. F e r. l 1 n W 1 1 5 4 Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. zu den Oberhessischen UMachrichten. Nr. 25. Gießen, den 19. Juni. Die Lindenblüthen. Erzählung von Georg Hartwig. Gortsetzung.) Der Assessor kehrte in den Saal zurück. Es war noch nicht ganz acht Uhr. Sein Blut begann zu kochen vor Erregung, seine Schläfen pochten vor Ungeduld. Ohne es selbst zu wissen, zog er sich immer weiter von den Vorderplätzen zurück, immer näher an die Ausgangsthür und plötzlich befand er sich draußen im Freien, als habe ihn Jemand mit Gewalt hinausgezogen. Den Hut tief in die heiße Stirn gedrückt, schritt er planlos auf der Straße auf und nieder, aber die Strecke Weges, welche er wandelte, dehnte sich, ohne daß Berger sich davon Rechenschaft gab, immer mehr nach Osten aus, in welcher Richtung das schattige, jetzt vom Mond silberhell beleuchtete Lindenhaus lag. Und da stand er plötzlich neben den duftenden Bäumen und sah hinüber zu den erleuchteten Parterrefenstern, hinter welchen er Erna's liebliches Antlitz so oft mit Entzücken beobachtet hatte. Jetzt waren die Scheiben verhüllt, aber unordentlich, nachlässig, als habe eine unruhige Hand die weißen Vorhänge hastig herabgelassen. War es wirklich möglich, so fragte sich der Assessor hundert Mal, daß eine anscheinend so zart angelegte Frauennatur an einer heim⸗ lichen Liebschaft mit diesem Manne Gefallen finden konnte, dessen Antlitz wilde Leidenschaften und Verkommenheit ihren Stempel auf— gedrückt hatten. Sie sprachen miteinander. Berger hörte den Ton ihrer Stimmen, obwohl er die Worte nicht verstehen konnte. Er kam sich selbst mit— verächtlich vor in seiner augenblicklichen Lage. Schon wollte er den Garten verlassen, als er— war es Täuschung, war es Wahrheit?— einen Schrei von Erna's Lippen zu vernehmen glaubte. Nicht Freude, noch Uebermuth klang daraus wieder, sondern Angst und Schreck. Jetzt sah Berger ihre Gestalt hastig zum Fenster eilen, als wolle sie dort Schutz oder Hilfe suchen, aber ein breiter Schatten trat schneller noch dazwischen. Der Assessor glaubte an seinem eigenen Herzschlag zu ersticken. Was ging da drinnen vor? Was war bereits geschehen? Und hinter den Vorhängen, mit dem Rücken gegen die Scheiben gewandt, stand Erna's einstiger Gatte, in dessen Brust zu spät ein Reuefunken, aber auch dieser bereits wieder mit unlauteren Trieben gemischt, gefallen war. Die Frauen seiner Bekanntschaft, mit welchen er Erna's reinen Glauben so schnell vergiftet, hatten ihm nie ihre Gunst verweigert, daher dachte er auch jetzt nicht daran, den Ab— schiedskuß Erna's entbehren zu wollen. Sie hatte ihm nach langem inneren Kampfe vergebend die Hand gereicht, aber mit dieser ersten Berührung nach so langen Jahren wallte seine ungezähmte Natur nur desto heftiger auf. Er vergaß die Reue über der Leidenschaft. Doch ehe sie an die Brust dieses bürgerlich gebrandmarkten, moralisch tief gesunkenen Mannes auch nur für Sekunden sich freiwillig gelehnt, eher hätte Erna das schmachvolle Geheimniß in lauten Hilferufen vor aller Welt ent— hüllt, ja eher hätte sie den Tod vorgezogen. Zitternd, todtenbleich vor Abscheu und Entsetzen, wie ein schönes Marmorbild, stand sie vor ihrem Peiniger, dem Mörder schuldloser Jugendneigung, die Hände gegen die lautathmende Brust gedrückt. Die Sprache versagte ihr. Nichts wollte mehr über ihre Lippen gleiten als das eine Wörtchen„Nie!“ Aber dieses wiederholte sie mit steigendem Nachdruck und wachsender Energie.„Nie! Nie!“ Er verharrte mit finsteren glühenden Blicken an seinem Platze wie ein Raubthier, das jede Minute bereit ist, sein Opfer zu über⸗ fallen. Die Erinnerung an einstige Rechte erstickte jedes andere edlere Bedenken. „Laß' mir meinen Willen, und ich gehe!“ sagte er gepreßt, denn so schön, so rein, so begehrenswerth war sie ihm nie er— schienen als eben jetzt.„Wer sieht's? Was bringt es Dir für Schaden? Aber mich könntest Du damit zur Vernunft bringen!“ Er ging heftig auf sie zu, um sie mit Gewalt in seine Arme zu schließen. Da schrie Erna auf, zum zweiten Mal und lauter denn zuvor. In demselben Augenblick stand Berger auch schon neben der verschlossenen Thür und rüttelte aran, als müsse er sie zersprengen. Dieses Geräusch gab dem Sinnlosen seine Ueberlegung zurück. Ohne ein Wort weiter zu verlieren oder der Lage zu gedenken, in welche er seine mit einer Ohnmacht ringende Frau gebracht, stürzte er zum Fenster, riß den Flügel auf und schwang sich hinaus. Im nächsten Moment war er hinter den Lindenbäumen verschwunden. Erna, einem erstickenden Angstgefühl instinktiv folgend, schwankte nach der Thür, zog den Riegel zurück und sank dem schnell ein— tretenden Freunde bewußtlos an die Brust. Ihren Ruf zu wahren, ließ Berger Erna, sobald die ersten Zeichen rückkehrenden Bewußtseins sich einstellten, sanft in die Kissen des Divans niedergleiten, drückte ermuthigend und bewegt ihre Hände und verließ sie. So kam es, daß sich die junge Frau, als sie völlig erwachte, ganz unvermuthet allein fand.... Eine Viertelstunde später ward es in dem bis dahin wie aus⸗ gestorben ruhigen Lindenhause sehr lebendig. Die Theaterbesucher kehrten allgemach zurück und gaben ihre Befriedigung über die ge— lungene letzte Vorstellung durch Lachen und heiteres Geplauder zu erkennen. Fast ganz zuletzt langte die Familie von Valingen an. Henny zwischen dem Baron und seiner Mutter. Sie hatte kaum Zeit ge⸗ funden, Ilda flüchtig gute Nacht zu sagen, dagegen ballten sich ihre 8 5 808 8 ff. d ²˙- 194.. kleinen Hände in Schmerz und Zorn heftig zusammen, als sie an von ihrem weichen Handgelenk los, denn sie glaubte es daran brennen Erna Steinbach's Thür vorüberschritten. zu fühlen. Dann sah sie thränenlos und still gefaßt zu Valingen Schon vor der Schwelle ihres Schlafgemachs angelangt, fiel es auf.„Ja, bringe mich morgen schon fort, wohin Du willst, mir der gutmüthigen Baronin ein, sich noch einmal nach dem Befinden ist Alles gleich! Ich bitte Dich darum! Und hier,“ ihr Kinder- 194 der zurückgebliebenen jungen Frau zu erkundigen, vielleicht wollte sie herz quoll doch so unsäglich warm über gegen den eigenen Willen, i damit auch den ersten Sturmausbrüchen ihres sehr thränenreichen„hier ist Dein Geschenk wieder, gieb es an“— sie konnte nicht Lieblings aus dem Wege gehen. vollenden; um ihr jetzt schnell überströͤmtes Antlitz vor ihm zu ver⸗ 5 Sie ging und Henny befand sich nunmehr im gemeinschaftlichen bergen, stürzte sie fort in ihr angrenzendes Schlafzimmer, dessen 9 Wohnzimmer dem Baron allein gegenüber. Letzterer, ohne zu be- Thür sie hinter sich verschloß. 