zu den Oberhessischen UMachrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Gießen, den 25. März. Es war ein bitter⸗kalter Winterabend im Januar. Auf den Straßen der Stadt lag tiefer Schnee und ein eisiger Nordwind fegte und heulte um die Giebel und Schornsteine der Häuser. Es war ein Wetter, bei welchem man, wie das Sprich— wort sagt, nicht gern einen Hund hinausjagt. Aber die Sprichwörter werden oft Lügen gestraft. Denn der kleine, schwarze, halbverhungerte und vor Frost zitternde Wachtelhund, der da in der Küche eines großen herrschaft— lichen Hauses in der Schillerstraße inmitten der Dienstboten stand, mit seinen braunen, treuherzigblickenden Augen Einen nach dem Andern bittend ansah, war trotz des Schnees und der Kälte hinausgejagt worden. Marie, das junge, blonde Stubenmädchen der Frau Geheim- räthin Götting, hatte spät Abends noch einen Ausgang zu be— sorgen gehabt. Unterwegs war ihr der Hund zugelaufen und hatte sich, obwohl das Mädchen es ihm zu wehren gesucht, mit in das Haus gedrängt. Nun stand er in der Küche, auf deren Herd noch ein lustiges Feuer flackerte und ein Topf Wasser siedete, und bat in seiner stummen und doch so beredten Sprache:„Gebt mir einen Knochen oder eine Brodrinde und ein warmes Lager für die Nacht.“ Ach, wenn nur die Frau Geheimräthin nicht eine solche Abneigung gegen die Hunde gehabt hätte! Die Frau Geheimräthin, welche eine ebenso geistvolle, wie gebildete Frau war— wenigstens sagten das ihre Freunde— behauptete, das sei eine Art Idiosynkrasie und ihr Hausarzt, Medizinalrath Doktor Roßberg, bestätigte es. „Marie,“ sagte der Bediente zu dem Stubenmädchen,„schaffen Sie den Hund wieder fort, ehe die Gnädige kommt. Die Geschichte kann Ihnen das Brod kosten.“ „Aber mein Gott,“ antwortete das mitleidige Mädchen,„ich kann das arme Thier doch nicht hungrig und bei der Kälte in die Nacht hinausjagen. Sehen Sie nur, wie er zittert. Da, du armer Wicht,“ und sie warf ihm ein paar Bissen Brod hin, die der Hund gierig fraß. „Wenn Sie gegen den Kutscher, der Alles der Gnädigen wieder zuträgt, nicht darüber plappern, Fritz,“ wandte sich die dicke, gutmüthige Köchin gegen den Diener,„so erfährt kein Mensch davon. Heute Nacht schläft der Hund in der Küche, morgen früh läßt ihn Marie, wenn sie das Frühgebäck holt, auf die Straße. Aber, mein Gott,“ und sie warf einen Blick auf die in der Ecke hängende Schwarzwalder Uhr,„es ist schon um Zehn und die Gnädige noch immer nicht da. Das ist ganz gegen ihre Gewohnheit.“ „Wenn sie bei Bankier Schuhmanns ist, kommt sie immer etwas spät,“ meinte der Bediente,„der soll den besten Bur— Zur rechten Zeit. Eine Humoreske von Karl Wartenburg. gunder in der ganzen Stadt haben, und Sie wissen, Sophie, den trinkt unsere Gnädige lieber, wie alles Andere.“ „Meinen Schlummerpunsch ausgenommen,“ schmunzelte die dicke Köchin, sich in die Brust werfend. „Das ist wahr,“ gab der Bediente zu, sich mit der Zungen— spitze über die Lippen fahrend,„aber das ist auch ein Gesöff, ein Gesöff, sage ich..“ „Still,“ fiel das Stubenmädchen ein, das inzwischen den Hund mit Brod und Suppenfleisch gefüttert hatte,„ich höre einen Wagen, die Gnädige kommt, kusch, Molly,“ und sie scheuchte den Hund in einen dunklen Winkel hinter den Heerd,„aber daß Du nicht bellst, sonst drehe ich Dir den Hals um.“ Molly verstand die Drohung, denn er kroch ängstlich in den Winkel. Gleich darauf hörte man das Läuten der Hausglocke. Der Bediente flog die Treppe hinab, das Thor zu öffnen, und Marie zündete die Kerze auf dem silbernen Leuchter an, die Gnädige in ihr Zimmer zu begleiten. Einige Augenblicke später kam die Frau Geheimräthin die breite Treppe heraufgerauscht. Es war eine große, stattliche Dame von vielleicht achtund— dreißig bis vierzig Jahren, von blühender Gesundheit. War es die kalte Winterluft oder der feurige Burgunder, der ihre Wangen tief dunkelroth gefärbt hatte? Sie sah heute roth wie eine Klatschrose aus, wie das Stubenmädchen vorlaut und respektwidrig der dicken Köchin zuraunte. „Ein Glas Punsch, Marie,“ befahl die Geheimräthin, als sie in ihr elegant und behaglich eingerichtetes Schlafzimmer ge— treten war und abgelegt hatte.„Aber recht heiß und in dem Krystallglas,“ fügte sie hinzu. Marie nickte verständnißvoll. Das Krystallglas war ein kleiner Humpen. Die Geheimräthin setzte sich, nachdem sie ihren Schlafrock angezogen und die große Astrallampe auf dem Tisch angezündet worden, auf das Sopha und dachte über die Gespräche nach, die sie an diesem Abend gepflogen hatte. Plötzlich hörte sie ein eigenthümliches Geräusch, dessen Ursache sie sich nicht erklären konnte, und zugleich glaubte sie eine sonder— bare Berührung an ihrem Fuß zu fühlen. Die Geheimräthin galt für eine Dame von Aufklärung, die frei von aller weibischen Furcht war. Aber bei diesem seltsamen Geräusch und bei dieser unheimlichen Berührung sprang sie er— schrocken vom Sopha empor. Man hatte sich heute Abend bei dem Bankier Schuhmann vom Spiritismus unterhalten. Man hatte von mediumistischen Kräften, von Materialisationen, von jenen geheimnißvollen Er⸗ scheinungen gesprochen, welche selbst Koryphäen der Wissenschaft, wie Professor Zöllner, die englischen Naturforscher Wallace, 5 8—— 3 3 . ˖ ˙———— „n · QQ 3 ..! ͤ ͤD!ü1%!̃;—Aũ*˙ il ̃ ö-w ¶ ͥ uüä c r e ee 33 98.. Crocker, der Baron Hellenbach in Wien und der Freiherr de Prel beobachtet hatten, man hatte die Doppelgänger erwähnt, dabei den merkwürdigen Vorfall aus Goethe's Leben angezogen und mehrere unterrichtete und gebildete Männer hatten geradezu erklärt, daß es falsch sei, alle diese Dinge aus der Täuschung der Sinne oder gar durch schwindelhafte Taschenspielerei zu erklären, daß vielmehr hier noch dunkle und unerforschte Kräfte der Natur und des Seelenlebens thätig wären, und daß es falsch von der Wissenschaft wäre, sich so schroff ablehnend gegenüber diesen Dingen zu verhalten, statt sie beobachten. Die Frau Geheimräthin hatte aber zu Denen gehört, welche ganz entschieden die Existenz derartiger Dinge und Phantome bezweifelten.„Ohne Phosphor kein Gedanke,“ pflegte sie zu sagen und suchte von ihrem materialistischen Standpunkte aus diese ganzen Erscheinungen in das Reich der Sinnestäuschungen oder des Betruges und Aberglaubens zu verweisen..... Und nun auf einmal in später Nachtstunde dieses seltsame Geräusch, diese unheimliche Berührung! Doch die Geheimräthin war, wie gesagt, eine Frau von starkem Geist. Sie ermannte sich und warf einen spähenden Blick unter das Sopha. Aber sie sah nichts Auffälliges. „Es war eine Täuschung,“ sagte sie halblaut, sich ihrer Furcht schämend. In diesem Augenblicke brachte Marie den dampfenden Punsch. „Befehlen die Frau Geheimräthin noch etwas?