zu den 5 Oberhessischen Nachrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. 5 Gießen, den 30. September. ——— VII. An dem Abende desselben Tages saßen im Lindenhause noch zu später Stunde zwei Männer in angelegentlichem Gespräche zusammen. i „Sagt was Ihr wollt, Vater Steffens, Eure Käthe fühlt sich bei ihren vornehmen Freunden längst nicht so wohl, wie Ihr nach dem Wortlaute ihrer Briefe wohl glauben möchtet,“ sagte eben der jüngere der Beiden, indem er ein Briefblatt, das er gerade vorher auf den Tisch gelegt, von neuem wieder aufnahm. „Man muß nur verstehen, auch zwischen den Zeilen zu lesen. Es ist etwas ganz Fremdes darin, eine unausgesprochene Klage — etwas, das sich besser fühlen als einem Dritten erklären läßt.“ „Ach was, Ihr übertreibt, mein lieber Heinrich; ich weiß ja wohl, wie wenig es nach Eurem Sinne war, daß ich meine Tochter überhaupt von mir gegeben,“ versetzte Meister Steffens mit überlegenem Lächeln.„Aber das werdet Ihr doch auch zu— geben müssen, daß man dem Glücke seines einzigen Kindes nicht im Wege sein darf. Es würde ihr ja auch hier nicht gefehlt haben und ich selbst habe doch auch einen hübschen Batzen zurück⸗ gelegt, dazu Haus und Hof als mein freies Eigenthum; aber bedenkt doch nur, welch' vornehme Stellung mein Kind einmal einnehmen wird, wenn sie erst die Frau des reichen Kaufherrn geworden. Für mich ist es freilich hart, sehr hart, daß ich mein Einziges so weit weggeben soll— o, wenn Ihr wüßtet, wie einsam und langweilig mir die Tage vergehen seit ihrer Abreise— und erst die langen, langen Abende, wenn keine Gäste da sind. Da pflegte sie mir sonst etwas vorzuplaudern, oder sie las mir etwas aus der Zeitung oder dem Kalender. Ihr dürft mir glauben, ich war Euch ordentlich dankbar, daß Ihr heute Abend wieder einmal herübergekommen. Ich hatte früher ja auch schon daran gedacht— aber das ist ja nun einmal anders gekommen, und Ihr dürft mir das auch nicht verübeln, denn das Glück des Kindes geht doch allem vor.“ „Ja, ja, wenn Euer Kind sein Glück nur auch wirklich ge⸗ funden hätte!“ meinte Heinrich, tief Athem holend.„Schon als e mir von ihrer Verlobung erzählte, war es mir, als ob sie sich selbst nicht verstände— und noch einmal, von wirklichem Glücks⸗ gefühl vermag ich in diesem Schreiben nichts zu entdecken! O, Meister Steffens, so bedenkt doch nur, wenn Ihr Euer unerfahrenes Kind nun Eurem ehrgeizigen Streben geopfert hättet!“ „Ach, Firlefanz, hat sich was zu opfern, wenn man auf Gummirädern daherrollt und nur noch in Sammt und Seide einhergeht!“ grollte der Wirth, dessen Miene jedoch auch keines⸗ wegs die gleiche Zuversicht ausdrückte, welche aus seinen Worten Hanft wie die Tauben. Erzählung von Leonore Werth. (Schluß) „Als ob man sich in seidenen Gewändern nicht ebenso einsam und unglücklich fühlen könnte, als im groben Leinenkleide,“ hielt ihm der Andere achselzuckend entgegen, indem er sich erhob und sich zum Fortgehen anschickte.„Gute Nacht, Meister Steffens, es ist spät geworden über all dem Hin- und Herreden. Möge es Euch nur nie gereuen, daß Ihr Käthchen zu dieser Verbindung überredet— denn, daß dieselbe hauptsächlich Euer Werk, werdet Ihr ja wohl nicht abstreiten wollen. Gute Nacht!“ Seinen Ueberzieher lose über die Schultern hängend, trat 1 unter die Hausthüre, blieb jedoch plötzlich aufhorchend stehen. „Sollte so spät noch ein Gast bei Euch einkehren wollen, Meister Steffens?“ meinte er befremdet;„hört Ihr nicht, es fährt ein Wagen auf Euer Haus zu?“ „Wahrhaftig! Wer mag denn um diese Zeit noch bei mir einkehren wollen?— Logiergäste sind nicht eben häufig unter meinem Dach,“ sagte der Wirth, der eilig ein Windlicht an⸗ gezündet hatte und damit auf die Schwelle trat. Doch es fehlte nicht viel, so hätte er das Licht vor Schrecken aus der Hand fallen lassen bei dem Anblicke der Gestalt, welche sich nun aus dem Wagen schwang und mit ausgebreiteten Armen, zwischen Lachen und Weinen, auf ihn zuflog. „Alle Heiligen stehen mir bei! Du, Käthe! Mädchen, wo kommst Du her zu dieser Stunde— allein?“ stieß er zwischen Zorn und froher Ueberraschung schwankend hervor. „Vater, o Gott sei gedankt, daß ich wieder bei Dir bin, o, nicht böse werden, Vater!“ schluchzte das junge Mädchen, den zierlichen Kopf an des Vaters Brust bergend.„Du darfst mich nicht wieder fortschicken, Vater, ich mag im Leben nicht wieder zu den hochmüthigen, stolzen Leuten, denen ich doch nicht gut genug bin! Hier ist es viel schöner, viel traulicher, hier bei Dir, Du Herzensväterchen— ach, Heinrich hatte wohl recht, als er mich warnte; er kannte mich besser, als ich einfältiges, ein⸗ gebildetes Ding mich selber kannte. Nicht wahr, Du verzeihst mir, Vater,“— aufblickend gewahrte Käthe Heinrich, der zart⸗ fühlend zurückgetreten war, dessen Augen jedoch mit solch' glück⸗ strahlendem Ausdrucke auf dem jungen Mädchen hafteten, daß an seinen Empfindungen garnicht zu zweifeln war. Und beredter als Worte sprach auch der Ton jubelnden Ent⸗ zückens, mit welchem die Heimkehrende nun den Namen des lang⸗ jährigen, treuesten Freundes rief. Vom Halse des Vaters stürzte sie selbstvergessen auf jenen zu, und schon wollte es scheinen, als werde sie im nächsten Augenblick ihr Köpfchen an Heinrich's Brust bergen, da hielt sie plötzlich inne; heiße Gluth schlug ihr in die D A sprach. E * S 314 3 2 blühenden Wangen und zaghaft, verlegen streckte sie dem Freunde die Hand entgegen. Der junge Gutsbesitzer verstand denn auch, was in des Mädchens Seele vorging; mit freundlichen Worten und so unbefangen, als finde er gar nichts Außergewöhnliches in dieser unerwarteten, nächtlichen Heimkehr, begrüßte er Käthe und half damit dieser, sowie dem plötzlich aus all' seinen Himmeln gestürzten Gastwirthe über die ersten peinlichen Minuten hinweg. Dann entfernte er sich mit dem Versprechen, andern Tages wiederkommen zu wollen, in dem richtigen Gefühle, daß Vater und Kind vor allem einer ungestörten Aussprache bedürften, um sich miteinander zurecht zu finden. Die Stunde, die nun folgte, war gewiß eine der härtesten, stürmischsten in dem bisher so angenehm beschaulich verflossenen Leben des Wirthes; die herbste auch, die sein verwöhnter Liebling bis dahin unter des Vaters Dache erlebt. Es wurde dem eitlen Manne nicht leicht, von seinen ehrgeizigen Plänen für der Tochter Zukunft abzustehen, nachdem er dieselbe im Geiste bereits als vornehme Dame und Herrin über große Reichthümer gesehen, und die wirkliche tiefe Liebe, die er für sein Kind hegte, hatte einen gar harten Kampf mit seinem Stolze und dem eigensinnigen Festhalten an seinem Glücksideale durchzufechten, bis endlich die reine väterliche Zärtlichkeit den Sieg davontrug. Im Grunde wollte er ja nur seines Kindes Glück, und was nutzte diesem aller Glanz und alle Vornehmlichkeit, wenn das Herz dabei un— befriedigt blieb, und es sich fremd und einsam fühlte. Und als unter Käthens Bitten und Vorstellungen die erste Enttäuschung einmal überwunden war, da schuf seine geschäftige Phantasie sich in aller Geschwindigkeit ein anderes Zukunftsbild, oder vielmehr, sie holte ein altes, einst beiseite