5 merken, daß des jungen Mädchens Augen wie gebannt an seinem In diesem Moment kehrte die Baronin zurück und vernahm 9 abgewandten Antlitz hingen, wandte sich plötzlich und durchaus un- von ihrem Sohn die neueste Heldenthat ihres muthwilligen Lieb- . erwartet mit der Frage an sie: lings. Sie war gleichfalls zu Tode erschrocken bei dem Gedanken, f„Wann warst Du bei dem Dienstbotenvermiether Brinkmann[was Henny auf diesem Streifzuge hätte begegnen können, um so 1 in Liebstadt?“ mehr, als der Baron ganz gegen seine sonstige Gewohnheit sich 5 Sie starrte ihn wie ein Räthsel an. diese Schreckbilder mit selbstquälerischer Phantasie ausmalte. Indessen „Ich wünsche die Wahrheit zu hören,“ sagte er, sehr erregt vor die beruhigende Gewißheit, ihr Pflegekind glücklich und unbeschädigt * ihr stehen bleibend.„Vielleicht an jenem Nachmittag, wo Du durch- zurückerhalten zu haben, milderte die Angst beträchtlich. Sie nannte 5. aus daheim zu bleiben verlangtest?“ das Ganze zuletzt einen Schelmenstreich, eine geniale Laune. Aber * Jetzt war es mit ihrer Fassung vorbei. Sie wollte seine Hand diese milde Stimmung schwand schnell, als ihr der Baron Henny's 3 ergreifen, die er ihr aber ausdrücklich entzog.„Vergieb, ich habe Wunsch mittheilte, morgen schon aus ihrer mütterlichen Obhut ent⸗ * mir nichts Böses dabei gedacht! Der Gedanke war so lustig—“ lassen zu werden. Sie begann bitterlich zu weinen und ihren Sohn 5„So lustig?“ warf er mit einer ihr unbekannten Bewegung der Lieblosigkeit und Ungerechtigkeit anzuklagen. 1 und ohne Erbarmen mit ihren flehenden Blicken ein.„So lustig„Das hat noch gefehlt,“ sagte Gebhard von Valingen, obwohl 1 war es also, Dich in Gefahren zu begeben, die mich jetzt noch, ihm selbst, nun die Ausführung seiner Drohung eine Pflicht ge. 1 wenn ich nur daran denke, mit Angst und Pein erfüllen? So worden, unbehaglich zu Muthe war,„daß Du Henny's Partei gegen lustig, meine zärtliche Aufmerksamkeit zu hintergehen, meine“— er mich ergreifst!“ stockte flüchtig und sah die zitternde reizende Sünderin finster an—„Ich erziehe sie mit Liebe, Du mit Strenge,“ klagte die Baronin, „Sorge mit einer Lüge zu verhöhnen? Ja wohl, mit einer Lüge!“ nach Henny's Gemach schreitend.„Was sind die Folgen? Sie will 1 wiederholte er schroffer, als Henny laut zu weinen begann.„Du fort und ich bleibe allein!“ a 14 hast gezeigt, daß Du den Namen, welchen Du bald tragen sollst,„Nun gut!“ rief der Baron auf's Aeußerste erregt.„So mag i nicht würdigen kannst, das ist schlimm; Du hast gezeigt, daß Dein es sein Bewenden haben. Behalte Henny bei Dir und ich werde Leichtsinn, Dein Muthwille vor keinen Grenzen zurückscheuen, das auf unser altes Stammgut zurückkehren. Dann brauche ich Deine ist schlimmer; aber Du hast mir auch gezeigt, daß meine Zufrieden gänzlich falsche Erziehungsmethode nicht mit anzusehen. Theile ihr heit, meine Zuneigung, meine Bemühungen und Lehren Dich kalt meinen Entschluß mit. Und nun gute Nacht!“ 13 und gleichgültig lassen, das ist am schlimmsten, denn ich sehe hier— Trotz ihres Kummers hatte Henny in der angrenzenden Stube 5 mit meine Macht zu Ende gehen!“ Wort für Wort dieser ziemlich laut geführten Unterredung ver⸗ „Vergieb!“ bat sie, beide Arme ihm entgegenstreckend.„Ich nommen und ihr Schmerz ward durch den Gedanken vermehrt, die habe aus Thorheit gefehlt, es soll nie wieder geschehen, nie, ich Ursache eines ernsten Zerwürfnisses zwischen Mutter und Sohn ge— — rr *—* schwöre es Dir!“ worden zu sein. Sie konnte demnach durch die Liebkosungen der 1„Du allein auf der Landstraße!“ brach es ihm abermals heftig Baronin und deren Versprechen, Alles wieder in das alte Geleise * über die Lippen.„Du der Rohheit und Gefahr ausgesetzt— es zu bringen, nur schlecht beruhigt werden, und obwohl von sorg⸗ * ist empörend! Allein in fremde Häuser zu gehen, Dich der Miß- lichen Händen entkleidet und in die Kissen gedrückt, fand Henny . deutung, dem Spott preiszugeben, Du“— er faßte ihre Hand und heute zum ersten Male in ihrem Leben keinen Schlummer. drückte sie heftig—„die von uns, von mir auf Schritt und Tritt Sie lag mit offenen Augen und rastlos arbeitenden Gedanken. wie ein— empörend!“ unterbrach er sich noch einmal. Wenn sie morgen fortging, betrübte ihr Scheiden das treueste Mutter- Henny hätte ihr Leben darum gegeben, wäre ihr nie der un- herz empfindlich, hinwiederum, wenn sie blieb, verbannte sie den glückselige Einfall gekommen, der gelangweilten Lady Harriet nach- geliebten, ach, trotz aller Vorwürfe nur doppelt geliebten Freund ahmen zu wollen. Es schwebte ihr auf der Lippe, zu ihrer Ent- aus einem ihm sehr werthen Kreise. schuldigung Ilda's Betheiligung an dem thörichten Streich anzu— Was thun? Ihre Unruhe wuchs. Freilich, das Stammgut selbst führen, da der Baron von dieser ersichtlich nicht unterrichtet war, hatte ihrem romantischen Herzen stets besonders wohlgefallen mit aber Großmuth und Freundschaft siegten; sie verschwieg Ilda's Namen seinem altersgrauen Schloß, in dessen Bogenfenstern sich der Abend- standhaft. himmel hinreißend prächtig wiedermalte. Wie majestätisch hallte „Und nun,“ fuhr Gebhard von Valingen fort, ohne seine zür⸗ dort jeder Schritt in den hohen gewölbten Gängen wieder und die nenden dunklen Augen von dem thränenfeuchten Antlitz der buß⸗ vielen Schwalbennester an den steinernen Balkons und den drolligen fertigen Sünderin abzuwenden,„ist es bei mir entschieden. Wir Thürmchen, wie traulich schmückten und belebten sie das schweigsame haben keine Macht über Dich, wie Du gezeigt hast, so soll denn[Gebäude. Dort im Erkerzimmer mit den buntseidenen Tapeten hatte eine fremde Macht Deine Erziehung vollenden. Geschähe es nicht sie neben Valingen so manches Mal die Sonne hinter dem Föhren⸗ aus Rücksicht für Dich selbst, so würde ich Dich morgen schon nach] walde niedersinken sehen und seine Hand dabei fest in der ihren Dresden in die Pension der Madame Augustin bringen, denn der gehalten. Nun würde bald Erna Steinbach diesen Platz einnehmen, Gedanke, daß jener Mann trotz meines Verbotes plaudern könnte—“ er würde sie in seine Arme schließen und— Es begann Henny vor den Augen zu schwindeln. Jetzt hatte Es überdrang Henny glühend heiß. Ihr ganzer Korper war das Schreckgespenst, das drohende, sie doch erreicht. Sie stürzte zu] wie in Gluth getaucht. Sie konnte es in den Kissen nicht länger Valingen, aber er wies sie mit sprechendem Unwillen von sich ab. aushalten oder sie glaubte ersticken zu müssen. Ohne Besinnen sprang Da zog ein anderes gewissermaßen lähmendes Gefühl durch ihre sie zur Erde, riß den Vorhang zurück, öffnete einen Fensterflügel heißschlagenden Pulse, daß sie plötzlich die erhobenen Arme sinken und athmete die mondstrahlende, empfindlich frische Nachtluft der ließ und mit bleichen Wangen von dem überraschten Baron zurück“ Berge mit Entzücken ein.