zu den Oberhessischen Uachrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Gießen, den 10. April. ö 1 Wie eine dunkle Schlange mit glühenden Feueraugen wand sich der Eilzug zwischen den braunen Fichtenstämmen der endlosen Nadel⸗ Eilig ging er voran und nach wenig Schritten schon hatten sie 15 die alte, gelbe Halbchaise, an welcher Fränzchen, den Hut tief in die Stirn gezogen, das Gesicht von Thränen überströmt, lehnte, erreicht. Verblüfft blieb der junge Graf vor ihr stehen.„Warum weinen Sie? Was ist Ihnen so plötzlich Schreckliches geschehen?“ fragte er halb ängstlich, halb belustigt. „Ich glaubte bestimmt, ich dachte, Sie seien ein alter Mann,“ stammelte sie, den Kopf noch tiefer senkend. „Und zur Strafe für meine Jahre wollen Sie mich armen, kranken Menschen nun auf der Landstraße elend im Nebel umkommen lassen, nicht wahr?“ fragte er mit einem leisen Anflug von Neckerei. 7 wälder hindurch. Schon flammten, trotz des eben erst langsam dahin⸗ 0 schwindenden Tageslichts, die farbigen Signale an der Strecke auf, 6 während hoch oben in den Lüften sich Rauch und Nebel zu un⸗ 3. förmigen Wolken ballten. 1 Auf dem Perron der kleinen Station waren außer dem noth— ö wendigen Dienstpersonal nur noch einige Landleute mit großen Kör⸗ ben und Paketen anwesend; mitten unter ihnen stand Fränzchen, 8 neugierig dem funkensprühenden Ungethüm, das aus der weiten, ihr 7 so unbekannten Welt dahergeschnoben kam, entgegensehend. 930 Nun hielt der Zug, kein Menschengewühl entstand. Nur ein 10 einziger Passagier verließ langsam sein Koupe und näherte sich mit . müden Schritten. Noch war es hell genug, um in ihm einen 93 eleganten, jungen Mann mit krankhaft abgespannten Zügen erkennen 12 zu können. 1„Ist aus dem benachbarten Ort Grünau ein Wagen für mich 6 zur Abholung angekommen?“ fragte er einen diensteifrig herbei— 10 springenden Beamten. 11„Ja wohl, das junge Fräulein ist selbst seit fast einer Stunde glt hier,“ meinte dieser.„Bei der Wirthschaft dort draußen werden 0 g sie wohl einmal wieder keinen Knecht haben auftreiben können, und 0 0 der Inspektor selbst—“ Er lachte und zuckte verächtlich mit den 155 Schultern. E„So haben Sie wohl die Güte, mich zum Wagen zu führen,“ U bat der fremde Herr, dem jedes Wort sichtliche Anstrengung zu elf kosten schien. 9 Der Beamte wandte sich eilig um, doch der Platz, auf dem N Fränzchen noch eben gestanden, war leer. n.„Wo sie nur geblieben sein mag, das wilde Ding?“ rief er a 19 verdrießlich,„vor einer Minute sah ich sie hier noch stehen. Doch ibn e 9 ich kann ja dem fremden Herrn behülflich sein, der Wagen hält s, hier gleich an der Seite.“ Im Nebel. Novelle von H. René. Eortsetzung). Es hatte nur dieser Appellation an Fränzchen's gutes Herz be— durft. Klatschend fiel die große Peitsche, die sie unbewußt noch immer im Arm gehalten, zur Erde, eifrig ordnete sie die mit⸗ gebrachten Kissen im Wagen und breitete sorgsam die warme Decke über des Fremden Knie. Bei dieser Beschäftigung konnte er zum ersten Mal ihr kindliches Gesicht mit den frischen Thränenspuren auf den heißen Wangen ganz in der Nähe sehen. Der große Strohhut war ihr in den Nacken gefallen. Einzelne braune Stirnhaare kräu⸗ selten sich trotzig in den Schläfen, während die feinen Nasenflügel vor innerer Erregung leise zitterten. Wie eine Gazelle, die auf hoher Felsklippe scheu vor jeder fremden Berührung fliehen möchte und nun lauschend das Köpfchen in die frische Morgenluft streckt, dachte der junge Mann, mit Interesse jeder Bewegung der geschmei⸗ digen Gestalt folgend. Da erscholl ein kurzes Freudengeheul und ein großer Hund, das abgerissene Ende einer schweren Kette nach sich schleifend, sprang in mächtigen Sätzen auf das junge Mädchen zu, ihr die breiten Vorder⸗ pfoten auf die Achseln legend. „Sultan, mein lieber Sultan, bist Du doch gekommen?“ rief sie, die Arme um seinen Hals schlingend und das Gesicht liebkosend gegen seinen Kopf lehnend. N „Ich wunderte mich gleich, daß Ihr allein gekommen seid, Fräulein,“ meinte der im Fortgehen begriffene Eisenbahnbeamte, „ich meinte, Euer Bruder habe das Vieh endlich fortgethan.“ „Großmutter hatte ihn eingesperrt, aber das Schloß an der Stallthür hielt schon lange nicht mehr Stand, da wußte ich gleich, daß er sich losreißen und mich finden würde.“ Triumphirend hob sie das Gesicht, auf welchem wieder voller Sonnenschein lag, und lächelte unbefangen den Fremden an. „Er wird Euch auch nicht durch Bellen erschrecken, Sultan ist ja so klug, folgt mir auf's Wort,“ fuhr sie eifrig versichernd fort. „Siehe nur, Sultan, der kranke Herr verträgt Deine Stimme nicht, Du mußt ganz, ganz ruhig sein.“ Freundlich beugte sich der junge Graf vor, um den mächtigen, neben dem Wagenschlag auftauchenden Hundekopf zu krauen, doch ein dumpfes Knurren schallte als feindseliger Protest zurück. „Euer treuer Begleiter scheint neuen Bekanntschaften gegenüber nicht besonders zugänglich zu sein.“ „O doch, ich begreife ihn nicht. Pfui, Sultan, wenn Du fort⸗ fährst, solch' böse Augen zu machen, habe ich Dich garnicht mehr lieb.“ Der strafende Ton ihrer Stimme genügte, um das kluge Thier zu seiner Pflicht zurückzuführen. Ohne Murren, aber offenbar wider⸗ willig, ließ er sich streicheln und trabte dann in ehrbarem Schritt neben den Pferden her, die, von Fränzchen's sicherer Hand gelenkt, sich eben in Bewegung setzten. 5 e 5 9 *. 114 0 „Trifft Euch auch nicht zu scharf der Wind, soll ich das Ver⸗ deck aufschlagen?“ fragte sie sich umwendend. Dabei entfiel ihr der nur lose befestigte Hut und die reine Profillinie des zierlichen Kopfes wurde sichtbar. „Darf ich ihn halten? Bei mir ist er sicherer wie dort oben bei ihnen,“ lächelte der junge Graf. Sie reichte ihn ernsthaft hinüber, ohne dabei Pferde und Weg nur einen Augenblick aus den Augen zu verlieren.„Wie dunkel es schon wird,“ meinte sie,„gut, daß ich hier jeden Stein auf der Straße kenne.“ „Und wie kommt es, Fräulein, daß Ihr allein, ohne Kutscher, ohne jede männliche Begleitung, diesen einsamen Weg hergekommen seid, um mich zu holen?“ fragte Graf Felsing nach einer Pause. Fränzchen kämpfte mit sich. Wieder stieg die Röthe der Be⸗ schämung ihr glühend in die Wangen. Zum ersten Mal im Leben fühlte sie sich gedemüthigt und das bisher so sorglose Herz klopfte unruhig bei dem Gedanken, daß sie eine lächerliche Rolle spiele. Seufzend und rathlos spielten ihre Hände mit den lose gehaltenen Zügeln, da traf ihr Blick die Augen des fremden Herrn, die theil⸗ nehmend, mit eigenthümlich freundlichem Ausdruck auf ihr ruhten. Das gab ihr Muth. „Der Brief unseres Herrn Grafen kam so spät, es war Alles fort, Niemand zu Hause,“ erzählte sie stockend.