nach Osten führt. Sonne blitzen. zu den Oberhessischen UMachrichten. Jeder Nachdruck aus dem Juhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Gießen, den 1. Jauuar. I. Auf der großen Straße nach Sibirien. Klasan, die Königin des Ostens, einst die Hauptstadt eines mächtigen Tartarenreichs, bietet einen imposanten Anblick, wenn die Thürme des Kremls, die zahlreichen vergoldeten Kuppeln seiner Kirchen im hellen Sonnenschein erglänzen. An einem prachtvollen Sommermorgen, als kaum der junge Tag erwacht war, und der Verkehr, das Leben mit seiner Qual und seiner Lust, noch schlummerte, da verließ ein langer Zug die Stadt und bewegte sich langsam weiter auf der Straße, die Es war kein Festzug, keine fröhliche Volks⸗ menge empfing ihn mit Zuruf und Jubel, kein Glockengeläute und Kanonendonner. Die Wenigen, die schon diese frühe Stunde zur Arbeit rief, wichen scheu zur Seite, wenn sie dem düstern Zug begegneten, und schauten ihm wohl mit Grausen noch lange nach, bis das Klirren der Ketten in der Ferne verhallte und der mit Blüthenduft erfüllte frische Morgenwind die letzten Spuren im Staube verwehte, die Fußstapfen der Verbrecher, die ihr schuldbeladenes Gewissen nach dem fernen Sibirien trugen. Langsam, stumm und schwerfällig bewegte sich der Zug die endlose Straße entlang, die vor ihm schon so viele Tausende gezogen sind. Durch die Staubwolken, welche ihn bald einhüllten, hörte man Kettenklirren, zuweilen ertönte plötzlich das Geschrei eines kleinen Kindes. Ringsum sah man Bajonette in der Von Zeit zu Zeit erscholl eine rauhe, befehlende Stimme, worauf bald da, bald dort, bald vorne, bald zur Seite die Bajonette in raschere Bewegung geriethen, bei Ausführung irgend eines Befehls des kommandirenden Offiziers. Voran schritt ein halbes Dutzend Soldaten mit Gewehr und Tornister, wie zu einem Feldzug ausgerüstet, dann folgten einige Dutzend schwere Verbrecher, zum größten Theil mit Ketten an Händen und Füßen, welche sie fortwährend in der Hand halten mußten, um überhaupt gehen zu können. Alle waren in gleicher Sträflings⸗ tracht, in der grauen Kutte nach Art eines Soldatenmantels vom gröbsten, filzartigen Tuch, ein gelbes Viereck auf dem Rücken eingenäht, mit einer tellerförmigen Soldatenmütze ohne Schirm auf dem Kopf. faltigkeit alle Verbrechen, Laster und Affekte zu lesen, der höhnische Vor dem Sturm. Roman aus dem modernen russischen Leben von A. L. Berthoff. lingskleidung, welche hauptsächlich aus einer grauen Kutte bestand. Sie liebten es, beim Passiren von Städten ihr Gesicht damit zu verhüllen. Dann kamen noch andere Weiber, die wohl auch gerechten Anspruch auf Mitleid hatten. Sie hatten sich entschlossen, ihren Männern in die Verbannung zu folgen sammt ihren Kindern. Einige hatten Säuglinge an der Brust und schleppten sich mit Mühe dahin; Andere, Glücklichere saßen auf armseligen Fuhr— werken, welche ihr dürftiges Eigenthum trugen, das ihnen dort im fernen, unbekannten Land zur Ansiedelung dienen sollte. Zu beiden Seiten war der Zug seiner ganzen Länge nach von Soldaten umgeben, und ein Trupp derselben mit dem Offizier machte den Schluß. Bei allen Beschwerden des Marsches, in Hitze und Staub, und trotz des Gewichts ihrer Waffen und ihres Gepäcks, war das Loos dieser wenig beneidenswerthen Soldaten doch unendlich leichter als das der Gefangenen. Sie hatten doch nur den Marsch von einer Etappe zur andern zu machen, während die Reise der Gefangenen oft ein Jahr dauerte voll entsetzlicher Ent— behrungen. Schrecklich ist die Eisenbahnfahrt im verschlossenen, vergitterten und überfüllten Gefangenenwagen weit hinter Moskau bis Nischny-Nowgorod, und ebenso die Weiterfahrt im Gefangenen— Schiff auf der Wolga bis Kasan; jedoch das Entsetzlichste ist der Aufenthalt in der engen Kasematte einer Etappe, wo Hunderte eng zusammengedrängt die Nacht zubringen, in einer schrecklichen Luft und unbeschreiblichem Schmutz. Der Weitermarsch zu Fuß mit seinen schrecklichen Strapazen erscheint den Gefangenen da— gegen wie eine Erholung. Wer sind die Menschen, die einem so traurigen Geschick ver— fielen, welche von der Heimath ausgestoßen sind, um im fernen Osten ein neues Leben zu beginnen, oder ihr schuldbeladenes Dasein in einem sibirischen Bergwerk zu endigen? Es sind Verbrecher jeder Art, welche zur Zwangsarbeit in Bergwerken oder in Fabriken des Staats, zur Ansiedelung in den eisigen Einöden Sibiriens, oder zu einfacher Verbannung Auf ihren Gesichtern waren in bunter Mannig- Trotz und die verbissene Wuth, der unstäte, lauernde Blick des gemeinen Diebs und die verhärtete Mordlust des brutalen Raub⸗ mörders, und ihr Anblick wurde dadurch noch abschreckender, daß ihre Köpfe glatt rasirt waren. Da und dort trug Einer, dessen Gesundheit vielleicht durch lange Haft in einem feuchten, gräulichen Gefängniß zerrüttet war, ein schwarzes Tuch um den Kopf ge— wunden unter der Mütze. 5 verschiedenen, zum Theil jugendlichen Alters, gleichfalls in Sträf— verurtheilt wurden. Es sind alle Stände dabei vertreten, wenn auch die untersten vorherrschen.