„Lieber sterben, als das erleben,“ flüsterte trat. Der Gedanke an seine Liebe zu Erna Steinbach überwältigte sie vor sich hin und ahnte nicht, daß die jähe Abkühlung ihrer er⸗ alle andern Empfindungen in ihr. Ja, fort aus seiner Nähe, weit hitzten Glieder in der That sich wie ein süßes Gift durch alle ihre fort von ihm, der sie nicht lieb hatte und für den sie doch so gern[Adern schlich. die gefährlichsten Abenteuer bestanden haben würde! Nur bald fort, Wie lange das junge träumende Mädchen so gestanden haben damit sie den Tag nicht erlebte, wo er ihr seine Braut und zu— mochte, wußte sie selbst nicht, erst ein heftiger unbehaglicher Schauer, künftige Gemahlin vorstellte! der ihren ganzen Körper durchrieselte, führte sie zur Gegenwart Ohne es zu wissen, nestelte sie das Schlößchen seines Armbandes zurück. Es fröstelte sie plötzlich, als habe man sie mit Eistropfen 1 2 ö 195 D überschüttet. Schnell suchte sie ihr Lager wieder auf. Frost und Hitze wechselten in immer kürzeren Pausen mit einander ab, und als der Morgen kam, lag die blonde Henny im heftigsten Fieber.— 3 Auch Erna Steinbach hatte die Nacht schlummerlos hingebracht. In ihr drängte Alles nach Aufklärung und rückhaltloser Beichte dem Geliebten gegenüber, der nun auch ihr Retter geworden war, aber noch ebenso heftig sträubte sich ihr Stolz, ihren Namen durch ein schmachvolles Vergehen des einstigen Gatten gebrandmarkt zu be⸗ kennen. Mit diesem Geständniß glaubte sie sich für immer von der Theilnahme und Achtung aller rechtlichen Menschen ausgeschieden. Zuletzt, als das Verlangen zwingender ward, die zweifelhafte Situation, welcher Berger sie entrissen, in seinen Augen aufzu— klären, um wenigstens ihre persönliche Ehre von Verdächtigungen freizuhalten, entschloß sich die junge Frau zu einer schriftlichen Mit⸗ theilung. i Es sollten nur wenige Worte sein, mehr andeutend als aus— führlich schildernd, aber die verhaltenen Qualen gestalteten sich ohne Wissen der Schreiberin zu einem herzerschütternden Erguß, welcher von dem ersten Tage ihrer unseligen Jugendneigung ausging und mit den Seelenkämpfen der letzten Tage schloß. Es war ein um— fassender, nichts verschönernder, nichts verheimlichender Bericht, ein unfreiwilliges und desto rührenderes Bekenntniß ihrer Liebe zu dem Empfänger des Briefes, ihrer eingebildeten Mitschuld, ihrer Hoffnungs— losigkeit, sowie ihres Trennungswehes. Zuletzt übermannte Erna der Schmerz um ihr verfehltes, ent— ehrtes Dasein, und heiße Thränen verwischten den Namen, welchen sie mit zitternder Hand unter dieses Schriftstück gesetzt. Die Kerzen verlöschten, der Morgen brach an. Licht und golden rangen sich seine Frühstrahlen aus den nebelfeuchten Armen der Nacht empor. Auf den Tannenspitzen des Waldes zuckten sie hin und her wie Elmsfeuer, wenn der Morgenwind einen weißen Schleier nach dem andern aus den grünen Aesten hob und zerflatternd in die Lüfte warf. Die erste Botschaft, welche das Lindenhaus erfüllte, war eine Hiobspost. Der Liebling Aller, die blonde Henny, lag erkrankt zu Bett. Gerhard von Valingen, von seiner erschrockenen Mutter zuerst davon benachrichtigt, fühlte Reue über sein schroffes Verhalten, da er nicht anders glaubte, als die ungewohnte Gemüthserschütterung. Henny's habe diesen Fieberzustand hervorgerufen. Und er hatte fürchten können, seine Macht über dieses allzu empfindsame Herz sei erloschen? Es kam ihm jetzt selbst lächerlich vor, eine solche Annahme auch nur für Sekunden geglaubt zu haben. Diese weiche Regung in ihm ward durch die Schilderungen seiner Mutter nur vermehrt, als er vernahm, daß Henny an deren Brust heftig geweint und sich den Tod gewünscht habe, um nur kein Aergerniß mehr geben zu können. Zu jeder andern Zeit würde der Baron sehr wohl ge— wußt haben, was derlei Betheuerungen aus dem Munde eines sieb— zehnjährigen Mädchens zu bedeuten haben, heute ward es ihm selt— sam bange dabei zu Muthe. Er mußte sich den traurigen Blick der sonst so strahlenden blauen Augen fort und fort in's Gedächtniß rufen, mit welchem Henny ihm gestern Abend sein Geschenk zurück⸗ gegeben hatte. Was fürchtete die kleine, holde Thörin denn? Was hätte sie fürchten können? Wie vermißte er doch ihr fröhliches Lachen, ihr zärtliches Ungestüm, wie vermißte er sie doch ganz und gar! Es klopfte. Ilda von Satrup trat herein, sehr niedergeschlagen zwar, aber doch fest und mit sicherer Haltung. Valingen ging ihr freundlich entgegen. „Ich komme von unserer lieben Henny,“ begann Ilda mit leiser stockender Stimme, ohne die braunen Augen aufzuschlagen. „Nun, und?“ fragte der Baron ermuthigend.„Es ist doch nicht schlimmer geworden?“ „Nein! Aber Henny sagte mir, sie habe Ihnen etwas ver— schwiegen, Herr Baron!“ „Verschwiegen? Mir? Was könnte das sein, mein gnädiges Fräulein?“ fragte er gespannt. Einen Moment stockte Ilda vor diesen ernsten forschenden Blicken, dann sagte sie schnell, aber nicht allzu deutlich:„Der alte Brink— mann— ich war damals mit als Kammerjungfer zu ihm gegangen— Henny als Martha, ich als Julia Flotow! Das wollte ich Ihnen nur bekennen, Herr Baron!“ „Wirklich?“ rief er sichtlich erleichtert.„Sie waren dabei? So war das liebe, unvorsichtige Mädchen nicht ganz allein? Nun, Gott sei Dank! Das Bewußtsein Ihrer Nähe beruhigt mich unendlich! Aber nein,“ unterbrach er sich halb ärgerlich, halb lachend,„welche tolle Idee! Die beiden schönsten Lindenblüthen als Kammerjungfern! Wer in aller Welt kann Ihnen denn für etwaige Folgen gut sagen?“ „Ja, es ist schrecklich!“ seufzte Ilda aus tiefster Ueberzeugung. Einer natürlichen Ideenverbindung folgend, fragte sie alsdann er⸗ röthend:„Haben Sie vielleicht gehört, Herr Baron, ob mein goldenes Armband im Walde gefunden worden ist?“ „Nein, in der Inspektion ist nichts abgegeben! Soll ich einen Anschlag machen lassen?“ „Oh, ich danke, ich danke!“ rief Ilda, sich verabschiedend. Bei sich dachte sie:„Am Ende kommt der Fremde wieder mit der brennenden Cigarre im Munde und nennt mich in Gegenwart Aller „Schöne Kleine.“ Ich müßte ja sterben vor Scham!“ „Wollen Sie Ihrem Herrn Vater in meinem Namen einen guten Morgen wünschen!“ sagte der Baron, das junge Mädchen bis zur Thür geleitend und dieselbe öffnend.„Wer weiß, ob ich heute das Zimmer verlassen werde!“ „Ach, richtig, das hätte ich beinahe vergessen!“ erwiderte Ilda eifrig. Papa läßt Sie bitten, Herr Baron, sich wenn irgend mög— lich vor Tisch oder nach Tisch bei ihm einzufinden. Er möchte Ihnen eine Neuigkeit, eine so eben eingelaufene Nachricht mittheilen.“ „Doch nichts Unangenehmes?“ fragte Valingen theilnehmend. Ilda lächelte, was ihrem feinen Gesichtchen außerordentlich reizend stand.„Ich denke nicht, obwohl diese Angelegenheit für mich ein Geheimniß ist. Papa schien aber sehr vergnügt.“ „Ich werde erscheinen, so bald Mama mich für abkömmlich er⸗ klärt. Nochmals meine Empfehlung an den Herrn Geheimrath!