FEET . * 9 5 5 zu den Oberhessischen Uuchrichten. Zeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. 22. Gießen, den 29. Mai. Die Lindenblüthen. Erzählung von Georg Hartwig. In dem Badeorte Germenau war über Nacht ein starkes Ge— witter niedergegangen und hatte die schönste Linde im Garten des Lindenhauses arg zerzaust. Die breiten Zweige des Baumes lagen weithin zerstreut am Boden, etliche halb aufgerichtet und mit duftigen Blüthen bedeckt, als wollten sie den Himmel anklagen ob dieses Zerstörungswerkes, etliche glatt hingestreckt in's Gras, als hätten sie ihre Rechnung mit dem Erdendasein abgeschlossen und verlangten weder mehr nach Rache noch nach Wärme und Sonne. Und diese letztere schien so licht, so unschuldig hell von ihrem blauen Sitze herab, als gäbe es keine Blitze in der Welt. Mit vollem Antlitz lachte sie auf das liebreizende Fleckchen Erde nieder, welches mit Diamanttropfen übersäet dalag, grün, duftig, von Waldluft durch— athmet und von Vogelstimmen gleichsam aus dem Morgenschlummer eweckt. 5 Unter den vielen Logirhäusern Germenau's zeichnete sich eines durch geschmackvolle Bauart und eine gewisse vornehme Zurück— gezogenheit aus: das Lindenhaus, so genannt nach einigen selten schönen Lindenbäumen, welche den Vorgarten schmückten und mit ihrem Schatten selbst dem heißesten Sonnenbrande erfolgreich wider— standen. Die Besitzerin, eine Frau von gutem Stande, wählte sich ihre Miether vorzugsweise aus der höheren Gesellschaft, und so kam es, daß dieselben vom Neid oder von der Spottsucht stets mit dem Beinamen„Lindenblüthen“ bezeichnet wurden. Um den großen ovalen Tisch unter den Bäumen saß eine Ge— sellschaft Herren und Damen versammelt, theils lesend, theils mit Handarbeiten beschäftigt, rauchend, plaudernd oder nichtsthuend. „Wenn ich nur wüßte,“ sagte eine ältliche Dame, ihren Morgen— hut zurückschiebend, um freier Ausschau halten zu können,„wo meine kleine Henny sich aufhält? Jetzt werde ich doch allmählich besorgt um ihr Ausbleiben. Die liebe Kleine ist so muthwillig—“ „Nicht doch,“ warf ein stattlicher, etwas unzufrieden blickender Mann ein, seine Lektüre flüchtig unterbrechend.„Dazu ist keine Ursache. Aber derlei Ausschreitungen sollten Deinerseits eine ernste Rüge erfahren. Du verziehst Henny allzu sehr.“ Die Baronin von Valingen lächelte halb verlegen, indem sie sich an ein junges Mädchen wandte, welches soeben aus dem Hause trat.„Liebe Ilda, wo steckt unsere Henny?“ Die Angeredete trat näher. Sie war reizend in ihrem blumigen Satinkleid, doppelt reizend, weil sie ihrer Schönheit völlig un⸗ bewußt blieb. Weiches dunkles Haar kräuselte sich leicht über der jugendlichen Stirn der Siebzehnjährigen und hob die mattangehauchte Farbe ihres Teints wirkungsvoll hervor. Eine zartentwickelte Gestalt paßte vortrefflich zu den schüchternen Rehaugen und den feinen Lippen, welche so lieblich zu lächeln verstanden. Auch jetzt lächelte Ilda von Satrup geheimnißvoll, heiter. „Frau Baronin, ich weiß, wo sie sich versteckt hält.“ „Versteckt?“ rief diese betroffen, nach ihrem aufhorchenden Sohn hinüberschauend.„Ich dachte es doch gleich! Aber wo?“ „Hinter der Himbeerhecke sitzt sie auf einem Fußbänkchen und spielt mit den Fingern. Sie sah mich nicht, aber ihr weißes Kleid, mehr noch die blaue Schärpe haben sie mir verrathen.“ „Sagen Sie doch, liebe Frau Baronin,“ wandte sich eine junge anmuthige, wenngleich leidend aussehende Frau an ihre Nachbarin, „weshalb Fräulein Henny uns entflohen ist? Sie war in der Frühe so heiter, so ausgelassen fröhlich—“ „Ich—“ Der Baron las wieder in der Zeitung, deshalb fuhr seine Mutter geläufiger fort,„ich hatte ihr verboten, mit den dünnen Stiefeln in den Garten zu gehen, der Feuchtigkeit halber. Als ich nun die Jungfer mit Ueberschuhen herbei rief, rannte Henny wie ein Wirbelwind aus der Stube. Das ist Alles.“ „Und diesen Trotz willst Du so ohne Weiteres hingehen lassen?“ fragte der Baron, ziemlich heftig die Asche von seiner Cigarre stäubend.„Nimm es mir nicht übel, Mama, Du verdirbst mit Deiner Güte Henny ganz und gar.“ „Sie ist kaum siebzehn Jahre gewesen, Gebhard.“ „Und wäre sie vierzehn Jahre, Mama, dieser Murhwille geht zu weit. Fräulein von Satrup, wo sitzt Henny?“ „Gehen Sie, liebstes Herz,“ flehte die Baronin besorgt,„und holen Sie den kleinen Schelm herbei.“ Die Wenigen, welche dem Gespräch Aufmerksamkeit geschenkt hatten, lachten über den Eigensinn des allgemein beliebten Wild⸗ fanges, während Ilda davon eilte, ihre Freundin herbeizuschaffen.“ „Gebhard!“ bat die Baronin. Er nickte halb ärgerlich, halb belustigt, stand auf und verließ grüßend die Versammlung.„Auf Wiedersehen!“ „Fräulein Henny scheint wirklich großen Respekt vor Ihrem Herrn Sohn zu haben,“ scherzte die bleiche junge Frau. „Den hat sie. Aber, lieber Gott, sie ist so jung und mir ganz und voll ans Herz gewachsen,“ flüsterte die Baronin.„Sehen Sie, liebste Frau Steinbach, als ich sie damals— ach so, das wissen Sie ja nicht, daß Henny nur unser Pflegekind ist, welches ich binnen Kurzem mit Genehmigung meines Sohnes adoptiren werde— also, als ich die Kleine damals zu mir nahm, hatte ich gerade meine einzige Tochter verloren und schloß mich mit dankbarer Zärtlichkeit an das hübsche zweijährige Geschöpfchen, dessen Heiterkeit mir viele trübe Stunden erhellte. Ich bin allerdings sehr schwach, sehr nachsichtig gegen sie gewesen, und so oft mein Sohn mich besuchte, fand er stets an Henny zu tadeln und zu verbessern. Seit einem halben Jahr nun lebt er mit uns gemeinsam auf demselben Gut. Ach, er schilt die Kleine oft und dann weint sie.“ In diesem Augenblick erschien Ilda mit dem Flüchtling am Arm. . * C 170 „Da haben wir sie, Frau Baronin! Sie hat sich tapfer zur Wehr gesetzt!“ „Aber, Henny!“ Wie sie jetzt in ihrem weißen, luftigen Kleide mit den leuchtenden blauen Angen, den rosigen Wangen und den trotzigkrausen blonden Haaren näher kam, empfand Jeder die lebhafteste Freude an diesem reizenden Menschenbild, dessen Uebermuth aus jeder Bewegung hervorbrach. „Was giebt's denn, Mama?“ fragte sie schelmisch lächelnd, wobei ihre weißen Zähne verführerisch durch die rothen Lippen schimmerten, während ihre Blicke unter den dunklen Wimpern ge⸗ spannt die Tafelrunde überflogen und sichtlich befriedigend einen gewissen Jemand darunter vermißten.„Dachtest Du etwa, ich sei vor Schmerz in den Brunnen gesprungen?“ „Aber, Henny! Gebhard sagte—“ „Allerliebste Mama!“ rief sie, die schon versöhnte Baronin mit Ungestüm umarmend und küssend.„Laß Gebhard doch sagen, was er will! Wir haben ja nur ein Kompromiß geschlossen!