zu den Ouerhessischen Nachrichten. geder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Jauuar. Gießen, den 29. Vor dem Sturm. Roman aus dem modernen russischen Leben von A. L. Berthoff. (Fortsetzung.) VI. Eine Feuersbrunst im Entstehen. Am Tage nachdem Maxim genesen und neu gekräftigt sich wieder erhoben hatte, machte er einen Besuch bei Frau Uschakow. Die Mutter Wera's besaß sichtliche Spuren einstiger großer Schönheit und merkwürdig war die Aehnlichkeit zwischen Mutter und Tochter. Aber Kummer und Sorge hatten hier weit mehr als die Jahre dazu beigetragen, das Schönste und Edelste, was die Natur besitzt, die weibliche Schönheit, zu vernichten. Anna Andrejewna Uschakow, die Mutter Wera's, hatte dasselbe Schicksal erfahren, das so viele Illusionen zerstört, so viele schöne Augen mit Thräuen füllt, mit den bitteren Thränen hoffnungslosen Grams über ein verlorenes Leben, über vernichtetes Glück. Sie war im Reichthum aufgewachsen, gefeiert als junges Mädchen und von Verehrern umgeben. Jung, schön und reich, schien sie vorherbestimmt für ein seltenes Lebensglück und die eigene Un— erfahrenheit war es, die sie einem Leben voll Kummer und Sorge entgegen führte. Vor allen ihren Bewerbern war es Uschakow, ein junger Offizier, der es verstand, ihr Herz zu gewinnen. Er stand nicht im besten Rufe und zeichnete sich durch nichts aus von der großen Mittelmäßigkeit. Der Vater Anna's verweigerte ent— schieden seine Einwilligung zu ihrer Verbindung mit Uschakow. Aber nach seinem Tode wußte Anna es durchzusetzeu, daß ihre Mutter, wenn auch wider Willen und mit banger Ahnung ihre Zustimmung gab. Es folgten heitere, glückliche Jahre noch nach der Geburt Wera's. Allein der nichtige charakterlose Uschakow war nicht für Familenfreuden geschaffen. Er suchte stärkeren Reiz und fand ihn im Spiel und in der Ausschweifung. Bald war ihr großes Vermögen vergeudet bis auf einen kleinen Rest und als sie diesen für ihr Kind energisch vertheidigte gegen seine wahnsinnige Spielwuth, folgten schrecklich heftige Scenen. Endlich verließ er Frau und Kind, ohne sich je wieder um sie zu kümmern. Seitdem führten Mutter und Tochter ein stilles, arbeitsames Leben in Petersburg. Wera hatte großes Talent zur Malerei und machte rasche Fortschritte in ihrer Kunst, welche ihr be— scheidene Mittel zur einer sorgenfreien Existenz lieferte. Maxim stand noch unter der Herrschaft des Zweifels, und er war noch ganz unentschlossen, wie er sich benehmen, wie er überhaupt sein ferneres Verhalten einrichten sollte. Naxim war eine von den Naturen, welche sich nicht, oder nur mit großer Vorsicht leiten lassen, welche sich sogar auch einer Beeinflussung durch den Zufall, durch die Umstände zu entziehen streben, während Tausende nichts so sehr lieben, als sich vom Zufall leiten zu lassen. Der Zufall hatte ihn mit zu Maxim aufschlug, sagten deutlich, wie sehr sie mit den Worten Wera zusammengeführt, oder wie Maxim dies ausah, hatte ihn zum Beschützer Wera's bestimmt,— hatte über ihn verfügt zu Gunsten Wera's. Und gegen diese Bestimmung ohne seinen Willen revoltirte Maxim, indem er sich vornahm, Wera künftig fremd zu bleiben. Aber nachdem er durch seinen Freund Karpow erfahren, daß Andere sein Thun und Lassen besprachen, daß also, wenn nicht eine direkte, so doch eine indirekte Beeinflussung durch ihre Kritik ausgeübt zu werden schien, revoltirte er wieder hiergegen. So kam er zu dem Entschluß, den Besuch bei Frau Uschakow doch zu machen. Er hätte sich freilich sagen können, daß dieser Entschluß erst recht kein freiwilliger war, und gerade durch die Umstände veranlaßt wurde, daß wir Sterbliche uns überhaupt niemals der Beeinflussung durch die Umstände entziehen können. Gerade in den Augenblicken, wo man wirklich beeinflußt und geleitet wird, wird man dies oft am Wenigsten gewahr. Frau Uschakow kam ihm entgegen und sagte mit dem Aus— druck lebhafter Freude: „Ich kann Ihnen nicht ausdrücken, wie sehr ich mich freue, Sie wieder gesund und kräftig zu sehen. Es ist ein kostbares Geschenk des Himmels, eine solche Jugendkraft, wie die Ihrige. Ich fühle mich noch immer sehr angegriffen durch das schreck— liche Erlebniß und die bloße Erinnerung daran macht mich zittern.“ Die Einrichtung der Wohnung war ziemlich ein ach, fast dürftig und ließ nicht auf großen Reichthum der Bewohnerinnen schließen. Aber sie war sehr wohnlich und in Allem, auch den geringsten Kleinigkeiten, sah man die weibliche Sorgfalt und Ordnungsliebe. Das Aeußere der Frau, ihre Ausdrucksweise, ihre Art sich zu bewegen, ihre Haltung waren aber so sicher und trugen so deutlich den Stempel der guten Gesellschaft, daß Maxim unwillkürlich sie als eine Dame aus gebildetem Stande anerkannte, indem er in sein Benehmen noch entsprechend mehr zuvorkommende Höflichkeit legte. „Gnädige Frau,“ begann Maxim,„ich komme, um Ihnen meinen Dank zu sagen für die musterhafte, sorgsame Pflege, ee die „Aber mein Gott!“ erwiderte die Dame,„an uns ist es ja, zu danken für den Schutz, den Sie so tapfer meiner Tochter geboten haben. Wir werden nie Worte finden, Ihnen das Ge— fühl von Erkenntlichkeit auszudrücken, auf die Sie so große An⸗ rechte haben.— Wera, und Du sagst kein Wort?“ Wera hatte schweigend und unbeweglich zur Seite der Mutter gestanden. Ihre leuchtenden Blicke aber, wenn sie sie zuweilen 234 —* —(——-—-—-—8 5 5 N. der Mutter einverstanden war und wie wenig ihr dieselben doch genügten. Sie faßte den Arm der Mutter und erwiderte zaghaft: „Ich kann kein Wort mehr herausbringen, Mutter, ich werde Maxim Viktorowitsch gegenüber nur noch ein Wort kennen: Dankbarkeit.“ „Sie überschätzen zu sehr den kleinen Dienst, den ich Ihnen leisten konnte,“ erwiderte Maxim, etwas verlegen,—„es war ja mehr der Zufall, der Ihnen zu Hilfe gekommen, als ich. Jeder Andere, den der Zufall an meine Stelle gestellt hätte, würde sich glücklich geschätzt haben, Ihnen denselben Dienst zu leisten.“ Damit erinnerte er sich selbst wieder an die ganze nächtliche Situation. Er wurde wieder mißtrauisch. „Wenn ich gerade von Zufall rede, so meinte ich eben das eigenthümliche Zusammentreffen, daß ich an jenem Abend be— sonders spät nach Hause kam,“ fuhr er etwas anjzüglich fort, „und Sie, wie es scheint, sich gleichfalls verspätet hatten.“ („Das ist doch wohl deutlich genug,“ dachte er bei sich selber.) „Gewiß ein eigenthümlicher Zufall,“ erwiderte Wera unbe⸗ fangen.„Ich war an jenem schrecklichen Abend bei einer ver— heiratheten Verwandten zu Besuch, deren Mann versprochen hatte, mich Abends nach Hause zu bringen. Er ist ein vielbeschäftigter Arzt und hatte an demselben Abend noch einen Krankenbesuch zu machen in der Nähe unserer Wohnung. Bei dieser Gelegen— heit wollte er mich daun in seinem Schlitten nach Hause begleiten. Aber er wurde eiligst zu einem Kranken abgerufen. War es möglich, hier die Hilfe in der Noth zu verweigern? Davon konnte keine Rede sein! Meine Freundin redete mir zu, doch bei ihr über Nacht zu bleiben, aber ich wußte, daß meine Mutter die Nacht in der schrecklichsten Angst zubringen würde, wenn ich nicht nach Hause käme. Sie lebt ohnedies schon in beständiger Furcht, wenn ich ausgehe. So mußte ich mich denn allein auf den Weg machen.