e eee ee eee ee eee ohne Scheu oder Beklemmung zu verrathen. zu den Oberhessischen Uuchrichten. Zeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Nr. 24. Gießen, den 12. Juni. 1887. Die Lindenblüthen. Erzählung von Georg Hartwig. (Fortsetzung.) Pie wollte aufstehen, aber er hielt sie zurück. Zweimal setzte er zum Sprechen an, indem er sie starren Blickes unverwandt betrachtete, zweimal versagte ihm die Stimme. „Erna,“ brachte er endlich rauh vor innerer Bewegung hervor, „Erna, ich habe im— in der Zwischenzeit viel Muße gehabt zum Nachdenken— Du könntest den letzten Abschied anders gestalten.“ „Dienst gegen Dienst!“ sagte sie, ruhig von ihm forttretend, „Ich verschweige Dein entehrendes Geheimniß und Du verschweigst meine Schande, Deine Gattin gewesen zu sein. Genug!“ „Und sonst nichts?“ fragte er mit zusammengebissenen Zähnen, zwischen Scham und Zorn kämpfend.„Wenn, wenn Du mir zum letzten Abschied die Hand freiwillig reichtest, versöhnt die Hand reichtest, ich würde morgen aus Germenau verschwunden sein— überlege!“ Sie stand, ein Raub der widerstrebendsten Gefühle, vor ihm. Wenn sie damit wirklich seiner schrecklichen Gegenwart ein schnelles Ende bereitete, wenn die kurze Ueberwindung sie von tagelanger Qual befreite— er bereuete vielleicht aufrichtig. Schon wollte sie ihm ihre schmale weiße Rechte entgegenstrecken, da sagte er mit schwerem Nachdruck, gleichsam um sie zu ermuthigen:„Ich schwöre Dir—“ Ein kalter Schauer durchrann ihre Adern. Sie stieß seine Hand mit Entsetzen zurück.„Du schwörst?“ rief sie laut.„Mein⸗ eidiger, Du schwörst abermals falsch!“ Und wie von Geistern gejagt, eilte sie den Waldpfad entlang, die Stufen hinunter, mit keuchender Brust immer weiter, ohne an⸗ zuhalten, bis in das schützende Gewühl der Badegäste hinein. Am Ausgang der Promenade begegnete ihr Gebhard von Valingen und war erfreut, die sonst so bleichen Wangen der jungen Frau mit lebhafter Röthe geschmückt zu sehen. Aufathmend, wie von einer schweren Last befreit, reichte sie ihm die Hand. „Sie haben viel versäumt, gnädige Frau. Henny hat uns mit selbsterfundenen Schnadahüpferln unterhalten, während Assessor Berger, der zufällig nach langer Pause das Lindenhaus betrat, lustig accompagnirte.“ „Oh,“ dachte Erna schmerzlich bei sich,„weil er mich nicht daheim wußte, kam er, um wenigstens gegen die Andern nicht un⸗ höflich zu erscheinen!“ „Berger ist ein angenehmer und, soweit ich ihn beurtheilen gelernt habe, auch durchaus zuverlässiger Mensch,“ fuhr der Baron anscheinend absichtslos fort.„Ich kenne übrigens seine Familie. Der Vater war ein hochgestellter Jurist“— „Ich bitte“— unterbrach ihn Erna mit nervöser Lebhaftig 1 keit—„was wird aus unserer Parthie nach Farrendorf?“ „Sie wird morgen stattfinden, wenn der Himmel nicht ein Veto einlegt.“ Nach kurzer Pause sagte er, sich freundlich zu ihr niederbeugend:„Wollen Sie mir eine Frage der Neugier verzeihen, gnädige Frau?“ „Gewiß! Nur darf sie nicht—“ „Oh, ohne Besorgniß! Ich kann mich nämlich nicht der Ver⸗ muthung entschlagen, als hätte ich Sie im Leben bereits einmal gesehen. Aber wo?“ „Eine Aehnlichkeit täuscht Sie, Herr Baron,“ erwiderte sie mit anmuthigem Lächeln. „Doch nicht!“ rief er lebhaft, plötzlich stehen bleibend, so daß er beinahe mit einem dicht hinter ihnen schreitenden Paare zu⸗ sammengestoßen wäre.„Und jetzt erinnere ich mich auch ganz deutlich. Waren Sie nicht vor— Verzeihung, gnädige Frau, wenn ich jetzt ungalanter Weise die Altersfrage streifen muß!— waren Sie nicht vor neun Jahren zu einem Erntefest bei der Familie von Hadersleben auf dem Gute Hohenfelde?“ „Ganz recht, wahrhaftig!“ rief Erna freudig überrascht, mit hellen Blicken zu ihm aufschauend, da sie durch diese Erinnerung in den Zauberkreis der ersten ungetrübten Jugend sich zurückversetzt sah.„Dort habe ich mein Debüt als sechzehnjährige Balldame gefeiert. Aber Sie?“ „Ich war damals als Volontär auf einem Mustergut in der Nähe von Hohenfelde, um praktische Landwirthschaft zu studiren. Wir waren zu eben diesem Feste eingeladen und herübergefahren. Unter all' den reizenden Tanzfeen, welche den Ball verschönten, fiel mir eine ganz besonders durch ihre heitere Naivetät auf— das waren Sie!“ „Ja wohl, ich!“ rief die junge Frau, von Rückerinnerungen hingerissen und reichte dem Baron fast dankbar die Hand.„Oder besser gesagt, es war meine glückliche Jugend. Ich bin längst nicht mehr so heiter wie früher.“ b Er zog ihre Hand mit warmem Druck an seine Lippen.„Frei⸗ lich, wer Sie jetzt sieht, würde das sonnige, fröhliche Kind kaum wiedererkennen. Aber die heitere Zeit könnte doch zurückkehren!“ „Nie!“ flüsterte sie bebend. „Nie?“ wiederholte er eindringlich. sind erschöpft. Wollen Sie meinen Arm nehmen, so führe ich Sie nach Hause. Ein ander Mal darf ich wohl auf die Einzelheiten Ihres ersten Debüts genauer eingehen?“ fragte er mit liebens⸗ würdigem Scherz. Sie nickte.„Es ist, als zeigten Sie mir mit Ihren Worten ein verloren gegangenes Paradies, nach dem man sich trotz der verschlossenen Pforte immerdar zurücksehnt.“ „Aber Sie zittern, Sie Als sie in den Garten traten, fanden sie die Gesellschaft um . 9 4 1 11 1 N — N n FFC 3 1 w.————— = 186 einen wandernden Italiener gedrängt, welcher mit großer Redefertig⸗ keit in gebrochenem Deutsch seine Schmucksachen ausbreitete und anpries. Erna und Valingen standen plötzlich unbemerkt mitten unter der Gruppe und belustigten sich an Henny's stürmischen Be⸗ wunderungsrufen.. „Mama, sieh, das sind Tigeraugen! Und hier Katzenaugen! Oh, wie reizend!“ Der Baron beugte sich zu ihr nieder und hob ihr rosiges Ge⸗ sichtchen zu sich empor.„Nimm Dir doch, was Dir gefällt. Oder soll ich etwas für Dich aussuchen?“ „In, jal“ klef sie davonspringend, um sich von seiner Gabe völlig überraschen zu lassen, wobei sie sich noch zum Ueberfluß die Augen zuhielt. Der Baron wählte ein kostbares Armband, vielleicht das schönste Stück der ganzen Sammlung, und ging dann auf die Harrende zu, indem er ihre Rechte vom Antlitz nahm und das Geschmeide sanft auf ihren weichen Arm gleiten ließ. Dann hob er auch die andere Hand herunter und hielt beide in den seinen fest. „Was sagst Du nun, Henny?“ Sie sagte gar nichts. Ihr ganzes Gesicht strahlte vor Glück seligkeit.„Oh, Du— D „Welchen Dank bekomme ich?“ fragte er neckend. Ohne sich zu besinnen, drückte sie ihren Mund dreimal hinter- einander heftig auf seinen Rockärmel, da seine Hand ihr unerreich⸗ bar blieb. Er lachte.„Zuviel Ehre für dieses graue Tuch. Der beste Dank ist, wenn Du das Armband recht oft trägst.“ „Auch beim Schlafen, immer!“ rief sie stürmisch. Er betrachtete ihr süßes Gesichtchen sekundenlang, dann wandte er sich scherzend zu seiner Mutter.„Mama, gieb Acht darauf, ob Henny mit diesem Armreifen stets zu Bett geht; sie hat es soeben feierlich geschworen.