— 2 . n zu den Gurrhessishen Muchrichten. N Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Nr. 5. Gießen, den 30. Januar. 1837. Frühlingssturm. Novelle von M. Day. Schluß.) Es war am Nachmittag desselben Tages. Kathrine hatte bis in den hellen Morgen hinein geschlafen, dann hatte sie der Wirthin geholfen, die Gaststube zu säubern und die gebrauchten Gefäße zu reinigen; darauf hatte sie auf Dorotheens Geheiß ihre Sachen zusammengepackt und stand nun, zum Gehen gerüstet, ihr Bündelchen auf dem Arm, in dem guten wollenen Sonntagsrock auf dem Flur. „Wenn die Kathrine geht, geh' auch ich,“ sagte der Vincenz und griff nach seiner Pelzmütze. Das war zuviel, selbst für Frau Dorotheens Standhaftigkeit. „Geht!“ schluchzte sie,„geht Beide, wohin Ihr wollt!“ und sank weinend auf einen Stuhl. „Ich thu Dir Herzeleid an und kann doch nichts dafür,“ sagte Kathrine und trat näher an sie heran.„Daß ich den Vincenz lieb hab', hab' ich mir nicht selber gemacht, das ist wie ein Feuer in meinem Leib. Was Unrechtes haben wir nicht gethan; das Küssen ist in den zehn Geboten nicht vorgesehen.“ „Geh!“ schluchzte die Wirthin,„geh auf Deine Kammer, ich habe mit meinem Mann zu reden. Vincenz,“ sagte sie dann, als das Mädchen gegangen war,„Vincenz, hab' ich das um Dich verdient?“ „Wo soll sie hin?“ fragte er und blickte finster zu Boden.„Laß sie hier; sie hat nichts anderes gethan, als daß sie mich lieb hat, so gut wie Du.“ „Ich bin Dein Weib,“ fuhr die Wirthin auf. „Wäre sie früher gekommen, dann wäre sie es,“ entgegnete der Mann,„wo ist da das Unrecht? Warum bist Du gekommen und hast mich gefragt, ob ich Dein Mann sein wolle? Hätte ich Dich lieb gehabt, so wäre ich zu Dir gekommen. Und dann hast Du mich gehalten ohne Willen wie einen Knecht im Haus.“ „Vincenz,“ schluchzte sie,„habe ich Dir nicht Alles zu Liebe gethan?“ „Wärst Du damals nicht gekommen, so könnten wir jetzt alle zufrieden sein,“ fuhr er fort.„Ich weiß selber nicht, wie mir zu Muthe ist; zerbrechen möcht' ich Alles, was mir in den Weg tritt.“ Da öffnete Frau Dorothee die Thüre des Wohnzimmers, wo die kleine blond⸗ und braunköpfige Schaar in glücklicher Unbefangen⸗ heit um eine niedrige, bunt geschmückte Tanne herum ihr Spiel trieb.„Die sind's, die Dir in den Weg treten; zerbrich sie, wenn Du kannst.“ Als Vincenz dann Abends im Bette lag, weinte und klagte er. „Dorothee, ich hab' noch nie einen Menschen so lieb gehabt wie sie.“ Doch die Frau nahm seinen Kopf in den Arm, hätschelte ihn wie ein krankes Kind und beruhigte ihn:„Versprich mir, nur zu warten, bis der Frühling gekommen ist. Ist es dann nicht besser mit Dir, so laß ich Dich gehen, dann magst die Kathrine nehmen und glücklich sein.“ Im Stillen aber hoffte sie auf die Güte und Verständigkeit der in Eheangelegenheiten nicht unerfahrenen Mutter Gottes. Es war ein eigenthümliches Verhältniß, das sich jetzt in dem Hause heranbildete. Die Wirthin war liebevoll gegen Vincenz, streng gegen Kathrinen und behielt die Beiden scharf im Auge; der Wirth hatte sein barsches Wesen wieder abgelegt, ging schweigsam und kopfhängerisch im Hause herum und spielte oft Stunden hindurch auf seiner Harmonika; nur das Mädchen blieb unverändert, ver⸗ richtete in fleißiger Geschicklichkeit seine Obliegenheiten und sah Jedem dreist und ruhig in das Gesicht. 1 „Was wird nun werden?“ fragte sie eines Abends Vincenz, als sie ihm im Flur begegnete. „Es soll noch bis zum Frühling dauern, dann giebt die Wirthin mich frei, und ich werd' Dein Mann,“ entgegnete er. Sie jauchzte leise auf und hing sich an ihn; doch wie er sie in die Arme nehmen wollte, wehrte sie ab:„Da können wir schon noch warten, bis ich Deine Frau bin.“ Zu Anfang März trat Thauwetter ein. „Der Frühling kommt,“ sagte Kathrine. 8 „Das vergeht noch einmal,“ erwiderte Frau Dorothee. Das Eis des Flusses knisterte und bog sich. Wenn das Mädchen mit ihren Wassereimern zur Wune ging, trat es versuchend mit den Füßchen neben den Aushau und lachte, wenn es hindurchtreten und die Holzschuhe voll Wasser schöpfen konnte. Wieder zogen dunkle Wolken über den Fluß hin, wieder bogen sich die Kiefern im Sturme, und die Linde klopfte mit ihren blattlosen Aesten die langen Nächte hindurch an Kathrinens Kämmerlein. Jetzt war die Zeit für Frau Dorotheens Wallfahrt gekommen. Mit vielen Ermahnungen legte sie Vincenz und Kathrinen das Haus⸗ wesen an's Herz und begab sich auf die Pilgerschaft. Es wurde ihr nicht leicht, das verliebte Pärchen einen ganzen Tag ohne Auf⸗ sicht zu lassen, daher empfahl sie den Kindern, fleißig um den Vater zu bleiben und verließ sich im Uebrigen auf die weise Fürsorge der Muttergottes, die, wie sie meinte, wohl auch ihrerzeit durch den frommen und gestrengen Zimmerherrn mehr eheliche Bedrängniß kennen gelernt hatte, als die Bibel uns zu melden für gut befindet. In dem Dorfe nahm sie ein kleines Wägelchen, das sie zur nächsten Stadt brachte; von dort aus wanderte sie zu Fuß in einem langen Zuge andächtig singender Pilger und Pilgerinnen zu dem nahe gelegenen Wallfahrtsorte. Schon das Verweilen unter einer Anzahl Personen, die gleich ihr von Kummer darnieder gedrückt und der Hilfe bedürftig waren, gewährte ihr einigen Trost. Denn jeder dieser Wallfahrer suchte die wunderthätige Gnadenmutter nicht etwa aus reiner Liebe und Verehrung, sondern einzig und allein seiner eigenen, kleinen, egoistischen Zwecke wegen auf; die Meisten wegen 2 9 34 D.. körperlicher Gebrechen, wegen Krankheit ihrer Angehörigen oder ihres Viehes, manche in Herzensangelegenheiten, wieder andere in noch unheiligeren, weltlichen Wünschen, die, meist zum Nachtheil des Wohles ihres Nächsten, auf vermehrten, irdischen Besitzstand hinaus⸗ zielten. Die Mutter Gottes, in ihrem neuauflackirten, rothen Gewande und dem glänzend himmelblauen Mantel über der Schulter, lächelte hold— selig unter ihrer Strahlenkrone auf das kreuzschlagende und knixende, knieende und rutschende Menschenvolk mit all seinen thörichten, klein⸗ lichen Bedürfnissen und Begierden herab. Frau Dorothee aber, durch⸗ greifend in Allem, was sie that, spielte einen großen Trumpf aus. Nachdem sie der heiligen Jungfrau, im Glauben, daß dieselbe nach Frauenart wohl mehr Freude an einem glänzenden Schmuck⸗ stück fände, als an den Schweineschinken, Butterstücken, Eierkörben, wächsernen Händen und Füßen, mit denen ihr Altar reichlich be⸗ deckt war, eine prunkende, dreireihige, blaue Perlenkette gewidmet, auch noch eine kleine Nadel für den heiligen Vincenz beigefügt hatte, fing sie an, an einem unterwegs gekauften Rosenkranz hin und her zu ziehen, griff dabei, zwischen den einzelnen Sätzen des Vaterunsers hindurch, die Jungfrau Maria kräftig beim Ehrgeiz an und gelobte ihr, falls sie die Kraft und die Macht habe, das Herz des Vincenz wieder zu ihr zu lenken, so wolle sie, ihr zum Preis, alle sechs Kinder, Buben wie Mägdlein, katholisch erziehen lassen, wovon sonst bei der bekannten Glaubensträgheit des Vincenz gar keine Rede sein könne. Beruhigt und getröstet erhob sie sich endlich, um mit den Andern heimzuwandern. Es war ja garnicht daran zu zweifeln, daß die Mutter Maria ihr Gebet erhoͤrte. Sie hatte ja sechs Herzen für eines geboten, und überdem konnte es der heiligen Frau doch ganz gleichgiltig sein, ob das Herz des Vincenz ihr oder der Kathrine gehörte, da sie selber so gar keinen Antheil daran besaß. Die Beiden zu Hause hatten unterdessen jedes für sich ihre Arbeit geschafft und waren schweigend und mit heißen Augen aneinander vorbei gegangen.