zu den Oberhessischen UMachrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Gießen, den 21. August. 1887 Inge öffnete die Thür und trat in den kleinen, halb dunklen Raum, in dem das Licht immer gedämpft erschien, weil es durch so winzige, grüne, halb blinde Scheiben fiel. Zuerst sah sie, aus dem hellen Sonnenlicht draußen kommend, nichts, als daß die alte Frau nicht wie sonst unmittelbar am Fenster saß und an dem großen, grau wollenen Strumpf strickte, ohne den man sie sonst nie sah. Dann auf einmal blieb sie auf der Schwelle stehen, die eiserne Thürklinke noch in der Hand. „Herr Gott!“ rief sie,„Peter Ohlsen, wo kommst Du her?“ Ja, das war Peter Ohlsen. Er war aufgesprungen von dem Stuhl, auf dem er neben dem alten Lehnsessel der Großmutter gesessen hatte, und stand ihr gegenüber, groß, schlank und kräftig, mit seinem schönen, jungen, gebräunten Gesicht, dem die Matrosen⸗ kleidung so gut stand, und mit den blitzenden dunklen Augen und dem braunen Kraushaar von ehemals. Wie groß er geworden war, wie stattlich! War er denn wirklich immer so hübsch gewesen? Und was für schöne, blitzende Augen er hatte; wie er nun dastand und sie anlachte, daß die weißen Zähne schimmerten. Nein, solch ein Gesicht gab es doch in der ganzen Stadt nicht. „Herr Gott, Peter Ohlsen,“ sagte das Mädchen noch einmal ganz leise, die schmalen Hände in einander legend und ihn noch noch immer ansehend. Das war ihr Spielkamerad und er war es auch nicht. Ein sonderbares Gefühl überkam sie, so, als müßte nun auf einmal etwas ganz Seltsames und Unerhörtes geschehen. So war ihr noch niemals zu Muthe gewesen. Es blieb auch noch wie ein Zauber über ihr, als sie schon eine ganze Weile neben der alten Frau und dem jungen Seemann saß und zuhörte, wie er erzählte. Wie konnte er erzählen! Schon früher, wenn sie seine Briefe der Großmutter vorlas, war es ihr manchmal wie ein Wundern gekommen, woher er die Worte nähme, alles so anschaulich zu schildern, aber nun, da sie ihm zuhörte, meinte sie, den Sturm und die Meeresstille mit zu erleben, die fremden Menschen und Länder mit ihm zu sehen. Das waren ja alles Dinge, um die sie gut Bescheid wußte. Am Hafen wohnte kaum eine Familie, die nicht irgend Jemanden, Vater, Sohn, Bruder draußen hatte, und doch schien es ihr neu und besonders. Ja, wenn er so frisch und lebendig erzählte, glaubte sie ihm auch wohl, als er sagte:„Als ich wegging war ich Schiffsjunge,— nun bin ich Matrose, Inge. Wenn Peter Ohlsen nach ein paar Jahren noch einmal kommt, so ist er Steuermann.“ Die Großmutter nickte.„Aber die Alte ist dann todt, Peter,“ sagte sie, denn er hatte laut gesprochen, damit sie ihn auch ver⸗ stehen möchte. Inge nickte auch 5 Acht Tage konnte er bleiben, nicht länger. „Du wirst es schon fertig bringen.“ Wie die Zeit ihm — Inge Paulsen. Von Eva Treu. (Fortsetzung.) selbst und dem blonden Mädchen auf einmal kurz vorkam, als sie ihn darnach fragte. Es war schon ganz dunkel, als Ingeborg endlich einfiel, sie müßte nach Hause. „Ich gehe mit,“ sagte Peter Ohlsen. Das Mädchen schüttelte den Kopf.„Ein andermal,“ sagte sie freundlich und war fort, ehe er noch recht hatte fragen können, weshalb sie seine Begleitung so kurzweg verschmähte. Vielleicht hätte sie ihm auch die Frage nicht zu beantworten gewußt. „Junge, wo bist Du denn so lange gewesen?“ sagte die Mutter mißvergnügt, denn sie mochte nicht gern, wenn man sie mit dem Essen warten ließ und verzieh ihrer Tochter das nur, wenn sie bei Möllers aufgehalten worden war.„Zweimal habe ich die Brat⸗ kartoffeln schon vom Feuer gehabt und wieder aufgesetzt. Sie sind schon ganz trocken und hart geworden.“ „O, ich bin auf dem Deich entlang gelaufen,“ entgegnete das Mädchen sorglos. „Bei nachtschlafender Zeit?“ „Nein, nachher ging ich noch einen Augenblick zu der alten Ohlsen.— Peter Ohlsen ist wiedergekommen, Mutter.“ Und dabei stieg ihr das heiße Roth langsam bis an das goldene Haar. Sie ärgerte sich darüber. Was hatte sie roth zu werden, wenn sie von ihrem Spielkameraden sprach; das war ja Unsinn. Aber sie fühlte, daß gerade der Verdruß ihr das Blut noch heftiger in die Wangen trieb. „So?“ sagte Jule Paulsen, sie scharf ansehend.„Was will denn der nichtsnutzige Junge wieder einmal hier?“ Inge hatte einen Schrank geöffnet, kniete davor nieder und steckte den Kopf hinein, indem sie sich drinnen zu schaffen machte. Sie ärgerte sich noch immer über sich selbst. Diesmal, weil sie das mißachtende Wort der Mutter so unverhältnißmäßig verdroß. Im Grunde konnte es ihr ja einerlei sein, und es war lächerlich von ihrem Herzen, so laut zu klopfen. „Er will wohl die alte Frau einmal wiedersehen nach so langer Zeit,“ entgegnete sie mit möglichst gleichgültiger Stimme.„Nichts⸗ nutzig ist er aber sein Lebtag nicht gewesen, Mutter, blos lustig, und das ist doch keine Sünde. Er ist auch kein Junge mehr.“ Sie fing plötzlich an zu lachen.„Er ist ein großer, langer Mensch geworden und sagt, das nächstemal, wenn er komme, sei er Steuer⸗ mann.“ „Dann ist er auch was Rechtes. Komm jetzt nur her und iß, sonst werden die Kartoffeln auch noch kalt.“ Das Mädchen zog den Kopf aus dem Schranke und wandte sich nach der Mutter um.„Dann ist er dasselbe, was mein Vater gewesen ist,“ sagte sie, sich niedersetzend.„Du hast doch sonst gemeint, daß das was Rechtes wäre, Mutter.“ Y 140 266. „Schwatz nicht so dumm in den blauen Tag hinein,“ entgegnete Jule Paulsen gereizt.„Hör' nun zu, was ich sage, Ingeborg. Du bist kein kleines Kind mehr, und das Umherlaufen mit Peter Ohlsen will ich diesmal nicht haben. Ich habe nichts dagegen gesagt, daß Du die Briefe für die alte Frau schriebst, aber die Freundschaft soll mir nicht zu weit gehen, hörst Du? Der junge Mensch mag ja ganz gut sein, ich weiß es nicht, aber für meine Tochter Ingeborg ist er mir denn doch nicht gut genug.“ Das Mädchen sah sie an und fing an zu lachen.„Aber was meinst Du eigentlich?“ sagte sie.„Ich darf doch wohl mit Peter Ohlsen sprechen, mit dem ich tausendmal am Strand gespielt habe?“ „Sprechen kannst Du meinetwegen mit ihm, und auszulachen brauchst Du Deine Mutter nicht, wenn sie es gut mit Dir meint. Ich habe meine Tochter nicht erzogen wie feiner Leute Kind, ich habe sie nicht tanzen lernen und bei den feinen Leuten verkehren lassen, damit sie sich an einen Matrosen wegwirft, Inge. Und wenn er zehnmal Untersteuermann wird— Gott soll mich bewahren, daß ich auf Deinen Vater, Jens Paulsen, etwas sage— aber erstens kann Peter Ohlsen nie so einer werden, wie Dein Vater war, denn solche giebt es nicht viele, und zweitens war ich eine Schusterstochter und Du bist eine Steuermannstochter, und in die Höhe muß man streben, Inge; und drittens habe ich mein Lebtag nicht so aus⸗ gesehen, wie meine Tochter Ingeborg thut und konnte keine solche Ansprüche machen.