loln ö ö ö ö 0 5 —— . — Schl e oder def 1% würde brut 2 if Di DD — 0 zu den Oberhessischen UMachrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Gießen, den 13. März. Im Pfarrhof, bei Erichs Freunden, war man eine Woche später in großer Aufregung. Der Doktor hatte seinem Schwiegervater einen langen Brief ge⸗ schrieben, dessen wesentlicher Inhalt dahin lautete: man habe ihn verschiedentlich in den Häusern seiner Patienten gefragt, ob nicht er selbst oder seine Frau daheim sei in der Nähe von Froysberg, wo dieser vielbesprochene Todesfall des Besitzers vorgekommen? Die Art, wie man die Thatsache auffasse, daß die Katastrophe ohne Zeugen gewesen, setzte der Doktor dann hinzu, sei empörend für jeden redlichen Mann, er habe anfangs geglaubt, nur der Sensationssucht Einzelner zu begegnen, gestern Abend sei er aber im Café Bauer zufällig an⸗ wesend gewesen, als man alle Details dieser Katastrophe, sowie auch Aeußerungen von Verwandten Willwarths nebeneinander gestellt und die Möglichkeit, ja Nothwendigkeit einer erneuten Untersuchung be⸗ sprochen habe. Er halte es für seine Pflicht, dies mitzutheilen, da der Pastor als alter Freund Willwarths am besten erkennen würde, ob die Pflicht vorliege, denselben zu benachrichtigen.— Nun saßen Eltern und Töchter in aufgeregier Berathung zusammen. Was sollte man thun? Was konnte Erich thun, um einem der⸗ artigen schändlichen Gerüchte entgegenzutreten? Und war es nicht viel richtiger, ihn arglos zu lassen? Das Letztere beschlossen sie zuletzt denn auch und als einige Tage später Erich mit seinen beiden Schwestern an der Pfarre vorfuhr, da war es die kleine Doktorin, welche aus eigenster Initative Emmy anrieth, diese Zeit einer doch im Grunde nur konventionellen Trauer zu einer größeren Reise zu benutzen. Emmy war Feuer und Flamme für diese„glückliche Idee“ und wie Erich von jeher dem Einfluß seiner Jugendfreundin mehr als jedem andern zugänglich gewesen, so fand er nach einigen matten Einwänden sehr bald Geschmack an dem lebhaft besprochenen Plan. Ihm war es heute ganz recht, sich zu zerstreuen und fortzukommen.— Die kleine Frau aber triumphirte am Abend, als sie mit den Eltern wieder allein war. Jetzt wird man sich müde reden, die Freunde erfahren nichts davon und Erich kommt zum Herbste mit gesunden Nerven heim. Es war auffällig, wie schnell und bereitwillig auch der General und seine Gattin auf den Plan eingingen. Dem alten Herrn kam eine Entfernung jetzt in der That auch gelegen, denn dies ewige Fragen seiner Bekannten, dies Erzählen immer von Neuem widerte ihn an. Die Damen fuhren zur Stadt, um das Nöthige betreffs einer längeren Abwesenheit zu besorgen; er selbst machte sich in aller Eile reisefertig. Theo und Diringer mietheten zum Herbst eine reizende Wohnung und versüßten den Schmerz der zeitweiligen Trennung mit der Hoffnung auf die Häuslichkeit, die ihnen nach den erlittenen Sorgen jetzt mehr Erna. Novelle von L. Haidheim. (Fortsetzung.) als je ein Hafen des Glückes schien und unterdeß ritt Erich mit seinem Verwalter nach den fernen Vorwerken, besprach mit dem Förster allerlei Nothwendiges, und hatte plötzlich alle Hände voll zu thun, ohne daß der Verwalter ihm jemals eine eigne Entscheidung erließ. Fast bedauerte er zuletzt, gehn zu sollen. Die Besitzesfreude war ihm langsam, aber nun doch fast übermächtig gekommen. Wenn er dann jedoch der schlaflosen Stunden gedachte, die ihm Nachts Erna Calanders Bild vorzauberten und der heißen Sehnsucht nach ihr, die ihm keine Ruhe ließ, dann sagte er sich:„Ich muß fort— ich will diesen tollen Gedanken los werden, ich will nicht der Sklave einer Phantasie sein, die nicht den geringsten realen Grund hat.“ Und um sich zu bekräftigen, daß er Erna Calander durchaus nicht liebe, sondern daß eben nur ein närrischer Zauber ihn peinige, erzählte er sich unermüdlich immer wieder, daß er die Millionärs⸗ tochter unter keinen Umständen heirathen würde, nachdem das Mädchen ihm gezeigt, daß es eine Seele voll Mißtrauen und Argwohn habe. Er aber wollte ein Weib sein nennen, in dessen Seele sich nur der Himmel spiegelte und das weder an Niedrigkeit noch an das Böse glaubte, weil es Beide nicht kannte. O, nein! eine Erna Calander, welche in jedem Manne, der sich ihr näherte, einen geldgierigen Ehrlosen sah, nein!— Mochte sie heirathen, wen sie wollte. Er ging fort, er würde sie vergessen— und vielleicht, wenn er zurückkam,— hatte sie schon ihre Hand vergeben und dann war ja Alles gut. Vor der Abreise wollte Erich von Willwarth sich bei seinen nächsten Nachbarn, den Herren von Rochlitz, von Sathen und Werninghaus empfehlen. Besonders der Erstere hatte sich zu ihm in der letzten Zeit mehr und mehr freundnachbarlich gestellt. Zunächst suchte er Herrn Werninghaus auf; der reiche Fabrik— herr war verreist. Bei den Sathen's traf er verschiedene Gäste, lauter Verwandte der Familie, und als er sich nach einer halben Stunde tödtlich langweilig dahin schleichender Konversation wieder empfahl, nahm er den Eindruck mit sich fort, daß er gestört habe und daß man sich dort inmitten einer erregten Unterhaltung befunden, die jedes Mitglied des Kreises ungern abgebrochen sah, mit Ausnahme des Hausherrn, der ihn so liebenswürdig wie immer empfangen. Von da ritt er die kurze Strecke weiter am südlichen Ufer des Sees entlang zu den Rochlitz. Wie peinlich war es ihm jetzt, daß er den Calander's so schroff entgegengetreten.„Unfrieden mit den Nachbarn ist ein Dorn im Fleisch,“ hatte sein Onkel ihm noch vor wenigen Tagen gesagt und ihm gerathen, auf irgend eine schickliche Weise einzulenken. „Was Du rücksichtslos gegen Froysbergs Nachbar Dir erlaubtest, das kannst Du gegen den eignen schwer ungeschehen machen!“ sagte sich Erich seitdem und grübelte unaufhörlich über einen Vorwand, sich auf dem Sonnenstein noch vor seiner Abreise einzuführen. WCFCPFVCCCCCGGGWGGGGGGGCTGGGGGGGG R** e 7* e ee 1 9— 10 2 n. 5* * FT! 3——— ——— 3 ä 3 GP.—— R Dazwischen kamen ihm dann auch wieder zornige Aufwallungen gegen Erna; er konnte ihr jenen Blick nicht vergessen und dabei fühlte er mehr als je, daß er nicht fort dürfe, ohne ein gutes Wort gesprochen zu haben. So ist der Mensch aus Widersprüchen zu— sammengesetzt! Und Erich merkte seinen Zustand nicht einmal, sondern redete sich jetzt ein, er thue dies Alles nur um des lieben Friedens willen. Ach, er konnte ihr doch nicht sagen, daß er in seiner damaligen Stimmung sich selbst nicht gekannt, daß er sie dennoch lieb gewonnen, daß— daß—! Aber was machte sich Erna Calander aus ihm? Unter solchen Gedanken ritt er auf den Gutshof des Barons von Rochlitz und das Erste, was seine Augen erblickten, war die Equipage Calanders. Der Kutscher sprang herbei, da eben ein anderer Diener nicht zur Stelle war. Erich erkannte den Fritz. Der junge Mann lachte über das ganze Gesicht. „Ja, gnädiger Herr, ich bin Kutscher geworden und die Kathrin und ich vergessen es lebenslang nicht, wie gut Sie gegen uns ge⸗ wesen sind!“ erwiderte er auf ein freundliches Wort Erichs und dies Wort klang fast herzlich, so sehr freute Erich sich, daß er Calanders hier traf. „Ist Herr Calander allein hier?