r d zu den Oberhessischen Machrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Gießen, den 8. April. II. „Nun mache nur kein so verzweifeltes Gesicht, Jella; was ist's denn weiter? Es hat mich nur gewundert, daß Dein Vater sich nicht schon längst wieder verheirathet hat. Dein Bruder Leo würde sich keinen Augenblick darüber gegrämt haben, der präch— tige, herrliche Mensch, er war so ganz anders wie Du!“ sagte Gräfin Anka seufzend. „Ja, hätte ich nur noch einen Bruder!“ rief Jella und bedeckte das bleiche Gesicht mit den Händen. „Du hast ihn nicht gekannt und hast ihn nie vermißt; ich aber habe ihn erzogen, zum schönsten, stolzesten Jüngling erzogen. Da kam das Unglück. Nie hat Ungarn einen glänzenderen Offizier besessen, und er mußte sich unglücklich machen eines elenden Weibes wegen!“ Jella hob den Kopf und sah die Gräfin fragend an. „Komme und setze Dich hier neben mich auf die Causeuse, mäßige aber Deine raschen und heftigen Bewegungen, sie regen mich auf. Du dauerst mich, so siehst Du aus und erinnerst mich lebhaft an Deine Mutter an ihrem Hochzeitstage. Der sterbende Blick macht mir ganz übel.— So, wenn Du nun ganz ruhig neben mir sitzen willst, dann will ich Dir von Leo er— zählen. Was mir ihn schon als kleinen Knaben lieb und theuer machte, war, daß er bis in's innerste Mark hinein ein Aristokrat gewesen ist. Deine Mutter brachte ihn hierher, als er vier Jahre alt war, und sie hat ihn hier zurückgelassen und ihn nicht wiedergesehen. Der alte Oberst hat sich nicht viel um ihn ge— kümmert, die Erziehung fiel mir allein zu. Der schöne Knabe begleitete mich nach Ungarn, wohin mich das traurigste der Verhängnisse zurückrief. Graf Josika, der Peiniger meines Lebens, liebte und haßte den Jungen, und ging gewöhnlich von der unbegreiflichsten Schwäche für ihn zu grausamer Härte über. Mein Vater, Oberst Androchich, hat mir vorgeworfen, ich hätte ihn verdorben. Graf Josika hat es gethan, nicht ich. Syste— matisch hat der Teufel das Gift in das junge Herz geträufelt, er nahm ihn mit zu den Orgien, als Leo noch ein Knabe war, und da wollte man denn noch staunen, als die Kunde kam, daß der Junge seine Geliebte, eine elende Schauspielerin, erschossen habe. Sie haben ihn hier in Voridori gesucht, aber ich trat den Häschern entgegen und sagte ihnen:„Gehet doch zum Herrn Grafen Josika, der kann Euch sagen, was aus dem Herrn Lieutenant geworden ist.“ Der Oberst tobte und fluchte und hätte den Enkel noch mehr in die Patsche gebracht, wenn ich nicht ihm gegenüber kühn behauptet, ich hätte es mit eigenen Augen gesehen, wie er das Papier unterschrieben. Der Bankier in Agram hatte Leo eine bedeutende Summe auf die Unterschrift Ein dunkler Schatten. Novelle von M. Elton. Fortsetzung.) des Obersten hin übergeben, und Oberst Androchich behauptet, daß sie gefälscht gewesen sei. Dem sei nun, wie ihm wolle, was thut der Mensch nicht Alles, wenn ihn die Verzweiflung packt. Leo hat sein Erbtheil vorausgenommen, das ist schließ— lich Alles.“ Gräfin Josika griff nach dem neuesten Pariser Odeur, be— freite dann die durchsichtig weißen Hände von den Handschuhen und tauchte einige Finger in die milchweiße Masse. Jella sah mit wirren Blicken ihre Tante an.„Ein Mörder, ein Be— trüger, ein Dieb ist er gewesen?“ rief sie außer sich,„o, ich schäme mich, ich schäme mich bodenlos vor den Leuten hier, die um die Geschichte wissen. Nun weiß ich, warum mein Vater und Niemand den Verlorenen erwähnte!“ Gräfin Anka sah ihre Nichte an, als verstände sie absolut nicht eine solche Auffassung.„Willst Du ihn mit dem Maßstab des gewöhnlichen bürgerlichen Lebens messen, ihn nach der Richtung des engen pedantischen Gesetzes, das der gemeinen Masse angepaßt ist, beurtheilen, so darfst Du seine Handlungsweise verdammen. Leo war eine Feuerseele, ein Aristokrat, ein hoch— begabter Mensch. Zu beklagen ist es, daß das Gesetz nichts ist, als eine rohe Kraft, berechnet für eine rohe Kraft.“ „Zu allen Zeiten ist der Begriff von Ehre derselbe gewesen,“ rief Jella mit flammenden Augen.„Er ist todt, der Unglück— liche,“ setzte sie hinzu und senkte den Kopf;„möge ihm Gott gnädig sein!“ „Das versteht sich ja von selbst, Mädchen,“ sagte Gräfin Josika und hob ungeduldig die Schultern.„Gut ist's ja, daß Leo vernünftig gewesen ist, zu sterben, da seine nächsten Ver⸗ wandten ihn doch nie begriffen und verstanden hätten. Er hat mir einmal geschrieben; da er mir keine Adresse angab, konnte ich nicht antworten. Es ging ihm nicht gut in Australien, das war Alles, was er mir mittheilte. Ich bin ruhig über ihn geworden, seit ich weiß, daß er todt ist. Wie nahe ich ihm gestanden, das hat er mir bewiesen. Es ist heute der 4. No— vember, Jella,“ sprach die Gräfin in ernstem, feierlichem Tone; „siehe hier Dir gegenüber den Spiegelschrank. Vor sieben Jahren am 4. November, genau um diese Stunde, um 6 Uhr Abends, ist Dein Bruder gestorben. Ich öffnete den Schrank, um ein Kleidungsstück daraus zu nehmen, da kam mir Leo's Gesicht entgegen, bleich und entstellt, eine Schußwunde auf der Stirn. Als ich nach einer langen Ohnmacht wieder zu mir kam, da wußte ich, daß er todt war.