“ Dagegen war nichts einzuwenden, Maxim fühlte sich besiegt, ohne sich jedoch dies eingestehen zu wollen. Er war in sehr un— behaglicher Gemüthsverfassung. Um sich aber für diese Nieder— lage zu rächen, griff er Wera's letzte Bemerkung auf und fragte ziemlich unerwartet: „Gehen Sie denn häufig aus des Abends?“ „Abends niemals,“ erwiderte sie,„des Tags über freilich kommt es öfter vor, daß ich allein ausgehen muß, denn wir sind nicht so reich, daß ich eine Dienerin als Begleitung mitnehmen könnte. Aber Sie gehen wohl stets aus des Abends?“ Maxim war nicht darauf gefaßt, daß seine Waffe plötzlich gegen ihn gekehrt würde. „Nun, bei mir macht das nichts aus,“ erwiderte er, ärgerlich, sich darüber verantworten zu müssen. „Ja,“ erwiderte sie halb scherzend, halb seufzend,„das ist ein großes Vorrecht, sich so frei bewegen zu dürfen. Unsere Schwäche, unsere Schutzbedürftigkeit ist doch oft eine schwere Fessel.“ Maxim erwiderte nichts mehr. Doch konnte er lange seinen Blick nicht von ihr abwenden. Sie erschien ihm ganz und gar als das Bild von Wahrheit, Unbefangenheit, Schuldlosigkeit, und er suchte dieses Bild festzuhalten, um seinem häßlichen Mißtrauen zu entgehen. Er verabschiedete sich von den Damen sehr bald und kehrte gedankenvoll in seine Wohnung zurück. Während der folgenden Tage befand er sich in sehr wechsel— voller, gedrückter Stimmung. Er sah unaufhörlich ihr Bild vor sich, und hörte den Klang ihrer wohllautenden Stimme. Das machte ihn glücklich und zufrieden, bis wieder andere Stunden kamen, wo er finster brütend dasaß. „Bist Du solch ein Neuling,“ sprach dann eine leise Stimme, „Dich mit einem glatten Gesicht so gimpelhaft gefangen nehmen zu lassen. Was verlangst Du denn noch zu wissen? Um Mitter⸗ nacht— auf der Straße... Nun, ja es ist wahr, sie hat dar⸗ über triftige Aufklärungen gegeben, wie das gekommen ist.— Aber was geht mich das eigentlich an. Ueberhaupt, woher kommt denn dieses Mißtrauen? Mißtrauen oder nicht— habe ich ihr Treiben zu verantworten? Es ist mir doch ganz gleichgültig, wie sie ihre Lebensweise einrichtet— ganz gleichgültig.— Liebe ich sie denn etwa? * Das muß ich doch wohl selbst am Besten wissen. Nun also! Aber nur—“ Ja, ein Aber war dabei, mochte er sich dies nun eingestehen oder nicht. Er ging die folgenden Tage wie im Fieber umher. Das Mittel gegen dieses Fieber nannte ihm eine innere Stimme, ihr Bild, ihre Stimme machten ihn gesund, wenn er ihr nur eine Stunde, eine Minute gegenüber sitzen konnte. Und doch — davon wollte er nichts hören, dies nicht zugestehen; was eigentlich seine Wünsche, seine Vorstellungen, sein Gemüthszustand waren, konnte er sich nicht klar machen.— Jedenfalls nicht die— jenigen eines Mannes, der weiß, was er will. 1 VII. Die Qual des Zweifels. Einige Tage später besuchte er einen Studienfreund, welcher, mehrere Jahre älter, seine Studien bereits beendet hatte und in die Praxis eingetreten war. Fedor Wassiljewitsch Ossipow be— grüßte Maxim mit herzlichem Dank, zu Maxim's Verwunderung und es fand sich, daß eben der Doktor der Mann von Wera's Verwandter war. „Hätte ich eine Ahnung gehabt, welche Gefahr für Wera Andrejewna daraus entstehen würde, um keinen Preis der Welt hätte ich sie allein gehen lassen. Meine Frau und ich schätzen sie wirklich sehr hoch, sie ist ein vorzüglicher Charakter, und ihr Fleiß, ihre Anspruchslosigkeit verdienen das höchste Lob.“ Maxim fühlte sich auf's Angenehmste durch diese Worte berührt. „Wirklich?“ sagte er.„Du kennst sie näher?“ „Gewiß, durch meine Frau,“ erwiderte der Doktor,„aber, wie gesagt, nur von der besten Seite.“ f Das Gespräch wurde unterbrochen durch einen Herrn, welcher auf Maxim zutrat und dabei mit größtem Eifer und allen Zeichen lebhafter Freude ihn beglückwünschte. „Außerordentlich, ganz vorzüglich, mit welcher Bravour Sie sich benommen haben. Erlauben Sie mir, mich Ihnen in's Gedächtniß zurückzurufen, wir sahen uns bei Welikanow unlängst. Ich kann Ihnen nicht ausdrücken, wie sehr ich mich freue, Sie wieder gesund und munter zu sehen! Mein Name ist Semenow, Beamter im Ministerium des Innern, Ihnen zu dienen.“ Auf den Namen konnte sich Maxim nicht gleich besinnen. Aber als er den Sprechenden näher betrachtete, erinnerte er sich sofort an den Ball bei Welikanow, an die wüthenden Blicke Semenow's, an die Unterhaltung mit Karpow und dessen Be— merkung über Semenow, den er als einen der Spionage Ver— dächtigen bezeichnete. „Sehr erfreut, Ihnen hier zu begegnen,“ bemerkte Maxim in trockenem Tone. 5 Selbstverständlich war er auf der Hut gegen Semenow und zu einer längeren Unterhaltung mit demselben wenig geneigt.“ Der Mensch war ihm ohnedies nicht angenehm und schien ihm durchaus nicht vertrauenswürdig. „Ist es möglich,“ fuhr Semenow fort,„daß solche Zustände mitten in der Stadt geduldet werden? So etwas ist skandalös! Es geschieht ohnedies jetzt schon so mancherlei, was unsere Polizei wissen müßte, wenn sie ihrer Aufgabe gewachsen wäre.“ „Wirklich?“ sagte Maxim wieder kurz,„ich habe darüber kein Urtheil, ich weiß nicht—“ t „Wie, Sie wissen nicht, was vorgeht?“ unterbrach ihn Semenow eifrig.„Man sagt, ein Nihilisten-Quartier sei wieder aufgefunden und überfallen worden, wobei mehrere daselbst Au— wesende verhaftet worden seien, und dann noch—“ „Entschuldigen Sie, von diesen Sachen weiß ich gar nichts,“ erwiderte Maxim mit einigem Nachdruck.„Solche Geschichten liegen mir ganz fern. Meine Studienzeit geht jetzt bald zu Ende, und für mich giebt es gegenwärtig nichts Wichtigeres, als sie so viel als möglich auszunützen.“ Damit wendete er sich ab und ging nach dem anderen Zimmer zu, wo jetzt eben Bewegung und Stimmen zu hören waren und Jemand angekommen zu sein schien. Semenow blieb stehen und sah Maxim nach. „Der junge Herr ist vorsichtig, das muß man sagen,“ mur⸗ melte er vor sich hin.„Doch warte nur,“ fügte er mit haß⸗ erfülltem Blick hinzu,„es giebt schon noch Mittel, um junge leichtsinnige Menschen unschädlich zu machen, wenn sie besseren und klügeren Leuten in den Weg kommen.“ 25—. 5 0 905 * Währenddem waren neue Ankömmlinge eingetreten. Maxim erkannte Wera, welche sich mit der Frau des Hauses herzlich begrüßte. Ihr Erscheinen brachte eine wunderliche Wirkung auf ihn hervor. Er suchte sich selbst zu verheimlichen, wie sehr er über dieses Zusammentreffen erfreut war.— Nun ja, er hatte ja nichts dagegen, sie zu begrüßen, warum denn? Er hatte ja keinen Grund, sie zu meiden, und ihr aus dem Wege zu gehen, redete er weiter mit sich selbst.— Im Gegentheil, er würde ja herzlich gerne alltäglich, allstündlich mit ihr zusammen sein, rief eine vorlaute Stimme in seinem Innern.— Ach nein, Unsinn! Was wollte ich doch sagen? Ja richtig, also: Im Gegentheil, sie ist mir ja ganz gleichgültig! Und zudem, wenn sie mir auch nicht gleichgültig wäre, so würde das an der Sache doch nichts ändern. Denn ich habe noch eine wichtige Lebensaufgabe zu lösen, bevor ich— Und dieser gehört jetzt all' mein Streben, mein Denken, meine Zeit— jede Minute.