“ fragte Erich im Flur, während Fritz ihm eifrig half, sich seiner Reitgamaschen zu entledigen. „Das gnädige Fräulein und Fräulein Meister auch, gnädiger Herr,“ erwiderte Fritz, und ein schlaues Lächeln huschte über sein Gesicht, denn Kathrin hatte ihm anvertraut, ihr Fräulein habe sie so viel ausgefragt nach dem Herrn Baron von Willwarth und habe so hübsch gelächelt und so roth ausgesehen, als sie den gnädigen Herrn so recht von Herzen gelobt. „Wer ist Fräulein Meister?“ fragte Erich. „Das ist unsere Tante, gnädiger Herr, die regiert das ganze Haus, denn was die Mutter vom gnädigen Fräulein war, die ist todt und verwandt ist sie eigentlich gar nicht, aber das geht immer: fragt Tante Luise! Sagt es Fräulein Meister.“ „So, so!“ murmelte Erich, den Redefluß des Dieners kurz ab— brechend. Dann ging er hinein. Sonderbar! Er hörte sie im Salon alle lebhaft durcheinander reden und als dann die Anmeldung verlautete, entstand mit einem Male wieder eine tiefe Stille. In diese Stille hinein klang eine scharfe Frauenstimme:„Wenn man den Wolf nennt—“ „Pst! Pst!“ hieß es dann. Er hörte Alles.— Man hatte also von ihm geredet. Ehe er sich recht darüber klar wurde, erschien der Baron von Rochlitz aber schon in der Stubenthür und rief ihm in seiner jovialen Weise, wenn auch mit etwas verlegenen Mienen entgegen:„Gerade halten wir hier ein kleines Scherbengericht über Sie, lieber Willwarth! Nur herein, nur herein! Was ist das für eine Manier, daß Sie Haus und Hof gleich allein lassen und für Gott weiß wie lange verreisen wollen?“ Damit hatte er Erich in den Gartensaal geführt, wo dieser außer der Frau von Rochlitz nur die Calanders traf. „Sie verdienen ernstliche Strafe, Herr Nachbar, daß Sie Ihrer Pflichten gegen den lieben Nächsten so wenig eingedenk sind! Meinen Sie, daß wir darum den Winter hier einsam sitzen, damit unsere Nachbarn uns im Sommer auch allein lassen? Da nehmen Sie ein Beispiel an den Sonnensteiner Herrschaften.“ So rief ihm die Frau vom Hause freundlich entgegen und reichte ibm die Hand, indem sie ihn mit ihrem guten, herzgewinnenden Lächeln vor Herrn Calander führte.„Sehen Sie, das sind treue, gute Nachbarn und die soll man nach Gottes Gebot hochhalten. So wollen wir Ihnen sein und so sollen Sie auch uns leisten, was Recht und Pflicht ist!“ „Das will ich mit tausend Freuden, gnädige Frau! Da muß ich aber Herrn Calander gleich von vornherein sehr um Verzeihung bitten, daß ich mich auf dem Sonnenstein noch nicht vorstellte.— Ein Zusammentreffen der widrigsten Umstände— ich bitte mir zu glauben, daß ich es herzlich bedauere!“ Das Herz war Erich Willwarth aufgegangen bei dem liebens— würdigen Empfang und dem, wie er sehr wohl fühlte, so zarten, wie absichtlichen Hinweis auf die Nachbarpflichten. Er erröthete— nie hatte er besser ausgesehen, als in dieser bescheidenen, bittenden Haltung. Herr Calander schüttelte ihm ver— söhnt die Hand. Erna war roth wie eine Rose und lächelte ihm zu. Mit einem Schlage fühlte Erich sich erleichtert, frei, glücklich, und in wenigen Minuten saß er im vergnügten Geplauder bei den Damen. Was verschlug es ihm, daß das Fräulein Meister,„unsere Tante“ wie Fritz sie genannt, mit forschenden Blicken bis auf den Grund seiner Seele zu dringen suchte, was kümmerte ihn ihr Widerspruch, ihre sentenzenreiche kaltherzige Philosophie, er schwamm in einem Meer von Glück und Wonne, denn eben durfte er Erna unter Scherz und Lachen sein sonderbares Benehmen neulich auf dem See erklären und die Art, wie er es that, ließ ihre Wangen noch heißer erglühen, ohne daß sie den mindesten Grund hatte, ihm zu zürnen. Herr Calander gab sich in seiner ruhigen, sichern Weise.— Erich begriff sich selbst nicht, wie er gegen diesen Mann so thöricht und unfreundlich hatte sein können und fast demüthigte ihn Calanders gleichmäßige ruhige Freundlichkeit jetzt mehr, als es ein Vorwurf in Wort oder Miene gethan haben würde. Man besprach seine Reisepläne. Er gab mit großer Offenheit seine Gründe dafür und ließ es gern gelten, daß er seinen Schwestern eine Freude damit zu machen wünschte.— Dabei konnte er Erna auch erzählen, wie sehr Emmy sich gewundert, daß dieselbe nichts gethan, sie in der ersten Trauerzeit zu sehen. Erna lachte wie er, und behauptete, das sei seine Schuld, während er sich als den Mißhandelten darstellte. So streiften sie fortwährend den geheimen Grund ihres nun so plötzlich beigelegten Streites, ohne denselben direkt zu berühren und dies neckende Scherzen über ein Weh, welches Beide tief gefühlt, machte sie jetzt, nun es vorüber war, um so glückseliger. Erich dachte nicht daran wieder aufzubrechen.— Der ganze lange Sommerabend verging ihm in einem wahren Rausch von Glück und wie ein Falter um das Licht flatterte seine Unterhaltung um die geheimsten Gedanken und Wünsche seines Herzens, ohne sie direkt zu berühren. Mit geheimem Erstaunen sahen die Uebrigen eine so auffallend plötzliche und unverkennbare Sympathie sich entwickeln. Sie konnten nicht wissen, wie lange diese beiden jungen Herzen schon sehnsüchtig einander zugestrebt und wenn ein Mitglied des Kreises eine Ahnung davon hatte, so war es Tante Luise, welche von Minute zu Minute unruhiger aussah und vergeblich warnende Blicke auf ihren Zögling warf, oder denselben auf alle mögliche Weise abzuziehen suchte von dem eifrigen Geplauder mit dem glückstrahlenden Willwarth. Man nahm im Garten unter großen uralten Eichen das Abend⸗ brod ein.— Der Blick über den See war wunderschön heute; drüben am andern Ufer lugte aus dichtem Gezweig das graue Schieferdach von Schloß Froysberg. Eine treffliche Pfirsichbowle schmeckte auch den Damen, die Stimmung belebte sich mehr und mehr, und freier und ungezwungener glitt die Unterhaltung von einem Gegenstand auf den andern. Es war ganz natürlich, daß man auch auf den unglücklichen Froysberg kam. Die Art, wie Erich über ihn und die Katastrophe redete, war so offen und rückhaltlos, daß er nicht begriff, warum sich die Blicke der Andern so eigenthümlich zustimmend und wohl⸗ gefällig kreuzten. In der nächsten Minute dachte er schon nicht mehr daran, er hatte Besseres zu thun, und ließ sich nicht träumen, daß eben jetzt, wo man sich erhob, eine kleine Promenade zu machen, Tante Louise Herrn von Rochlitz zuflüsterte:„Aber bester Baron, das ist ja das richtige Sturmlaufen! Und Sie mögen sagen, was Sie wollen,— man sieht in keines Menschen Herz. Ich begreife Erna nicht.— Ich bin empört!— Wissen Sie denn nicht, daß man erzählt, das Froysbergsche Vermögen würde kaum reichen, die Schulden dieses Eroberers zu decken? Die ganze Majorateherrlichkeit kommt unter Sequester, wenn es dem jungen Herrn nicht gelingt, eine reiche Erbin—“ „Aber meine liebe, gute Tante Louise,“ lachte Herr Rochlitz be⸗ lustigt,„sollte es dem armen Willwarth denn nur um die Erbin zu thun sein? Sehen Sie doch nicht überall in jedem ledigen Manns⸗ bild einen Mammonsknuecht, einen Geldwolf! Sie beleidigen ja unausgesetzt mit Ihren„wohlgeprüften Lebensansichten“ die ganze Menschheit!“ Der Baron kannte Tante Louise und ihre großen Tugenden und Verdienste, darum lachte er über ihre„Schrullen“ und neckte sie während des ganzen Spaziergangs über ihre skeptische Recht- haberei. S 4 D 50 . 