zu den Ouerhessischen Muchrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Gießen, den 2. Dezember. Ein gefährliches Inkognito. 1 Novelle von Hjalmar Hjörth Boyesen. Deutsch von Arthur Noehl. .(Fortsetzung.) 5 Ewald Nordahl stand auf einem Plattstein in der Mitte der Stromschnelle und ließ seine Angel in der Strömung tanzen, Fuße folgte. als er plötzlich durch das Tosen des Wassers hindurch eine mensch— liche Stimme zu hören vermeinte. Er sah sich um und erblickte ein hochgewachsenes, junges Mädchen vor sich, das die Elsen— büsche für einen alten Herrn auseinander hielt, der ihr auf dem 0 Sie trug ein eng anschließendes, blaues, einfaches Kleid und hatte auf dem Kopf einen weißen, breitränderigen Strohhut. Das Gesicht, das unter ihm hervorlugte, war jung und zart, gleichwohl sprach Charakter daraus. Die obere Partie desselben war phantastisch, die untere praktisch. Die kühn ge⸗ schwungenen, über dem Auge ziemlich vollen Brauen liehen ihr einen Ausdruck von Edelsinn und Muth; ihre großen, dunkel—⸗ braunen Augen sprachen von Leidenschafr und Enthusiasmus, doch die feine, leichtgebogene diplomatische Nase, ihr fein⸗ geschnittener Mund und ihr vornehmes Kinn schienen mit alledem wenig im Einklang. Wenn man sie zum ersten Male sah, drängte fich einem unwillkürlich das Wort auf die Lippen:„Welch ein reizendes, natürliches Mädchen!“ Bei der zweiten Begegnung fügte man dann aber wohl hinzu:„Ein kritisches Mädchen, das bei all ihrer bezaubernden Natürlichkeit doch ihren Nächsten mustert und studirt.“ Der alte Herr, der hinter dem Mädchen herkam, hätte sicher sechs Fuß messen müssen, hätte er sich ebenso grad wie seine Begleiterin getragen. Indeß er ging gebückt. Sein großer, zrauer Kopf mit den blauen, stechenden Augen und den buschigen 1 5 darüber sprach von Schmerz und von Trotz und— ge⸗ vesener Größe. Er ging ohne Stock, obwohl er gut hätte einen nauchen können; allein er betrachtete einen Stock für eine Art Krücke, die sich ein Seemann so leicht nicht zu tragen herbeiließ. Zonst hatte er ein grobes, blaues Jaquet von enormer Schulter- reite und weite, blaue Beinkleider an. Auf dem Kopf trug r einen weichen, billigen Filzhut. i Das Mädchen drehte sich, wie es die Zweige auseinander ielt, halb nach ihm um und reichte ihm ihre Hand; er aber Ehnte sie ungeduldig ab. Die Sonne, die auf die glänzenden lätter über ihnen schien, warf zitterige Lichtstreifen über ihre Gesichter. Auf dem feuchten Boden wuchs das Farrenkraut aus len welken Blättern vom vergangenen Jahr heraus und wand ine rostig⸗grünen Filigranbüschel um des alten Mannes Knie. Und rings herum füllte das Geräusch zischenden, brausenden Dassers die Luft. Ewald Nordahl stand wie versteinert da. Es war ihm, als wären ihm beide Beine eingeschlafen. Er var nahe daran, zu taumeln und der Länge nach zu Boden Zu sürzen. Die Hände waren ihm steif, und ein plötzliches Gefühl überkam ihn, als ob er das alles, was um ihn vorging, nur träumte. Sein Vater war der Mann, der vor ihm stand! Sein Vater— der Mann mit dem grauen, ehrwürdigen Haupte, der ihn mit gar zornfunkelnden Augen anblickte, ihn, den einzigen Sohn, der allem zum Trotz, was geschehen, mit seiner alten Bewunderung an dem Vater hing. Nur gut, daß die Strom— schnelle zwischen ihnen lag, er hätte sich sonst vielleicht gleich auf der Stelle verrathen. f „Mein Vater, mein Vater!“ murmelte er, den Thränen nahe. Gerührt hielt er den Greis im Auge, den Kummer und der Jahre Last gebeugt, aber nicht gebrochen hatten. Wie Jakob in uralten Zeiten, hatte er mit dem Herrn gerungen; und wenn auch mitgenommen von dem Kampfe, stand er doch noch auf seinen Beinen. f Er verlor keinen Blick von dem alten Mann, der nervös dicht an den Flußrand herabkam, sich schwerfällig hochreckte und ihm mit der Hand gebieterisch über das Wasser zuwinkte. Dann drang eine Stimme, wie eine Löwenstimme mächtig, über das Tosen des Wassers hinweg an sein Ohr:„Ich verbiete Ihnen, im Namen des Gesetzes, in diesem Fluß zu fischen.“ Er sprach englisch und Ewald rief, sich rasch fassend in der— selben Sprache zurück:„Ich habe die Fischerei von Syvert Gimse gepachtet.“ „Der aber gar kein Recht hat, sie zu verpachten; denn sie ist mein.“ „Dann halten Sie sich an ihn. Ich bleibe hier und werde hier so lange fischen, bis das Gesetz zwischen Ihnen beiden ent— schieden.“ Der Kapitän knurrte in ohnmächtiger Wuth und warf einen ingrimmigen Blick über das Wasser hinüber. „So sollen Sie von mir, noch ehe Sie es denken, zu hören bekommen,“ rief er.„Die Polizei soll Ihnen sagen, was Sie thun und was Sie nicht thun dürfen.“ Statt jeder Antwort ließ Ewald ruhig seine Angel in das Wasser fallen, und kaum hatte diese das Wasser berührt, als ein herrlicher Lachs durch die Strömung dahergeschossen kam, der eine Weile des jungen Mannes ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Als er endlich nach einem ziemlich hartnäckigen Strauß mit dem Fisch seine Beute in seinen Korb warf und nach dem Elsengebüsch hinüberblickte, waren sein Vater und Fräulein Olga verschwunden. g So weit war ihm das Schicksal günstig gewesen. Der Kampf um den Fluß hatte ihm die erwünschte Gelegenheit verschafft, persönliche Bekanntschaft mit seinen Nachbarn zu machen und überhob ihn einer Menge für dieses Ziel geplanter Manöver. IO 60 ———— PP N 2 2386 Wie er nachträglich von Syvert Gimse erfuhr, war der Besitz der Stromschnellen schon seit Generationen die Quelle ewigen Haders zwischen Fossevang und Gimse. Natürlich behauptete er, daß das Recht