zu den Obherhessischen Unchrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dleser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. g Gießen, den 2. September. Sanft wie die Tauben. Erzählung von Lenore Werth. J. gebrachten Huldigungen unbefangen hin als einen pflichtschuldigen Der Nachmittag eines schönen Spätsommertages ging zur Tribut; ihr Wesen aber war bei alledem stets natürlich und wahr Neige, und die scheidende Sonne tauchte die Bergspitzen noch geblieben; sie war ein lebensfrohes, offenherziges, kindliches einmal in helles, goldenes Licht, bevor sie den grauen Dämme⸗ Mädchen, dem auch keine Spur von berechnender Koketterie an— rungsschatten Platz machte. Etwas abseits vom Wege und haftete und das in seinen Gedanken gewiß nie über den kleinen schienbar eingeklemmt zwischen den hier beinah senkrecht abfallenden[Kreis hinausverlangt hätte, in den Geburt und Lebensstellung Bergwänden, lag ein schmuckes, einstöckiges Haus, das mit seinem es verwiesen. hellen Anstrich und den frischen, weißen Vorhängen hinter den Anders der für sein Kind, für sein Kleinod ehrgeizige Vater! blanken Scheiben einen überaus freundlichen Eindruck machte. Nicht ohne Absicht hatte er darnach gestrebt, mit Hülfe seiner Ein glänzend lackirtes Schild über der grün gestrichenen Thüre vorzüglichen Weine sein Haus zum Wallfahrtsort sowohl für die kennzeichnete das Haus als eine Gastwirthschaft, und die mächtige[akademische Jugend, wie für die Offiziere des Kavallerie-Re— Linde, welche sich vor den Fenstern erhob, und eine Anzahl sauber[gimentes zu machen, dessen Garnisonsstadt nur ein paar Meilen angestrichener Tische und Bänke beschattete, hatte demselben den[vom Lindenhause entfernt lag, und der sonst wohl etwas hoch— Namen gegeben. müthige Mann sah es nicht ungern, wenn sein im übrigen der „Das Lindenhaus“, dessen behäbiger Wirth sich eines stetig[Schenkstube fern gehaltenes Töchterlein sich solch vornehmen wachsenden Wohlstandes erfreute, genoß des besten Rufes in der[Gästen gegenüber selbst um die Bedienung kümmerte, hier den ganzen Umgegend, besonders aber waren es die Studenten der goldig funkelnden Wein in den bräunlichen Römern kredenzte, nahen Universitätsstadt, welche hier einzukehren liebten, und welche dort den Waldmeister oder die aromatisch duftenden Erdbeeren den einfach aber schmackhaft zubereiteten Speisen ebenso gerne[zur Bowle herbeibrachte. zuzusprechen pflegten, wie auch den Vorräthen in Meister Steffens Um die Zeit, da unsere, dem Leben entnommene, schlichte berühmtem Felsenkeller. Doch wenn im Lindenhause der Braten Erzählung beginnt, pflegte Meister Steffens nun sein Kind auch weniger saftig, der Wein weniger kühl und klar gewesen häufiger noch als sonst zu derartigen kleinen Dienstleistungen wäre, so hätte dies bei einer großen Anzahl der hier mit Vor⸗Therbeizuziehen, und wer sich die Mühe gegeben hätte, Be— liebe Einkehrenden der Anziehungskraft doch keinen Eintrag ge- obachtungen anzustellen, hätte bemerken müssen, daß dies regel— than, da Meister Steffens' Haus neben den bereits gerühmten[mäßig der Fall war, so oft die buntstreifigen Cereviskäppchen Vorzügen noch einen besondern Magnet besaß in der Person von einer gewissen, im Geruche besonderer Exklusivität stehenden des Wirthes einzigem Töchterlein, einem in frischester Jugend- Burschenschaft im Herrenstübchen des Lindenhauses auftauchten. blüthe prangenden, siebenzehnjährigen Mädchen, das des Vaters[Es würde demselben dann auch jedenfalls aufgefallen sein, daß ganze Freude ausmachte, und auf dessen wirklich hervorragende[Schön-Käthchen doch nicht allen Gästen mit der gleichen freund— Schönheit dieser nicht wenig eitel war. lichen Unbefangenheit begegnete, und daß sie verwirrt die Augen Es war ein Glück für das schon früh der Mutter entbehrende niederschlug, so oft sie den heißen, bewundernden Blick eines Mädchen gewesen, daß sein innerster Kern so rein und klar aus schlanken, jungen Mannes auf sich gerichtet sah, dessen Erscheinung der Hand des Schöpfers hervorgegangen wie Bergkristall, und[und Sprache den Norddeutschen verriethen. Es war indeß keine daß des Vaters eitle Vergötterung und liebende Schwäche hieran jener markigen Gestalten, mit welchen unsere Phantasie ja vor— so wenig zu verderben vermocht, wie auch der übertriebene Weih-⸗zugsweise unsere Stammesgenossen aus dem nördlichen Deutsch⸗ rauch, der von den jüngeren Gästen ihrer aufblühenden Schön- land auszustatten pflegt; der blauäugige, im Anfange der Zwanziger heit gestreut worden, so lange sie sich zu erinnern vermochte. stehende junge Mann war nur von mittlerer Größe und sehr „Welch reizende Kleine, welch liebliche Mädchenknospe!“ hatte] schmächtig gebaut. Die Züge des feinen, blassen Gesichtes waren es schon immer geheißen, als die kleine Käthe noch mit dem von fast mädchenhafter Schönheit, doch lag um die noch bart— Bücherranzen auf dem Rücken aus der Schule heimwanderte, und losen, schmalen Lippen ein Ausdruck zähen Eigensinnes, der mit solche Bemerkungen waren auch nicht an ihrem Ohre vorüber⸗ dem schwärmerischen Blicke der Augen und dem ganzen, träume⸗ geklungen. Käthe war sich ihrer Schönheit wohl bewußt, aber rischen Wesen des jungen Mannes seltsam kontrastirte. sie freute sich ihrer nicht anders wie sie sich auch der bunten Gisbert Volkmar war der Sprößling eines alten, hochange⸗ Bänder und der oft mehr massiv kostbaren, als geschmackvoll sehenen Patriziergeschlechtes, das seinen großen Reichthum aus⸗ ihrem Alter angepaßten Schmuckstücke freute, mit welchen der gedehnten Handelsgeschäften verdankte und dessen Name schon Vater sie freigebig zu beschenken pflegte. Sie nahm die ihr dar- seit ein paar Jahrhunderten mit Auszeichnung genannt wurde. — . W 1 Ce N 0 S8 282. Die Volkmar's durften mit gerechtem Stolze auf eine lange Reihe von Ahnherren zurückblicken, deren kaufmännische Fähigkeiten ebenso große Anerkennung gefunden, wie ihre Bürgertugenden und ihr streng sittenreines Leben ihnen allezeit die ungetheilte Hochachtung ihrer Mitbürger erworben hatten. Nunmehr aber stand die Zu— kunft des Hauses Volkmar nur auf zwei Augen, welche obendrein weniger den scharfen Blick des die Vortheile des Lebens wahr⸗ nehmenden Kaufmannes, als den schwärmerischen Ausdruck eines unverbesserlichen Idealisten besaßen. Hätte Gisbert Volkmar seiner sreien Neigung folgen dürfen, würde er seine Zeit nur der Aus— übung der schönen Künste, vornehmlich der Musik gewidmet haben. Handel und Gelderwerb waren Dinge, an welche er nur mit leisem Schauer zu denken wagte. Nichtsdestoweniger hatte er in richtiger Erkenntniß seiner Pflichten als dereinstiger Chef des alten Hauses und als zärtlicher Sohn seiner auf den Glanz dieses Hauses stolzen Mutter niemals nur den leisesten Versuch ge— macht, sich der ihm von den Vätern überkommenen Aufgabe zu entziehen; er hatte sich vielmehr bis dahin allen Anforderungen der Mutter bereitwillig gefügt, denen zufolge er sich nach Ver— lauf seiner Studienzeit noch ein paar Jahre in der Welt umsehen sollte, um dann als fertiger Mann an die Spitze der alten Firma zu treten. Nun standen die Universitätsferien vor der Thüre, und mit ihnen der Abschluß von Gisbert's Lehr- und der Anfang seiner Wanderjahre. Freute sich der junge Mann wohl des ungebundenen Lebens, das ihn jetzt erwartete, des Fluges in die Freiheit, um den ihn so viele seiner vom Schicksale weniger begünstigten