“ fragte das Mädchen. „Nein, Du kannst zu Bett gehen,“ antwortete die Geheim— räthin, an dem Punsch nippend. Es war ein vorzügliches Ge— tränk, dieser Schlummerpunsch. Allerdings ihr Arzt sah es nicht gern, wenn die Geheim— räthin oft Punsch trank. Er behauptete, das heiße, starke Getränk verursache ihr Blutwallungen und ruinire außerdem die Zähne und den Magen. Indessen sie schlief vortrefflich nach dem Punsch, ihr Magen war bombenfest und was ihre Zähne betraf, so waren die allerdings schon in ihren Mädchenjahren schlecht ge— worden durch das viele Vanille-Eis, das sie gegessen, so daß sie seit ein paar Jahren ein kleines Gebißstück mit vier falschen Zähnen tragen mußte. Die Geheimräthin nahm das Glas und sog den würzigen Trank mit großem Behagen ein. Aber als sie den Humpen wieder auf den Tisch setzte, hörte sie dasselbe unheimliche Geräusch von vorhin und fühlte wieder jene sonderbare, unerklärliche Be— rührung an ihrem Fuß. Das war keine Sinnestäuschung mehr, gebilde! Eutsetzt sprang sie auf. In ihrem Zimmer ging in diesem Augenblicke etwas Unerklärliches, Unheimliches vor, ein fremdes, unbekanntes Wesen mußte in demselben sein. Ihre Hand griff nach der Klingelschnur. Doch noch einmal ermannte sie sich. Ehe sie sich vor ihren Leuten eine Blöße gab, durch eine grundlose Furcht lächerlich machte, wollte sie sich noch einmal selbst überzeugen, ob außer ihr etwas Lebendes im Zimmer war. Freilich konnte sie sich nicht erklären, welcher Natur dieses Lebendige war, das sie nicht sah, das sie nur hörte und fühlte. Sollte es wirklich ein Wesen jener übersinnlichen Welt sein, deren Dasein sie heute Abend so bestritten hatte, eines jener unsichtbaren und intellegiblen Geschöpfe, die ihr Dasein oft durch die überraschendsten Aeußerungen kundgeben? Der belesenen Frau fiel Hamlet's Wort ein: kein Phantasie⸗ „Es giebt mehr Ding, im Himmel und auf Erden Als eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.“ Um sich Muth zu machen, griff sie nach dem Punschglas und trank dasselbe auf einen Zug aus. Dann zündete sie eine Wachsstockkerze an und leuchtete unter das Sopha. War das Licht der Wachskerze zu matt oder waren die Augen der Geheimräthin etwas umflort, genug, staunen konnte sie nichts entdecken. Aber diese negative Wahr— nehmung beruhigte sie nicht, sondern steigerte vielmehr ihre Furcht, denn daß sie sich nicht getäuscht über das Geräusch und die Empfindung am Fuß, darüber war sie nicht im Zweifel. Ah, die stärksten Geister haben ihre schwachen Stunden! Ver— welcher sie stürmisch riß, als säße ihr die Faust eines Mörders ö Geberde des Abscheues die Geheimräthin. zu ihrem Er⸗ kroch sich nicht der Gottesleugner David Hume, der atheistische Philosoph, aus Gespensterfurcht unter die Bettdecke? Die Geheimräthin starrte noch immer auf das Sopha, un⸗ entschlossen, ob sie ihre Leute rufen sollte, als plötzlich unter dem Möbel ein kleines, dunkles Geschöpf hervorschlüpfte und hinter dem Ofen verschwand. Bei dieser unerwarteten Erscheinung stieß die Geheimräthin einen Schrei aus und stürzte auf die Klingelschnur zu, an im Nacken. Dann öffnete sie die Thür und schrie: „Hilfe.... Hilfe... Marie... Sophie Hilfe!“ 5 Auf dieses laute Angstgeschrei, das in dem stillen Hause wiederhallte, stürzten halbangekleidet, den ersten Schlaf noch in den Augen, das Stubenmädchen und die Köchin aus ihren Kammern herbei in das Zimmer ihrer gnädigen Frau. 5 „Was giebt es? Was ist geschehen?“ riefen sie bestürzt. „Da... da... ein schwarzes Ding,“ flüsterte, auf den Ofen⸗ winkel deutend, die Geheimräthin verstört und am ganzen Körper bebend,„es muß dort sein.... ich weiß nicht, was es ist.“ 9 Die beiden Mädchen sahen das geleerte Punschglas, die 5 großen, starrblickenden Augen ihrer Frau, und im vollen Glau- ben, daß die Geister des starken Nachttrunkes aus ihr sprächen, 1 gingen sie muthig auf den Ofenwinkel zu, aus welchem, Marie seine barmherzige Samaritanerin erkennend, schweifwedelnd, den Kopf furchtsam und demüthig zur Erde gesenkt, als wolle er um des verursachten Rumors willen um Verzeihung bitten, zum Schrecken der beiden Mädchen der kleine Wachtelhund hervorkroch.“ „Ein Hund!“ rief entsetzt die Geheimräthin und warf einen zornigen und durchbohrenden Blick auf die beiden erschrockenen Mädchen.„Ein Hund in meinem Zimmer? Wie kommt dieses ö abscheuliche Geschöpf hierher?“ 5 Marie erblaßte. Sie errieth den Zusammenhang. Das kleine Thier war ihr, als sie der Geheimräthin den Punsch brachte, nachgeschlichen und auf diese Weise unbemerkt in das Schlaf- zimmer der gnädigen Frau gekommen. 1 „Ich weiß nicht,“ stammelte sie verlegen,„wie der Hund* hierher gekommen ist... Allons, Molly,“ setzte sie rasch hinzu. die Thür öffnend,„allons, Molly, geh' hinaus!“. „Molly,“ rief empört die Geheimräthin, welche trotz ihrer Idiosynkrasie ihre ganze Geistesgegenwart und Energie wieder gefunden hatte, nachdem sie entdeckt, daß es kein Geschöpf aus der vierten Dimension, sondern ein ganz gewöhnlicher Hund ge— wesen, der ihr solchen Schrecken eingeflößt hatte,„Molly nennst Du diese Kreatur? Woher kommt diese Vertraulichkeit zwischen Dir und diesem Geschöpf? Woher weißt Du, daß dieser Köter Molly heißt?“ Und ihre flammenden Augen, erhitzt von Punsch und Zorn, ruhten wie die der verkörperten Rachegöttin auf dem bestürzten Mädchen. N „Mein Gott,“ meinte dieses, den Unterrock an die Augen drückend,„wir hatten zu Hause einen Hund!“ „Wie? Ihr hattet einen Hund?“ unterbrach sie mit einer „Ja, mein Vater war ja Droschkenkutscher und da brauchte er immer Hunde, um das Fuhrwerk zu bewachen; er war ein Spitz, den wir hatten— er hieß Molly— und darum nenne ich alle Hunde Molly.“ „Genug!“ unterbrach sie die Geheimräthin,„es ist ein Glück für Dich, daß weiter keine Beziehungen zwischen Dir und diesem Geschöpf bestehen, das auf unerklärliche Weise hierher gekommen ist. Aber nun hinaus mit ihm.... und daß mir 1 dieses Thier nie wieder vor die Augen kommt! Noch ein Glas Punsch, Sophie!“ N Marie trieb den kleinen Hund, der mit eingezogenem Schweif während dieses Auftrittes an der Thür gestanden, die Treppe hinab, während die Köchin wieder in die Küche ging, um für die Gnädige noch ein Glas Punsch zu bereiten. Es war am anderen Morgen zwischen der neunten und zehnten Stunde. 1 Ein unruhiges Treiben herrschte im Geheimrath Götting- 1 99.. 5 5 e schen e ein Laufen der Dienerschaft treppauf, treppabwärts, W. verstörte Mienen, unheimliches Flüstern. 1 Erst eilte der Bediente fort, dann der Kutscher und wenige 0 Minuten später auch das Stubenmädchen hinaus in den wir— belnden Schneesturm und in die schneidende Kälte. ö Eine Viertelstunde später kamen sie Alle wieder, beschneit, mit rothen Nasen und blaugefrorenen Backen. Und bald darauf sah man zwei in kostbare Pelze gehüllte Herren, zuerst den langjährigen Hausarzt der Geheimräthin Götting, den Medizinalrath Dr. Roßberg, sodann einen kleineren Herrn mit goldener Brille und langem, schmalem Gesicht, den Professor Dr. Krähe, einen berühmten Vivisektor und äußerst geschickten chirurgischen Operateur, die teppichbelegten Treppen hinauf zu den Zimmern der Geheimräthin eilen. Kurze Zeit darauf kam auch noch der Dr. Hammer, ein jüngerer Arzt, der 1 sich aber durch einige glückliche Operationen rasch einen Namen en in der Stadt erworben hatte. 