ist eine Welt für sich, es birgt eine Mannigfaltigkeit von Typen, Beilage Oberhessischen zu den Uuchrichten. geder Nachdruck aus dem Inhalt vieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Ur. 3. Gießen, den 15. Januar. Vor dem Sturm. Roman aus dem modernen russischen Leben von A. L. Berthoff. (Fortsetzung.) III. Treue Freundschaft. Ppät am Morgen nach dem Ball beim Staatsrath Welikanow erwachte Karpow. Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Wenn sie auch nicht vermochte, die Gewalt des starren Frostes zu brechen, wenn auch ihre Strahlen, sonst der Quell alles Lebens, den eisigen Hauch des grimmigen Winters nicht über— winden konnten, so goß sich doch ein Meer von Licht und Wonne aus über die schlafende Natur. Karpow erinnerte sich sogleich des Versprechens, das er dem Freunde gegeben. Seit acht Jahren kannte er Maxim fast nur im Zustande wilden Schmerzes um den verlorenen Vater, in stillem, eifrigem Studium Vergessenheit suchend, dann wieder in fieberhafter Erregung eine trügerische Spur verfolgend in der vergeblichen Hoffnung, den Verlorenen zu finden. Er wünschte Maxim noch ungestört zu sprechen vor seiner nahe bevorstehenden Abreise und machte sich deshalb noch vor Mittag auf den Weg. Das Haus, in welchem Maxim wohnte, war eine jener enormen Miethskasernen, wie sie Petersburg eigen sind. Häuser, welche ein ganzes Stadtviertel umfassen, mit drei, vier Höfen, welche immer wieder durch große fünfeckige Quergebäude ab— geschlossen werden, mit tausend, ja bis dreitausend Einwohnern, sind in der nordischen Residenz nicht selten. Ein solches Haus Figuren, eine Stufenleiter von Charakteren bis zur äußersten Verworfenheit herab, wie sie keine Phantasie erdenken kann. In seinen Mauern haust der Spekulant, der reiche Wucherer, der in der fürstlich eingerichteten„Bel-Etage“ dem Luxus fröhnt, und die arme Wittwe, die in ihrem Dachstübchen sich mit erstarrten Fingern abmüht, für ihre Kinder ein kärgliches Brod zu ver— dienen. Auch der Beamte führt hier seine sparsame Existenz, ebenso der solide Geschäftsmaun, der Arzt, und eine Unzahl von einzelnen Zimmern beherbergt Kommis, Nähterinnen, Hand— arbeiterinnen, Handwerker und— nicht selten fanden sich auch geheime Druckereien und Absteig-Quartiere der Nihilisten in solchen Häusern, deren genaue Ueberwachung fast unmöglich ist. Maxim's Wohnung befand sich in einem Quergebäude des ungeheuren Hauses. Es war ein mittelgroßes Zimmer mit zwei Fenstern, durch welche die helle Januarssonne ihre noch un— mächtigen Strahlen sandte. An der einen Wand ein Schreib— tisch, mit Büchern und Papieren in ziemlicher Unordnung be— deckt. Nächst der Eingangsthür stand ein ziemlich großer Schrank und dem Schreibtisch gegenüber an der andern Wand ein eisernes Bett, mit einem Teppich davor. An den Wänden waren Bilder und Photographien. Das Ganze machte keinen ärmlichen, aber einen nur wenig behaglichen Eindruck, wie dies von einem Studentenquartier nicht wohl anders zu erwarten ist. In der Mitte des Zimmers stand ein größerer Tisch, bedeckt mit Flaschen, Tellern mit Eisstücken, Schüsseln und allerlei Geräthe. Vor dem etwas altmodischen Spiegeltisch, der zwischen beiden Fenstern angebracht war, saß ein junges Mädchen, mit einer Handarbeit emsig beschäftigt, daß sie nur selten einen flüchtigen Blick durchs Fenster oder nach dem Bett hin richten konnte, auf welchem Maxim noch immer regungslos lag. Ihre regelmäßigen Züge hatten etwas sehr Einnehmendes, ihr Gesicht bildete ein selten schönes Oval und sie hätte für eine vollendete Schönheit gelten können, wenn nicht zuweilen ihr seltsam harter Blick den Eindruck gestört hätte. Wenn sie die Augen aufschlug, in Augenblicken der Erregung oder selbst nur des Nachdenkens, so war es wie das Blinken blanken Stahls. Wo man solchem Blick begegnet, erkennt man ihn leicht als die Folge einer rauhen Jugend, welche frühzeitig das junge Herz stählte,— ein Vortheil im ferneren Kampf um's Dasein, der theuer bezahlt wurde mit dem Verlust der tausendfarbigen Illusionen und Freuden der harmlosen Kindesseele. Schlicht und einfach war ihr Anzug, den aber ein Hauch von Grazie und Geschmack der kostbarsten Toilette gleichstellte. Karpow trat rasch in Maxims Zimmer ein. Er hatte von außen kein Geräusch im Zimmer gehört und war begierig auf das Vergnügen, den Freund noch aus dem Morgenschlummer aufzuschrecken. Beim Anblick der jungen Dame, welche ver⸗ wundert aufblickte, blieb er überrascht stehen. „Entschuldigen Sie, mein Fräulein,“ sagte er verwirrt.— „Mein rasches Eintreten muß Ihnen wohl seltsam erscheinen. Gewiß habe ich mich in dem großen Gebäude um ein Stockwerk versehen.“ „Wen suchen Sie?“ fragte sie mit gedämpfter Stimme. „Meinen Freund, Maxim Marlitzky,“ erwiderte Karzow etwas zuversichtlicher, denn er erkannte das Innere von Maxim's Zimmer wieder. „Er wohnt hier. Bitte treten Sie ein, wenn Sie ein Freund von ihm sind,“ erwiderte das Mädchen halblaut mit einer einladenden Handbewegung. Unwillkürlich beeinflußt durch ihre leisen Worte trat Karpow geräuschlos in's Zimmer. „Aber— erlauben Sie mir, Karpow. „Wo Ihr Freund ist? Wissen Sie nicht, was ihm in letzter Nacht zugestoßen?“ „Um Gotteswillen! Kein Wort!“ „Ach! Dort liegt er, schwer verwundet!“ — zu fragen,—“ begann 6 32 e —— 2 K ͤͤ r ä——u—ẙ— sonst Niemand weit und breit. 8 18 ◻⏑Æ᷑ Entsetzt trat Karpow an das Bett. „Ist der Arzt noch nicht gekommen, Wera?“ fragte eine ältere Dame, welche in diesem Augenblick. in's Zimmer trat. „Nein, Mama, aber er wird gewiß noch heute kommen. Er sagte, heute werde Maxim Petrowitsch wahrscheinlich erwachen.“ „Das gebe Gott! Mich beunruhigt diese lange Ruhe und Bewußtlosigkeit mehr, als seine wilden Phantasien am ersten Tage.“ „Aber ein Freund von Maxim Petrowitsch ist gekommen, Mama,“ bemerkte Wera,—„hier Herr... 9 „Entschuldigen Sie, meine Damen,“ sagte Karpow mit höf⸗ licher Verbeugung,—„daß ich in der Bestürzung ganz vergaß, mich Ihnen vorzustellen,— Wladimir Nikolajewitsch Karzow. Ich kam, um Maxim zu besuchen, wie ich ihm gestern Abend versprochen hatte, und nun finde ich ihn so... „Als Freund von Maxim Petrowitsch sind Sie uns herzlich willkommen! Sie können noch nicht wissen, wie sehr wir ihm zu Dank verpflichtet sind. Doch meine Tochter Wera soll Ihnen selbst erzählen, was ihr begegnet ist.“ „Wie? Auch Ihnen mein Fräulein?“ rief Karpow gespannt. —„O bitte, erzählen Sie!“ „Ach, es war entsetzlich!“ rief Wera schaudernd.