Was ist diesen Abend zu Mein Hund schreibt sich Canalmüller: Worim hott dann der Kerschner dei ville Hänsche herausgehenkt? Schlammbeißer: Ei wahste dann dvas nett, der hott schund sou manchmol gesaht, wann e noz de Finger dem Finster naus deht, dann hängte sich zwa ahn jeden Fenger unn do will ersch mit de Hänsche probirn. Canalm.: woas wern se dem uff dei Finger schmeiße, alle⸗ weil wollese nett mit Glashandschuch ahngegriffe sei. 1. Scene. (Zimmer des Barons. Baron und Baronin 0 in Uniform.) Baron: Nun Löwenhaupt(Fußbekleidungs⸗ Reiniger) wie sind Ihnen während unsrer Ab⸗ wesenheil die Boeufsteaks, Cotteletts ꝛc. 1c. bekom⸗ men? Löwenhaupt: Ei um Gottswille, iß mir e Biffstickelche oder e Cottillonche an de Hals komme, so will ich— 2. Scene. (Auf dem Gang.) Löwenhaupt: D's Gewitt'r soll den— wer hatt mer mei Cottillioncher gefresse? Ma dam: Bitte Sie, Herr Oberfußbeklei⸗ dungsreiniger, beruhigen Sie sich, die Katzen— bier haben Sie eine ungegessene dreiviertelelle⸗ lange schottische Servelatwurst! Löwen haupt:(großmüthig) Behalte sese sichse die Werscht für ihren Leib, ich erzähl's doch der ganz Stadt. Nu, in den vorletzte Nummer stand eim Ar⸗ tikelche, mer söllt mahne'r währ uff mihr ge⸗ macht worde. Awer es paßt nett uff mer; denn ich winsch mich nitt blos ahn Jemikker, sondern 1000 Stück. Ibrigens uff eim andere raiche richtige Liebhawer soll mersch auch nitt ankumme und der Ette iß alles üwer mer zefriede. Neulich wurde eines Menschen in hiesiger Stadt Erwähnung gethan, daß er das Pulver e 0 Woaß werrd sich der ümgucke, 63— nicht erfunden habe. Dem sei nun, wie ihm wolle, ein gutes Brechmittel ist er, ich kann davon erzählen.. A.: Heint hab ich awer was geseh: was glahbste wohl? es war e Bienkapp mit em Hut unn e verzweifeltes langes Schaafsgesicht. B.: Aich wahs, wen de mahnst; raacht er dann?* A.: Na! B.: Der Dommkopp, alleweil hott ersch so wollfeil. Räthsel. Wie heißt das Land, wo die Leute weder kalt noch warm sitzen? Antw.: Laufitz. Welche Leute haben die meiste Einbildung? Antw.: Diejenigen, welche am meisten Ausbildung genossen haben. Wer hat die ersten„Aengsten“ gehabt? Antw.: Adam, weil er aus dem Para⸗ dies gejagt wurde. Wie hilft sich der Bauer, wenn ihm das Heu ausgegangen ist? Antw.: Er wirft seinen Kühen Hobel⸗ späne vor und setzt ihnen grüne Brille auf. Telegraphische Depeschen. Grünberg, 24. März, 8 Uhr 21 Minu⸗ ten, Abends. Soeben trifft Hr. Dr. med. J. G. mit dem letzten Zuge von Gießen kommend hier ein, großartiger Empfang, die freien Plätze und Brunnen herrlich erleuchtet, das Freichor salvtirt, die Stadt bis zu seiner Wohnung illuminirt, mit Ausnahme eines Prachtvol len, Hauses in der Dohlengasse, wo übrigens allabendlich die Beleuchtung fehlt.— In seiner Begleitung befand sich die zahme Familie eines wilden Mannes— Gießen, 25. März, Morgens 9 Uhr. So eben begrüßten der Herr Stadt⸗ storch nebst Frau Gemahlin ihren Nach⸗ bar den Herrn Stadtmusikus auf'm Stadt⸗ Thurm und nahmen hierauf in erwünsch⸗ testem Wohlsein ihr gewöhnliches Abstei— gequartier auf dem Canzleigebäͤude, um den Sommer auf unserer Stadt zu ver⸗ bringen. 64— Anzeigen. — Leise Anfrage. Wir erlauben uns die Anfrage, ob der Herr Hospitalverwalter die Befugniß hat, die armen Hospitaliten in seinem Garten Mist abladen und andre Arbeiten verrichten zu lassen, oder ob diese Leute jene Arbeiten absolut verrichten wollen? Es ist ein Rockärmel gefunden worden, woran ein Schnurrbart und eine halbe Nase hängt. Das Verlorne kann gegen die Inse— ratgebühren abgeholt werden bei A. Mehlbrei, Burgkaplan. Corsetten mit Schnürriemen, hochstrebende Vatermörder sowie Unterricht im Gehen à la Mode bei Or. Dunkel. In der Fomilie Kuffert, können durch das Ausscheiden einiger Mitglieder wieder neue aufgenommen werden. Sovann beabsichtigt dieselbe eine Parthie Schleier anzukaufen. Offerten können bis t. April abgegeben Ein junger, hoffnungsberechtigter Mann von stattlichem Aussehen, der Unterricht in den ältern Sprachen und im Nägelkauen ertheilt, sucht schnell und dringend eine Lebensgefährtin. Lust⸗ tragende werden gebeten, ihre Offerten unter Zu— sicherung der strengsten Verschwiegenheit dem Un⸗ terzeichneten mitzutheilen. Kirchthurmsoffer⸗ ten können jedoch keine Berücksichtigung finden. Dr. Quitsch. Kunstnotiz. 6 a.) für Herrn: Unterricht im Lieben, sowie empfindsam schmachten, b) für Damen: Unterricht wie man mit den Augen sich in der Herren Herzen ko kettiren kann ertheilt das Liebespaar Ha s a, der Liebende. A s ah, die Liebende. Literarische Anzeige. Soeben ist erschienen „Der Frauenarzt“ praktische Anleitung sich als Arzt bei Frauen beliebt zu machen, für angehende praktische Aerzte von Dr. Relsom. werden auf dem Römerberge n 4. neue und alte, Oberröcke, 7. Mleider, Hosen, Westen, Kaputzen, Bournusse, Hemden, Kinderhosen, Stiefel ꝛc. kaufe und verkaufe ich stets zu den annehmbar— sten Preisen. Heinrich Frech, Schneidermeister, Caplaneigasse. Besondere Bekanntmachung. Unterzeichneter macht dem verehrlichen Publikum die ergebene Anzeige, daß er von den ersten Chemikern Deutschlands eine neu erprobte Haartinktur, zum Sehwarz⸗ und Braunfärben der Haare, erhalten habe. Das Flacon zu 1 fl. 30 kr. Hermann Treppinger, Friseur. ar. LI Reise gelegenheit nach Amerika ü ber ver 0 0 J. Abfahrt von Mainz: jeden Mittwoch. Die Passagiere werden durch eigene tüchtige Condueteure bis in den Seehafen begleitet. Pünktlichkeit in den Expeditionen, billige Preise und genaue Erfüllung der eingegangenen Verbindlichkeiten werden diese Reisegelegenheit auch ferner empfehlen. Coneesstvnirte Haupt- Agentur in Mainz, Heinrie nh Zi t 2, Nähere Auskunft, Prosecte und Ueberfahrts⸗Verträge ertheilt Der eoncesstonirte Agent in Giessen J. 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