“ Sie hatte sich außer Athem gesprochen. Das Mädchen war still geworden, und die Röthe war allmählich aus ihren Wangen gewichen. Was wollte denn die Mutter! Hatte sie, Inge, etwas gethan, oder gesagt, solche häßlichen Worte herauszufordern, sie oder Peter Ohlsen? Kaum noch war es ihr zum Bewußtsein gekommen, wie froh sie seine Nähe machte, und schon rührte die unfreundliche Hand unzart an ihrer Freude. Auch Frau Jule wurde still. Nun fiel ihr erst ein, daß sie des Kindes Gedanken in ihrer ängstlichen Hast auf etwas hingelenkt haben möchte, was ihrem Herzen sonst noch fern geblieben wäre. „Es ist ja alles dummes Zeug, Inge,“ sagte sie begütigend und einlenkend.„Du bist nur ein Kind und er ist nur ein großer Junge, und Du bist ja auch Mutter's vernünftige Tochter.“ Inge antwortete nicht. Sie sah still zu, wie die Mutter den Tisch abräumte, und dann saß sie, den blonden Kopf in die kleine Hand und den Ellenbogen auf den Tisch gestützt und blickte halb träumerisch hin, wie Jule Paulsen das abgegriffene Kartenspiel vor sich ausbreitete. Ihre eigenen Gedanken aber wanderten umher und hafteten zuletzt an den Worten, welche die Mutter bei Tisch gesprochen hatte. Ja, noch lange, nachdem Jule Paulsen und ihre Tochter sich zur Ruhe begeben hatten und die Frau längst nach des Tages Last und Arbeit fest schlief, lag das Kind mit offenen Augen, die Hände unter dem Kopf gefaltet, und dachte nach. Vielleicht, wäre Jule Paulsen klug genug gewesen, zu schweigen, das Kind wäre sich des neuen Gefühls garnicht bewußt geworden, das so ganz plötzlich und ungeahnt sie überkommen hatte. Jetzt aber wußte sie es ganz genau; sie hatte ihn lieb, den schmucken Seemann mit dem frischen Gesicht und den blitzenden Augen; sie hatte ihn lieb, wie noch nie zuvor im Leben irgend einen Menschen. Und wenn sie nur ihm gut genug war, ihr war er nicht zu gering, ob er schon bis jetzt nur ein einfacher Matrose war. Was ihr nie zuvor eingefallen war, das wurde ihr auf einmal klar: wie sie in jenen Kreis, in welchem sie jetzt verkehrte, doch nicht eigentlich hinein⸗ paßte, wie sie doch nicht zu jenen Leuten gehörte, die trotz all ihrer Freundlichkeit sie nie ganz vergessen ließen, daß ihr eine Ehre wider— führe, jene Leute, denen ihre eigene Mutter nicht gut genug zum Umgang war. Sie hätte nicht sagen können, woher ihr das alles kam, aber die Gedanken waren da, ganz auf einmal, und wollten nicht wieder weichen; und durch sie hindurch blickten immer zwei fröhliche, dunkle Augen, und es war, als wenn Jemand mit ihrer eigenen Stimme in weiter, weiter Ferne sänge: „Reichthum allein thut's nicht auf Erden, Das ist nun einmal weltbekannt.“ Zuletzt schlief sie aber doch ein, ein Lächeln auf den kindlichen Lippen, und sie schlief noch, als die Mutter schon wieder mit hoch— geschürzten Rocken draußen auf dem Flur mit Eimer und Besen wirthschaftete. Gegen Mittag kam Peter Ohlsen, um Frau Paulsen guten Tag zu sagen. Ingeborg sah scheu und verlegen zu ihm hinüber. Es war doch wieder anders— ach, so anders, ihm heute in Mutter's bester Stube im grellen Tageslichte gegenüber zu sitzen, als gestern im halbdunklen kleinen Gemach der Großmutter Ohlsen, die alles, was er sagte, nur halb verstand, so daß Inge sich einbilden konnte, daß er für sie ganz allein spräche. N Heute war alles so nüchtern; was Peter Ohlsen sagte, klang ihr alltäglich, und was die Mutter sprach, war so garnicht herzlich und freundlich. Sie, Inge selbst, hätte irgend etwas Hübsches und Gutes sagen mögen, aber so viel sie auch nachdachte, es wollte ihr garnichts einfallen, und sie athmete erleichtert auf, als der kurze Besuch sein Ende erreicht hatte. Aber Abends im Dämmerschein— es war wohl nur Zufall, daß Inge eine Besorgung in der Stadt zu machen hatte, und daß sie der Weg an dem Hause der alten Großmutter Ohlsen vorüber⸗ führte— nur Zufall, daß Peter Ohlsen bei ihrer Rückkehr bereits seit einer halben Stunde vor der Thür stand. Vorübergehen konnte Inge doch nicht, als er ihr guten Abend wünschte, und da es draußen vor der Hausthür zu zugig war, als daß sie dort schwatzend hätten stehen mögen, trat sie mit in das Haus ein. Aber drinnen war es dumpfig und heiß. Auf der Rückseite des Hauses lag ein winzig kleiner Garten. Dort war es geschützt und still. Die Wand des Hauses war mit Kletterrosen und Epheu ganz umsponnen, bis auf das niedrige Dach hinauf, und blühten auch die Rosen nicht mehr, so kamen doch allerlei Düfte aus dem Garten zu einem herüber, wenn man auf der kleinen Bank saß, die Peter Ohlsen's Großvater noch gezimmert hatte, und die unter dem Fenster an der Mauer stand. Denn hier blühte immer irgend etwas, Veilchen oder Rosen, Jasmin oder Goldlack und noch weit in den späten Herbst hinein die bunten Astern. Auf der kleinen Bank saßen sie alle drei, die Großmutter, in ihr warmes Tuch gehüllt, in der Mitte. Der junge Seemann und das blonde Kind konnten sprechen, was ihnen beliebte, die Alte ver⸗ stand garnichts, wenn man die Stimme dämpfte. Sie war zu⸗ frieden, den Enkel neben sich auf der Bank zu wissen. Was sie sprachen, war so unschuldig und harmlos, daß die alte Frau, und sogar Inge's Mutter, gern jedes Wort hätte hören dürfen; aber es lag ein so eigener, sanfter Zauber in diesem halblauten, unbelauschten Plaudern, während der letzte matte Tagesschein langsam am Himmel erlosch und schon die blasse Mondsichel sacht heraufstieg. 5 „Es wird kalt,“ sagte die Alte nach einer Weile, das Tuch fester um sich wickelnd,„zu kalt für alte Leute. Geh' auch nach Hause, Inge, und Du, Peter, komm bald herein, damit die Thür zugeklinkt werden kann.“ Sie stand auf und ging durch die Hinter⸗ thür in das Haus, und die Beiden hörten sie gleich darauf in der Kammer rumoren. „Ich muß nun auch gehen,“ sagte Inge und erhob sich. Ihr wurde auf einmal ganz beklommen um's Herz. „Bleibe noch ein paar Minuten,“ sagte Peter Ohlsen,„der Abend ist so still und schön, und bei Deiner Mutter in der Stube ist es gewiß heiß und dumpfig.“ „Mutter wartet auf mich, sie weiß gewiß nicht, wo ich bleibe,“ entgegnete das Mädchen unentschlossen, doch ging sie nicht, sondern setzte sich wieder neben ihn auf die Bank. Aber das Gespräch, das vorhin so emsig geführt wurde, als die Alte noch zwischen ihnen saß, war in's Stocken gerathen. Ganz still saßen sie neben einander, nur dann und wann fiel ein halblautes Wort. „Es wird kühl,“ sagte das Mädchen wieder nach einer Weile, und es klang wie Besorgniß aus ihrer Stimme,„ich muß nach Hause.“ „Friert Dich?“ „Ja,“ sagte sie,„ich habe ganz kalte Hände.“ „Soll ich sie Dir warm machen?“ Sie antwortete nicht, aber sie ließ es geschehen, daß er ihre kleinen, weichen Hände in seine großen nahm. Vielleicht hatte er sie tüchtig reiben wollen, um sie zu erwärmen. Aber er that es nicht; sie kamen ihm für solche Prozedur wohl gar zu fein und zierlich vor. Er legte nur ihre beiden Hände flach gegen einander und seine eigenen darüber. „Was für kleine, weiche Hände Du hast, Inge,“ sagte er. Sie wurde roth. Zum erstenmal im Leben kam es ihr vor, als läge in dem Wort ein Tadel; sie selbst hätte kaum sagen koͤnnen, weshalb. Es war ihr auf einmal, als müßte es anders sein, und als müßte man von rechtswegen ihrer Hand die Spuren der Arbeit anfühlen, wie der seinigen. 