geschobenes auf's Neue hervor, das zwar weniger glänzend, dafür aber um so trau— licher war und für ihn, den Vater, der sein Kind doch schmerzlich vermißt haben würde, weit mehr stilles Glück verhieß. Unter häufigem Schluchzen und Weinen hatte Käthe ihrem Vater Alles mitgetheilt, was ihr in der kurzen Zeit ihrer Ab— wesenheit begegnet, und was sie innerlich durchlebt; wie sie immer mehr eingesehen, daß ihre Verlobung eine Uebereilung gewesen. Wie ihr Herz unberührt geblieben, und wie sie von Tag zu Tag mehr die Kluft gewahrt, die zwischen ihr und der Familie ihres Verlobten sich aufgethan; wie sie deren ganzen Denken, Fühlen und Reden fern gestanden, und wie manche Demüthigung, manchen herben Spott sie wehrlos habe hinnehmen müssen, bis sie zuletzt sich selbst klar geworden, und sie es mit einem Male gewußt habe, daß ihr Herz nicht Gisbert gehöre, und sie ein Glück an seiner Seite nicht finden werde. „Aber was wird er denn nun sagen— er liebte Dich doch— wie wird er es aufnehmen, daß Du so ohne Abschied davon ge⸗ gangen? Wenn er sich nun ein Leid anthäte?— Offen gestanden, etwas überspannt ist mir der junge Mann schon immer er— schienen,“ bemerkte Meister Steffens, bedenklich den Kopf schüttelnd. „Zürnen wird er mir gewiß“ gab Käthe seufzend zurück— „aber wenn er nur erst den ersten Schmerz überwunden hat, dann, glaube mir, Vater, sieht er selbst ein, daß es so am besten ist, und daß ich doch nie zu ihm und in seine Kreise gepaßt hätte. Habe ich doch deutlich genug gesehen, wie unangenehm es ihm war, wenn ich etwas nicht recht wußte oder eine ver— kehrte Antwort gab,“ setzte sie erröthend hinzu.„Aber schreiben, ihn um Verzeihung bitten, und daß er mir mein Wort zurück⸗ gebe, das will ich noch in dieser Nacht.“ Wie sie gesagt, that sie denn auch in derselben Stunde noch, nachdem ihr Vater nach einem herzlichen Gutenachtkuß sich zur späten Ruhe begeben. Schlaf kam zwar in dieser Nacht eben so wenig in seine Augen, wie in die ihrigen und in die eines Dritten, der den größten Theil der Nacht wieder zwischen Feld und Wiese und am Rheine entlang wanderte, wie in einer andern Nacht vor wenig Wochen; nur daß seine Stimmung dieses Mal eine ganz andere war. Käthe aber schrieb währenddessen, so wie das Herz es ihr eingab, ungekünstelt, ohne jede Bitterkeit, voll demüthiger Bitte um Verzeihung sür ein Unrecht, dessen sie sich zu spät erst be— wußt geworden— und als Gisbert am nächsten Abend nach Käthens Flucht bleich und niedergeschlagen in das Zimmer seiner Mutter trat und ihr stumm den vier Seiten langen, weder ortho⸗ war ja vorüber; da brauchte weder Knecht noch Magd vor der graphisch noch grammatikalisch mustergültigen Brief seiner wesenen Braut vorlegte, da verbarg diese wohlweislich das tri⸗ umphirende Gefühl, das ihren Busen hob, und zeigte dem wirklich tief leidenden Sohne nur die zärtlich theilnehmende Mutter, es einer späteren Zeit überlassend, die Wunde zu heilen, welche das „absurde Verhältniß“ demselben geschlagen. Edith aber verweilte an diesem Abend noch ungewöhnlich lange in ihrer Mutter Schlaf⸗ gemach, nachdem diese sich bereits zur Ruhe begeben.„Du be⸗ hältst doch immer recht, Du bist die beste und klügste Mama von der Welt,“ sagte sie, der Mutter Hand zärtlich an die stolz⸗ geschwungenen Lippen drückend;„blindlings will ich mich in Zu. kunft Deinen Anordnungen fügen, das verspreche ich Dir, Du einzige Mama.“ Leuchtenden Auges suchte sie dann ihr eigenes Zimmer auf, und als sie einschlief, umspielte ein stolzes, glückliches Lächeln den feinen Mund.— Nun konnte ja Alles noch gut werden!— Nun konnte ja Alles noch gut werden! Das war auch Heinrichs Gedanke gewesen, als er mit anbrechendem Morgen sich erst zur Ruhe gelegt, um wohl freundlich lockende Traumbilder, nicht aber den gesunden Jugendschlaf zu finden. Und als dann die Spät⸗ herbstsonne den ersten freundlichen Schein in die einfach behagliche Stube geworfen, in der jedes Möbelstück noch an dem alten Platze stand, wo es zu seiner Eltern Zeit gestanden, da duldete es ihn nicht mehr auf seinem Lager. Singend und pfeifend besorgte er seine Toilette— drunten auf dem Hofe war es noch still; die geschäftige Zeit der Ernte Sonne heraus. Doch jetzt läßt sich doch der schlürfende Tritt der alten Haushälterin vernehmen, welche die Mägde heraus⸗ geklopft und nun wieder in ihre Kammer zurückschlüpft, um die wenig vortheilhafte, geblümte Kattunjacke mit dem gewohnten dunklen Wollkleide zu vertauschen. Ehe sie aber noch mit der von Jahr zu Jahr schwieriger werdenden Scheitelung ihres dünnen Haupthaares zu Stande gekommen, hatte Heinrich das Haus bereits wieder verlassen, um auf's Gerathewohl querfeldein zu wandern.. Er dürstete nach Luft, Licht, freier Bewegung; er hätte es in seiner augenblicklichen Stimmung nicht über sich vermocht, stille zu sitzen oder geschäftliche Angelegenheiten pflichtgetreu zu erledigen. Der gestrige Abend hatte den besonnenen, selbst⸗ beherrschten Mann völlig aus dem Geleise gebracht. Ihm war zu Muthe, wie wohl einem zum Tode Verurtheilten sein 52 dem unter dem Galgen erst die Begnadigung verkündet wird. Die Zukunft, mit welcher er bereits abgeschlossen zu haben wähnte, gewann mit einem Male neuen Werth für ihn, und wie mit un⸗ widerstehlicher Gewalt zog es ihn hinaus— nach dem Rheine hin, in die Nähe des Lindenhauses. Das Dach zu sehen, unter dessen Schutz sie schlief, das Fenster, aus dessen Rahmen ihre Hand ihm so oft den Willkommengruß entgegen gewinkt, das Alles dünkte ihm jetzt ungleich wichtiger, als irgend sonst was in der Welt. In seligem Traum befangen, wandelte er langsamen Schrittes zwischen den Stoppelfeldern und Rübenäckern dahin, hie und da ein Häschen aus seinem Lager aufscheuchend oder auch eine Kette Hühner, welche sich eilig in die Lüfte hob, indeß die Sonne immer siegreicher durch die Wolken brach, und die geschwätzigen Spatzen zwitschernd den jungen Tag begrüßten. Nun lag das Lindenhaus vor ihm in seiner sauberen Stattlich⸗ keit, die hellen Fensterscheiben im röthlichen Frühlichte erglänzend. Nichts regte sich hinter den zugezogenen Vorhängen, und doch mußte das Leben im Hause schon erwacht sein, denn der Feuer⸗ esse entstieg eine dichte Rauchwolke, und nähertretend gewahrte unser früher Spaziergänger auch, daß die Gartenthüre nur an⸗ gelehnt war. Einer augenblicklichen Eingebung folgend, öffnete er und trat in den mäßig großen Garten, in dessen einer Ecke eine mit Gais⸗ blatt dicht umrankte Laube zum Ruhen einlud. Dahin lenkle er denn auch seine Schritte; noch war es zu früh, um im Hause vorsprechen zu dürfen, ihm aber war so wunderlich traumselig zu Muthe, daß er noch nicht an Umkehr und Wirth sorgungen denken mochte. So war er tief in Gedanken bis an den Eingang der Laube gelangt, als ein Geräusch im Innern wh 4 05 0 10 la bün „ A* 0 fc 1 c stzu abe Sp fich lle bet Iten dnl 1 Nl l N en d un ga 11 160 00 1 02 2315 0 derselben ihn die Augen heben ließ.