— Ich glaube auch wirklich— ich werde mich jetzt lieber empfehlen, ich habe heute schon zu freigebig meine Zeit verschwendet. Sie wird schon ohne mich sicher nach Hause kommen! Ich kann doch wirklich nicht verpflichtet sein, alle Tage für ihre Sicherheit zu sorgen! Wahr- haftig nicht! Es wird ihr ja doch nicht gleich wieder Gefahr drohen! Das wäre doch ein merkwürdiger Zufall— wirklich, ein böser Zufall! Etwas Vorsicht ist allerdings nothwendig, sehr nothwendig sogar, denn in jeder etwas entlegenen Straße kann es gegen Abend immerhin gefährlich werden.“ Und er blieb. i Aber er war froh darüber, daß dieses Zusammentreffen ohne sein Zuthun stattfand, daß sein Gewissen rein war in dieser Be⸗ ziehung, daß er nicht vor sich selbst einer Schwachheit schuldig schien. Wera's heiterer Gruß weckte ihn aus seinem unbehaglichen Sinnen, noch lange, bevor es ihm gelungen war, die Wider— sprüche in seinem Innern auszugleichen und die Unwahrheit aus seiner Stimmung zu beseitigen. „Ich bin sehr erfreut, Herr Marlitzky, Sie hier zu treffen und durch den Augenschein mich zu überzeugen, daß Sie der Gesundheit für die Dauer wiedergegeben und vollständig wieder hergestellt sind,“ sagte sie, sich mit gewinnendem Lächeln gegen ihn wendend. „Ganz wiederhergestellt!“ wiederholte er, wie träumend.— „Gewiß,“ fuhr er, sich zusammennehmend, fort,„ich habe mich nicht zu beklagen. Ich danke für Ihre Theilnahme.“ Wera sah überrascht zu ihm auf. Seine sonderbare Weise mußte wohl ihre Verwunderung erregen. Ein Schatten von Besorgniß lag in ihrem Blick, als sie ihm fragend in die Augen sah. Sie mochte wohl befürchten, daß ihn irgend welche fatale Nachwirkung der gefährlichen Verletzung, die er erlitten, doch noch ergreifen könnte. Diese Besorgniß in Wera's Auge war nur lautere Dankbarkeit, eines der edelsten Gefühle, dessen der Mensch fähig ist, und welches jedes Antlitz verklärt. Auch Wera's Schönheit erhielt in diesem Augenblick durch den Ausdruck von dankbarer Sorge einen Reiz, eine höhere Weihe, die selbst ihrem sonst so harten, stahlblanken Blick ein eigenthümliches Feuer verlieh. Maxim war dies nicht entgangen, aber der Widerspruch, die Unruhe in seinem Innern wurde dadurch nur vermehrt. Es war ihm jetzt nicht möglich, an der Unterhaltung Theil zu nehmen, oder auch nur über ein trockenes, stockendes Gespräch mit Wera hinauszukommen. Mißmuthig saß er nahe dem Kamin, mißmuthig über sich selbst, weil er nicht vermochte, sich aus dem Zweifel loszureißen, überhaupt nach der einen oder anderen Seite hin einen Entschluß zu fassen. War das, was er auf dem Antlitz Wera's gesehen, der Abglanz eines reinen Gewisseus, eines edlen Herzens, oder war sie eine abgefeimte Kokette? War es denn so schwer, zwischen diesen beiden Extremen zur Gewißheit zu gelangen, oder war etwa noch ein Drittes möglich? Es giebt wohl wenig Gegenstände menschlicher Erkenntniß, in welchen die Mehrzahl der Menschen so sehr zu Hause zu sein glaubt, als— die Menschenkenntniß. Weitaus die meisten Menschen erheben mit Recht oder Unrecht, laut oder im Geheimen, den Anspruch, ihren Mitmenschen an Intelligenz und an Schlau— heit überlegen zu sein, sie zu durchschauen und richtig zu beur⸗ theilen. Und wie Wenige sind im Stande, sich ein klares Bild davon zu machen, wie schwer es ist, auch nur sich selbst kennen zu lernen und zu durchschauen! Maxim empfand in diesem Augenblick mit bitterem Verdruß, daß Menschenkenntniß eine der schwersten Wissenschaften sei. Er fühlte, daß er sich aus eigener Kraft aus seinem Argwohn, aus dem Widerspruch und der Un— klarheit seines Gemüthszustandes nicht werde befreien können, daß das Schicksal ihm zu Hülfe kommen müsse. Die Unterhaltung kam natürlich bald auf die Neuigkeiten des Tages, ein besonders interessantes Thema. Denn wo die Mittheilung so geheimnißvoll vorsichtig geschieht, haben alle Nachrichten besonderen Reiz. Ueberdies war jene Zeit so reich an aufregenden, oft unglaublichen Neuigkeiten, und Jedem drohte dabei so unmittelbare Gefahr, sowohl von Seiten der Verschwörer, welche das Dynamit nicht sparten, als von Seiten der Polizei, welche bei ihren Aktionen, namentlich bei Verhaftungen, der Vor— sicht wegen lieber einige Dutzend Leute mehr aufgriff, als zu wenig, daß stets das allgemeine Interesse, ja sogar der Selbst—⸗ erhaltungstrieb wach wurden, wenn sich die Gelegenheit darbot, etwas Neues zu hören,„zu lernen,“ wie der Engländer so richtig sich ausdrückt. Maxim achtete wenig darauf. Er saß noch immer theil— namslos dabei und hörte nur, wie aus weiter Ferne, die Stimmen der Sprechenden. Doch plötzlich wurde er aufmerksam, als der Name Karpow sein Ohr erreichte. „Wie ich Ihnen sagte,“ erzählte der Doktor,„heute Morgen wurde er bei der Armenischen Kirche gefunden. Es soll ein gewisser Karpow sein.“ Der Name Karpow ist nun aber nichts weniger als selten in Rußland. Und die eben erzählte Thatsache hatte daher noch nichts Beunruhigendes für Maxim, um so weniger, als sein Freund ja eine Reise angetreten hatte. f „Ein Dolchstich saß ihm im Herzen,“ fuhr der Doktor fort. „Der Mörder besitzt jedenfalls schon eine bedeutende Fertigkeit, denn er wußte vom Rücken her mit Sicherheit das Herz zu treffen. Und der Stoß war mit so furchtbarer Kraft geführt worden, daß die Klinge den ganzen Körper durchbohrte, und vorne auf der Brust noch eine kleine Wunde bemerkbar ist. Der Tod muß augenblicklich erfolgt sein.“ Lautlose Stille folgte auf die Erzählung dieser grausigen Einzelheiten. Endlich bemerkte Semenow: „Man hat bei der Leiche einen Zettel gefunden mit der Auf— schrift:„Tod dem Abtrünnigen!“ Es muß also ein Nihilist gewesen sein, der nicht mehr gehorchen wollte. Vielleicht schauderte er zurück vor einem allzu entsetzlichen Befehl. Man befürchtet demnach, daß die Verschwörer wieder neue Verbrechen vorbereiten.“ „Ja, das mag wohl sein,“ fuhr der Doktor fort,„man sagt auch, es werde ein nihilistischer Emissär erwartet aus Moskau, um einen Hauptschlag anzuordnen.“ „Merkwürdig, wie solche Gerüchte entstehen!“ bemerkte Seme— now.„Und es muß sogar etwas Wahres daran sein, denn auf den Bahnhöfen ist die Polizei jetzt doppelt wachsam.“ „Nun, das ist ja Alles recht erfreulich,“ sprach der Doktor dazwischen.„Den Nihilisten kommt es auf einige Tode mehr oder weniger bei ihrem Feuerwerk nicht an. Und andererseits ist die Polizei auch nicht blöde. Sobald nur erst der Name des Ermordeten bekannt sein wird— der also ein Nihilist war, — wird die Polizei ermitteln, wer mit ihm befreundet war, in welchen Kreisen er verkehrte, und dann in diesen gründlich auf— räumen. Für Manchen wird wohl schon freies Quartier bereit gehalten, der heute nicht entfernt an die Möglichkeit denkt, daß die Polizei sich mit seiner Persönlichkeit beschäftige.“ „Sein Name,“ bemerkte Semenow,„ist ja bekannt. Es ist ein gewisser Karpow, ein Beamter im Ministerium des Innern. Jetzt weiß man auch, warum so mancher geschickt vorbereitete Schlag auf unerklärliche Weise mißlang. Doch auf ihn hatte man entfernt keinen Verdacht. Erst vor einigen Tagen nahm er einen Urlaub, um eine Reise anzutreten.