“ Jetzt sahen alle erwartungsvoll auf, selbst der etwas reservirte steifnackige Geheimrath von Satrup, Ildas Vater, unterbrach seine Lektüre lächelnd. „Nun ja,“ rief der blonde Wildfang sich triumphirend auf⸗ richtend.„Mama wollte nicht, daß ich mit diesen Schuhen in den feuchten Garten ginge, da habe ich eben gewartet, bis er trocken war. Ist das nicht überaus verständig, Frau Steinbach?“ Die junge Frau strich sanft über die rosige Kinderhand der Fragenden.„Glückliche, glückliche Jugendzeit!“ „Haben Sie denn etwa schon Methusalems Alter?“ lachte Henny übermüthig. „Aber Henny!“ rief die Baronin verlegen. „Wie kann Frau Steinbach denn von Alter sprechen!“ Henny ergriff Ernas Rechte und führte sie abbittend blitzschnell an die Lippen.„Sie sieht ja aus wie eine schöne weiße Rose. Damit basta!— Guten Morgen, Herr Geheimrath! Darf Ilda mit mir in den Wald gehen? Hier wird es am Ende doch langweilig werden. Ja, sie darf?“ hat sie schmeichelnd, das lockige Köpfchen neigend. In der Folge zerstreute sich die ganze Gesellschaft bis auf Erna Steinbach, welche längst schon ersichtlich den Augenblick des Alleinseins herbeigesehnt hatte. Sie warf ihre Handarbeit bei Seite, stützte den Kopf in beide Hände und versank in Träumerei. Schritte naheten, aber sie beachtete dieselben nicht. Erst als eine Männergestalt dicht neben ihr stand, fuhr sie erschreckt auf. „Verzeihen Sie, ich hätte vorsichtiger zu Werke gehen sollen.“ Da sie erröthend und mit sich selbst kämpfend schwieg, fuhr Assessor Berger leiser fort:„Ich wollte mich erkundigen, wie Ihnen die Schreckensnacht bekommen ist. Nicht zum Besten, wie ich sehe.“ Erna Steinbach nickte. Endlich wies sie auf einen Sessel sich gegenüber.„Ich bitte.“ Er folgte der Aufforderung unverzüglich. Seine Blicke hafteten mit zärtlicher Frage an ihrem fesselnden bleichen Antlitz. Zuletzt da sie mit gesenkten Wimpern fortdauernd schwieg, sagte er ge— dämpft:„Es sind jetzt acht Tage verflossen seit jenem Abend, wo Sie—“ „Nichts mehr davon, ich bitte Sie,“ unterbrach ihn die junge Frau, über und über erglühend.„Ich kann nichts hören. Ach, verzeihen Sie mir, daß ich damals so wenig Herr meiner Ge⸗ danken war!“ „Herr Ihrer Gedanken?“ wiederholte der Assessor nachdrücklich. „Herrin Ihrer Gefühle, Erna, sollten Sie besser sagen. Und Sie wünschen, daß ich diese allerschönste Herzensschwäche verzeihe? Eben⸗ so gut hätten Sie den Ausdruck vergessen gebrauchen können. O, Erna, wie lange wollen Sie die Antwort auf meine Frage hinaus— schieben?“ Sie drückte ihr Taschentuch gegen die zuckenden Lippen, dann sagte sie mit schlecht verhehlter Bewegung:„Nicht länger. Was Sie hofften, es darf nicht sein, kann nicht sein, nie! Tadeln Sie mein Zögern, aber geben Sie mich auf. Jedes Ihrer Worte quält mich, martert mich— ach, wenn Sie ahnten, wie sehr!“ Ihre Brust hob sich in schmerzlicher Leidenschaft, während in den tiefen, dunklen Augen ein feuchter Schimmer langsam aufstieg. „Und der Grund?“ forschte Reinhard Berger mit angenommener Ruhe.„Der Grund dieser plötzlichen Sinnesänderung, nachdem Sie mich hoffen ließen, ich sei Ihrem Herzen werther als die Mehr zahl meines Geschlechtes?“ „O Reinhard!“ rief sie, sich vergess⸗ „Nicht diesen Ton, ich ertrage ihn nicht! „Erna!“ flüsterte er, die spöttische Maske abwers ens, N Ausdruck vollster Zärtlichkeit.„Was giebt es nach diesem B niß noch in der Welt, das uns hindern könnte, für und mi. une durch einander glücklich zu sein? Sprechen Sie, was fürchten Sie? Oder was glauben Sie fürchten zu müssen an meiner Seite? Geben Sie mir nur einen Fingerzeig und Sie werden sehen, wie meine Liebe diese Besorgniß in Dunst und Nebel auflöst.“ „Von Ihnen fürchte ich nichts,“ sagte sie, mit heißen Wangen zu ihm aufschauend. der Stirime. Er beugte sich halb scherzend, halb vorwurfsvoll über den Tisch, welcher sie Beide trennte.„Sie sollen klar sehen, Erna, zu Ihrer Beruhigung. Meine pekuniären Verhältnisse sind durchaus geordnet, meine Familie ist makelles und genießt des besten Rufes—“ Hier erbleichte die junge Frau plötzlich, schob Alles, was vor ihr auf dem Tische lag, mit einem heftigen Griff weit von sich ab, sprang empor und eilte, ohne den Assessor noch eines Blickes zu würdigen, in das Haus hinein. Er sah ihr lange mit wachsendem Zorn nach. Endlich raffte er seine Handschuhe zusammen und verließ mit finster zusammen— gepreßten Lippen den schattigen Platz unter den Lindenbäumen. Eine Stunde später hüpfte die blonde Henny allein durch das Gartenpförtchen und wollte soeben in der Hausthür verschwinden, als die Gestalt des Barons ihr aus dem Rahmen derselben ent⸗ gegentrat. Sie blieb harmlos stehen und nickte ihm lebhaft zu.„Guten Tag, guten Tag!“ „Wo kommst Du allein her, Henny?“ fragte er ernst. „Aus dem Walde,“ entgegnete sie nicht ganz sicher. „Warum bliebst Du nicht bei den Anderen?“ „Es war— es wurde— es ist so langweilig dort,“ sagte sie stockend, vor seinem forschenden Blick zu Boden sehend. „So! Ich will Dir etwas sagen, Henny.“ Der Baron nahm ihre Hand und führte sie unter die Linden auf den nämlichen Platz, wo Erna Steinbach zuvor gesessen.„Wir werden vermuthlich die längste Zeit gute Freunde gewesen sein.“ „O, nein!“ rief sie, ihre blauen, strahlenden Augen jäh zu ihm erhebend.„Das wäre Barbarismus!“ Er mußte wider Willen lächeln.„Doch, Henny, so wird es kommen, wenn Du nicht aufhörst, Dich wie ein eigenwilliges Kind zu betragen, statt wie ein erwachsenes Mädchen. Höre, Henny, wenn es nicht bald ganz anders mit Dir wird, schicken wir Dich zu Michaeli fort in eine Pension.“ „Fort? Von Dir? Von Mama?“ schnell mit Thränen. „Sicher, Du kannst darauf rechnen! am Morgen dürfen nie wieder vorkommen— nie! recht begriffen, Henny?“ Statt aller Antwort brach sie nach Kinderart in ein heftiges lautes Schluchzen aus. Die Arme vor sich auf den Tisch gestreckt, das lockige Haupt fest hineingedrückt, so verharrte sie, ohne die mindeste Rücksicht auf den Platz zu nehmen, an welchem sie sich momentan befanden. Der Baron sah diesem Schmerzensausbruch eine kurze Weile verdrießlich zu. Endlich that es ihm leid, sie so heftig weinen zu sehen. Er stand auf und setzte sich neben sie. „Henny!“ Es klang allerdings streng, aber die Art, wie er seine Rechte auf ihre Hand legte, hatte etwas Herzliches, Be⸗ gütigendes.„Henny, es liegt ja in Deiner Macht, bei uns zu bleiben.“ Ihre Augen füllten sich Scenen, wie die heutige Hast Du mich fort haben. Du hast mich gar nicht lieb. Ich habe wohl gehört, daß die dummen Menschen sagen, Du solltest jetzt heirathen. Aber ich würde Deine Frau nicht leiden können, nie!