Studien— genossen beneiden mochten? Der wehmüthige Ausdruck seiner Züge drückte eher alles andere aus, denn Freude, wie er an diesem schönen Herbsttage, inmitten eines Schwarmes fröhlicher Gesellen, die von der Spätnachmittagssonne beschienene Fahr— straße hinabschritt, welche unweit vom Lindenhause vorüberführte. Jetzt zweigte ein schmalerer Weg sich ab, und das Auge des jungen Mannes spähte forschend nach dem Hause hinüber. Doch, so anmuthig und harmonisch das Bild auch sein mochte, das sich dort den Blicken der Näherkommenden bot, Gisbert Volkmar's Antlitz verdüsterte sich nur bei dem Anblicke, der ihm zu Theil wurde. Auf einer der unter der Linde angebrachten Bänke saß nur ein einzelner Gast, ein hochgewachsener, breitschulteriger, junger Mann, dessen gebräunte Wangen die Spuren manches heißen Sommertages trugen, und dessen ganze Erscheinung den wohl— habenden Landwirth verrieth. Ihm gegenüber jedoch, an den Stamm des Baumes gelehnt, stand ein junges Mädchen, das neckend mit einem großen, langhaarigen Hunde spielte, der den zottigen Kopf liebkosend an des Mädchens Knie drückte. Die Unterhaltung der beiden jungen Leute schien ebenso lebhaft wie heiterer Natur zu sein, denn das Eifersucht geschärfte Ohr des jungen Kaufherrn vernahm deutlich das aus fröhlichem Geplauder hervorklingende, silberhelle Lachen des Mädchens; in diesem Augen— blicke aber erschien auch die untersetzte Gestalt Meister Steffens in der offnen Hausthüre, und mit einem schnellen Blicke nach der Landstraße hin trat er auf die Beiden unter der Linde zu. „Schönen guten Abend, Herr Heinrich, schon so früh Feier— abend gemacht?“ fragte er höflich, doch nicht ohne eine gewisse Verlegenheit.„Mich dünkte, die Herren Landwirthe stäken noch bis über die Ohren in der Ernte! Aber freilich, der Herr Nachbar können sich's ja leicht machen, thun Recht daran.“— Und sich zu seiner Tochter wendend, als ob er diese erst jetzt gewahre:— „Ach, da bist Du ja, Käthe! Die alte Hanna hat vorhin nach Dir gefragt, und überdem— es könnten wohl etliche Pfirsiche gebraucht werden— die ersten im Freien gereiften, Herr Heinrich, sind gestern erst angekommen und noch sündhaft theuer! Aber Sie wissen, den reichen, jungen Herren, welche mein Haus be— ehren, kommt es darauf nicht an— ganz charmante junge Herren, wahrhaftig, und so vornehm und gebildet. He, so gehe doch vorher einmal in Deine Stube, Käthe, Deine Locken sind ja ganz zerzaust,“ rief er der sich eilig Entfernenden noch nach, indem er den herankommenden jungen Herren mit verbindlichem Gruße entgegen ging. Auch Herr Heinrich, wie der Wirth ihn angeredet, erhob sich nun; ein Schatten war über sein ehrliches, nicht unschönes Ge— sicht geflogen, aus dem die hellbraunen Augen so offen und treu— herzig in die Welt hineinblickten. Die Ankunft der„charmanten, vornehmen, jungen Herren“ schien ihm jedenfalls weit weniger Freude zu bereiten, als dem behäbigen Meister Steffens, der eben seine Gäste zu den Tischen hin bekomplimentirte. Mit kurzem Gruß schritt der stämmige Gutsbesitzer an den schlanken, eleganten Jünglingsgestalten vorüber, nur dem Wirthe in gewohnter, freundschaftlicher Weise„guten Abend“ wünschend, worauf dieser indeß ein wenig zerstreut antwortete. Hatte doch Meister Steffens jetzt Wichtigeres zu thun, als sich um den jungen Landwirth zu bekümmern, dessen Vater ihm zwar in früheren Jahren manchen Freundschaftsdienst erwiesen, und dessen un⸗ verkennbare Liebe zu dem schönen Töchterlein er bis vor Kurzem auch gar nicht ungern gesehen, da Heinrich Ortenbach, ohne gerade ein reicher Mann zu sein, doch in gesichertem Wohlstande auf dem von seinem Vater ererbten Gute saß, und als Freier für die Tochter des Lindenwirthes gewiß für eine sehr annehm⸗ bare Partie gelten durfte. Aber Umstände verändern die Sache; was vor einem Jahre dem Wirthe noch ein rechtes Glück gedünkt, erschien ihm nun nicht werth, die Hand darnach auszustrecken. Meister Steffens wollte höher hinaus mit seiner Tochter. Und weshalb auch nicht? War Käthe doch ein sehr schönes, und den Begriffen ihres Vaters nach auch sehr gebildetes, vornehm erzogenes Mädchen. Hatte sie nicht, nachdem sie aus der Elementarschule entlassen, noch zwei ganze Jahre hindurch in einem feinen Pensionate ihre Kennt⸗ nisse bereichern dürfen? Hatte er ihr nicht Gesang- und Klavier⸗ unterricht ertheilen, sie in feinen Handarbeiten unterweisen und sogar ein Jahr hindurch ihr Malstunden geben lassen? Dafür hatte Käthe ihn zu seinem letzten Geburtstage auch mit einem schönen Aquarellbilde, einem Blumenstücke überrascht, und wenn Meister Steffens dabei die Kamelien für Rosen und einen Flieder⸗ zweig für Hortensienblüthe angesehen hatte, so war dies vielleicht ebenso sehr die Schuld seiner geringen Kenntnisse in der Botanik als von Käthchens fehlerhafter Darstellung. Das eine Gute hatte aber jene Verwechselung zur Folge gehabt, daß Käthe seither die Vorsicht gebrauchte, unter die Erzeugnisse ihres künstlerischen Schaffens jedesmal zu schreiben, was dieselben vorstellen sollten, wodurch denn fernern Mißverständnissen glücklich vorgebeugt wurde. So viel stand fest, ein Mädchen wie seine Käthe durfte höhere Ansprüche an das Leben erheben, als der bäuerliche Gutsbesitzer ihr zu gewähren vermochte, und wenn Vater Steffens, der einst als Kegeljunge seine Karriere begonnen, sich auch im allgemeinen nicht viel mit phantastischen Träumereien abzugeben pflegte, so hatte er sich doch schon jetzt ein fertiges Bild von der Zukunft seiner Tochter entworfen, das einer fruchtbareren Einbildungskraft Ehre gemacht hätte. Es war dem mit einer guten Dosis berechnender Schlauheit begabten Manne nicht entgangen, daß die Blicke des jungen Patriziersohnes wie gebannt an der schönen Erscheinung des aufblühenden Mädchens gehangen, schon gleich, wie er zum ersten Male mit einem Schwarm fröhlicher Studiengenossen unter das Dach des Lindenhauses getreten. Seit jenem Tage war er wieder gekommen, oft und immer öfter, allein und mit seinen Kommilitonen; immer hatte er Käthe's Nähe aufgesucht, hatte sie in das Gespräch gezogen und mit leuchtenden Augen dem naiv übermüthigen Ge⸗ plauder des Mädchens gelauscht. Und in der letzten Zeit hatte das Wesen des jungen Mannes den Stempel einer immer wachsen⸗ den inneren Unruhe getragen. Verwirrt und ängstlich schlug Käthchen die Augen nieder, wenn sie dem auf sie gerichteten heißen, leidenschaftlichen Blicke begegnete. Was war es denn doch nur, daß ihr dabei immer so beklommen zu Muthe wurde, wo sie doch die Huldigungen und galanten Redensarten der übrigen Studenten mit kindlich übermüthigem Lachen aufzunehmen pflegte! Auch in Heinrich Ortenbach's Augen begegnete sie häufig einem änhnlichen Blicke— doch nein— das war doch ganz etwas Anderes! Heinrich! Jedesmal veredelte ein sinniges Lächeln des Mädchens liebreizende Züge, wenn es des langjährigen, treuen Freundes ge⸗ dachte. Zu ihm vermochte sie immer von Allem zu sprechen, was ihr die noch kindliche Seele erfüllte, vor seinem offenen, ehr⸗ lichen Blicke hätte sie gewiß nicht die muntern Augen nieder- geschlagen— aber der vornehme, feine junge Herr, dessen schwär⸗ merische Huldigung ihrer Eitelkeit schmeichelte, war doch auch so ganz anders, als der derb biedere Freund ihrer Kinderjahre. 