— Dicht vor ihm, ein dunkles Tuch um die Schultern geschlagen, stand Käthe, mit beiden Händen einen als Pfosten dienenden Baumstamm umklammernd. Freudiger Schrecken, Scham und selige Verwirrung sprachen aus den Blicken, womit sie ihm entgegenschaute— ach, so ganz anders, als dies ehemals der Fall gewesen war. Auch sie hatte ja keine Ruhe gefunden in dieser kurzen Nacht, die sie zum größten Theile schreibend verbracht; der Schlaf hatte ihren aufgeregten Sinnen nicht zu Hülfe kommen wollen, so war sie bei Anbruch des Tages aus dem Hause geschlüpft, um die übernächtigen Augen in der frischen Morgenluft zu kühlen. Ihr war zu Muthe gewesen, als ob sie von langer, gefahrvoller Reise zurückgekehrt sei in das Vaterhaus; ein so froh dankbares Heimathsgefühl erfüllte ihr Herz, daß sie in wortlosem Gebete die Hände gefaltet hatte. O, wie schön, wie traut war es hier! Von allen Seiten schienen ihre lieben Berge grüßend hinüber zu blicken, und dort, nur etliche hundert Schritt von ihr entfernt, erglänzte der stolze Strom, auf dem eben jetzt ein Dampfschiff majestätisch dahinzog in die Ferne.— Ach, auch sie war hinausgezogen in die Ferne, die dort von grauen Nebelschleiern umhüllt vor ihr lag.— Ein Frösteln überlief sie, und sie zog das Tuch fester um die runden Schultern. O, nur nie, nie wieder in die Ferne hinaus; hier war Alles so traut, hier war Alles so schön— nur die Heimath allein ver— mochte ihr das Glück zu geben.— Da plötzlich waren Schritte auf dem Gartenwege laut ge— worden, und nun stand Heinrich vor ihr, Heinrich, dessen Bild nicht einen Moment aus ihrer Seele gewichen war, seit sie in süßem Schrecken ihr eignes Herz erkannt. Wie es dann gekommen, daß sie im nächsten Momente ein— ander in den Armen gelegen, das ist späterhin noch oftmals ein Gegenstand schelmischer Neckerei zwischen den Liebenden gewesen; bestimmt konnten Beide nicht erklären, wie es zugegangen; ver— muthlich aber nach der Weise des„halb zog sie ihn, halb sank er hin“— und gesehen wurden sie auch für die nächste Stunde nicht mehr, denn so schwer es ihnen auch gewesen war, das erste Wort zu finden, um so geläufiger floß später der Redestrom von beiden Seiten. Freilich fehlte es dabei nicht an Unterbrechungen, welche jedoch— um der Wahrheit die Ehre zu geben— stets von Heinrich ausgingen und von Käthen nur nach einigem Wider⸗ streben genehmigt wurden. Während das junge Paar solchermaßen die schöne Morgen— stunde zu gegenseitiger Befriedigung ausnutzte, hatte Vater Steffens mit sehr verworrenem Kopfe und in einer Gemüthsverfassung, in welcher die Freude über die wiedergewonnene Tochter mit der Trauer um den verloren gegangenen Schwiegersohn stritt, sich von seinem Lager erhoben. Sein erster Gang an diesem Morgen galt natür— lich dem heimgekehrten Kinde; doch dieses hatte seine Kammer längst verlassen, und da sie auch im Hause nirgends zu finden war, so stiegen bereits allerlei unruhige, abenteuerliche Gedanken in seinem Geiste auf. Nach dem gestrigen Streiche war dem eigen— willigen Mädchen ja Alles zuzurrauen! Er hatte ihr gegenüber vollständig das Bewußtsein seiner Autorität verloren. Doch— vielleicht war sie im Garten; ei freilich, das Pförtchen stand ja auch weit offen!— Etwas beruhigter betrat er den Weg, der nach der Laube führte, blieb aber sogleich wieder erschrocken stehen.— Helles Lachen klang zu ihm herüber und nun gar ein merkwürdig verdächtiger Ton— was war denn—— Doch die Insassen der Laube hatten nun auch den Nahenden bemerkt, und Hand in Hand eilte das junge Paar dem Vater entgegen, der für's Erste nicht wußte, ob er sich mit den Glück⸗ lichen freuen, oder ob er von Rechtswegen schmälen solle. Unter Käthens Liebkosungen entschied er sich indeß als zärtlicher Vater und verständiger Mann doch für das Erstere. Wenn Heinrich auch weder reich noch vornehm war, so war er doch wohlhabend genug, seiner Frau eine sorgenfreie, behagliche Existenz zu schaffen, und er selbst würde in dem jungen Gutsbesitzer einen Sohn hinzu⸗ gewinnen, wogegen er bei dem ersten Bündniß vielleicht seine einzige Tochter verloren hätte. So legte er denn mit guter Fassung die Hände der Liebenden ineinander, und als die Drei ein wenig später an dem in Eile festlich hergerichteten Frühstückstische saßen, mußte Vater Steffens beim Anblicke von Käthens erröthendem, glückselig lächelndem Antlitze jenes ersten Verlobungstages gedenken, wo sein Kind zwar unbefangen fröhlich, aber doch innerlich unberührt neben dem schwärmenden Verlobten gesessen— und da konnte er nicht umhin, sich aufrichtig zu freuen, daß Alles so gekommen und nicht anders. Von ganzem Herzen war er dem Schicksale dankbar da— für, daß seine Käthe noch rechtzeitig ein Einsehen gehabt; wie geschickt aber eine Frauenhand dazu geholfen, die Schicksalsfäden hurtig zum Knoten zu schürzen, davon ist weder ihm noch sonst einem der zunächst Betheiligten je eine Ahnung gekommen. Nöschen's Ballabend. Von M. Lenz. (Schluß.) Und nun war er seit mehreren Wochen wieder da, nachdem er drei volle Jahre weggeblieben. O, wie hatte ihr Herz ihm entgegengejubelt, als man sie eines Tages nach dem Salon be— schied, wo er der Tante und Kousine eben seinen Antrittsbesuch machte, und sie dabei zu sehen gewünscht hatte! „Ich brauche Dir meinen weitgereisten Vetter nicht vorzustellen, Röschen,“ hatte Milla damals zu ihr gesagt;„ich glaube, ihr seid ja alte Bekannte von früher her!“ Da hatte er sich tief vor ihr verneigt. „Aber mir, mir sollten Sie das Fräulein beinahe erst vor— stellen, liebe Kousine, denn es wird mir schwer, in dieser wunder— baren Umwandlung das kleine, schmächtige Mädchen von ehemals wieder zu erkennen,“ hatte er beinahe förmlich gesagt.— Und dann— ja, dann hatte Milla die Unterhaltung an sich gerissen, und Röschen war nicht mehr zu Worte gekommen. Sie war so sprachgewandt, so geistreich, diese glückliche Milla! Ach ja, diese glückliche, glückliche Milla!— 5 Ein derbes Klopfen an der Thüre schreckte das in Gedanken versunkene Mädchen plötzlich aus ihren Träumereien empor. Sie fuhr sich mit der Hand über Stirn und Augen.„Bist Du's, Trine?“ fragte sie, immer noch halb abwesend. „Ja, Fräulein Röschen,'s ist nur meine Wenigkeit; darf ich hereinkommen?“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, schob sich die breite Gestalt der Köchin in's Zimmer. „Ei du meine Güte!“ rief die gutmüthige Person, indem sie die Hände entsetzt zusammenschlug;„ei du meine Güte, was ist das wieder einmal für ein heilloses Durcheinander hier im„Putto— war“ unseres Fräuleins! Und das sollen Sie wohl Alles auf⸗ räumen und in Ordnung bringen, Fräulein Röschen?— Es ist doch eine rechte Schande, daß die Herrschaft Sie als Jungfer ge— braucht, statte Sie mit auf den Ball zu nehmen. Wenn das die selige Frau Mutter wüßte, im Grabe umdrehen thäte sie sich darob!“ „D'rum ist's gut, daß sie's nicht weiß; wir dürfen eben alle Beide nicht vergessen, Trine, daß ich zwar wohl eine nahe Ver⸗ wandte dieses Hauses bin, aber trotzdem das Gnadenbrod hier esse.“ „Das Gnadenbrod— himmlische Güte, das Gnadenbrod!— Nun spricht das Kind von Gnadenbrod und muß sich abhetzen von früh bis spät, in Haus und Küche, und obendrein geduldig all die üblen Launen der Frau Tante und alle Giftbisse der gnädigen Kousine über sich ergehen lassen!