— Da ist der Dieb, der bei einem Einbruch ergriffen wurde, der Brandstifter, der Wechsel— fälscher, da ist auch der Mörder, der sein Opfer mit einer Schnur erdrosselte oder mit einem Glasscherben, mit einem Stück Blech grausam abschlachtete, obgleich er dessen geringe Habe auch ohne Mord ungehindert rauben konnte,— da ist der Beamte, der aus Noth oder Leichtsinn„Kronsgeld“(Staatsgelder) veruntreute, da ist auch der Verdächtige, der ohne Urtheil, ohne Gericht auf Hierauf folgte eine Anzahl beklagenswerther Geschöpfe, Weiber Verfügung der Polizei verschwindet, man nennt das offiziell: bauf administrativem Wege verschicken,“ weil er vielleicht einmal rr — . mit einem Verdächtigen gesprochen oder weil ein Feind ihn als gefährlich, als Nihilisten denunzirt hatte. Es gingen in manchen Jahren weit über 10 000 Verdächtige„auf administrativem Wege“ nach Sibirien; eigentlich eine geringe Anzahl, denn wer ist denn in Rußland nicht verdächtig? Auch unter den weiblichen Straͤflingen finden sich solche„Ver⸗ dächtige,“ oft sehr gebildete Mädchen, Töchter hochgestellter Eltern. Unglaublich schwer ist es für solche, wenn sie einmal des Nihilis— mus verdächtigt und unter Aufsicht der Polizei gerathen sind, sich wieder zu befreien, denn zehnfach gefährlich wird ihnen die Willkür unkontrolirter Beamter. Am meisten Sympathie verdienen wohl jene beklagenswerthen Weiber, welche keinen Gebrauch machen von dem Rechte, ihre Ehe mit einem Verschickten, also einem bürgerlich Todten, zu lösen, sondern ihm freiwillig in die Verbannung folgen, um ihren Kindern den Vater zu erhalten. Stunden vergingen. Lautlos schleppte der Zug sich hin, dem fernen Ural-Gebirge zu, und zog sich mehr und mehr in die Länge, da die Schwächeren mit jeder Minute der Ermüdung weniger Widerstand leisten konnten und anfingen, zurückzubleiben, trotz rauhen Antreibens durch die Soldaten. Endlich wurde das Signal zum Halten gegeben. Der Zug löste sich in Gruppen auf, welche da und dort am Wege Platz nahmen, um die karge Ruhefrist auszunützen. Es war ein öder Landstrich. Der Lagerplatz lag auf einer kleinen Bodenerhöhung. Nach rechts lag ein kleines Stück Buschland, hinter dem in der Ferne die Kuppel einer Dorfkirche sichtbar wurde. Links vom Wege senkte sich das Gelände langsam nach einer Art von tiefer Furche hin, in dessen Grund ein kleiner Bach floß, der aber jetzt fast wasserlos war. Der Offizier ließ seine Mannschaft gleichfalls sich zum Aus— ruhen niedersetzen, nachdem er zwei Wachtposten vorwärts und rückwärts auf dem Wege ausgestellt hatte. Die übrigen Soldaten hielten ihre Gewehre zur Hand. Weitere Vorsichtsmaßregeln schienen überflüssig, denn an Widerstand oder auch nur Ungehorsam war nicht zu denken, da die meisten Männer durch ihre Ketten gesichert waren. Es war auch seit Menschengedenken nichts der Art auf dem Marsche vorgekommen. Einige Schritte abseits vom Wege saßen zwei Männer, an- scheinend stumm und theilnahmslos in's Weite blickend. „Feodor,“ sagte der Eine mit leiser Stimme, ohne den Andern anzusehen,„ich denke, jetzt ist's Zeit! Entschließt Euch rasch!“ „Noch kann ich nicht, Wassil,“ sagte der Andere, ein schmäch— tiger, junger Mann, der augenscheinlich sehr erschöpft und, nach seinem leidenden Gesichtsausdruck zu schließen, der Verzweiflung näher, als der Hoffnung war.—„Ich würde wohl nicht weit kommen, ich bin zu sehr ermüdet.“ „Es thut mir leid um Euch,“ erwiderte der Erste, eine gedrungene Gestalt mittlerer Größe, von noch ungebeugter, kräf— tiger Haltung.—„Ich hätte Euch gerne geholfen. Könnt Ihr drei Werst weit laufen, ohne anzuhalten, so kann es vielleicht reichen.“ „Unmöglich! Mit den Ketten an Händen und Füßen?“ „So meine ich's nicht! Die Ketten müssen fort. Ihr wißt, ich mache nicht zum ersten Mal den großen Spaziergang. Ich kam schon einmal aus Nertschinsk zurück bis nach Moskau, wo ich fast zwei Jahre lebte, bis ein guter Freund mich verrieth... Na! Ich werde ihn wieder besuchen! Er wird sich freuen!“ murmelte er mit wildem Blick.—„Wir alten Sibirier,“ fuhr er fort,—„haben unsere Zeichen und so fand ich in einer der letzten Etappen eine Feile versteckt. Ich habe fleißig damit ge— arbeitet, das könnt Ihr Euch denken, und in vergangener Nacht bin ich soweit fertig geworden, daß ich mit einem guten Ruck die Dinger wohl los werden kann.“ Er schwieg, und warf einen flüchtigen Blick ringsum, dann nach dem Ort, wo der Offizier lagerte. Dann fuhr er leise fort: Ihr thut mir leid, ich möchte Euch gerne helfen. Ihr seid nicht unser Einer, und habt Euch doch nie hochmüthig benommen. Hort mich an. Ich gebe Euch die Feile, wollt Ihr mit mir fliehen,— und zu Zweien macht sichs leichter,— so warte ich noch eine Nacht, bis Ihr auch Eure Kette durchfeilt habt. Länger kann ich aber nicht warten, denn ich muß befürchten, daß man meine Arbeit entdeckt. Ueberdies, wer weiß, ob wir nicht schon von der nächsten Etappe ab Kosaken zur Begleitung erhalten! Dann ist's schlimm.“ „Ich kann nicht, es ist nicht möglich,“ erwiderte der junge Mann schmerzlich,—„ich komme nicht durch. Geht mit Gott. Ich danke Euch!“ „Nun, wie Ihr meint. Aber jetzt zieht Euch ein wenig zu den Andern hin, damit Ihr nicht in den Verdacht kommt, mir geholfen zu haben. Wir haben ohnedies schon zu lange mit ein⸗ ander gesprochen.“. Der junge Mann befolgte diesen Rath und schloß sich mehr an die zunächst sitzende Gruppe. Es waren drei Verbrecher von bösartigem Aussehen, denen wohl das Schlimmste zuzutrauen war. Sie empfingen den jungen Mann mit Spottreden. „Nun, Euer Woblgeboren,“ fragte der Eine mit heiserem Lachen,—„wie gefällt Ihnen die Parthie? Etwas lang dauert der Spaziergang wohl, aber daraus muß man sich nichts machen. Das längere Ende kommt später, jenseits der Berge!“ Dabei nickte er mit dem Kopf gegen Osten hin, wo ein schwacher blauer Streifen am Horizont das Ural-Gebirge an— deutete. 