—„Doch hören Sie! Auf dem Heimweg von meiner verheiratheten Kousine, welche jenseits der Fontanka in der Iwanowskaja wohnt, war ich schon in die Nähe des großen Theaters gekommen. Ich hatte mich ohne meine Schuld verspätet und mußte ohne Begleitung den Weg antreten. Der Vollmond beleuchtete hell das Theater— gebäude und ich war froh, bald zu Hause zu sein. Da bemerke ich hinter mir zwei Männer, welche sich raschen Schritts mir näherten. Die Angst beschleunigte meine Schritte, mit aller An— strengung suchte ich aus ihrer Nähe zu kommen, jedoch ver—⸗ gebens, die Entfernung nahm immer mehr ab. Mein Weg lag im tiefen Schatten, denn er führte längs der Häuserreihe hin, welche dem Theater gegenüber liegt und ich fürchtete doppelt ein Zusammentreffen mit den Unbekannten an dieser dunkeln Stelle. „Endlich erreichte ich den Newsky-Prospekt, welcher in seiner ganzen Breite vom hellen Licht des Vollmondes übergossen war. Die beiden Männer waren nicht mehr zu sehen, ganz ver— schwunden, als fürchteten sie sich, in das helle Licht heraus— zutreten. Ich athmete wieder auf, überschritt rasch den Newsky und bog in den Bitjeny-Prospekt ein, welcher gleichfalls wieder auf der einen Seite in tiefem Schatten lag. Nur noch wenige hundert Schritte hatte ich bis nach Hause. Ich sah weit hinter mir eine hohe Gestalt vom Newsky her in die Straße einbiegen, „Da plötzlich, als ich an dies kleine Quergäßchen kam, finde ich mich den beiden Männern gegenüber, welche mich an der Ecke erwartet hatten. Vor Schreck war ich unfähig, mich von der Stelle zu rühren oder einen Ruf auszustoßen. „Diese ist's,“ sagte eine Stimme, die ich unter Tausenden wiedererkennen würde,—„mach' rasch.— Halte still, mein Täubchen, sei nicht ungeberdig, sonst wird Dir's schlecht ergehen.“ „Ein dickes großes Tuch wurde mir über den Kopf geworfen und so fest zusammengebunden, daß ich kaum athmen konnte. Zwei oder drei Mal konnte ich nach Hilfe rufen, dann fühlte ich mich an beiden Armen fortgezogen, trotz meines verzweifelten Sträubens. „Plötzlich hörte ich einen Ruf nicht ferne, dann näher, schnelle Schritte näherten sich, ich fühlte einen Stoß, dann wurden beide Hände losgelassen. Darauf hörte ich einen gräulichen Fluch und gleich darauf flüchtige Schritte, die sich rasch entfernten. „Fürchten Sie sich nicht mehr, mein Fräulein,“ sagte eine wohlklingende Stimme, und als das gräuliche Tuch mir vom Kopf genommen wurde, sah ich einen hochgewachsenen jungen Mann in feiner Kleidung vor mir stehen. Jetzt erst brach ich aus Angst in heftiges Weinen aus, und war nicht im Stande, ihm zu antworten, als er sich erbot, mich nach Hause zu ge— leiten und nach meiner Wohnung fragte. Es war mir ganz und gar unmöglich, ein Wort herauszubringen und vergebens bemühte ich mich, meinen Thränen Einhalt zu thun. „Da plötzlich sah ich, nach ihm aufblickend, wie ein Mensch Newsky zu besitzen, sich einzuordnen in die lange Reihe von Kunstsinn, dem Reichthum, dem verfeinerten Geschmack, dem Luxus mochte ich auszustoßen, da hatte schon ein Schlag das Haupt meines Retters getroffen und er war bewußtlos zusammen⸗ gebrochen. „Außer mir vor Angst und vor Wuth über den heimtückischen Mörder und fest entschlossen, nicht nochmals in die Gewalt der Verbrecher zu fallen, schrie ich wie rasend um Hilfe. Es wurde laut in der Straße, da und dort öffnete sich ein Fenster, eine Hausthüre, der Mörder schleuderte sein Brecheisen, das er in der Hand hielt, nach mir, daß es sausend über meinen Kopf hinweg⸗ flog, und ergriff die Flucht. „Ich bückte mich nach meinem Retter und unterstützte sein blutiges Haupt. Sein Gesicht war mir etwas bekannt, ich glaube, es öfters gesehen zu haben. „Mehrere Leute näherten sich, und der Dwornik?) unseres Hauses erkannte den jungen Mann als einen Studenten der Medizin, der im Hause wohnte, eine Treppe tiefer als wir. Er wurde auf sein Zimmer gebracht und man sandte nach einem Arzt. Inzwischen hatte ich meine Mutter geweckt, und wir brachten die Nacht am Lager des Verwundeten zu. Der Arzt erschien, machte einige Anordnungen und erklärte den Fall für sehr bedenklich. Indessen konnte er noch nicht sagen, ob unmittelbare, ernste Gefahr vorhanden sei.“ „Nun und wie hat er die Nacht zugebracht?“ sich wie aus einer Erstarrung erholend. „Anfangs lag er still, doch später wurde der Kranke sehr unruhig und sprach auch zuweilen von einer Ireue Paulowna und von einem Wladimir.“ „Und wo haben Sie das Tuch gelassen, das man Ihnen um den Kopf gebunden hatte? Es könnte zur Entdeckung der Thäter wichtige Dienste leisten.“ „Es ist wohl verwahrt. Mama will es der Polizei über— geben und ihr Anzeige von dem Ueberfall machen.“ „Sie sehen,“ sagte Wera's Mutter, Frau Uschakow,„Ihr Freund ist in sicherer Obhut; denn er hat den höchsten Anspruch auf unsere Dankbarkeit. Doch wird es mich freuen, Sie öfter hier zu sehen, wenn Sie Ihren edlen Freund besuchen kommen.“ Tief ergriffen erhob sich Karpow und schied mit der Bitte, die Sorge um den Kranken mit den Damen theilen zu dürfen. fragte Karpow, IV. Geheimnisse von St. Petersburg. Der Newsky-Prospekt in St. Petersburg ist eine jener groß— artigen Pulsadern, wie sie keine unserer modernen Riesenstädte entbehren kann. Was die Champs Elysées für Paris, die Linden für Berlin, Regent street für London, das ist für Petersburg der Newsky-Prospekt, ja noch wichtiger, denn mehr als jene hat er eine centrale Lage, durchschneidet er die ganze Stadt. Die Linden in Berlin übertrifft er weit an Länge, denn vom Admiralitäts⸗ platz an der Newa ausgehend, durchschneidet er die Stadt ihrer ganzen Breite, nach rechts und links große Verkehrsstraßen in sich aufnehmend und reicht, Werste weit nach Süden hin sich er⸗ streckend, bis zu dem berühmten Alexander-Newsky-Kloster mit seinen wunderthätigen Heiligenbildern. Der Newsky-Prospekt ist Gegenstand der Sehnsucht von Millionen. Alles, was in Rußland lebt, wünscht, wenigstens einmal ihn gesehen und beschritten zu haben, hoffend, dann auch zugleich des Kaisers Angesicht schauen zu können, der für das Volk ein überirdisches, mythenhaftes Wesen ist. Auch der Ehr⸗ geiz strebt nach dem Newsky-Prospekt. Denn vielen Tausenden ist es das Ziel aller Wünsche, einmal ein Magazin auf dem glänzenden Läden, welche dem Luxus nicht nur der Riesenstadt, sondern auch des ungeheuren Weltreichs dienen wollen. Und in der That, ein Reisender, welcher etwa mit dem Dampfer in Petersburg ankommt und Rußland nach dem Newsky-Prospekt beurtheilen wollte, müßte eine hohe Meinung erhalten von dem und der Bildung seiner Bewohner. Es ist wie eine großartige, permanente Weltausstellung, die Erzeugnisse europäischer Industrie neben den Produkten des fernen Ostens, Persiens, Indiens, sich hinterrücks herbeischlich. Nur einen einzigen Schrei ver⸗„) Portier. . ——ñ—ñ—ñ 5 5— 19 D. Japans, die Pariser Fabrikate des raffinirten Luxus neben grotesken Schmucksachen und Waffen aus dem Kaukasus, und nicht die letzte Stelle nehmen großartige Buchläden und Kunstausstellungen ein. Freilich sieht ein solcher Reisender nichts von der elenden Lebens— weise vieler Millionen, nichts von den meilenweiten Landstrichen von ödem oder nachlässig angebautem Land, nichts von dem Heer von hungrigen und