zu den Ouherhessischen Muchrichten. Jeder Nachdruck aus dem Zuhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werben. Gießen, den 14. August. Ein Jichtenbaum steht einsam. Novelle von M. Elton. (Schluß.) Es war ein trauriger langweisiger Aufenthalt auf dem hoch— gelegenen Schlosse an der Küste der Bretagne. Die eisige Kälte in den weiten Räumen, der Sturm, der Tag und Nacht mit un— 7 heimlichen Stimmen mein Schlafzimmer umheulte, das Wüthen und Brüllen der Fluth in den Nächten des Monats März, das mich M, aus dem Schlaf aufschreckte, Alles dies zusammen hat mir ein 1 geheimes Grauen vor dem Meere eingepflanzt, das ich nie mehr ganz zu besiegen im Stande gewesen bin. Guy hatte sich in vor⸗ nehme Schweigsamkeit gehüllt; er bereute wahrscheinlich die wenigen Aeußerungen, die er betreffs der Heirath seiner Mutter mir gegen⸗ über gethan. Es war mir auch lieber so, denn somit fiel die diplomatische Mission, mit der mich die Marquise beauftragt, von selbst hinweg. Der junge Marquis aber trat in dem Schlosse von Kerval als unumschränkter Gebieter auf und äußerte nachdrücklich, sowohl gegen den Pfarrer wie gegen den Maire, daß er versuchen werde, sich mit achtzehn Jahren emanzipiren zu lassen; sollte dies ihm aber vereitelt werden, so werde er seine Mündigkeit abwarten und in drei Jahren von seinem Recht Gebrauch machen und den Besitz von Kerval antreten. Die beiden alten Männer hörten ihm verlegen zu, und er hob den Kopf nur noch höher. Der Code Napoléon mußte ihn über Vieles belehrt haben, er studirte ihn fleißig und nach Guy's triumphirendem Gesicht zu urtheilen, mußte der Stiefvater arg zu Kreuz vor dem Stiefsohn kriechen. Einmal nur äußerte er sich gegen mich folgender Maßen:„Sollte die Frau Marquise mit Ihnen über einen Entschluß, an dessen Ausführung ich nicht mehr zweifle, sprechen, so machen Sie sie doch darauf auf⸗ merksam, wie sehr es in ihrem Interesse liegt, mir meine gute Laune nicht zu verderben. Sie hat laut Ehekontrakt Ansprüche auf die Hälfte des Vermögens, gut; Kerval aber mit seinem weiten Güter⸗ komplex ist mein. Die Frau Marquise wird obdachlos sein, car ce pauvre petit d' Avricourt ist arm wie eine Kirchenmaus.“ „Mein lieber Guy, es will mir scheinen, als würde dies die geringste Sorge der Frau Marquise sein, sich ein Obdach zu ver⸗ schaffen,“ antwortete ich ihm.„Große Schlösser mit anspruchsvollen Gärten und Parkanlagen erfordern ungeheure Summen, und Ihre Mama wird sich nicht darüber kränken, einer Last enthoben zu sein. Uebrigens seien Sie vernünftig, mäßigen Sie Ihr Herrschergefühl, und in Anbetracht der Sie erwartenden Vortheile bringen Sie % Ihrem Vormund und Ihrer Mama ein wenig guten Willen ent⸗ 11 gegen, das würde die Situation gar sehr erleichtern.“ „„Gewiß, mein weiser Herr Rathgeber,“ antwortete er mir mit vor Zorn geröthetem Gesicht,„ich werde Herrn Vicomte d' Avricourt mit Thränen der Rührung umarmen und ihm schluchzend versichern: „Glücklich, daß die Frau Marquise Ihre Schulden bezahlen darf; sollte es nicht reichen, so bin ich da, Ihr ergebenster Diener, Ihnen die Summen zu Füßen zu legen, die Ihre Tänzerin an der großen Oper Sie jährlich kostet.“ „Guy!“ rief ich entrüstet aus,„sind dies Verdächtigungen, die ein Mensch von Ihrem Alter kennen und wagen darf!“ „O, mein lieber Mentor!“ rief er laut lachend;„ich weiß noch mehr, Dinge, von welchen Eure Schulweisheit sich nicht träumen läßt; aber ich behalte Alles für mich.“ Ich blickte so verblüfft und rathlos ihm in's Gesicht, daß er anfing, wie ein Besessener zu lachen. 8 Es war endlich der Frühling gekommen, zwar nicht vor Ende Mai, aber er war doch endlich da. Erst im Juni erschien die Frau Marquise, schöner und jugendlicher wie je. Sie trug den Kopf hoch und begrüßte den Sohn fast herausfordernd, nichtsdesto⸗ weniger folgte er ihr, als sie sich in ihre Zimmer zurückzog. Ich war in den englischen Garten gegangen und kehrte nach einigen Minuten in das Schloß zurück, mir eine Zeitung zu holen. Da stürzte Guy bleich und entstellt an mir vorüber; als er an die Treppe im Korridor kam, tastete er mit unsichern Händen nach dem Geländer. Ich schritt rasch zu ihm und fing ihn in meinen Armen auf. Mit sterbendem Blick sah er mich an und sagte kaum ver⸗ ständlich:„Es ist Alles aus zwischen ihr und mir, wir verlassen vor Nacht das Schloß.“— Ich begleitete ihn auf sein Zimmer, er ließ sich willenlos auf die Chaise longue legen und fing wie ein Verzweifelter an zu weinen. Ich ließ ihn allein, ich wußte, daß es ihm unangenehm war, einen Zeugen dieser Stunde zu haben. Der arme Junge mochte es wohl tief genug fühlen, wie ganz allein er auf der Welt stand, seine Sicherheit, sein Hochmuth hatten ihn im Stich gelassen; vielleicht hatte er auch diese Mutter, die mit ganzer Seele an den Genüssen des Daseins hing, mehr geliebt, wie ich vermuthete. Als ich über den Platz ging, der mich vom Schlosse in eine der Alleen führte, sah ich das bleiche Gesicht der Marquise an einem der Fenster ebener Erde. Sie hatte eine kaum merkliche Bewegung gemacht, aus der ich zu verstehen glaubte, daß sie mich zu sprechen wünsche. Ich erschrak, als ich in ihr Boudoir eintrat, so hinfällig sah die Frau aus. Sie winkte mir, mich niederzulassen, und als sie verschiedene starke Odeure angewendet und die feinen Nasenflügel nicht mehr so mühsam erzitterten, um ein wenig Luft einzulassen, und etwas Lebensfarbe in ihr Gesicht zurückgekehrt war, sprach sie mit Anstrengung:„Das war eine Scene! Sorgen Sie, daß der Marquis noch heute das Schloß ver— läßt, wir dürfen uns im Leben nicht wieder begegnen.“ Meine beruhigenden Worte setzten die Marquise in eine maßlose Heftigkeit.„Kein Wort der Entschuldigung für den Gamin, das, was er mir von Schmähungen ins Gesicht geworfen hat, trennt uns für immer. Ich will nicht untersuchen, woher er die infamen 0 2 258. Beschuldigungen in Betreff meiner und des Vicomte hat,— ehe der Abend kommt muß das Haus geräumt sein, das Bedientenvolk wird ausgetrieben, ob schuldig oder nicht schuldig, ein Schuldiger ist darunter. Hier, nehmen Sie Geld, zahlen Sie die Leute aus, sogleich,— daß Keiner mehr morgen hier sichtbar sei,— meine Kammerfrau bleibt, selbstverständlich.“— Sie ließ mich nicht zu Worte kommen, sondern bewegte un⸗ geduldig die Hand und ging mit kurzen Schritten, vernehmlich auf⸗ tretend, in dem kleinen Raum auf und ab und stieß abgebrochene Worte zwischen den kleinen Zähnen hervor:„Die neuen Bedienten sollen ihren Herrn fühlen,“ sagte und stand vor mir stille. Sie nahm plötzlich meinen Arm mit beiden Händen und drückte ihn heftig:„Ich bin um meinen Frühling betrogen worden,— wissen Sie, was es heißt, mit jedem Blutstropfen nach dem Glück verlangen und unter eisernen Fesseln zu schmachten? Die besten Jahre sind versäumt, aber es ist noch nicht zu spät; ich werde in wenigen Tagen die Frau des Mannes sein, den ich abgöttisch liebe. Ich bin frei, bin unabhängig und werde geliebt. Helfen Sie mir, Alles aus dem Wege zu räumen, was dem spät gefundenen Glück eine trübe Wolke zuführen könnte.“— „Wohin soll ich mit Guy gehen?