5 2 — r ee * —. 1 1 Er sagte natürlich nichts dergleichen. Er nahm nur die beiden kleinen Hände nach einer Weile in eine von seinen, und weil es sich unbequem so saß, legte er sachte den freien Arm um die zierliche Geestalt des Mädchens und zog sie an sich. Sie sprach noch immer nichts, aber es schien ihr nicht in den Sinn zu kommen, daß sie sich frei machen könnte; im Gegentheil, sie schmiegte sich nur ein wenig fester an ihn und legte den Kopf an seine Schulter, als müßte es so sein. Ein Gefühl großer Sicherheit und Ruhe über⸗ kam sie, wie sie so das gute, ehrliche Herz des jungen Mannes laut schlagen hören konnte und ohne ein Wort wußte, daß es für sie schlug. „Bist Du noch kalt, Inge?“ Sie schüttelte den Kopf ein wenig. Das Mondlicht fiel auf ihr holdseliges Kindergesicht und über ihr weißes, blondes Gelock, und der Bursche beugte sich zu ihr herab und küßte sie beinahe andächtig. Er wollte etwas sagen, etwas davon, wie lieb er sie hätte, wie ihn ihr süßes, kleines Gesicht und ihre liebe Stimme begleitet hätte, hin über das weite Meer, wie es manchmal, wenn in fremden Hafenstädten irgend eine wüste Versuchung an ihn heran⸗ trat, ganz plötzlich vor ihm aufgetaucht wäre und ihn behütet hätte, so daß er ihr sein Herz und seine Lippen rein heimbrächte. Er wollte etwas davon sagen, wie es sein würde, wenn er das nächste⸗ mal heimkehrte— nach Jahren freilich erst— und daß sie dann seine Frau werden müßte; aber er sagte das alles nicht. Er saß ganz still, hielt ihre Hände gefaßt und die schmächtige Gestalt mit dem Arm umfangen, und küßte nur zuweilen sachte die sanften Lippen. Sie fühlte, wie schnell sein Herz schlug, aber er sagte nur nach einer Weile:„Inge, min lütje söte Deern“— das war seine ganze Liebeserklärung. Da drang drinnen aus der Kammer die Stimme der Alten, die den Enkel ungeduldig zum Hereinkommen mahnte, damit die Thür zugeklinkt werden konnte. Das Mädchen fuhr empor. „Ich muß nach Hause, es muß ganz spät sein,“ sagte sie er⸗ schrocken, sich die krausen Haare aus der Stirn schüttelnd.„Gute Nacht, Peter Ohlsen.“ Sie machte sich los und lief zum Garten hinaus durch eine kleine Straße, die hinter den Häusern zu Jule Paulsens Wohnung führte. Sie fand die Thür verschlossen und den Schlüssel an einem für ähnliche Gelegenheiten zwischen ihr und der Mutter verabredeten Platze versteckt. Eine Nachbarin, welche aus ihrem Fenster guckte, sagte, Jule Paulsen wäre schon vor länger als einer Stunde fort⸗ gegangen. Sie hätte Inge bei Möller's vermuthet. Inge setzte sich drinnen in der dunklen Stube an das Fenster. Sie hätte eben jetzt kein Licht ertragen können. Sie stützte beide Ellenbogen auf das Fensterbrett und sah hinaus in den dämmerigen Abend, wie sich der blasse Mond im Wasser spiegelte und sonderbare, friedliche, glückliche Gedanken zogen ihr durch den Sinn. Wie ein schöner, wunderlicher Traum war alles über sie gekommen. Gestern Nachmittag noch war sie wie ein freier Vogel gewesen, und heute war sie eine Gefangene für alle Zeit, und es war ihr nicht einmal leid, sondern sie wollte es so. Sie wunderte sich, wie sie all' diese Jahre hatte hinleben können, ohne sich viel mehr nach Peter Ohlsen zu sehnen, als sie es in Wirklichkeit gethan hatte. War's doch nun auf einmal, als hätten sie je und je zusammengehört. Wie Thorheit und Schein kamen ihr in diesen Minuten die letzten vergangenen Jahre vor; das eigentliche richtige Leben, das fing nun erst an; nun, von der Stunde, wo sie Peter Ohlsen lieb gewonnen hatte. Ein großes Dankgefühl überkam sie. Sie war nicht gewohnt, oft zu beten; dergleichen hatte Jule Paulsen's Er⸗ ziehungsmethode gänzlich fern gelegen, aber jetzt quoll in ihrem jungen Herzen das Bewußtsein empor, daß Gott sehr gut; und sehr freundlich wäre. An die Mutter dachte sie nicht— jetzt nicht. Sie hätte viele Stunden lang da so ganz still am dunklen Fenster sttzen mögen, ganz allein mit sich und ihren Gedanken, 9 Aber nach einer Weile kam Jule Paulsen nach Hause. Sie klinkte die Stubenthür geräuschvoll auf und rief mit ihrer ziemlich unmelodischen Stimme hinein:„Hast Du schon lange auf mi ewartet, Inge?“ l„In— 5— schon ganz lange,“ sagte das Kind, das Gesicht abwendend, denn ihr stieg das Roth bis an die Schläfen wegen der Unwahrheit, und die Mutter entzündete eben das Sch wefelhölzchen, um Licht zu machen.„Wie das Licht blendet, Mutter!“ s Sie stand auf und ging aus dem Zimmer, kehrte auch nicht wieder zurück, sondern enikleidete sich in der Schlafkammer leise und ging zu Bett, nur, um allein zu sein. Sie schlief nicht, als die Mutter nach kurzer Zeit nachkam und sich auch zur Ruhe begab, aber sie hatte das Gesicht auf die Seite gewendet und hielt die Augen geschlossen, bis das Licht wieder verlöscht war und sie der Mutter regelmäßigen Athem neben sich hörte. Es wäre ihr un⸗ möglich gewesen, noch mit ihr zu sprechen, wie sonst alle Abende, denn Jule Paulsen pflegte die Ereignisse des Tages beim Schlafen⸗ gehen gründlich durchzuhecheln. „Wo willst Du hin?“ fragte die Mutter am nächsten Abend, als Inge ihren Hut nahm. „Nur noch einen Augenblick in die frische Luft,“ aber dabei stieg ihr das Blut wieder verrätherisch in die Wangen. Jule Paulsen, welche ganz arglos gefragt hatte, da sie die Tochter meist ihren eigenen Weg gehen ließ, sah sie mit plötzlich erwachtem Mißtrauen an. Dann band sie ihr Tuch um, schob ihren Arm durch den der Tochter und erklärte, den schönen Abend gleich⸗ falls noch ein wenig genießen zu wollen. Sie that auch hinterher, als merkte sie weder, wie schweigsam Inge neben ihr herschritt, noch, daß Peter Ohlsen, der vor seiner Hausthür gestanden hatte, in den Flurschatten zurücktrat, als das Paar vorüberging, sondern sie sprach mit großer Geläufigkeit von hundert anderen Dingen. Arme Inge! Die ganze Woche fand die Mutter stets irgend einen Vorwand, sie zu begleiten, oder sie zu Hause zu halten; es war, um die Geduld zu verlieren. Zum ersten Mal im Leben wollte sie etwas mit allen Gedanken ihrer Seele, und eben jetzt stellte sich ihr die Mutter hindernd in den Weg. Ein verschwiegener Zorn über ihre Machtlosigkeit erwachte in ihrem Herzen, der erste Trotz. Nachdem Peter Ohlsen Tag für Tag vergeblich am Hause vor⸗ über gegangen war, kam er endlich, Jule Paulsen zu besuchen. Sie empfing ihn freundlich, unterhielt sich mit ihm, ohne daß Inge auch nur hätte zu Worte kommen können und begleitete ihn dann selbst zur Hausthür hinaus. Inge stand am Fenster und sah ihm nach, sie kämpfte mühsam mit ihren Thränen. „Zwingen laß ich mich nicht,“ dachte das Mädchen und biß die kleinen Zähne zusammen.