“ „Mußt Du das nicht auch, Trine?“ „Das ist etwas Anderes, ich bin eine dienende Person und habe eine Elephantenhaut, da gehen so leicht keine Pfeile durch; überdies habe ich mich freiwillig und ohne Noth in dies Fege— feuer hineingesetzt.“ „Du hast es mir zu lieb gethan, Du treue Seele Du.“ „Wie man's nimmt, Fräuleinchen, wie man's nimmt, mir zu lieb, oder Ihnen zu lieb; es ist immer ein Stück Selbstsucht mit im Spiel. Wie hätt' ich's aushalten sollen, fern von Ihnen, die ich schon von Kindesbeinen an gekannt und zum Fressen lieb gehabt habe. D'rum habe ich mich auch sofort in die vakante Stelle hier gemeldet, als Ihre herzliebe Mama todt war, und man Sie hierher zur Frau Tante brachte. Ich würd's keine sechs Wochen prästiren, prophezeite mir damals die abziehende Köchin, ich aber wußte es besser.“ „Du mußt es prästiren, Trine, und wenn sie Dir auch den 2 1 8 316 Kopf herunterrissen,“ sagte ich zu mir selber,„und zwar gerade so lange, als unser Fräulein Röschen es auch prästirt und aushält.“ „Und bis jetzt ist's ja gegangen, gute Trine, nicht wahr?“ „Freilich, freilich, obschon es mich zuweilen Wunder nimmt, daß ich immer noch in meiner Haut stecke; das ewige Schimpfiren und Kujoniren ist hin und wieder schon dazu angethan, daß man am liebsten daraus führe— aus der Haut nämlich, Fräuleinchen! Na, an mir ist ja eigentlich nichts gelegen, aber an Ihnen, Fräulein Röschen; um Ihretwillen drückt's mir oft fast das Herz ab!— Geradezu niederträchtig ist's, daß man Sie zum Aschen⸗ puttel macht, Sie, die doch aus ebenso gutem Blut stammen, als die Zwei hier im Hause— und sind so jung und hübsch dazu, o, viel hübscher als Fräulein Milla, die mit Schminken und Pudern und Kräuseln ihre achtundzwanzig Jahre zudecken muß, um der Welt ein X für ein U vorzumachen.“ „O, Trine, aber Milla war früher sehr schön und ist es auch jetzt immer noch; hast Du sie denn vorhin nicht gesehen in ihrem prächtigen Ballstaat?“ „Ich hab' sie mit keinem Auge angeguckt; die Ehr' hätt' ich ihr um keinen Preis angethan.“ Röschen lachte.„Daß Du ihr den schuldigen Tribut ver— sagtest, wird sie kaum besonders drücken, aber es ist schade, daß Du sie Dir nicht ordentlich betrachtet hast. Sie sah wirklich elegant aus, fast wie eine Königin.“ „Die wie eine Königin! Na, wenn Königinnen so kalte böse Augen haben, wie unser Fräulein, dann danke ich für Königinnen! Uebrigens machen das nur die Kleider, Fräulein Röschen; wenn Sie so prächtige Kleider anhätten, wie ein leibhaftiger Gottes— engel thäten Sie aussehen, und ich meine, das ginge noch über eine Königin. Wahrhaftig, eine Mark oder mehr sollte mich nicht reuen, wenn ich Sie einmal so recht geputzt sehen könnte!“ „Ei Trine, das Vergnügen kann ich Dir ja machen, ohne Dich in Kosten zu bringen,“ lächelte Röschen;„sieh nur, da hängt Milla's letztjähriger Ballstaat, den die Schneiderin für die Gesell— schaft bei Hofraths auf übermorgen aufgefrischt und zugleich mit der neuen Robe hergebracht hat. Was meinst Du, wenn ich ein— mal da hinein schlüpfte, Trine?“ Die Köchin klatschte vor Vergnügen in die dicken Hände. „Ach, ja, thun Sie das, thun Sie das, Fräuleinchen! Und ich will Ihre Kammerfrau sein und Sie putzen, daß es eine Art hat!“ Sie machten sich scherzend und lachend an's Werk. Nach kurzer Zeit stand Röschen, von schimmerndem weißem Atlas umflossen, vor Milla's hohem Spiegel. „Wie hinein gewachsen, ein Figürchen wie gedrechselt! Unser Fräulein ist der reine Plumpsack dagegen! Gelb vor Neid würde sie, wenn sie's sähe, Fräulein Röschen!“ frohlockte die Magd, indem sie mit auf die Hüften gestemmten Armen ihre erste Kammer— frauenleistung bewunderte. Röschen hob die prächtig geformten, schneeweißen Arme gegen den Kopf und zog die Nadeln langsam aus ihrem weichen, lichten Haarknoten. „Meine gelbe Mähne muß auch mitspielen, nicht, Trine?“ „Ach ja, die herrlichen, seidenen Haare, auf welche Ihre selige Mutter so stolz war! So— hat sie immer über Ihre Locken gestrichen, so— und so— und so!“ Trine fuhr mit der rauhen Hand zärtlich liebkosend über die Haarwellen, die über Röschen's weißen Nacken niederfielen und im Scheine der vielen Lichter, die immer noch sortbrannten, wie flüssiges Gold leuchteten. Röschen blickte einen Augenblick wie traumverloren in den Spiegel, plötzlich aber drehte sie sich nach der Köchin um.„Trine!“ rief sie mit glänzenden Augen,„es ist im Grunde etwas ganz Er— bärmliches um die Kleider, aber in solch einem herrlich schimmern— den Gewand steckt doch ein wahrer Zauber! Fühle nur einmal, wie mir mein dummes Herz klopft! Und ordentlich gewachsen komme ich mir vor in diesem Feenkleid.— Ach Trine, wenn ich doch auch einmal ein Brosämlein haben dürste von dem reich— besetzten Tisch der Lebensfreude, an dem die Andern schwelgen. O, wenn ich einmal mit zu Balle dürfte und tanzen— tanzen — tanzen! Wenn Du wüßtest, wie mir's in den Füßen prickelt beim bloßen Drandenken und— ja, ich kann Dir nicht helfen, Trine, einen Hopfer werden Deine Beine mir zu lieb immer noch zu wege bringen.“ 5 „Trallera, trallera, trallera!“ tönte es übermüthig von Roͤschen's Lippen, und sie drehte sich wie ein Wirbelwind und riß die lachende, pustende, fortwährend protestirende alte Person mit sich im Kreise herum. i Sie gewahrten in ihrem tollen Eifer Beide nicht, daß die 5 Portiere, die Milla's Boudoir von dem daranstoßenden Empfangs⸗ zimmer schied, sich theilte, und ein verwundert lächelndes, bärtiges Männerantlitz zwischen den Falten erschien. Trine war die erste, die das Unheil entdeckte und mit lautem Aufkreischen in die entfernteste Ecke des Zimmers flüchtete. Röschen blickte sich verwundert nach der Ursache von Trine's jähem Schrecken um, aber was sie sah, mußte nicht minder auf ihre eigenen Nerven wirken, als auf die der Köchin, denn der fröhlich lachende Mund verstummte, und die schlanke Mädchen⸗ gestalt im weißen Atlasgewand sank zitternd in den zunächst⸗ stehenden Sessel. „Doktor Burk!— um Gottes Willen, Doktor Burk!“ „Ja wohl, Burk; dieser schreckliche Doktor Burk, der in tiefster Zerknirschung um Verzeihung bittet, daß er so unerwartet und zu so später Stunde in dies Allerheiligste eingedrungen ist. Aber wenn man sowohl die Haus- als auch die Etagen⸗Thüre sperr⸗ angelweit offen findet und auf mehrmaliges Klopfen keine Antwort bekommt, dafür aber hier im Zimmer solch köstliches, ansteckendes Lachen hört, so——“ „Aber Trine,— offen gelassen,— so spät am Abend!“ tönte es vorwurfsvoll aus dem kleinen Lehnstuhl zur hände⸗ ringenden Köchin hinüber. „Ach Fräulein, daß mir das passiren mußte! Aber ich hatte eben, als ich die Herrschaft hinunterbegleitete, gar nichts anderes im Kopf als Ihr abgehetztes, müdes Gesichtchen, und im Eifer, schnellstens nach Ihnen zu sehen, muß ich das Schließen total vergessen haben! Na, du mein gütiger Himmel, wenn das unsere Madame erfährt, und erst das Fräulein! Aber ich nehm's auf mich, Herr Doktor, ganz allein auf mich.