zu den Ourrhessischen Nachrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dleser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Gießen, den 18. November. III. An den langen Winterabenden saß Herr Mirewicz, in tiefes Nachdenken versunken, oft in seinem Schaukelstuhle in dem so⸗ genannten Wintergarten, in welchen das frühere Wohnzimmer umgewandelt war, und dachte über den Wandel alles Irdischen nach. Vor seinen Augen schwebte die lichte Gestalt seiner blond⸗ lockigen Kousine, die ihn anfangs durch ihre Gelehrsamkeit wie ein Sonnenstrahl geblendet hatte. Dann entzückte ihn ihr Eifer, Geld durch Unterricht verdienen zu wollen. Sie führte ihren Vorsatz auch aus und zeigte ihren Freunden triumphirend, was 5 verdiente. Nach und nach erlahmte ihre Arbeitslust, sie ver⸗ schlief die Zeit, oder sie vertiefte sich so sehr in ein Buch, daß sie alles um sich her vergaß. Mirewicz konnte sich diesen Um⸗ schlag der Gesinnung gar nicht erklären, und er glaubte, diese Unbeständigkeit wäre etwas Krankhaftes, als sie zwei Monate nach der Abreise seiner Gattin zu ihm sagte:„Weißt Du, Jas, ich habe mich überzeugt, daß der Beruf einer Lehrerin mir nicht zusagt und meine Kräfte aufreibt. Ich hatte mir ein höheres Ziel gesteckt, aber Du hast mich auf dem Wege zurückgehalten. Jetzt muß ich an einen anderen Erwerbszweig denken.“ Sie grübelte nach, und bereits nach einer Woche hatte sie inen neuen Plan ersonnen. „Höre, Jas, ich habe mir vorgenommen, in Ongrod zu leiben und— nun, wie nennt man es doch gleich— nun, ein ltelier für Schuhmacherei einzurichten.“ Vom Studium der Medizin bis zur Schuhmacherei war ein gewaltiger Sprung, und deshalb meinte Mirewicz, er habe nicht echt gehört, und riß die Augen weit auf.„Aber verstehst Du enn Schuhe zu machen?“ fragte er. Am folgenden Tage lief Paula von einem Schuhmacher zum ndern, bis sie endlich einen Meister fand, der sich bereit er— ärte, sie als Schülerin bei sich aufzunehmen. Sofort ließ sie sch ein dementsprechendes Kostüm anfertigen, legte niemals mehr re weißen und türkischen Morgenröcke an und trug auch ihre Ihantastische Promenadentoilette nicht mehr. Ein kurzer Rock ion grobem Stoff, eine festanliegende Taille und eine große, mit Gpitzen besetzte Schürze bildeten ihr jetziges Schuhmacherkostüm. Canz vergnügt kehrte sie das erste Mal nach Hause zurück; jetzt est meinte sie erkannt zu haben, daß die Körperarbeit höher als be Geistesarbeit zu schätzen sei, und daß man nur auf diesem Wege er arbeitenden Klasse näher treten könne.„Das neunzehnte Jahr⸗ hundert ist das Jahrhundert der Arbeiter,“ sagt John Russel.„Das deiundzwanzigste Jahrhundert wird das des großen Triumphes deklamirte Paula.„Wie schön ist es doch, den Amerikanern eifern, die durch ihren gemeinsamen Fleiß und durch ihre 1 5 9 PFeifenblasen. Erzählung von Eliza Orzeszko. Deutsch von Johanna Ruhe. (Fortsetzung.) gemeinsame Arbeit Gleichheit und Freiheit befitzen. Reizend sind diese amerikanischen Verhältnisse geschildert. Wir wollen dieselben einmal lesen und uns bestreben, nachzuahmen, was in den Werken von Ferdinand Lassalle, Schulze⸗Delitzsch, Karl Marx u. s. w. verzeichnet steht!“ Erfüllt von diesen erhabenen Ideen, trug sie das oben be— zeichnete Kostüm bereits einen ganzen Monat. Sie ging in dem Kostüme, welches ihr so reizend stand, tagtäglich in die Werk⸗ statt und kam jedes Mal heiter und vergnügt nach Hause zurück. Sie war von der Wichtigkeit ihres Berufes so überzeugt und von dem Mitleid mit der arbeitenden Klasse so befeelt, daß man ihr unmöglich seine Bewunderung versagen konnte. Ozymski und verschiedene andere Freunde des Herrn Mirewicz huldigten ihr im vollen Maße und küßten ihr fast ehrfurchtsvoll die Händchen, die trotz der groben Arbeit mit Hammer und Zange nichts von ihrer Zartheit eingebüßt hatten. Paula erschien ihnen wie ein großer, leuchtender Stern, der am Himmel der Zukunft auf⸗ gegangen. Was jedoch Mirewicz bei dieser neuen Idee seiner Kousine empfand, läßt sich nicht beschreiben. Paula wälzte ihm durch ihre Arbeitslust eine Zentnerlast von seinem Herzen und Gewissen, die während der Zeit der Tändeleien ihn gedrückt hatte. Wiederholt fragte er sich:„Giebt es ein höheres, erhabeneres Geschöpf als sie?“ Aber plötzlich blieb der Schaukelstuhl, auf welchem Mirewicz saß, stehen. Er strich sich mit der Hand über die Stirn; eine große Bitterkeit schien ihn zu erfüllen. Anna hatte ihm jedes Mal das Geld zurückgeschickt, welches er ihr nach ihrer Abreise wiederholt zusandte. Sie schrieb ihm immer nur einige Zeilen, die immer gleich lauteten:„Jancia ist gesund und munter und hat Alles, was sie braucht. Ich bin auch gesund und habe schon etwas Arbeit gefunden, die sich allmählich mehren wird. Ich bitte Dich, lieber Jas, gieb nicht so viel unnützes Porto aus; denn ich nehme nichts an, so lange Jancia nicht etwas braucht u. s. w.“ Jancia! Einmal suchte er etwas im Schranke, da fiel ihm ein kleiner, glänzender Schuh der Kleinen in die Hände, er betrachtete denselben mit innigen Blicken, als erinnere ihn dieses Andenken an eine selige Vergangenheit und flüstere ihm lange und leise etwas zu. Er bedeckte sein Antlitz mit beiden Händen und ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. Hastig nahm er den kleinen Schuh, wickelte ihn in ein Papier, verschloß ihn in die Schublade seines Schreibtisches und schrieb an seine Gattin: „Erlaubst Du mir, Euch einmal zu besuchen und Jancia zu sehen?“ An diesem Tage erhielt Paula eine große Kiste mit Noten aus Warschau. Sie wählte eine sehr schöne Sonate aus und spielte sie Mirewicz vor. Als sie sich vom Fortepiano erhob, 8 — — — 11 .—————888———— e c 370.. 72 fühlte sie sich von den Armen der Rührung und der Liebe um⸗ schlungen. Johann berauschte sich an der Mustik derart, daß er den ganzen Abend über in dieser weichen Stimmung blieb und sich nicht aufzuraffen vermochte. Wie verstand ihn doch seine Kousine, wie liebte sie ihn so leidenschaftlich! Wie hatte doch ihre Liebe die läst'gen, drückenden Fesseln der Ehe abzustreifen gewußt, wenn sie ihn so sanft und so weich anredete! „Noch Niemand habe ich so heiß geliebt, wie Dich, mein Jas,“ sagte sie,„und ich werde auch keinen Menschen außer Dir lieben.