zu den Oberhessischen Machrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Gießen, den 28. August. 1887. 1 Ur. 35. 1 2 Inge Vaulsen. Von Eva Treu. (Fortsetzung.) Was die Beiden draußen mit einander redeten, das hörten nur sie selbst und der Regen, der leise, leise aber unaufhörlich auf sie niedersank und in lauter matt schimmernden Tropfen auf Inge's wollenem Tuch und den krausen Haaren lag, aber es waren heiße, zärtliche Worte, die der junge Seemann diesmal fand. Es deuchte ihm unbeschreiblich bitter, das Mädchen, das er so schnell gefunden hatte, so kurz besitzen, so bald auf lange, lange Zeit verlassen zu sollen. Und feste, innige Versprechungen von Liebe und Treue waren es, welche die zwei Menschenkinder mit einander austauschten, viele und heiße Thränen weinte das Mädchen, als es an's Scheiden ging. Morgen mit dem Frühesten mußte er fort, und sie wußte, sie würde ihn vorher nicht wieder sehen. Aber treu wollte sie sein. Wie würde sie je einen Anderen lieb haben können, als ihn allein. „Du mußt jetzt nach Hause,“ sagte Peter Ohlsen zuletzt selbst. Und so schieden sie. Zum letzten Mal schlang Inge Paulsen ihre weichen Arme um Peter Ohlsens Hals, zum letzten Mal küßte er ihren rothen Mund. Ach, wie weh thut Scheiden! „Bleibe treu!“ sagte Peter Ohlsen leise. Sie nickte traurig.„In alle Ewigkeit— in alle Ewigkeit.“ Dann ging sie, sich verstohlen an den Häusern hinschleichend, und er sah ihr nach, so lange der Nebel und die sinkende Nacht es gestattete. f Die Nachbarin saß noch bei Jule Paulsen im Wohnzimmer, Inge hörte draußen auf dem Flur das lebhafte Schwatzen. Vielleicht war sie garnicht vermißt worden. Sie konnte nicht in die Schlaf⸗ kammer gelangen, ohne durch die Wohnstube zu gehen, darum öffnete sie ganz leise die Stubenthür und setzte sich geräuschlos in einen dunklen Winkel. Die beiden Frauen waren in ihr Gespräch so vertieft, daß sie auf ihr Kommen nicht Acht gaben. Es war ganz finster in der Stube. Jule Paulsen hatte wohl ganz vergessen, vie spät es schon war. Nach einer Weile stand die Nachbarin auf und sagte gute Nacht. „Inge!“ rief die Mutter, die den Gast bis an die Hausthür 19 begleitet hatte, als sie wieder in das dunkle Zimmer trat,„wo bist Du eigentlich?“ Sie hatte die Tochter ganz vergessen gehabt. „Hier, Mutter,“ sagte eine leise Stimme aus der Ecke. „Warum sagst Du garnichts den ganzen Abend? Was soll Frau Thiel von Dir denken? Warum sitzt Du hier so still?“ „Ich hörte zu.“ Sie gingen im Dunkeln zu Bett. Jule Paulsen sparte gern Licht, wenn es sein konnte. Mitten in der Nacht wachte die Frau auf. Es war ihr gewesen, als wenn etwas neben ihr leise weinte. „Inge,“ sagte sie, mit der Hand nach dem Bette der Tochter tastend, um ihr Gesicht oder ihren Arm zu berühren,„wachst Du?“ Nun war alles still. Jule Paulsen brannte ein Zündholz an und leuchtete nach dem Nebenbett hinüber. Das Kind hatte den Kopf von ihr abgewendet, athmete leise und regelmäßig und schien zu schlafen. „Ich habe es mir wohl nur eingebildet,“ dachte die Mutter, blies den Rest des Zündhölzchens sorgsam aus und legte sich auf die Seite. „Bist Du krank, Inge?“ fragte Frau Juliane am nächsten Morgen. „Nein,— o nein. „Du bist so blaß.“ Das Mädchen antwortete nicht. Es schob die Kaffeetasse zurück, stützte den Kopf in die Hand und sah vor sich hin. Es war ein regnichter häßlicher Morgen. Der Regen, der gestern sich gleichsam widerwillig aus dem Nebel gelöst hatte, floß heute in Strömen. Es war nicht daran zu denken, hinauszugehen. Inge saß am Fenster, eine Arbeit in den unthätigen Händen, und blickte melancholisch in das graue, langweilige Wetter hinein. „Fehlt Dir etwas, meine Inge?“ fragte die Mutter nach einer Weile wieder. Sie war jetzt, da sie ihren Willen erreicht zu haben meinte, wieder ganz Fürsorge und Zärtlichkeit. Inge schüttelte den Kopf. O, wenn doch die Mutter sie nur einmal— nur einmal in Ruhe lassen wollte mit ihren Fragen! „Hast Du das hübsche blaue Kleiderzeug bei Möllers im Laden⸗ fenster gesehen? Was meinst Du zu solchem Winterkleid, Inge?“ Kopfschütteln.„Ich habe Kleider genug.“ „Willst Du nicht gern ein Paar Schuhe mit Lackspitzen haben? bei Schuster Timm sind neue angekommen.“ „Die alten sind noch gut.“ „Was magst Du heute Mittag essen, meine Inge?“ „Was da ist, Mutter; es ist mir ganz gleichgültig.“ Nun war die Reihe an Frau Jule, den Kopf zu schütteln. Wenn so mächtige Dinge, wie Kleider, Schuhe und Mittagessen ihrer Inge gleichgültig waren, dann wußte sie, Jule Paulsen, nicht mehr, was sie mit ihr anfangen sollte. Sie handtierte im Zimmer und auf dem Flur umher. Nach einer Weile ging sie an Inge heran, strich ihr mit der harten Hand über das seidige Gelock und sagte:„Inge, mein Kind, Du siehst es wohl noch einmal ein, wenn Du Dein Glück gemacht hast, daß Mutter es gut mit Dir meinte.“ O, die langen, langen Regentage, die nun kamen! Fast eine Woche lang regnete es mit der langweiligen Beharrlichkeit, die der Regen nur an der Küste zu haben scheint. Inge haßte solches Wetter. Es hatte von ihrer frühesten Kindheit an die Macht ge⸗ habt, jeden Strahl von Frohsinn von ihrem Gesichte zu verwischen. Zu ihrer Art gehörte der Sonnenschein oder der Wind. Bei Regen⸗ Warum meinst Du?“ * 8 r 1— 0 22 N 274 D. wetter kam sie sich allemal vor wie ein gefangener Feldvogel, der sich vergebens den Kopf an den Stäben des Käfigs zerstößt. Vielleicht giebt es auch an der Küste kaum etwas Trostloseres, Melancholischeres, als diesen bleigrauen, schweren Himmel, als diese ewig und eintönig niedersickernden schweren Tropfen über dem schmutzigen, grauen Einerlei des Meeres. Inge saß heimlich auf dem Hausboden und schrieb einen langen, langen Brief an Peter Ohlsen, aber sie wurde nicht fröhlich dabei. Abschicken konnte sie ihn auch noch nicht. Sie mußte den ersten Brief an die Großmutter abwarten. Denn so sollte es auch künftig bleiben; die Korrespondenz sollte auch ferner unter dem Namen der Alten fortgeführt werden, um Jule Paulsens Verdacht nicht zu er— wecken. Aber nach Verlauf einer Woche schien die Sonne wieder lachend, wie nur je zuvor, und an demselben Tage kehrten auch die Zwillinge von ihrer Reise zurück und ließen Inge zu sich bescheiden, denn das kleine Haus am Hafen betraten sie fast nie. „Willst Du nicht den guten Hut aufsetzen?“ fragte die Mutter. „Nein, für wen sollte ich mich hübsch machen?