“ Und wirklich, Henny hielt ihr Wort. Am Abend, als sie allein in ihrem Zimmer war, stand sie lange vor der flackernden Kerze und schaute auf das Schmuckstück nieder, bis die blauen Augen von seinem hellen Glanze zu schmerzen begannen, dann küßte sie es, nicht langsam und innig, sondern mit enthusiastischer Ueberschwenglichkeit.. Der Sonntag Morgen brachte den Kurgästen Germenaus eine häßliche Ueberraschung. Der Himmel, welcher am Sonnabend Abend noch die letzte Sonnengluth in malerischer Pracht zurückgestrahlt hatte, so flammend schön, wie man es selten zuvor gesehen, zeigte sich vor Tagesanbruch bereits von dicken Regenwolken umzogen und ohne einen lichten Punkt, welcher Aufklärung versprochen hätte. Die Enttäuschung war allgemein. Am meisten grämte sich in⸗ dessen die blonde Henny. Ihre Augen wären sicherlich von heißen Thränen übergeflossen, hätte sie sich nicht merkwürdigerweise vor den lächelnden Blicken des Barons ganz gegen ihre sonstige Gewohn⸗ heit Zwang' angethan. So aber verschluckte sie dieselben tapfer genug mit dem Kaffee und wußte garnicht einmal, wie überaus reizend dieser stille Seelenkampf ihr Antlitz verschönte. Endlich erhob sich der Baron, nahm sie bei der Hand und führte sie auf die Veranda hinaus.„Zum Lohn für Deine Selbst⸗ überwindung will ich Dir den Augenblick verrathen, wo Du auf besseres Wetter rechnen darfst.“ Sie sah ihn ungläubig an. „Nun ja, paß auf! Sobald Du über jenem Berge dort ein Stückchen blauen Himmel durchschimmern siehst, soviel und so groß, daß Du Dir, nun, ein Mieder daraus schneiden könntest, so wird binnen einer Stunde der Regen aufhören.“ „Und dann?“ fragte sie hoffnungsvoll. „Dann,“ er drückte lächelnd ihre erhobene Hand,„dann ist es für heute zu naß zu einer Landparthie, aber wir werden draußen Reifen spielen können.“ In Folge dieser Anweisung hielt Henny ihren Beobachtungs— posten standhaft inne. Aber der Vormittag war fast vergangen, bevor das ersehnte Stückchen blauer Himmel in Sicht kam. Als⸗ dann alarmirte sie binnen Kurzem das ganze Haus und tänzelte an Ilda's Arm lustig wie eine Bachstelze der Gesellschaft voran in den Garten. Am nächsten Tage fühlte sich die Baronin unwohl und behielt ihren Liebling zumeist bei sich im Zimmer. So kam es, daß Ilda von Satrup diesmal allein einen Spaziergang am Ufer des Flusses, welcher Germenau durchströmt, unternahm. Gestein, vom Morgenthau reich mit Brillanttropfen übersäet. Dieser Fluß, ein wildes Gebirgskind mit starkem Gefälle, war ehedem an den Felsenwänden oft dicht vorübergerauscht. Jetzt hatte man die letzteren so weit fortgesprengt, daß ein zwar kunstloser, aber desto romantischerer Weg längs des Flußufers entstanden war, für welchen Ilda von jeher eine Vorliebe besessen hatte. Auch heute schlug sie ohne Besinnen diesen Pfad ein. Die Sonne glitzerte freundlich auf den hüpfenden Wellchen, deren Lauf kleine Felsenriffe jeweilen aufhielten, über welche sie, wie zürnend ö über das Hinderniß, mit lautem Rauschen hinwegströmten. Aus den Fluthen, so schien es, stieg eine doppelt klare, frische Luft empor und ein nixenhaftes Plaudern und Kichern. Zur Rechten Ilda's erhoben sich die zersprengten Felsblöcke, anscheinend so lose auf— einandergethürmt, als müßten sie jeden Augenblick in den Fluß hinabstürzen. Zwischen ihren Spalten wuchsen blaue Glockenblumen hervor und rothe Federnelken, deren Kelche in dem goldenen Tages- licht träumerisch hin und wieder schwankten. Von den Felswänden herab kletterte grünes Moos wie dünne Schleier über das nackte Das Auge des jungen Mädchens konnte sich nicht sattsam genug an diesen stillen Reizen der Natur weiden. Schmetterlinge huschten über ihr vom Hut befreites Haupt, und ihnen sinnend nachblickend, ertappte sie sich plötzlich bei einer Vorstellung, welche mit der romantischen Umgebung durchaus garnichts zu schaffen hatte: Ilda fragte sich, wer jener Fremde damals in dem Städtchen wohl ge. wesen sei. Weshalb war er wohl wie versteinert stehen geblieben? Ja, weshalb? Und wie kam er dazu, sie als Unbekannte zu grüßen? Freilich, dieser Gruß war überaus höflich gewesen, mehr als höflich, aber warum hatte er sie überhaupt bemerkt und gegrüßt? Das junge Mädchen verließ jetzt den gebahnten Weg, welcher in das offene Land zwischen Felder und Wiesen hinausführte und schlug einen Seitenpfad ein, der in das dunkle Waldreich mündete. Der Steig war so schmal, daß Vorübergehende sich kaum auszu— weichen vermochten. Von der Höhe herab kam ein junger Mann ihr entgegen. Den Strohhut hielt er gleich Ilda in der Hand und ließ die kühle Waldesluft frei seine Stirn umwehen, im Knopfloch trug er eine frisch gepflückte Kornblume. Der Weg, auf welchem Beide sich entgegenschritten, machte an dieser Stelle gerade eine kleine Krümmung, um einen herabgestürzten Felsblock zu umgehen, und so kam es, daß Ilda sich plötzlich dem jungen Mann unvermuthet gegenüber befand. Sie wollte mit geschickter Wendung an ihm vorübereilen, aber ein eigenthümlicher Laut der Ueberraschung, den der Fremde nicht ganz unterdrücken konnte, machte sie unwillkürlich aufsehen. Und da flammte es auch schon heiß über ihr liebliches Antlitz. Das war ja jener Unbekannte, dem sie soeben ihre Gedanken nachgesandt hatte! Auch er war einen Moment sichtlich betroffen. Dann lächelte er und seine Cigarette nicht gerade allzu schnell aus dem Munde nehmend, sagte er grüßend:„So allein diesmal, mein schönes Kind?“ Sie zuckte zusammen vor Unwillen und Scham. Er achtete nicht darauf, sondern fuhr in einem Tone fort, welcher das seltsamste Gemisch von Bewunderung, Herablassung, Freundlichkeit und Mißvergnügen war.„Haben Sie Ihren Zweck erreicht und hier in Germenau eine gute Stelle als Kammerjungfer gefunden?“ Ilda hatte das Gefühl, als müsse sie in den Erdboden versinken vor Schreck und Entsetzen. Was sollte sie thun? Konnte sie diesem fremden Mann ihren unbesonnenen Streich bekennen? Nein, nimmer ⸗ mehr! So mußte sie nun also auch die Folgen geduldig auf sich nehmen. „Nun, sind Sie stumm, mein schönes Kind?“ fragte der Fremde, sich etwas näher zu ihrem gesenkten liebreizenden Gesicht nieder⸗ beugend.„Ein Kammerkätzchen pflegt doch sonst stets den Mund auf dem richtigen Fleck zu haben. Wollen Sie eine Ausnahme von der Regel machen?“ „Ich bitte, mein Herr—“ sagte sie, ihre Kräfte zusammen—⸗ nehmend. „Verzeihen Sie mein Interesse,“ erwiderte er, ungenirt einen Zug aus der erlöschenden Cigarette thuend und sich nur wenig zur Seite wendend, um den Rauch in die Luft zu blasen.„Ich glaube, Ihnen mit einem sehr guten Engagement dienen zu können. Meine Kousine—“ „Ich danke, mein Herr!“ fiel sie bebend vor Verdruß ein. eee e W 187. 2 be s b ee ne h 0 2 88 ee CCCCCCCCCGCCCCCCCCCCCCCCCGC 5 — 2 177 Er lachte.