5 „Haben Sie sich auch genügend mit Glacehandschuhen ver— sehen? Die Zwangsarbeit macht die Patschchen zuweilen etwas rauh,“ bemerkte ein Anderer. a Der junge Mann erwiderte unmuthig, man solle ihn in Ruhe lassen, er habe die kurze Rastzeit sehr nöthig. Er war in großer Spannung, und blickte mehrmals verstohlen nach seinem vorigen Genossen hinüber. Dieser lag noch immer an derselben Stelle, anscheinend ganz ruhig, aber sein bleiches Gesicht verrieh seine innerliche Auf⸗ regung. Er hatte wie unbewußt einen Feldstein ergriffen, der in der Nähe gelegen hatte, warf ihn dann scheinbar achtlos bei Seite, jedoch so, daß er ihn mit einem Griff erreichen konnte, und lag dann wieder unbeweglich. Jetzt wurde das Signal zum Sammeln gegeben. Der Weiter- marsch sollte beginnen. Alle erhoben sich, meist langsam, zögernd und mit sichtlichem Bedauern. Der junge Mann blickte nach Wassil hinüber und sah, wie dieser sich langsam aufrichtete, bis er saß, dann sich bekreuzigte, lanasam nach dem Feldstein zu 0 N 0 8 1 2 8 U 1 ö ö ö 9 ö g 5 85 seiner Rechten griff und dann plötzlich mit zwei raschen Schlägen die Fesseln an seinen Füßen zerschlug, daß sie mit leisem Klirren N auf die weiche Erde fielen. Rasch schnellte er in die Höhe und lief mit gewaltigen Sätzen hinab dem Bache zu. Einer der Sol— daten lief ihm in den Weg, um ihn aufzuhalten. Aber er warf diesem den Feldstein gegen den Kopf, daß er taumelnd den Weg freigab und sein Gewehr fallen ließ, und setzte seine Flucht mit verdoppelter Eile fort. Das Alles ging so blitzschnell vor sich, daß nur Wenige etwas davon bemerkten. Ein Schuß fiel, dann noch einer, aber der Flüchtling hatte bereits die Uferbank des Bachs erreicht und hinter derselben Deckung gefunden. Jetzt wurde der Kapitain aufmerksam und nachdem er Meldung empfangen hatte, sandte er sechs Mann zur Verfolgung aus und befahl, daß sofort alle Ge— fangenen sich niederlegen sollten, mit der Drohung, daß Jeder erschossen werde, der sich aufzurichten wage. Doch bevor die Verfolger den Bach erreichten, hatte der Flüchtling schon das jenseitige Ufer erstiegen, nachdem er zuvor eine ziemliche Strecke ungesehen in dem Bache selbst, vom hohen Ufer verdeckt, zurückgelegt hatte und dann plötzlich wieder gang unerwartet weiterhin sichtbar wurde. Hastig wurden einige Schüsse in der neuen Richtung abgegeben, aber, wie voraus- zusehen, erfolglos. Das Schießen mußte eingestellt werden, der Verfolger wegen, welche mit Gewehr und Tornister schwerfällig auf dem unebenen Boden dahinkeuchten. Der Flüchtling hatte bereits zu großen Vorsprung, in ziemlicher Entfernung wandte er sich nochmals um, nahm grüßend die Mütze ab und entschwand rasch den Blicken der Zurückgebliebenen. 4 Die Sträflinge beobachteten theilweise mit Spannung diesen Zwischenfall, doch die Meisten waren schon zu sehr niedergedrückt, um sich noch für etwas Anderes zu interessiren, als für die will⸗ kommene Verlängerung ihrer Ruhepause. 2 Der Kapitän tobte und schimpfte auf die schlechten Schützen und schäumte vor Wuth. Nach mehr als einer halben Stunde f ö 1 N ö 1 r 8 . „ ͤ ˙¹· ²˙· müthig der Fremde.— kamen die Verfolger still und müde zurück und der Marsch wurde fortgesetzt. Der Kapitain war in sehr schlechter Stimmung und wenn schon ohnedies sein Gesichtsausdruck wenig Einnehmendes hatte, und kaum besser war, als die wilden Verbrechergesichter vorn im Zug, so zeigte er jetzt etwas besonders Tückisches und Bösartiges. Wegen der Flucht des Sträflings hatte er Un— annehmlichkeiten, vielleicht eine längere Untersuchung zu erwarten, welche leicht auf eine ihn gefährliche Weise dirigirt werden konnte, wenn die betreffenden Autoritäten ihm nicht wohlwollten. Darum behandelte er jetzt die Gefangenen mit großer Strenge und duldete kein lautes Wort mehr. Es war gegen Abend. Der Zug hatte wieder Rast gemacht. Mit allen Zeichen äußerster Ermüdung saßen die Gefangenen am Wege, mit Gier die dürftigen Brocken verzehrend, die ihnen mitleidige Seele in den durchwanderten Ortschaften geschenkt hatten. Der Kapitän lag mit finsterer Miene auf einer Pferde— decke, die man für ihn auf dem Rasen ausgebreitet hatte. Rings um den Lagerplatz hatte er Posten ausgestellt in weitem Bogen und ihnen streng anbefohlen, sofort zu schießen, sobald sich etwas Verdächtiges rege. Jetzt war dies aber eine ganz überflüssige Vorsicht, das wußte der Kapitain wohl, aber es war ihm eine Befriedigung, seine Soldaten durch verschärften Dienst noch etwas mehr als bisher anzustrengen. Warum waren sie heute nicht aufmerksamer gewesen! Warum schossen sie so schlecht! Ju der Ferne gegen Osten erhob sich eine leichte Staub— wolke. Gespannt blickte der Kapitän nach dieser etwas un— gewöhnlichen Erscheinung. Sie kam rasch näher und bald wurde ein leichter uralischer Reisewagen sichtbar, mit einem Pferde be— spannt. Ein ältlicher Mann saß darin und lenkte selbst das Pferd. Seine Reisekleidung war von städtischem Schnitt, schien aber durch eine lange Fahrt ihre Frische schon längst verloren zu haben. Sein gutmüthiges Gesicht trug keine Spuren von des Lebens Noth und Sorge, seiner ganzen Erscheinung nach war er ein wohlhabender Kaufmann, der seine Geschäfte zur Zufriedenheit erledigt hatte. Mitleidig sah er auf die Gefangenen, auf die unglücklichen Weiber und Kinder herab, indem er ihnen im Vorüberfahren nach sibirischer Sitte etnige Hände voll Kupfermünzen zuwarf. Gierig suchten diese die willkommene Spende im Fluge zu erhaschen oder im Sande aufzulesen. Die ferner Sitzenden eilten herbei, es entstand ein schreckliches Ge— tümmel, Stoßen, Schreien, Kindergeschrei. Nachdem sich der Knäuel entwirrt hatte, nahm ein Unteroffizier Allen das Geld wieder ab, um es dann in der nächsten Etappe an die Gefangenen zu vertheilen, jedoch nicht, ohne daß ein Löwenantheil in den Händen der Soldaten geblieben wäre. Zornig über diese Störung war der Kapitän aufgesprungen und rief dem Reisenden zu: „Macht, daß Ihr weiter kommt. Was untersteht Ihr Euch, mir die ganze Bande in Unordnung zu bringen!