N — zu den Oberhessischen Uachrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Nr. 4l. Gießen, den 9. Oktober. Eine gute Vartie. Roman von L. Haidheim. (Fortsetzung) Die Beiden drinnen im Zimmer hatten weiter gesprochen, Maria, fast ohne es zu wissen, gelauscht, denn jedes Wort, das ste dort redeten, regte eine wahre Fluth von bisher nie gekannten Gedanken in ihr an. Eine gute Partie machen, das war der Ausweg aus diesem Elend! Aber in des Onkels Bolko Hause leben, seine olympische Ruhe oder das zürnende Runzeln seiner Zeusstirn täglich sehen müssen! Eine stürmische, fieberhafte Sehnsucht nach Leben brach in dem Mädchenherzen hervor.„Ich muß leben, ich will glücklich sein!“ rief es in ihr, und ungesagt, aber klar gedacht stand noch über diesem plötzlich aufglühenden Verlangen„die gute Partie“. Heirathen, einen reichen vornehmen Mann, sehr reich, sehr vornehm, so mußte es sein, daß er edel, gut, schön und liebenswürdig sein müsse, das ver⸗ stand sich ganz von selbst, deshalb hielt sich der junge, stürmische Sinn gar nicht auf bei solchen berechtigten Ansprüchen. Es war ihr, als sei sie aus brandenden Wasserwogen plötzlich gerettet, als sei die Hilfe aus aller Noth gefunden. Und die Mama wollte froh sein, sie gehen zu lafsen! Wie ein Aufathmen, wie die Befreiung von einem Alpdruck war es Maria von Hooglander. Sie stand hoch aufgerichtet, die zitternde Hand auf die Stuhllehne gestützt und sah, selber unbemerkt, wie Martin Hooglander ihre Mutter, die sich erhoben hatte, begrüßte und wie dazwischen ihr Vater mit der Miene eines Wohlthäters sagte:„Ich sehe, liebe Valerie, Du weißt Alles. Guten Morgen, liebes Herz, ich hoffe, Du bist nun ruhiger und regst Dich nicht mehr auf. Wie Du blaß bist, armes Kind. Nun sei wieder vergnügt, thue es mir zu Liebe, ich habe das Opfer, das mußt Du zugestehen, Valerie, es ist ein Opfer! gebracht um Deinet⸗ und Mia's willen! Bolko war aber nicht anders zufrieden zu stellen, und wir müssen uns nun einbilden, wir lebten wieder in den Flitterwochen und wollten keinen Menschen weiter sehen. Es wird das reine Idyll werden, ein wenig einförmig vielleicht, aber das ist ja eine berechtigte Eigen⸗ thümlichkeit der Idyllen und dann:„'s ist nichts so schlimm, als man wohl denkt, wenn man's nur recht erfaßt und lenkt!“ trällerte er und stellte sich händereibend mit dem zufriedensten Lächeln von der Welt an den Kamin. Die Baronin war gluthroth geworden unter den Reden ihres Gemahls. Nichts hätte sie tiefer demüthigen können vor den Ver⸗ wandten ihres Vaters als diese Würdelosigkeit, diese zynische Un⸗ empfindlichkeit ihres Gatten. f Maria begriff ihren Vater nicht! Sie hörte, daß er von einem Opfer redete, welches er gebracht haben wollte, aber sie glaubte nicht an ein solches. Sie sah ihn lächeln, und ihr ganzes Herz empörte sich instinktiv gegen dieses Lächeln. Warum? Sie wußte es nicht klar, aber sie fühlte bestimmt, daß der Baron Hooglander⸗Isenreut heute keine Ursache hatte, so wohlwollend und behaglich auszusehen. Gestern Abend hatte sie ihren Vater zu seinem älteren Bruder sagen hören:„So wenig wie Du berechtigter Weise von einem Vogel verlangen kannst, daß er auf vier Beinen gehe, so wenig kannst Du mich tadeln, daß ich so bin, wie die Natur mich gemacht hat. Kein Mensch kann über sich hinaus; ich prätendire das auch weder von mir, noch Anderen und bin somit gerechter als Du, der immer von Gerechtigkeit redet.“ Eine ähnliche Ausrede hatte sie tausendmal von ihrem Papa gehört.„Das darfst Du von mir nicht verlangen, ich kann das einmal nicht!“ Das war allemal die Antwort auf irgend einen Anspruch, und wenn sich Maria jetzt besann, so mußte sie sich sagen, daß die Mama und alle Welt sich gewöhnt zu haben schienen, über⸗ haupt nichts von ihrem Vater zu verlangen. Und als vor zehn Jahren lediglich durch seine Schuld ein werthvolles Dokument ver⸗ loren gegangen war, wodurch der Prozeß um die Herrschaft Ehrstein für sie hätte gewonnen werden müssen, da war er es, der alle Andern beschuldigte, ihre Pflicht nicht gethan zu haben, sich selbst aber nur ein Opfer seiner mangelnden Begabung nannte. * 5 . „Maria! komm herein, ich sah Dich dort stehen! Du bist ja ganz kalt, Kind!