„Ich bitte— ich danke! Sie sind ein kleiner Trotz. kopf! Freilich, wen die Natur so überreich bedacht hat, der hat das Recht, sich als ein Kleinod zu betrachten, welches—“ Jetzt war Ilda's Selbstbeherrschung zu Ende. Ihre Hände be— gannen zu zittern und ihre Lippen leise zu beben. Ohne Zaudern wandte sie sich ab und floh wie ein gehetztes Reh denselben Weg zurück, welchen sie gekommen war. Der Fremde sah ihr lange nach. Er glaubte nie etwas Graziöseres, Lieblicheres gesehen zu haben, als diese schnell ent⸗ schwebende Mädchengestalt. Wie stolz bei aller Verlegenheit war ihre Haltung gewesen. Wenn das eitle Selbstbewunderung sein konnte, so wäre sie bei ihren jungen Jahren ein Ausbund von Gefall⸗ sucht gewesen. Wenn es aber bescheidene Würde war? Mädchen⸗ hafte Scham? Er lächelte mißächtlich und ungläubig. Pah, ein solches abhängiges und nachlässig erzogenes Wesen! Das kennt seinen Vortheil schon vom ersten Tage der Selbstständigkeit an. Zuerst spröde, dann unverschämt. Auch sie wird keine Ausnahme machen, obwohl sie das reizendste Geschöpf ist, welches mir bis jetzt vor Augen kam. Ewig schade, ewig schade, daß das Schicksal sich hier so vergriff!“ Hierbei fiel sein Blick auf den Boden und er gewahrte zwischen den Tannennadeln einen schmalen goldenen Armreifen, an welchem Ilda in ihrer Verlegenheit gedreht und dabei das Schloß desselben aufgedrückt hatte. Der junge Mann bückte sich hastig und hob das Schmuckstück auf. Sekundenlang schaute er darauf nieder, wie auf etwas außergewöhnlich Wundersames und ertappte sich dann plötzlich dabei, wie er den zierlichen Gegenstand schnell an die Lippen führte. „Lächerliche Verirrung!“ rief er alsdann spöttisch.„Ich werde das Ding drunten in der Bade⸗Inspektion abgeben. Die Kleine wird Mühe haben, sich ein zweites Armband zu verdienen, wenn nicht—“ Er brach ab und schritt den Fluß entlang Germenau zu. Inzwischen war Ilda von Satrup nicht minder erregt als damals Erna Steinbach auf der Kurptomenade angelangt, woselbst sie ihren Vater mit dem Baron im eifrigen Gespräch auf und nieder schreitend fand. Der Geheimrath behandelte sein Lieblingsthema, die Heraldik, welchen Betrachtungen er zumeist den Schlußsatz beifügte, daß sein Adel bis zurück in die Kreuzzüge reiche und einen Stammbaum von makelloser Reinheit aufzuweisen habe. Ilda empfand diese ihr schon bekannten letzten Worte wie einen Messerstich in ihrer augenblicklichen Stimmung. Großer Gott, wenn ihr Vater, der seinen alten Namen in den Gestalten seiner beiden Kinder so hoch verehrte, wenn der auf äußere Förmlichkeiten so streng haltende Baron es mit angesehen hätte, wie ein wild⸗ freinder Mann sie keck anzureden und ihr den Dampf seiner Zigarre nahezu in's Gesicht zu blasen gewagt hatte! Was konnte sie zu ihrer Entschuldigung anführen? Jetzt zum ersten Mal kam dem jungen Mädchen das Gefährliche ihres unbedachten Streiches lebhaft zum Bewußtsein, jetzt, wo die Folgen klar zu werden begannen, und sie grollte zum ersten Mal Henny, welche sie dazu verleitet. Noch völlig mit sich zerfallen, suchte sie ihre kleine Freundin daheim auf und that ihr den Entschluß kund, die Thorheit nun⸗ mehr freiwillig eingestehen zu wollen. Aber Henny fiel ihr sogleich mit Bitten, Thränen und Beschwörungen um den Hals und flehte sie himmelhoch an, dieses jüngste Gericht von ihrem Haupte fern zu halten, um so mehr, als Gebhard in den letzten Tagen eine so viel sanftere Freundlichkeit gegen sie zur Schau getragen als bisher. „Thue, was Du willst mit mir,“ rief sie, Ilda mit Küssen fast erstickend,„nur laß von der Geschichte nichts verlauten. Ich überlebte es nicht, denn ich müßte unwiderruflich zu einem längeren Gastspiel in die Penston reisen.“ „Aber Henny, meine liebste Henny,“ wandte die verständigere Ilda schon wieder halb bezwungen ein,„Du siehst ja, die Sache hat Folgen, sehr unangenehme Folgen, die wir nicht allein abwenden können. Wäre es da nicht besser, wir geständen den dummen Streich den Unsern freiwillig ein, bevor sie durch den vielleicht allerfatalsten Zufall davon Kenntniß erhalten? Der junge Mann—“ „Er ist nur ein Durchreisender gewesen, verlaß Dich darauf. Wir werden von nun an so wenig wie möglich allein ausgehen, gewiß, er soll nie wieder Gelegenheit haben, Dich anzusprechen. Und ist er beseitigt, wer sollte uns dann noch in die Quere kommen? Niemand!“ „Möchte es so sein,“ erwiderte Ilda seufzend.„Im Uebrigen glaube ich, wäre es jetzt die beste Zeit, dem Baron Mittheilung zu machen; seine Stimmung wird weicher sein und sein Interesse etwas mehr von Dir abgewandt.“ „Weshalb?“ fragte Henny schnell und bereits völlig beruhigt. „Du darfst aber keine vorschnellen und unzarten Anspielungen fallen lassen, noch Dir irgend welche Kenntniß anmerken lassen,“ flüsterte Ilda vorsichtig,„das versprich mir zuerst.“ „Mit Hand und Mund und Herz und womit Du sonst noch willst, einzige Ilda!“ rief Henny, auf's Aeußerste erregt. „Nun wohl, ich habe davon sprechen hören, daß der Baron im Begriff steht, sich mit Frau Steinbach zu verloben.“ Hier stieß Henny einen lauten Schrei aus, während ihre Wangen erbleichten. „Nun, was denn?“ fragte Ilda verwundert.„Ist sie nicht wie geschaffen für ihn? Du liebst sie ja jetzt auch schon!“ „Nein, das thue ich nicht!“ rief die Kleine athemlos.„Das — das war nur Schein! Oh, wer sagt das?“ „Viele! Auf der Promenade neulich Morgen sollen sie sich im Stillen verlobt haben. Einige Damen, die dicht hinter ihnen gingen, haben das Gespräch belauschen können, so hörte ich. Der Baron soll die schöne Wittwe schon als ganz junges Mädchen ge— kannt haben.“ „Nicht möglich!“ Henny stand wie versteinert. „Zuletzt soll er ihr öffentlich die Hand geküßt haben, und sie sind Arm in Arm zurückgegangen. Der Baron wird mit unserer weißen Rose glücklich sein, wie ich es so sehr für ihn erwünsche! Du nicht, Henny?“ „Ich? Ja wohl, ja wohl!“ rief sie und rannte davon. Ilda kannte Henny's stürmische Art, ihre Gefühle auszudrücken, und wunderte sich nicht weiter darüber, um so weniger, als die äußerst anziehende Erscheinung des Fremden sich unter Schmerzen und bangen Wonneschauern immer tiefer in ihr Mädchenherz ein⸗ zudrängen begann. Inzwischen war der Geheimrath mit seinem Begleiter wieder in das Lindenhaus zurückgekehrt und Valingen's erster Gang war an das Ruhelager seiner Mutter, wo er Henny vorzufinden glaubte. „Ich habe sie vor einer Stunde in die frische Luft geschickt,“ sagte die Baronin sichtlich gekräftigt,„und ihr versprochen, Nach— mittags mit Euch spazieren zu gehen.“ „Wo aber steckt sie nun?“ Der Baron schritt zur Thür und rief in's Nebenzimmer hinein:„Henny!“ Er öffnete die Flurthür und rief auf den Gang hinaus:„Henny!