korrupten Beamten, nichts von Unterschleif— Willkür und Bestechlichkeit, nichts von... Doch halt! Willst Du die schlafende Löwin nicht wecken, so wandle still durch die Straße der Schrecken! Vergiß nicht, daß Petersburg„im Stande des verstärkten Schutzes“ lebt, das heißt, im Belagerungszustande,— daß der Polizeimeister ohnedies schon das Recht, wie die Gewalt hat, Jeden, der ihm im Geringsten mißfällt, sofort ohne Weiteres auszuweisen, zu arretiren, oder auch mit nächster Gelegenheit nach Sibirien zu verschicken ohne Gericht und Urtheil. Es war an einem schönen, klaren, frostigen Februartage, als ein junger Mann langsam den Newsky-Prospekt hinabschritt, wie Jemand, der heute sein Tagewerk beendigt und jetzt keine Eile mehr hat. Er mochte etwa dreißig Jahre zählen, seine edel geformten Züge trugen das Gepräge der Ruhe, aber auch des Selbstvertrauens und der Thatkraft. Wenn er zuweilen den Blick erhob, so strahlte sein Auge im düsteren Feuer, jedoch nur wie in einem unbewachten Moment. Schnell erlosch es wieder, der Blick senkte sich, oder richtete sich theilnahmslos in die Ferne. Nichts Auffälliges war an ihm zu bemerken. Er war gekleidet wie tausend Andere, auf dem Kopfe eine leichte, schwarzbraune Pelzmütze von Biberfell, in einen eleganten Pelz⸗ paletot gehüllt, welcher bis oben zugeknöpft war, an den Füßen hohe Schneegaloschen, wie sie in Rußland so unentbehrlich sind. In gemäßigtem Schritt ging er seines Wegs, wie Jemand, der mit seinem Tagewerk zufrieden ist, oder wie Einer, der, seines Diners sicher, sich nicht zu übereilen braucht. Es mußte wohl ein Fremder sein, vielleicht erst seit kurzer Zeit in Petersburg sich aufhaltend, denn er hatte mit Niemand einen Gruß zu wechseln, er fand Keinen, mit dem er die Hände zu schütteln und einige Minuten plaudernd und das Gewühl betrachtend stehen zu bleiben veranlaßt gewesen wäre. Fremd und einsam, wie Robinson auf seiner wüsten Insel, schritt er weiter. Doch halt! zwei oder drei Mal geschah es doch, daß er mit einem Vorüber⸗ gehenden einen raschen, fast unbemerkbaren Blick wechselte und dabei jedes Mal mit der Hand langsam eine Bewegung nach seiner Brusttasche machte. Merkwürdig, diejenigen, welchen dieses Zeichen verständlich schien, beantworteten es stets durch einen Blick nach rechts und noch sonderbarer, sie waren alle ganz ebenso gekleidet, wie der ihnen entgegen Kommende, mit dessen Anzug der ihrige in Schnitt und Farbe übereinstimmte. Dann setzten sie ruhig ihren Weg fort, gleichfalls Niemand grüßend und anscheinend Niemand beachtend. Die Menge wuchs mit jeder Minute und immer stärker wurde das Gedränge, das oft schon undurchdringlich schien. Die Sonne stand schon tief gegen den Horizont geneigt, obgleich erst wenige Stunden seit Mittag verflossen waren. Es war die fashionable Stunde, in der es zum guten Ton gehört, einen Spaziergang über den Newsky zu machen, um nach seinen Be⸗ kannten zu sehen, oder um ihnen zu zeigen, daß man noch ge⸗ sund und auf freien Füßen ist, daß man zu den„Wohlgesinnten“ gehört und noch nicht als„verdächtig“ eingezogen ist, um in den Kasematten der Peter-Pauls⸗Festung einige Monate nach⸗ zudenken. Um jene Zeit herrschte fortwährende Aufregung in Folge der wiederholten Angriffe auf das Leben des geliebten Kaisers. Alltäglich entstanden neue beunruhigende Gerüchte und durchliefen blitzschnell die Stadt, obgleich sie Jeder nur ängstlich und vorsichtig seinem intimsten Bekannten mittheilte. So ge⸗ fährlich es auch unter Umständen werden konnte, auch nur diese Gerüchte zu kennen, so schien es doch für Jedermann unmöglich, sie für sich zu behalten,— sie mußten heraus und griffen un⸗ aufhaltsam weiter. Bald hieß es, der Kaiser habe beim Diner durch ein Telegramm aus London eine Warnung erhalten, sich nicht an seinen Schreibtisch zu setzen, weil die Stearinkerzen in den silbernen Leuchtern auf demselben mit Dynamit gefüllt seien. Dann hieß es, ein Gensdarm sei mit wichtigen Depeschen, welche ihm in einer verschlossenen Mappe übergeben worden, von dem gleich aufhängen, oder sonst sofort beseitigen, dann kann er Kaiser im Winterpalast abgefertigt worden. Als man dort die Mappe öffnete, seien die Depeschen verschwunden gewesen und an deren Stelle hätte sich nichts vorgefunden, als die neuesten Nummern einer nihilistischen Zeitschrift, welche in Petersburg fort— während erscheine, ohne daß man die geheime Druckerei entdecken könne.— Große Angst verursachte aber das Gerücht, vor der Kasan'schen Kathedrale auf dem Newsky-Prospekt habe man Briefe gefunden, welche die Drohung enthielten, man werde den Winterpalast und die Kasan'sche Kathedrale in die Luft sprengen. a Manche wagten gar nicht mehr, diesen Gebäuden nahe zu kommen. Viele, sehr Viele aber gingen auf der Straße stets rasch ihres Wegs, weder rechts noch links blickend, ängstlich jeden Gruß vermeidend und waren sehr wenig erfreut, wenn sie dennoch von einem Bekannten gegrüßt oder gar angeredet wurden. Denn, wer konnte wissen, ob dieser nicht auch schon zu den Verdächtigen gehörte, und sie damit selbst auch anrüchig machte. Vielleicht hatte er mit seiner unnützen, unverzeihlichen Schwatzhaftigkeit eben erst, ohne es zu wissen, mit einem Nihilisten gesprochen und konnte so Jeden unglücklich machen, mit dem er darauf wieder redete. Vielleicht wurde er schon von früher her beobachtet, und verbreitete so die Anrüchigkeit immer weiter.— „So ein Verdächtiger wird doch früher oder später jedenfalls einmal festgenommen, es wäre daher besser, man würde ihn wenigstens nicht Andere auch noch unglücklich machen.“— So ungefähr war die Ansicht solcher ängstlichen Gemüther, und leider hatten sie damit zum Theil recht. Doch nur dem Einheimischen waren solche Verhältnin Rbe— kannt, nur dem Eingeweihten war das gedrückte Wesen der auf dem Newsky-Prospekt wogenden Menschenmasse sichtbar. Für den Fremden war er in der That wie immer ein merkwürdiger Anblick, ein seltenes, mannigfaltiges Schauspiel, dieser unaufhörliche Menschenstrom. Da waren die zahlreichen Uniformeu des Heeres, der Marine, der Beamten, größtentheils malerisch und kleidsam, da waren die langzöpfigen Chinesen, mit tiefem Ernst auf den ziemlich häßlichen Gesichtern, dann schlanke Lesghier und andere Bergbewohner aus dem Kaukasus mit ungeheuren Pelzmützen und langen oft recht elegant gearbeiteten Leibröcken, auf der Brust mit kleinen Patrontaschen benäht, da waren Grieihen, dann Türken, kleine Armenier mit listigen Gesichtern, Perser, Turkmenen und andere Orientalen, welche sich ohne Skrupel unter die Ungläubigen mischten, da waren aber auch echte Peters⸗ burger, mit mehr oder weniger Eleganz in kostbares Pelzwerk gehüllt. Unglaublich ist aber der Luxus, der darin oft getrieben wird, und wer in Petersburg eine gewisse Stellung einnehmen will, wird nicht umhin können, tausend Rubel für einen