“ „Nehmen Sie's nicht übel, Herr Kapitän,“ erwiderte gut— „Ich bin froh, daß ich bis jetzt meine Reise glücklich zurückgelegt habe, und gönnte daher den armen Teufeln auch eine kleine Freude. Aber da Sie gerade Rast halten, darf ich Ihnen vielleicht einen Schluck echten Cognac anbieten?“ Der Kapitän war besänftigt durch das höfliche Wesen des Fremden und nahm das Anerbieten gerne an. Der Fremde fuhr bis zum Ende des Zugs und ließ dort seinen Wagen stehen, nicht weit von der Stelle, wo der Kapitän lagerte. Dann brachte er eine Reiseflasche zum Vorschein, aus welcher er ein kleines Glas füllte und dem Kapitän anbot. Dieser leerte es auf einen Zug und gab es dem Fremden mit einem etwas weniger finstern Blick zurück, welcher nun seinerseits dasselbe Kunststück wieder— holte. Damit war allen Vorschriften der Etiquette genügt, die Beiden nahmen Platz auf dem Rasen und setzten die unvermeid— lichen Papiercigarren in Brand. „Eine sonderbare Art zu reisen,“ sagte der Kapitän,„so ganz allein ohne Kutscher mit einem kleinen einspännigen Wagen! Wie kommen Sie denn dazu?“ g „Es ist auch das erste Mal, daß ich so reise,“ erwiderte der Fremde.„Aber ich sah mich fast dazu gezwungen. Ich komme von Tobolsk und möchte gern bald nach Moskau kommen, wo ich erwartet werde. Mehrere hundert Werst weit fuhr ich mit neuen Paß. Aber jetzt habe ich wieder einen neuen Scheljabow, 3 D. Postpferden. Aber fast auf jeder Station hatte ich Aufenthalt, weil keine Pferde vorhanden waren, und mußte oft Tage lang warten, bis wieder einige von einer Fahrt zurückkamen. Als ich den Ural überschritten hatte, kaufte ich mir selbst ein Pferd und diesen leichten Wagen, um damit die wenigen hundert Werst bequemer zurückzulegen, die mir noch bis zur Wolga bleiben. Zuweilen bekam ich auf einer Station Postpferde, dann fuhr ich mit diesen und dem Postillon und band mein eigenes Pferd hinten an die Kutsche. Gab es keine, so fuhr ich mit meinem eigenen Pferd bis zur nächsten Station, um dort mein Glück zu versuchen.“ „Nicht übel ausgedacht,“ erwiderte der Kapitän,„und sind Sie zufrieden mit dieser Art zu reisen?“ „Sehr zufrieden!“ sagte der Fremde.„Morgen hoffe ich Kasan zu erreichen und von dort bin ich mit dem Dampfer in wenigen Tagen in Nischny, wo ich die Eisenbahn besteige. Ich habe jetzt für eine Weile genug von Euerm Sibirien.“ Dem Kapitän kam plötzlich ein teuflischer Gedanke. „Haben Sie Verwandte oder Bekannte in Kasan?“ fragte er lauernd. „Nein, dort kenne ich Niemanden.“ „Sonderbare Vergnügungsreise! Oder sind Sie etwa in Tobolsk zu Hause?“ „Nein, ich bin Kaufmann und reiste in Geschäften dahin,“ erwiderte der Fremde etwas ausweichend. Der Offizier hatte erfahren, was er wissen wollte. Plötzlich fragte er in ganz verändertem, barschen Tone mit finsterm Gesicht: „Habt Ihr auch einen Paß? Zeigt her!“ Verwundert und etwas beunruhigt reichte der Fremde seinen Paß dem Offizier. Doch dieser warf kaum einen Blick darauf, faltete ihn zusammen, steckte ihn in die Tasche und schrie: „Was, ein Kaufmann wollt Ihr sein? Das kennen wir. Ihr seid ein entlaufener Sträfling, Einer von dem Nihilisten— pack. Marsch mit Euch zur nächsten Etappe!“ „Wie könnt Ihr es wagen, so mit mir zu sprechen,“ rief der Fremde aufspringend.„Gebt meinen Paß heraus, Ihr habt kein Recht, ihn zurückzubehalten, oder ich werde Euch zu finden wissen, sobald ich nach Kasan komme.“ „Was! Drohen will der Kerl? Heda, Leute, nehmt ihn fest, bindet ihn! Solches Volk hat immer eiuen richtigen Paß!“ Ein Dutzend Soldaten sprang herbei. Im Augenblick war der Fremde ergriffen. Auf Befehl des Offiziers riß man ihm die Oberkleider ab, warf ihm einen Soldatenmantel um und band ihm die Hände auf den Rücken. Ebenso schnell, wie seine Taschen, wurde auch der Wagen ausgeleert. Es fand sich außer verschiedenen Gegenständen für die Reise, Flaschen, Cigarren, einigen Kleidern, nichts Besonderes vor. Das Pferd ließ der Kapitän an sein Fuhrwerk anbinden und den Wagen des Frem⸗ den auf das Feld fahren, abseits vom Wege, wo man ihn stehen ließ. Das Signal zum Aufbruch wurde gegeben. Der Kapitän trieb zur Eile, der Fremde wurde mit Kolbenstößen in die Reihen der Sträflinge getrieben und fort ging es, dem fernen Sibirien zu. Der Offizier war noch beim Wagen zurückgeblieben und rief seinen Feldwebel zu sich. „Bist Du sicher, daß keiner von den Soldaten etwas bei Seite geschafft hat?“ fragte er, den Feldwebel scharf ansehend. „Ganz sicher!“ erwiderte dieser.„Ich war immer zugegen. Es liegt hier Alles beisammen.“ „Gut!“ sagte der Kapitän, nachdem er die Brieftasche des Fremden mit beträchtlichem Inhalt, sowie einige Kleinigkeiten aus dem Eigenthum des Fremden in der Tasche geborgen hatte. Er reichte dem Feldwebel die Uhr des Fremden und fügte hinzu: „Das ist für Dich und den Rest von dem Plunder vertheile an die Leute.“ „Siehst Du, Petrow,“ fuhr der Kapitän fort im Weiter⸗ schreiten,„das ist ein ganz vortrefflicher Spaß! Wirklich fein ausgedacht! Ha! ha! ha! Scheljabow, die Kanaille, ist uns entlaufen und ich glaube nicht, daß er sobald wieder erwischt werden wird und dann jedenfalls nicht unter dem Namen Schel— jabow. So ein Erzhalunke verschafft sich immer wieder einen —. . diesen da. fach mit den anderen Kanaillen abgeliefert. Er wird auf der Etappe ganz ein⸗ Die Zahl ist voll Verstehst Du? und Alles in Ordnung!“ „Aber die Soldaten, die Sträflinge,“ wagte Petrow zu erinnern. * Aber wird er nicht Lärm machen sich beklagen?“ warf der Feldwebel schüchtern ein. „Was kann ihm das helfen? Ha! ha! ha!“ lachte der Kapitän höhnisch auf.„Ich habe seine Papiere und seinen Paß. Wie will er beweisen, daß er kein Sträfling sei, wenn ich ihn I 4 * III Mer 1 U 0 0 1* 3 1. 