“ wiederholte sie mit großer Heftigkeit. es immer thust. Und wenn Du darauf beständest, liefe ich in's Wasser!“ Jetzt umfaßte er ihre Schulter und richtete sie energisch auf. Sie war sehr verwirrt, sehr niedergeschlagen. „Mangel an Zuneigung wirfst Du mir vor? Eher hättest Du „Nein!“ rief sie, ohne Aufhören schluchzend.„Du willst mich „Sie dürfte mich nicht schelten, wie Du . e eee eee e . ee 171 klagen. Folgte ich stets ese Moment, so würde ich li kli gegenuder einen anderen Ton den el dec Du uns lieb und theuer bist, Henny, sage ich nur das Eine: Du könntest Dich, unserer Mutter zu Liebe, besser betragen.“ Er wollte aufstehen, aber sie erfaßte flehend seine Hand. „Du gabst mir einmal eine Ohrfeige—“ Jetzt mußte er laut auflachen. „Ja, einen kleinen Backenstreich vor zehn Jahren, weil Du der alten Katze Pechschuhe angezogen hattest und das Thier sich halbtodt daran quälte. Glaubst Du, deshalb könnte ich Dich heute nicht mehr lieb haben?“ Sie sah ihn mit neu aufsteigenden Thränen an. „Aber Kind,“ sagte er, sich herzlich zu ihr niederbeugend. „Henny, was sind das für Thorheiten! Komm, sei jetzt ein ver⸗ ständiges Mädchen und stehe auf. Trockne Deine Augen, damit Mama nichts davon sieht. Sie wird sich ohnehin schon wieder um Dich ängstigen.— Wie ist's, Henny, willst Du mit mir auf die Promenade gehen? Ich werde Dich auch diesmal führen wie eine große Dame.“ Sie sprang wie elektrisirt auf.„Jawohl, jawohl!“ Während er ihr die blonden Löckchen aus der Stirn strich, drückte sie voller Glückseligkeit wiederholt seine Rechte. Dann hob sie sich stolz auf den Zehen empor und hielt Umschau, ob auch Jemand den feierlichen Moment gewahrte, da Gebhard ihr den Arm ganz so höflich und ritterlich wie der Mutter reichte. Er lächelte, was seine etwas strengen Züge in der That sehr angenehm verschönte, und drückte ihre kleinen Finger fester in seinen Arm.„Nun also vorwärts!“ Sie hielt ihn noch einmal auf, indem sie ihr reizendes Ge⸗ sichtchen halb trotzig, halb ängstlich zu ihm erhob.„In die Pension gehe ich aber gewiß nicht?“ „Nein!“ „und—“ sie stockte;„und Deiner Frau brauche ich auch nicht zu gehorchen?“ Er wollte böse werden, aber ihre sprechenden Augen entwaff— neten ihn.„Das wird sich ja dann finden!“ Damit verließen sie das Lindenhaus. Rr 5 gusch 1 Wenige Tage später ward der Badegesellschaft durch große Anschlagzettel bekannt gemacht, daß es der Direktion gelungen sei, eine gutrenommirte Operettengesellschaft für etliche Vorstellungen zu gewinnen. Die Freude hierüber war allgemein; selbst Herr von Satrup, Ilda's Vater, erklärte diese Abwechslung seiner einförmigen Leseabende für eine hͤͤchst wünschenswerthe. Frau Steinbach, deren leidender Zustand den besten Vorwand bot, sich mehr und mehr auf den bloßen Umgang mit den Hausbewohnern zu beschränken, ward von den jungen Mädchen so lange bestürmt und gequält, bis sie ihre Einwilligung gab, auch für sich die erforderliche Anzahl Billets lösen zu lassen, welche Mühwaltung der Baron zuvorkommend auf sich nahm. Henny schwelgte in Wonne und riß die stillere Ilda mit zur Begeisterung fort.„Martha“ von Flotow sollte zuerst gegeben werden; daraus kannten die beiden schönen Lindenblüthen so manches Lied, so manche Melodie und wurden nicht müde, sich auf den bevorstehenden Genuß zu freuen. Assessor Berger, ein sehr beliebtes, weil belebendes und anregendes Mitglied der Gesellschaft und von den jungen Damen oftmals schon um Arrangirung kleiner Lustbarkeiten bestürmt, glaubte seine bittere Enttäuschung am besten mit den Waffen der Zerstreuung bekämpfen zu können. Aus diesem Grunde sah man ihn jetzt weit öfter als sonst im Kreise der Jugend, ohne daß ihm deren Heiterkeit auch nur eine vorübergehende Entschädigung gewährt hätte. „Herr Assessor, Herr Assessor,“ rief Henny, von der Seite der Baronin fortspringend,„haben Sie sich erkundigt, ob das Schloß in Farrendorf zu besichtigen ist?“ „Gewiß, ich habe Erkundigungen eingezogen. Fürsten Georg von Hohenstein.“ „Siehst Du, Ilda,“ rief die Kleine triumphirend,„Dein Traum hat Recht behalten! Du hast heute von einem Georg geträumt.“ Es gehört dem „Schon von der Landparthie geträumt, gnädiges Fräulein?“ fragte der Assessor scherzend. Ilda nickte erröthend.„Aber erzählen Sie doch weiter!“ „Nun, der Besitzer, der zweite Sohn des alten Fürsten Hohen— stein, hat das schöne Schloß seit seinen Kinderfahren nicht mehr betreten. Man kann sich daher die Kunstsammlungen, sowie die Garten- und Parkanlagen ganz ungenirt ansehen.“ „Wir müssen doch wohl droben irgendwo einkehren?“ forschte die Baronin, mit ihrer Begleiterin näher tretend. „Gewiß. Droben in Farrendorf ist ein sehr anständiges Wirths haus, welches auf Besuche dieser Art wohl vorbereitet ist. Dort steigen wir ab und klettern später den schönen, schattigen Schloß— berg hinan.“ „Entzückend! Himmlisch!“ riefen die jungen Mädchen, lebhaft in die Hände klatschend.„Aber Frau Steinbach muß auch mit von der Parthie sein, wir werden schon wieder so lange quälen.“ Der Assessor wandte sich kurz ab und dem sich nähernden Baron „Der Ausflug nach Farrendorf ist spruchreif geworden.“ „So bleibt es für Sonntag dabei?“ fragte Gebhard von Valingen, sich höflich fragend im Kreise der Damen umschauend. Allen voran rief Henny ein schmetterndes„Ja!“ Er warf ihr einen kurzen, sehr wohl verständlichen Blick zu, und vor dem Schreckgespenst„Pension“ entfloh sie hastig mit ihrer schönen Freundin. „Soeben sagte mir der Operndirektor, mit welchem ich in der Inspektion zusammentraf, sein Hauptbassist sei noch nicht angelangt. Hoffentlich findet er sich noch zeitig genug ein, um den Pächter Plunkett in„Martha“ zu übernehmen, ich wüßte sonst nicht, wie wir unsere jungen Damen besänftigen sollten.“ „Ach Gott,“ rief die Baronin beinahe erschrocken,„Henny würde in Thränen zerfließen. Heute Nacht setzte sie sich plotzlich im Bett aufrecht hin und fing an das Jägerlied zu singen. Als ich sie aus dem Traum erweckte, wollte sich die Kleine todtlachen über mein besorgtes Gesicht.