“ Maxim hörte wie erstarrt zu. Dann sprang er plötzlich auf, und fragte mit stürmischer Hast: „Einen Urlaub, sagten Sie? Reiste er denn nicht in Dienst— Angelegenheiten, wie er mir sagte?“ Semenow blickte erstaunt auf; dann, wie plötzlich einen neuen Gedanken erfassend, erwiderte er: „Nein, er hatte Urlaub genommen in Privat-Angelegenheiten. Ich weiß das ganz genau, ich diene in demselben Ministerium.“ 8 TT—TT—TTT7TT—T—T—T—T—T—T—T—T—T—....̃̃——— 9 —. ̃——— Anklang von Hohn, der ihm sehr mißfiel. Maxim war nicht im Stande, seine Aufregung zu bemeistern. Es war also kein Zweifel mehr möglich. Karpow, sein bester Freund, war auf so schreckliche Weise ums Leben gekommen! Er, den er immer für so ruhig, so besonnen gehalten, war ein Ver— schwörer gewesen, hatte sich vielleicht schon schwerer Verbrechen schuldig gemacht, wie sie jene Fanatiker für erlaubt halten „zum guten Zweck“. Die Jugend ist so wenig daran gewöhnt, ihre Gedanken, ihre Eindrücke zu verheimlichen, und Maxim konnte daher seinen Schmerz jetzt nicht verbergen. Er hatte ganz vergessen, wie sehr er Semenow mißtraute, wie sehr er ihn für gefährlich hielt. Semenow beobachtete mit einem bösen Lächeln, was in Maxim vorging. „Wenn ich nicht irre, waren Sie mit Karpow bekannt,“ sagte er, zu Maxim gewendet.—„Ich glaube, Sie im Gespräch mit ihm gesehen zu haben an einem Empfangsabend im Hause des Staatsraths Welikanow.“ Maxim bemerkte trotz seiner schmerzvollen Aufregung recht wohl den lauernden Blick Semenows, er hörte recht wohl eine warnende Stimme in seinem Innern. Aber um keinen Preis der Welt hätte er in diesem Augenblick Karpow verleugnen können. Er kannte dessen ehrenwerthen Charakter, er wußte, daß nur edle Motive ihn leiten konnten. Mochte man es Ver— blendung, Fanatismus nennen, was ihn bestimmt, an der Ver— schwörung Theil zu nehmen, Maxim war dennoch überzeugt, daß Karpow stets nur in solcher Weise gehandelt haben konnte, wie er kes für gut und gerecht hielt, daß niemals niedrige Beweg— gründe auf sein Thun und Lassen Einfluß gehabt haben konnten. „Ja wohl,“ rief er mit einem fast drohenden Blick auf Semenow,—„Sie haben Recht. Karpow war mein Freund. Ich verhehle nicht, daß ich auch jetzt noch die größte Hochachtung für sein Andenken habe. Ich bin überzeugt, daß er niemals aus gemeinen Motiven handeln konnte, daß er nur in edler Absicht den geheimen Gesellschaften beitrat, und daß er auch dann noch seinen ehrenhaften Grundsätzen treu blieb. Denn sein Tod beweist es ja, daß er sich nicht zum blinden Werkzeug des Verbrechens erniedrigen konnte.“ „Mag sein,“ erwiderte Semenow mit demselben bösen Lächeln wie vorhin.—„Aber ich möchte Ihnen doch rathen, anderswo nicht zu laut zu erklären, daß Sie für einen gewesenen Nihilisten die größte Hochachtung hegen, daß Sie der Ansicht sind, man könne auch in edler Absicht geheimen Gesellschaften beitreten und dabei ehrenhaften Grundsätzen treu bleiben. Wir sind hier unter uns, aber sonstwo könnte das doch gefährliche Folgen für Sie haben.“ Maxim schwieg verstimmt. In Semenows Rede war ein Er erhob sich und nach kurzem Abschied machte er sich auf den Heimweg. (Fortsetzung folgt.) Das Oraiel der Sulvesternacht. Erzählung von A. Brüning. (Schluß. Der Erzähler athmete tief. Die Hand über die Augen gelegt, versank er in Stillschweigen, das seine beiden jugend— lichen Zuhörer nicht zu unterbrechen wagten. „Als ich aus stundenlanger Betäubung erwachte,“ hub er endlich von selbst wieder an,„schien mir die Mittagssonne des neuen Jahres hell in's Gesicht. Jene grausige Sylvesternacht mit ihrem Sturm war vorüber, ihren Schluß hatte, wie ich mit Mühe von der verstörten Dienerschaft erfuhr, die Verhaftung des Grafen gebildet, nachdem sein Einverständniß mit den Re— bellen durch Auffindung eines großartigen Waffendepots in den Kellern des Schlosses zur Evidenz erwiesen worden war. Unter starker Bedeckung war er, während die entsetzte Gesellschaft nach allen Seiten auseinanderstob, nach der Stadt überführt worden, wo seiner, wie ich nicht zweifeln konnte, ein strenges Urtheil wartete. Mir war unsäglich elend zu Muthe, eine bleierne Schwere r e„. r n 3 5 2 N N— rr . 3 1 2 5 A 7 5 ä n 3 3 0— 29 678 8— i— Krankheit, die ich im Anzuge fühlte— ich hatte ja noch eine heilige Pflicht zu erfüllen.. Der Urlaub, den ich erbat, wurde mir in Anbetracht meines leidenden Aussehens bereitwillig gewährt. Wie gesagt, eilte ich aus dem militärisch besetzten Schlosse und streifte unter Beihülfe einiger Landleute, denen ich reiche Belohnung versprochen, rast— los den Fluß auf und nieder.— Ich mußte die Leichen der beiden Opfer, die er verschlungen, finden, das war der Gedanke, der einzig mich beherrschte— und endlich, nach unsäglichen Mühen, fand ich sie wirklich. Am jenseitigen Ufer, auf russischem Gebiet, hatte eine geraume Strecke weiter hinauf der Strom sie an's Land geworfen. Unter einem überhängenden Weidengebüsch lagen sie eng— umschlungen wie im Augenblick des Untergangs. Wladislava's Haupt, von dem die gelösten Locken wie ein Trauermantel herniederrollten, ruhte an ihres Gatten Brust. Ein ergreifender Ausdruck lag in dem süßen, marmorblassen Antlitz, um dessen geschlossene Augen noch ein Abglanz jenes heiligen Liebesmuthes zitterte, der sie dem Gatten folgen ließ in seinen freien, stolzen Tod. Den weißen Mantel, der sie um— hüllt, hatten die Wasser zurückbehalten; eng schmiegte sich das nasse Gewebe ihres leichten wasserblauen Gewandes um die feinen Glieder, durch seinen nixenartigen Schmuck ihrer Schön— heit einen eignen, undinenhaften Reiz verleihend. Lange, lange stand ich in den Anblick des schaurig holden Bildes verloren und trank noch einmal jeden Zug desselben tief in die Seele hinein, ehe die schwarzen Wände des Sarges es für immer meinen Blicken entzogen. Brust an Brust, so wie ich sie gefunden, wurden die Leichen hinabgesenkt in den Schooß der heimathlichen Erde. Wie ein Gottesraub würde es mir erschienen sein, sie von einander zu trennen;— vor der erhabenen Majestät des Todes, die auf meines Nebenbuhlers bleicher Stirne thronte, schwand der eifer— süchtige Haß, den der Lebende mir eingeflößt— die erschütternde Tragik der Ereignisse hatte ihn ausgelöscht. Als der Sarg in der dunklen Tiefe verschwand und die Erd— schollen, die ich hinabwarf, mit dumpfem Schall darauf nieder— fielen, mußte ich an das seltsame Orakel des bleiernen Sarges in Wladislava's Schüssel denken, das mit so schauerlicher Eile an ihr in Erfüllung gegangen, und unwillkürlich rann ein aber— gläubischer Schauer durch meine Glieder. Die nächsten Wochen vergingen mir in dumpfen Fieber— träumen. Die Krankheit, die ich schon gleich nach dem Erwachen aus jener Ohnmacht herannahen gefühlt, war mit voller Heftig— keit zum Ausbruch gekommen und hielt mich lange Zeit schwe— bend auf der schmalen Grenze zwischen Tod und Leben. Der Körper genaß wohl endlich, aber die Schwingen meines Geistes waren gebrochen unter dem Fluche jener Sylvesternacht, die mich zum Mörder der Geliebten gemacht. Was auch mein Verstand dagegen vorbringen mochte von Ehre und Soldaten— pflicht— im Herzen klagte ich mich unerbittlich fort und fort des Mordes an. Meine erste Handlung