Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Beilage zu den Ourrhessischen Nachrichten. Ur. 39. Gießen, den 23. September. Sanft wie die Tauben. Erzählung von Leonore Werth. (Fortsetzung.) M. Mit gesenktem Köpfchen saß das Töchterlein des Lindenwirthes am Fenster ihres zierlichen Salons und hing ihren Gedanken nach. Das hübsche Mädchen fühlte sich gedemüthigt und gekränkt, obwohl keiner ihr ein hartes Wort gesagt hatte; doch hatten die tadelnden Mienen der Andern beredter gesprochen, als Worte dies vermocht hätten. Wer sie am meisten verletzt hatte, war Gisbert selbst gewesen, der ihr gegenüber einen gutmüthig be⸗ lehrenden Ton angenommen, und das bereits angeregte Stunden⸗ nehmen nun auch noch auf weitere Fächer auszudehnen wünschte, als wie nur auf die Musik. Ein bitteres Lächeln zuckte um den kleinen Mund;— als seine zukünftige Gattin hatte sie nach X. zu kommen geglaubt, nicht als ein Schulmädchen, das es sich gefallen lassen muß, von allen Seiten korrigirt zu werden. Dabei war sie klug und unbefangen genug, um einzusehen, daß sie nicht auf derselben Bildungsstufe stehe, wie— zum Beispiel— Gisberts Schwestern. Sie fühlte selbst, daß ihr noch manches fehle, um mit der sichern Eleganz auftreten zu können, wie diese jungen Damen; doch zweifelte sie nicht, daß sie sich dies im Verkehr mit der vornehmen Welt gewiß rasch werde aneignen können. Hatte doch Gisbert ehemals ihren natürlichen Takt, ihre Anmuth, ihr munteres Geplauder nicht genug zu rühmen gewußt! Und jetzt wollte er sie wohl noch einmal auf die Schul— bank zwingen,„um die eine oder andere Wissenslücke auszufüllen,“ wie er lächelnd bemerkt hatte. O, wie Käthens ganzer Stolz sich aufbäumte, wenn sie an dies leise Lächeln und zugleich an den höhnischen Blick dachte, welchen Edith ihr darauf zugeworfen! Der Trotz in ihr wallte auf, und ein plötzliches Heimweh nach dem Vater, der sie seinen Stolz und seinen Augentrost genannt, nach dem treuen Freunde, dem sie immer recht gewesen so wie sie war, drängte ihr die Thränen in die Augen. Aber sie wollte nicht weinen, nein, sie wollte ihnen heute noch zeigen, daß sie sein könnte wie die andern Damen auch— mit heftiger Bewegung warf sie den dunkeln Lockenkopf in den Nacken, so daß das im Zimmer be— schäftigte Stubenmädchen, dem ihre Bedienung oblag, und mit welchem sie sich aus innerstem Herzensbedürfnisse wohl gerne auf ein Plauderstündchen einließ, fragend nach ihr hinsah. „Fräulein haben sich gestern Abend wohl nicht gut unter⸗ halten?“ fragte das an stete Beobachtungen gewöhnte Mädchen theilnehmend.„Fräulein sieht heute Morgen garnicht so gut aus wie sonst. Schade um die schönen, frischen Farben!“ „Ach, das hat nicht viel zu sagen und wird auch schon wieder vorübergehen,“ gab Käthe mit einem leisen Seufzer zur Ant⸗ wort—„ich habe mich gestern Abend allerdings nicht besonders amüsirt, aber sehr, sehr schön war es doch im Theater. Sagen Sie doch, Lina, waren Sie auch schon einmal dort?“ wandte sie sich mit erwachendem Interesse an das Mädchen. „O, das will ich meinen, letzten Winter bin ich fast jeden Sonntag Abend dort gewesen mit meinem Schatz— der ist nämlich hier bei den Dragonern,“— fuhr Lina redselig fort. „Mein Wilhelm ist Bursch bei dem Herrn Leutnant von Minkwitz, der unserm Fräulein so die Kur macht. O, und was der, ich mein' mein Wilhelm, es gut hat bei sein'm gnäd'gen Herrn Leutnant!— Garnicht ein bischen bös is er, und so ein frei— gebiger Herr! Mit dem wird das Fräulein Edith auch nicht übel fahren! Und wenn der Wilhelm vom Militär frei kommt, über— nimmt er sein'm alten Vater sei' Wirthschaft und dann machen wir Hochzeit, denn ich hab' nun auch'nen netten Stüber zu⸗ sammengespart in den vier Jahren, die ich nun schon hier im Haus bin.“ Lina hatte ihrer Zunge ungehindert die Zügel schießen lassen und in ihrem Jargon geplaudert, etwas das sie ihren jungen Damen gegenüber nie gewagt haben würde, was sie jedoch glaubte, sich hier erlauben zu dürfen. g Käthe hatte der Vertraulichkeit denn auch nicht weiter acht; ihr war bei Erwähnung des Leutnants helle Gluth in's Gesicht gestiegen, und wie das Mädchen nun schwieg, fragte sie plötzlich und unvermittelt: „Wenn Sie so oft in's Theater gehen, Lina, dann kennen Sie gewiß auch die Herrn Klassiker, und können mir sagen, was es für eine Bewandtniß hat mit ihnen, und ob die hier so sehr berühmt sind, daß alle Welt sie kennen muß?“ „Klassiker— eh nein, den Namen kenne ich garnicht— Sie meinen vielleicht Klassens— das ist ein Schauspieler hier, der immer die lustigen Rollen spielt, man muß schon immer lachen, wenn er nur auf die Bühne kommt, so komisch sieht er aus.“ „Lachen— dann ist das wohl erlaubt—“ meinte Käthe, die Lippe trotzig aufwerfend,„sagen Sie, Lina, ist es etwas sehr Arges, wenn man im Theater einmal weint?“ „Was Arges? J nun, gnäd'ges Fräulein, was Sie aber auch allerlei fragen! Warum soll man denn nicht weinen dürfen, wenn einem schon danach zu Muthe ist? Vor vierzehn Tagen noch, da wurde mal so was Schönes, Rührendes gespielt— na, ich weiß nicht mehr wie es hieß, aber„er“ sollte todt geschossen werden und„sie“ raufte sich das Haar aus und jammerte, daß es einen Stein hätte erbarmen sollen; auf dem ganzen Olymp hatte alles die Taschentücher an den Augen. War es denn gestern auch so sehr traurig?“ „O, so schrecklich traurig!“ seufzte Käthe noch in der Rück⸗ 00 d 2306 N erinnerung—„aber ich glaube, es war— es war Frau Volkmar und Herrn Gisbert wohl nicht recht, daß ich so geweint, doch,“ schloß sie zaghaft,„ich konnte mir nun einmal nicht helfen.“ Ein verständnißvolles Lächeln zuckte um den Mund des Stubenmädchens; sie hatte längst bemerkt, wie die Sachen zwischen Gisbert und der jungen Fremden lagen, und sie hatte auch lange genug in einem herrschaftlichen Hause gedient, um Unterscheidungen machen zu können. Sehr gut würde das Bürgermädchen es schon nicht haben neben der stolzen Edith! „Ei Fräuleinchen, das haben Sie sich so zu Herzen genommen, daß Sie heute noch trüb und blaß davon aussehen! Sehen Sie, daraus würd' ich mir nun schon garnichts machen, und ich würde meinem Wilhelm schon was anderes sagen, wenn er daherkäm' und wollt' mir's Weinen oder Lachen verbieten. Freilich,“ lenkte die im Eifer zu weit Gegangene ein wenig verlegen ein,„das ist bei den vornehmen Herrschaften ja alles ganz anders, da hat unsereins keinen Verstand davon. Die haben sich oft so wunderlich und reden so schön und so fein, aber ob sie sich so von Herzen lieb haben wie wir geringe Leut', das ist doch noch die Frag'.“ „Das ist doch noch die Frag'!