0 N 283 W. Abh. lichen Herzen wohl begehrenswerth erscheinen mag. Dieser war ihr lieb und vertraut, wie ihr bisheriges sorglos heiteres Leben; jener verkörperte ihr eine Zukunft voll Pracht und rauschender Lust; mit seinem Namen verknüpfte sich ihr eine Vor⸗ stellung von herrlichen Toiletten, Brillanten und seidenen Wagen— kissen, von Bällen, glänzenden Gesellschaften und fröhlichen Fahrten, kurz von Allem, was einem in der Liebe noch ungeprüften, weib— War es dem unerfahrenen Mädchen zu verargen, daß des Vaters wohlgezielte Bemerkungen allmählich Wurzel bei ihr geschlagen und sie sich immer häufiger in phantastische Träume versenkte von einem Märchenprinzen, der sie auf goldenem Wagen heimholen würde in sein buntes Feenreich? Das Antlitz dieses Märchenprinzen trug aber allemal die Züge Gisbert Volkmars. Sonderbarer Weise gedachte sie dieser Träume nie, wenn, was ziemlich häufig geschah, Heinrich Ortenbach zu einem Plauder— stündchen vorsprach. Dann fühlte sie sich immer so heiter und so sroh gestimmt, daß sie gar an nichts Anderes dachte als an die Lust des Augenblicks. Auch heute hatte sie sich mit dem ehe— maligen Spielgefährten weidlich herumgeneckt; er hatte ihr die schönsten, goldgelben Birnen aus seinem Garten gebracht, und sie ihm zum Danke ein neues, gesticktes Halsband für den zottigen Pluto verheißen, da das letzte zum größten Theil in Büschen und Hecken hängen geblieben war. Er hatte sie eingeladen, doch zum nächsten Sonntage einmal mit ihrem Vater hinüber zu kommen und sich das neue Gartenhäuschen anzusehen, das er habe bauen lassen, und das er ihr zu Ehren„Käthe's Ruh“ taufen werde, falls sie dort die Einweihungsbowle kredenzen wolle; und sie hatte sich das wohl gefallen lassen, und für sich speziell nur die guten Mandel— plätzchen zur Bowle ausbedungen, welche Heinrich's altes Haus— faktotum, die Frau Martin, so vorzüglich zu backen verstand. Da war plötzlich ein Schatten über ihr lachendes Gesicht geflogen, als ihr Vater unter die Thüre trat, um dem fröhlichen Geplauder ein schnelles Ende zu bereiten. Mit verlegenem Abschiedsgruße war sie in's Haus geschlüpft und der Weisung ihres Vaters folgend, vorerst in ihr Stübchen getreten, um ihr bei dem Spiele mit dem Hunde zerzaustes Haar wieder zu ordnen. Sie mußte es damit aber doch nicht so eilig gehabt haben, denn als nach Verlauf von einer halben Stunde des Vaters Stimme laut ihren Namen rief, stand sie noch immer an derselben Stelle am Fenster ihres Kämmerchens und blickte nachdenklich in den sinkenden Abend hinaus. Wem diese Gedanken wohl gelten mochten? Dem ide— alen Märchenprinzen im Zauberschlosse und im vergoldeten Wagen, oder dem schlichten Landwirthe im traulichen Stübchen mit dem gediegenen Großväterhausrath?(Fortsetzung folgt.) In der Heimath. Novelle von Hermann Birkenfeld. (Schluß.) Wolf Lützel war zurückgetreten und preßte die Stirn an die kalten Scheiben des Fensters. Nun verstand er Mariens Worte von vorhin und hätte Steinwald zermalmen mögen wie die zierliche Sevres-Schäferin, die er mechanisch von einem Nipptischchen ge— nommen und unbewußt in Stückchen gebrochen hatte. Und dennoch empfand er eine schrille Freude— er sah freien Raum vor sich — kein Hinderniß mehr zwischen sich und Marie! Wieder ging er auf seinen Freund zu und fragte halblaut: „Bleiben wir noch, Karl?“ Pförtner stand mit verschränkten Armen mitten im Zimmer und starrte finster auf Sophie Bretters, als sei sie verantwortlich für das Unheil, von dem ihr Mund berichtet hatte. „Ich muß ihm erst gegenüberstehen, Auge in Auge.“ „Ein frommer Wunsch, den ich mich glücklich schätze, a tempo erfüllen zu können.“ Steinwald! Mit eiserner Ruhe in den harten Zügen, wenn auch der Lichtschein des Flurfensters auf ein bleiches Gesicht fiel. Pförtner's Arme lösten sich langsam aus ihrer Verschlingung, er machte eine Bewegung, wie um vorzutreten, aber er blieb fest⸗ gebannt auf seinem Platze. ö „Ein süperbes Komplott!“ Gelassen setzte sich Steinwald auf die Sophalehne und drehte an den Enden seines Schnurrbarts. „Alle Verschwörer hübsch zusammen, da erscheint in ihrer Mitte wie aus dem Boden gestampft der Gegenstand ihrer Rache. Können's auch umkehren: Die Tugend sitzt zu Tisch über der Verderbtheit, verkörpert in der Person eines Don Juan⸗artigen Individuums, und plötzlich tritt dieses keck unter sie und spricht: Herrschaften, ich habe die ganze Kriminaluntersuchung mit an— gehört und bin nur noch nicht so ganz entschlossen, mich hoch— dero Jurisdiktion zu unterwerfen. Diabolus ex machina! Theater- coup, was? Genau wie auf der Bühne, Akt V, dritter Auftritt oder so, nur daß das weibliche Personal etwas würdiger ver— treten sein könnte.“ Steinwald warf einen spöttischen Seiten— blick auf sein Dienstmädchen.„Also Auge in Auge!“ sagte er dann, zu dem Apotheker gewandt. Dieser gab Sophie einen Wink, sich zu entfernen. Er hatte Zeit genug gehabt, sich zu fassen und zu mäßigen. Mit mehr Ruhe als zuvor wiederholte er deshalb:„Jawohl, Auge in Auge. Und da Du behauptest, so ziemlich Alles, was hier gesprochen wurde,— belauscht zu haben, so überhebst Du uns der Mühe, Dir Worte zu wiederholen, welche einem anständigen Menschen nicht leicht werden.“ Steinwald nickte. „Sehr schön gesagt! Bis auf den Ton, der mir nicht ganz gefällt, wenn ich bedenke, daß ein Fremder ihn in meinem eigenen Hause mir gegenüber anschlägt. Seht, ich könnte ja fragen, mit welchem Rechte Ihr sans façon hier eindringt und Euch in meine Interna mischt, ich könnte Euch ersuchen, das Haus zu verlassen und, wenn Ihr nicht Folge leistet, der würdigen Dienstmagd hier befehlen, ein paar Knechte aus den Betten zu treiben, welche Euch gut ländlich zur Thür hinauswürfen. Aber ich bin nicht empfindlich. Warum auch nicht in Ruhe mit einander verhandeln! Der langen Rede kurzer Sinn ist doch wohl der, daß mein lieber Wolf Lützel bereit ist, die Kousine meiner Gemahlin aus ihrer hiesigen Bedrängniß zu erlösen und ihre hunderttautend Thaler großmüthig mit in den Kauf zu nehmen, und daß Du, bester Freund und Apotheker, Dich als Beschützer meiner Gattin, der gekränkten Unschuld, aufwirfst.— Gut gerathen, wie?“ „Und daß ich Dich tödten werde, wie man giftiges Gewürm vernichtet, wenn Du Dich weigerst, Dich mit mir zu schießen,“ vollendete Pförtner kalt. „Hm, eigentlich habe ich Lützel gegenüber schon bemerkt, warum ich ein Duell für eine kolossale Dummheit halte. Nun kommt gar Jemand, der mit der Pistole meine Frau gegen mich ver— theidigen will. Und ich erhebe nicht einmal mehr Anspruch auf ihren Besitz!“ „Du würdest ihn auch verwirkt haben.“ Steinwald lachte, aber sein Lachen hatte etwas Gekünsteltes. „Scheinst ja Deinen vorjährigen Besuch hier gründlich aus— genutzt zu haben, schier besser als ich ahnte, da Du so offen als Anwalt auftrittst—— Wunderbar! Ich hatte eigentlich ganz andere Pläne, glaubte, die alte Liebe unseres idealistischen Lützel werde nicht im Handumdrehen einer neuen Platz machen und hätte mich ihm gegenüber ganz willig gefunden. Da kommst Du als cavaliere servente, mich zu zwingen—“ „Ich. Ich würde Dich verfolgen auf Schritt und Tritt und ein wehrloses Wesen gegen Dich sichern, so lange ich es in Deinen Krallen weiß.“ N „Schmeichelhaft! Aber langweilig für beide Theile. Und schon deshalb bin ich durchaus willens, dies wehrlose Wesen ab— zugeben, meinethalben an den Meistbietenden.— Bitte, keine unparlamentarischen Ausdrücke!— Der Preis der Theuren ist einfach der: Ihr laßt mich ungeschoren.