“ sagte die Baronin, als die Herren auf die Meldung des Dieners sich in den Speisesaal begeben hatten. Die Damen am heutigen Tage zu dispensiren, war eine Bitte der Baronin, die gar keinen Einwand gestattete, Mutter und Tochter blieben also allein. „Es ist nun Alles entschieden, Mia,“ fuhr die Baronin fort, als die Tochter, jetzt wieder blaß und ernst aussehend, sich neben der Chaiselongue niederkauerte,„es ist Alles festgestellt, und wenn wir auch ganz arm sind, so werden wir durch die Güte von Onkel Hooglander und Graf Bolko doch vor Lebenssorgen bewahrt sein.“ Sie erklärte so schonend wie möglich die Sachlage; Maria hörte aufmerksam zu, und immer unverständlicher wurde ihr des Vaters Gönnermiene, seine fast vergnügliche Stimmung. Es war ihr, als hätte sie heute zum ersten Male entdeckt, daß er eine Maske trüge. — Ein Frösteln überlief sie; sie hatte hinter derselben ein Antlitz bemerkt, das sie schaudern machte. Die Liebe des Kindes zum Vater war wie eine Pflanze, die von einem glühenden Eisen berührt wird: versengt, entfärbt und verkrüppelt steht sie da, in den Wurzeln noch die alte Triebkraft, aber für lange, lange Zeit, vielleicht für immer, zu fröhlichem Grünen und Wachsen unfähig. „Und Du fragst nicht, was mit Dir werden soll, Maria?“ sagte leise die Mutter, als das Mädchen in düsterem Schweigen, neben ihr kniend, vor sich hinsah und keine Sylbe antwortete. „Ich gehe mit Onkel Bolko, Mama, und heirathe einen reichen 2 2 8 —..*— — 3 e 2322.. Mann,“ sagte Maria düster, aber als verstände sich das ganz von selbst, und als sie dann den beinahe erschrocken fragenden Blick der Mutter sah, fügte sie eben so ruhig und gefaßt hinzu:„Ich saß draußen, Mama, und hörte, was Du mit dem Großonkel sprachest!“ „Wir werden Dich sehr vermissen, Mia, aber wenn ich denken müßte, daß Du nur so willig gehst, wie es jetzt scheint, weil Du glaubst, uns ein Opfer zu bringen—“ „Nein, nein, Mama, rede nicht davon!— Ich will nicht, daß von einem Opfer dabei geredet werde!“— Maria dachte an das Opfer, das ihr Vater zu bringen vorgab.—„Ich bin arm, ohne alle Aussichten, ich werde froh sein, eine gute Partie zu machen!“ So überrascht die Baronin von dieser ungewohnten„Verständig⸗ keit“ Marias war, so traute sie dennoch derselben nicht recht, dachte, sie wolle die Mutter nicht ahnen lassen, wie schwer ihr das Fort⸗ gehen mit dem„Onkel Zeus“— wie oft hatte Maria ihn so ge⸗ nannt?— werde. „Und wenn ich ganz absehe von dieser Hoffnung, Mia, denn Du sollst nicht einen so folgenschweren Schritt wie eine Heirath thun, ohne Deinen zukünftigen Gemahl von ganzem Herzen volles Vertrauen und volle Liebe entgegen zu bringen,— so wird es mich doch glücklich machen, Dich dort zu wissen, wo Dir Freude und Lebensgenuß winken!“ sagte sie. „Ach, Mama, Freude und Lebensgenuß?!“ Es klang solche Freublosigkeit, solches bitteres Herzensweh aus den Worten, und die großen Augen Marias füllten sich mit schweren Thränen.— Es war eine anstrengende, peinvolle Reise, die Maria an der Seite des schweigsamen Onkels in die Residenz führte.— Er saß ihr gegenüber und schien, ganz in seinen Pelz vergraben, über seine Geschäfte nachzudenken, denn zuweilen nahm er sein Notizbuch, schrieb einige Worte hinein und versank dann wieder in sein Grübeln. Unterdeß dachte sie zum ersten Male im Leben darüber nach, wie hochgeehrt und hochangesehen ihr Onkel war. An ihm war Alles „Ehre, Rechtschaffenheit, Pünktlichkeit, Pflichttreue“ im höchsten Sinne; kein noch so leiser Tadel fiel auf ihn oder die Seinigen, die gräflich Isenreutsche Familie war eine der vornehmsten und geachtetsten unter dem Adel des Landes.