“ hallte es in Käthens Innerm wieder, als sie sich eine Stunde später in ihrem besten Putze in den Salon verfügte, da man ja heute Gäste erwartete. Sie hatte auf Linas Anrathen noch ein wenig geruht, ein Glas Portwein und das von Lina servirte Sardellenschnittchen hatten ihre Lebensgeister wieder angeregt, und wie sie jetzt in den Salon trat, war ihrem schönen Gesichte weder Unwohlsein noch Mißstimmung mehr anzusehen. Sie sah in der That allerliebst aus, wenn auch nicht ganz den Anforderungen der Tagesmode entsprechend, welche sich ja oft nur in schwer zu erfassenden Einzelheiten kund giebt. Gisbert, der seine Angebetete an diesem Tage noch nicht gesehen, sonnte sich in ihrer frischen Schönheit, und selbst Frau Volkmar konnte sich bei ihrem Anblicke eines beifälligen Lächelns nicht enthalten. In diesem Augenblicke hatte das schlichte Dorfmädchen das volle Bewußtsein seiner Schönheit; Käthe hatte durch ihr Aeußeres siegen wollen nach der gestrigen Niederlage, und sie that es auch; trotzdem war ihr weher ums Herz, als man bei so strahlenden Augen und lächelndem Munde füglich hätte vermuthen können. Was war es denn nur, was sie plötzlich das Glück ihrer Zukunft an Gisberts Seite, die Pracht ihrer Umgebung, das ganze Treiben um sie her, in so ganz anderm Lichte erblicken ließ? Gisbert liebte sie, daran war kein Zweifel, und doch konnte sie den Ausdruck nicht vergessen, der gestern Abend in diesen selben Augen gelegen, mit denen er sie jetzt so entzückt betrachtete. Konnte das denn die rechte wahre Liebe sein, die da so viel nach der guten Meinung der Andern fragte— und hatte sie ihn so lieb, daß sie seinetwegen——“ Erschreckt fuhr sie zusammen: eine Hand hatte sich auf ihren Arm gelegt, und die stets liebenswürdige Elisabeth redete sie scherzend auf ihr Zerstreutsein an und suchte sie mit in die all— gemeine Unterhaltung zu ziehen. Zugleich aber meldete der Diener die ersten Gäste, einen ältern Verwandten der Hausfrau mit seiner bessern Hälfte, einer muntern, gemüthlich aussehenden Dame, die an Gesprächigkeit ihrem jovialen Eheherrn nichts nachgab. Allmählich fanden sich auch die übrigen Eingeladenen zusammen, unter denen natürlich auch der Lieutnant von Minkwitz und Adrian von Kemper nicht fehlten. Ersterer, welcher bei Tische seinen Platz neben der ältesten Tochter des Hauses hatte, schien heute durch irgend etwas geistig in Anspruch genommen, denn mehrfach geschah das Unerhörte, daß er eine Bemerkung seiner Nachbarin gänzlich überhörte, er, der sonst stets an ihren Blicken gehangen. Auf Ediths hoher weißer Stirn lagerte denn auch eine recht finstere Wolke; sie wußte genau, was diesem ihrem bevorzugten Bewerber heute so viel zu denken gab, daß es seine Unterhaltung mit ihr beeinträchtigte. Oskar von Minkwitz beobachtete unausgesetzt die räthselhafte, junge Fremde, welche vermöge ihrer lieblichen Schönheit auch einem Fürstenhofe zur Zierde gereicht haben würde, und welche doch so wenig in diesen Kreis zu passen schien, der sich doch aus zum größten Theile bürgerlichen Elementen zusammensetzte. Freilich aus solchen, in denen solider Reichthum, gediegene Bildung, innere Zusammen— gehörigkeit und äußere Machtstellung sich schon seit Generationen vom Vater auf den Sohn vererbt hatten und welche nicht blos selbst sich dem Adel vollkommen gleich schätzten, sondern von diesem auch als gleich gestellt betrachtet wurden. Was aber bedeutete jenes, wenn auch noch so schöne, in diesen Kreis nicht hineinpassende Mädchen, über dessen Herkunft ein gewisses Dunkel schwebte und dessen Anwesenheit in diesem Hause schon zu mancherlei Bemerkungen Veranlassung gegeben? Sollte diese kleinbürgerliche Erscheinung wirklich berufen sein, einst den Ehren⸗ platz an eben dieser Tafel einzunehmen? Dann— ein bedauernder Blick streifte das schöne, vor innerer Erregung geröthete Antlitz seiner Nachbarin— dann freilich würde für ihn hier kein Platz mehr sein. Verwandt sein mit Gevatter Krämer und Handschuh⸗ macher— brrr! Das war mehr als ihm füglich zugemuthet werden konnte. Und eben jetzt— ein spöttischer Blick flog zu dem armen Kinde hinüber und von diesem wieder zu Gisbert — da saß dies Mädchen aus der Fremde und mühte sich in äußerster Verlegenheit ab, ein auf ihrem Teller befindliches Stück Hummer mitsamt der appetitlich rothen Schale in kleine, mund⸗ gerechte Stücke zu zerlegen;— die Mavyonnaise hatte sie gleich über das Ganze gegossen. Auf Gisberts Stirne perlten helle Tropfen. Hätte er nur wenigstens neben Käthe gesessen, daß er ihr ein verstohlenes Wort hätte zuflüstern können, doch Frau Volkmar hatte die heimlich Verlobten wohlweislich getrennt. Käthe hatte ihren Platz zwischen einem noch sehr jugendlichen Neffen Frau Volkmars und dem bereits erwähnten, jovialen, ältern Herrn angewiesen erhalten, und wenn Letzerer auch mit lächelndem Staunen die fruchtlosen Bemühungen des hübschen Kindes bemerkt hatte, fühlte er sich doch nicht berufen, der jungen Dame Unterricht im Hummeressen zu geben. Inzwischen war Käthe aber selbst auf die vernünftige Idee verfallen, bei ihren Tischnachbarn in die Lehre zu gehen; ein verstohlener Blick nach rechts und links, dann handhabte sie das ihr noch fremde Gericht in der Weise wie die Andern dies thaten, vorher aber fing sie noch einen überaus unmuthigen Blick Gisberts auf, in dessen Zügen deutlich die Pein zu lesen war, welche ihre Ungeschicklichkeit ihm verursachte. War es denn ihre Schuld, daß, in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, ihr die Ma⸗ nieren der eleganten Welt und so vieles, was damit zusammen⸗ hing, fremd geblieben war? Hatte Gisbert sie nicht in ihres Vaters Hause gekannt, bevor er sie hierher gebracht! Der leise Groll, der schon seit den letzten Tagen immerfort in ihr gegährt, wallte höher auf und zugleich auch ein anderes Gefühl, dem sie keinen Namen zu geben vermochte, und das doch ihr Herz mit eigenthümlich beklemmender Freude erfüllte. Was war es doch nur, das ihr jetzt trotz Aerger und Beschämung dies Gefühl geborgener Sicherheit, tief innern Friedens verlieh, daß sie mit lächelndem Munde der Aufforderung ihres jevialen Nachbars nachkam und ihm in feurigem Rheinweine Bescheid that!? „Sie sind fremd in hiesiger Stadt, Fräulein Steffens! Darf man sich erkundigen, wo Ihre Wiege gestanden?“ versuchte der würdige Justizrath zwischen Hummer und Fasanenbraten ein Gespräch anzuknüpfen. „O, die stand, oder sie steht vielmehr noch in der Boden- kammer unseres Hauses, aus dessen Fenstern man gerade auf den Rhein blickt,“ versetzte Käthe munter.„Aber jetzt liegen alle meine Puppen und meine übrigen Spielsachen darin, womit Papa und Heinrich mich immer so freigebig beschenkt.“ l „Heinrich— das ist dann wohl ein älterer Bruder?“ in⸗ quirirte der alte Herr weiter.. „O bewahre!“ lachte Käthe auf,„einen Bruder habe ich garnicht, Heinrich ist nur ein guter, lieber Freund, dessen Gut nicht weit vom Lindenhause abliegt, wo mein Vater wohnt.