nach erfolgter Genesung war die For— derung meines Abschiedes als Offizier. Ich empfand es als Unmöglichkeit, ferner einem Stande anzugehören, dessen Satzungen mich gezwungen hatten, mein Liebstes zu opfern. Mein Verlangen war hinfort einzig darauf gerichtet, an den überlebenden Mitgliedern des durch mich so schwer getroffenen Hauses meine— wenn auch unfreiwillige— Schuld zu sühnen, so weit dies in meinen Kräften stand. Für Wladislava's unglücklichen Vater, auf den sich natürlich zunächst mein Augenmerk richtete, kam indeß jeglicher Beistand zu spät. Graf Szariszow's Schicksal hatte sich bereits enfüllt— ein rascher, plötzlicher Tod hatte ihn dem zu erwartenden, strengen Spruch seiner Richter entrückt, noch ehe sein Prozeß entschieden war. Es hieß, er habe durch ein schnell wirksames Gift, das er für alle Fälle stets heimlich bei sich getragen, selbst seinem Leben ein Ende gemacht— Gewisses habe ich darüber nicht erfahren. Es blieb für meinen Sühnezweck nur jener Sohn, Wladis⸗ lava's einziger Bruder, der während der vorhin geschilderten Ereignisse sich zum Besuch seiner auf jenseitigem Gebiet, in hielt meine Glieder gefesselt, aber gewaltsam überwand ich die 1—.———— russisch Polen, wohnenden Braut befunden hatte. Der Elefant als Henker. . 0 1 K 3 3*. 1 1 1 K 1 50* N 1 ä 25 2 1 2 k.* 95 f N ö W 1 2 2———————ʃ———— 38 ü g 4——.—-—-—½:᷑.q Die Revolution war dort inzwischen zum vollen Ausbruch gekommen und der junge Graf Szariszow, der, wie ich durch mühevolle Nachforschungen erfuhr, als einer der Ersten zu den nationalen Fahnen geeilt war, focht mit heldenmüthiger Tapfer⸗ keit in den Reihen seiner Stammesbrüder. Vorläufig war mir dadurch jede Möglichkeit, ihm irgend welche Freundschaft zu er⸗ weisen, abgeschnitten. Es blieb mir nichts übrig, als das Ende jenes unseligen Kampfes abzuwarten, um dann vielleicht ihm von Nutzen sein zu können. Unterdeß starb mein Onkel, das Haupt unserer Familie. Sein Tod machte mich in Ermangelung direkter Erben— er hatte nur eine halberwachsene Tochter hinterlassen— zum Majoratsherrn und Besitzer dieses Schlosses. Der neue, ausgedehnte Pflichtenkreis, in den ich eintrat, war eine Wohlthat für mich, indem ich dadurch gewaltsam meiner dumpfen Melancholie entrissen und mein leer gewordenes Leben mit neuem Inhalt erfüllt wurde. In ernster Arbeit begann ich allmälich mich selbst wieder— zufinden. Darüber verlor ich jedoch keineswegs das aus dem Auge, was ich als den Hauptzweck meines Daseins erkannt. Sofort nach dem traurigen, die Hoffnungen der Polen so grausam vernichtenden Ende jenes unseligen Verzweiflungskampfes eilte ich auf den Schauplatz desselben und forschte unablässig nach dem Schicksal des jungen Grafen und seiner Braut, zu deren Beschützer ich mich aufzuwerfen beschlossen. 5 Was ich erfuhr, war traurig genug, und doch mußte ich mir sagen, daß es für die Betheiligten selbst eigentlich kaum zu beklagen war. In einem der letzten Gefechte waren Beide Seite an Seite gefallen, nachdem die hochgemuthe junge Polin, die sich ihm unmittelbar vor Beginn des Aufstandes hatte an— trauen lassen und in allen Gefahren und Schrecknissen des blu— tigen Kampfes nicht von seiner Seite gewichen, ihn kurz zuvor mit einem Knaben beschenkt hatte, der während des Gefechts bei Bauersleuten in der Nähe untergebracht war. Durch einen gemeinsamen Tod war ihnen mit dem Jammer über das traurige Ende des Kampfes zugleich auch die Strafe für ihre Betheiligung an demselben erspart worden. Ich durfte sie nicht beklagen, und auch mein Streben fand ja nun, wenn auch anders als ich gedacht, in der Fürsorge für das verwaiste Kind, das ich mit mir nahm, eine endliche Erfüllung. Es war auf den Namen Roman getauft und dieser Umstand erschien mir fast wie eine Schicksalsfügung. Hinfort waren alle meine Gedanken diesem letzten Sprossen des Hauses Szariszow gewidmet. Ich erzog ihn als ein Glied meiner Familie und verbarg ihm, um die junge Seele nicht vorzeitig zu verdüstern, sorgfältig sowohl seinen wahren Namen wie das Schicksal seines Hauses, ihm durch meine Liebe so viel wie möglich ersetzend, was er verloren. Ich glaube, es ist mir gelungen, ihm eine glückliche Kindheit und Jugend zu schaffen..... g Die Stimme des Sprechenden bebte in tiefinnerer Bewegung; sein umflorter Blick hob sich wie fragend zu dem Antlitz des jungen Mannes gegenüber, dessen feurige Augen in athemloser Spannung an seinen Lippen hingen..... „Sprich, Roman,“ fuhr er nach einer Pause fort,„sag' mir, ob es so ist— laß mich in dieser Stunde die Bestätigung von Deinen Lippen hören, denn Du—— bist jener Knabe!“ „Vater!“ Der junge Mann lag zu den Füßen des Barons und be— deckte seine Hand mit leidenschaftlichen Küssen. Der Baron entzog sie ihm sanft. „Weißt Du auch, was Du thust, mein lieber Roman?“ fragte er mit Betonung.„Kann Roman von Szariszow wirk— lich diese Hand in Liebe küssen?“ „Ja, mein Vater, denn in meinen Augen ist sie, wenn wirklich eine Schuld an den Ereignissen jener unseligen Sylvester— nacht ihr anhaftet, längst entsühnt und mein Herz weiß dem Namen gegenüber, den ich bisher getragen, nur von Liebe!“ Ein beredter Strahl aus seinen dunklen Augen streifte dabei aber das junge Mädchen, das in diesem Augenblick herzutrat und, den blonden Kopf an des Barons Schulter schmiegend, feuchten Auges flüsterte:„Du warst noch nicht zu Ende, Vater — hast Du Deiner Irene nichts zu sagen von— von 8 „Von Deiner Mutter meinst Du, mein Kind?“ kam der Baron ihrer Verwirrung zu Hülfe, indem er sie zärtlich an sich zog.„Sei ruhig und vergieb mir, wenn meine Enthüllungen Dir weh gethan. Liebe hatte ich freilich nicht mehr zu ver⸗ schenken, als ich, den letzten Wuusch meines verstorbenen Oheims erfüllend, sieben Jahre nach jenen erschütternden Vorgängen um seine hinterlassene Tochter warb. Aber ich war es meinem alten Namen, der nur auf meinen zwei Augen stand, schuldig, ihn vor dem Aussterben zu bewahren, und in der jungen Elsbeth fand ich ein sanftes, liebenswürdiges Geschöpf, das vor allen ihren Mitschwestern befähigt erschien, einem Manne von meiner Gemüthsverfassung eine verständnißvolle Gefährtin zu sein. Sie war hochherzig genug, trotz ineines offenen Bekenntnisses mir ihr Jawort zu geben und ist mir die kurzen Jahre hindurch, die das Schicksal sie mir gelassen, die treueste, liebevollste Freundin gewesen, deren Andenken ich tief im dankbaren Herzen trage.“ Er schwieg bewegt. Irene drückte als stumme Antwort ihren Mund auf seine Wange. Einen Augenblick lang herrschte tiefe Stille, in die dann feierlich von der alten Stutzuhr auf dem Kamin her die zwölf Schläge der Mitternacht hineintönten. Unwillkürlich richteten sich drei Augenpaare auf die Schüssel, auf deren Grund, mattglänzend im Strahl der darüberhängenden Ampel, noch das bleierne Herz lag. Irene erröthete bis unter die Stirnlöckchen— Roman's Augen sprühten feurig auf— um die Lippen des Barons aber zog ein wehmüthiges Lächeln. Er trat an den Tisch und nahm die metallene Figur aus der Schüssel. „Ich glaube,“ sagte er, letztere verschleierten Blickes betrach— tend,„die heutige Mitternachtsstunde hat uns auch wieder ein Orakel gebracht, aber ein glückliches, das den Fluch jenes andern in Segen wandeln wird....... Hab' ich recht gelesen in Euren Herzen, Kinder, und darf ich hoffen, daß die gegen- wärtige Sylvesternacht wieder gut machen wird, was vor fünfundzwanzig Jahren auch eine Sylvesternacht verschuldet, indem sie ein glückliches Paar zur Sühne für jenes unglückliche „Vater— Irene!