“ Zum Glück traf der Bassist noch zu guter Zeit in Germenau ein, und die Gesellschaft aus dem Lindenhause machte sich, von den jungen Mädchen bestürmt, früh genug auf, die besten Plätze in Besitz zu nehmen. Neben Henny auf der rechten Seite saß Erna Steinbach. Sie sah in ihrer duftigen schwarzen Toilette wunderbar anziehend aus, welchen Eindruck eine frischgepflückte rothe Rose vor der Brust nur vermehrte. Assessor Berger nahm, so schien es wenigstens, nicht mehr die geringste Notiz von ihrem Dasein. Nach einer stummen, förm— lichen Begrüßung zog er sich hinter den Baron zurück und empfand bald ein aufrichtiges Vergnügen an der Begeisterung, mit welcher Henny und Ilda dem Fortgang des Stückes lauschten. Die jungen Mädchen saßen Hand in Hand und theilten sich ihr wachsendes Entzücken durch strahlende Blicke mit, aber Keine wagte, mit einem Worte den Zauber zu unterbrechen. Den Höhe— punkt der Freude erreichten sie in der Scene auf dem Mädchenmarkt zu Richmond. Henny schrie fast laut auf, als die stolze Lady nebst ihrer Milchschwester in geschmackooller ländlicher Kleidung erschien, und übertönte damit einen unerstickbaren Ausruf, der sich beim Auftreten des Pächters den Lippen Erna Steinbachs entrang. Letztere saß weit vornüber geneigt und starrte auf die derbe, kernige Männergestalt, als wolle sie dieselbe zergliedern; dann ließ sie sich plötzlich mit einem Seufzer der Erleichterung in ihren Sessel zurücksinken, um gleich darauf nochmals das Opernglas an die Augen zu setzen und Minuten lang auf dem Antlitz des Sängers ruhen zu lassen. Die Baronin bemerkte ihre Unruhe und machte sich heftige Vor— würfe, die zarte Frau zu dieser unnöthigen Erregung überredet zu haben.„Wünschen Sie, daß mein Sohn Sie aus dem Saal führt?“ fragte sie mit theilnehmender Freundlichkeit. Die junge Frau schüttelte hastig das Haupt.„Jetzt nicht, jetzt nicht, vielleicht später!“ Vor dem letzten Aufzug erhob sie sich wirklich, grüßte die Bekannten mit mattem Lächeln und schritt, die Begleitung Herrn von Valingens dankend ablehnend, allein aus dem drückend heißen Raum. zu. (Fortsetzung folgt.) r 172 L Nora. Eine Geschichte aus dem Kinderleben. Von Sara Hutzler. Schluß) Der„junge Mensch“ wartete den Bescheid nicht ab; ehe noch eine Antwort erfolgt war, stand er in der Mitte des erleuchteten Saales, eine tannengerade, kräftige Knabengestalt, die sich linkisch verlegen nach der Inspektorin umsah. „Arnold!“ Mit einem Aufschrei, der qualvoll durch den Raum ging, war das Kind Nora davongestürzt. Wie eine Irre flog sie durch den Saal, an dem Knaben vorbei, zur Treppe hinauf, und vor ihrer Kammerthüre angelangt, blieb sie f stehen und sah zurück. Ein An⸗ drang verzweifelter Gedanken füllte ihr Kopf und Herz— Gedanken, die sie peinigten, die sie quälten, die sie außer sich brachten. Er war unten, er! Nach Allem, was ihr schon widerfahren, nach den De— müthigungen, die man sie hatte erdulden lassen, nach der Schande, die auf ihr lag, auch noch die der Bloßstellung vor ihm, vor dem Einzigen, der gut von ihr dachte. Er sollte nicht— nein, er durfte nicht hören, was man ihm von ihr sagte; die Schande die ertrug sie nicht— das war zu viel! Sie wollte hinunter— wieder zurück— es war feige von ihr gewesen, zu entfliehen, sie hätte Stand halten müssen, ö sie hätte bleiben müͤssen, wenn auch 2 nur um zu erfahren, was sich weiter ereignen würde. Zurück wollte sie, wieder hinunter, da— mit sie erführe— Sie hatte einige Schritte gethan und blieb dann stehen. Neben ihr tauchte die Gestalt Hulda's auf, und die— selbe gab Bericht, es habe sich Seltsames zugetragen da unten. „Denke Dir, die Luise ist fort! Ich bin weggeschlichen, um es Dir zu sagen. Ein Junge ist da, er wollte Jemandem in der Anstalt etwas bringen von seiner Mutter, und da hat er gesehen, wie vor dem Hinterthor ein paar Leute standen, die eine Menge Sachen über den Zaun langten, und wer, meinst Du, reichte die Sachen von innen: Luise! Denke Dir, lauter Betten und Decken und eine Uhr und, Nora, hör' doch weiter! Nora, eine große Neuigkeit noch!“ Hörte sie, verstand sie recht? Es hatte sich herausgestellt, daß sie unschuldig sei, und daß Luise, die jetzt fort war, die Todte be— stohlen hatte! War es das, was das Kind erzählte? Und wenn das so zusammenhing, so war das doch eine gute Botschaft. Wie kam's denn aber, daß sie diese gute Botschaft so wenig ruhig machte? Was mochte der Grund sein, daß es wie Jaähzorn in ihr auffstieg, was die Bedeutung des unbezähmbaren Zornes, der über sie Herr wurde? Und gegen wen? Und wie denn nur in diesem Augen— blick, der ihr ein lindernder, ein erlösender hätte sein sollen? Sie stand im oberen Korridor des Instituts— der Anstalt, die ihr ein Obdach gewährte und starrte mit einem seltsamen, geschlossenen Ge— sichtsausdruck von der mittheilsamen kleinen Schülerin fort auf die Treppe, auf der in diesem Augenblick eines der größeren Mädchen erschien. Sie kam mit einer Botschaft der Frau Inspektor. „Ich soll Dir sagen, Du dürftest herunterkommen; es ist heraus— gekommen, daß Du's nicht warst, die Luise hätte gestohlen— Du könntest jetzt kommen, Du kriegst auch jetzt Deinen Weihnachten, sagt die Frau Inspektor! Sie wollte es Alles wieder gut machen!“ Rudolf Falb. „So! sagt sie das?“ Das Kind schrie die Frage gellend aus, und so erschreckend, so schrill ging die Stimme durch das Haus, daß die Mädchen beide weit von ihr zurückwichen. Sie verstanden sie nicht, und sie konnten das, was mit dem stillen, duldenden Kinde vorging, nicht verstehen. Sie war nach ihrem einen gellenden Auf⸗ schrei der Treppe zugestürzt und geradeaus voran durch die Thüre zum Saal mitten in die Weihnachtsparade hinein. Aus dem Mädchen⸗ gesicht war jeder Blutstropfen gewichen. Inmitten aller Zöglinge, ungeachtet der Fremden, die zugegen waren, aufrecht stehend unter dem Tannenbaum, warf sie die Arme hoch wie Jemand, der aus der hohen Luft herab sich ein großes, schweres Etwas niederzerrt und mit einem erlösenden Riß zerfetzt und zu Boden tritt. Aus dem todtbleichen Kindergesicht, das in seiner ängstlichen Scheu seit Monden die Spuren der Unterdrücktheit getragen, war alles Kindliche, alles Kleine, alles Duldende gewichen. An seiner Statt glühte ein wildes, auf— rührerisches, gewaltiges Feuer der Empörung, das alle Schranken durchbrach und sich lodernd, an— klägerisch aus der Brust rang in leidenschaftlichem, brennenden Haß. Und aus der gemarterten kleinen Seele kam ein langanhaltender Schrei, dann ein tiefer, abgerisse— ner Athemzug, und das Kind be— gann zu sprechen, zum ersten Mal in seinem Leben zu sprechen— das zu enthüllen, was es empfand, empfunden hatte seit lange, und was heute nach der Marter, die sie durchlebt, nach der unverdien⸗ ten Demütigung, die sie erlitten, nach der Schande, die man auf sie gehäuft, bei ihr zum Ausdruck kam, ungezügelt, ungehemmt, furchtlos und todesverächtig. Ihre Worte hallten durch den Raum mit durchdringender, zischender Schärfe, und ihre Rede schleu— derte sie gegen die Inspektorin ohne Furcht und ohne Schonung! „Jetzt soll ich kommen! Jetzt soll ich meinen Weihnachten haben! Gut machen wollen Sie? Zur Diebin hat man mich gemacht, eine Diebin haben Sie mich