“ „Und das Lindenhaus liegt also am Rheine— bei—* „Bei B.“ nickte Käthe zutraulich,„es heißt so wegen der schönen Linde, welche vor der Thüre steht und in deren Schalten die Gäste am liebsten zu sitzen pflegen.“ „Hm“— machte ihr Nachbar bedächtig— er wußte nun genau, woran er in Bezug auf das schöne Mädchen war— „hm, eine recht interessante Stadt, dieses B. Bin leider nur flüchtig dort gewesen, hat mir aber außerordentlich gefallen. Ei, da werden Sie die Söhne der alma mater wohl häufig genug im Lindenhause gehabt haben!“ fuhr er mit einem Seitenblick auf Gisbert neckisch fort. — — — — R eee 2307 * 8 „Alma Mater!— nicht doch, die Dame ist mir ganz un⸗ bekannt, ebenso, wie ihre Herren Söhne,“ gab Käthe kopfschüttelnd und mit köstlicher Naivetät zurück. Der gute Justizrath aber hatte plötzlich einen Erstickungs⸗ anfall und mußte ein paar Gläser Wein rasch nacheinander trinken, bevor er den Krampf überwunden. Käthen stieg indessen die Ahnung auf, daß sie sich wohl eine neue Blöße gegeben, und um den Eindruck zu verwischen, redete sie hastig und ohne Wahl weiter. Dazu der ungewohnt feurige Wein— ihr ward ganz sonderbar zu Muthe. „Ich meinte vorhin nur, daß die Herren Studiosen gewiß viel im Lindenhause verkehren,“ erläuterte der lustige Justizrath, sobald er einigermaßen seine Fassung wiedergewonnen. „Ei wohl, das will ich meinen! Im Sommer vergeht kein Tag, wo wir nicht welche von den Herren dort hätten! Sogar zu Paukereien sind sie schon zu uns heraus gekommen— o, das ist zu komisch, wie sie den Pedell immer irre zu führen suchen! Und was sie für Extremitäten machen und welche Schwänke sie ersinnen, das ist nun rein zum Todtlachen!“ Arme Käthe, wäre sie nicht gar so verwirrt und aufgeregt gewesen, so wäre ihr letzterer lapsus jedenfalls nicht entschlüpft. Sie hatte Extravaganzen sagen wollen, aber in ihrer augenblick— lichen Verfassung sprudelte sie die Worte nur so heraus, ohne dieselben auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Der joviale Justizrath amüsirte sich köstlich, und Käthe selbst gerieth in eine so angeregte Stimmung, daß die Nähersitzenden und zuletzt wohl die gesammte Tischgesellschaft aufmerksam wurde auf das eigenthümlich frei sich benehmende Mädchen, dessen silberhelles, nur etwas überlautes Lachen bei jedem Scherze ihres Tischnachbarn die übrige Unter⸗ haltung übertönte. Gisbert war auf das Peinlichste berührt; zwar hatte er nicht gehört, was es gewesen, das den Justizrath plötzlich so heiter ge— stimmt, aber er zweifelte nicht, daß Käthe, dem unbefangenen Naturkinde, wieder irgend eine Ungeheuerlichkeit entschlüpft sei, die ihr Nachbar gewiß nicht verfehlen würde, morgen als neuestes Bonmot weiter zu tragen. Hätte er seiner Braut nur ein paar Worte zuraunen dürfen! Aber das ging nicht an, und so suchte er denn, sie im Banne seiner Augen zu halten. Wirklich übte sein starr auf sie gehefteter Blick gar bald eine magische Gewalt aus; Käthe wandte den Kopf nach ihm hin und begegnete dem zugleich bittenden und warnenden Blicke seiner Augen. Doch sie sah nur den Tadel, die peinliche Verlegenheit, nicht die zärtlichen Blicke, und dunkel erglühend wandte sie den Kopf zur Seite, während Thränen des Zornes und der Scham ihre Lider netzten. Inzwischen hatte die Hausfrau den Stuhl gerückt, die Ge— sellschaft begab sich in den anstoßenden kleinen Salon, wo Kaffee herumgereicht wurde, und wo die jungen Mädchen sofort den Flügel in Beschlag nahmen. Gisbert, welcher sich von seiner Tischnachbarin verabschiedet, zögerte nicht, sich Käthen zuzugesellen, deren laute Heiterkeit plötzlich einer großen Niedergeschlagenheit gewichen war. Ihm that es in der Seele weh, das naiv heitere Kind nun mit diesem bekümmerten Zuge um den Mund zu erblicken, und doch vermochte er den peinlichen Eindruck nicht abzuschütteln, den das in diesen Räumen ungewohnte unfeine Lachen seines bisherigen Ideals ihm vorhin erregt hatte. Er mochte es sich selbst nicht zugestehen, welcher Gedanke dabei flüchtig bei ihm aufgetaucht war und den er als seiner unwürdig von sich ge— wiesen hatte— aber so ganz Unrecht hatte seine welterfahrene Mutter doch nicht gehabt, als sie ihm gesagt, er ahne in seiner blinden Verliebtheit gar nicht, welch' tiefe Kluft zwischen dem kleinen Dorfmädchen und ihm, dem verwöhnten Patriziersohne und ihrer beiderseitigen Lebensauffassung sich aufthäte. Aber, tröstete er sich selbst, Käthe war doch noch so jung und bildungs— fähig; der Kern ihres Wesens war ja ein guter, edler, da be— durfte es gewiß nur kurzer Zeit, um diese von der Natur so reich ausgestattete Menschenblume in höhere Bahnen zu lenken und ihr auch jenen äußern Schliff zu geben, welcher ihr naturgemäß noch mangelte. Als er daraufhin mit freundlichen Worten auf sein Bräutchen zutrat, fand er dieses jedoch wenig geneigt, sich auf einen Aus⸗ I tausch zärtlicher Gefühle einzulassen. Käthe war verwirrt und gedemüthigt; sie fühlte sich vernachlässigt und gekränkt von ihm und von dieser ganzen hochmüthigen Gesellschaft, welche auf sie herabsah wie auf einen Eindringling. „Die Menge fremder Gesichter hat wohl beänstigend auf unser Heideblümchen gewirkt?“ meinte Gisbert mitleidig mit einem be— wundernden Blicke in des Mädchens schönes, erglühendes Antlitz. „Man hat Unrecht gethan, Ihnen gerade den Justizrath zum Nachbar zu geben— er ist ohnehin vielfach indiskret. Arme Käthe, ich wäre Ihnen so gerne zu Hilfe gekommen, aber ich konnte dies von meinem Platze aus nicht, und dann auch, je eher Sie sich hier einleben, je besser und angenehmer wird dies für Sie sein. Wenn Sie wüßten, wie sehr ich das Ende dieser Prüfungszeit herbeisehne, Sie würden gewiß mit mir bestrebt sein, alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen, welche sich unserer Verbindung noch entgegensetzen.“ Bei den letzten eindringlich gesprochenen Worten hatte sich Käthens Kopf noch tiefer auf ihre Brust herabgesenkt— in den am Boden haftenden Augen aber spiegelte sich ein Ausdruck hilf— losen Erschreckens. Unwillkürlich preßte sie die kleine Hand fest auf das laut pochende Herz. „O, ich,— ich fürchte, ich werde es nie verstehen, so zu sein, zu reden und mich zu geben, wie die Damen, welche ich hier sehe,“ stammelte sie verwirrt,„ich— ich glaube— ich weiß nicht—“ Sie verstummte; was sie wohl hätte sagen wollen, wenn es ihr selbst recht klar gewesen wäre, das vermochte sie nicht in Worte zu fassen. Gisbert aber, der ihre Erregung mißverstand, suchte sie über ihre vermeintliche Besorgniß zu beruhigen. „Nicht doch, Käthchen, Sie wissen ja, daß ich Ihren reinen Sinn, Ihre anmuthvolle Ursprünglichkeit weit höher schätze, als den Salonfirniß dieser eleganten Damen und daß es mich bitter kränkt, wenn Sie scheinbar vor diesen zurücktreten müssen. Das aber darf Sie nicht entmuthigen— was Ihnen noch mangelt, das läßt sich binnen kurzer Zeit erwerben, und dann soll Sie kein spöttisches Lächeln mehr verletzen; Sie werden sich wohl und sicher fühlen unter uns.