1 eu W. N 7 HI e h 8 Win waihet —. Prosit Neujahr! Nach einer Photographle aus dem Verlage von W. Luks in London „Dummkopf, die wissen doch nichts Anderes, als daß ich einen gefährlichen Nihilisten gefangen habe! Und seine halb⸗ städtische Kleidung? Nun, man muß sagen, daß er entsprungen war und am andern Tage bei Kasan wieder eingefangen worden sei, als wir schon auf dem Marsche waren.“ auf den Namen Scheljabow und mit dessen Papieren ordnungs⸗ mäßig abliefere? Aber das sage ich Dir, daß Du schweigst wie ein Fisch. Verstanden? Oder— Du kennst mich!“ „Ich höre, Ew.*(Fortsetzung folgt.) m ———————U————— ͥ——— j—ʃ N 5 D. Neujahrsbläser. Von Otto Piltz. 45 Das Oraßel der Sulvesternacht. Erzählung von A. Brüning. Sylvesterabend! Draußen heult die Windsbraut ihre wilden Lieder. Gewaltig braust sie dahin über das Haff und wirft von Zeit zu Zeit eisige Schneeschauer gegen die Fenster des dicht am Strande gelegenen Herrenhauses, das in seiner freien Lage die ganze Wuth des Sturmes auszuhalten hat. Drinnen aber, in dem holzgetäfelten Familienzimmer, das der aromatische Duft eines kräftigen Punsches belebend durch— zieht, ist's warm und behaglich. Die Ampel über dem großen Eichentisch verbreitet ein mildes, gleichmäßiges Licht, das den leise singenden, silbernen Wasserkessel inmitten hell aufblitzen läßt und dem funkelnden Krystall der daneben stehenden ge— schliffenen Gläser vielfarbige Reflexe entlockt. Mächtige Holzscheite prasseln in dem offenen Kamin, dessen rothe Gluth, bald hoch aufflammend, bald zusammensinkend, malerische Streiflichter über die tiefpurpurnen Vorhänge und Möbelstoffe wie über die schweren, verblichenen Goldrahmen der alten Oelbilder an den dunklen Holzwänden wirft. Der draußen tobende Sturm, unter dessen Gewalt bisweilen die Fenster, laut klirrend, erzittern, läßt das trauliche Gemach doppelnd anheimelnd erscheinen. Der Gutsherr indeß, der unweit des Kaminfeuers in einem Armstuhl ruht, empfindet, wie es scheint, nichts davon. Auf seinen düsterschönen, wie aus gelblichem Marmor gemeißelten Zügen liegt ein schwermüthiger Ernst. Wie gebannt starrt sein duntles Auge in die Gluth, als ob aus der rothen, züngelnden Lohe unsichtbare, geheimnißvolle Bilder und Gestalten vor ihm emporstiegen und seine Seele magnetisch gefesselt hielten. Mechanisch stößt er jetzt mit der in seiner Hand befindlichen bronzenen Zange in das Feuer. Hochauf stieben die Funken, ihr Knistern weckt ihn aus seiner Versunkenheit. Wie aus einem Traum erwachend, fährt er empor und wendet seine Aufmerksam— keit von den Bildern seiner Phantasie zu dem lebenden Bilde, das die Gruppe an dem Tische gegenüber ihm darbietet. Ein zartes, blondes Mädchen, über dessen Antlitz und Ge— stalt noch der ganze, knospenreiche Reiz der ersten Jugend aus— gegossen ist, sitzt graziös zusammengeschmiegt in einem der tiefen geschnitzten Armsessel und folgt mit vorgebeugtem Köpfchen und leichtgebffneten Lippen den Bewegungen des neben ihr sitzenden, feurig blickenden jungen Mannes, welcher die für ein junges Mädchenherz stets mit einem gewissen ahnungsvollen Schauer verbundene Manipulation des Bleigießens ausführt. Die Hände um die Kniee geschlungen, betrachtet sie die aus dem geschmolzenen Metall sich bildenden Figuren, das der junge Mann aus einer über Spiritus erhitzten Pfanne langsam in die vor ihm stehende, mit Wasser gefüllte Schüssel fließen läßt. Die Aufmerksamkeit des Letzteren ist indeß weit mehr von der Betrachtung ihrer Person als von seiner Beschäftigung ge— fesselt. Sein Auge hängt wie in trunkenem Entzücken an dem lieblich wechselvollen Mienenspiel des feinen, ihm zugewendeten Gesichts, an der Haarpracht des zierlichen Köpfchens, in deren aschblonden Wellen der Lichtschein metallische Funken aufsprühen läßt, während vorn um die schmale Stirn die luftigen Löckchen flimmern. Plötzlich fühlt er seine Hand ergriffen und in eine andere Richtung gelenkt, indem zugleich ein erstaunt vorwurfsvolles „Aber, Roman, wo haben Sie denn Ihre Augen?“ ihn aus seiner Versunkenheit aufschreckt. Er hat in derselben nicht auf das Gefäß in seiner Hand geachtet und war nahe daran gewesen, die siedende Flüssigkeit auf die Tischplatte, anstatt in die Schüssel, laufen zu lassen, woran ihn das Eingreifen der jungen Dame noch rechtzeitig verhindert hat. Wie ein Feuerstrom zuckt die Berührung der kleinen weichen Mädchenhand durch seine Adern. Verwirrt stammelt er eine Entschuldigung und wendet sich dann mit scheinbar verdoppeltem Eifer seiner interessanten Beschäfti⸗ gung wieder zu. Mit leisem Zischen floß das Blei in die Schüssel. Erst schien es wieder, wie in früheren Fällen, keine bestimmte Form annehmen zu wollen, allmälich aber gewann es dennoch eine solche und lag endlich als deutlich erkennbare Figur auf dem Grunde der Schüssel. 8. 3 „Ein Herz— wahrhaftig, es ist ein Herz!“ riefen Beide wie aus einem Munde. Dann aber färbte plötzlich ein heißes Roth das Antlitz des Mädchens bis unter die Stirnlöckchen; aus den dunklen Augen ihres Nachbars hatte sie ein so feurig beredter Blick getroffen, daß mit einem Male ihr Herz in stür— mischem Takte zu schlagen begann. „Welch' reizende Vorbedeutung für mich! Meinen Sie nicht auch, Irene?“ schlug es dabei in heißem Flustern an ihr Ohr. „Aber wie wär's, wenn Sie selbst nun auch einmal Ihr Heil versuchten?“ Erfreut, eine Ablenkung für ihre Verwirrung zu finden, stimmte sie dem Vorschlag lebhaft zu und war eben im Begriff, denselben auszuführen, als ein halbersticktes„Halt“ vom Kamin her sie sich erschrocken nach demselben umwenden ließ. Der Gutsherr war aufgesprungen. Geisterbleich, kalte Schweiß— tropfen auf der Stirn, starrte er zu dem jungen Paar hinüber, mit einem so seltsam abwesenden Blick, als ob er eine Vision gehabt hätte. Dabei bewegte er wie in angstvoller Abwehr die Hand gegen das Mädchen, das jetzt mit dem Ausruf:„Vater, lieber Vater, was ist Dir?