“ Umsonst. Erst zum Mittagsmahl fand sie sich langsamen Schrittes ein und schlug während der ganzen Mahlzeit nicht einmal ihre etwas umschleierten Augen zu dem forschenden Antlitz Gebhard von Va⸗ lingen's auf. 1585 Die verregnete Landparthie nach Schloß Farrendorf wurde für den nächsten Sonntag mit doppelter Energie in's Werk gesetzt. Nur Erna Steinbach, theils aus Rücksicht für sich, theils aus Rücksicht für Assessor Berger, welchem ihr Erscheinen zweifellos das Ver⸗ gnügen gestört haben würde, wünschte dringend, daheim bleiben zu können. Aufmerksamen Beobachtern hätte es auffallen müssen, daß die sonst allezeit enthusiasmirte Henny nicht allein bei der all⸗ gemeinen Stimmabgabe sich ganz passiv verhielt, sondern auch den leberredungskampf mit der„schönen, weißen Rose“ ausschließlich ihrer Umgebung überließ. Sie stand mit blitzenden Augen an einen Lindenbaum gelehnt, als zuletzt der Baron in liebenswürdigem Scherz auf die junge Frau zuschritt und sich ihr als Ritter für den ganzen Nachmittag anbot. Erna erröthete heftig und sichtlich verwirrt. Mehr sah Henny nicht, denn sie mußte im Gefühl eines aufsteigenden brennenden Schmerzes die langen dunklen Wimpern ließen. 1„Wollen wir nicht heute Abend die Schlußvorstellung im Theater besuchen?“ fragte der Geheimrath, seine hagere Hand nach dem Theaterzettel ausstreckend, welcher auf dem Tisch lag.„Ich dächte, Fra Diavolo wäre so übel nicht!“ „Gewiß, gehen wir!“ nickte die Baronin freundlich beistimmend. „Ich erlaube mir den Vorschlag zu machen, daß die Herrschaften mich sämmtlich bis zum Kurhause begleiten, wo der Billetverkauf ist,“ sagte Herr von Valingen, seinen Hut ergreifend.„Es wäre der Anfang unserer Nachmittagspromenade. Wie ist's, Henny?“ n. 4 — „2„ß„2VFTVVTbdßbTdVdVdßCbCd0T0ßC0T0ß0T0T00T0T0TTCT0TTTTTTbTTTTTTTTT „ F 188 29 — „Mich bitte ich aber von diesem Vergnügen ernstlich auszu⸗ schließen,“ sagte Erna Steinbach, sich hastig erhebend,„es übersteigt meine Kräfte.“ Kaum war die Gesellschaft fort, so zog die junge Frau mit unwilliger Hast und ausgesprochener Scheu einen Brief aus der Tasche, welcher ihr heute durch die Post zugestellt worden war. Der Inhalt lautete:„Du hast es verstanden, Dich unsichtbar zu machen, und ein gewisses Etwas sträubte sich bisher in mir, Dich in Deiner Wohnung aufzusuchen. Morgen verlassen wir diesen Ort, aber bevor ich gehe, muß ich Dich noch einmal ungestört sprechen. Gieb mir umgehend Ort und Stunde an, wo dies geschehen kann, andernfalls würde ich mir den Zugang erzwingen müssen.“ Erna zerdrückte das Blatt und zerriß es dann in kleine Stücke, die sie mit zitternder Hand weit von sich in die vier Winde schleu— derte.„Was thun?“ flüsterte sie, erregt auf- und niederschreitend. „Wenn ich sofort Germenau verließe? Oh, er läßt mich beobachten! Hier oder da würde er mich finden.“ Sie schauderte zusammen. „Ich hätte seinen Wunsch erfüllen, hätte meinen Abscheu bezwingen sollen, es wäre besser gewesen!“ In Gedanken versunken, starrte sie vor sich nieder. Endlich raffte sie sich zu einem Entschluß auf. An den Tisch zurücktretend, auf welchem noch Feder und Papier bereit lagen, schrieb sie folgende Worte: „Finde Dich mit Deiner Zeit so ab, daß Du mich zwischen acht und neun Uhr in meiner Wohnung sprechen kannst. Meine Gesinnungen und Gefühle kennst Du.“ Erna überlas nochmals die Zeilen.„Es ist gut so. Ich breche seiner gewissenlosen Selbstsucht die Spitze ab. Eine Summe Geldes mag er als Andenken mit sich nehmen. O, wäre der Augenblick erst überstanden!“ Sie rief einen Knaben von der Straße herbei und übergab ihm den Brief mit dem Auftrag, ihn im Theater⸗ büreau abzugeben. Dann eilte sie in's Haus zurück, um ihr krank⸗ haft gereiztes Ehrgefühl für die Qual der kommenden Stunde vor⸗ zubereiten. Unterdessen schritten die Familien Satrup und Valingen, denen sich Assessor Berger und etliche andere Bekannte angeschlossen hatten, die ansteigende Straße hinauf, welche zum Kurhause führte. Ilda hatte ihrem Vater bergauf den Arm gereicht, und so kam es, daß die blonde Henny, deren Herz zum Ueberfließen voll von verschluckten Thränen war, allein hinter den einzelnen Paaren herschlenderte. Eben war man in die überdachte, sehr breite Veranda ein— getreten, als plötzlich Ilda's feines, liebliches Gesicht, mit brennender Röthe übergossen, sich so hartnäckig und tief zur Seite neigte, daß es schwer gewesen wäre, einen Zug desselben zu unterscheiden. Henny hingegen, auf Außendinge momentan wenig Acht gebend, schritt arglos an einem Tisch vorüber, dessen Inhaber bei ihrem Anblick schleunigst sein Bierglas niederstellte und Miene machte, aufzuspringen. Henny glaubte, als sie ihn jetzt erblickte, vor Bestürzung zu ver⸗ steinern. Sie erkannte den alten Brinkmann aus dem nahen Städtchen, in dessen Vermiethungsbüreau sie und Ilda als Kammerjungfern geglänzt hatten. In diesem kritischen Moment wandte sich just die Baronin um und rief Henny zu, in's Lindenhaus zurückzuspringen und ihr ein wärmeres Tuch herbeizuholen, ein Auftrag, dem das erschrockene junge Mädchen begreiflicherweise mit Windeseile nachkam. Der alte Brinkmann, durch diesen kleinen Zwischenfall völlig davon überzeugt, wirklich nur die Kammerjungfer der Baronin vor sich zu sehen, schritt nunmehr energisch auf Herr und Frau von Valingen zu, indem er höflich seinen Hut vom Kopfe zog und um die Erlaubniß bat, eine Frage an die Herrschaften richten zu dürfen. Ilda, welche die nunmehr unvermeidlich gewordene Enthüllung wenigstens vor überflüssigen Zeugen schützen wollte, wußte sehr schnell und gewandt die Aufmerksamkeit der übrigen Gesellschaft auf einen andern Gegenstand zu lenken, so daß der Baron und seine Mutter schließlich allein vor dem biederen Dienstbotenvermiether standen. „Was wünschen Sie?“ fragte der Baron in der etwas kurz angebundenen Manier, welche ihm Fremden gegenüber eigen zu sein pflegte. „O, ich bitte, bitte sehr, gnädiger Herr,“ stotterte Brinkmann, das sanftere Antlitz der Baronin in's Auge fassend.„Ich wollte die gnädige Frau nur ergebenst fragen, seit wann Sie das junge Mädchen, die Jungfer, in Ihre Dienste genommen haben? Ich bin Miethsmann—“ „Was kümmert Sie das?“ unterbrach ihn Herr von Valingen abweisend.„Soviel ich weiß, nichts!“ „Doch, gnädiger Herr!“ erwiderte der Alte hartnäckig.„Das Mädchen war bei mir und gab mir einen Thaler, um ihr eine gute Stellung zu besorgen. Ich habe eine solche gefunden und möchte nun doch wissen, woran ich bin. Wird Martha Flotow bei Ihnen im Dienst bleiben, gnädige Frau?“ „Wer?“ fragte die Baronin sehr überrascht. „Wer?“ fragte auch der Baron ungläubig. „Martha Flotow, das hübsche, junge Mädchen mit dem blonden Haar, welches die gnädige Frau soeben fortschickten. Dort kommt sie schon mit dem Tuch zurück.“ „Wer?“ fragte der Baron zum zweiten Male. Dame?“ „Ja, ja, diese! Martha Flotow!“ „Mama!“ rief der Baron, von dessen Augen der Schleier plotzlich sank. Dann sich schnell fassend, nahm er den alten Brinkmann bei Seite und sagte sehr eindringlich mit einem wenn auch schwer er⸗ zwungenen Lächeln:„Das Ganze war ein Spaß, eine Wette, ver stehen Sie! Diese Dame ist keine Dienerin. Hier,“ er drückte ihm ein Goldstück in die Hand,„hier nehmen Sie und schweigen Sie darüber, Sie wissen ja, die Jugend—“ „Ja wohl, die Jugend! Du lieber Gott, die Jugend!“ wisperte der biedere Alte sehr befriedigt von dem glänzenden Ausgang dieses Geschäfts.