“ Die anscheinend sehr vertrauliche Unterhaltung der Liebenden wurde von Edith unterbrochen, welche, einem bedeutsamen Winke der Mutter folgend, die Gruppe am Flügel verließ, um sich dem abgesonderten Paare zuzugesellen.„Wenn ich nicht irre, äußerten Sie kürzlich, daß Sie musikalisch seien, Fräulein Käthchen,“ be— gann sie mit erzwungener Freundlichkeit.„Erfreuen Sie uns nun durch eine Probe Ihres Talentes— bitte, tragen Sie etwas vor.“ Und die verlegene Abwehr der Ueberraschten so wenig be— achtend wie die Einreden Gisberts, der in dieser Aufforderung eine neue Arglist der seiner Liebe ungünstig gesinnten Schwester errieth, zog Edith die Widerstrebende in den musikbegeisterten Kreis. f Ob sie Chopin oder Schubert den Vorzug gebe,— ob sie eine Sonate von Beethoven vorzutragen wünsche, oder vielleicht etwas von Mendelssohn—? drang es von allen Seiten auf sie ein. Käthen flimmerte es vor den Augen; wiederholt versicherte sie, daß sie überhaupt nur ein paar einfache Musikstücke zu spielen verstehe— ihre Versicherungen wurden theils überhört, theils als übertriebene Bescheidenheit scherzend zurückgewiesen, und bevor sie noch recht wußte wie ihr geschah, saß sie am Instrumente und hatte einen Stoß Noten vor sich, aus welchen sie ihre Wahl treffen sollte. In stummer Verzweiflung ließ sie Heft um Heft durch ihre Finger gleiten— lauter ihr unbekannte Sachen von Tondichtern, welche sie nicht einmal dem Namen nach kannte. Da— schon wollte sie die Noten aus der Hand legen,— fand sich doch etwas Bekanntes, und sogar ihr ehemaliges bestes Paradepferd —„l Bagci“. Mit dem Muthe der Verzweiflung legte sie das Heft auf und begann,— unsicher, fehl greifend, bei jedem Triller stockend. Die Noten tanzten ihr vor den Augen, es war zum Erbarmen. Doch mitten in dieser traurigen Leistung, deren Effekt durch eine momentan eingetretene Stille nur noch verstärkt wurde, hielt unser Naturkind die ihm aufgezwungene Lage nicht mehr aus. Mit einem lauten Schluchzen sprang sie heftig auf, daß das . FFET1CVC0CCCCCCCC rc rr ö s 1 4 4 4 f 1 308 Notenbuch zur Erde polterte und die Umstehenden erschreckt aus⸗ einander fuhren. Ohne aufzublicken flüchtete sie aus dem Zimmer, in dem beschämenden Bewußtsein, sich in jeder Beziehung lächerlich gemacht zu haben. Mit fliegendem Athem stürmte sie die Treppe hinauf, an der bestürzt zurückweichenden Lina vorüber in ihren kleinen Salon, dessen Thüre sie doppelt hinter sich verriegelte. Laut weinend ließ sie sich auf das zierliche Ruhebett fallen— o, wie sie sich unglücklich, gedemüthigt, verlassen fühlte unter all' diesen hochmüthig oder spöttisch auf sie herabblickenden Leuten, deren Denken und Fühlen, deren Sprache und deren Manieren von den ihren so grundverschieden waren. Gisbert— er mochte es wohl gut gemeint haben und sie hatte ihn auch gerne leiden mögen; dennoch überwog der Zorn jedes wärmere Gefühl für ihn in ihrem Herzen und was sie in den letzten Tagen wohl dunkel empfunden, was sie sich jedoch nie hatte eingestehen wollen, das stand mit einem Male fest und klar vor ihrer Seele.— Sie liebte Gisbert nicht, hatte ihn nie geliebt! Des Vaters Drängen, eigene Eitelkeit, und der Wunsch, reich, vornehm und gefeiert zu werden, hatten sie in dieses Haus geführt; nicht der unwiderstehliche Drang ihres Herzens.— O nein, ihr Herz—! Etwas Seltsames, Unbegreifliches kam über sie; sie hörte plötzlich auf zu weinen und blickte starren Auges durch das geöffnete Fenster in den sonnigen Nachmittag hinaus. Vor ihrem geistigen Auge aber erstand ein Bild, das mit dem gewaltigen Häusermeer nichts zu thun hatte. Grüne Wiesen und braune Aecker— ein mit lebender Hecke eingefriedigter, großer Obstgarten, wo eben jetzt die letzten überreifen Pflaumen welk an den Zweigen hingen und nur noch hie und da ein vergessener Apfel rothwangig aus dem Grase aufblickte. Hinter dem Obst⸗ garten ein freundliches Wohnhaus, an das sich Scheunen und Stallungen schlossen, und auf der grünen Holzbank unter dem mächtigen Nußbaume ein stattlicher, sonnengebräunter Mann mit braunem Vollbarte und, ach, so treuen, ehrlich blickenden Augen. Ein Schrei entfuhr Käthens Munde, und sie streckte beide Hände aus, als ob sie etwas Liebes erfassen und an sich ziehen wolle— dann schlug sie dieselben vor ihr erglühendes Gesicht. Der Schleier war ihr plötzlich von den Augen gefallen; sie wußte nun, wohin ihr Sehnen immer gestanden, was ihr gefehlt in der letzten Zeit und warum ihr Herz leer und unbefriedigt geblieben. O, und nun wußte sie auch, was an jenem Abende in Heinrichs Seele vorgegangen, als sie, in eitlem Triumph— gefühl, ihm von ihrer glänzenden Zukunft an Gisberts Seite erzählt, nun verstand sie Blick und Ton, mit dem er ihre Mit— theilungen entgegen genommen. Sie wußte es nun, daß Heinrich sie immer geliebt und sie ihn wieder, und daß Eines nicht glücklich werden könne ohne das Andere. Gott Lob, daß es noch nicht zu spät war, daß noch alles gut werden konnte! Nur mußte sie fort von hier, fort so schnell wie möglich— der Boden brannte ihr unter den Füßen. O, und nur jetzt keinem wieder begegnen müssen von all' denen, die ein Recht hatten, Erklärungen von ihr zu fordern, vor allem Gisbert, gegen den sie eine wirkliche Schuld auf sich geladen, wenn sie sich auch selbst nicht klar darüber gewesen, was sie ge— than. Fort wollte sie, noch in dieser Stunde fort. Da ließ sich ein leises Klopfen an der Thür vernehmen;— erschreckt fuhr sie empor, und nun pochte es lauter und Lina's Stimme bat um Einlaß. Erleichtert athmete Käthe auf— das Mädchen führte ein glücklicher Zufall her— schnell schloß sie die Thür auf. „Lina, Sie müssen mir helfen, wollen Sie?“ redete sie hastig auf das verdutzte Mädchen ein.—„Ich— ich— muß nämlich plötzlich abreisen, ich will den nächsten Zug benutzen und Sie sollen mir eilig eine Droschke besorgen. Meine Sachen können mir nachgeschickt werden— ich— ich möchte Niemanden stören — und will ein Briefchen zurücklassen, das Sie später wohl an Frau Volkmar geben.— Und hier, nehmen Sie,“ sie drückte der Ueberraschten ein Goldstück in die Hand,„wenn man Sie schelten sollte, so sagen Sie nur, wenn Sie mir keinen Wagen geholt hätten, würde ich zu Fuß gegangen sein, denn gehen „will und werde ich!