“ unterbrach ich die leiden- schaftlich erregte Frau. „Zu seinem Vormund, zu meiner Mutter, wohin Sie wollen,“ warf sie zerstreut hin. Da meldete ein Diener den Vicomte d'Avricourt und dieser folgte auf dem Fuße. Ehe ich mich aus dem Boudoir winden konnte, sah ich, wie die Marquise stürmisch die beiden Arme um des Vicomte Hals warf und ihm voll und glückselig ins Gesicht sah. Es gab in dem Schlosse eine Art von Revolution, als Henri geisterbleich aus dem Boudoir der Marquise gekommen war und der Dienerschaft verkündet hatte, sie seien sämmtlich vor Abend ent— lassen. Ich saß im Arbeitskabinet der Marquise, an ihrem Schreib- tisch und wußte nicht, wo mir der Kopf stand. Die armen Menschen kamen erschreckt, verschüchtert herein und vermochten so wenig ihr Guthaben auszurechnen, wie ich selbst. Als ich niedergedrückt und verwirrt endlich hinauf zu Guy ging, fand ich ihn mit Einpacken beschäftigt.„Wir gehen einstweilen zu meinem Vormund,“ sagte er zu mir,„er soll über meine nächste Zukunft beschließen, denn er ist der Bruder meines Vaters. Der Reitknecht und Henri gehen in meine Dienste über, Henri kehrt später wieder mit mir ins Schloß von Kerval zurück, er hat meinen armen Vater so sehr geliebt.“— Guy war bleich und sehr nieder— geschlagen, und als alle Dienstboten, männliche wie weibliche, in den Salon kamen, ihm schluchzend die Hand zum Abschied zu reichen, da liefen auch ihm die Thränen die Wangen herunter. Es war unheimlich stille im Schlosse geworden, wir saßen schweigend uns gegenüber im Salon, Henri und der Reitknecht schleppten die Koffer durch die verödeten Gänge und luden sie auf einen Wagen, dann regte sich nichts mehr. Ich tastete mich durch die dunkeln Korridore nach der Frau Marquise Boudoir, um Abschied von ihr zu nehmen. In dem Vorzimmer saß bei einem trüben Licht ihre Kammer— frau, sie erhob sich rasch bei meiner Annäherung und rieb sich die Augen. In dem Boudoir hörte ich des Vicomte und der Marquise Stimmen.„Die Frau Marquise lassen dem Herrn Precepteur gute Reise wünschen, sie sind eben im Augenblick verhindert Sie noch einmal zu sehen,“ beschied mich die Kammerfrau kurz. Die Thüre nach dem Perron stand weit offen. Der Reisewagen hielt und die Laternen am Wagen erleuchteten spärlich die große Freitreppe. a„Der Herr Marquis schläft,“ flüsterte mir Henri zu;„ich habe ihm gemeldet, daß der Wagen ihn erwartet, er scheint mich aber nicht gehört zu haben.“ Ich ging in den Salon; Guy saß, die Ellbogen auf den Knieen und das Gesicht in die Hände gestützt.„Guy, es ist Alles bereit, kommen Sie,“ sagte ich, indem ich meine Hand auf seine Schulter legte. Ein gewaltsames Schluchzen hob seine Brust, er stand rasch auf und stürzte in den Wagen, ohne sich noch einmal umzusehen. In der Frühe langten wir bei dem bescheidenen Besitzthum des Herrn Jean de Boisville an. Er war ein ernster gediegener Mann, strikte Ordnung und Sparsamkeit herrschten in dem kinderreichen Hause. Guy war wie gebrochen, sein Vormund behandelte ihn mit großer Güte. Nach acht Tagen war Guy entschlossen, im Hause seines Onkels zu bleiben und sich am Unterricht seiner Vettern zu betheiligen. Die jungen Leute hatten ihren Hauslehrer; ich merkte, daß ich nur der Gast des Herrn Jean de Boisville war, mein Jahr. aber lief erst im Oktober ab. Die Situation wurde mir peinlich in dem Hause, wo Alles arbeitete, und ich wußte nicht, ob ich eine Entscheidung von der Marquise abzuwarten hatte, oder ob es an. mir war, mit Guy's Vormund darüber zu sprechen. Da kam mir eine Einladung von einer Seite, von der ich sie gewiß nicht er. wartete, und die mich innigst rührte. g „Monsieur,“ lautete das Schreiben der Gräfin Dutillier.„Die Situation in Kerval hat sich verändert. Hat meine Tochter recht, hat sie unrecht, zu einer zweiten Ehe zu schreiten? Mich hat sie nicht zu Rathe darüber gezogen, ich hätte ihr freilich nur mit den Worten des bon hommeè Lafontaine geantwortet:„J'ai vu beau— coup d'hymens, aucuns d'eux ne me tentent.“ Man mag über diesen Punkt denken, wie man will, ohne Zweifel ist es eine gewagte Sache, einen weit jüngeren Mann zu heirathen. Doch das war es nicht, worüber ich mit Ihnen sprechen wollte! Ich kenne Guy's Vorhaben, kenne Herrn Jean de Boisville und sein Haus und möchte darum wetten, daß Vieles zu Ihrem Behagen fehlt. Mein kleines Heim hat eben seinen besten Moment, ich möchte den Ein. druck vom Winter her bei Ihnen verwischt sehen, und ich bin sicher, ö daß der Sommer in der Champagne dies zu Stande bringt. Ich erwarte Sie, mein Herr, je eher desto lieber.“ Auf dieses Schreiben gab es keine andere Antwort, als:„Herz lichen Dank, ich komme in diesen Tagen,“ und um der Gräfin Freude zu machen und ihr den Beweis zu geben, wie ernstlich ich mich mit Lafontaine beschäftigte, fügte ich hinzu: „Je trouve de la sorte mon compte, Et ferai très-sagement de changer de logis.“ 1 Der Abschied von Guy wurde mir nicht schwer; er seinerseits fühlte sich, wie ich ihn kannte, erleichtert, einen Zeugen los zu werden, der um eine Scene zwischen Mutter und Sohn wußte, die weder vortheilhaft für die Eine noch für den Andern war.— Ich hatte keine Ursache, fröhlich und guter Dinge zu sein, denn ich wünschte, noch einige Jahre, bis zu meiner Anstellung zu Hause, in Frankreich zu bleiben, und sah gar keine Aussicht dazu. Gräfin Dutillier, die seit langen Jahren der großen Welt den Rücken gekehrt, war die wenigst geeignete Person, um meinen Wünschen Rechnung zu tragen. Trotzdem fuhr ich mit einem Gefühl der Er ⸗ leichterung, ja einer fröhlichen Sorglosigkeit in die sommerliche Welt hinein, kein banger Gedanke an das zentnerschwere„Was nun?“ streifte mir die Oberfläche meiner in einer Feststimmung schwimmenden Seele. Je näher ich Piney kam, desto mehr hob dieses Hochgefühl meine Brust. Wie lieblich lag das Städtchen von den grünen Weinbergen umgeben! Der Gräfin weiß angestrichenes Haus war kaum sichtbar zwischen den hohen Kastanienbäumen, die es umgaben und deren weiße, emporstrebende Blüthen mir aus der Ferne zu-“ leuchteten, wie soviel Wachskerzen, die, an dem Weihnachtsbaum N prangend, ein hohes herrliches Fest verkünden. Es lag eine feierliche Stille um das einsame Haus. In dem Korridor prangten mächtige Blumensträuße und zwischen ihnen lachte mich das breite Gesicht Genereur's an. Das war nicht mehr der gedrückte Küchenjunge, der täglich unter der Herrschaft der diktatorischen Köchin mehr ein⸗ zuschrumpfen schien, das war ein ganz lustiger Gnom geworden, der freudestrahlend mir in den Weg sprang. Er empfing mich höͤchst kordial, reichte mir seine kurze breite Patschhand und sagte:“ „Die Frau Gräfin hat mich schon gestern Abend an den Zug geschickt, den Herrn Precepteur abzuholen.“ 6 „Bist Du avancirt, Genereur?“ fragt, ich lächelnd den kleinen Mann. „Ich bin Bedienter und stehe nun direkt unter dem Befehl der Frau Gräfin,“ antwortete er und warf sich gar komisch in die Brust. Ich errieth seine Absicht, als er geschäftig vor mir her lief. „Melde mich nicht der Frau Gräfin, Genereux“, sagte ich und griff, ihn zurückhaltend, nach seinem Kopf.„Ich werde im Salon auf sie warten, es ist eben fünf Uhr, um sechs ist ja das Diner, wir werden uns dann schon begegnen.