„Dachte es mir ja gleich! Na, nichts für ungut, gnädiger Herr— ein ander Mal!“ „Diese junge Der Baron, auf's Tiefste empört über das Vernommene, bot seiner Mutter abermals den Arm, bevor Henny sich näherte, und führte sie schnell in den Kreis der Andern. „Ich bitte, daß Du den Austrag dieser unerhörten Leichtfertigkeit mir überlässest. Deine Milde würde hier zum Vergehen.“ „Wenn ich nur erst begriffen hätte, um was es sich handelt!“ erwiderte die Baronin, außerordentlich beängstigt von der Zornes⸗ blässe ihres sonst so gelassenen Sohnes. „Davon später, Mama! Für jetzt nichts davon, ich bitte Dich, und vor allem kein Wort zu Henny! Es soll durchaus unter uns Dreien bleiben. Du versprichst mir das?“ „Gewiß, mein Sohn, ganz gewiß! Ich füge mich Dir wie immer sehr gern. Nur sage mir, was Henny mit Martha Flotow, oder wie die Person sonst hieß, zu schaffen hat?“ „Zu Hause, Mama, jetzt nicht! erwiderte Herr von Valingen sehr bestimmt, da das junge Mädchen mit dem Tuch und dem tröstlichen Bewußtsein, daß Alles noch einmal glücklich abgelaufen sei, hinzutrat. Scheu und hastig blinzelten ihre blauen Augen nach allen Seiten — gottlob, das Furchtgespenst mit der häßlichen Brille auf der Nase war verschwunden. Der Baron wandte sich ihr für einen Moment zu in der Ab- sicht, die Sünderin zum Strafgericht zu isoliren.„Mama wünscht, daß Du Dich fortdauernd an ihrer Seite aufhältst, falls ihre Schwäche sich wiederholen sollte. Denke daran!“ Ach, der kleinen Henny war alles recht. Sie gab nicht einmal auf Ildas verstohlene Winke und Zeichen Acht, welche sie warnen und vorbereiten sollten. Stumm saß sie vor ihrem Abendessen, ohne es zu berühren, stumm folgte sie der Baronin in den Theater- saal, ganz unempfänglich für die sonst stets laut belachten Neckereien des nachfolgenden Assessors. Dieser Letztere glaubte seit den letzten Tagen für die unbegreif⸗ liche Sinnesänderung der Geliebten ein erläuterndes Motiv gefunden zu haben, indem seine Eifersucht ihm vorspiegelte, daß Erna, ander weitig gefesselt, wie eine herzlose Kokette ihm Empfindungen vor⸗ geheuchelt habe, welche nur so lange Geltung hatten als der Reiz der Neuheit selbst. Nur über einen Punkt vermochte sein tief belei⸗ digter Stolz sich keine Aufklärung zu verschaffen, ob die Bande, welche Erna von einer ehrenhaften und dauernden Verbindung mit ihm fernhielten, älteren Datums seien oder neuesten Ursprungs. Auch der Gedanke an Valingen schoß dem Assessor dabei durch den Kopf, aber er gab ihn auf, seitdem er ein gewisses überraschendes Etwas zu entdecken Gelegenheit gehabt hatte. „Wenn es möglich wäre,“ murmelte er vor sich hin, den Gang noch einmal hinabschreitend, um einen zweiten Theaterzettel für die Baronin zu besorgen,„wenn es möglich wäre, daß ihr zartes, leidendes Antlitz mich so schnöde betrog, diese zum Herzen sprechenden Augen 6189.. ee e ua zeucppeeß aequvg eav uon Leg nenen ee eee e bun geen e eee ne ebe eg omni gust ap vw ini sozg paz ute lag Ans na j076 1* ö I ö 1 1 6 r e 7... 3 — —— 888 8 77... FFF 190 mich so abscheulich hintergingen, ich müßte mich verachten, daß ich noch hier weile, noch nicht die Kraft gefunden habe, ihre Nähe für immer zu fliehen. Es muß doch einmal sein, aber es sträubt sich alles in mir!“ Zu seinen Füßen lag ein Brief. Berger hob ihn auf, um ihn wenn möglich seinem Besitzer zuzustellen. Als er ihn indessen in der Hand hielt, fand er das Schreiben geöffnet. Die Adresse lautete:„An Herrn Eduard Weiß, hierselbst.“ Eduard Weiß! Das war der Bassist der Operngesellschaft, ohne Zweifel. Aber diese kleine zierliche Handschrift kam ihm so bekannt vor. Er drehte das Billet zweifelnd und nachsinnend flüchtig in der Hand. Dabei ent⸗ glitt der Bogen dem Couvert. Der Assessor griff hastig danach, um ihn aufzufangen. Das Papier schlug hierbei von selbst aus⸗ einander und fiel ihm offen in die Hand. Berger glaubte seinen Blicken nicht trauen zu können. Das war Erna Steinbachs Handschrift. Er hatte ja kurz vor ihrem Bruch ein Vielliebchen von ihr erhalten in Begleitung eines ihn so un⸗ aussprechlich beglückendem Schreibens. Oh, seine Liebe hätte diese Buchstaben unter Tausenden wiedererkannt!„Richte Dich mit Deiner Zeit so ein, daß Du mich zwischen acht und neun Uhr in meiner Wohnung sprechen kannst. Meine Gesinnungen und Gefühle kennst Du.“ Der Assessor lachte spöttisch auf.„Auch ich kenne sie, diese zärt⸗ lichen Gefühle! Oh, zwischen acht und neun Uhr, das heißt, wenn alle Andern im Theater sich befinden! Sehr gut ausgedacht, schöne Rose!“ Sein Hohn that ihm selbst unbeschreiblich weh, aber er lachte auch diesen Schmerz hinweg. Sein erster Impuls war, den Brief wie eine Natter von sich zu schleudern, indessen bezwang er sich und ging zum Billeteur. „Hier ist ein Schreiben an Ihren Bassisten Weiß, geben Sie es an seine Adresse ab! Singt er heute?“ „Nein, Weiß hat sich vorhin krank gemeldet. Der Direktor ist dadurch in Verlegenheit gekommen.“ „So?“ Die Lippen des Fragenden zitterten vor Unwillen.„Also plötzlich krank? Er muß doch aber hier gewesen sein, um das Billet verlieren zu können?“ „Er brachte seine Entschuldigung selbst an. Sah auch wirklich schlecht aus. In der Eile, mit welcher er sich entfernte, muß er das Schreiben verloren haben oder mit dem Tuch aus der Tasche gezogen. Ich danke, mein Herr. Sonst etwas gefällig?“ „Ein Zettel!“ (Fortsetzung folgt.) Ein Besuch bei Nas Alula. Ras Alula, der erste General des Negus von Abessynien, ist durch den Sieg, welchen er am 24. und 25. Januar dieses Jahres über die Italiener bei Saati, einem etwa fünf Stunden westlich von Massauah gelegenen Orte, erfochten hat, eine bekannte Persönlichkeit geworden. 500 Mann italienischer Truppen wurden an den genannten Tagen von einer unter seinem Befehle stehenden überlegenen Streitmacht an⸗ gegriffen und völlig vernichtet. Dies geschah an demselben Tage, wo der Minister Robilant sich in geringschätziger Weise über die Barbarenhorden und die abessynischen Buschklepper in der italieni⸗ schen Deputirtenkammer aussprach und die in und um Massauah stehenden italienischen Streitkräfte für mehr als genügend erklärte, um die Barbarenhorden zurückzuweisen. Daß die Italiener ihren Feind wesentlich unterschätzten, haben die Thatsachen bewiesen. Ras Alula ist ihnen ein gefährlicher Feind geworden. In Abessynien genießt Ras Alula den Ruf eines ausgezeichneten Feldherrn, der ebenso tapfer als grausam ist. Zu wiederholten Malen hatte er Gelegenheit, den Beweis hierfür zu erbringen. So besiegte er schon in der Mitte der siebenziger Jahre eine egyptische Armee von 7000 Mann, die er völlig aufrieb. Professor Dr. Hartmann, welcher in der letzten Sitzung der Berliner Anthropologischen Gesell⸗ schaft an diese Thatsache erinnerte, schilderte zugleich die barbarische Art der Leichenverstümmelung, die zu den Gewohnheiten des abessy— nischen Generals gehöre. An die im Jahre 1885 erfolgte Besitz⸗ ergreifung Massauahs knüpften die Italiener große Hoffnungen. Massauah werde, so äußerte Mancini Ende Januar 1886, für Italien„eine Quelle des Ruhms und des Reichthums sein.