„Lieb habe ich ihn doch, darüber hat Mutter keine Gewalt,“ und als Jule Paulsen wieder in's Zimmer trat und in gleichgültigem Tone nach etwas fragte, antwortete sie nicht. Die Mutter that, als bemerkte sie es nicht. Sie fand ihr eigenes Benehmen ungeheuer klug, denn morgen in aller Frühe mußte der junge Seemann wieder abreisen. Aber Abends kam eine Freundin und verwickelte Jule Paulsen halb gegen ihren eigenen Willen in einen langen, wichtigen Klatsch. Da schlüpfte Ingeborg zur Hofthür hinaus und stand ein paar Minuten später Hand in Hand mit Peter Ohlsen in dem ver⸗ schwiegenen kleinen Garten, der ihr erstes Glück gesehen hatte. Es war ein kühler Abend. Der Wind kam ein wenig rauh über das Wasser herüber und brachte dichten, staubfeinen Regen mit. Die Alte war im Hause, und man sah ihr runzeliges, kleines Gesicht und das spärliche, unter der Nachtmütze beinahe versteckte Haar zuweilen am Fenster auftauchen, aber das schadete nicht. Ihre schwachen Augen bemerkten nicht einmal, daß draußen zwei Menschen neben einander im Garten auf und ab gingen, viel weniger hätten die trägen Ohren das geflüsterte Gespräch auch nur hören können. (Fortsetzung folgt.) Die Entenmühle. Eine alte Dorfgeschichte von E. A. Die Entenmühle— hm! Wo steht die, oder wo hat sie ge⸗ standen? Antwort: Sie steht noch und sie steht nicht mehr, wie man will. 8 Sie steht noch, insofern bis zum heutigen Tage eine Entenmühle existirt; und sie steht nicht mehr, weil die jetzige Entenmühle an der Stelle der alten neu aufgebaut worden ist, wie dies der Schluß⸗ stein des Thorbogens deutlich besagt, allwo ein zierliches Rad aus⸗ gehauen ist und darunter steht in handfesten Buchstaben: Johann Peter Gripser und Eva Gripser, geb. Wamprechtin, haben diese Mühle neu aufgebaut anno domini 1825. Die alte Entenmühle sah ganz anders aus. Die war nämlich so ein Kaffee- oder Muttergottesmühlchen, 2 268 ⏑??? wie man sie heut' noch hie und da antrifft. Da stand ein ein⸗ stöckiges Häuschen, hinten ein Gärtchen mit einem Dornzaun darum, von wegen dem zwei- und vierfüßigen Gethier, und vorn ein Höfchen, in dem die Mahlbauern mit Ach und Krach ihr Fuhrwerk umwenden konnten, und in dessen Mitte aus einem just nicht wie kölnisches Wasser duftenden See der Dunghaufen gleich einer Insel der Seligen auftauchte, auf der die Hühner und Tauben ihre Tage in ungetrübter Wonne verlebten, während die Wappenthiere der Mühle— ein Dutzend Enten— voll aufgeblasenen Stolzes die syrupfarbige Pfütze ringsum durchschnatterten. Links standen die mehr als bescheidenen Oekonomieräume, und rechts, an das Wohnhaus angeklebt, die eigentliche Mühle, in der verschämt und demüthig, wie ein zerknirschter Bösewicht, das Rad des einzigen Gängleins sich drehte.—— Es war an einem Novemberabend des Jahres 1792 und draußen ein Wetter, daß man keinen Hund, viel weniger einen Gensdarm hinausgejagt hätte. Ein eiskalter Nordost wirbelte die Schneeflocken in der Luft herum, daß man die Hand vor den Augen nicht sah, und die uralten Pappeln und Erlen, die um die Mühle standen, seufzten und knarrten, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Drin in der Mühle sah es desto behaglicher aus. Da lag der Entenmüller in seinem Sorgensessel, die Brille auf der Nase, die dampfende Ulmerpfeife im Munde und buͤchstabirte das Wochenblatt. An dem massiven Tisch saß die Entenmüllerin, vor sich eine große Schüssel voll Linsen, die sie bedächtig auslas, während zu ihren Füßen ein etwa sechsjähriger Bube mit Türk, dem Haus- und Hofhund, sich herumneckte; auf der andern Seite lehnte die alte Annemarie nickend am Spinnrad und riß nur von Zeit zu Zeit die Augen weit auf, um sie dann gleich wieder träg zuschnappen zu lassen. Es war übrigens der Annemarie kaum zu verargen; es war so still in der Stube, die alte Kuckucksuhr tickte so eintönig in ihrem schwarzgeräucherten Kasten und das Mühlrad klapperte so ewig und einerlei die alte Weise, daß Einem, so zu sagen, von selber die Augen zufallen mußten. Plötzlich räusperte sich der Entenmüller dreimal. Die Annemarie fuhr rasch auf; auch die Entenmüllerin wandte halb den Kopf herum. Das dreimalige feierliche Räuspern war allen wohlbekannt; es bedeutete, daß der Entenmüͤller etwas zu sagen habe.— „Hat sie den Säuen gehörig Stroh eingestreut?“ wandte er sich, die Brille emporrückend, an Annemarie. „Ich hab' zwei tüchtige Aerm' voll hineingeschmissen,“ war die Antwort. „'s ist recht so, lieber zu viel, als zu wenig— die Franzosen haben auch wieder drunten im Niederland eine Bataille gewonnen;“ setzte er ganz in demselben Tone bei. „Gegen wen?“ fragte seine Frau, neugierig aufhorschend. „Die Kaiserlichen,“ brummte er lakonisch, und die Brille herunter— ziehend, vertiefte er sich wieder in sein Wochenblatt. „Wenn die Welschen nur nicht zu uns kommen— ach, du lieber, allmächtiger Gott!“ ächzte die Müllerin. „Ach, Herr Jeses!“ krächzte die Annemarie.. Es war wiederum still in der Stube geworden. Der Müller hatte die Zeitung zusammengefaltet und blies, mit den Fingern auf der Sessellehne trommelnd, gewaltige Dampf— wolken von sich weg. Seine Frau schien ebenfalls an einem an⸗ haltenden Gedanken zu laboriren und nur die Annemarie nickte wieder, in seliger Vergessenheit der Welschen wie der Kaiserlichen, hinter dem Tisch. f Auf einmal donnern drei Schläge an das Hofthor wie ein tausendfach verstärktes Räuspern des Entenmüllers! Türk springt knurrend gegen die Thür; mit einem gellenden Schrei windet sich Annemarie aus den Armen des Mohngottes, auch die Müllerin flüstert ein hastiges:„Heilige Mutter Gottes!“ Nur der Enten müller blieb ruhig sitzen. „Wer kann das sein, Andres?“— meinte sie endlich. „Weiß nit,“ antwortete er, nach der Mütze greifend, und verließ, von Türk begleitet, die Stube. Den Hund an sich lockend, schob er behutsam den Riegel zurück. Er war zwar ein beherzter Mann, der Entenmüller, aber es war damals eine bitterböse Zeit, dazu noch Nacht und die Mühle ab— gelegen. Den Kopf vorbeugend, sah er sich nach dem Störenfried um, doch der war weder zu sehen noch zu hören. Nur der Schnee wirbelte stöbernd über die Felder, und die Pappeln und Erlen ächzten wie klagende Geisterstimmen. Schon wollte er mißmuthig das Thor wieder schließen, als er zu seinen Füßen im Schnee einen dunkeln Gegenstand bemerkte, den Türk schnuppernd beroch. Er bog sich vorsichtig nieder: es war ein Korb, ein gewöhnlicher Weidenkorb, mit einem Pelz bedeckt. „Was soll da drin sein?!“ dachte der Entenmüller; dann ließ er, seiner Lieblingszahl getreu, seine mächtige Stimme dreimal in die tobende Sturmnacht hinausdringen.— Keine Antwort— Alles blieb still. Den Korb nehmend, verriegelte er das Thor und kehrte in die Stube zurück. „Was bringst Du denn da?“ rief ihm seine Frau gespannt entgegen. „Weiß selbst nit;“ und er stellte seine Bürde auf den Tisch und zog den Pelz weg. Auf einem Genist von allerlei Lumpen und Lappen lag ein Kind, von der Kälte halb erstarrt; es mochte zwei Jahre alt sein. Seine blauen Lippen und wachsbleichen Wangen, sowie die dunklen Ringe um die eingefallenen Augen ließen glauben, daß es bereits erfroren sei. Die Frau stieß einen leisen Schrei aus und selbst der starke Müller fuhr überrascht zurück. „'s ist todt!