“ Ein heftiger Windstoß erschütterte das einsame Gebäude und langsam öffnete sich die Thür des Glasschrankes. Jella schrie laut auf und die Gräfin, todtenbleich, fiel in die Causeuse W. 9* 11 9* 9 114 ** e zurück und bekam einen heftigen Nervenanfall. Vera eilte herbei und trug sie auf den starken Armen in das anstoßende Schlaf— zimmer. Traurig, den Kopf auf die Hand gestützt, blieb Jella in der Gräfin Wohnzimmer und wartete auf die Rückkehr der Kammer— frau. Sie hörte das krampfhafte Weinen ihrer Tante; endlich wurde es ruhig nebenan und Vera kam leise in das Zimmer. „Gnädiges Fräulein erlauben, daß ich mich hier niederlasse,“ flüsterte sie;„Frau Gräfin schlafen eben, aber ich muß in der Nähe bleiben.“ „Vera, war meine Tante immer so nervenschwach?“ fragte Jella die Kammerfrau. „Jawohl,“ gab sie zur Antwort und nahm eine Näharbeit auf, es schien, als wollte sie den ganzen Abend nicht mehr den Mund öffnen. „Hassest Du mich, Vera, oder hast Du meine Mutter ge— haßt?“ fragte das junge Mädchen nach einer Weile, während sie mit verdüstertem Gesicht der schweigsamen Kammerfrau zusah. Vera sah von ihrer Arbeit auf und das kalte, unbewegliche Gesicht überzog sich mit jäahem Roth.„Ich kenne das gnädige Fräulein nicht, Fräulein Jella Androchich hat mich mehr als einmal durchgepeitscht, als ich, eine zwölfjährige Waise, hierher nach Voridori kam,“ sagte die Frau gleichgültig, ohne Haß, ohne Bewegung. f „Du willst sagen, daß meine Mutter sehr böse gewesen ist,“ fuhr Jella auf. Vera schüttelte den Kopf.„Das nicht,“ sagte sie ruhig,„sie hat es von der Mutter gehabt, die wußte auch nicht, was sie that, wenn ihr das Blut in den Kopf stieg. Ihre Mutter sollte Gräfin Josika werden, da hat sie dem Grafen eines Tages eine solch blutige Beleidigung entgegen geschleudert, daß er sich rächte und kurzweg Fräulein Anka heirathete. Die Ehe war denn auch darnach, auf seiner Seite völlige Gleichgültigkeit, auf ihrer Eifersucht und Quälerei, bis er sich von ihr scheiden ließ. Da war das Lied zu Ende. „Tag und Nacht nannte man die Schwestern, die eine war dunkel wie die Gewitternacht, voll leuchtender Blitze, die andere war wie der sonnige Tag. Glücklich aber ist noch nichts aus Voridori hervorgegangen; es gährt ein dunkles Verhängniß über dem unheimlichen Hause,“ flüsterte die alte Dienerin und ihr Gesicht wurde bleich.„In dem ganzen Lande geht die Sage, daß fast alle Besitzer von Voridori sich mit Blutschuld bedeckt haben; man sagt, keinen ausgenommen,“ fügte sie schnell hinzu. „Doch nicht mein Großvater?“ schrie Jella auf. „Stille, stille, Sie wecken die Gräfin,“ flüsterte Vera.„Ihr Großvater? Kein Mensch weiß, wie Ihre Großmutter gestorben ist. Eine Schußwunde in der Brust, freilich kann sie dieselbe sich ja selbst beigebracht haben.“ „Du bist schrecklich, Vera; weißt Du, was Du sagst, grauen— haftes Weib?“ rief Jella mit angstvollem Blick. „Nein, das weiß ich nicht,“ lachte sie auf.„Warum haben Sie mich meinem Schweigen entrissen? Sie sehen ja, daß ich nicht reden darf, daß man in Voridori Alles mit Erde und Todesschweigen überdeckt. Der alte Mann schläft und die Gräfin wühlt in den Spitzen und Seidenstoffen und liest französische Bücher,— wir sind ruhige, zufriedene Leute hier, Fräulein Jella, was wollen Sie mit Ihren Fragen und den forschenden Augen? Sie gleichen der Nacht mit den zuckenden Blitzen, man muß sprechen, wenn man auch nicht will und darf,— eine Ge— witternacht aber war Ihre Mutter nicht mehr, als sie mit dem kleinen Jungen hierher kam, nur noch ein trüber, stiller Abend, gebrochen war sie in ihrem innersten Wesen. Eine Sehnsucht verzehrte sie, eine tiefe, unheilbare Sehnsucht; aber Graf Josika dachte nicht mehr an sie; er schwelgte in den Freuden der ungarischen Hauptstadt, während seine Frau sich in Eifersucht verzehrte.“ „Du willst behaupten, daß meine Mutter nicht aufgehört hat, den Grafen Josika zu lieben?“ preßte Jella mit zornsprühenden Augen hervor und packte krampfhaft den Arm der Dienerin. Die kalten Augen maßen sie höhnisch.„Das will ich,“ antwortete sie eisig.„Was lag Jella Androchich an dem feinen, sorgsam aufgeputzten Manne, der immer dasselbe glatte, freund— liche Gesicht zeigte? Sie hatte ihn den Winter in Triest kennen gelernt und dachte nur:„Fort, fort von Voridori, ehe Graf Josika die blonde Schwester heirathet.“ Ich erwartete damals ein Unglück, Jella Androchich wußte gut mit dem Dolche um⸗ zugehen,— sie that nichts, sie zog mit dem glatten Manne nach Deutschland. Ihr Sohn aber, der ihr nicht glich und ein gar feiner Herr war, mußte doch etwas vom Blute der Androchich in sich haben: er war kaum zwanzig Jahre alt, da lud er die Blutschuld auf sich.“ Jella sprang entsetzt auf.„Schweige, um Gottes Willen, fürchterliches Weib, Du bist wie das verkörperte, boshafte Schicksal des verfluchten Hauses, welches das Unglück hohnlachend heraufbeschwört.“ Vera's ausdruckslose Augen sahen gleichgiltig auf das bleiche zitternde Mädchen.„Ich bin nur Zuschauerin gewesen, mein gnädiges Fräulein; ja freilich, das Schicksal ist eine blinde Macht und muß die Dinge gehen lassen, wie sie gehen müssen. „Weiß meine Tante, daß Du die Schauerchronik des Hauses Androchich bist und daß Du so freigebig mit ihrer Verbreitung bist?“ fragte Jella mit bebenden Lippen. „Das weiß Gräfin Josika nicht und kein Mensch weiß das. Bisweilen aber, wenn sie ihre französischen Romane müde ist, dann erzählen wir uns die alten Geschichten. Sie greifen wunderbarer Weise der Gräfin Nerven nicht an; geben doch diese Traditionen dem Hause Androchich, das keine aristokra— tischen Ahnen hat, eine Bedeutung, in der Ihre Tante die überzeugendste Bürgschaft für das ritterliche Blut der Androchich erblickt.