„Ihr hättet warten müssen, und da ich ebenso gut wie der Albrecht zu fahren verstehe, bin ich gekommen. Die Großmutter wollte es freilich nicht zugeben, und wenn ich gewußt hätte—“ Hastig, als bereue sie den angefangenen Satz, unterbrach sie sich und machte sich verlegen an der Leine zu schaffen. Ueber die trotz der deutlichen Krankheitsspuren ungemein an— ziehenden Züge des jungen Grafen glitt ein leises Lächeln. Er Mal seine Jugend zum Vorwurf machte, amüsirte ihn. „Warum wollte denn Ihre geschäftige Phantasie mich durchaus zu einem hinfälligen Greise stempeln?“ fragte er, kein Auge von ihrer leicht beweglichen Miene wendend. Nun lachte sie.„Das war wirklich recht dumm von mir und der Großmutter,“ gestand sie aufrichtig.„Da aber unser Herr Graf ganz weißes Haar und das Gesicht voller Runzeln hat und dabei schrieb, daß sein Verwandter lange krank gewesen, so—“ „Man ist auch in der Jugend oft an Leib und Seele krank,“ meinte der junge Graf mit einem solch' melancholischen Tonfall der Stimme, daß Fränzchen verwundert aufsah.„Der Körper wird vom Wechselfieber geschüttelt, während das Herz—“ Nun war die Reihe an ihm, seinen Satz unvollendet zu lassen. Wie um eine häßliche Erinnerung fortzuscheuchen, strich er mit der Hand über die Stirn, sich seufzend in die Wagenkissen zurücklehnend. Der halben Dämmerung war schnell die Dunkelheit gefolgt. Wie finstere Schatten huschten die Bäume am Wegesrand vorüber, während hin und wieder ein einsames Lichtlein in den verstreut da— liegenden Bauerhöfen hell aufleuchtete. „Wie Irrlichter, denen nächtlicher Weile der Schatzgräber nach— schleicht,“ dachte der junge Graf.„Diese fieberhafte Jagd nach Glück hört wohl erst mit dem letzten Athemzug des letzten Menschen auf. Millionen gäbe ich freudig hin, sähe ich nur ein erstrebens— werthes Ziel vor Augen; doch diese Leere hier innen hängt sich läh— mend wie Blei an jedes Glied. Müde und alt in der Vollkraft der Jahre!“ Fröstelnd hüllte er sich wärmer in die weichen Decken, während die Hand die schmerzende Stirn stützte. Trübe Gedanken zogen, von der lautlosen Stille ringsumher begünstigt, durch seine Seele. Wild— bewegt, leidenschaftdurchstürmt lag die Vergangenheit hinter ihm, asch— grau breitete sich die Zukunft aus. Warum eigentlich ein Dasein ver— längern, das im Grunde so wenig galt, warum dem Fieber steuern wollen, welches bereits bedenklich an dem Mark des Lebens gerüttelt? Stärkende Landluft, träumerische Langeweile sollte den tückischen, aller ärztlichen Kunst spottenden Feind verscheuchen, die verlorene Gesund— heit ihm wiedergeben. Ob sich wohl Jemand über seine Genesung freuen würde? Er lachte kurz auf, während er, die Gedanken abschüttelnd, gewalt— sam sich in die Höhe richtete. Der Weg, der eben zwischen kahlen Feldern und dampfenden Wiesen dahinschlängelte, verschwand immer mehr in Finsterniß, Häuser und Baumgruppen verschwammen in eins und nur die Mädchengestalt vor ihm auf dem hohen Kutschersitz war wußte, was sie hatte sagen wollen, und daß sie ihm zum zweiten deutlich erkennkar. Sein Auge hing an den, in ein weitmaschiges, rothes Tuch geknüpften schmalen Schultern, an den dicken Haarflechten, die bei jeder lebhaften Bewegung des Kopfes hin- und herflogen. Schwer umwogte sie der feuchte Dunst, im phantastischen Spiel oft seltsame Gestalten bildend, die endlich, zu einem grauen Ganzen ver⸗ schmolzen, sich wie eine Wand zwischen sie und seine Blicke schoben. Ein Grauen, ähnlich wie es die alte Frau empfunden, erfaßte ihn. War diese ganze sonderbare Fahrt nur ein toller Geisterspuk gewesen? Hatten vielleicht tückische Kobolde das fremde Mädchen durch die Luft entführt, ihn hilflos und allein im Sumpf zurücklassend? Mühsam erhob er sich; in seine tastende Hand fiel einer der langen, nebelfeuchten Zöpfe. Die Schleife, die ihn gehalten, streifte sich ab und die losen Haarwellen entglitten, kaum berührt, seinen Fingern. „Wenigstens ist sie nicht verschwunden,“ lächelte er, sich zurück— lehnend.„Ich glaube, das Fieber mit seinen Halluzinationen packt mich wieder.“ „Der häßliche Nebel,“ rief in diesem Augenblick Fränzchen, „kaum daß man den Weg die Hofmauer entlang erkennen kann. Hier ist schon die Pforte.“ Das Haus mit seinen hellen, durch die Dunkelheit weithin glän— zenden Fenstern machte keinen ungastlichen Eindruck. Man schien der Ankömmlinge geschäftig zu harren und bei dem ersten Ton der knarrenden Wagenräder trat ein großer, breitschultriger Mann, eine Leuchte in der hocherhobenen Hand, auf die Schwelle. „Der Albrecht!“ stieß Fränzchen hervor und trotz des hin- und herwehenden Lichts fiel dem jungen Grafen ihr blasses, ängstliches Gesicht auf. „Der gnädige Herr werden mein Nichterscheinen mit wichtiger Arbeit entschuldigen müssen,“ brachte dieser mit etwas schwerer Zunge hervor,„alle Leute waren mit mir auf dem Felde, da mußte nun aus der Noth eine Tugend gemacht und das Mädchen allein geschickt werden. Hoffentlich ist nichts vorgefallen; sie fährt ja sonst so gut wie mein bester Kutscher.“ Graf Felsing sah sich nach Fränzchen um; sie stand im offenen erleuchteten Hausflur, den Arm um eine alte Frau geschlungen, der sie zärtlich und beruhigend zusprach.„Du kannst ganz ruhig sein, Großmütterchen,“ hörte er sie flüstern,„es wird Alles besser gehen wie Du denkst. Der Albrecht ist ja früher gekommen, wie wir ge⸗ hofft. Siehst Du, daß ich Recht hatte?“ „und noch einer, der uns immer Trost bringt, war bei mir,“ sagte die alte Frau, mit flüchtiger Handbewegung nach der Ecke zeigend, in welche ein kleiner, unscheinbarer Mann bescheiden sich zurückgezogen hatte. „Der Herr Lehrer,“ sagte das junge Mädchen freundlich,„ich dachte mir, daß ich unseren täglichen Abendgast hier finden würde.“ „Er hat den Albrecht aus der Stadt geholt, ohne seine Hilfe sähe es schlimm hier aus,“ raunte die alte Frau ihr zu und eilte dann den Fremden zu begrüßen, der, auf den Verwalter gestützt, eben die Halle betrat. „Der Herr Graf sei uns tausendfach willkommen, wir haben ja so lange die Ehre, ein Mitglied des erlauchten Hauses bewirthen zu können, entbehren müssen,“ sagte sie, ehrfurchtsvoll knixend.„Alles, was unser geringes Dach irgend bieten kann, soll geschehen, wenn— gleich der Herr Graf hier auf dem Lande über manche gewohnte Be— quemlichkeit wird hinwegsehen müssen. Womit kann ich nun zuerst dienen?