Pelz⸗ paletot zu opfern. Noch kostbarer ist oft das Pelzwerk vom blauen Fuchs, Hermelin, Skongs, welches die vornehme Damen— welt schmückt, und meist unsinnige Summen kostet. In, sogar Schlittendecken von feinem Pelzwerk, welche dem reichen Besitzer ein kleines Vermögen kosteten, gehören zum guten Ton. Ebenso gehört auch zum guten Ton ein bärtiger Kutscher von imposanter Korpulenz. Dergleichen Leute sind sehr gesucht und werden schon für ihr ansehnliches Format gut bezahlt. Ist etwas Der⸗ artiges aber etwa nicht zu finden, so begnügt man sich eben mit einem gewöhnlichen Iwan, derselbe muß sich dann aber bequemen, noch eine überflüssige Anzahl Jacken und Binden unter seinen Kaftan zu nehmen, bis sich seine Gestalt der Kugel— form nähert und damit dem ästhetischen Gefühl des Herrn und dem„guten Ton“ der Mode entspricht als sprechendes Bild der Ueppigkeit in dem Hause, dem er dient. (Fortsetzung folgt.). Das Orakel der Sulvesternacht. Erzählung von A. Brüning. (Fortsetzung.) Die Stunde der Mitternacht war mittlerweile herangerückt. Die Gesellschaft sammelte sich in bunter Reihe um den großen Tisch, auf welchem Alles zum Bleigießen vorbereitet war. Man d= 0 8 20.. rief nach der Tochter des Hauses.„Kommen Sie, wir werden vermißt,“ flüsterte sie, mich hastig mit sich fortziehend. Als wir herantraten, war das Gespräch— ich weiß nicht mehr, durch welchen Zufall— gerade auf Hero und Leander gekommen. Der Sturm schien eben jetzt seinen Höhepunkt er⸗ reicht zu haben; unheimlich klang sein Pfeifen und Heulen, unter⸗ mischt mit dem dumpfen Brausen des Wassers in den fröhlichen Lärm der Unterhaltung hinein. „Gut, daß in dieser Nacht kein Leander über den Fluß zu schwimmen braucht,“ bemerkte einer meiner jüngeren Kameraden, indem er sich behaglich in seinen Sessel zurücklehnte. „Glaube auch kaum, daß er lebendig zu seiner Hero kommen würde, Herr Kamerad!“ schnarrte ein Anderer mit näselnder Stimme. „Mein Gott, Komtesse, wie bleich Sie sind! Ist Ihnen nicht wohl?“ rief plötzlich eine der Damen, auf Komtesse Wladislava blickend. Dieselbe war in der That weiß, wie die Blumen in ihrem Haar. Ich, der ich neben ihr saß, hörte auch deutlich, daß ihre Zähne wie im Fieberfrost aufeinanderschlugen. Aller Augen richteten sich auf sie. Auch Graf Szariszow blickte unruhig auf seine Tochter.„Was fehlt Dir, Wlada? Du siehst nicht gut aus, mein Kind,“ sagte er, die Worte mit einem Blick begleitend, der mir eine Mahnung zu enthalten schien. Die Komtesse strich mit der schlanken Hand über die Stirn. „Es ist nichts, nur ein leichter Schwindel, der schon vor— übergeht,“ sagte sie, sich zum Lächeln zwingend.„Wahrscheinlich eine Folge des Tanzes von vorhin; die Herrschaften brauchen sich derum nicht im Geringsten zu beunxuhigen.“ an seinen Nachbar.„Nicht wahr, Komtesse? Die Vorstellung eines in den Fluthen versinkenden Leanders, die wir leichtsinnig heraufbeschworen, hat Ihr weiches Herz allzu sehr erschüttert?“ Er lachte selbst aus vollem Halse über den kapitalen Witz, den er nach seiner Meinung gemacht, und die Gesellschaft that ihm den Gefallen, darin einzustimmen. Auch Komtesse Wladislava ihre Glieder schüttelte. mit dem Bleigießen zu beginnen. ich laut über den Tisch.„Eh bien! Bereiten wir uns vor, einen Blick in die Zukunft zu thun!“ Mit Jubel wurde die Mahnung aufgenommen. Ein Jeder Gleich darauf hielt Jeder eine kleine Pfanne in der Hand, unter der eine Spiritusflamme brannte. Daneben stand für Jeden ein Gefäß mit Wasser. „Jetzt, Achtung, meine Herrschaften!“ belehrte ich mit krampf— hafter Lustigkeit.„In dem Augenblick, wo die Uhr zum Schlage aushebt, läßt ein Jeder sein siedendes Blei in die Schüssel laufen und das Orakel ist fertig. Ich wünsche, daß es aller— 1 1 seits ein Erwünschtes sein möge!“ Tiefe, fast feierliche Stille herrschte jetzt im weiten Saale. All' die übermüthig blitzenden Augenpaare waren erwartungs— voll auf das Zifferblatt der Uhr gerichtet. Mein Blick fuhr unwillkürlich zu Komtesse Wladislava hinüber. Sie war ge— spenstisch-bleich, große Tropfen perlten auf ihrer Stirn, während ein Schauer nach dem andern ihren Körß, durchflog. War sie abergläubssch? Es schien so, denn sie zog plötzlich die Hand, welche die Pfanne hielt, vom Feuer zurück. Sie fürchtete sich offenbar vor dem Orakel. Auch die Andexen hatten das jetzt bemerkt. „Ah, Komtesse wollen sich ausschließen?“„Das gilt nicht!“ „Das kann nicht zugegeben werden!“ so schwirrte es durchein— ander, und unter dem allgemeinen Entrüstungssturm blieb der also Ueberfallenen nichts anderes übrig, als den Zauberapparat wieder aufzunehmen. Jetzt— der große Moment war gekommen: langsam und feierlich hallten die zwölf Schläge durch den Saal und a tempo floß zischend aus jeder Pfanne das flüssige Blei in die Schüsseln. In das Jubeln und Lachen, welches das Erkennen und Errathen der in den letzteren enstehenden Figuren begleitete, tönte plötzlich . i 8—— 2———————— warfen gespenstischen Schein auf das schöne, todtbleiche Antlitz, „Ich glaube, wir beide sind Schuld, Herr Kamerad,“ wandte sich der mit der näselnden Stimme in komischer Zerknirschung lachte mit den Uebrigen, aber ich sah, wie ein leiser Schauer Ich wollte der Qual ein Ende machen, indem ich vorschlug, „Es ist gleich zwölf!“ rief bemächtigte sich voll Eifer der vor ihm stehenden Geräthschaften. ein kurzer, schriller Aufschrei. Er kam von Wladislava's Lippen, und zugleich sahen wir sie todtenbleich, geschlossenen Auges, gegen die Lehne ihres Sessels sinken. Alles sprang erschrocken von den Sitzen auf. Die zunächst Sitzenden warfen scheue Blicke in die vor der Bewußtlosen stehende Schüssel.„Wie seltsam— ein Sarg. flüsterte mit leisem Schütteln eine der Damen.„Hm, ja, wahrhaftig!“ bestätigte der Lieutenant mit der näselnden Stimme,„fataler Zufall, hm!“ Man bemühte sich um die Leblose. Graf Szariszow, der sogleich auf sie zugetreten war, beugte sich über sie, während er die Gesellschaft, die verstohlene Blicke tauschte, bat, sich durch den kleinen„Zwischenfall“ nicht stören zu lassen. Seine Tochter sei ja schon den ganzen Abend nervös gewesen, sonst würde der Streich, den ihr der Zufall gespielt, nicht solchen Eindruck auf sie gemacht haben. Es sei auch jedenfalls nur eine momentane Betäubung, die gewiß schnell vorübergehen werde. „Darf ich um Ihre Hülfe bitten, Herr Lieutenant?“ wandte er sich an mich, der ich stumm und verstört in der Nähe stand. „Ich denke, wir tragen sie einen Augenblick an die frische Luft, dort wird sie sich am schnellsten erholen.“ Natürlich war ich bereit, und so brachten wir die Bewußt— lose auf eine rund um den Saal laufende verdeckte Gallerie, wo wir sie in einen der gruppenweise vertheilten Sessel gleiten ließen. Ein kalter Luftzug wehte uns entgegen und ließ die von farbigen Glocken geschützten Lampen, welche an metallenen Ketten von der Verandadecke herniederhingen, heftig aufflackern. Sie das regungslos an der dunklen Holzlehne lag. Der Graf schauerte fröstelnd zusammen. „Ich fürchte, meine Tochter wird sich hier erkälten in dem leichten Gewande,“ sagte er.