“ Jella starrte die Sprecherin an, um deren Mund es höhnisch zuckte. Dieses Weibes kalte Augen hatten in alle Gräuel ge— sehen, sie streiften spottend der verlassenen Gräfin Schwächen, und es entführen ihr Worte darüber, als sei es ihr Beruf, den Greis und dessen Tochter, deren Dienerin sie war, auf jede Weise bloszustellen. „Warum hassest Du das Haus, das Dir von jeher Unter— kunft und Schutz gewährt hat?“ fragte Jella nach einer Weile angstvollen Nachdenkens. Wie von einem Schlag getroffen, richtete sich die Dienerin auf.„Ich hasse Niemand, sonst würde ich auf Rache gesonnen haben; aber lieben thue ich die nicht, denen ich Sklavendienste leisten muß, bis ich in die Grube sinke. Sie sprechen von Schutz und Unterkunft? Gehen Sie, Sie sind ein Kind, meine Arbeiten und Leistungen hier sind nicht mit Tau— senden zu bezahlen, die Androchich sind meine Schuldner, ich bin ihnen keinen Dank für ein Sklavenleben schuldig.“ „Warum bist Du hier geblieben?“ fragte Jella und starrte noch immer auf das Weib, vor dem ihr graute. „Die Gewohnheit, mein gnädiges Fräulein,“ antwortete Vera ruhig,„und wo sollte ich denn hingehen? Ich wäre anderswo ausgenutzt worden, wie hier; wir Unglücklichen, denen nichts wie das nackte Leben mit in's Dasein gegeben wird, sind und bleiben die Lastthiere der Reichen. Ein Mann kann sich dagegen auf— lehnen, ein Weib nicht, besonders nicht, wenn sie häßlich ist, wie Vera Görgej. Nun gehen Sie, mein gnädiges Fraulein, ich höre Gräfin Josika, sie hat Ihrer nicht nöthig, sie braucht keinen Menschen auf der Welt wie mich.“ „Hast Du aus Rache den Vorhang vor den fürchterlichen Dingen zurückgezogen?“ fragte Jella, ehe sie das Zimmer verließ. „Sie meinen wegen der Peitschenhiebe, die mir einstens Jella Androchich gab?“ fragte sie und zuckte im Fortgehen die Schulter.„Ich sagte Ihnen ja, daß ich mich nie rächen werde, ich dachte nur, weil Sie der letzte Sproß der Familie sind, dürfte man Ihnen die Geschichte Ihrer Vorfahren nicht vor⸗ enthalten.“ Damit verschwand sie im Schlafzimmer der Gräfin Josika. a Jella fröstelte; sie zögerte hinauszutreten in die öden, un⸗ heimlichen Gänge, in denen der Sturm heulte und der Regen durch das schadhafte Dach heruntertropfte. Nun wußte sie, warum Schrecken und Angst ihre Begleiter noch bis zur Stunde in dem fürchterlichen Hause waren, sie konnte ihrem Großvater heute Abend nicht mehr in das versteinerte Gesicht sehen, sie fürchtete ihn, fürchtete die stumme Nähe dieses— Mörders! Wie Blutlachen sah das trübe Wasser aus, das sich langsam in den verfallenen Gängen ansammelte und Jella's raschen, angst⸗ haften Lauf nach ihrem Zimmer aufhielt. Endlich stand sie in 1 K K R ͤ 115 2 e 5 928 dem großen, leeren Raume, den die Kerze nicht erleuchtete. Schaudernd blickte sie um sich in die düsteren Ecken. Waren die dunkelen Stellen auf dem Boden nicht in die alten Dielen ein— gedrungenes Blut? Wie viel Leichen aus der Familie Androchich hatten hier mit klaffenden Wunden auf den Brettern gelegen, auf denen sie eben stand? Sie sprang entsetzt von der Stelle, auf der ihr Fuß weilte und floh nach dem Divan, auf den sie sich schaudernd drückte. Sie brachte eine schreckliche Nacht zu; die Kerze war aufgezehrt und Jella starrte in das undurch— dringliche Dunkel der Novembernacht. Durch die Grabesstille hörte sie Stöhnen und Wimmern und vor ihren brennen— den Augen huschten Schreckbilder vorüber, hohläugige, fleischlose Gesichter überboten sich in rasend schnellem Wechsel in grauen— haften Grimassen, bis das arme Kind es nicht mehr länger aushielt und dem unheimlichen Zimmer entfloh. Ein Schauder schüttelte ihren Körper, als sie athemlos vor dem niedrigen, langgestreckten Gebäude stand und es mit angstvollem Blick noch einmal überschaute. In dem Eckzimmer zu ebener Erde brannte noch ein trübes Licht; mechanisch wendete sie ihre Schritte diesem Theil des Gebäudes zu und schaute durch das Fenster. Da lag ihr Großvater noch in dem Lehnstuhl an seinem Platze am Kachelofen. Der Kopf hing über der Rücklehne herunter in einer unnatürlichen Lage, das Gesicht war schauerlich entstellt, die Züge wie von Schrecken gelähmt und mit Todtenblässe be— deckt.„Todt, todt!“ schrie Jella auf und sank, trotzdem sie sich krampfhaft an den Eisenstäben des kleinen Fensters hielt, wider— standslos zu Boden. Aber das Gefühl des Grausens, des Ent— setzens besiegte die augenblickliche physische Schwäche, sie raffte sich auf und lief, ohne sich umzuschauen, in die fahle Dämme— rung des trüben Morgens hinein, an den hier und da zerstreut liegenden niedrigen Häusern mit den kleinen Fensterlöchern vorüber, bis sie endlich nach einem stundenlangen Lauf erschöpft an dem Rand der Landstraße niedersank. Sie wurde aus der kurzen Betäubung durch eine klagende Stimme neben sich ge— weckt, und sah im trüben Lichte des Wintermorgens eine junge Frau, geschüttelt vom Froste des Wechselfiebers, das in Kroatien jahraus, jahrein die armen Menschen heimsucht. Jella schenkte der armen Frau von dem Gelde, das sie zu sich ge— steckt, ließ sich von ihr Auskunft über den nächsten Weg zur Eisenbahn geben, und nachdem sie einen schnellen Blick auf ihre Kleidung geworfen und sich überzeugt hatte, daß der lange, dunkele Mantel die durch den raschen Lauf derangirte Toilette hinlänglich bedeckte, setzte sie ihren Weg fort. Keinen Blick warf sie mehr zurück, die Schrecken der verflossenen Nacht beschleunigten den schnellen Schritt ihres schmalen, leichten Fußes. Endlich athmete sie erleichtert auf, sie saß gesichert in einem Coupe der Eisenbahn und schlief fest ein, bis man ihr zurief: „Aussteigen!