ganz und voll auf seiner Seite lag. Existirte aber darüber ein Zweifel, so konnte diesen nur ein Prozeß ent⸗ scheiden. Und keine Polizei würde sich bis dahin bemüßigt fühlen, einzugreifen. Daß der Kapitän sich an die betreffende Behörde zum Schutz seines vermeintlichen Rechtes wenden würde, könnte wohl moglich sein. Er, Syvert Gimse, glaubte es sogar, doch erreichen würde er damit nichts. Und mit diesen Voraussetzungen hatte Syvert, wie es sich herausstellte, Recht. Der Kapitän wandte sich vergeblich an die Behörde; trotz aller seiner Klagen belästigte Niemand den Amerikaner. III. Ewald schritt den Berg nach Fossevang hinauf. Er hatte beschlossen, den Streitpunkt in einer persönlichen Unterhandlung mit seinem Nachbar zu erledigen. Daß er erkannt werden könnte, fürchtete er nicht, und doch schlug sein Herz laut bei dem Ge⸗ danken, seinem Vater Aug im Auge gegenüber zu stehen. Er dachte eine Minute daran, die ganze Komödie aufzugeben, vor ihn hinzutreten und zu ihm zu sagen:„Ich bin Dein Sohn, Vater.“ Sein knabenhaft abenteuerlicher Sinn hielt ihn dann aber wieder davon ab. Es war zwischen sechs und sieben am Abend. Die Sonne, die in dieser Jahreszeit fast bis in die Nacht hinein am Himmel bleibt, hing einer mächtigen, rothen Scheibe gleich ein paar Meter über dem Horizont. Wie Feuer leuchtete es hinter den Bergspitzen im Westen, während die Kuppen im Osten sich kalt und blauschwarz scharf von einem hellgrauen Himmel abhoben. Es war Ewald gar eigenthümlich zu Muthe, wie er durch die Roggen⸗ und Gerstenfelder, aus denen ihn unzählige grellrothe Klatschrosen verdächtig ansahen, schweigend dahinschritt. Kurz vor der Fosse⸗ vang⸗Villa blieb er stehen und blickte sich um. Da hatte er eine seltsame Vision. Es war ihm, als käme Olga Reimert sommer⸗ lich hell gekleidet, den schützenden Sonnenschirm über den Kopf haltend, über das Kornmeer auf ihn zugeschwebt. Er rieb sich die Augen und sah noch einmal zu. Und er sah es jetzt genau. Es war das Mädchen, das er am Morgen mit seinem Vater gesehen. Nur bewegte sie sich nicht, sondern stand irgendwo auf dem Feld. Regungslos blickte sie mit träumerischem Blick über die nickenden Aehren, das Antlitz unter ihrem rothen, von der Sonne geküßten Schirm rosig verklärt. Ewald hatte in allen seinen Prairie- und Goldminen-Abenteuern ein so zauberschönes Bild noch nicht gesehen. Er blieb stehen und sog das Bild mit langen, durstigen Zügen ein. Da entdeckte er zufällig, daß auf dem Grenzpfad zwischen dem Roggen- und dem Gerstenfeld ein niedriger Zaun dahinlief, auf welchem sie zweifellos saß. Das benahm dem Bild etwas von seinem Zauberhaften, that seiner Schönheit jedoch keinen Abbruch. Da saß sie vor ihm, wie ge⸗ tragen von der wogenden, silbergrünen Fluth, einer sich auf den Wassern schaukelnden Meernixe gleich. Und plötzlich sah er, wie sie den Kopf wendete, sich von ihr erkannt. Er suchte sich so schnell als möglich aus seinem Traum herauszuarbeiten, lüftete seinen Hut, und schritt über den Feldpfad auf sie zu. „Ich komme, um mit dem Kapitän Nordahl zu sprechen,“ sagte er,„vielleicht können Sie mir sagen, wo ich ihn finde.“ Sie erwiderte aus der Ferne seinen Gruß mit Augen, die weder von Freude noch von Ueberraschung sprachen. „Kapitän Nordahl ist nicht im Hause,“ antwortete sie.„Sie werden ihn irgendwo im Garten treffen können— oder auf den Feldern.“ „Danke.“ Er lüftete wieder seinen Hut und ging, da er keinen Grund wußte, warum er bleiben könnte, seines Weges weiter. Er blickte sich noch einmal nach ihr um und sah sie, mit der goldigen Sonne hinter sich, das Antlitz verklärt und wie von einem Heiligenschein umgeben, dasitzen. Nach einem Gang von einer halben Viertelstunde, während welcher das junge Mädchen ruhig weiter auf ihrem Feldplatz sitzen blieb, entdeckte er in einer Sandgrube, hart an der Grenze Vater erkannte. Der alte Mann saß und bohrte seine Absäßze wie zerfallen mit sich und verzweifelt in den Sand. Bald r tete er sich halb auf, bald sank er dann wieder nieder, und da⸗ bei murmelte er vor sich hin und preßte die Hände zusammen. Ein paar Male stöhnte er laut auf, nahm den Kopf zwischen die Hände und drückte ihn, als wollte er ihn zermalmen. saß er eine ganze Weile regungslos da, stützte die Ellenbogen auf seine Kniee und stierte auf den gelben Sand. Endlich stand er mit einem Seufzer auf und klomm die Bergseite hinan. Und Ewald stürzte, von dem, was er gesehen, zu Tode erschrocken, in der entgegengesetzten Richtung davon. 1 Am nächsten Abend wiedecholte er seinen Besuch. Er traf den Kapitän mit seiner Nichte auf dem das breite Thal über⸗ blickenden Balkon sitzend an. Er stellte sich vor, bat, seine Zu⸗ dringlichkeit zu entschuldigen und wurde mit kühler Höflichkeit empfangen. Der Kapitän sah matt und erschöpft aus, gleich⸗ wohl blickte er recht ingrimmig drein; und die junge Dame ne ihm gab sich auch weiter keine Mühe, seinen Unmuth mit gutem Zureden zu beschwören. „Ich komme hierher,“ hob Ewald an, nachdem er auf dem ihm zugeschobenen Stuhl Platz genommen,„um, wenn möglich, den Streit zwischen uns Beiden beizulegen.“ „Kann so nicht beigelegt werden,“ brummte der Kapitän. „Wie dann, wenn nicht so?“ „Prozeß! Prozeß!“ rief der Alte. „Bis zur Entscheidung eines solchen werde ich Ihnen aber alle Fische aus dem Fluß fortgeangelt haben und längst wieder drüben in Amerika sein.