— Und— was war ihr Vater und was war sie— sein Kind? Es war sehr kalt geworden, und Graf Bolko sorgte in der aufmerksamsten Weise für erwärmende Erfrischungen; er ließ durch seinen Kammerdiener die große Pelzdecke bringen, die er selbst zurück⸗ gewiesen hatte, und hüllte Maria hinein, er fragte sie nach ihren Wünschen, kurz: er benahm sich auf seine Weise so liebenswürdig wie möglich, und dennoch kam es Maria vor, als wachse der unsichtbare Wall von Eis, mit dem er umgeben schien, höher und höher, und seine Kälte sei es, die sie immer mehr frieren und erstarren mache. Zudem kannte sie Niemand von den Seinen! Würde sie willkommen sein? Baronin Valerie hatte niemals Grund gehabt, sehr liebevoll für ihre Schwägerin zu empfinden, und, ohne es zu wollen, ihre Gefühle auf die Tochter übertragen. „Arme Verwandte müssen sich ducken und schmiegen,“ sagte sich Maria herbe, wie es jetzt plötzlich all- ihr Denken war,„ich werde mein Bestes thun, und dann— wenn ich mich ver⸗ heirathe, dann nehme ich Mama zu mir, und sie soll fühlen, daß es noch Glück giebt. Auch Papa soll uns besuchen, das wird der Onkel ihm doch gestatten! Am liebsten bezahle ich Alles für ihn und mache ihn frei! Er würde dann nicht bei mir bleiben wollen und seine Freiheit vorziehen. Armer Papa! Er kann nicht so hart getadelt werden, er büßt seine Irrthümer mit lebenslanger Gefangen⸗ schaft! Ich möchte wissen, ob Onkel Bolko im Stande wäre, Irrthümer zu begehen? Und ob er wohl Fehler hat? Er hält sich selbst gewiß für den Mann ohne menschliche Schwächen; er ist vom Wirbel bis zur Zehe der Onkel Zeus.“ Maria mußte über den eigenen Einfall lächeln. Derselbe datirte aus ihrer Kindheit und hatte damals ihre Eltern sehr amüsirt. Das scharfe Auge des Kindes hatte die würde⸗ volle, selbstbewußte Weise des Grafen damit haarscharf gezeichnet. Er hatte dieses Lächeln gesehen und beugte sich plötzlich zu ihr herüber und sagte: „Gottlob, daß Du einmal lächelst, Kind, mein energischer Ein⸗ griff in das Dir zustehende Recht der Selbstbestimmung fing an, mich sehr zu gereuen; ich fürchtete schon, Du sähest in mir einen Despoten.“ „Ich sollte wohl dankbar sein, Onkel, ich erkenne es auch, was Du für uns gethan, und möchte es gern zeigen, aber es ist dies Alles so hart, so überraschend an mich herangetreten; ich fühle mich herausgerissen aus Allem, was ich bisher für meine Berechtigung ansah, und nun wie in der Irre,“ sagte sie leise und aufrichtig bemüht, sich zu entschuldigen, denn sie erkannte plötzlich, daß sie sich benommen habe wie ein störrisches Kind. „Das habe ich wohl gesehen; ich hoffe, Du wirst lernen, Ver⸗ trauen zu mir zu fassen! Ich kann mir denken, daß Du innerlich sehr leidest, aber Du hättest zu Haus noch viel mehr und länger 8 leiden müssen; ich glaube es wenigstens und dachte Dein Bestes zu fördern!“ Seine gewohnte Würde und Grandezza verließ ihn auch jetzt nicht, aber es klang aus jedem Wort aufrichtiges Wohlwollen. Mit der vollen Eindrucksfähigkeit der Jugend fühlte Maria sich wie von einem Bann erlöst, und— zum ersten Male sagte sie sich wie einen Trost vor, daß Onno neben ihr sein würde in ihrer Vereinsamung. Im Ganzen stand dieser einzige Bruder dem jungen Mädchen bis jetzt fern und fremd gegenüber. Im Kadettenhause aufgewachsen, ehrgeizig, energisch und fleißig hatte der Sohn durchaus kein Verständniß für des Vaters Schwächen, dagegen aber eine leidenschaftliche Liebe zu der Mutter, welche ihn dem Vater schroff gegenüber stellte.