“ Schon hatte sie Feder und Papier ergriffen und ohne sich nur Zeit zum Nachdenken zu gönnen, warf sie ein paar Worte der Entschuldigung hin, mit dem Versprechen, von ihres Vaters Hause aus sofort ausführlich die Gründe klarlegen zu wollen, welche sie zu dieser eiligen, heimlichen Abreise bewogen. Dann griff sie nach Mantel und Hut, ordnete etliche Kleinig⸗ keiten in ihre Handtasche und huschte, ängstlich um sich schauend, den Korridor entlang und die Treppe hinunter. Niemand be⸗ gegnete ihr und als sie unter dem großen Einfahrtsthore anlangte, fuhr auch eben die Droschke vor, welche Lina ihr in aller Eile von dem nächsten Halteplatz herbeigeholt. Und nun wollte doch eine Regung der Wehmuth die Flüchtige überkommen, da sie, schon im Wagen sitzend, dem mit theilnehmenden Blicken sie be⸗ trachtenden Mädchen zum Abschiede die Hand bot. So kurz erst war es her, daß sie ihren Fuß zuerst in jene Halle gesetzt, daraus sie jetzt heimlich entwich, und doch überwogen die Erfahrungen und Erlebnisse dieses kurzen Zeitraumes bei weitem die ihres ganzen früheren Lebens. Doch nur einen kurzen Moment; dann kehrte mit der Angst, noch im letzten Augenblicke zurückgehalten zu werden, auch ihre entschlossene Haltung zurück. „Leben Sie wohl, Lina, und haben Sie Dank für jede Freundlichkeit, die Sie mir erwiesen! Geben Sie, bitte, meinen Brief der Senatorin und grüßen Sie auch Fräulein Elisabeth noch vielmal von mir. Leben Sie wohl!“ Die Pferde zogen an, der Wagen rollte davon. Frau Volkmar durfte mit dem Erfolge ihres klugen Planes vollkommen zufrieden sein; hatte das kleine Bürgermädchen doch genau das gethan, was die stolze Patrizierin von ihm erhofft und erwartet: es hatte aus eignem Antriebe der Ehre einer Verbindung mit dem Erben des Volkmar'schen Namens und Reichthums entsagt. (Schluß folgt.) Nöschen's Vallabend. Von M. Lenz. „Nein, aber wie langsam Du heute bist, Röse!— Du brauchst ja eine wahre Ewigkeit, um mir das bischen Taille zuzunesteln!“ „Verzeih', Milla, die Oesen sind gar so klein, und dazu bin ich in steter Angst, daß die Nähte platzen möchten, wenn ich so rasch zusammenziehe.— Ob Du auch wirst athmen können in dem schrecklich engen Panzer, Milla?“ „Das lass' Du nur meine Sorge sein, Kind! Ein Wuchs wie der meinige erfordert zwar keiner künstlichen Nachhülfe, aber ein bischen geschnürt gehört trotzdem zur Sache! Zieh' nur tüchtig, ich werde den Athem anhalten und mich recht dünn machen!“ 1 „Die Ellenbogen noch etwas mehr zurück, bitte, liebe Milla!“ So, gottlob fertig!— Sie sitzt, gottlob, sie sitzt!“ f 1 Hebe einmal die Lampe hoch, damit ich besser sehen kann, öse!“ Die schöne Ludmilla Almens drehte sich vor dem Spiegel um und um, und was das Glas gehorsam zurückstrahlte, war eine tadellose Figur, umschlossen und umflossen von einer mit kostbaren Spitzen überrieselten Ballrobe von lichtgrüner Seide. Ja, sie saß, und wie saß sie, diese knappe Taille! Milla's kaltes, regelmäßiges Gesicht nahm unwillkürlich einen triumphirenden Ausdruck an. Sie war zufrieden mit sich selbst und ihrer Schneiderin. „Gut, so weit wären wir, nun kommen die Blumen an die Reihe:— Herrliche Seerosen, nicht wahr, Kind? Und ganz wunderooll mit Schilf gewunden, was sehr apart aussieht. So, dieser Zweig kommt an die Brust; ach, du lieber Himmel, nicht so tief, mehr auf die Schulter!— Höher— noch etwas höher! — Ei, warum nicht lieber gleich auf den Rücken! Du fällt immer in's Extrem, Röse! Hast Du denn gar kein Verständniß für Chic, Mädchen? Meine Modenjournale liegen überall offen herum; da hättest Du Dir doch längst die nöthigen Begriffe über die Blumenarrangements einer modernen Balltoilette bei⸗ bringen können, aber freilich, wenn man weder Talent Geschmack hat“—— „Wenn ich vielleicht erst selber einmal auf einem Ball ge⸗ wesen bin und all' die schönen Toiletten gesehen habe, werde ich gewiß besser wissen“— a „Du?— auf einem Ball?“— Es lag ein Gemisch von 1 c 309 0 — —— Der Lieblingsautor. Nach dem Gemälde von E. Grützner. N f 11 11 0 N 310 unendlicher Geringschätzung und Mitleiden in den vier Worten. „Du, auf einem Ball, Röse? Das ist einstweilen noch nichts für Dich, denn erstens bist Du noch zu jung, zweitens kennt Dich kein Mensch und drittens—“ „Und drittens?“ „Nun, drittens bist Du eben unser verwaistes Bäschen, das wir aus purer Güte bei uns aufgenommen haben und dessen eigentliches Revier Haus und Küche ist und bleiben wird!— Wenn man kein Vermögen hat, Kind, bleibt man am besten hinter den Koulissen, denn man kommt doch zu keiner ordent⸗ lichen Rolle in der Welt. Ueberdies gehören Feld- und Wiesen⸗ blümchen, wie Du eines bist, ihrer Natur nach nicht in den Ballsaal!“ Röschen lag auf den Knien vor ihrer schönen, stolzen Kousine und heftete die Seerosen auf das schimmernde Gewand. Sie beugte den Kopf tief herab und fuhr sich rasch über die Augen, ehe sie ihn wieder erhob. „Bist Du endlich fertig mit den Blumen? Nun flink die Schmuckkassete, Röse! Ich nehme heute die Perlengarnitur, die mir Mama zu Weihnachten geschenkt hat, Armband, Halsband, Ohrringe, alles komplet und fein, sehr fein, nicht wahr?“ „Perlen bedeuten Thränen,“ sagte Röschen unwillkürlich vor sich hin, während sie die prächtige Halskette um Milla's Nacken legte. Diese fuhr unwillig herum. „Was faselst Du da von Thränen, kleine Unke? Thränen, ha, ha, ha, wie käme ich zu Thränen? Heute will ich lachen und nichts als lachen, und morgen erst recht! O, sie sollen mich alle beneiden um mein Glück, sie alle, die die Achseln zuckten, weil Milla Almens ein paar Jährchen über die Zwanzig hinaus gekommen ist, ehe sie sich verlobte!“ „Wirst Du Dich denn verloben, Milla?“ „Freilich, Röse, und zwar diesen Abend noch! Heute wird und muß er sich erklären;— warum hätte er denn sonst so geheimnißvoll anfragen lassen, ob wir auch sicher den heutigen Ball besuchen würden?“ 5 „Wer denn, Milla?“ fragte Röschen, die eben an der Taillen— garnitur der eleganten Kousine noch etwas feststeckte. „Wer? Und Du fragst wirklich noch, kleine Unschuld? Ei, da hätte ich Dir mehr„Merks“ zugetraut, Du mußt doch wahr⸗ genommen haben, daß und wie mir mein Vetter, Richard Burk, seit er von seinen Reisen zurück ist, den Hof macht!— Au, au, dummes Ding, wie unsäglich linkisch Du doch heute bist! Du hast mich nicht übel gestochen, Röse!“ „O entschuldige, liebe Milla, die Stecknadel muß mir ein wenig ausgeglitten sein; ich habe so nervöse Finger heute!“ „Ja, wahrhaftig, ich habe sie tüchtig zu spüren bekommen, Deine einfältigen, nervösen Finger, ein wahres Glück, daß ich ihnen endlich entrinnen kann! Reiche mir doch das Schmink— töpfchen und die Puderquaste noch einmal her; ich habe da zwei so harte Linien über der Nasenwurzel, es könnte sie am Ende jemand für Runzeln ansehen!— So,— und nun lauf einmal r zu Mama und sieh, ob Du dort noch etwas helfen annst!“ „Ist meine Tochter fertig, Röse?“ fragte die Tante, als das junge Mädchen bei ihr eintrat. „Ja Tante, fix und fertig!“ „Und sieht hoffentlich gut aus?