“ jubelte es von Roman's Lippen. Ver— langend streckte er die Arme aus nach der zarten Gestalt, die sich ihm schüchtern entgegenneigte, und drückte ihr stürmisch den Brautkuß auf die jungfräulichen Lippen. In mächtiger Erregung blickte der Baron auf die Glücklichen. „Und glaubt Roman von Szariszow auch nicht die Manen seines Geschlechtes zu erzürnen, indem er mit meinem Blute sich verbindet?“— tönte nach einer Weile seine ernste Frage in deren seligen Rausch hinein. Der Angeredete küßte noch einmal zärtlich die Lippen seiner erschrocken zu ihm aufschauenden Braut, ehe er hellen Blickes erwiderte:„Die Manen meines Geschlechtes sind versöhnt durch diese Stunde, in der Du den letzten Sproß derselben so unaus— sprechlich beglückst— das süße Friedenspfand, das ich hier in meinen Armen halte, löscht in meinem Herzen jedes Gedenken an vergangene Schuld.“ Der Baron athmete wie befreit aus tiefster Brust. „So hat mich meine Ahnung nicht getäuscht,“ sagte er, sein bräutliches Kind umarmend,„die mich Dich damals„Irene“ taufen ließ.— Der holde Friedensname bewährt seine Be— deutung! Fortan, ich fühl' es, werd' ich wieder glücklich sein können mit den Glücklichen; die finstern Geister der Vergangen— heit, die mich bisher unerbittlich in ihrem Bann gehalten, wer— den von mir weichen, denn zwischen mir und ihnen herrscht von nun an Friede!“ Kleine Frauen Zeitung. Der Geschmack und die Eleganz reichen sich einander die Hand, um die wunderbarsten und prächtigsten Dinge hervorzubringen. Die Neuheit macht sich überall geltend, und man fragt sich mit Staunen, wie Fabrikanten und Modisten mit stets fruchtbarer Wan und mit glücklichem Talent ohne Aufhören schaffen können. Die Verfeinerung, die Koketterie, das Schone lassen die Moden, welche sie zur Erscheinung bringen, triumphiren. Und in der That, es läßt sich nichts Reizenderes vorstellen, als die neuen Balltoiletten, die hier in ihrer Einfachheit so recht für die junge Mädchenwelt hervorgerufen, dort in ihrem Glanze, ihrer Pracht den ver- D 2 239 W. heiratheten Damen zudiktirt sind. Die sogenannten„weißen Bälle“, welche man schon seit ein paar Jahren in Paris protegirt, sollen auch bei uns Nachahmung finden. Auf diesen Bällen, welche nämlich aus— schließlich den jungen Mädchen gewidmet, durften bisher die Tänzerinnen nur in weißen Toiletten erscheinen. Allein jetzt nimmt man es mit letzteren nicht mehr so genau und besucht solche Bälle auch in rosa und blaßblauen, vorwiegend jedoch in cremefarbenen und bläulich- weißen Kleidern, wie man will. Die letztere Nüance ist in diesem Jahre moderner als die cromefarbene oder rahmgelbe, aber nicht so kleidsam wie diese. Für die unverheirathete Jugend keine kostspieligen Toiletten mehr! Die beliebteste Tracht, welche von derselben fast allgemein angenommen, ist die Robe von Gaze(diese Gaze, fein gewebt, ersetzt den früher so be— liebten Tarlatan) von schlichtem oder von gesticktem Tüll, bestehend aus mehreren übereinanderfallenden Röcken, meist ohne Draperien, geschmückt mit fallenden Schleifen und vervollständigt durch ein bescheiden aus— 1 Leibchen aus farbigem Atlas oder Sammet: blau, mohn— blumenroth, wassergrün, smaragdgrün, lebhaft- rosa, blaßrosa, weiß. Dies schließt aber nicht aus, daß man nicht auch zartnüancirte Ballkleider gänzlich in einer Farbe trägt. Im Haar nichts weiter als ein kleines Blumensträußchen oder eine Tüllaigrette mit Band oder beweglichem Schmetterling! Eine entsprechende Garnitur wiederholt sich dann auf dem Leibchen, sei es, daß man sie auf der Achsel oder auf der linken Seite nach vorn zu in der Taillenbiegung aubringt.— Andere einfarbige Tüll⸗ oder Gazekleider werden mit kurzen Schleifen aus Atlas- oder Sammetband, welche eine einzelne Blüthe oder ein kleines Blumenbüschel umschließen, hie und da besteckt, auch mit Blumenguirlanden geziert. Sehr beliebt sind die rosa Blumen, die Rosen in allen Größen— Abstufungen, die Heckenrosen, die Winden, die Exiken; ferner werden rothsammetne und rothseidene Mohnblumen gern gewählt, desgleichen gelbe Blüthen. In Blau sieht man nur die ganz zarten Töne, welche sich in seidenen Kornblumen und in Sammet- wie in Stoff-Vergißmeinnicht geltend machen. Hierzu, wie zu den rosa Eriken, nimmt man gern dunkel⸗olive Sammetlaub, oder Schleifen aus olive Moirebändern, wie man denn überhaupt häufig Schleifen unter die Blumen mischt. Eine allerliebste Komposition in diesem Geschmack, welche jungen Mädchen besonders zu empfehlen, sind Schleifen aus blaßblauem oder blaßrosa Moireband mit sammetnen Farrenblättern und sammetnem, klein- und feinblättrigem Laub in olivegrünen Schattirungen, überragt von einem sich wiegenden Schmetterling aus rosa- oder blaßblau-bunt schillernder Perlmutter mit dunkelrothen und goldenen oder mit dunkel— blauen und silbernen Flittern und einem feinen, rosa oder blaßblauen Federrand. Zuweilen verirren sich noch ein paar einzelne kleine, gleich— nüancirte Blüthen unter jene Garnituren, deren eine für das Haar, deren andere zum Vorstecken bestimmt ist. Nicht minder hübsch sind Schleifen aus ebensolchen Moirebändern, welche ein Büschel olivenbrauner oder blivengrüner, zu Schlingen geformter Stiele aus feiner Chenille halten, oben umgaukelt von einem buntfarbigen Feder-Schmettling. Außer den oben erwähnten Geweben werden die gestreiften, die mit Lahnfäden durchzogenen und die mit Flittern übersäeten Tülle, Gaze— und Krepparten, kurz, das Duftige und Luftige, ferner der Voile, der Surrah und der Seidencrépon zu Tanzkleidern verwendet. Für diese hübschen und jugendfrischen Toiletten, gleichviel ob sie Mädchen, oder jungen Frauen angehören, bereitet man häufig, z. B. bei einer Gaze mit satinirten Langstreifen, einen gekräuselten oder fein plissirten Rock über einem Fond aus Glanztaffet, Atlas oder Moire. Sind diese Röcke blaßblau gehalten, so fallen Zweige von rosa und weißen Winden, graziös gewunden, von der Taille bis zum Saume nieder, um die Falten des Rockes flatternd und sich zuweilen darunter versteckend. Oder man wählt zu cremefarbener oder bläulich-weißer Gaze auf gleichem Fond Ranken von abschattirten Nelken ꝛc. Das Leibchen, aus demselben Seiden— stoff wie der Fond, ist mit Schnebbe versehen, über den Hüften kurz und geschweift und um den Hals rund, nicht zu tief ausgeschnitten. Eine tuffige und moosartige Tüllgarnitur, in welcher winzige Schmetterlingsschleifen liegen, umgiebt den Ausschnitt; von der einen Achsel zieht sich ein 0 Windenzweig in schräger Richtung bis zur Taillenbiegung, oder es liegt auf derselben ein Tuff Nelken ꝛc. Diese Toiletten, einfacher oder eleganter, sfsind höchst anmuthig; man kann sie oftmals tragen und hat nur nöthig, die Blumen daran zu verändern. Wie die Mode aber Alles tolerirt, so