— Häufige Differenzen mit diesem und die vielen, langen Reisen, die Maria mit den Eltern in das Ausland führten, waren die Ursache, daß der Sohn die Eltern nur selten gesehen hatte und diese seltenen Male hatten ihn der damals noch unentwickelten, stummen und zurückhaltenden Schwester nicht näher gebracht. Er fand sie unschön mit ihrem überschlanken Wuchs, ihren mageren, langen Armen und dem altklugen Blick. Jetzt waren drei Jahre seitdem vergangen, wovon Maria die Hälfte in einer berühmten vornehmen Pension zugebracht. Bisher hatte sie den Bruder selten vermißt, jetzt fragte sie sich bang, wie er das Unglück tragen werde und sehnte sich nach ihm wie nach der einzigen Stütze, die sich so in den neuen fremden Verhältnissen bot. Endlich hielt der Zug, es war 9 Ubr Abends. Die gräfliche Equipage wartete schon; Maria kam sich in dem Drängen und Treiben des Menschengewoges plötzlich wieder allein und verlassen vor, und die Scheu vor dem Eintritt in die ganz neuen Verhältnisse erwachte stärker wie je. Aber zum Besinnen war keine Zeit; der Wagen, in welchem sie jetzt saßen, fuhr durch ein offenes Thor in einen hellerleuchteten Hof, sie wurde herausgehoben, eine Treppe hinangeführt, und dann plötzlich sah sie sich in einem hellen, freundlichen Salon, dessen behagliche Wärme ihr sehr wohl that. In der Mitte desselben stand ein reich besetzter Theetisch, und bei ihrem Eintritt erhob sich eine kleine Gesellschaft von fünf Personen, die den Grafen lebhaft begrüßte. Es waren drei Damen und zwei Herren, die letzteren junge, elegante Männer, während die drei Damen die drei Zeitalter zu repräsentiren völlig geeignet schienen. Die Aelteste, eine lange, magere Gestalt, wurde von dem Grafen nach flüchtiger Begrüßung seiner Gemahlin als Baronin Lautenberg in verbindlichster Weise angeredet; sie mußte schon hoch in Jahren sein, nach dem von tausend Runzeln und Fältchen durchfurchten Gesicht und dem pergamentartigen Teint zu urtheilen, aber die großen, falkenartigen Augen von dunkler Farbe, welche mit langsamen, aber unglaublich festen Blicken Alles zu erfassen, Alles zu ergründen und zu durch ⸗ bohren schienen, verriethen nichts von den Schwächen und der Apathie des Alters, sondern im Gegentheil eine fast jugendliche Kraft. Die Gräfin Paula hatte eine gewisse Aehnlichkeit mit dieser Schwester ihrer verstorbenen Mutter, aber wenn ihre Augen auch eine ähnliche Schärfe des Blickes gelegentlich zu haben schienen, so waren sie doch meist von einem sanften, gütigen Lächeln überglänzt, welches dem leisen, weichen Ton und der gemüthvollen Rede der Gräfin entsprach. Sie war eine noch sehr schöne, vornehme Er⸗ scheinung, und ihre Art, sich zu kleiden— sie trug mit Vorliebe nur dunkle Stoffe— hob die Frische und Feinheit ihres Teints und den Glanz ihrer Augen noch mehr hervor. Gräfin Paula war eine entzückende Frau— so lautete das einstimmige Urtheil der Gesellschaft, und die Gräfin legte hohen Werth darauf.— Elma, die einundzwanzigjährige Tochter, schien in ihrer Zierlichkeit und Pikanterie das strikte Gegentheil der Mutter. Ihr feines, reizendes g Köpfchen, das helle Goldhaar, die blauen, dunkel umrahmten Augen, das rothe, immer plaudernde Mündchen— Alles zusammen machte sie schön wie eine neckische Elfe. Da standen sie Alle, umringten den Grafen und die ganz geblendete, verwirrte Maria. Die beiden jungen Offiziere richteten immer wieder verstohlene Blicke auf die Letztere, und in dem Gewirr war es derselben, als sei sie nie so verlassen gewesen wie jetzt. Diese ganze Scene heiteren Behagens und liebenswürdigster Häuslichkeit kam ihr dabei vor wie eine Komödie, und dann fiel ihr Blick zu— fällig in den Spiegel und sie sah neben der lichten, schönen Elma eine düstere Gestalt stehen mit ganz zerzaustem schwarzen Lockenhaar und erschreckten, weit aufgerissenen Augen voll unheimlichen Feuers; das war sie, sie selbst!— Wie sah sie aus? So bleich! Und wie chiffonirt und zerknittert war ihr Anzug neben dem eleganten Haus⸗ kostüm und dem spitzenbesetzten Seidenschürzchen der Kousine!— Ein einziger Blick hatte genügt, Maria dies Alles zu zeigen; sie kam sich ganz fremd vor, und sie hätte nicht ein Weib und so jung sein müssen, um nicht unter dieser Wahrnehmung zu leiden.„Ich gehöre nicht hierher! Ich passe nicht zwischen diese frohen, glücklichen Menschen!“ schrie es in ihr. „Die arme Kleine! Traurige Verhältnisse, höre ich. Nun, Paula ist ja so engelgut,“ flüsterte neben ihr, ihren von der Auf— regung geschärften Sinnen deutlich vernehmbar, die Baronin Lauten⸗ berg dem Grafen zu. „Nun, lieber Lornom, glücklich wieder da? Wie geht's bei Ihnen zu Haus? Vergnügte Jagd gehabt?