“ Der Bethörte zweifelte keineswegs an der Wahrheit dieser Worte; er hatte ja alle Veranlassung, ihr Glauben zu schenken. Sie war doch so wahr und aufrichtig gegen ihn und hatte ihm sogar ihr Geheimniß verrathen. Sie wußte stets alles so zu schildern, daß Mirewich, Ozymski und die übrigen Bekannten ihr in jeder Weise zustimmten. Man wunderte sich daher auch garnicht, als nach einiger Zeit der Werkstatt nicht mehr gedacht wurde. Es war für sie rein unmöglich, länger in einer solchen Sphäre zu leben. Die Lehrlinge und die Gesellen tranken so viel Schnaps und machten dadurch die häßliche, nach Leder riechende Atmosphäre nur noch drückender, so daß sie oft mit Migräne heimkehrte und wiederholt ohnmächtig zusammenbrach. Man müßte ja Nerven von Stein haben, um in einer solchen Werkstatt länger bleiben zu können. Sie fühlte recht gut, daß sie bei längerem Verharren in einer derartigen Umgebung ihre Energie, ihre Bildung und ihren Ehrgeiz einbüßen würde. Trotzdem hielt sie es einen ganzen Monat in der Werkstatt aus. Dann hörte sie damit plötzlich auf und schuf in Mirewichz's Zimmer einen Wintergarten, den zahllose kleine Statuen und Amoretten noch verschönten. In ihrem Alkoven richtete sie eine Art Kamin ein, welcher jedoch nur brannte, um duftige Spezereien und Räucherkerzen zu erwärmen, deren Duft alsdann die an— stoßenden Gemächer erfüllte. An all' diese Erlebnisse und Begebenheiten dachte Mirewicz und sagte dann plötzlich halblaut vor sich hin:„Morgen muß ich ja dem Chacki die Zinsen hintragen.“ Es waren Zinsen für eine Schuld, die Mirewicz beim Geld⸗ verleiher gemacht hatte. Das war ja auch kein Wunder. Woher sollte denn all das Geld kommen für den Luxus und die un⸗ nöthigen Ausgaben Paula's, die so kostspieligen Kaprizen nach— hing? Denn Kleider, Noten, Bücher, alles mußte Mirewicz be⸗ zahlen. Und dennoch konnte man ihr nichts Böses nachsagen oder etwas böse deuten. „Mein lieber, theurer Jas, es thut mir schmerzlich leid, daß ich noch immer keine rechte Beschäftigung gefunden habe. Allein alles, was Du für mich opferst, ist nur ein Darlehn, ein heilig anvertrautes Gut, welches ich Dir zurückerstatten werde, sobald ich mein Ziel erreicht habe. Glaubst Du mir?“ Wie hätte er ihr nicht glauben sollen, wenn sie, seine Hände in den ihrigen haltend, mit thränenvollen Augen ihn schmerz— bewegt anblickte und ihr Köpfchen an seine Schulter lehnte? „Ich glaube Dir, Theuerste, ich glaube Dir Alles, Du bist die Wahrheit und die Treuherzigkeit selbst. In Dir ist kein Falsch.“ Er hatte Recht; sie war nicht falsch. Aber bald darauf geriethen sie in Streit. Ein neues Studium war ihr eingefallen, das der Menschen. Gleich nach ihrer Ankunst im Hause ihres Vetters fing sie an, die Stadt zu studiren. Anfangs hatte Mirewicz kein Arg dabei, doch als er später ganze Tage mit ihr umherlaufen sollte, wurde es ihm doch zu viel. Er ging seinem Berufe nach, empfing seine Klienten und begab sich auf's Gericht. Paula dagegen konnte nicht genug sehen und hören, was im Städtchen vorging, machte auf eigene Faust Bekannt- schaften und kam deshalb manchmal erst spät Abends nach Hause. Zuweilen lud sie ihre neuen Bekannten, die Mirewich völlig fremd waren, zu sich ein, und wenn ihr Vetter von seinen Aus— gängen beimkehrte, fand er eine große Gesellschaft vor, die seinem Geschmacke keineswegs zusagte; Paula saß mitten unter ihnen, las vor, zitirte Gedichte und spielte auf dem Klavier. Mirewicz begrüßte die Gäste, verhielt sich übrigens ganz kühl. Wenn dann der Lohndiener den Gästen seltene und theure Eifrischungen präsentirte, so verließ er ärgerlich das Gemach und suchte mit 4 gerunzelter Stirn ein entlegenes Zimmer auf, aus welchem er jedoch alles übersehen konnte. Hatten die Gäste sich e so machte er seinem Unwillen in Worten Luft. Eines übersah er, daß Ozymski noch zurückgeblieben und so Zeuge der unerquicklichen Szene war. Sie erzürnten sich thatsächlich. Auf die Vorwürfe ihres Vetters antwortete Paula heftig, sie könnte dieselben nicht ertragen und wäre kein Wolf, um in der Einsamkeit ohne Menschen leben zu können, zumal da sie sich vorgenommen habe, die Menschen zu studiren, welche man aus Büchern niemals richtig kennen lerne u. s. w. Ihre Auseinandersetzungen waren erst zornig, dann folgte Weinen, schließlich Lachkrämpfe und Ohnmacht. Man rannte nach Wiederbelebungsmitteln und nach 0 dem Arzte, und eine schlaflose Nacht bildete den Schluß. Ozymski grollte seinem Freunde Mirewicz, dieser aber lag am nächsten Morgen vor Paula auf den Knien. Sie triumphirte und verzieh ihrem Vetter. Allein Ozymski ließ sich seit jenem Tage nicht mehr blicken. Was war dem Menschen nur geschehen? Er schaute aus, als wäre er vom Kreuze herabgenommen, und wich seinem Freunde beharrlich aus. Paula besuchte er nicht mehr, seine kleine Schwester war zu einer Tante gereist, und so blieb er ganz allein für sich. Eines Tages begegnete Ludwigs Mutter Herrn Mirewicz auf der Straße und warf ihm einen theils tieftraurigen, theils zornigen Blick zu. Wie wunderlich geht es doch auf der Welt zu! Keine Rosen ohne Dornen, kein Glück ohne Wolken! War dieses schöne, kluge Weib nicht ein Glück für ihn, und dennoch thürmten sich darüber Wolken auf! Dazu kam noch, daß der kleine Kinderschuh, welchen er so oft aus seiner Papierhülle befreite, leise zu ihm sprach und dem Vater etwas zuflüsterte. Dann fiel ihm der böse Schuldschein in die Hände. Und das Zerwürfniß mit seinem besten Freunde und der Brief seiner Gattin, welchen er heute erhalten, versetzten ihm so manchen Stich in's Herz. Zwar ent⸗ hielt der Brief, wie gewöhnlich, nichts als den Bericht über das Befinden des Kindes, aber eine Stelle konnte er nicht über⸗ winden.„Ich habe jetzt so viel zu thun,“ schrieb sie,„daß ich mir zwei Gehilfinnen angenommen habe. Ich verdiene nicht viel, aber wir speisen mit Josepha bei einer einfachen und biederen Frau, welche uns das Essen für einen geringen Peeis bereitet. Mit einem Wort, wir darben nicht. Für mich brauchst Du nicht zu sorgen, doch denke an die Zukunft Jancia's! Nach einigen Jahren wird sie tüchtigen Unterricht haben müssen. Du darsst das nicht vergessen; denn es ist Dein Kind, und es trägt keine Schuld an dem, was zwischen uns vorgefallen ist. Du fragst ob Du kommen darfst, um Dein Kind zu sehen? Warum denn nicht? Bin ich etwa Deine Feindin, die Dich nicht sehen mochte, oder verlange ich, daß das Kind den Vater vergessen soll? Mein Hauptbestreben geht dahin, daß Du Dein Kindchen recht lieb hast, und ich spreche auch mit Jancia recht viel von Dir.