7 ten zen sie end ten fig ing ze von ung ute 10 bon nd⸗ von die ener chen he tum ohl⸗ nicht nen, hen, ron, was reife daß die heit igt, be uns- 83 D- Erich kannte aber die treffliche Dame nicht und sah mit Aerger und stillem Grimm, wie sie immer wieder versuchte, ihm Erna zu entziehen. Er wußte selbst nicht, wie es denn zuletzt sich machte, daß die ganze Gesellschaft, unmittelbar vor dem Aufbruch, auf eine bauliche Veränderung zu sprechen kam, welche auf dem Sonnenstein vorgenommen worden war. Herr Calander äußerte seine Unzufriedenheit; der Baumeister habe sich einer Ueberladung schuldig gemacht, die er geschmacklos nannte, das Ehepaar Rochlitz und Tante Louise widersprachen,— Erna stimmte dem Vater zu, indem sie sagte: „Ich finde auch, diese Art paßt nicht für unser Haus,— an sich ist der Saal so schön und herrlich wie möglich, aber wo Alles nach Papa's Geschmack in ruhiger schlichter Einfachheit—“ Tante Louise unterbrach mit einer sonderbaren Hast das junge Mädchen, indem sie sehr anzüglich sagte: „Nun, so mag der Saal als Ausgleich dienen; Du weißt, daß die Naivetät des Protzenthums von manchen Leuten für erträglicher gehalten wird, als die Raffinirtheit einer affektirten Bescheidenheit.“ Was sollte dies taktlose Gerede? Was der eigenthümliche Ton? Was bedeuteten die erschrockenen Blicke in Aller Augen? Calander wurde dunkelroth, und Erna blaß bis auf die Lippen. Erich sah von Einem zum Andern. Die Worte waren wie ein schriller Mißton in das fröhliche Beisammensein gefallen. Da— Herr Gott—? Das hatte er ja selbst gesagt! Wort für Wort hatte er selbst gesprochen! Im Nu stand ihm jene Szene wieder vor Augen.— Froysberg, dessen Freunde, die eifrige Gier in Aller Augen, als sie von der Millionärs⸗ tochter sprachen,— ihn neckten— und er— in seiner frischen Wuth über Erna's Behandlung, er selbst hatte diese malitiöse Bemerkung gemacht. 5 Jetzt war er auch blaß geworden. Baron Rochlitz brach dies peinliche Schweigen nun noch oben— drein in ziemlich brüsker Weise, indem er rief:„Zum Kuckuck mit diesen Klatschgeschichten!— Kommen Sie, Calander, ich muß Ihnen erst noch meinen neuen Hühnerhund zeigen.“ Erich wagte kaum Erna anzusehn und fühlte genau, ihm stand das Schuldbewußtsein auf der Stirn. O, wie er dieses Frauen⸗ zimmer haßte, die alte Jungfer, die sich statt auf die unschädliche Sentimentalität auf die starkgeistige Philosophin spielte und so er⸗ bärmlich kleinlich und tückisch war. In seiner Wuth fragte er so boshaftt wie möglich:„Fräulein Meister liebt Klatschgeschichten?“ „Nein, ich liebe sie nicht, aber sie sind mitunter zur Charakteristik unserer Bekannten höchst nützlich!“ gab sie scharf und mit feindseligem Blicke zurück.— „Gestatten Sie mir die Bemerkung, daß diese Manier, Charakter⸗ studien zu treiben, weder korrekt noch zutreffend ist.“ „Im Gegentheil,— sie berichtigt das persönliche Urtheil oder ergänzt dasselbe.“ Frau von Rochlitz stand peinlich erregt während dieses Wort— gefechts und knüpfte Erna's Schleier fester, denn der Thau fiel stark. Sie sah, wie das junge Mädchen zitterte und wie erregt und unglücklich der Blick der braunen Augen war. „Ich trete auf Herrn von Willwarth's Seite, Tante Luise,“ sagte sie.„Klatsch bleibt Klatsch!— Schlechte Mittel und krumme Wege heiligt kein guter Zweck. Unsere liebe Erna wird hoffentlich mir zustimmen; in der Beurtheilung von Menschen soll man sich auf das eigne Herz und das eigene Urtheil verlassen. „Und gründlich reinfallen!“ rief wüthend Tante Louise. Ihr Zorn war, trotz seiner Aufrichtigkeit, im Verein mit dem Ausdruck, den sie demselben gab, in der That komisch. Erna Calander lachte plötzlich hell auf— und dies glückliche, befreiende Lachen, in welches Frau von Rochlitz einstimmte, ließ auch Erich aufathmen und nicht ohne eine gewisse triumphirende Bosheit mitlachen. Dann hatte er in unbewußtem Impuls rasch die Hand des jungen Mädchens ergriffen und seine Lippen darauf gedrückt. „Der Dank gebührte eigentlich mir, Baron!“ sagte Frau von Rochlitz leise. f Tante Louise hatte sich erbos't abgewandt. Erich kümmerte sich nicht um sie;— er fühlte, daß er sie haßte, aber jetzt war keine Zeit für den Haß, sondern nur für die Liebe. O, wie er Erna liebte, die so scheu und doch so kindlich gläubig ihn anblickte. Ein Diener kam und meldete, der Wagen sei vorgefahren, Herr Calander warte. So mußte man denn scheiden und— „Grade jetzt. O, Fräulein Erna, folgen Sie in Ihrem Urtheil dem eigenen Empfinden!“ bat Erich im Gehen leise.— Wie gern hätte er einige weniger gemessene Ausdrücke über„diese boshafte, alte Katze“ hinzugefügt, aber sie war Ernas„Tante“ und Erna hing an ihr.— So trennten sie sich. Worte und Blicke wagten sie nicht mehr, ihre Herzen waren so voll von dem Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Liebe und Sehnsucht, daß sie Beide instinktiv fühlten, sie mußten schweigen oder Alles sagen.— Erich ritt gleich nach dem Abfahren des Wagens auch nach Haus. Es litt ihn nicht mehr unter Menschen, selbst wenn sie so lieb und freundschaftlich waren, wie die Rochlitz.— In ihm war plötzlich ein wilder Tumult von Leidenschaft und Furcht. Er liebte Erna. Ein feindseliger, nicht zu unterschätzender Einfluß machte sich gegen ihn geltend und nun sollte er verreisen, monatelang fortgehn? Würde Erna jenen Einflüsterungen widerstehn? O, gewiß, wenn sie ihn liebte! Aber— liebte sie ihn denn? Sein Herz jauchzte: Ja!— und er beschloß gleich andern Tages nach dem Sonnenstein zu fahren, um das entscheidende Wort zu sprechen. Dann mochte reisen, wer Lust hatte, er ging nicht mit. Calander und Erna wußten, ihm blieb nur noch dieser eine Tag, sie erwarteten also sicher morgen seinen Besuch— er hatte denselben ja sozusagen angemeldet.— Nach und nach wich indeß der Jubel seines Herzens einer weniger zuversichtlichen Stimmung und die Nacht hindurch quälte er sich schlaflos mit allen Zweifeln und aller Bangigkeit, die einem Liebenden vor der Entscheidung das Leben zur Qual machen.— Als er dann am nächsten Tage in unruhevoller Herzensnoth über den See fuhr und an dem Thürmchen landete, war es ihm eine bittere Enttäuschung, Erna nicht hier zu treffen, und wie er sich auch einen Thoren schalt,— es war ihm, als sei dies ein böses Omen für seine Wünsche. Er schritt durch den Park, der vollkommen dem glänzenden Rufe, den er besaß, entsprach. Ueberall hoffte er Erna zu erblicken, er horchte, ob er nicht ihre Stimme höre und rang mit seiner Aufregung und Unruhe, denn er wollte sich durchaus von seiner besten Seite zeigen. Endlich lag das Schloß hoch und stolz vor ihm. Sein Herz zog sich krampfhaft zusammen, denn auf dem freien Platze vor demselben arbeiteten mehrere Gärtner eifrig daran, einen riesenhaften Blumenkorb, welcher die Mitte desselben einnahm, mit frischen Blumen und Gewächsen zu füllen. Das geschah nicht in Anwesenheit der Herrschaft, zu solchen Arbeiten wählte man die gelegeneren Stunden einer Ausfahrt. Wie er geahnt, so war es, die Herrschaften seien schon Morgens in die Stadt gefahren, berichtete ihm einer der Gärtner und be⸗ stätigte ein höflich herankommder Diener. „Ist irgend eine unerwartete Nachricht—?