05 Er trat gerade in das Empfangszimmer, als die beiden zuerst Gekommenen, Medizinalrath Dr. Roßberg und Professor de Krähe, aus dem Schlafzimmer der Geheimräthin zurückkehrten. W.„Herr Kollege,“ sagte mit ernster Miene, zu Dr. Hammer 1 sich wendend, der Medizinalrath,„der Fall, welcher uns hierher 112 geführt hat, ist ein sehr bedenklicher. Die Frau Geheimräthin 105 hat gestern Abend in Folge eines aufregenden Vorfalls vergessen, 0 ihr Gebißstück aus dem Munde zu nehmen und hat dasselbe 11 während der Nacht im Schlafe' verschluckt.“ „Verschluckt?“ warf Dr. Hammer ein,„ein solches Gebiß— stück wandert nicht so leicht durch die Speiseröhre in den Magen; sind Sie auch dessen ganz gewiß, Herr Medizinalrath?“ „So gewiß, als ich vor Ihnen stehe, Herr Kollege,“ ant— wortete mit würdevoller Zuversichtlichkeit der Medizinalrath. „Ganz abgesehen davon, daß das Gebiß, trotzdem die Geheimräthin selbst und die gesammte Dienerschaft alle Zimmer auf's Genaueste durchsucht haben, nirgends zu finden ist, empfindet die Patientin im Magen einen sehr starken, schmerzhaften Druck und außerdem habe ich bei der Untersuchung an derselben ile u Stelle, wo sich dieser drückende Schmerz bemerkbar macht, eine Erhöhung gefühlt, welche nur durch die harte Masse des 1a Gebisses, das sich da festgesetzt hat, verursacht wird.“ 15„Aber ich finde es doch immerhin merkwürdig, daß ein s Gebißstück ohne Schwierigkeit in den Magen gelangen soll,“ g zweifelte Dr. Hammer noch immer. t„Was wollen Sie, Herr Kollege?“ mischte sich Professor en Krähe mit seiner hohen Diskantstimme in das Gespräch,„der— fer artige Zufälle kommen ziemlich häufig vor. Ich erinnere Sie nur aus neuester Zeit an den Fall in Dresden, wo ein Friseur , sein ganzes Gebiß verschluckt hat und bei der Frau Geheim- räthin handelt es sich nur um ein kleineres Stück von vier en Zähnen; ich erinnere an den Wiener Fall, in welchem Professor u Billroth gleichfalls den Magen einer Dame öffnete, die ihr Ratelier verschluckt hatte.“ gr„Sie wollen die Geheimräthin operiren?“ fragte Dr. Ham— 9 mer, der trotz alledem noch immer Zweifel zu haben schien. I„Gewiß,“ fiel der Medizinalrath ein,„es bleibt uns nichts u anderes übrig. Der schmerzhafte Druck im Magen, verbunden mit einer Neigung zum Erbrechen, beweist, daß sich das Gebiß— stück in einer Magenfalte eingeklemmt hat. Je länger es da 1 14 festsitzt, um so heftiger wird die Entzündung werden, die im günstigsten Falle aus einer akuten zu einer chronischen wird, 0 mit dem Magenkrebs im Gefolge. Ich bin daher für sofortige 9 Entfernung durch operativen Eingriff, bevor sich Fieber zeigt 11 und Kräfteverfall eintritt.“ Er schwieg, eine Prise aus der goldenen Dose nehmend. Professor Dr. Krähe aber fügte sich räuspernd hinzu:„Ich schließe mich vollständig der Meinung meines Herrn Kollegen an.“ Dabei nahm er die Brille ab, putzte die Gläser mit dem seidenen Taschentuche und setzte sie dann langsam und bedächtig wieder auf, die Augen dabei immer auf Dr. Hammer gerichtet. a„Sie sind also auch einverstanden?“ wandte sich der Medizinalrath, der vor dem weißen Porzellanofen stand und sich den Rücken wärmte, zu dem jungen Arzt. ö Dr. Hammer zuckte die Achseln. „Ist die Frau G hin zu der 8 entschlossen?“ fragte er zurück. Der Medizinalrath nickte. „Die Frau Geheimräthin“, sagte er,„ist eine Dame von seltenen Gaben. Sie besitzt Muth und eine philosophische Bil— dung, wie man sie bei Frauen nicht oft findet. Daß sie trotz alledem sehr erregt war, als wir ihr die Nothwendigkeit einer Operation darlegten, können Sie sich denken, Herr Kollege. Indessen hat sie sich in das Unvermeidliche ergeben.“ „Es ist eine Operation auf Tod und Leben!“ Dr. Hammer ernst. „Früher, früher!“ entgegnete Professor Krähe,„heute bei dem vorgeschrittenen Standpunkte der Wissenschaft können die Patienten nur dann sterben, wenn ungünstige Zufälle, Kompli— kationen eintreten.“ „Die häufig genug vorkommen,“ sagte Dr. Hammer. „Aber, mein Gott, Kollege,“ warf der Medizinalrath ein, „die Patienten sterben dann nicht an der Operation, sondern an der Komplikation, an dem Zufall.“ „Und casus sentit dominum.... Eigenthümer,“ sagen die„Juristen“, ironisch. Da öffnete sich die Thür, das Stubenmädchen trat mit verweinten Augen ein und bat die Herren, in das Schlafzimmer der Geheimräthin zu kommen. Diese folgten sofort. Trotz der Versicherung des Medizinalraths, daß sich die Patientin in das Unvermeidliche gefügt habe, fanden die Aerzte die bedauernswerthe Frau in hochgradiger Aufregung. In verzweiflungsvoller Angst schritt sie in ihrem Zimmer auf und nieder. Dann warf sie sich auf's Sopha, die Hand auf den schmerzenden Magen legend, um gleich darauf wieder sich zu erheben, an's Fenster zu treten und die heiße Stirn an den kalten Scheiben zu kühlen und in Thränen auszubrechen. Der Gedanke an die Operation erfüllte sie mit einer wahnsinnigen Furcht, wenn ihr auch der Medizinalrath versichert hatte, die— selbe werde unter Anwendung von Chloroform ganz schmerzlos verlaufen. Die Geheimräthin hing am Leben und dessen Genüssen, und sie verhehlte sich nicht, daß bei der Operation ihr Leben auf dem Spiele stand. Dieses unselige Gebiß! Sie hatte anfänglich nicht daran glauben wollen, es verschluckt zu haben. Jeder Winkel war durchsucht, hinter jedes Möbel geleuchtet worden— nirgends eine Spur zu entdecken! Und dann der eigenthümliche Druck im Magen und die Bestätigung durch die Untersuchung des Medizinalraths. Ihr halbes Vermögen hätte sie darum gegeben, die Operation hätte umgehen können. „Meine Herren,“ sprach die Geheimräthin mit bebender Stimme, als die Aerzte eingetreten,„ich habe Sie noch einmal bitten lassen, um Sie zu fragen, ob die Entfernung des Gebiß— stücks nicht auf andere Weise möglich ist?“ Ihre Blicke flogen bei diesen Worten hilfeflehend von Einem zum Anderen. Der Medizinalrath zuckte die Achseln. „Wir sprachen ja schon darüber, gnädige Frau. Aber ich halte dieses Verfahren für unanwendbar. Wir würden Ihnen nur unnöthige Aufregung und Schmerzen verursachen.“ „Und außerdem,“ setzte Professor Krähe hinzu,„könnten leicht Erstickungsanfälle herbeigeführt werden, wenn man ver⸗ bemerkte der Zufall trifft den entgegnete Dr. Hammer wenn sie suchen sollte, die Magenzange einzuführen und mit ihr das Gebißstück zu fassen.“ „Vorausgesetzt, daß es sich wirklich im Magen befindet,“ fiel der hartnäckige Zweifler Dr. Hammer ein. Die Geheimräthin starrte den Doktor sprachlos an. Ein Strahl der Hoffnung glänzte in ihren verweinten Augen auf. Aber die Worte ihres Hausarztes löschten ihn sofort wieder aus. „Darüber kann gar kein Zweifel sein, Herr Kollege,“ ent— gegnete etwas gereizt und sehr bestimmt der Medizinalrath.„Ich habe das Gebiß gefühlt, was sage ich, ich habe es gesehen, denn ich habe Augen in den Fingerspitzen, wie es bei jedem Arzt der Fall sein sollte. Wenn Sie sich übrigens selbst über⸗ zeugen wollen, Herr Kollege.... Sie erlauben Frau Geheim⸗ 8 f F N 8 1** 7 100. räthin. so legen Sie Ihren Zeigefinger auf diese Stelle und Sie werden sich selbst sagen, daß das Gebißstück nirgend anders sein kann, als in dem Magen der Frau Geheimräthin.