“ 0 Er war damit einverstanden. Ich trat in den kühlen Salon ein, die Jalousien waren gegen die Nachmittagssonne geschlossen; ich ließ mich, erschöpft von der Fahrt in der heißen Mittagssonne, in dem Dämmerlichte in einer behaglichen Ecke nieder und schloß die Augen. Es tönten wie aus weiter Ferne flüsternde Stimmen in meinen Halbtraum. Durch die weiten Flügelthüren, die nach dem Garten hin geöffnet waren, drang der Duft der blühenden te sein In. 259. N lebt. ging vortrefflich. Kastanien in den Salon. Ein Sonnenstrahl durchdrang die dichte Baumgruppe und fiel leuchtend auf zwei silberweiße Häupter und umgab sie mit einem Glorienschein. War es ein Traum? Ich sprang auf, rieb mir die Augen und starrte bald die grauen, wie in Verklärung leuchtenden Augen an, bald in die dunkelblickenden, die ich in Berlin nur umschleiert gekannt, und die nun jugendlich klar mit warmer Verehrung in das zart angehauchte Antlitz der Gräfin blickten. Der General führte langsam und innig ihre Hand an seine Lippen und drückte einen langen Kuß darauf, und sie saßen Hand in Hand und hatten sich so viel zu erzählen. Der Anblick war unbeschreiblich schön und doch so traurig. Wie deutlich stand es geschrieben auf diesen beiden lichtumstrahlten königlichen Häuptern: „Behüt Dich Gott, es wär' zu schön gewesen, behüt' Dich Gott, es hat nicht sollen sein!“ Genereux ließ mächtig die Glocke zum Diner ertönen und die Gräfin erhob sich langsam. Der General bot ihr den Arm und ste traten in den Salon. Nie im Leben habe ich ein junges Paar so ergreifend schön gefunden, wie jenes Silberpaar. Ich stand vor ihnen, bewundernd hingerissen und vergaß, sie zu begrüßen. Der General blieb nur noch wenige Tage, und ehe er ging, überreichte er mir ein Regierungsreskript, in welchem meine Er— nennung zum ordentlichen Lehrer und zum Religionslehrer am Gymnasium meiner Heimathstadt enthalten war. „Ist's möglich, Excellenz?“ rief ich, ganz verwirrt von einem so unbegreiflichen Glück,„eine Anstellung, zu der sich nie meine kühnsten Wünsche wagten?“ „So haben wir uns gegenseitig unsere liebsten Wünsche erfüllt, mein lieber junger Freund,“ antwortete er und drückte mir die Hand. Als er schied, sah sie ihm nach, wie er hochaufgerichtet, lang— sam unter den blühenden Kastanien daher schritt. Ihr Gesicht wurde sehr bleich und Thränen verdunkelten die grauen Augen.— Seit einem halben Jahre war ich in Amt und Würden, Alles Ich lebte mit den Eltern und Geschwistern in einem Hause und Abends war es nicht unser kleinster Genuß, in der Zukunft der Geschwister zu leben. Es war der Neujahrsmorgen, mein Studirzimmer wurde nicht leer von glückwünschenden Gym⸗ nasiasten. Ich warf mehr wie einen Seitenblick auf ein Packet, das den Poststempel Pincy und die Handschrift des Pfarrers von Pincy trug, und sehnte mich danach, es endlich öffnen zu können. Ich riß den Umschlag ab und sah vor mir die Prachtausgabe von Lafontaine's Fabeln mit den herrlichen Illustrationen von Grandville. Von der Gräfin Hand geschrieben:„A Monsieur Lieber, Affec- tucux souvenir d'Evote de St. Villefranc.“ Von ihrer nervös bewegten Hand, die ihre Schrift etwas undeutlich machte, stand weiter geschrieben:„Le sort fait les parents, le choix fait les amis.“ Mit dankbarer Rührung schaute ich auf diese„Etrennes“ und griff nach dem beiliegenden Briefe. Der Pfarrer von Piney schrieb: „In der Frühe des Weihnachtsmorgens fand Geneéreux die Frau Gräfin bei verglimmender Lampe vor dem Schreibtisch in der Bibliothek, anscheinend schlafend. Ihr Kopf war auf den Schreib— tisch gesunken, sie hielt die Feder noch in der herunterhängenden Hand. Vor der Frau Gräfin lag ein Blatt Papier, auf welchem das, was ich Ihnen hier wörtlich niederschreibe, von ihrer Hand aufgezeichnet stand:„Es ist Mitternacht, die Glocken läuten Frieden, Frieden! Endlich ist Weihnachten auch für die alte Frau mit dem vereinsamten Herzen gekommen, sie ist kein langverhallender Mißton mehr im hehren Feste der Versöhnung, sie darf endlich einstimmen in den Jubel der Christnacht, sie hat Thränen, endlich Thränen gefunden! Freund meines Frühlings, Freund meiner Seele—“ Hier hat der durch einen Herzschlag erfolgte Tod ihre Hand gelähmt, die letzten Worte sind kaum lesbar. Beifolgendes Buch lag neben ihr, und ich sende es hiermit an seine Adresse. Seit jener Weihnacht sind vierundzwanzig Jahre vergangen. General von R hat Gräfin Dutillier kaum ein Jahr über⸗ In meiner dankbaren Erinnerung leben die beiden außer⸗ gewöhnlichen Menschen fort und fort. Es ist auch stille um mich geworden; die Geschwister sind aus⸗ gezogen, sind glückliche Familienväter und Mütter geworden, und die Eltern sind hochbetagt in meinen Armen gestorben. In dem beglückenden Bestreben, das mir verliehene bescheidene Talent denen zukommen zu lassen, unter die der Herr mich gesetzt hat, läuten die Glocken auch meinem Alter Frieden, Frieden!. Inge Baulsen. Von Eva Treu. „Meine Inge ist das klügste Kind in der Schule,“ sagte Frau Juliane Paulsen, von ihren Freundinnen und Gevatterinnen zu ihrem nie versiegenden Verdruß schlankweg Jule genannt. Sie wohnte in einem der kümmerlichen Häuser, die dicht an dem so— genannten Hafen des kleinen Seeortes standen und betrieb einen durchaus nicht sehr schwunghaften Handel mit gekochten Krabben, lebenden und geräucherten Fischen und ähnlichen Dingen. Nicht, daß Frau Juliane Paulsen wie Andere mit ihren Waaren hausirend von Haus zu Haus gegangen wäre, Gott behüte, das hätte sich für sie durchaus nicht geschickt. Denn sie hatte früher sozusagen eine Stellung in der Welt eingenommen und in ihrem Kreise eine Rolle gespielt. Ihr Mann war Untersteuermann auf einem zwischen China und Hamburg fahrenden Schiff gewesen, und ein stattlicher, schmucker Mann war er, das mußte man ihm lassen, aber auf der zweiten Reise, welche er nach seiner Hochzeit machte, geschah der„Ingeborg“, mit welcher Jens Paulsen fuhr, ein Un⸗ glück. Sie ging unter fast mit Mann und Maus, und in die Heimath zurück gelangten nur die bekümmernden Nachrichten von diesem traurigen Unfall, gerade an dem Tage, wo der Prediger das kleine braunäugige Geschöpf taufte, welches der ferne Vater noch nie erblickt hatte und auch nie sehen sollte, weil die bösen Wasser des Weltmeers über seinem bleichen Antlitz rauschten. „Ingeborg“ hatten sie das winzig kleine Ding bereits getauft, als die Unglücksbotschaft eintraf, nach dem Schiff, das des Vaters Leben zum Verderben geworden war.