— Ich bin's auch gewesen, die das arme Kind in das fremde Kleid gesteckt hat, weil— na, weil mir's das Herz zerreißt, daß man mein Fräulein zur Magd macht, und ihr keine Freude gönnt und weil ich mal sehen wollte, wie mein Prinzeßchen ausschauen würde, wenn's einmal in die richtigen Kleider käme, und“— 5 Richard Burk lachte.„Ruhig Blut, alte Trine, nur immer ruhig Blut! So schlimm wie ich aussehe, bin ich nicht, und zum Angeber bei Ihrer Herrschaft tauge ich schon keinen Pfiffer⸗ ling! Das sollten Sie doch von früher her wissen, wo Sie mir in Röschen's Elternhaus die Stiefel zu wichsen hatten und es zuweilen im Sturm und Drang Ihres Tagewerks richtig ver⸗ gaßen!— Aber für mein Augenzudrücken von damals und jetzt müssen Sie mir schon einen Gefallen thun, Trine, und mich mit Ihrem Fräulein, dem ich kein Haar krümmen werde, allein lassen. Ich bin ja noch kaum dazu gekommen, meine alte, gute Be⸗ kanntschaft mit ihr zu erneuern!“ Trine blickte rathlos an dem hochaufgeschossenen Mann empor und dann zu ihrem Fräulein hinüber, das immer noch wie ge⸗ lähmt in derselben Stellung verharrte, dann trollte sie sich kopf⸗ schüttelnd von dannen. 1 Richard Burk schob sich einen Stuhl vor Röschen's Sitz und ließ sich darauf nieder. „Habe ich Sie sehr erschreckt, liebes Fräulein?“ fragte er, während seine Augen fortwährend auf der schönen Maͤdchen⸗ gestalt mit dem offenen Blondhaar ruhten. „Ja, das weiß Gott, Herr Doktor! Ach, ich schäme mich zu Tode! Was müssen Sie von mir denken: Tante und Milla auf dem Balle und ich— statt an meiner Arbeit— in diesem Aufzug— mit offenem Haar, tanzend und singend!— Und hier dieses schreckliche Durcheinander!“—. „Das Sie wahrscheinlich hätten in Ordnung bringen sollen, während Ihre Verwandten sich auf dem Ball amüsiren,— wie?“ Er nahm die Spitzen seines Schnurrbartes zwischen seine Zähne und wartete auf eine Antwort, die aber ausblieb. Es gab eine lange Pause. „Tante und Milla sind schon vor einer Stunde weggefahren!— sie hatten jedenfalls keine Ahnung, daß Sie kommen wür 9 *. sie abzuholen; sonst würden sie sicher gewartet haben,“ bemerkte Röschen endlich. 317 5 Der Liebesbrief. Nach dem Gemälde von Wilhelm Wieder. 827 920— 7 2 2318 Er sah sie immer nur schweigend an; sie konnte die peinliche Situation nicht länger ertragen. f „Sie werden sich eilen müssen, Herr Doktor,— der Ball hat gewiß längst begonnen und Milla wird Sie sehnlich er— warten.“—— „Ah,— Sie möchten mich gerne fort haben!— Aber wes⸗ halb glauben Sie denn so bestimmt, daß Milla mich sehnlich erwarte?“— „Weil— weil— sie sprach von Ihnen, ehe sie fortging, Herr Doktor!“— So— und was sprach sie denn von mir, Röschen? Es wird doch hoffentlich nichts Schlimmes sein?“— Das junge Mädchen wand sich innerlich in großer Pein. „Im Gegentheil, Herr Doktor,— sie sagte,— sie hoffte“ „Was denn?— Sie stocken, und ich muß nun durchaus erfahren, was meine Kousine sagte und hoffte; ich habe ein Recht dazu, Röschen!“— „Freilich,— Sie haben ein Recht dazu!— Nun denn— sie hoffte, daß— daß Sie sich diesen Abend noch erklären würden, Herr Doktor,“ stotterte das geängstigte Mädchen. Ueber Richard Burk's Gesicht glitt ein eigenthümliches Lächeln. „Sie könnte Recht haben— die schöne Milla,— ich habe allerdings die Absicht, mich heute noch zu erklären, und den glühenden Wunsch, Erhörung zu finden.“ Röschen hatte wieder ihre nervösen Finger und zupfte an dem Spitzenbesatz ihres Anzuges herum. „Ihre— Ihre— Braut ist heute sehr schön, Herr Doktor!“ sagte sie, um überhaupt etwas zu sagen. Er sah sie mit einem langen Blicke an. „Ja, sehr, sehr schön!“ sagte er dann, mit einem seltsamen Blick auf die Sprecherin.— Auf einmal sprang er empor. „Machen wir ein Ende!“ rief er fast unwillig aus.—„Da sie ich und quäle mich selbst und Sie, daß Sie mich die ganze Zeit über erschrocken anstarren, und ich hatte mich doch so dar— nach gesehnt, diese Augen wieder einmal recht warm und ver— trauensvoll aufleuchten zu sehen,— diese schönen, lieben Kinder— augen, die mich seit drei Jahren auf Weg und Steg begleitet haben!“ Er beugte sich nieder und zog sie hastig zu sich empor. Sie erblaßte bis in die Lippen und streckte die weißen Arme abwehrend gegen ihn aus. „Um meiner seligen Mutter willen, treiben Sie keinen Spott mit mir, Herr Doktor!“ Er ergriff ihre beiden Hände und hielt sie zwischen den seinen fest.„Sehe ich aus wie Einer, der zum Spott aufgelegt ist, Röschen?“ Er holte tief Athem.„Wir Juristen gelten für ein schlag- und zungenfertiges Volk, aber in Dingen der Liebe sind wir nicht besser d'ran, als andere Sterbliche auch, da versagt uns leicht das richtige Wort. Aber, wenn Sie wüßten, wie lieb ich Sie habe, so würden Sie diese meine mehr als stümper— hafte Erklärung annehmen, als wäre sie die beste, redegewandteste der Welt, und Sie würden mir erlauben, Sie ganz einfach an meine Brust zu ziehen, und Sie ohne lange Umschweife zu fragen, ob Sie Ihrem alten Freunde, dem Ihr süßes Kinderherz einst so warm entgegenschlug, gut geblieben sind, ob Sie seine Frau,— seine liebe, kleine Frau werden wollen?“ „Herr Doktor,— ich?— ich?“ „Ja, mein Liebling, Du und keine Andere auf der ganzen, weiten Welt!“ Da flammten sie auf, die Kinderaugen in großer, reiner, heiliger Liebe, und was Röschen's Lippen in Richard's Ohr flüsterten, das klang dem hochbeglückten Mann so wonnig, daß sie es ihm immer und immer wiederholen mußten.— Es waren nur drei kleine Worte und wie sie hießen, das wissen Alle die, welche sie in seliger Stunde auch vernommen, oder selbst gesprochen haben. Diejenigen aber, denen diese höchste Wonne nicht zu Theil geworden, die träumen davon, daß sie sie dereinst kosten möchten, oder dann haben sie einmal davon ge— träumt und den schönen Traum, mit vielen andern, wehmüthig verschwinden sehen. Und am nächsten Tage ist Richard Burk mit Sturm ge— kommen und hat Aschenbrödel im buchstäblichen Sinn des Wortes vom Herde geholt, um sie ihren Verwandten als seine liebe, junge Braut vorzustellen. los abgeprallt.— Milla, die welt- und redegewandte, brachte es fertig, sauersüßer Miene Glück zu wünschen, aber sie konnte nicht umhin sich höchlich zu verwundern,„daß ein so weitgereister Man sich an solch ausgesprochenem Küchenkräutchen, solch bescheidenem „Feld⸗ und Wiesenblümchen“, wie ihr liebes Röschen nun mal wäre, genügen lasse!“ Sie hatte ihm einen besseren Ge⸗ schmack zugetraut. a Nach den üblichen Höflichkeitsphrasen erinnerte sich die schöͤne Kousine plötzlich ihrer„köstlich durchtanzten Nacht,“ ihrer Nerven und ihrer Migräne, und zog sich in's Junerste ihrer Gemächer zurück.— 3 In der Küche aber stand Trine und wischte sich mit dem Schürzenzipfel die Freudenthränen von den Augen.