“ Sehr vernünftig, dachte Johann bei sich, aber nicht gang korrekt! Wenn Josepha sich ihrer annehmen wollte, aber diese hat ja genug mit sich und ihrer Schwester zu thun, welche sie zu einem Arzte auszubilden beabsichtigt. Diese Josepha, niemals sprach sie eine Silbe davon, allein sie hält ihr Wort. Und Paula? Die hatte viel von ihrem Berufe gesprochen, allein sie führte nichts aus. Nach dem letzten Streite hatten die Ge⸗ sellschasten im Hause aufgehört, Paula war zu ihren Büchern zurückgekehrt und nahm auch ihren alten Plau, in Zürich Medizin zu studiren, wieder auf. Doch jetzt fehlte ihr die Haupt 6 dazu, das Geld. Um sich Geld zu verschaffen, beschloß sie zu schriftstellern. Sie hatte damit schon früher angefangen, nur war sie sich nicht klar, ob sie einen Verleger finden würde. Se kramte sie denn aus ihrem Koffer ein umfangreiches Packet mit Manuskripten hervor und bat Mirewich, dasselbe durch! und sein Urtheil darüber abzugeben. Es war dieses ein bunles Durcheinander in verschiedenen Sprachen über Musik, Philosophie, Chronologie u. s. w. Mirewicz beschäftigte sich einige Nächte hindurch mit der Durchsicht des Werkes und sagte dann:„Ent schuldige Paula, aber ich habe uoch niemals gelogen— Dieses Manufkript wird Niemand drucken lassen. Es fehlt diesem Wer an Klarheit, Ordnung, Plastik, mit einem Worte „Sage doch lieber gleich, mir fehlt das Talent zur e stellerei.“ 5 „Fern sei es von mir, solches direkt zu behaupten, auch fü ich mich nicht kompetent dazu, ein derartiges Urtheil abzugeb 1 JöͤöÄ5ò r ER— 2—. 4 .—. ———d——— 3 23712. Allein, wenn ich meine Ansicht aussprechen soll, so muß ich aller— dings gestehen, daß Dir nach meiner nicht maßgebenden Meinung das Talent zu einer Schriftstellerin fehlt.“ es kann schon sein, ich dachte bereits selbst daran,“ sagte Paula resignirt. 1 8 Ihre Lippen kräuselten sich sonderbar, und zwei Tage hin⸗ durch verhielt sie sich ihrem Vetter gegenüber sehr zurückhaltend. Er wollte ihr wieder etwas Angenehmes sagen und wiederholte, daß sein Urtheil nicht maßgebend sei. „Lieber Jas,“ unterbrach sie ihn,„Du bereitest mir eine große Freude, wenn Du nicht mehr davon sprichst.“ Aber bald besann sie sich eines Anderen, und an Mirewicz mit einem dicken Buche in der Hand herantretend, meinte sie: „Weißt Du, ich glaube, es wäre ganz nützlich, wenn ich über⸗ setzen würde? Vielleicht wirst Du zugeben, daß ich hierzu be⸗ fähigt bin.“ f Mirewicz machte ihr sein Kompliment, nur in der Absicht, um sie wieder heiter zu stimmen, wie sie früher war. Mit wahrer Lust warf sie sich jetzt auf die neue Beschästigung, bei welcher sie zwei bis drei Tage ununterbrochen blieb. Auch die folgende Woche arbeitete sie ein wenig, aber zu Beginn der dritten Woche mochte sie schon nicht mehr schreiben, warf sich müde auf das Sopha und flüsterte mit klangloser Stimme: „Der Mensch darf sich nicht beständig mit einer Sache beschäftigen, die Gedanken erlahmen, und die Energie schwindet. Ich bin halbtodt und bedarf der Reaktion.“ Sie stand auf, kleidete sich an und ging in die Stadt. Dort fand sie die Reaktion, deren sie bedurfte, in der Person eines lutherischen Pastors. Es war ein noch junger Mann, aber sehr gesetzt und würdevoll, und lange blonde Favoriten umrahmten csein blasses, edles Gesicht. Erst seit kurzem befand er sich in der Stadt und war mit Niemand bekannt. Paula begegnete ihm auf der Straße und interessirte sich sofort für ihn. Aber wie sollte sie sich dem Geistlichen nähern, da ihn keiner kannte? Der Geistliche war verheirathet und deshalb um so interessanter. Mirewiez lachte manchmal über ihre Ideen und rief ihr ironisch zu:„Strohfeuer, nichts als Strohfeuer!“ Doch nach einer Weile erhob Paula ihren Kopf und sagte:„Woher weißt Du denn, daß nicht er gerade dazu ausersehen ist, mich meinem Ziele näher zu bringen?“ „Um Gottes willen!“ rief Johann. „Ich wundere mich,“ entgegnete sie,„daß Du mich manchmal so schlecht verstehst. Ich möchte die Bekanntschaft jenes Geistlichen machen, um von ihm über das Wesen der evangelischen Confession Aufklärung zu erhalten. Für Luther habe ich immer eine große Sympathie gehabt. Er ist ein Organisator...“ Um Gottes willen,“ wiederholte Johann,„nimm' ein Buch und studire das Leben Luther's!“ 5 [„Ein lebendiges Wort und ein todter Buchstabe sind ein ge— waltiger Unterschied,“ antwortete Paula bedächtig. f Das Ende der Unterhaltung war, daß Paula sich wiederum nach der Stadt begab, während Mirewiez) in seinem Schaukel— wa abermals seinen Träumereien nachhing und in Gedanken 1 bei Anna und deren augenblicklichem Berufe als Nätherin ver— weilte. Da ertönte ein leiser Klang der Hausthürglocke; die Hand, welche dieselbe in Bewegung setzte, war entweder schwach 0 uder schüchtern. Mirewiez nahm ein Licht und ging in sein 1 Arbeitszimmer. Dort traf er Frau Ozymska, die Mutter Ludwigs. Er begrüßte sie ehrerbietig und schob ihr einen Sessel hin. Die Matrone zählte höchstens fünfzig Jahre, aber herber Kummer und harte Schicksalsschläge hatten sie schnell altern lassen. Mit itternden Händen schlug sie den Schleier zurück und sagte:„Sie entschuldigen mein Herr, daß ich so frei bin, aber ich muß mit Ihnen über meinen Sohn Ludwig sprechen. Sie nahmen früher Herzlichen Antheil an ihm, vielleicht auch noch jetzt.“ Mirewicez bat, sie möge fortfahren. Die gramerfüllte Frau saltete ihre bleichen Hände in einander und theilte ihm mit, welche Veränderung mit ihren Sohne vorgegangen sei. Sie wollte ihn jedoch nicht anklagen. g g 1 t lachen wissen,“ fuhr sie fort,„was für ein goldenes Herz er hat, ein wie guter Sohn und 1 5. Gislang war, und wie redlich er für uns arbeitete. Aber sei einigen Monaten ist er ganz anders geworden. Anfangs war er traurig und verstimmt, dann machte er seiner Mutter und seiner Schwester schwere Sorgen, indem er andeutete, wir ständen ihm im Wege zu seinem Glüͤcke, dann sagte er wiederum, falls er allein in der Welt stände, könnte er als Kavalier ein feines Leben führen, wie jetzt Herr Mirewicz. Als Julia dieses hörte, fing sie an zu weinen und verließ fofort das Haus, um bei einer Verwandten in Dienst zu treten. Meine arme, blutjunge Tochter ist jetzt Dienerin bei einer fremden, kapriziösen und geizigen Frau. Und ich seine unglückliche Mutter, möchte auch gern das Haus ver— lassen, aber ich weiß nicht, wohin... wohin... Alles ließe sich noch ertragen, aber nun erzählte mir ein Bekannter, daß mein Sohn bald seine Stellung einbüßen werde, weil er seinen Dienst vernachlässigt. O mein Gott, was soll dann aus uns werden? Sowohl im Kreise seiner Kollegen wie auch zu Hause schwatzt er von den hohen Zielen, welche er verfolgt, und von seiner reichen Natur, welche sich durch Arbeit nicht knechten lassen dürfe. Dabei gestikulirt er mit den Händen derart, daß er neulich eine Lampe vom Tische warf.“ Mirewicz konnte bei dieser Schilderung ein feines Lächeln nicht unterdrücken. Frau Ozymski lachte auch ein wenig, aber sofort füllten sich ihre Augen wieder mit Thränen, und sie rief: „O mein Herr, an Ihnen liegt es, ihn in gute Bahnen zu lenken, Sie allein können es... müssen es thun...