„Inge“ sagte die Mutter für gewöhnlich schlechtweg, aber wenn es galt, besonders würdevoll aufzutreten, so vergaß sie es nie, dem Namen seinen voll austönenden Klang zu geben, wie sie sich denn auch für sich selbst mit dem land— läufigen„Jule“ nicht mehr begnügen wollte, das ihr bis dahin vollauf genügt hatte. Denn wunderlich genug, die Frau, die früher schlecht und recht hingelebt hatte, wie andere auch, bekam nach ihrem Unglück, in ihrer ganzen Art aufzutreten, etwas Hochtrabendes. Viel⸗ leicht hatte sie gerade jetzt doppelt das Bedürfniß, hervorzuheben, daß sie mehr wäre, wie eine Matrosenfrau, denn sie war von nun an auf ihrer Hände Arbeit angewiesen, wenn sie leben wollte, und was das saubere kleine Haus früher etwa an Luxusgegenständen mochte enthalten haben, das wanderte nach und nach unter den Hammer des Auktionators, der es gelegentlich, wenn er andere größere Verkäufe zu leiten hatte, mit fortgab. Sauber war das Häuschen auch fernerhin gehalten, blank und rein, wie aus dem Ei geschält, anders hätte Frau Juliane es nicht gethan, und auf dem Flur, gegenüber der Hausthür, prangte noch heute das Modell zur„Ingeborg“, ganz aufgetakelt und schön lackirt, wie es Jens Paulsen vor Jahren aufgestellt hatte, als er mit seiner jungen Frau hier einzog. Und daß das ganze Haus nach Fischen roch, wäre auch weiter keine Schande gewesen, denn man gewöhnte sich daran, wenn nur das Geschäft ein Bischen besser ge— gangen wäre. Aber mochte nun der Frau der richtige Erwerbsgeist fehlen, mochte es am ersten Einlagekapital gemangelt haben, genug, sie gewann immer nur gerade soviel, um auf eigenen Füßen stehen bleiben zu können, trotzdem sie rührig genug war. Nein, ein wenig mehr verdiente sie dennoch: genug nämlich, um das niedliche kleine Geschöpf, das neben ihr spielte, auf ihre Weise auf das zierlichste herausputzen zu können. So ein Kind gab es garnicht mehr. Bürgermeisters Kleine, die eben so alt war und manchmal im buntbebänderten, gestickten Kleidchen vorübergeführt wurde, was war die gegen ihre Inge! So krause, blonde Haare und lachende, braune Augen hatte Jens auch gehabt, aber das behende, flinke Figürchen, die wunderkleinen Füße, den lieblichen Mund, all' das hatte das Kind ganz für sich allein. Solch ein kluges Kind konnte man außerdem nirgends sehen. Was die schwatzen konnte mit vier Jahren, was die für Fragen that, über die sich die klügsten Menschen hätten wundern können, davon konnte die Mutter den Nachbarinnen nicht genug erzählen. Und sie schleppte das hübsche kleine Geschöpf mit sich umher den lieben, langen Tag und ließ sich's nicht verdrießen, wenn es sie bei der Arbeit störte. Sie strich ihm das Brod doppelt, erst mit Butter und dann mit Syrup, wenn es auch für sie selbst zufällig gerade nur zu einem trockenen Knust reichte, und sie hielt es nicht für 260 Se Verschwendung, bunte Seidenbänder durch die feinen, blonden, krausen Härchen zu flechten, die sich so widerspenstig um das holdselige, rosige Gesicht ringelten, und den kleinen Hals mit bunten Glasperlen zu schmücken. Klein Inge konnte kaum mit dem Gesichtchen über den Tisch gucken, da kletterte sie schon auf den Stuhl und lachte sich selbst im Spiegel an. Und sie konnte noch nicht die ersten Buchstaben in der Fibel lesen, da wußte sie schon ganz genau, daß sie hübsch wäre. Ja, sie hatte noch nicht das Einmaleins sicher im Kopf, da hatte sie schon einen treuen Verehrer gefunden, der ihr nicht nur alle besonders schönen Muscheln und alle gefundenen Vogeleier pünktlich ablieferte, sondern auch alles Andere, wonach ihr eben die Laune stand, unweigerlich erfüllte, sobald es in seiner kindischen Macht lag. Er war ein Seemannskind, wie sie, nur hatte ihm das Schick— sal noch ein wenig ärger mitgespielt, als ihr, denn Peter Ohlsen hatte beide Eltern verloren, und ihm war nur eine alte, halb blinde und halb taube Großmutter geblieben. Uebrigens hinderte ihn das keineswegs, der lustigste und tollkühnste Junge am ganzen Hafen und der Anstifter einer Unzahl von dummen Streichen zu sein. Es war daher kein geringer Ruhm für die kleine Inge Paulsen, daß der um ein paar Jahre ältere Junge ihr ganz erklärter Freund und Gönner, oder vielmehr Sklave war, um welchen sie von den übrigen Mädchen— auch weit größeren— lebhaft beneidet wurde. Ueber⸗ haupt vertrug sie sich mit den Knaben besser, wie mit den Mädchen. „Meine Inge,“ sagte ein wenig später Frau Juliane mit Stolz, „sitzt in der Schule oben auf der ersten Bank, über Bürgermeisters ihrer, die drei Monate älter ist. Und ich weiß wirklich nicht, ob ich sie nicht auch französisch lernen lasse, bei so guten Gaben.“ Aus dem französischen Unterricht wurde nun freilich zum Glück nichts, aber im Uebrigen hatte die entzückte Mutter auch diesmal nicht so ganz unrecht. Das Kind, die Inge, war wirklich ein pfiffiges kleines Ding, das sich mit seinem holdseligen Gesicht und silbernen Lachen gradeswegs in die Herzen der Lehrer stahl. Ja, wie konnte sie lachen! Alles lachte mit; der feine kleine Kopf, der sich so übermüthig in den Nacken warf, die braunen Augen, aus denen der Schalk blitzte, all die niedlichen Grübchen in Kinn und Wangen, und sogar die goldenen Härchen im Nacken, die von der Bewegung des Kopfes bebten. Wer es hörte und sah, lachte auch, und hätte sie ihm selbst vorher irgend ein Leid angethan. Vielleicht wär's aber noch schöner gewesen, wenn Ingeborg nicht so ganz genau gewußt hätte, daß ihre Augen groß und ihre Füße klein, daß krauses, goldenes Haar hübsch und ein zierliches Figürchen keineswegs häßlich wäre. Sie dachte natürlich nicht immer daran, aber sie vergaß es doch auch eigentlich nur dann ganz, wenn sie mit Peter Ohlsen weit draußen am Wasser entlang lief, um Möveneier zu suchen, oder wenn sie ganz allein irgendwo saß, wo Niemand sie sah und mit ihrer lieblichen kleinen Stimme Lieder über das Meer hinsang. Unendlich viele Lieder wußte sie. Sie blieben ihr im Gedächtniß haften, sie wußte selbst nicht wie, und Töne und Worte, die sie vergaß, ersetzte sie unbewußt selbst. Nie war sie lieb— licher als in solchen Augenblicken, aber dann wußte sie eben selbst nicht darum. „Meine Inge muß tanzen lernen, das gehört zur Bildung,“ sagte Frau Juliane. Hatte doch das Kind, als es kaum gehen konnte, zierlich sein Röckchen gefaßt und sich im Takte gedreht, wenn eine Drehorgel einen Tanz aufspielte. „Sie ist rein vernarrt in das Ding,“ sagten die Nachbarinnen, denen es nicht geglückt war, ihre Männer zu einer gleichen Ausgabe zu bewegen. Und als im nächsten Sommer der alte Tanzmeister, Herr Piek, der alljährlich einen Kursus für Knaben und Mädchen eröffnete und für sehr comme il faut galt, wieder in das Städtchen kam, da zog Frau Juliane ihre baumwollenen Handschuhe an und meldete Inge als Schülerin an. Kleine Schuhe mit Lackspitzen mußte sie haben und ein neues Kleid mit einer Tunika, wie es die Kinder aus guten Häusern trugen, und feine Strümpfe, wie Frau Juliane sie selbst in ihrer besten Zeit nicht getragen hatte. So gehörte es sich, wenn man tanzen lernte. Und an den Mittwochnachmittagen, an denen der Unterricht statt- fand, setzte die Wittwe jedesmal ihren neuen Hut auf, den Jens ihr noch geschenkt hatte, band das Umschlagetuch über das Sonntags- kleid und saß in der Seitenloge des kleinen Tanzlokals, um zuzusehen. Das waren wahrhaft genußreiche Stunden für sie. mit Respekt und Ehrfurcht, den dicken Herrn Piek den Unterricht leiten und je zuweilen mit einer für seine Körperfülle erstaunlichen Grazie die Pas vortanzen zu sehen. Er fiedelte dabei oder sang, wie es eben paßte. Ingeborg flog wie ein Vögelchen unter den Anderen umher, so leicht und mühelos, so zierlich und anmuthig, daß sie in kürzester Frist Herrn Piek's erkorener Liebling war und als glänzendes Beispiel schneller Fassungskraft den großen, ungelenken Mädchen hingestellt wurde, die immer den linken Fuß einwärts setzten, die Schultern empor zogen, den Kopf schief hielten, oder den Tänzern schwer wie Blei