“ „Vor allen Dingen ein warmer, trockener Platz, mich hat der Nebel durchkältet,“ bat der junge Graf leise. „Dann nur gleich für einen Augenblick in die Wohnstube hinein— getreten. Dort brennt das trockene Fichtenholz in der Minute auf. Wenn auch des gnädigen Herrn Zimmer frisch gelüftet und in Ord⸗ nung sind, so erwärmt sich ein so lange ungeheizt gebliebener Raum nicht leicht.“ Geschäftig öffnete sie die Thür der Wohnstube, trug Lampen herbei und schob eigenhändig das weiße, langscheitige Holz in den weitbauchigen Ofenschlund. Julian überkam es wie ein Gefühl des Behagens, als er, auf dem altmodischen Sopha sitzend, das weite, von dem knisternden Feuer überstrahlte Zimmer vor sich liegen sah. Ganze Menschen— geschlechter hatten wohl diese plumpen Eichenmöbel an den Wänden überdauert, und wo war die Hand, die einstens jenes stattliche Hirsch— geweih, als Jagdtrophäe, über den Thürpfosten gehängt. „Prachtvollen Wildstand haben wir in unseren Waͤldern,“ meinte 3 . 1 en ell uf en 115 der Inspektor, der diesen Blick gesehen.„Schade, daß der Herr Graf zu leidend ist, um hier die Herbstjagd mitzumachen. Das ist ein Vergnügen, die halbe Nachbarschaft ist zu Gast geladen.“ „Ich bin kein passionirter Jäger,“ meinte der junge Graf. „Nicht, das thut mir leid; nun, dann interessiren Sie sich viel— leicht für die Landwirthschaft, können hier bei mir ganz neue Me— thoden der Ackerbehandlung sehen. Habe höllisches Glück damit, jeder Versuch schlägt ein. Bin mit einem Wort ein moderner Wirth, der mit dem alten Schlendrian gründlich gebrochen,“ sagte er prahlend, während die alte Großmutter verlegen auf ihr Strickzeug blickte. Julian erinnerte sich plötzlich, daß der Mann auf dem kleinen Bahnhof geringschätzig von einem liederlichen Verwalter gesprochen. Er faßte ihn schärfer in's Auge. Noch lagen die Spuren durch— zechter Stunden deutlich auf seinem gerötheten Gesicht, zeigten sich unverkennbar in seiner unsichern Haltung. Wie wenig doch dieser kräftige, blondbärtige Mann der schlanken, brünetten Schwester ähn⸗ lich sah! Wo war sie nur geblieben, seine freundliche Führerin, die ihn so sicher durch Nacht und Graus hierher geleitet? Sein suchender Blick fand sie bald. Dort kniete sie vor dem Ofen, eifrig bemüht, mit ihren kleinen Händen einen mächtigen Block hineinzuschieben. Die hell lodernde Gluth warf feurige Reflexe auf ihr dunkles Haar, das goldene Funken zu sprühen schien. Der eine Zopf hatte sich durch die rasche Bewegung ganz gelöst und fiel in leichten Wellen ihr über Hals und Schultern. Ungeduldig warf sie es zurück und erregte dadurch die Aufmerksamkeit der Großmutter. „Mein Gott, Fränzchen, Du siehst ja aus wie das richtige Zigeunermädchen,“ rief diese bestürzt.„Wo hast Du nur wieder Deine Schleife gelassen? Ich erinnere mich ganz genau, daß Du sie hattest, als Du fortfuhrst.“ Unwillkürlich faßte Julian nach seiner Brusttasche; ein zerknit— tertes, schwarzes Sammetband lag darin. Warum zögerte er, es der Eigenthümerin zurückzugeben? Es war ein Bild reizender Unbefangenheit, das Fränzchen dar⸗ bot, als sie nun halb schmollend, halb beschämt die fessellosen Haare wieder zu bändigen begann. Noch kniete sie in derselben Stellung, sich leicht an Sultan lehnend, der seinen Dauerlauf nun behaglich vor dem Ofen ausschlief. Der kleine, schmächtige Schulmeister war zu ihr herangetreten. Sie schien etwas von ihm zu erbitten. Julian sah es deutlich an dem beweglichen Mienenspiel, an dem Blick der ausdrucksvollen Augen, welche die Beredsamkeit der feinen, rothen Lippen wirksam zu unterstützen schienen. Nun gab er sein scheinbares Sträuben auf. Ein Blitz des Triumphes glitt über ihr schelmisches Gesicht und halb dankbar, halb neckend hielt sie ihm die Hand hin, die sie, ehe er sie noch gefaßt hatte, wieder lachend hinter dem Rücken versteckte. „Sei nicht kindisch, Fränzchen,“ mahnte die Großmutter,„was soll der Herr Graf von Dir denken.“ Der Verwalter, der eben für eine Jagdanekdote vergeblich das Ohr des jungen Grafen in Anspruch genommen, zuckte mit den Schultern. „Das Mädchen muß in ein feines Pensionat, damit es endlich Manieren lernt,“ meinte er barsch.„Ich schwanke noch zwischen Berlin und Dresden. Werde mir nächstens Prospekte schicken lassen. Der Preis spielt keine Rolle bei mir.“ Der Schulmeister hüstelte verlegen, die Großmutter senkte den Kopf noch tiefer auf die Stricknadeln und Fränzchen blickte, den Arm um Sultans Hals geschlungen, verwundert zu dem Bruder auf. Graf Julian hatte sich erhoben. Die alte Frau, die in scheuer Ehrfurcht jede Bewegung des gefürchteten Gastes verfolgte, leuchtete mit wankenden Knieen ihm die Treppe hinauf, während Albrecht, unten in der Halle stehend, imaginären Knechten mit schallender Stimme Befehle für den morgenden Tag ertheilte. Neun Uhr. Deutlich tönten die dröhnenden Schläge der Dorf— uhr herüber. Der junge Graf zählte sie lächelnd. Was sollte er hier in der ländlichen Einsamkeit mit diesen endlosen Abenden be— ginnen? Gehörten sie vielleicht auch zu den heilsamen Arzneimitteln, die man ihm so streng verordnet? Er hatte nach einem Bruch mit den alten Verhältnissen gelechzt, wie ein Verschmachtender nach einem Tropfen Wasser. Kein Diener durfte ihm in die selbstgewählte Ver⸗ bannung folgen. Frei wollte er sein, wenn auch nur für kurze Zeit; kein Schatten der Erinnerung sollte ihm die Gegenwart verdüstern. Schal bis zum Ueberdruß erschien ihm dieses inhaltlose Dasein, das in eine andere Bahn zu lenken er die Kraft niemals besessen. Ruhelos durchwanderte er die beiden aneinanderhängenden Zim— mer, die für etwaige Besuche der gräflichen Familie reservirt worden waren. Die geradlehnigen Sophas und Stühle boten wenig Aus— sicht auf Bequemlichkeit und einige Ahnenbilder schauten mit sauer⸗ süßer Miene auf den Eindringling hernieder, dem die dumpfe Luft sich beklemmend auf die Brust legte. „Ihr seid mir auch eine melancholische Gesellschaft, man meint unter Euren gemalten Augen Moder und Staub längst vergangener Zeiten zu athmen,“ murmelte der junge Graf.„Morgen mit Hilfe von Licht und Sonnenschein soll es hier anders werden. Um Euch nicht länger anzusehen, will ich schreiben, obgleich wohl Niemand in der Welt sich nach Nachrichten von mir sehnt.“ Auf dem zierlich eingelegten Pult mit den hohen, dünnen Füßen stand die mitgebrachte Reisekassette, daneben ein kleines, silbernes Schreibzeug, wie man es wohl Kindern zu schenken pflegt.