“ 5 8 Der alte Mann zielte auf seinen Gast einen seiner stechenden Blicke ab, stand auf und ging in das Haus hinein. Nach einer Weile kam er wieder zurück und sagte mit erzwungener Ruhe: „Wäre ich nur zwanzig Jahre jünger, Herr Yankee, so würde ich schon wissen, wie ich Sie, auch ohne das Gesetz in Anspruch zu nehmen, von dem Wasser fortbrächte.“ „Verzeihung, auf den Titel„Nankee“ habe ich aber eigent- lich kein Anrecht,“ versetzte Ewald, die Herausforderung üͤber⸗ hörend.„Vorerst habe ich stets nur im Westen gelebt und dann bin ich auch von Vater her Norweger. Sie sehen, ich spreche so fließend norwegisch wie englisch mit Ihnen.“ „Sie brauchen mit mir gar nicht zu sprechen,“ fiel der alte Brummbär ein. Dann schien er sich zu besinnen und fuhr etwas freundlicher fort:„Da Sie nun aber einmal da sind, so machen Sie Ihrem Herzen Luft, nur bitte ich— schnell!“ 3 „Ich möchte beiden Theilen gerecht werden,“ begann Ewald, „ich will Ihnen zu einem von Ihnen zu bestimmenden unteren Stromschnellen abpachten, die, wie ich höre, Ihnen ohne Widerrede gehören; und können Sie sich dann ja einen ausbedingen, der Sie für Ihre Ansprüche an das Wasser oben, wo ich fische, entschädigt.“ 19 Der alte Mann saß eine Weile, den Kopf auf die Hände gestützt, nachdenklich da, dann blickte er plötzlich auf und sah dem Amerikaner voll ins Gesicht. Der Antrag schien ihm fast über die Maßen anständig, und doch, ließ er sich nicht so leicht zum Friedensschlusse herbei. Seine Selbstachtung verlangte einen kurzen, wenn auch nur scheinbaren Widerstand.„Oho,“ knurrte er,„Sie denken wohl, es ist mir um die paar Groschen zu thun. Nein, werther Herr, das Geld kann ich Ihnen eben so gut Aber verkaufen will ich mein Recht nicht.“ Er stand auf und ging von neuem auf und nieder, und seine laut knarrenden Stiefel ließen selbst sein Schweigen trotzig er⸗ scheinen. Ewald folgte ihm bewundernd mit den Augen. Das Herz war ihm voll von Liebe und Mitleid. Wenn er nut 1 wie er seine Maske jetzt von sich werfen könnte! Mit jeder Stunde, die verlief, machte er es sich schwerer und schwerer, aus der falschen Rolle, die er angenommen, herauszutreten. fing an, mit Olga, auf die er glaubte einen günstigen Eindr gemacht zu haben, über gleichgültige, alltägliche Dinge zu spree und ließ sich von ihr über Amerika ausfragen. Sie war e verwundert über alles, was sie von ihm erfuhr, über seinen Patriotismus. Sie konnte gar nicht begreifen, sie, wie jemand für einen bloßen geographischen Begriff so e genommen sein könne. 3 L N 777.0 8 32 3 S * 29 der Besitzung, eine gebückte, einsame Gestalt, in der er seinen „Denn was ist dies Amerika nach allem weiter, als D 8 0——— 2387.. udersack der alten Welt,“ rief sie aus,„die Rumpelkammer die Europa alle die unbrauchbar und unmöglich 1 Elemente hinüberschickt!“ Er nahm den Handschuh für sein Adoptivland auf und es entspann sich eine lebhafte Unterhaltung zwischen ihnen. Dabei er kurz auf seinen eigenen bewegten Lebenslauf zu sprechen, ihlte, wie er erst Kuhhirte, dann Viehhändler, Goldgräber und Terrain⸗Spekulant gewesen und füllte ihren Geist mit allerhand durch ihre Eigenart fesselnden Bildern. Sie fing an, Interesse für den Mann zu fühlen, der vor ihr von einer denkbar niedrigsten Lebenslage, aus der er emporgekommen, ohne Scham und ohne Prahlerei sprach— der mit der Arbeit seiner Hand und seines Geistes sich ein Vermögen erworben und das Leben von seinen verschiedensten Seiten kennen gelernt. Mit einem solchen Mann war sie noch nie zusammengetroffen! Was Wunder, daß das Mädchen zu dem gebräunten, energischen und ungekünstelten Mann bald ein gewisses Zutrauen faßte, mit dem sie ihn— auch von der merklich sich hebenden Stimmung ihres Onkels dazu ermuthigt, - einlud, als er aufstehen wollte, zu bleiben und den Thee mit ihnen einzunehmen. Auffallen konnte dies nicht in einem Lande, in dem man einen Gast nur selten aus dem Hause gehen läßt, ohne ihm etwas zum Essen oder zum Trinken vorgesetzt zu haben. und nach und nach fing sogar der Kapitän an, gesprächig zu werden und ließ sich, von Olga aufgemuntert, herbei, das eine oder das andre seiner amerikanischen Abenteuer zum Besten zu geben, deren Moral jedoch immer die eine war, daß Amerikaner unterschiedlos ein schurkisches Gesindel wären, wogegen sein Gast datürlich raschen, entschiedenen Protest erhob. Und so entspann ich zwischen den beiden Männern ein überaus lebendiges Gefecht. Olga besaß die Klugheit, neutral zu bleiben, obschon ihre Sympathien ganz ihrem Gaste gehörten. Was sie mehr interessirte als die Unterhaltung selber, war die Entdeckung, die sie machte, daß ihr Onkel überhaupt noch angeregt werden konnte. Sie oß daraus, daß ihm Verkehr mit Männern eher als Frauen⸗ lege noth that, und sie glaubte von dem Auftauchen des erikaners die besten Resultate erhoffen zu dürfen. Nur fiel ihr im Laufe des Abends auch wieder etwas Fieber— haftes und Unstätes an ihm auf, was ihre Besorgniß weckte. Er schüttelte seinen großen, struppigen Kopf und lachte, daß es urch das Haus hindurch schallte; Freude klang aber aus diesem achen nicht heraus. Minutenlang starrte er manchmal den Umerikaner groß an, um sich wieder hinter eine dicke Dampf⸗ olke zu verschanzen, die er aus seiner Pfeife aufsteigen ließ. Ewald ward es unbehaglich zu Muthe. Er merkte, was der diere Blick des alten Mannes zu bedeuten hatte. a „Du hast etwas in Deinem Gesicht, was mich an meinen zohn Ewald erinnert,“ schien dieser Blick zu besagen;„natürlich bird es nur eine zufällige Aehnlichkeit sein— mein schlechtes Gewissen schwört mir sein Bild herauf in jedem fremden Gesicht, aas ich sehe.