“ Da in diesem Augenblick der Arzt Henny's Zimmer verließ, erfuhr der Baron zu seiner Beruhigung, daß es sich nur um ein starkes Erkältungsfieber zu handeln scheine, dessen Ausgang bei einer so kräftigen jungen Natur zu keinerlei Bedenken Veranlassung gebe. Nichtsdestoweniger wich die Baronin keine Sekunde vom Lager ihres Lieblings und fühlte sich in Folge dessen am Nachmittage bereits so ermattet, daß der Baron beschloß, eine etwaige Nachtwache nimmermehr zu dulden. (Schluß folgt.) Fräulein Lene. Von Eva Treu. Heiß und müde streckt sich der Sommernachmittag über die Welt. Er kriecht über die Felder, und alles Gethier dehnt träge die Glieder und sucht Ruhe im Schatten irgend eines Baumes oder Strauches. Der Wandersmann biegt ab vom staubigen Fahrweg und schlendert bis zu dem nächsten moosbewachsenen Platze, streckt sich hin und läßt die leichtfertigen Schmetterlinge und die blauen Fliegen träumerisch um sich her schwirren, ohne auch nur die Hand regen zu mögen, um sie abzuwehren, bis ihm die Augen allmählich zufallen und sich nicht eher wieder öffnen, bis die heißeste Stunde vorüber ist. Schwerfällig langsam rasselt der Lastwagen über die Chaussee, von deren Steinen die Hitze fast unerträglich zurückstrahlt. Pferde und Fuhrmann scheinen halb im Traum zu sein, denn es kommt dem Manne unter dem Plandach nicht ein einzigesmal in den Sinn, die Peitsche zu heben. Nicht ein Lüftchen regt sich. Völlig wolkenlos breitet sich der grelle, blaue Himmel bis zum leicht verschleierten Horizont; auf den Mauern und über Steinen spielt und flirrt die Hitze. Blank und kraß liegt das Sonnenlicht über der Erde. Jede Blume hat sich so weit entfaltet, als es ihr möglich ist, gleichsam die Arme dem glühenden Strahl entgegen breitend. Ueber dem Wasser liegt er, über dem weiten Strand, der Sommer⸗ nachmittag, und unter ihm wird die flimmernde, sonst so bewegliche Fluth seltsam still. Die Wellen glätten sich, wie ermattet und rieseln nur noch leise fluͤsternd durch einander; der frische Hauch, der sonst über dem Meere liegt, scheint zum Athmen zu träge zu werden,— kaum, daß er sich regt. Gierig saugt der feine, gelbe Sand am Strande das Licht und die Wärme in sich auf, als müßte er sie auf— speichern für all die dunklen, kalten Tage, die noch kommen werden. — 9 —— 9—— 449 . * 1 e 196 Und der Sommernachmittag schleicht durch die breiten, schatten⸗ losen Straßen der großen Stadt, und wer da kann, überläßt ihm das Reich draußen allein bis zu den kühlen Abendstunden und flieht in irgend ein schattiges Gemach hinter fest zugezogene Vorhänge. Es ist einer der wenigen wirklich heißen Tage des Jahres, und wer es vermag, legt die Arbeit aus der Hand. Aber nicht allen wird es so gut. Sie freilich, die in anmuthigen Villen im eleganten Stadttheil leben, sie können ohne Schaden das Gefühl wohligen Nichtethuns über sich kommen lassen, aber manch einer haust im dumpfigen Dachstübchen, durch dessen fadenscheinige Vorhänge sich das sengende Licht zudringlich und fast unbehindert seinen Weg sucht, um auf fleißige Hände zu scheinen. In einem solchen Dachstübchen sitzt Fräu⸗ lein Lene und arbeitet an einem weißen Atlas— kleide mit langer, glat⸗ ter Schleppe. Es ist ein Brautkleid, und Fräu⸗ lein Lene ist eine Nähe— rin. Sie hat den großen, viereckigen Schneider⸗ tisch, der sonst am Fen⸗ ster zu stehen pflegt, weggerückt bis in die Mitte der Stube, der herabgelassene Kattun⸗ vorhang vor dem geöff— neten Fenster gewährt aber nur wenig Schutz gegen die Sonnenstrah⸗ len, die dennoch herein— dringen in das kleine, dumpfigeGGemach. Dann und wann trocknet sich Fräulein Lene vorsichtig an einem reinen, weißen Tuche, das neben ihr liegt, die Hände, welche in der Hitze so leicht feucht werden. Weißer Atlas ist so empfindlich. Und dann dreht sie wie— der emsig weiter an dem leise rasselnden Rad der Maschine. Wie sie so sitzt, das stille Gesicht mit dem geduldigen Zug um den Mund ruhig über ihre Arbeit gebeugt, kann man nicht recht errathen, wie alt Fräulein Lene wohl sein mag. Sie gehört zu den Erschei— nungen, die nie recht jung und nie recht alt aussehen. Alles an ihr ist so farblos, der Teint, die Augen, welche weder blau noch grau sind, das Haar, an dem man nicht recht unter⸗ scheidet, ob ihm die Zeit diese neutrale Färbung verlieh, oder ob es schon vor zwanzig Jahren so ausgesehen haben mag. Sie trägt es in zwei dünnen Flechten am Hinterkopfe zu einer kümmerlichen Schnecke aufgesteckt, welche ein häßlicher, altmodischer, hörnerner Pfeil zu⸗ sammenhält. Ihre Schultern sind ein wenig nach vorn geneigt, wie es Näherinnen leicht thun, und vielleicht läßt das die schmale Gestalt noch schmächtiger erscheinen, als sie in Wirklichkeit ist. Krank sieht Fräulein Lene trotzdem nicht aus, nur verkümmert, als hätte sie nie Zeit gehabt, jung zu sein, und an der ganzen Person in dem sauberen, dunklen Kattunkleide ist eigentlich nichts Besonderes, als der eigenthümliche Ausdruck ruhiger Geduld, der in den stillen Augen und um den nicht unschön geformten Mund liegt. Nein, doch. Fräulein Lene hat feine, schmale Hände mit zierlichen Fingerspitzen und wohl⸗ In Todesängsten. Ein Bild nach dem Leben von C. Koch. gehaltenen Nägeln. Wenn man diese Hand allein sähe, ohne Zu— behör, so könnte man fast denken, Fräulein Lene sei einmal eine Dame gewesen. Das kleine Gemach, obgleich eine Schneiderwerkstatt, sieht sauber und aufgeräumt aus. Weder Flicken, noch Fäden, noch zerstreute Stecknadeln liegen umher. Das Zentimetermaß ist sorgfältig auf gerollt, und die Kreide liegt in ihrem eigenen Kästchen neben der großen Scheere. Kein Stäubchen verunziert die wenigen Möbel, die umherstehen, nicht hier und nicht in der angrenzenden Schlaf kammer, nach welcher die Thür geöffnet steht, um es luftiger zu machen. Jemand klopft leise draußen mit behandschuhtem Finger, und dann öffnet sich auf das„Herein!“ von Fräulein Lene die Thür und es erscheint zuerst ein großer, prächtiger Rosenstrauß und dann ein junges, reizendes Gesicht, zart und frisch unter einem breitran⸗ digen Strohhut. „Guten Tag, Fräu⸗ lein Lene,“ sagt eine helle Stimme, und nun steht mitten im Zim⸗ mer ein schlankes, blon⸗ des, mit anmuthiger Ele ganz gekleidetes Maͤd chen.„Ah— wie heiß es hier bei Ihnen ist, — zum Ersticken— fast noch schlimmer, wie draußen auf der Straße. Da habe ich Ihnen ein paar Rosen mitgebracht, sie blühen jetzt so präch⸗ tig bei uns im Garten.“ gestanden und nimmt den wunderschönen Strauß aus den fein behand⸗ schuhten Fingern. In ihre Augen ist plötzlich ein heller Glanz getre⸗ ten und auf ihrem farb- losen Gesicht liegt ein feines Roth der Freude. „Rosen!“ sagt sie, das Gesicht über den viel⸗ farbigen Strauß nei⸗ gend und den Duft einathmend,„wie das duftet!— O, ich danke Ihnen, Fräulein! Es sind die ersten in diesem Jahre.“ „Die ersten!“ lacht die junge Dame.„Gott bewahre! Die letzten würde eher passen. Die Rosenzeit ist nächstens vorbei.“ „Die ersten für mich.