„Fran⸗ ziska Wiese, den 17. Mai 1865“ stand auf dem Boden eingravirt. „Ein Pathengeschenk, gewiß das beste Stück des Hauses, durch welches man mich zu ehren meint,“ dachte Julian, die Briefmappe öffnend. Bald flog in eiligen Zügen seine Feder über das elegante, wappengeschmückte Blatt, oft schienen die Gedanken nicht Stich halten zu wollen. Dann hob der junge Graf wie besinnend den Kopf; auf seiner Stirne lag eine Falte, die selbst den sonst so wohlwollend blickenden Augen einen düstern Schatten lieh. Nicht angenehme Vor⸗ stellungen schienen ihn zu beschäftigen, und als der Brief beendet, las er ihn mit aufeinander gepreßten Lippen noch einmal durch. „Als ich vor einer Stunde, von Langeweile gepeinigt, überlegte, an welchen meiner vielen guten Freunde ich schreiben könnte, da bliebst Du, geliebter Onkel und väterlicher Freund, der Einzige, der vielleicht Muße findet, einen Brief zu lesen, der nicht aus Paris oder Monaco kommt. Auf Deinen Wunsch ging ich hierher, um unter würzigen Waldesdüften Körper und Herz langsam genesen zu lassen. Ersterem wird die wunderthätige Jugendkraft zu Hilfe kommen, doch Letzterem ist wohl nicht mehr so leicht zu helfen, das hat gründlich Schiffbruch gelitten im klippenreichen Lebensmeer, ist nur noch ein elendes Wrack, das die hochgehenden Wellen zerschellt an die Küste geworfen. „Seit Stunden bin ich in Grünau, dem sagenhaften Besitz der Familie, wohin man früher die ungerathenen Söhne zu verbannen drohte. Auch mir wurde, als ich vor Jahren, höchst unstandes⸗ gemäßer Weise, Maler werden wollte, von den erzürnten Eltern dieses Schicksal in Aussicht gestellt. Ob die Furcht vor dieser grünen Einöde mich meinem Ideal abwendig machte und mich einen vor⸗ nehmen Tagedieb werden ließ, weiß ich nicht. Doch gleichviel; ich sitze hier und will nicht rückwärts schauen. Du, geliebter Onkel, besaßest immer eine liebenswürdige Schwäche für die Stiefkinder des Glücks, wovon ich und dieser abgelegene, vernachlässigte Ort das beste Zeugniß geben. Wir passen gut zu einander, darum zog es mich wohl her. Bis jetzt kenne ich noch nichts von ihm, als wo⸗ gende Wiesennebel und die kleine Familie des Verwalters. Die alte Großmutter bewies mir allen, nur Dir, dem Majoratsherrn, gebüh⸗ renden Respekt und den jungen, vom Jahrmarkt heimkehrenden In⸗ spektor ernüchterte so ziemlich meine Ankunft. Ja, und bald hätte ich vergessen, es ist ja noch ein junges Mädchen hier, eigentlich ein hoch aufgeschossenes Kind von siebenzehn Jahren, mit schüchternen Gazellenaugen, das mich muthig durch die Finsterniß kutschirte. Volla, das sind die Erlebnisse des ersten Reisetages. „Ungern nur möchte ich von dem Hintermirgelassenen sprechen, doch die Kette klirrt, so locker man sie auch befestigt zu haben meint. Sollte Ellinor, aus dem Seebade zurückkehrend, um zur bevorstehen⸗ den Saison ihre Toiletten eingehend Revue passiren zu lassen, unter den fehlenden Haushaltungsgegenständen vielleicht gelegentlich auch meine Person vermissen, so wirst Du, stets Gütiger, ihr wohl sagen, daß bei dem ersten Ball ich die gewohnte Statistenrolle als Haus⸗ herr wieder in alter, erprobter Pflichttreue zu spielen gedenke.“ Bis hierher hatte er finster blickend gelesen. Die Zähne gruben sich tief in die Lippen und die Hand zitterte, die das Blatt hielt. Er warf es hin und nahm die unruhige Wanderung von vorhin wieder auf. Da fiel zufällig sein Auge auf ein Frauenporträt, das bis jetzt im Dunkel geblieben war und nun von dem Licht der Lampe hell getroffen wurde. Das schmale, hochmüthige Gesicht trug trotz der längst veralteten Tracht und des gepuderten Haars eine unverkennbare Aehnlichkeit, einen Familienzug, der seinen Unmuth noch höher anfachte. „Thor, der ich war, zu glauben hier freier athmen zu können,“ 116 murmelte er.„Ein Bagnosträfling schleppt überall die Kugel mit sich fort.“ 5 Hastig trat er von dem Bilde weg und warf sich, die Augen AOT a. mit der Hand deckend, auf ein Ruhebett. Eine Geschichte aus dem Kinderleben. Unten auf dem Hof huschten indessen Lichter eilig hin und her; Von Sara Hutzler. überall zeigte sich geheimnißvolles Treiben und manchmal wurde ein Fortsetzung) silberhelles Lachen laut. III. „Aber Fränzchen, wie Du nur lachen kannst, gerade jetzt, wo Es war Nachmittag. Nora stand hinter dem Ladeutisch und ver⸗ Alles auf dem Spiel steht,“ meinte vorwurfsvoll die Großmutter, sah die ein- und ausgehenden Kunden mit der gewünschten Backwaare. die eine Laterne in die Höhe hielt, um dem jungen Mädchen und Die scheidende Herbstsonne, welche in gelegentlich erhellenden dem Schulmeister, die einen umgeworfenen Ackerpflug in die rich- Streifen quer über den Häusern gelegen, sandte ihre letzten matten tige Lage brachten, dabei zu leuchten. Lichter durch den Laden und fiel mit leichtem Reflexschimmer auf die „Der fremde Graf ist viel zu leidend, um sich um die Wirth— Gestalt des Kindes, das in der Nachwirkung der gehabten Erregungen schaft kümmern zu können, und dann sieht er auch garnicht so aus, in eine haltlos gedrückte Stimmung verfallen war, die, vereint mit als ob er einen Menschen absichtlich in's Unglück stürzen könne,“ ihrer dürftigen Bekleidung, einen wenig heiteren Anblick schuf. r 2 8 2 2 — —— Großpapa und Großmama. Nach dem Leben photographirt. antwortete Fränzchen, die während des Sprechens dem Schulmeister— In dem einfachen Raum, in dem sie ohne Kopftuch und ohne bedeutete, ihr einen großen Erntewagen in den Schuppen schieben Schulterumhüllung umherging, wurde die schmächtige Magerkeit ihrer zu helfen. Gestalt erst voll und ganz erkennbar. „Das ist ja aber zu schwer für Sie, das übersteigt Ihre Kräfte,“ Ihre Hautfarbe war sehr weiß, fast krankhaft durchsichtig weiß, protestirte dieser. und in dieser Weiße hoben sich die dunklen Brauen um so mar⸗ „O, ich bin stark, und wenn Sie nicht mit anfassen wollen, so kiger hervor. Es war ein seltsames Gesichtchen, dae da so geschaͤftig versuche ich es allein. Die Morgensonne kann doch unmöglich diese hin— und hersah, ein Gesichtchen, das nicht wegen seiner sonderlichen Unordnung hier beleuchten.