“ Die alte Frau bedeckte ihre Augen mit beiden Händen, als schäme sie sich der Thränen; dann streckte sie Herrn Mirewicz ihre mageren Hände entgegen und fuhr fort: „Ich trage nicht die Schuld daran, daß er es nicht weiter brachte als bislang. Sie wissen, unter welchen Verhältnissen ich die Kinder großgezogen habe... Wenn der Vater noch gelebt hätte.. aber ich blieb allein ohne Vermögen zurück; Tage und Nächte hindurch habe ich gearbeitet und geweint, allein es half nichts. Schließlich wandte ich mich an Bekannte und bat sie um Unterstützung, damit mein Ludwig das gange Gymnasium absolviren könnte. Doch alle hatten ihre eigenen Sorgen, und so mußte ich ihn aus der vierten Klasse fortnehmen. Auf Ver— wenden eines Bekannten erhielt er diese Stellung, die immer besser zu werden versprach... und jetzt...“ Hier brach sie wieder in Thränen aus. Mirewicz versprach ihr, auf Ludwig einwirken zu wollen, und hierauf verließ sie ihn mit den Worten:„Sie müssen... Sie müssen!“ Er nahm sich vor, bei der ersten besten Gelegenheit Ludwig freundlich zuzureden, daß er seine Mutter bei sich behalte und seine Schwester zurückrufe. Allein wenn nun Ozymski, sagte er zu sich selbst, antwortete: ‚Meister Vergil, ich mache es gerade so wie Du!! O Elend, es lohnt sich gar nicht, den harten Kampf ums Dasein zu Ende zu führen! Plötzlich ließ sich in dem nur schwach erleuchteten Arbeits— zimmer ein helles Lachen vernehmen. In der Mitte desselben stand Paula in einem äußerst eleganten Winterkostüm; sie war gerade nach Hause zurückgekehrt. Lächelnd rief sie mit ihrer silber— hellen Stimme:„Ich habe es erreicht, Jas, ich habe es erreicht, ich habe meinen Pastor gesprochen!“ Mit einem Satze war sie wie ein Kind zu ihm hingesprungen, schlang ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn. „Aber sage mir, wie ging das zu?“ „Nun, er saß auf einer Bank in seinem Garten... Ich ging um ihn herum... ging so lange...“ Hastig machte sich Mirewicz aus ihren Armen los und er— widerte in sichtbar übler Laune:„Laß mich in Ruhe mit Deinem Pastor! Es wird nicht lange dauern, dann suchst Du Dir einen Lehrer, der Dich in die Geheimnisse der muhamedanischen Religion einweihen soll.“ Sie hatte ja heute einen bewundernswerthen Humor; denn sie wurde gar nicht böse. „Wenn Du so denkst,“ antwortete sie,„dann will ich Dir ein anderes Mal von meinem Abenteuer erzählen. Jetzt habe ich Dir nur noch mitzutheilen, daß wir morgen Abend eine große Gesellschaft bei uns haben werden.“ Johann sprang von seinem Stuhle auf. Wahrscheinlich jene von neulich?“ „Natürlich, ich begegnete einigen Bekannten und lud sie ein.“ Wiederum eine Gesellschaft, und zwar eine Gesellschaft von wenig distinguirten Leuten! Der Stolz erwachte in ihm, und „Was für Gäste? — 2372.. ärgerlich rief er:„Nein, Paula, Du entschuldigst wohl, aber Rich wünsche solche Abende nicht, und um keinen Preis empfange ich dergleichen Leute in meinem Hause.“ Sie verstummte anfangs, dann begann sie zu argumentiren, allein Mirewich schien heute für ihre Argumente nicht empfänglich u sein. „Ich hielt Dich für einen denkenden Menschen,“ begann Paula,„muß unterdessen...“ „Eine denkende Frau,“ unterbrach sie Mirewicz scharf,„hätte doch wohl etwas Besseres zu thun, als Pastoren nachzulaufen und Gesellschaften auszurichten. Nimm hübsch die lateinische Grammatik zur Hand! Wie willst Du Dein Doktorexamen machen, wenn Du kein Wort Latein verstehst?“ Bei diesen Worten erröthete Paula bis an die Haarwurzeln. Dennoch hielt sie noch immer an sich. „Latein? Du weiß recht gut, daß das Lernen mir leicht wird. Um Latein zu lernen, habe ich noch lange Zeit. Aber ein Leben ohne Zerstreuung widert mich an.“ „Meine Liebe, Du magst in vielen Dingen recht haben,“ erwiderte Mirewicz,„Du verstehst ja auch sehr viel, allein ich möchte Dir den guten Rath geben, falls Du etwas Neues er— lernen willst, so bleibe immer hübsch beständig dabei und lerne es gründlich!“ Das war denn doch für das verwöhnte und umschmeichelte schöne Weib ein bischen zu viel. Hastig schob Paula den Sessel zurück, eilte in ihre Gemächer, und bald vernahm man wieder das krampfhafte Lachen und Weinen. Mirewicz stand rathlos da, doch schnell faßte er sich, nahm Hut und Ueberzieher, befahl dem Mädchen, zu seiner kranken Kousine zu gehen, und verließ eilig das Haus. Er lenkte seine Schritte geradewegs nach dem Hause seines Freundes Ludwig Ozymski. Er traf diesen auf der Treppe vor dem Hause. Sie grüßten sich herzlich und gingen mit lebhaft gerötheten Gesichtern wohl eine Stunde in eifrigem Gespräche vor dem Hause auf und ab. Endlich bat Mirewicz seinen Freund, er möge ihn doch wieder einmal besuchen. Jetzt hielt Ludwig auch nicht mehr zurück und sagte:„Ich kann Dein Haus nicht betreten, weil ich mich für Deine Kousine zu lebhast interessire, und ich möchte in dieser Hinsicht Deinen Weg nicht kreuzen.“ 8 Aus einem hell erleuchteten Laden fiel gerade das Licht auf das blasse Antlitz des jungen Mannes, welchem man das schwere Leiden ansah. Mirewicz ergriff seine beiden Hände und bat ihn nochmals herzlich um seinen Besuch.(Schluß folgt.) Sein Elternhaus. Von G. Peltry. „Du willst es mir also wirklich nicht zu Liebe thun, Ernst?“ Die Stimme der jungen Frau zitterte. „Ich kann nicht, Lilli, mein ganzes Herz hängt an dem alten Hause.“ „O, und deshalb willst Du mich in die engen, niederen Räume sperren? Ohne Licht, ohne Sonnenschein soll ich dort verkümmern? Ist das das sonnige Heim, das Du mir vor kaum einem halben Jahr zu bereiten versprachest? Damals, ja damals würdest Du mir den Mond vom Himmel herunter geholt haben, wenn ich es verlangt hätte,— und heute, da ich die erste Bitte in unserem jungen Ehestande wage, heute schlägst Du sie mir grausam ab. O hättest Du mich doch bei meinen Eltern ge— lassen, in meinem lichten Mädchenstübchen, wo ich so glücklich war. Du hast mich nicht mehr lieb, denn sonst könntest Du nicht so hart, so entsetzlich hart gegen mich sein,“ und schluch zend sank die zarte Gestalt auf einen Sessel. Der Gatte schob die Tasse klirrend beiseite. Seit acht Tagen die nämliche Scene zum Kaffee; Bitten, Thränen und Vorwürfe. „Lilli, sei doch nicht thöricht; sieh Dir das alte, liebe Haus nur einmal am hellen Tage an, gewiß es wird Dir gefallen. Der erste Eindruck, den es Dir an jenem düstern Novemberabend gemacht, er wird gar bald verschwinden vor den goldenen Strahlen der Maisonne.