5 eee e n N zu den Ouberhrssischen UMuchrichten. N Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Ur. 4 Gießen, den 23. Jauuar. 1887. Frühlingssturm. Novelle von M. Day. Träge rollt der Strom seine trüben Fluthen durch die Ebene. Hüben und drüben ein Dorf, armselige Lehmhütten, von verkrüppelten Eichen umstanden, magere Kartoffel- und Buchweizenfelder, dazwischen Sandhügel, aus denen Kiefern ihre dürftigen Stämme mit dem dunklen Genädel in die Höhe recken.. Jahr aus, Jahr ein läuft der Fluß dieselbe Straße, trägt auf seinem Rücken kleine Fischerböte und umfangreiche Holzflöße; hoch— beladene Heuschiffe und schwerleibige Getreidekähne treiben stolz auf ihm herab oder werden von schweißtriefenden Schiffern an langen Stricken mühsam stromaufwärts geschleppt. Im Frühling aber, wenn der Schnee auf den fernen Bergen schmilzt, in plätschernden Wässerlein in das Land herunter rinnt und sich, wie ein frischer Blutstrom in die langgestreckten Wasseradern ergießt, dann beginnt's in unserm Flusse zu wogen und zu schäumen; wie wenn er sich der alten Bequemlichkeit schäme, sprudelt er unwillig in die Höhe und rüttelt in ohnmächtiger Wuth an dem Damm, mit dem das schwache Menschenvolk ihn eingeengt hat. Tage und Nächte braust er in stolzer Empörung; allmählich aber legen sich seine Wogen, verfließen seine Wasser und bald zieht er in gewohnter Gemüthlichkeit seinen Weg entlang. Unweit des einen Dorfes, dicht am Damme liegt ein Wirths— haus, ein kleiner, sauberer Bau in Fachwerk, freundlich mit weißem Kalk angestrichen, mit rothen Ziegeln gedeckt und mit grünen Thüren und Fensterläden versehen. An der Rückseite ein Hof mit grunzenden Schweinen und gackernden Hühnern, vorn ein großer, breiter Linden⸗ baum, desgleichen es weit und breit nicht giebt, mit einem roh ge— zimmerten Tisch rings um den Stamm und hölzernen Bänken davor. Man siehts ihm an, daß es sich regen Verkehrs erfreut. Von diesseits und jenseits des Flusses kommen die Leute zu der kleinen Fähre daneben, die immer in den Besitz des jedesmaligen Wirthes übergeht; stundenlang sitzen sie schwatzend unter der Linde und kühles Bier und heißer Branntwein rinnt die allzeit durstigen Kehlen hin— unter. Sonntags aber ertönt in der Gaststube neben der kreischenden Fidel die melancholische Handharmonika und braune, wilde Burschen schwingen schreiend und stampfend schlanke, feurige Dirnen im Tanze umher. So war's beim alten Wirth; so ist's beim neuen geblieben— bei der Wirthin, sagen die Leute im Dorf. Sie ist ein stattliches Weib, die Wirthin! Tag aus Tag ein steht sie mit ihrer steifen blau⸗ leinenen Schürze hinter dem Schenktisch, mischt sorgsam und vor⸗ sichtig das Getränk zu, wendet die reichlich einfließenden Silber⸗ und Kupfermünzen in der Hand um, ehe sie sie in die Kasse legt und wendet sie zweimal um, ehe sie sie wieder herausnimmt. Stets sind die hölzernen Tische weiß gescheuert, die Dielen mit feinem weißen Sande bestreut, die niedrigen Fensterscheiben blank geputzt, die Hühner satt, die Schweine fett, die Kinder rein; den Mann aber hält sie in Kleidung und Wäsche so ansehnlich wie einen Stadtherrn. Ein stattliches, thatkräfiges Weib! Der rohe Fährknecht wagt nicht vor ihr zu mucken; die Magd flüchtet vor ihrer kräftigen Hand hinter den Küchenherd; wenn am Sonntag Abend Getränk und heißes Blut den Tänzern in die Köpfe steigen, die Stimmen herausfordernd und die Arme kampfbereit werden, dann ruft sie ein helles„Gebt Ruhe“ unter die Streitenden; wer aber dem Rufe zu trotzen wagt, der sieht sehr bald, wo die Stube ihren Ausgang hat. Sie genießt unbeschränkter Achtung diesseits und jenseits des Flusses; gar mancher Gast denkt wehmüthig an die verschlampten Kinder und die wüste Wirthschaft zu Hause und wirft ihrem Manne, dem Vincenz, einen neidischen Blick zu. Er hat Glück gehabt, der Vincenz! Als Ueberläufer ist er drüben aus Polen herübergekommen, um sich der russischen Militärpflicht zu entziehen, wie es viele junge Burschen in jener Gegend zu thun pflegen, und hat sich beim früheren Wirth als Fährknecht verdingt. Er ist immer ein stiller, in sich gekehrter Mensch gewesen, zu jeder Arbeit willig, fleißig und nüchtern, wie man es selten unter seinen Stammesgenossen findet. Sonntags und Feiertags, wenn die Andern im Dorf und auf den Tanzböden herum schwärmten, hat er mit seiner Harmonika oben im kleinen Stübchen oder unten am Flusse gesessen und leise dazu vor sich hergesungen. Die blonde, stattliche Wirthstochter hatte wohl lange ihr Auge auf ihn, geworfen, ohne daß Jemand etwas davon wußte; wie aber ihr Vater gestorben war, war sie zu ihm gegangen und hatte ihn gefragt, ob er nun der Wirth sein und sie zum Weibe nehmen wolle, und er hatte sie verwundert mit seinen schwarzen Augen angesehen, hatte verlegen die krausen, dunklen Haare aus der niedrigen Stirn gestrichen und ja gesagt. „Der Polacke!“ schimpften die Deutschen im Dorf.„Der Träumer!“ schalten die jungen Bursche; die Frauen und Mädchen aber kicherten und flüsterten— er war ein gar hübsches Mannes⸗ bild, der Vincenz. Die junge Wirthin kümmerte sich nicht um das Lachen und Schimpfen. Wie die erste Trauerzeit vorüber war, kleidete sie den Bräutigam gar schmuck in steif gebügelte Leinwand und glänzendes, schwarzes Tuch, faßte ihn unter den Arm und führte ihn stolz und selbstbewußt zur Kirche. Sie konnte sich einen Mann nehmen, wie sie wollte; sie war die Frau dazu! Den Fuhrknecht, der sich unter⸗ fing, den neuen Wirth als alten Kumpan zu behandeln, trieb sie noch am Hochzeitsabend zum Hause hinaus. Sie wirtheten friedlich zusammen in dem sauberen Häuschen. Er ging, wohin sie ihn schickte, zapfte die großen Branntweinfässer an, holte das Bier aus dem Keller herauf und hackte ihr das Holz zu, wenn die Magd und der Fuhrknecht auf dem Wasser waren; O A 26 W am liebsten aber war es ihm, wenn eins von den Beiden über Land geschickt wurde; dann griff er selber wieder zum Ruder, zer— theilte mit kräftigen Armen die Fluth und starrte hinein, wie sie sich am Rande des Bootes brach—„als ob er etwas da verloren hätte,“ sagten die Leute. „Die Polacken sind falsch und verliebt,“ hatte man die Wirthin gewarnt. Der Vincenz sah kein Weib an, kaum sein eigenes. Jedes Jahr kehrte der Storch ein und ein kleiner Weltbürger vermehrte die Einwohnerschaft des Wirthshauses. Die stattliche Wirthin war's wohl zufrieden, sie machte alles so leicht und sicher im Leben ab, auch das Wochenbett.. Sieben Jahre waren so dahin gegangen, und sechs Blond- und Braunköpfchen kugelten sich um den schwarzlockigen Vater auf dem Fußboden herum. Man hatte aufgehört zu lachen und zu schimpfen, man hatte Respekt vor der Frau bekommen und beneidete den Mann. Von Jahr zu Jahr vermehrte sich der Wohlstand der Wirthsleute; doch mit den heranwachsenden Kindern wuchsen auch die Ausgaben, die Frau fing an sparsam und genau zu werden. Sie schnitt dem Knecht und der Magd das Brot kleiner und kochte die Suppe dünner. Ihre eigenen Butterschnitte strich sie sorgfältig noch einmal mit dem Messer ab, ehe sie dieselbe zum Munde führte, nur dem Vincenz durfte niemals etwas abgehen. Ja, es war, als ob die Liebe zu ihm mit den Kindern noch wüchse, wie es sonst wohl Sitte ist, daß die Wöchnerin für die Leiden des Wochenbettes durch irgend eine Aufmerksamkeit von Seiten des Eheherrn entschädigt wird, so brachte hier jeder neue Ankömmling dem Vater, welchem die Aufgabe zufiel, ihn sein erstes Lebensjahr hindurch zu warten, eine kleine Kostbarkeit mit, deren Werth sich jährlich vergrößerte, ein rothseidenes Halstuch, eine neue Pfeife, einen vergoldeten Ring mit blitzenden Glassteinchen; der jüngste Sprößling, die kleine Zenz, hatte sogar mit einer schönen, silbernen Uhr an silberner Kette recht groß gethan.