“ Schönheit, wohl aber wegen seiner Eigenart einen nachhaltigen Ein— Schon hatte er gehorsam die Deichsel ergriffen und bald stand druck zurückließ. Um den Mund lag ein Zug von Trotz. Die leicht der Wagen wohlbehalten unter Dach und Fach. herabgezogenen Winkel sprachen von einem Selbstwillen und die Fränzchen's Wangen waren unter der Anstrengung dunkel er. Augen gaben, trotz der großen kindlichen Unschuld und des darin 180 glüht. Tiefathmend stand sie, mit ihrer schlanken Gestalt den kleinen liegenden Weltvertrauens, bei näherem Hinschauen den Mundlinien 5 Mann fast um Kopfeshöhe überragend, neben diesem. Nachdruck. Bewundernd, mit dem Ausdruck der zärtlichsten Liebe in den Sie schlug nur selten die großen, schönen Augen voll auf, aber Augen, blickte er zu ihr auf. in diesem Aufschlag schien sich von der Seele des Kindes ein Schleier „Dank Ihrem Muth ist das drohende Ungewitter noch einmal zurückzuziehen, der Alles, was von Bedrücktheit und Unfreudigkeit in vorübergezogen,“ meinte er. ihrem Wesen lag, hinwegraffte. Es lag in den Kinderaugen all das „Sie ist unseres Hauses guter Geist,“ flüsterte die Großmutter, Fragende, Reine, RäthselhaftPoetische, das nur in kleinen Mädchen⸗ „so lange sie bei uns weilt, verläßt uns auch das Glück nicht ganz.“ seelen zu suchen ist und das so rührend nachzuklingen vermag, wenn (Fortsetzung folgt.) es mit Melancholie verbunden ist. 3 Und melancholisch war der Ausdruck, den das Kind mit sich, an sich trug. In der dürftigen Kleidung lag nicht eine Spur von mädchenhafter Sorgfalt, die dunklen Haare umlagerten die Stirn in unfrisirten wulstigen Massen und deckten wolkenhaft die geradlinig sich begegnenden Augenbrauen, die dem schmalen Gesicht sein stör— risches Aussehen gaben. Nora war unter der Kundschaft bekannt. Daß sie bei der Bäckerin Schollmeyer im Dienste war, daß sie von ihr aus Barmherzigkeit aufgenommen war, trug ihr das gelegentliche Mitleid einzelner Laden⸗ kunden ein. 1 5 „Gut wird sie's nicht haben,“ so hatte ein biederer Familien⸗ vater aus der Etage über der Bäckerei zu seiner Ehefrau gesagt, 2 117 D. 5 und die Frau hatte einen warmen Blick auf ihre schlafende Kinder⸗ schaar geworfen und verständnißvoll dazu genickt. Nein, gut hatte es das Kind nicht. Die Frau machte sich die Dienste der kleinen Waise nutzbar, ließ das kränkliche Bebe von ihr 0 warten, hieß sie die großen Körbe mit Semmeln austragen und gab 9 ihr dafür ein spärliches Mahl und eine fensterlose Kammer zum Schlafen und eine Matratze zum Liegen. Das war Nora's Leben, seit die Frau gekommen war, um sie aus der Stube der Korbflechterfamilie mit fortzunehmen. „Besser als in ein Waisenhaus,“ so hieß es, und obgleich sie nicht wußte, was das bedeutete, sprach sie es doch selbst den Andern aufnahm. Freuden hatte der Aufenthalt dem Kinde nicht gebracht. Nicht einmal Freundlichkeit wurde ihr gezeigt, im Laden wenigstens nie, und außerhalb des Ladens?— Es gab Einen, der mit ihr freund⸗ lich war, es gab eigentlich Zwei. Der Eine— Nora's Antlitz ge— wann, wenn sie an ihn dachte, einen lieblichen Ausdruck, halb des Sinnens, halb des Sehnens— es war ein Junge, groß, vierschrötig, kräftig, sie kannte ihn eigentlich garnicht. Garnicht. Er kam Mor⸗ gens immer, um sich seine Frühschrippen zu holen. Gewöhnlich traf er an der Thür mit ihr zusammen, er um hinein-, sie um mit ihrem gefüllten Semmelkorb hinauszugehen. Wie er hieß, das wußte sie nicht. Wo er wohnte und was er war, auch nicht, aber sein Gruß war anders als der der Anderen, seine Anrede allein schon herz— gewinnend, freundlich. Er schrie ihr seinen lauten Gruß in der Thür schon immer entgegen. „Halloh, kleine Ente, schon wieder zu Wege?“ Nora fühlte, daß die„Ente“ gerade nicht schmeichelhaft klang, ja, das erste Mal, als sie es hörte, hatte sie ihm einen zornigen Blick zugeworfen und war, ohne auf sein Lächeln zu antworten, davongegangen. Am nächsten Tage hatte er es aber wiederholt und dabei seinen großen Kopf zur Seite geneigt und sie so zuthunlich, neckend komisch angesehen, daß sie mit einem ihrer Brodbeutelchen verlegen nach ihm schlug und mit ihm lachte. Und so war es denn zwischen ihnen geblieben. „Hast Du niemals eine Minute Zeit?“ hatte er gefragt, als sie in der Frühe beim Fortgehen an der Thür mit ihm zusammen⸗ prallte, aber im Laden hinter ihr stand die Frau und sah auf sie, und da hatte sie nur rasch mit dem Kopfe geschüttelt, auf ihren Korb gedeutet und war davongelaufen. Später kam ein Bedauern über ihren Bescheid, denn in dem Kinderherzen lebte der Wunsch nach Kameradschaft, nach Spiel und Freundschaft und Frohsinn. Das zweite Wesen, das Nora gegenüber eine Art Freundlichkeit gezeigt hatte, war ein vornehmes, kleines Mädchen aus der Beletage des Gartenhauses gegenüber vom Laden. Das Kind war blondgelockt, mit blauen Augen. Es ging immer so schön gekleidet und ihr Köpfchen saß so stramm und keck auf den Schultern. Oftmals kam sie, das zierliche Kleidchen in äffischer Manier hochgerafft, quer über den Damm und stellte sich behaglich schnüffelnd vor die Backwaare am Schaufenster. Sie hatte Nora zweimal schon zugenickt. Nora's Herz hatte dabei in der Brust einen glückseligen Sprung gethan, und seit diesem Nicken wartete sie täglich auf das Wiedererscheinen der kleinen Dame. Sie wartete mit Sehnsucht. Für sie war das vornehme Kind eine Märchenerscheinung, eine Fee, die ihr wie aus einer Welt von Engeln erschien. Und heute wieder! Wie sehnlichst forschte ihr Ange hinüber nach dem Garten! Die Kunden waren fort, der Laden leer. Wenn sie doch jetzt wieder—! „Ah!“ Nora that einen kleinen Schrei. Da kam sie. Im rothsammetnen Kleidchen hüpfte sie über den Weg. Sie kam näher und näher und stand endlich vor dem Schaukasten. Mit einem Aufathmen sah Nora zu ihr hinaus. Sie war selbst noch so klein, ihre Bekümmernisse waren so leicht verscheucht unter jedem auf sie einstürmenden Interesse und das vor— nehme Kindchen, das so anders war als sie selbst, füllte so ganz ihre Phantasie, daß sie plötzlich eine Zusammengehörigkeit mit ihr empfand, eine Zusammengehörigkeit, wie sie ohne Rücksicht auf Stand und Rang zwischen gleichaltrigen kleinen Mädchen so natürlich aufspringt und trotz aller Bedenken, die später kommen, auch bleibt. Nora schob sich, von ihrem Interesse für die Kleine geführt, seitwärts, dem Schaufenster näher, und blickte scheu zu dem blonden Kinde hinaus. In diesem Augenblick hob auch sie den Blick und sah zu dem kleinen Ladenmädchen hinein. Beide wurden sie ver— legen. Das Kind im Inneren des Ladens wich in befangener lin— kischer Hast von dem Fenster zurück, das Kind, das draußen stand, schob sich auf dem Absatz herum, senkte erst das Köpfchen und blickte dann unter den halbgesenkten Lidern zu der kleinen Verkäuferin auf. Ein Moment des schüchternen Betrachtens, dann lächelten sie Beide. Das Lächeln auf den Lippen der kleinen Dame aus der Beletage machte den Mund breit und verrieth unter dem rothen Zahnfleisch eine dem Alter angemessene Wechsellücke, die das Gesicht zwar nicht entstellte, den Beschauer aber für den Moment etwas verblüffte. Das Lächeln des anderen Kindes war eine Offenbarung. Es war ein Gemisch von schelmisch kindlicher Zurückhaltung und pathetischem, zögenndem Hingeben, und es zog in dem Lächeln wie eine leuchtend aufsteigende Sonne über das sonst stille Antlitz des kleinen Wesens. Während sie Beide noch lächelten, war das fremde Kind an die Thür getreten. Nora's Augen folgten ihr. Eine Fluth von Ge⸗ danken zog bei ihr ein. f „Kam das fremde, hübsche Kind zu ihr herein? Kam sie wirk— lich in den Laden? Zu ihr?