in den Armen hingen. Und das war eben der Hauptgrund, weshalb Frau Jaliane nie einen Mittwochnachmittag versäumte, obgleich das Geschäft eben keinen Vortheil davon hatte. Peter Ohlsen besuchte diese Tanzstunden natürlich nie. Selbst wenn seine Großmutter das Geld dafür hätte hergeben wollen oder können, wozu hätte er tanzen lernen sollen? Er hatte, so lange er zurückdenken konnte, Schiffer werden wollen, wie sein Vater ge⸗ wesen war. Zudem war er Palmarum eingesegnet und sollte nächstens als Schiffsjunge fortgehen. Er war ein hübscher, treuherziger, kräftiger Junge geworden mit lustigen, ehrlichen Augen und geschmeidigen Gliedern, und die Freundschaft mit Inge war sogar durch die Tanz— schule nicht in's Wanken gekommen, obgleich das krause, blonde Köpfchen noch ein wenig selbstbewußter geworden war, als vorher. Der große, fröhliche Junge war dem halbwüchsigen Ding doch viel lieber, als alle, die in Herrn Piek's Kursus mit ihr tanzten und die ihre Quartaner- und Tertianermützen auf der Straße so tief vor ihr zogen, als wenn sie eine Dame, oder doch wenigstens ein Honoratioren-Backfisch wäre. „Meine Inge muß zum Abtanzball ein weißes Kleid haben,“ überlegte Frau Jule, als der Schlußball vor der Thür stand,„ein weißes Mullkleid und Handschuhe, dies haben sie alle, und zurück— stehen soll meine Inge nicht.“ noch eine seidene Schärpe hinzuzufügen, als es an ihre Thür klopfte. Sie öffnete, und vor ihr stand Herr Piek, so verbindlich lächelnd, so höflich und freundlich, als wäre es ganz unmöglich, daß er jemals beim Kommandiren der Francaise sänge:„Ein, zwei, drei— Du Esel! Ein, zwei, drei— Du Schafskopf!“ während der Fiedelbogen die Füße der Schuldigen in nicht immer zärtlicher Weise berührte. Er war nur gekommen einer Bitte, einer ganz kleinen Bitte wegen. die fähigsten Schüler kleine Kostümtänze aufführen zu lassen. Die Eltern hatten nie etwas dagegen einzuwenden, im Gegentheil, es war ein Vorzug, um den eifrig nachgesucht wurde, so daß er sich zuweilen genöthigt sah, um der guten Kundschaft willen, auch un⸗ geschicktere Kinder heranzuziehen. Frau Jule horchte auf. Ja, sie hatte dergleichen schon gesehen, sie wußte, daß Bürgermeisters Jüngste und die Zwillinge vom reichen Möller, der die große Schnittwaarenhandlung am Markt hatte, mit dabei sein würden. Inge hatte schon mit kleinen, sehnsüchtigen Seufzern davon erzählt, und in ihr selbst waren bereits ehrgeizige Wünsche erwacht, die nur gedämpft wurden durch die Ueberlegung, daß zu einem Kostümtanz auch Kostüme zu gehören pflegen. Es wäre nicht so schlimm damit, meinte Herr Piek, ein kurzes, rothes Röckchen mit Goldborten, ein schwarzes Sammetmieder mit Flittern benäht, ein Hütchen mit Blumen und Bändern, das wäre ja auch nicht alle Welt. „Gott bewahre, wie sollte es wohl, Herr Piek,“ sagte Jule Paulsen abwehrend.„Dazu kann ja wohl mit Gottes Hülfe noch Rath werden.“ Und sie überlegte schnell, daß sie sich diesen Winter wohl noch ohne das neue Kleid behelfen könnte, welches sie eigent⸗ lich schon vor einem Jahre hatte anschaffen wollen und dessen An: kauf immer wieder anderer Ausgaben wegen hinausgeschoben wurde. Das sollten die Leute nicht sagen, nein, das sollten sie nicht sagen, daß Jule Paulsens Inge nicht mittanzen könnte, weil sie nichts anzuziehen hätte. Freudestrahlend stand sie vor der Hausthür und wartete, daß das Kind heimkommen sollte. wurde, kam Inge langsam und nachdenklich dahergeschlendert. Eben hatte Peter Ohlsen von ihr Abschied genommen. Morgen, ehe die Sonne aufging, reiste er ab. Sein Schiff lag in Hamburg und 1 Es erfüllte sie Und sie überzählte den nicht allzu reichen Kassenbestand, ob er ihr wohl gestatten würde, dem Ballstaat Er hatte die Gewohnheit, beim jedesmaligen Schlußball Endlich, als es schon dämmerig Opfer römischer Jungfrauen. 0 0 f 0 0 Von H. Coomans. 262 fuhr nach der Südsee, und er ging als Schiffsjunge mit und kam erst in Jahren zurück zu seiner alten Großmutter. Es war ein ganz trauriger Abschied gewesen. Inge hatte sehr geweint, denn es war ihr eingefallen, daß sie doch eigentlich sehr, sehr viel von Peter Ohlsen hielte. Nun dachte sie daran, daß sie Peter ver⸗ sprochen hätte, zuweilen seine alte Großmutter zu besuchen. „Schön wird das gerade nicht,“ dachte sie, denn die alte Frau war nicht wegen hervorragender Liebenswürdigkeit berühmt, und der Verkehr mit ihr war einigermaßen mühsam,„aber ich will es doch thun, weil Peter es gerne will.“ „Inge!“ rief ihr die Mutter entgegen, der das Mädchen viel zu langsam angegangen kam,„Inge, so spute Dich doch! Du zählst wohl die Steine auf der Straße? Herr Piek ist hier gewesen, und Du sollst den„Ländler“ mittanzen, und wir müssen gleich nach Möller's Laden und rothes Zeug für den Rock kaufen, und Fräulein Jürgens soll den Hut machen.“ Sie sprach so schnell, daß ein Wort das andere beinahe überstürzte. „Was sagst Du, Mutter?“ rief das Kind. Und die Thränen, die noch eben so jammervoll über die runden Backen liefen, ver⸗ siegten ganz plötzlich. Vergessen war Peter Ohlsen und jede Spur von Trennungsweh über den rothen Rock mit Goldborte. Unbeschreiblich stolz, wichtig und glücklich erschien sich dann Frau Juliane, als der große Tag des Kinderballes endlich anbrach. Inge war die kleine Königin des Abends; es hätte nicht der halblauten Bemerkungen neben und hinter ihr bedurft, um der Mutter das zu sagen, und Jule Paulsen's mütterliches Herz schwoll von Stolz und Glück. Nun trug es sich zu, daß einige Wochen nach jenem Kinderball die älteste Tochter der schon vorerwähnten Familie Möller Hochzeit machte. Um den Polterabend recht lustig zu gestalten, waren allerlei Scherze und Aufführungen in Aussicht genommen, und unter Anderem sollte auch der Kostümtanz, an welchem zwei der kleinen Mädchen, die Zwillinge Anna und Marie, theilgenommen hatten, und dem man seiner Zeit viel Beifall gespendet hatte, wiederholt werden. Da nun Inge zu diesem Tanze unentbehrlich war, wurde ihr die Ehre einer Einladung zum Polterabend zu Theil, und sie durfte nicht nur den Gästen vortanzen, sondern auch dableiben, bis endlich, ganz spät, Alles vorbei war. Frau Jule verfehlte nicht, alle Einzelheiten dieses denkwürdigen Abends ihren Nachbarinnen sehr oft mit großer Um— ständlichkeit vorzutragen. Von dieser Zeit an sah man Inge oft in der Möller' schen Familie. Man fand sie würdig, die Spielkameradin der jüngeren Kinder zu sein. Es war eine Ehre, die wohl geschätzt sein wollte und von Jule Paulsen auch wirklich außerordentlich empfunden wurde, denn die Möͤller's, welche den größten und elegantesten Laden des Ortes besaßen und nach kleinstädtischen Begriffen für sehr reich galten, waren von der hervorragenden Stellung ihrer Familie um so mebr überzeugt, als dieselbe nicht immer diesen erhabenen Rang eingenommen, sondern sich von einem ehemals sehr bescheidenen Stand⸗ punkt durch eigene Kraft und Rährigkeit emporgearbeitet hatte. Es war eine ziemlich zahlreiche Familie, denn außer der ältesten, kürzlich verheiratheten Tochter und Inge's beiden Freundinnen, waren noch zwei kleinere Kinder und ein Sohn vorhanden. Der letztere war ein großer, stiller, ernsthafter junger Bursche mit langen, rothen Handgelenken, großen Füßen und einem gutmüthigen, unscheinbaren, etwas blassen Gesicht. Den widerspenstigen Haaren versuchte er ver— gebens durch kunstvollen Bürstenstrich einen eleganten Fall zu geben. Für's erste bekleidete er noch die würdige Stellung eines Handlungs— lehrlings. Ein flotter Verkäufer war der Johannes bis jetzt noch nicht, überhaupt ging ihm alles„Flotte“ vollständig ab. Er war so ein. silbig und schwerfällig, daß es seinen rührigen Papa zuweilen fast zur Verzweiflung brachte. „Jung', laß das Räsonniren sein! Du schwatzt einen ja in Grund und Boden hinein!