“ Und Inge setzte den alten Hut auf und ging fort. Die Zwillinge waren größer geworden, trugen Kleider nach der neuesten Mode der Großstadt und hatten eine neue Frisur mit⸗ gebracht. Unwillkürlich stand Inge auf der Schwelle der Wohn⸗ stube still. Da es ein kühler Tag war, flackerte im Ofen ein leichtes Feuer, und das ganze Zimmer, sowie das anstoßende, in welches man durch die zurückgeschlagenen Portieren blickte, war er⸗ füllt mit dem wohligen Duft feiner Räucherkerzen. In den Fenstern und auf den Blumentischen standen hübsche Gewächse, den Schritt dämpfte ein weicher Teppich. Alles dies kannte Inge, und es hatte früher schon aufgehört, ihr zu imponiren,— aber jetzt, nachdem sie so lange Zeit nur in der dürftigen, unbehaglichen Umgebung ihres eigenen Heims zu⸗ gebracht hatte, war es, als wenn all' der gemüthliche Wohlstand um sie her aufs Neue mit seinem einschmeichelnden Zauber in alter Stärke auf sie wirkte. Diese heiteren, wohlgekleideten, sorglosen Menschen, diese nach kleinstädtischer Art luxuriös ausgestatteten Ge— mächer, sie gaben ihr auf einmal wieder die Empfindung, als sei sie für eine Weile von einem Platze verdrängt gewesen, für den sie doch geschaffen sei. Sie sah an sich nieder, und es verdroß sie, daß sie sich nicht wie sonst bei ihren Besuchen im Möller' schen Hause besonders zierlich gekleidet hatte. Wäre an diesem Nachmittage plötzlich Peter Ohlsen in das Zimmer getreten,— hätte ein Zufall Alles enthüllt, Inge wäre fähig ge— wesen, sich des jungen Seemannes zu schämen. Er paßte nicht in den Kreis, in welchem sie sich so schnell wieder heimisch fühlte. Sie machte es sich nicht klar. Abends vor dem Einschlafen sagte sie sich im Gegentheil selbst mit besonderer Geflissentlichkeit, daß sie ihn lieber hätte als Alles auf der Welt, daß er mehr werth wäre, wie die ganze Familie Möller zusammengenommen, daß Reich⸗ thum nicht allein glücklich mache, aber es mischte sich zum erstenmal in ihre Gedanken etwas wie Pein darüber, daß er nur ein Matrose war. Sie hatte ihn lieb,— aber wie würden Anna und Marie gelacht haben, wenn sie es gewußt hätten! Aeußerlich kam nun nach und nach bald wieder Alles in's alte Geleise, nur daß ihr die Zwillinge im Laufe der Zeit ein wenig entfremdet wurden. Die Mädchen waren jetzt erwachsen und be⸗— wegten sich in einer lebhaften Geselligkeit, von welcher Inge aus— geschlossen war, sobald sie über die Grenzen des befreundeten Hauses hinausging. Auch dort blieb sie mehr ein Alltagsgast, als daß man sie zu den größeren Festen hinzugezogen hätte.„Es paßte doch nicht,“ meinte die Mama, der es bei aller mütterlichen Zärtlichkeit doch nicht entgehen konnte, wie sehr die blonde Schifferstochter ihre eigenen rundköpfigen, rothbackigen Mädchen trotz Spitzen und Stickereien in den Schatten stellte. Aber immerhin sah und erlebte Inge doch genug vom geselligen Treiben, um der angeborenen leichten, feinen Anmuth ihres Wesens etwas von der Weltgewandtheit der bevor⸗ zugten Gesellschafteklassen hinzuzufügen. Wenn aber die Zwillinge ihr von jenen Lustbarkeiten erzählten, von denen sie selbst in ihrer Zwitterstellung ausgeschlossen war, von Bällen und großen Gesellschaften, wenn sie die neuen, kostbaren Kleider zeigten, die Kottillonbouquets vorwiesen, die sie eingeerntet — hatten, dann große, heiße Sehnsucht, die sich, je nachdem Inge eben gestimmt war, auf einen anderen Gegenstand richtete. Heute konnte sie bei den verlockenden Erzählungen ungeduldig, beinahe zornig in ihrem Herzen begehren, all das auch zu erleben und zu sehen, auch begehrt und gefeiert zu sein, sich auch mit Spitzen und Blumen zu schmücken. Und morgen überkam sie beim Anhören derselben Dinge nur ein inbrünstiges Verlangen, ihre Arme um Peter Ohlsen's Hals zu legen und den Kopf an seine Brust, und mit ihm weit, weit fortzugehen von all den Leuten, zu denen sie nur halb gehörte, auch von der Mutter,— von allen Menschen, und nur ihn allein zu haben. Das Gefühl kam und ging, wie Ebbe und Fluth, aber in solchen Augenblicken hatte sie ihn lieber wie Alles in der Welt. Dann lief sie hinüber zur alten Großmutter, las ihr Peter Ohlsen's Briefe vor, die nicht gar oft, aber doch ziemlich regelmäßig kamen, und die sie beinahe auswendig wußte. Fast zwei Jahre vergingen. Die liebliche Knospe entfaltete sich zur vollen Blüthe, und wenn das Mädchen durch die Straßen der kleinen Stadt schritt, sahen die Männer der schönen Inge Paulsen vom Hafen wohlgefällig nach. Zwei oder dreimal klopfte ein Freier an Frau Jule's schmale Stubenthür, der auf eine Mitgift gern verzichtete um des lieb⸗ reizenden Gesichtes willen, aber Jule Paulsen schüttelte allemal den Kopf. Es waren junge Bürgersöhne, wohlgestellte Handwerker, und das war es nicht, was Jule Paulsen wollte.„Ihr Glück“ sollte Inge machen. Reich und vornehm,— was sie, Jule Paulsen, denn vornehm nannte,— sollte der Mann sein, der ihr gut genug war, ihr kostbares Kleinod davonzutragen. Ein wenig selbstbewußter wurde die Frau nach jedem solchen Antrag, und der dritte wurde weit kühler abgelehnt, als der erste. Auch Inge schüttelte den Kopf, aber sie sagte nicht weshalb. Mittlerweile war die alte Großmutter Ohlsen von Woche zu Woche gebrechlicher und hülfloser geworden, und eines schönen Morgens warteten die Sonnenstrahlen vergebens, daß die zitterige alte Hand die Fensterladen öffnen würde, um sie einzulassen. Sie drängten sich neugierig durch die Spalten, und da lag auf dem roth und weiß gewürfelten Kissen das gelbe, kleine, alte Gesicht, mit den tausend verwirrten Runzeln, und die gelben, kleinen, alten Hände, mit den ausgearbeiteten Knöcheln, lagen gefaltet auf der Bettdecke. Die Augen aber, die so lange schon fast lichtlos gewesen waren, hatten sich für immer geschlossen. Sie sahen vielleicht schon jenen ewigen Glanz, von dem auch der hellste Sommertag hienieden nur ein matter Widerschein ist. Der alte, schwarze Kater der Großmutter Ohlsen ging mit krummem Buckel um das Bett her, sonst war kein lebendes Wesen im Hause. Dem Enkel, welcher der einzige Hinterbliebene der Alten war, konnte Inge diesen Todesfall nicht sofort mittheilen, da seine augen- blickliche Adresse ihr unbekannt war. Die alte Frau hatte eben in diesen Tagen einen Brief erwartet, der sie ihr mittheilen sollte. Nach etwa einer Woche traf der Brief wirklich ein, und da die Empfängerin ihn nicht mehr entgegennehmen konnte, auch Niemand die Berechtigung dazu hatte, ihn an sich zu nehmen, wanderte er, wie es sich gehörte, an den Absender zurück mit einem kurzen Ver⸗ merk der Postbehörde versehen, daß die Adressatin inzwischen ver⸗ storben sei. Das konnte geschehen, ohne daß der Brief geöffnet wurde, denn Peter Ohlsen hatte seinen Namen und seine Adresse auf der Rückseite des Kouverts angegeben, wie er immer zu thun pflegte. nge erfuhr von diesem Briefe nichts. Wie hätte sie das auch können? Auf der Post wagte sie nicht zu fragen, und sonst wußte Niemand um eine so unwichtige und gleichgültige Thatsache. Ein paar Wochen später, als Inge Nachmittags ausgegangen war, saß Frau Jule auf der kleinen Bank vor ihrem Hause. Allerlei angenehme und unangenehme Gedanken gingen ihr durch den Sinn. Die angenehmen bezogen sich sämmtlich auf Johannes Moͤller, dessen Benehmen in der letzten Zeit sie gradezu aufgeregt hatte. Denn erstens: er hatte an einem sehr denkwürdigen Abend, an welchem Inge im Möller schen Hause an einer kleinen Tanzgesellschaft hatte theilnehmen dürfen, nicht nur mehrmals mit Inge getanzt, sondern er hatte sie zweitens auch, als die Gesellschaft auseinanderging, nach Hause begleitet, anstatt diese Pflicht einem seiner Angeste oder Dienstboten zu übertragen. Dies schien Jule Paulsen von 0 erwachte in des blonden Kindes Herzen allem 2 1 selbst ten 0 4 s 275 D 8 00 ganz unerhörter Bedeutung zu sein, und es war ihr einfach un⸗ möglich, die Achtlosigkeit zu begreifen, mit welcher Inge erklärte, der junge Kaufmann tanzte schlecht und unterhielte sich langweilig. Ein reicher Mann, wie Herr