läßt sie auch Ballkleider gelten, welche des Blumenschmucks entbehren, wie z. B. solche aus weißem oder blaßblauem Tüll, auf der einen Seite hochgerafft mit einer großen Rosette aus ausgeschlagenem, mattblauem Atlas. Ein Direktoiregürtel aus gleichem Atlas umschließt die Taille, kreuzt sich auf der linken Seite und schließt mit einer Schleife. Entsprechende Schleifen auf den Achseln. f Meine Vorliebe für die einfachen Toiletten, wenn es sich um junge Miädchen handelt, läßt mich keineswegs, wie ich schon am Eingange be⸗ merkt, die phantastische wie die künstlerische Schönheit der Staatstoiletten für verheirathete Damen zu Bällen und anderen Abendfestlichkeiten ver⸗ kennen. Seitdem die Mode uns die Perlen, die Gold- und Silberstickereien gegeben, zu denen sich nun neuerdings noch die Gold- und Silberflittern wie die bunten Metallflittern gesellen, seitdem sie die Kontraste in den Kleidern, das heißt, das vom Rock abstechende Leibchen autorisirt:— kann man wirklich von einem„Blenden“ der Toilette sprechen. Man trägt z. B. ein kupferrothes Moireleibchen, drapirt mit goldbeflittertem Tüll, nebst einem Rock von gleicher Moire mit, Wogen aus demselben Tüll und dazu eine Schleppe aus Brokat oder Peking Louis XVI. Aber hübscher ist es, die Schleppe mit dem Leibchen in Einklang zu bringen, wie z. B. bei einer Toilette aus rosa Plüsch und rosa, silbergesticktem Crépe de Chine mit altem Point, bei welcher der erste Stoff zu Schleppe und Leibchen, der Crepe de Chine zum Rock diente. g Denn die Schleppe, die prächtige, majestätische Schleppe ist das unentbehrliche Zubehör der„großen Toilette“. Man bereitet dieselbe in der Länge von zwei Metern bis 1 zwei Metern zwanzig Centimeter. Sie ist unten eckig geschnitten und im Uebrigen mit einer Einlage aus Steiftüll versehen, welche sich zwischen Oberstoff und Futter befindet. Dieser Steiftüll hat den Zweck, zu verhindern, daß die Schleppe sich zu— sammengiebt oder sich rollt und den Gang der Trägerin hemmt. Man kann hierbei auch des Schlepp-Unterrockes entbehren, welcher die große Unbequemlichkeit hatte, sich von der Schlepprobe zu trennen und dadurch einen ungraziösen Effekt hervorrief.. Wie soll ich Ihnen all' die modernen Seidenstoffe zu den festlichen Toiletten in kurzen Worten beschreiben?! Ein Einzelbericht könnte kaum sie umfassen. Da giebt es den schlichten und den moirirten Sammet, den schlichten und den moirirten Plüsch, die einfarbigen, die changirten und die fagonnirten Moires, ferner die Moires mit Atlas- oder Sammet⸗ streifen im Genre„Péking“, wie denn überhaupt die Pekings: breite Atlas- und Faillestreifen mit bunten Brochemustern,— Atlas- und Rippsstreifen mit reichen Sammetmustern oder mit Pompadourdessius, — Sammet- und hell schattirte Fagonnéstreifen,— breite Faille- und fagonnirte Veloursstreifen— ebenfalls eine hervorragende Rolle in den erwähnten Toiletten spielen. Je nach dem Arrangement wallen diese prächtigen Stoffe in schweren Faltenmassen nieder oder dienen, glatt, zu den Garniturtheilen, auch zu Leibchen, seltener zu Draperien, denn die„große Linie“ ist bei den Ge— sellschaftskleidern Vorschrift. Und diese große oder„verlängerte“ Linie macht sich selbst in den Draperien bemerkbar, in welche man die Kleider aus Surah, Satin merveilleux, Atlas und französischer Faille ordnet, ferner in den Draperien aus Crépe de Chine Spitzen, Malinestüll, Tüll point d'esprit, Pastillentüll, welche die seidenen Gesellschaftsroben umhüllen. Bestimmte Regeln über das Arrangement dieser Kleider lassen sich eigentlich nicht geben. Jedes Haus hat seinen Stil, folgt seinen eigenen Juspirationen. Das oben erwähnte Schnebbenleibchen, über den Hüften ausgearbeitet, ist jedoch fast ausschließlich angenommen, und trotzdem wechselt es durch seine Ausstattung fortwährend im Aussehen. Es ist hoch und dann mit kostbaren Fichüs oder Plastrons aus perlen- und flitterfunkelndem Krepp oder auch aus Tüll point d'esprit und Spitzen geschmückt, oder mit einem schmalen Westentheil aus gold-, silber- oder stahlgesticktem Stoff ausgestattet,— eckig oder herzförmig im Rücken wie vorn, oder nur allein vorn ausgeschnitten und dann mit Einsatztheilen aus Gold- oder Silberbrokat oder aus Stickereistoff, oder mit einer Chemise russe aus den erwähnten luftigen Geweben ausgefüllt, oder nur von einer leichten, wolkigen Draperie umrahmt ꝛc. Was die Aermel betrifft, so wählt man deren häufig solche aus luftigen Geweben, leicht bauschig, unmittelbar unter dem Ellbogen aufhörend und hier mit einer Stickereibordüre, mit einer Bandspange nebst Schleife, mit einer Manschette aus Plüsch, Sammet oder schwerem Seidenstoff abgeschlossen und oben mit einem kleinen entsprechenden Jockey bedeckt. Oder man arrangirt den Spitzen-, Tüll- oder Kreppärmel in zwei übereinanderfallende Puffen. Man kehrt zur„Sitte“ zurück, denn man will dem ärmellosen Leibchen an Gesellschaftskleidern entsagen und es nur noch auf die Balltoilette beschränken und selbst hier deutet man es durch einen Puff, durch über— fallende Bandschlingen, durch Spitzenschleifen an.— Um nochmals auf die Surahs zu kommen, so werden sie, einfarbig, in zwei oder in mehreren Farben liniirt, gewürfelt, schmaler oder breiter gestreift, zu Abendkleidern für junge Mädchen vielfach begehrt. Auch der Satin merveilleux und der Atlas, welche man häufig mit Damast zu— sammenstellt, erhalten sich, wie wir oben bereits gesehen, in Gunst, und dieses Vorzuges darf sich noch mehr die französische Faille rühmen.— Die Toilette aus schwarzen Spitzen bleibt immer in der Mode; sie ist nützlich, elegant, doch trägt man sie im Winter nur des Abends, niemals zu Tagesbesuchen. Man fertigt sie neuerdings auf eine sehr hübsche Art: ganz aus Leze(Spitze in Stoffbreite) von Chantilly-, Bayeur⸗ oder Lyoner Spitzen oder aus schönen Seidenblonden, in reichen Falten— massen geordnet über einen Fond aus schwarzer Seide, besonders aus schwarzer Faille, da diese den matten Ton abgiebt, welchen man gegen— wärtig besonders liebt. Der Saum einer solchen Robe zeigt eine An— häufung von Spitzen und ausgeschlagenen Seideurüschen, welche auf den Faillefond gesetzt wird. Darüber flattert der Spitzenrock, welcher auf der rechten Seite drapirt ist, während von der linken Hüfte drei Streifen in Jet- und Stahl- oder Goldstickerei niedergehen, welche in die Leze gearbeitet ist. Man kann auch an Stelle der Streifen drei Galons an⸗ bringen, was indessen zu dem luftigen Spitzengewebe etwas schwer, mithin nicht so elegant wirkt. Im Rücken nichts wie krausgezogene Falten! Ein Leibchen, hoch, geöffnet, ausgeschnitten, wie man will, begleitet diesen Rock, welcher, ebenfalls nach Belieben, rund oder mit kurzer Schleppe geschnitten wird. Das Leibchen hat entweder eine kleine Schnebbe oder einen abgerundeten Halbgürtel; es ist mit gleicher Stickerei wie der Rock geschmückt. 