ge— nannt vor Allen, und ich mußte still sein und mich schämen— o so sehr! Ich will jetzt keinen Weih- nachten! Ich werfe Euch die Sachen in's Gesicht, ich zerteiße sie! Ich trete und stampfe darauf! Alles ist schlecht, Alles ist böse, und gut ist nichts auf der ganzen Welt! Ich weiß, daß dieses Haus eine gute Heimath sein soll, aber es ist ein böses, böses Haus, denn es macht, daß man lügt und stiehlt! Ich habe gesagt, daß ich nichts gethan hatte, und das haben Sie mir nicht geglaubt! Und gedroht haben Sie, gedroht, meinen guten Arnold aufzusuchen und mich auf die Straße zu werfen. Sie sind schlecht, Sie hassen alle Kinder, Sie drohen nur und sagen böse Worte, vor denen man sich fürchtet! Aoer ich fürchte mich nicht mehr, weil ich weiß— weil ich weiß, daß Sie falsch strafen und ein gutes Kind böse werden lassen! „Sie sind nicht gerecht— Niemand ist gerecht. Sie machen die Kinder furchtsam und lassen sie nicht die Wahrheit reden. Sie haben mich eingesperrt, einen Tag und eine Nacht, um mich. zum Geständniß zu zwingen, daß ich eine Diebin bin. Ich bin keine Diebin! Ich habe nie gestohlen, auch früher nicht, im Bäckerladen. Ich hatte Hunger, und aus Hunger nahm ich Brod. Die Frau, die mich in der Nacht davonjagte, hatte kein Recht dazu. Die ganze Welt ist falsch und bös, und dieses Haus sollte besser sein als alle, und dabei ist es genau ebenso. Ich hasse Sie, ich hasse die Menschen; sie lassen ein Kind nicht reden, sie lassen es nicht weinen und klagen, sie lassen es einsam sein und wenn es ganz ängstlich geworden ist, so daß es sich fürchtet, zu sprechen, dann nennen sie's verstockt! Grausam sind Sie— ich fürcht' mich 173.. nicht— ich sag's! So lange Wochen habe ich nicht gesprochen, hasse. Ja, ich hasse es, ich hasse Sie, i ä febt sag ich 8 Hier mußte ich stehen und vor den fremden Gästen und— 55 10 1 9 mich 11 5 Se e mich schämen, und ich hatte nichts gethan. Und wie es läutete nicht an! Ich will es sagen— ich sage es— Sie sind schlecht und der fremde Junge kam, der Arnold, da mußte ich vor Angst— schlecht— schlecht! Sol“ b , 2 9 , — 4 ö 1 1 ö 5 0 ä a 5 5— 5 Corinna. und Scham entfliehen und jetzt, nachdem Sie wissen, daß Sie mir Mit einem langen lauten Schrei, der schrill durch das Haus Unrecht zugefügt haben, jetzt soll ich kommen, jetzt soll ich meinen ging, fiel das Kind zur Erde. 1 Weihnachten haben! Gut machen! Ich will nicht, ich will— von 3 . Ihnen nichts mehr— nichts! Ich will auf die Straßen zurück— ü 1 ich will kein Heim, das ein schlechtes Heim ist, ich will hinaus— Die Nachwirkung des so schlimmen Auftritts in der Anstalt 1 fort— weg— weg aus diesem Haus, das ich nicht mag, das ich war von ernstester Bedeutung geworden. Es waren Tage der S 0 10 1 2 1 0 5 5 174 schweren Bedrücktheit, die da folgten; Tage, in denen es so be⸗ fangen und still herging, als stünde das Haus vor strengstem Gericht. Und doch war nichts geschehen, als nur, daß ein Kind seine wunde Seele entblößt hatte, daß ein gequältes, unterdrücktes, kleines Menschenherz einen anklagenden Aufschrei ausgestoßen, der wie ein Pfeil traf und Wiederhall fand in den Herzen derjenigen, die sich für das Leid der Menschheit ein Empfinden bewahrt hatten. Der wilde Ausbruch des Kindes hatte zuerst erstarrend auf die versammelten Insassen der Anstalt und deren Gäste gewirkt. Des kleinen Geschöpfchens abgerissene, fast athemlos geschriene Worte waren wie glühender Zunder unter sie gefallen, und als das todt⸗ bleiche schwankende Kind, nachdem es geendet, unter krampfhaftem Husten und leicht mit Blut gefleckter Lippe zusammengebrochen war, da hatte sich die Gestalt eines gänzlich Fremden— die des Knaben Arnold— richtend, verbietend, vor sie gestellt, und die Annäherung der dem Institut Gehörigen mit blitzenden Augen und drohender Haltung abgesperrt. „Rührt sie nicht an!“ Und vor der bedrohlichen Entschlossenheit in des Burschen ehr— lichem Antlitz wichen die Andern zurück. Er hob das zuckende Kind auf und trug es, von der ernst⸗ blickenden Lehrerin und der weinenden Hulda geführt, in den Schlaf- saal und legte es still auf eins der Betten nieder. Man hatte die erregten Worte, die der Freund des kranken Kindes in ehrlicher Entrüstung gerufen, seinem Schmerz um die Kleine zu Gute gehalten, und sich nicht dagegen aufgelehnt, das Kind, sobald es eben anging, von der Plätterin, der Mutter Arnold's, in Pflege nehmen zu lassen. Aber es dauerte lange, bevor es möglich war, sie zu entfernen. Das Kind lag bleich und apathisch in seinem Bettchen und schien aus einem Halbschlummer in den andern zu verfallen. Wie ein innerlich gebrochenes Reis hing der bleiche Kopf mit den dunklen Haarmassen zurückgeworfen in den Kissen, und der heiße Mund, der sich einmal zu strömender leidenschaftlicher Rede geöffnet hatte, lag stumm und still da, und gab keinerlei Zeichen inneren Lebens. Und endlich, endlich kam ein Tag, an dem das Kindchen hinaus durfte. Die Zöglinge, welche nach dem Exeigniß am Weihnachts- abend zu dem leidenden Kinde ein Herz gefaßt hatten, umstanden das Thor und riefen ihr Abschiedsworte nach. Die kleine Lehrerin hielt ihren Kopf mit den Händen umfaßt. In ihren ernsten Augen lag ein tiefempfundenes Wehgefühl und eine sanfte Abbitte. Hulda weinte laut auf. Und so zogen die zwei Menschen, die dem Kinde die besten Freunde waren, mit ihr hinaus. Hinter dem blassen Geschöpfchen fiel das Thor in's Schloß. Nora fuhr bei dem lauten Klick, den es gab, nervös zusammen. Und der Heimweg war von einer hellen Sonne beleuchtet, eine Sonne, die den Dreien Hoffnung in's Herz legte, Hoffnung auf Genesung für das seelenkranke, zartbesaitete Kind. „Glaubst Du, daß sie wieder gesund wird, Mutter?“ Vor dem flackernden Kaminfeuer in ihrer Stube sitzend, legte die stille Frau ihre hartgearbeitete Hand auf die des Sohnes und seufzte tief.„Ich weiß nicht, Kind, als ich sie sah, gab ich die Hoffnung auf. Das Kind ist krank, ihre zarte Seele hat solch' herbe Stöße nicht vertragen können. Wir wollen sehen, ob's der Frühling thut!“ Und der Frühling kam. Mutter und Sohn schoben das Eisenbettchen an's Fenster und schüttelten die Kissen unter dem Köpfchen hoch. Wie bleich waren die Wangen! Wie weiß das schmale Gesicht! Die kleine enge Brust hatte sich wund gehustet und Nora lag er— mattet und still in den Kissen und sah hoffenden Auges in den knospenden Tag. Das Frühjahr! O wie schön die Welt war! Nichts mehr von welken Blättern, nichts von stürmendem Wind! Und überall hatten die zwitschernden Vögel ihren Platz, und auf allen Dingen in der Natur lag die rothgoldene Sonne. In das Antlitz des lächelnden Kindes war Frieden und Ruhe gezogen. Nach bösen Tagen endlich ein langer schöner Tag— ein Tag, wie das Kind sie früher gekannt hatte— damals im anderen Frühling, bevor die rothbraunen Herbstblätter alles Gute von der kalten Erde gefegt hatten, bevor der große Jammer für sie begann!