“ wandte sich der Onkel, die Lautenberg überhörend, hastig an einen jungen Mann im Civilanzug. „Famos, Excellenz, danke bestens! Papa hat mir seine an⸗ gelegentlichsten Empfehlungen an Sie aufgetragen.“ „Guten Abend, Bollen, was giebt es Neues? Sie müssen mich in aller Eile au courant setzen. Haben Sie Bernburg nicht gesehen? Was bringt man denn in den Zeitungen? Ich habe seit drei Tagen keine angesehen, im Eisenbahnwagen kann ich zudem nicht lesen!“ So plauderte Graf Bolko gleich mit Allen, und seine Grandezza und mißmuthige Würde, die Maria so unleidlich gewesen war, hatte im Kreise der Seinen einer offenen, wenn auch gemessenen Heiterkeit Platz gemacht. „Du bist uns von Herzen willkommen, liebe Nichte, und ich wünsche aufrichtig, daß Du Dich bei uns wohl fühlen möchtest. Wir leben zwar sehr ruhig und geordnet, das tägliche Einerlei einer glücklichen, anspruchslosen Familie,“ sagte gütig unterdeß Gräfin [Paula, und streichelte Maria's verwüstete Frisur glatt, wobei sie ebevoll gegen ihren Gemahl bemerkte, das arme Kind sei sehr blaß, und es werde vielleicht eine Wohlthat sein, es hinaufzuschicken, damit es heute nur ruhe und sich erhole. „O nein, nein, Mama, laß sie bei uns; ich muß meine neue Kousine doch erst kennen lernen,“ rief Helo und schmiegte ihr blondes Köpfchen an Maria's Schulter. Daß dabei ihre Augen auf den Spiegel fielen, dem sie gerade gegenüberstanden, war wohl Zufall. Es konnte keinen größeren Kontrast geben, als den der beiden Köpfe. —„Der Engel des Lichts und der Finsterniß!“ flüsterte wiederum ganz hörbar, mit entzücktem Lächeln Helo zunickend, die alte Baronin Lautenberg der Gräfin Paula zu. i „Das sollst Du morgen, Helo. Sei nicht egoistisch, ich bin überzeugt, Maria ginge heute lieber gleich hinauf,“ sagte diese in derselben Güte; aber Maria war es, als läge in der sanften, milden Stimme ein Wille, ein Befehl, der keinen Widerspruch duldete. „Ich bitte sehr, gnädige Frau, Sie kommen meinem Wunsch zuvor!“ bat Maria. f: „Aber,„gnädige Frau“? Bin ich nicht Deine Tante, meine Kleine? Tante Paula! Und bei mir sollst Du eine Heimath und alle Liebe, deren Dein Herz bedarf, wiederfinden!“ sagte die Gräfin gütig und die fremden Herren anlächelnd. Dann trat sie zu ihrem Gemahl, der bei der ersten Erwähnung, daß Maria heute gleich ruhen solle, unzufrieden Einspruch erheben wollte, dann aber geschwiegen und mit den Herren, welche sichtlich interessirt diese kleine Familienscene beobachteten, weiter geredet hatte, und stellte ihm vor, daß es besser sei, die arme Kleine heute sich selbst zu überlassen. a 5 5 „Nach all' den traurigen Exlebnissen!“ setzte sie, wie um ihrer Bitte Nachdruck zu geben, hinzu, als er zögerte. i Da nickte er mit dem Jupiterausdruck. Maria fühlte, er sei nicht recht einverstanden; aber er sagte ihr wohlwollend:„Gute Nacht!“ und ganz erleichtert athmete sie auf, als sie, von der Gräfin geleitet, das Zimmer hinter sich hatte. „Ich will Dich selbst hinaufbringen, liebes Kind, Du schläfst dicht neben meiner jüngeren Tochter Heloise, die heute im Theater ist. Ich fürchte, Du wirst Dich sehr mangelhaft quartiert finden, verwöhnt, wie Du nach Allem, was ich höre, in hohem Grade bist, aber wir waren so garnicht darauf vorbereitet, und dann kann ich dauernd keins von den andern Logirzimmern missen. Nun, ich hoffe, Du bist noch so jung und frisch, daß Du Deine kleinen bisherigen Gewohnheiten nicht zu schwer ablegst. Jedes Hauswesen hat seine Ordnung für sich, jede Familie hat ihre eigenen Ansichten, weißt Du. Und nun schlaf wohl, liebes Kind, ruhe, und sei versichert, wir werden Dich Alle lieb haben und Dir helfen, Dich in unseren einfachen Verhältnissen zurecht zu finden.