“ „Die Robe sieht wundervoll aus, Tante.“ „Sie ist auch theuer genug; die Modistin hat eine haar— sträubende Rechnung beigelegt. Nun, wir haben's ja gottlob, und da der heutige Abend sehr wahrscheinlich zu Ludmilla's Verlobungsfest wird, so will ich's gern an sie gewendet haben. Nimm den Pelzmantel mit hinüber, Röse, und gieb mir die e um,— wir dürfen meine Tochter nicht warten assen!“ Die geschmückte Ballmutter raffte ihre Schleppe zusammen und schritt, erhobenen Hauptes, Röschen voran über den Korridor. „Ah,— ah,“— sagte die Mama bewundernd, als Milla ihr in vollem Staat entgegentrat,—„ah, süperb, wirklich süperb, ma chère!“ Sie ging vorsichtig, wie eine Katze um den heißen Brei, rings um ihre Tochter herum und zupfte mit spitzen Fingern hier und dort noch etwas an ihr zurecht.„Deliziös,— Du wirst Furore machen, chere enfant,“ sagte sie mit mütterlicher Genugthuung, indem sie ein paar Schritte zurücktrat und durch ihre Lorgnette den Effekt des Ganzen prüfte. f „Der Wagen ist da!“ schnarrte es mitten in die Inspektion hinein, und der Kopf der Köchin tauchte für einen Moment unter der Thüre auf, um eben so rasch wieder zu verschwinden. „Die unausstehliche, grobe Person!“ schalt die Ballmama ungnädig,„wenn sie keine so gute Köchin wäre, die hätte längst ihren Laufpaß!“ „Damit nachher wieder die frühere Völkerwanderung in der Küche begänne?— Bah, Mama, ärgere Dich doch nicht über das einfältige Geschöpf, sondern mache, daß wir fortkommen! Mir brennt der Boden unter den Füßen, der arme Richard wird sich die Augen nach mir ausseh'n!“ „Du hast Recht, Kind,— gieb mir den Pelzmantel lose über, Röse, aber ganz lose!— Meinen Sortie de bal, bitte, Röse! — Roöse, mein Taschentuch und mein Flacon, drüben im Schlaf⸗ zimmer auf der Console!“ Röschen flog davon und brachte die Sachen. „Und meine Kapuze? Wo ist denn meine Kapuze? Die lag ja dicht daneben! Schnell, Röse, wer keinen Kopf hat, muß seine Füße eben doppelt brauchen!“ „Knöpfe mir die Handschuhe ein, Röse!— Röse, meinen Fächer!— Mein Bouquet, Röse!— Röse,— Röse,— Röse! — So, und nun gute Nacht,— sieh überall nach dem Rechten, Röse,— nicht wahr?“ f „Ja, Tante!“ „Und räume mir meine Sachen hübsch zusammen!“ „Gern, Milla!“ „Und sorge dafür, daß wir gut durchwärmte Betten vorfinden, wenn wir heimkommen.“ „Ja wohl, Tante!“ „Und daß Du mir meinen Schmuck gehörig einschließest, ich mache Dich verantwortlich dafür!“ „Gewiß, Milla!— Soll ich mit herunterkommen und beim Einsteigen helsen, Tante?“ „Das kann Trine besorgen; schelle einmal nach Trine, Röse! — Hast Du auch Alles, Millchen?— Schön,— so geh'n wir denn also!“— „Gute Unterhaltung, Tante,— recht viel Vergnügen, Milla!“ „Danke, Röse!“ Die Tante drehte den Kopf noch einmal zurück.„Deine Zeit kommt wohl auch noch, Röschen,“ sagte sie mit einer seltenen Anwandlung von Mitleid und Güte,„wenn Milla erst am Ziel ihrer Wünsche ist, so nehme ich Dich vielleicht auch einmal mit auf einen Ball!— Adieu denn,— und lösche überall pünktlich aus und lege Dich zeitig zu Bett, hörst Du!“ 0 a „Ja, Tante,— gute Nacht!“ Sie gingen davon. Röschen stand mit schlaff herabhängenden Armen in Milla's hellerleuchtetem Zimmer und lauschte, bis das letzte Geräusch des enteilenden Wagens verhallt war. Dann flogen ihre Blicke über das grenzenlose Chaos, das sie umgab; es war, als besinne sie sich darüber, wo sie am besten zuerst an⸗ greifen möchte. Aber sie besann sich nicht und sie griff auch nicht an, sondern ließ sich schwer in Milla's weichen Lehnsessel niederfallen,— sie war so müde,— so müde! Da saß sie und sann vor sich hin. Was hatte doch Milla vorhin gesagt?— Nein, sie hatte in der That keinen„Merks“ gehabt, der Gedanke, daß Doktor Richard Burk der stolzen Milla ernstlich den Hof mache, daß er die Absicht habe, sich mit ihr zu verloben,— heute, auf dem Balle zu verloben,— war ihr ganz neu, ganz überraschend,— so überraschend, daß es ihr wie ein körperlicher Schmerz durch Herz und Glieder gefahren war. „Ludmilla Almens— Doktor Burk,— Doktor Burk— Ludmilla Almens,“ sie sagte es mehrmals laut vor sich hin, um sich die Thatsache fest einzuprägen und dabei hob sich ihre junge Brust in raschen Athemzügen, ihr Kopf sank tief herab, und endlich lun sie die Hände vor das erregte Gesichtchen und schluchzte aut auf. Warum weinte sie denn? Sie hatte sich doch mit keinem Ge⸗ danken bis zu Richard Burk verstiegen, hatte sich in Bezug auf ihn keinerlei Illusionen gemacht. Aber sie hatte von an mit so grenzenloser Verehrung und Bewunderung, und zug 1 ile, N c, e feige fe Ne i eee 311. mit der innigsten Dankbarkeit zu dem schönen, geistig bedeutenden Mann emporgeblickt. Er war immer so freundlich gegen sie ge⸗ wesen, früher schon, und auch jetzt wieder, da er sie in fremdem Hause traf, wo man sie sonst übersah, wie man eine nicht Mit⸗ zählende, Dienende, zu übersehen pflegt.— Wenn sie stumm am Theetisch ihres Amtes waltete, hatten seine Augen oft forschend auf ihr geruht und er hatte zuweilen versucht, sie in's Gespräch zu ziehen. Es war aber immer nur beim Versuch geblieben, denn Milla ließ sich nicht leicht bei Seite schieben und wußte stets einen wahren Sprühregen von Geist und Witz über ihn zu ergießen, bis er sich ihr wieder ausschließlich gewidmet hatte. Eigentlich war es recht garstig von Milla, daß sie dem armen Bäschen das bischen Verkehr mit Richard mißgönnte, hatte doch Röschen älteres und näheres Anrecht auf seine Freundschaft als. sie, trotz Milla's Verwandtschaft mit ihm, denn Richard Burk war ja ihr Hausgenosse gewesen zu der schönen Zeit, da ihre arme Mama noch lebte. Als die Vermögensverhältnisse von Röschen's Mutter sich durch den Sturz eines Bankhauses un⸗ glücklich gestaltet hatten, trat diese, aus finanziellen Rücksichten, einige möblirte Zimmer ihrer Wohnung an den jungen Rechts— gelehrten ab, welcher in der Folge der vom Schicksal hart mit— genommenen Frau sehr nahe trat und ihr, wie ein treuer Sohn, in schwerer Zeit mit Rath und That beistand. Röschen war damals noch ein Kind gewesen, aber mit der ganzen Herzens⸗ wärme eines Kindes hatte sie für ihren Hausgenossen, für den jugendlichen Berather ihrer Mutter geschwärmt. Sie erröthete über und über, als sie an diese ihre glühende Backfischschwärmerei dachte, die dem jungen Mann wohl kaum ein Geheimniß ge— blieben war. Und dann, dann war das Schreckliche über sie gekommen! Die Mutter war plötzlich gestorben, sie selbst in das Haus der gestrengen Tante versetzt worden, wo viel Arbeit und Plage, aber wenig Liebe ihrer wartete. Und gerade zu jener Zeit war es gewesen, als auch Richard Burk die Stadt verlassen hatte, um sich als Sekretär einer Gesandtschaft nach Japan anzuschließen. Sie wußte es heute noch, wie unsäglich weh ihr zu Muthe ge— wesen, als sie, die damals Vierzehnjährige, im knappen, schwarzen Kleidchen, zum letztenmal seine Hand gedrückt hatte in bitterm Trennungsschmerz! Ach, mit ihm ging ja der letzte Freund aus bessern Tagen von ihr und sie blieb allein zurück in frostiger, liebeleerer Umgebung.