„Und nun ist es wirklich bald Zeit, daß es mit dem Segen ein Ende nimmt,“ lachte die Wirthin und faßte ihren Vincenz in den Lockenkopf, dabei aber guckte sie ihm in die Augen, als ob sie gerade das Gegentheil von dem meine, was sie sage. Aus lauter Eifer am Ersparen schaffte sie zuletzt sogar die Magd ab. Es war da eine arme Verwandte im Dorfe, die niemals was rechtes getaugt und sich lange Jahre mit einem Kinde, für das sie keinen Vater aufweisen konnte, in der Welt umher getrieben hatte. Nun sie alt und krank war, war sie nach der Heimath zurückgekommen, hatte dem Dorfe eine kurze Zeit zur Last gelegen und war dann gestorben, indem sie ihre Tochter, ein kräftiges, sechszehnjähriges Mädchen, der Obhut ihrer Verwandten auf's Angelegentlichste empfahl. Dieses Mädchen wollte nun die Wirthin an Stelle einer Magd in's Haus nehmen.„Wir ersparen den Lohn,“ sagte sie,„und auch mit dem Essen darf solch ein hergelaufenes Ding nicht heikel sein.“ Warnten die Dorfbewohner sie aber und erzählten, das Kind schiene die Nichtsnutzigkeit mit der Muttermilch eingesogen zu haben, hatte schon bei Lebzeiten der Mutter eine Stelle als Kindermagd in der Stadt gehabt und sei in wenig Wochen zurückgekommen, dann streifte Frau Dorothee die weißen Hemdsärmel von den starkknochigen Armen und sagte:„Da laßt mich nur sorgen, da bin ich ganz die rechte Frau dazu!“ Zum erstenmal, so lange sie verheirathet waren, machte ihr der Vincenz Vorstellungen.„Um der paar Groschen Lohn willen solltest Du es nicht auf Dich nehmen, Dich mit einem leichten Mädchen zu plagen. Es ist leichter, einen Sack Flöhe zu hüten, als ein lüderliches Weibsbild. Du kannst mir getrost zu Mittag das Stück Fleisch kleiner schneiden.“ Da lachte die Wirthin, daß ihr die großen Zähne im Munde glänzten.„Dazu hab' ich Dich nicht geheirathet, daß Du bei mir hungern sollt'st. Laß mich nur machen, ich versteh die Sachen besser als Du.“ So zog denn zu Johanni die Magd ab und die hergewanderte Base an ihre Stelle. Sie war ein starkes, dralles Mädel, das aus dreisten, runden Augen um sich blickte und deren Arme und Beine aus den armseligen Lumpen, die sie einhüllten, herauszuplatzen drohten. „Warum ziehst Du Dich nicht besser an?“ fragte die Wirthin. „Weil ich nichts weiter habe,“ sagte das Mädchen und sah ihr in's Gesicht. Kleider mußte sie haben; Frau Dorothee konnte ihre Magd nicht in solchem Aufzug herumlaufen lassen. Das ganze Dorf pries die Freigiebigkeit der Wirthin, als man die Kathrine in einem kräftigen, blauen Leinenrock im Hause herum hantiren und in einem derb— gewebten, wollenen Kleide Sonntags zur Kirche wandern sah.„Daß ich dumm wäre,“ lachte Frau Dorothee.„Das ziehe ich ihr am Essen ab. Solch ein junger Magen verträgt das Brot so gut wie das Fleisch.“ Frau Dorothee hatte recht. Die junge Magd saß zu unterst am Tisch, löffelte eilig ihr Süppchen aus und warf begehrliche Blicke nach den Tellern der Andern, wenn sie mit den weißen Zähnchen in das harte, schwarze Brod biß, trotzdem rundete sich ihr Wuchs zu⸗— sehends, die Gliedmaßen schwollen, aus Mund und Wangen schien das warme, rothe Blut herausspritzen zu wollen; sie sah aus wie ein üppiges, junges Blüthenbäumchen, das sich darnach sehnt, Früchte zu tragen.. Die jungen Bursche lachten, wenn sie an ihnen vorüber ging und wollten sie um die Hüfte fassen.„Daß Du Dir keinen zu nah kommen läßt!“ schalt die Wirthin. Das Mädchen puffte nach links und rechts; die Bursche nannten sie ein wildes, ungeberdiges Füllen und ließen sie gehen. f In der Wirthschaft zeigte sie sich willig und anstellig; aber von dem Rudern verstand sie nichts; sie hatte mit ihrer Mutter in den Bergen gelebt, wo es nur flache, schmale, schnellfließende Gewässer gab. Dem Vincenz that's nicht leid; die ganzen Tage machte er sich wieder auf dem Flusse zu thun; die Wirthin aber schalt:„Sie ist jung und kräftig, mag sie die Wasserarbeit erlernen; ich hab' Dich nicht dazu geheirathet, daß Du wie ein gemeiner Fährknecht herumarbeiten sollst!“ f „Ich will's gerne erlernen,“ sagte das Mädchen,„wenn der Vincenz es mir zeigen will.“ „Der Wirth,“ verbesserte Frau Dorothee scharf. Das Mädchen schwieg; als sie aber nachher neben Vincenz zum Flusse schritt, schüttelte sie den Kopf und lachte:„Der Wirth, das bist Du nicht— sie ist der Wirth.“ Sie erlernte das Rudern nur langsam. Tag für Tag stand Vincenz neben ihr in dem Boot und lehrte sie die Handbewegungen. Wenn sie zu ungeschickt that, faßte er sie um den Arm und half ihr das Ruder regieren; dann fühlte er, wie ihr das Blut heftig in den Adern klopfte, und seine Hand wurde ihm heiß und unsicher dabei. „Du hast so heiße Hände,“ sagte er ihr einmal. „Dafür bin ich ja jung,“ erwiderte sie und sah ihn an. Es war an einem Sonntag im Juli. In dem nahen Kirch— dorfe gab's Jahrmarkt; die Wirthin war in Begleitung der beiden ältesten Kinder sammt mehreren Dorfbewohnern zur Besorgung einiger nothwendigen Wirthschaftsgeräthe hinüber gefahren; der Knecht hatte sich frei gebeten; so waren Vincenz und das Mädchen allein zu Hause geblieben, um die jüngeren Kinder zu hüten und die Fähre zu besorgen. Bis in den Nachmittag hinein hatte ein reger Verkehr statt⸗ gefunden; Kathrine verstand jetzt ihre Sache schon gut; dann waren die Leute, die zum Jahrmarkt wollten, alle herüber, und das Boot schaukelte ruhig auf dem hellen, leise plätschernden Wasser. Das Mädchen machte sich im Hause zu schaffen; Vincenz aber setzte sich unter den Lindenbaum, sah, wie die Sonne, die breit in den Zweigen lag, grün-golden hindurchschimmerte, wie die kleinen Fliegen und Mückchen summend und surrend in den farbigen Lichtstrahlen tanzten; langsam bewegten sich seine Hände an der Harmonika hin und her, und aus den rothen Lederfalten erklang es wie ein wehmüthiges Lied. Als er zu Ende war und aufblickte, sah er die junge Magd am Baume stehen, die vollen Arme auf den Holztisch gestützt.„Weiter“, sagte sie,„das klang schön.