“— Sie war in Marburg, wo nach allen Rich— tungen hin die Schienen sich den Weg eröffnen in das bunte Gemisch der österreichischen Kronländer. Da waren alle Natio— nalitäten in ihren malerischen Trachten und kennzeichnenden Physiognomien vertreten, da war der Ungar, der Steyermärker, der Böhme, da ließ sich der Tyroler, der Illyrier und der Italiener gemächlich nieder. Jella flüchtete, von Müdigkeit überwältigt, in einen Winkel des düsteren, weiten Wartesaales, und das Gewoge der bunten Trachten bewegte sich wie ein Traum an ihr vorüber. Ein schöner, stolzer Mann, dessen Jugend längst hinter ihm lag, ging vorbei und warf einen matten, gleichgültigen Blick auf die Menge. Plötzlich stockte sein Fuß und in die verschleierten Augen kam jugendliches, warmes Leben, so daß der Kopf mit dem 0 kurzen, lockigen, ergrauenden Haar plötzlich um viele Jahre jünger erschien. Die schlanke, edle Gestalt richtete sich hoch auf und die Hand bedeckte einen Augenblick die Stirne, als müsse er sich klar darüber werden, daß die Zeit uns nie und nimmer die Liebe erweist, plötzlich zu einem Lebenspunkt zurückzukehren, der uns theuer über Alles ist.„Jella Androchich!“ börte plötzlich Jella dicht vor sich eine tiefe, ausdrucksvolle Stimme. Erschreckt schaute sie empor und sah die hohe Gestalt des in Pelz gehüllten Mannes über sich gebeugt. Der Ausdruck seines Gesichtes und seiner dunkelen Augen beruhigte sie; denn es lag eine unbeschreibliche Milde und Güte darin, es schien selbst, als schimmerte es feucht in seinem Blick. a „Jella Wellner,“ sagte sie und sah vertrauensvoll in dieses Antlitz, das ihr bis in die innerste Seele wohl that. „So sei es dem Zufall gedankt, der mir einen Herzenswunsch erfüllt und mir Jella Androchich's Tochter zuführt; ich bin Dein Onkel, mein liebes Kind, Graf Josika,“ und er nahm Jella's Hand, drückte seine Lippen darauf und sah ihr tiefbewegt und nachdenkend in's Gesicht. „Mein Onkel!“ flüsterte sie tief erröthend. „Du erröthest, mein Kind?“ fragte er schmerzlich berührt. „Du kommst von Voridori, das könnte mich darüber aufklären; was man Dir immer von mir gesagt haben mag, es sind Alles nur die Folgen einer einzigen vereitelten Hoffnung gewesen. Nimm meinen Arm, Jella, wir wollen dieses Gedränge verlassen, ich will Dich in ein Zimmer führen, wo wir wenigstens uns verständigen können.“ Sie legte zitternd ihre Hand auf seinen Arm und folgte ihm in den Wartesaal erster Klasse, wo nur Wenige sich aufhielten. Sein Auge ruhte wehmüthig tief auf ihr, er schüttelte den Kopf, als könne er es kaum glauben, daß es nicht Jella Androchich war, die an seiner Seite saß. Ein Bedienter mit Handgepäck und Reisedecken trat zu dem Grafen, und Jella's gutes Auge unterschied auf den Knöpfen der Livre das Wappen, das Gräfin Josika überall in reicher Fülle in ihren Zimmern angebracht hatte. Es hätte dessen nicht bedurft, denn die Er— scheinung dessen, der sich ihr Onkel nannte, flößte ihr völliges Zutrauen ein. „Ich muß wohl sehr meiner Mutter gleichen,“ sagte Jella, indem sie mit einem offenen Lächeln des Grafen gänzlicher Ver— sunkenheit in ihr Anschauen begegnete. „Du siehst ihr so ähnlich, daß mir die Klage im Herzen weint:„Jella, warum hast Du mir das gethan? Doch Du bist ihr Kind, Du bist so jung, und obschon es mich dazu drängt, mit Dir darf ich nicht über sie sprechen,“ sagte er und richtete sich rasch auf.„Erzähle mir von Dir! Warum reisest Du allein? Wohin gehst Du von Voridori?“ Wunderbarer Weise erzählte sie ihm Alles ohne Rückhalt. Ihre Thränen flossen, sie blickte ihm in das milde Angesicht, in dem ein Ausdruck lag, dem sie nicht widerstehen konnte, und nun wußte er Alles. Er strich ihr über das dunkellockige Haar, er drückte ihr warm die bebenden Hände, und sie weinte ihren Kummer bei ihm aus. Das that ihr wohl, seit so langer Zeit wieder einmal einen Menschen, der ihr nahe stand, der Gefühl und Verständniß für ihren Kummer und ihre Verlassen— heit hatte, vor sich zu sehen. „Du hast recht, mein Kind, Du mußt wohl jetzt Deine Reise nach der Heimath fortsetzen; aber versprich mir, daß Du Dich eines väterlichen Freundes, des treuesten und ergebensten, den Du hast, erinnern willst, wenn Dir je das Leben Schwierigkeiten in den Weg legen sollte. Um dieses Anrecht, das ich beanspruche, Dir zur Pflicht zu machen, muß ich Dir von Jella Androchich sprechen, ich muß es,“ rief Graf Josika und sein bleiches, edles Gesicht färbte sich mit jähem Roth. „Thue das, Onkel!“ rief Jella mit flehendem Ausdruck. „Das Bild, das ich mir von meiner Mutter entwerfe, ist ent— stellt durch das Urtheil von Menschen, die sie nicht gekannt und nicht geliebt haben. Mein Vater hat mir kaum von ihr ge— sprochen, von ihr nicht und nicht von meinem Bruder Leo.“ „Dein Bruder Leo,“ sagte Graf Josika langsam,„war der Zögling Deiner Tante; es kam wie blinde Wuth über mich, wenn ich gezwungen war, in dem verweichlichten, energielosen Buben den Sohn der Frau zu sehen, deren Herz und Seele so unergründlich tief waren, daß jedes andere Weib wie ein wesenloser Schatten neben ihr erschien. Ja, er wurde mir verhaßt, der Junge, weil er der Abklatsch Deiner Tante geworden war.“ Seine Stirne hatte sich umwölkt und Jella legte bittend ihre Hand auf seinen Arm. 1 „Sprechen wir von Jella Androchich,“ flüsterte sie. „Ja, sprechen wir von ihr, von ihr, zu ihr, zu ihrem Ebenbild,“ sagte er. „Der Zug nach Triest ist im Begriff abzugehen, Herr Graf,“ meldete der eilends hereinkommende Bediente. „Ich werde meine Nichte begleiten,“ antwortete Graf Josika ruhig;„Du erwartest mich hier morgen“oder übermorgen.