„In wenig Tagen haben wir den Eisgang,“ hatte Vincenz über Tisch gesagt; dabei hatten sie sich angelegt, in die Arme gefaßt und wieder losgelassen und waren dann scheu aus— einander gegangen, als ob eines sich vor dem andern fürchte. Es fing wieder an zu schneien; auch der Frost stellte sich wieder ein; das Mädchen lief mit ihren Wassereimern unruhig in dem weißen Schnee hin und her, nahm auch wohl die spitze Hacke mit und schlug in zornigem Aerger kleine, tiefe Löchlein in das Eis, das garnicht aufgehen wollte. 5 Endlich im Anfang des April begann es gewaltig von Süden herauf zu stürmen. Die Schneewolken am Himmel lösten sich in Regentropfen auf; die Bäume bogen sich und brachen; von den Dächern flogen Ziegel und Sparren herunter. In dem Flusse be— gann es sich zu rühren. Es knickte und knackte, es grollte und barst; krachend sprang hier eine Stelle auseinander und dort eine Stelle; in die Lücken quoll sprudelnd das Wasser hinein, schwemmte über die feste Masse hinüber, spülte und wühlte, riß hier ein Stück los und dort ein Stück; mit dumpfem Getöse schwammen die mächtigen Eisschollen den Strom hinunter. Der Damm wurde von Menschen nicht leer, und in dem Wirths— hause ging es hoch her mit Biergläsern und Branntweinflaschen; Dorothee und Kathrine mochten in den kurzen Ruhestunden die Füße schon fühlen. Von Polen her kamen böse Nachrichten herunter. Es lag auf den Bergen viel Schnee, der löste sich rasch in der plötzlichen . überall trat Hochwasser ein, und Land und Leute geriethen in Noth. 8 „Wir bekommen es auch noch,“ weissagten die alten Leute,„wie vor dreißig Jahren. Das Wirthshaus hier wurde von Grund aus weggespült; der Wirth und die Wirthin ertranken.“ „Es ist jetzt fester gebaut,“ sagte Frau Dorothee.— Sie kam von früh morgens bis zum späten Abend kaum hinter dem Schenktisch hervor und ließ mit glänzenden Augen die blanken Geldstücke durch die schmale Kassenöffnung gleiten. In der Nacht aber zählte sie das Geld zusammen, steckte es zu sich und fügte ihre und ihres Mannes beste Kleidungsstücke sorgfältig in kleine, feste Bündel. Immer weiter und höher dehnten sich die Wassermassen; immer wilder stieß und spritzte der Strom gegen den Damm. Wachter liefen Tag und Nacht umher; die Fischer zu beiden Seiten des Flusses richteten ihre Böte zu, und die fürsorgliche Wirthin brachte ihre Kinder zu einer auf einer sichern Anhöhe wohnenden Ver— wandten. Kathrine ging mit zitternden Gliedern und verstörten Augen umher und fürchtete sich unbeschreiblich. Am Tage schlich sie Frau Dorotheen auf den Fersen drein; Nachts aber war sie nicht zu be⸗ wegen, ihr Kämmerchen aufzusuchen; sie wickelte sich in eine Decke, kauerte wie ein Hündchen vor der Thüre des Wohnzimmers, hinter der die Andern schliefen und horchte bebend auf das Heulen des Windes und das Toben des Flusses, bis die müden Augen ihr zu kurzem, unruhigem Schlummer zufielen. So kam es, daß sie sich nach einigen Tagen kaum noch aufrecht zu halten vermochte. „Du wirst krank, wenn das so fortgeht,“ sprach Frau Dorothee an einem Abend, als der Wind sich etwas legen zu wollen schien. „Gleich machst, daß Du in Deine Kammer kommst und legst Dich in's Bett. Bitt' den lieben Gott nur um Schutz und versprich ihm, daß Du ein gutes Mädchen sein und die nichtsnutzigen Ge⸗ danken nach anderer Leute Männern aufgeben willst; dann kann Dir nichts geschehen.“ Das Mädchen war derart heruntergekommen, daß es selbst zur Furcht keine Kraft mehr hatte; gehorsam kroch es das steile Treppchen hinauf und streckte sich in Kleidern, leise klagend und bebend, in die knarrende Bettstelle. Die Wirthin und der Wirth saßen unten im Schenkzimmer unter den Gästen, die lebhaft über die Möglichkeit einer Gefahr hin und her stritten. Die jüngeren schüttelten ungläubig die Köpfe; die älteren Leute aber gingen unruhig aus und ein und meinten, der Fluß hätte noch nie so große Wassermassen mit sich geführt. Von Zeit zu Zeit wurde die Wache draußen abgelöst; die Wächter er⸗ zählten dann von der Gewalt, mit der immer neue Eisstücke gegen die Ufer stießen.„'s ist ein böser Gast, der Frühling!“ sagten sie. Endlich gegen Mitternacht wurde die Thüre stürmisch aufgerissen, und ein Bursche aus dem Dorfe stürzte schreckensbleich herein:„Der Damm ist gerissen! Auf unserer Seite! Zwei Meilen unterhalb, sagen sie. Sie kommen mit Böten herüber! Macht fort, so schnell ihr könnt!“ g Alles gerieth in Aufruhr. Aus den Häusern kamen sie herbei⸗ geeilt mit Weib und Kind, Jeder mit seiner besten Habe beladen. Schwerfällig arbeiteten sich die starken Böte durch das wilde Wasser; mit Lebensgefahr ging es herüber und hinüber. Das kleine Fähr⸗ boot, das einige Vorwitzige flott zu machen versucht hatten, lag bald zerbrochen zwischen den Schollen. Frau Dorothee stand mit ihren beobachtenden Blicken am Ufer und warf ein Päckchen nach dem andern in die abgehenden Böte hinein; aus der Ferne brauste es mit dumpfem Donner heran. „Kommt Wirthin,“ rief man ihr aus einem der Fahrzeuge zu; es ist gerade noch ein Platz frei; ehe wir zurückkommen, steht Ihr wohl mitten im Wasser.“ f „Wo ist mein Mann, wo ist der Vincenz?“ rief sie. Niemand hatte ihn gesehen.„Er ist wohl lange drüben,“ hieß es. Eben wollte sie in das Boot klettern, als der Wirth herzu ge— laufen kam, die jammernde Kathrine in den Armen.„Hier,“ schrie er von weitem,„haltet, nehmt uns mit!“ „Wen?“ schrieen die Schiffer zurück. „Es ist unsere Magd,“ gab Frau Dorothee zur Antwort. Sie murrten.„Die Landläuferin! Drei Personen, es ist un⸗ möglich,“ riefen sie dann.„Weil ihr es seid, wollen wir ein Uebriges thun, kommt ihr herein und der Mann, laßt das Mädel mit den flinken Beinen ins Land hineinlaufen. Solch Unkraut verdirbt nicht, deretwegen braucht kein ehrlicher Christenmensch seine Haut zu Markte zu tragen.“ Das Boot war zur Abfahrt bereit, es schwenkte und ächzte, Frau Dorothee sah die schwarzen Augen ihres Mannes angstvoll auf sich gerichtet.„Geh mit ihr hinein,“ sagte sie hart,„man soll kein Menschenleben aufs Spiel setzen, auch nicht, wenn es das einer ver— laufenen Dirne ist. Es ist auch noch viel Gepäck am Ufer; ihr kommt schon noch einmal zurück.“ Er trat mit dem Mädchen in das Fahrzeug, die Schiffer schalten und stießen ab, Vincenz aber gewann mit kräftigem Sprunge das Ufer wieder und eilte seiner Frau nach. „Warum kommst Du zurück?“ fragte sie. „Laß uns das Ufer entlang laufen,“ schrie er,„dort hinten geht noch ein Boot ab.“ b Es schwankte um sie herum, von beiden Seiten strömte das 5 5 f 1 4 1 1. 235= Wasser heran, sie standen auf einem erhöhten Fleckchen, wie auf einer Insel. 5 „Ins Haus!“ rief Frau Dorothee,„ins Haus!“ Sie rannten — hinter ihnen her plätscherte die Wasserwoge. „Auf's Dach!“ Sie kletterten in Eile hinauf, die Frau voran, der Mann hintennach; dann saßen sie oben und starrten auf das höher und höher und weiter und weiter heranschwimmende Wassermeer. Zwischen dem grauen Gewölk kam und ging der Mond, überall ragten die Spitzen der Bäume und die Dächer der Häuser aus dem Wasserschwall heraus. Unter ihnen kochte und brodelte es. „Das Haus ist fest,“ sagte Vincenz. „Es ist alles eins,“ versetzte Frau Dorothee.