(Schluß folgt.) Joe lätter. Der Lieblings⸗Autor.(Siehe Illustration.) Die Sonne flimmert am Firmament, Der Hofhund schläft auf der Schwelle, Es schlummern Prior und Konvent Süß träumend in dämmriger Zelle. Da schreiten Drei zur Bücherei, Den leidigen Schlaf zu bannen. Der Pater Kellner ist auch dabei, Belastet mit Bechern und Kannen. Es mustert Pater Hilarius Die Bücher in Leder gebunden Und hat den Römer Ovidius Gar bald herausgefunden. Dann liest er, was das Heidenbrevier Vom Jäger Aktäon verkündigt, Und was einst Vater Zeus als Stier Und goldener Regen gesündigt. Die Mönche schauen vergnüglich drein, Ihr Antlitz lächelt in Falten.— Es geht doch nichts über gutes Latein; Hoch leben die klassischen Alten! — Eine merkwürdige Sitte. Im Devouly, einem von hohen Gebirgs⸗ zügen im Departement Dauphinse umgebenen Plateau, herrscht folgender Brauch. So oft ein Ehrengericht gehalten werden soll, wird eine feier⸗ liche Prozession angestellt. Voran schreitet ein Mann mit großem Horn, aus welchem er die widrigsten Töne hervorzubringen bemüht ist. Hinter ihm kommt, rücklings auf einem Esel sitzend, ein in einen weiten groben Mantel gehülltes Weib geritten, welches statt eines Zaumes den Schwanz des Thieres hält. Neben ihr gehen, als Spottehrenwachen, mit Maulthier⸗ halftern und vielen Schellen angethan, zwei Begleiter, um sie gegen Rudolf Baumbach. etwaige ihr zugedachte Beleidigungen in Schutz zu nehmen. Diese Gruppe umgiebt ein großer, lärmender, tanzender und zischender Haufe von Leuten jeglichen Alters und Geschlechtes. An gewissen Stellen hält der Zug still, der Vordermann stößt dreimal in das Horn, worauf alles schweigt, und einer der Seitenmänner von einem Zettel nachstehendes Urtheil ver— liest:„N. N., aus dem Dorfe N. N., beschuldigt und überwiesen ihren Gatten geschlagen zu haben, ist verurtheit auf dem Esel zu reiten.“ Hier⸗ auf füllt der andere Begleiter eine Schale mit Wein. Die Frau muß sie leeren und es dulden, daß ihr der Ehrenwächter mit dem Eselschwanze den Mund abwischt, welches dann stets ein lautes, gellendes Gelächter erregt. Dann wird wieder getanzt und gesungen, und der Zug rückt bis zum nächsten Ruhepunkt weiter, wo sich dasselbe Schauspiel wiederholt.— Man will behaupten, daß sich diese Sitte mit den alten Bachanalien in Verbindung bringen lasse, die aus Phocäa nach Massilia(Marseille) ge⸗ bracht worden und dann bis in die Dauphinse gedrungen sind. Trotzdem die französischen Behörden diesem eigenmächtigen rohen Urtheil entgegen⸗ treten, ist dieser aus sehr alter Zeit herrührende Brauch nicht zu beseitigen gewesen. M. I.—I. Der königliche Stammbaum. Die Höflinge Ludwig des XV. stritten sich oft über die Reinheit ihrer Abkunft. Der König, dieser Zänkereien überdrüssig, erzählte ihnen eines Abends, daß er zu seinen Ahnen einen Notar von Bourges zähle. Die Anwesenden wagten Zweifel zu erheben; der König aber nahm ein Blatt zur Hand und las: „Unter der Regierung König Ludwig XI. um das Jahr 1470 lebte zu Bourges ein er Notar, den man Balou nannte; sein Vater war Barbier gewesen. Von ihm selbst findet man noch in den Archiven viele Akten, die von seiner Hand geschrieben, oder wenigstens unterzeichnet sind. Balou verdiente viel Geld, er konnte seinem Sohne Philipp Balou die Würde eines Schatzmeisters von Frankreich kaufen; später wurde Philipp Haushofmeister Karl's VIII. Philipp's Sohn, Herr von Bourdaissieure, war Großmeister der Artillerie. Seine Tochter wurde Mutter von Gabriele von Estrees, deren natürlicher Sohn, Cäsar von Vendome, 1609 die reiche Erbin von Mer⸗ cour ehelichte. Er wurde Vater von Elisabeth von Vendome, welche an Karl Amadeus von Savoyen, Herzog von Nemours, der später im Duell von der Hand seines Schwagers, des Herzogs von Beaufort fiel, vermählt wurde. Aus dieser Ehe entsprang Marie von Nemours, welche Karl Emanuel, Herzog von Savoyen, heirathete. Ihr Sohn Viktor Amadeus, Herzog von Savoyen, bestieg den Thron Sardinien's. Die Tochter dieses Fürsten, Marie Adelaide von Savoyen, wurde die Gattin Ludwig's von Burgund, dessen Sohn zu sein ich die Ehre habe. x. Historische Erinnerung. Der Rückzug der Griechen von Babylon nach ihrer Heimath hat viel Aehnlichkeit mit dem der Franzosen im Jahre 1812 aus Rußland nach Frankreich. Die Ersteren hatten sowie die Letzteren einen gleichen Kampf mit der Natur zu bestehen. In den armenischen Gebirgen wurden sie von einem so entsetzlichen Schneegestöber befallen, daß sie darüber alle Kunde des Landes und der Wege verloren, und da sie sich überall eingeschneit befanden, mußten sie einen ganzen Tag und eine ganze Nacht ohne Nahrung zubringen. Der größte Theil ihres Viehs kam um; viele von ihnen selbst starben; welche erblindeten von dem Hagel⸗ gestöber und dem Glanze des blendenden Schnee's; andere erlahmten an Händen und Füßen; eine große Zahl verklammten und erstarrten bei vollem Bewußtsein vor Frost. M. Die Hexenwage zu Oudewater. In der Mitte des siebzehnten Jahr⸗ hunderts folgte man in Oudewater in Holland amtlich einem Gebrauche, der an die barbarischen Zeiten erinnert und von Karl V. eingeführt worden war, um, wie man sagt, eine Menge Opfer dem Tode zu ent⸗ reißen. Man wog nämlich auf der Stadtwage die der Hexerei Ange⸗ klagten, um sich zu überzeugen, ob sie das erforderliche Gewicht eines guten Christen hätten. Die Meisten gingen selbst dahin. Man ließ sie entkleiden und eine Hebamme diente nebst den beiden Wiegern als Zeuge. Die Schöffen und der Schreiber theilten mit jenen drei Personen die sechs Gulden, welche die Gewogenen zu bezahlen hatten, und gaben diesen dafür eine Bescheinigung, daß ihre Schwere mit ihrer Größe in richtigem Verhältnisse stehe und sie nichts Teuflisches an ihrem Körper hätten Diese Bescheinigung war nicht zu theuer erkauft, denn sie errettete von dem Feuertode. Man machte dabei die Bemerkung, daß die meisten dieser angeblichen Zauberer und Hexen aus Westfalen kamen, wo dieser Aber— glaube sich noch länger aufrecht erhalten haben soll. NM. Der Heirathsmarkt zu Suwalki in Russisch⸗Polen. Zu den inter⸗ essantesten Ueberbleibseln früherer Zeit gehört der vorbenannte Markt, welcher sich eines sehr regen und umfangreichen Besuches erfreut und jährlich zweimal stattfindet. Von weit und breit finden sich heiraths⸗ lustige Mädchen ohne besondere Scheu daselbst zusammen und erwarten den ihnen vom Schicksal bestimmten Gatten. Die Männer, welche eine Frau nehmen wollen, suchen und wählen oft lange, denn Wahl bringt Qual, bis endlich gegenseitiges Wohlgefallen eine Annäherung herbeiführt. Der Freier erscheint mit seiner Auserwählten bei den gleichfalls anwesenden Eltern der Braut, legitimirt sich, weist sein Besitzthum nach und wird fast stets acceptirt. Gegen Abend herrscht ein tolles Treiben, zahlreiche Wagen fahren, von gluͤcklichen Brautpaaren besetzt, nach Hause. Die⸗ jenigen Mädchen, welche keinen Mann gefunden, kehren nach Hause und rechnen auf eine glückliche Parthie während des nächsten Marktes. Ob⸗ gleich man meinen müßte, daß diese auf so originelle Weise zu Stande gekommenen und ohne vorherige Bekanntschaft geschlossenen Ehen nur als ein fragliches Glück erscheinen, hört man selten von Ehescheidungen. M. I.