„Ich eile, mir von ihrer Zofe einen Mantel für sie geben zu lassen; bleiben Sie ihr indeß zur Seite, ich bin sogleich zurück!“ Und mit hastigen Schritten eilte er davon. Ich stellte mich vor die Bewußtlose, mit meinem Körper sie vor der eindringenden Kälte zu schützen. Mein Herz schlug wild unter der Angst und qualvollen Spannung des Augenblicks. Wladislava glich völlig einer schönen, geschmückten Leiche. Bei ihrem Anblick ergriff mich plötzlich glühend und unwider— stehlich das Verlangen, ein Mal, nur ein einziges Mal meine heißen Lippen auf diesen holden, blassen Mund zu drücken. Ich weiß nicht, ob ich, der ich sonst keine abergläubische Regung gekannt, dennoch unter dem Einfluß des unheimlichen Orakels stand, genug, ich hatte in jenem Moment das unabweisbare Ge— fühl, daß es das Antlitz einer dem Tode Geweihten sei, das da unter dem Wasserrosenkranze in bläulicher Weiße hervorschimmerte. — Rasch, als könnte es zu spät werden, beugte ich mich herab; aber ehe noch meine verlangenden Lippen die ihren erreicht, fuhr abermals heulend ein Windstoß daher, der die Wellen des Flusses gegen das nahe Ufer warf. Meinen aufgeregten Sinnen klang es fast, als riefen die Wasser in zorniger Ungeduld nach einem Opfer. Da— ktäuschte ich mich! oder mischte sich in die brausenden Naturstimmen wirklich noch ein anderer— ein menschlicher Laut? Es hatte mir geklungen wie ein gedämpfter, langgezogener Pfiff,— war es nur der Schrei eines Wasservogels gewesen? oder vielleicht ein Signal meines Nebenbuhlers zum Stelldichein? Der Gedanke durchblitzte mich wie mit körperlichem Schmerz und weckte auf's Neue in meiner Brust einen glühenden Haß gegen den Tollkühnen da draußen auf den Wellen. Der Wunsch, daß sie ihn verschlingen möchten, schoß mit jäher Gewalt durch mein fieberndes Hirn. Ich glaube, fast haßte ich in diesem Augenblick auch sie, Wladislava, die, als ob jener Ton die Kraft gehabt, ihre Betäubung zu durchdringen, plötzlich mit einem zitternden Seufzer die Augen aufschlug und verstört um⸗ her blickte. Im nächsten Augenblick schauerte sie zusammen und brach, die Hände vor das Antlitz schlagend, in konvulsivisches Weinen aus. Der Anblick ihrer Thränen brachte allsogleich eine Wand⸗ lung in meiner Stimmung hervor: mein eben noch so wild empörtes Herz fühlte wieder nichts als zärtliches Mitleid für sie. 0 2 2 — . 1 4 — 22 E „Wladislava— hören Sie auf, ich bitte Sie, ich kann Sie nicht weinen sehen,“ flehte ich, indem ich versuchte, ihr sanft die Hände vom Antlitz zu ziehen. Sie machte eine gewaltsame Anstrengung, sich zu fassen. Ich sah die nickenden Wasserrosen an ihrer Brust auf den schlanken Stielen ein paar Mal heftig auf- und niederschwanken, dann sagte sie, wie entschuldigend, mit einem unendlich rühren— den Lächeln:„Ich konnte nichts dafür— es war der Schrecken, der noch in meinen Nerven nachzitterte. Ich weiß wohl, ich war recht kindisch, aber jetzt ist es vorüber, ich bin wieder ganz ruhig.“ Trotz dieser Versicherung zitterte sie, als sie sich aufrichtete, so heftig, als ob sie sich kaum noch auf den Füßen halten könne. „Zur Gesellschaft möchte ich indeß doch nicht mehr zurück⸗ kehren,“ fuhr sie mit ganz sicherer Stimme fort;„es ist ja auch schon spät; wollen Sie es übernehmen, mich drinnen zu entschuldigen?“ 5 Sie sah an mir vorüber, während sie sprach. Mir schien es, als lausche sie nach dem Flusse hin. Ich antwortete nur durch eine stumme Verbeugung. Sie wollte mich verabschieden, ich merkte es wohl, aber ich ließ den Wink unbeachtet, wußte ich doch nur zu gut, warum! Einen Augenblick schwieg sie; als ich aber keine Miene machte, mich zu entfernen, streckte sie mir mit einem„Gute Nacht“ die schlanke Hand entgegen, indem sie zugleich mit einigen stammelnden Worten mir ihren Dank aussprach. Ich fühlte es wie einen scharfen Stich im Herzen, während ich die kleine bebende Hand an meine Lippen zog. Jetzt sollte es also zur Entscheidung kommen— aber nein, ich war ent— schlossen, sie noch so lange wie möglich hinauszuschieben. „Komtesse wollen mich fortschicken,“ sagte ich im Tone scher⸗ zender Vernunft;„nein, nein, das geht nicht. Ihr Herr Vater hat mir die Ehre erzeigt, Sie meinem Schutze anzuvertrauen, und es wäre unverantwortlich von mir, wenn ich Sie in Ihrem gegenwärtigen Zustande verlassen wollte.“ „Aber ich fühle mich wirklich wieder ganz kräftig, Sie dürfen unbesorgt sein!“ sagte sie mit mühsam beherrschter Stimme, während die angstvolle Ungeduld aus jedem ihrer Züge sprach. Ich wußte, wie ich sie quälte, es war grausam von mir; aber ich konnte nicht anders. „Nicht doch, Komtesse, Sie zittern ja noch wie Espenlaub,“ fuhr ich daher unbarmherzig fort.„Bin ich Ihnen denn so unsympathisch, daß Sie mich durchaus los sein wollen?“ „Nein, nein, gewiß nicht, wo denken Sie hin!“ rief die also in die Enge Getriebene in fast verzweifeltem Tone,„aber ich fühle, daß Ruhe und Alleinsein mir wohlthun würden, und, nicht wahr, wenn ich Sie nun herzlich darum bitte, so werden Sie gut sein und mir den Willen thun?“ Welch' unwiderstehlicher Klang in der süßen Stimme! Aber nein, konnte ich die Ursache dieses Flehens vergessen? In trotzigem Schmerz biß ich die Zähne aufeinander. „Ich möchte gern jeden Ihrer Wünsche erfüllen, Komtesse,“ beharrte ich bei meinem Widerstande,„aber der Herr Graf— ich kann wirklich nicht....“ „Wenn ich Ihnen doch nun versichere, daß mein Vater nichts dagegen haben würde und ich überdies die Verantwortung bei ihm übernehme!— Ah... da kommt er selbst! Gott sei Dank!! 8 Sie flog dem Grafen entgegen, der, einen schwanbesetzten weißen Kaschmirmantel auf dem Arm, soeben auf die Gallerie hinaustrat. 8 „Lieber Vater,“ komm' doch her und entbinde meinen allzu pflichttreuen Ritter seines Wortes!“ rief sie mit erzwungenem Scherz.„Ich möchte allein sein, aber er meint, mich nicht ohne Deine Erlaubniß verlassen zu dürfen, obschon ich wieder ganz wohl bin.“ „Das freut mich, zu hören, mein Kind,“ erwiderte Graf Szariszow lächelnd.„Welchen Schrecken hast Du uns ein— gejagt! Ich kannte ja meine tapfere Wlada gar nicht wieder in Dir! Nun, es scheint, Du hast die kindische Anwandlung schnell überwunden! Nehmen Sie herzlichsten Dank, Herr Lieutenant, für Ihren Beistand,“ wandte er sich dann zu mir, „und verzeihen Sie, daß ich so lange auf mich warten ließ; meine Gäste drinnen bestürmten mich mit theilnehmenden Fragen, so daß ich mich nicht eher losmachen konnte. Aber nun dürfen Sie sich der Gesellschaft wirklich nicht länger entziehen. Ich glaube, die Jugend möchte noch tanzen, da sind die Herren Ofsiziere unentbehrlich. Da also meine Tochter uns, wie sie versichert, nicht mehr braucht, so denke ich, kehren wir in den Saal zurück.