„Da hält das stärkste Gemäuer nicht aus. Zudem steigt die Fluth zusehends. Die kommen nicht mehr herüber, und wenn sie herüber kommen, finden sie uns nicht mehr.“ Sie faltete die Hände und murmelte leise Gebete, während Vincenz ein Kreuz ums andere schlug. Dann fragte Frau Dorothee:„Warum bist Du zurückgekommen, Vincenz?“ f „Ich, ich weiß es selber nicht recht. Es kam mir so schlecht vor, Dich hier umkommen zu lassen. Ich bin doch der Mann und Du die Frau.“ Wie er das sagte, schloß sie die Arme um ihn, zog seinen Kopf an ihre Brust nud küßte ihm die Haare, die Stirn, die Augen und den Mund.„Siehst Du, Vincenz, nun sterben wir doch zusammen. Ach, wenn Du mich vorher nur noch ein einziges mal so recht lieb haben wolltest!“ Da küßte er sie wieder und sagte:„Dorothee, ich kann nichts dafür, das geht mir grad wie dem Wasser dort.“ Sie aber fing an bitterlich zu weinen.„Du hättest bei ihr in dem Boote bleiben sollen. Dann wäre ich jetzt schon todt, und ihr könntet morgen eine fröhliche Hochzeit feiern. Für die armen Würmer würde die Muhme schon Sorge tragen.“ „Sei doch still, Dorothee,“ bat er und griff nach ihren Händen, „jetzt ist es ja alles aus.“ Das Wasser stieg immer höher, so daß sie eng auf dem Schorn⸗ stein zusammen kauern mußten. Auch der Wind wurde stärker, sie faßten sich fest aneinander, um nicht von ihrem luftigen Sitze herab⸗ geweht zu werden. Wie Eines das Andere so umklammert hielt,— sie Beide allein in der fürchterlichen Oede, über ihnen die sturm⸗ gepeitschten Wolken, unter ihnen die tosenden Wasser,— fühlten sie lebhaft, wie ihre gegenseitige Nähe ihnen zum Trost und fast wie zum Schutz gegen die fremde, fühllose Natur rings um sie her wurde, und den Mann durchfuhr der Gedanke, daß er die Frau, die seinen ganzen Halt im Leben bildete, verlassen wollte, mit jähem Schrecken. Die Aussicht, ohne sie in die Welt hinein zu ziehen, erschien ihm plötzlich ganz ebenso schauervoll wie der Blick auf die, von wechselnden Mondstrahlen beleuchtete Wasserfläche, die zu ihren Füßen grollte. „Dorothee,“ stieß er zwischen seinen klappernden Zähnen hervor, „ich hab' im Leben nicht gewußt, was für eine Frau ich an Dir hab.“ „Da,“ rief die Frau und wies auf einen kleinen, dunklen Punkt, der sich auf dem Wasser zeigte und wieder verschwand,„es ist das Boot!“ 5 Das Wasser stieg ihnen bis an die Knie. a „Es kommt zu spät,“ stammelte Vincenz, und seine Glieder schlugen wie im Frost zusammen. „Ach Gott, und wenn wir wenigstens im Himmel zusammen bleiben könnten,“ jammerte Frau Dorothee.„Aber das haben wir nun, daß wir verschiedenen Glaubens sind. Da kommst Du in die eine Ecke zu stehen und ich in die andere.“ Das Haus unter ihnen krachte, eine Woge kam und schwemmte sie weg, beide zusammen, wie sie sich hart in einander geschlungen hatten.„O heilige Mutter Gottes,“ schrie die Frau in der Todes⸗ noth,„laß mich doch nur im Himmel mit meinem Vincenz zusammen, ich will auch die ganzen Tage vor Dir knieen und beten!“ Das Wasser trieb sie weiter, bis ein Baumstamm sie aufhielt. Vom Boote aus hatte man ihr Schreien gehört, mit Lebensgefahr zogen die braven Schiffer die Bewußtlosen in das schwankende Fahrzeug. Am andern Mittag erwachte Vincenz aus tiefem Schlafe in der Stube gastfreundlicher Fischersleute im jenseitigen Dorfe.„Wo ist die Wirthin?“ fragte er, Kathrine, die mit verweinten Augen an sein Bett gelaufen kam, wehrte er ängstlich von sich.„Es geht nicht, Mädchen. Wo sollten wir hin ohne die Frau?“ Als die Ehegatten sich wiedersahen, sanken sie einander in die Arme. Vincenz, dem die überstandene Gefahr noch schwer in den Gliedern lag, begann zu weinen, die standhafte Frau Dorothee aber sprach triumphirend:„Da hast Du nun gesehen, was solch Hoch— wasser anrichten kann, und wie bald wird's doch verlaufen sein.“ Die Kathrine sah er nicht mehr wieder, Frau Dorothee that sie in der Stadt in einen Dienst. Längst floß der Strom wieder in alter Weise dahin, da quäkte ein neues Stimmchen in dem großen Himmelbett im Wohnzimmer. Die Wöchnerin zauste lustig an dem Krauskopf ihres Vincenz, dessen blasses Gesicht sich neugierig über das neueste, kleine Weltwunder beugte; dann zog sie unter dem Deckbett ein kurzes Kettchen von winzigen schwarzen Holzperlen hervor und hing es dem Neugeborenen um den Hals. f „Die Jungfrau Maria hat sich mit meiner Sache mehr Mühe gemacht, als ich für möglich gehalten hatte,“ sagte sie,„da will ich auch nicht genau sein und gern ein Uebriges für sie thun, zu den sechsen, die ich ihr gelobt habe, mag sie immerhin noch das siebente nehmen.“ ö Das Hexenkind. Eine Erzählung aus dem Rumänischen Volkeleben von Julius Theiß. Im ganzen Orte war Keine so zierlich und gewandt wie Rachilla, aber auch keine so wild und ungeberdig wie sie. Klettern konnte sie wie eine Katze; das hatte sie oft bewiesen, wenn der alte Sivu Brodanu, dem sie häufig das Obst von den Bäumen schüttelte, hinter ihr herlief, um sie zu züchtigen. Dann erklimmte sie, wie ein Eich⸗ hörnchen, behende die hohe Esche dicht am Gartenzaune, blickte höhnisch auf ihren Verfolger herab und rief ihm lachend zu:„Komm mir nach, wenn Du kannst!“ Selbst die Jungen fürchteten sich vor ihr, denn sie theilte diesen, wenn sie gereizt wurde— was sehr oft vorkam— Püffe aus, daß sie heulend und schreiend nach Hause liefen. Im Dorfe nannte man sie nur das Hexenkind. Die meisten Ortsangehörigen schwuren darauf, daß sie die Tochter der alten, als Hexe verschrienen Joana Stimulitza sei, die abseits vom Dorfe eine elende Hütte bewohnte, an der Jedermann mit einem gewissen Grauen vorüber ging. Die besser Eingeweihten freilich meinten, die alte Joana habe das Kind nur angenommen; von wem wußte Niemand. Und sie mochten Recht haben, die dies meinten! Rachilla nannte die alte Frau zwar„Cuna“(Großmutter), hing jedoch keineswegs mit kindlicher Zärtlichkeit an ihr. Allerdings wurde sie von der alten Joana sehr oft hart und rauh behandelt und dies erweckte in dem Herzen des Mädchens bittern Groll. Ob Rachilla selbst über ihre Herkunft im Klaren war, blieb zweifelhaft. Es lag auch garnicht in ihrer Art, sich hierüber Auf⸗ klärung zu verschaffen. Den ganzen Tag lief sie umher, bald auf den Bergen, bald in den Wäldern und Feldern und trieb allerlei Kurzweil. Sie neckte die Tschobans(Schafhirten), erschreckte die Weiber, die in den Wald kamen, um Beeren zu suchen, oder balgte sich mit den Jungen herum. So schweifte sie denn auch eines Tages an dem Ufer des Cibins umher, unfern der Stelle, wo sich dieser Fluß in den Alt ergießt. Der Rand des Ufers war nur schmal, denn es hob sich fast un— mittelbar aus dem Wasser eine mächtige Felswand empor, die mit dichtem Haselgesträuch bis zur schwindelnden Höhe üppig bewuchert war. Rachilla vertrieb sich die Zeit nach ihrer Weise recht angenehm. Sie saß auf dem schmalen Uferrand und plätscherte sichtlich vergnügt mit den Beinen im Wasser. Ihr tiefschwarzes, aber wenig geordnetes Haar schmückte eine Alpenrose. Wer hatte sie gelehrt, sich das Haupt so zu schmücken? Nun, vielleicht hatte sie dies der eiteln Flora Humpalor, der Tochter des Popen, abgelauscht! Oder sie war auch von selbst darauf verfallen! Wer konnte dies so genau feststellen! Das Mädchen unterbrach plötzlich sein Spiel und wandte hastig den Kopf nach links. Ein weinender Knabe mit bloßem Kopfe, der den schmalen Weg heraufschritt, hatte es hierzu veranlaßt. Er hielt einen gekochten Maiskolben in den Händen, in den er, trotz seiner 36 W D 8 —— augenscheinlichen Bekümmerniß, zeitweise herzhaft hineinbiß. Der Knabe hieß Ilie und war des wohlhabenden Potru Mikuwanus Sohn, der jedes Jahr große Heerden Schafe in die Türkei trieb und dann mit einer Menge türkischer Goldpiaster, die seinen Gürtel füllten, wieder heimkehrte. „Was betrübt Dich, Ilie?