Johannes Möller konnte in Jule Paulsen's Augen weder schlecht tanzen, noch langweilig sein, selbst wenn er gewollt hätte. Die unangenehmen Gedanken aber verursachten ihr die Karten. Sie mochte sie nämlich legen auf die eine oder auf die andere Weise, in langen oder kurzen Reihen, von links nach rechts oder umgekehrt, immer und immer versperrte das verhängnißvolle„Klever Aß“, der Unglücksbrief, der ihr schon so viel Kopfzerbrechen gemacht hatte, dem„Herz- Buben“ und der„Ruten Zehn“, die ja bekanntlich 9 Geld bedeutet, den Weg in die unmittelbare Nähe der„Herz— ame“. f Erst vor einer halben Stunde hatte sie das alte Kartenspiel ärgerlich zusammengeschoben; es war und wurde ja doch nicht anders, sie mochte legen, so viel sie wollte. Da kam der Postbote Harms mit seinem geschäftigen Gang und dem ewig schmunzelnden Lächeln und brachte zwei Briefe, einen Ge⸗ schäftsbrief aus Hamburg und einen anderen, welcher ausländische Marken und viele Poststempel trug und an Fräulein Ingeborg Paulsen adressirt war. „Ganz was Rares, Frau Paulsen,“ sagte der Mann verständniß⸗ voll blinzelnd, indem er den Brief hinreichte.„Hat wohl was Liebes über See— was?“ und dann stapfte er weiter, anderswo Ersehntes oder Gefürchtetes zu bringen. Jule Paulsen saß und drehte den Brief in der Hand hin und her. Der Absender hatte diesmal Namen und Adresse nicht auf der Rückseite angegeben, aber sie wußte doch, von wo er kam, ob⸗ gleich sie sich nicht gleich klar darüber wurde, wie alles zusammen⸗ hängen möchte. Peter Ohlsen hatte sich nicht anders zu helfen ge⸗ wußt, als indem er an Inge direkt schrieb, selbst auf die Gefahr hin, daß der Brief in die unrechten Hände gelangen möchte. Und da war er ja denn nun, der Unglücksbrief, den die Karten so lange und oft prophezeit hatten, und Jule Paulsen wußte nicht, war sie mehr überrascht und entrüstet, daß das Kind hinter ihrem Rücken gehandelt hatte, oder überwog der Triumph, dies Schreiben in der Hand zu halten und vernichten zu können, ehe es Unheil anrichtete, denn daß sie es Inge ausliefern könnte, kam ihr nicht einmal in den Sinn. „Das muß ich besser wissen als das Kind,“ dachte sie.„Ich will nur ihr Bestes und daß sie ihr Glück machen soll,“ und sie steckte den Brief in die Tasche, noch unentschlossen, was mit ihm zu beginnen sei. Sie hatte gehört, daß man unliebsame Briefe nicht anzunehmen braucht und sie mit dem Vermerk„Annahme verweigert“ wieder zurückgehen lassen könnte, und einen Augenblick zog sie diesen Ausweg in Betracht. Aber dann überwog die Neugierde, was wohl darin stehen möchte, und sie beschloß, ihn zu behalten, zu lesen und dann zu verbrennen. Während sie noch so nachdachte, kam Inge von ihrem Ausgange heim. Sie ging rasch; ein leichtes Roth lag auf ihren Wangen. Jule Paulsen fiel ein, daß das Kind in der letzten Zeit ein wenig blaß gewesen wäre. Vielleicht hatte sie auf Nachricht von Peter Ohlsen gewartet und grämte sich, weil sie keine erhielt. „Es wird vorüber gehen,“ sagte sich die Frau, deren mütter⸗ liches Herz doch etwas wie Mitleid empfand bei diesem Gedanken, „und sie wird es noch einmal einsehen, daß ich es gut mit ihr meine.“ Nun stand Inge neben der Mutter; sie trug eine Rose im Gürtel. „Ist nicht ein Brief gekommen?“ fragte ste. Jule Paulsen's Herz klopfte einen Augenblick so wäre sie wieder ein junges Mädchen. „Ja,“ sagte sie jedoch, schnell gefaßt, Inge den Geschäftsbrief vorweisend, der neben ihr auf der Bank lag,„Schrader in Hamburg schreibt, er will keine Krabben wieder haben; die letzten wären zu salzig gewesen.“ Inge wandte sich enttäuscht ab. Sie war dem Postboten be⸗ gegnet, und er hatte ihr zugerufen, er hätte ihr einen Brief ge⸗ bracht,„ganz was Rares“. Sie hatte schon gemeint, es müßte Nachricht von Peter Ohlsen sein und in der Geschwindigkeit bei sich überlegt, was sie der Mutter sagen wollte. „Ich meinte, es wäre ein Brief für mich gekommen, Mutter.“ „Gott bewahre,“ sagte Jule Paulsen gleichgültig,„woher wolltest Du Briefe haben, Kind?“ schnell, als Inge antwortete nicht. Halb war sie enttäuscht, halb erleichtert. Sie setzte sich neben die Mutter auf die Bank und zog mit der schmalen Fußspitze Figuren und Buchstaben in den Sand. Ein P war's und gleich darauf ein O, aber sie verwischte die Striche wieder, und Jule Paulsen that, als hätte sie es nicht gesehen. „Wer hat Dir die schöne Rose gegeben, Inge? es ist ja gar keine Rosenzeit mehr.“ „O, Herr Möller,“ sagte das Mädchen achtlos. „Der alte?“ „Nein, der junge. Er knickte den Zweig, als er sie abschnitt; er ist immer so ungeschickt.“ „Er ist wohl immer recht nett gegen Dich, Inge?“ „Ja, warum sollte er das auch nicht? Ich thue ihm ja auch nichts zu Leide.“ Aber sie konnte doch nicht hindern, daß sie roth wurde. Ihr fiel ein, daß Johannes Möller eine sonderbare Art hatte, sie anzusehen. schön wäre, um nicht Verständniß für solche Blicke zu haben. „Mir hat diese Nacht etwas ganz Merkwürdiges geträumt, meine Inge.“ Das Mädchen zeigte sich nicht sonderlich interessirt. „Mir träumte, ich wäre auf einer Hochzeit und Du wärest die Braut, Inge. Den Bräutigam konnte ich nur von hinten sehen, aber er hatte blondes Haar und eine lange Figur, ungefähr so, wie der junge Herr Möller. Anne und Marie waren auch auf der Hochzeit,“ dichtete Jule Paulsen weiter. Inge lachte ein wenig, aber es kam heraus, als wären ihre Gedanken anders wo. n „Es ist doch etwas Sonderbares mit den Träumen, Inge. Wie oft gehen sie doch in Erfüllung,“ sagte Jule Paulsen gedankenvoll. „Als ich mich mit Deinem Vater verlobte, träumte mir die Nacht vorher von Feuer, das bedeutet Glück, und als er starb, träumte mir, daß mir ein Vorderzahn ausfiele. Und so deutlich, wie es diese Nacht war! Ich sehe noch Dein weißes Atlaskleid. Als ich heute Morgen aufwachte, wollte ich zuerst garnicht glauben, daß es alles nicht wahr wäre. Herr Gott, wenn ich mir denke, Du solltest einmal einen Mann wie den jungen Möller haben und in dem großen, schönen Haus am Markt wohnen, und all die hübschen Plüschmöbel und Spiegel gehörten Dir, und Du könntest mit Landraths und Amtsrichters und all den anderen feinen Leuten umgehen, wie ich mit Line Jahnke nebenan, und gingst auf Bälle, wie die anderen feinen Damen, und Deine alte Mutter sollte das erleben, Inge, ich wüßte ja wohl nicht, was ich thäte vor Freude.“ Das Mädchen athmete tief auf. Wie ein lichtes Bild war all das, was die Mutter beschrieb, an ihr vorüber gezogen. „Warum denkst Du immer an dergleichen, Mutter?“ sagte sie. „Das erfüllt sich ja doch nicht. Denke doch lieber, daß ich einmal eine Seemannsfrau oder dergleichen werde.“ Jule Paulsen kniff die Lippen zusammen. „Das sprichst Du über Dein Herz weg, Inge,“ sagte sie.„Und noch dazu eine Seemannsfrau! Ich weiß garnicht, wie Du auf so etwas kommst.“ Sie seufzte.„Das wäre so etwas für Dich. Nein, davor soll uns Gott bewahren. Solche, wie Dein Vater war, giebt es nicht leicht. Die Seeleute, mein Kind, sehen alle Tage was Neues, und wenn sie nach Haus kommen alle paar Jahr, dann weiß man nicht, wie viele andere sie unterdeß geküßt haben, und ob sie nicht bei den Chinesen und bei den Negern auch vielleicht Frauen und Kinder haben. Seeleute sind ganz gut, aber treu sind sie nicht. Mir kann es einerlei sein, Dein Vater war einer von den besten, das weiß der liebe Gott, aber was wahr ist, muß wahr bleiben.