“ auf ihn zu und in seine Arme flog. Auch Roman war in sichtlicher Bestürzung herangetreten. Der Baron blickte eine Weile von Einem zum Andern, dann strich er sich, aufathmend, mit der Hand über die feuchte Stirn und sagte mit dem ihm eignen melancholischen Lächeln: „Verzeih, mein Kind, und auch Du, mein lieber Roman, daß ich Euch erschreckt habe. Bei dem Aublick Eurer Beschaf⸗ tigung kam mir eben mit unheimlicher Deutlichkeit die Erinnerung an eine Scene aus meiner Jugend, die einen Schatten auf mein ganzes ferneres Leben geworfen hat und an die ich nie ohne Erschütterung zurückdenten kann. Ich glaube,“ setzte er, die theilnahmvoll fragenden Blicke der beiden jungen Leute bemer— kend, hinzu,„es wird am besten sein, wenn ich Euch jene Be— gebenheit heute erzähle, die Stunde ist geeignet dazu, und Du, mein Kind, wirst darin zugleich einen Schlüssel zu meinem Dir gewiß oft unerklärlichen Wesen finden.“ „Es wird Dir Schmerz verursachen, lieber Vater, unterlaß es lieber,“ bat das junge Mädchen zärtlich; aber der Baron wollte davon nichts hören. „Du bist ein gutes Kind; doch es wird mir im Gegentheil wohl thun, mich aussprechen zu können,“ sagte er freundlich be— stimmt. Er trat an den Tisch und zog sich einen Sessel heran, wobei er indeß Sorge trug, daß sein Gesicht im Schatten blieb. a „Eh' ich meine Erzählung beginne, schent uns ein, mein Kind,“ wandte er sich noch einmal an das junge Mädchen. „Das Getränk, das Du uns bereitet, paßt zu derselben— es ist ja auch eine Sylvesternacht, von der ich sprechen will.“ Bereitwillig kam das junge Mädchen der Aufforderung nach und gleich darauf stand vor jedem der Drei ein dampfendes Glas. Der Baron hob das seine empor und sagte, indem er aufstand, feierlich ernten Tones: „Ich weihe dies Glas dem Andenken einer Todten.— Es war am Sylvesterabend 1863,“ so begann er, nachdem er in tiefen Zügen getrunken.„Ich war mit einigen Kameraden auf das Schloß des Grafen von Szariszow geladen, das in der Nähe von Tilsit, wo ich seit Kurzem als Lieutenant in Garnison stand, am Ufer des Njemen gelegen war. f g Der Graf, obschon Pole und warmer Patriot, unterhielt einen freundschaftlichen Verkehr mit dem Offizierkorps unserer Garnison, der auch durch die drohende Revolution in Russisch⸗ Polen, wo sein Sohn, der sich vor Kurzem mit der Tochter eines dortigen Edelmanns verlobt hatte, gerade zum Besuche weilte, bis dahin nicht getrübt worden war. 1 Auch von dem umwohnenden Landadel wurde sein gastliches Haus mit Vorliebe besucht, das somit eigentlich den Mittelpunkt des geselligen Verkehrs in jener Gegend bildete. Für mich besaß dasselbe aber noch einen ganz besondern Magnet in Graf Szariszow's bezaubernd schöner Tochter, Kom⸗ tesse Wladislava, welche, seit ich ihr zum ersten Mal in die wunderbaren, veilchenblauen Augen geschaut, all' mein Denken gefangen genommen. Sie war aber auch wohl das vollkommenste 1 1 5 eee * 8 8 1 8 5 —— 8 5 1 7 F D 7 D. Geschöpf, das je aus der bildenden Hand der Natur hervor⸗ gegangen— ein Wunder an Grazie und Liebreiz, in dem sich alle Vorzüge der sarmatischen Rasse zu einem entzückenden Ganzen vereinigten. Die Feinheit und das Ebenmaß der Ge— stalt, die schmachtende Weichheit der Bewegungen, die sanfte Gluth des Blickes, der köstliche mattbleiche Teint— das Alles war ihr in hohem Grade eigen und verlieh ihr einen Reiz, der sich unmöglich in Worten wiedergeben läßt. Auch an jenem Abend, von dem ich erzählen will, hatte sich eine zahlreiche Gesellschaft in dem großen alterthümlichen Banket— saal versammelt. Es war ein Abend ganz wie der heutige: draußen heulte der Sturm und peitschte die Wellen des Njemen gegen die Ufer. Die Gesellschaft war aber nur um so fröh— licher beim dampfenden Punsch, den die schöne Tochter des Hauses kredenzte, und freute sich der Behaglichkeit des schützen— den Daches. Man trieb allerhand Kurzweil: Musik und Gesang; ab und zu wurde sogar von der jungen Welt getanzt. Ich hatte nur Augen für Komtesse Wladislava, die heute in ihrem Gewande aus blaßblauer, silbergestickter Gaze, mit reichen Gewinden von Schilf und Wasserrosen geschmückt, wie eine Fee aussah. Mir fiel es auf, was von den Anwesenden. sonst Niemand zu bemerken schien, nämlich, daß sie seltsam zer⸗ streut und unruhig war. Ihr zartes Antlitz erschien noch bleicher als gewöhnlich und ihre Augen hatten einen unstäten, fieberisch flackernden Blick. Mir, der ich sie mit der Aufmerksamkeit des Liebenden beobachtete, konnte das Alles natürlich nicht ver— borgen bleiben. „Komtesse sind zerstreut heute Abend!“ sagte ich einmal, als sie mir wieder eben mit geistesabwesendem Blick auf eine Frage eine ganz verkehrte Antwort gab.„Darf man nicht wissen, was Ihre Gedanken so ganz in Anspruch nimmt, daß Sie für Ihre Freunde keine Aufmerksamkeit mehr übrig haben?“ Sie fuhr zusammen.„Verzeihen Sie, ich— ich dachte . Die vom Klavier her ertönenden Klänge einer Mazurka unterbrachen ihr verwirrtes Stammeln.„Kommen Sie, lassen Sie uns tanzen,“ drängte sie mit einer etwas krampf⸗ haften Hast, als ob sie froh wäre, der Antwort auf meine Frage überhoben zu sein. Ich legte den Arm um sie und wollte eben mit dem Tanz beginnen, als ein heftiger Windstoß die Fenster erzittern ließ, während er zugleich vom Flusse her das dumpfe Brausen der Wasser herübertrug. Von Wladislava's Lippen rang sich ein leiser Schreckenslaut, ich fühlte ihren schlanken Leib in meinen Armen erschauern, aus ihrem Auge, das sich unwillkürlich zum Fenster gewandt, sprach es wie Todesangst. „Aber, Komtesse, was fehlt Ihnen? Sie zittern ja wie Espen⸗ laub—“ fragte ich besorgt,„soll ich Sie zu einem Sitz führen?