“ Bis jetzt sind diese Hoffnungen bitter getäuscht worden und die ganze Lage der Italiener in Massauah läßt befürchten, daß das Unternehmen nichts sein wird als eine Quelle schwerer finanzieller Opfer und politischer und moralischer Niederlage. Massauah ist schon lange darauf sinnt, es in seinen Besitz zu bringen. Er wird sein Vorhaben nicht aufgeben und daher können sich die Italiener darauf gefaßt machen, dauernd von den Abessyniern beunruhigt zu werden. Ras Alula wird sicher auch in den kommenden Kämpfen eine Rolle spielen. Barbaren-General würdigkeit der Herren Gebrüder Reiche in Alfeld, welche uns das Material hierzu zur Verfügung stellten. Diese schickten nämlich im Dezember 1885 e nach Abessynien, lebende Thiere zu sammeln und nach Europa überzuführen. Lohse wandte dessen Wohnsitz Asmora etwa fünf Tagereisen entfernt gelegen ist, ihn um die Erlaubniß ersuchend. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Ras Alula beehrte Lohse mit einer Einladung nach Asmora und theilte ihm mit, daß sein Hauptmann Sola Karei beauftragt sei, ihn— Lohse— in Ailet zu erwarten und nach Asmora zu begleiten. Gleich⸗ zeitig schrieb ihm nahme bei Ras Alula finden und möchte ihm— Sola Karei— doch ein gutes Gewehr und einen schönen Teppich mitbringen. In Folge dieser Nachrichten traf Lohse sofort die nöthigen Vor- bereitungen zu einem längeren Aufenthalt in Abessynien, versah sich mit den nöthigen für Ras Alula und Sola Karei und brach am 4. Januar 1886 von Massauah auf. Am 6. hatte er Ailet erreicht, wo ihn Sola Karei erwartete. Lohse schildert herrlich gelegenen rühmten Badeorte Karei empfing un mitgebrachten Geschenke nicht wenig beigetragen haben mochten. Obgleich der Empfang des Morgens früh stattfand, befand sich Sola Karei doch 50 Mann, aus Fußvolk und Reitern bestehend, begleitete er die Karawane nach Asmora. Auf stolzem Maulthier ritt Sola Karei voran, umgeben von Waffenträgern und einem Neger, der seine Schnapsflasche zu Der Weg führte reichen Antilopen Affen, insbesonder der Kundu⸗Antilop einem Remington-Gewehr bewaffnet war, erlegt, wofür ihm in einer Flasche Absynth der erwünschte Lohn zu Theil wurde. Lohse hatte wiederholt Gelegenheit, die Sicherheit zu bewundern, mit der die ihn begleitenden Soldaten ihre Gewehre zu handhaben verstanden. Am 10. Januar, Wohnsitz des Gen Ras Alula benachrichtigte durch seinen Hauptmann die Reise⸗ gesellschaft, daß er sie noch an dem Tage ihrer Ankunft zu empfangen wünsche. Der D des Sonntags mit seinen Offizieren Trinkgelage abzuhalten pflege, in denen er sich nicht gern stören lasse. Geführt von Sola Karei machten sich die Reisenden auf den Weg zu der auf einer Anhöhe gelegenen sogenannten Burg des Generals. Hier wimmelte es von Kriegern und sonstigem Volke, das die europäische Gesellschaft neu⸗ gierig betrachtete und mit Zudringlichkeiten belästigte. Eine kegel; förmige Strohhütte bildete den Audienzsaal, in welche Sola Karei Lohse und dessen Begleiter mit feierlicher Miene führte. Ras Alula saß in halb aufrechter Stellung auf einem einen Thron vorstellen⸗ den Sessel, eingehüllt in ein weißes baumwollenes Tuch, durch dessen Mitte sich ein rother breiter Streifen zog. Der Raum war mit schweren türki befindlichen Räuche dem Weihrauch. einem Roßschweif Fliegen abwehrte; hinter diesem in ehrerbietiger Haltung sein Sekretär, der sein und Gebieter alle beantworten muß. das Zugangsthor für Abessynien, dessen Negus Daß wir unsere Leser etwas näher mit diesem bekannt machen können, verdanken wir der Liebens⸗ inen Reisenden Namens Lohse mit dem Auftrage sich von Massauah aus brieflich an Ras Alula, zur Sammlung von Thieren in Ober⸗-Abessynien Sola Karei, er— Lohse— werde gute Auf⸗ Lastthieren und den unvermeidlichen Geschenken Ailet als einen großen, sechs Dörfer umfassenden Ort, dessen Schwefelquellen ihn zu einem be⸗ gemacht haben. Ras Alula's Hauptmann Sola sern Reisenden in leutseligster Weise, wozu die schon im angetrunkenen Zustande. Mit mehr als tragen hatte. Der letzteren sprach er fleißig zu. über hohe Berge und durch herrliche von zahl; belebte Thäler. Nachts besuchten auch neugierige e graugrüne Meerkatzen, das Lager. Ein Bock e wurde von einem abessynischen Krieger, der mit einem Sonntage, erreichte man Asmora, den erals. olmetscher war darüber erstaunt, da der General schen Teppichen belegt. Aus einem in der Mitte rbecken quoll ein erstickender Qualm von brennen⸗ Zur linken Seite Ras Alula's stand ein mit versehener Diener, der dem General die lästigen em des Lesens und Schreibens unkundigen Herrn an diesen gerichteten Schreiben vorlesen und wieder Daneben saß ein mit langem Talar und hohem 50 . —.. 3* N F — e e N * 3— CCC 191. vorgelesen hatte. schreiben. Turban versehener Priester, der dem General soeben aus der Bibel In einem Halbkreise umgaben diesen etwa zwölf höhere Offiziere. Die ganze Gesellschaft machte den Eindruck, als ob sie der Flasche tüchtig zugesprochen hätte und der General war kaum im Stande, die kleinen trüben Augen zu öffnen. Er nickte leicht mit dem Kopfe, reichte den Reisenden die Hand und ließ sie sich setzen. Lohse's Diener legte die mitgebrachten Geschenke zu den Füßen des Generals, der seinen Dank mit einem gnädigen Kopf⸗ nicken zu erkennen gab. Lohse hatte erfahren, daß Ras Alula Ab⸗ synth und Wermuthwein am meisten liebe und davon beträchtliche Mengen mitgenommen. Im übrigen bestanden die Geschenke aus einem Hinterlader⸗Gewehr mit Patronen, Seidenzeug, Rosinen und Teppichen. Ras Alula ließ darauf durch den Dolmetscher nach der Nationalität der Fremden fragen und verlangte die Empfehlungs- Diese wurden dem Sekretär übergeben, der sie dem General, zu dem er sich herabneigte, leise vorlas. Ras Alula schien davon wenig befriedigt zu sein, denn er wunderte sich sehr, daß unter denselben ein Brief des Deutschen Kaisers fehle. Kurz an⸗ gebunden ließ er nunmehr den Reisenden sagen, daß er ihnen ohne besondere Erlaubniß seines Königs den Aufenthalt in seinen Ge— bieten nicht gestatten könne. Nach der freundlichen Antwort und Einladung von Ras Alula, in welcher es hieß:„Du bist uns willkommen und brauchst nichts zu fürchten, wenn Du in mein Land kommst; Du kannst meiner Freundschaft versichert sein,“ hatte Lohse solche schnöde Abweisung nicht erwartet. Er bat den Dolmetscher, auf die großen Kosten der Vorbereitung und die friedliche Mission hinzuweisen, die ihn in das Land führe— doch vergeblich. Ras Alula hatte nur ein Wort darauf und das lautete Nidus— mache, daß Du fort⸗ kommst. Damit endete die Audienz. Der General blieb un⸗ erbittlich, gestattete den Aufenthalt in Asmora indessen für einige Tage, damit die Fremden sich von den Strapazen der sechstägigen Reise erholen konnten und erwiderte die empfangenen kostbaren Geschenke mit der Uebersendung