“ fragte Rachilla den Knaben. Dieser konnte nicht gleich antworten. Er hatte den Mund voll Maiskörner, die seine blendend weißen Zähne eifrig zermalmten. Nach einem Weilchen erst entgegnete er:„Toder, der Ziegenhirt, hat mir die Mütze genommen und sie seinem Ziegenbocke auf die Hörner gestülpt! Siehst Du, dort oben klettert das Thier!“ Und der Knabe deutete mit der Hand auf die Höhe der Felsenwand, wo in der That der seltsam geschmückte Ziegenbock behende zwischen dem Haselgebüsch herumkletterte. Rachilla warf erst einen forschenden Blick in die Höhe und ließ dann ihre Augen begehrlich auf dem Maiskolben in der Hand des Knaben ruhen. An diesem zeigten sich noch eine Menge jener weich— gekochten wohlschmeckenden Körner, die selbst von den verwöhnten Städtern gern genossen werden. „Gieb mir die Hälfte von Deinem Kukurutz,“ sprach nun Rachilla mit leuchtenden Augen,„und ich hole Dir die Mütze!“ „Wenn Du mir die Mütze bringst, will ich's thun!“ nickte Ilie. Wie eine Wildkatze behende erklimmte nun Rachilla die Fels— wand; von Strauch zu Strauch kletterte sie empor und achtete nicht des Gerölls, das sich unter ihren Füßen loslöste und prasselnd in die Tiefe stürzte. Immer mehr entschwand sie den Blicken des er— staunten Ilie und immer geringer wurde der Zwischenraum, der sie von dem behörnten Kletterer trennte, der bei Annäherung des ver— wegenen Mädchens immer höher stieg und diesem zu entrinnen suchte. Mit Verachtung aller Gefahr beeiferte sich Rachilla, den Fliehenden zu erreichen. Dies gelang ihr auf der obersten Felskante, die plötzlich jäh in die Tiefe stürzte und die Flucht des Thieres hemmte. Mit einem geschickten Griff riß sie Flies Mütze von den Hörnern des Ziegenbockes, setzte sich diese nach Knabenart auf's Haupt und begann eilfertig den Rückzug. In wenigen Minuten stand sie wieder vor dem Knaben. 5„Hier ist Deine Mütze, Ilie!“ sprach sie zu diesem und wischte sich mit dem weiten Aermel ihres Hemdes den Schweiß von der Stirn. „Und hier ist Dein Lohn, Hexenkind!“ lachte Ilie und reichte ihr nun den völlig abgenagten körnerlosen Strunk hin; dann wandte er sich eilends um und lief davon. Wie erstarrt blickte Rachilda dem Davoneilenden nach; aber bald nahmen ihre dunklen Augen einen eigenthümlichen Glanz an. Wildes Feuer loderte in ihnen. In heftiger Erregung fuhr sie sich mit den Händen durch die wirren Haare, daß deren Schmuck— die Alpen— rose— zur Erde fiel. Nun bückte sie sich! Aber einen etwa faust— großen scharfkantigen Stein, der sich erst vorhin unter ihren Füßen von der Felswand losgelöst hatte, raffte sie eilig von der Erde auf und lief damit dem Knaben nach. Dieser wandte gerade das Gesicht nach seiner Verfolgerin hin, um sich zu überzeugen, wie groß der Vorsprung sei, den er vor jener voraus hatte. In demselben Augenblicke flog der kräftig geschleuderte Stein durch die Luft und traf die Stirne Ilies, daß dieser mit einem dumpfen Schmerzens— schrei zu Boden stürzte und bewußtlos liegen blieb. Wie gelähmt blickte Rachilla auf den wie leblos daliegenden Knaben und das Blut, das aus seiner Stirne quoll.— Bereuete sie die That? Vielleicht! Aber sicher kam sie zu der Einsicht, daß unter allen ihren tollen Streichen dies der tollste gewesen sei. Als wenn Furien sie jagten, rannte sie nun von der unheimlichen Stätte fort. Jedoch nicht nach dem Dorfe lenkte sie die beflügelten Schritte; weit ab davon, in's Gebirge floh sie hinein. Am Abend desselben Tages brachten einige rumänische Holzfäller den blutenden Knaben seinen Eltern. Und Rachilla?— Nun diese eilte weiter und immer weiter; über schwindelnde und durch unwirthliche Gegenden nahm sie ihren Weg. Längst befand sie sich jenseits der Grenze und auf rumänischem Gebiete. Spät am Abend langte sie, weit oben im Gebirge, bei einigen Hirten an, die um ein Feuer lagerten und sich ihre Mama— liga(Maisbrei) trefflich munden ließen. „Wo kommst Du her, Kind?“ fragte der Aelteste unter ihnen das erschöpfe Mädchen und sah ihm verwundert in das geröthete Gesicht. Die Genossen des Alten machten wohl auch große Augen, aber sie schwiegen. Rachilla zögerte ein Weilchen mit der Antwort. Vielleicht suchte sie nach einem passenden Vorwand, ihr Erscheinen zu bemänteln; oder aber es hinderte sie die allzugroße Erschöpfung am Sprechen. Der Alte mußte die Frage wiederholen, wollte er Auskunft haben. „Von drüben komm ich her!“ antwortete endlich Rachilla und meinte damit, daß sie jenseits der Grenze, aus Siebenbürgen komme. Und nun erzählte sie den Hirten mit vieler Geläufigkeit, wie sie am„großen Meerauge“, einem in der dortigen Gegend wohl— bekannten Gebirgssee, Kräuter gesucht habe, aus denen ihre Groß— mutter für die Kranken heilsame Tränke bereite. Da hätte sie plötzlich an der„hohlen Eiche“ einen Bären bemerkt, der sich ihr brummend und kopfschüttelnd genähert habe. Erschreckt wäre sie vor dem Ungethüme entflohen und habe sich, der Wege unkundig, verirrt. g „Wenn das nicht der tückische Unhold war, der uns gestern zwei Schafe erwürgte,“ bemerkte auf Rachillas Bericht der alte Hirte,„will ich nie wieder Mamaliga essen!“ Die andern Hirten stimmten ihrem Gefährten bei.„Was soll nun aber mit Dir werden, Kind?“ fragte der Alte das Mädchen wieder. „Ich will bei Euch bleiben!“ antwortete Rachilla ohne Be⸗— denken dem Frager. „Aber Deine Großmutter,“ wandte jener ein,„wird sich nach Dir bangen!“ „Nein! Ihr Herz hängt am Gelde, und ihr Gemüth ist hart!“ „Wenn's so ist, Kind,“ nickte der graubärtige Hirte,„trifft sich's gut!— Bei uns kannst Du freilich nicht bleiben. Aber in der Stina(rumänische Sennhütte) bei Patrik Pokaru und seiner Ehegenossin Nutza, die dort drüben hinter dem Walde die Heerden des reichen Joan Nipudar hüten, wirst Du ein willkommener Gast sein. Die Beiden haben vor einigen Tagen ihr einziges Töchterchen verloren. Das Kind suchte am„grünen Felsen“ Blumen, fiel herunter und brach den Hals. Nun jammern sie um ihren Liebling und ihre Herzen sind betrübt. Dein Erscheinen, denk ich, wird sie trösten!“ i Der alte biedere Hirte hatte richtig vermuthet! Rachilla, die am nächsten Morgen sich auf den Weg nach Pokarus Stina machte, wurde von den trauernden Eltern herzlich willkommen geheißen. „Das Kind schickt uns der heilige Petrus, Mann!“ sprach Nutza zu ihrem Ehegenossen. 5 „Er schickt's und sei gepriesen!