“ In diesem Augenblick hörte man Geräusch aus dem Vorsaal. „Hurrah! Unsere gnädige Frau Geheimräthin soll leben!“ schrie es in die ernste und erwartungsvolle Stille hinein, die nach den Worten des Medizinalraths in dem Zimmer eingetreten war. Die Aerzte fuhren empört empor. Die Geheimräthin erbleichte. Was bedeutete dieser brutale Lärm auf dem Vorsaal? Da wurde die Thür aufgerissen und an der Spitze der nachdrängenden Dienerschaft stürmte mit glühenden Wangen, athemlos vor Aufregung, das Stubenmädchen in das Gemach. „Frau Geheimräthin, Frau Geheimräthin!“ stieß das Mäd— chen keuchend mit freudig glänzenden Augen hervor, und sie schwang dabei den Arm, wie ein Indianer, welcher der Geliebten den Skalp des ersten von ihm erlegten Feindes bringt,„die Zähne... die Zähne!“ „Welche Zähne?“ riefen der Medizinalrath und der Professor. „Welche Zähne!“ stammelte, von einer unbestimmten Hoff— nung durchbebt, die Frau Geheimräthin. „Ihre Zähne, Frau Geheimräthin,“ jauchzte das glückliche Mädchen, während die übrige Dienerschaft im Chor schrie:„Ja, Ihre Zähne, Frau Geheimräthin... Ihre Zähne!“ „Das ist nicht möglich. Das ist ein Irrthum, ein frivoler Scherz, den man sich erlaubt,“ fiel voller Entrüstung der Medizinalrath ein,„die Frau Geheimräthin hat ihre Zähne verschluckt.“ „Ja wohl, verschluckt,“ bestätigte der berühmte Vivisektor und 1 Professor Krähe. Die Geheimräthin aber, welcher indessen das Stubenmädchen ihren Fund übergeben hatte, rief im glückseligsten Tone: „Nein, nein, es sind meine Zähne... ja, meine Zähne,“ weinte sie freudetrunken,„meine Zähne,“ wiederholte sie in flüsterndem Tone, das kleine, rothbraune Stück Kautschuck mit den weißen Zähnen und Golsdplättchen zärtlich wie die Geliebte das Bild des Bräutigams betrachtend,„ja sie sind es... sie sind es... ich erkenne sie... es ist kein Irrthum.“ „Wo fanden Sie die Zähne?“ fragte Dr. Hammer, während seine beiden Kollegen sprachlos und betroffen bald das Gebiß, bald die glückliche Finderin anstarrten. „Ach, Frau Geheimräthin,“ weinte diese, noch immer in freudiger Aufregung,„ich habe eigentlich die Zähne nicht ge— funden, sondern ein Anderer.“ „Ein Anderer?“ staunte Professor Dr. Krähe, die Geheim— räthin scharf fixirend,„wer ist dieser Andere?“ „So warten Sie doch, meine Herren,“ schluchzte das Mäd— chen, sich die Augen trocknend,„Sie sollen es ja gleich erfahren. Sie wissen doch, Frau Geheimräthin,“ wandte sie sich an diese, welche in athemloser Spannung mit freudig verklärtem Ausdruck in den Zügen lauschte,„daß sich gestern Abend ein kleiner, schwarzer Hund, der Sie so erschreckt, in Ihr Zimmer geschlichen hat. Ich habe es Ihnen gestern Abend nicht gesagt, daß der Hund mir von der Straße aus in's Haus nachgelaufen ist. Er war so verhungert und erfroren. Als er nun in Ihrem Zimmer Sie so erschreckt hatte, jagte ich ihn die Treppe hinab. In dem Hausflur verschwand er aber. Ich glaubte, er lief nach der Hofthüre und dem Garten zu.“ Sie hielt tief Athem holend inne. „Weiter, weiter,“ drängte die Geheimräthin, Gesicht ein eigenthümliches Zucken lief, während die Anderen gespannt lauschten. „Im Garten“, erzählte das Mädchen weiter,„hat das arme Thier die ganze Nacht zugebracht, bis ihn heute Morgen, vor vielleicht zehn Minuten, der Hunger und die Kälte wieder in das Haus trieben. Wir waren gerade Alle unten in der Küche und sprachen über das schreckliche Unglück, das der Frau Ge— heimräthin widerfahren,“ dabei fing sie und die Köchin von Neuem zu schluchzen an, während der Bediente und der Kutscher sich mit ihren rothen Fäusten an die Augen fuhren,„als plötzlich der Hund hereinkam. „Herr Gott,“ rief ich erschrocken,„da ist ja der Molly wieder!“ „Ja,“ sagte der Fritz,„mit einem Knochen im Maul.“ über deren „Grundgütiger Himmel, schreie ich auf, das ist ja gar dein N Knochen, das sind die Zähne unserer Gnädigen. Gieb, Molly, rufe ich und halte ihm die Hand hin, und da läßt er das Ding fallen,“ endete das Mädchen. Eine tiefe Stille hatte sich über die Zuhörer gelagert, während das Mädchen ihre Erzählung vortrug. Der Medizinalrath schnupfte einmal über das andere, der Professor putzte in nervöser Unruhe zum achten oder neunten Male seine Brillengläser, Dr. Hammer strich sich lächelnd seinen Bart und die Geheimräthin war in ein tiefes Nachdenken versunken. Endlich richtete sie sich empor. „Wo ist der Hund?“ fragte sie mit einem ungewöhnlich milden Ausdruck in Ton und Miene. „Unten in der Küche,“ antwortete Marie. „Man bringe mir ihn sofort!“ befahl die Räthin. n „O, das ist unnöthig,“ lachte Dr. Hammer, welcher sich der halboffenen Thür genähert hatte,„hier ist er schon,“ und er deutete auf den kleinen, schwarzen Wachtelhund, der freundlich wedelnd, als wolle er wegen seines Eintretens um Verzeihung bitten, auf der Schwelle des Zimmers stand und mit seinen braunen, treuherzigen Augen die Anwesenden betrachtete. 2 Die Geheimräthin ging auf das kleine Thier zu, das scch erschrocken und scheu in eine Ecke drückte. Sie aber beugte sich zu dem Hunde nieder und ihn strei— chelnd sprach sie voller Rührung: „Du bist mein Lebensretter, armes Thier, und ich ließ dich zum Hause hinausjagen. Aber sei ruhig, du sollst nun bei mir bleiben... für immer... so lange ich lebe.“ Und sie nahm den kleinen Hund, der bei dieser Liebkosung und den freundlichen Worten zutraulich wurde und die Geheim— räthin treuherzig ansah, auf den Arm und trat mit ihm zu dem Medizinalrath und dem Professor, welche mit sehr gemischten Empfindungen diesem Auftritt zusahen. „Ja, meine Herren,“ wiederholte die Geheimräthin,„er ist mein Lebensretter. Denn ohne ihn würde ich operirt worden sein und bei aller Achtung vor Ihrer Geschicklichkeit“— der Medizinalrath und der Professor verbeugten sich—„war der Ausgang doch unberechenbar. Ich habe nach Marie's Erzählung über die Vorfälle des gestrigen Abends nochmals nachgedach 1 und den Zusammenhang endlich gefunden. Ich war durch di Erscheinung des Hundes in etwas erregte Stimmung versetzt worden. Außerdem hatte die Unterhaltung beim Bankier Schu mann über gewisse geheimnißvolle Vorgänge und Ereignisse des Seelenlebens mich nervös gemacht. Vielleicht verursachte mir auch der Hummersalat, den ich zu Abend gegessen,— Sie wissen, er gehört zu meinen Leibgerichten— mir einiges Un⸗ behagen.“ „Ah! Sie haben Hummersalat gestern Abend gegessen?“ unterbrach sie der Dr. Hammer lächelnd,„nun erkläre ich mir den Druck im Magen.“ „Ja,“ fuhr die Geheimräthin fort,„Hummersalat und zwar etwas viel. Ich öffnete, da es mir heiß und unbehaglich wurde, das Fenster, um etwas frische Luft zu schöpfen. Mit 8 N sog ich die reine, kalte Winterluft ein, dann goß ich das Glas Wasser, in welches ich vorher, wie gewöhnlich jeden Abend, mein Gebißstück gelegt, hinab in den Garten, zerstreut, in Gedanken, 0 verwirrt durch die aufregenden Vorgänge des Abends“— und durch den Schlummerpunsch, dachten das Stubenmädchen und die Köchin, welche sich einen verständnißvollen Blick gegenseitig zu⸗ warfen—„und im Garten, unter meinen Fenstern, wo kein Mensch sie gesucht und entdeckt hätte, hat das Thier die Zähne gefunden. Alles das steht mir jetzt klar vor der Seele,. rend die Angst mich heute früh sinnlos machte und mir Erinnerung raubte.