“ Lützel hatte sich voll Verachtung abgewandt, in seinem Freunde aber kämpfte noch immer der Grimm gegen den Elenden. Er ballte die Faust—— f „Bestehst Du noch auf Deiner Forderung?“ fragte Steinwald. „Ja?— Gut denn, aber machen wir so wenig Umstände wie möglich. Ein Unparteiischer— als solchen will ich Lützel an⸗ erkennen— wird genügen, die Sekundanten sind meist doch nur zum Staat da. Zeit: Meinethalben morgen früh gegen halb acht; Ort— nun, wir können's ja hinten auf der Bleiche ab⸗ machen, da stört uns Niemand. Waffen: Natürlich Pistolen. Du hast wohl welche bei Dir? Wenn nicht, so kann ich mit gutem Gewissen ein Paar empfehlen, die im Jagdzimmer in ihrem Kasten liegen. Einverstanden?“ 8 * 284. 2 Pförtner schwieg. Dann fragte er nach einer Weile: „Du willst lieber das Duell vermeiden?“ „Ich halte es für eine Narrheit.“ „So will ich darauf verzichten.“ „Natürlich hast Du eine Bedingung. Meine Frau?— Ich sagte eben schon—“ „Mensch!“ Der ganze kräftige Körper des Apothekers bebte, sodaß Steinwald doch ein wenig unsicher auf seinem Platz rückte. „Du wirst noch in dieser Stunde das Haus verlassen und nicht zurückkehren— so lange Deine Gattin noch hier weilt.“ Das Letztere sprach er zögernd, es schien, als versage ihm die Stimme. Steinwald überlegte. „Es ist jetzt elf Uhr, Bester. Und zur nächtlichen Stunde aus dem Hause seiner Väter verbannt zu werden, gehört nicht eben zu den Alltäglichkeiten.“ „Einen Menschen, dem ich Alles zutraue, mache ich gern un— schädlich.“ Er zog die Uhr aus der Tasche, als Steinwald schwieg. „Zehn Minuten nach elf. Du hast fünfzig Minuten Zeit.“ Langsam gab der Gutsherr seinen Sitz auf. „Euch zwei soll ich wahrscheinlich als Hüter meines Anwesens zurücklassen und traue Euch nicht einmal besondere ökonomische Befähigung zu. Doch am Ende— hier bin ich's ohnehin leid geworden. Laß sehen—— zwei Uhr fährt ein Nachtzug nach Hannover, wäre gegen sieben da— Topp, meinethalben! Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten Triften!— wenn mir auch der Abschied nicht sauer wird.“ „Bis übermorgen wirst Du mir eine Adresse angeben, wo Dich Nachrichten von hier treffen können.— Still, kein Ver— sprechen! Aber thust Du es nicht—“ Auge in Auge! Die lässig schlanke, elegante Gestalt Steinwald's schien sich doch einen Augenblick zu beugen. Dann aber richtete er sich wieder hoch auf und stampfte ingrimmig mit dem Fuße. So verließ er, ein spöttisches Lächeln um die Lippen, das Gemach. „Fräulein Marie, ich bedarf für Vieles Ihrer Verzeihung.“ Ihre großen Augen sahen stumm zu ihm empor— eine ganze Zeitlang, bis sie sich langsam mit Thränen füllten und es leise um ihre Mundwinkel zuckte. „Sie— mir? Ich weiß nicht— Sie können keinen Spott mit mir treiben wollen, die Zeit wäre schlecht dazu gewählt.— Bitte, quälen Sie mich nicht!“ bat sie leise, indem sie den Kopf senkte. Und als er sie nicht verstand:„Gestern bat ich Sie um Nachsicht, und noch haben Sie mir nicht gesagt, ob Sie mir vergeben wollen, daß ich einen Augenblick jenem— Hedwig's Mann— halben Glauben schenkte. Es hat mich gedrückt, noch ehe das Unglück kam und es mir wie Schuppen von den Augen siel.“ „Sie mußten mein Benehmen gegen Sie mißdeuten.“ Nun sah sie ihn wieder verwundert an. „Sie sind mir seit Wochen fremder begegnet als in der ersten Zeit Ihres Aufenthaltes bei uns. Aber— ich hatte kein Recht, ein Anderes von Ihnen zu erwarten—“ Heiß stieg es ihm zu Kopf. „Kein Recht! Sie ahnten den Grund nicht—“ Er sagte ihr Alles. „Und nun— bin ich nun berechtigt, Sie um Vergebung zu bitten?“ Sie beugte sich tief auf ihren Schooß hinab, vor ihm das flammende Roth zu verbergen, in welches ihre lieben Züge ge— taucht schienen— und ihr junger Busen hob und senkte sich in immer heftigeren Athemzügen. Plötzlich sprang sie auf, sie wußte selbst nicht, wie so schnell es kam— er hielt sie in seinen Armen! Auf der Ebenholzplatte des Piauinos lag neben anderen Musikalien auch die Sammlung Mendelssohn'scher Lieder. Nach— dem sie den ersten Sturm, das Neue, Plötzliche ihrer Liebe über⸗ wunden hatte, wies sie unter Thräuen lächelnd auf den rothen Band. „Ich glaube, ich sang an jenem Abend das Lied für Dich und ahnte nicht, daß er währenddem in's Zimmer getreten war, um mir nachher—“ sie schauderte und schmiegte sich unbewußt, eine Schutzbedürftige, dichter an ihn.„Und doch— erst einige Tage später durchschaute ich ihn vollends— draußen— Du weißt, am Newelskampe— Die arme Hedwig! Er hätte sie verlassen, weil mein Geld das ihre überbot. Ich weiß nicht, wie schnell ich nach jener Szene heimgekommen bin.“ Minutenlang, während er innig ihre Hand drückte, sie Beide. „Und nun spielen wir Komödie,“ sprach sie dann heiter und richtete sich auf.„Vergebung auf beiden Seiten wie zwischen den Helden im Schlußkapitel eines Romans.“. „Und das soll diese Stunde uns bleiben, ja? Und das Leben — ein ncues Leben wird für uns beginnen, und Du wirst mir folgen als mein Theuerstes— mein Weib?“ sagte er leise. Sanft hatte sie sich aus seinen Armen losgemacht. „Ich folge Dir— aber Du verlangst es nicht eher, als bis ich hier entbehrlich geworden bin.“ Froh schaute Lützel auf seine Braut. „Das könnte binnen Kurzem der Fall sein. Steinwald wird bei der Scheidung nicht viel Schwierigkeiten machen, voraus⸗ gesetzt, daß es Hedwig auf ein paar Tausend weniger nicht an⸗ kommt, und dann—“ Er sann einen Augenblick nach und der erst halb scherzhafte, dann verächtliche Ton seiner Rede machte einem ernsteren Platz:„Allerdings ist Hedwig noch nicht ganz außer Gefahr—“ „Aber nahe daran,“ sagte Doktor Zange, der unerwartet ein— getreten war, sich gemüthlich die Hände reibend.„Aber Potz Blitz— Herr— Verehrteste—“ Er stand wie versteinert; denn Marie hatte nicht an sich halten können, die Exeignisse der letzten Tage hatten zu heftig auf sie eingewirkt, bei den wenigen Worten des Arztes hatte es sie eine Sekunde freudig durchzuckt, dann bebte ihr ganzer Leib, instinktiv floh sie wieder zu Wolf, an dessen Brust sie schluchzend ihr Köpfchen barg. Der Doktor hatte seine Brille abgenommen und rieb bedächtig an ihren Gläsern. „Dies ist allerdings— so gewissermaßen im Schlachtendonner — haha! Na, meine herzlichsten Glückwünsche! Donnerwetter, wird sich meine Frau freuen! Stoff zu fünfundzwanzig Damen⸗ kaffees, hahaha!“ Acht Tage später leitete der Anwalt in Kirchberg für Hedwig den Scheidungsprozeß ein; der Besorgniß der Freunde entgegen hatte Steinwald doch gleich von Hannover aus, wie man von ihm verlangt, seine Adresse eingesandt. Auf seinem Gute theilte sich Pförtner unter Heranziehung eines Sachkundigen mit Wolf Lützel, so lange dessen Aufenthalt währte, in die Verwaltungs⸗ geschäfte; für die Apotheke hatte er allerdings einen erfahrenen Provisor gewinnen müssen; denn Alexander Schruller befand sich die ersten Wochen nach der Südhorner Katastrophe in ähnlicher chronischer Aufregung wie sein Herr. Letzterer hatte ihm zwar die Verwechslung der Mixturen— gern— verziehen, aber ihn doch darüber zur Rede gestellt. Da war er ganz verlegen ge— worden, hatte erst mit der rechten, dann mit der linken Hand sein Haar ein bischen durchwühlt und schließlich gestottert, das sei am Tage vor dem Unglück in Südhorn gewesen, Sophie Bretters, welche die Rezepte brachte, habe geklagt, es gehe ihrer Herrin gar nicht gut, und da sei er von solchem Mitleiden er⸗ faßt worden, daß er für einen Augenblick seine Gedanken wohl mehr auf die Leidende als auf seine Hantirung gerichtet habe, und in solchem