—I. 2 * 312. * Ortaòrat⸗Kreuzräthsel. Aus nachfolgenden Buchstaben: AX AXAIAIATA TAB B B B BI DID D E E EE ETETE TEE E HIIIIIIIIIILII NN NN NIN IINXINXXNJOo[Oo Inf R R R S[S[S S ST r 11 U%% sind neun Worte 75 bilden und in obige Figur so zu ordnen, daß die wagerechte gleich der senkrechten Mittelreihe den Namen eines berühmten verstorbenen Malers nennt. Die neun wagerechten Reihen ergeben: 1. Den Namen eines berühmten spanischen Staatsmannes. 2. Eine belgische Provinz. 3. Eine Königin von Halikarnaß. 4. Einen Badeort in Schlesien. 5. Den Namen eines berühmten verstorbenen Malers. 6. Einen Wochentag. 7. Einen Tanz. 8. Einen ehemaligen französischen Diplomaten. 9. Einen Berg in den Berner Alpen. Arithmogriph. Aus folgenden Ziffern sind acht Worte zu bilden, deren Anfangs⸗ buchstaben von oben nach unten den Namen eines großen Mannes, und deren Endbuchstaben, ebenso gelesen, seinen Verbannungsort ergeben. 1 2 1 3 4 1 5 6.— Ein chinesisches Gewebe. 2 7 8 9 10 11.— Einen männlichen Vornamen. 12 7 13 112 10 14 15.— Den Namen eines griech. Schriftstellers. 16 7 17 9 6 7 16 9. Eine Stadt in Holstein.— 72 1 17 6 11 13 15 7.— Eine Stadt in Rheinbaiern. 9 18 109 6 9 9.— Einen See im Innern Australiens. 16 6 119 10 1.— Ein christliches Fest. 19 13 5 13 4 19 2.— Eine große australische Insel. Jogogriph. Ich bin alles, was du siehest, Auch wohl mitunter unsichtbar; Unmöglich ist's, daß du mich fliehest, Denn in dir bin ich immerdar. Wirst du mein letztes Zeichen ändern, Alsdann bin ich ein großer Fluß, Und mancher, der in Deutschlands Ländern Sich umsieht, mich passieren muß. Noch einen andern Fuß mir gebe, Als Festung bin ich dann bekannt, Wo ich mich kühn am Rhein erhebe Zum Schutz für's deutsche Vaterland. Doch läßt du jetzt das Haupt mir fehlen, Dann muß ich mich— du weißt es schon— Mit Ziehen und mit Tragen quälen Und karge Speise ist mein Lohn. Aufloͤsung des Kapsel-Räthsels in voriger Nummer: 1. Era. 2. Esau. 3. Herz;— des Räthsels: Messer, Gabel, Löffel;— des Buchstaben⸗ Räthsels: Schach. Problem Nr. 529 von R. Schulder in Köln. Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge Matt. Dieses Problem ist eines der älteren wenig bekannt gewordenen Compositionen des Verfassers. Tabelle des Meisterturniers zu Bradford. I 2345060708 901011020 1775 10 fisper. ——— f PF 1 55 — 1— — 1. v. Bardeleben. V0(1¼—7 f(10101¼/ 1011111 2 Bird 52— 010/100% 00% 1 6 5.01017 3. Blackburne. 11— 0 10%½½%/01(1/111% 101% Br; 0% 16106ʃ(1¼1¼1½ 10% 7% 5. Gunsberg.% 11/1—[1(101 1 1111 1100½¼ʃ13½% alf 3 0 000[1100 600000 0106 3½ eee 9441000— 0% 00% 1/0/05 S. Lococ. 59675+2 0%%%%% 10/10/11 04085 9. Mackenzie. 0 11/¼01(11—½⁰½11(11% 1%%2 10. Masoen 10% 1¼%%(1111 7 1½11 11. Mortimer. 1% 0 00110 6000 0 140010015½% 12 SW n 90 0010109901015 13. Pollock. ꝗ ⁊ 410% 11/0%% 10% 10/1/07 14. Ramball. 0%½ 000 1000000 10— 10% 03 15. Taubenhaus. 0 1/½ 10 111% ½ 100 1 0997 9 16. Thorold..%%%%%% 11% 06% 17 Weß 000160⁰½j 161%% 1/1010, 10 ö 3 134 U Alis der Schachwelt. Zur Ergänzung unserer Mittheilung(in vor. Nr.) über die Entscheidung des britlschen Meisterturniers, dessen Verlauf die vorstehende Tabelle veranschaulicht, bemerken wir noch, daß der erste Preis, den Gunsberg, der erste Sieger im Hamburger Turnier von 1885, davon⸗ trug, 1600 Mark beträgt, der zweite, der Mackenzie, dem ersten Sieger zu Frankfurt a M. 1887, zufiel, 1000 Mark, der dritte und vierte, die unter von Bardeleben und Ma son getheilt wurden, 800 resp. 600 Mark, der fünfte an Burn fallende 400 Mark, der sechste unter Blackburne und Weiß getheilte 200 Mark. Die Summe der Einsätze, 680 Mark, lam nach dem Bergerschen Systeme unter die Nichtsieger zur Vertheilung und erhielten Blackburne und Weiß von denen nur einer als Preisträger gezählt werden konnte) noch etwa 182 Mark, ferner Taubenhaus 113 Mk., Bird 77, Pollock 74, Thorold 73, Mortimer 70, Lee 69, Locock 63. Hall 27 und Ramball 19 Mk.— Im Amateur⸗Turnier gewann Guest den ersten, Scholt den weiten Preis. Eine Partie, welche von Blachburne und Bird in Consultation gegen von ardeleben und Weiß gespielt wurde, endete mit Remis. Nach einer Mittheilung der Venowine News“ soll der sechste amerikanische Schachkongreß im Januar nächsten Jahres eröffnet werden. Der erste Preis im Meisterturnier wird nicht unter 1000 Dollar, abgesehen von einem Ehrenpreise, betragen. Die folgenden Herren sollen dereits ihre Absicht ausgesprochen haben, sich an dem Turnier zu betheiligen: Blachburne, Gunsberg. Burn, Bird und Pollock aus England, Tschigorin und Winawer aus Rußland, Rosenthal aus Frankreich Golmayo aus Cuba. Vasquez aus Mexiko, Englisch aus Oesterreich, Mackenzie. Moehle und Burilla aus den Vereinigten Staaten. Steini soll nicht gesonnen sein theilzunehmen, dagegen die Herausgabe des Congreßbuches übernehmen. Briefwechsel. Dr. K. in G. Die provisorische Correctur, welche wir in voriger Nummer angaben. leistet den gewünschten Dienst keineswegs, im Gegentheil gestattet sie gar eine Abkürzung der ft beware Lösung auf drei Züge. Eine Correctur wird dagegen durch Hinzufügung eines Bauern auf 7 bewirkt. W. K. in B. Sie fanden die Nebenlösung zu Nr. 522, zu deren Besesti, 10 wir lein besseres Mittel seden, als Hinzufügung eines schwarzen Bauern b 7 zu der.— ichen ein⸗ jachen Stellung Nr. 522(in Nr. 33 d. Bl.). Mehrere starke Scheinlͤsungen fallen leider hier⸗ durch fort. Die Beiträge sind zur Aufnahme notirt. Lösungen richtig bis auf das ist durch einen F. M. in A. Endspiel. von welchem wir keine richtige Lösung erhalten haben. Nr. 522 ist des Endspiels nach dem ersten Bauer! b7 zu berichtigen. Schachklub in Gl. Lösungen erhalten. Die ausführliche Erledigu . in der zweitnächsten Nummer; die Schwierigkeit liegt hier in dem uge, auch werden die Hilfsquellen von Weiß nur zu leicht unterschätzt. B. N. in B. Der erste der beiden Dreizüger ist zur Aufnahme notirt. Druck und Verlag der„Volks-Zeitung“, Akt.-Ges. in Berlin, Lügowstr 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105. .