“ Ihr Haar blinkte wie röthlich in dem goldgrünen Schein; unter dem Brusttüchlein hob und senkte es sich vernehmlich, und ihre Lippen und Augen glänzten wie wunderbare Blumen zu ihm herüber. Er sah sie an und spielte weiter, etwas Feuriges, Lustiges. „Das klang noch schöner,“ rief sie,„noch einmal!“ Dabei nahm sie die kleine Zenz, die auf dem Boden herumspielte, auf ihren Arm und fing an zu tanzen. Er sah ihr zu, wie der junge Körper von frischem Leben zuckte, und das kurze Röckchen keck um die zierlichen Hüften flog. „Jetzt tanzt Du mit mir,“ rief sie, als er mit Spielen auf, hörte und setzte das Kind auf den Boden;„wir singen uns eins dazu.“ Er schüttelte die Haare aus der Stirn.„Ich tanze nicht.“ ee e e ee eee erer 8 —————— —̃].w̃ ̃ 1 ̃]⅛ f ̃— e N 1 r ͤ—üCUC» Ä 5 1 4 7 . N R— e 27 WD. „Niemals?“ „Niemals.“ „Ich will Dir sagen, was Dir fehlt,“ sagte sie und setzte sich neben ihn.„Du hast das Heimweh.“ 5 „Woher weißt Du das?“ fragte er. „Weil ich es auch habe.“ Dann erzählte sie ihm von den Bergen, in denen sie ihre Kindheit verlebt hatte.„Ringsum, wohin Du siehst, überall eine hohe, blaue Wand,“ sagte sie.„Ich fürcht' mich hier, wo es überall gleich in den Himmel hinein geht. Und nirgends solch' großes, graues, schlampiges Wasser. Da kommt es heruntergesprungen, bläulich und grünlich, schön hell und klar; kannst nicht vorübergehen, ohne Dich daran zu legen und zu trinken. Dann siehst Du die Steinchen darunter glitzern, und allerlei kommt vorbei geschwommen, hier eine Blume, da ein Blatt, dort eine Feder oder ein Strohhalm, auch andres, kleines Zeug, weißt nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen. Und dann weit und breit die Bäume, so schattig und grün! Da kommt solch eine einzelne Linde nicht gegen auf. Armdicke Wurzeln treiben sie zwischen den harten Steinen hindurch und recken sich in die Höhe, daß man das Ende kaum sieht. Die Stämme so dick, daß unsere vier Arme sie nicht umspannen! Und erst die Blumen! Weiß und roth und gelb die Wiesen, an allen Hängen blühende Rosen und die Kornfelder ganz putzig von rothem Mohn und blauen Kornblumen! Ich denk' oft, wenn ich Dir da einen Strauß herholen könnt'!“ „Warum mir?“ fragte der Wirth. „Die Wirthin macht sich nichts daraus,“ entgegnete Kathrine. Es kehrten Leute vom Jahrmarkt zurück und begehrten über⸗ gesetzt zu werden; Vincenz und Kathrine bekamen einige Stunden lang tüchtig zu thun. Die Wirthin kam mit den Kindern nach Hause; der Fährknecht hatte sich noch nicht eingestellt. Immer mehr Leute drängten sich zur Fähre; kräftig setzte Vincenz das Ruder ein, kräftig folgte ihm das Mädchen. Endlich erschien der Fährknecht; er hatte sich beim Trunk übernommen und konnte heute nicht mehr zur Arbeit verwendet werden; Frau Dorothee wies ihn auf seine Kammer. „Du wirst müde sein, Kathrine,“ sagte der Wirth. „Bist Du's?“ fragte sie zurück, und der Mondschein glänzte in ihren Augen, gerade wie auf den glitzernden Wellen des Flusses. Endlich wurden die letzten Nachzügler hinübergeschafft. Es waren trunkene Bursche darunter; einer derselben drängte sich dicht an Kathrine heran.„Hier,“ rief er und ließ ein Silberstück in der Hand blitzen,„für einen Kuß, Mädel!“ Sie nahm es ihm mit den Zähnen aus der Hand und ließ es in den Fluß fallen.„Da,“ rief sie,„das Wasser hat's bekommen, küss' das Wasser!“ Wie er ihr aber näher kam, hob sie das Ruder gegen ihn; das Boot schwankte. „Ruhe,“ rief Vincenz mit lauter Stimme herüber,„wer nicht still sitzt, den werf ich in's Wasser.“ Die Bursche stutzten erst und lachten dann; das war man am Wirth nicht gewohnt. i Als Vincenz und das Mädchen allein zurückruderten, sprachen sie kein Wort miteinander; nachher machte er sich lange mit der Kette des Bootes zu schaffen, und sie stand neben ihm und sah auf seine Hände. „Warum gehst Du nicht?“ fragte er. Da sah sie ihm in's Gesicht, und ihre Augen funkelten so hell, wie die Sternchen am Himmel über ihnen. „Kathrine,“ sagte er leise und trat ganz dicht an sie heran, „ich möchte Dich wohl einmal küssen.“ „Thu's,“ erwiderte sie, schloß die Augen und hielt ihm den Kopf hin. Er küßte sie zweimal fest auf den Mund; dann ging er schnell in's Haus zurück und sah sich nicht nach ihr um. Andern Tages hielt Frau Dorothee dem Fährknecht eine kräftige Strafrede; da er sich verantworten wollte, wurde er entlassen. Es war im Dorfe nicht gleich ein passender Ersatz zu finden; viele Tage lang führten Vincenz und Kathrine miteinander das Boot über das Wasser. Schweigend und ohne einander anzusehen, ver⸗ richteten sie ihre Arbeit. „Jetzt sag mir eines,“ fragte Kathrine am Abend, ehe der neue Fährknecht erwartet wurde,„warum ist sie der Wirth und nicht Du?“ „Die Frau macht hier Alles im Haus, und der Mann gilt nichts,“ erwiderte das Mädchen,„sonst ist es überall anders, wie ich gesehen habe.“ „Das verstehst Du nicht,“ gab er zurück.„Die Wirthin ist älter als ich und klüger; ihr gehört das Haus, und sie versteht die Sachen besser als ich.“ „Da bist Du ja übel dran,“ sagte das Mädchen, und nach einer Weile fügte sie hinzu:„Wenn ich Deine Frau wäre, ich wollte Dir wohl gehorchen.“ Einige Tage später kehrte ein Leiermann in das Wirthshaus ein. Vincenz, der an allen Arten von Musikwerken großen Gefallen fand, ließ sich sämmtliche Melodieen der Drehorgel vorspielen und unterwarf das Werk einer eingehenden Besichtigung. Darnach ver⸗ langte er, Frau Dorothee solle den Mann zu Mittag dabehalten. „Was fällt Dir ein?“ rief sie,„gieb ihm ein Stück Brot und einen Trunk Bier und laß ihn auf dem Heuboden übernachten; ich koche das theure Fleisch nicht für nichtethuerische Bettelleute.“ Kathrine war gerade in der Küche, und Vincenz meinte ihren Blick auf seinem Gesicht zu fühlen, in das ihm das Blut stieg; aber er sagte nichts und setzte sich mit den Andern zu Tische. Unter dem Essen bemerkte er, daß sie das winzige Häppchen Fleisch, das auf ihren Antheil kam, heimlich von dem Teller in ein Stückchen Papier schob und unter dem Tische verbarg. Als dann Abends der wegmüde Musikante aus dem Dorfe zurück— kam, um sich in's weiche Heu zu strecken, kam sie eilig herzugelaufen und steckte Vincenz ein kleines Päckchen in die Hand. „Hier ist Fleisch, gieb es ihm.“ „Warum thust Du das, Kathrine?“ fragte er. „Weil Du es wolltest,“ damit lief sie davon. Als der Herbst heran kam, schickte Frau Dorothee ihre Magd eines Morgens in den Kartoffelacker, um die Knollen auszugraben. Wie sie mit ihrer Hacke auf dem Hofe an Vincenz vorüberschritt, der dort Holz spaltete, blieb sie stehen und fragte:„Ist es Dir recht, daß ich gehe?“ „Wie sprichst Du wunderlich,“ versetzte er,„hat es Dir die Frau nicht befohlen?“ „Die Frau wohl,“ erwiderte sie,„aber Du bist der Mann.“ „So geh!