Zustande—„Sehen Sie, Herr Pförtner, ich kenne ja Frau Steinwald noch von der Zeit her, da ich ein elf⸗ jähriger Junge war, und immer—“ Dabei erröthete der Apotheker mit seinem Lehrling einmal um die Wette. f Als aber an einem Spätsommerabend des folgenden Jahres Hedwig Steinwald als seine Gattin in sein Haus einzog, da glänzten helle Thränen in Alexanders ehrlichen Augen, und die Thür des Wohngemachs krönte über dem üblichen„Willkommen“ ein kolossales Transparent, dessen Idee von zweifelhaftem Werthe, auf das er aber nicht wenig stolz war: Amor mit dem Schlangen⸗ stabe des Aeskulap an Stelle eines Pfeiles. Am gleichen Tage hatte in der Südhorner Dorfkirche der alte Pfarrer noch zwei Paare„zusammengegeben,“ wie der orts⸗ übliche Ausdruck lautete: Marie und Wolf, die gleich nach des Letzteren gesegnetem Wirkungskreise abreisten, und Sophie mit Töne. Dieser baut noch seine Kartoffeln auf dem Kotten seines Schwiegervaters— recht vergnüglich; denn das Gut ist schwiegen verkauft, und der neue Besitzer hat nicht nur auf Wolf's Grund⸗ S 285 W „Mich fliehen alle Freuden—— an allen meinen Leiden, ist nur die Liebe schuld.“ Nach dem Gemälde von A. H. Gakker Korff. . 286 g f g 5 stück verzichtet, sondern ihm noch ein vortheilhaftes Stückchen des eigenen Landes zu mäßigem Zins überlassen. Nur zuweilen macht er sich noch gelinde Gewissensbisse über die Spionendienste, welche er auf Südhorner Boden kurze Zeit für Erika Graf leisten mußte, doch tröstet ihn der Gedanke an deren Erfolglosigkeit. Wenn er Muße dazu hat, bedauert er auch wohl das arme Fräulein im Stadtwappen; denn er hat ein gutes Herz und wünschte sein Glück neidlos auch Andern. Frau Erika Graf, geborne Niederfurth, indeß soll hie und da noch etwas verlauten lassen von der unglaublichen Unbeständig— keit der Männer. Kleine Frauen Zeitung. Die Mode. Fast möchte man annehmen, daß jetzt unter den Sommermoden keine Veranderungen und Neuheiten von irgend welcher Bedeutung mehr zu erwarten wären, und doch giebt die gegenwärtige Reise- und Badesaison der Mode Beschäftigung genug, so daß sie nicht zu feiern braucht. Ein besonderes Interesse beansprucht das Reisekostüm, das eine gewisse Einfachheit im Stoff, im Schnitt und in der Garnitur verlangt. Die Wollenfabrikate bilden die Grundlage desselben, und die Soutache oder ein wenig Seide sind die einzigen Zierrathen, welche man dazu ver— wenden könnte, doch sehr mäßig. Einsatztheile, soutachirte Westen, ein schmales, seidenes Tablier in feinem Fächergefältel,— ein gefalteter Rock, ein runder Gürtel mit Schnalle. zu einem Schooß oder runden Leibchen: das ist's, was man größten— theils für einen derartigen Anzug zusammenstellt. Oder man besetzt, wenn man die fein gestreifte Limousine dazu wählt, den Fond des Rockes mit einem ausgeschlagenen Volant, einfarbig roth oder blau, je nach dem Streifen, läßt darauf den ersten Rock mit schlichtem Steppsaum fallen, über welchem sich die Tunika erhebt, auf den Hüften zurückgerafft und im Rücken in zahlreichen Falten herabhängend. Ein Amazonenleibchen, hinten mit Hohlfaltenschößchen, vervollständigt das Kleid. Es giebt nichts Einfacheres, aber die gute Machart muß ihm das„Cachet“ aufdrücken, auf das man so viel haͤlt.“ Zuweilen zieht man auch die Redingote mit fein plissirtem Rock vor. Die Vordertheile, mit Einschluß des Leibchens, sind dann der ganzen Länge nach mit Revers ausgestattet, und das Leibchen, das nur mit zwei Knöpfen schließt, läßt oben und unten eine Weste vorsehen. Man liebt es, die Amhüllung in Uebereinstimmung mit dem Kostüm anzufertigen. Die beliebtesten Schnittformen fur dieselben sind: das kurze Mantelet mit längeren Vordertheilen, der lange Mantel„bonne kemme“ und das Jaquette mit Stehkragen und mit geraden und losen Vorder— theilen, welche geöffnet und umgeschlagen, um das seidene Futter zur Erscheinung zu bringen. Je nach den Arten, nach welchen man reist, wählt man das leichte Sommertuch, die Serge, die Vigognette, den schmiegsamen indischen Kaschmir oder den Alpacca, einfarbig, ferner die Limousine, diese fein gestreift, mehr liniirt, weiß und ziegelroth, weiß und marineblau ze. Folgendes würde ein hübscher Reiseanzug für ein junges Maͤdchen oder eine junge Frau sein. Kleid aus Vigognette in Korkfarbe mit fein plissirtem Rock und ebenso plissirtem Leibchen, das an eine eckige Schulter— passe aus brauner Seide gesetzt. Dazu eine Toque aus korbfarbenem Stroh, geziert mit einem braunseidenen Gewinde nebst einem kleinen Strauß rother Mohnblumen und umhüllt mit einer Schleier-Echarpe aus brauner Seidengaze. N Ein eleganteres Genre wird durch eine Toilette aus grauer, mit rothen Erbsen brochirter Serge repräsentirt. Der Rock, unten mit zwei Aufnähern versehen, ist mit einer großen Polonaise bedeckt, welche in der Achselnaht eingekräuselt, vorn in schraͤger Richtung schließt. Dieselbe, leicht drapirt, läßt durch die Draperien ein rothes Foulardfutter zum Vorschein kommen. Ein Grosgrainguͤrtel mit einer Schnalle aus schwarzem Silber umschließt die Taille. Hierzu gehören ein kurzes, roth gefüttertes Mäntelchen mit Capüchon und ein Directoirehut aus grauem Stroh mit rothem Sammetfutter, einem Tuff von Schleifen aus rothem, mit grauen Erbsen brochirtem Bande und mit grauem Gazeschleier. Und nun füge ich noch ein drittes Reisekostüm,„Passepartout“ ge⸗ nannt, hinzu, wiewohl dieser Name sich auf jeden Reiseanzug müßte an— wenden lassen. Denn derselbe soll nicht allein dem Zweck entsprechen, sondern auch noch zu verschiedenen anderen Gelegenheiten dienen, z. B. zu Ercursionen, Morgenpromenaden ꝛc. ze. Man müßte schon einen großen Toilettenschatz mit sich führen, wenn der Reiseanzug allein für das Coupe bestimmt sein sollte. Kommen wir auf unser Modell zurück! Der Rock aus eisengrauem Kaschmir, in Quetschfalten geordnet, wird von einem Leibchen aus gleichem Stoff in Jaquetteform begleitet, das im Rücken fest anschließt, vorn jedoch lose und ohne Abnäher ist. Dasselbe, mit Seide gefuttert, mit umgeschlagenem Kragen versehen und mit einem Knopf am Halse geschlossen, offnet sich über einer Weste aus weißem Basin mit flachen Goldknoͤpfen. Man kann auch an Stelle derselben eine schwarze Sammetweste wahlen. Dieses Kostüm wird vervollständigt durch eine Toque mit chiffonnirtem Fond aus grauem, schwarz brochirtem Foulart und mit grauem Strohrand nebst zwei schwarzen Messerfedern, und durch einen Staubmantel„vonne femme“ aus grauem Kaschmir, welcher an ein Schulterstück aus schwarzem Sammet gekräuselt. Der Reisehandschuh muß weit und bequem sein, ohne Knöpfe, aus festem schwedischen Leder oder aus Seidentricot. Man zieht diese Hand. schuhe gern über die Aermel.