“ Inge war ganz blaß geworden. „Sieh Line Jahnke an, Inge. Als sie jung war, hatte sie sich mit einen Matrosen verlobt. Sie war ein ansehnliches Mädchen und hätte leicht einen anderen bekommen können. Schuster Timm wollte sie auch haben, wenn sie nur gewollt hätte. Aber sie sagte zu allen nein, und wartete zwei, drei, vier Jahre auf ihren Claus Ott. Meinst, daß er wieder gekommen ist? Sitzen ließ er sie, und nach ein paar Jahren hörte sie, daß er schon lange in New⸗Vork eine Frau hätte. Das hatte sie nun davon. Sie ist alt und kalt darüber geworden, und Niemand wollte die verlassene Braut haben. Ja, so geht es, Inge. Und das sage ich Dir, nimm Du einen Schuster oder Schneider, wenn es nicht anders sein kann, aber an Seeleute und Soldaten wirf Dich nicht weg, Inge. Na, ich denke, Inge Paulsen hatte zu oft gehört, daß sie r rr ĩè!é%nr ß. N D 1 N 2 7 6 2 22 d das hat wohl auch keine Noth mit Dir. Ich weiß garnicht, warum ich mich so darüber aufrege; Du kennst ja gar keine Seeleute.“ Sie legte ihr Nähzeug zusammen, stand auf und ging in das Haus. Sie mochte das Mädchen nicht anblicken, es sah gar zu jämmerlich aus. Wenn sich auch nicht so eigentlich das Gewissen bei ihr regte, ganz behaglich war Jule Paulsen doch auch nicht zu Muthe.(Fortsetzung folgt.) Die Entenmühle. Eine alte Dorfgeschichte von E. A. (Fortsetzung.) Jakob zeigte sich bereitwilliger, als Jost es erwartet hatte. Das wilde, abenteuerliche Handwerk lockte ihn mit mächtigen Tönen. Sein Trotz, seine Kraft und seine Geschicklichkeit fanden hier ein unbegrenz— tes Feld zu ihrer Entfal— tung. Noch ein weiterer Umstand trat hinzu. Jakob haßte die Franzosen grim— mig und seine Strafe hatte er noch nicht vergessen. Er sah in ihnen die Unter— drücker, die unrechtmäßigen Zwingherren eines fremden Landes, die folglich kein begründetes Recht hatten, ihn zu bestrafen. Die Satzungen einer höheren Sittlichkeitslehre waren sei— nem naturwüchsigen Sinn unbekannt und für die Un⸗ terscheidung der haarfeinen Linie zwischen Recht und Gewalt war sein Auge zu blöde. Frühzeitig der milden Mutterpflege beraubt, in einer stürmischen Zeit auf— gewachsen und von seinem Vater, der unausgesetzt mit dem Leben um die karge Existenz zu ringen hatte, meist sich selbst überlassen, hatte Jakob sich seine eigenen Gesetze und Lebensanschau— ungen gemacht, an denen er um so zäher festhielt, als sie sich nach ihm richten mußten und nicht er nach ihnen. Seine Seele jauchzte bei dem Gedanken, hier gleichsam seine Rache kühlen zu können. Jost dachte anders. Ihn trieb nur die Gewinnsucht und die Aussicht auf ein ungebundenes, üppiges Leben. Der kleine Doktor. geschafft werden. glückliche. lichkeit in Handhabung der Büchse und des Ruders, Jost's fuchs— Die Verbindung dieser beiden Charaktere war eine ähnliche Schlauheit, Behendigkeit und Kenntniß von Weg und Steg bildeten ein Betriebskapital, das reiche Zinsen bringen mußte. Im Dorf, zu dem die Entenmühle gehörte, war eine Zoll— station. Der Rhein war eine Viertelstunde davon entfernt. Die französische Zolladministration wußte die Wichtigkeit dieses Punktes gebührend zu schätzen und hatte deshalb den Posten mit sechs Douanesoldaten nebst einem Brigadier belegt. Der Rhein mit seinen vielen Altwassern und Sümpfen, in die damals seine Ufer stellenweise noch ausliefen, die zusammenhängende Kette von groͤßern und kleinern Kiefernwaldungen, die sich weit in das Land hineinschob, mußten, sozusagen, von selbst zum Schleichhandel einladen. Nach dem Gemälde von L. von Gelder. Er hatte bereits die nöthigen Verbindungen mit einem Kaufmann angeknüpft. Die Waaren sollten über den Rhein und dann weiter in das Land Jakobs athletische Kraft, Unerschrockenheit und Geschick⸗ Schon des andern Tages— es war ein Sonntag— fanden sich Jost und Jakob bei dem Kaufmann ein. Der Großhändler, Herr Emanuel Friedling, saß grade in seinem Komptoir und las die Zeitung.—„Das ist mein Kamerad, von dem ich Ihnen gesagt habe,“ leitete Jost ein, auf seinen Begleiter deutend. Herr Friedling, eine ausgetrocknete, ausgeklugte Krämerseele, musterte bedächtig den neuen Kandidaten. Mit heimlichem Wohl⸗ gefallen schielten seine kleinen Kalmuckenäuglein auf die breiten Schultern und massigen Gliederformen desselben. „Der Mann scheint mir tauglich zu sein,“ bemerkte er dann, Gleichgültigkeit heuchelnd, gegen Jost. „Tauglich?“ meinte dieser eifrig;„hat denn der Jost Ihnen je etwas Schlechtes in's Haus gebracht?“ Er suchte so eine Art sittlicher Entrüstung in seine Stimme zu bringen. „Und die Bedingun— gen?“ sprang Herr Fried⸗ ling über, ohne scheinbar Jost's Frage zu beachten. „'s ist ein schweres Stück Arbeit, lieber Herr,“ be— merkte Jost zögernd,„die Station, wie Sie wissen, ist mit sechs Douanesoldaten belegt und der Brigadier ist ein Stück vom wahr⸗ haftigen Teufel. Erst vor drei Wochen hat er—“ „Die Bedingungen, die Bedingungen!“ schnitt der Andere ungeduldig ab. Jost drehte seine Mütze langsam zwischen den Fin— gern.„Ich denke, acht Franken per Zentner ist nicht zu viel,“ meinte er dann. „Acht Franken! Mann, seid Ihr bei Troste?“ rief Herr Friedling, entsetzt auffahrend. „Hab' meine fünf Sinne nie besser beisammen ge— habt,“ versicherte kaltblütig. „Aber wollt Ihr mich denn partout ruiniren?“ willkürlich die Hände wie zum Gebet faltend. „Ruiniren!“ lachte Jost hell auf,„kann denn so ein armer Teufel wie unser⸗ eins den reichen Herrn Friedling ruiniren?— s ist übrigens auch nicht nöthig,“ warf er leicht hin, „Schwertfeger und Comp. haben ebenfalls nach uns gefragt; komm, Jakob!“ Und er griff nach der Thüre. „Na, so laßt erst einmal ein gescheidtes Wort mit Euch reden,“ beschwichtigte Herr Friedling, mit beiden Händen die Thüre zuhaltend. „'s giebt nix zu reden,“ trotzte Jost,„acht Franken und keinen rothen Sou wohlfeiler.“ „Aber lieber Herr Jost!“ näselte der würdige Patron,„bedenkt doch, die Zeiten sind schlecht und das Geld ist rar.“ „Unsereins ist noch viel rarer,“ warf Jost hin. „Ich geb' Euch per Zentner sechs Franken,“ bot Herr Friedling. „Acht Franken— dabei bleibt's!“ betonte der Schleichhändler. „Sechs und einen halben,“ feilschte der Kaufmann. Jost schüttelte den Kopf. „Na, so geb' ich Euch sieben Franken, aber auch keinen Heller mehr; das ist mein letztes Wort.“ In Ton und Haltung des Sprechen⸗ den lag so unverkennbar die Versicherung, das letzte Gebot gethan zu haben, daß Jost einen fragenden Blick auf Jakob hinüber warf. 4 N 1 Jost ächzte Herr Friedling, un- Der nickte ungeduldig. 0 „In Teufels Namen denn!“ fluchte Jost ärgerlich;„so-solls 1 für dies Mal sein. Wenn aber der Tarif nicht höher gestellt wird, so mag ein Anderer das Handwerk treiben, denn umsonst ist der Tod und— selbst der kostet das Leben,“ grinste er. „Der Herr Jost kann witzig sein, wenn er will,“ bemerkte süß— f sauer schmunzelnd Herr Friedling. e 277 W einer Nadelarbeit beschäftigt; die alte Annemarie schlief im Sessel den Todschlaf des Gerechten. Jakob ließ unwillkürlich sein Auge auf dem Mädchen ruhen. Den Kopf in die Hand gestützt, schien es in ein tiefes Sinnen verloren. Plötzlich richtete sie ihren Blick auf Jakobs Kammerfenster und ein leichtes Lächeln flog über ihre schwermuthsvollen Züge; sie fuhr mit der Hand an die Augen, dann beugte sie sich wieder rasch über ihre Arbeit.