“ rief Herr Möller unwirrsch, wenn sein Erbe und Nachfolger stundenlang ungefragt den Mund nicht aufgethan hatte. Wäre es nach dem Kopf des Johannes gegangen, so wäre er freilich kein Kaufmann geworden. Einmal, vor langer Zeit, hatte er den Wunsch ausgesprochen, studieren zu dürfen, aber sein Plan war so unverkennbar lau aufgenommen worden, daß er in seiner schüchternen Art nicht wieder darauf zurückgekommen war und sich mit dem, was für ihn das Gegebene zu sein schien, abzufinden suchte, so gut es denn ging. Auch hinderte dies alles nicht, daß er der Abgott seiner guten, korpulenten Mama war, die ihm so leicht 5 keinen seiner selten geäußerten Wünsche versagte; die Zwillinge. endlich waren kleine, gewöhnliche, rothlockige Mädchen. Anfangs imponirte Inge der etwas alltägliche Prunk der Wohnung mit seinem rothen Plüsch und der Vergoldung gewaltig, und in dem großen, wohlgehaltenen Garten wagte sie sich nur schüchtern zu be— wegen, aber sie gewöhnte sich bald daran und that, als wenn sie zu Hause wäre, und wenn sie Abends in ihr wirkliches Zuhause ü zurückkehrte, erschien es ihr manchmal unbeschreiblich ärmlich und widerwärtig und das alte Kleid der Mutter entsetzlich geflickt und abgetragen. Zuweilen ging sie zu Peter Ohlsen's Großmutter, nicht gar zu oft, denn die Alte war langweilig und, wie gesagt, nicht sonderlich liebenswürdig. Nein, hübsch war es nicht bei Peter Ohlsen's Groß⸗ mutter. Oder doch, zuweilen war es hübsch. Das war dann, wenn Peter Ohlsen's seltene Briefe eingetroffen waren und Ingeborg sie vorlesen mußte, weil das schwache Augenlicht der alten Frau eben⸗ so wenig ausreichend war, wie ihre mangelhaften Lesekünste. O, was sah Peter Ohlsen alles, und was erlebte er? Freilich, an's Land kam er als Schiffsjunge nicht allzu viel, auch wenn das Schiff vor Anker lag, aber er erlebte trotzdem genug. Seine kecken, lustigen Augen fanden offenbar immer das heraus, was Spaß machte zu sehen und erzählen zu hören. Und wenn er von einem Sturm geschrieben hatte, so horchte Ingeborg hinterher doppelt aufmerksam und mit wohligem Grauen, wenn die Wellen in der Nacht hoch gingen und sie ihr Rauschen im Bett hören konnte, und wenn er schrieb von den Chinesen, in deren Land er gewesen war, so ging sie Abends, wenn sie heim kam, an die kleine lackierte Kiste, in welcher jene Sachen lagen, die Jens Paulsen einst von seinen Fahrten mitgebracht hatte, kramte sie vor sich aus und fragte die Mutter tausenderlei. An solchen Tagen trieb es sie manchmal, wieder stundenweit dem Deich entlang zu laufen, wie sie früher mit Peter Ohlsen ge. than hatte, und sich draußen, weit weg von allen Menschen, in das kurze, feine Strandgras hinzustrecken, grade in den blauen Himmel oder in die Sonne hineinzusehen, oder den Flug der Moͤven zu verfolgen, die ihre langen, silbernen Schwingen bis dicht an die grauen Wellen senkten. Ihr mißtönender Schrei schien ihr nicht häßlich. Sie liebte, da zu liegen und mit ihrer süßen Stimme halblaut über das Wasser hinzusingen. In solchen Stunden hatte sie den fernen Gespielen lieb, und sie sehnte ihn sehr herbei. Der Mutter sprach sie wohl auch von dem, was Peter Ohlsen geschrieben hatte, aber in einer beiläufigen, gleichzültigen Weise. Bei Möllers sprach sie nie von ihm. Sie kannten ihn ja doch nicht. Ein paar Jahre vergingen so. Ingeborg wurde mit den Zwil⸗ lingen zugleich eingesegnet, und nun hatte Jule Paulsen eine er⸗ wachsene Tochter. Der immer noch etwas schüchterne Johannes, den selbst ein zeitweiliger Aufenthalt in der Fremde nicht lebhafter gemacht hatte, wurde ordentlich roth, als er sie zum erstenmal„Fräu⸗ lein“ nannte, worüber die ganze Familie in ein nicht enden wollendes Gelächter ausbrach, mit Ausnahme der Mama, die es nicht gern mochte, wenn man ihren Aeltesten neckte. Wer diesem guten, treuen, unbeholfenen Menschen hätte in das Herz sehen können, der würde freilich darin so viel Treffliches gefunden haben, so viel ehrliche Bescheidenheit, so viel Güte und Selbstlosigkeit, daß ihm vielleicht das Necken sehr bald vergangen sein würde. Aber es war nicht so ganz leicht, dies alles zu finden. Auf den ersten Blick sah man nur die ungeschickte Gestalt, das wenig schöne Gesicht, das starre Haar, und nur die guten grauen Augen hätten einen allenfalls einigermaßen mit Johannes Müller's äußerem Menschen aussöhnen können. Aber die Zwillinge und Ingeborg dachten nicht daran, nach seinen Augen zu sehen, sondern spielten ihm manchen übermüthigen Streich, aber halb aus Gutmüthigkeit, halb aus Ungeschick still über sich er⸗ gehen ließ. „Meine Inge ist bei Möllers wie Kind im Hause,“ rühmte Frau Jule gegen die Nachbarinnen, und sie nahm es nicht als Kränkung auf, daß sie selbst von diesem Verkehr ausgeschlossen war. In ihren einsamen Stunden spann sie heimlich allerlei schöne Pläne. „Meine Inge soll keine Hausarbeit thun,“ dachte die thörichte Frau,„das macht die Hände hart und rauh, wie Dienstmädchen⸗ hände. Und wer weiß, was fur ein Glück ihr noch blüht. Reich den er wohl bemerkte, —— 263.. soll sie werden. Wenn man so aussieht wie sie, kann man das wohl beanspruchen.“ Und sie that die Hausarbeit selbst. Sie sah es gar nicht gern, daß Ingeborg für Peter Ohlsen's Großmutter die Briefe an den jungen Matrosen zu schreiben pflegte. Ja, wenn der Jugendgespiele Johannes Möller geheißen hätte, das möchte ihr eher gefallen haben. Zuweilen Abends in der Dämmerung legte Jule Paulsen in aller Stille die Karten für ihre Inge. Sie verstand sich auf solche Künste und glaubte eben so fest daran, daß die Karten die Zukunst verkündeten, als daran, daß es gut gegen allerlei Krankheiten wäre, eine Muskatnuß eingenäht im Kleide zu tragen, oder daß es Unglück brächte, Schweinen zu begegnen oder am Montag ein Werk zu beginnen. Sie würde sich sehr gehütet haben, Ingeborg zu sagen, daß sie unter dem„Herzbuben“ den stillen Johannes zu verstehen pflegte, ja, sie bemühte sich sogar, sich selbst solche Gedanken aus dem Sinne zu schlagen; aber wunderbar, ganz wunderbar blieb es doch, daß immer der„Herzbube“ in Gemeinschaft mit„Rutenzehn“ — welche doch nach dem Urtheil aller Sachverständigen viel Geld bedeutet— in der Nähe der„Dame“ zu finden war, und daß sich beständig„Klever Aß“, der verhängnißvolle Unglücksbrief als Hinderniß dazwischen drängte. Dann schob Frau Jule so verdrießlich das ganze Spiel zu⸗ sammen, daß Ingeborg wohl lachend fragte:„Was hast Du denn, Mutter? Liegt die große Erbschaft nicht in der richtigen Ecke?“ „Ach Kind, das verstehst Du nicht,“ sagte die Mutter,„mit den Karten ist nicht zu spaßen.