“ Gegenliebe selig im Herzen, die Welt aber wußte nichts von unserem Bündniß. Da warf sie mir eines Tages vor, daß ich das Duell mit einem armen jungen Menschen vermieden, dessen Vater— jetzt darf ich es sagen— meine Kniee umfaßt, daß ich seinen einzigen Sprossen, einen kränklichen, reizbaren Jungen, nicht dem gewissen Tode aussetze. Meine Handlungsweise wurde in der Gesellschaft in Agram verstanden, nur nicht von Jella Androchich.„Feigheit“ warf sie mir vor. Da war es aus zwischen uns, und in der Erregung verlobte ich mich am selben Abend mit ihrer Schwester; die Gesellschaft gratulirte, und ich ging zu Oberst Androchich, mir seine Einwilligung zu holen. Jella war nach Triest zu einer Verwandten abgereist. Laß mich von dieser Zeit der Höllenqual schweigen; ich wartete darauf, daß mir Jella ein Wort der Abbitte schreibe und mich zu sich zurückrufe. Der Tag war nahe, der mich an das damals wohl liebliche, aber ungeliebte Mädchen fesseln sollte,— ich ertrug es nicht länger und eilte nach Triest. Als ich durch die Straßen schritt, sah ich Jella Androchich in die Kathedrale eintreten. Ich zögerte einen Augenblick, dann schlich ich leise nach. In einer Seitenkapelle, in die der Abend bereits seine Schatten warf, lag sie auf den Knieen vor dem Bilde der heiligen Jung— frau. Einige brennende Kerzen zeigten mir Jella's Gesicht; nie und nimmer habe ich den Ausdruck des tiefsten Seelen— schmerzes, der gänzlichsten Auflösung in Jammer und Weh auf einem Menschenantlitz so ergreifend gelesen, wie auf ihren bleichen, entstellten Zügen. Sie rang stumm die Hände und blickte zu dem Bilde der Heiligen auf in jammervollem Gebet. Ich stand nahe bei ihr, und als ich eine rasche Bewegung machte, fiel ihr Blick zur Seite und sie errieth mehr meine Gegenwart, als daß sie mich im Düster der Kirche erkannt hätte. Im Augenblick stand sie aufrecht da, ihre Blicke sprühten Flammen. „Jella!“ rief ich außer mir,„einzig geliebte Jella, sei mein, es ist nicht zu spät.“ Ich lag zu ihren Füßen und das ruhige Bild der Heiligen blickte mild auf uns hernieder. 88 2 2 f 5 116 „Deine Mutter war meine Braut,“ wandte er sich plötzlich„Gehe, entweihe nicht die heilige Stätte!“ rief sie wild und zu Jella,„ich hatte ihr Wort und trug die Gewißheit ihrer schüttelte die dunklen Locken.„Deine Rache macht jede Umkehr unmöglich und jedes Wort überflüssig, teuflischer hat sich nie ein Mensch eines armen Wortes wegen gerächt, gehe, Du hast Deinen Zweck erreicht.“ „Du liebst mich, Jella, und Du bist mir Alles; Deine Schwester ist ein Kind, das den Verlust meiner Person nicht viel betrauern wird; fliehen wir, sogleich, ohne Deinen Besitz ertrage ich das Leben nicht.“ Einen Augenblick senkte sie die Augen zur Erde, als über— legte sie; in mir klopften alle Pulse, es war ein Moment, in dem man ein Dasein durchlebt. Jella's Blick erhob sich langsam, schwermüthig:„Es ist zu spät, Kemeny Josika,“ sprach sie ton⸗ los,„meine Schwester liebt Dich, mache sie glücklich.“ N N N I Todtenmaske Kaiser Wilhelm's. Abgenommen von Professor R. Begas, gezeichnet von E. Timmer den 10. März 1888. Meine heißen Bitten, meine Verzweiflung wurden nur mit einem traurigen Kopfschütteln beantwortet.„Es kann nicht sein, laß mich allein, die Mutter der Barmherzigkeit wird mir helfen,“ so sprach das bleiche, unvergeßliche Mädchen und machte mir ein Zeichen, ihr nicht zu folgen. Sie verließ langsam die Kirche, während ich im Gefühle meines tiefen Elends auf den kalten Steinen lag und mein Dasein verfluchte. Ich habe Jella An⸗ drochich nicht wieder gesehen. Was mein Leben gewesen ist, das wird Dir Gräfin Anka oder ihr Faktotum Vera erzählt haben. Du wirst Deinen alten Onkel in den schwärzesten Farben ge⸗ sehen haben— was thut's, mein Kind? Freude an meinem Leben habe ich, trotz der sogenannten Genüsse des Daseins, dennoch nicht gehabt. Ein Augenblick des Wahnsinnes nahm mir das Weib, in dem eine Welt von Gefühl, Hochherzigkeit und Seelengröße wohnte, und gab mir dafür eine kopf- und herzlose Puppe. Was sie Dir gesagt baben mögen,— ich habe nie ein anderes Weib geliebt wie Jella Androchich.“ Graf Josika hatte kurz und eilig gesprochen, ohne Jella an⸗ zusehen. Er sah düster vor sich hin, und erst als Jella die Hand auf seinen Arm legte und ihm mit thränenfeuchtem Blick in die Augen sah, schien er sich seiner bewußt zu werden.„Das ist Alles schon lange her, mein Kind; siehe, mein Haar beginnt 117. 1 ö 1 0 Palais des Kaisers Wilhelm. r sich zu bleichen, und die Erinnerung lebt mit jugendlicher Kraft in meinem Herzen fort.“ „Ich danke Dir,“ sagte Jella tief bewegt,„nun kenne ich meine Mutter.“ (Fortsetzung folgt.) Die Einquartierung. Novellette von Paul Bader (Schluß.) Am Abend auf dem Festplatz wurde eine Partie an den Rhein nach Rüdesheim und Aßmannshausen geplant und am folgenden Morgen auch ausgeführt. Alle kannten die Gegend schon, nur der Arzt nicht.—„Meine Kasse war dazu bisher immer zu klein,“ erklärte er. Dafür schwelgte er jetzt in um so größerem Hochgenusse.„Wenn man so ein Fleckchen Erde sieht, möchte man den verfluchen, der das Sterben erfunden. Aber es ist doch wieder gut so, wovon sollten wir sonst leben!“ Im Allgemeinen theilte sich die Gesellschaft in drei Gruppen: die Alten voran, dann folgten Lieschen und Herr Körber und schließ— lich das ausgelassene Paar Alma und der Doktor. Als einmal die Ordnung gestört war und die beiden Freunde sich zusammen fanden, sagte Doktor Barden:„Du Edgar, die Alma ist doch ein reizendes Mädchen.