5 Man kann auch zu letzterem an Stelle des Leibchens ein sogenanntes „Theater-Jaquette“ tragen: ein knapp anliegendes Jäckchen aus schwarzer Moire, der Länge nach durchstreift, je nachdem mit feinen Stahl- oder Goldgalons, vorn herzförmig geöffnet und die Oeffnung ausgefüllt durch eine Draperie aus stahl- oder goldbeflittertem, schwarzem Tüll, so daß man nicht gerade„ausgeschnitten“ erscheint. Das Theaterhütchen— die kleine Kapote ohne Kinnbänder— findet bei uns mehr und mehr Annahme. Aber es ist nicht comme il taut. zu einem derartigen Hütchen, so elegant es sei, ein vollständig geöffnetes Kleid zu tragen, das nur zulässig bei einer Haarfrisur ist. Zum Hut gehört ein hohes oder ein vorn verhülltes Leibchen. Das sind so kleine Nüancen des Geschmackes, wichtig genug, um sie zu beachten. 6D eee eee, eee 1 ä e 8 — e . 40 Lose Blätter. Der Elefant als Henker. eiche 1 Zur Zeit, da Baroda noch einen Theil des Marathenreiches bildete, kamen Hinrichtungen durch Elefanten sehr häufig vor, denn gegen die Hindu-Anschauun verstößt es, daß Menschen durch Menschen hingerichtet werden. Seitdem aber Baroda zum englischen Vasallenstaat geworden ist und zur Präsidentschaft Bombay gehört, kommen diese gräulichen Hinrichtungen wohl nur selten vor. Die letzte, welche ein Europäer, nämlich der Iranzosische Reisende Rousselet, beobachtete, fand im Jahre 18633 statt. In dieser Zeit wollte der Bruder des Regenten von Baroda, des Khandd Rao, den ihm ver— haßten Fürsten ermorden lassen und sich selber der Negienng bemächtigen. Der Mordversuch mißlang, es kam eine weitverbreitete Verschwörung zu Tage und der Urheber derselben, Mulhar Rao wurde in eine Veste ge⸗ sperrt, der gedungene Mörder aber zum Tode verurtheilt. Die Erekution fand 1 der Wälle der Stadt Baroda in der auf unserm Bilde dargestellten Weise statt. Ein Begleiter Rousselets hat den schauerlichen Vorgang durch die Zeichnung festgehalten. Hoffentlich wird die englische Regierung den Elefanten seines Amtes als Henker nunmehr ganz ent— hoben haben. R. E. Logogriph. Munt'rer Witz und frohe Laune heißen Meine Eltern, wohlthun soll ich nicht. Ohne Kopf begleit ich dich auf Reisen; Kopf- und halslos bin ich ein Gewicht. Nagisches Ouadrat. Die nachfolgenden Buchstaben: 1 F F 0 0 R R sind so zu ordnen, daß sie, von links nach rechts und von oben nach unten gelesen, in den korrespondirenden Reihen gleiche Wörter bilden. Die vier Reihen ergeben folgende Wörter: J. Einen chinesischen Heros, halbmythische Person. verstorbenen Khalifen. 3. Name eines verstorbenen Dlamattkers Mädchennamen. Name eines J. Einen Viersilbige Charade. Oft wandelst du durch meine ersten Beiden Im Sonnenschein, bei stiller Abendpracht, Sie will man jetzt aus Residenzen scheiden Und hat den Namen fast schon weggebracht. Die beiden Letzten führt das Thier der Haide, Das oft Verwüstung in die Fluren trägt, Und jedes wackern Waidmauns ernste Beute Im wuthentbraunten Kampf in's Fleisch es schlägt. Das Ganze hoͤrst du aus des Volkes Munde, Laut trällernd in des Frohsinns heit'rer Stunde. Auflösung des Räthsels in voriger Nummer: Reif;— des Roössel— sprungs: Du willst von mir ein kleines Wort, Du willst von mir Erinnerung? Wohlan! ich zeige dir den Ort, Wo sie, gepflanzt, bleibt ewig jung. Geh', lege sie dem Jugendschatz Der ersten zwanzig Jahre bei, So blüht am warmen Liebesplatz Sie ewig jung, ein grüner Mai. E. M. Arndt. — des Kreuzrathsels: 4 Drud und Verlag der„Voltz⸗ Zeitung“ „ Alt.-Ges im Berlin, Lüzowfr 105. Problem Nr. 487 von 0 Steinmann in Parchim. 8* 11 1 A—* 5 . i 2 * „ 2 A 2 172 1 e. 84 2 ,. 2 1 7 . , a b g U 0 Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge Matt. Auflösungen. Problem Nr. 481 von G. 1 in Bodenbach. 1) ede Kdo-es:. 7 555 1655 bel.] 2) 8d7 18 Ke6-fö: 7, do!) 2) Dbäa-c do— 3) 22-4[Sb, Se7 f 3 85—eg f Parirt Schwarz das elegante Drohspiel 2) 104 3 Seg Matt durch die Erwiderun⸗ dg-d, so ergiebt sich die dritte hübsche Variante 2 1054— bf Cech resp e 3 0b3—f Malt Noch ein viertes, aber minderwerthiges Spiel, hört und durch die Springerzüge nach 6, süö und 87 3 57 oder da]— Die Lösung wurde angegeben von Ur Knopf in G. G.. in L.;: Kron in B.; H. Michaelis in Th. Th. O Weißgerber in B.; R. Blümel in S. und B. in P. Problem Nr. 482 von 1) Kfl ez Kn5- 56! 1) 2) 813—e5 Kb6-g5 I[höo[A) 2) 3) Dbl-g6+ 5(ha 3) 4) Se 5d bel! 1 Als Nebenspiele nach dem zweiten Zuge kommen hinzu: Khs(üs! 4) Str(7 Matt und b 2„ bs Wien hat mehr den Charakter der Mattstudie, Sinne. zur Erledigung des Spieles 1.. a4 2 8 G.; H. Michaelis in Th. G. Schnitzler in L; B. in P. und Th. Kraus in B. Problem Nr. 488 von C. Salvioli in Venedig. Schwarz. Weiß. Weiß setzt mit dem dritten Zuge Matt. Nui Die Problemsammlung, welche soeben unter (Böhmische Schachaufgaden) in ganz vorzüglicher Ausstattung crichienen ist. wahl von 320 der besten Probleme böhmischer Autoren. zum größten Theile in den* zwanzig Jahren ent veröffentlicht worden Die sehr lesenswerthe etwas leitende Abhandlung über die Grundzüge der Problemtbeorie, von 3 cine deutsche Ueber setzung dem Werke beigegeben ist, hat den berühmten Problemtomponisten J. Pospisil zum Verfasser. Die Verlags buchhandlung von J. 3 1 Prospett zu dem demnächst erscheinenden Werte: Führer durch die 2 führliche Tabelle der Spieleröffnungen auf Grundlage neuestet ae 7 von Os tar Cordel versandt und wird etwa Das Wert erscheint 21 Otiavdogen sassen. 3 406 und C. als den des Problems im gewöhnlichen Der schwarze Bauer auf b2, welcher zur Verhütung von Nebenlösungen und zugleich Kha nothwendig ist, Auffindung der Lösung.— Die Losung wurde 8 von W. Kron in B.: der Scha chwelt. Ein crmäßigter Substriptionspreis von sieben Me hat bis zum 1. April d. J. Gültigkeit, von da ab tritt eine W von ca. zwei Mart ein Bcrantwortlichet Aebaltcut: M. lee in Verim. Lübowsr. 10. welches zum Inhalt des Problems ge⸗ erzwungen wird, ist: 2) Dach Kes ea] Schni er Kraus in B.,; Dr. Wehrmeister in Kockelkorn. . Khö e Dp-g Kga- b) 586—854 Küü— el Dgö-e5 F a] 2.. Kg(hG] 3 DS 3) Kü 4 giebt Matt.— Die Kom⸗ erleichtert wesentlich die U. Knopf O Weißgerber in G.; R. Vlumel in G.; Die nebenstehende Aufgabe, welche wir der von Herrn Schallopp geleiteten Schachspalte der illustrirten Zeitschrift „Zur guten Stunde“ entnehmen und welche zuvor nur in einem italienischen Wochen⸗ blatte,„Caretta letteraria“, erschien, ge⸗ hört ebenso wie unsere Nummer 482 mehr in das Gebiet der Mattstudien, als unter die Probleme im engeren Sinne. Als weitere Beispiele dieser Problemgattung mögen hier noch zwei Positionen mit nur je vier Steinen in Lettern Platz finden: eine dreizügige Komposition, welche schon vor einer Reihe von Jahren verfaßt wurde — der Name ihres Verfassers ist uns ent⸗ allen— und ein Jwelzüger, gleichfauls ältern Datums, von dem ameritanischen Problemkomponisten G. Carpenter. Weiß: Ke, Des, Sch. Schwarz: Kad. Weiß setzt mit dem dritten Zuge Matt. Weiß: Kd5, DR. Tel. Schwarz: Kada Weiß setzt mit dem zweiten Zuge Matt. Ein Seitenstück zu diesen Kompo- sitionen mit nicht mehr als vier Steinen werden wir unsern Lesern in einer der nächsten Nummern vorlegen. dem Titel„Ceske Clochy Sachase““ bringt eine Aus- Die aufgenommenen Probleme sind standen und in böhmischen Schachspalten über dreißig Drucseiten umfassende ein⸗ n Berlin N. Monbiouplaßz 3. hat den Schach theorie, aus im Format der deutschen Kongreßbu