“ nickte dieser und Rachilla blieb. Das fromme Vertrauen der beiden einsamen Stinabewohner sollte sich denn auch in der That erfüllen. Rachilla gedieh herrlich! Das sanfte Wesen Pokarus und seiner Ehefrau berührte sie überaus wohlthuend und milderte mehr und mehr ihre wilden Sitten. Die rührende Besorgniß der Pflegeeltern für das ihnen neu geschenkte Kleinod erweckte im Herzen Rachillas eine Empfindung, die ihr bisher völlig fremd gewesen: die Kindes- liebe. Sie wuchs mit den Jahren und verklärte das ganze Wesen des allmählich zur Jungfrau erblühten Mädchens. So finden wir denn Rachilla eines Morgens am Saume eines Gehölzes, hoch oben in den Bergen. Vater Pokaru war kränklich und konnte nicht wie sonst die Lämmer zur Weide treiben; Rachilla that es für ihn. Sie saß an einem Abhange mit einer ungewöhnlichen Arbeit beschäftigt, die ihr jedoch augenscheinlich großes Vergnügen gewährte. Die vielgestaltigen, in allen Farben schillernden Blumen in ihrem Schooße und der eben erst vollendete Reif in ihren Händen deuteten darauf hin, daß sie sich bemühte, einen Kranz zu flechten, und das zeitweise Nicken ihres Hauptes ließ erkennen, daß ihr der Versuch mehr und mehr gelang. Ein bulgarischer Handelsmann war am Tage vorher in ihrer Stina gewesen. Unter den vielen Herrlichkeiten, die er zum Verkauf ausbot, befanden sich auch einige Gemälde. Es waren dies gewöhnliche Buntdruckbilder, wie solche von den Händlern auf den Jahrmärkten zur Schau ausgestellt werden und das Entzücken der Landbevölkerung erregen. Auch Rachilla entzückten sie! Aber nicht der„heilige Potru“ oder der„heilige Ilie“, deren Häupter ein greller Heiligenschein zierte, machten ihre Augen glänzen. Ein ganz anderes Bild, das der bulgarische Händler im geschästlichen Eifer neben die frommen Männer auf die Tischplatte ausgebreitet hatte, erweckte Rachillas größtes Interesse und riß sie zur Bewunderung hin. f Das Bild stellte ein junges Mädchen dar, das einen Kranz von Feldblumen in den Haaren trug. Unter diesem Bilde stand das —.. 7] . Die Niagarafälle im Winter. g 2——..——— . 22 S 238. c— 5 2 5 1 97 C Wörtchen:„Frühling.“ Rachilla waren die seltsamen Zeichen, die dies Wort bildeten, völlig fremd, allein der Bulgare erklärte ihr deren Bedeutung. Freudig bewegt schlug sie die Hände zusammen und blickte be— gehrlich auf das bekränzte Mädchen. Wie hätte dies dem gutmüthigen Pokaru entgehen sollen! „Willst Du eins von den Bildern haben, Rachilla?“ fragte er sein Pflegekind. Rachilla nickte und blickte Pokaru lächelnd an. Dieser wies bedeutsam mit dem Finger auf den heiligen Potru. „Das hier, mein Kind?“ „Nein, Vater!“ schüttelte Rachilla energisch den Kopf.„Den Frühling will ich!“ Vater Pokaru wollte etwas erwidern, aber Mutter Nutza fiel ihm in's Wort.„Dem Kinde gefällt der Frühling! Mach ihm die Freude!“ Wie hätte der treue Ehegenosse dem widersprechen können! Man wurde bald handelseinig und Rachilla verbarg den Schatz in ihrer Truhe. Am nächsten Jahrmarkte wollte sie sich in Rimnik zu dem Bilde Glas und Rahmen kaufen und dann dasselbe neben die heilige Paraschiva an den breiten Fensterpfeiler hängen. Nun saß Rachilla, wie oben erwähnt, am Abhange des Gehölzes 5 und flocht einen Kranz, genau so wie jenen des Mädchens auf ihrem Bilde. Unter ihren geschickten Fingern gedieh das Kunstwerk bald vortrefflich und es dauerte gar nicht lange, so konnte sie es jauchzend sich in's Haar flechten. Aber damit war Rachilla nicht zufrieden. Sie wollte wissen, ob der Kranz sie auch so schmücke, wie jenes Mädchen? Ob sie auch dem Frühling gliche? Kurz entschlossen eilte sie den Abhang hinab bis an das Ufer eines Gebirgsbaches, der sein klares Wasser in die Ebene sendet. Weiter oben, das wußte sie, bildete der Bach eine kleine Bucht, auf deren glatter Fläche sich der Himmel hell und rein abspiegelte. Dahin eilte Rachilla. Fast zaghaft trat sie ans Ufer der Bucht und blickte hinab.— „O, wenn Vater Pokaru und Mutter Nutza sie jetzt sehen könnten! Gewiß, sie würden ihr Kind, das nun so sehr dem Frühling glich, freudig bewegt ans Herz drücken! Vater Pokaru und Mutter Nutza sahen sie zwar nicht, aber es sah sie dafür ein Anderer und dies sollte für Rachilla's fernern Lebens— lauf von großer Bedeutung sein. Während diese jauchzend und händeklatschend ihr Bild im Wasser— spiegel betrachtete, erklommen zwei Männer die steile Höhe und blieben beim Anblick des Mädchens, das ihnen den Rücken kehrte, ver— wundert stehen. Der eine dieser Ankömmlinge war eine vornehme und in dieser Gegend ganz ungewöhnliche Erscheinung. Der blonde Vollbart und das braune wellige Haar, das ein breiter, schwarzer Filzhut bedeckte, so wie seine Kleidung deuteten darauf hin, daß er ein Fremdling in diesem Lande sei. Sein Begleiter dagegen schien in diesen Bergen heimisch zu sein; er trug die gewöhnliche rumänische Kleidung und diente jenem als Führer. Das Erstaunen der beiden Männer sollte sich aber noch bedeutend steigern, als Rachilla sich nun umwandte und, nicht weniger über— rascht, die beiden Ankömmlinge verwundert anblickte. (Schluß folgt.) Kleine Frauen Zeitung. a Die Mode. Der Strom der Mode reißt uns mit sich fort, und wir lassen uns lenken, beherrschen, ohne großen Widerstand entgegenzusetzen, indem wir ibre Pro⸗ duktionen reizend, verlockend finden, ihren Schatz von Stoffen, Spitzen, Perlen, Blumen, Federn, welche eben die Mittel zu der großen Serie ihrer Phantasien liefern, bewundern. „Und gerade gegenwärtig, wo die Ball- und Gesellschaftssaison in ihrer Blüthe ist, die Mode sich in buntem Wirbel mit den dazu geweihten Toiletten, ebenso wie mit den Schlittschuh⸗, Promenaden und Besuchs⸗ Anzügen beschäftigt, hat man von neuem Gelegenheit, den vielseitigen Ge— schmack jener Herrscherin kennen zu lernen, ihr Entwickelungsstadium zu beobachten. Was bringt sie uns Neues zur Balltoilette? Liegt es in den Geweben, in den Blumen, im Arrangement? Hauptsächlich in letzterem, denn die Grundmaterialien sind dieselben geblieben, wenngleich sie sich in neuem Ge⸗ wande, in neuen Dispo sitionen präsentiren. Wir haben verschiedene Gaze— arten, verschiedene Tülle, dichter und loser, in Baumwolle und in Seide, die ersteren glatt, oder fein wie ganz grob gekreppt, ferner mit Frisestreifen, mit Sammet- und mit Chenillemustern brochirt, mit Chenille- und Seiden⸗ flocken, mit Perlen durchwebt, die Tülle ebenfalls schlicht, wie mit Chenille brochirt, mit Gold- und Silberperlen überstreut, mit Gold⸗ und Seide in Blumen⸗ uud figürlichen Dessins bestickt, besonders aber viel— und das ist sehr jugendlich— mit winzigen Punkten übersäet als Genre tulle point d'esprit. Auch der alte, vielbeliebte Tarlatan, der so reizende, jugendfrische Toiletten von duftiger Einfachheit liefert, ist wieder erschienen. Die Mädchen⸗ welt wählt ihn vorzugsweise in einer Farbe, vor Allem in erème, in Rosa(verschieden nüancirt: reines, zartes Rosa, Lachsrosa, boréal, Altrosa, Theerosa, Aurorenrosa), in Blaßblau, seltener in Roth, in ganz mattem Grün, Ophelienlila und Gelb, das mehr in Tüllen und Seidenstoffen zur Geltung kommt und von verheiratheten Damen begünstigt wird. Dann hat man noch den mit gekräuselten wie glatten Gold- oder Silberlahnfäden durch⸗ zogenen Tarlatan, der in seinem Märchenglanze so vortheilhaft bei Licht wirkt. Wie schon seit vielen Wintersaisons haben die tanzlustigen Frauen meist schwere Seidenstoffe zu ihren Ballkleidern angenommen, deren reicher, somptuöser Eindruck ol noch durch Hinzufügung von Plüsch und Sammet bekräftigt wird. Perlen⸗ Stickereien, vornehmlich solche in Wachsperlen, und lange Perlengehänge bilden im Verein mit Spitzen den Ausputz daran. Aber es giebt doch auch wieder viele Damen, welche auf das Luftige nicht ganz Verzicht leisten, und diese finden in den gestickten und perlenfunkelnden Tüllen und Gazearten die geeigneten Elemente, welche dann in Wolken und Draperien die schwerstoffigen Seidenkleider umhüllen. Der schwarzseidene tulle point d'esprit ist für junge Frauen zu Ball⸗ kleidern sehr beliebt. Man giebt ihnen eine Unterlage von rother, gelber, malvenlila, blaßblauer oder rosa Faille und schmückt sie mit entsprechend farbigen Bandschleifen und Blumen, vermeidet aber bei solchem Tüll den Ausputz von Spitzen. 