“ Er hielt mitten in der unwillkürlichen Frage inne, die wie ein Aufschrei aus seinem Herzen empordrang. „Nein,— davon ist mir wenigstens nichts bekannt geworden, gnädiger Herr!“ war des Dieners Antwort. Erich gab mit zitternder Hast seine Karte ab. Er hätte es am liebsten nicht gethan, aber sollte er dem Menschen, der sich auf die Sitten der Gesellschaͤft gut genug verstand, zu denken geben mit einer solchen Verleugnung der üblichen Form? Sollte er zeigen, daß er gekränkt war? Er ging denselben Weg, den er gekommen, wieder zurück. „Das ist Absicht, das ist Absicht! Du hast gestern errathen lassen, wie dir ums Herz war, man refüsirt dich in der mildesten Weise.— O, man hat Uebung darin. Und diese Tante Luise haßt dich! Sie hat wohl einen andern Schützling! Mitten in die harmlose Freude gestern schleuderte sie ihren Giftpfeil!“ Das waren seine Gedanken, während er strack und stramm dahin schritt und vor sich selbst und den Bäumen die Komödie der ver— gnüglichen Unbekümmertheit spielte. Erst als er wieder in seinem Boot saß und allein war und ungesehen, mitten auf dem See,— erst da schlug er die Hände vor das Gesicht und stöhnte laut. 8 4 e E 9 n 5 84.. Es war eine schreckliche Stunde, die er durchkämpfte. Ab— gewiesen! Mit seinem vollen glück- und liebesehnenden Herzen ab— gewiesen! Und Erna? War sie eine Kokette, die ihn bis zu diesem Punkte hatte bringen wollen, um die Reihe ihrer Triumphe zu verlängern? Oder liebte sie ihn und man zwang sie, ihn zu ver⸗ meiden? Aber nein! Das war undenkbar. Alle Welt wußte, Calander ließ seiner Tochter bei der Wahl eines Gatten vollste Freiheit. Oder war sie launenhaft bis zu solchem Grade? Ihr rasch wechselndes Benehmen aus der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft, die eigenthümliche Mischung von Herbheit und mädchenhaftester Liebenswürdigkeit war ihm nur zu wohl erinnerlich. Traf er gestern ihren guken Tag und bestrahlte ihn so warm die Sonne ihrer Huld, weil sie guter Laune war und an seiner Stelle jeden Andern auch so „freundlich“ behandelt hätte? Es war schon Abend geworden, als er in das Schloß zurück ging. Am andern Morgen um zehn Uhr traf er die Seinen auf dem Perron des Bahnhofs und eine Stunde später lag Berlin mit seiner Dunstatmosphäre weit hinter ihnen. Auf den Schlössern am See verging kaum ein einziger Tag ohne Gäste. Sonnenschein, blauer Himmel, Blumen und helle Sommerkleider, Musik und das silberne Lachen fröhlicher Mädchen brachten für die nächsten Monate so viel Reiz und Poesie in die vom großen Verkehr abseits liegende Gegend, daß man es kein Wunder nennen konnte, wenn die männliche Jugend tagaus tagein unterwegs war, der versammelten Schönheit zu huldigen. Mehr noch als im letzten Jahre bildete der Sonnenstein den Mittelpunkt dieser heiteren, sorgenlosen Geselligkeit, welcher alle Mittel des Luxus zu Gebote standen und welche doch im Grunde dieselben kaum zu bedürfen schien. War es weiser Vorbedacht von Tante Louise, oder glücklicher Zufall, es hatte sich eine ganze Reihe schöner, zum mindesten reizender Mädchen zum Besuch Ernas auf dem herrlichen Landsitz versammelt; Pensionsfreundinnen, Reisegefährtinnen und Ballbekanntschaften des letzten Winters, eine Art internationaler weiblicher Kongreß, wie man ihn nicht anziehender sich denken konnte, und da mehrere derselben ihre Mutter oder Tante mit sich gebracht, so fehlte es auch nicht an einem ehrfurchtgebietenden Hintergrunde, dessen Mittelpunkt Tante Louise mit sichtlicher Befriedigung einnahm. Herr Calander lachte vergnügt, machte den liebenswürdigen Wirth gegen Alt und Jung mit jener ihm eignen zwanglosen Ruhe und Sicherheit und blickte nur zuweilen heimlich mit unruhiger Sorge nach dem immer gleichmäßig freundlichen Gesicht seiner Tochter, welches niemals aufleuchtete in einem wärmeren Empfinden, und auf dessen weißer Stirn eine nie verschwindende Wolke stiller, sorgsam verheimlichter Traurigkeit lag, welche nur der erkannte, welcher Erna früher lächeln und lachen gesehen. „Was fehlt dem Kinde, Fräulein Meister?“ fragte der reiche Mann jeden Abend. „Seine Puppe!“ hatte Tante Luise zuerst herbe geantwortet, dann erklärte sie, Erna sei in dem Stadium, wo jedes Mädchen durchaus eine„unglückliche Liebe“ haben müsse, das gehe vor— über wie das Zahnen bei den Kindern. Nur zuletzt, als immer noch dieser Schatten über dem Wesen ihres Zöglings lag, gab sie zu, daß Erna immer eine Art weiblicher Don Quixote gewesen und sich stets gemüßigt gefunden habe, für die Angegriffenen Partei zu nehmen, wofür es ihr ohne Zweifel auch noch einmal übel ergehen werde. Herr Calander brauchte keine Erklärung für die Charakteristik seiner Tochter; die starkgeistige Philosophin hielt ihn fleißig auf dem Laufenden betreffs des landesüblichen Klatsches und verfehlte niemals, daran die Versicherung zu knüpfen, daß, wer sie betrügen wolle, früher aufstehen müsse. Was aber den Klatsch betraf, so be— wies derselbe die Unfehlbarkeit der philosophischen Tante mehr, als Calander je geahnt. Welche furchtbare Situation wäre es für ihn und sein liebes einziges Kind gewesen, wenn dieses jetzt die Braut eines Mannes wäre, von dem man immer lauter und entschiedener behauptete, er sei doch der Mörder seines Vetters— wie auch immer das Resultat der von seinem Studiengenossen und intimen Freunde Birkner geführten Untersuchung laute. Die allzeit geschäftige, anklagende Bosheit, wie die abwehrende Freundschaft hatten sich stets vor immer neu auftauchenden wirklichen oder falschen Indizien gefunden. Man berichtete von Aeußerungen Kyburgs, man hatte von den Dienstleuten auf Froysberg allerlei Aussagen über Differenzen der Herren, über die Geldnoth Willwarths erforscht. Es gab ein Brieffragment,— zerrissen und halb verregnet, worin eine Dame— Theodora von Willwarth wahrscheinlich,— ihn überredete, zu dem Aeußersten sei es noch immer Zeit, ein Mann in seiner Lage müsse ebenso rechtzeitig warten, wie handeln können;— der Prinz sei gesonnen, alle Hebel für ihn in Bewegung zu setzen de. Jetzt neuerdings, erst gestern, war Rochlitz mit bleichem Gesicht zu Calander gekommen und hatte berichtet, daß man herausgebracht, Willwarth's Gewehr habe ganz genau das gleiche Kaliber, dieselbe Form der Kugel wie dasjenige, mit welchem Froysberg sich erschossen. Das Alles im Einzelnen war nichts, aber Eins an das Andere gereiht eine solche Kette von Verdachtsmomenten, daß die beiden Herren wohl Recht hatten, in ernster Sorge zu berathen, was den Freunden Willwarths zur Pflicht-wurde. Aber waren sie denn über— haupt verpflichtet? Calander gewiß nicht. Und hatte Willwarth nicht ältere Freunde?— Wußte denn Diringer nichts von diesem Allem, und sollte denn Niemand ihm sagen, wie nun auch jene alte Froysbergsche Erbschafts— geschichte mit allen Einzelheiten wieder zu Verdachtsmomenten gegen Willwarth ausgebeutet wurde?— „Diringer, heißt es, schreibt ein Werk über Fortifikation,“ sagte Rochlitz und soll nach Metz gereist sein.— „Aber seine Kameraden—?“ Rochlitz wußte nicht, was diese erfahren hatten. „Ich habe gestern bei Sathens einen Disput mit Ritberg ge habt,“ erzählte er,„der sehr nahe an ein ernstes Renkontre streifte. Ritberg ist meinem Gefühl nach von einem wahren Haß gegen Willwarth erfüllt. Er ist die Seele einer Koalition, die sich gegen den armen Kerl gebildet hat, und ich will Ihnen sagen, Calander, um was es sich bei diesem Allen handelt: um die Eifersucht.