— Wolltest Du wirklich das Opfer annehmen, mich das Haus verkaufen zu lassen, in dem schon Vater und Großvater gelebt und geschafft haben, das Haus, wo ich meine glücklichen Kinderjahre verbracht,— in dem meine gute Mi vor kurzen vier Wochen in meinen Armen gestorben ist* „Deine Mutter? o ja für die alte, fimpfle Frau— „Lilli,“ rief er mit bebender Stimme und stand f gerichtet vor der jungen Frau, die Hand drohend erhoben,„Lilli, hüte Dich, beschimpfe die alte Frau nicht noch im Grabe.“ Erschreckt und verschüchtert duckte sie sich zusammen und sah ihn mit einem so hilfeflehenden Blicke an, daß sein Zorn ver⸗ flog. Er sah nur ihr scheues, ängstliches Gesicht, und wandte sich ab. 5 „Verzeihe mir, Lilli, ich war von Sinnen,“ murmelte er tonlos;„o warum quälst Du mich doch so?“ 8 Er ging hinaus. 1 Seufzend fiel die junge Frau wieder in die Polster zurück, aus denen sie sich soeben geflüchtet. Ihre ganze Kindheit und Jugendzeit zog an ihren Augen vorüber. Sie sah sich,— ge⸗ liebt und verhätschelt von Allen, verzogen von den Eltern, ver⸗ wöhnt von den Tanten, angebetet von den Vettern. Was waren das doch sür glückliche Tage gewesen! Und dann? Dann war „er“ gekommen, mit dem ernsten, stillen Blick, der so ost auff ihr ruhte, so daß sie ihn mitten im wildesten Spiele gefühlt! hatte. Ihr war angst geworden vor diesem Blick, und doch schlug ihr Herz unruhig und sehnend, wenn„er“ nicht da war. Sie, die allezeit Fröhliche, fing an zu sinnen und zu grübeln die Schmeicheleien der Vettern, die Liebkosungen der Tanten, sie Alle konnten ihr nicht mehr genügen, sie wollte,— sie wußte selbst nicht was,— bis er vor ihr stand in der Flieder l und sie an sein starkes Herz nahm, um sie dort zu halten g und immer. Da hing sie jauchzend an seinem Halse,— ein glückseliges Geschöpf. 5 In Lust und Freude flogen die Wochen ihres Brautstandes dahin, mehr denn je empfing sie Liebes und Gutes von allen Seiten, mehr denn je schien ihr das Leben ein Paradies. 9 ihrem achtzehnten Geburtstage, noch ein halbes Kind im und Fühlen, ward sie seine Frau und flog, fast vergraben Blumen mit ihrem Gatten der neuen Heimath zu. b und traulich hatte er alles eingerichtet, ihre geheimsten Wünsche erfüllt, uud wie glücklich waren ste! 1 Am zweiten Tage freilich kam das Heimweh nach all'! Lieben, es war so entsetzlich still um sie herum. Heimlich r f sie die ersten Thränen und war froh, als Ernst sie am Nas mittag zu seiner Mutter führte, von der er ihr schon so viel erzählt hatte. 2. Ganz draußen vor dem Thore lag ein schlichtes Haus; alten, jetzt herblich gelben Linden lugte es hervor, nur der Eph rankte sich noch grün an der Mauer hinan und senkte seine Zu auf das Haupt der jungen Frau, als wollte er ihren e Eintritt segnen. 1 Ein beklemmendes Gefühl erfaßte sie, als sie den damm Flur betrat, an dessen Fenstern der Novembersturm rüttel wollte er sie aus den Angeln heben. Zaghast schritt Stufen empor. Ernst eilte voraus, sie folgte zögernd. 7 im Erkerstübchen saß eine alte Frau, sie erhob sich nicht, entgegenzugehen,— denn sie war gelähmt. Ernst umschlang und dann sein junges Weib:„Mutter, liebste Mutter, hier ich Dir meine Lilli, habe sie lieb, so recht von Herzen 1 nur Du es kannst.“ 2 Lilli fühlte eine zitternde Hand auf ihrem Scheitel: segne Dich, mein Kind.“— Sie blickte auf in ein ernstes, gramvolles Antlitz, so ga verschieden von dem heiteren ihrer eigenen, noch immer schö allezeit fröhlichen Mama. Sie setzte sich still zu Füßen der Frau und lauschte auf deren leise Stimme. Es wurde säglich bange; das düstere Zimmer, der heulende Stur Kranke vor ihr,— sie fühlte tiefes, namenloses Heim unfähig, ihre Empfindungen zu beherrschen, brach sie in ein liches Weinen aus. Nur mit Mühe konnte Ernst sie beruf „O komm, komm fort aus dem dunkeln Hause,“ f und drängte hinaus. 15 So endete ihr erster Besuch bei seiner Mutter. Seitdem 1 sie die Schwelle jenes Hauses nicht mehr betreten, troß. Bitten ihres Gatten. Der erste Schatten senkte sich auf junges Glück.— 1 & 1 373. ——— rütz ner. Nach dem Gemälde von Ed. Klostergeheimniß. — .. 2 8 N 3 3 1 8 5 8 3 2374.. 1 7 Sie wollte auch seine Mutter nicht mehr sehen, auch dann nicht, als jene kränker wurde. So hatte Ernst allein den letzten Seufzer der alten Frau gehört, allein ihr die müden Augen zu⸗ gedrückt.— Und nun? nun sollte sie in dem Hause wohnen, sollte ihr schönes, freundliches Heim verlassen, um sich in die epheu⸗ umsponnene Einsamkeit zu vergraben? Nein, nein, nur das nicht, dort würde sie sterben in den langen, bangen Stunden des Allein⸗ seins. Das durfte Ernst nicht von ihr verlangen, das nicht; und im tiefsten Mitleid mit sich selbst, fing die junge Frau wieder an, sassungslos zu schluchzen. Sie weinte, und weinte,— und weinte sich endlich in den Schlaf. Bald kündeten ihre regel—⸗ mäßigen Athemzüge, daß sie Ruhe gefunden hatte, und nur ein schmerzliches Zucken der Mundwinkel verrieth noch den eben durch⸗ lebten Kampf. Leise öffnete sich die Thüre, und Ernst trat in das Zimmer. Er war sehr bleich. Als er sein junges Weib so still zusammengesunken vor sich sitzen sah, hilflos in die Kissen des Lehnstuhls geschmiegt, überkam ihn ein Gefühl der Rührung. Zärtlich streifte sein Auge das bleiche Gesichtchen, doppelt bleich in den Trauerkleidern, um das sich die blonden Löckchen ringelten,— die kleinen, im Schoße verschlungenen Hände,— den rosigen Mund, der so herbe, böse Worte gesprochen. 25 Die Sonnenstrahlen strichen über sie und zauberten ein leises Roth auf ihre Wangen. Sie seufzte im Traum:„O Ernst, Ernst,“ klang es klagend von ihren Lippen. Da konnte er nicht widerstehen. Sanft beugte er sich zu ihr nieder und hauchte einen Kuß auf ihre Stirn. Nein, nein, das junge Kind, das da so gramversunken vor ihm lag, sollte nicht aus dem schönen, glücklichen Leben gerissen werden, lieber — und er seufzte tief auf,— lieber wollte er verzichten und das traute, theure Elternhaus verkaufen. Lilli schlug die Augen auf, und sah in das ernste, bleiche Antlitz ihres Gatten. Eine Purpurwelle überfluthete heiß ihr Gesichtchen im Gedenken an die vergangene Stunde, aber schon fühlte sie sich warm umschlungen und mit erstickter Stimme sagte er ihr:„Ich will Deinen Wunsch erfüllen, Lilli, das alte Haus soll keinen Zwist in unsere Ehe bringen.“ „Ernst, Herzensmann, ich wußte ja, daß Du das nicht von Deiner kleinen Lilli verlangen würdest; o ich wäre gestorben da draußen in der weltverlassenen Einsamkeit.