8 Selbst für die jungen Mädchen neigt sich die Mode mehr und mehr der Seide zu, welche nicht allein zum Fond, sondern auch oft zu dem diesen deckenden, ersten Rock und zum Leibchen dient, während die Tunika⸗Arrangements und die Draperien aus den ätherischen Geweben gefertigt werden. Zu den Röcken sind es Taffet, Surah, Merveilleux und Bengaline, zu den Leibchen ebenfalls Bengaline und immer noch vielfach Faille und Atlas, welche man verwendet. Dennoch sind die ganz luftigen Gewänder keineswegs bei der jugendlichen Mädchenwelt verbannt, im Gegentheil, ich rathe den Müttern an, dieselben für ihre Töchter zu beschützen, denn es läßt sich kein lieblicherer Anblick denken, als die jungen Tänzerinnen von leichten, luftigen Geweben umwogt, die den Gedanken an„Werth oder Kostbarkeit“ nicht aufkommen lassen. Derartige Toiletten werden häufig mit mehreren Unterröcken von Gaze oder Tarlatan ausgestattet, oder man giebt ihnen einen Fond von gleich. oder abstechend-farbigem Batist oder solcher Satinette. Taffet bildet jedoch im allgemeinen das Futter für das Leibchen aus durchsichtigem Stoff, wenn dasselbe nicht, wie schon angeführt, durch ein ganz seidenes ersetzt wird. Die kleinen Plissevolants, welche in der Anzahl von zwölf bis sechszehn die untere größere Hälfte oder zwei Drittheile des ersten Rockes decken, er⸗ halten sich für derartige Ballkleider in großer Gunst. Hierzu trägt man gern eine kurz geschürzte und drapirte Tunika, auf der einen Seite mit einer Blumenguirlande aufgerafft, und ein rundes Leibchen à Ja vierge mit ziemlich breitem Faillebandgürtel. Das Leibchen ist vorn und im Rücken eckig aus⸗ geschnitten, in der Taille wie am oberen Rande eingekräuselt und an letzter Stelle von einem emporgerichteten Plissevolant, der durch ein winziges Kometenbändchen anschließt, umrahmt. Nur um die Achseln setzt sich das Plisse nicht fort, denn dieselben werden von einem hochschultrigen, kurzen Puffärmelchen begrenzt, um dessen unteren Saum sich der Plissevolant zieht. Ein Blumenzweig schlingt sich auf der einen Seite um Achsel und Puff. ärmelchen, und oft ziert auch noch ein Blumencollier den Hals der Trägerin. Das übereinstimmende Aigrettensträußchen oder Halbkränzchen im Haar ist unerläßlich. Anmuthig, und reizend nimmt sich eine solche Toilette in rahmgelbem Tarlatan über einem rosa Unterkleid aus, geschmückt mit rahm⸗ gelbem Jasmin, oder ganz in Creme mit hochrothem Geranium, oder in Blaßblau oder Rosa, hier mit Eriken und Moosrosen, dort mit Vergiß⸗ meinnicht, die mit ein paar weißen Kamillen untermischt. Da ich hier bei den Blumen angelangt, so will ich nur gleich verkünden, daß ihre Herrschaft in geschlossenen Räumen eine unumschränkte ist, daß man sie in graziöser Anordnung auf den Ballkleidern, als kleine Zierden in den Haaren sieht. Für letztere windet man Tuffs mit herausstehender, hin⸗ und herschwankender Aigrette, z. B. den Tuff aus Veilchen, die Aigrette aus gelben Aurikeln,— kleine Büschel mit niederfallender Ranke und legere Zweige, zierliche Watteaukränze und Halbkränze, letztere z. B. so gebunden, daß in der Mitte ein Büschel Blätter, zu beiden Seiten derselben ein ganz kurzer Blumen⸗ regen herabhängt. Und in diesem Genre ist auch die auf der Achsel anzubringende Garnitur, während andere wiederum auf der Achsel eine ganz schmale Guir⸗ lande darstellen, oder einen Strauß mit ein paar langen, festonartigen Stielen oder mit zwei verschlungenen Bändern, welche in der vorderen Mitte des Ausschnitts mit einer Blume oder einem kleinen Bouquet befestigt. Oder man läßt von der Achsel eine breit beginnende, allmählich schmal auslaufende Guirlande um den vorderen Ausschnitt des Leibchens herum oder vorn in schräger Richtung niedergehen ꝛc. ꝛc.— Mehr als je mischen sich Schleifen aus Faille⸗ oder SammetPicotband unter die Blumen, nicht allein im Haar und auf der Schulter, sondern auch auf den Kleidern, oder die Blumen er⸗ halten eine wolkige Unterlage aus Illusionstüll, oder sie verbinden sich— doch das nur für verheirathete Damen— mit Straußfederpuffs oder lassen, als Haarzierde, ein Reiherbüschel hervorstrahlen. Sehr kleidsam und graziös für junge Mädchen sind die Achselbänder aus Blumen, welche auf Vordertheil und Rücken des Leibchens niedergeben, auf der einen Seite eine Guirlande mit Bandschleifen, auf der anderen 39 W 0 Seite ein Band mit Blumentuffs darstellen, und von dem TCaillenschluß Bänder niederflattern und Zweige herabhängen lassen. Was soll ich Ihnen über die verschiedenen Arten der Blumen sagen?! Man wählt diejenigen, welche Einem am besten gefallen. Sehr modern und beliebt sind die kleinen Blüthen, die oben angeführten und unter diesen besonders die Eriken und die gelb schattirten Sammet-⸗Aurikeln, ferner der Flieder, welchen man in allen Tönungen hat die Schneebälle, weiß, gelb und in heliotroplila Nüancen, die Blüthen des Goldlacks in rahmgelbem Sammet, die Akazienblüthen. Und unter den großen Blumen genießen die rothschattirten Mohnblumen, zuweilen von schwarzen Sammetbandschleifen umwunden, ihre Triumphe. ö Von den Blumen zur Haartracht ist der Uebergang leicht. Es scheint sich also doch eine gewisse Veränderung in dem Arrangement der Frisur vorzubereiten. Viele Damen verschmähen die Haarfranse auf der Stirn, andere wollen nicht darauf Verzicht leisten. In den eleganten Konzerten und Theatern, wo man immer eine Anzahl Damen in Toilette und hübsch frisirt sieht, machen sich beide Arten bemerkbar, und man kann nicht sagen, daß die eine über die andere triumphirt. Jede Mode, welche verschiedenartig von der jeweiligen ist, läßt stutzen und ruft ein gewisses Erstaunen hervor, bis die Augen sich allmählich daran ewöhnt haben. Dann mißfällt das, was gefiel, und die neue aprice scheint das einzige Diktat des Geschmackes zu sein.— Ich plaidire dafür, daß man nicht eine uniforme Frisur annimmt, daß man sich nicht gezwungen glaubt, das Haar à la chinoise oder à la Diane zu tragen, wenn es Einem nicht steht, nicht mit dem Alter übereinstimmt. Aber meistentheils ist es der allgemeine Strom, der leitet und nicht die gesunde Vernunft. Die modernen Haarfrisuren zu Festlichkeiten bleiben ziemlich hoch und werden, wie wir gesehen haben, durch eine kleine Zierde auf dem Wirbel des Kopfes vervollständigt. Allein hinten sind sie voller, reichhaltiger ge⸗ worden, indem man hier das Haar in Schlingen, Krépes und Gewinde ordnet, untermischt mit einigen Locken, welche auf den Nacken fallen. Während des Tages bleibt die Frisur einfacher, zu einem gewundenen Knoten hoch⸗ esteckt oder auf dem Hinterkopf in einen schmalen Katogan arrangirt. an hat eine Menge hübscher Zierrathen für derartige Haartrachten, be⸗ sonders Nadeln aus Schildpatt und aus ciselirtem Silber in mannigfachen Formen, Halbkämme und Kämme aus Schildpatt und aus Jet.