“ Die Scene vom Abend vorher trat Ewald da mit erschreckender haftigkeit vor Augen. Konnte es möglich sein, daß nach den ngen fünfzehn Jahren sein Vater noch um ihn so schwer und merzlich trauerte? Oder konnte er noch immer nicht die Ent⸗ chung vergessen, die er an seinem Sohne erlebt? Auf alle 9 5 er sich vor, die Komödie so kurz als möglich zu achen. — ß] Ü ˙˖ÿ,, 11. Ewald kehrte von Fossevang hochaufgeregt heim. Er kam ö wie ein schlechter Schauspieler vor, der eine Rolle übernommen, Er er nicht gewachsen. Es war ihm, als thäte er am besten drran, alle Zwischenscenen einfach zu überspringen und gleich zum echlusse zu schreiten; und das hätte er wohl auch so gethan, häre nicht unerwartet ein neuer Umstand dazu gekommen, der nen harmlosen Anschlag so komplicirt machte, daß er kaum uch freier Herr über sein Thun und Lassen war. Komisch wie e sich anhören mag, war es ein Wunsch seines Herzens ge⸗ orden, Olga Reimert zu imponiren. Zu diesem Zwecke hatte n vor allem an einen amerikanischen Freund in London telegra⸗ hutschpferde und eine leichte Viktoria zu kaufen. Wirt und i ür sei wei Reitpferde, zwei irt und ihn gebeten, für seine Rechnung z 118. einer Woche langte ein feierlicher, englischer Groom mit den seiner Obhut anvertrauten Thieren an. War das ein Ereigniß für den stillen, friedlichen Ort! Die ältesten Leute erklärten, der⸗ gleichen noch nicht erlebt zu haben. Mit einem Schlage war der Amerikaner der Held, von dem das ganze Land weit und breit sprach. Und als er nun Kapitän Nordahls Nichte einlud, auf seinem prächtigen Rothschimmel mit ihm einen Ritt durch das Thal zu machen, erglühte sie wie eine Rose vor Lebenslust und Lebensfreude. Dann und wann forderte er auch den Kapitän zu einer Spazierfahrt in der Equipage auf und er fing nach und nach an, wirkliches Vergnügen an der Mystifikation zu empfinden. Er kam sich selbst wie ein Romanheld vor, und eine Art kind— licher Freude an dem, was doch keine Alltäglichkeit war, ließ ihn das Schlußkapitel von dem einen Tag zum anderen auf— schieben. Ein Bedenken, das gleichfalls bei ihm ins Gewicht fiel, war Olgas Stimmung gegen den Verstoßenen; er hatte alle Gründe zu glauben, daß diese Stimmung weiter keine freund— schaftliche wäre und daß er, wenn er sich vorzeitig als eins mit dem übel berüchtigten Menschen erklärte, sich vielleicht ganz um ihre Gunst bringen könnte. a Nach einer Bekanntschaft von drei Wochen, während welcher sie mit dem Amerikaner häufig zusammengekommen, erhielten Olga und Kapitän Nordahl eine Einladung zum Kahnfahren von ihm. Die junge Dame, die kein Neuling in dieser Kunst war, verstand die Angel so gut zu handhaben wie ein Mann, und kreischte auch nicht auf, wie es Frauen wohl sonst thun, wenn sie einen Fang gethan hatte. Sie hatte ein außerordentliches Glück und brachte einen Achtpfünder und einen Zehnpfünder an's Land, ehe noch bei den anderen ein Fisch angebissen hatte. Allein dies hatte eigentlich auch seinen Grund, denn Ewald angelte zerstreut wie noch nie, und dem Kapitän fehlte das scharfe Auge, das er zu dem Sporte gebrauchte. Unterschiedliche Male ward seine Angel⸗ schnur in's Wasser heruntergezogen, ohne daß er Acht darauf gab, nur mit der Abwehr der Fliegen beschäftigt, die ihm zudringlich um den Kopf herumschwärmten. Endlich riß ihm ganz die Geduld und wüthig hob er die Angel in die Höhe und schlug nach den lästigen Insekten, wobei seine Angelschnur sich hilflos mit den Zweigen der Ellernbüsche verwickelte. Da brach er in⸗ grimmig fluchend die Angel mitten entzwei, warf sie in den Fluß, schalt die ganze„Angelei“ ein Narrenvergnügen und trat mit langen Schritten abseits hinein in's Gebüsch. Ewald folgte ihm, nachdem er seine Angel aus dem Wasser gezogen und Olga gebeten, ihn auf eine Minute zu entschuldigen. Nach kurzem Suchen fand er ihn in der Haltung tiefster Niedergeschlagenheit auf einem Baumstumpf sitzend. „Ist Ihnen nicht recht, Kapitän?“ fragte er, sich vor den alten Seemann hinstellend. Der Kapitän rieb sich die Stirn, wie wenn er sich einen un⸗ angenehmen Gedanken zu verscheuchen suchte. „Nein, junger Mann, mir ist nicht recht,“ antwortete er mit grimmem Ernst,„und mir wird auch nicht eher recht werden, als bis die Glocken zu meiner Fahrt auf den Kirchhof läuten.“ „Wer wird so sprechen, Kapitän? Sie sind doch noch ein gesunder, kräftiger Mann trotz Ihrer Jahre! Sie werden noch manchen Knoten zurücklegen, ehe Sie in Ihren letzten Hafen einlaufen.“ f „Ich treibe wie ein ruderloses Fahrzeug, so ist es! Das Schiff bekam ein Leck vor fünfzehn Jahren, und kein Flicken und kein Beschlagen macht es wieder flott.“ Ewald hielt sich an dem Baum fest, an dem er stand. Ein Nebel trübte plötzlich seine Augen. Seine Revanche, wenn er sich nach Revanche gesehnt, hatte er erhalten. Und darum war es jetzt Zeit zu sprechen. Schon aus Mitleid mußte er es thun. Allein Ewald bekam kein Wort über die Lippen. Die Kehle schnürte sich ihm zu und die Zunge schien ihm zu schwellen. Der alte Mann hielt ihn fest im Auge, so sehr auch die großen Fliegen wieder ihr tolles, lästiges Spiel um seinen Kopf begannen. „Habe Sie eigentlich schon längst fragen wollen. Mr. Graham,“ hob er heiser an,„ob Sie nicht vielleicht zufällig einmal Ewald Nordahl kennen gelernt. Das ist mein Sohn— der einzige, den ich hatte.