“ Er schob sie sanft von sich. Eine halbe Stunde später wanderte die junge Frau dem Thore zu; nun, da sie nicht hineinziehen brauchte, hatte das Haus seinen Schrecken für sie verloren, und sie wollte es sich nun doch einmal, zum letzten Mal, im Sonnenschein betrachten. Sie schritt durch den kleinen Garten, in dem die Veilchen dufteten und die Vögel zwitscherten. Wie freundlich schauten die Fenster heut' unter den Linden hervor, über deren Wipfel es wie ein zarter, grüner Schleier lag; wie anmuthig rankte sich der frischglänzende, bräunliche Epheu an dem alten Mauerwerk empor. Aber die junge Frau hatte keinen Blick dafür; hastig zog sie die Klingel. Schritte nahten; die schwere Hausthür öffnete sich, und wieder stand Lilli in dem dämmrigen Hausflur, wieder wie damals kam ihr die alte Marinka, der seligen Schwiegermutter Faktotum und treue Pflegerin, in blendendweißer Schürze entgegen. „O die Frau Assessorin,“ sagte sie freudestrahlend. Fast verlegen fragte Frau Lilli, ob sie wohl einmal die Räume sehen dürfe, in denen Mama gewohnt habe. „Gewiß, o wie gern, habe ich doch Tag für Tag auf der Frau Assessorin Erscheinen gewartet.“ Marinka holte ein Schlüsselbund und schritt voran. Es ist alles noch, wie Frau Doktor es verlassen haben, der junge Herr hat es so gewollt. „Sehen Sie, gnädige Frau, das ist die Küche; wie manches frohe Festmahl haben wir hier zubereitet! Zu Ernstchens,— Verzeihung, zu des jungen Herrn Taufe ging es gar hoch her; Sie hätten nur sehen sollen, wie die Frau da strahlte,— der erste Junge! Dort in der Ecke steht noch das kleine Schemelchen, darauf er als kleiner Bube immer saß und der Mutter bei der Arbeit 8 zusah; dort auf dem Tischchen hatten wir ihm einen weißen Bogen aufgelegt, da durfte er Chokolade reiben, die er so gern mochte, Zucker klopfen und Rosinen lesen. 3 Hier drüben stehen die Wäscheschränke. Da haben wir einst zusammen die Brautwäsche eingeräumt, während das junge Paar seine Hochzeitsreise machte.„Marinka,“ sagte die Mutter der seligen Frau zu mir,„steh meiner Lotte mit Rath und That bei; Du bist zwar auch noch jung, aber es ist doch ein Stückchen Heimath für sie, darum gebe ich Dich ihr mit.“ 4 Ach gnädige Frau, da ist gar manche Thräne auf das Linnen gefallen, und manches Gebet um Gluck und Zufriedenheit mit in den Schrank gebettet worden. Ja, es gab viel Freude, doch anch viel Leid in unserm stillen Hause.— 5 Da hatte der Ernst den Fuß gebrochen; hier in seinem Stübchen mit den braunen Tapeten hat er gelegen und vor Schmerz laut aufgejammert. Hier hat die Mutter unermüdlich bei ihm gesessen und vorgelesen, während sein Blick sehnend an dem Grün vor seinem Fenster hing; hier hat er die Nächte hindurch gearbeitet, ehe es zum Examen ging, und hier,— sehen Sie, gnädige Frau, hier im Erker saß seine Mutter, als er ihr jubelnd verkündete:„Bestanden, bestanden.“ Da haben sie sich lange, lange umschlungen gehalten, und sie hat ihn geküßt und gesegnet, — es war ja ihr Einziger. N Dort wo der Epheu zum Fenster hereinnickt, war der Eltern Schlafzimmer; auf diesem Bett hat unser Herr fast ein Jahr lang krank gelegen; er hatte eine Herzkrankheit und war doch so lieb und gut dabei. Dort drüben in der großen Stube haben wir ihn aufgebahrt, unter Grün und Blumen, die er so gern hatte. In den Räumen, wo er gelebt hatte, wurde er auch eingesegnet, dann— trug man ihn hinaus, und seine schmerg⸗ gebeugte Gattin, sein armer Sohn wankten hinter dem Sarge her. Hier auf der Fensterbank hat unser junger Herr als Knabe gar oft gesessen, während die Mutter am Arbeitstischchen nähte. Wie viele Märchen mußte sie ihm da erzählen, wie glänzten seine Augen, und wie stürmisch verlangte er immer nach mehr. Und hier,“ Marinka wischte sich die Augen und fuhr zärtlich über den weichen Stuhl,„hier hat unste gute Frau Doktor so viele, viele Wochen gelähmt gesessen,— hier ist sie auch gestorben, am offenen Fenster, just als die ersten Schneeglöckchen auf dem Beete draußen blühten.„ Sie rief mich zu sich:„Marinka, hole mir meinen Sohn, in seinen Armen will ich sterben; und grüße seine junge Frau; bringe ihr meinen Segen und sage ihr, sie solle meinen Ert recht glücklich machen.— Sie wird kommen, sie hat ein gutes Herz, aber sie ist noch ein Kind! Und wenn sie je das alte Haus betritt, dann gieb ihr,— aber nur ihr,— diesen Schluͤssel; Du weißt, er führt zu dem Stübchen, wo unser Junge in der Wiege schaukelte, dort wird sie meine letzten Grüße finden.“ Marinka schwieg und weinte still; auch Frau Lilli seufzte tief. „Hier ist der Schlüssel, Frau Assessor, es hat Niemand die Stube geöffnet.“ 5 „Ich danke Ihnen, Marinka.“ 3 Die junge Frau trat zaghaft auf die Thür zu. Sie steckle den Schlüssel ins Schloß und öffnete. Sie war allein. Goldenes Sonnenlicht fluthete durch das Epheugrün d Fenster und zitterte in hellen Ringen auf dem Fußboden. zog schimmernde Fäden über eine zierliche Wiege, die in Mitte des Zimmers stand, halb verborgen von den blauseidenen Vorhängen. Daneben lehnte eine Truhe, nur leicht durch ein Tuch verdeckt; Frau Lilli zog es hinweg und wunderniedliche Sachen lachten ihr entgegen: Juppen und Kissen, Mützchen um Lätzchen, alles so klein und fein, wie für eine Puppe; und dort auf dem Tischchen vorm Fenster lag ein versiegelter Brief. Lilli.“ Mit bebenden Händen erbrach sie ihn: 5 Mein theures, vielgeliebtes Kind, Die Erde soll sich nicht über mir schließen, ohne 1 * 2 * daß ich einen Abschiedsgruß, ein Segenswort für Dich zurückgelassen hätte. Tu sollst nie und nimmer glauben, ich sei ohne Lebewohl von It gegangen.— 1 Du bist noch jung und liebst das Leben, wie konntef Dich da an eine alte, kranke Frau anschließen. Aber bede — diese Frau war auch einst jung und glücklich wie Du fühlte sich reich mit ihren Lieben;— und von all' diesen Schäß 375 ließ ihr das Schicksal nur den Sohn, den einzigen, heiß geliebten ö Ahn O mache ihn glücklich, Du kannst es mit Haden ichen, zärtlichen Herzen. Das Zimmer, in dem Du sitzest, ist mein Vermächtniß für Dich; bald wirst Du die Heiligkeit der Mutterliebe empfinden und selbst ein kleines, hilfloses Wesen an Dein Herz drücken,— dann laß es in diesem Zimmer, in dieser Wiege ruhen, wo auch ein Vater einst dem Leben entgegen schlummerte. [Ihr werdet das alte Haus nicht verkaufen, denn Deines Mannes Her: hängt an jedem Stein desselben, und die Liebe zu ihm wird Dich das Grauen überwinden lassen. Ich weiß, Du hast Dich nie zu mir, der alten, ernsten Frau, hingezogen gefühlt, aber nun wirst Du ahnen, daß sie Dich trotzdem in ihr Herz ge⸗ schlossen hatte; Du wirst Dein Kind die Großmutter lieben lehren. — Gott segne Dich, meine Lilli, und Euer Leben im alten Hause; er lasse Dein Kind fröhlich emporblühen und zu einem guten Menschen werden, damit diese Mauern, die schon so manches Leid gesehen, von nun an nur Glück und Freude schauen.