“„Ja, ja, hm, hm!“ machte der Ange— redete.„Das verstehst Du natürlich nicht. Unsereins, der täg— lich mit dem Tod umzugehen hat, weiß das Leben mehr zu würdigen. Und was für ein Leben steckt darin! Potzwetter, dagegen bin ich ja ein reines Kind. Sieh' nur, wie sie da um die Ecke tänzelt, wie sie schwebt!“ Und Doktor Barden beeilte sich, hinterdrein zu schweben. Zum Nachtessen war man wieder daheim und trank das Lob des Rheins in Rheinwein weiter. Schließlich hob die Hausfrau die Tafel auf, es entstand das bekannte Durcheinander. Der junge Herr Körber sprach mit Frau Krieger und sah sich, als diese gegangen, um noch etwas für die Wirthschaft zu besorgen, vergeblich nach Lieschen um. Wo konnte sie nur sein? Er schritt in's Nebenzimmer und schob die Portiere zum Balkon bei Seite. Da stand sie, den Kopf an die Säule gelehnt und un— verwandt in die Weite blickend. Er trat unhörbar näher und faßte die herabhängende Hand:„Lieschen!“ Sie wandte sich um, aber sie erschrak nicht. Es war ja so selbstverständlich, daß er kam, kommen mußte; sie hatte ja so sehnsüchtig an ihn ge— dacht.„Lieschen, Du weißt, Du mußt wissen, daß ich Dich so lieb, so recht lieb habe. Sage mir, willst Du die Meine werden?“ Die Welt, die klare, mondscheinbeleuchtete Welt schwamm vor ihren Augen und ihr war, als wenn sie das Glücksgefühl, das über sie kam, in einem jauchzenden Schrei hinausrufen müßte, und doch brachte sie keinen Laut über die Lippen; sie konnte nur leise mit dem Kopfe nicken.„Er zog sie an sich und fragte: „Und hast auch Du mich lieb, recht von Herzen lieb?“— „Namenlos, unsäglich lieb!“—„Meine süße Braut!“— Die Lippen fanden sich zum ersten innigen Kusse. Wurde das ein Aufstand!—„Da kann man all's halt nix machen!“ sagte Herr Krieger, als treuer Frankfurter, ganz perplex. Vater und Sohn drückten sich stumm die Hände, die Mutter weinte und Alma hing schluchzend an Lieschens Halse.„Siehst Du, ich hab' es ja gewußt!“ sagte sie unter Thränen.. Der Vernünftigste war der Doktor.„In Anbetracht so bedeutsamer Umstände,“ meinte er,„muß entschieden eine Bowle gebraut werden. Ich verstehe mich darauf ganz vorzüglich, gnädige Frau. Auf Sie darf ich dabei doch rechnen, Fräulein Alma? Das Brautpaar muß füglich aus dem Spiele bleiben; er, mein theurer Freund, war in dergleichen Dingen auch von jeher so wie so ein Stümper. Wir bringen's schon allein fertig!“ In der That füllte er nach nicht langer Zeit draußen auf der Veranda, wohin sich die Gesellschaft begeben hatte, die Gläser und leerte das seine pflichtschuldigst bei jedem Toaste.„Das habe ich nie anders gehalten, denn darin liegt die Stärke des Mannes!“ erklärte er seiner Nachbarin Alma. Es herrschte die ungebundenste Lustigkeit in dem kleinen Sie konnten das unnennbare Glück, das über sie gekommen, noch nicht fassen. Zwei Tage darauf wurde die Verlobung offiziell gefeiert. 7 Es war eine Gesellschaft von ungefähr zwanzig Personen zu⸗ gegen, die bald eine äußerst muntere Tafelrunde bildete. Der Doktor, der wieder die Ausgelassenheit selber war, brachte einen gereimten Trinkspruch aus, in dem er die Haltlosigkeit des auf dem Festplatze und sonst allerorten gesungenen Satzes:„Wir brauchen keine Schwiegermamama!“ darlegte und bewies, daß die Schwiegermutter mit zu den nützlichsten Gliedern der mensch— lichen Gesellschaft gehöre, ja daß im Grunde auf sie alle Kultur zurückzuführen sei. Er überraschte immer wieder und wieder, namentlich seine Tischnachbarin Alma, durch die witzigsten Ein— fälle und Schnurren, in denen er sich scheinbar nie erschöpfte. Die größte Ueberraschung bereitete er, wenn diesmal auch nicht ihr — denn es geschah mit ihrer Einwilligung— so doch der Ge— sellschaft, als er etwa eine Stunde nach Aufbruch von der Tafel, Alma am Arm führend, unvorhergesehen vor Herrn und Frau Krieger mit den Worten trat:„Da man sich nach berühmten Mustern bekanntlich richten soll, verehrter Herr und gnädige Frau, so nehme ich mir die Freiheit, Ihnen hier in uns ein zweites Brautpaar vorzustellen, das da kommt, um unterthänigst um Ihren Segen zu bitten.“ „Sie sind wohl nicht recht gescheidt!“ war Alles, was Herr Krieger antworten konnte. „Aber erlauben Sie...“ „Was denken Sie, meine beiden Töchter an demselben Tage... doch“— er sah sich nach Hülfe um—„sagen Sie, Körber, können Sie mir diesen Herrn hier als Schwiegersohn empfehlen? Leisten Sie Garantie, daß er mir nicht etwa dereinst durchbrennt?“ „Aber erlauben Sie...“ „Sagen Sie, leisten Sie Garantie?“ a „Ich leiste sie,“ sagte der alte Herr schmunzelnd,„und stelle mich als Bürgen!“ „Na denn— hm, hm— meinetwegen. meine Hand.“ „Bitte, ich habe nur um Alma's gebeten,“ sagte der Doktor, der auch jetzt das Witzeln nicht lassen konnte. „Auch die, Sie Schwerenöther!“ „Hurrah!“ rief der Doktor und umarmte seine Braut. „Aber Du bist doch noch so jung!“ sagte Frau Krieger, als sie nun ihre zweite Tochter in ihre Arme schloß. „Wieso, Mama? Ich bin doch nur ein Jahr jünger als Lieschen. Und ich hab' ihn doch so gern, Du kannst Dir gar nicht denken, wie gern!“ „Das mag wohl sein, aber... Wie soll mir das noch vorkommen!“ „Weißt Du, nun gönne ich ihn Dir erst recht!“ flüsterte Alma der Schwester in's Ohr. Lieschen lächelte glücklich. Auf des Doktors Veranlassung wurde noch eine zweite Bowle gebraut.„Was dem Einen recht ist, ist dem Andern billig!