“ rief sie erschrocken. „'s lebt,“ gegenredete er, die Hand auf das Herz des Kindes legend;„mach' Milch warm und sorg' für ein Bett.“ „Was wollen wir denn aber mit dem Kinde anfangen?“ fragte die Frau ängstlich, nachdem ihr erster Schreck vorüber war. „Weiß noch nit; zuerst wollen wir einmal das Würmchen wieder lebendig machen,“ meinte er, das Kind sorgsam entkleidend. „Und hernach?“ forschte sie hartnäckig weiter. „Kommt Zeit, kommt Rath!“ schnitt er kurzweg ab. Mißmuthig trat die Frau an den Korb zurück, den Inhalt desselben Stück um Stück herausnehmend. „Etwas Extra's ist's nit; nix wie alte Lumpen und der Pelz“ — sie hielt ihn prüfend gegen das Licht—„er hat auch schon seine besten Haare verloren!“ N „Ein Grafenkind wird's freilich nit sein;“ brummte der philo⸗ sophische Entenmüller,„aber doch ist's auch kein Heidenkind— guck!“ und er hielt ihr ein kleines Kreuz von Messing entgegen, das an einer schwarzen Schnur um des Kindes Hals hing. „Gott Lob und Dank!“ rief die Müllerin, fromm sich bekreuzigend. „Schau her, Andres!“ stieß sie hell heraus;„da hat ein Papier dabei gelegen.“ Der Entenmüller hielt es an's Licht, dann setzte er bedächtig die Brille auf die Nase. Es war ein schmutziges Blatt und ent— hielt, von zitternder Hand geschrieben, nichts als die Worte:„Er— barmet Euch meines Kindes um Gottes Willen!“ Große Flecken— vielleicht Thränen— hatten die Schriftzüge fast unleserlich gemacht. Der Entenmüller stand lange am Tisch, bald das Papier, bald das noch immer leblose Kind betrachtend. „Wie wollen wir's denn machen, Andres?“ unterbrach die Frau zuletzt das Stillschweigen. „Wir müssen ihm wieder Milch eingeben,“ lenkte er ab. Diesmal schien der unterbrochene Lebensstrom seinen Kreislauf wieder beginnen zu wollen, sich streckend blickte der Findling verwundert um sich, dann brach er in ein kräftiges Weinen aus.„'s war die höchste Zeit,“ meinte der Entenmüller, das Kind in seinen Armen wiegend. „Ein schönes Kind ist's,“ gestand seine Frau, den neuen An⸗ kömmling musternd. Und es war wirklich ein schönes Kind. Sein seidenweiches, goldenes Haar und die großen tiefblauen Augen hätten jeden Andern als die ehrlichen Müllersleute an die wundersamen Engelköpfe der altdeutschen Maler erinnert. „So, jetzt braucht's Ruh'— willst Du's zu Dir nehmen!“ Der Entenmüller sah sein Weib stillforschend an. „Aber, Andres,“ fuhr sie auf; sie wollte gewiß etwas Hartes sagen. „Halt ein, Mutter!“ Der Müller rief's ängstlich und seine Augen nahmen urplötzlich einen traurigen Ausdruck an. Er gri rasch auf das Gestell über dem Ofen und brachte die Bibel herunter. Eine Weile darin blätternd, richtete er einen langen, festen Blick auf seine Frau, dann las er mit bewegter, tief ausdrucksvoller Stimme: „Ich bin hungrig gewesen, und Ihr habt mich nicht gespeiset, — 1 0 7 269. Auf Posten. Originalzeichnung von R. Warthmüller. N 8 1 9 = f 2 270 ich bin durstig gewesen, und Ihr habt mich nicht getränket, ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich nicht bekleidet. Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch, was Ihr nicht gethan habt Einem unter diesen Geringsten, das habt Ihr auch Mir nicht gethan!“ Langsam schloß er das Buch. „Soll ich es jetzt zu mir nehmen, Sophie?“ er fragte es nach einer Weile, wehmüthig lächelnd. Ein stilles Weinen schlug an sein Ohr, und rasch sprang er auf.„Ich hab's gewußt;“ sich nieder⸗ beugend, schlang er seinen Arm um sie. „So, jetzt geh, Mutter! Das Kindlein will Ruh“— und er drängte sie sanft zum Fortgehen. „Und Du, Andres?“ gab sie zurück, mit mütterlicher Sorgfalt den Findling einhüllend. „Geh' nur! ich komm gleich.“ Sie ging bis zur Thüre, dann blieb sie nochmals stehen. „Bist Du mir auch nicht böse?“— sie fragte es schüchtern. Der Entenmüller trat dicht vor sie hin, seine Hand legte sich auf ihre Schulter, sein Auge senkte sich tief und voll in das ihre. „Bist Du's jetzt zufrieden?“ lächelte er und seine Stimme zitterte. Mit dem Kopf stumm nickend, wandte sie sich weg. Die Thür hinter sich schließend, stand der Mann noch eine Weile da, dann trat er in die Stube zurück und den Sessel zum Ofen rückend, die Pfeife frisch anzündend, versank er in ein träumerisches Sinnen. Es mochten allerlei Gedanken sein, die sich der Enten⸗ müller an diesem Abend gemacht hat, denn mehr als einmal zuckte es wie ein Wetterleuchten über sein sonst so ruhiges Gesicht und seine mächtige Faust ballte sich zusammen, als wollte sie etwas zer⸗ malmen. Dann aber ward seine Miene wieder fast schwermüthig weich und die geschlossenen Hände falteten sich wie zu einem stillen Nachtgebete. Er griff nach dem Papier.„Erbarmt Euch meines Kindes um Gottes Willen!“ las er. Sein Auge ruhte forschend auf den Buchstaben. „Soll sie geweint haben?“ murmelte er in sich hinein; dann stand er auf und durchschritt langsam die Stube. Er stritt einen Kampf. Er blieb stehen; er nahm abermals das Blatt zur Hand. „Erbarmt Euch!“ wiederholte er;„erbarmt Euch!“ Plötzlich richtete er sich hoch auf, seine Hand hob sich wie zu einem Gelöbniß:„Ja, wir wollen uns erbarmen! Gott walt's!“ Das Kind war zur Vorsorge noch einmal getauft worden und hatte den Namen Cäcilie Schneekorb erhalten: ersteren, weil es auf den Cäcilientag, letzteren als Anspielung auf die Art und Weise, wie es gefunden worden war. Bei guter Kost und Pflege wuchs die kleine Cäcilie, oder wie sie genannt ward: Zilly, lustig auf. Eine eigene Gewohnheit war es bei dem Mädchen geworden, daß sie, sobald sie saß, mit den beiden Zeigefingern auf dem Tische oder der Bank eine Art von Takt schlug und sie konnte ganze Zeiten lang bei diesem einförmigen Spiele verweilen. „Ei, Du bist ja ein wahres Hämmermäuschen,“ hatte einmal die Annemarie gesagt. Jakob, Zilly's Pflegebruder, fing den Aus- druck auf; er trug den neuen Namen in die Schule unter die Buben und Maͤdchen und— wie es im charakteristischen Zug des Dorf— lebens ist— in kurzer Zeit schien der Name Zilly vergessen und Jung und Alt kannten hinfort den Findling in der Entenmühle nur noch als„Hämmermäuschen“. So war im Flug der Zeit das Jahr 1810 herbeigekommen. In der Mühle hatte sich seitdem Vieles geändert. Die Müllerin war schon vor Jahren gestorben und seit ihrem Tode war es im Hause noch stiller geworden. Die alte Annemarie fing auch nach und nach an, auf den Knochen stumpf zu werden und es hätte wohl hinten und vorn gehapert, wenn Hämmermäuschen nicht dagewesen wäre. Die aber führte das Regiment mit gar fester Hand und suchte dem alten, recht grau gewordenen Entenmüller den Verlust seiner heimgegangenen Haus- ehre allerwegen zu ersetzen. Jakob war auch ein handfester Bursche geworden und ein sauberer dazu. Durch die besondere Verwendung alter Spezial des Entenmüllers einer- und des Rekrutirungskommissärs anderseits und durch den