— Ich komme auf die Ballkleider für junge Mädchen nochmals zurück, um über den Ausputz einige Worte zu sagen. Stickereien und Perlen meidet man, doch entschädigt man sich durch die zarten und entzückenden Spitzen⸗ Imitationen„point d'Alengon“ und die nicht minder schönen, gestickten dentelles de Saxe, welche, in rahmgelber Farbe, als gekräuselte Volants Verwendung finden, aber immer mäßig angebracht sind, um einen wirklichen Schmuck abzugeben, keineswegs verschwenderisch oder überladen. Man gestaltet den Ausschnitt der Ball-Leibchen herzförmig, eckig, rund, ganz nach Belieben; er ist nicht mehr so tief wie er früher war, aber man scheint sich dafür durch vollständige Aermellosigkeit entschädigen zu wollen. Vielleicht die jungen Frauen? Indeß die einsichtsvollen Mütter halten dar⸗ auf, daß ihre Töchter ein wirkliches, kurzes Aermelchen und nicht den schmalen Andeutungsstreif eines solchen am Ballkleide erhalten, wie es das Takt⸗ und Schicklichkeitsgefühl erfordert. Die Ballschuhe sind immer sehr weit ausgeschnitten, aus Atlas in über⸗ einstimmender Farbe mit dem Kleide, vorn zugespitzt oder eckig, bestickt mit Gold⸗, goldbraunen Metall⸗ oder, bei Schwarz, mit schwarzen Perlen und geziert mit einer sehr kleinen und flachen Schleife. Jedoch tragen die jungen Mädchen meist Schuhe aus feinem Leder, kreme, rosa oder mattblau, ebenfalls in gleicher Farbe wie das Kleid oder wie dessen Garnitur von Schleifen oder Blumen. Und in demselben Ton hält man auch die Strümpfe, wenn man nicht vorziebt, solche in Fleischrosa oder jenem gelblichen, mit „bporsal“ bezeichneten Rosa zu wählen, welche momentan der neuesten Mode angehören. Derartige rosa Strümpfe harmoniren fast mit allen Kleider⸗ farben. Es ist nicht unbedingt nothwendig, hierin die seidenen anzunehmen, obschon sie am schönsten aussehen. Denn man hat jene rosa wie anders⸗ farbige Strümpfe auch im feinsten fil 4˙Ecosse und fl de Perse, und in solchem Genre sind sie für junge Mädchen zu empfehlen. Lose slätter. Die Niagarafälle im Winter.(Siehe Illustration.) Auf der Grenze zwischen Canada und den Vereinigten Staaten bietet sich den Blicken des Reisenden eine der majestätischsten und gewaltigsten Erscheinungen, welche die Natur jemals hervorgebracht hat— die Niagara-Fälle. Der Niagara ist kein Strom in des Wortes eigentlicher Bedeutung, sondern ein Kanal, der die größten Binnenseen der Welt, den Erie- und Ontariosee mit einander verbindet. Die Länge dieses gewaltigen Wasserlaufs beträgt etwa 50 Kilo⸗ meter und seine Fluthen bewegen sich an wildromantischen felsigen Ufern mit großer Schnelligkeit hin. Oberhalb des Falles wird der Niagara durch die etwa 1000 Meter im Umfang einnehmende Ziegen ⸗Insel und einige kleinere Juseln in zwei Arme getheilt und man spricht daher von dem canadischen oder Hufeisenfall, welcher eine Breite von mehr als 600 Meter hat und dem amerikanischen, welcher nur 375 Meter breit ist. Von der amerikanischen Seite und zwar von dem Prospekt⸗Park aus führt eine steile unterirdische Drahtseilbahn bis zum Flußbett unterhalb des Falles. Hier kann man von einem Pavillon aus die niederstürzenden Wasser über sich sehen. Eine Brücke über dem Strom führt zur Ziegen⸗Insel hinüber und von dieser, oder von dem an der canadischen Seite befindlichen Aussichtsthurme aus, genießt man den Anblick eines Schauspiels, wie es gewaltiger und wunder⸗ barer die Natur nicht wieder bietet. Die in rasender Eile heranbrausenden Wassermassen stürzen plötzlich in den fast 200 Fuß tiefen Abgrund, zer⸗ schellen in der Tiese donnernd und tosend zu schneeigen Gischtmassen und wehenden Staubschleiern und rasen dann weiter zwischen den felsigen Ufer⸗ wänden hin, wie kämpfende und brüllende Raubthiere. In den hoch⸗ aufsprühenden Gischt und die Myriaden von Wasserstäubchen, welche über den Stromschnellen schweben, webt die Sonne ihre bunten Regenbogen mit intensiver, entzückender Farbenpracht. Im Sommer trägt ein kleiner Dampfer, welcher unterhalb der Fälle liegt, kühne Reisende für ein geringes Fahrgeld mitten in die Stromschnellen und bis zu den gigantischen Wassersäulen hin. Das Meer im heftigsten Sturm erscheint zahm und ruhig im Vergleich zur wildbewegten Scenerie, welche hier die niederdonnernden, die Ufer peitschenden und in rasender Schnelligkeit kreisenden Niagarafluthen bieten. Der in Oeltuch gekleidete Passagier des winzigen Dampfers glaubt in einen grausigen Höllenkessel gerathen zu sein und die Wogen prasseln und branden mit so furchtbarer Gewalt um ihn her, daß er meint, das Fahrzeug unter seinen Füßen müsse in tausend Trümmer zerschlagen werden. Ein besonders bizarres und pittoreskes Bild bietet der Niagara im Winter unterhalb der Fälle dar. Die gigantischen Wassersäulen stürzen dann mit ebenso großer Fülle und Gewalt wie im Sommer in die Tiefe nieder, aber der aufgewirbelte und langsam wieder niederfallende Wasserstaub verwandelt sich in Myriaden von funkelnden Eiskrystallen, und diese bilden an den Ufern Schneeberge, welche oftmals über hundert Fuß hoch werden. Und die zerrissenen Wassersäulen bei den Ufern und Inseln verwandelt die Kälte zuweilen in kolossale Säulen von der Gestalt und Gliederung der Orgel⸗ pfeifen, oder die vom Wind bewegten Wasserstaubmassen erstarren zu glitzern⸗ den Eisschleiern, die sich an die dunklen Felsen hängen und sich immer mehr verdichten. So werden die umliegenden Felsenriffe, Baume und Gebäude von fußdicken Eiskrusten überzogen, und die in Eis starrenden phantastisch ge⸗ stalteten Uferszenerien bieten Bilder von unvergleichlicher Großartigkeit und Schönheit dar. Unsere Illustration giebt dem Leser eine Vorstellung von den eisumpanzerten Ufern des Niagara unterhalb seiner Fälle. n. E. Der letzte Graf von Oldenburg, der 1667 starb, hatte seltsame Neigungen, die den Spott herausforderten. So nannte ihn Christine von Schweden des römisch⸗deutschen Reiches Stallmeister. Er besaß nämlich nicht weniger als 1430 Pferde, die Füllen ungerechnet. Als auf seines Geheimerathes Wille— brecht vernünftigen Vorschlag eine Verminderung des Marstalles eintreten sollte, lief eine rührende Bittschrift ein, der Herr Graf möchte doch aus alter Liebe die Pferde in seinem Dienste behalten.„Weiß Gott,“ rief der Graf,„die Bitte ist vernünftig; ein Pferd, das mir gedient hat, soll nicht vor einem Pflug gehen oder Steine fahren.“ Die Reduktion unterblieb. Außer dieser Leidenschaft besaß der würdige Herr noch die Passion, an Sonn⸗ und Festtagen Predigten zu hören, nämlich neun, vier in der Hof⸗ kirche, die übrigen in der Stadt. Er begann damit um sechs Uhr Morgens und Punkt sechs Uhr Abends mußte die letzte schließen. Ein Superintendent hatte in seinem Eifer nicht bemerkt, daß die bestimmte Zeit schon vorüber war und fuhr fort zu reden. Da sprang der Graf auf und rief:„Kannst Du denn kein Ende finden? Ich habe genug, so war mir Gott helfe.