“ Ich verneigte mich stumm. geschnürt. „Du willst uns also nicht begleiten, der Graf. „Nein, dazu fühle ich mich doch zu angegriffen; ich möchte noch ein wenig hier in der frischen Luft verweilen,“ klang es leise zurück. 5 „So nimm zuvor den Mantel, den ich Dir mitgebracht.“ Er hüllte die bebende Gestalt fest in den weichen, schmiegsamen Stoff, dessen schwanbesetztes Kapuchon er ihr über das dunkle Köpfchen zog. In welch' statuenhafter Blässe sich das Antlitz aus dem flockigen Weiß hervorhob! Sie barg es einen Augen— blick an der Brust des Grafen:„Dank, liebster Vater, und Gute Nacht!“ klang es halb erstickt. Seine Arme schlossen sich sekundenlang fest und zärtlich um die feine Gestalt. Es schien mir, als wenn er hastig etwas auf sie herabflüsterte.—„Muth!“ glaubte ich zu verstehen.—„Gute Nacht, mein Kind,“ sagte er dann laut, sie von sich lassend,„bleib' nicht mehr zu lange in der kühlen Nachtluft!— Kommen Sie, Herr Lieutenant!“ Er schob seinen Arm durch den meinen, es blieb mir nichts übrig, als ihm zu folgen. Wie im Traum fühlte ich noch den zitternden Druck einer kleinen kalten Hand, hörte ein halb ge— flüstertes„Gute Nacht, Herr Lieutenant“.— Gleich darauf stand ich wieder in dem erleuchteten Saale, dessen blendende Lichtfülle beinahe schmerzhaft meine Augen berührte. Die Gesellschaft war in lebhafter Bewegung— die Jugend, auf Anregung des Obersten, in voller Tanzbereitschaft. Alles, was an den verhängnißvollen Bleiguß erinnerte, war sorgfältig weggeräumt. Man wartete nur auf beruhigende Nachrichten des Gastgebers, um sich auf's Neue der lautesten Fröhlichkeit zu überlassen. In den ersten Sekunden erfaßte ich indeß nichts von alle— dem. Vor meinen Blicken zeichnete sich mit beinahe schmerz— hafter Deutlichkeit ein ganz anderes Bild, das ich in eifersüch—⸗ tiger Qual mit allen Sinnen verfolgte. Ich sah eine weißver⸗ huͤllte Elfengestalt die Stufen der Gallerie hinabsteigen und weiter in todesmuthiger Liebe durch den wilden Graus der Sturmnacht bis hinab an das wogengepeitschte Ufer...... Ein finsterer Blick meines Obersten verscheuchte jäh die Vision und rief mich zum Bewußtsein der Wirklichkeit und meiner versäumten Pflicht zurück. Mit einem Gefühl unendlicher Erleichterung empfand ich jetzt den Druck des fremden Armes, der den meinen gefangen hielt und mich dadurch an der anbefohlenen Verfolgung gehindert hatte. Ich wußte mich durch diese Thatsache entschuldigt und beantwortete seinen Blick daher nur mit einem trotzigen Achsel— zucken. Wenn ich indeß gehofft hatte, der mir übertragenen Mission ledig zu sein, so hatte ich ohne die Energie und Zähigkeit meines Chefs gerechnet. Derselbe erfaßte schnell die Situation und wußte sie zu beherrschen. Mit liebenswürdiger Beflissenheit eilte er auf den Grafen zu, dessen beruhigende Ver⸗ sicherungen er mit der Miene aufrichtiger Freude entgegennahm. „Ah, dann steht ja nun der Erfüllung Ihrer heimlichen Wünsche nichts mehr im Wege, meine jungen Herrschaften,“ rief er mit der jovialen Heiterkeit, die ihm so gut zu Gesicht stand. „Herr Graf, erbarmen Sie sich der tanzlustigen Füßchen unserer jungen Damen.“ Mit lächelnder Bereitwilligkeit gab der Graf das Zeichen zum Beginn der Musik; die Aufforderung kam augenscheinlich seinen eigenen Absichten entgegen; er ahnte sicher nicht, daß der harmlos lächelnde Oberst Komödie mit ihm spielte. „So, nun ist die Jugend befriedigt,“ sagte Letzterer,„und ich denke, wir können nun eine Weile gemüthlich mit einander plaudern, mein lieber Graf! Sie erinnern sich, daß ich Ihnen bei unserer letzten Begegnung von einer äußerst seltenen alten Münze sprach, die meine Soldaten vor Kurzem in hiesiger Gegend Die Kehle war mir wie zu— mein Kind?“ fragte 5 23. gefunden haben. Ich versprach Ihnen, da Sie ja Liebhaber und zugleich Kenner sind, dieselbe einmal zu zeigen und habe sie heute mitgebracht. Herr Lieutenant,“ wandte er sich an mich,„wollen Sie die Güte haben, sie herbeizuholen? sie steckt in einem Etuis draußen in meinem Ueberrock.“ Ein gebieterischer Blick begleitete die Aufforderung, deren geheimen Zweck ich nur zu wohl verstand: es sollte mir dadurch Gelegenheit gegeben werden, mich unauffällig aus dem Saale zu entfernen. Mein Herzschlag stockte, während ich mich ver— beugte und gewohnheitsmäßig mein„Zu Befehl, Herr Oberst“ murmelte. „Aber das ist ja nicht nöthig,“ protestirte der Graf liebens— würdig,„es könnte ja ebenso gut einer der Diener...“ „Nicht doch, ich fürchte, der würde lange suchen müssen, ehe er unter der stattlichen Mäntelzahl den richtigen herausfände!“ lachte der Oberst.„Sie, Herr Lieutenant, kennen ja den meinen und werden daher schneller zum Ziel gelangen. Ich hoffe, Sie machen Ihre Sache gut! Uebrigens,“ fügte er, von der scharfen Betonung der letzten Worte zu einem sehr natürlich angenom⸗ menen gutmüthigen Accent übergehend, hinzu,„will ich Sie nicht länger als nöthig von der Betheiligung am Tanze zurück⸗ halten, Sie können uns Ihren Fund durch einen Diener in jene Plauderecke bringen lassen, wohin ich unsern liebenswürdigen Wirth zu entführen gedenke.“ Er deutete auf ein entferntes Seitenkabinet, indem er den Arm des Grafen, von dem er mich so geschickt befreit, durch den seinen zog. Mit einem Gefühl dumpfer Pein sah ich die Beiden sich durch die tanzenden Paare winden, dann richtete ich mich straff auf und eilte dem als Garderobe dienenden Vorzimmer zu. Der bezeichnete Gegenstand' war bald gefunden; ich händigte ihn, den Wink des Obersten befolgend, dem dort harrenden Dien er ein, mit der Weisung, ihn in jenes Seitenkabinet zu bringen. So wie der Diener den Rücken gewandt, riß ich Mütze und Degen von der Wand und stürmte auf dem mir wohlbekannten Wege durch den nach der Hinterfront des Schlosses führenden langen Korridor hinaus in's Freie.(Fortsetzung folgt.) Lose Blätter. Schmuggler an der salzburgisch⸗bayerischen Grenze.