“ 5 Medizinalrath Roßberg hatte sich während der Erzählung der Geheimräthin von seiner Ueberraschung vollständig erholt. Mit jener Ruhe und Sicherheit, welche nur eine wissenschaftliche Auffassung der Dinge giebt, die alle Erscheinungen des Lebens aus physiologischen Gesetzen zu erklären sucht, sagte er: 0 „Derartige Fälle von vorübergehender vollständiger Er 4 innerüngslosigkeit sind nicht selten. Dee Wissenschaft kennt diesen Zustand unter dem Namen absentia memoriae intermittens. 0 101?? 1 100 1609 170065” 0 00 100 00060õ0% 1000 0 1. 1 17005 660 5 10 57 Mee 16*—ůe⁵ e We ee I e 660x7 % 7 U T... ͤ Er beruht darauf, daß gewisse Gehirnorgane, welche die Träger des Erinnerungsvermögens sind, außer Thätigkeit treten, ge— wissermaßen ausgeschaltet werden. Der Fall ist aber noch von einem anderen Standpunkte aus interessant. Ich meine den Schmerz, welchen die Frau Geheimräthin im Magen empfand und der mich mit bei meiner Diagnose bestimmte, einen ver— schluckten Gegenstand anzunehmen.“ „Obwohl diese Empfindung von dem unverdaulichen Hum— mersalat herrührte,“ unterbrach ihn Dr. Hammer,„was sie freilich zu sagen verschwieg.“ Der Medizinalrath bekam einen heftigen Hustenanfall. Professor Krähe aber sagte, Molly streichelnd:„Ein aller— liebster, kleiner Kerl... wem er nur gehören mag?“ „Ich denke mir,“ lächelte die Frau vom Hause, deren Idiosynkrasie gegen Hunde vollständig verschwunden war,„Marie wird ihn unter ihre besondere Obhut nehmen.“ „Aber jetzt, meine Herren,“ fügte die Geheimräthin hinzu, die mit ihren Zähnen ihre ganze Lebenslust und ihren Humor wiedergefunden hatte,„bitte ich Sie, mit mir zu frühstücken... Sophie, besorge im Speisezimmer ein Frühstück. Ich habe einen vorzüglichen Chablis im Keller und eine frische Sendung Sekt, sowie holländische Austern, die erst gestern angekommen sind, und Caviar, direkt vom Ural.“ Dem Medizinalrath, einem Feinschmecker, wie es viele geist— reiche Männer sind, lief das Wasser im Munde zusammen, und mit einem liebenswürdigen Humor, der ihn zu einem so beliebten Hausarzt machte, lächelte er: „Ich nehme Ihre freundliche Einladung an, aber nur, damit Sie, Frau Geheimräthin, sich nicht eine neue Indigestion zuziehen, denn Sie wissen ja: praesente medico nihil nocet.“ „Und Sie, Herr Professor?“ wandte sich die Geheimräthin an Dr. Krähe. Der berühmte Operateur lehnte aber ab. „Danke, danke vielmals... habe in der That keinen Appetit... habe Besuche zu machen... nothwendige Kranken— visiten!“ g Dr. Hammer aber lachte:„Das erste Glas, Frau Räthin, soll Ihrer Gesundheit, das zweite aber dem kleinen Burschen da gelten,“ und er deutete auf den Hund, der es sich indessen unter dem warmen Ofen bequem gemacht hatte,„der noch im letzten Augenblicke zur rechten Zeit kam.“ Der Deutsche Neichstag vor 100 Jahren. Die verwickeltste Staatenbildung, die es je gegeben hat, war und ist das Deutsche Reich. Man kann dasselbe weder genau unter den Begriff des Bundesstaates, noch unter den des Staa— tenbundes bringen. Es ist in gewissem Sinne das eine und in gewissem Sinne das andere, im Grunde aber keines von beiden, sondern etwas ganz Ausnahmsweises— es ist eben das Deutsche Reich. Wenn man die Rechte und Verhältnisse des Bundesraths und des Reichstags, überhaupt alle Faktoren der Gesetzgebung und der Reichsgewalt, sowie ihre Beziehungen zu einander aufmerksam betrachtet, so wird man nirgends in der Geschichte eine wirklich zutreffende Analogie für dieselben finden. Das Deutsche Reich kann nur mit sich selber verglichen werden; und auch das hat noch seine Schwierigkeiten, denn das neue Reich ist noch zu jung, um wesentlich verschiedene Stufen staats⸗ rechtlicher Entwickelung durchgemacht zu haben, und das alte Reich, selbst in seinen letzten Tagen, weicht doch gottlob erheb— lich von dem gegenwärtigen ab. Wir würden uns deshalb nicht wundern, wenn der eine oder der andere es für über— flüssig hielte, überhaupt noch diese vergessene Periode vor modernen Zeitungslesern heraufzubeschwören; indessen wenn das Wort des Dichters wahr ist, daß der herbste Schmerz die Er— innerung an eine schönere Zeit ist, so wird umgekehrt das demo— kratische Gemüth vielleicht Trost und Muth zum Weiterkämpfen finden, wenn es sich sagen muß, daß es früher einmal noch ganz anders und herzlich viel schlechter aussah im Deutschen Reiche denn heute. Und dies soll uns entschuldigen. Daß irgend etwas deutsch war am alten Deutschen Reiche, 102.. N welches bekanntlich 1806 ein plötzliches Ende damit fand, daß Kaiser Franz, der sich schon zwei Jahre vorher zum Kaiser seiner österreichischen Erblande erklärt hatte, einfach die deutsche Kaiserkrone niederlegte, wozu er wahrscheinlich gar nicht befugt war, daran erinnerte blos der Zusatz in dem offiziellen Titel: „Das heilige römische Reich deutscher Nation.“ Das Reichs⸗ oberhaupt war der römische Kaiser— einen deutschen Kaiser hat es vor Wilhelm I. nicht gegeben—, dessen engerer Bezug zu Deutschland in seiner gleichzeitigen Eigenschaft als„König von Deutschland“ wurzelte. Um sich das Wesen dieses römischen Kaisers klar zu machen, thut man am besten, ihm den Papst zur Seite zu setzen, zumal der Kaiser auch die Bezeichnung„Anwalt der Kirche“ führte. Wie der Papst das geistliche Oberhaupt aller Christen war, so bildete der römische Kaiser das weltliche Oberhaupt aller Christen, nur daß zu diesen Christen seit dem Passauer Vergleich, dem Religionsfrieden und dem Westfälischen Frieden auch die Protestanten zählten, die seit dieser Zeit reichs— rechtlich keine Ketzer waren und ebenfalls vom Kaiser beschirmt und geschützt werden mußten. Das heilige römische Reich bil— dete also einen völkerrechtlichen Verband aller christlichen Völker. Wählbar zum Kaiser war nach der goldenen Bulle, dem eigent— lichen Staatsgrundgesetz, jeder„homo justus, bonus, utilis“; eine Fassung, die in ihrer Unbestimmtheit formell weder das Weib, noch einen Protestanten, noch überhaupt irgend eine ehr— bare Person von der Krone ausschloß. In der Praxis machte sich aber die Sache ganz anders. Es wurde nur ein Katholik gewählt, der zugleich ein mächtiger Reichsstand war, so daß zu— letzt die Krone ausschließlich bei Böhmen(Oesterreich) verblieb, da es außer diesem ja nur noch einen mächtigen katholischen Reichsstand, nämlich Baiern, gab. Der eigentliche Mittelpunkt der alten Verfassung ist nun der Reichstag,„comitia imperii“ in der Amtssprache, oder„das unter seinem Oberhaupt versammelte Reich“. Er ist selbstver— ständlich keine Volksvertretung, er ist vielmehr ganz und gar ein Bundesrath. Seine Mitglieder sind die Reichsstände, d. h. diejenigen Unmittelbaren, die„Reichsstandschaft“ hatten. Sie zusammen bilden das„Reich“, welches letztere also nicht die Gesammtheit der deutschen Territorien darstellt, sondern die Ge— sammtheit ihrer Dynasten, bezw. Herren. Sessionen und Legis— laturperioden kannte der Reichstag nicht; denn war im West— fälischen Frieden auch festgesetzt worden, daß mindestens alle zehn Jahre ein Reichstag gehalten werden sollte, so blieb der letztere doch von 1673 ab, meist in Regensburg, permanent von Rechts- oder Schlechtswegen. Die Reichsstände waren durch Bevollmächtigte vertreten, wobei sich wegen der Kosten der ständigen Unterhaltung ein halbes Dutzend Reichsstände oft nur einen Bevollmächtigten hielten, und— fremde Botschafter konnten ungehindert zugegen sein. Letzteres gewiß eine selt— same Erlaubniß. 