— Ein seltsames Plauderstunde. Nach dem Gemälde von E. Rau. Die erste Ladung aber, also ward festgesetzt, sollte, wenn es möglich sei, schon die andere Nacht expedirt werden. Einzeln, wie sie gekommen waren, trennten sich Jost und Jakob und kehrten wieder an das jenseitige Ufer zurück. Es war Abend geworden. Der Entenmüller war zu Bette gegangen; der Mühlstoffel hatte heute Nacht den Dienst und Jakob zog sich anscheinend zur Ruhe in seine Kammer zurück. Zur geeigneten Zeit wollte Jost ein Zeichen geben und dann sollten beide sich auf den Weg machen. Das kleine Fenster öffnend, horchte Jakob in die stille Nacht hinaus. Er konnte in die Wohn⸗ stube hinunterschauen. Am Tische saß noch Hämmermäuschen mit Weh durchzuckte Jakob, ein Weh, wie er es noch nie gekannt. Dieser stumme, so unsagbar traurige Blick, diese stille Thräne— was bedeuteten, was wollten sie? Es ward ihm wunderlich zu Muth; es ward ihm, als ob er Hämmermäuschen zum ersten Male sähe und eine brennende Röthe schoß in seine Wangen. In demselben Augenblick hob sie wieder den Kopf; ihr Auge suchte, anfangs un⸗ stät irrend, wie unter einem magnetischen Einflusse das Kammer⸗ fenster, dann wandte es sich langsam ab und glitt, wie von einem schweren Traum umfangen, in die dämmernde Nacht hinaus. In demselben Augenblick gellte das Krächzen eines Käuzchens aus der Ferne und noch einmal und noch einmal. Ein inneres Zittern überflog unwillkürlich Jakob. Es war Jost's Signal gewesen und der Schrei hatte wie der Mahnruf eines höllischen Geistes geklungen, der auf eine arme Seele 1 2 0 2 278 wartet.„Noch ist es Zeit!“ flüsterte die Stimme in Jakob. Er trat an's Fenster und sah nochmals wie fragend in die Stube hinunter. Eben lockte zum zweiten Mal das Käuzchen herüber— diesmal aber schärfer, gleichsam ungeduldiger. Einen Moment noch zögerte Jakob, dann, weit aus dem Fenster sich vorbeugend, ant⸗ wortete er, indem er den pfeifenden Lockton einer Wildente täuschend nachahmte. Die Büchse überwerfend, schlich er die Treppe hinunter in den Garten. Soeben wollte er den Zaun übersteigen, als er auf der Bank unter dem Birnbaum eine dunkle Gestalt erblickte. „Bist Du es, Jost?“ flüsterte er. „Ich bin's!“ antwortete eine weibliche Stimme. „Du, Hämmermäuschen?“ rief der Bursche erstaunt. Das Mädchen war aufgestanden; er fühlte, wie ihr Auge forschend auf ihm ruhte.„Wo willst Du noch so spät hin?“ fragte sie endlich. „Einem Fuchs aufpassen,“ wich er verlegen aus. „Sonst nichts?“ Ihr Auge schien durch die Nacht zu leuchten. „Kehre um, Jakob! Du gehst einen unrechten Weg.“ Sie hatte seine Hand erfaßt. „Was kann Dir dran liegen, ob ich einen graden oder einen krummen Weg gehe?“ Er sprach es kalt, schier rauh und suchte seine Hand frei zu machen. „Was mir dran liegt? Viel, Jakob; mehr, als Du vielleicht glaubst,“ und eine tiefe Trauer klagte aus Hämmermäuschens Stimme. „Wirst Du es meinem Vater verrathen?“ hub er nach einer Weile fast ängstlich wieder an. Sie schwieg lange. „Nein,“ sagte sie dann fest und bestimmt. „Hab' schönen Dank dafür,“ murmelte er. hat so wie so genug Molesten.“ „und warum machst Du ihm noch mehr dazu?“ fragte Hämmer⸗ mäuschen. 5 Jakob vernahm ein leises Rascheln in den Büschen.„Ich muß fort.“ Er wollte noch etwas sagen, schon bog er sich nieder. Rasch fuhr er wieder in die Höhe.„Gute Nacht, Hämmermäuschen!“ Er setzte mit einem Sprung über den Zaun. Schon längst war er verschwunden und noch immer lehnte Hämmermäuschen am Zaune, als ob sie in die Ferne lausche. Doch nur der Bach murmelte seine uralte Weise, das Mühlrad klapperte in einförmigem Takte und der Nachtwind rauschte durch die Kronen der Erlen und der Pappeln und sie neigten sich flüsternd gegen einander, als wollten sie ihre Bemerkungen über das einsame Menschenkind da drunten austauschen. Das Aufflattern eines Wasser⸗ vogels riß das Mädchen aus seinem träumerischen Brüten; es fuhr erschrocken auf.„Behüt' Dich Gott!“ flüsterte sie leise, ganz leise — es war das Amen ihres Nachtgebetes.„Behüt' Dich Gott!“ wiederholte sie noch ein Mal und sie winkte mit der Hand einen Gruß hinaus wie auf ewiges Scheiden und Meiden.— Unterdessen hatten Jakob und Jost den Rhein erreicht. Tief im Schilf verborgen lag ein Kahn.„Den finden die welschen Schnüffler seiner Lebtag nicht,“ lachte Jost. Dann in den Fluß watend, schoben sie den„Dreiborder“ in das offene Fahrwasser, ließen die umwickelten Ruder ausgreifen und geräuschlos glitt der Kahn wie ein Geisterschatten über den breiten Wasserspiegel. Am jenseitigen Ufer harrte schon die Fracht. Jost ließ ein ab⸗ gebrochenes Pfeifen hören; ein kurzes Husten antwortete. Jost steuerte das Boot an den Strand. Ein Mann trat vor, den Rockkragen in die Höhe geschlagen und den Hut tief in die Stirne gedrückt. Es war Herr Friedling; Unruhe und Habgier hatten ihn bewogen, bei der ersten Einschiffung zugegen zu sein. „Ist Alles klar?“ hüstelte er Jost zu. „Ja.“ „Werden auch die Andern zu rechter Zeit an Ort und Stelle sein?“ meinte Herr Friedling, ängstlich hin und hertrippelnd. „Das ist meine geringste Sorge,“ beruhigte Jost;„der Hauser— peter und seine Buben sind so pünktlich wie eine Ubr.“ „Der alte Mann „Viel Glück auf die Reise!“ wünschte Herr Friedling, als der, schwerbeladene Kahn abstieß. „Alter Spitzbub'!“ knurrte Jost zwischen den Zähnen;„gelt, viel Glück für Deinen Bettel? Ob wir die Kränk dabei kriegen oder nicht, das ist Nebensach'!“ Von mächtigem Ruderschlag getrieben, flog das leichte Fahrzeug zurück.„Die Nacht könnt' nicht erwünschter sein,“ nickte Jost und er deutete auf den umwölkten Himmel, an dem nur hie und da ein Stern matt flimmerte. Seine Gedanken schienen ganz anderswo zu sein. mahnende Worte:„Kehr um, Du gehst einen unrechten Weg!“ wollten ihm nicht aus dem Sinn. tendes Auge und fühlte noch den Druck ihrer weichen Hand. Daß er den Weg des Frevels, des Verbrechens betreten habe, das war es nicht, was ihn beschäftigte, vor diesen Gewissensbissen schützten ihn seine selbstgemachte Moral und sein unerschütterlicher Muth. Auch daß er ein Mörder werden könne— denn der Douanier, der ihn aufhalten wollte, war verloren, das stand fest— auch das war nicht der Gegenstand seiner stillen Betrachtung. Auf diesen Fall hatte er sich schon als Wilderer vorbereitet gehabt und ein Franzose war bei ihm so wie so nur ein halber Mensch. Aber als er sie gefragt hatte:„Was kann Dir an mir liegen?“ da hatte sie geantwortet:„Viel mehr, als Du vielleicht glaubst“— und das war es, was wie das Läuten einer Trauerglocke an sein Ohr schlug und den Nerv seiner wilden Energie gelähmt hatte.