“ Die Gräfin gab der eintretenden Jungfer einige Befehle, welche mit der Versorgung Maria's nichts zu thun hatten. Dann sagte sie, als die Dienerin sich wieder entfernt hatte:„Bist Du an viel Hilfe gewohnt bei der Toilette, liebes Kind? Unglücklicherweise habe ich nur die nöthigste Dienerschaft, nur eine einzige Kammerjungfer. Wir sind natürlich jetzt zu den größten Einschränkungen gezwungen.— Nun, so würde es Dir also nicht unbequem sein, Dir allein zu helfen? Das ist mir sehr lieb! Das gewöhnt sich auch Alles; je weniger Bedürfnisse ein Mensch hat, um so besser für ihn. Und nun nochmals gute Nacht! Träume gut!“ Die Gräfin legte mit zärtlichem Lächeln ihre reizende, weiße Hand auf Maria's Locken, dann ging sie mit einem letzten freundlichen Nicken hinaus. Das junge Mädchen sah ihr nach. Die Thür hatte sich längst hinter ihr geschlossen, das leise Rauschen ihres Kleides war schon längst verhallt, immer noch hafteten die schwarz funkelnden Augen Maria's auf der Thür, hinter welcher sie verschwunden war. „Komödianten!“ sagte sie dann ganz laut und langsam, wie unbewußt, und eine bittere Verachtung zuckte um den kleinen Mund. Dann aber hob sie die Arme wie verzweifelnd empor, die Hände gefaltet, das Gesicht von plötzlichen Thränen überfluthet. „Und das soll ich tragen, das soll meine neue Heimath sein? Jedes Wort ein bewußter Hinweis auf das Gnadenbrod.“ Sie sank neben dem schmalen, einfachen Bett auf die Knie, und der ganze Körper bebte vor Erregung. Todtmüde, ganz erschöpft stand sie nach einer Weile auf, ent⸗ kleidete sich, badete das blasse Gesicht in dem kalten Wasser, kämmte ihr Haar und wollte die prachtvollen Locken, die sich wie tausend kleine Schlangen um ihre Arme und Hände kräuselten, einflechten, um sich zur Ruhe zu legen, als an die Thür geklopft wurde. Beinah erschrak sie; das Alleinsein erschien ihr wie eine Wonne, sie fürchtete jedes Menschenantlitz heute. Dennoch öffnete sie. Nein— dies liebe, sanfte Gesichtchen mit den treuen, offenen Augen konnte sie nicht fürchten! „Ich bin Helo; Benette sagt mir eben, Papa wünsche, daß ich Dich noch begrüße, und ich thu' es so gern, liebe Maria,“ flüsterte fast befangen, aber mit unbeschreiblich einfacher Liebenswürdigkeit dies siebenzehnjährige Mädchen und huschte in das Zimmer, sich forschend nach allen Seiten umsehend.„Du findest es hier gewiß sehr einfach, liebe Maria, aber— Mama meinte, sie könne die Fremdenzimmer nicht entbehren— und dann— wenn es auch nicht so hübsch hier ist, wie Du es gewiß gewohnt bist— wir wollen dennoch hier glücklich sein! Mama sagte, Du würdest nicht in der Stimmung sein, die Hofgesellschaften mitzumachen. Da dachte ich, es wäre Dir vielleicht nicht unlieb, wenn ich Dir zuweilen Gesell⸗ schaft leistete. Sieh, ich wohne hier neben Dir, die Zimmer sind ganz gleich und nicht gerade freundlich, aber wenn die Sonne scheint und bei Kerzenlicht geht es schon, und wenn wir später diese Mittel⸗ thür aufschließen lassen, so wird es uns gar nicht so eng und düster vorkommen.“ Maria fand nichts zu antworten. Sie konnte nur immer voll Freude in das treuherzige, liebe Antlitz der jüngeren Kousine sehen, und ganz erleichtert gab sie ihre beide Hände und sagte sehr über⸗ zeugt:„Du bist gut, Helo! Ich danke Dir von Herzen; wir wollen hier ganz zufrieden sein, und ich biete Dir ebenso ehrliche Freundschaft, wie ich sie in Deinen Augen sehe.“ Helo von Isenreut war sehr einfach kostümirt und trotz ihrer schlanken Figur und ihrer Größe doch noch in den Kleidern der halberwachsenen Mädchen. — 3 ** n 2324 „Du glaubst nicht, wie froh ich bin, wieder eine Gefährtin zu haben,“ plauderte Helo weiter.„Seit meine Gouvernante, seit die lustige Miß Perny fort ist, saß ich fast jeden Abend allein. Mama und Elma gehen jeden Tag in Gesellschaft oder haben Besuch, und wenn der unangenehme Mensch, der Baron Glaustätt, da ist, oder dieser langweilige Assessor von Bollen, so bin ich doch nur zu sehr de trop und bleibe schon gern hier oben. Nicht wahr? Heute sind sie wieder da. Natürlich! Mama nimmt mit Engelsgeduld all dies fade Gerede hin und übersieht mit himmlischer Milde alle Kapriolen und Koketterien Elma's, denn Glaustätt ist eine sehr gute Partie, und Bollen's böse Zunge muß man in Dienst nehmen, sagt Elma.