0 Ist dies jedoch noch Alles leicht verständlich, so war die Zusammensetzung im Einzelnen höchst komplizirt. Der Reichstag zerfiel nämlich in drei Kollegien: den Kurrath, wie wir ihn einfach nennen wollen, den Fürstenrath und den Städterath, deren jeder sein besonderes Direktorium hatte. Der Kurrath umfaßte die bekannten acht Kurfürsten— wenigstens lassen wir es bei diesen bewenden, obwohl die Zahl je nach bestimmten Veränderungen etwas wechselte—, die drei geistlichen: Köln, Mainz, Trier, und die fünf weltlichen: Bayern, Böhmen, Branden⸗ burg, Braunschweig und Sachsen. Die gleiche, bezw. eine ähn⸗ liche Theilung bestand auch bei den beiden anderen„Räthen“, dem Fürstenrath und dem Städterath, die direkt zwei Bänke zählten, doch so, daß z. B. auf der geistlichen Bank des Fürstenrathes auch zwei weltliche, Oesterreich und Burgund, saßen, während die protestantischen Bischöfe von Lübeck und Osnabrück auf einer Querbank saßen. Der Fürstenrath umfaßte zusammen 100 Stim⸗ men, unter denen sich 6 Kollektivstimmen befanden von Ständen, die, wie z. B. die rheinischen Prälaten, die schwäbischen Prä⸗ laten ꝛc. zusammen nur je eine Stimme hatten. Der Städte⸗ rath bestand aus der schwäbischen Bank mit 39 Städten und der rheinischen Bank mit 14 Städten, zusammen 53 Stimmen. Im Jahre 1788, gerade vor 100 Jahren, waren die 53 Reichs⸗ städte von 8 Personen im Deutschen Reichstag vertreten und 14 die Fürstenstimmen von 14. Doch änderten sich für die aller⸗ 5 2 4 r 4 * 5 — — 1 0 103. tage vermittelst seiner sogenannten Dekrete. lich sehr letzten Jahre des alten Reiches, die wir nicht mehr betrachten, durch die Säkularisirung einer Reihe von geistlichen Fürsten und durch die Mediatisirung zahlloser Reichsunmittelbaren gerade diese inneren Verhältnisse des Reichstages sehr wesentlich. Bei— spielsweise verschwanden die Reichsstädte völlig bis auf 6: Augsburg, Bremen, Frankfurt a. M., Hamburg, Lübeck und Nürnberg, und die Stimmenvertheilung im Fürstenrathe— voran, um das zu erwähnen, Brandenburg mit 11 Stimmen— wurde so anders, daß sich eine große protestantische Mehrheit ergab. Die kirchlichen Differenzen führten auch zu Fraktionen, denn die Protestanten sammelten sich als Corpus èvangelicorum“ unter dem Präsidium Sachsens, die Katholiken unter Kurmainz zur Wahrung ihrer religiösen Interessen. Der Kaiser, im permanenten Reichstag persönlich durch einen Prinzipalkommissar vertreten, dem gleichzeitig ein staatsrechts— kundiger Kommissar beigegeben war, verkehrt mit dem Reichs— Durch diese macht er seine„Vorlagen“, d. h. ergreift er die Initiative zur Be— rathung irgend einer Angelegenheit. Doch können auch auf Anregung anderer Mächte Beschlüsse herbeigeführt werden. Für die Art, wie etwas zur gesetzmäßigen Kenntniß des Reichstages zu kommen hatte, bestand ein höchst eigenthümliches Verfahren. In einem besonderen Saale murde nämlich von erhöhter Stelle aus den Schreibern(die dabei übrigens, wenn sie wollten, nicht mehr als drei Bogen zu schreiben brauchten), das Erforderliche laut in die Feder diktirt. Dann wußte man, was los war. Doch genügte diese Diktatur, die außerdem vertagt werden konnte, nicht, um eine Sache wirklich zur Berathung zu stellen. Dazu mußte sie auf den„Ansagezettel“ gesetzt und ein be— stimmter Tag angesagt werden, bis zu welchem die Instruktionen eingeholt wurden. An demselben fand dann eine vorläufige Besprechung über die wirkliche Berathung statt, was man„Ver— laßnehmung“ nannte, und hierauf die Abstimmung in den ein— zelnen Kollegien. In letzteren lasen die Gesandten nach dem Aufruf ihre Anweisungen vor. Das Direktorium zieht das Er— gebniß und giebt den Beschluß bekannt. Liegt der Beschluß aller drei Kollegien, das conelusum trium, vor, so ist das „Reichsgutachten“ erfolgt. Doch kannte man auch die Einrich— tung von Ausschüssen, die vorberathen mußten und, wenn man schneller vorwärtskommen wollte, sogar entscheiden konnten. Gegenstände der Beschlußfassung waren alle Reichsangelegen— heiten, die nicht zu den besonderen Rechten des Kaisers gehörten, Kriegserklärungen, Friedensschlüsse, Streitigkeiten der Fürsten, Verhängung der Reichsacht, Verleihung hoher Reichsämter de. Dagegen hatte der Deutsche Reichstag vor allen Dingen über Gesetze fast gar nicht zu beschließen, denn die ganze Gesetzgebung lag natürlich in der Hand der einzelnen Territorien. Das „Reichsgutachten“ kann der Kaiser berichtigen und kann es theil— weise oder ganz verwerfen; seine Entscheidung dauerte gewöhn— lange. Billigt er das Gutachten, so wird es „Reichsschluß“. So war es im alten Deutschen Reichstag. Wenn man das, was wir hier unter Weglassung aller Details kurz zusammen⸗ gestellt haben, sich näher ansieht, so wird man sich von selbst sagen müssen, daß dieser Reichstag, der doch das inkorporirte Reich war, so gut wie gar nichts bedeutete. Das zeigte sich be— sonders in seiner letzten Zeit, wo er ja, wenngleich in seiner Zusammensetzung reformirt, rechtlich noch immer seine alte Stel— lung einnahm. Als am 1. Jauuar 1806 zwischen Frankreich und Oesterreich der kurz vorher geschlossene Friede ratifizirt wurde, durch den u. A. ein Reichsstand, die Stadt Augsburg, ihre Selbstständigkeit einbüßte, reichten die österreichischen Ge— sandten den französischen eine Erklärung ein, laut welcher für alle Bestimmungen des Friedens, die die Reichsverfassung be— trafen, die Genehmigung des Reichstags vorbehalten wurde. Letzterer aber, dem drei Wochen später die Sache zur Kenntniß übermittelt wurde, beschloß am 24. Februar— darüber gar nicht zu verhandeln. Hatte Schweden da zu viel gesagt, wenn es kurz vorher den Austritt Vorpommerns damit motivirte, daß es unter seiner Würde sei, an den Verhandlungen des Reichs— tages theilzunehmen, so lange dessen Beschlüsse nur durch Gewalt⸗ thätigkeit bestimmt würden? In dem Schreiben war auch die Wendung enthalten, daß der Reichstag verlernt habe, die Sprache der Ehre zu verstehen. Nun, er hatte keine Zeit mehr, sie wieder zu lernen, denn 1806 zerfiel schon am 12. Juli das Reich faktisch, indem sich 16 der südlichen Fürsten zum„Rhein- bund“ zusammenthaten, was sie am 1. August dem Reichstag anzeigten; so folgte am 6. August