“ Fräulein Lene ist an den Schrank ge⸗ gangen und hat eine altmodische Vase von grünem Glas mit Gold rändern hervorgeholt, füllt sie zur Halfte mit Wasser und stellt die Blumen hinein. „Sie wollen unmöglich sagen, daß Sie den ganzen Sommer noch keine Rosen gehabt haben? Sie blühten so köstlich in diesem Jahre.“ „Ich komme so selten hinaus,“ sagt Fräulein Lene. gar nicht bitter, weit eher wie eine Entschuldigung. „Aber es ist doch nun einmal Sommer,“ entgegnet das junge Mädchen, beinahe ungeduldig. „Er hat so weit bis zu mir herauf,“ sagt Fräulein Lene wieder ganz ruhig,„und ich habe so wenig Zeit, Fräulein Werner. Sie kommen wohl des Kleides wegen? Sie hätten sich nicht zu ängstigen brauchen, es wird gewiß fertig.“ Die Näherin ist auf Es klingt 3 A 5 0 19 „Das wollen wir hoffen,“ sagt das hübsche, blonde Mädchen, „ich könnte mich doch auch nicht im Reisekleid trauen lassen.“ Während sie spricht, steigt langsam ein liebliches Roth in ihrem jungen Gesicht empor bis an die feinen, krausen Härchen um die Stirn her und die Spitzen, welche den weißen Hals umschließen. „Ich kam auch gar N nicht aus Angst, son⸗ dern wollte nur vor⸗ sprechen, weil ich doch vorbei mußte und dachte, einmal öfter anprobiren könnte nicht schaden. Mein Verlobter kommt in etwa einer Stunde hier vor und holt mich ab. Er hatte unterdeß Besorgun⸗ gen zu machen und ist weiter gefahren.“ Sie setzt sich auf den Stuhl, den ihr Fräulein Lene ge⸗ bracht hat, der Nähe⸗ rin gegenüber, stützt beide Arme auf den Tisch und sieht den fleißigen Händen zu, die erst noch etwas an dem Kleide zu ändern haben, bevor es an's Anprobiren gehen kann. „Werden Sie auch zu meiner Trauung in die Kirche kom⸗ men, Fräulein Lene, oder haben Sie keine Zeit?“ „Gewiß,“ sagt Fräulein Lene, und indem sie spricht, sieht ste empor, und ihr Blick haftet mit einem weichen und liebe⸗ vollen Ausdruck auf dem köstlichen Rosen⸗ strauß. Ach, was für liebliche Erinnerun⸗ gen und glückliche, freie, weit entfernte Kindertage weckt der süße Duft in ihr. „Für Sie werde ich doch Zeit haben, Fräulein Werner, Ihre Aussteuer ist ja jetzt fertig bis auf das Kleid, und am Donnerstag mache ich mir einen freien Nachmittag, um Sie in der Kirche zu sehen.“ Die kleine Braut nickt. Ja, Fräulein Lene hat die ganze Aussteuer genäht, obgleich man weit elegantere und modernere Schneiderinnen hätte haben können, und eigentlich war es ein Wagestück, ihr das Brautkleid anzuvertrauen. Aber sie hat nun einmal eine wunderliche Vorliebe für die stille alte Jungfer mit dem geduldigen Gesicht. Wie behende die schmalen Finger die Nadel rühren, und wie zerstochen die Spitze des linken Zeigefingers ist! „Fräulein Lene?“ Die Näherin. Nach dem G 7.. Die Näherin blickt wieder empor. „Wohnen Sie hier eigentlich ganz allein? Ich habe noch nie Jemanden hier getroffen.“ „Ja, ganz allein,“ sagt Fräulein Lene. „Wie schrecklich! Ist es nicht sehr langweilig?“ „O nein,“ sagt Fräulein Lene,„ich habe mich jetzt daran gewöhnt.“ „Haben Sie hier immer gewohnt?“ „Onein, aber doch schon recht lange.“ Sie streicht mit dem Fingerhut die Kehr⸗ seite einer Naht glatt, „Wo wohnten Sie denn früher?“ fragt das junge Mädchen mit plötzlich erwa⸗ chender Neugierde. „Als meine Eltern noch lebten, wohnten wir in einer kleinen Stadt; es war bei⸗ nahe wie auf dem Lande. Wir hatten einen hübschen, gro⸗ ßen Garten und Lin⸗ den vor der Haus⸗ thür.“ „Warum sind Sie denn hierher ge⸗ zogen?“ „O, das kam so,“ sagt Fräulein Lene, undzieht einen neuen Faden durch die Nadel. „Gefiel es Ihnen nicht besser in dem kleinen Orte? Hier wohnen Sie so hoch und es ist so ein⸗ sam für Sie.“ „Man kann es ja wie es am schönsten ist,“ entgegnet Fräu⸗ lein Lene, aber wäh⸗ rend sie spricht, geht über ihr stilles, ge⸗ duldiges Gesicht et— was wie ein leises Roth. „Ich mußte hier⸗ her ziehen, damit meine Schwester et⸗ was lernen könnte, das ging im kleinen Orte nicht so gut.“ „Haben Sie eine Schwester? Warum ist sie denn jetzt nicht mehr bei Ihnen?“ fragt das Mädchen, weniger, weil sie dies alles wirklich interessirt, als aus müßiger Neugier, weil ihr die Gedanken daran zufällig kommen. „Sie ist schon lange verheirathet,“ entgegnet Fräulein Lene. „Wollten Sie da nicht mit ihr ziehen?“ „O nein, es ist wohl nicht gut, wenn die Frau gleich ein Haus voller Verwandten mit in die junge Ehe bringt. Auch hatte ich noch für meine Brüder zu sorgen.“ emälde von Harburger. während sie spricht. nicht immer so haben, FFP . 3 4 8 1 1 1 14 9 . 14 10 103 104 23 198 „Sie hätten sich selbst verheirathen müssen,“ sagte die blonde Braut halb aus Muthwillen. Denn im Ernst, wer hätte sich wohl je in Fräulein Lene verlieben sollen? Komischer Gedanke! „Man kann nicht immer so, wie man es gern will, liebes Fräulein,“ sagt die Näherin wieder, und abermals steigt in ihrem welken Gesicht jenes feine Roth auf, so daß es beinahe jung aussieht. „Wollten Sie denn einmal gern?“ Es ist eine unbescheidene Frage, aber dem einsamen alternden Mädchen thut sie wohl. Wie lang, ach wie lange ist es her, seit irgend Jemand nach dem gefragt hat, was einst ihr Herz bewegte. Wer bekümmert sich noch um Fräulein Lene und das, was einst Gutes oder Böses in ihrem Leben gewesen sein mag. „Das Alles ist so lange her und es kann Sie ja auch nicht interessiren,“ sagt sie, aber es klingt nicht sehr abweisend. „Doch, es interessirt mich sehr. Sie müssen es mir erzählen!“ ruft das junge Mädchen, deren Theilnahme nun wirklich erwacht. „Wie sah er aus? War er jung und hübsch und mochte er Sie auch gern?“ „Er war sehr hübsch und auch klug und gut, ein wenig jünger wie ich. Wir waren mit einander aufgewachsen. Er hatte keine Mutter und ging bei uns aus und ein. Als wir ganz klein waren, spielten wir mit einander, und als wir größer wurden, lernten wir zusammen. Dann wurden wir zugleich eingesegnet und nach ein paar Jahren verlobten wir uns— wie es denn so kommt.“ „O,“ sagt das blonde Mädchen halb erstaunt,„so waren Sie wirklich verlobt?“ Sie fühlt auf einmal so etwas wie eine Art von Kameradschaft gegen Fräulein Lene. „Das war ich wohl.“ „Waren Sie damals hübsch, Fräulein Lene?“ „Das glaube ich nicht,“ sagt die andere,„etwas besser wie jetzt werde ich damals wohl freilich ausgesehen haben. Besonderes war gar nicht an mir, aber er hatte mich nun einmal gern, so schlecht und recht, wie ich war.“. „Aber warum sind Sie denn nicht seine Frau geworden? Ist er“— die Kleine senkt mitleidig die Stimme— vist er gestorben, Fräulein Lene?“ „O nein.“ „Mochten Sie ihn später nicht mehr, oder wie ging es zu.“ „O, es kam so,“ sagt die Näherin wieder, ihr blasses Gesicht ein wenig senkend.