(Siehe Illustration.) Kaum ein anderer Mensch in der weiten Welt wandelt so gefährliche Wege, als der Schmuggler im Hochgebirge. Ist es für den Touristen oder Gemsjäger schon im Hochsommer gefährlich, sich auf wenig betretenen Pfaden auf die Joche und Grate der Bergriesen hinaufzuwagen, so wächst die Gefahr beim Eintritt der rauhen Herbststürme ganz gewaltig. Stürme, die uns in den tiefen Thalmulden schwach und ungefährlich erscheinen, toben droben auf den Berghöhen mit rasender Gewalt. Da prasseln dicke Hagelkörner auf den einsamen Wanderer nieder, die ihm Gesicht und Hände blutig schlagen, da braust der Sturmwind über ihn hin, daß er Mühe hat, sich auf den Beinen zu erhalten, da durchnässen ihn Regen⸗ fluthen bis auf die Haut oder dichte Schneewehen überschütten im Nu die schmalen Felsstiege und lassen den Wanderer rathlos in der un⸗ geheuren Oede der Felsregionen. Die Schmuggler aber, welche um kargen Gewinnes willen Waaren von der österreichischen Grenze zur bayerischen hinüberschleppen, müssen die einsamsten Wege wandern und diese sind natürlich die gefährlichsten. Da geschieht es denn oft, daß sie mitsammt ihrer schweren Last in schneeüberdeckte Felsspalten hinabrutschen und qualvolle Stunden erleben, bis die Gefährten sie befreien können, oder daß sie gar elendiglich in der Kälte zu Grunde gehen. Mancher bricht im Steingeröll den Fuß und kann froh sein, wenn die Genossen, die ihn zurücklassen müssen, um ihre Waaren in Sicherheit zu bringen, später rechtzeitig wiederkehren, um ihn auf einer Tragbahre zu Thal zu schleppen. Wer nun den Elementen da droben so kühn die Stirn bieten muß, der schrickt auch nicht vor einem Kampf mit den Grenzwächtern zurück. Gar mancher Hüter des Gesetzes wurde da droben schon mit durchschossener Brust oder zerschlagenen Gliedern todt in den Felsenklüften aufgefunden. Je höher die Zollschranken an den Grenzen aufgerichtet werden, desto größer wird die Zahl der Schmuggler, das zeigte sich am Klarsten, als Napoleon die Kontinentalsperre einführte. Die fast uner⸗ schwingliche Höhe des Zolls machte derzeit die Hälfte der Greuzbewohner zu Schmugglern. R. E. Die Cagots. Die Distrikte im Westen und Süden Frankreichs, von Bretagne und Maine an durch Poitou, Guienne, Gascogne, Bearn und die baskischen Provinzen bis nach Navarra und über die Pyrenäen hin⸗ über sind wenig erforscht und die Bevölkerung zeigt an manchen Orten noch einen ganz primitiven Typus. Ueber diesen ausgedehnten Landstrich zerstreut wohnt ein Volk, dessen Ursprung noch ein Räthsel, das noch weniger gelöst ist als das über die Zigeuner, von denen wir, wegen ihrer eigenthümlichen Sprache, wenigstens so viel wissen, daß sie aus Indien stammen müssen; dies Volk ist seit undenklichen Zeiten unter den Namen Cagots, Capots, Agots oder Gahets, oder unter dem noch seltsameren Chrestiaa (Christ) bekannt, obwohl letzterer ganz in Vergessenheit gekommen zu sein scheint. 2 Fast jedes Dorf besitzt eine oder zwei Cagotfamilien, zum Mindesten findet sich Zeugniß ihres früheren Daseins in dem Namen ihres Wohn⸗ sitzes, namentlich im spanischen Navarra, welches wohl ihr Hauptsitz ge⸗ wesen ist und wo sie noch jetzt ziemlich zahlreich sind. Ihre Wohnungen waren fast immer auf eine besondere Straße oder Stadtabtheilung be⸗ schränkt und in Dörfern bewohnten sie meist einen besonderen Weiler, der häufig durch einen Fluß von den anderen Wohnungen geschieden war. An manchen Orten, wo die Cagotfamilien seit geraumer Zeit ausgestorben sind, scheinen ihre Wohnungen zerstört worden zu sein, und der Name tous Cagots oder tous Chrestias haftet jetzt an unbewohnten Plätzen, oder ihre Wohnungen dienen jetzt einem schimpflichen Zwecke; zu Mont de Marsan z. B. ist jetzt das ganze Quartier der Cagots, hier Gezits genannt, von übelberüchtigten Leuten eingenommen. In den Kirchen findet man die zahlreichsten und dauerndsten Anzeichen des Daseins der Cagots, sowie des Abscheues, den die übrigen Einwohner gegen sie hegten. An einigen Orten scheinen sie vor Alters eigene Kapellen gehabt zu haben, in den meisten Kirchen des westlichen und südwestlichen Frank⸗ reichs aber findet sich eine kleine, jetzt oft vermauerte Thür, die Cagot⸗ thüre genannt, durch welche sie nach einem besonderen Theile der Kirche gingen und sich auch eines besonderen kleinen Weihwasserkessels bedienen mußten, denn auch die Kirche betrachtete sie, an manchen Orten noch kurz vor dem Ausbruche der Revolution, als eine verfluchte Race; man erzählt noch aus dem Jahre 1789 Fälle, wo Cagots, die sich des allge⸗ meinen Weihwassers bedienten, beinahe als Opfer der Volkswuth gefallen wären. Das Vorurtheil gegen die Cagots beschränkte sich nicht auf das Innere der Kirche, denn fast in jedem Kirchspiel hatten sie einen beson⸗ deren Kirchhof, oder wenigstens eine besondere Abtheilung auf demselben; ebenso wenig durften sie an demselben Brunnen Wasser holen, wie andere Leute, weshalb an vielen Orten sich sogenannte Cagotsbrunnen finden. Die tief gewurzelte Abneigung gegen diesen als verflucht angesehenen Stamm drang in alle Lebensberhältnisse ein; kein Cagot konnte Priester werden, und daher das im Baskenlande gewöhnliche Sprichwort, um etwas Unmögliches zu bezeichnen:„Das geschieht nicht eher als bis ein Cagot Priester wird.“ Männer und Weiber, die sich mit Cagots ver⸗ mählten, verloren dadurch sozusagen ihre Kaste und wurden von ihren nächsten Verwandten geflohen. An vielen Orten dauert dies Vorurtheil noch bis auf den heutigen Tag und man erzählt Fälle, die in der Bre⸗ tagne, wo man gerade schon sehr früh das Loos der Cagots zu bessern sich bemühte(die Cacous von St. Malo erhielten bereits von Herzog Franz II., dem Vater der bekannten Anna von Bretagne, einige Milde— rungen ihres Looses, auch Franz J., König von Frankreich, gab einige Verordnungen zu ihren Gunsten. Im Jahre 1681 wurde ein Gesetz erlassen:„Da keine Aussätzigen, Ladres oder Caquins sich mehr zu Kerroch, Kirchspiel St. Caradec d'Hennebon, befinden, so soll in Zukunft kein Unterschied mehr unter den Bewohnern des Dorfes— welche bis⸗ her Begräbnißplätze und Kapellen abgesondert gehabt haben— gemacht und alle während ihres Lebens zur Wohlthat der Kirchspielsunterstützung zugelassen und nach dem Tode in der Kirche begraben werden.“), vor einigen Jahren vorgekommen sind und von dem vielfach verbreiteten Vorurtheil zeugen, daß die meisten Personen aus reinem Blute, die sich mit Cagots verbinden, bald nach der Heirath krank würden und daß viele davon stürben, während die, welche genesen, kräftiger seien als zuvor. Michel, auf dessen Werk:„Histoire des races maudites de la France et de Ihspagne“ man lange Zeit mit großer Spannung gewartet hatte, der aber über die eigentlichen Cagots nur Materialien gesammelt hat, welche zu einer künftigen Bearbeitung der Geschichte dieser Menschenklasse ein nützlicher Beitrag sind, ohne etwas Neues darzubieten, behauptet auf die Glaubwürdigkeit eines Korrespondenten hin, daß es Fälle gäbe, wo Cagotfrauen in kurzer Zeit drei junge und kräftige Ehemänner, die keine Cagots waren, aus dem Leben hinausbeförderten, und daß der um⸗ gekehrte Fall, wo Cagotmänner ebenso rasch drei Nicht⸗Cagotweiber um— brachten, gleichfalls vorgekommen sei. Merkwürdig ist, daß die Cagots, im Ganzen genommen, die tyrannische Verachtung, der sie ausgesetzt waren, mit Resignation trugen, obgleich sie oft reicher und auch in anderer Beziehung den vermeintlichen reinen Racen überlegen waren. In ihren populären Balladen sprechen sie von ihrer Stellung oft mit Scherz und ohne Bitterkeit und nur selten sind die Fälle, wo sie sich der Mißhandlung offen widersetzten. In einigen Dörfern bilden indeß solche Streitigkeiten noch jetzt