“ sagte er barsch und wandte sich seiner Arbeit zu. „Du kannst nachkommen und zusehen, ob ich es recht mache,“ lachte sie. „Das werde ich nicht thun,“ rief er unwillig; nach einer Stunde aber stand er neben ihr auf dem Kartoffelacker. „Du bist ja doch gekommen,“ sagte sie, ohne sich in der Arbeit stören zu lassen. Er bückte sich, hob einige Knollen auf und warf sie in den bereit stehenden Sack; dann sagte er:„Das muß anders mit Dir werden; Du hast Dich nur um die Frau zu kümmern.“ „So?“ erwiderte sie und grub weiter. „Sonst mußt Du aus dem Hause.“ Jetzt hörte sie mit dem Graben auf und lachte.„Zum Schicken gehören zwei, Du und die Frau. Du schickst mich nicht.“ Er ging in den Furchen auf und ab. „Sei vernünftig, Kathrine,“ bat er,„Du machst uns allen das Leben unnütz schwer.“ Da warf sie die Hacke zu Boden und stampfte mit dem Fuße auf.„Du bist der Herr im Haus, und Du hast zu befehlen, und sie soll Dir gehorchen. Ich leid's nicht, daß sie Dich wie einen Knecht behandelt. Ich mag sie darum nicht leiden und Dich nicht, weil Du es Dir gefallen läßt.“ „Sei vernünftig, Kathrine,“ wiederholte er und faßte nach ihrer Hand,„ich habe sie lieb und thue gern, was sie will; da ist nichts von gefallen lassen.“ Sie riß ihre Hand aus der seinen. Damit grub sie weiter. Nachdem er eine Weile unbehülflich vor ihr gestanden hatte, machte er einige Schritte zum Gehen, kehrte aber bald wieder zurück. „Sag mir dies eine, Kathrine, ich wollte Dich lang danach fragen, warum hast Du Dich damals von mir küssen lassen? Du bist nicht wie Deine Mutter, Du hältst Dir die Mannsleut sonst kräftig vom Leibe, ich hab es wohl gesehen, warum ließest Du Dich damals von mir küssen?“ „Wenn Du es selber nicht weißt!“ rief sie, und indem sie sich fest auf die Hacke stützte, blitzte sie ihn mit den runden Augen an. „So, Du hast sie lieb?“ „Was meinst Du damit?“ fragte er dagegen. 3 ————— ̃————— e 28 D* Wie es so heiß durch ihre halbgeöffneten Lippen hindurch drang, riß er sie an sich und küßte sie wieder, als sie aber lachte:„Das ist ein Mann, der seine Frau lieb hat,“ ließ er sie mit einem pol⸗ nischen Fluch los und lief nach Hause. An diesem Abend saß er lange am Flußufer. Es lag auf der andern Seite, gerade dem Wirthshaus gegenüber, ein großes Flissaken⸗ schiff, aus rohen Brettern kunstlos gezimmert und mit Getreide be— laden, das aus dem Innern Rußlands nach den großen, deutschen Seestädten geführt wurde. Die Schiffsmannschaft, ein lebendiges Völkchen in unvollständiger Bekleidung, hatte sich in der klaren Herbst— nacht auf dem obern Schiffsraum versammelt; Einer spielte die Harmonika, Andere sangen in traurigen, langgezogenen Tönen, wieder Andere hatten sich aneinander gefaßt und sprangen tanzend im Kreise. Wie Vincenz so dasaß und zu den Stammesgenossen hinüber blickte, überfiel ihn eine tiefe, dumpfe Traurigkeit und ein heftiges Verlangen nach ihrer frischen, ungebundenen Lebensweise. Nach einer Weile hörte er, wie es sich leise im Grase bewegte, obgleich er sich nicht umwandte, wußte er, daß es das Mädchen war. Das Blut stieg in mächtigen Wogen in ihm empor, es war ihm, als ob etwas in seinem Kopfe herumwirbele. Sie lagerte sich dicht neben ihn, und ihre Arme legten sich weich und heiß an sein Gesicht.„Siehst Du,“ flüsterte sie,„das ist das Heimweh.“ So saßen sie eine Weile ganz still, indem sie nach dem bunten Treiben des Schiffes hinüber sahen; dann sagte das Mädchen:„Jetzt sag mir's noch einmal, daß Du die Frau lieb hast.“ „Ja,“ erwiderte er,„ich hab sie lieb. Sie ist nun einmal meine Frau; ich muß sie lieb haben, und ich hab sie lieb.“ „So?“ rief Kathrine zornig und sprang auf ihre Füße.„Und es ist nicht wahr, man fühlt's Dir an, daß es nicht wahr ist. Das ist nichts als die Angst vor ihr. Jetzt sollst Du mich auch niemals wieder küssen!“ Die Blätter des Lindenbaumes färbten sich gelb und fielen ab, die magern Kiefern schwankten im Oktoberwind, dunkle Wolken fuhren schattend über den Fluß hin, welcher sich unter den Regengüssen, die sie herunter sandten, trübte und vergrößerte. Auch in dem schmucken Wirthshauschen mit den grünen Thüren und Fensterläden veränderte sich manches. Der Wirth bekam einen eignen Willen.„Das versteh ich besser als Du,“ hatte die Wirthin anfänglich erwidert, wenn er seine Meinung äußerte, wie er ihr aber einmal in Gegenwart fremder Gäste zurief:„Ich bin der Herr!“ und das Bierglas so kräftig auf den Tisch stieß, daß es in Scherben zerbrach und der braune Trank von dem weißen Holz herunter schäumte, da hatte sie still geschwiegen und ihn mit verwunderten Augen angesehen. „Was sagst Du nun?“ fragte er Abends Kathrinen, als er durch die Küche ging. „Schad um das Glas und schad' um das Bier,“ entgegnete sie ruhig.„Meinst, das Auftrumpfen ist schon was rechtes?“ Von da ab legte er es darauf an, seine Meinung durchzusetzen. Frau Dorothee mochte sagen, was sie wollte, immer wußte er etwas anderes, gerieth in Zorn, wenn sie Gegenvorstellungen machte und brachte oft die widersinnigsten Entschlüsse zur Ausführung. Zuerst ließ sich die Wirthin auf lange Auseinandersetzungen ein; dann schwieg sie zu Allem, zuletzt gewöhnte sich sich daran, immer das Gegentheil von dem vorzuschlagen, was sie in Wirklichkeit aus— geführt zu haben wünschte und gelangte so durch ihres Gatten blinden Eigenwillen auf Umwegen zu allem, was sie wollte. So wurde es Winter; über den Strom legte sich eine Eiskruste und machte das Fährboot entbehrlich; der Knecht wurde entlassen, die Magd zum Spinnen und Stricken angehalten; der Wirth aber trieb sich viel im Dorf und in der Stadt umher, kam Abends meist roth und heiß nach Hause, trank, lachte und schwatzte viel; Frau Dorothee hatte schlaflose Nächte und nahm sich vor, zum Frühling an einen nahe gelegenen Wallfahrtsort zu pilgern und der wunderthätigen Mutter Gottes daselbst einen Werthgegenstand zu widmen, damit sie das Herz ihres Gatten wieder zu ihr lenke; denn es waren manche Anzeichen vorhanden, daß es sich von ihr abgelenkt habe. Sie war zwar eine Protestantin, aber sie hatte volles Vertrauen zu der Wirksamkeit der katholischen Heiligen, und in Zeiten so seltsamer Bedrängniß konnte man immer schon einmal zu ihren Wundern seine Zuflucht nehmen. Am heiligen Abend vor Weihnachten kehrte Vincenz wiederum spät aus der Stadt zurück. Er hatte Geschenke mitgebracht, den Kindern kleine Spielsachen, Frau Dorothee und Kathrine aber er⸗ hielten jede ein buntes, wollenes Kleid. 2 Die Kinder umringten den Vater jubelnd, Frau Dorothee wurde blaß vor Aerger über das vergeudete Geld, ließ es sich aber aus Klugheit nicht merken und dankte ihrem Manne in wohlgesetzten Worten. Der hob jedes von den Kindern in die Höhe und küßte es, dann gab er seiner Frau einen Kuß und zuletzt auch Kathrinen. Die Wirthin wollte auffahren.„Sie ist von der Verwandtschaft,“ sagte er barsch und strich seinen Schnurrbart. Nach dem Abendessen ging er Kathrinen nach in den Stall, wo sie die Schweine fütterte. Sie stand an dem Koben, über dem die gierigen Thiere sich stießen und schaute durch das kleine Glas- fenster über dem Thürchen gedankenvoll zu dem prächtig gestirnten Himmel empor. „Denkst Du nun noch, daß ich nicht der Herr bin und Angst habe?