— Sie mußte jetzt wieder daran denken, und der Arzt hatte doch verboten, daß sie daran denke, und die Plätttisch rief sie auch immerfort an, dan. Die liebe gute Frau! Nora streckte ih. r gegen und rief sie leise an. a „Warum sind Sie gut zu mir? Warum haben Sie mich zu sich geholt?“ 0 Die kleine Hand wurde warm umfaßt und gehalten.. „Weißt Du nicht? Wegen des kleinen Mädchens, das wir kurze Zeit nur hatten, und das draußen vor'm Thor unter der Jasmin⸗ hecke schläft!“ Das Kind nickte. „Ja— ich weiß! Erzählen Sie mir von ihr!“ Und die gute Frau erzählte die alte Geschichte zum zehnten Male, immer wieder und wieder, immer mit gleicher Geduld, und als das Kind eine Menge Fragen zu richten begann, hieß die Frau sie schweigen: „Du weißt doch, was der Arzt gesagt— hübsch ruhig bleiben!“ Der Arzt! Ja doch, Sie erinnerte sich, daß er heute länger als sonst mit der Frau gesprochen hatte, und daß die Gute gleich darauf so sehr lieb zu ihr gewesen war. Und Arnold hatte ihr eine weiße Nelke gebracht— und sie ihr still zwischen die Finger gelegt. Eine weiße Nelke! Wo hatte sie doch früher weiße Nelken ge⸗ sehen? Richtig— früher im kleinen Stübchen, und an dem öden Tag, da man die schneebleiche Todte hinausgetragen— Jemand hatte da einen Kranz mit weißen Nelken gebracht— wer es war, das wußte sie nicht— es war Alles so traumhaft damals. „Mutter Jansen, mir ist kalt— ich— ich möchte schlafen!“ Nora wußte nicht genau, ob es Arnold war oder seine Mutter, die sie so sorglich zudeckte, oder ob sie sich beide über sie gebeugt hatten. „So muͤde,“ sagte sie leise und dann sank ihr Köpfchen zur Seite.„Mutter, Mutter!“ Wie seltsam, daß sie einen Augenblick dachte— er— Arnold habe es gerufen, und der Ton klang so rauh— so anders als das Zwitschern, das doch immer um sie her ertönte— immer näher und näher, bis an's Fenster— da— jetzt sah sie deutlich, was es war: Die Vögelchen! O die kannte sie— ja wohl— das waren die Thierchen, die damals im Frühjahr auf dem Fensterbrett ge sessen und mit dem offenen Schnäbelchen gegen die Scheibe— „Siehst Du— sieh dort— ich will öffnen— ich will— oh da— huschen sie fort!“ „Mutter— o Mutter!“ „Geh' mein Junge— laß' mich! Du erschrickst sie!“ Was war das? Was sagten die Menschen? Was flüsterten sie? Hatte sie etwas gethan? War es weil sie nicht stricken konnte? Weil sie nicht gleich— „O bitte— nicht dort sitzen— nicht auf der Ecke“— da hörte man so deutlich das Weinen— das Kind wimmerte wieder —„Ja— ja— o nicht weinen, Arnold!“ In die umnachteten Sinne des Kindes trat ein Augenblick des klaren Erkennens. Sie hob ein Wenig das Köpfchen und lächelte und dann bewegte sie die Hände wie um den großen Burschen zu berühren. Ihre Stimme sank wieder herab, und ein irres Hin⸗ und Herflattern der Lippen machte die Sprache schwer und un— verständlich: „Nicht immer weinen— sie kommt ja— siehst Du— Helene — und sie ist nicht fort, o nein— sie kommt, dort unter dem Tannenbaum steht sie und winkt und nickt.— Mach' es aus, das Licht, es brennt— es tanzt hin und her und ich seh' es nicht mehr — es ist fort— hinausgetragen— und das Stübchen ist leer— kein Bett mehr— nichts— horch, die Thurmuhr! Eins— zwei — drei— horch— o nicht schelten, weil's spät ist— es war so kalt, und der Hund bellte, und im Zimmerchen war nichts mehr — gar nichts— nur die Vögelchen am Fenster— die gegen, die Scheibe— pick, pick! So leise— so still— warum ist es so stillß? Ist es weil sie schlafen muß, die arme kleine Line? Gute Nacht, Line! Morgen früh komm' ich wieder— und bringe die Nelken— o, so weiß ist der Kranz— sieh' wie weiß! Ueberall weiß— auf den Dächern, auf den Bäumen und die Vöͤgel frieren — ich— friere!— Aber das Fenster ist offen— und es ist Nacht— das Fenster— mach es zu, liebe Frau— mach es zu und komme! Komme zurück in Dein Bett— es ist Dein Bett, und sie haben Dich fortgetragen— fort— Mutter!“ g Die weinende Frau hielt das phantasirende Kind in den Armen. * e ä 175.. Zu Füßen des Bettes kiste der Sohn und drückte sein Gesicht 0 gegen die Eisenstäbe Nagers. Ein grelle füllte plötzlich das kleine Gemach und fies“ eeecs, das plötzlich wie zum neuen Leben erwechent e 1 aufschlug und gerade aufsah in die Augen der j)hielt. Tie blieb lange reglos liegen und dann hob sie eine wachsbleiche Hand und legte sie auf die Wange. Ein verklärendes Lächeln umzog ihren Mund.„Mutter,“ flüsterte sie— und dann in gebrochener Stimme leiser noch und wie traumhaft:„Du bist wieder da— o — wie schön!“ Im kleinen Zimmer war's still. Nur ein krampf⸗ haftes Schluchzen kam vom Fußende des Bettes. Die Frau ließ sich, ihr Weinen bekämpfend, auf die Knie nieder und sich über die kleine Leiche beugend, küßte sie die kalten Lippen lang und innig: „Denke, es sei der Kuß Deiner Mutter, kleine liebe heimgegangene Waise!“ oe s later. Rudolf Falb.(Siehe Illustration.) Wer in der wissenschaftlichen Welt mit einer neuen Wahrheit hervortritt, hat alle Jene zu Gegnern, die dem Irrthum huldigten. Als der Naturforscher Falb mit seiner Theorie über den Einfluß des Mondes auf das Wetter und später mit der Erd⸗ bebentheorie vor die Oeffentlichkeit trat, nannten ihn fast alle Fachgenossen einen sonderbaren Schwärmer. Im Lauf der Jahre aber trat eine zuver⸗ lässige Verbündete auf Falb's Seite und das war die Natur. Die Natur bestätigte durch gewaltige Winterstürme und schreckliche Erderschütterungen seine Vorhersagungen. Ganz besonders aber haben die Naturereignisse der letzten Jahre die Annahmen Falb's ganz und voll erfüllt. Er hat be⸗ kanntlich die Entdeckung gemacht, daß gewisse Konstellationen der Gestirne, wie der nächste Stand von Mond und Sonne zur Erde, oder Sonnen⸗ finsternisse die Luftströmungen beschleunigen und daß diese gewaltigen Fluth⸗ erregungen über der Erde Einfluß haben auf die Wasserstoff-Gasmassen im Innern der Erde. Rudolf Falb sah diese Theorien durch zahlreiche Gewlitterstürme, Schneefälle im Süden, vulkanische Ausbrüche, schlagende Wetter in den Gruben und Erdbeben bestätigt und wer ihn je seine Theorien in öffentlichen Vorträgen vertheidigen hörte, wird sich vor der überzeugenden Kraft seiner Argumente beugen. Rudolf Falb gehört zu den hochragenden Geistern, die dem gesunden Volkeboden entsprungen sind. Er wurde in der Steiermark im Jahre 1838 als der Sohn eines Müllers geboren, vom Vater für das Schneiderhand⸗ werk bestimmt, durch die Mönche von St. Lambrecht aber dem Studium der Theologie zugeführt. Falb empfing die Priesterweihen und wurde ein Dorfkaplan. Seine auf den Himmel gerichteten sehr an den Gestirnen, daß seine Phantasie sich wenig mehr mit der über⸗ fiunlichen Welt beschäftigen konnte. Das Studium der Astronomie veran⸗ laßte ihn, den geistlichen Stand aufzugeben und sich dem Lehrfach zu widmen. Er ging als Lehrer an die Handelsschule nach Graz, wurde dann Erzieher im Hause eines Grafen, der ihm die Mittel gewährte, im Jahre 1869 sein erstes Werk über die Erdbebentheorie herauszugeben. Mitte der siebziger Jahre hielt Falb Vorträge über seine Entdeckungen und erwarb sich durch diese die Mittel, größere Reisen durch Süd⸗ und Nordamerika zu unternehmen. Auch auf der westlichen Hemisphäre sah er seine Theorien durch die Naturereignisse in den Cordilleren bestätigt. 