“ „Nein, nein, es geht schon vorüber,“ wehrte sie mit einem Versuch zu lächeln.„Ich bin so schreckhaft heute— mich friert auch ein wenig, tanzen wir, das wird mich erwärmen!“ Im nächsten Augenblick flogen wir dahin über das glatte Parkett, aber auch dabei schien sie— sonst die leidenschaftlichste Tänzerin— heute nur mit halber Seele zu sein: Ihre Be— wegungen, die sich sonst stets mit hinreißender Gluth und Grazie den feurigen Rythmen anzupassen wußten, hatten heute trotz des schnellen Tempos etwas seltsam Mattes, Automatenhaftes.— Das schöne Mädchen wurde mir immer räthselhafter. Mit einem plötzlichen Ruck hemmte sie endlich den Fuß. Ihr leichtes Gewand war im Vorüberstreifen an den Zweigen einer der Lorbeerpyramiden hängen geblieben, mit denen die Ecken des Saales in geschmackvoller Dekoration ausgefüllt waren. „Gefangen!“ lächelte sie zu mir empor, während sie mit nervös zitternden Händen ihr Kleid loszunesteln suchte. Ich half ihr natürlich voll Eifer, aber wir verfuhren wohl Beide nicht sonderlich geschickt: es bedurfte vieler Mühe, das zarte Gewebe von den spitzen Zweigen zu lösen und als uns dies endlich gelungen, da zeigte dasselbe doch trotz aller Vorsicht einen langen, klaffen⸗ den Riß. Sie lachte unwillkürlich über das verblüffte Gesicht, mit dem ich auf den Schaden starrte und huschte dann hinweg, um den⸗ selben von ihrer Kammerfrau repariren zu lassen. Auch ich wollte mich eben entfernen, um mich wieder unter die Gesellschaft zu mischen, als mein Blick auf einen kleinen blitzenden Gegenstand fiel, der halb verborgen von den Lorbeer— zweigen am Boden lag. Ich hob ihn auf und erkannte darin ein zierliches Perlmutter⸗ Notizbuch, das ich oft in Komteß Wladislavas Händen gesehen, zum Ueberfluß stand noch auch noch ihre Namenschiffre W. v. S. auf dem kleinen silbernen Schild eingravirt. Wahrscheinlich hatte sie es soeben beim gewaltsamen Befreien des Kleides aus der Tasche verloren.— Ich meinte noch den leisen Duft von Violettes de Parme zu spüren, der von ihr unzertrennlich war. Berauscht von dem Gedanken, daß ich etwas in Händen hielt, was von ihr kam, drückte ich den kostbaren Fund, dessen Rückgabe— so hoffte ich— mir ein dankbares Lächeln ihres Mundes eintragen sollte, stürmisch an meine Lippen. Dabei löste sich wohl der Verschluß, das kleine Buch viel plötzlich aus⸗ einander und ich sah aus dem Seitentäschchen ein zusammen— gefaltetes, weißes Papier zur Erde flattern. Schier erschrocken hob ich es auf und wollte es wieder an seinem vorigen Platze bergen, als mein Blick auf die Ueberschrift fiel:„Mein süßes Weib!“ stand da mit festen energischen Zügen von Männerhand in polnischer Sprache geschrieben. Einen Augenblick starrte ich verständnißlos darauf nieder, dann aber begann mein Blut plötzlich siedend zu wallen; die un⸗ bestimmte Angst vor einem Ungreifbaren, die— hervorgerufen durch Wladislavas seltsames Wesen— den ganzen Abend schon auf mir gelastet, gewann plötzlich Form und Gestalt. Eine glühende, wahnwitzige Eifersucht packte mich; kaum wissend, was ich that, faltete ich mit vor Aufregung bebenden Fingern das Papier auseinander und verschlang gierigen Auges den Inhalt. Es enthielt nur die wenigen folgenden Zeilen: „Mein süßes Weib! Noch einmal— zum letzten Mal, komme ich in dieser Nacht über den Fluß zu Dir, wie einst der Leander der Sage zu seiner Hero kam. Es gilt den Abschied, Geliebte, den schweren vor dem Beginn des blutigen Befreiungskrieges. Dein Kuß soll mich weihen zum heiligen Kampf. Harre mein am Ufer bei den drei Pappeln an gewohnter Stelle. Ich weiß, Du wirst kommen trotz des Sturmes, der durch die Lüfte saust. Es scheint, die Elemente haben sich wider uns verschworen gleich den Menschen— aber ich verachte beider Drohen und trotze ihnen dennoch ein Wiedersehen ab. Diese Nacht noch einmal in Deinen Armen, meine Wladislava— und bald— vielleicht morgen schon unter Polens Fahnen zum Kampf auf Tod und Leben mit dem Tyrannen! Ob siegend oder sterbend— unwandelbar Dein Roman!“ (Fortsetzung folgt.) Lose Blätter. Neujahrsbläser.(Siebe Illustration.) In vielen Städten, namentlich in solchen, welche einst mit Ringwällen und Mauern umgeben waren, bört man heutzutage noch in der Neufahrsnacht einen Choral oder ein frommes Lied vom hoben Kirchtburm oder Ratbbaus berniederschalleu. Je nach der Größe oder Woblhabenbeit der Stadt sind es einzelne Blechbläser oder ist es eine ganze Kapelle, welche um Mitternacht den Sinn der Hörer durch die feierlichen Klänge nach Oben lenkt. Diese Sitte entstammt jenen Zeiten, da wilde Kriegsstürme weit bäufiger Stadt und Land verheerten als in unserm Jahrhundert, da die Bürger in den Städten sich verschanzen mußten gegen Raubgesindel und Feindesschaaren und da äußere Noth und Bedrängniß sie nur zu bäufig zwangen, sich eng zusammenzuschließen und vom Himmel Rettung und Erlösung zu erflehen. Im Mittelalter, in den Tagen der furchtbaren Glaubenskämpfe und in der Zeit der Franzosenkriege mag oft die ganze Bürgerschaft in der Neufahrnacht bei den Klängen des vom Thurm herabschallenden Chorals die Hände gefaltet und gefleht haben: Guter Gott, laß' die Zeiten besser werden! Und die Zeit hat die Welt gewaltig verändert. Die meisten Städte haben selber ihre Befestigungswerke zertrümmert und sind über die Wälle und Gräben weit binausgewachsen. Thürmer und Zöllner sind mit den engen Thoren verschwunden, frei schreitet der Bürger durch sein Heimath— jand und es sind nicht mehr die äußeren Gefahren, welche die Stadt⸗ bewohner erzittern machen. Aber der Neufahrsbläser ist gleichwohl geblieben; selbst in Berlin schallen am Neujahrsmorgen alte Choräle über das Häuser— meer an der Spree bin. Die alte Sitte ist aus dem Gedanken bervor⸗ gegangen, daß es gut sei, den Menschen bei der Jahreswende zur Hoffnung und zur freudigen Zuversicht auf glückliche Tage zu erheben. Der Neujahrs⸗ bläser ist ein Ueberlebsel aus rauber Zeit und sein Nachtlied giebt uns die freudige Gewähr, daß die Menschbeit beute auf freieren, lichtvolleren und friedlicheren Lebensbahnen durch die Welt schreitet. 