— Die erste Fahrt war glücklich ausgefallen; kein Douanier ließ sich sehen oder hören und der Hauserpeter hatte Jost's Lob voll⸗ kommen gerechtfertigt. Die Säcke wanderten„wie geschmiert“ aus dem Kahn auf die breiten Schultern Peters und seiner Buben; wie Gespenster huschten die Pascher über Moor und Feld, hierhin, dorthin, in den Wald, wieder heraus, fort über Berg und Thal — und als die Sonne aufging, da war das Werk vollbracht und der nächtliche Spuk spurlos verschwunden. (Fortsetzung folgt.) Kleine Frauen-Zeitung. Die Mode. Die Mode, die kapriziöse Weltdame, welche sich durch nichts anziehen läßt und welche Alles an sich zieht, hat sich in die Bäder geflüchtet und entfaltet dort ihre seidenschimmernden, goldglitzernden Flügel. Sie schweift vague umher und trägt die Oriflamme des Geschmacks und der Eleganz an die bescheidenen wie an die renommirten Seeküsten, in die einfachen Doͤrfer und die vornehmen Landhäuser, ebenso wie über die Schwellen der glänzendsten Kursäle und Kasinos. Die Gegensätze berühren sich. Man trägt sich, mit richtigem Takt, höͤchst einfach des Morgens zur Brunnen-Promenade oder am Strande, wiederholt während des Tages die Einfachheit in den Exkursions⸗Kostümen, hält sich aber dafür schadlos durch somptußse Promenaden Anzüge und schwelgt schließlich am Abend beim Diner oder in den Réunions im Toilettenluxus. Wie ich es früher schon ausgesprochen: die weißen Anzüge sind in den Bädern an der Tagesordnung und mit ihnen die weißen Hüte oder, bei großer Eleganz, die kleinen Kapoten aus Goldgeflecht mit weißer Garnirung. Auch für das Roth und neuerdings wieder für das Blau hat man noch immer eine besondere Vorliebe, sei es, daß sich das eine wie das andere als Grundelement der Toilette geltend macht, sei es, daß es als Zubehör derselben gilt. Zu den weißen Kleidern für junge Mädchen bewabrt der Voile seine Anziehungskraft, zumal man demselben durch das Arrangement immer ein neues Ansehen zu geben weiß. Originell ist die Zusammenstellung von weißem Voile und schottischkarrirtem Surah. Ein solcher Strandanzug zeigte z. B. zwei Röcke aus weißem Volle, den unteren umgeben mit drei Schrägstreifen aus karrirtem Surah, den oberen auf der einen Seite empor; gerafft mit einer zu einer Schleife geknüpften, schottischen Schärpe. Der schottische Seidenstoff diente ferner zu dem Leibchen, das sich über einem weißen Voile ⸗Chemiset öffnete. Hierzu gehörte ein runder, italienischer Strohhut mit breiter Krämpe, welche sich vorn über die Stirn senkte, hinten und an den Seiten jedoch aufgeschlagen und oben auf dem Fond mit schottischen und weißen Schleifen zusammengehalten war. 8 Die weißen Voiletoiletten der jungen Mädchen für Konzerte und für den Abend im Kursaal erhalten vielfach ein Unterkleid aus changirtem Taffet, blau und rosa oder blaßblau und granatroth schillernd; über dasselbe wird der weiße Voilerock drapirt und graziös hochgenommen. Das Voileleibchen ist gänzlich in feine Plisses gelegt und mit einem Schnebbenmieder und einem Seen beides aus Changeaniselde, ausgestattet. Die Aermel, ebenfalls plissirt, sind oben sehr weit und an die Achsel aeg! und unten mit zwei seidenen Schrägstreifen zusammengefaßt.— Die gleiche— bereitet man aus weißem, punktirtem oder mit Erbsen brochirtem Mull, granatfarbener Changeantseide und granatfarbenem Sammet. Der letztere dient dann zu dem Mieder und den anderen Garniturtheilen des Leibchens. Ein großer, runder Hut aus weißem Stroh, mit sammetgefütterter Krämpe und weißen Straußfedern nebst Sammetschleife vollendet eine derartige Toilette. bat nämlich seinen Platz in der Mode wieder erobert, Der weiße Mull doch trägt man ihn, wie schon angeführt, mehr in kleinen Mustern brochirt Ein Anzug als glatt, ferner abwechselnd mit festen und klaren Streifen. in letzterem Genre besteht z. B. aus Do 7 2 Jakob ließ schweigend das Ruder spielen. Hämmermäuschens Er sah noch immer ihr leuch⸗ einem Rock mit sehr hohem, flach ge ⸗ 5 enn e S 279 D —— falteten Volant und aus einer Polonaise mit Moiregürtel, welcher zwei die Taille umschlingt, das erste Mal rund, 1 in der Sllenbietun das zweite Mal unterhalb derselben und dann eine Schnebbe bildend, welche mit einer goldenen Schnalle à la mervweilleuse befestigt wird. Gern wählt man hierzu den Gürtel aus Moireband in wassergrüner Farbe. Auf den weißen Mullkleidern sind auch die Volants wieder erschienen entweder mit Saum oder begrenzt von einem Plisse. Diese Volants steigen bis zu zwei Drittheilen des Rockes auf, welcher von hier ab bis zur Taflle mit gefalteten Mull⸗Draperien bedeckt wird. Das Leibchen, über welches man den Rock zieht, ist oben etwas geöffnet und von einem großen Matrosen⸗ kragen mit Plisserand eingerahmt, der in plissirte Revers ausläuft. Diese verlieren sich in den Gürtel des Leibchens. Daß ich den Aermel nicht außer Acht lasse, da dessen Form an verschiedenen leichten Toiletten häufig An⸗ wendung findet! Derselbe ist voll an die Achsel gekräuselt und hoch gebauscht und unter dem Ellbogen mit einer engen, breiten Plissemanschette(je nach der Garnirung auch in Sammet oder Seide auszuführen) zusammengefaßt. Ein farbiges Sammet⸗ oder Seidenband wird oben spangenförmig um den Arm gebunden, so daß sich der Aermel in zwei Puffen theilt. Man mischt das Weiß mit Rahmgelb(Creme). So schmückt man z. B. eine kremefarbene Robe mit weißen Spitzen oder Stickereien, eine weiße Robe mit rahmgelben Spitzen oder Stickereien. Der Effekt ist sehr apart und glücklich. Auch bereitet man in diesem Genre Röcke, abwechselnd gestreift mit dicken Quetschfalten und Einsätzen. Ein neuer rahmgelber Stoff, in welchem das Gestreifte ebenfalls herrscht, erfreut sich der Gunst; es ist eine Art Gaze Chambery mit Einsätzen, welche dem Stoff eingewebt. Diese Einsätze sind entweder rahmgelb wie die Gaze, zuweilen schwarz, und das letztere, das sich selbstverständlich scharf gegen den kremefarbenen Grund markirt, bringt eine eigenartige Wirkung hervor. Man liebt vornehmlich die mit Einsätzen gestreiften Leibchen, welche die Taille schlank machen und sich von großer Kleidsamkeit erweisen. Von weißen Seidenstoffen werden Foulard, Satin merveilleux, Taffet und Faille getragen. Ich darf jedoch die Kleider aus weißen, festen Baumwollengeweben nicht vergessen. Denn was ich auch letzthin als Verkünderin der„vernünftigen Mode“ zu Ungunsten der Anzüge aus Baumwolle gesagt: mit den heißen Sommertagen hat die Herrscherin ihren Sinn geändert und einen Strahl ihrer Protektion auf jene bescheidenen Trachten fallen lassen. Aber es bleibt eben nur ein Strahl, der eine allgemeine Annahme nicht so schnell auf⸗ kommen, Einsicht und Vernunft nicht so schnell unterdrücken läßt. Wie dem nun sein mag: einige elegante Damen, welche die Einfachheit lieben und in ihren Toiletten⸗Ausgaben sich die Mäßigkeit zur Richtschnur nehmen, haben für das Land Kostüme aus schlichtem, weißem Calico und aus weißer Baumwollenserge acceptirt, ausgeputzt mit selbst gearbeiteten Stickereien im Zeichenstich in rothem, blauem oder kieme Garn, oder garnirt mit Streifen aus rothem Andrinople, die sich rings um den Rock oder als Quille über denselben ziehen und als Umrahmung des Schulterstücks der Blouse dienen. Was den Blick in der ruhigen Atmosphäre der Stadt verletzen würde, erscheint heiter und glänzend unter den sommerlichen Sonnenstrahlen zwischen dem Grün der Wiesen und Bäume, an dem von Meereswogen umspülten Strande. Nichts Richtigeres, als jedes Ding in den ihn passenden Rahmen