— Der schreckliche Zornausbruch ihrer schwer gereizten Herrin, der sie soeben auf den Zeitpunkt von Röschen's Hochzeit den Dienst gekündet, war an ihrer dicken, treuen Elephantenhaut wirkungs-⸗ J A Kleine Frauen Zeitung. Die Mode. Ich weiß, es ist durchaus nicht 1 8 Ton, mit dem Wetter zu be⸗ ginnen; allein muß man nicht unwillkürlich Klage führen gegen diesen Sommer, der uns schöne, warme, sonnige Tage nur ganz vereinzelt de f Theil werden ließ?! Er ist dadurch mit der Mode in offenbare Fehde erathen, denn was diese schuf, um unter heiterem Himmel 4** zu 1 hat er meist nichtig und überflüssig erscheinen lossen. Und so waren die Anzüge aus wärmenden Wollenstoffen, der Waterproof an der Tages⸗ ordnung, hier ebenfalls wärmender Gestalt in Form eines langen, an⸗ schließenden Paletots aus Cheviot oder seidegefüttertem Tuch, dort illu. sorisch kühlend, aber leichter als jener, in Form eines langen Mantels mit umgeschlagener Pelerine, resp. Bandagen Aermeln nebst Kapüchon aus seidenem Gummistoff. Man brauchte mithin kaum an eine Abaͤnderung der Toilette für die“ herbstliche Jahreszeit zu denken, wenn.... Ja, dies Wenn schließt Vieles in sich ein, da einerseits, wie aus dem Eingange erhellt, die für Herbst und Winter reservirten Anzüge zum Theil im Sommer benutzt und ab⸗ genutzt worden, andererseits Mode und Industrie nicht Rasttag 1— sondern vorwärts schreiten, um bei Beginn einer Saison stets neue Ueber⸗ raschungen zu bieten, denen das weibliche Herz nun einmal nicht wieder⸗ stehen kann. Viele praktische Frauen indeß lassen, ehe sie daran denken, sich neue Toiletten anzuschaffen, diesenigen, welche noch vorhanden, für die Ueber gangs-Saison auffrischen. Derartige Arrangements zusammenzustellen, zu einem glücklichen Resultate zu bringen, ist oft schwieriger, als neue Ko 1 zu gestalten. Es läßt sich als eine allgemeine Regel feststellen, daß man für das„Aufarbeiten“ einfarbige wie gestreiste Wollenstoffe, schlichten Sammet, Faille und schmalgestreifte Seiden-Pékings verwenden kann. Was die Formen betrifft, so wird man gerade Röcke mit einfachen oder mit doppelten Quetschfalten, mit Quilles, Panneaux, Tabliers, bam i nach Belieben, fertigen, auch mit eleganten Draperien, denn trotzdem 3 Debüt der Sommersaison die Mode letztere zu verschmahen oder 1 in den Hintergrund zu drängen schien, so haben sie doch nach und nach wieder an Terrain gewonnen und sollen im Winter ihren alten, gewohnten Plag einnehmen. Also die Umwälzung, welche man im Bereiche der Kleider prophezeit, wird sich nicht vollziehen, und die verschiedensten Stilarten werden wieder herrschen. g Die große Kunst in Toiletten-Angelegenheiten beruht ja g 1 darauf,„sich nach seiner Mode zu kleiden“, was ein großer Unterschied von dem ist, sich nach der Mode zu kleiden. Selbstverständlich ist erstere nicht Jedermann's Sache, denn es gehort schon viel, sehr viel Ge. 11717... ren 3 schmack dazu, um das Richtige zu treffen. Aber das anzunehmen, was alle Welt traͤgt, bekundet heutzutage schlechten Geschmack. I Für junge Mädchen bleibt das Matrosenkostüm, das am Strande soos viel Beifall gefunden, zum Herbst oder als„Uebergang“ in der Mode.. Man fertigt es aus Vigogne oder Cheviot in dunkelblauer be mit etwas Beimischung von Weiß. Der plissirte Rock wird z. B. blau sein, 8 N das veibchen, das durch ein unter den Rock zu ziehendes emiset re prasentirt wird, aus weißem Wollenstoff. Man legt um die Tallle eine breite, drapirte Schärpe, ebenfalls aus weißer Wolle, 1905 man seit⸗ 9 warts ineinanderschlingt. Beim Ausgehen fügt man zu diesem Kostüm ein blaues Jaquette, aus gleichem Skoff wie der Rock, hinzu, dessen Re- vers mit zwei Reihen hübscher Metallknöpfe zurückgehalten sind. 5 erhält das Jaquette noch einen kleinen Kapuchon, der mit blauem datin de Chine gefuttert ist. 3 Trotz der Ungunst des Wetters haben sich die weißwollnen Toiletten aus Voile, Etamine, Vigogne erhalten, ja, wahre Triumphe und man faͤhrt fort, sie im Herbst wie im Winter zu tragen, aus denselben Stoffen zu festlichen Gelegenheiten, aus Serge, Cheviot und 2 Promenade. Immer elegant, immer distinguirt kann ein derartiges 2 ebensowohl von jungen Maͤdchen und von jungen Frauen wie von einer Dame gewählt werden, welche nicht mehr in der ersten Jugend ist. Natür⸗ lich hatte letztere die Stoffe wohl zu unterscheiden! Das grobe Wollen⸗ gewebe, das leichte Tuch würden das für sie Geeignete sein. 2 WWW 319 D. Als eine neue Mode erscheinen weiße Wollenkleider mit eingewebter Palmenbordüre, wie man denn überhaupt den„Kaschmir⸗Palmen“ Er⸗ folge prophezeit, sei es, daß dieselben dh als brochirtes Streumuster von einem hellen oder dunklen Grunde abheben, sei es, daß sie, wie eben be⸗ schrieben, als Garnitur den Stoffen eingewirkt sind. Diese Kleider„Pal⸗ myra“ werden nicht mit einfarbigen Geweben untermischt. Ein anderes, ähnliches Genre bieten die Anzüge aus einfarbigen Kaschmirs und Serges, garnirt mit orientalischen Stoffen. Nichts Beliebteres in ersteren als Grün: Russisch⸗Grün, Epheugrün, Myrthengrün, Moosgrün! Es ist die Farbe des Tages, der Mode!— Um indeß auf die weißwollnen Toiletten zurückzukommen, so schmückt man sie will man ihnen ein besonders elegantes Geprä Goldstickereien, Goldgalons oder Goldverschnürungen, sollen sie einfach— elegant wirken, mit weißen Moire⸗ oder Faillebändern. So zeigte 3. B. ein reizendes Gesellschaftskleid aus weißem Voile für ein junges Mädchen den ersten, kaum sichtbaren Rock mit einer feinen, schmalen Verschnürung von goldener Soutache gent, den zweiten Rock ohne Goldausputz, sehr leicht drapirt. Das Leibchen öffnete sich über einem goldverschnürten Plastron, das oben am Halse mit einem fein plissirten Theil versehen war, an welchen sich der goldverzierte Stehkragen fügte. Um die Taille schlang sich ein Gürtel aus weißem Failleband, der seitwärts mit einem Gewoge von Schleifen schloß. Die Aermel endeten in ein Bündchen, das mit dem Stehkragen korrespondirte. Die weißen, mit schmalen, farbigen Linien durchstreiften Wollenstoffe werden vielfach zu Herbst-Anzügen verwendet, ferner leichte, chinirte Tuche, schwarz und weiß, blau und schwarz, beige und braun gemischt. Die dunklen Serges, die Cachemiriennes und die einfarbigen Kaschmirs leihen sich hingegen vornehmlich zu den Direktoirekleidern. Dann versucht man von Neuem die Zusammenstellung von zwei abstechend farbigen Tuchen in einer Toilette, wie z. B. einen mausgrauen Tuchrock, über welchen ein zweiter Tuchrock in lapisblauer Farbe fällt. Man garnirt ein solches Kostüme, für welches man immer noch gern das Genre tailleur begehrt, entweder mit Passementerien oder mit Galons, Blau auf Grau, oder Grau auf Blau. Mehr als je spielt das Plastron eine Rolle, das man hier aus einer Mischung von Seide, Gaze und Stickereien bereitet, dort aus Wolle mit gestickten oder goldenen Galons, die gekreuzt, der Quere, der Länge nach gesetzt, oder mit bulgarischen oder türkischen Stickereien. Man fertigt von Neuem die einfarbigen Aermel abstechend vom Leibchen, entweder aus anderem Stoff oder in anderer Farbe. Nichts ist moderner als ein kurzschößiges Schnebbenleibchen, ein Jaquetteleibchen oder eine Redingote aus dunklem Wollenstoff, myrthengrün, granatroth, otterbraun, mit einer Weste oder einem Plastron und Aermeln aus Moire in dem— selben Ton! Das Leibchen oder Uebergewand kann zu einem Rocke aus gleichnüanzirter schlechter Seide oder Moire getragen werden, desgleichen aus gestreiftem Wollenstoff, immer in derselben Tönung, versteht sich. Das Genre Peking ist nämlich für die Wintersaison zu Kleidern maßgebend. Eine andere hübsche Mode ist das