2 3 „. ö 8—— * **. 9 2 9 1 25 n 2 * 2 2— 3 8.. 5 3 7 Neujahrs⸗Rösselsprung. und nicht kann euch bahn bud. auf jeder euch nah'n doch ich münd ⸗ stets ein lich neue N nun lich meine bring der eurer ten tag und fried brit diesem wün⸗ o schrift⸗ ne nie⸗ und alles wün⸗ chen sreund · lich euch klar son · ma · was neues te gen⸗ mit möge sche dar die rein her ⸗ ihr wahr schet Citaten⸗Räthsel. Aus jedem der folgenden neun Citate ist ein Wort zu wählen; die neun erhaltenen Wörter bilden ein Schiller'sches Citat. J. So wie es ist, muß Alles sein, nur Schein ist alles irdische Glück und kann nicht anders sein. L. Tieck. 2. Wenn freche Willkür an das Heil'ge rührt, Den Anker loͤst, an dem die Staaten hängen: Da ist kein Stoff zu freudigen Gesängen. 3. Ein Jeder lernt nur, was er lernen kann, Doch der den rechten Augenblick ergreift, Das ist der rechte Mann. Goethe. 4. Ein edler Mensch zieht edle Menschen an und weiß sie fest zu halten. Goethe. Drücke den Pfeil so schnell nicht ab, der nimmer zurückkehrt: Glück zu rauben ist leicht, wiederzugeben ist schwer. Herder. 6. Die Eifersucht ist eine Leidenschaft, welche mit Eifer sucht, was Schiller. * Leiden schafft. Schleiermacher. rist der menschlichen Würde nicht werth, nicht sein innerstes Wesen erfährt. Chr. Schreiber. öhl dem, der traut den Sternen, n Weg der Erde kann man nur am Himmel lernen. der Gewalt, die alle Wesen bindet, Rücert. eit der Mensch sich, der sich überwindet. Goethe. Dreisilbige Charade. Gefertiget von Meistershand In 1 5 mühevollen Stunden, Vom Kennerauge ankannt, Wird meine Erste oft gefunden; Man hält sie dann für auserwählt, Wenn ihr Genauigkeit nicht fehlt. Im dichten Forst, vor einem wilden Thiere Da sei mit großer Vorsicht auf der Hut, Daß mit den beiden letzten es dich nicht berühre Und dir dadurch den größten Schaden thut. Das Ganze ist ein Künstler, wohlbekannt In jedem kultivirten Land. Auflösung des Silben-Räthsels in voriger Nummer: Pfefferkuchen, Aepfel, Nuesse. 1. Pisa. 2. Fichte. 3. Endoskop. 4. Faustkampf. 5. Feuer⸗ lilie. 6. Emanuel. 7. Regen. 8. Kakadu. 9. Ulrike. 10. Chälons. 11. Eris. 12. Neunauge;— des Logogriph: Samen, Amen;— des Buchstaben-Räthsels: Dru und Verlag der„Volls- Zeitung“, Att.-Gel. in Berlin, Lutzowstt. 105.— Sckiacki. Problem Nr. 483 von R. Schulder in Köln. Schwarz. . e, 5. h f 9;,, 2 22 ,, T. ,b, e?, e, . e ee, 22 2. ö 4 e., 2 a. N 8* , 1 a Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge Matt. Die vorstehende Aufgabe, das Erstlingswerk des Verfassers, ist schon vor einer Reihe von Jahren im Druck erschienen, dürfte jedoch nur zur Kenntniß einer sehr beschränkten Zahl von Problemfreunden gelangt sein. Auflösungen. Problem Nr. 477 von J. Berger in Graz. 1) Dfr-a7 Lh2-g! 2) Da7-ag Kea do: 3) Lbl-er Kdö-es(eb, eg) 4) Dag 3(e7, ba) Varianten nach. e Zuge im Hauptspiel: 2. Kb5 3) Scg-e7 Kc oder be⸗ liebig 4, Db4 resp Ldgs Matt 2. Idi 3 Lazf Kbö 4) Sd Matt 2.. I b6 3 Sbö—e7 beliebig 4) Ld3 Matt. 2. Ses(eg] 8, Sch-e Kad. ba. Leb ic. 4 Des. Lag resp. Ddg Matt 2). St oder beliebig 31 Sc 4 3(Dbe] Matt.— Ist die Turnier- Aufgabe Nr. 465 dieses Blattes deren würdiges Seitenstück in diesem Vierzüger vorliegt, auf Zugzwang basirt, so ergiebt sich das Variantenspiel hier aus Drohungen. Sogar mehrere Fortsetzungen drohen nach dem Einleitungszuge, aber alle sind von der Zügezahl des Problems und beginsien mit einem stillen Zuge(2 Dag. Das, Sch bi und Sc ober d5— 7 auch stehen der Ver⸗ theidigung verschiedene gute Gegenzüge zu Gebote, welche theils neue Spielweisen eröffnen. 2 ein bestimmtes Drohspiel erzwingen und so zu vier weiteren guten Varianten führen: 17.. 2 Segf Ke5 3) Lc beliebig 4, Lat Matt risp. 2).. Kc(ba] 3 Da(La2f] 4 ent⸗ sprechend Matt 1).. K4d5, 2) Leif Ke 3 Dat Kt 0 D864 Matt resp. 27 Ke 3) Das 4 Db4 Matt. 1.. 85 2) S8cs 4 beliebig 3“ Las f Kbs 4 Dag Matt und 1).. Seco 2 Das LgI 3) Dbat Kd5 4 Lei Matt— Außer diesen korrekten Barianten ist noch das Spiel 1).. Kb anzuführen, wonach 2 Ubi Ke 3 Ses 4 Db Matt oder 2 Se7 zt folgen kann, die übrigen enzüge lassen dem Weißen die Wahl zwischen zwei oder mehreren der Drohspiele und dürfen der Beurtheilung des Inhalts übergangen werden. Eine kurze Vergleichung beider Seitenstücke zeigt ein fast gleich bedeutendes Bariantenspiel. dort sieben, hier fünf korrekte Spiele, neden einer wesentlichen Berschiedenheit der Ider, dort ein feiner Zugzwang gegen den Läufer 75, der einen nicht minder wesentlichen Bestandtheil des Problems ausmacht. als die am meisten hervortreiende Variante 1) ab,, hier ein durch dreifache Mattwendung gekennzeichnetes Hauptspiel mit mehreren 2 Nebenspielen dom zweiten Zuge ab Hat die Jugzwangsaufgade eine kleine Schwäche in dem der zum Opfer be⸗ stimmlen Offiziere, so ist dieselbe bier völlig beseitigt. dafür aber wird zwischen dem Gegenzuge .. Lal und der 1 Hauptspiels eine 2 vermißt, wie sie in der Turnieraufgabe 1 1... 23—b2. und dem 16 Daz befieht. Lösung wurde angegeben von W. Kron in: Dr. Knopf in G.; Ranz in A.; G. Schnitzler in L.; Dr. Wehr meister in M.; Michaelis in Th. und O. Weißgerber in B. Die richtigen Lösungen zu den Nummern 475 und 476 wurden noch angegeben von . Weißgerber in B. Bnrantwortlichet Redalteut: N. Elcho in Berlin,— 105.