“ Die Rührung überkam ihn bei den letzten Worten. Er 5 e F ˙¹ 1 30i8 ‚ 8 * ä 5 * 8 3 2388 schüttelte seinen Kopf mit Löwen⸗ Ungeduld, stand, ohne eine Antwort abzuwarten, auf und schritt hinein in den Wald. Ewald wußte nicht, sollte er ihm dahin folgen oder nicht. Da hörte er plötzlich, während er die Sache bei sich überlegte, Olga's Stimme ihn rufen. Sie hatte ihren dritten Lachs gefangen. „Ich bekomme das Ungethüm nicht an's Land,“ rief sie, wie sie Ewald's Gestalt zwischen den Bäumen erblickte. Es zieht mich noch zu sich herunter in's Wasser.“ „Halten Sie nur noch einen Augenblick fest,“ rief er zurück. „Ich komme Ihnen zu Hilfe.“ „Ich kann nicht— ich kann nicht mehr. sind steif.“ Und plötzlich glitt ihr die Angel aus der Hand und schwamm lustig mit ihrer Beute den Fluß hinunter. Das Klügste wäre es da vielleicht gewesen, Angel und Lachs— beides als verloren anzusehen und sich in den Verlust zu fügen; indeß Vorsicht und Klugheit sind Eigenschasten, die ein Mann vor den Augen der Frau, die er bewundert, selten besitzt. Mit demselben Instinkt, mit dem der gefiederte Sänger des Waldes sein Liebeslied anhebt, sprang Ewald in's hochaufspritzende Wasser hinein, aus dem er nach zehn Minuten schweren Kampfes mit der Strömung, Angel und Lachs triumphirend in der Hand haltend, wieder heraustrat. Und froh⸗ lockend händigte er mit echt kalifornischer Grandezza seine Beute ihrer rechtmäßigen Besitzerin ein. „Das hätte ich einem Amerikaner nicht zugetraut,“ sagte sie mit be— wunderndem Vorwurf. „Sie sehen daß Sie meine Lands— leute schlecht kennen. Ein Amerikaner ist zu allem fähig, was von ihm ver— langt wird.“ Allein dies romantische Bad hat doch Keiner von Ihnen verlangt.“ „Das hängt von dem Standpunkte ab. Als Sportsman hätte mich der Gedanke, daß dieser Lachs mir entwischt, noch in meiner Sterbestunde gemartert.“ Der Zwischenfall hatte etwas von dem Reiz Bret-Harte'scher Novellen an sich, und gefiel ihr ihrer besseren Ein⸗ sicht zum Trotz. In seinem blauen Wollenhemd, aus dem ein kräftiger, sonnengebräunter Hals heraustrat, mit seinem Ledergurt um die Taille und dem breitkrämpigen weichen Filzhut auf dem Kopf, sah er in der That ganz nach Meine Arme Autor in so hohe Gunst bei der Lesewelt gebracht. Was sollte sie nur von diesem räthselhaften Fremden denken, der wie ein Wirbelwind in ihr ruhiges Leben gefahren war— und der die seltsamsten Dinge mit einer Ruhe ausführte, als reichte er ihr einfach eine Tasse Thee! Olga war so aufgeregt, daß sie für den Augenblick ganz ihren Onkel vergaß. Sie horte das Trappen der Graham'schen Pferde näher und näher kommen— so wie die Graham'schen Pferde trappelte kein anderes Gespann im ganzen Kirchspiel— und sah gleich darauf den schwarzen Hut des ernsten englischen Grooms zwischen den Ellernblättern auftauchen. „Aber was ist denn aus unserem Kapitän geworden?“ fragte Ewald, sich die Wassertropfen aus seinem Bart schüttelnd. „Sie sind doch zuletzt bei ihm gewesen,“ antwortete sie, nahm seine Hand und sprang auf den nächsten Felsstein. Als sie auf die Landstraße kamen, saß der Kapitän schon im Wagen, mit verstörtem Auge in's Leere starrend. Die Nachmittagssonne schien schräg über das Thal, spiegelte sich in dem schaumenden Wasser und ließ auf ihrem grünen Blätterlager die drei silberigen Lachse blitzen, die Olga stolz war, ihre Beute zu nennen. In Fossevang langten sie zur rechten Zeit zum Diner an. Schluß folgt. Moritz Hermann Jacobi. einem jener pittoresken Hinterwäldler aus, die der kalifornische voll gewürdigt wurde, sowie der Einfluß beider auf den Magne Moritz Hermann Jacobi und die Einführung der Elektrizität in die Cech Ein Jubiläums-Blatt. g Man hat das Jahrzehnt, in welchem wir leben, nicht ganz mit Unrecht das Jahrzehnt der Elektrizität genannt, denn die steigende Anwendung dieser Kraft in unserem wissenschaftlichen Leben hat wesentlich zu dem Aufschwung desselben beigetrag Telegraph und Telephon haben für den Verkehr die räu u Entfernungen verschwinden gemacht, die elektromotorische Kr hat auf einzelnen Gebieten mit Erfolg der Dampfkraft Konkurr gemacht und das elektrische Licht scheint bestimmt zu sein, Zukunft die Werkstatt und das Verkaufslokal zu erhellen den Unterschied zwischen Tag und Nacht verschwinden zu m i Wenn wir nun aber auch in dankbarer Hochachtung auf diejenigen Männer blicken, welche in den letzten Jahren durch ihre ge Erfindungen uns gelehrt haben, diese Naturkraft uns in so Umfange dienstbar zu machen, so darf uns das doch nicht hindern, auch derer zu gedenken, welche durch ihre Arbeiten unseren Zeitgenossen die Wege gebahnt ho und wenn wir uns heute der technische Anwendung der Elektrizität freuen, wollen wir nicht vergessen, daß vor fünfzig Jahren zuerst die Anwendung Elektrizität auf technischem Gebiete vo einem Deutschen, von einem Eingeborenen der Provinz Brandenburg, enkdeckt in der Praxis vorgeführt worden i Moritz Hermann Jacobi, am September 1801 in Potsdam geb war der Sohn eines wohlha Kaufmanns, welcher seinen Kindei gute, wissenschaftliche Erziehung zu werden ließ. Moritz, den ältes drei Brüdern, führten seine Neig zum Baufach, welches er in studirte, doch folgte er dem Strome de Zeit, daß er sich nicht streng an seit Fach- resp. Brodstudium hielt, sonde nebenbei auf der Universität noch and Kollegia und zwar besonders wissenschaftliche, vor allem über hörte. In dieser Disziplin war besonders die damals noch we forschte Elektrizität und der Galvan deren Zusammenhang erst von n welcher Jacobi anzog und beschäftigte, und es mag wohl in ein gewissen Zusammenhange mit der praktischen Richtung sei eigentlichen Fachstudiums gestanden haben, daß er sich vor a damit beschäftigte, ob es nicht möglich sei, die elektromagn Kraft der Technik dienstbar zu machen. Mit Versuchen 