— Als modernste Fußbekleidung gilt der Stiefel aus grau und schwarz karrirtem Stoff, aus grauem Leinen, aus schwarzem, gelben oder grünem Leder. Auch der halbhohe Schuh aus den gleichen Materialien wird gern getragen. Von allen Seiten sieht man die Blousenformen erscheinen. Dieser Schnitt ist der leichteste und bequemste für die einfachen Sommertoiletten. Der Foulard nimmt sich sehr hübsch dazu aus; er bedarf keiner Garnirung, und ein Steppsaum genügt an Stelle derselben. Ein runder Grosgrain⸗ gürtel oder ein solcher, welcher vorn zu einer Schnebbe niedergezogen, 8 die Falten der Blouse zusammen. Man kann mit letzterer„in der aille“ ohne weitere Umhüllung ausgehen, aber ich mache darauf auf merksam, daß die Blouse sich nicht für starke Figuren eignet. Wie denn überhaupt zu merken ist: nicht weil eine Sache in der Mode ist, muß man sie tragen; nein, man prüfe, ob sie Einem steht. Und in gleicher Weise sollte man mit den Farben verfahren. Nicht die augenblicklich von der Mode 1 man für sich zu wählen, sondern diejenigen, welche am huͤbschesten kleiden. Der Geschmack läßt keine anderen zu. Selten wohl variirten die Kleider mehr als in dieser Saison, und diese Varianten sind um so 7 zu bewundern, als sie auf Einfachheit beruhen. So werden Kleider gefertigt mit vague fallendem Rock, um den Saum garnirt mit einer ausgezähnten Rüsche; das Leibchen, von den Achseln an vorn drapirt, verliert sich innerhalb des Rockes und wird von dem breiten Consulatgürtel umspannt. Derartige Toiletten sind großtentheils nach denjenigen kopirt, welche Ende vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts getragen wurden. Dann giebt es andere einfache Röcke, sehr einfach, gerade gefaltet, oder unterhalb der Taille in elf bis dreizehn krausen Puffenreihen gezogen, die dann ausspringen. Diese Röcke werden durch das Jerseyleibchen und das Jaquette mit geraden, vorn geöffneten und von langen Revers eingerahmten Vordertheilen aus Flanell oder leichtem Sommertuch vervollständigt. Nichts Bequemeres und Praktischeres als die Jerseyleibchen, welche man selbst nach einem guten Schnitt herstellen kann! Wie hübsch sieht ein solches Leibchen in Weiß aus, mit kleinem, zugespitztem, roth und weiß gestreiftem Plastron! Das Leibchen schließt im Rücken und um das⸗ e schmiegt sich das kleine Jaquette„Maria“ aus weiß und roth ge⸗ treiftem Flanell.— Ein weiß und blau gestreiftes Jerseyleibchen mit einfarbig blauem Plastron, auf welches ein weißer Anker gestickt, wirkt nicht minder hübsch. Es ist mit blauseidenen Aermeln ausgestattet, damit man das Jaquette leichter überziehen kann. Am Meeresstrande sind die Kostüme aus englischem Flanell, in matt; bunten Farben fein gestreift, sehr beliebt. Sie werden mit einfach drapirtem Rock, anschließendem Leibchen und übereinstimmendem Jaquette hergestellt und gelten für sehr comme il faut. f Auch das Costüm aus rahmgelbem Kaschmir und aus schwefelweißem Flanell wird vielfach am Strande getragen. Man fertigt es gern mit krausgezogenem und gekreuztem Leibchen, welches mit dem Rock durch eine Schaͤrpe aus weiß und blau oder weiß und roth gestreiftem Wollen oder Seidenstoff verbunden ist. Der Rock ist vorn plissürt, hinten kraus gezogen; er entbehrt der Tunika. Diese sehr jugendliche Form ist grazids; doch muß sie in ihrer Machart wohlgelungen sein. Die Toilette aus rothem Foulard genießt in den Bädern große Er— folge. In Heiligendamm sah ich eine solche in reizendem Geschmack. Der Rock war am unteren Rande mit einem 25 em hohen Volant aus roh gelber, bretagnischer Spitze garnirt: aus diesem hübschen, mit Glanzfäden flach bestickten Tuͤll, welcher wieder in der Mode erscheint und mehr als jemals Beifall gewinnt. Eine schmalere, gleiche Spitze zierte die 1. legere und anmuthige Weise drapirte Tunika. Denn der Foulard i zu leicht und leiht sich nicht zu den einfachen und geraden Linien. Das Leibchen, welches unter den Rock gezogen(ein Verfahren, das man neuerdings vielfach anwendet), war an eine Passe aus gesticktem 1 2 tüll mit rohgelber Seidenunterlage gekräuselt. Die Aermel, an den Achseln leicht gebauscht, setzten sich, fein plissirt, bis unter den Ellbogen fort und schlossen mit einer kleinen Schleife ab. Bemerkenswerth war das Ar⸗ rangement des breiten Bandgürtels; derselbe schlang sich zweimal rings um, zuerst um die Taille, dann um die Hüften; auf der linken Seite war er in eine Schleife mit langen Enden geschürzt. Zu diesem Kostüm gehörten, lange, schwarze Handschuhe, schwarze Zwirnstrümpfe und Moliere⸗Schuhe aus schwarzem Chevreau, ferner e schwarzer Strohhut, Form Direktoire, mit rothen Blumen. Es war wohl ein etwas seltenes Ensemble, aber es hat sehr viel Chic, zumal es eine Dame trug, die es zu tragen verstand. Eine meine Leserinnen fragt mich betreffs der Balltoilette in dem Casino eines eleganten Badeortes um Rath. Sicher weiß sie nicht, wie derartige Bälle sind, und daß man dazu keiner aparten Toilette bedarf. Man erscheint in elegantem Promenadenanzug mit Hut. Die oben be⸗ schriebene rothe Toilette würde sich vortrefflich dazu eignen. Mehr, und mehr giebt sich die Tendenz kund, jede Uebertreibung in der Hoͤhe der Hut-Garnituren, zumal bei den kleinen Capoten zu vermeiden. Man garnirt die letzteren vielfach mit runden Schleifen, d. h. mit solchen, welche aus vier bis fünf Schlingen ohne Enden in Form eines Rades geordnet. Diese Schleifen werden auf jeder Seite angebracht, so daß sie oben in Gestalt eines Hahnenkammes herausstehen und sich begegnen. Einige Blumen ziehen sich durch die Schleifen und kommen nach vorn. Man fertigt auch viel Capotehütchen aus krausgezogenem Tüll oder Krepp, garnirt mit einer Blumensaat oder einer Handvoll Blumen, so wunderbar schön nachgeahmt, daß man glauben mochte, sie wären frisch gepflückt, wie z. B. diese Veilchen, welche über eine einfache, kleine Capote aus schwarzem Bordürenstroh geworfen, aber mit welch raffinirter Kunstfertigkeit! Die Kinnbänder, aus ziemlich breitem, schwarzem, atlas E c 5 1. c 0 5 rennen* eren 287 D. gestreiftem Moireband gehen schnebbenförmig vom Fond aus, der die Hufeisenform beschreibt. Immer noch viel Blumenhütchen! Aus Veilchen, aus Rosen, aus Vergißmeinnicht, die einen geschmückt mit moosgrünem Sammet und solchen Schleifen, die anderen mit pflaumenfarbenem Sammet und mit gleichen Schleifen. Wie reizend ist z. B. jenes Hütchen mit einem Fond aneinander gedrückter Rosen! Die Passe ist aus einem Rüschengefältel von feiner Goldspitze gebildet, das sich mit einer Draperie aus moos⸗ grünem Seidentüll mischt. Hierzu moosgrüne Kinnbänder. Die schwarze Spitzencapote, stets hübsch, praktisch, von einfacher Eleganz, wird gegenwärtig häufig mit drei bis vier anmuthig gruppirten, jungen Rosentrieben, deren Laub sehr hellgrün, ausgeschmückt, oder mit einer Handvoll Goldknöpfchen, untermischt mit ein paar Fliederblüthen. An den runden Hüten, deren Kopf nicht hoch ist, sieht man vielfach Blumenzweige, große Bandschleifen, Tüll⸗Echarpes oben auf dem Fond angebracht und von dort sich niederbreitend. Alles, was„Masse“ oder „Fülle“ bildet, wird gern getragen, vorausgesetzt, daß es nicht zu einem un⸗ geschickten Packet geformt ist. Zweige von dunkelrothen, fast schwarzen Kirschen, junge Epheu- und Pappeltriebe, Schneebälle, Gruppen enormer Rosen; das ist es, was man unter den Garnituren der neuesten Mode versteht. Der Hafer, die grünen Aehren werden auch oftmals gewählt, denn die zart⸗ und frischgrünen Töne sind in dieser Saison der Gegen⸗ stand blinder Vorliebe. Man begünstigt ferner die sehr großen Maaß— lieben aus weißem, grünlich weißem wie aus goldgelbem Sammet, mit schwarzsammetner Rückseite, ruhend in einer duftigen Tüllwolke. Die rotheu Strohhüte in Capote- und in runder Form sind sehr gesucht. Man ziert sie mit rothem Seidentüll, mit schwarzem Sammet und mit schwarzen Bändern, mit rothen Johannisbeeren, mit weißen oder weißgrünlichen Blüthen, mit jungen Blättertrieben, mit Federn. Ein runder Hut aus rothem, englischem Stroh zeigte die mit schwarzem Sammet gefütterte Krämpe auf der linken Seite zu einem großen Revers aufgeschlagen. Ein schwarzes Moireband umgab den Kopf und formte sich