— Calander sprang auf von seinem Sessel und sah blaß aus vor Erregung. Rochlitz hatte, den Ringen seiner Zigarre nachblickend, eine Weile vor sich hingesehn; jetzt begann er von Neuem zu reden, und Calander hoͤrte ihm, langsam auf und abgehend, ernst zu. 5 „Man sagt, Calander, Erna liebe Willwarth; sehen Sie, das ist, meines Erachtens, einer der ersten Gründe für Ritberg, den ge— fährlichen Nebenbuhler unmöglich zu machen. Er erfindet nichts, es kann ihn kein Mensch tadeln, wenn er einfach das Unrecht an sich verfolgt, sei dasselbe verübt, von wem immer—. Das warfen mir auch die andern Herren ein, da ich leider hitziger als nöthig vorging.“ „Ja, ja! ich begreife. Und wer kann den Leuten verwehren, es zu machen wie Graf Ritberg?“ sagte Calander. „Wenn Erich nur zurückkäme,“ meinte Rochlitz,„seine Persönlich— keit allein brächte all dies Gerede zum Schweigen. Ich möchte ihm schreiben,— aber damit würde ich mich in die Lage bringen, ihm reinen Wein einschenken zu müssen und je argloser er bleibt, um so besser, darin sind wir ja einig! Dies ganze Gespräch hatte einen Zuhörer, von dem die beiden Herren nichts ahnten. Es war Fritz, der Kutscher, der seinem Herrn eine Mittheilung machen wollte, und den die Namen Froysberg und Willwarth im Vorzimmer dicht neben der Thür festbannten. Daß sein Ohr in unmittelbare Berührung mit dem Schlüsselloch dabei kam, schien der Bursche garnicht für unberechtigt zu halten, aber wie blaß und unruhig schlich er, ohne sich bei seinem Herrn gemeldet zu haben, wieder hinaus.— Und sonderbar war es, daß er dann, statt wie sonst, Abends in den Obstbaumalleen des Gemüsegartens mit seinem Schatz Kathrin kosend und plaudernd auf und ab zu wandeln, heute das Mädchen an der Hand in den letzten Winkel des Gartens zog und aufgeregt auf Dieses einredete, sichtlich von ihr immer wieder beschwichtigt, bis sie Beide, traurig, muthlos und scheu in's Haus schlichen. Dort flüsterte Kathrin ihm zu:„Laß Dir nur nichts merken, sonst kriegen sie Dich auch noch unter die Zähne, weil er Dich damals geprügelt hat. Dir aber hilft dann kein Bitten und Beten. Die Vornehmen stehen sich untereinander immer bei, die werden dem guten gnädigen Herrn nichts thun lassen!“ 222 ²⁰·Üꝛ ß 2 11— chel 0 Von Ottomar Hend 9 85.. — 5. e,, 7 , 24 2 2 El S„„ N A————— F S 2 2 2— 2 5 5 1— S— 2 2 2 2 2—— F— 2 S 2 8— — 2————. e— 2— A. 7 2 8 . R 9 86= Die Tage gingen hin. Auf dem Sonnenstein und den um⸗ liegenden Schlössern wechselte alle Tage die Art der Freude. Erna Calander tanzte, plauderte, lachte und sang wie ihre Ge— fährtinnen, und Tante Luise lobte sich und ihr eignes kluges Be⸗ nehmen in der Stille ihres jungfräulichen Käramerleins höchlichst. „Man muß den Menschen nur zur Selbstbeherrschung zwingen, so findet er auch die Kraft dazu und wie schlau und richtig war es von mir, diesen schrecklichen Schwindelanfall auf der Bahnstation zu bekommen, so daß Calander das eine Wagenpferd abspannen und den Diener darauf zum Doktor reiten ließ, daß wir darüber Stunden verloren und dieses gefährlichen Menschen Visite verpassen mußten.— Das arme Kind! Es sah nachher so blaß aus, als wäre es selbst von einem Schwindel befallen und zwar von einem richtigen, aber da kann nichts helfen als Konsequenz und Energie. Man lehre mich doch die Männer nicht kennen!“ (Schluß folgt.) Ein fideler Arrest. Eine angenehme, behaglich und heiter verbrachte Jugend, in welcher man zugleich etwas Tüchtiges gelernt hat, möchte ich einem anmuthigen Parke vergleichen, durch dessen hochlaubige, mannigfach verschlungene Gänge man, gemüthvolle Erinnerungen auffrischend, stets mit neuer Lust dahinwandelt. Wer eine solche Jugend ge— nossen hat, der besitzt für sein ganzes Leben einen unvergänglichen Schatz. Denke man nur an das traurige Gegentheil einer baum— losen und öden Sandwüste! Mir ward jene Jugend durch ein gütiges Geschick in vollem Maße zu Theil. In späteren Jahren freilich habe ich, wie tausend andere Bühnenkünstler, unter den Auspizien roher und gewinnsüchtiger Leiter manche trostlose Steppe durchwandert. Vor mehr als zwanzig Jahren besaß unser kleines Städtchen E— in der geräumigen Wohnung des Herrn Hauptpastors eine für Gymnasien vorbereitende Familienschule, von etwa zwölf mun— teren Knäblein der angeseheneren Bürger besucht, welche durch einen jungen Kandidaten der Theologie mehrere Jahre lang trefflich ge— leitet wurde. Unter diesen Schülern war ich selbst damals der älteste. Eines Tages im Spätsommer hatte ich auf der Straße einen fremden Knaben, welcher mich arg beschimpfte, angegriffen und tüchtig durchgewalkt. Indem er, mit mir ringend, niederfiel, war er, gegen einen Stein aufschlagend, am Kopfe stark verletzt worden. Am folgenden Morgen führte sein erzürnter Vater, ein Klempnermeister, bei unserem Lehrer Beschwerde über mich; ich ward verhört und meiner Missethat entsprechend zu zwei Stunden Arrest verurtheilt. Nachmittags, nach beendigten Lektionen, ward ich allein in unser Schulzimmer eingeschlossen und erhielt zur Beschäftigung ein tüchtiges Exempel aus dem Meier Hirsch nebst dem Auswendiglernen eines langen Kapitels aus Cäsar's Denk— würdigkeiten. Bald war die erste Aufgabe vollendet; ich legte das Heft bei— seite und da ich wußte, daß der Hauptpastor, unser Wirth, zu dieser Zeit mit seiner Familie verreist war, ging ich in das anstoßende Vorderzimmer, wo seine Bibliothek stand; in dieser herumkramend, fand ich einige Lustspiele von Raupach, welche ich mir zum Lesen wählte. Von dem in einer Ecke befindlichen Ständer nahm ich mir sodann eine Pfeife, stopfte sie aus dem Tabakskasten mit edlem Varinas, entzündete sie und verkürzte mir so meine Haft mit ver⸗ gnüglichem Lesen und Schmauchen; es war dies die erste Pfeife, welche mir vortrefflich schmeckte. Nachher stellte ich sie wieder an ihren Ort. Kurz vor Ablauf der zwei Stunden kam der Lehrer, prüfte die angefertigte Arbeit und ließ mich das aufgegebene Kapitel her⸗ sagen, welches ich schnell und sicher vortrug. Da siel sein Blick auf die Raupach' chen Lustspiele, welche noch vor mir lagen. „Was hast Du da?“ fragte er mich, das Buch aufhebend.„Das ist recht hübsch, aber wer hat Dir die Erlaubniß gegeben, die Bibliothek des Herrn Pastors zu benutzen? Das schickt sich nicht.“ „Das mag sein,“ versetzte ich,„aber diese Lustspiele haben mir sehr gefallen,—— da kommt man doch auf andere Gedanken!“ Gedanken, ein Dichter oder gar ein Schauspieler zu werden? he?— Die Teufeleien laß ja bleiben, da verhungerst und verlotterst Du nur!“ „Ich glaube,“ erwiderte ich,„daß selbst der brapste Mensch bei den schönen alten Klassikern gelegentlich auch verhungern kann.“ „Das ist freilich nicht ganz unmöglich!“ sagte er lächelnd, nahm sodann das Buch und stellte es wieder an seinen Ort. Hierauf theilte ich ihm mit, daß ich auch das folgende Kapitel im Cäsar gelernt hätte. Auch dieses trug ich ihm geläufig vor. „Auch das folgende,“ sagte ich,„habe ich gelernt;“ dieses ward ebenfalls vorgetragen. Als er mich verwundert anblickte, eröffnete ich ihm, daß ich auch die anderen 35 Kapitel noch vortragen könnte. Einige Stellen derselben fragte er mich ab, ich konnte sie alle sicher aufsagen.