Jaquetteleibchen mit drapirter Weste, das man zu allen Arten von Röcken wählt. Ich sah ein solches aus schwarzer Peau de soie, geöffnet über einer drapirten Weste aus schwarzem Crepe de Chine. Die Contouren dieses Kleidungsstückes waren. von einem zierlichen Jetpassepoil begrenzt. Als Garnitur auf jeder Hüfte diente eine Tasche Genre Louis XIII., welche über den Rand des Schooßes trat. Ein hoher Stehkragen mit Jet umrahmte den Hals, und ein Jet— gürtel, von welchem ein sprühender, sich hin- und herwiegender Perlen⸗ regen niederfiel, umspannte die Taille. Auf Taschen und Aermel waren schöne Jetornamente mit langen Gehängen gesetzt. Was soll ich Ihnen über die Knöpfe sagen? Sie sind bestimmt, einen hervorragenden Platz im Ausputz der Herbst⸗ und Wintergarderobe ein— zunehmen, wohl gemerkt: im„Ausputz“, denn man wird sie nicht wie sonst allein als Nothwendigkeit anbringen, um den Schluß zu vermitteln. Vorzugsweise wendet man sich den artistischen Metallknöpfen zu, welche so recht für die Directoireroben geeignet scheinen, denn hier können sie auf den großen Revers der Redingote zu ihrer schönsten Geltung kommen. Man gedenkt ferner, dieselben auf Kleiderröcke anderen Stils, auf Leibchen, Jackets ꝛc. vielfach zu garniren. Und für besonders elegante Roben, seien dieselben nur für den Morgen oder Abend bestimmt, hat man ciselirte, gemalte, emaillirte Knöpfe ziemlich großen Umfanges hervor— gerufen, welche allein schon den Reichthum einer Toilette ausmachen. Auf den Habits Louis XV. werden kunstvoll gemalte Knöpfe mit Amo— retten von Boucher oder mit Schäferscenen von Watteau prangen, auf den Casaques Directoire Knöpfe mit geschliffenen Stahlnägeln, welche wie Diamanten funkeln. 5: Die Galons, die eleganten, in bunten Seiden oder in Gold gestickten oder brochirten, ebenso wie die einfachen wollnen Tressen, die Verschnü⸗ rungen in runder Soutache, vornehmlich diejenigen in Palmen⸗ mustern, gehören gleichfalls zu modernen und beliebten Kleiderzierrathen. Auch die ausgeschlagenen Stoffgarnituren erscheinen wieder, und man läßt hierbei häufig einen solchen hellen Streif unter einem dunklen vor⸗ sehen. Man führt das besonders in Tuch aus.. Originell und sehr neu ist die Verwendung der weißen Garnituren auf eleganten Tages- wie Abendkleidern. Die Weste aus weißer Wolle oder Seide gehört bekannterweise der alten Mode an, doch kommt sie verjüngt in jeder Saison wieder, und jetzt hat man ihr Revers, Kragen, Jockeys, Puffen und noch viele andere Toilettendetails in Weiß bei⸗ gefügt. Die weiße Directoireschärpe ist gleichfalls sehr in der Mode. Es läßt sich nicht leugnen, daß derartige weiße Garniturtheile sich höchst kleidsam erweisen; sie sind von großer Distinktion und geben der ein⸗ fachsten Toilette das„Cachet“, das man so sehr liebt. 5 Als herbstliche Umhüllung steht das Jaquette wiederum in erster Linie. Man fertigt es aus groben, melirten Cheviots, aus Himalaya, e geben, mit aus Tuch, mit oder ohne Seidenfutter, meist anschließend, doch auch mit geraden, immerhin aber knappen Vordertheilen. Sehr beliebt daran ist die Verschnürung aus ganz groben, eigenthümlich verstrickten und in⸗ einandergeflochtenen Wollentressen, begleitet von feiner, runder Soutache und abgeschlossen mit Knebeln, welche auch zum vorderen Schluß dienen. Derartige Tressen werden bei dem Husaren-Jaquette in Form von Brandebourgs auf die Vordertheile, ferner von den Aermeln bis zur Taillenbiegung auf die Rückennähte gesetzt. Zu den Kleidern aus groben Cheviots, grober englischer Serge, vor allem aber aus Tuch, hat man allerliebste, seidengefütterte Capuͤchons aus übereinstimmenden Stoffen in verschiedenen Formen hervorgerufen, desgleichen Pelerinen mit drei oder vier Kragen, welche der Toilette eine hübsche Vollendung geben und sie zu einem herbstlichen Straßenanzuge gestalten. Der lange, am Halse in mehrere krause Puffenreihen Peoogene oder an eine Schulterpasse gekräuselte Reise- oder Staubmantel bonne kemme“ hat trotz seiner un⸗ kleidsamen Form so viel Beifall im Sommer gefunden, daß man ihn als Herbstmantel in mattbunt gestreiften Cheviots wiederholt. Durch innerhalb angebrachte Bänder liegt derselbe im Rücken fest an. Eine ähnliche Fagon bereitet man mit überfallenden, eckigen Aermeltheilen, 10 ebene lang wie der Mantel sind und sich aus den Rückentheilen ergeben— In den Kopfbedeckungen für Herbst und Winter unterscheidet man vier Hauptformen, von denen jede wiederum eine Anzahl Varianten mit sich bringt. Zuerst den runden Hut mit niedrigem Kopf und breiter, weit vorstrebender Krämpe, welchen man aus Filz fertigt und mit Band⸗ schleifen und Straußfedern schmückt; dann den Directoire aus Sammet oder Filz mit einer Schleife im Innern und einem Kranz von Blumen oder Bändern außen; die kleine Capote aus allen möglichen Stoffen und schließlich die Toque, welche sich in Filz, in chiffonnirtem Surah mit, Filz⸗ oder Sammetrand, ferner in Federn präsentirt. Die Toques aus Federn zumal sind die neuesten, die reichsten. Der Fond ist aus glatten, glänzenden Federn, z. B. der wilden Ente, der Rand aus kleinen Flügeln, welche in schräger Richtung emporstehen und über der Stirn ein Diadem bilden; eine kleine Sammetschleife befindet sich in der Höh— lung des Diadems und ruht auf dem Haar. Als Uebergangs⸗ wie als Reisehut trägt die elegante Damenwelt vielfach den weichen Filzhut, Genre„Mascotteb. Um ihm sein männ⸗ liches Air zu nehmen, windet man eine Echarpe aus weißer Gaze um den Kopf und bringt seitwärts Flügel oder eine Möve an. Vom Hut ist der Schleier unzertrennlich, welchen man am liebsten der Farbe des Hutes oder, ist dieselbe nicht vortheilhaft für den Teint, derjenigen des Ausputzes anpaßt. Ich mache wiederholt auf das Un⸗ günstige der rothen Schleier aufmerksam. Bei schwarzen Hüten, schwarzen Garnituren nichts Kleidsameres als der schwarze Schleier! Man hat reizende Tülle für dieselben, bestickt mit dichten, ziemlich großen Erbsen, mit dichten Punkten(Tüll point g'esprit) mit kleinen Kreuzmustern. Eine entzückende Neuheit an Regenschirmen und Encas bilden Griffe aus Schildpadd von breiter, trotzdem stark gewölbter Form, entweder glatt und rundlich oder kantig geschliffen. Sie finden nur an braun⸗ oder schwarzseidenen Schirmen Anwendung und sind hier von wirklich vornehmem Aussehen. Ein braunes oder schwarzes Grosgrainband, zu einer Armspange mit Schleife geschlungen, schließt den Griff am Ansatz des Stockes ab. Zuweilen ist der Griff mit einem großen, schön ge⸗ formten Monogramm in echtem Silber ausgelegt. oe n lölter. Der Liebesbrief.(Siehe Illustration.) Wilhelm Wieder, der vor wenigen Jahren in Berlin verstorbene Maler, hat viele Jahre seines Lebens in Italien, und vorzugsweise in Rom verbracht. Zu seinen ge⸗ fälligsten Genrebildern gehört„der öffentliche Schreiber.