auch die formelle Auflösung mit der Erklärung des Kaisers, daß er bei der nach den letzten Vorgängen„vollendeten Ueberzeugung von der gänzlichen Un— möglichkeit, die Pflichten seines kaiserlichen Amtes länger zu erfüllen“, auf die Krone verzichten müsse. Der Deutsche Reichs— tag ging auseinander sang- und klanglos wie eine Gesellschaft, die sich leider Gottes zufällig einmal getroffen hatte, und das heilige römische Reich deutscher Nation war nach fast tausend— jährigem Bestande zu Ende. Se Rläk ter. Galanterie der Kalmücken. Die Kalmücken an der Wolga über— treffen in der Galanterie gegen die Frauen selbst die Franzosen. Wenn z. B. der Kalmücke eine Frau zum Tanze auffordert, so beugt er echt ritterlich ein Knie, legt die Hand an die Stirn, um dadurch seine Hoch— achtung für die Dame zu erkennen zu geben, und berührt endlich leise das Knie der Letzteren. Ist die Kalmückin noch ein Mädchen, so ver— bietet ihr die Bescheidenheit, etwas darauf zu erwidern. Die verheirathete Frau dag gen fährt, falls sie die Einladung zum Tanze annehmen will, mit der Linken über den seidenen Sack, welcher die Haarflechten umfesselt hält. Sämmtliche Frauen, gleichviel, ob verheirathet oder nicht, begrüßen den Maun, welchen sie zum Tanze auffordern, mit keiner Silbe, sondern gehen nur auf ihn zu und berühren seine Schulter. Kommt einem Kal⸗ mücken zu Pferde eine Frau entgegen geritten, und bemerkt derselbe, daß diese absteigen will, so springt er augenblicklich vom Pferde und hilft ihr aus dem Sattel, wenn sie auch arm ist oder im Range tief unter ihm steht. Niemals sattelt die Kalmückin ihr Pferd selbst, das muß immer ein Mann besorgen. Die Einladung eines Mannes darf man ohne Weiteres ablehnen; geht dieselbe aber von der Frau oder der Tochter des Hauses aus, so wäre die Ablehnung der Einladung eine schwere Beleidigung.. Der Würdigste. Als Friedrich Wilhelm IV. noch Kronprinz war, kam eines Tages bei der kronprinzlichen Tafel das Gespräch auf die be— vorstehenden Ordensverleihungen. Der König äußerte u. a., er beabsichtige, einem der beiden Prediger an einer bekannten Kirche in Berlin den rothen Adlerorden zu verleihen, und der Superintendent K. scheine ihm der Würdigste zu sein. Der Kronprinz meinte aber, der Pastor R. wäre trotz seines geringen Einkommens und trotz seiner zahlreichen Kinder ein wahrer Vater der Armen, während K. durch seinen Geiz sich die Ver— achtung des Volkes zugezogen habe. Den König verdroß dieser Wider— spruch, allein der Kronprinz erbot sich, den Beweis für seine Behauptung zu liefern. In schäbiger Kleidung und noch dazu durch einen falschen Bart entstellt, begab sich der Thronerbe zu dem dicken K. und ließ sich als fremden, hilfsbedürftigen Theologen anmelden. Nach langem Warten wurde er endlich vorgelassen, jedoch schnöde abgewiesen, und nur infolge herzlichen Bittens erreichte er schließlich so viel, daß ihm der Superintendent mürrisch zwei Groschen hinwarf mit dem Bemerken, er solle sich ja nicht wieder blicken lassen, da er weder Zeit noch Geld für den ersten besten Bettler übrig habe. Hierauf begab sich Kronprinz Friedrich Wilhelm zum Pastor R. Dieser wies die Legitimationspapiexre, welche K. mißtrauisch geprüft hatte, mit milder Freundlichkeit zurück, sprach dem vermeintlichen Kandidaten, nachdem dieser seine angeblich traurige Lage mit beredten Worten geschildert hatte, liebreich Muth und Trost zu und drückte ihm einen Thaler in die Hand, indem er entschuldigend hinzufügte, er sei nicht reich besoldet und habe zudem eine starke Familie. Beim Weggehen drängte der Geistliche dem Pseudo-Theologen im Hinblick auf dessen elende Fußbekleidung noch ein Paar ziemlich guter Stiefel auf. Mit diesen so verschiedenen Gaben priesterlicher Mildthätigkeit kam der Kronprinz zum Könige zurück und erzählte sein Abenteuer.„Was bringen Sie mir?“ hatte der Superintendent im barschen Ton gefragt, während der Pastor ihn freundlich mit den Worten anredete:„Womit kann ich dienen?“ Pastor R. bekam den rothen Adlerorden, aber eine bessere Stelle, die ihm gewiß erwünschter gewesen wäre, erhielt er nicht. H. R. Bankerott. Ein Neger, welcher bei Tische aufwartete, hörte, wie sein Herr mit den Gästen über Bankerott sprach, und merkte sich davon so viel, daß ein Bankerotteur in der Regel die Hälfte in Sicherheit brächte. Nachdem die Gäste das Haus verlassen hatten, packte er alles Silberzeug, und was er sonst noch erwischen konnte, zusammen und versteckte alles in einem verfallenen Brunnen. Dann versah er sich gehörig mit Speise und Trank und stieg ebenfalls in den Brunnen hinab, um sich dort ver— borgen zu halten, bis die ersten Nachforschungen vorüber wären. Allein man entdeckte den Schlingel bald.„Was machst Du da, Taugenichts?“ rief sein Herr in den Brunnen hinab.„Bankerott, Massa. Die Hälfte für Sie, die Hälfte für mich.“ H. E. „Papa, was ist Humbug?“ fragte ein kleines Mädchen wißbegierig. „Humbug?“ entgegnete Papa—„Humbug ist, wenn Mama be— hauptet, sie hätte mich lieb, und näht mir doch keine Knöpfe an meine Hemden.“ 0. 1 * * 00 N 2 * WWW GGG 104.. Nagisches Cuaòrat. Die nachfolgenden Buchstaben: K E E 6 6 1 1X XK I s 8 sind so zu ordnen, daß sie von links nach rechts und von oben nach unten gelesen, in den korrespondirenden Reihen gleiche Wörter bilden. Die vier Reihen ergeben folgende Woͤrter: J. Einen 8 05 Regierungs-Erlaß. 2. Ein Metall. 3. Eine Wasserpflanze. 4. Einen Nebenfluß des Rhein. Eitaten⸗RNäthsel. Aus jedem der folgenden zwölf Citate ist ein Wort zu wählen; die zwölf erhaltenen Wörter bilden ein Citat aus Lavaters Werken. Achtung verdient, wer erfüllt, was er vermag. v. Meyern. Der Charakter des Menschen sitzt nicht im Verstande, sondern im Herzen. F. J. Jakobi. Wer sich kennt, kann sicher vor- und rückwärts gehen. Goethe. Es irrt der Mensch so lang er strebt. Goethe. Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen, ein Werdender wird immer 2* sein. Goethe. O! nimm' der Stunde wahr, eh' sie entschlüpft; so selten kommt der Augenblick im Leben, der wahrhaft wichtig ist und groß. Schiller. Es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken. Schiller. Verschiebe nie einen guten Vorsatz, weil die Augenblicke des Lebens nicht in deiner Willkür stehen. Ernst ist das Leben, heiter die Kunst. Schiller. Lern' von der Erde, die du bauest, die Geduld: der Pflug zerreißt ihr Herz und sie vergilt's mit Huld. Rückert Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erloͤsen. Goethe. So hochgestellt ist Keiner auf der Erde, daß ich mich selber neben ihm verachte. Dreisilbige Ehaxade. Die erste Silbe dringt in's Ohr hinein, Doch sollte dies unmöglich sein, Und solltest du mich garnicht kennen, Dann, Armer! bist du taub zu nennen. Die beiden Andern, sie erhöhen dich. Das Ganze aber sicherlich, Ist noͤthig, willst du das erlernen, Was uns erhebt oft zu den Sternen, Was unser Ohr so sehr entzückt, Und manchen mit hohem Lohn beglückt. Das Ganze ist zwar schrecklich trocken, Vermag uns eben nicht zu locken. Doch wer es einmal gründlich kennt, Kann Geld und Ruhm damit erwerben, Hat nämlich er dabei Talent, So daß die Welt nach seinem Sterben, Mit Achtung seinen Namen nennt. Aufloͤsung der zweisilbigen Charade in voriger Nummer: Thierkreis:— des Rathsels: Streusand;— des geographischen Silbenrathsels: Van Beethoven— Alte Fritz, der. 1. Valencia. 