“ fragte er sie. „Ach Gott,“ erwiderte das Mädchen,„ich habe ganz andre Gedanken.“ „Was für welche?“ „Ich denke, wo meine Mutter jetzt ist. Im Himmel ist sie nicht, dazu war sie zu schlecht, und in der Hölle auch nicht, dazu war sie zu gut, vielleicht sitzt sie auf einem von den Sternen— die sollen viel größer sein, als man sich denken mag, hat der Herr Pfarrer gesagt— und schaut jetzt auf mich herab.“ 4 „Deine Mutter hat nichts getaugt, Du kannst froh sein, daß Du sie los bist,“ sagte er hart. Sie winkte mit der Hand, als ob sie etwas fortschieben wolle. „Sie war doch das Einzige, zu dem ich gehörte.“ „Du gehörst jetzt zu uns,“ entgegnete er und legte den Arm um sie. „Wie lange?“ gab das Mädchen zurück.„Es wird nicht mehr weit hin sein, da schickt mich die Frau aus dem Haus, ich hab heut so etwas in ihren Augen gesehen.“ „Da sei nur ruhig. Hast's noch nicht gemerkt, daß ich der Herr bin? Wenn noch was willst, dann sag's. Ich thu's— ich thu Dir Alles.“ Dabei beugte er seinen Kopf auf Athem streifte ihre Wange. Sie reckte sich in die Höhe und legte die Lippen an sein Ohr. „Möchtest Du's, wirklich? Dann höre? Wenn sie vorn singen und den ihren, und sein heißer tanzen, dann sitze ich in meiner Küche, höre zu und weine oft heiße Thränen. Einmal nur möcht ich dabei sein! Aber wer tanzt mit einer Magd? Wenn nun Du, der Wirth, mich zum Tanze auf— führtest und mich so vor Allen als Deine Verwandte ausgäbst— dann könnt's ja doch sein, dann kämen die andern wohl auch; sie haben sonst schon Lust zu mir.“ „Kannst Dich darauf verlassen, ich thu's,“ sagte der Wirth, „gleich beim nächsten Tanz am zweiten Festtag, was aber thust Du mir dafür?“ Da schlang sie die Arme um seinen Hals und küßte ihn stürmisch. „Alles, Vincenz, alles thu ich, was Du willst, aber das eine bitt' ich, mach mich nicht unglücklich, wie sie meine Mutter gemacht haben.“ Sanft strich er ihr über die spröden Härchen und über die vollen, weichen Wangen.„Kathrine, wenn ich die Frau jetzt nicht hätt', wie glücklich könnten wir sein!“ „Warum hast sie genommen, Vincenz?“ „Weil ich nicht gewußt hab, daß Du in der Welt bist, Kathrine.“ Das war ein Schreien und Stampfen am zweiten Festtage in dem schmucken Wirthshaus am Flusse! Auf ihren flinken Füßen lief Kathrine mit den schäumenden Biergläsern von Tisch zu Tisch; Frau Dorothee schenkte und zapfte und ließ ihre scharfen Augen fleißig im Kreise umherwandern. Der Vincenz stand müßig an der Thüre, trank ein Glas Branntwein nach dem andern, warf den Kopf in den Nacken und zwickelte an seinem Schnurrbart. Als die Fiedel eine wilde Mazurka intonirte, ergriff er das erste beste Mädchen in seiner Nähe und schwenkte sie rings um die Stube. „Hurrah, der Wirth!“ riefen die Burschen.„Jetzt die Wirthin!“ begehrten sie, als er aufgehört. „Wollen die alten Weiblein denn heut einen Großvatertanz be— gehen?“ schrie Vincenz, daß es laut durch das Gastzimmer hallte. „Komm Du her, Mädel, hast jüngere Knochen und frischeres Blut;“ — — — 2 . — 2 2 D — 2 6 e 30 D. dabei faßte er Kathrinen um die Hüfte, hob sie in die Höhe und kreiste wild mit ihr unter die Tanzenden. 2 Bincenzi⸗ schrie die Wirthin. „Die Magd!“ riefen die Bauerndirnen entrüstet; die Burschen geboten der Fiedel Einhalt. Vincenz aber trat in den Kreis, das zitternde Mädchen an der Hand.„Ich bin der Wirth bier und der Herr von diesem Haus; dies hier ist die Base meiner Frau. Ich will mit ihr tanzen und ich werde mit ihr tanzen, so wahr ich der Wirth hier bin.“ Dabei riß er Kathrinen wieder mit sich herum, fuhr in alle Ecken mit ihr, stieß endlich an den Schenktisch und stürzte der Länge nach zu Boden. Frau D Dorothee sprang ihm zu Hilfe und beruhigte die aufgeregten, Burschen; einige Gutmüthige standen ihr bei, den Berauschten in's Wohnzimmer zu schaffen und dort festzuhalten, bis er in einen tiefen Schlaf versank. Die Wirthin stand mit ihrem ruhigen Lächeln die ganze Nacht hinter dem Schenktisch; als sich endlich beim ersten Grauen des Morgens die letzten Gäste entfernten, sagte sie zu dem Mädchen: „Du packst noch heut Dein Bündel und gehst, woher Du ge— kommen bist.“ Dann nahm sie ihren Mann, entkleidete ihn behutsam und saß lange vor 0 wie er im Bette lag, indem sie mit kummervollen Augen in sein blasses, abgefallenes Gesicht blickte und mit ihrer kräftigen Hand liebkosend durch sein krauses Haar fuhr.— (Schluß folgt. 0 Eine Vomerleeif e. (Schluß.) „Zwei kurze Wochen war ich verheirathet, während welcher meine Seligkeit nur getrübt wurde durch die sich immer steigernde Schwer— muth meines Weibes und deren immer bleicher werdendes Aussehen. Auf alle theilnehmenden Fragen hatte sie jedoch nur die eine Antwort, daß ihr nichts fehle, und sie nur fühle, daß sie nicht gut genug für mich sei. Solche Gedanken suchte ich ihr natürlich als thöricht durch Scherzworte zu vertreiben und fühlte mich den glücklichsten der Sterblichen. „Da erhielt ich nach Ablauf der oben erwähnten vierzehn Tage ein Telegramm, welches mich nach der Hauptstadt berief. Durch plötzliche Erkrankung des dortigen Tenoristen entstehe eine Lücke im Repertoir, die wegen Anwesenheit fremder königlicher Gäste am Hofe doppelt störend wirke, und ich solle aushelfen. Zu jeder anderen Zeit wäre eine solche Aufforderung mir höchst schmeichelhaft gewesen, jetzt aber berührte sie mich unangenehm. Voll banger Ahnungen trat ich die Reise an, mein Weib im Schutz meiner Mutter zurück— lassend. „Mehrere Tage wurde ich durch das Gastspiel in der Residenz zurückgehalten, und war tretz aller Gunstbezeugungen froh, als ich endlich die Rückreise antreten durfte. Schon nahe der Heimath, die ich in wenigen Stunden zu erreichen hoffte, brach mir der Wagen und zwang mich, behufs dessen Ausbesserung in dem kleinen Dorfe G. zu übernachten. Dieser Verzug war es, der verhängnißvoll für mein Glück werden sollte. Als ich spät des anderen Tages heimkehrte, fand ich mein Haus in eigenthümlicher Verwirrung. Aus den be— stürzten Mienen meiner Mutter, welche mir am Eingange entgegentrat, konnte ich ersehen, daß sich etwas Außerordentliches ereignet haben müsse. Die Frage nach meinem Weibe beantwortete die Mutter nicht, sondern zog mich hinein in ihr eigenes Zimmer. Dort erst, wo wir vor Zeugen sicher waren, eröffnete sie mir, wie Sophie gestern Abend von einem Besuche bei Freunden nicht heimgekehrt, wie erst die Mutter, dann das Dienstmädchen sie bis tief in die Nacht hinein vergeblich erwartet habe. Erst heute früh habe man Nachforschungen anstellen können, und dabei diesen Brief in meinem Zimmer auf dem Schreib— tisch gefunden. Vielleicht, daß derselbe eine Aufklärung enthalte. Bei diesen Worten überreichte mir die Mutter