1880 kehrte er nach Europa zurück und veröffentlichte sein Werk über die Umwälzungen im Weltall. Falb war früher schon zum Protestantismus übergetreten. Gleich⸗ wohl versagte ihm, als er sich verheirathen wollte, die östreichische Behörde die Erlaubniß zur Eheschließung und zwar aus dem seltsamen Grunde, weil er als junger Mann die kakholischen Priesterweihen empfangen hatte und diese als unvergänglich angesehen werden. Dieser Umstand veranlaßte Falb, sich seinen Hausstand in Leipzig zu gründen. In diesem Jahrzehnt ist es dem rastlosen Manne gelungen, durch Schrift und Wort Tausende und Abertausende von dem Werth seiner wissenschaftlichen Entdeckungen zu überzeugen und eine große Umwälzung der Ideen hervorzubringen. Corinna(siehe Illustration), jene schöne und begabte Griechin, welche in den musischen Weltkämpfen wiederholt den Sieg über Pindar davon— getragen haben soll, ist von Eva Coomans frei dargestellt worden. Eva oomans gehört zu den Malerinnen der französischen Schule, welche sich, dem Beispiel Alma Tademas folgend, in die antike Welt der Hellenen und Römer vertiefen. Corinna ist eine der interessantesten Frauengestalten der alten Welt. Sie lebte etwa 500 v. Chr. und stammte aus Tanagra, wo ihr Bildniß in den Gymnasien angebracht wurde. Von ihren lyrischen Gedichten sind nur noch Bruchstücke vorhanden. R. E. Der Chronist Haftiz berichtet von einem Turnier zu Berlin, das 1545 zur Feier der Hochzeit des Kurprinzen, späteren Kurfürsten Johann Georg und der Tochter des Herzogs von Liegnitz stattgefunden:„Am Montage haben darauf Markgraf Hans von Cüstrin(des Bräutigams ehrenfester Oheim) und Herzog Wilhelm von Braunschweig mit einander scharf ge⸗ rannt und ein solches hartes Treffen gethan, daß die Rosse hinten zum Sitz gekommen und dennoch beide Herren sitzen geblieben. Es hat aber Herzog Wilhelm des Herrn Markgrafen Hansens Schild entzwei gespalten bis auf den Hals, und wäre um ein Weniges gethan gewest, wenn es Gott nicht sonderlich verhütet, daß er ihm den Hals abgerannt. Deswegen alle Fürsten Blicke aber hafteten so und Herren, so damals auf der Bahn gewesen, sehr erschrocken und zuge⸗ laufen sind. Es haben auch viele Herren vom Adel gerannt und gestochen; aber am Mittwoch haben sechszig Paar zu Rosse in voller Rüstung auf der Bahn turnirt, und indem man diesem Ritterspiel zugesehen, ist einer aus dem Fenster herabgefallen. Der hat einen Andern, der darunterge— standen, todt gefallen, und ihm hat es nichts geschadet.“ Daß in jener Zeit schon mit Gebrechen Geld verdient ist, weist die Fortsetzung der Chronik:„Auch ist damals ein elender Kerl ohne Arme und Hände gewest, der hat mit den Füßen essen, eine Nadel einfädeln und andere Dinge thun können, die sast unglaublich zu sein schienen, hat mit dem Halse Holz ge⸗ hauen und einen Teller an der Wand auf etliche Schritte mit der Spitz⸗ karte treffen können.“ W. G. Eine deutsche Antwort. Karl XII. von Schweden hatte dem Kur⸗ fürsten von Sachsen und König von Polen August dem Starken den Altran⸗ stedter Frieden diktirt und schien sich mit seiner Armee in Sachsen nieder⸗ lassen zu wollen. Das verdroß den ersten König von Preußen Friedrich und er schickte somit seinen Oberhofmarschall von Prinzen zu dem schwedischen Soldatenkönige, um diesen über seine Absichten auszuhorchen und ihn möglicher Weise zu bewegen, den Nachbarstaat zu verlassen. Prinzen begab sich in das schwedische Lager und richtete seinen Auftrag bestens aus. Karl XII. war ohnehin im Begriff abzuziehen, doch überraschte ihn der Wunsch des preußischen Königs. Er runzelte die Stirn und stampfte mit seinen großen Stiefeln den Boden. Der Oberhofmarschall aber war der Mann der bleichen Furcht nicht; er blieb ruhig und blickte den Gefürchteten in das Auge. Da fragte dieser hämisch, ob die preußischen Soldaten noch so gut wie die brandenburgischen seien.„Sire,“ antwortete der Gesandte Friedrichs 1:„es sind noch dieselben Soldaten, die sich bei Fehrbellin be⸗ fanden.“ Der schwedische König zuckte zusammen, dann trat er auf den Oberhofmarschall zu:„Sie waren Soldat.“„Unter dem Großen Kurfürsten, wie ich es noch unter meinem jetzigen gnädigen Herrn sein würde, wenn es nöthig wäre.“—„Und wann wäre es nöthig?“—„Wann der erste Kanonenschuß fällt und mein König das Schwert zieht.“ Karl brach hier das Gespräch ab, und am folgenden Tage begann sein Heer den Rückzug aus Sachsen anzutreten. W. G. Die Herzogswahl in Kärnten ging, wie überall im Deutschen Reiche, bis zum Aussterben der Frankenkaiser, vom gesammten Volke aus; doch war sie hier an besondere Förmlichkeiten geknüpft. Bei Kärnburg unweit Klagenfurt steht der sogenannte Fürstenstuhl. Auf ihn setzte sich der älteste Bauer, dann trat der neugewählte Herzog aus dem Volke hervor.„Wer ist der Mann, der so stolz daher schreitet?“ fragte nun der Bauer. „Des Landes neuer Herzog,“ rief das Volk. „Ist er auch ein gerechter Richter, Mehrer des Landes, Schirm der Christenheit und Schutz der Wittwen, Waisen und Bedrängten?“ fragte der Alte weiter. „Ja, er ist und wird es sein,“ erwiderte die Menge. Run erhob sich der Bauer und versetzte dem Herzoge einen Backen⸗ streich, während er ihn ermahnte, eingedenk zu sein, wessen sich das Volk für ihn verbürgt habe.„Und nimm Platz,“ schloß er seine Rede:„und walte Deiner Pflicht!“ Der Herzog that danach und sprach Recht. W. G. Menu à la Shakespeare. Bei einem Festessen, welches die Shakespeare⸗ Gesellschaft von Philadelphia bei einer ihrer Jahresversammlungen ver⸗ austaltete, war der Speisezettel mit Citaten aus Shakespeare gespickt, die alle demselben Stücke— dem König Lear— entnommen waren. Wir führen davon Einiges an: e Austern in der Schale,— Dir wäre besser in Deinem Grabe, als so mit unbedecktem Leib dieser Gefahr begegnen.