2. Appenzell. 3. Neuen⸗ stadt. 4. Bayonne. 5. Ebersdorf. 6. Eschweiler. 7. Termini. 8. Helm⸗ stedt. 9. Oschatz. 10. Visegrad. 11. Eschwege. 12. Nischabur;— des Roͤsselsprungs: O, welche schoͤne fromme Sitte, Ist es, zu reden, Herr, von dir! Da bist du selbst in unsrer Mitte, Bist unter uns, das fühlen wir. Es ist dann ganz ein and'res Wesen, Wir sind so brüderlich gesinnt, Und koͤnnen's uns im Auge lesen, Mit wem wir hier beisammen sind! Da fühlt man deines Geistes Wehen, Und wie er sich zu uns bekennt; Das ist ein segnendes Gestehen, Auch wenn man sich in Demuth beugen Und vielfach sich verklagen muß; Man spürt des unsichtbaren Zeugen Erquickend milden Frühlingsgruß. Spitta. Schach. Problem Nr. 497 von Dr. F. Hofmann in München. Schwarz 8 f . A 5 , e 3 . E Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge Matt. Die böhmische Problemsammlung. Haben bisher in der Schachpresse die Urtheile über die böhmische Problemsammlung meist auf einen lobenden Hinweis auf 1 5 werthvolle Bereicherung der Schach literatur schränkt, so dürfte für die Problemfreunde die eingehendere Besprechung, welche dem Werke und zugleich der böhmischen Problemschule in den — 2—— euesten Münchener Nachrichten? von einem der hervorragendsten Problemtenner und Komponisten, Dr. A. Bayersdorfer in München zu Theil geworden sst. von besonderem Interesse sein, weshalb wir uns g. den erwähnten Artikel nachstehend unverkürzt wiederzugeben: 5 „Noch bei keinem Volke, das Problemkomponisten hervorbringt, hat sich so deutlich der Begriff und Charakter einer Schule herausgebildet als bei den Böhmen. Spricht schon ihre außerordentliche Produktivität für einen gewissen 2 Sache, so ist es dauptsächlich die Gleichartigkeit ihrer Veranlagung. die schulbildend wirkt. Aus der Hochfluth böhmischer Auf⸗ gaben, welche seit zwanzig Jahren durch die Schachzeitungen sich ergoß und noch ergießt. hat nun der Schachklub in Prag unter dem Titel Ceske Ulohy Sachove“ eine gelungene Aus- wahl von 320 Stücken herausgegeben, welche sich auf vierzig Autoren verthellen. Die Samm⸗ lung gestattet einen bequemen Ueberblick über die böhmische Problemproduktion und erleichtert 1 das Urtheil über deren ausgesprochenen Schulcharatter Boll Talent und Geschmack hat der 9 böhmische Komponist mehr—.— am technischen scalkül als Lust und Kraft zur— 1 geht er bei seiner Arbeit mehr mechanisirend als dichtend vor und siebt mehr auf Elega⸗ auf Tiefe. Dieser ausgesprochene Sinn für die gelungene Form tritt Einem 1 0 Seite des Aufgabenbuches entgegen, und es ist kleinem Zweifel unterworfen, daß die hafte— auf der schönen Form von wesentlichem Einfluß auf die A 9 des deutschen Problemgeschmackes in den letzten Jahrzehnten gewesen ist Nächst dem Streben. nach äußerer Formpollendung mag es die Raceneinheit sein, die als durchgehender Zug an der böhmischen Schachproduktion auffällt. Die große Familienähnlichkeit der un 5 e Aufgaben ist übrigens keine vereinzelte, nur im Gebiete des Schachspiels au 1 Erscheinung, vielmehr ein allgemeiner Zug, der sich in jeglicher flavischer Kunstprodultion wiederholt. Das Talent wurzelt breit und sicher im nationalen Typus und nur f 5 der Persönlichkeit. Selbst bei den bedeutendsten der böhmischen Problemdichter, wie Dobrus ty, Chocholous, Pospisil, Kondelit. deren Eigenart man wohl unterscheiden lann, über⸗ iegt der Schulcharakter meist die individuelle Leistung. Der Deutsche ist dagegen 1 selbstständiger geartet, die Klett. Berger,. Schrüfer u A. sind jeder seine Schule N uch wollen sie mehr nachdrückliche Erfinder als glänzende Konstrukteure sein. Herr Pospisil 12 dem Buche eine recht einfache und verständliche Problem Poetik beigegeben, welche ür die ästhetische Begriffsanalyse ohne Belang ist. Sie stellt eine Anzahl praklischer rungen und Regeln auf, welche im Grunde genommen allzusehr der heimischen Produktson 5 vom veibe geschnitten 1 Ein Meister wie S. Loyd würde unter diesen funstgese iem lich 5 schlecht wegkommen. In der gesammten Problemproduktion— nicht nur in der böhmischen 5 tritt das Zurüdkonstruiren vom vorletzten Zuge aus, dem Zuge, der die 8 Matt bilder besorgt, als eine Art von Erbübel auf, ohne das nun einmal wenige nale werden: die Böhmen aber schwelgen förmlich in diesem Prinzip der zweizügigen Unterlage. und man konnte die Entstehung der ganzen böhmischen Problemschule aus ihrem au 1 ordentlichen Sinn für den 5 und die mit ihm verbundenen stonstruttion 1 erklären. Hier liegt auch ihre kritische Lowäcke Trotz Vospisil's Aesthetit wird das tig für jegliche Kunst geltende Gesetz daß ein Wert die Bedingung seines äußeren Umfangs in f felbst tragen müsse, von den Böhmen nicht überall eingehalten, und auch in die wob 7 Sammlung sind noch einige Aufgaben gerathen, welche man anderswo nicht als Dreizüg passixen lassen und für gestreckte Zweizüger ansehen würde. Doch es sind nicht viele der Kritik. Wir möchten das Buch den ernsten Problemfreunden sehr empfehlen. Wenn a die Gleichartigkeit der Aufgaben etwas Ermudendes hat, ein Uebelstand, der ja auch Problemsammlung eines einzelnen Meisters naturgemäß anhängt, so wird doch die zel Umschau unter diesen elegansen Stücen dem Leser ein außerordentliches Vergnügen gewäh Es befinden sich unter diesen Aufgaben viele von idealer Vollkommenheit, und wir können nicht versagen, ein paar der minder bekannt gewordenen hier in Erinnerung drin Nr. 42. Weiß: Kos. Tas, Lg 7, Sed, Bb5, 15; Schwarz: Ke 7, Sag, Hb, 5 Matt in Zügen von J. Drtina. Ferner Nr. 223. Weiß: Kd. De 7. La5, Sb, da; Schwarz: hl. Sad. a8. Bes, ed, g7. Matt in vier Zügen von J. Dobrus ty, dem unübertrof Meister der Konstruktion. Auch A. König's mochten wir— dessen descheldene. großem Schönheitsgefuhle getragene Aufgaben seinerzeit die bildeten, aus der döhmische Problemschule entwickelte. Hier ein Beispiel: Nr. 105. Bei K 5. De7. IAA. ag Schwarz: K45, Lbd. Bes, dd, h Matt in drei Zügen. Seine erssien Stüche komponirte Roni Anfang der sechziger Jahre in München. und wer will kann demnach die Anfänge der böhmt⸗ schen Problemschule nach München verlegen.“ 5 — Briefwechsel. . N. h. und B. 1 bus. Wi be ge. in Th. un in putbus ir ersuchen um Anga. Adresse, ohne welche eine direkte Beanfwortung Ihrer Zuschriften nicht mögl. . N. in B. Nr. 400 ist nicht durch 1) DEAf zu lösen, nach 2 Sad, Springer. e Dr. B. in N. i la ins 25 letzte Lösung scellert an. nr D. in Ahlten und H. W. in Dresden. Der* richtigen L zu Nr. 489 bis einschließlich 468 dann Ihnen cest hier nachträglich aug werden. Druck und Verlag der„Volts-Zeuung“, Akt.⸗Ges in Berli, Lüzowstr. 108.— Betantwotuicher Redakteur: N. Elche in Berlin, vützowstc. 105.