„Aber zum Kuckuk, wie geht das zu?“ rief er erstaunt;——„ich sehe, Du hast mir etwas vorgeredet, ge— steh' es nur offen!“ Lachend erwiderte ich:„Nun ja, ich will es gestehen und bitte Sie, Herr Fengler, mir den schlechten Spaß zu verzeihen. Ich habe alle 38 Kapitel dieses Buches, die wir durchgenommen haben, in etwa drei Wochen für mich zu Hause gelernt.“ „So?— ich will Dir Deine Finte verzeihen,“ sagte er lächelnd;„ich bemerkte das gleich. Aber wie bist Du auf den tollen Einfall gekommen, eine solche Masse auswendig zu lernen?— Das ist doch ganz unnütz!“ „Zu meinem Vergnügen habe ich's gethan,“ erwiderte ich, „weil mir der Cäsar und seine Darstellung so sehr gefällt, bei⸗ nahe so gut wie der Raupach. Ich habe auf diese Art mein schwaches Latein gestärkt;— und so war es garnicht unnütz, denke ich, vielmehr achtunddreißig mal so nützlich wie das eine Stück, das Sie mir aufgegeben haben.“ Darob schaute er mich mit großen Augen an.„Ich glaube,“ fuhr ich fort,„daß ich das nicht schlecht, sondern gut gemacht habe. Mein Vater hat mir auch öfter gesagt, daß man fremde Sprachen nicht durch die Gram— matik, sondern gerade in dieser Weise, durch lebendige Anschauung, am besten und bequemsten lernen kann; er hat es früher mit dem Lateinischen, dem Griechischen und Französischen ebenso gemacht und sie auf diese Weise alle schnell gelernt.“ „Du hast nicht Unrecht,“ versetzte er nach einer Pause;„dieser Uebung kannst Du auch Deine guten lateinischen Arbeiten zuschrei— ben. Ja, ja, schaden thut das nichts, es ist vielmehr ganz vor⸗ theilhaft!— Nun warte noch ein wenig.“ Darauf ging er hinaus, kam jedoch gleich wieder, und bald darauf trat eine Magd bei uns ein mit einem Korbe voll schöner Pflaumen, welchen sie vor uns auf den Tisch setzte.„Greif zu und erfrische Dich,“ sagte er freundlich zu mir;„Du wirst inzwischen wohl etwas Hunger bekommen haben.“ Wir langten Beide zu, das herrliche Obst schmeckte vortrefflich. Von meiner heimlich gerauchten Pfeife erzählte ich natürlich nichts. Nach einem Weilchen begann ich:„Jetzt will ich Ihnen sagen, Herr Fengler, welche Ursache unsere gestrige Prügelei wahrscheinlich gehabt hat. In der Familie des Magistratssekretärs B—, welcher ein Verwandter von Gustav ist, wurde vor vier Tagen eine Hoch— zeit gefeiert. Abends kam ich gerade bei dem Hause vorbei und hörte von dem erleuchteten Saale her ein fürchterliches Johlen und Trampeln erschallen. Da ich am nächsten Morgen dem Gustav draußen begegnete, hielt ich mich über den wüsten Lärm auf und sagte ihm, dieses Geblöke und Getrampele hätte ganz kannibalisch geklungen. Das mag er wohl seinen Verwandten gleich wiedererzählt haben, und deshalb haben sie ihn gestern auf mich abgeschickt,— so erkläre ich mir die Sache.“ „Das mag richtig sein,“ erwiderte er;„Du hast aber auch kannibalisch zugehauen. Wärst Du lieber schweigend davongegangen, so würden die Leute sich über Deinen Tadel weit mehr ärgern, als jetzt, da Du bestraft bist.— Was kannst Du nun aus jener lauten Festlichkeit lernen?“ „Nichts,“ antwortete ich. „Nichts, und doch Etwas, das sich oft beobachten läßt. Menschen, vornehme wie niedrige, welche in ihren Handlungen und Bewe— gungen, namentlich bei solchen Gelegenheiten, viel Geräusch, Gepol⸗ ter und Geschrei zu machen pflegen, sind immer hohle und alberne Tölpel, von denen man nichts Sinnreiches und Gutes zu erwarten hat.— Wir wollen nun die dumme Geschichte laufen lassen, nimm Dich aber künftig mehr in Acht.“— Sodann suchte er einen riesigen Zeitungsbogen hervor, wickelte in diesen die noch übrigen 4„So?“ sagte er, mich bedenklich anschauend,„wohl auf den 0 8 tel 150 ete jn hen, pol⸗ erne ten m nn “ ee, 8 87 D. Pflaumen, eine starke Metze voll, hinein und gab sie mir zum Abendbrode nach Hause mit. So sehr ich nun damals, wie besonders späterhin, die edlen griechischen und römischen Klassiker schätzte, den anziehenden Raupach wußte ich mir doch sofort aus einer Leihbibliothek zu verschaffen. Ich las und studirte ihn fleißg, lernte mit der Zeit auch Shake— speare, Calderon, Schiller und Goethe kennen;— und so ging es nachher, als ich das große städtische Gymnasium durchgemacht hatte, mit Zustimmung meiner lieben Eltern alsbald im Sturmschritt auf die herrliche Bühne los. Das hatte ich jener Prügelei und dem fidelen Arreste zu verdanken. Lo se Blätter Hero und Leander in Hinterpommern. Der Neustettiner Kreis in Hinterpommern zeichnet sich durch eine große Anzahl sogenannter Bur g⸗ wälle aus, die, höchst wahrscheinlich einer prähistorischen Periode angehörig, gewöhnlich entfernt von den Dörfern in einsamen Wäldern liegen, an Seen und in Morästen, häufig auf den Grenzen mehrerer Feldmarken. Undenkbar ist, daß diese Wälle in früheren Tagen Schlösser wendischer Pane und Suppane waren— dafür ist ihre Zahl zu groß, oft liegen sie auch nur in Zwischenräumen von einem Kilometer und noch kürzerer Entfernung auseinander. Obendrein, was von besonderer Wichtigkeit, ist ein solcher Burgberg gewöhnlich ein runder Hügel, welcher aber die Spuren eines Walles trägt und von Wasser umflossen war; selten findet man Gemäuer, Brandstellen oder andere Zeichen einer Bewohnung durch Menschen— höchst wahrscheinlich ist es, daß sie der Zufluchtsort der Bewohner einer vor⸗ historischen Niederlassung bei räuberischen Invasionen fremder Völker waren. So erklärt es sich auch, daß sie fast immer an abgelegenen Orten zu finden sind und da sie nur selten bewohnt wurden, auch keine Spur einer menschlichen Wohnung tragen. Auf die interessantesten Burgwälle stößt man jedenfalls bei Grumsdorf und Sassenburg im Neustetkiner Kreise. Der Eine— Wurthsberg genannt, liegt an dem Wurchow'schen See bei Sassenburg, der andere auf einer Insel mitten im See. Den ersten, dessen Höhe be⸗ trächtlich, schmücken himmelanstrebende Buchen von großer Schönheit. Wie seltsam, daß bier der Schauplatz einer Volksüberlieferung, welche eigentlich dem schönen Hellas angehört und lebhaft an das traurige Schicksal von Hero und Leander erinnert! Ein Fürst— so erzählt das Volk— war der Herr des Schlosses im See, eine Prinzessin residirte auf dem hohen Wurthsberg, der eine bin⸗ reißend schöne Aussicht darbietet. Vom Schlosse zum Berg führte eine seichte, hin und wieder mit Tiefen durchschnittene Furth. Allnächtlich ritt der Fürst auf einem weißen Rosse zu dem sehnsüchtig seiner harrenden Liebchen; eine Lampe, welche die Prinzessin in ihrem Fenster aufstellte, be⸗ zeichnete ihm den einzuschlagenden Weg, um nach langem Schwimmen durch die tiefen Stellen wiederum festen Grund zu finden, wo sein Roß ausruhen konnte. Unglücklicher Weise besaß die Prinzessin eine böse Stiefmutter, der das Glück der Liebenden ein Dorn im Auge war, die vor keinem noch so teuflischen Mittel zurückschreckte, um die verhaßte Verbindung unmöglich zu machen. Als einst ihre Stieftochter das leitende Lämpchen wieder ausgestellt hatte, errieth sie dessen Zweck, löschte es heimlich aus, als der Prinz unter⸗ wegs und bewirkte so, daß nach dem Verschwinden des Leitsterns der Fürst die