— Na, und es ist auch Zeit, daß sie heirathet, man kann mich doch nicht ewig in der Kinderstube lassen! Diesen Winter werde ich achtzehn Jahre alt, Elma im Frühling zweiundzwanzig, und sie und Mama wollen mich durchaus nicht für erwachsen an. sehen.“ Dann fragte sie plötzlich:„Wie alt bist Du, Maria?“ „Neunzehn!“ „Nicht älter? Armes Herz, wie Du bleich und angegriffen bist! Komm, setze Dich; ich flechte Dir Dein Haar; laß mich, bitte, Du siehst so müde und traurig aus.— Ich weiß wohl, Ihr habt auch Grund, aber am Ende, Mia— nicht wahr, so nennt Deine Mama Dich?— es ist ja nur Geld und Gut, das Ihr verloren habt, das macht doch das Glück nicht aus. Mir ist es unbegreiflich, wie man davon so viel Wesens machen kann. Wenn ich Elma's schöne Kleider sehe, denke ich tausendmal: für das viele Geld hätte sie so viel Besseres haben können, oder: sie wäre in einem einfachen Kattunkleide doch eben so reizend.— Grämst Du Dich, daß Du arm bist, Maria?“ „O ja, Helo, ich gräme mich sehr darum. Wir waren so reich, und zu Hause war ich, wie Elma hier, das Licht des Hauses; ich war gefeiert und verwöhnt wie sie. Das ist nun vorbei, Alles vorbei, und ich mußte von Mama gehen, um——“ Eine ihr selbst unklare Scheu hielt Maria zurück, zu sagen, daß sie nur gekommen sei, sich gut zu verheirathen. Seit Helo von Elma plauderte, kam ihr diese Absicht auf einmal nicht mehr so leicht ausführbar vor. Elma, die so schön war, strebte eben auch nach einer guten Partie und hatte sie in diesen drei Jahren nicht gefunden. Drei Jahre! Und die hier verlebt? Wie furchtbar er⸗ schien ihr der Gedanke. Wie unwürdig kam es ihr plötzlich vor, so gewissermaßen auf die Jagd zu gehen nach einem reichen Manne. Aber das that sie nicht— nie und nimmermehr—! Sie wollte sich nur finden lassen, wenn das Glück ihr die gute Partie ent⸗ gegenführte, die sie machen mußte, um nicht ferner von der Gnade Anderer abhängig zu sein. Und sie wollte dies thun nicht um ihret— willen! Die Mutter, die arme Mutter, wollte sie ja dann zu sich nehmen. „So, liebe Maria, Du bist nun fertig! Hier ist das Nacht— häubchen. Wie reizend Dich das kleidet! Du siehst aus wie eine traurige, schöne Carmeliterin, sie tragen ganz weiß, es fehlt Dir nur der hanfene Strick um die Taille und der Rosenkranz. Aber Nonne willst Du nicht werden, gelt? Ach, da lacht sie endlich einmal. Wie hübsch macht Dich dies Lachen. Komm, meine kleine Mia, jetzt leg“ Dich nieder; morgen früh weck ich Dich, und recht spät sollst Du aufstehen. Dann bist Du wieder muthig und frisch. Schlaf wohl, Maria, bete um ein frohes Herz!“ Damit ging sie. Ach, beten. Und um ein frohes Herz. Maria's Herz war so zentnerschwer, daß es nicht einmal die Kraft hatte, sich zum Beten aufzuschwingen; gleichwohl betete sie auch ohne Worte, wenn ein heißes Verlangen nach Gottes Hilfe so genannt werden kann. Wie undurchdringliche schwarze Wolken lag der Aufenthalt in diesem Hause vor ihr. Eine Woche war seit Maria's Ankunft vergangen und sie hatte in dieser Zeit volle Muße gefunden, sich zu orientiren im Hause und den Familienverhältnissen des Grafen Bolko— Muße genug, denn man ließ sie vollig gewähren. Unter den liebevollsten Worten der Gräfin und dem heiteren Geplauder Elma's, welche in der That des Morgens am Frühstückstische in ihrem Benehmen gegen den Gast nichts zu wünschen übrig ließen, lag vom ersten Augenblicke an die Annahme der Damen, daß Maria, in Anbetracht der traurigen, eben erst überstandenen Katastrophe in ihrem elterlichen Hause, über⸗ haupt gar nicht wünschen könne, an der Geselligkeit der beiden Damen theilzunehmen. Maria fühlte vollkommen die Absicht in diesen Reden heraus; ihrem natürlichen Scharfsinne entging es nicht, daß man sie fern halten wollte von jeder derartigen Geselligkeit, aber sie war weit entfernt, zu glauben, die Tante fürchte, Elma