“ W. G. Die Sagen von dem Berggeiste des Riesengebirges scheinen sehr jungen Datums zu sein, und sicher nicht über Kaiser Rudolfs II. Zeit zu reichen. Dieser Monarch hatte eine wahre Sucht, überall Edelsteine zu wittern und darnach suchen zu lassen. Er gab dem Pfarrer Bowenko besondere Voll⸗ macht, am Riesengebirge Edelsteine zu suchen. Der Erfolg, den derselbe in der ersten Zeit hatte, bestimmte die italientschen Steinschneider, sich in allerlei Verkleidungen an die Stätte des Fundes zu begeben, auch Spuk zu treiben, um die Abergläubigen von ihrem Vorhaben abzuziehen. Von ihnen rührten auch einige 1 von Rübezahl her, die sie aus dem Italienischen auf das Riesengebirge übertragen hatten. W. G. Theuer bezahltes Mitgefühl. Unter Robespierre's Herrschaft besaß ein im Port royal eingesperrter Gefangener einen Hund, der ihm in den Kerker gefolgt war. Das gute treue Thier aß trank und schlief bei seinem Herrn, und folgte ihm auch, als er zur Hinrichtung geführt und unter die Guillotine gebracht wurde. Einer der Zuschauer, der den Guillotinirten und dessen Hund gekannt, sagte wehmüthig als er das treue Thier gewahr wurde: „Armes Geschöpf, was soll nun aus Dir werden, da Dein Herr und Freund nicht mehr am Leben ist!“— Ein wüthender Jakobiner hatte diese leise ge— sprochenen Worte dennoch gehört, er näherte sich sogleich dem Sprecher und redete ihn mit den Worten an:„Bürger! Du scheinst großen Antheil an diesem Hund und seinem Herrn zu nehmen. Du bist verdächtig und es ist Pflicht, Dich unschädlich zu machen. Der darüber Bestürzte betheuerte heilig, daß er ein eifriger Republikaner sei, und glaubte seinen Gegner auch davon überzeugt zu haben.— Doch bald darauf wurde er eingezogen und das Mitleid, welches er gegen den Hund geäußert, kostete ihm das Leben. M. Die Kaiserin Elisabeth bot der berühmten Clairon das glänzendste Einkommen, welches wohl je eine Schauspielerin aufzuweisen gehabt hat. Sie wollte ihr 40,000 Livres jährlich zahlen, ein vollständig möblirtes Haus, einen Wagen, eine Tafel Mittags und Abends für sechs Personen zusichern. Die Clairon liebte jedoch den Grafen Balbelle zu Paris, und dies hinderte sie, die Anerbietungen anzunehmen, obgleich die Kaiserin ihr, im Fall er sie heirathete, den gleichen Dienstrang für den Geliebten zusicherte, den er in Frankreich bekleidete Der 5 10 Balbelle war willens darauf einzugehen. Die Clairon aber fürchtete, daß ihn ein solcher Schritt später reuen könne. Sie ließ sich also weder von Eitelkeit noch Habsucht blenden, blieb in Paris, zufrieden mit seiner Liebe und ihrem mäßigen Gehalt. M. 0 . 4 15 393 e*. e ü g* 40.. 9 Skat-Aufgabe Ur. II. Schach. a Vorhand tournirt Trefle 8 und hat folgende Karten: Problem Nr. 431 5 Trefle Bube, Pique Bube, Coeur Bube, Trefle 8, Dame, Pique 8, von F. Hofmann in München. Dame, Coeur 8, Dame, Carreau 9, Dame, As. ar — Drückt der Spieler eine Farbe vollständig, so verliert er das Spiel, ,, e drückt er zwei Damen und behält in zwei Farben 4 eine Fehlfarbe(Fausse), 22 7 1 1 so gewinnt er, obgleich jeder Gegner in seinen Karten eine Renonce hat., i — Wie saßen die Karten der Gegner? 0 e ü* 2 2 20 12. schö⸗ ber- herz 1 5 die und sche. 1. 1 5 gen lie- nes zaun. mein mei. chen lo. 2 1 9 3 2 4 trü- dein smächt'- ist als schen a⸗ be⸗..., . 1 F 2 15 e 1 4 men ist dies bar ne drun⸗ du sind f wet 1 8 Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge Matt. und wo ur⸗ lein herz so mit(gen Auflösungen. o 9 Problem Nr. 423 von J. Brown of Bridport. . 0 5 75 1 5 1) Des-—a7! beliebig. die büch⸗ dein sag ne je⸗ 69 einst 2) So7—66 beliebig. H» AA 3 3) Dg7, o7, da oder 2 14 0 Lböf Recht e ist die Rolle, welche dem Bauer de zufällt; denn nicht nur wird durch . denselben die Mattstellung nach den Gegenzügen: 11... Be oder ed 2).. Kade! vervollstän⸗ digt, sondern auch die Umkebrung der eng der beiden ersten 9. von Weiß durch sein R 8 Ziehen[1) Ses? 9 1 ert Zieht 5 den König nach es, so setzt sich der Zug⸗ U U 0 0 e. br ang, der nach dem ersten Zuge eintritt, auch nach dem zw iten ort. 4 selbe effektvolle Ei nleitungszug sowie der ganze weitere 1 des Brown'schen Meisterwerkes findet Zwei Wörtchen sind's: das eine kann beglücken, sich in Nr. 424[) DbzI 2 Sdé c] usfall einer einzigen Mattstellung infolge der Das andre aber auch u Boden drücken Deckung des Feldes as ist ohne ane z überdies durch die Er parniß zweier Steine(8 8 1 und 58 5 tfertigt.— Die Wahls wurde angegeben von Th. Kraus in B; Pe. Voelkel Und spricht das erste die Geliebte aus, in S⸗M; W. Kron in B.; R. Blümel in S.; Dr. Knopf in G; Dr. 1 88 in M. Vernimmst du es aus ihrem schönen Munde, Dann ist's für dich die schönste Freudenkunde g 42 G. 0 Und Lust und Jubel kommt zu dir in's Haus. 8 5 1 9 8 0 1 bordan. Doch hoͤrst du sie das zweite Wöttlein sprechen, 9 1¹2 205 1 7 21 Dann wirst du nicht der Freude Rosen brechen, 3) I. 1744 544. Les: Dann finde dich mit Muth in dein Geschick,) La ö da:(Les: ac.) And suche anderwärts dein Glück, Varianten: 1). 7 5 3 5 e Td5 zꝛc. 3) Dhe 4 T. Matt Ich frage, lieber Leser, dich noch jetzt:. 82, 20 8) Dber 4 Ibs Matt. 1),. Tel 2. Det ac 1b. eg 2 Des 2c 1. Ob dich dies Räthsel wohl ergößte 90 oder wee 10 n 117 1 1045 55 1 re lä auh dun 118 W— 2 U e 0 1 da öh ehe gur ee 15995 erfreu n, Matt unentbehrlich— Pie Losang wurde angegeben von W. Kron i in B. e warf G. Doch sprichst du aus das andre Wort, Di Month! ˖ die beid d t Dieselb U Dann ist mein Muth schon wieder sott; in bee in Mezilo.. Tie Lecce bastelglen Barde bal Ich muß bei so bewandten Sachen enthalten, in welche sie, neben hundert durch eclalante 12 5 bemerkenswerthen Meisterpartien Die Räthsel künftig schwerer machen. ihres hohen historischen Interesses 70 1 7 artie Nr. Weiß: Madame de Remusat. Schwarz: Napoleon 1. 1 1) d2—d3 8g8 16 8) Sg1—hb32 Se5 137 Magisches Quadrat. 20 e2—e4 Sbs e 9) Kel—e2 81844 e fallenden B bun: 39 1214 7e 10) Ke2-—d3 8g4-eß ie folgenden Buchstaben: 4 14 eb: Sc eb: 11) Kd d: LIS 65 . 5) Sb1-c 816—g4 12) Kdd cd: 16—b6f 6) d3—d4 Dds—h4f 13) Keß-d Db6-déf D D 7 7) g2—g3 Dh4-f6 5 „ 5 5 Partie Nr. 248 . g eee a gespielt auf e ——— 9 Weiß: Napoleon J. Schwarz: General Bertrand. 8 R R R U) eee 1e 9 2911 44857 8 2) 8g SbSs c 9 91—b1 3-b: 948 sind so zu ordnen, daß sie von links nach rechts und von oben nach unten 3) d2— da Se- d: 10) Lea- tf Kes—-dSs 9 N gelesen, in den korrespondirenden Reihen gleiche Wörter bilden. 4) Sf3- da: 5- da: 11) fA4—ez: b2—al:D N K Die vier Reihen geben folgende Wörter: 00 LI—04 IS- eõ 12) L7—g8: Le4—e7!) 3 1. Einen Sport. 2. Einen Gott. 3. Figur aus Grillparzers Medea. 6) e263 DdS—e7 13) Dadl—b3 af-aöf!) 17 4. Nebenfluß der Donau. 00 De7-es Schwarz setzt in 5 Zügen Matt. 75 fluß 4 5) Nimmt der Thurm den Läufer, so folgt Das. . 2) Vermuthlich in der Absicht, den mit 1b drohenden Damenverlust durch aß asl ab- 1 Auflösung der zweisilbigen Charade in voriger Nummer: Knopfloch;— zuwenden. e b 1 5 e. ist das 80 heiter ist die Kunst— 1. Ernst. 5 2. Reformatiou ivean. 4. Sack. 5. Trompete. 6. Ili. 7. Sankt⸗ In der zweiten Correspondenzpartie zwischen dem britischen Schachklub(Weiß) und der . Gotthard. 8. Testament. 9. Darius. 10. Algoabai. ii. End Gbr N 0 e N 12. Linde. 13. Euphrat. 14. Brindisi. 15. Eskorte. 16. Nazareth. 6) Lti-e fits 7) Se5 86: hi- ger 8) Dal- dg 8685) Lell. 2 Druck und Verlag der„Volts⸗Zeitung“, Akt.⸗Ges. in Berlin, Liltzowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105. 1 0 8