eines mageren Ochsen und einer alten Kuh, welche bei ihrer Rückkehr in Massauah für wenige Maria ⸗Theresien⸗Thaler verkauft wurden. Gebrüder Reiche hatten schon mehrere Expeditionen nach Afrika, selbst nach dem südlichen Abessynien, unternehmen lassen, indessen so wie diese war keine verunglückt. Lose Blätter. Die Nase. Nach des Historienmalers Sophus Schack lauch dänischer Major)„Phystognomie bei Mensch und Thier“ steht die Nase im Zusammen⸗ hange mit der Entwickelung der Lunge und der Brust. Deshalb finden wir auch bei den heroischen Statuen der griechischen Künstler große Nasen⸗ löcher, da das beftige Athmen diese erweitert. Auch trägt die Erweiterung der Nasenlöcher viel zur Stärkung der Stimme bei, daher mächtige Bassisten große Nasen besitzen. Beim Kinde ist die Nase der unbedeutendste Gesichts⸗ theil; mit der geistigen Entwickelung wächst sie aber. Bleibt sie zurück, so ist dies auch mit dem Charakter der Fall. Die Gestalt der Nase zeigt auch die Stufe der Civilisation an; denn die wilden Völker besitzen nur kleine und plumpe Nasen, die an die Schnauze des Thieres erinnern. Die Griechen des Alterthums hatten schöne, gerade Nasen, sie vertraten gewisser⸗ maßen die Kunst, die Römer besaßen Adlernasen; ihnen war Gewalt und Herrschsucht zu Theil geworden. So finden wir die griechische Nase bei den meisten Künstlern und Dichtern, die römische bei den meisten Gewalt⸗ habern aller Zeiten, doch bilden Richelieu, Napoleon J., Friedrich der Große Ausnahmen. Aufgestülpte Nasen deuten auf fan und Verschmitztheit, feine auf Zartheit und Geschmack, grobe auf Plumpheit und Urtheillosigkeit. W. G. Ueber einen Heirathsantrag, der einst Schiller gemacht wurde, schreibt dieser unter dem 25. April 1788 an seinen Freund Körner:„Einen Spaß muß ich Dir erzählen, wenn es noch nicht geschehen ist. Vor einigen Wochen ist durch die vierte Hand die Anfrage aus der fränkischen Reichsstadt Schweinfurt an mich ergangen, ob ich dort nicht eine Rathsherrnstelle mit leidlichem Gehalt, verbunden mit einer Frau mit einigen tausend Thalern, die, setzt man hinzu, an Geistes⸗ und äußerlichen Vorzügen meiner nicht unwerth sei, 1 wolle. Die Stelle soll mich wöchentlich nur zwei oder drei Stunden kosten, und dergleichen Vortheile mehr. Wie ich mich dabei benommen, magst Du Dir leicht selbst einbilden; doch möchte ich eigentlich wissen, wie man auf mich gefallen ist. Da die ganze Sache mehr der Gedanke einiger Privatleute ist und man nur sagt, daß wenn ich mich melden würde, sie mir nicht schwer fallen würde, so erkläre ich es mir so, daß das Ganze eine Idee der Person sein mag, die ich heirathen sollte. Diese hat vielleicht einige Lektüre, die ihr den Menschenzirkel um sie herum verleiden mochte, und da sie nun denken mochte, daß sie mit ihrem bischen Geld und der Lockspeise einer Stelle einen e fischen könnte, der auch andere Forderungen befriedigt. Der Zufall hat ihr von meinen Schriften einige vielleicht in die Hände gespielt, an denen sie Geschmack gefunden hat, und für einen Juristen hält sie mich ohne Zweifel. So muß ich mir das Räthsel erklären, und der Meinung ist auch Wieland.“ W. G. Der Lapachobaum. Der Lapacho ist der schönste und majestätischste aller Bäume und unsere Eiche kann keinen Vergleich mit ihm aushalten. Aus dem Stamm einer dieser ungeheuren Bäume schnitzte ein Portugiese zu Villareal ein Kanoe, auf welchem 22 000 Pfund Nerba oder Paraguay⸗ thee, einige aus zusammengenähten Häuten bestehende Schläuche mit Syrup, 70 Pack Taback und acht Matrosen, welche die drei Masten und die Segel des riestgen ausgehöhlten Lapachostammes regierten, nach Assumption kamen. Aus diesem Baume werden Fahrzeuge gemacht, die, 50 Jahr alt, noch bei⸗ nahe neu genannt werden können. Sie bleiben fest und unerschütterlich bei allen Stößen, welche sie auf den Sandbänken des Parana empfangen und ebenso wenig schaden ihnen die brennenden Strahlen der tropischen Sonne und die heftigen Regengüsse. In das eisenharte Holz dringt weder ein Wurm noch Fäulniß. In Buenos⸗Ayres werden sowohl die Wagen wie die Dachsparren und die der Witterung sehr ausgesetzten übrigen Holz⸗ geräthe aus diesem Lapachobaume hergestellt. M. Bestrafter Verrath. Sieben englische Meilen von Killough in Irland liegt die alte Stadt Downpatrick, in der Mitte eines Amphitheaters von Hügeln. Hier sollen der Tradition nach auf dem Kirchhofe bei der Kathedrale, deren Ruinen immer noch die Stadt überschauen, die Gebeine des Schutz⸗ heiligen von Irland ruhen. An diesen Kirchhof knüpft sich jedoch noch eine andere Erinnerung. De Courcey, früherer Lord⸗Oberrichter von Irland, wurde von König Johann als Verräther angeklagt. Als er, um Buße zu thun, barfuß um den Kirchhof herumging, Pease ihn seine eigenen, von seinen Feinden erkauften Diener an und überwältigten ihn nach langer Gegenwehr. Ihre That fand den verdienten Lohn. Sie wurden in ein Fahrzeug gesetzt, welches sie angeblich nach England hinüberschaffen sollte, doch gab man ihnen, obschon sie mit Lebensmitteln versorgt wurden, keinen Piloten und Steuermann mit, auch gab man ihnen die Weisung, bei Todes⸗ strafe nie wieder einen Fuß auf irischen Grund und Boden zu setzen. Der Geleitbrief, welchen man ihnen mitgab, um sie der Gunst der Engländer zu empfehlen, war versiegelt und durfte nicht früher erbrochen werden, als sie englischen Boden betraten; derselbe lautete folgendermaßen:„Ich, Hugh de Lacy, Lord⸗Oberrichter von Irland, Diener meines gefürchteten Oberherrn, Königs Johann, Allen, welche dieses Schriftstück lesen, meinen Gruß! Wisset, daß diese Leute, deren Namen am Schlusse verzeichnet sind, einige Zeit dem Sir John de Courcey, gewesenen Grafen von Ulster, gegenwärtig im Tower in Haft, gedient, ihn aber für eine Summe Geldes in meine Hände ge⸗ liefert haben. Sie sind in meinen Augen nicht besser als Judas, der Ver⸗ räther. Wie hart ich auch über de Courcey urtheile, so halte ich die se doch für zehnmal ärgere Verräther, weshalb kein Unterthan in des Königs Reich ihnen Schutz angedeihen lassen möge, sondern ihnen ins Gesicht speien und sie ausstoßen soll, damit sie umherwandern mögen, wie der ewige Jude.