einen Brief von Sophie. „Ich sank kraftlos in einen Stuhl, öffnete das Couvert und las, las zwei, drei Mal, ehe ich 9 75 Inhalt ganz verstehen konnte. Und doch stand es klar und deutlich d a, wie Sophie mich nie geliebt, wie jener Bereiter Bonislaw schon längst ihr Herz besessen, wie ihr Vater sie aber zur Heirath mit mir gezwungen und ihr jede Möglichkeit abgeschnitten habe, mich mit dem Zustand ihres Herzens bekannt zu machen. Sie habe einen bitteren Kampf gekämpft, aber die Liebe habe doch endlich über das Pflichtgefühl triumphirt, und so verlasse N sie mich, um zu Bonislaw zu gehen. Vermöge ein Weib ohne Liebe ja auch kein Glück in meine Häuslichkeit zu bringen, und ihr selbst würde das Leben an meiner Seite zu einer ate Qual werden. Zum Schluß bat sie mich noch, ihre und Bonislaws Spur nicht zu verfolgen, und ihr die Schmerzen, die sie mir verursache, zu ver⸗ zeihen. wie ernst auch sie gerungen und versucht, ihrer Schwäche Herr zu werden. „Lange dauerte es, ehe ich aus meiner Erstarrung zu mir kam, und auch dann beklagte ich mehr noch als mich das arme verblendete Wesen, das ein Herz voll heißer Liebe zurückgestoßen um eines Lebens willen voll gleißnerischen Scheines, aber innerer Hohlheit. Je mehr ich mir jedoch unsere Verlobung, die kurze Zeit unseres ehelichen Lebens mit allen einzelnen Momenten zurückrief, um so klarer wurde es mir, wie Sophie an meiner Seite gelitten, und so vermochte ich nicht, sie so hart zu verurtheilen, als es unter anderen Verhältnissen wohl der Fall gewesen wäre. „Meine Mutter empfand mein Unglück, meine Schmach mit gleicher Stärke. Ihr schwacher Körper war solcher Aufregung nicht mehr ge— wachsen, und sie verfiel in ein hitziges Fieber, dem die Herrliche nach Verlauf weniger Tage erlag. „Was hielt den Vereinsamten nun noch in der Heimath fest? Ich löste meinen Kontrakt mit der Theaterdirection und begab mich in's Ausland, wo sich auch bald ein geeignetes Engagement in Ihrer Vaterstadt für mich fand. Nun können Sie, lieber Freund, wohl mein zurückgezogenes Leben begreifen, können fassen, daß der Mann, der ohne Weib und doch nicht frei war, sich nicht zwanglos unter die heitere Gesellschaft mischen durfte und mochte. „Von meinem Weibe hatte ich nie wieder gehört. Eine öffent— liche Verfolgung wollte ich, ihrer Bitte gemäß, nicht einleiten, alle heimlichen Nachforschungen nach ihrem und Bonislaws Verbleib waren erfolglos, und von einer Scheidung sah ich ab, weil ich Sophien eine Rückkehr zu mir nicht unmöglich machen wollte. Unglück konnte sie vielleicht später wieder in meine Arme treiben, und meine heiße Liebe zu ihr vergab ihr selbst diesen Fehltritt. „Daß mir aber unter solchen Umständen mein Vaterland ver— leidet war, und mir eine Rückkehr nach den wohlbekannten Orten peinlich sein mußte, ist wohl erklärlich, und es kostele mich keinen geringen Entschuß, Sie auf dieser Konzertreise zu begleiten. Als nun wiederum das Wagenrad brach, als wir abermals gezwungen wurden, in G., das mir durch den gleichen Verzug schon einmal so verhängnißvoll geworden, zu übernachten, da hatte ich das Gefühl, als müsse sich mein Schicksal erfüllen. „Sie wissen, wie ich mein Weib wiederfand. Der Arzt brachte Sophie durch seine Bemühungen wieder zum Bewußtsein, und in kurzen, abgebrochenen Sätzen bat sie um meine Verzeihung und be⸗ richtete mir von dem elenden Leben, das sie geführt. Wider mein Vermuthen war Bonislaw stets gut und rücksichtsvoll gegen sie ge— wesen, und so lange er gelebt, hatte sie auch nicht Noth zu leiden brauchen. jähes Ende bereitet, und nun war das Elend in seiner jammervollsten Gestalt über Sophie und ihr Kind hereingebrochen. Endlich hatte Sophie bei einer wandernden Schauspielertruppe Unterkunft gefunden und wenigstens so viel erworben, daß sie und der Kleine nicht gerade Hunger zu leiden hatten. Seit geraumer Zeit aber hatte sie schon den Tod im Herzen gefühlt und die bange Sorge um die Zukunft des Kindes lastete schwer auf ihrer Seele. Wohl hatte sie auch daran gedacht, sich um des Kindes willen wieder an mich zu wenden, allein Scham und Reue hielten sie bis dahin davon zurück. „Ich kann Ihnen nicht Alles erzählen, was in den kurzen Stunden zwischen uns besprochen wurde— genug— als der Morgen zu grauen begann, hauchte die Aermste getröstet in meinen Armen ihre Seele aus.“ Hier schwieg Rein ergriffen; als wir aber in den heimathlichen Bahnhof einführen, fügte er noch hinzu:„Ich brauche wohl kaum die Bitte auszusprechen, daß Sie das eben Erzählte, sowie das mit 1 mir Erlebte in Vertrauen bewahren, und es mir überlassen, seiner Ich würde dies gewiß thun, wenn ich eine Ahnung hätte, Ein Sturz mit dem Pferd hatte jedoch seinem Leben ein eee eee ee eee ecke v. eee ee . . e eee — — 323 U Zeit— wo es mir angemessen erschelnen sollte— den 9 der Vergangenheit zu lüften.“ Ich konnte seinen Wunsch begreifen, denn wer läßt gern die theilnahmlose Neugier Anderer kaum vernarbte Wunden wieder auf— wühlen? ——— g N N 5 31.. Der Zug hielt. Rein nahm den noch immer schlummernden Knaben auf den Arm und verabschiedete sich von mir mit einem herzlichen Händedruck. Ich aber wurde von meiner Frau mit solch stürmischen Liebkosungen empfangen, daß ich darüber meinen Freund sammt dem kleinen Gustav aus den Augen verlor. Ein halbes Jahr war vorübergegangen. Der Frühling war dem Winter gefolgt, wir hatten wenig davon bemerkt. Eine sehr be⸗ schäftigte Zeit, wo viel Neues an unserer Bühne einstudirt wurde, hatte uns ganz in Anspruch genommen und zur Geselligkeit nur wenig Muße übrig gelassen. So hatten wir auch Rein nur selten und meist nur auf kurze Zeit gesehen, widmete er seine freien Stunden doch fast ausschließlich dem kleinen Gustav. ö Es war ein warmer, schöner Tag im Monat Mai, als ich einen freien Nachmittag benutzen wollte, um mit meinem Weibe einen Ausflug in die Berge zu machen. Auf dem Wege zum Bahnhof trafen wir Rein, seinen Knaben an der Hand, und erfreut begrüßte er uns und fragte nach unserem Vorhaben. „Ei, ei,“ scherzte er dann,„wo hat das treue Elternpaar die Kinder heut gelassen?“ „Daheim, unter der Obhut Elisens,“ nahm meine Frau das Wort.„Bei ihr wissen wir die Kinder am besten versorgt.