„Der liebe Gott hat gewiß gewußt, warum. Erst konnten wir lange nicht heirathen, weil er erst ausstudiren mußte, und dann war die Stelle, die er erhielt, zu klein, um davon leben zu können. Und dann starben die Eltern, und wir Geschwister sorgen, so gut ich es denn konnte. Die Jüngsten waren ich konnte ihm doch nicht ein ganzes Haus voll Brotesser mit in die Ehe bringen, wenn er kaum genug für zwei verdiente. Es geht ja manchmal so, man möchte das eine und das andere möchte man auch, und beides zugleich kann doch nun einmal nicht sein. Da thut man denn eben, was zunächst liegt.“ Fräulein Lene hält inne, näht emsig und seufzt ein wenig— aber nur ganz wenig. „Aber endlich wurden die Kinder doch einmal groß und konnten sich selbst helfen?“: „Ja, liebes Fräulein, so lange hatte der Fritz nicht warten wollen. Und ich konnte ja auch nicht verlangen, daß er erst heirathen sollte, wenn wir vielleicht Beide alt und grau wären. Ich war ja noch dazu älter wie er. Und weil er ungeduldig wurde und es ihm zu lange dauerte, meinte er zuletzt, es wäre nur Trotz und Eigensinn von mir, als ich ihn auch noch nicht heirathen wollte, denn so kommt; eines Tages ging er im Zorn von mir und kam nicht wieder, und mit meiner Verlobung war es aus.“ „Aber das ist ja abscheulich!“ ruft das junge Mädchen empört. „Zuerst meinte ich das auch, denn ich konnte ja doch nicht dafür, daß die Kinder keine andere Stütze hatten als mich. Aber ich glaube doch nicht, daß ich böse auf ihn sein durfte. Es ist ja auch nicht schön für einen Mann, wenn er seine besten Jahre in Einsamkeit verbringen und zuletzt eine Braut mit grauen Haaren heirathen soll, und ein Ende war sa noch nicht abzusehen. Und ich wäre vielleicht auch gar nicht die richtige Frau für ihn gewesen. Er ist gewiß jetzt noch ein hübscher, jugendlicher Mann, und sehen Sie mich nur waren viel ärmer, als wir gemeint hatten. Ich mußte für die damals noch klein und mußten gepflegt und erzogen werden. Und nachdem er eine etwas bessere Stelle erhalten hatte. Und wie es an, ich würde wohl schlecht zu ihm passen. Ich habe später gehört, daß er in der Welt vorwärts gekommen ist und daß er jetzt ein einflußreiches Amt hat. Seit Jahren freilich weiß ich nun nichts mehr von ihm. Nun denken Sie einmal, wie das für ihn sein müßte, eine Frau zu haben, wie mich. Meine Brüder sind kleine Handwerker— es wollte nicht weiter reichen— was sollte ihm die Verwandtschaft? Und ich wüßte mich ja nicht einmal zu be⸗ nehmen in der vornehmen Gesellschaft, zu der er jetzt gehört. Der liebe Gott wird wohl gewußt haben, warum er es so einrichtete.“ „und als es ihm nun später gut ging,“ sagt das junge Mädchen zögernd,„kam er da nicht wenigstens, um Ihnen zu helfen, da Sie doch so viele Sorgen hatten?“ „O nein,“ sagt Fräulein Lene aufstehend, denn das Kleid ist jetzt zum Anprobiren fertig.„Ich denke mir, er hätte es gewiß gern gethan, denn gut und hülfreich war er immer, aber vielleicht hat er gedacht, daß es sich nicht schicken würde, vielleicht hat er mich nicht finden können, weil ich hierher in die große Stadt ge⸗ zogen war. Es war ja auch viel besser so, liebes Fräulein. Betteln gehen ist ja nicht schön, und uns hat auch ohne das ein Stück Brot nie gefehlt. Es wird schon alles gut so sein.“ „Sie sagen das so ruhig, Fräulein Lene; Sie haben ihn gewiß auch nicht so sehr lieb gehabt?“ Die Näherin antwortet nicht. Ein klein wenig fester schließt sie die Lippen, aber sie sagt nichts als„Darf ich Ihnen nun das Kleid anprobiren?“ g Aber dem jungen Mädchen liegt das Gehörte noch im Sinn. „Ob Sie ihn wohl noch einmal wiedersehen werden?“ fragt sie, während sie Hut und Promenadenkostüm ablegt. „Das glaube ich nicht,“ entgegnet Fräulein Lene ruhig.„Wie sollte das zugehen? Er ist jetzt ein vornehmer Herr, und ich bin eine arme Näherin, wie sollte sich unser Weg noch wieder kreuzen? Ja, das eine möchte ich wohl wissen, ob er. eine recht gute Frau gefunden hat, aber ihn wieder sehen—? Ich weiß nicht einmal, ob mir das lieb wäre. Was sollten wir zu einander sagen?“ Sie kniet nieder, die Falten des Kleides zu ordnen. „Da leben Sie nun so still hin,“ sagt die hübsche Braut, nach⸗ denklich auf sie herabsehend,„und Niemand sollte denken, daß Sie auch einmal Ihren Roman durchlebt haben, wie wir Anderen.“ „Das ist wohl kein Roman,“ entgegnet Fräulein Lene,„das ist ja nur eine einfache Geschichte, wie sie alle Tage vorkommt. Früher, als Mutter noch lebte, habe ich auch wohl Romane gelesen. Da brach den Leuten das Herz, wenn es nicht so kam, wie sie gern wollten. Mir ist ja das Herz nicht gebrochen. Dazu hätte ich auch keine Zeit gehabt, und das war gut. Freilich, es wäre schön gewesen, wenn es anders hätte kommen dürfen, aber das hat der liebe Gott wohl nicht gewollt.“ 5 Sie nestelt die Taille mit Stecknadeln zusammen, denn die Knöpfe und Knopflöcher fehlen noch. Das Kleid sitzt prächtig. Man sollte gar nicht glauben, daß es das Werk des altmodischen, un— eleganten Fräulein Lene ist. Es rieselt um die frischen, jugendlichen Glieder in weichen, schimmernden Falten nieder. Wie schön wird die liebliche Braut sein, wenn Schleier und Kranz sie schmücken! Nur um den schlanken, weißen Hals ist der Ausschnitt noch zu eng, und die große blanke Schneiderscheere wird hervorgenommen, um das Mangelhafte gleich zu verbessern. „Ist Ihnen die Kette auch hinderlich?“ sagt das Mädchen und löst während des Sprechens das goldene Geschmeide, an dem ein Medaillon hängt, vom Halse und legt es auf den Tisch. Das Medaillon öffnet sich dabei und sie greift wieder darnach „Sehen Sie, Fräulein Lene, das ist mein Verlobter. Das Bild ist nicht ganz ähnlich, es ist schon vor Jahren gemacht und er sieht jetzt etwas älter aus. Aber er hat kein Gesicht zum Photographiren; die Bilder mißlingen immer, und dies ältere war noch ähnlicher als die neuen.— Gefällt er Ihnen?“ plaudert sie weiter mit einem schalkhaften Lächeln.„Sieht er nicht lieb und brav und klug aus? Und das ist er auch alles, alles, und noch viel mehr Schönes dazu. Es giebt Leute, die sagen, er sei zu alt für mich— und er ist ja auch nicht mehr ganz jung, fast doppelt so alt wie ich. Aber 8 das Alter thut es nicht, Fräulein Lene. Ich selbst bin oft noch so thöricht und kindisch, daß es grade gut ist, wenn er Verstand und Erfahrung für uns beide hat.“ + So plaudert sie fort. Vielleicht vergißt sie ganz, daß es nur die Näherin ist, zu der sie spricht, und die Lippe fließt unbewußt E eee e .. ̃ͤͤͤͤ00T——m. ndnd ——..——— 7.—— —.—T—ꝙT—ꝙCßß— r.. e „ n 8 8 5 ö 4 199. und unwillkürlich von dem über, wovon ihr junges, dankbares, warmes Herz voll ist und was ihre Gedanken so ganz einnimmt, daß sie nichts davon merkt, daß Fräulein Lene wie geistesabwesend auf das kleine Bild starrt und wie die schmalen, welken Wangen sich langsam röthen. Die Braut drückt das Medaillon zusammen und es schließt sich mit einem hellen, scharfen Ton, bebor sie es auf den Tisch zurück— legt. Es ist, als schräke Fräulein Lene wie aus einem Traum empor bei dem feinen, metallischen Geräusch. Sie greift wieder zu ihrer Scheere. Es ist wohl nur Täuschung, daß es so aussieht, als bebte ihre Hand leise. Warum sollte Fräulein Lene aufgeregt sein? Es ist ja gar kein Grund dazu vorhanden, gar keiner. „Sie haben mir noch nie gesagt, Fräulein Werner, wie Ihr Herr Verlobter eigentlich heißt,“ sagt sie. Sie steht hinter dem jungen Mädchen und schneidet vorsichtig den Stoff ab, der den zier— lichen Nacken gar zu sehr verdeckt. „Baumgarten,“ sagt das Mädchen.