setzen! Muß man da nicht, wo sie hingehören, die rothen Kleider reizend finden? Sie sind sehr beliebt und werden viel und mit Glück getragen. Eine anmuthige Neuerung darin ist, Toiletten aus rothem Andrinople mit rohgelber Etamine zu wichen, auf welcher letzteren eine russische Stickerei in Blau und Roth angebracht ist. Der Rock wird dann aus Einsatztheilen von ungefähr 25 bis 30 em Breite gebildet, deren einer aus gefaltetem Andrinople immer mit einem faltenlosen Theil aus rohgelber, bestickter Etamine ab⸗ wechselt. Die Tunika ist aus rothem Andrinople, desgleichen das im Rücken fest anschließende Jaquetteleibchen, das am unteren Rande einen gestickten Etaminestreif vorkommen läßt und vorn sich über einem solchen Etamine⸗ Plastron öffnet. g 8 Auch die rohgelben Kleider aus Batist und„Tussor haben hübsche Er⸗ folge zu verzeichnen. Sie sind jugendlich und hübsch und stehen den jungen Mädchen vortrefflich. Man wendet häufig die Form„Récamier“ zu solchen Kleidern an, mit geradem, flatterndem Rock, um den sich rings eine auf⸗ steigende, gleichnüancirte Stickerei zieht. Das Leibchen, mit runder Taille, ist fichüförmig über einem Plastron aus braunem Sammet drapirt. Um die Taille schlingt sich ein braunes Failleband, das hinten in eine große Schleife mit Enden geknüpft ist. f 5 75 Nicht minder in Gunst sind die Toiletten Direktoire mit ihren großen, kaleschenartigen Hüten, um welche Feder⸗Panaches wogen, mit ihren ver⸗ kürzten Taillen, um welche sich Gürtelbänder legen. Letztere gehen von den Seiten aus, kreuzen sich vorn schnebbenförmig übereinander und verlieren sich in die Draperien der Tunika. Denn, wohlverstanden, es ist niemals die genaue Kopie jener altmodischen Anzüge, sondern der Geschmack der Neuzeit mischt sich mit seiner Koketterie, seiner Grazie immer hinein. Wie ich es schon am Eingange berührt: das Blau reiht sich den Mode⸗ farben der Saison an. Es präsentirt sich in allen Tönen, allen Stoffen. Am meisten begünstigt darin sind die Kostüme aus Seidenfoulard und aus Elsasser Satinette, welche letztere dem eleganteren Foulard so täuschend ähnlich sieht. Der Fond erscheint in tiefem Blau, das e und Violett spielt, bedruckt mit einem lleinen Streumuster, meist weiß, zu⸗ weilen roth. 18;; Bei feigen Toiletten dominirt die Polonaise, ausgestattet mit kleinen Draperien, welche auf der Schulter gekräuselt sind und sich über einem Plastron öffnen. Die Taille ist lang, und die Draperien sind fest darauf gespannt, domit sie nicht ausbauschen und die Figur beeinträchtigen Die Elsasser Satinettes und Toiles, die karrirten Madras, die J ge⸗ stickten Indiennes(Zephyrs) und die einfarbigen Batiste werden also in den heißen Tagen getragen, letztere geschmückt mit den wundervollen Imita— tionen von breiten Valencienner Spitzen oder mit Plisses aus weißem Tüll point d'esprit. Von neuem hat man die Vorliebe den schwarzen, durchsichtigen Toiletten aus Spitzen, Gaze, Tüll point d'esprit über farbigen Taffet⸗Unterkleidern zugewendet. Selbstverständlich ist das Taillenfutter dann aus gleichnüancirter Seide, altrosa, altgold, strohgelb, kupferroth, feuerfarben, ziegelroth, aprikosen⸗ rosa. Der Hut aus schwarzem Stroh oder Spitzen ist in Harmonie mit einer derartigen Toilette und wiederholt die Farbe des durchschimmernden Unterkleides im Futter und in Schleifen oder Blumen.— Eine Mittheilung, welche ich mit Vorbehalt gebe, betrifft die Pikot⸗ bänder, von welchen man prophezeit, daß sie ihren Kurs vollendet haben und durch Faillebänder mit geraden, schmalen Atlasrändern ersetzt werden. Aber ich glaube noch nicht an diese Prophezeiung; gewiß das Prädikat der„Nouveauté“ kann man letzteren nicht versagen, aber sollten die so graziös in der Garnirung wirkenden Pikotbänder, zumal diejenigen mit den großen Schnurpikots, wirklich nun ganz bei Seite gedrängt werden? Nein, um einer Neuheit willen, die weniger hübsch als die schon bekannte Mode, giebt man letztere nicht so plötzlich auf. Auch das Moireband soll in Aufnahme gelangen, aber nicht einfarbig, sondern in glacirten und changirten Tönungen. Und in der That, sie sind reizend, die neuen Moirebänder, welche die„Eleganz“ für sich in Anspruch nehmen, in ihren undefinirbaren Nüancen, ihrem stets wechselnden Kolorit, hier durch ihre schillernden Effekte, wie altrosa und wassergrün, altblau und elfenbeingelb, fleischrosa und moosgrün, die Irisperlmutter nachahmend, dort feuerfarben und sevresblau, feuerfarben und malvenlila, chaudron und russisch⸗ blau in Flammen strahlend.— In Sonnenschirmen hat die Mode noch entzückende Phantasieen gebracht: aus rohgelber, bunt gestickter, wie bunt durchwirkter Etamine, rings besetzt mit rohgelber Seidenspitze,— luftig und duftig aus elfenbeingelber Spachtel⸗ stickerei über einer Unterlage aus gleichnüancirtem Mull oder Nansouc, welcher zugleich das Futter bildet. Und die neuesten Enkas mit kleingewürfeltem Surahbezug zeigen denselben mit einer Bordüre größerer Würfel abgepaßt. Zu allen Arten von hellen Toiletten werden gegenwärtig perlgraue Handschuhe aus Glacé⸗ oder Ziegenleder mit drei schwarzen Nähten auf der Hand getragen. Lose Blätter. Der Mäusethurm im Goplosee. Halb in russisch, halb in preußisch Polen liegt in der Landschaft Cujavien der in ansehnlicher Länge sich von Süden nach Norden ausdehnende Goplosee. Auf preußischer Seite bei Kruschwitz liegt eine kleine Insel mit einem hohen Thurm, dem Mäuse⸗ thurm, an welchen sich eine ähnliche Sage, wie an den gleichnamigen Thurm bei Bingen am Rhein, knüpft. Einst war eine große Theuerung im Lande. Da kamen die Menschen, vom Hunger abgemagert und ermattet, und baten ihren Herrn und Gebieter um Brotkorn aus seinen Speichern. „Das sollt ihr bekommen,“ herrschte er sie in barschem Tone an. Weil er aber ein harter, grausamer Mann war, so ließ er statt dessen die armen unglücklichen Leute einsperren und mehrere der Wortführer verbrennen. Als die andern da noch mehr jammerten, sagte er zu feinen Nachbarn und Standesgenossen:„Hört ihr, wie meine Brotmäuse pfeifen?“ Gott strafte aber den Frevel, denn bald kam eine große Mäuseplage; die Mäuse drangen in seine Güter und in die Gemächer seines Schlosses unaufhaltsam ein, so daß er sich vor ihnen nicht retten konnte. Er flüchtete auf diese Insel. Die Mäuse kamen aber auch dorthin. Er baute einen Thurm, um hier vor ihnen gesichert zu sein. Ehe derselbe aber vollendet war, kamen die Mäuse auch hierher, worauf sich der Grundherr eine große Glasflasche, einer Taucherglocke ähnlich, machen und sich in dieser in das Wasser versenken ließ. Die Mäuse verfolgten ihn aber auch bis auf den Grund des Sees. Da stieg er wieder empor, und da sein Thurm nun fertig war, schloß er sich in diesen fest ein. Die Verfolger drangen aber auch hier durch Thür und Fenster ein, brachten ihn jämmerlich um und fraßen ihn auf. Die Stelle, wo sie ihn verzehrt haben, ist noch zu sehen, und obgleich rund herum ein üppiger Pflanzenwuchs grünt, so wächst auf dieser Stelle doch nichts. Der Thurm steht überall fünfzehn Meter vom Wasser entfernt und hat erst in dem vierten Stock einen Eingang, weshalb er nur mit Strick⸗ leitern bestiegen werden konnte. Jetzt gelangt man durch eine Zugbrücke, die über das Wasser führt, zu ihm. In Japan werden monatlich zwei Tage gefeiert, die große Aehnlichkeit mit unserm Senntag haben; der größte Festtag daselbst ist jedoch der Neujahrstag, an welchem, anderer Gebräuche und Ceremonieen, nicht zu er⸗ wähnen, bochbejahrte Leute Drachen, deren Schnüre dicht mit kleinen Glas⸗ scherben bedeckt sind, steigen lassen wobei man ein großes Interesse daran knüpft, den Faden seines Nebenbuhlers zu durchschneiden. M. Drei für Einen. Ein Soldat der Unionsarmee des Generals Washington hatte sich so vergangen, daß das Kriegsgericht auf Tod erkannte. Der Un⸗ glückliche hatte seit Jahren seine betagten Eltern von seinem kärglichen Einkommen ernährt. Von der kindlichen Liebe unterrichtet, verwandelte Washington das Todesurtheil in Ausstoßen aus der Armee.