ferneren Umstand, daß Jakob das einzige Kind war, hatte man ihn zur Reserve eingereiht, was damals, wo ein Soldat von vornherein sich schon als halbtodt ansehen konnte, keine geringe Begünstigung war. Doch der Jakob hätte sich aus des Dorfschulzen oder wie der Mann jetzt hieß: Maire, der ein dem Marschiren so arg viel nicht gemacht. Von dem Naturell seines Vaters hatte er keinen Funken. Der alte Entenmüller hatte immer gemeint: der Jakob käme ganz auf seinen Onkel Tobias, einen Stiefbruder des Entenmüllers, heraus. Dieser Onkel Tokias war nämlich auch von Kindesgebeinen auf so ein wilder, unstäter Gesell gewesen, schon als blutjunger Kerl in die Welt hinausgelaufen und im siebenjährigen Kriege anno 57 bei Collin als Schmettau Dra⸗ goner todtgeschossen worden. „Von mir hat er's ganz gewiß nicht geerbt und ebenso wenig von seiner Mutter selig;“ schloß der Entenmüller regelmäßig seine psychologisch-genealogische Betrachtung. Der Jakob war schon bei Zeiten ein Wildschütz geworden wie kaum einer. Die weiten Forsten, die um die Mühle lagen, hatten schon den Knaben zum Beerenlesen und zum Vogelfang hinaus⸗ getrieben; den Jüngling lockte die lustige Wildbahn. Die Jagd-. hüter ertappten ihn endlich einmal und er ward, weil der Wald kaiserliche Domäne war, streng bestraft. Mehr als die bedeutende Geldbuße schmerzte den alten Vater die Gefängnißhaft. „Noch Keines von uns war je im Gefängniß, seitdem wir auf der Entenmühle sitzen,“ antwortete er der Annemarie, die ihn zu trösten suchte, und ein unsagbares Weh zitterte aus seiner Stimme. Den Jakob ertappten sie nimmermehr; er zeigte sich jetzt in dem Geschäft rühriger denn je und man glaubte ihn von seiner Waid⸗ lust geheilt. Wenn aber die Nächte kamen, wo die Windsbraut durch die Wälder raste, wie ein Heerzug toller Geister, wo der Mond, nur zeitweise aus den düstern Wolkenschatten hervortretend, seine zitternden Streiflichter auf die öde Landschaft warf, da schlich Jakob zur Hinterthür hinaus. Sein Falkenauge und seine Erfahrung ließen ihn die lebenden Thiere des Feldes bald finden, und dann krachte die Büchse des Wildpretknappen wie das Jauchzen eines Todesengels in den Aufruhr der Elemente hinein. Nicht der Gewinn war es, der ihn hinaustrieb, wohl aber ein mächtiger, angeborener Trieb, als Freibeuter dem Gesetz und der Gesellschaft den Fehdehandschuh hinzuwerfen, um in diesem ungleichen Kampf zu stehen oder zu fallen. Leise war unterdessen Hämmermäuschen zur Jungfrau aufgeblüht. Sonderlich schön war sie eben nicht geworden, aber über ihr ganzes Wesen lag es wie ein rosiger Morgenduft von Milde und Frauen. würde. Wer einmal in diese tiefblauen Augensterne gesehen, wer einmal dem Klange dieser weichen Stimme gelauscht hatte, der ver gaß sie so bald nicht wieder. Und merkwürdig, je mehr sich das Mädchen aus dem nüchternen Alltagsleben ihrer Umgebung in sich selbst zurückzog, wie in eine traumhafte Oase, desto mehr zog sie mit unbewußter Gewalt die Menschen zu sich heran, wie jene sagenhafte Lorelei, die ja auch die Schiffer mit endlosem Liebesweh geschlagen hat. Jakob allein schien den stillen Zauber seiner Pflegschwester nicht zu fühlen. Sein Be · nehmen gegen sie war ein theilnahmloses, schier rauhes zu nennen, aber— doppelt merkwürdig— hier schien ein umgekehrtes Ver⸗ hältniß zu walten. Je mehr sich Hämmermäuschen als versöhnendes Element, als friedebringender Engel in Jakobs schroffes, zerfallenes Wesen ein⸗ senken wollte, desto weiter wich er grollend aus dem Lichtkreise ihrer Nähe in die Nachtschatten seiner eigenen, düsteren Natur zurück. Er war einmal auf einer seiner Streifereien mit einem andern Wild⸗ schützen bekannt geworden, einem verwegenen, gefährlichen Menschen. Mit der ganzen Leidenschaft seines vollkräftigen Charakters, der hier zu finden glaubte, was er zu seiner Befriedigung, gleichsam zu seiner Ergänzung bedurfte, schloß er sich an Jost— so hieß jener— an. In einer Nacht, wo beide wieder zusammen jagten, machte Jost Jakob den Vorschlag, Schmuggler zu werden. Der Schleichhandel stand damals in voller Blüthe. Gewaltthätigkeit erzeugt wieder Ge⸗ waltthätigkeit, das bleibt eine ewige Wahrheit. Kaffee, Zucker und Taback hatten, in Folge der napoleonischen Handelspolitik, einen für die ärmeren Klassen geradezu unerschwinglichen Preis erreicht. Man konnte oder wollte sich aber trotzdem von den einmal lie gewordenen Genüssen nicht trennen und so trat denn der Schmuggel als ver- mittelndes Glied dazwischen. Auf diesem Wege ward der verbotene Apfel erreichbar und um die unheilsvollen Folgen kümmerte man sich eben nicht. Das ganze nordwestliche Deutschland zwischen den Ausflüssen der Ems, Weser und Elbe, mitsammt den alten Freistädten Hamburg, Bremen, Lübeck, war kurz zuvor dem französischen Staatsverband . 271. — einverleibt worden. Der Schleichhandel, der an diesen Küsten und von diesen Städten aus mit England getrieben wurde, mußte dieser Gewaltthat zum Vorwand dienen. Schon vier Jahre vorher hatte Napoleon das berüchtigte Dekret der sogenannten Kontinentalsperre erlassen, um damit, wie er glaubte, England zu vernichten. Dieses Dekret lautete aber nicht blos auf dem Papiere so drakonisch; es ward auch in der Wirklichkeit und wo möglich noch strenger befolgt. Eine doppelte und dreifache Kette von Zollbeamten und Gensdarmen umzäunte bei Tag und bei Nacht gleich einer chinesischen Mauer die Grenze. An den Küsten und Flußmündungen kreuzte eine Flotte von Wachtkuttern. Doch alles umsonst. Zwischen ihnen durch, an ihnen vorbei schlüpften bei Nacht und Nebel die englischen Schmugglerböte und die deutschen Schleichhändler. An verabredeten Punkten landend, wurden jene von ihren Verbündeten erwartet; rüstige Hände luden geräuschlos die Fracht aus, an ver⸗ borgenen Orten sie aufstapelnd, bis sie in unendlichen Bruchtheilen blündel⸗ und ballenweise in's Innere des Landes weitergeschafft wurde, der Wasserfluth vergleichbar, die sich in tausend und abermals tausend Kanäle und Gräben vertheilt und, ein dicht verflochtenes Adernnetz bildend, zuletzt tropfenweis versickert. (Fortsetzung folgt.) Lose Blätter. Das menschliche Auge und Ohr. Das Auge eröffnet uns zwar die ganze Welt, aber nicht unmittelbar; es eröffnet uns streng genommen nur eine Kugelschale um uns herum, alles Uebrige bekommen wir durch Schlüsse. Daher können wir uns hineinlügen in eine Zeichnung, wenn wir von Anderem absehen. Habe ich im Theater eine Dekoration gesehen und mich an die Vertiefung gewöhnt, und es fällt ein Zwischenvorhang herunter, so denke ich, die Schauspieler haben kaum Platz, da zu stehen; es dauert aber nicht lange, so scheint mir der Raum tiefer und tiefer zu werden, wie man es nur will. Das eigentliche Sehen ist streng genommen nur ein Hervor⸗ rufen von Vorstellungen von Dingen außer mir; wo sie sind, das sind Schlüsse, die wir kombiniren, und sowie wir in diesen Schlüssen uneinig werden, verlieren wir die Sicherheit des Urtheils. Im