“ Im Spätsommer machten die Zwillinge Möller eine Reise zu der auswärts verheiratheten ältesten Schwester und blieben mehrere Wochen fort,„der Bildung wegen,“ sagte Mama Möller, welche sehr für Bildung schwärmte. Nun war Ingeborg fast auf die Mutter und Peter Ohlsen's Großmutter allein angewiesen, denn zu Frau Möller mochte sie, wenn die Freundinnen nicht daheim waren, ohne direkte Aufforderung nicht oft gehen, und mit den Nachbarsleuten hatte sie schon lange so gut wie keinen Verkehr mehr. So hatte sie denn an einem sonnigen Nachmittage einen ihrer langen, einsamen Spaziergänge auf dem Deich entlang gemacht. Der Wind war frisch über das Meer hereingekommen und hatte ihr das Kleid und Haar zerzaust. Eigentlich gefiel es ihr am aller⸗ besten, so umherzulaufen ohne Handschuhe und Schirm. Es war so schön gewesen draußen, wie seit lange nicht. Ein paarmal hatte sie früher die Möller'schen Mädchen mit hinaus genommen auf den Deich. Aber sie hatten es entsetzlich langweilig gefunden da draußen; ihnen hatte gegraut, als die Ebbe kam und die Watten so schwarz und unheimlich dalagen, und sie hatten nicht wieder mit gewollt, als Inge sie das nächstemal aufforderte. Auch Inge graute, wenn Ebbe war. Dann rieselte es ihr wie ein Schauder vor Gespenstern durch die Glieder, und sie wagte es nicht, allein hinauszulaufen auf den Deich, wenn das Wetter trübe und dunkel war, wie man zur Mitternacht nicht gern über den Kirchhof geht. Sie ging schnell, ohne zur Seite oder hinter sich zu sehen, wenn die Fluth wich; ja, zuletzt war sie manchmal gelaufen, als verfolgte sie Jemand. Aber grade dies heimlich zitternde Grauen war ja auch schön. Heute lag ihr immer ein Lied im Sinn, das sie einmal Abends, ehe die Zwillinge reisten, bei Möller's gehört hatte. Die Worte waren ihr kaum im Gedächtniß geblieben, nur die Melodie klang ihr im Ohre nach, das alle Musik so leicht auffaßte, und eine kurze Strophe sang sie im Gehen wohl zwanzigmal halblaut vor sich hin: „Reichthum allein thut's nicht auf Erden, Das ist nun einmal weltbekannt. Mit Robert kann ich glücklich werden, Er gilt mir mehr, als Geld und Land.“ Dann lachte sie.„Nun will ich es nicht mehr singen. Ich kenne ja gar keinen Robert.“ Aber ehe sie sich dessen versah, kam es ihr schon wieder halb⸗ laut über die Lippen:„Reichthum allein—“ „Ich will nur einmal zu der alten Großmutter Ohlsen hinein. gehen,“ dachte Ingeborg, sich selbst unterbrechend.„Vielleicht, daß ein Brief angekommen ist. Es ist so lange her, seit der letzte kam,“ und sie ging auf das kleine Haus zu, ohne sich wegen ihrer zerzausten Frisur zu beunruhigen. Die Alte sah ja doch nichts mehr. (Fortsetzung folgt.) Lose Blätter. „Opfer römischer Jungfrauen.(Siehe Illustration) H. Coomans gehört 1 jener Gruppe von Malern, welche unter Alma Tadema's Führung sich auf das ebenso weite als dunkle Gebiet der antiken Welt begeben haben. Coomans sucht uns die Schönheit und Poesie der römischen und hellenischen Frauenwelt zu veranschaulichen. Auf's Engste vertraut mit den Sitten und Trachten der schönen Griechinnen und Römerinnen, wird es ihm leicht, die jugendschönen klassischen Frauengestalten so zu drapiren und in solchen Stellungen zu zeigen, daß wir ihren Reiz und ihre Anmuth auf's Lebhafteste empfinden. Auf unserm Bilde stellt Coomaus eine Scene im Tempel der Juno vor dem Fest der Matronalien dar. Den Römern galt die Juno be— kanntlich als Himmelskönigin und Schützerin der Ehen. Vor den Matro— nalien, oder dem Hausfrauenfest pflegten die Frauen, denen der Kinder⸗ segen mangelte, Puppen als Opfergabe darzubringen, in der frohen Er⸗ wartung, daß die Himmelskönigin 1. in Erwiderung der Liebesgabe ein lebendes Püppchen bescheeren werde. Ein ähnlicher religiöser Gebrauch findet sich bei den Chinesen. R E. Industrie der Lumpen. Lumpen, welches Grausen! Jeden überschleicht wohl bei dem Gedanken an dieses Wort ein Gefühl der Unbehaglichkeit. Und doch sind auf diesem unscheinbaren Artikel zahlreiche Industrieen basirt, von denen allein, um eine herauszugreifen, die Textilindustrie nur in Frank— reich 350 000 Menschen ihren Lebensunterhalt giebt. Davon entfallen auf Paris etwa 73 000, auf dessen Bannmeile ungefähr 12 000, auf die De⸗ partements nahezu 200 000 und auf Algier 5000. In diesen Ziffern sind die Lumpensammler, die Lumpenhändler und die Angestellten der Letzteren einbegriffen. Fügt man denselben die Händler mit alten Kleidern, deren Zahl über 15 000 beträgt, und dann diejenigen hinzu, die in den ver— schiedenen Fabriken, welche sich mit der Verarbeitung dieser Lumpen be⸗ schäftigen, ihr Brod verdienen, so ergiebt dies für Frankreich eine Ziffer, welche die angegebene von 350 000 bei Weitem übersteigt. Auch in den Ausfuhrlisten des französischen Handels spielt der Artikel Lumpen eine sehr bedeutende Rolle; das Zentrum für den Handel mit dieser Spezialität ist Paris. Die Lumpenhändler der Provinzen und die Lumpensammler von Paris liefern die von ihnen gesammelten Lumpen an die Lumpengroßhändler dieser Stadt, so daß bei diesen Letzteren gewissermaßen die Lumpen von ganz Frankreich zusammenströmen. Die Arbeiter der Lumpensammlermeister und der Lumpengroßhändler theilen sich in Magazin-Tagelöhner und in Sortirerinnen. Erstere haben die von auswärts eingegangenen Ballen nach und von den Magazinen, sowie nach und von den Sortir-Lokalitäten zu bringen. Ein Magazin⸗Tagelöhner verdient in Paris sechs bis sieben Franks (4,80 bis 5,60 Mk.) pro Tag; die Sortirerinnen haben gewöhnlich Stücklohn und erhalten durchschnittlich einen Frank(80 Pf.) pro Kilo. A. B. 1 Blutrache unter den Albanesen. Unter den Albanesen war die Rache ein Recht und eine Pflicht; wie weit sie getrieben wurde, mag Nachstehendes zeigen, welches ein Reisender erzählte. Der Kapitän Doda, das Oberhaupt der Myrditen, der früher in osterreichischen Diensten gestanden hatte, starb in Ragusa und hinterließ zwei unerwachsene Söhne. Ihr Oheim machte 1834 einen Versuch, ihre Jugend zu benutzen und seine Neffen aus der erblichen Würde eines Stamp eng zu verdrängen. Einen nahen Ver— wandten, den Bruder der Wittwe Doda's, der ihm Vorstellungen darüber machte, ermordete er. Darauf fiel er selbst von den Händen dieser Frau. Sein Sohn, der an einem Weibe sich nicht rächen durfte, weil es gegen die Sitte des Landes war, ermordete ihren Sohn, seinen älteren Vetter, und sie vergalt es dadurch, daß sie ihren Neffen, das einzige Kind ihres Schwagers, umbrachte. Hier hatte der Rachekrieg ein Ende, weil außer dem jüngern Sohne Doda's keine Männer mehr in der Familie lebten. Dieses Kind soll dennoch auch ermordet worden sein. Die Mutter, eine hübsche, kleine schwarzhaarige Frau, kam 1838 selbst nach Skutaria, um ihr Benehmen vor dem Pascha zu vertheidigen und darauf hinzuweisen, daß die Landessitte sie ermächtigte, die oben erwähnten Mordthaten mit dem Dolche oder dem Pistol zu begehen. M. Ein Feldprediger, der zum ersten Male einer Militärübung, in der viel kanonirt wurde, beiwohnte, befand sich am Abend mit dem kommandiren⸗ den General zusammen.„Heute haben Sie sich wohl das höllische Feuer recht lebhaft vorgestellt?“ fragte dieser ihn.„Allerdings, Excellenz,“ war die Antwort,„besonders, als ich Sie mitten im Getümmel sah.