5 Richtung beschäftigte er sich ganz besonders in Königsberg wo er sich 1830 als Baumeister niedergelassen hatte, u nahmen ihn dieselben so sehr in Anspruch, daß er sich gang di Studium widmete. Das Resultat dieses Studiums war die Schrift„Sur Tapplication de Tlectro-maguetisme au me vdement des machines,“ welche im Jahre 1835 erschien. Abhandlung erregte als erster Versuch nach dieser Richtung großes Aufsehen und brachte dem Verfasser sehr bald den als ordentlicher Professor an die Universität Dorpat, Rufe er auch Folge leistete. a In Dorpat nun wurden die Versuche mit Eifer fort und mit welchem Eifer und welcher Leidenschaft er bei der& vorging, zeigt eine Stelle in einem seiner Briefe aus de Jahre 1836, f worin er seinem Freunde mittheilt, daß er füm liche Fenster und Doppelfenster zerschlagen habe,„nicht um Experimente damit anzustellen, sondern weil ich es nicht kor Es liegen uns einige Briefe Jacobi's aus jener Zeit vor, w ch einen Freund und Fachgenossen in Königsberg gerichtet find enthalten eine eingehende Schilderung seiner damaligen r 8——— 66 5 58 % 0% eg na eee e eee dung ung f E ———— Ä 7—˖r‚—— ˖. ⏑— 2 2390 C5 auf dem Gebiete des Magnetismus, Galvanismus und der Magneto⸗ Elektrizität; es find die Studien, deren Resultat schließlich die Ent⸗ deckung der Galvanoplastik und die technische Anwendung der Mag⸗ neto⸗Clektrizität als bewegende Kraft war. Wir können hier den Inhalt dieser Briefe, welche für den Laien wenig interessant sind, nicht mittheilen; wir wollen nur erwähnen, daß sie durch die ausführliche Schilderung der vielen kleinen und subtilen Versuche so recht deutlich den Beweis liefern, daß Entdeckungen auf wissen⸗ schaftlichem Gebiete nicht, wie das vielfach geglaubt wird, mit Leichtigkeit zu machen sind, sondern daß eine lange Reihe von oft schwierigen und scheinbar unbedeutenden Experimenten dazu gehört, und daß der Weg zu dem erstrebten Ziele nicht in Sprüngen, sondern schrittweise zurückgelegt werden soll. So hat Jacobi, in hunderten von Versuchen unentwegt dem Ziele zustrebend, endlich die Methode gefunden, das Kupfer auf galvanischem Wege in fester Form niederzuschlagen und so auf mechanischem Wege Nachbildungen zu liefern, welche dem Original in vollkommener Weise entsprechen. Der Ruf dieser Erfindung, welche auf dem bis in fremdes Land vorgeschobenen Posten deutscher Wissenschaft gemacht worden war, verbreitete sich schnell durch die ganze Welt, und die russische Regierung meinte, daß sie einen Gelehrten, welcher in so vortrefflicher Weise die Wissenschaft dem praktischen Leben dienstbar zu machen verstand, besser in Peters— burg als in Dorpat gebrauchen könne; und so wurde er gleich nach seinen ersten Resultaten auf dem Gebiete der Galvanoplastik nach Petersburg an die kaiserliche Akademie berufen. Von hier aus verschickte er erst eine ausführliche Arbeit über seine Ent—⸗ deckung; es gestatteten ihm aber auch die reichen Mittel, welche die russische Regierung dem Gelehrten zu Gebote stellte, seine Versuche zur Benutzung der Elektrizität als bewegende Kraft fort— zusetzen, und wenige Monate, nachdem er der industriellen Welt ein fürstliches Geschenk mit der, durch keinerlei Patent der all⸗ gemeinen Benutzung entzogenen Galvanoplastik gemacht hatte, gelangte er zu dem gewünschten Resultat: er fuhr zum Staunen der Petersburger auf der Newa in einem Boote spazieren, dessen Räder durch eine magneto-elektrische Maschine gerrieben wurden, so den Beweis liefernd, daß der Clektro-Magnetismus sehr wohl als bewegende Kraft für Maschinen benutzt werden könne, wie er dies schon in seiner im Jahre 1835 erschienenen Schrift be— hauptet hatte. So sind denn in diesem Jahre fünfzig Jahre verflossen, daß die Technik durch zwei Erfindungen bereichert wurde, welche, in ihren Wirkungen ganz verschieden, doch beide nichts anderes sind als Kraft-Aeußerungen der Elektrizität, jener seit dem Alterthum bekannten, aber bis dahin technisch unbenutzten Kraft. Heute mag es allerdings Manchem wunderbar erscheinen, daß es eine Zeit gab, wo die Elektrizität, welche wir heute als eine allzeit bereite Dienerin des Menschengeschlechtes zu betrachten gewohnt sind, zu keinerlei praktischen Zwecken benutzt wurde; wo man die Elektrisir⸗ Maschine als einen interessanten physikalischen Apparat betrachtete und die chemische Wirkung des Stromes als ein interessantes Ex— periment durch die Zersetzung des Wassers zeigte. In dieser Zeit der absoluten Unkenntniß der technischen Bedeutung der Elek— trizität trat nun plötzlich Jacobi mit zwei so bedeutungsvollen Erfindungen hervor; das Aufsehen war ein kolossales, und der neue Stern am Himmel der deutschen Gelehrsamkeit erstrahlte in hellem Licht. Sehr verschieden aber war für's erste der Erfolg der beiden Erfindungen; während die Galvanoplastik schnell aus dem engen Raum des Laboratoriums in die Welt hinausgetragen wurde und sich ganz neue Industriezweige auf ihr aufbauten, war Jacobi mit der Anwendung des Elektro-Magnetismus als bewegende Kraft ganz entschieden der Technik seiner Zeit vorausgeeilt. Die Spazierfahrt auf der Newa in dem elektromagnetischen Boot blieb Jahrzehnte hindurch eine„interessante Thatsache“, welche man. leider nicht in der Technik verwerthen konnte; erst vierzig Jahre später gelang es unserem genialen Werner Siemens, die technischen Schwierigkeiten zu überwinden und durch Vorführung der elek⸗ trischen Eisenbahn der Welt den Beweis zu liefern, daß man den Elektro-Magnetismus sehr wohl als bewegende Kraft an— wenden könne. Es liegt uns fern, dadurch, daß wir an die Uranfänge der heutigen Erfindungen erinnern, die Verdienste unserer Zeitgenossen schmälern zu wollen— wir meinten nur, daß wir auch derer ge⸗ denken sollen, welche schon vor fünfzig Jahren die Bedeutung 5 4 Elektrizität für die Technik erkannt hatten und bestrebt waren, sie praktisch zu verwerthen. 