“ Rein nickte und ging, zeigte aber noch mit bedenklicher Miene gen Himmel, wo einige schwarze Wolken sich aufzuthürmen begannen. Wer aber erwartet im Monat Mai wohl ein Gewitter? Wir gingen getrost weiter, jedoch noch ehe wir auf dem Bahnhof angelangt waren, erhob sich ein heftiger Wind, und flüchtigen Fußes eilten wir dem Bahnhofsgebäude zu. Kaum hatten wir das schützende Obdach erreicht, als auch schon der Regen herniederzuströmen begann. so daß wir gezwungen wurden, auf die profektirte Partie zu ver⸗ zichten. Wir warteten also vernünftiger Weise das Wetter im Bahnhofsrestaurant ab und begaben uns dann nach Hause zurück. Dort wurden wir von den Kindern mit lautem Jubelruf be⸗— grüßt und mit der frohen Nachricht, daß Onkel Rein drinnen bei Tante Elise sei. Eilig wollte mein Weib hinein, um den selten gewordenen Gast willkommen zu heißen, ich aber hielt sie sanft zu⸗ rück. Errieth ich doch, was Rein heute zu Elisen geführt; ich hörte seine tiefe, volle Stimme, wie er zu ihr sprach, und glaubte, ihr Schluchzen zu vernehmen. i Nach längerer Zeit trat denn auch Rein mit Elise bei uns ein, und das letzte Ergebniß der verhängnißvollen Konzertreise war folgende Annonce, welche nach einigen Tagen Jedweder in unserem städtischen Anzeiger lesen konnte: Elise Wagner, Gustav Rein, Verlobte. Lose Blätter. Angelica Catalani und Goethe. Im Jahre 1816 kam die berühmte Sängerin Angelica Catalani nach Deutschland und feierte hier wie überall große Triumphe. Auch Weimar lag in Huldigung der herrlichen Stimme und der wunderbaren Gesangsweise ihr zu Füßen. Man trieb einen Kultus mit der Diva, wie er 55 glücklicherweise nicht allzu oft wiederholt. Auch Goethe wurde von ihrem Vortrage ergriffen, hielt es aber unter seiner Würde, ihre Bekanntschaft zu suchen. Man wußte Rath. Der Hof lud Angelica ein und setzte sie neben den Dichter. Die Catalani hatte von der deutschen Literatur keine Ahnung, doch entging ihr nicht die Achtung, der Goethe sich allgemein erfreute, und die ihm entgegengebracht wurde. Sie erkundigte sich deshalb nach ihm und erfuhr von ihrem anderen Nachbar bei Tafel, daß er der Verfasser des Götz von Berlichingen sei.—„Kenne ich nicht,“ bemerkte die Sängerin—„Des Werther!“— Angelica hatte in Paris eine Farce gesehen, welche die Sentimentalität im Werther ver⸗ spottete und meinte, daß dieselbe von dem Dichter herrühre. Daher wandte sie sich lebhaft zu Goethe.„O mein Herr,“ sagte sie freundlich:„ich muß gestehen, daß ich Ihre Werke verehre.“—„Signora, Sie sind anbetungs⸗ würdig,“ erwiderte der große Dichter, der begierig war, was die Catalani von ihm gelesen habe.„Welches meiner Werke lieben Sie am meisten?“ —„Den Werther! ich habe mich bei ihm vor Lachen ausschütten wollen.“ Goethe zuckte zusammen.„Werther's Leiden?“ bemerkte er endlich verstimmt. —„Nun ja, ich sah sie in Paris, eine drollige Komödie.“—„Madame, da bedaure ich Ihre Lobsprüche vicht annehmen zu können; ich bin nicht der Verfasser dieser Farce,“ erwiderte der Dichter.— Der. Abend, von dem er sich großen Genuß versprochen hatte, war ihm durch die Unkenntniß der Italienerin verleidet worden. W. G. Edle Entrüstung. Es giebt Zeiten und Gelegenheiten genug, wo die Aeußerung von Unwillen nicht nur erlaubt, sondern sogar nothwendig ist. Uẽs liegt die Pflicht ob, über Falschheit, Selbstsucht und Grausamkeit empört zu sein. Ein wahrhaft edelmüthiger Mann wird bei jeder Niedrig⸗ keit und Gemeinheit auffahren, auch wenn er nicht die Verpflichtung hat, sich auszusprechen. f Mit einem Menschen, der nicht in Unwillen gerathen kann, möchte ich nichts zu thun haben. Es giebt in der Welt mehr gute als schlechte Menschen, und die schlechten haben blos deshalb die Oberhand, weil sie kühner sind. Ein Mann, der sich seiner Kräfte mit Entschiedenheit bedient, muß uns wohlgefallen, und wir nehmen oft blos aus dem Grunde, weil er das thut, für ihn Partei. Allerdings ist es mir oft leid gewesen, daß ich gesprochen habe, aber eben so oft ist es mir leid gewesen, daß ich ge— schwiegen habe.“ 2 So die trefflichen, beherzigenswerthen Worte des Buchhändlers Perthes, eines ausgezeichneten deutschen Patrioten. ö Th. B. f Das Laternenfest. Das Laternenfest ist eines der wichtigsten National⸗ feste der Chinesen, das zu Ehren des Gesetzgebers Confutje gefeiert wird. Die letzten Tage des alten und die ersten des neuen Jahres sind dieser Feierlichkeit gewidmet, welche e zwanzig Tage dauert. Erst in der Nacht des fünfzehnten Tages beginnt das Laternenfest. Im Innern des kaiserlichen Palastes von Peking befindet sich eine ungeheuere Glocke, welche bestimmt ist, das Signal zu diesem Feste zu geben. Sobald diese Glocke ihre tiefen Töne hören läßt, giebt man auf allen Forts des Palastes und der großen Stadt Artillerie⸗Salven; die Trompete klingt in den Straßen Pekings wieder und eine Million von Laternen in allen Farben wird vor den Häusern aufgehängt; Feuerwerk wird auf verschiedenen Punkten los⸗ gebrannt, das Volk wogt jubelnd durch die Straßen und alle Glocken klingen zusammen. Diesem Signale folgen sogleich alle Städte und Dörfer des ungeheuern chinesischen Reiches. Palaste pflanzt sich augenblicklich weiter fort, von Echo zu Echo, bis zu den äußersten Grenzen des Landes und ehe eine Stunde vergeht, klingt Glockengeläute durch ganz China von einem Punkte zum andern und zwei⸗ hundert Millionen Menschen mit ebenso vielen Laternen bewegen sich in dem Lande zur würdigen Feier des Festes. Die durchsichtigen Laternen von hellen glühenden Farben in der dunkeln Nacht bieten einen magischen An⸗ blick dar. Hierauf beginnen die Bonzen ihre Aufzüge in den Straßen unter Begleitung lauter Musik. Dichte Volksmassen folgen ihnen; die Angesehensten begleiten die Prozession in Wagen, die Leute aus dem Mittelstande reiten auf mit Bändern und Blumen geschmückten Eseln und eine große Anzahl Frauen folgt zu Pferde, verschiedene Instrumente spielend. Die Kanonen⸗ schüsse, das Glockengeläute, der Lärm der Musik und das Geschrei der Volks⸗ menge bringt den seltsamsten Eindruck, den man sich denken kann, hervor. Den andern Tag zu Mittag wird das Fest ruhiger; dann beginnen die Maskeraden, welche an den Carneval Italiens erinnern. Diese chinesischen Possen sind ebenso toll und ausgelassen, wie jene zu Rom und Neapel, nur mit dem Unterschiede, daß Jedermann dabei sein Gesicht frei zeigt. M. Heldenmüthige Frauen. Im tyrolischen Lechthal haben die Frauen das eigenthümliche Privilegium, in der Kirche vor den Männern zum Opfer zu gehen. Das Landvolk erklärt sich dies durch eine gelungene Kriegslist, welche den Lechthaler Frauen zu danken, die, als im dreißigjährigen Kriege die Schweden schon bis auf der Hohenrain bei Elmen vorgedrungen waren, den Abzug der Feinde bewirkten. Die Lechthalerinnen verloren nämlich, trotz der Verzagtheit ihrer Ehemänner, nicht den Muth, sondern bewaffneten sich, um Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Außerdem steckten sie Heinzen (d. h. Pfähle mit Sprossen zum Aufhängen der Korngarben) an einem Hügel in großer Menge auf, bekleideten sie, daß man glaubte, handfeste Männer ständen da, und schürten aller Orten Wachtfeuer an. Als die Schweden die vermeintlichen streitbaren Bauern und die zahllosen Wachtfeuer erblickten, ließen sie sich in's Bockshorn jagen und ergriffen das Hasenpanier. Seit jenen Tagen soll nun den Lechthalerinnen die Auszeichnung geblieben sein, in der Kirche vor den Männern zum Opfer zu gehn. Th. Bd. Vor der Schlacht bei Murten, 1476, fielen die Schweizer auf ihre Kniee und beteten inbrünstig:„Lieber Gott! haben wir Recht, so steh uns bei; haben unsere Feinde Recht, so steh' ihnen bei; haben wir alle beide Recht, so sieh' einmal zu, wie wir uns schlagen werden.