„Geben wir ihm den Tod,“ sprach er,„so laufen wir Gefahr, drei Menschen statt eines zu tödten. W. G. Ein Gascogner rühmte sich, er stamme von einer so alten Familie, daß er noch Zinsen für ein Kapital bezahlen müsse, das seine Vorfahren auf⸗ genommen hätten, um die Reise nach Bethlehem zu bestreiten, woselbst sie den Eltern Jesu Christi zu dessen Geburt gratulirt hätten. W. G. 8 Quadrat- Räthsel. Aus folgenden Buchstaben: a e v. a re eee eee ee e e e 5 1 1 1 0* 1 5 5 8 8 VV sollen 10 Wörter gebildet und so in ein Quadrat gestellt werden, daß die beiden Diagonalen von links oben nach rechts unten, und von links unten nach rechts oben die Namen zweier Seen in der Schweiz ergeben. Die Wörter bezeichnen: „Reihe: 1. Einen Marktflecken an der Seine. Einen der Evangelisten. 4. Ein Thier. Einen Nebenfluß der Saale. „Einen männlichen Vornamen. „Eine Stadt im französischen e„Unter⸗Charente“. „Einen Berg in der Schweiz. 8. Einen biblischen Namen. . Einen Seehafen. Eine Mineralienfamilie. SSO 1 2 3 4. 5. 1 6. 0 8 — Logogriph. Es sitzt bei mir sich immer herrlich, Man schlägt mich selten aus. Doch hüte dich, ich bin gefährlich, Und bringe Krankheit dir in's Haus Und end' oft schnell dein Lebensziel, Thatst du vielleicht bei mir zu viel. Drei Zeichen fort; dann stellst du mir, Mir Armen, Fallen für und für, Raubst mit Vergnügen mir das Leben, Das mir wie dir Natur gegeben. Und doch— ich suchte nur aus Noth So gut wie du mein täglich Brod. Beliebe nur das erste Zeichen Von mir jetzt wieder wegzustreichen, Ich wandle schnell in das mich jetzt, Was dieses Räthsel ist— zuletzt. Sprichwörter-Räthsel. Aus jedem der folgenden 9 Sprichworte ist ein Wort zu wahlen. 9 erhaltenen Wörter ergeben wiederum ein Sprichwort. 1. Wo kein Kläger ist da ist auch kein Richter. 2. Man muß das Eisen schmieden, wenn es warm ist. Glück und Glas, wie bald bricht das! Das Sprichwort selbst. „Der eine klopft auf den Busch, der andere fängt die Vögel. Wem nicht zu rathen ist, dem ist auch nicht zu helfen. In der Noth ist guter Rath teuer. „Neid ist des Glückes Gefährte. „An vielem Lachen erkennt man den Narren. Die D== Zweisilbige Charade. In's Erste möcht' ich dir ein Wörtchen sagen, Und gäbst du dann zurück ein and'res mir, Daß ich die Zweite glücklich dürfte tragen: Gern schenkt' ich von Demant das Ganze dir. Auflösung des Ahmet in voriger e Ein Adler fängt leine Fliegen. I. Eberhard. 2. Ithaca. Narzisse 4. Andersen. 1. Doria. 6. Lanner. 7. Euphrat. 8. Nabel 9. Flüelen. 10. Apollo. 51. Esau. 12. Neukaledonien. 13. Gambetta. 14. Triest. 15. Kolibri. 16. Elisabeth. 17. Ingwer. 18. Nero. 19. Ehrenbreitstein. 20. Freilig⸗ rath. 21. Libanon. 22. Isel. 23. Elefant. 24. Grenadine. 25. Elster. 26. Nanon;— des Logogriph: Borgen— Sorgen;— des Rösselsprungs: Worauf wir sich'rer uns im Leben stützen, Auf unser Herz, auf unsern Menschengeist? Nicht kann uns jenes vor Verderben schützen, Das dieser oft als höchstes Glück uns preist. Nur beide können, Eins im reinen Glauben, Schach. Problem Nr. 463 von R. Blümel in Schlegel. Schwarz. . 1 * E. 3 1 27 2 b , 1 ..*. 5 g h Weiß zieht an und setzt 115 dem dritten Zuge Matt. Auflösungen. 3 Problem Nr. 458 von F. Moller in Ahlten. 2 1) Dd1-—b3s Dba4 bz:(a4) 2) Le6 15 Ke4—d5(5) 3) Sca—es(dé) 5 Ses:(Se 2) 2) De2r Keb(4) 3) Ses(Leg) Matt. 1).. K ds 2) Varianten: 1) Des oder beliebig 2) Sat Kdt. ds 5 Ke oder dz et) 8) 5¹(54:) Matt. 1). 8) Ded, di Matt— Dieses letzte Spiel allein droht nach dem ersten Aube und dieser z versteckten Drohung verdankt das Problem einen Theil seiner Schwierigkeit. Wenn eig Damenopfer zur Ablenkung der Dame(von der Deckung des Bauern ct) wohl u. ist doch nicht sofort ersichtlich, daß diese Ablenkung nicht durch Dal zu erreichen 1—— Lösung wurde 1 von Ur. W. k. ad in G., W. Kron in B., Dr. Wehrmeister in! Dr. Voelkel in M.⸗S., Th. Kraus in B Blümel in S. 2 Problem Nr. 459 von R. Schulder in Köln. 1) Daé—e2 d6- dõ 2) Ses— 64] Ke5—44(6, f4) 3) De2-d(es, es) f Auf alle andern Gahnzige von Schwarz führt 2) 8c3— 45 zum Ziele, indem je nach Stande des schwarzen Königs auf döl ds oder d7 und g5 das Matt durch die Dame e, es resp. e erfolgt.— Die N 0 wurde angegeben von W. Kron in B., Dr. Wehrmeiste in M., Dr. Knopf in G., Dr. Voelkel in SM., R. Blümel in S., Th. Kraus in B. Problem Nr. 464, Das nebenstehende Problem wurde 4 dem Frankfurter Schachkongreß zu von J. Obermann in Leipzig. 8 Slang n g. f 90 225 al als Lösungspreisaufgabe 5 Schwarz. 15 erste richtige Lösung des Werziigers wurde A2,, 7 von ieses in Le einge reich— 3 1 11 e 1 gesetzten Lösungspreises erhielt. Den 2 1 „ e 78 5 1 5 25 * 40% 2 dem Problemturnier ist die U. . . 4 1 28 stam in Carlstad(Sch. N 0 onde Gottschall in Leipzig und 900 inen i der Preisrichter M. be e berg und Pr. C. Schwede in Erfurt folgt und bekannt gegeben. Preis für Vierzüger(100 Mark) Berger in Graz in e dritten und vierten Preis( theilten F. Dubbe in Ro loc,. vo . 2 2 Preis(10 Mk.) erhielt C. ., 80 2 Prag. 8 154 nung.* ausgezeichnet die Bewerbun Pos* 2. 2. persen(Dänemark),. 11 n Weiß. 2 fr 5 Munde if se 1 1 f er für eizüger ausgesetzte C Weiß setzt mit dem dritten Zuge Matt. welle Preis(0 und 80 5 gleichgemän 8 unter J. 9225 und R. Adam in Leipzig, ebenso der dritte 8 vierte Pre eis(30 und 20 M J. Obermann in Leipzig und J. Pospisil in Prag, während E. Krieger in 1 den fünften Preis davontrug; ehrend erwähnt wurden die Dreizüger von J. Berger Graz, H. von Gottschall in Leipzig und Dr. A. Becker in Malschleben bei Gotha. Nach einer 8 der Brüderschaft“ ist von dem Generalsekretär des deulschen, bundes Herrn H Aud 0 im Einverständnis mit den in Frankfurt am Main a deutschen Meistern und Kongreßtheilnehmern an die* Schachwelt eine Heraugf 0 zu einem auf neutralem Boden— etwa in Holland oder Belgien auszufechtenden wetlkampfe ergangen, an welchem 30 Spfeler von jeder Seite theilnehmen sollen, das Loos oder nach vorheriger Bestimmung gepaart werden. Nachdem die in Fre wesenden englischen Schach lä pen den hingeworfenen Fehdehaudschuh bereitwillig aufg Dem Todt und Leben ihren Stachel rauben.(Klein.) wird sich der deutsche Generalsek etär mit dem Sekretär der british Chess Association vernehmen setzen, so daß der Kampf vielleicht im Jahre 1888 vor sich gehen wird. Druck und Verlag der„Volks-Zeitung“, Akt.⸗Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105.