6. 1 7 W. r Kleine Frauen-Zeitung. Die Mode. Wenn ich in meinem Bericht über Dinge spreche, welche ich schon mitgetheilt, so will es mir scheinen, als ob ich mich wiederhole, und ich zögere, denselben Gegenstand wieder aufzunehmen. Indessen, wie mir verschtedene Anfragen unserer alten wie neu hinzugetretenen Abonnentmnen beweisen, habe ich doch so Manches nicht hinreichend erörtert, und es folgt daraus, daß das, was für die einen bereits bekannt, für die anderen ganz neu ist, und da ich gerechterweise die Forderungen einer jeden be⸗ rücksichtigen muß, so komme ich heut zuerst auf die wollnen Py i stoffe zu Kleidern zurück, welche in dieser Saison reichhaltiger als je sind. Die Redingotes und die einfachen Rock-Draperien, so verschieden sie geartet sein mogen, bieten in ihren Formen doch nicht eine jo große Mannigfaltigkeit wie die Raffungen fruherer Zeit. Man muß daher, um nicht in Eintonigkeit zu verfallen, die„Idee“ in den Stoffen selbst finden und künstlerische Wirkungen in den Komomationen hervorzubrungen suchen. Die bunt durchwirkten Kaschmir- und Palmenstoffe, auf welche ich schon früher einmal hingewiesen, sind zu den elegantesten Garnituren auf ein⸗ farbigen Wollenkleidern erhoben worden, und man verwendet sie in gleicher Art, wie die Stickereien auf den Toiletten aus Seide oder Sammet. Jene Stoffe sind entweder durchgehends gemustert oder bordürenarug ea sei es, daß die Bordüren der Länge oder der Quere nach gehen. gesammt dienen sie zu dem ersten Rock und zu den verschtedenen Zier⸗ rathen des Leibchens oder der Redingote. Da hat man den Rock z. B. einfarbig, nur um den Saum mit emer breiten Bordüre— in buntem Genre, gänzlich mit Borduren versehen, deren untere sehr breit gehalten ist, und deren folgende sich allmahlich in der Breite abstufen, so daß die obere ganz schmal erscheint. Dieses Arrangement bildet ein hübsches Tablier zu Redingotes, allein ich rathe es nur schlanken und großen Damen, da Quer-Garnituren die Figur immer etwas Als allgemeine Regel gilt, daß die Redingote oder das Leibchen aus ein⸗ farbigen Stoff sein mussen, welcher den Grundton des brochirten Ge⸗ webes wiederholt. Mit dieser Mode sehen wir all' die zarten Farben Indiens, welche in den alten Kaschmirs so geschatzt waren, wieder erscheinen: die un⸗ bestimmten blauen Nüancen, das Empire-Grün, welches kein anderes als das indische Kaschmirgrun ist, die duntelrothen Töne bon reizendem ein blaues Schwarz und ein violettes Schwarz, welche beide alle anderen Farben so rahlend hervortreten lassen, endlich jenes glänzende Gelb, das, ohne schreiend zu sein, nur in orientalischen Geweben existirt. Was das letztere betrifft, so kann es selbstverständlich nur im Muster oder in einem bedeckten Fond sich geltend machen, denn die einen derartigen Rock be⸗ gleuende Redingote dürfte selbstverständlich nicht gelb sein. Man hat sich indeß an die genannten Grundfarben nicht allein gehalten. Die Schattirungen, das Tabakbraun, Heliotrop, Mastix, Mandelgrun, Braun ⸗ roth, capuei und capueme(man unterscheidet hiermit namlich das Braun der Kapuzinerkutte und das warme röthliche Gelboraun der ind N Kresse), Nakarat und noch verschiedene andere Tone sind ebenfalls sichtbar. Die Kaschmirstoffe, deren Fond durch das Muster ganz bedeckt, u. sich oft noch„stilboller“ aus, als die abgepaßten, zumal wenn der weiß ist. Ein solcher Stoff bringt in der Oeffnung der Redingote einen der glücklichsten Effekte hervor. Da jedoch die Redingote in dieser für den Promenaden oder Besuchs-Anzug nicht weiß sein kann, so wa man sie in einer Farbe, welche am besten mit dem Kaschmmmufter monirt, und man fertigt den Kragen, die großen Revers und die aus dem weißgrundigen, ramagirten Stoff. Zuweilen fügt man einen doppelten Aermel hinzu, einen engen aus dem bunten Kaschm und einen weiten, geoͤffneten Aermel aus dem einfarvpigen Stoff. dem Genre„Kaschmir“, welches ein hervortretender Zug der dies Wintermode ist, degunstigt man zum Ausputz der schoͤnen Wollen a der feinen Tuche, der Seide und des Sammets je nachdem die ganze Serie der Soutache- und Applikations⸗Stickeretien, der Seiden und Per Stickereien, denen sich noch Spitzen, Passementerien und Pelzwerk Die Soutache, grob geflochten, wird immer eu relief, stehend, gesetzt. Man bedeckt mit ihren Verschnürungen Westen, Rock-Einsatztheile ze. Das soutachirte Tuchtoftum wird vielfach un Genre „arde-trangaiser gefertigt, mit Jaquetteleibchen und mit breiter Saum Bordüre oder mit Quilles, alles in reicher und dichter Verschnürung. schwarz auf rothem, blauem, beigefarbenem, schlangengrünem,. und chaudron⸗farbenem Grunde. Man verbramt es dazu auch mit moirtrtem Astrachan,„Karakoul“ genannt, und vollendet das durch eine kleine Toque in Turbanform, welche in Stoff und genau mit demselben übereinstimmt; die Toque erhält außerdem einen kleinen Panache schwarzer Straußfedern, welcher sich weit vorn neigt. 5 Da ware ich bei den Kopfbedeckungen aus Tuch angelangt, welche N eine sehr beliebte Mode geworden, vornehmlich in der. 1 wie in der Kapoteform, während zu den runden Hüten wie zu den 8. im Genre„Halbkapote“ vorzugsweise Filz, doch auch viel Sammet Verwendung finden. Beide Matarialien sind freilich ferner e a nimmt, wie STN —— —— — TSI A AE 2 e * S . 