seichten Ruhestellen verfehlte und mit seinem ermüdeten Roß in die bodenlose Tiefe versank. Vergebens harrte die Braut während der ganzen Nacht. Am nächsten Morgen spülten die aufgeregten Fluthen des Sees den Leichnam des Geliebten und seines treuen Rosses unweit des Wurtheberges an's Land. Da stürzte sich die Heroine des Pommerlandes in den See, weil sie den Geliebten nicht überleben wollte! Seit jener Zeit ist stets ein weißer Streifen in dem blauen Wasser sichtbar, welcher die beiden Burgen ver⸗ bindet. Er soll, wie das Volk erzählt, das alle Naturerscheinungen in seiner Weise zu deuten versteht, den Weg bezeichnen, welchen der Fürst einschlug. Hervorgehoben wird auch gern von den Bewohnern der Umgegend, daß die erwähnte Stelle selten zufriert, und daß, wenn sich dies einmal ereignet, sogleich ein mächtiger Spalt entsteht, an dem man den„Prinzenweg“ sofort een kann. Th. B. Automatische Kunstwerke. Zu einem der ersten Meisterwerke der Mechanik gehörte die merkwürdige Wasseruhr, welche der Khalif Harun al Raschid Karl dem Großen schenkte. Auf dem Zifferblatte befanden sich zwölf kleine Fenster, welche der Stundenbezeichnung entsprachen. Die Stunden wurden durch das Oeffnen dieser Fenster angezeigt, in dem kleine metallene Kugeln durch das Auffallen auf eine messingne Glocke die Stundenzahl schlugen. Diese Thüren oder Fenster blieben geöffnet, bis es zwölf schlug, in welchem Augenblicke zwölf kleine Ritter zu Pferde herauskamen, um das Zifferblatt herumzogen, dann in ihre Gemächer zurückkehrten und die Fenster schlossen. Die nächsten Automaten, von denen sich genaue Berichte erhalten haben, sind die des berühmten Johann Müller oder Regiomontanus, welche von Kircher, Baptista Porta, Gassendi, Lana und Bischof Wilkens erwähnt werden. — Müller soll einen künstlichen Adler verfertigt haben, der dem Kaiser Mapimilian bei dessen Einzuge in Nürnberg am 7. Juni 1470 entgegen⸗ og. Nachdem der Adler sch hoch in die Luft geschwungen hatte, soll er in einiger Entfernung von der Stadt auf den Kaiser zugeflogen, dann um⸗ gekehrt sein und sich auf das Stadtthor gesetzt und ihn dort erwartet haben. Als der Kaiser an das Thor gelangte, breitete der Adler die Flügel aus eiserne Fliege verfertigt haben, welche durch ein Räderwerk in Bewegung gesetzt wurde, herumflog und sich auf den Tisch setzte. Bei einem Feste, welches er einigen Freunden gab, flog die Fliege ihm von der Hand, im Zimmer umher, und kehrte endlich wieder auf die Hand ihres Meisters zurück. Das nächste mechanische Stück, das unsere Aufmerksamkeit verdient, ist jenes, welches von Camus zur Unterhaltung des jungen Ludwig XI V. ver⸗ fertigt wurde. Es bestand in einer kleinen Kutsche mit zwei Pferden in welcher eine Dame saß, hinter welcher ein Bedienter und ein Page standen. Wurde diese Maschine an das eine Ende einer gehörig großen Tafel ge⸗ stellt, so knallte der Kutscher mit der Peitsche, die Pferde fingen an zu laufen, bewegten die Füße ganz natürlich und zogen die Kutsche nach sich. Erreichte diese die entgegengesetzte Ecke der Tafel, so lenkte sie in einem rechten Winkel ein und bewegte sich seitwärts weiter fort. Sobald das Gefährt zu der Stelle kam, wo der König saß, hielt es an, der Page stieg ab und öffnete den Schlag, die Dame stieg heraus, verneigte sich und über⸗ reichte dem Könige eine Bittschrift. Nachdem sie eine Zeitlang gewartet hatte, verneigte sie sich von Neuem und stieg wieder in den Wagen. Der Page machte den Kutschenschlag zu, stieg hinten auf, der Kutscher knallte mit der Peitsche und der Wagen fuhr wieder fort. Der Bediente, welcher zuvor abgestiegen war, lief der Kutsche nach und sprang hinten auf. Kaiser Karl V. ließ sich nach seiner Abdankung mit Vorliebe von großen Automaten die Zeit vertreiben. Der Künstler, der um ihn war, hieß Turrianus und stammte aus Cremona. Nach beendeter Mahlzeit pflegte er Figuren, als bewaffnete Krieger und Pferde auf die Tafel zu bringen. Einige der⸗ selben schlugen die Trommel, andere bliesen auf der Flöte, während noch andere einander mit Speeren augriffen. Bisweilen ließ er hölzerne Sper⸗ linge fliegen, welche zu ihren Nestern zurückkehrten. Auch zeigte er eine so kleine Kornmühle, welche in einem Tage nur für acht Personen mahlen konnte. Nicht zufrieden, die Bewegungen der Thiere nachzuahmen, suchte das mechanische Genie im 17. und 18. Jahrhundert, durch Räder ꝛc. sogar die Funktionen des Lebens nachzumachen. So sagt Lobat, daß General Degennes, ein französischer Offizier, welcher die Kolonie St. Christoph gegen die Eng⸗ länder vertheidigte, einen Pfau verfertigt, der gehen, Getreidekörner vom Boden aufpicken, sie verdauen, als wären sie durch den Magen gegangen, und sie verändert wieder von sich geben konnte. Degennes soll überhaupt verschiedene, bei der Schifffahrt und Artillerie höchst nützliche Maschinen erfunden und Uhren gebaut haben, die weder Gewicht noch Feder hatten und doch gingen. M. Wehrstand, Lehrstand, Nährstand. Ein großer Verehrer des schönen Geschlechts stellte einst folgende Behauptung auf:„Der Wehrstand“— so seine Worte—„sind die Jungfrauen, diese wehren sich, bevor sie uns mit ihrer Hand beglücken. Den Nährstand bilden die Frauen; diese müssen wir ja ernähren. Zum Lehrstand gehören die Wittwen, die es trefflich verstehn, uns gute Lehren zu geben.“ Th. B. Keine Blaustrümpfe in Persien. In Persien sind grundsätzlich die Frauen von jeder literarischen Thätigkeit ausgeschlossen. Speziell ist ihnen verboten Verse zu machen. Die Perser sagen, daß man der Henne, die krähen will, die Kehle abschneiden muß. 1 Ein sinnreicher Vergleich. Der Kardinal von Polignac befand sich einst in dem Salon der Herzogin von Maine als man ihn fragte, welches der Unterschied zwischen der Herzogin und einer Pendule sei. Rasch entgegnete er: „Die Uhr bewirkt, daß wir die Zeit beobachten, die Herzogin aber sorgt dafür, daß wir sie vergessen.“ Tb. B. Die Frauenwelt Londons. Ein witziger Tourist erzählte einst in be⸗ treff seines Aufenthalts in London:„Befand ich mich in einer Gesellschaft von Damen, so war mir nicht anders zu Muthe, als wandelte ich in einer Bildergallerie, welche nur Portraits schöner Frauen enthielt, welchen die Maler wohl verschiedene Stellungen, jedoch keine Sprache gegeben hatte.“ Tu. B. Im Jahre 1630 wollten sich die Jesuiten des adeligen Fräuleinstiftes bei Minden bemächtigen. Der kaiserliche Kommissar erschien an ihrer Spitze, da griffen die tapfern Fräulein zu Nadeln und warfen ihn wie die Herren Patres jämmerlich zerstochen aus dem Kloster. W. G. Sir H. Walton, unter Jakob I. englischer Gesandter in Venedig pflegte zu sagen:„Ein Gesandter ist ein ehrlicher Mann, den man in das Ausland schickt, daß er zum Vortheil seines Vaterlandes lüge“ W. G. John Denis, der schärfste Kritiker zu Pope's Zeit, suchte jedes auf⸗ strebende Talent zu unterdrücken. Er wurde krank.„Was fehlt ihm?“ fragte man den Arzt.„Die Kritik ist bei ihm nicht zum Ausbruch gekommen,“ erwiderte rasch Pope, der zugegen war:„dadurch hat er sich selbst vergiftet.“ W. G. Addison fragte den Schriftsteller Garth, welche Religion er bekenne. „Die der Weisen,“ lautete die Antwort.—„Und welche ist das?