(Lear.)— Oeffne die Börse, nimm was sie enthält.(Kent.)— Kannst Du mir sagen, wie die Auster ihre Schale macht?(Narr.) 1 Soupe à la Reine.— Wie heiß sie ist! Sie dampft.(Edelmann.) Päte à la Financière.— Ich bin Größ' res, als mein äußerer Schein.(Kent.) f 5 Fricassée von Kapaunen.— Zerhackt zu Karbonade Ge 4 dent. Wein: Schloß Johannisberger 1859 er; Steinberger Kabinet 1857er.— Den beiden Schwestern schwur ich meine Liebe. Welche soll ich nehmen? Beide?(Edmund.) 9 1 1 1 Junge Hühner.— Mich dünkt, er scheint nicht größer, als sein Kopf. (Edgar.) Burgunder; Chambertin 1861 er.— Sein Alter wirkt, sein Rang noch mehr, wie Zauber, Ihm alle uns're Herzen zu gewinnen.(Edmund.) Kartoffeln.— Der Erde arme Kreatur—(Edgar.) Schnepfen.— Bringt her die braunen Kerle.(Lear)— Du Bach- stelze!(Kent.) 5 0 1 Marzipan.— Die kleine schimmernde Substanz.(Lear.) Salat.— Ich will es glatt und ölig haben.(Cornvall.) Emelette soufflée.— Gieb mir ein Ei, Gevatter!(Narr.) Gallerte.— Seht nur das Ding da zittern.(Lear.) Punsch.— Mag eines Freundes Hand ihm volle Stärke jetzt ver— leih'n.(Gloster.) 5 Limburger Käse.— Gewiß, unter Zwanzigen ist nicht Eine Nase, die den nicht köche; der stinkt(Narr.) Kaffee.— Das Schlechteste nicht, wenn auch das Letzte.(Lear.) Zigarren.— Ein kleiner Funke und der ganze übrige Körper ist kalt. Scht, hier kommt ein wandelndes Feuer.(Narr.) u. Viersilbige Charade. Mit froher Pracht, 55 goldnem Schein Die ersten Dich umgeben, Indeß die andern, arm und klein, Sich neben dir erheben, Als Theile dessen, das dem dient, Der hoch zu steigen sich erkühnt Zu nützlichem und schlimmerm Zweck, Weiß er's zu brauchen dreist und keck. Zwar wird, im Ueberfluß empfah'n, Das Ganze dir bedeuten Nicht eben auf der Schönheit Bahn Ein glänzend Vorwärtsschreiten!— Dochs tröste dich! Rasch ausgesä't Verschwindet's rasch; nur aufersteht Es wieder gerade zu der Zeit, Wo sonst des Schönen viel gedeiht. Quadrat-Aufgabe. In dieses Quadrat sollen die Zahlen von 1—9 in die Felder so vertheilt werden, 5 daß die Summe von je drei in einer Reihe stehenden, man mag eine horizontale, eine vertikale oder eine Diagonalreihe nehmen, 75—][ immer dieselbe Summe, nämlich 15 giebt, ebenso sollen die zwei Eckzahlen, welche sich gegenüberstehen, 10 ergeben. Silben-Räthsel. Aus folgenden Silben: al ar as bert cä ci der dus e e ei gla i la le li li mo na p rho ro root row rus sen son sur va 2 20 sind 12 Worte zu bilden, deren Anfangs- und Endbuchstaben von oben nach unten gelesen den Namen einer berühmten Schauspielerin und eines be— rühmten Schauspielers ergeben. Die 12 Wörter ergeben: 1. Einen weiblichen Vornamen. Ein Mineral. 3. Eine freiwillige Gabe. 4. Eine türkische Insel. 5. Ein Stärkemehl. 6. Zwei Buchstaben. 7. Einen Fluß in Oesterreich. 8. Den Namen eines isrgelitischen Pro⸗ pheten. 9. Einen Schweizer Kanton. 10. Den Namen einer römischen Schutz⸗ 11 8 11. Einen Fluß in Schleswig⸗Holstein. 12. Einen männlichen ornamen. Ungereimte Aufgabe. Aus folgenden vier ungereimten Zeilen sollen sechs gereimte hergestellt resp. gelesen werden, ohne weiter ein Wort hinzuzusetzen. „Willst du, o Freundin, von mir weichen Willst mich verlassen?“ „O nein, mein Freund— O nein, mein Freund, ich liebe dich!“ Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummer: Jelängerjelieber— Vergißmeinnicht. 1. Josaphat. 2. Erich. 3. Languedoc. 4. Agidi. 5. Nor⸗ wegen. 6. Gollon. 7. Edrisi. 8. Robespierre. 9. Jerobeam. 10. Ennius. 11. Lindus. 12. Ili. 13. Engelberg. 14. Butler. 15. Emilie. 16. Re⸗ citativ;— des Räthsels: Geld herbei;— der viersilbigen Charade: Helle— barde;— des Füll-Räthsels: S8 b 9 3 G e R Ch i 3333 a 0 ))))))FTT E Schach. Problem Nr. 450 von J. Barsdorf in Crefeld. 8 Schwarz. * 2 15 * 2 2 22 5 2 „ .... ö Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem dritten 5 Matt. 0 Partie Nr. 257, gespielt in New Orleans am 10. Februar d J.— Züge nach dem Chess-Monthly. Weiß: J. Me. Connell. Weiß: Kapt. Mackenzie. 1) e2—e4 1e 28) 12—g3: Te6 ed! 2) 8g1—13 SbS-c6 29) 22— a4 dé-d! 3) LI bo Sc6— d!) 30) Kg 1259) do ea: 4) Lbö— 4) Sd4—f3 fs) 31) 413—f6: 186—f 5) Dd1 3: 8886 32) K 2—-e2 Jes-d 6) d2—- d“) 7 c65) 33) Tel el 1% d8-d 7) dad eh: Dds ahr Weiß giebt die Partie auf. 11) 9 92 5 1 8 ö Stellung nach dem 28 Zuge von Weiß. 10) 781.1 g= g 7 Schwarz. 11) Lel-d2 b7 5556 1 12) Ses-bß: 06 bb: 3. 13) Ldꝰ-c3 b5- c: 1 777 14) Les eß: ee. 15) P53—65 d7 de 11 123 425 16) 1 a 7* 1 1 b8—g8. 18) 9 5 37) 1, 19) Des- a3 g8-g 6 25 1 200 Dags—adfe) Kess. 1 5 1 21) Da-: Tas—e8. 13 1 22) 2-63 ne-, 23) 1Jd1—43 hoh 3. 24) 1d3—f3 Jes-es. 25) Tal—el Kl8—g7 1,* 8 26) Des- e7 8g4—16 4 e 27) Der-a: h4—g3: Weiß. 1) Eine Vertheidigung der spanischen Partie, die ganz besonders von Mr. Bird be⸗ vorzugt wird. 2) Nicht minder stark als der Springertausch nebst 42— 43. 38) Wahrscheinlich das Beste, wenigstens ist die Fortsetzung 2).. b7— bz, der man in vielen älteren Partien begegnet, wegen 5 Erwiderung 5) Lea 7 17. 6) Sd: eidd 7) Dhöt 6 S) Dust und 9) Dad: kaum rathsam. 4) Das Chess-Montbly empfiehlt hier Dbs. 1* besseres Spiel, wie im Chess-Monthly ausgeführt wird, war eß—dd 5) e 5 ꝛc 6) Der vom Gegner geplante Abtausch dreier leichter Offiziere gegen die schwarze Dame wird 8 geradezu provocirt. 3 Der richtige Zug! Dh4 oder he wäre verfehlt wegen Lg4, da auf 12 fi der Läuser den Bauern 14 nehmen würde. 9 12—ft konnte jetzt ohne Gefahr erfolgen, denn nach 20). LI: 21) grt4— 22) K 2 Sdigt 23) TdI. wäre das Spiel für Schwarz auf die Dauer nicht zu halten 3 ) Eine durchaus ungenügende Vertheidigung; der Bauer mußte auf alle 5 benommen werden; auch ist nicht er ichtllch. wie Schwarz alsdann mehr als Remis erzielen kann, 3. 1 30) edb Leb bel 3) pba7—12 La7l 32) Daf: Telgte 3) Kfz Tes 81) KgII ꝛc. oder 31) Teilt 32) Del: Lat 33) Kb Sgt. 34) De 2c. 10, Nothwendig um die drohende Fortsetzung: 34) Lgar Kes 35) Tat Ke: 86) LIS und Matt oder Damenverlust, abzuwenden. 11) Die Fortsetzung wäre 34) Des Ig 35) Kei T5 36) Des(oder b6) 1(8 und die Dame muß sich gegen einen Thurm und Bauer es opfern oder 37) 718er 38) Te2tf 39) 18 — de 2c. führt bald zum Matt. Briefwechsel. Dr. K. in G. Die dreizügige Composition ist recht gut gelungen, namentlich das Va⸗ 9 155 Aufgas wird in einer der nächsten Nummern zur Aufnahme gelangen. N uschrift mit Lösungen erhalten; an Originalbeiträgen haben wir von Ihnen nur noch einen Zweizüger. Druck und Verlag der Volks. Zeitung“, Akt.⸗Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin. Lützowstr. 105