“ Mit jener staunenden Anbetung, welche Kinder der Armuth Kin- dern des Reichthums gegenüber empfinden, wenn sie ihnen plötzlich als ebenbürtig an die Seite gestellt werden, so folgten unserer klei⸗ nen Nora Augen den Schritten, dem Vorhaben der Nachbarin. Sie kam wirklich! Nora's Hände faßten in erregter Schüchtern⸗ heit das Wollenzeug am Rock ihres Kleides mit einem Griff in die geballte Hand und zerzupften es in unbarmherzigem Eifer. Der kleine Gast war in den Laden getreten und auf dem hal⸗ ben Wege zwischen Thür und Ladentisch stehen geblieben. Eine von ihnen hätte füglich etwas sagen müssen. Die Fremde„von drüben“ empfand das und so hob sie, nach der ersten kleinen Pause der Ver⸗ legenheit, den Kopf und begann:„Ich— ich hab' Dich schon mal gesehen!“ Sie sprach es in monotoner Geläufigkeit herunter, wie um ihre Unbeholfenheit zu bemänteln. Das Kind hinter dem Ladentisch erwiderte nichts. Für ihr Leben gern hätte sie auch etwas Geläufiges gesagt, für ihr Leben gern es ihr an Gewandtheit gleichgethan. Unmöglich! Ihr Blick glitt mit plötzlicher, vernichtender Beschämung von den mit Spitzen reich ver⸗ zierten Gewändern der kleinen Besucherin zu ihrem eigenen, wenig ordentlichen Wollenrock hinab, und zum ersten Mal seit dem Früh⸗ jahr fiel es ihr auf, wie sehr vernachlässigt ihr Ansehen war. Sie wurde roth und sah stumm vor sich nieder. Das Nachbarskind war um einen Schritt näher getreten. Sie wandte sich ein wenig zur Seite, sah sich fremd um und wagte eine zweite Anrede; diesmal in leiserem Ton: „Es ist ziemlich kalt draußen!“ Nora sah auf und nickte. Wie freundlich das vornehme Kind war! Sie schämte sich, daß ihr nichts zu sagen einfiel. Was würde sie von ihr denken? Die Besucherin dachte sich garnichts. Die Schweigsamkeit der Verkäuferin galt ihr als stolze Zurückhaltung und imponirte ihr ungemein. Es erwachte in ihr der Trieb, sich um die Freundschaft des Ladenmädchens zu bewerben. Ihr niederer Stand wirkte, da sich in der Phantasie des reichen Kindes eine große Unabhängigkeit mit ihr verband, überaus reizvoll, und in dem begreiflichen Wunsche nach dem Fernliegenden, Unerreichbaren that sie zur Gestaltung eines Freundschaftsbundes ein Uebriges. Sie suchte und fand einen per- sönlichen Anknüpfungspunkt. „Bist Du auch zehn?“ fragte sie, nach Kindesart den Rest des Satzes unausgesprochen lassend. „Elf,“ sagte die Andere, fast flüsternd. Der Faden war gefunden. Die kleine Fremde trat leutselig näher. „Du bist aber nicht größer als ich.“ „Nein,“ sagte die Andere mit selbstverständlicher Unterordnung ihrer Körperbeschaffenheit. Jetzt stand die Besucherin dicht am Ladentisch und stützte die Hände darauf. „Ich wohne da drüben!“ erzählte sie mittheilsam. „Ja, ich weiß!“ Die Augen des blonden Kindes gingen prüfend zu der Anderen hinüber. So, sie wußte? Sie hatte also ihr Nicken schon bemerkt! Die Kleine schien befriedigt. Sie rieb mit der Fläche ihrer Hand auf der Tischplatte hin und her, sah sich die Wände des Ladens an und beschloß offenbar, sich durch eine kleine Prahlerei zu legitimiren. „Wir haben sieben Stuben!“ Diese Thatsache wirkte ersichtlich niederschmetternd auf die kleine Hörerin. Sieben Stuben! Sie sprach es in ihrer Verwirrung leise nach. Ihre Augen senkten sich. Ihre Schüchternheit gewann volle Herrschaft über sie. Die geschwätzige kleine Bewohnerin der Beletage schien es nicht zu bemerken. „Ihr habt wohl nur vier?“ inquirirte sie. Zum ersten Mal in ihrem Leben fand Nora nicht den Muth zur Wahrheit. Der Bäckerladen hatte nur ein Zimmer und eine 3 . 1 5 0 1 l U 10 1 0 geplaudert hatte eigentlich die Andere. W r Warn,. 119 fensterlose Kammer, in der sie schlief. Das aber dem verwöhnten Kinde zu verrathen, erschien ihr wie ein unerträglicher Affront gegen das Feingefühl der Anderen, und so ließ sie die schmeichelhaft voraus⸗ gesetzten vier Zimmer schweigend über sich ergehen und blickte erst erstaunt auf, als die kleine Schwätzerin von„drüben“ urplötzlich mit einer Rede kam, die ihr unverständlich war. 9„Meine Mutter sagt, Leute, die vier Zimmer haben, sind kleine eute!“ f „Kleine Leute!“ Sie sahen sich bei dem Worte Beide an. Was der Satz bedeuten sollte, das war ihnen offenbar sehr räthselhaft, denn sie verweilten bei dem Gegenstand nur lange genug, um sich an ihm zu erstaunen. „Seid Ihr kleine Leute?“ fragte das Nachbarskind und Nora starrte die Fragerin verwirrt an und antwortete zögernd, daß sie es nicht wisse. „Ich auch nicht,“ lächelte das fremde Kind befriedigt und dann wandte sie sich mit Kennermiene dem Schaufenster zu und liebäugelte mit der Backwaare. 6„Darfst Du so viel davon essen, wie Du willst?“ Nora senkte den Kopf. Ueber ihre ganze Erscheinung kam ein Ausdruck von Gedrücktheit, eine Art von Schamgefühl, das sie im Gespräch mit der Altersgenossin beirrte. Die Frage des Kindes er⸗ innerte sie an ihre Stellung im Dienste der Bäckersfrau. So viel essen wie sie wollte! b Welcher Hohn lag in den Worten. Sie empfand bei dem Er⸗ wähnen des Speisens ein solches Weh im Innern. Sie hatte ja heute das Mittagsmahl entbehrt. Das fremde Kind achtete ihrer nicht mehr. Ihre ganze Auf— merksamkeit war dem Schaufenster zugewandt. Sie trippelte mit ungenirter Dreistigkeit hinter den Ladentisch und schob sich un⸗ gezwungen an die aufgebaute Backwaare heran. Sie schnüffelte an den Tellern herum und stellte plötzlich die liebenswürdige Frage: „Verschenken darfst Du wohl nichts?