„Friedrich Baumgarten. Es ist kein hübscher Name, aber das thut nichts, mir genügt er schon. Wußten Sie das nicht? Wie komisch! Und dabei haben Sie meine ganze Aussteuer genäht!“ Wie ungeschickt Fräulein Lene doch ist! Beinahe hätte sie einen tiefen, häßlichen Schnitt in den weißen Atlas gemacht und die ganze Taille unrettbar verdorben. Und im nächsten Augenblick fährt die Scheere knirschend durch eine der krausen, goldigen kleinen Locken, die sich aus der hochaufgebundenen Frisur gelöst haben und sich über den Nacken ringeln. „O,“ ruft die Braut bedauernd,„verderben Sie mir auf den Donnerstag nur ja meine Frisur nicht!“ Fräulein Lene murmelt etwas zur Entschuldigung und fährt sich mit dem Tuche leicht über Stirn und Hände. Wie heiß es ist, wie sonderbar heiß und schwül— so heiß, daß ihr für einen Augenblick die Knie zittern und sie sich an der Lehne des nächsten Stuhles festhält. Aber es ist nur ein Augenblick, und dann geht es vorüber. „Es sitzt wie angegossen,“ sagt sie, und das ruhige, geduldige Gesicht hat seine gewöhnliche welke Farbe wieder erhalten.„Sie werden sehr schön sein am Donnerstag, Fräulein Werner.“ Und sie löst vorsichtig die Nadeln, welche die Taille zusammenhalten. An der Stubenthür klopft es und eine Männerstimme sagt draußen:„Darf ich hineinkommen?“ „Er ist es!“ ruft das blonde Mädchen erschrocken.„Nein, nein, Fritz! Einen einzigen kleinen Augenblick— ich bin gleich fertig — gleich!“ br ist es!“ denkt auch die andere. Sie kennt jene Stimme aus lieben, längst vergangenen Zeiten her, wo sie ihr theurer gewesen ist, als Alles auf der Welt, ausgenommen ihre Pflicht. Und das Herz, das seit so lange gelernt hat, ganz ruhig und geduldig zu schlagen, geht plötzlich ganz schnell, die jugendliche Farbe kehrt noch einmal in das verkümmerte Gesicht zurück und die Hände zittern, da sie nun der ungeduldigen, ängstlichen Braut hastig wieder in die gewöhnlichen Kleider hilft. „Nun darfst Du kommen!“ sagt das hübsche Mädchen, die Thür öffnend, da sie wieder in Hut und Mäntelchen dasteht und nur an den langen Handschuhen noch knöpfen muß.„Bist Du auch bbse, daß ich Dich warten ließ?— Fräulein Lene— ja, wo sind Sie denn?“ Sie wendet sich um.— Fräulein Lene hat das Stübchen verlassen und ist geräuschlos in das anstoßende Schlafkämmerchen getreten, zu dem die Thür geöffnet ist. Dort steht sie und blickt, selbst ungesehen, in den Nebenraum hinein. 5 Ja, o ja, sie kennt ihn, den Mann, der drüben steht, in dessen dunkles Haupt⸗ und Barthaar sich wohl schon hier und da ein Silberfaden mischt, aber dessen Gesicht sie dennoch unter Hunderten erkannt haben würde, an dessen Arm sich das süße Mädchengesicht einen Augenblick schmiegt und der so stolz und beglückt der leichten Gestalt nachblickt, die sich nun schnell von ihm losmacht. 5 „Was fällt Ihnen denn ein?“ sagt das junge Mädchen lachend, zu Fräulein Lene eintretend,„ich wußte gar nicht, wo Sie auf einmal steckten. Mein Verlobter beißt nicht.— Also Sie schicken das Kleid spätestens am Mittwoch Abend, nicht wahr? Adieu, Fräulein Lene!“ 5 Und dann ist sie fort; die Näherin hört, wie von außen die Stubenthür zugedrückt wird. Da öffnet sich dieselbe noch einmal und der reizende blonde Kopf guckt zum letzten Mal herein. Und wer war dies? und wie machte er's?“ „Und am Donnerstag kommen Sie in die Kirche, nicht wahr, Fräulein Lene?“ „Gewiß,“ sagt das alte Mädchen,„ja, ganz gewiß!“ Thür schließt sich wieder. Ach, wie heiß es ist! Die hellen Tropfen stehen Fräulein Lene auf der Stirn, und sie sinkt schwer und müde auf einen Stuhl nieder; ihr wird für einen Augenblick schwindelig. Das macht wohl der Rosenduft, der fast betäubend das Zimmer füllt. Und die Lose Blätter. Ein Vorläufer Schillers. Als solchen kann man in gewisser Hinsicht den Freiherrn August Adolf von Haugwitz, aus dem Lausitzischen Zweige dieses bekannten Geschlechts, bezeichnen. Denn er war nicht nur der erste unter den deutschen Dichtern, dem das Leiden und Ende der unglücklichen Maria Stuart den Stoff zu einem Trauerspiele gab; sondern er versuchte sogar auch das wechselvolle Geschick eines andern Schiller'schen Helden, des „eisernen Friedländers“, dramatisch zu behandeln. Erstere Tragödie erschien 1683 unter dem Titel:„Schuldige Unschuld oder Maria Stuarda, Königin von Schottland“ im Druck; sein„Wallenstein“ aber gedieh nur bis zum Ende des ersten Aktes, da der Tod den Dichter bei der Arbeit überraschte. Ein merkwürdiges Beispiel von Selbstbeherrschung. Ein solches gab De Leon, ein vortrefflicher spanischer Dichter des 16. Jahrhunderts. Erzählt wird uns, daß er Jahrelang einsam und im Finstern in den Kerkern der Inquisition schmachtete, weil er die für Spanien große Kühnheit an den Tag gelegt hatte, einen Theil der Bihel in seine Muttersprache zu übersetzen. Als man ihn endlich auf Verwendung seiner Gönner frei ließ und ihm seinen Lehrstuhl zurückgab, strömten die Studenten in Masse in seine erste Vorlesung, weil sie glaubten, daß er über seine lange Haft sprechen werde. Der kluge Gelehrte war jedoch zu einsichtsvoll, um sich in An⸗ schuldigungen zu ergehen. Einfach knüpfte er an die Vorlesung an, die vor fünf Jahren so traurig unterbrochen worden war, begann mit der ge⸗ bräuchlichen Formel:„Gestern sagten wir“ und ging sofort auf den Gegen— stand ein. Th. B. Der erste Umschiffer des Kaps der guten Hoffnung. Fray Vieyra (ein portugiesischer Predigermönch) erzählte seinen Andächtigen:„Nur ein Mensch umsegelte das Vorgebirge der guten Hoffnung vor den Portugiesen. Es war der Prophet Jonas im Bauche des Walfisches. Der Walfisch verließ das Mittelländische Meer— denn er konnte keinen andern Weg nehmen— schwamm die Küste von Afrika zur Linken, an Aethiopien und Arabien vorbei, dann in den Euphrat, näherte sich dem Ufer Niniveh, machte aus seiner Zunge eine Brücke für den Propheten und ließ ihn an's Land steigen. R p. Der Großfürst Michael besuchte in Begleitung vieler mit Orden ge⸗ schmückter Herren die St. Petersburger Sternwarte. Astronom Struve empfing den hohen Gast, benahm sich aber verlegen. Ein Hofherr äußerte dem Großfürsten seine Verwunderung darüber.„Kein Wunder,“ entgegnete e„Struve überraschte es, so viele Sterne am unrechten Platze zu sehen.