“ — Die Verräther fanden jedoch keine Gelegenheit, von dem Geleitbrief Gebrauch zu machen, unbekannt mit der Führung des Fahrzeuges, wurden sie nach Irland zurückgetrieben und nachdem sie in den Hafen von Kork eingelaufen, sogleich festgenommen und, wegen Uebertretung des Verbots, sämmtlich aufgehängt. M. Voß und Lichtenberg. So wohlbekannt der Uebersetzer Homers und der Satiriker Lichtenberg dem deutschen Volke sind, so wenig kennt man den Streit, den die Beiden führten und der an Heftigkeit kaum seinesgleichen besaß. Die Quelle war die Orthographie des Griechischen, oder besser dessen Aussprache; denn Voß bestand auf dem Etacismus, dem Erasmus von Rotterdam das Wort geredet, Lichtenberg auf dem Itacismus, die Reuchlinsche Aussprache. Zwei Epigramme rühren aus dem sonst uner⸗ quicklichen Streite her. Voß dichtete auf Lichtenberg: Sein Witz Schärft Pfeile nadelspitz; Selbst keine Zauberrüstung schützte, Wenn er den Pfeil der Wahrheit spitzte; Doch witzelnde Sophisterei Prallt ab wie spitzes Blei. Lichtenberg antwortete auf dieses Epigramm mit einem anderen: Die ganze Spitz ist's Wörtchen„spitz“, Der ganze Witz das Wörtchen„Witz“; Drum hat trotz seinem Witz und spitz Das Ding so wenig Spitz' als Witz. W. G. 2 Ein Kompliment. Ein Schriftsteller, der sich auf seine literarischen Kenntnisse viel einbildete, kam zu dem bekannten Humoristen M. G. Saphir mit dem Manuskript einer Komödie, um sie ihm vorzulesen und sagte: „Sie wissen, Herr Saphir, daß, wenn Moliere ein Stück geschrieben hatte, er es einer alten Frauensperson vorlas, welche bei ihm diente. Er meinte, daß die Stellen, welche der alten Frau Gelächter erregten, dieselbe Wirkung später bei den Zuschauern hervorrufen würden.— Deshalb will ich Ihnen mein Schauspiel vorlesen, nicht zweifelnd, daß, was Ihren Beifall findet, allen Lesern gefallen werde.“—„Ich danke Ihnen vielmals für Ihr schönes Kompliment,“ erwiderte Saphir,„aber— so lange Sie nicht Moliere sind, werden Sie mir erlauben, nicht Ihr altes Weib fein zu wollen.“ M. Areuzräthsel. Aus nachfolgenden Buchstaben: 44A [AB e EE TE E ö II IIELEITE TEN N 0 0% PPR S 85 8 8 T T T U sind neun Worte zu bilden und in derselben Weise zu ordnen, so daß die mittleren Reihen, von oben nach unten und von links nach rechts gelesen, gleiche Wörter ergeben. Die neun Reihen ergeben folgende Worte: g 1 sche in Syrien. 2. Nebenfluß der Garonne im südlichen Frankreich. 3. Römische Göttin der Fruchtbarkeit. 4. Badische Insel im Untersee. 5. Ein griechischer Tragiker. 6. Eine Molukkeninsel, südwestlich von Gololo. 7. Name eines e 8. Eine Person aus der Bibel. 9. Eine Himmels⸗ gegend. Kapsel-Räthsel. Versuch's das Ende von dem einen, Den Anfang von dem nächsten Wort Geschickt zu neuem Wort zu einen, Und was du suchst, hast du sofort. 1. Ein Fürwort. 2. Einen Theil des Gesichts. 3. Einen Fluß. 4. Einen Nahrungsstoff. Ich bin die Reb', o komm, und sei der Rebe Die Ulm', um die ich meine Ranken webe. Arithmogriph. Aus folgenden Ziffern sind zehn Worte zu bilden, deren Anfangs- und Endbuchstaben von oben nach unten gelesen zwei Schriftsteller ergeben. 1. 2. 3. 3. 2. 4.— Ein Fest der Israeliten. 2. 5. 6. 7. 8. 9. 2.— Ein Erdtheil. 10. 11. 12. 2. 7. 11.— Ein Köngreich. 13. 10. 14. 7. 6. 15. 8. 10. 3.— Den Namen eines römischen Dichters. 13. 8. 11. 15. 4.— Einen Fluß im Kanton Glarus. 8. 11. 16. 8. 12. 17.— Einen Farbestoff. 11. 2. 16. 6. 13. 9. 2. 18.— Die Südspitze des Kaplandes. 16. 2. 13. é. 13. 19.— Einen Fluß in Schweden. 2. 11. 15. 8. 13. 17. 18. 6.— Ein vierfüßiges Thier Afrikas. 10. 3. 20. 6. 9. 6. 11.— Einen türkischen Volksstamm. Anacknuß. Wenn man bei Tage 8 dazu giebt, so wird es die Hälfte; wenn man aber bei der Nacht 1 wegnimmk, so bleiben 8. Wie kann das sein? Auflösung des Rebus in voriger Nummer: Viel Lärm um Nichts;— der zweisilbigen Charade: Dummkopf;— der Knacknuß: D 29 123 29321 B 8597 9 758 — der Königspromenade: Wem Gott will rechte Gunst erweisen, Den schickt er in die weite Welt, Dem will er seine Wunder weisen In Feld und Wald und Strom und Feld. Die Trägen, die zu Hause liegen, Erquicket nicht das Morgenroth, Sie wissen nur vom Kinderwiegen, Von Sorgen, Last und Noth und Brod. Die Bächlein von den Bergen springen, Die Lerchen schwirren hoch vor Lust, Was, sollt' ich nicht mit ihnen singen Aus voller Kehl' und frischer Brust? Den lieben Gott lass' ich nur walten; Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld Und Erd' und Himmel will erhalten, Hat auch mein' Sach' auf's Best' bestellt! Schach. Problem Nr. 453 von Dr. Knopf in Goldberg. e 2 . 2 A 8 e n . 1 d g h Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge Matt. I DD Partie Nr. 258, gespielt zu Köln im Juli 1883. Weiß: C. Leffmann. Schwarz: Oberrealschullehrer G. Kist. 1) e2—e4 e7—e5 22) Ld2 3 Db2- cg: 9 8g1 3 SbSs-c 23) Dg3— 637 aufgegeben. 8 be 8g8 6 Stellung nach dem 18. Zuge von Weiß. 4) 0—0 Sfk6—e4: 5) d2— d LfS e 7 6) Ddl—e2 Seal d 7) Lbß-c6 b7-c: 9 d4 eb: Sd6-bꝰ7 9) Skf3— d. 6—0 10) 8b1- 63 8b7 5 11) Tf1— el Dds-es 12) Sc3—e4 Sc5õ— es 120 8d4-f5 7—f 6.) 14) 8Sf5—e7f Des- e7 15) e586: 76: 16) Lel—h6 18—f7 2) 17) De2—g4 KgS—h8“) 18) Se4—-g3 0 1655) 19) 8g3—5: De7—-f6 20) Lh6 dle) 6—b2 175: 7 21) Dg4-g3ʃ Die 1 ist bereits schwierig, etwas besser war wohl Kgs hs und erst im — 56. 1 1 1 uge 1 2) Auf Its—es wäre Df3 gefolgt und der Bauer ß war nicht 35 retten,* B. 115 5 Sd4 18) Ster Khs 19) Dall Delrf 20) Del: Telit 21) Tel: Ses 22) 12— fal uno Weiß ewinnt ö f 3) Das Vorsetzen des Springers auf 87. offenbar nicht wegen 18) Sd oder g51 4) Es droht nun 883 15 und nachdem die Dame die Deckung des 87 aufgegeben Tel-es da Schwarz wegen des drohenden Matts 1 Lg 7t) nicht wie men darf. 5) De7-ds—* geschehen, um auf Sto mit Dgs antworten zu können; Weiß hätte jedoch den Damenzug nach g8 9 noch durch 12—f1 verhindern können; denn 10) Dds 19) fa 0887 20 Dgsct Kbs: 21)(5 Sg7l 22) Sh51 würde zum Verlust der Qualität fü 6) Schön und entscheidend! Der Springer kann nun wegen Legt(und folgendem Damen- 5 1 nicht genommen werden. Parirt 1 die Drohung mit 0g, so wird die Qual eingebüßt: 21) Lest Kgs 22) She KIs 28) gs, hege 206) Sfi: ꝛc, ganz verderblich wäre ces, denn 21) Les Sd4 22) Lds: cd 28) Tes Tfs 24) Dda. dc, auf di- ds endlich ent⸗ scheidet sowohl 21) Tes: als auch 21) Les: nebst Ldâ: ꝛc. 7) Die Dame war nicht zu retten. Aus der Schachwelt. Am Sonntag, den 22. Mai feierte der eld P ärlische Schach verband in den eleganten Räumen der Stadthalle zu Crefeld sein vierzehntes Kränzchen. Aus dem 8. en als Sieger hervor die Herren von 1 50 Amt turnier gin reyhold aus* richter Friedländer aus Lennep, Gebühr aus Köln, irdorf aus Gretel und Amtsrichter Schwan aus Solingen. Der Westfälische Schachverband wird sein erstes Verbands fest am Sonntag, den 19. Juni im Kölnischen Hofe zu Dortmund abhalten. Im Programm ist ein Haupt- und ein Nebenturnier, jedes in zwei Gängen, mit 2 resp. 1.50 Mark Eimsatz, so wie ein Tombola⸗ Turnier vorgesehen. Nach Beendigung der Turniere. Abends 6 Uhr, findet das Fest seinen Abschluß mit einem Besuch des Fredenbaumes und des Schützenhofes. Die Anmeldungen nimmt bis zum 12. Juni der Vorsizende des Dortmunder Sa Herrr A. Ultsch, entgegen. Die siebente Partie in dem Match zwischen Zukertort und Blackburne wurde am 21. Mal gesvielt und von Blackburne(mit Weiß) gewonnen die achte, welche von Zukertort wieder mit d2— d! eröffnet wurde, führte nach hartnäckigem Kampfe zum Remis, bei* Bauern und zwei leichten Offizieren beiderseits. Der Stand des Matches ist hiernach Blackburne 3, Zukertort 1. Druck und Verlag der ‚Volks- Zeitung“, Att.-Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105 7775 TTT... „