“ Nora schüttelte den Kopf. Die kleine Besucherin that einen tiefen, hörbaren Athemzug und wandte sich von dem Kuchen ab. Sie ging, einen weiten Kreis machend, in drolligem Doppelschritt, bei dem sie zuerst mit den Hacken und dann mit der Fußfläche den Boden antippte, durch den Laden. An der Thür machte sie Halt. Eine plötzliche große Gleich— gültigkeit gegen Welt und Menschen schien sie zu überkommen, eine im Ton ihrer Stimme kundgab. „Ich muß jetzt gehen,“ sagte sie, ohne direkt auf Nora, noch auch auf irgend etwas Anderes zu sehen. Ihre Mission war be⸗ endet. Sie sagte nur kurz und weltverloren„Adieu“ und verließ den Laden. IV. In dem Bäckerladen blieb es, nachdem des Nachbars Kind ge— gangen, still. Das kleine Bäckermädchen hatte den Abgang ihres Gastes mit Staunen verfolgt, in ihrem Innern ungewiß darüber, ob sie froh oder traurig sein müsse. Daß etwas in der Art ihres Abschiedes gelegen, das sich ganz deutlich unterschied von der Art ihres Eintritts— das empfand sie genau, daß sich ein Etwas zwischen ihren entstehenden Freundschaftsbund gedrängt, das war gewiß. Aber was? Nora's Welterfahrung war eine mäßige. Sie hatte nie eine Freundin gehabt, kaum je eine Gespielin, und so kannte sie die leicht auf- und abwogenden Stimmungen nicht, welche unter dem wankelmüthigen kleinen Volke herrschten. Sie starrte der davon spazierenden. Gestalt des Nachbarkindes nach— und es zog eine traurige Oede in ihr Inneres, wie vor dieser kleinen Episode darin gelegen. Sie stützte den Arm auf den Tisch und legte den Kopf darauf. Dort ging das Kind. Wie sie gekommen, so ging sie auch, wieder mit dem zierlich hochgerafften Kleidchen in der Hand, und das Eisengitter vor dem kleinen Gärtchen, welches das Haus umgab, öffnete und schloß sich— die schlanken Füßchen trippelten geschickt die Stufen zum Hause hinauf— das Kind zog die Klingel. Nora sah sie dann in dem Eingang verschwinden. Es fiel ihr ganz plötzlich ein, daß sie nicht nach ihrem Namen gefragt hatte! Wie seltsam das war, da sie doch so lange mit ihr geplaudert hatte! Das heißt, Nora rekapitulirte in Ge⸗— Gleichgültigkeit, die sich in dem vagen Blick ihrer Augen, ja, selbst danken Alles, was das Kind gesagt hatte. Alle kleinen Sätze und Geberden fielen ihr ein— von Anfang bis zum Schluß, da sie urplötzlich vom inneren Schaukasten fortging— und— anders wurde—. War das am Ende, weil— richtig— der Kuchen— ja so— das war's! O, wie schade! Nora wandte den Kopf rasch auf die andere Seite, um möglichst Blick und Gedanken von der selbstsüchtigen Kleinen abzulenken und so saß sie lange ganz reglos. Eine eintretende Käuferin rief sie zuerst aus ihrer Stellung auf. Es war eine ärmlich gekleidete Frau, die altes Brod begehrte. Sie zählte ihren Groschen in einzelnen Pfennigen aus der Tiefe eines sehr alten Lederportemonngies hervor, und legte ihn seufzend vor der Kleinen nieder. Gleich hinter ihr kam ein Nachbar aus dem Seifenkeller, der die Abendzeitung borgen wollte. Wieder wurde es im Laden still. Draußen begann es zu dämmern. Eine handvoll rothen Laubes tänzelte im Winde gegen das Schaufenster hoch. Einzelne Blätter stauten sich zwischen den Zacken des ihn umrahmenden Eisengitters ein. Nora schaute auf die Blättchen, die sich eingefangen. Wie sie zitterten— wie sie im Winde sich kräuselten. Wie sie flatterten— fast so, als hätten sie Leben und Gefühl, und als triebe sie diese aus der unfreiwilligen Gefangenschaft auf und hinaus. Es half nichts. Sie saßen fest, und der strenge Wind fegte gegen sie an, und machte sie zittern, wie die kleinen Vögel, die soeben vom Zaun des Gartens drüben aufzitterten. Arme frierende, kleine Vögel, die so wenig in dies herbstliche Wehen hineinpaßten. Sie zwitscherten so leise— oder zwitscherten sie gar nicht? Und kleine Vögel mußten doch laut und eindringlich zwitschern, so dringlich wie sie es damals gehört— im Stübchen des dritten Stockes.— Damals, als kein Windstoß über die Dächer ging, als es noch überall friedlich war auf der Welt.— Die kalte fröstelnde Oede war später gekommen, viel später, nachdem das Eisenbett so säuberlich zugedeckt war— so säuberlich weiß— und reglos und leer.— Nora fühlte sich sehr einsam. Sie erschauderte leicht. Sie neigte den Kopf wie horchend und dann hob sie die Hände und legte sie über die müde werdenden Augen. Das Dämmerlicht war ermüdend— und die Stille!— Quer über die Straße kam der Laternenanzünder. Wie er rannte mit der quer über der Schulter hängenden Leiter! An jedem Abend kam er. Nora hatte den Mann so oft gesehen— sein frisches Gesicht— seine heitere Eile hatten sie gefreut und dann rannte er so behend zu der hohen Laterne empor; oftmals meinte das Kind, er müsse fallen, wenn die Leiter so wenig fest anlag, wenn sie so hin und her schwankte. Jetzt war's gerade, als ob die ganze Laterne mitschwankte und der Mann auch. Es ging Alles zurück und wieder vor, ordentlich in Bögen, die sich weit ausdehnten, und rund, rund — oh, wie müde war sie doch— oder schwankte die Leiter nicht, war der Mann längst fort und hatte sie nur gemeint, daß es da oben schaukelte? Gewiß, das hatte sie nur gemeint in ihrer Müdig⸗ keit; eine Laterne konnte doch nicht, konnte nicht— oh, wie war sie müde! Ein ganz kleines, liebliches, schlaftrunkenes Lächeln spielte um den Mund des Kindes, das in seiner Mattigkeit alles Grübeln und alles Sinnen hinter sich zurückließ und nur das einfache, kleine Mäd— chen wurde, das sie im Frühjahr gewesen war und das sich ganz kindlich in den Schlaf hinüberlächelt. (Fortsetzung folgt.) Lose Blätter. Der Zweikampf. Das deutsche Reichs-Strafgesetzbuch ahndet den Zweikampf mit Festungshaft von drei Monaten bis zu fünf Jahren und bestimmt weiter, daß Derjenige, welcher seinen Gegner im Zweikampfe tödtet, mit Festungshaft nicht unter zwei Jahren und wenn der Zweikampf ein solcher gewesen, welcher den Tod des einen von beiden herbeiführen sollte, mit Festungshaft nicht unter drei Jahren zu bestrafen sei. Noch strenger ging man im 16. und 17. Jahrhundert gegen die Duellanten vor. Zahlreiche Reichsgesetze verboten den Zweikampf bei harter Strafe und ein am 22. September 1688„wegen Abstellung des höchst gefährlichen Balgens und Kugelwechselns“ erlassenes kaiserliches Kommissionsdekret sprach sogar die Ehrlosigkeit über„jeden Herausforderer und Anhetzer“, sowie über Alle aus, welche sich auf ergangene Forderung zum Zweikampf stellen oder den nicht erschienenen Gegner schelten würden. II. W. 4 F N* 5 8 1 2 2 1 8 1 S 120.. D 80 Königspromenade. ge⸗ en len⸗[wün⸗ der thor das kein ne oh⸗ wäh⸗ dung vol⸗ die he. kom⸗ 5 ö 55 