“— Die junge Frau faltete die Hände, ein heiliges Empfinden kam über sie. Hier in dieser Wiege sollte in künftigen Tagen ihr Kindchen träumen, hier in dem sonnigen Raum sollte sie ihm die ersten, süßen Wiegenlieder singen, und hier—— sie kniete nieder vor dem leise schaukelnden Korbe und verbarg ihre über— itrömenden Augen in den Kissen. Mit tiefer Rührung gedachte sie der Frau, die sie so sehr verkannt, und die noch im Tode o liebreich für sie gesorgt hatte.— So lag sie lange, bis sich die Thür geräuschlos öffnete:„Hier ist ste, junger Herr,“ sprach Marinka's leise Stimme, und— 2 2 EI — = — —. D N — 2 8 2 2 8 — D — — S S — 2 2 — 1 E 2 S 2 2 2 2 — * EN 2 E ungen für Dich birgt; nein, nein, Du sollst es auch nicht thun, ch werde es lieben lernen und glücklich darin sein.“ Sie sah trahlend zu ihm auf, der sie innig umschlungen hielt.„Mein Weib, mein Weib, habe Dank.“— Und weißt Du Ernst,“ flüsterte die liebe Stimme wieder, wer mir das trotzige Herz bezwungen hat?— Deine Mutter! ind hier,“ sie zog ihn vor das blaue, duftige Wunder, und barg gas Köpfchen an seinem Herzen,„hier soll es liegen und träumen, hier im alten, trauten Hause soll es spielen und aufwachsen, unser Kind.“— JLose Blätter. Zur Geschichte des Elysée. Dieser prachtvolle Palast, der sich zwischen 1 155 Elysees und der Rue du St. Honors erstreckt, stammt aus der zeit der Régence her. Ein Günstling des Regenten Philipp, ein Graf Evreux, mußte die Gnade eines Besuches dadurch erkaufen, daß er sich e des Besuchers würdiges Hötel bauen ließ. Durch diese Ausgabe gollte Philipp den Geiz seines Günstlings bestrafen. Von diesem Günst⸗ lige ging das Elysee in das Eigenthum einer Kourtisane über. Im Jahre 1748 kaufte die Pompadour, die Geliebte Ludwigs XV., das Hötel Gpreux. Dasselbe sowie die Kunst gewannen durch diesen Tausch. Boucher ud Vanloo schmückten die Wände mit ihren Meisterwerken, der Architekt ssurance brachte die nöthigen Erweiterungen an, und so erst wurde das ötel würdig gefunden, der Schauplatz jener königlichen Orgien zu sein, 0 1155 der glorreichen Erfindung des Hirschparkes vorangingen. Mit lem Einflusse wuchs auch der Ehrgeiz von Ludwigs Maitresse und wir een sie das Hötel d' Evreux verlassen, um in einem der königlichen Lust⸗ lösser von Versallles u. s. w. zu residireu. Nach dem im Jahre 1764 erfolgten Tode der Pompadour ward das tel wieder ein Bestandtheil der königlichen Domainen. 5 n Ludwig XV. wies das heutige Elysée den außerordentlichen Ge⸗ adten zur Wohnung an und machte später das garde-meuble de la aronne daraus. 15. Inm Jahre 1773 brachte der damalige Rothschild, Herr von Beaujon, det Palast käuflich an sich und trachtete demselben wieder den Glanz ück zu verleihen, den er zur Zeit der Pompadour gehabt. Ludwig XVI. kaufte im Jahre 1786 das Hötel, um es noch in dem⸗ ben Jahre der Herzogin von Bourbon zu überlassen, der Freundin e unglücklichen Prinzessin von Lamballe. Diese Dame 0 nur 1195 über in ihrem Hötel, dann vermiethete sie dasselbe. 5 5 1 e n Elysée Bourbon zu einem öffentlichen Belustigungsorte. Hier wur 5 un Bälle, Theatervorstellungen und andere Feste abgehalten. Die Ecreckenszeit machte den Festen ein Ende und das Elysse war Zeuge⸗ S Seo== 2 Nach der be Ludwig XVI. wanderte die Herzogin von Bourbon aus und das Elysée wurde Nationaleigenthum. Wieder einige Zeit später wurde es an Herrn Hovyn und Kompagnie verkauft, um neuerdings zum Schauplatze der öffentlichen Belustigungen zu dienen. Es legte seinen stolzen Titel ab, um den anspruchslosen Namen der „Weiler von Chantilly“ anzunehmen. Die Unternehmer dieser Feste wett⸗ eiferten mit den Siegen des Generals Bonaparte, deren jeder durch ein besonderes Fest gefeiert wurde. 5 Ein Jahr nach der Krönung des Kaisers Napoleon kaufte Murat das Elysee Bourbon an sich und ließ es restauriren in dem charakter⸗ losen Bastardgeschmack der Napoleon'schen Epoche. Nur der große Salon wurde unverändert gelassen, so wie er zur Zeit der Pompadour gewesen. Murats Gemahlin, die schöne Großherzogin von Berg, Marie Annunciata Karolina Bonaparte, verließ nach drei Jahren dieses Hötel, um den Königspalast in Neapel zu beziehen. Das Elysée war nun wieder Kron— gut und Napoleon bewohnte dasselbe häufig während des Sommers. Hier verlebte Kaiser Napoleon seine glücklichsten Stunden, hier vergaß er für Augenblicke seine ehrgeizigen Pläne und lebte ganz der Kaiserin. Nach seiner Scheidung blieb das Elysée die Residenz der Kaiserin Josefine. Im Jahre 1814 kaufte Napoleon das Elysée, welches Josefine nach einem kurzen Aufenthalte wieder verlassen hatte, wieder an sich. Zur Zeit der ersten Invasion bewohnte es Kaiser Alexander von Rußland. Nach der Schlacht von Waterloo begab sich Napoleon in das Elysée, das so reich an Erinnerungen für ihn gewesen. Am 21. Juni kam er daselbst an, um am folgenden Tage seine Entsagung zu unterzeichnen. Drei Tage später verließ er Frankreich, um sich unter den Schutz der englischen Re⸗ gierung zu begeben Unter der Restauration machte die Herzogin von Bourbon ihre An— sprüche auf das Elysée geltend. Sie wurde zurückgewiesen, erhielt aber das Hötel Monallo zur Entschädigung. Das Elysée Bourbon wurde Krongut und dem Herzog von Berry zugewiesen. Im Jahre 1816 wurden neue Verschönerungen und Vergrößerungen daselbst angebracht. Zu jener Zeit feierte der Herzog von Berry seine Hochzeit mit der Tochter des Prinzen beider Sicilien. Das Elysee war nun wieder Zeuge großer Festlichkeiten, aber schon vier Jahre später widerhallte es vom Schmerze einer unglücklichen Gattin. Im Jahre 1820 fiel der Herzog von Berry unter dem Messer Louvpels, als er eben aus der Over kam. Sein Sohn, der Graf Chambord, besaß es nun von 18201830. Seitdem bildete der Palast einen Bestandtheil der französischen Staatsdomaine; er diente 18481852 als Residenz Louis Napoleons und hat seit 1871 dieselbe Bestimmung für den Präsidenten der Republik während seines zeitweiligen Aufenthaltes in Paris. Das Elysée hat vier Revolutionen an sich vorüberrauschen sehen— es war Zeuge des raschen Steigens und plötzlichen Falles des großen Imperators. Gewandtheit der Araber im Stehlen. Ein Araber kroch auf allen Vieren wie ein Thier in das Zelt eines Beys, legte dessen Kleidungs⸗ stücke und Waffen an und schlich sich zurück. Am Morgen, als der Bey noch schlief, ahmte er dessen Benehmen so täuschend nach, daß man ihm das Pferd desselben brachte, auf dem er, ohne Argwohn zu erregen, fortritt. Mit Erstaunen hörten eine Stunde später die Diener des Bey von ihrem wahren Herrn sich gerufen; noch mehr als