“—„Die Weisen schweigen,“ antwortete Garth. W. G. und grüßte ihn durch Neigung seines Körpers.— Müller soll ferner eine eo 88 Arithmogriph. Aus folgenden Ziffern sind 13 Worte zu bilden, deren Anfangsbuchstaben, von oben nach unten gelesen, den Namen eines bekannten Komponisten, und deren Endbuchstaben, von unten nach oben gelesen, eine seiner neuesten Operetten ergeben: . 2. 3. 2. 4.— Berg im Kanton Freiburg. . 6. 7. 5.— Name Ales römischen Kaisers. . 8. 9. 10. 8. 9.— Name eines deutschen Dichters. . 11. 10. 8. 9. 2.— Stadt in Thracien. . 2. 11. 5. 11.— Indischer Krösus. 8. 12. 13. 2. 9.— Nebenfluß des Rhein. 4. 2. 11. 15 4. 8.— Weiblicher Vorname. 6. 2. 6. 2. 9. 8. 4.— Ursprünglicher Name eines Mongolenstammes. 9. 5. 16. 14. 14. 8. 2. 16.— Name eines verstorbenen französischen Dichters. 2. 10. 16. 17. 2. 18. 8. 11. 15. 9. 18. 8.— Theil der lepontinischen Alpen in Graubündten. 16. 4. 18. 8. 9. 4. 14. 6. 8. 9. 4. 11. 8. 9. 18.— Verstorb. Romanschriftsteller 14. 2. 17. 19. 15. 4. 15.— Berühmter italienischer Schauspieler. 14. 2. 9. 19. 15. 20.— Nebenfluß der Donau in Ungarn. . Quadrat-Räthsel. Aus folgenden 36 Buchstaben: a abdeeeeeegghhiilmnnnnoorrrrrsttuuuz sind sechs Worte zu bilden, welche bezeichnen: ** 1. Einen Titel 2. Dargestellte Gottheiten. 3. Römischen Feldherrn(v. Christi). 4. Zwei Flüsse. * 5. Verstorbenen deutschen Dichter. * 2 8 6. Berühmten Mann a. d. 15. Jahrhundert. Die gesternten Felder ergeben von links oben nach rechts unten, und von rechts oben nach links unten die Namen zweier deutscher Dichter. nüäth fel. 1 Es kann der Beutel und der Magen Ein kleines Wörtlein nicht vertragen. Doch steht es gar erst bei dem Kopf, So ist der, der ihn trägt, ein Tropf; Auch der mit einer Kupfernase, Liebt nicht das Wörtlein bei dem Glase. Wie heißt das Wörtlein winzig klein? Es wird gar leicht zu rathen sein! Charade. Die ersten Silben giebt es nicht mehr In den letzten, wie in dem Ganzen; Doch für das Ganze rath' ich dir sehr Zu rüsten den Reiseranzen. n 7 Auflosung der zweisilbigen Charade in voriger Nummer: Weinfaß;— des Homonym: Kiefer;— des Logogriph: Laune— Launen;— des Rösselsprungs: Bewähr' sich jeder im Vertrau'n, Doch jeder traue jedem nicht! Nicht in die Brust laß jeden schau'n, Doch jeden frei in's Angesicht Bald hat bei Keinem rechten Werth Ein Schatz, der offen allerwärts— Reich' jedem freundlich deine Hand, Doch Auserwählten gieb dein Herz. — des Magischen Quadrats: Emil Rittershaus. Schach. Problem Nr. 438 von G. Heinrich in Radomitz. Schwarz. n Nan 18. 2 3 2 * e 0 0 f g U Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge Matt. 85 N Auflösungen. Problem Nr. 431 von F. Hofmann in München. 1) ei es Läufer Ke6- ds(f6) 2) ces(88) Thum Kas(f6)—es 3) Tes-c(g6) F Die in ihrer Einfachheit reizende Komposition hat nicht nur bei unseren Korrespondenten allgemeinen Beifall gefunden, es ist derselben auch durch Aufnahme in andere Schachspalten des In⸗ und Auslandes diejenige Verbreitung gesichert worden, 7 der originelle Gedanke verdient.— Die 1 wurde angegeben von W Kron in V. Th Kraus in B, Or. Wehr⸗ meister in M, Dr. Voelkel in S.⸗M, Dr. Knopf in G, Th. Michaelis in Th., H. Hundt in A. Problem Nr. 432 von B. G. Laws in London. 1) 8d4—e2 Sag- e?(Kf5) 2) Se2—g37 Ke 4-4(di:, ds) 4 3) Dhs—bs(Lt7, e2) 1 Varianten: 1) cds 2) Lgör Kf3 3) Dh5 Matt 1). Kd: 2) Des Ke(beliebig) 3) De4 df) Matt. 1).. Kkds 2) Dh 3) Del Matt. 1). Lei oder beliebig 2) Pda 3) Df4 Matt. Wenn auch die Nebenspiele recht gefällig sind, der Gegenzug W.. ds sogar zu einer ganz saubern Mattstellung führt, so hak man es hier doch mit der Darstellung einer einzigen bestimmten Schlußwendung als Grundidee zu thun, und Vielseitigkeit in reinen Matt⸗ Rien machen dieses Thema auch zu einem dankbaren Demnach gehört das Problem we⸗ niger der neueren englischen Schule an(Nr. 6 dieses Blattes zu vergleichen! als der älteren böhmischen, an deren sehr gefällige Leistungen es am meisten erinnert.— Die Lösung wurde meister in M. 5 ichaelis in Th., H Hundt in A, W. Kron in B, 95 eben von Or. Wehr aus in B, Dr. Woelel in S.⸗M. nopf in G, Th Aus der er Schah inelt Unter folgenden Bedingungen schreibt die amerikanische Zeitung, Mantrea] Gazette“ ein Problemturnier aus: Das Turnier. in zwei Abt eilungen, die eine für Dreizüger, die zweite für Zweizüger. Man konkurrirt in jeder Abtheilung mit einem Originalproblem, welches mit besonderem Motto, vollständiger Lösung, Name und Adresse des Verfassers 8 5 siegeltem Couvert, vor dem 1. Juni d. J. an die Aue J. Henderson No. 172 8t U. polite- street. Montreal, Canada einzusenden ist Als 1 sind ausgesetzt: für Dreizüger 6, 4 und 2 Dollars, für Zweizüger 5, 8 und 1,50 Dollars Ein pn 147 Zweizüger mit sechs. von 20 hinab bis zu 2 Dollars er⸗ geht von dem Brooklyn Chess-Chroniele. Die W von 1 bis 4 Zweizügern mit Lösung und Adresse des Autors muß vor dem 31. 10 40 d an die Herren J. B. und E. M Munoz, 485 Henry- Street, Brooklyn N. 1 Auch von Italien aus werden die Problemkomponisten 7 Betheiligung an einem Problem⸗ turnier eingeladen Eine drei⸗ und eine zweizügige direkte Mattaufgabe wird verlangt Schluß⸗ termin für die Einsendungen ist der 30. Juni 10 J Drei Sendungspreise 85, 50 und 20 Lire, sowie ein Spezialpreis für den besten Zwei⸗ und Dreizüger werden geboten. Die Konkurrenz mit mehr als einer Sendung ist gestattet, jedoch mit besonderem Motto für jede Sendung. Adresse: Gazetta Letteraria(Sezione dcacchi, Torino), Herr H. L F Meyer in London hat eine Zusammenstellung der seit dem Jahre 1737 bis jetzt erschienenen Sammlungen von Schachproblemen einzelner Autoren gemacht Es sind nicht weniger als 43 Werke, deren Verfasser in der Schach 1 4 namhaft gemacht werden: Stamme, Mendheim, Schmidt, d' Orville, Brede, Lichtenstein, Kling. Anderssen, Schultz. J Brown, Healey, Schumoff, Pierce, Kohtz und Kockelkorn, Wormald, Martindale, ene Huggins, Thompson, Portilla, T. M. Brown, Carpenter, Bull, Bouwnson, Klett, Valle, Pearson, Taylor, Collins, Loyd, Miles, Thursby, Veechey. Brexter, Gold, Pradignat, Horwitz, Berger, Rovland, Gottschall, White, Hofmann, Word. Das hier erwähnte Wert Carpenter's ist lürzlich in zweiter Auflage im Verlage von O. A. Brownson in Rockdale, Jowa erschienen, und noch eine neue Problem⸗ . 121 Probleme von J W. Abbott im Verlage von James Wade, Tavistock-Street, C. London, wird in einer der letzten Nummern des Bohemian angezeigt. Am 22 Januar d. J verstarb zu Rom der als eifriger Schachliebhaber bekannte Banquier B. Vansittart im Alter von 35 Jahren. Noch vor wenigen Jahren hatte Vansittart in London an dem Turnier für Hauptturnierspieler, in welchem von Bardeleben den ersten Preis davontrug, theilgenommen, und ein Jahr später 1884 die Redaktion der italienischen Scachzeitung, Nuova Rivista, übernommen.— Im vergangenen Jahre gelangte seine aus fast 1000 000 Bänden bestehende Schachbibliothek zum Verkauf. Kapitän Mackenzie hat mit Max Judd eine Anzahl Partien gespielt, von denen er acht gewann. dr ei verlor und eine Remis machte. Gegenwärtig ist Mackenzie auf einer Schachtour durch die Vereinigten Staaten begriffen und vor Kurzem in New⸗Orleans angekommen, wo sein Aufenthalt von längerer Dauer sein wird.