“ M. Rasche Auskunft. Der berühmte Schauspieler Odry in Paris wurde eines Abends bei der Bibliothek, Straße Richelieu, plötzlich von einem handfesten Kerl angefallen mit dem Ruf:„Die Börse oder das Leben!“— Ohne die Fassung zu verlieren, antwortete Odry rasch:„Die Börse ist in der dritten Querstraße rechts, und das Leben betreffend, so rathe ich Euch: „Aendert das Eurige.“— M. Gefrorenes. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts hatte man zuerst Trinkbecher aus Eis und in Eis gefrorenes Obst. Im Jahre 1660 kam ein Florentiner Prokop Cotaux auf den Gedanken, wohlschmeckende Speisen und limonadenartige Getränke gefrieren zu lassen und im Verein mit Le Ferre und Foi verkaufte er einige Jahre lang allein diese Erfrischungs⸗ waaren, die 1676 bereits die besten Artikel der Limonadiers bildeten, welch letztere auch um diese Zeit Innungsrechte erhielten. Paris zählte damals 250 Meister dieser Kunst. Obwohl 1690 gefrorene Liqueure schon sehr all— gemein waren, nahm man dieselben nur in den heißesten Sommermonaten, bis 1750 Dubisson anfing, das ganze Jahr hindurch allerlei Gefrorenes bereit zu halten. M. Katzendressur. In Westfalen ist die Redensart verbreitet:„Es ging ihm auch wie Tobolt's Katze, der ging die Natur über die Lehre.“ Dieser Biedermann hatte nämlich seine Lieblingskatze abgerichtet, ein Licht zu halten. Nun erschien ihr eine Maus, und sie hielt gravitätisch das Licht fest; als die zweite durch die Stube lief, wackelte das Licht, und als gar die dritte sich den Andern zugesellte, ließ unsre„Mies“ das Licht fallen, sprang dem Thierchen nach und verschlang es. Fh. B. 2 . 4 70 15 0 S2 Die neun erhaltenen Wörter erge „Wo kein Kläger ist, da ist auch kein Richter. Man muß das Eisen schmieden, wenn es warm ist. g 833 9 8 ö 2 200 ◻? 5 sse. sp rung. von W. e — hal⸗ der 22 ein 5 3 2 2 1 5 g A 2 2 1 ,. 5 1957 8 2 5 2.. 1 2 1 er- schönst! ten see⸗ ste winn den schö⸗* 4 4 1 2 1 4 . 5 e. i 5,, 8 5 5—** 2. men⸗ ten schö- ist war ver⸗ rer die. 1 1 5 2 3 1 zu winn lo⸗.. 2 1 92. 2 ret ne ei ren schon ge⸗— 3 1 N 5 Sprichwörter-Räthsel. Aus jedem der folgenden neun Sprichwörter ist ein Wort zu wählen. ben wiederum ein Sprichwort: Partie Nr. 259, gespielt zu Crefeld am 22. Mai d. J. im Hauptturnier des 14. Schachkränzchens des Bergisch⸗ Glück und Glas wie bald bricht das. Das Sprichwort selbst. „In der Noth ist guter Rath teuer. „Neid ist des Glückes Gefährte. e An vielem Lachen erkennt man den Narren. Magisches Quadrat. Aus folgenden Buchstaben: B — 2 B E E E 1 LR E L R R 5 gleiche Worte ergeben. Die vier Reihen ergeben: 1. Eine Pflanze. 3. Ein Handwerkszeug. 4. Einen Baum. 5 Auflösung des Kapsel. Aeli in voriger Nummer: 3 Eider. 4. Ei;— des Arit „Der eine klopft auf den Busch, der andere fängt die Vögel. Wem nicht zu rathen ist, dem ist auch nicht zu helfen. 1 mogriph: Paul Lindau— Hans Hopfen. we Weiß zieht an und setzt mit dem vierten Zuge Matt. gabe vorgelegt und zuerst(nach etwa einer halben Stunde) von Gunsberg gel st. Märkischen Schachverbandes. 1) e2—e4 G7 8) dö— ct: b cb: 2) d2—d4 d7-d5 9) Sk3—d4 15—g6 3) e4- dö5: Dds—d5:!) 10) 8d4— cs: Dds—b6 4) Sb1—es Dd5- ds 11 11 bõ Tas 08“) 5) Leif Les—f5 12) 8c6—e5 1g6— 02.— 6) 8g1—13 Sbs—d72) 13) Lb5—d 7 Kes- ds 7) da4-d5 8g8 165 14) Se5— ff 8 8 11 1 5 dem Bauern wiederzunehmen. erst mußte e7—es geschehen. 1 85 können. ꝛc mit 11 gutem Spiel Db6-— bs sich für Schwarz g den Angriff eventuell mit De? und T4! fortsetzen. Auflbsungen. Problem Nr. 447 von J. Dob rusky in Prag. 1) Thza—h4! Kes- da: 2) Sta- döf Kd4— ds(dö:, 5, e5) 3) Dg4- di(15, e4 resp. ea) 1 sind vier Wörter zu bilden und so zu ordnen, daß dieselben, von oben nach unten und von links nach rechts gelesen, in den korrespondirenden Reihen Varianten: 1 Kei 2) P48, Kat(c 8 Seß(Pe) matt, m„der a lte 0 K 3) Sdö:(Dez) Matt. 1).. Kfz 2 De? Kgs(g1) 8) 784(Dez oder i) Matt.— Michaelis in Th. Problem Nr. 448 von G. Choch olous in Bodenbach. 1) Dhz-hI! Kdr-cg(eg) 2) Dhl—d5f Kc(e6)— d: Er. 2. Mund. 1. Passah. 2. Amerika. 3. Ungarn. 4. Lucretius. 5. Linth. 6. Indigo. 8 7. Nadelkap. 8. Dalelf. 9. Antilope. 10. Uebeken;— der Knacknuß: 3 2 beliebig. e2—e Wenn man um 8 Uhr 8 Stunden zugiebt, so wird es 4(die Hälfte von 8) t 1 Uhr, und wenn man von Nacht 1(Buchstabe N) wegnimmt, so bleibt 8; Matt. 5). Ed 8) cf 4) Des Man J Schung in Gen Zuge 228. J kalt.— Es fehlt nicht an starlen Verführung — des Kreuz⸗Räthsels: 5 15 1 P S + N 01 u e 8 C 1 5 A N E I. I LE 0 8 T gleich falls 2) Ddb: 8) os es und 0 bg! g6—g5) und das Matt läßt sich nicht— ingen.— Die Lö Kraus in B, Dr. Knopf in G., H. Hundt in A. und H. Welchael is in Th Aus der Schachwelt. Die besten Partien aus dem italienischen Turnier, welches im vorigen Jahre in fand, sowie 40 Partien aus den englischen Turnieren desselben Jahres sind von dieses neue Wert Preis 8 Lire) die deutsche Notation erhalten). beiderseitiger—— bis zum Dienstag der folgenden. ausgesetzt. eröffnete mit d2—d4 und verlor infolge eines Fehlers im neunten 3 der Qualität nach sich zog und ihm im 22. 8 e vor die Wahl zwis den— Matt stellte. Jetziger Stand: Blackdurne Julkertort 1.— dem„ Drud und Verlag der„Volks-Zeitung“, Akt.-Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105 Dieses Problem wurde am 28. Mai d. J. im Britischen Schachklub als ar een g Weiß: J. Kirdorf in Crefeld. Schwarz: E. Ehlen in M. Gladbach. Dieser 1 5 aue einen Bauern, durch Obs hätte dieser Verlust wohl noch vermieden 4) Auf a7 as hätte— 75 können: 12) Lal Db2:? 13) Lesl ꝛc. resp. 12).. Se 13) Pd 5) Eine bbse Lern e Weiß den Läufer, so würde allerdings das Spiel dan 750 ustig gestalten.— Die Deckung des bedrohten Springers mußte durch Dbi—b7 oder 186—15 besorgt werden,[Tas war hierzu nicht geeignet, wegen 13) Sd: a Sd: 14) Sdöl Debt. 850 Kfi Tes 16) Sc7t ꝛc.] in beiden Fällen konnte Weiß rochiren und ein ausgezeichnet schöner Einleitungszug, durch den der Zugzwang hier zurechtgestellt wird. 1 2. Ei ältni reüpvoll sind die Nebenspiele, die sich aus den Königszügen nach e und az ergeben, das erstere Ein Verhältnißwort 12 etwas dem Hauptspiel nachgebend— Die Lösfung wurde angegeben von W. Kron in B, Dr. Voelkel in S. M, Pr. Knopf in G., Dr. Wehrmeister in M, R. Blümel in S. und H. Varianten: 2).. Kes-—b5 8) Das 4) a4 Matt 2). Ke- fg 3) LS 4) 85 resp. D5 ügen, z. B. Df2 oder Plz:, die auch einige Löser irregeleitet haben; nur der Königszug n. Zug 05 widerlegt dieselden; denn 2) Df K bol 00 Da7 ds-t! 0 Dhs Kd auch ad dt oder Ae 111 u 25 von W. Die Lösung von Nr. 444 und 446 wurde noch angegeben von H. Michaelis in Th. mit großer Sorgfalt glossirt, als Partiensammlung herausgegeben worden. Wie das* reiche Lehrbuch:„taoria 15— 1 Verfassers(3 Bände, Preis 30 Lire) hat an Bei der 4 des Matches am Donnerstag, den 28. Mai wählte Bladburne in Anzuge die Spanische öffnung, die Partie endete mit Remis. Die nächste Partie 2 „der bald dh