ren letz⸗ zu nur 1 mir die sehn⸗ 5 ö men⸗ voll⸗ un ten frie-⸗ den geist weit so⸗ heit 1 ser doch den führt ent⸗ die und ken hie⸗ ist un⸗ er⸗ reich⸗ hen so⸗ ge⸗ dan⸗ späh'n nie⸗ das schon treibt te we⸗ de weit die ke den un⸗ zum ich's bin so⸗ bin win⸗ die blik⸗ er⸗ hin frie⸗ den daß den weit die ken weit zieh'n so⸗ reich⸗ ten zu⸗ ich un⸗ zu⸗ frie⸗ wol- Viersilbige Charade. Ein ewig Schweigen schließt der Vorderen Mund, Lautredend thun scch dir die Letzten kund; Doch wenn das Ganze von dir spricht, Auch noch so laut, du hörst es nicht. Silben-Räthsel. Aus nachfolgenden Silben: ard bach bo bo ce da de de de do dort e ee ee e eu fay fink fon garn ge gel gen gi ha he i la le le lenn li li li li mi mi mo mos mu mund na ne nes ni ni nis no nos now os ot rah rat re re re ri ri sall schwal ster sou tai the thier ti ti toe tu ul un va vel wemb zet sind 29 Worte zu bilden, deren 10 und Endbuchstaben, von oben nach unten gelesen, ein Citat aus Schiller's Gedichten ergeben. Die 29 Worte bedeuten: 1. Ein Dorf in Preußen(Regb. Düsseldorf.) 2. Einen weiblichen Vornamen. 3. Eine Stadt in Mecklenburg⸗Schwerin. 4. Eine spanische Provinz. 5. Eine hebräische Prophetin. 6. Eine Hirschart. 7. Ehemaligen König von Neapel. 8. Eine Stadt in Preußen. 9. Eine Person aus „Don Carlos“. 10. Einen Fastensonntag. 11. Einen Sperlingsvogel. 12. Einen Berg in der Schweiz. 13. Einen männlichen Vornamen. 14. Einen verstorbenen frmssschen Opernkomponisten. 15. Einen Lehns⸗ mann. 16. Eine Stadt in der italienischen Provinz„Terra d' Otranto.“ 17. Eine Algengattung. 18. Einen Badeort. 19. Eine Provinz des nörd⸗ lichen Irland. 20. Einen verstorbenen französischen Dichter. 21. Einen italienischen Opernkomponisten. 22. Ein Königreich. 23. Eine prosaische Erzählung. 24. Einen berühmten altgriechischen Redner. 25. Einen franz. Advokaten und Politiker. 26. Einen weiblichen Vornamen. 27. Einen berühmten Philosophen. 28. Ein Getränk. 29. Einen Buchstaben. Zweisilbige Charade. Mein Erstes drückt Verwundrung, Staunen aus, Und ist das vierte von fünf wohlbekannten Zeichen, Mein Zweites aber liegt gar hoch hinaus, Wir können's nimmermehr erreichen, Doch macht es manches Menschen Brust Im Innern eine große Lust, Wenn es von außen darauf pranget, Drum Mancher sehr darnach verlanget, Mein Erstes giebt sich laut oft kund, Wenn wir von unserm Erdenrund Des Zweiten Strahlenglanz und Pracht, Hoch über unsern Köpfen sehen. Doch ist es dabei sonderbar, Und übrigens ganz sonnenklar, Daß wir gar selber darauf stehen, Wenn nach des Winters langer Nacht Auf's neue die Natur erwacht, Dann kommt zu unser Aller Freude, Geschmückt mit neuem grünem Kleide, Mein Ganzes festlich auch herbei, Nun Leser! rathe, was das sei? Auflösung des Räthsels in voriger Nummer: Geld— Geduld;— des Citaten-Räthsels: Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten;— der dreisilbigen Charade: Zaunkönig. Schach. Problem Nr. 443 von B. G. Laws in London aus dem Lösungsturnier des Behemian. Schwarz. n *** 257 77 75 1. 2 21 b 1 1 1 N 2. 85 . 2 5 L 1 Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge Matt. V N Wir haben mit lebhaftem Bedauern die Mittheilung von dem Anfangs Februar d. J. erfolgten Tode des Landes⸗Oekonomie⸗Kondukteur Herrn Osten in Gandersheim erhalten. Der im Alter von 75 Jahren Verstorbene fand bis in sein hohes Alter an dem Schachspiel und dem Studium der Probleme, deren er über 5000 lös'te, und nach Autor und ln Ian geordnet, sauber buchte und zum Theil trefflich glossirte, um so mehr Vergnügen, als Schwerhörigkeit jeden größeren geselligen Verkehr verleidete. Wir verlieren an ihm einen* eifrigsten Correspondenten und küchtigsten Löser. Auflbsungen. K Problem Nr. 428 von W. Shinkmann in Grand Rapids. 1) 4-5 g6—g5ʃ 17; 2) De5—b2 Le6—f5: 2 Lbé-— aß(ds) 3) Dhꝛ2—h6 beliebig. 3) b3—b4 f Kb(Kea, Lb4:) 4) Dh6 fs resp. cf 4) Db2—bs(e2 resp. e7) f Varianten: 2).. d4 3), Deb Lds 4) e:d4 Matt 1).. gtd 2) Df4 Laß(d8) U 3) bar 4) Dbs resp. or Matt— Die Lösung wurde angegeben von br Wehrmeister in M., W Kron in B, Th. Kraus in B, Dr. Knopf in G, O. Walsch in B. und H. Michaelis in Th. Problem Nr. 435 aus dem Turnier der Counties Chess-Assocjation. 1) Da5-d2 Ked- d5 2) Stö5— ef Kdö5-e5 3) Se3z— 2 K45, d5, eb od. bel. 4) Daß, Dh, Sts resp. Dgöf Von nicht geringerer Bedeutung als das vorstehende vielwendige Schlußspiel sind auch die g folgenden beiden Varianten, welche sowohl durch ihren symmetrisch abschließenden Lösungsver⸗ b lauf als durch die gleiche n des Königs im Matt als W Hauptspiel 9 gekennzeichnet sind: 1). 2) Segtf Kch 8) Daß Kdt 4) Sc Matt und 1).. Les! 2) Sgat Keölt 8) Dgs 1 Kdt 4) 8e2 Matt. Auf 2).. K45 folgt 3) Sfatr 4 entsprechend Matt. Zieht Schwarz im ersten Zuge anders, so folgt das Matt der kurzen Drohung ent⸗ sprechend[2) Se7t 3) D. Matt! schon im dritten Zuge.— Sehr verlockend ist der Anfangs⸗ zug Dez, Schwarz hat keine andere Vertheidigung als Te7—c6.— Die Lösung wurde an ⸗ gegeben von W. Kron in B. Dr. Knopf in G. und H. Michaelis in Th. 5 Problem Nr. 436 von O. Meisling in Kopenhagen. 1) 17343 e4—d3f 2) Ke2—e3 35—faf( bz) 3) Ke3—43 Dal, cg f Varianten: 1).. Kt 2) Dfl Kas(e5) 3) Df(5) Matt. 1).. 8514: 2) Dal Kes 3) Sg7 Matt. 3 85-84 2) Td5f Kft. 3) T5 Matt. 1) bi—b3 2) Desr K tt: 3) Der Matt Die Mattstellung im Hauptspiel ist so sauber als es die Idee nur zuläßt, auch die Nebenspiele sind alle gut, aber die beste Pointe der hübschen Komposttion ist der einleitende Tempozug.— Angegeben von W. Kron in B., Dr. Wehrmeister in M., Dr. Knopf in G., Th. Kraus in B und H. Michaelis in Th. Problem Nr. 437 von W. Steinmann in Parchim. 1) Sto—e7: Sba4 02: ac. ö 2) D847 Ke5—f4: ö 3) Se7-g6f Varianten: 1) Kdä: 2) Scct Kd:(ds oder Sct.) 3 Df5. f7 resp. da: Malt 1) Leit 2) Derr: Kd4(d5) 3) Des(75) Matt. 1).. 84s oder beliebig 2) Dfört Kdt 3) Ses Matt. Dieses letztere Spiel und die Fortsetzung im Hauptspiel 2 fir ꝛc. 17 N zeitig nach dem ersten Zuge von Weiß.— Angegeben von Ur. Wehrmeister in M, H in A., W. Kron in B, Dr. Knopf in G., Th. Kraus in B. und H. Michaelis in Th. Aus der Schachwelt. r. F. H. Lewis aus London hat dem Frankfurter Comitee fünf Pfund Sterling als pres für die schönste Partie im Meisterturnier des diesjährigen Kongresses des deutschen Schachbundes zur Verfügung gestellt. 1 Druck und Verlag der Bolts. Zeitung“ Alt. Ges. in Berlin, Lülzowfstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elche in Berlin, Lützowstr 105.