seine Diener aber wunderte er sich über die Gewandtheit und Keckheit des Diebes. Vergebens waren die Bemühungen, den Dieb ausfindig zu machen; da versprach der Bey dem Diebe Verzeihung, wenn er gestehen würde, wie er es an⸗ gefangen habe, die Waffen und Kleider unter dem Kissen, worauf er ge⸗ schlafen habe, fortzunehmen. Nach einigen Tagen erschien ein Araber, erinnerte ihn an sein Versprechen und ersuchte ihn, sich auf dem Lager auszustrecken, er wolle dann versuchen, es ihm deutlich zu machen, wie er ihn bestohlen habe. Wie das erste Mal, so geschah es auch jetzt; der Araber nahm wieder die Kleidungsstücke des Bey, legte auch dessen Waffen an, und die Gebehrden desselben nachahmend, trat er vor das Zelt, wo er wiederum von den Dienern für ihren Herrn gehalten wurde. Man brachte ihm ein Pferd, er schwang sich in den Sattel, und während der Bey herzlich über die Manieren seines Nachahmers lachte, jagte dieser davon. Zu spät bemerkte der Bey, daß er nochmals um ein Pferd, Kleidungsstücke und Waffen betrogen sei. M. Der Schatz im Kreml. In dem neuen Arsenal(Cruscheinaja Palata) im Kreml befindet sich der Schatz, in welchem die Kronen, Szepter, Throne, Waffen und Trinkgefäße der Großfürsten und Czaare Rußlands nebst andern neueren Merkwürdigkeiten aufbewahrt werden. Er bildet eine Sammlung von Kostbarkeiten, die wegen ihres zum Theil sehr hohen Alters und ihres Kunstwerthes für den Alterthumsforscher und Künstler von großer Wichtigkeit, wegen des Reichthums an Edelsteinen, mit denen sie besetzt, aber auch sür den Mineralogen von großem Interesse sind. Die Kronen ruhen auf Kissen, welche auf besonderen Piedestalen liegen; die Throne stehen an der Wand des Saales auf besonderen Erhöhungen. Die Kronen sind mit Diamanten, Rubinen, Smaragden, Türkisen und Perlen besetzt; die größten Edelsteine befinden sich gewöhnlich auf der Spitze der Kronen unter dem Kreuz. Die älteste Krone, die sich im Schatze befindet, ist die, welche der griechische Kaiser Alexius Comnenus im Jahre 1116 dem Großfürsten Wladimir nach Kiew sandte, wo sie zur Krönung des Großfürsten diente. Die Masse der Kostbarkeiten, die hier aufbewahrt wird, ist außerordentlich, und vielleicht die größte, die an einem Orte gesammelt ist, da sie noch an Werth die Schätze des Juwel Office im Tower von London, die auf zwei Millionen Pfund Sterling geschätzt werden, übertreffen soll. M. 7 N 45 fürchterlichen Scenen, die sich so blutig auf dem Platze der Re— pelution entrollten. 2376. ö ö 1 4 1 1 Dreisilbige Charade. Oft selbst erregt, oft unverschuldet Trifft Manchen wohl mein erstes Silbenpaar; Drum Muth gefaßt und still geduldet, Was oftmals unvermeidlich war.— Du findest am Gewehr und an der Säule, Was meine dritte Silbe nennt. Du triffst es an beim Stiesel und beim Beile; Es ist ein Ding, das Jeder kennt. Das Ganze, es zerstört den Frieden; Nur durch Vernunft wird es vermieden. E R stalten; die zum blick] be nung dun— ker⸗ nicht kann und hoff-] ses an— au⸗ auch wenn(ge- elend rau- gen- mir grund kel dem[uns alles fühle läßt die- den ger um sem uns durch sagt's was führt Tver— die fest die glau- ich herz einz'- ich die⸗ ben laßt mein be ten liert ich uns hand an hal⸗ so 7 glau⸗ ein Logogriph. Fest sitz' ich auf dem Pferde, Doch reiten lernt' ich nie.— Nimm mir den Fuß— von Erde Macht mich des Toͤpfers Müh'.— Spruch⸗NRäthsel. Ordne folgende 17 Silben so, daß sie einen zweizeiligen Reim bilden. be— nicht— blei— wer— ße— nach— ke— die— dek deckt— dem— sich— fü— der— ben— streckt— un. Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Frost, Rost, Ost; — des Silben Räthsels: 12 1 2. Unze. 3. ISolani. 4. Linoleum. 5. Irtisch. 6. Barbados. Hlegie. S. Trenek. 9. Fichte. 10. Ohlau. . ee 12. Tagaurog. 13. Tkas. 14. Neunauge. 15. Andersen. 16. Eboli. 17. Säge. 18. Uranus. 19. Kalst. 20. Hli. 21. Fraktur. 22. Apfelsine. 23. Bird. 24. Emilie. 25. Rienzi. Quilibet fortunge sune faber— Jeder ist seines Glückes Schmied;— des Buchstaben-Räthsels: 5 * II 2 1 577 1 125.* 3 2* * Vartie Nr. 300, 155 5 J gespielt am 14. Augnst d. J. im Meisterturnier zu Nürnberg im Weiß: Mieses.— Schwarz: H von Gottschall. 4 ) e2—el eb 26) La—h5 1 2) Sbi—cz Sbs es 27) Db 4—bs: n 3) g2—g3 LIS-e 28) Teles! 7 5 3 5. Weiß setzt in 5 Zügen Matt. a0 5 5 tellung nach dem 20. Zu. 6) Seb—4 L- Be n 70 Sa4—b6: a7—b6: N 8) 0-0 d7-d5 0 9) ed d: Sf6— dß: 10) dz ds Dds— dé 11 11) be-h3 715 ü 12) f2—ft IIS—e8 2) 13) fA eb: Ddé es: 111 1 8e2—14 Sdo fe) 1 15) 2-359) Sc6- dss) 16) Lel- d SdS-f. 17) Ddl-bs De- ds 150 18) Tal-—el 7e A0 19 Tel-es Sfö es: 10 20) TI—el Ses 65) N 21) Sta—h51 Kgs—18“) 0 22) Ld2-f4 546480, N n 23) 8b5—f6: 97—f6: 146 24) Db3—b44 R8—g7 0) 25) 1g2—f! Dds- dg: 3 1 Die Fortsetzung 884 6) 0-0 Dss exweist sich als ungünstig für Schwarz mit 7) Del o erhält Schwarz durch Sb 8) 845 Sd ꝛc. oder ug 9 l, woh 0h d 0 Spiel, dagegen kommt Weiß sowogl mit 7) d2-d ed 8) Sd5 Dad 9, h ꝛc.* b als auch durch 7 Sd5 Liz f 8) KhlI Dh6 9) b Lbs 10%) 4(oder 48) Dh 110 12) Sb: nebst Sds in Vortheil. 2 In Betracht kam De5f 13) Kh2 Ses 140 Les. Deg, jedoch hätte Weiß e Abtausch des Springers 06 die etwas bessere Baucrnsicllung und für das Endspul e gegen 1 gehabt 2 Jetzt war das Spiel Daddt 15 Kb! Seg' nicht mehr möglich, da nach 16) Les E 17) Las Nhe 18) Dhs bi- hel 19 713 Matt oder Damenverlust unver mami wäre; dagegen scheint uns der Abtausch des Springers besser als der Zug im Text. 140.. Sf 15) LA lder Thurm darf nicht nehmen wegen 84d, nimmt der Bauer, 1 Dost. nebst Let ꝛc.] Db 16) Le: Les 17) TI Ddat 18) Kh2 Tag 10. 4) Dieser Zug wäre auch gegen 14) L.-es am Platze gewesen. — 8 dieses Rück uges scheint Les noch zulässig; denn 100 ds da Dde 177 8 18) dõ Tds 2c. 6 Der hübsche Keegeung scheint von Schwarz; nicht hinreichend berüchsichtigt wor sein, 115 mußte gleich K a8— 4e geschehen. Das ging offenbar nicht wegen Te 7! 8 Nähme die Dame jetzt den Bauer 43, so würde solgen 23) Dbat ch 24“ U 25) Deöt Sde 26) Las und Matt in wenigen Zügen, resp. 23). Kg 20) Stör in vier Zügen 9) Nimmt die Dame. so enischeidet 24) De 87—85. 8 droht Def ꝛc., und U nicht wegen 25 Lc7 Dd7 26) Def 26) le 7J 25/0 Les 5 10 Auf b6—b5 gewinnt Weiß am einfachsten mit 2571 Del Kg7! 25) Dd5 Dd& Ksd 27) Le7 ic. 110 Schwarz war mit Te7 oder auch zuerst LC7 bedroht und halte leinen fue Dieser Zug giebt dem Gegner Gelegenheit, die Partie in eleganter Weise 7 zu 18) Die Mattführung ist 29) Dhe f 48 800 beef Kis 31) Dügf 16. 5 Drud und Verlag der„Volks- Zeitung“, Att.-Ges. in Berlin, Lützowsir 105.— Verantwortlicher Redaktcut: R. Elche in Berlin, Lüzowstr. 105.