oben, etwas nach hinten zu, in eine Schleife. Von der linken Seite fiel ein aufgethürmter Panache rother Straußfedern herab. Eine sehr kleidsame Kopfbedeckung eleganten Gepräges ist ein Hut „Aurcole,“ welcher, obgleich man ihn den runden Fagons einreiht, eine Art Direktoire ist. Derselbe, mit niedrigem Kopf versehen, wird zurück— getragen, und sein breiter, be ne en Rand, glatt mit Sammet oder mit Stroh gefüttert, bildet einen reizenden Rahmen für das Gesicht. Lose Blätter. Messerschlucker. Wohl jedem sind schon während eines Jahrmarktes oder bei ähnlichen Gelegenheiten Leute mit jenen Produktionen aufgefallen, bei welchen sie Degenklingen, Messer und andere spitze Gegenstände theil⸗ weise oder ganz verschluckten, die sie dann ohne Schaden fuͤr ihre Gesund— heit wieder an's Tageslicht beförderten. Dieses sind nun im Grunde genommen leichte und ungefährliche Kunststücke, welche auf Uebung be⸗ ruhen. Ganz etwas anderes ist es mit den in der ärztlichen Praxis be— kannten Messerschluckern, denn die Personen, welche in dieser Beziehung bekannt geworden sind, haben aus Unvorsichtigkeit Messer ꝛc. verschluckt und konnten nur durch Oeffnen des Magens von außen her gerettet und geheilt werden. Nachstehende Fälle sind der Wahrheit gemäß aufgezeichnet und dürften jedenfalls von Interesse sein. Im Jahre 1635 hatte ein Bauerknecht, Namens Andreas Grünheide, zu Grunwald in Ostpreußen, als er sich eines Morgens unwohl befand und den Rachen mit einem Messer kitzeln wollte, um Erbrechen zu erregen, dasselbe plötzlich infolge Entgleitens aus der Hand verschluckt. Zwar versuchte er alles Mögliche, um das Messer wieder zu entfernen, jedoch gelang es nicht. Die Sache wurde bald bekannt, erregte großes Aufsehen und führte schließlich zu einer Operation. Nachdem der zu Operirende „etliche Balsamische Olitäten“ genossen, ein magnetisches Pflaster auf die in Angriff zu nehmende Stelle erhalten und auf ein Brett gebunden worden war, wurden die Bauchdecken durchtrennt und die Bauchhöhle eröffnet. Der Chirurgus bemerkte bald das Messer, ergriff es und zog es heraus. Die Wunde schloß sich sofort und heilte vollständig zu. Dieses Messer war 18 em lang und von der Magensäure stark angegriffen. Der Geheilte heirathete im Jahre 1641 und hat noch lange gelebt. Ein anderer Fall ereignete sich 1720 zu Rössel, wo eine Frau, Namens Anna Lembkin unter gleichen Umständen ein Messer verschluckte, wie Grünheide. Elf Tage später mußte sie sich ebenfalls einer Operation unter— ziehen. Auch hier wurde die Patientin auf ein Brett gebunden, dieses schräge gegen die Wand gestellt und vom Operateur Dr. Hübner durch einen kühnen Schnitt bald von dem unbequemen Gast befreit. Die Wunde, aus der etwa ein Löffel Blut und Eiter heraustrat, wurde vernäht und verheilte gut. Die Messerklinge sah schwarz angelaufen aus und der Schaft, der aus Hirschhorn gefertigt war, erschien ziemlich abgezehrt, woher die Patientin nach ihrer Aussage öfters Aufstoßen nach Hirschhornsalz gehabt hat. Weiterhin laborirte ein 16 jähriger Knabe, Andreas Rudloff aus taschwitz in Sachsen, an einem Messer, welches er sich durch einen Fall in den Mund stieß und schließlich aus Angst verschluckte. Auch er wurde operirt und geheilt. In neuester Zeit haben wir von einem verschluckten Messer aus Amerika Kunde erhalten. Am 17. November 1886 befand sich zu St. Louis der Schneider Joseph Hoffmann in seiner Wohnung beim Kruge Bier. Bereits in etwas ausgelassener Stimmung wollte er einem Gaste ein Bravourstück zum Besten geben, welches darin bestand, daß er sich ein ½ Zoll langes Tischmesser in den Schlund schob. Ganz nach Art der Degenschlucker ließ er das Messer hinabgleiten, bis schließlich nur noch ½ Zoll hervorsteckte. Triumphirend schaute Hoffmann um sich— allein plötzlich veränderten sich seine Gesichtszüge, hastig griff er nach dem Munde — das Messer war in den Magen hinabgeglitten und H. fiel unter Krämpfen zu Boden. Ein schleunigst hinzugerufener Arzt schlug als einziges Rettungs— mittel die Mageneröffnung vor, zu welcher H. sich nur schwer entschloß. Nachdem er schloroformirt war, machte der Arzt Dr. Barnay, einen langen Schnitt vom Brustbein bis zum Nabel, ging mit der Hand vorsichtig in die Oeffnung und zog den Magen aus der Wunde hervor. Nun wurde ein ½ Zoll langer Schnitt in den Magen gemacht und das Messer ohne Schwierigkeit herausgezogen. Auch der schwierigste Akt der Operation, das Zunähen des Magens und der Bauchwunde, ging gut von Statten. Am zehnten Tage konnte H. bereits das Bett verlassen, am vierzehnten ging er wieder aus und leistete sich auf den ausgestandenen Schreck ein Austernfrühstück mit Champagner. Von 17 verschluckten Gabeln sind, nach Professor Adelmann's Samm⸗ lung aus der Literatur, bis zum Jahre 1874 vier mit Erfolg, eine mit tödtlichem Ausgang durch den Magenschnitt entfernt worden, die übrigen gingen theils auf natürlichem Wege, theils durch vorher gebildete Ge— schwüre ab. Außerdem sind auf operative Weise aus verschiedenen Mägen ein Theelöffel, ein 21 em langer Fremdkörper, ein drei Zoll langer Kupfer⸗ draht, letzterer nach 115 Tagen, ein Stück Blei von 10 Zoll Länge und ein 1 Blei von 10 Zoll Länge und 270 gr Schwere herausbefördert worden. Aus Vorstehendem geht zur Genüge hervor, daß man bei der Han— tirung mit Messern im Munde oder Schlunde, sowie auch mit anscheinend ungefährlichen Sachen daselbst höchst vorsichtig umgehen muß, andernfalls Krankheit und Tod eintreten können. N. I.—I. Ein Münzkuriosum. Um's Jahr 1744 circulirten in Schlesien eine Meuge neuer preußischer Thaler, deren Prägung mit anderen Thaler— stücken bis auf einen kleinen Unterschied übereinstimmte. Betrachtete man nämlich die auf denselben befindliche Umschrift„Ein Reichsthaler“ genauer, so wurden in diesem Worte einige kleine Punkte sichtbar, welche derart an— gebracht waren, daß sich ein höchst befremdender Sinn ergab, aus: „EINREICHSTHALER“ war„EIN REICH STHAL.ER“ geworden. Die angestellten Recherchen ergaben, daß ein in der Königlichen Münze zu Breslau bediensteter Oesterreicher wegen der Eroberung Schlesiens durch Friedrich II. diese Aenderung im Prägestocke vorgenommen hatte; er wurde hierfür zu einer mehrjährigen Festungsstrafe verurtheilt. Obgleich man eifrig bemüht war, die ominösen Thaler einzuziehen, blieben dennoch manche in den Händen von Münzsammlern zurück und sind jetzt zu einer gesuchten numismatischen Seltenheit geworden. M. I.—I. Tod des englischen Königs Richard Löwenherz. Einer der Vasallen Richard's hatte auf seinem Grund und Boden einen Schatz in der Erde gefunden. Richard verlangte die Auslieferung desselben, indem nach einer gesetzlichen Bestimmung der dritte Theil von dergleichen Funden dem Landesherrn gebührte. Dem Gebote ward nicht Folge geleistet, und der König eilte, die Burg des Vasallen, ein unbedeutendes Schloß, zu belagern. Bald war dies der Uebergabe nahe, als ein Bogenschütz von der Mauer herab zielte und Richard tödtlich verwundete. Da das Schloß noch früher in die Hände der Belagerer fiel, als der König der Wunde erlegen war, so befahl der hochherzige Monarch, den unglücklichen Schützen vorzuführen und fragte ihn, warum er ihm so ernstlich nach dem Leben getrachtet hätte?—„Ihr erschlugt,“ versetzte der Bogenschütz,„meinen Vater und meinen Bruder, und trachtetet auch mir nach dem Leben; hatte ich nicht Ursache, Euch zuvorzukommen und Euch zu tödten?