“ In der Nähe des Vatikans blüht der Glaube, aber nicht die Wissenschaft. Breite Volksschichten Roms vermögen weder zu lesen noch zu schreiben und so kommen Hunderte von jungen Römerinnen in die fatale Lage, sich ihre Liebesbriefe von einem Fremden schreiben lassen zu müssen. In Wieder's Darstellung zeigt es sich nun, wie ein verliebter Alter das Vertrauen seiner Klientin mißbraucht. Er schreibt einen Liebesbrief, aber— an seine Auftraggeberin und flüstert dieser die süßesten Liebesbetheuerungen in's Ohr, bis die Mutter der Schönen dem falschen Spiele ein Ende macht. Mit einem„Peccato!“(Wie schade!) bricht Dr. Bartolo ab und läßt das Vögelchen aus der Schlinge. R. E. Sechs Wochen Trauer. Der berühmte Eßlair starb bekanntlich in Innsbruck. Bei seinem Leichenzuge betheiligten sich sämmtliche dort an— wesende Schauspieler, sowie viele Künstler und Kunstfreunde der Stadt. Der Bassist B.. r, nicht im Besitze eines schwarzen Fracks, ging zu einem kunstliebenden Bürger, um sich dieses zum Leichenzuge so nöthige Requisit auf ein paar Stunden zu borgen.— Jedoch acht Tage waren ver⸗ gangen, und der Gute war noch nicht wieder im Besitze seines Eigenthums; im Gegentheil stolzirte B... r Tag für Tag in dem feinen Festkleid herum. Endlich' suchte ihn der Ausleiher eines Abends im Bierhause auf, und ersuchte heimlich und bescheiden um Rückgabe seines Fracks. Aber mit eisern⸗ernstem Gesichte raunt der Bassist dem Bürger die Worte in's Ohr:„Sechs Wochen Trauer!“ N. Beruhigung. Ein bekannter Komiker saß in einer Gesellschaft zu dreizehn am Tische.— Einer von ihnen bemerkte dies mit Schrecken; der Komiker entgegnete ihm:„Beruhigen Sie sich, ich esse für zwei“ 5 3 320. Nagisches Quadrat. Aus folgenden Buchstaben: sind vier Wörter zu bilden und so zu ordnen, A ö E E E E N N N N R R ü8 daß dieselben, von oben nach unten und von links nach rechts gelesen, in den korrespondirenden Reihen gleiche Wörter ergeben: Die vier Reihen ergeben: 1. Einen Vo 8 2. Ein mächtiges 1 in der nordischen Mythologie. Donau. Aus jedem der folgenden 16 Citate ist ein Wort zu wählen. ine Stadt in der Schweiz. 4. Einen Nebenfluß der Citaten- Näthsel. Die so erhaltenen 16 Wörter ergeben ein Schiller'sches Citat. 1. 2. 3. * 2 10. . 12. 13. 14. 15. 16. Und was die inn're Stimme spricht, Das täuscht die hoffende Seele nicht. Hoher Sinn liegt oft im kind'schen Spiel. Ein guter Mensch in seinem dunkeln Drange Ist sich des rechten Weges wohl bewußt. . Grau, theurer Freund, ist alle Theorie, Und grün des Lebens gold'ner Baum. „Und was kein Verstand der Verständigen sieht, Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüth. . D'rum prüfe, wer sich ewig bindet, Ob sich das Herz zum Herzen findet. . Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst. . Nichtswürdig ist die Nation, die nicht Ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre. Ich weiß zu wohl, noch bleibt es unvollendet, Wenn es auch gleich geendigt scheinen möchte. Wär' der Gedank' nicht so verwünscht gescheidt, Man wär' versucht, ihn herzlich dumm zu nennen.— 1 1 ist 72 0 den Augenblick geboren, echte bleibt der Nachwelt unverloren. 15 sichern Port läßt sich's gemächlich rathen. Und zu enden meine Schmerzen, Ging ich, einen Schatz zu graben. Im engern Kreis verengert sich der Sinn, Es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken. Wer solch ein Herz an seinen Busen drückt Der kann für Herd und Hof mit Freuden fechten. Und in kurzer Fahrt Trägt euch der leichte Kahn von Schwytz herüber. 5 ogogriph. Es gleiten ruhig meine Wellen Durch Franken einem prächt'gen Strome zu, Wirst für das M ein H du stellen, Bring' ich dich einst zur letzten stillen Ruh. ee des Logogriph in voriger Nummer: Wesen, N Wesel, — des Arithmogriph: dee 1. Nankings. 6. Eyresee. 2. Albert. 3. Plutarch. 7. Ostern. 5. Landstuhl. 8. Neuguinea. 8 Helena;— des Quadrat-Kreuzraͤthfels: Problem Nr. 530 von 3 1. Berlin. 1 527 . .* 25, e N. 2 1 1755 51. 1* 5* 2222 weß Weiß zieht an und setzt mit dem dritten 5 Matt. Auflösungen. Problem Nr. 521 von G. Chocholous in Bodenbach. 1) Tes et 8g6—e5 8 La2-—bl 2) Dd7-d 5s da- db: 2) Tes- ef Kd4—c: 3) Te6-d6f 3) Dd 7-47 Varianten: 1) Keß 2) P87 Kö(4 3) Dc Matt. II.. Ib Z, oder beliebig 2) Deaf Ke5(Sta) 3) Tes(ble Die Bauern 86 und ba ver indern das Spiel. 1) Das und 2) Dst r resp. Dhg ꝛc. Ohne den Tourm a7 würde 1) Dg 7 2) Sds, ohne Bauer be 2 gen 1) Det zum Ziel führen.— Die Lösung wurde angegeben von Th. Kraus in B., 0 Kron in B, Dr. Knopf in G, Schachklub in G. und F Moller in A. Problem Nr. 523 von 8.2 Möller in Ahlten. 1) 8g5—f'l Kds—e 4: 2) St7- dEr K24—f4. 2c. 3) Dgs-g37 Varianten 1).. K 33-C. 2) Scöf Kb4 3) Sc Matt.— 1). Kess 2 D 3) Sdé Matt.— 5 bet oder ba 2) Sds beliebig 3) 97 Malt.— Die 18 1. an Spattlub in&. Th. Kraus in B., W Kconjin B., Dr. Knopf in G, Dr. Boel achklub in G 4 Die nachstehende Partie aus dem Nürnberger Meisterturnjer sowle die beiden hübschen Turnierpartien der vorhergehenden Nummern wurden uns gütigst von Herrn Kürschner zum ersten Abdruck überlassen. Vartie Nr. 297, gespielt am 6. August im Meisterturnier zu Nürnberg. Weiß: L. Paulsen.— Schwarz: Metger. 1) e2—e4 es 16) b2—b4 Lbé- dt: 2) dz- da d- dõ 17) 813—d4: 1d8— 3) e4—-e5 7 5 18) b4—b5 Seb-d: 4) 02-03 Sbs cs 19) C3-d: a6—bb: 5) 8g1—13 Dds bs 20) 1 1—el 1 60 1—e2 Les-d 21) L43- bd: 87—8⁵ 7) 0—0 176 22) LfA d 15—14 8) Lez—d3) 16—f57 23) Lde—b4 Se7— 5 9) da- cb: LfS— cb: 24) Lb ct: b7— cg: 10) Sb d Db6-e7 25) Lba- d-) 815— do: 11) 8d2—b3 Leh- bs 26) es- ds: Der- dé: 12) Lei- Sg8—e7 27) Tal-—bl! 06-059 13) bah 0-0-0) 28) 44-6518) Ddé-e7 14) Ddl—e2 bh 30 Deza Kees ds 15) 8b3— da a7—a6 30) 1b1—b7 aufgegeben. 1) Der Bauer d4 bleibt hinreichend gedeckt, da— infolge des vorhergehenden Zuge EISI PIA eee von Schwar! eventuell das Läuferschach auf 80 erfolgen kann, 1 R 5 a 2) Die— Rochade kann 4 1 12 3* 1 sicher; fielen als die T I„ N urze; zu einem Gegenangriff auf der Rönigsseite bleibt leine Zeit. AN TV E R 1 E N 4 Entscheidend und weit fete 4 dle ungenügende Forisetzung 25) Dasf Kd7 28, L IRT EIHI[I AS I 1 Tas 26) Das Tas. 27) Le. Kc: a 1 4 Auf Kas oder d7 wäre 28) 1¹7 die Folge gewesen und gegen andere Züge entschesdel S A L ZIRIR UHF N e 5 5 N 2 5) Natürlich führt auch 28) Teö5 f Kas 29) T7 82 Dbs schnell zum Matt. I E MRR AND IT Deutscher Schachbund. Mit dem im näch sien 2 au. r 8 INA 5 ongre u achbun oll ein in S ON NIAI BEN D Kongresse des deutschen Schachbundes soll inter . Bierzüger verbunden werden. Man konturxirt in einer o der 1 Hare 8 je 2 PP O[LOINIATIIS IE Problem. Für die Vierzüger sind 100, 80 und 00 Mark, für die Dreizüg 60 und 4 28. 8 Mark als Preise ausgeseht; außerdem ist von Herrn J. Berger in Graz fr de die 152. 5 B EN EID[PETIT I ein Ehrenpreis von 180 Mark gestiftet worden“ Die Probleme, sowie etwalge Nachtr 2 2 J 5 U nN. vor— 5* an— Schäfer, Se — 5 markt im Diagramm und mit Motto ehen eingesandt werden. BER E III[ITI HORN Schachbundes daben für jedes Problem einen Einsatz— wei Mark zu entrichten. richter sind die Herten von Gottschall. in Leipzig und M. Kür sch ner in u. richter Derr Mangelsdorf in Leipzig ———— 1 Druck und Verlag der„Volls- Zeitung“, Akt.-Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Berantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowfir. 100. 5 r 2 . ͤ. ²Üdum. ⅛˙— m!⅝ʃt'ʃ. ʃ—˙¾—ò!—1—.....—˙—T—.—.——........... — S. S 22