Allgemeinen also ist der Sinn des Auges einer, der uns nur Richtungen giebt, und in dieser Beziehung ist das Auge ganz anders als das Ohr. Man hört um die Ecke, aber man sieht nicht darum; das Auge ist peripherisch, hat aber keine Richtung. Die beiden Sinne ergänzen also einander; das Ohr macht uns aufmerksam auf eine Gefahr, die von hinten kommt; das ist der Vorzug des Ohres vor dem Auge. Das Auge steht dem Ohre auch darin nach, daß das Ohr, wenn wir schlafen, viel schärfer wirkt. Ich kann mich durch einen Ruf wecken lassen. Allerdings, wenn es plötzlich sehr hell auf meine Augen scheint, werde ich auch erwachen. Die Vorstellungen aber, die das Gehör giebt, genügen uns nicht; wenn wir erwacht sind und uns orientiren wollen, so müssen wir die Augen aufmachen. Noch steht das Auge dem Ohre darin nach, daß wir im Ohre ein viel weiter gehendes Unterscheidungs⸗ mittel haben als im Auge. Habe ich eine Reibe von Stäbchen neben⸗ einanderstehen, deren Enden eine gewisse Kurve bilden, und eine zweite solche Reihe, welche eine andere Krümmung giebt, und ich stelle diese beiden aufeinander, so kann Niemand scharf herauserkennen, welches System sie hervorbringen. Ein Musikdirektor in einem Konzertsaale, wo 50 Instrumente gespielt werden, sagt ganz bestimmt: Sie haben falsch gespielt.“ Auch hat das Ohr eine weikere Sphäre; wir hören etwa 10 Oktaven; die höchste Farbe dagegen, das Violet, ist noch nicht einmal um eine Oktave, nur etwa um eine Septime von der tiefsten Farbe, dem Roth, entfernt. Also liegen die Grenzen beim Auge verhältnißmäßig viel enger zusammen als beim Ohre. Dr. A. B. Es schickt sich nicht. Jeder weiß, daß das Ceremoniell des spanischen Hofes zu den größten Tollheiten gezählt werden muß, die ein menschliches Gehirn ausbrüten konnte. Ein König erstickte fast, weil der Höfling eine Kohlenpfanne nicht hinausschaffen oder das Fenster öffnen durfte. Eine Oberhofmeisterin kam außer sich, daß eine Manufakturstadt der Königin ein paar kostbare Strümpfe schenken wollte.„Königinnen haben keine Beine!“ rief sie zornig aus. Jedoch denken die Wenigsten daran, wenn sie dem„Es schickt sich nicht“ folgen, daß sie ihre Freiheit opfern, ja, einem nichtigen Götzen„Vorurtheil“ Hekatomben opfern. Lionel Mansfield war ein Gentleman durch und durch, aber nicht besonders mit Glücksgütern gesegnet. Da schien die Glückssonne zu lächeln; denn ein reicher Onkel, ein früherer Seemann, schrieb ihm:„Herr Lionel Mansfield wird ersucht, morgen seinen alten Oheim zum Frühstück zu besuchen.“ Ein Postscriptum forderte ihn auf, Weintrauben mitzubringen. Wer den alten Seebären kannte, wußte, ein solches Schreiben sei einem, guten Testamente gleich- uachten, doch habe sich Lionel mit den Weintrauben einzufinden. Der un Gentleman macht sich also am folgenden Tage auf den Weg und spricht bei einem Obsthändler vor. Die Weintrauben sind zwar sehr selten, er findet jedoch einige von ausgezeichneter Güte. Er kauft sie und ersucht den Obsthändler um einen Träger.„Ich bin allein,“ entgegnet derselbe, „besitze auch keinen Burschen. Ich werde jedoch die Trauben in das zier⸗ lichste Körbchen legen, daß es Sie nicht zu geniren braucht.“—„Was denken Sie sich?“ ruft Lionel aus.„Ein Gentleman sollte mit einem Körbchen über die Straße gehen? Niemals! Das schickt sich nicht, die Regeln des guten Tones verbieten es.“ Mit den Worten verließ Lionel den Laden, ging nicht zum Frühstück seines Onkels, der, darüber grollend, ihn enterbte, und tröstete sich damit, er habe als Gentleman nicht anders handeln können. W. 6. Der Nordhäuser Kornbranntwein ist eigentlich eine Erfindung der Araber. Schon sehr früh kam dieser Branntwein als sogenanntes Lebens⸗ elixir nach Europa. Es sollte derselbe damals ein Universalmittel gegen Nieren- und Herzleiden, gegen Gicht und Entzündungen jeder Art, gegen kalte und hitzige Fieber, ja, gegen die Einflüsse der Zauberer und Hexen sein. Die Nachahmung dieses Lebenselixirs wurde in der Mitte des sechs⸗ zehnten Jahrhunderts zuerst in der freien Reichsstadt Nordhausen mit solchem Erfolge veranstaltet, daß der orientalische Branntwein aus den Apotheken verschwand und man an seiner Statt Nordhäuser Korn ver⸗ schänkte. Im 17. Jahrhundert hatte sich dieser Branntwein über ganz Deutschland verbreitet; doch behielt Nordhausen die Führung in der Brennerei, da hier selbst in Hungerjahren, in denen der Verbrauch des Getreides zu Branntwein im übrigen Deutschland verboten war, Korn gebrannt wurde. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts stieg die Anzahl der Branntweinbrennereien in Nordhausen auf 80; jetzt sind 68 daselbst vorhanden. W. G. Charlotte Saqui, die im Jahre 1863 hochbetagt gestorbene Seiltänzerin, war in Paris eine der populärsten Gestalten. Seit der ersten Republik hatte sie jedes Fest durch ihre bewährte Geschicklichkeit und Grazie ver⸗ herrlicht. Bei der Taufe des Königs von Rom tanzte sie auf einem Seile, das zwischen den Thürmen der Notre⸗Dame⸗Kirche gezogen war. Auch in⸗ mitten von Feuerwerken erschien sie. Napoleon I. ließ ihr dies verbieten; sie erwiderte darauf:„Der Kaiser mag seinen Grenadieren befehlen, aber es uns überlassen, unser Leben für unseren Ruhm zu wagen.“ W. G. Der Biber war vor seiner Einschränkung durch die Kultur vielleicht das verbreitetste Thier in Nordamerika: er bewohnte vom Hudson bis zum San Sacramento, vom Mackenzie bis nach Mexiko alle Binnengewässer. Ueberall in Nordamerika findet man die Spuren der Reste alter Biber⸗ bauten, Dämme bis zu 800 Meter Länge, mit denen die fleißigen Thiere das Thal durchzogen, das Wasser anstauten, den Wald zum Absterben brachten; so schafften sie sich freien Raum und legten in dem selbstgebildeten See ihre Bauten an. Noch viele dieser Seen, Flächen von 10 bis 15 Hek⸗ taren, sind vorhanden. An den Quellen des Ford am Südufer des Obern Sees trifft man in/ Meile 15 solcher Wasserflächen hinter einander, das Gebiet des bei Marquette in den Oberen See fallenden Chokolade⸗Baches, der nur 1¼ Meile lang ist, zählt etwa 200; westlich von Marquette an den Quellen des Ford und des Eskonaba, auf dem Raum von ¼0 Qua⸗ dratmeile, liegen 70 Biberteiche von 1—25 Hektaren Flächeninhalt nahe beisammen. So haben diese Thiere einem großen Theil der Bodenfläche ein verändertes Aussehen gegeben. Ja selbst wenn nach dem Aussterben der Thiere ein Damm reißt, das Wasser des Teiches sich entleert, gehen die Spuren nicht verloren; es bilden sich grasreiche Wiesen,„Biberwiesen“, schöne Unterbrechungen in den dichten Urwäldern, ein Tummelplatz für die zahlreichen Hirsche, für die Kolonisten bequem zur Gewinnung trefflichen Heues.— Die Biber haben sich nicht nur mit der Herstellung von Dämmen begnügt, sie haben auch in den feuchten Morästen Kanäle zu bequemer Passage für sich und zum Holztransport gegraben, und diese Kanäle sind jetzt, nach dem Durchbruch der Dämme, nützliche Entwässerungsgräben für das Land; die indische Sage hat Recht, wenn sie berichtet, der große Geist habe dem Biber das Aufsichtsamt über die Gewässer gegeben.