“— Der sterbende König gab ihm Recht, verzieh ihm und befahl großmüthig, daß man ihn ungekränkt ziehen lassen sollte.— Allein Richard lag im Sterben, als er diesen Befehl ertheilte, und so konnte er die Vollstreckung nicht mehr bewirken.— Der Hauptmann einer Schaar von Richard's Söldlingen aber ließ den Schützen Bertram de Gurdun lebendig schinden, welche Todesart ihm und seinen Genossen die grausamste dünkte, den Tod ihres Monarchen zu rächen. M. Der Khalif Mahadi und der naive Bauer. Der Khalif Mahadi wurde von zwei Leidenschaften, der Jagd und dem Trunke, beherrscht. Als er sich einstmals bei Verfolgung eines Hirsches verirrt hatte, kam er zu einer Bauernhütte. Die Hitze war groß; er forderte einen Trunk frischen Wassers. Nachdem er den ersten Becher geleert hatte, fragte er den Bauer, mit wem er wohl zu sprechen meine?—„Das kann ich nicht wissen!“ versetzte der Bauer.—„Ich bin einer aus dem Gefolge des Khalifen,“ sagte Mahadi.—„Das kann wohl sein!“ antwortete der Bauer,„so habt Ihr es besser als ich.“— Der Khalif ließ sich den zweiten Becher geben, und wiederholte die vorige Frage.—„Ihr habt mir ja schon gesagt,“ erwiderte der Bauer,„daß Ihr aus dem Gefolge des Khalifen seid.“—„Ich bin noch mehr, ich bin der Großvezier.“— Der Bauer sah ihn verwundert an, ohne ihm jedoch mehr oder weniger Ehrfurcht zu erzeigen.— Der Khalif ließ sich den dritten Becher ein⸗ schenken, und fragte abermals, wofür ihn der Bauer halte?—„Unmöglich ist es nicht,“— antwortete dieser—„daß Ihr der Großvezier seid.“— „Ich bin noch mehr, ich bin der Khalif selbst!“—— Der Bauer nahm anz kaltblütig seinen Krug und Becher und kehrte dem Trinker den Rücken zu, um nach seiner Hütte zu gehen.—„Wo willst Du hin?“— „Die Gefäße wegtragen! denn“— setzte der Bauer hinzu—„Khalif seid Ihr schon; wenn ich Euch noch mehr einschenke, so würdet Ihr Euch zum Mohammed oder gar zu einem Gott trinken.“— Diese naive Ant⸗ wort gefiel dem Mahadi so sehr, daß er den Bauer für sein Wasser mit zehn Goldftücen belohnte. M. CCC 288. f N Buchstaber⸗Näthsel. Aus folgenden Buchstaben: „ bd e F ö eee, I sollen sieben Worte gebildet und so in ein Quadrat gestellt werden, daß die 82 Diagonalen, von oben nach unten gelesen, zwei Getreidearten ergeben Die Wörter bezeichnen: 1. Reihe: Eine Stadt an der Ilm. „ Eine Kreisstadt im preußischen Regierungsbezirk Potsdam. 3.„ Eine Figur aus Scribe's„Glas Wasser“. 4.„ J) Einen Nebenfluß d. Weichsel. 2) Eine griech. Cykladeninsel. 5.„ Eine Stadt auf der Insel Rügen. 6.„ Eine Hafenstadt an der Nordsee. Dreisilbige Charade. Ohne meine erste möchte schwerlich, Dir das Ganze jemals nutzbar sein, Dinge, die zum Leben unentbehrlich, Macht das Ganze kleiner noch als klein. Die zwei letzten darf ich nicht erst nennen, Wirst sie auch im Ganzen gleich erkennen, Denn sie haben, klein zwar von Gestalt, In der Küche ihren Aufenthalt. Sprichwörter-Rätßhsel. Aus jedem der 8 nden sieben Sprichwörter ist ein. Wort zu wählen. Die sieben erhaltenen Wörter ergeben alsdann wieder ein Sprichwort. 1. Würdige! das Glück keiner Bitte, laß es vorübergehen; auch aus der kleinsten Hütte kannst du zum Himmel sehen. 2. Geh' treu und redlich durch die Welt, das ist das beste Reisegeld. 3. Faß und Glas sind gern bei einander. 4. Gieb gern dem Armen, aber freundlich und still, so bist du ein Geber, wie Gott ihn will! . Früh weis', wird bald Greis. . Gute Antwort bricht den Zorn. Wieviel ihr auch die Sprache schraubt und dreht, das beste Deutsch ist, das von Herzen geht. 22* Zweisilbige Charade. Mein Erstes ist ein türk'scher Titel, Mein Zweites ein Erholungmittel, Mein Ganzes soll stets durch sein Leben Das Alter wohl der Jugend geben. Aufloͤsung der zweisilbigen Charade in voriger Nummer: Braun- schweig;— des Arithmogriphs: 1. Wellington. 2. Ernestine. 3. Rem⸗ brandt. 4. Zeuxis. 5. Urbnisi. 6. Vierwaldstatter See. 7. Ischl. 8. Essig. 9. Levi. 10. Byron. 11. Ente. 12. Denkow. 13. Ed⸗ mund. 61. Nektar. 15. Kemi. 16. Treptow. Wer zu viel bedenkt, wird wenig leisten;— des magischen Quadrats: 1 r 1 * Schach. Problem Nr. 526 von v— in Putbus. 155 1* N 27 n a =,, 45 7, 1 W 3 15 1 5 79 5 5 2*. 7 l 1 Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem dritten 8 Matt. 2 Auflösungen. Problem Nr. 517 aus dem Turnier der„Venowine Nes.“ 1) Das- c5 Dg1- cs: 1) Dg1-g4: 2) 7g4—-g57 Ke da 1 8d5—f4 Ke5—f4(16) 3) e2— eg, e2— es(Sed) Varianten: 1).. 8cg oder Ida 2) 1 15(K 65 9 Tg5(Dft) Matt.—). cd5 2) Def f 3) 1 Matt.— 1).. Dg2 2) Degft K di: ꝛc. 3) c4(Df, el) Matt.— 1).. beliebig 2) Segt K 3 D385 Matt.— Die Lösung wurde angegeben von W. Kron in B, Dr. Knopf in G., Th. Kraus in B., Wüstnei in Gl. Problem Nr. 518 von R. Blümel in Schlegel. 1) ScsS- ds 2 n Matt. Problem Nr. 519 von W. Steinmann in Parchim. 1) Kgl—g2 2) entsprechend Matt. Problem Nr. 520 aus dem Turnier der„Lenowine Neys.“ 1) bl 2) entsprechend Matt. Die Lösungen der drei letzten Nummern wurden angegeben von Th. Kraus in B. Dr. in G., W. Kron in B., Wüstnei in Gl., 0. A n in B. und Dr. Voelkel in S- M. Der Nürnberger Schachkongreßs. Der zweite baierische Schachkongreß hat in Nürnberg vom 5. August bis zur Mitte des Monats getagt. Nachdem die Herren A. Fritz in Darmstadt und von Scheve in Berlin sich noch in letzter Stunde abgemeldet hatten und auch Dr. Fa nicht eingetroffen war. mußte das Turnier für Wunde Meister mit nur sechs Theilnehmern in zwei Runden— jeder mit jedem zwei Partien spielend— ausgefochten werden. Zu dem Hauptturnier batten sich elf Spieler eingefunden. Durch Beschluß der Delegirtenversammlun 9 rr M dee in Nürnberg zum Bundessekretär gewählt. Ob der nächste im Jahre 1890 abzuhaltende balerische Schachkongreß in Augsburg oder in München tagen wird, ist noch unentschleden.— N Tabelle zeigt das Resultat des Meisterturnters, dem zufolge der erste Preis an Dr. e Den zweiten und dritten Preis(300 und 200 Mt.) theilten von Gottschall und„ den vierten(150 Mk.)— und L. Paulsen. c pp RK 6 gew. r 1. von Gottschal!— ½ ½% ½ 1%%½ͤ 0 ½ 1[0 ⁰ 1 1 5b 2. Harmonist 2 ½— e ee 911 2455 8 3. Metger ö o 0 7.— e, 7 1 ½½ M— 1 0 0 115 5. L. Paulsen. ½ 0% 1 1 ½ 0 1— 0% 6. Dr. Tarrasch. 1 0 0 ½% 1 1 1 0 An dem internationalen Meisterturnier der britischen Seca becgneg in Bradford nehmen die folgenden achtzehn Meister theil. von denen England bei weitem die Mehrzahl(Mason 1 75 Guns berg, die schon seit einer Reihe von Jahren nach London Übergestedelt find. mütgerechnel 2 gesteült hat: v. Bardeleben(Berlin, Bird, Blagburne, Bürn, Gunsberg, 12 Lee, Loco, Macenzie(New. Hort, Mason, Mortimer, Owen, Pollock, ball, Stipworth, Tau benhaus Gher, Thorold und Weiß(Wien). Die deutsche Schachzeitung bringt die Trauerkunde von dem Atleben Jobanne? Ober. mann's in Leipfig, eines der bervorragendsten Problemkomponisten Deulschland: Seit 1884 redigirte Obermann die Schachspalte in der Gartenlaube.“ seit Anfang 1 1 in den Dresdener Nachrichten.“ Abgesehen von ehrenden Erwähnungen Turnierdewerdungen zu Theil geworden sind, gelang es ihm auch in e 88 turnieren Preise zu erringen, so 1877 im italienischen 8 4 111 1— Turnier von Brentano's Chess Monthly den III. Preis, e 25 Te 1 II. Preis, 1887 im Frankfurter Turnier den III. und IV.. mit 3— Die Wiedergabe einiger seiner Rompositionen aus den letzten Jahren behalten wir dem 2 3 Drucd und Verlag der„Volks- Zeitung“ „ Alt.⸗Gej in Berlin, Lützowsir 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin Lützowstr. 105.