“ erklärte er. Der Morgen dämmerte schon stark, als die beiden Mädchen nach oben in ihr Zimmer schritten. Sie waren aber noch zu erregt, um schlafen zu können. Lieschen setzte sich an's Fenster und Alma wiegte sich in ihrem Schaukelstuhl. Die Erstere trug nach ihrer Weise ihr Glück schweigend, es war ja auch viel zu groß, um es in Worte fassen zu können. Alma konnte das Plaudern aber auch jetzt nicht lassen. „Denk' Dir, Lieschen,“ sagte sie,„was Otto mir vorhin gesagt hat! Ich müsse nun aber sehr, sehr vernünftig werden, sagte er, der Böse. Ich will es ja zwar gern thun, denn was thu' ich ihm nicht zu Liebe, aber mir scheint's, er ist fast ebenso ausgelassen, wie ich. Das wäre nur hier, sagte er, sonst wäre er die Ehrbarkeit selber. Na, er muß es ja wissen, denn ich sage Dir, er ist furchtbar klug, ganz entsetzlich klug; ich habe heute oft gewaltige Angst gehabt. Aber was für sonderbare Fragen er stellt! Kannst Du Dir denken, was er mich gefragt Da haben Sie meine beiden Töchter.... hat? Ob ich auch schon Kartoffeln kochen könnte! Ich habe ihm natürlich einen kleinen Schlag auf den Mund gegeben, und als Dank zog er Erkundigungen ein, wie es mit Hammelbraten und ö 0 ö ö ö N 5 3 119.. 8— Beefsteaks aussähe; die esse er nämlich schrecklich gern. Und versalzene Suppen wären ihm ein Gräuel und vor Angebranntem liefe er um die Welt. Ueberhaupt dürfte ich ihm nur seine Leib⸗ und Magengerichte bringen, das könne der Magen billiger Weise verlangen. Und was sonst noch Alles kam! Ich habe mir schließlich die Ohren zugehalten. O, ich glaube, ich werde noch meine Last haben. Das schadet aber nicht.— Hat Dir Edgar übrigens so etwas auch gesagt?— Doch Lieschen, hätte ich übrigens gewußt, daß dies Alles so kommen würde, ich hätte die Zimmer noch einmal so prächtig und noch einmal so gern ausgeschmückt. Und Du hättest Dich dann auch betheiligt, gelt? Aber sie leben ja auch so„lustig, wie die Vampyre,“ sagt Otto. Er hat immer so sonderbare Vergleiche.“ Lieschen antwortete nicht; sie lächelte nur überglücklich. Sie wußte nun ja, daß sie ein Herz hatte, wenn sie es auch im selben Augenblicke wieder verschenkt, und sie wußte ja nun, welche Seligkeit es in sich birgt, lieben und geliebt zu werden. Kaiser Iriedrich in Charlottenburg am 16. März. Trauterglocken klagend dröhnen Vort dert Alpen bis zitm Belt And im Echo geht das Törntert Hallen durch die gartze Welt. Nimmer sah noch das Jahrhundert Eine FTratter diefer gleich Seinen Kaiser, den bewundert Eine Welt, beweint sein Reich. Aber dröhnender und lauter, Wild erschwellend wie der Sturm, Zim Verhallen lind und krautter Drautst der Palm vom Glockenthurm— Wehmutthsvoll und ktraitertönig— ir Berlin, zur Todtenwacht, Dir Berlin, das dieser Körtig Erst zur Kaiserstadt gemacht. Altf der Straße, die einst glänzte Als ein leuchtennd Blitmenmeer, Da der Sieg unnd Rubmbelirärtzte Heimgeführt seinr liegreich Heer, Weben heut nur schwarze Fahrten, Ward zum Schmuck der Trauterflor— Nutri seint Sarg zur Grutft der Ahnen Zieht durch's Zarandenburger Thor. Schwarz bedeckt der Leichenwagen, Zleberdacht vom Waldachin, Derr des Reiches Feldherrn tragen, Fürften, Herrir geleiten ihn. Krom' und Scepter ihn begleiten, Florumwallt— das Reichspantier, Trauernd baut dem Zug zu Seiten Dicht das Volli ein weit' Spalier. Im Charlottenburger Schlosse, Das ein eisiger Ost umweßht, Still ein Nann, von Dienertrosse Aliigestört, am Ferifter steht. Zlird mit scharfen Adlerblicken Späht dem Zug entgegen Der, Dem er nur mit stummem Nickien Kaum entbieten Gruß und Ebr'. Ach, der ritterliche Reckie, Wie zu Heldenthun gebaut. Der lo sehnsuchtsvoll die Streckte Seines Schloßhofs überschautt— So wie er liaum Keiner trauern Alam des Todten Herrlichlleit. Dennoch muß er hinter Mattern Ihm versagen das Geleit. Aliid es nah'n die Vantzerreiter, Die er einst im Kampf geführt, All' die stattlichen Begleiter, Derert Treut' nun ihm gebührt. Fäbrt der Wagen mit der Teiche Still dem Martloleitm zit, Wo der Werr vom Deutschen Reiche Sich exliox die letzte Ruh'. Was der Tote ließ im Sterben, Macht und Herrschaft, Kron' und Reich, Es gehört nun seinem Erben, Der da lehnt am Fenster bleich, Doch im Herzen dieses Kranlien Negt lich keinne Herrschbegier, Vom dem Todten die Gedarulien Wendet er, o Reich, zu Dir. Zit dem Reich, das mitbegründen Einst er half in blitt'gem Krieg, Das in schönem Sichverbünden Fütrst und Volli erllämpft im Sieg. Zit dem Reich, von dessen Werden Er gehofft als Jüngling schon, Daß es richte einst auf Erden Friedentsfürsten einen Thron. Zut dem Reich, das tur gedeih'n kann, Went es sicher ruht im Riecht, Dem den Frieden nur verleih'n lan Ein geeint' und starlt' Geschlecht; Zit dem Reich, dem mur die Liebe Allen Vollis ziim Vaterland, Irei von blinden Halles Triebe, Slüthe lichert und Beltand. Zit dem Zeich, für das zit leben, Sinnen, wirliert, seinn Entschluß Dis zum Tag, da all sein Streben Schwerer Schickunrg weichen muß Dem er pflichtgetreu lich stellte Trotz des Siechthums grausem Zwang, Als sein Herz der Rütf ihm schwellte Seines Vollies, sorgenbang. Zit Gebete wird sein Denlien Alitd seinr Hoffer wird zum Schwur: Wolle Kraft, o Herr, mir schenlien— Mir micht gilt's, dem Reiche nur! Schweigend stand er noch und träutrmte— Abend ward's, der Westen loht', Doch der Widerschein umläuimte Iber mit lichtem Morgenroth. Johannes Proelß. 1 Aus der Schule. Professor zu den Schülern:„Was starren Sie denn durch das Fenster nach dem Ochsen? Haben Sie noch keinen Ochsen gesehen? Sehen Sie doch mich an!