“ Der Murtner Friedhof zeugte vom Erfolge dieses Gebets. M. Rothschild und Saphir. Zu dem Wiener Rothschild kam der Humorist Saphir zu einem jour fine.„Ich huldige noch der alten Sitte,“ sagte der Börsenfürst zu ihm,„daß ich ein Stammbuch halte, in das sich meine Freunde eintragen. Darf ich Sie bitten, auch einige Zeilen hineinzuschreiben?“ —„Sehr gern, ich bin bereit.“— Rothschild überreichte Saphir das Album, der auf einen Tisch zueilte. Eine Minute darauf hatte er mit fliegender Feder die Worte niedergeschrieben:„Leihen Sie mir hundert Louisd'or und vergessen Sie auf ewig Ihren Freund Saphir.“ W. G. In einer Herberge Spaniens hatte ein Reisender die Nacht hindurch nicht schlafen können, weil die Esel des Wirthshausbesitzers fort und fort schrien. Er beschwerte sich deshalb.„Ja, ja,“ lautete die Erwiderung des Herbergwirthes, der sich hinter den Ohren kratzte,„meine Esel schreien des Nachts, wenn sie ihres Gleichen wittern.“ W. G. Der erste Kanonenschuß vom kaiserlichen 232 W.. Auflösung der Skat⸗Aufgabe Nr. 9. Mittelhand hat: Im Skat liegen Coeur 7, 8. Unverlierbar ist Pique Solo, da selbst in dem Falle, daß Trefle Dame, König, 10 und As in einer Hand sich befinden, die Gegner nur 57 Points erhalten können. Wird der Spieler getroffen, so trumpft er mit einem Ma⸗ tador und giebt nur die drei Trefle⸗Stiche ab. Trefle. Solo ist dagegen zu verlieren, wenn Vorband Pique ausspielt und Hinterhand mit Nefle As sticht. Hinterhand spielt dann Carreau As, Vorhand giebt die 10 zu, so daß Mittelhand zum Stechen gezwungen ist und dann noch die beiden Pique⸗Stiche abgiebt, auf welche Hinterhand Coeur As und 10 wimmelt. Die Gegner erhalten dann 60 Points.„ Silben-Räthsel. Aus folgenden Silben: a al ar bai brin da de di ernst es eu for go go gott hard i kor li lin ma ment na ni on pe phrat re reth ri sack sankt sankt si ta te te tes ti trom us veau za sind 16 Worte zu bilden, deren Anfangsbuchstaben von oben nach unten, und deren Endbuchstaben, von unten nach oben gelesen, ein Schiller'sches Citat ergeben. Die 16 Wörter ergeben: 1. Einen e Vornamen. 2. Eine Umgestaltung. 3. Den Mussehastenn des Meeres. 4. Ein holländisches Getreidemaß. 5. Ein Musikinstrument. 6. Einen Fluß in Hochasien. 7. Einen Gebirgsknoten der Alpen. 8. Einen letzten Willen. 9. Einen altpersischen Königsnamen. 10. Einen Meerbusen an der Südküste des Caplandes. 11. Eine Stadt am Rhein. 12. Einen Baum. 13. Einen Fluß Vorderasiens. 14. Eine Stadt in Italien. 15. Eine militärische Begleitung. 16. Eine Stadt in Palästina. Zweisilbige Charade. Wer kennt, noch eh' ich's ihm beschreibe, Mein Erstes nicht, das bald defekt, Bald ganz erscheint als blanke Scheibe, Bald unter dunklem Flor versteckt. Wer weiß nicht, daß gar oft und gerne Manch schönes Auge nach ihm blickt, Wenn's in Gemeinschaft goldener Sterne Die blaue Wölbung silbern schmückt. Mein Zweites, weit entfernt zu glänzen, Entbehrt im Gegentheil des Lichts, Und bleibt, will's nicht der Tag ergänzen, Ein menschenfeindlich dunkles Nichts. Kein Wunder, daß es bei Soliden Nicht in dem besten Rufe steht, Und von dem Wanderer wird gemieden, Der ungern nur hinein geräth. Durch's Ganze geht gewohnter Maßen Der erste seinen stillen Gang Allein, ich seh', ihr rümpft die Nasen, Vor einer„Mondnacht“ ist euch bang. Mein Ganzes ist nicht so poetisch,— Prosaisch flickt's die Hausfrau aus. Zuweilen blickt gar gravitätisch Ein Adler oder Kron' heraus. Auflösung des Logogriph in voriger Nummer: Schuld— Schule;— der zweisilbigen Charade: Mastbaum;— des Rösselsprungs: Es legt die Nacht mit Muttergüte Sich an die Seele schmerzensvoll, Es läutert still sich im Gemüthe Zur Wehmuth jeder bitt're Groll. Die Thränen, die vergessen schliefen, Nun strömen sie im nächt'gen Lauf; Es steigt aus wunden Herzenstiefen Ein rettungahnend Leben auf. (Gottfried Kinkel.) Hchach. Problem Nr. 430 von R. Blümel in Schlegel. 4. Schwarz. S . 2. ,. 2 2 2. Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge Matt. I V N N 2 — W 95 N A 1 Partie Nr. 246, gespielt am 3. November v. J. im Manhattan⸗Club zu New⸗Mork als zehnte des Wettkampfes — Steinitz⸗Gambit.— 5 Weiß: S. Lipschütz. Schwarz: Kapt. Mackenzie. 1) e2—e4 7 e5 29) 1b1-f! hi- 2) Sb-es SbSs c 30) Tad4—23 1d8-d7 3) 12—14 e5—fa: 31) Ld2—-e3 Le5 cg: 4) d2- da DdS—h57 32) Ja3-c: 1d7-e7 5) Kel—e2 d7-d) 33) De2—g47 SbSs—d7 6) 8g1-13 Les-g4 34) Dg4-g7: Te7 ea: 7) Lel-f4: Lg4-f3f 35) 711—t7: 118d 8) 708 85 9 2 36) 77-d 7:9) aufgegeben. 9) LI—b5 6—0— a 10) Lbs— cb: b7— cs: Stellung nach e von Weiß. 11) Ddl-—ds Dha—h5 7s) 12) Kf3—2 LIS e7 13) ThI-fI Dhbö- a5 14) Kf2—-g1 1h88 15) LfA dz Da5—b6 16) 42-24 C6 C5 17) ad- a5 Dbé-c 18) dd dõ(5 4 19) Dds—e2 Deb-a 20) Tal-a S6- d7 21) Ja4 4:4)(7= c55) 22) 12—bäls) Le7-f6 23) b4-b5 Da6—b7 24) b5—b6 7) a7 a6 25) Ted-a LIE e 26) 1 1—b1 Sd7 bs 27) Sc3-—bß! KesS- d7 s) 28) Sb5—07 Kd7—es Weiß. 1) Diese älteste Vertheidigung ist durch die folgende von Zukertort entdeckte Spielweise fast gänzlich verdrängt worden: d7—45 6) erd5. Lg4 T 7) Sts 0-00 8) dies Lg ic. 2) Gegen die Fortsetzung 8) gs Df: 9) Sds' welche Steinitz gegen Rosenthal im Meister⸗ turnier zu Baden in Anwendung brachte, giebt das 1 als beste zum Gewinn üßrende Erwiderung Dha! 10) Sc7 r Kds 11) Sas: Kes 12) d5 Ses 13) Ddâ Kbs 14) Des ds! ꝛc. 3) Hier scheint Dgar nebst 12) Kes Dg2: ꝛc. stärker. Von nun an wird die Ueberlegen⸗ heit des weißen Spieles mit jedem Zuge deutlicher. 4) Schwarz ist mit Damenverlust[Teri] bedroht und der Bauer as darf nicht genommen werden; denn 21).. Da5? 22) Sat! Dat oder b5 23) Te. ꝛc. 5) Der einzige Zug! Auf Sb wäre da gefolgt und der Springer verloren werden; Db aber hing nicht an wegen 22 8b5 Seß! 23) Sd ꝛc. 6) Das en passant Schlagen des Bauern war natürlich weit schwächer, Schwarz hätte mit Ses geantwortet und der Damentausch war erzwungen. 7) Nimmt Schwarz den Bauer, so folgt 1b. 8) Wurde das Opfer angenommen la6—35:], so hatte Weiß die siegreiche Fortsetzung 28) a asl Sa6. 29) Dbs: nebst Tas: resp. Ta7! ꝛc. oder 28).. Db 25) Tb5: oder auch as—a7 ꝛc. 8 B Schwarz wieder, so wird der Thurm el verloren, 36).. 1d7 37) Dfsr Tds 8) ꝛc. Briefwechsel. Dr. K. in G. Richtige Lösungen erhalten; in Nr. 426 wird jedoch 1) Das durch 715 widerlegt, denn 2) Sgör Kd5. Das Hauptspiel der folgenden Nummer erglebt sich aus dem Gegenzuge k7— 16, wogegen Saör nicht ausreicht. Th K. in B. Besten Dank für Ihre Mittheilung, wir hatten eine so bedauerliche Ab⸗ haltung schon befürchtet. Ihre Lösung zu Nr. 426 scheitert einzig an der Entgegnung 1715 nebst 2) Sger Kd51 5 e eee e Druck und Verlag der„Volks⸗Zeitung“, Akt.⸗Ges. in. Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105.