“ W. 6. Der Marquis Catinat, einer der begabtesten Feldherren Ludwigs XIV., hörte, wie man von dem Marschall Montrevel sprach, er sei so kaltblütig, daß er nach einer gewonnenen Schlacht ruhig Billard spiele. Ein Lächeln flog über Catinat's kühnes Soldatengesicht, aus seinen Augen zuckte ein Blitz des Spottes.„Auch nach einer verlorenen Schlacht?“ bemerkte er. W. G. Kleinrussische Sprüchwörter: Ist nur Honig da, so findet sich auch ein Löffel. Liebe dein Weib, wie deine Seele und schüttle sie, wie deinen Birnbaum. Wenn der Abt zum Glase greift, greifen die Mönche zum Kruge. Füttere den Wolf noch so gut, doch steht sein Sinn nach dem Walde. Der Regen erfrischt das Gras, das Gebet den Menschen. Herrenhöflichkeit reicht nicht über die Schwelle hinaus. W. G. 8 n B 264.. Silben-Räthsel. (Aus dem Leserkreise eingeschickt.) Aus folgenden Silben: a àes an as augs ba bee ber berg bin bo bri burg che ci cu dan do dom dre düp u o e el en fa ga ger geth ha hau je jo lap li lin ma mel mi mur na na nau ne new ni nis nus pel ra räu ri ri rohr ru rub sa se sef sei teut the tho ton tot u us van ve ven wðo wol y 21 sind 29 Worte zu bilden, deren Anfangsbuchstaben, von oben nach unten elesen, einen berühmten deutschen Tondichter und zwei aus seinem Leben W Namen, und deren Endbuchstaben, ebenfalls von oben nach unten gelesen, drei seiner Werke ergeben. Die Worte bezeichnen:. 5 1. Einen Edelstein. 2. Einen Fluß in Sibirien. 3. Ein Wort für Engel. 4. Eine Person aus Weber's„Freischützbk. 5. Einen Vogel. 6. Einen Fluß in Deutschland. 7. Einen Gott der alten Germanen. 8. Eine Stadt in Baiern. 9. Einen biblischen Ort. 10. Einen berühmten englischen Physiker. 11. Eine Stadt in Böhmen. 12. Eine Oper von R. Wagner. 13. Einen deutschen Tondichter. 14. Eine Stadt im Harz. 15. Eine Stadt in Frankreich. 16. Ein Trauerspiel von Schiller. 17. Eine Person aus „Don Carlos“. 18. Einen Planet. 19. Den Stammvater der Germanen. 30. Eine Stadt auf Cuba. 21. Eine Insel an der pommerschen Küste. 22. Einen Gott der Heilkunde. 23. Eine große Handelsgesellschaft im Mittelalter. 24. Eine Stadt in Frankreich. 25. Einen berühmten Römer ur Zeit des Pyrrhus. 26. Stadt an der Ostküste Italiens. 27. Einen 850% Namen. 28. Eine Insel an der Westküste Italiens. 29. Ein Dorf in Schleswig. Magisches Quadrat. Aus folgenden Buchstaben: e N N NN 0 0 O R n sind vier Worte zu bilden und so zu ordnen, daß dieselben, von oben nach unten und von links nach rechts gelesen, in den korrespondirenden Reihen gleiche Worte ergeben. Die vier Reihen ergeben:* 1. Farbloses Gas. 2. Eine Stadt in Numidien. 3. Einen Namen. 4. Eine Figur im Lustspiel. viersilbige Charade. In der ersten schlief ich einst so herrlich, Träumte von der zweiten sanft und süß, Hah! da stieß mich aus dem Paradies Meine Ehehälfte gar gefährlich, Denn sie hatte eben erst erfahren Daß ich— noch ein junger Ehemann— Mit dem Ganzen gestern schön gethan. D'rum freit nie ein Weib mit Silberhaaren Seid ihr jung; denn es giebt Sturm und Braus, Wie es pflegt zu geh'n, Bringt ihr jung und schön, Etwa gar das Ganze in das Haus. Auflösung der fünfsilbigen Charade in voriger Nummer: Petersilie;— der zweisilbigen Charade: Absatz;— der Knacknuß: Der Spieler deu 1 Zwanzig ⸗Markstücke und 12 Zehn⸗Markstücke a 1* 2** 32 Zwanzig⸗Markstücke und 8 Zehn ⸗Markstücke; — des Buchstaben Räthsels: N N Schach. . 7,? 2 9 g, l, , 9 e c,,, b Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge Matt. Problem Nr. 462, Herrn). Tmanzig in Leipzig von J. Berger in Graz. Schwarz. . ⸗ 9, e. 2 2 e. 9 9.,, , 9., . a 0 d 0 1H g h Weiß. 0 Ka Wend dd e e Auflösungen. Problem Nr. 456 von G. Chocholous in Bodenbach. 1) Leé-d7 e7—es(eb) 8 9382(Ke5) 2) Ld7-c. Ked4- eö(d3) 2) DIS erf K-fg. f4, dõ od. 3) d2 da(OfY) 1 3) De7—es(Des, Lb5) 7 Varianten: 1).. Kd5 oder dà 2) be7l 3) Des, ed resp. Lü5 Matt. Es ist ein ziemlich versteckter Zugzwang, den der hübsche Läuferzug nach d7 einleitet. Von gleicher Bedeutung mi dem Spiele nach 1).. e7—es ist auch das aus dem Gegenzuge 8—42 resultirende S f mit nicht weniger als vier guten Mattstellungen.— Die Lösung wurde angegeben von W Kron in B., Dr. Wehrmeister in M., Th. Kraus in B., Dr. Knopf in G. und R. Blümel in! Problem Nr. 457 von J. Kohtz und C. Kockelkorn. 1) a2—a3 d6- d. Kds- da 2) II3—g2 do- daa) 27 Del d27 Kdd- eb) 1 Kd3- e2 3) Dd2—-b4 Kd da 4) Lg2- fl 4) Lis—ed 1 Varianten: a) 2).. Kdd 3) Degtr Kei 4) LI Matt. b) 2).. Keß 3) Las Kit oder 15 4) DPg5 Matt.— In den analogen Schlußstellungen, in welchen den schwarzen König e2 und 43 das Läufermatt[durch It! resp. e] ereilt, gipfelt die Idee des Problems— Bauer auf hö verhindert die partielle Nebenlöfung: 1) 43 45 2) Lg. zc.— Die Lösung wur angegeben von W. Kron in B. und Dr. Knopf in G., R. Blümel in S. und Th. Kraus in Die richtige Lösung von Problem Nr. 455 wurde noch angegeben von R. Blümel in S. Vom Frankfurter Schachkongreß. Aus der ersten Gruppe des Hauptturnieres gingen als Sieger hervor die Herren Barnes 5 aus Frankfurt mit 8, Bauer aus Wien mit 7 und Pappenheim aus Frankfurt mit 6 1 gewonnenen Partien, für die übrigen Spieler der Gruppe war der Schlußstand: A 5 (Berlin) 2½, Beck(Wiesbaden) 3½, Keller(Elberfeld) 3%. Mabillis(München) 5%, Malthan (Elberfeld) 3, Dr. Rosenthal(Frankfurt) 3½, Varain(München) 2.— In der zweiten 5* Ir Neustadl aus Prag mit 7, Mieses aus Leipzig mit 6, während Flad aus W. aden und Richter aus Halle je 5 Partien gewannen und daher noch zu stechen hatten. 1 Schlußstand der ausscheidenden Spieler dieser Gruppe war: Bans(Offenbach) 5, 0 1 (Altona) ½, Dr. Dostal(Wien) 2½, Schwan(Solingen) 2¼, Seger(München) 3½.— N der Stichpartie siegte Richter über Flad. 75 8 ö Im ersten Nebenturnier betheiligten sich 13 Herren und eine Dame, Frau Ludowicl aus Wiesbaden. Es wurde in zwei Gruppen zu 7 Theilnehmern gespielt. Die beiden ersten 9 fielen an Steigert in Karlsruhe und Boch in Leipzig, den dritten und vierten Preis theilten Goering in München und Sonnenburg in Nürnberg. 1 Das Blindlingsspiel des Herrn Assessor Fritz aus Darmsladt gegen zehn gleichzeitige„ and Donnerstag, den 21. Ju. statt und endete nach fünf—— 8 g * 1 ndlingsspielers, der sieben seiner Gegner schlug, gegen einen verlor und mit zweien emis machte. l Am W der 16. Runde des Meisterturniers(29. Juli) standen Blackburne und Mackenzie mit 10% am besten, ihnen am nächsten von Bardeleben mit 10, M. Weiß mit 9% und Englisch mit 9. Briefwechsel. A. in Schalke. Zu den besten Leitfäden zur gründlichen Erlernung des Schachspiels ge. hören: Die Schach schule von Joh. Metger Preis Mark 1.20, gebunden, 1.60 und AB des Schachspiels von J. Mind witz(Mark 1.00, gebunden 2 Mark). Beide ind im Verlage von Veit& Co. in Leipzig erschienen. Von der Lasa's Leitfaden in demselben Verlage kostet ungebunden 5 Mark. 1 N. B. in S. Richtige Lösungen und Originalbeitrag dankend erhalten. H. Sch. in p. Sie übersehen bei Lösung von Nr. 458, daß Schwarz als zweiten, 1g— schachbietenden Springer mit dem Bauern cg nehmen kann, wonach das Matt möglich ist. 11 G. H. in W. Der neue Dreizüger läßt eine Umgehung der Intention durch 1) Se d oder + zu. 1 8