“ Ein anderes Mal zürnt derselbe Professor:„Was ist das wieder für ein Lärm in der Klasse! Alle Mal, wenn ich hereinkomme, ist der reine Schafstall fertig.“ Mz. Nach einem halben Jahr. Ein junger Mann erzählt begeistert von seiner Angebeteten:„Und Sie sollten nur die lieben zarten Händchen der jungen Dame sehen!“ Ein halbes Jahr später erkundige ich mich nach dem Ergehen besagter jungen Dame.„O,“ ruft der feurige An⸗ beter von ehemals,„schweigen Sie von ihr. Ich bin den Klauen einer Kokette entschlüpft!“ Mz. 2 6 5 2 8 f 120. Nöfselsprung. Schach f 3 und le die er⸗ le der Problem Nr. 500 von 8 1 3 in München. als ser grei- wel- stel⸗ zeit sches ßen 7 1 2 I 8 1 5 5 5. ben schnell wind sie flieht auf hält ben f* 8 f, 2 un⸗ ger le⸗ fen was schwe- nie- ra⸗ 11 11 4 17 0 2 6 8 25 f 11 1 5 im laßt flüch⸗ gang hält sie und sie 3 5 ö 2 2 0 g 5 ti⸗ ist ro; ein streu'n flucht ihr ge— O. N 82 N 3 8 flauf ler auf ta- nur auf die. 2 5. 5„ e e * sen ge dies schnel- ihn der 95.,. f. 0. LEEIN 1 2 ,.—. 2 5 2 1 7 Zweililbige Charade. 5 8 Ein Jüngling weilte froh und frei, Weiß zieht an und setzt mit dem vierten Zuge Matt. i f ller Höh' Ein feines und gehaltvolles Problem, welches wir dem Studium der Problemfreunde b Dereinst auf anmuthvoller Höh, poder ef Doch jetzt als Mann, da ist's vorbei, 4—— Im Kerker hockt er voller Weh'.. War sonst sein Röcklein grün und roth, Vartie Nr. 282. Aid fh 85 Kleid Neid de 1 71 125 fl Gespielt zu Graz am 29. November 1887. nd war sein Sinn sonst sanft und mild, 17 2 Zeigt störrisch jetzt er sich und wild. Weiß: J. Berger.— Schwarz: J. von Popiel. Ja, fragt nur mit Verwunderung: 1 d2—d4 d7-d5 Stellung nach dem 15. dar von Weiß. Woher wohl die Veränderung? 2) 02— 64 d5-c: 5 Als er in Unschuld sonst verharrt, 3) e2—eg e7-e5 Da hat ihn die Natur gelenkt. 4) LfI ca: e5— da: Seitdem er aber tückisch ward, 5) es- dä: LIS-d Hat Menschenhand in eingezwängt! 6) 8g1—13 8g8 6 7) 0—0 8 0—0 8) Sb-es 1 3 9) Lel- g5— Näthsel 10) Sc3—e4 Ldo—e7 .—b6 Es lacht uns die Erste mit grünenden Bäumen 12 5 5 925 4770 Und Blumen entgegen, vom Lenze geschmückt. 13) b2—h3: i 413: Die Zweite, mild glänzend aus endlosen Räumen, 15 513:—c6˙⁴ Winkt freundlich dem Auge, das 1 1 5 blickt, 150 8 3 Stö— di) Man bietet das e in endlosen Zahlen 163 25h61 0) Le7—f6 Für leckere Gaumen bei üppigen Mahlen. 1 Ds 5 Sb6— 45.) 5 18 Lh6-g7:8) 16- g7: 3. 5 19) 03-4 aufgegeben. Auflösung der zweisilbigen Charade in voriger Nummer: Faustrecht;—— 8 Roͤsse 8 1 1 1) Herr Berger hält den Moment geeignet für 1710 und giebt als eine die Spiele un⸗ Wisse nur das Glück zu fassen, gefähr ausglechende Fortsezung le tes de 18, Las Spe ad 1 h 1. 15 4d. Wenn es lächelnd dir sich beut,* 1 5 3 13 Did Det wegen 14) S5 20., dagegen hätte 7- auch hier 1 In der Brust und auf den Gassen E 5* Such' es morgen, such bes heut'. 8 K Abtausch bringt die Dame in eine starke Angriffsstellung, der a Doch bedrängt in deinem Kreise Nur unter Aufgabe eines Bauern hätte Schwarz verhindern können. daß der feindliche Dich in flu 4 tig Miß esch ick. die drohende Elellung auf ö einnimmt, 3 B.: 14). Sf 45 15% Lr; Ser 16 ban, dich ein flüchtig Mißgeschick, 5) Auf Sb ds wäre Weiß mit Se f ꝛc. in Vortheil gekommen; der Rüchug des Läufer Lächle weise, hoffe weise nach ds aber wäre gleichfalls mit LG! zu beantworten, 3. B.: 15)...de 16) Le Auf den nächsten Augenblick. Emanuel Geibel.* 1 1 55 Wer A. 8 ed“ 10) LST! und falls der Läufer gewonnen wird 20% P54 f 8 0 5. 8 8 9 er m. des Buchstabenräthsels: 0 Nimmi Schwarz den Läufer, so wird ein Bauer eingebüßt deun 17) Pg4f J. 85 180 8. hs 19 Dgö:], doch ist die Läuferdeckung(Le] noch weniger geeignet, das Spiel zu ha 7 Nimmt Schwarz den Läufer mit der Dame oder dem Bauer, so folgt Dg4, und Sa kann den sofortigen Verlust nur durch 87—86 unter Aufgabe der Qualitat abwenden. 8 Ebenso hübsch wie enischeidend, da nach 1.8 7: 10 Dg4 zugleich Matt und— verlust(durch Sf] droht. 5 Nuts der Schach well. 4 7 g — Die britische Schach⸗Association wird ihren diessährigen Rongreß in Bradford al U Fein Beitrag in der Höhe von ca. 6000 Mark ist dem Feste schon— gesichert. Der 1 des stongresses, mit dem dieses Mal wieder cin internationales Weit erxturnier verbunden auf den— 5 se 112 5 — dem ersten Winterturnier der Berliner Schachgesellschaft haben sich die folgen dender 1 10e perten Nah fer Ahldausen. Caro, Cordel, Oarmonist, Heyde, 92 758 Hülsen, Lochte, Meih ner, Mieses, 100. 53 Dr. imonson und Specht. verschiedene der stärkeren Spieler, wie Schallopp, von Bardeleben und von 2 0 haben dieses Mal nicht theilgenommen. Den desten Stand hat bis jetzt Herr Cato,* Partien gespielt und alle gewonnen hat. Keselungen auf das demnächst erscheinende Jahrbuch des fünften Ron deutschen Schachbundes zu Frankfurt am Main nimmt der Genetalsekretär, Herr O. Zwan in Leipzig. Alexanderstraße 48. entgegen. — Die dritte Abtheilung don Saldioli's„Teoria e Pratica del Giuco d Scucchin, welche ausschließlich den Endspielen gewidmet ist, liegt nunmehr vollständig Preis des Bandes 10 Mark. Berichtigung. In dem Geographischen Silbenräthsel in Nr 12 muß es„mehr silbige Das Vereinsorgan des Mannheimer Schachklubs wird jetzt von Herrn Dr. Me Städtenamen,“ stat drelffüdige heißen geleitet. Gd—————————————————— 5 Druck und Verlog der„Volks- Seltung- An 04. in Berlin, Lubowüt 105.— Berantwotllicher Nedaltcut: R. Elche in Berlin, Lützowstr. 105.