das Gespräch unter alten Leuten. g 8 Jetzt ist durch die mannigfache Vermischung das Vorurtheil größten⸗ theils gebrochen und die physischen Eigenthümlichkeiten, wenn sie solche besaßen, sind verschwunden. Ziemlich allgemein stimmen die Nachrichten überein, daß den Cagots das untere Ohrläppchen gefehlt habe, weshalb man sie Kurzohren genannt, was noch jetzt an manchen Orten gebräuch⸗ lich ist, auch sollen sie sich durch eine besonders weiße Haut und einen breiten Kopf ausgezeichnet haben. Daß sie aber durchgehends Cretins gewesen sind, ist nicht an dem, freilich fanden und finden sich körperlich Entartete in den Tiefthälern vor, doch solche Cagots, welche in offenen Gegenden, auf Bergen oder Ebenen wohnen, sind meist hochgewachsen, ziemlich hager, muskulös, haben eine lange, vorspringende Nase, stark ausgeprägte Züge und dichtes, kastanienbraunes Haar. Eine andere Ursache ihres baldigen Erlöschens, wenigstens in den baskischen Pro— vinzen, sind die seit längerer Zeit erfolgenden Auswanderungen, denn die baskischen Auswanderer, welche nach Amerika, meist nach Uruguay, gehen, sind größtentheils Cagots. Dr A. k. 8 2 2 9.* 0 a g 2*. 7 ä 1 9—* 1 1 1** 55 1 1 2 Aenigsprorenade⸗ Schach. hob steig“ bt reh„ J Problem Nr. 485 von J. Pospisil in Prag. 1— 1 ö ö——ü—Pd ũ wo- drang tern trau dem ten schicl⸗ das um“ stal⸗,,, 7, 2 und gen⸗ le glüt⸗ trau mu- wal⸗ sal ge- sich 1 5 22 5. 1 2 . V* 1 11 g 9 5 wet⸗ tern wie bahn sten auf thig lot les kann 1—. 1 1 E. a,, * A 1-, 5 kühn sar cae⸗ steil⸗ der pi⸗ selbst al ⸗ e,., 6 5* CCT 55.. 1 *, 5 laß in den es o- schei⸗ tern o- 4 15 3— gv.———., 5, 5 wa h. den e ben gelt der od der den lan⸗ e.. 5 E 7 2 . ling voll muß wa le⸗ laß wo⸗ gen mer du. 9 1 1————— 3 N za angst⸗ um tämpft gen die don⸗ 125 750 im- 3 22 e, . gen wer ho- hes nernd bran⸗ nur bleib,. ö,. 5 9, .*,, 11 * ,.. ,,, 1 Rrithmogriph. d 5 Weiß . Aus nachfolgenden Ziffern sind neun Worte zu bilden, deren An⸗ . fangs⸗ und Endbuchstaben von oben nach unten gelesen, zwei Räthsel— Weiß zieht an und setzt mit dem vierten Zuge Matt. 8 arten ergeben.„Dieses Problem wurde im Problemturnier des deutschen Schachbundes durch ehrende Er Die neun Wörter bezeichnen: wütnung auscgeich met. 5 5— Ei Baum. 3 . f 1 i 5 g e Italien. Auflösungen. 4 42 8 9 38 5 10 8 5 11— Eine Stadt in Unterelsaß. J 5 1. von G.. Radomitz. 5 2 6 183 12 7— Eine e2—e Are . 12 6 13 12 11 7 Eine 3 75 175 2) be2—424 Kdi-el; ed, Sdg 1 0 63 8 3 6 10 8 5 11— Ein Schweizer Kanton. 3) Sa, Ldb resp. Ddg: 7 93 f 13 5 7 14 3 13 25— Ein Wiederkäuer. g Dem Auch. nach dem 1* N e noch 3 2 — 5 1 15 5 yer d U 1 8. U 0 att un * 5 12 3 6 15 12— Eine Oper von Wagner. ein dsr das Matt Die Lösung 8 e von T c in. 18 1 7 16 9 17 21— Ostspitze Asiens. in B; Dr. Knopf in G.; H Michaelis in Th.; O N in B., Ur. Wehrmeister un R. 12 14 2 5 10 2 18 19— Stadt am Neckar. 5 8 1 5 Problem Nr. 479 von F. 15 in Rostock. 2— 2— 5 8 4 ö 1) Des-—-h3 ce! 5 Viersilbige Charade. 2) Lb—d8 es- 4 8. i 5 a 8) LdS—f6 e- I4:(S zieht * In meinen beiden Ersten liegt das Ganze; 4) Seꝛ cs(ds) 7 5 Ein wahres Paradies auf Erden hier, 5 5 10 11 f Natur und Kunst wetteifern. Und im Kranze Mads Vartan nat bemalen Ire 1 20% A e e e e 85 5 Der Schönheit winkt verlockend Alles Dir. Matt; 1). Sd c. 2 Dagf Kes 9 Le. 808 4 Des Matt und 1) ef ch 2) N g Kdö g) Scaf Kch(dt) 4 Des resp. coc Matt. Diese legte Variante läßt auch die fol- 5 Auch in den beiden Letzten liegt das Ganze. gende Erledigung zu: 2) Ses Kd5 3/ Scsf Kc 4) Sds Matt resp 2. beliebig 3) dast 5 Ob es auch früher wohl dir Reichthum bot dd 4 Des Matt. Durch Hinzufügung eines schwarzen Bauern 1 u wäre die zweite seing . 9 70 Ar 2 8. 7 Spielweise wohl auszuschließen. dagegen scheint es unmöglich, dieselbe durch Seleiligung der * Verführerisch mit seinem Goldesglanze, andern, etwas minder werthvollen Erledigung 4 einer korrekten Variante zu gestalten. D 3 Zog es doch Tausende in Noth und Tod. 8 wurde angegeben von W. Kron* Dr. Knopf in G.; H. Michaelis in Th. 5 5 1 Weißgerber in B., Th. Kraus in B., G. G. Schnitler in L. 4 Trennst du die Ersten von den letzten Beiden, 4 B So dienen sie zur Labung und zur Lust:* g 155 7 * Sie bringen Heilung uns für viele Leiden Problem Nr. 480 von J. Barsdorf in Krefeld. 8 5 Und wecken neues Leben in der Brust. 1) pal! Tb d 7: 1 Genau dasselbe thun die beiden Letzten. 2) Kgz-—h3! Keb, Tü7t gar ꝛc. . Auch Deutschlands edles Gaiserpaar 3) algen g. eß) 700 1 6 Erlabet an den Ersten und den Letzten Varianten: 1).. Ke 2) Klzt Kds 3 Dal Matt, 1). 4 2 P41 Kes 3* 2 sich 5 f* 1. Ther 2) che 80 T4 Ter(ha! 2 Te(här So gern sich in dem Ganzen jedes Jahr. pern Malt 1* beliebte 2 Tac 3 1 75 A ue— 2 0 — gegeben von W. Kron in B., Th Kraus in B; Ur. Knopf in G. H. Michaelis in Th. 1 Auflösung des Silben-Raäthsels in voriger Nummer: 1. Wabash. a 1 5 2. Euphrat. 3. Nossauo. J. Niemann. 5. Elefant. 6. Ida. 7. De Aus der Schachwelt. 5 0 7*. 8. Erfurt. 9. Rhea. 10. Heinrich. II. Assyrien. 12. Tonne. Der Stich tampf. 1 4 a uber dan eren und meltem 5 N Londoner 1 I 5. 5 185 e er. Schachturnier zu bringen hatte, ist nach fünf Particen, von denen jeder Spieler eiue un 55 88 5 5 9 5 1 4 1 130 3 A Remis e als. 2090— det beiden reite. 1 4* U dreißig und zwanzig Pfund. unter Burn und Guns berg getheilt worden. Blabur ne. hat, hat Noth;— der dreisilbigen Charade: Pompadour; des der 6% 1 J. 2—*. ersten Preisträger— erreicht hatte, erhielt den 8— rat⸗Räthsels: dritt tort mit 6 Punkten den vierten Preis 7 Raͤthsels: Handel. Händel: des Quadrat- Räthsels: 1 18 Juden Problemturner ber, ne erhielt C Plau in London de E ö TEE TIER OI den besten Dreizüger i Bellen Preis, der ersie Preis für Zweizüger wurde der W * ö N 2 von Taverner in Bolton England) zuerkannt. 8 H 1 in— Der australische Schachverband hat beschlossen. im nächsten Jahre einen Schach lon 2 ö 7 in 3 abzuhalten. An Preisen sollen mindestens fünfhundert Pfund zur * 9 4 5 ˖ un, e en. . E Adee eee* 3 Alintt Schachklub werden auch in diesem Jahre wieder die 3 delt 1— ausgesochten; an dem ersten Turnier haben sich zehn Mitglieder betheuligt n— Nach einer Mittheilung in der„Frankfurter Schach zeitung“ 7 die Schochliterstur 8 E 2 in nächster Zeit durch zwei neue Werke uber die Theorie des achspiels 9— werden. DN GOL I Das erste derselben wird von E. Freeborough und C. G. Ranken unter 144 Oerten Fraser und Wayte herausgegeben. das zweite erscheint unter dem. 1 8 durch die Schachtheorie“ und hat den rühmlichst bekannten Schach theoretiler S. Corbel zum 0 TEN DIE Verfasser. 11 R A B FA II g 5 f Biriefwechlel. n* Druc und Verlag der„Volts- Zeitung, Att.-Ges. in Berlin, Lütowstr. 105.— e Redaltrur: N. Elche in Berlin, Lüpewsir. 105. Dr. K. in G. Bal der Lösungsangabe der Nummern 471 und 475 sund Sie lid v. We worden; beide Lösungen waren wer und zur 192 eingetroffen.