— Aus dem Schildkröten⸗See fließt im Osten der Chokolade-Bach nach dem Oberunsee, im Westen führt ein Biberkanal zu den nahen Quellen des Esconaba, der in den Michigan fällt; eine kleine und doch für die leichten Kähne des Landes benutzbare Verbindung zweier Wassergebiete. Kein zweites Thier ist in der Schöpfung vorhanden, welches eine so wesentliche und nachhaltige Einwirkung auf die Gestaltung der Erdoberfläche ausübt, ja selbst auf die Veränderung des Klimas einen Einfluß gewinnt; denn durch das Austrocknen von Sümpfen oder durch Verwandlung nasser Waldgründe in offene Seen oder in Wiesenflächen ist das rauhere Klima sicher gemildert worden. Der Fächer, den die Florentiner der Königin Margherita zum Geschenke darbrachten und der am 20. April d. J. ausgestellt war, kostet 4000 Lire. Er besteht aus weißem Atlas und hat zum Grunde Ebenholz mit Gold⸗ verzierung. Auf dem Zeuge hat der Maler Elia Volpi eine Abendlandschaft mit einer Frauengruppe gemalt, deren Mittelpunkt die Königin selbst in idealem Kostüm bildet. Barmherzigkeit, Hoffnung, Glauben, Liebe und Weisheit umgeben sie. Im Hintergründe sieht man sieben andere allegorische Figuren. Ueber das Haupt der Königin hebt der Genius Italiens einen Blumenkranz. W. G. Die Ehe als Selbstmord.„Freund,“ sagte Jemand zu einem Manne, welcher eben Bräutigam geworden war, mir scheint es von Dir ein höchst gewagtes Unternehmen, daß du als hoher Fünfziger die sechszehnjährige Fanny heirathest.“—„Nun,“ erwiderte ruhig der Andere,„in meinen Fahren ist die Ehe wohl immer eine Art Selbstmord; da es aber nun einmal so ist, so will ich mich doch lieber mit einem blanken Dolch, als mit einer verrosteten Ofengabel umbringen!“ 8 M. Gute Wahl. Ein Gymnasiast, welcher sich gegen einen seiner Lehrer vergangen hatte, wurde von diesem gefragt:„Was werden Sie vorziehen, acht Tage Karzer, oder meine Verachtung?“— Dann werde ich ergebenst um Ihre Verachtung bitten,“ war die Antwort des Schülers. M. Rösselsprung. im ser uns sern nen schen⸗ stes uns preist un⸗ eins herz glück kann kön- geist un⸗ rei⸗ tzen bei⸗ men⸗ oft je⸗ höch⸗ stü- nur auf nen nes de nicht ser ih⸗ auf vor uns schü⸗ glau-[als sich'⸗ ver⸗ 1155 ben wo⸗ chel er die ben le⸗ ren im ben tod tzen wir ben le⸗ der⸗ und sta⸗ rauf rau⸗ dem das Arithmogriph. Aus folgenden Ziffern sind 26 Worte zu bilden, deren Anfangs- buchstaben, von oben nach unten gelesen, ein Sprichwort ergeben: 12 13 4 5 3 6— Ein männlicher Vorname. 78 45 95— Eine der ionischen Inseln. 3 11111— Eine Blume. 10 6 111 10— Ein dänischer Dichter. 12 3— Ein altes Adelegeschlecht in Genua. 1 13— Name eines verstorbenen Walzerkomponisten. 1 2 O A 9 1 70 — O 0 1 5 4 3 5 8— Fluß in Vorderasien. 1113— Eine kussische Münze. 3 17 1 13 1 10— Dorf am Vierwaldstätter See. 12 13 13 12— Ein Gott der alten Griechen. 15 14— Biblischer Name. 1 14 18 5 13 2 6 12 10 7 1 10— Australische Insel. 5 20 2 1885— Verstorbener französischer Staatsmann. 3 7 2 — 82— 15 1 0 11118— Seehandelsplatz Oesterreichs. 12 13 72 3 7— Ein Vogel. a 7 11 5 2 18 4— Weiblicher Vorname. 19 2113— Ein Gewürz. 3 12— Name eines römischen Kaisers. 23 178 118 17 10— Festung am Rhein. 3 7 19 3 5 8 4— Verstorbener deutscher Dichter. 10 12 10— Gebirge in Syrien. Berg in Tirol. 108— Ein Dickhäuter. 7 10 1— Seidenartiges Gewebe. E 13 10 1 0 O Badeort in Sachsen. Bekannte Operette. 22— 22—— 22— 2 2. Logogriph. Beliebst du mich mit B zu schreiben So rath ich dir, Freund, laß mich bleiben, Die Folgen sind für dich nicht gut, Und darum sei auf deiner Huth, Sonst kannst du nimmer mir entflieh'n, Wenn ich mit S geschrieben bin. Auflösung des Silben-Rätksels in voriger Nummer: Richard Wagner, Bayreuth, Wahnfried, Nibelungenring, Tristan, Parsifal. 1. Rubin. 2. Jeusssei. 3. Cherub. 4. Agatbe. 5. Rohrdommel. 6. Donau. 7. Wodau. 8. Augeburg. 9. Gethsemane. 10. Newton. 11. Eger. 12. Nienzi. 13. Beethoven. 14. Andreasberg. 15. Yvetot. 16. Räuber. 17. Eboli. 18. Uranus. 19. Teut. 20. Havanna. 21. Wollin. 22. Aes⸗ culap. 23. Hansa. 24. Namur. 25. Fabricus. 26. Rimini. 27. Josef. 28. Elba. 29. Düppel;— der viersilbigen Charade: Kammermädchen;— des magischen Quadrats: 0 2 0 N e o M A R NAR R 1) e2-e eI—e5 15) De2—g4 82381: 2) 8g1-f3 Sbs-es 16) Talfl: h7—b5:) 3) 851—ez Se8 f 17) Dg-g3 14816 4) LfI-bõ LI8—b4 18) 8d2—13 Kas- b 55 0-0 60—0 19) St3—g5 118—g8 6) d2- ds d- dé 20) bah) 1728-27 7) Lbö-es: b7-c6: 21) 111-13 Ta8S-g8 8) Lel-dz Les—g4 22) D320 Dié—ds 9) 2—b3 Lga4—h5 23) f5—g6. 17—g6: 1 10) Ses e? Load. 24) 82517 1 g7 1H, 11) 813-42: Lhö—e2: 25) 13—f7. 7ꝗgS ess) 12) DdI—e2: 97—g6 26) D2—g3 Tes- g86) 13) 2—141) StEb5 27) Dg3Z3—eg 86— 898 14) 4—f5l 8b5-g3 28) Des f aufgegeben!) Sch ach. Partie Nr. 265, gespielt im Meisterturnier zu Frankfurt im Juli d. J. Weiß: L. Paulsen. Schwarz: Harmonist. von Zügen berechnete Combination von großer kane Dame spielen 1) Das nachfolgende Qualitätsopfer ist eine Consequenz dieses Zuges, der eine auf eine Reihe Feinheit eigleitet 2) Mit 5d7 und 1 8 7 fel hänte Schwarz unter Aufgabe eines Bauern auf Ab⸗ können. Der Zug im Texte vermehrt die Angriffschancen des Wegners. h7. 86 wäre offenbar verfrüht, die Dame würde wiedernehmen und 817i ginge nicht wegen D17! 40 1786. war hier schon entscheidend, z. B. 22). Dge 23) Dfz fr 451 Unothwendig um 17g6 und Damenverlust zu verhüten] 24) T.: Des 25) Str 717. 26) T. 7. ꝛc. oder 22). vd 13 rung kommt. zwungen, wonach die schwarzen Bauern auf der Damenseite unhaltbar wurden. (750 und 500 Mark) theilen Blackburne und M We von Bardeleben, den fünften und sechsten(200 und 150 Mit) theilen Berger und Ur. 7 5 5 siebenten(100 Mk.) erhält Englisch, den achten(80 Mk.) theilen L. Paulsen und Schal lopp. 0 Schlußtabelle des Frankfurter Meisterturniers. 8(oder e7) 23 Str 7 2) 7: ꝛc. 5 Der einzige Zug; Weiß drohte die Dame nach es und auf g6—25 wieder zurück nach und von da nach 15 zu spielen, eine Drohung, die einen Zug später doch zur Ausfüh⸗ 6 Durch Tes war das Spiel nicht zu retten, Weiß häte mit Das den Damentausch er⸗ 7) Auf 35-84 folgt natürlich O15 und Matt oder Damenverlust 29).. Tg 7] 30) T. Sr at. 2 5 2 E 1——— 8 S 2—————— 2 FC 3 r I S (( —————— 2 8— 2 SY EE —— H—————— S 3 58———— e 8 4——— ö 8 8 8 3 5 1— 2—— 1 2 F 1— E S . F „„„ü U%„% ᷑—˙, ̃ S U‚M V 2 2 ähh 1 SSE S 3358 ö E f N 5 SS S n 2 2 2— 2 382 2 2——— S 2— A 3 S S S S SSE 8 E 32 8 9 5 2 AS S SSD s SS HASAG HNA „ o g DÄ m;, ff, ¼. 2 gie SN SA ASS UI 2== KM Der erste Preis von 1000 Mark fällt demnach an M zie, ten zweiten und dritten en vierten(300 Mark, 2 — 2 5. Aus dem Hauptturnier gingen als Sieger hervor 1) Bauer Wien), 2) Mieses(Lei psig, Richter(Halle), 4) Pappenheim(Frankfurt); den fünften und sechsten Preis wet Barnes 5 rankfurt) und Neustadl(Prag). Druck und Verlag der„Vollks-⸗Zeitung“, Akt.⸗Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105. —