248 3 8 3 f . f * den vorbenannten Fafons vertreten, aber das Tu . 2392 Nöslelsprung. der le ben le das le 2 ben 2 ist re ben kunst ben das 3 im wah le schön wah wah die wah schö kunst ne schö re kunst schö ne ne re Viersilbige Charade. Die beiden Ersten kreisen durch die Lüfte; Das arme Opfer packt die Kralle fest, Sie tragen es in wilde Felsenklüfte, Wo hungernd harrt des Räubers Brut im Nest. Die Letzten lieben vielerlei Gestalten: Und bieten zur Kritik den Stoff genug. Sie haben durch die ersten Schwung erhalten, Daß jeder Römer gern mein Ganzes trug. Silben⸗Rätßsel. Aus nachfolgenden Silben: a an axt ber e e enz ger golf hab han kat ma mir na no per rin ros scher sil sper streit ze sind 11 Worte zu bilden, deren Anfangsbuchstaben, von oben nach unten gelesen, den Namen eines großen Dichters, und deren Endbuchstaben, ebenso gelesen, den Namen eines beliebten Lieder-Komponisten ergeben. Die elf Worte nennen:— 1. Einen Vogel. 2. Einen aus der Geschichte bekannten Erzbischof. 3. Einen König von Israel. 4. Ein vierfüßiges Thier. 5. Einen Neben⸗ fluß der Elbe. 6. Eine mittelalterliche Handwaffe. 7. Einen Meerbusen zwischen Arabien und Persien. 8. Einen orientalischen Titel. 9. Einen weiblichen Vornamen. 10. Eine Pflanze. 11. Einen Nebenfluß des Neckar. Jogogriph. Es 15 ein Mann, der oft gar hoch entzückt, Die Welt und Alles was darauf befindlich, In rosafarbnem Licht, oft doppelt gar erblickt, Der Freundschaft schließt gar schnell, und Brüderschast, Der singt und lacht, politisirt, Der Löwenmuth, so scheint's, dem Feinde zeigt. Doch willst das erste Zeichen du ihm nehmen, Dann wird es ewig den ergötzen, Den dieses Räthsels Anfang nennt, Mit diesem ist es eng verbunden, Es ist sein stetes Attribut, Erheitert seine Lebensstunden, Und giebt ihm immer frischen Muth. Nur seh' er nicht zu oft hinein, Sonst wird's sein eigner Schade sein. Auflösungen: der zweisilbigen Charade: Irrlicht;— des Homonym: Blatt;— des Eitaten-Räthsels: Das Schönste sucht er auf den Fluren, womit er seine Liebe schmückt;— des Füll⸗Räthsels: B ATS(EL. DUER ACER I MON HAM ID s Schach. Problem Nr. 542 von W. Kron in Beeck. . 2 . n 1 n 1 2 Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge Matt. Vartie Nr. 301, gespielt am 13. August d. J. im Meisterturnier zu Nürnbei Weiß: von Gottschall.— Schwarz: L. Paulsen. 1) e2—e4 75 Stellung nach dem 14. Zuge von 2) 8g1-f3 Sbs-es 3) 8b1— 03 a7 a6 4) d2—d4- da: 5) Sk3- da: e7—e5) 9 8d4—5 d7-d 7) Stö- g3 8g8—f6 8) Lel-g5 h7—h6 9) Lg5-f6: Dd 86: 10) Ses-d Df6- ds 11) LfI-e Les- e 12) 0—0 Tas-e 13) 2-63 Seb-a 14) Le- bg 7350 J 15) Sga-—hb5i! e6—d5:8,]“ 16) Lba- dd: Dds—b6?“) 17) 8h5—f6 Kes—e77,ë 18) Ddi—-h Jes- e76) 19) Dh5- fix Ke7 de 20) Df7 est 1) e7 es leitet in eine Variante des Bilgner'schen Handbuches hinüber, w Ache mit 60 Set: Pig 7) eb Der 87 4 ds 9, ede Lac, zum Ausgleich der Spiele forigefuh 2) Um 214 zu verhindern. 5 3) Schwarz hat nur die Wahl zwischen diesem Abtausch und 18 67; ß geht aus nicht wegen 16) Sdö—söf Ke7 17, Les Kess, 18) Das Ke7 10) e und Natt Damenverlust ist unvermeidlich. 3 4) Dies kostet mindestens einen Bauer; Schwarz übersieht, daß nach diesem Dat Ke7 als Erwiderung auf das Springerschach(wegen Uns!) nicht statthaft ist. Ver Bente standen übrigens nur wenige Züge zu Gebote, die noch ogne Nachtheil a ton 1467 ging offenbar nicht wegen 17 def Kis 18, Phe ebenso wenig war Tr oder lässig wegen 17) Ds und eventuell 18) 05 2c. 2 5) Der König mußte nach ds ausweichen und den Bauer 7 preisgeben, es 4 18) L 7. gefolgt und Schwarz hätte sich durch das Nehmen des Bauern 62 nicht schadlo können, wie die solgenden Varianten jeigen: 18) Dbz, 19) Dga Ker 20 41 21) Ddrit Kbs 22) Tbii Sb: 23 TbIi Te 20 Das Tes 25) Sd, 2c. 1* 21) Ddr Kbs 22) Ld5 b5 23) Tb. abö 24) DOb bf Kt ꝛc. 25) Da5 2 Matt, oder 19).. 1c 200 Des Le7 21) Sdös Tad 22) Se. Tez: 283) Dae ans Db so 21) Sdö und eventuell 22) Dsßt] oder endlich 100.. Db5 20% TI Dal 22 T bs De!(falls Dal so 22) I. b8 Sba 23) abs zc 28) Sdb Dd7[sonst 24) Des und gewinnt. 6) Die wenigen Mattdrohung war durch Dbg natürlich auch nicht zu d mit a2 a4 den Damengewinn oder Matt hätte erzwingen können, es bleibt sofortige Rückzug des Königs nach as übrig, wogegen 10) De 7: Le! 20% 8g scheidung gebracht hätte. 5 SS E M Aus der Schachwelt. Am 4. Dezember d. J. feiert die Schachgesellschaft Augustea“ in Leipzig ite jähriges Stiftungsfest. Ein Meisterturnier mit vier Preisen— 250, 150, 1 und 80 und ein Hauptturnier mit drei Wreisen— 150, 100 und 80 Mart sind in Auz Beide Turniere beginnen Montag den 3. Dezember. Im Melsterturnier 0 3 satz! bat jeder Theilnehmer mit jedem eine Partie zu spielen. Das Hauptturnler Gruppen gespielt, die Gruppensieger siechen um die Preise 3 Für das 17. Verbandsfest des Bergisch⸗Märkischen VBereinßs am d. Jist Elberfeld Vorort. Die Turniere sind die üblichen: Haup— 2 2 Gängen mit zwei Mark Einsatz, und Tombolaturnier mit 25 Pfg. jede Parte 1 Am 17 Oktober verstarb zu Baltimore einer der stärksten Spieler der Staaten. Herr Ale rander G Sellmann. Einige kurze Wettkämpfe gegen Zukertort und Madlenzie legen für Sellmanns Spiel 5 rühmliches 3 Turniererfolg batte derselde 1880, bei Gelegenheit des fünften amerilanischen 8 wo er den vierten Preis errang. Drud und Verlag der„Volks- Zeitung“, Att-Ges. in Berlin, Lützowstr 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105. 77STꝓꝙc!:·ĩ dd