eine Rivalin zu geben. Zu jeder anderen Zeit hätte es sie geschmerzt und bedrückt, sich so zurückgedrängt zu sehen, für jetzt war sie froh, so allein mit sich und Cousine Helo, deren natürliche, aus dem Herzen kommende Liebenswürdigkeit sich immer gleich blieb, zu sein. Sie hatte in der That eine solche Stille nöthiger, als die Gräfin dachte, um den Sturm in ihrem Innern, die Bitterkeit über ihr unverschuldetes Schicksal in sich zu überwinden. Und da war ihr Helo stets eine Trösterin, die allemal durch ihre einfachen, aufrichtigen Grundsätze, die nichts Erlerntes, sondern immer nur Selbstempfundenes waren, die neu aufquellende Bitterkeit zu lösen wußte. „Ich könnte so reich sein. Großpapa war es, Mama war die reichste Erbin im Lande!“ darauf kam sie immer zurück. „Und wenn Du's nun wärest—? Hat denn der Reichthum Deine arme Mutter glücklich gemacht?“ fragte Helo dagegen. „O, wäre ich reich!“ sagte ein anderes Mal Maria. „Und wenn Du Berge versetzen und mit Engelzungen reden könntest und hättest der Liebe nicht. Wie?“ antwortete Helo. Als Maria den ersten Brief an ihre Mutter schrieb, einen langen Brief voll Liebe und Sehnsucht, da weinte sie. Helo trat zufällig herein und erkannte sofort den Grund dieser Thränen. „Ich lerne einen Vers, Maria, er paßt für Dich auch, sagte sie: „Lerne Dich bescheiden, dann was auch schiede, Es bleibt Dir der Friede!“ Und in all' diesem Reden und Thun war eine Schlichtheit und eine Wahrheit, daß sie damit allein sofort überzeugte. Nie war Maria eine ähnliche Mädchennatur vorgekommen. Sie schloß sich an die jüngere Gefährtin mit einer beinahe leiden⸗ schaftlichen Liebe und Hingebung an, und diese Liebe war es, welche Maria das Leben hier ertragen und nach und nach immer leichter werden ließ. Nur in einer Hinsicht mußte Maria ihr Vertrauen beschränken. Helo hatte offenbar keine Ahnung von der Falschheit und Heuchelei der Mutter und Elma's; sie aber sah mit der vollsten Klarheit jeden neuen Schachzug und die Absicht, die man dabei hatte. Und diese Absicht war so demüthigend, so verletzend. (Fortsetzung folgt.) Noch nicht verloren. Novelle von Hermann Birkenfeld. „Morgen! Morgen! Und dabei wollen Sie nur ein paar Tage hier bleiben!“ „Ich habe ja das gerichtliche Inventarium, Rahdebrok.“ Rahdebrok nahm ärgerlich eine Prise aus seiner großen Dose. Dann sauste diese eine ganze Strecke weit über den unbedeckten, glatten Tisch des Komptoirs. f „Das Inventarium! Das ist garnichts. Ich kann doch die Prokura, die mir das Gericht gelassen hat, nicht ewig auf eigene Faust weiter führen! Sie müssen doch wissen, wie es im Geschäft aussieht, Einsicht in die Bücher nehmen!“ Der weißhaarige kleine Mann schritt entschlossen auf eine Stuben⸗ ecke zu und schickte sich an, dem kleinen Kassenschrank einen ziemlichen Stoß Geschäftsbücher zu entnehmen. Abwehrend aber streckte der Jüngere die Hand aus. ich bin wahrhaftig satt von lauter Geschäften.“ den Schlüssel aus dem Schrank zog. „Hm! Ist auch was! Wie Sie wollen— Sie sind der Herr.“ Jetzt lächelte der junge Mann zum ersten Male. Aber trüb', ee als legte sich zugleich ein daͤmmerhafter Schleier über seine ugen. daß ich Mühe habe, mich zu ruhigem Ueberlegen zu sammeln.“ 5 „Nein, nein! Ich weiß ja, das ist Alles in Ordnung. Und 5 Rahdebrok bewegte nachdenklich den Kopf, als er leise seufzend. „Seien Sie nicht bös mit mir, Vater Rahdebrok!“ sprach er 1 mit Wärme.„In letzter Zeit ist so Manches auf mich eingestürmt, 1 Ein Nothverkauf. Nach dem Gemälde von Anton Müller. 9 —. 2326. „Freilich, der Tod des Onkels— auch was!“ Das Weitere verlor sich in unverständlichem Gemurmel. Der Alte schien doch nicht groß geneigt, seinem neuen Herrn die absolute Berechtigung zu seiner„mühevollen Sammlung“ zuzugestehen.„Vater Rahdebrok hin, Vater Rahdebrok her, Herr Alfred, hier handelt es sich nun einmal darum, daß Sie sich bei Zeiten über Ihren Besitz klar werden.“ „Gewiß, gewiß!“ entgegnete Herr Alfred zerstreut. Seine Ge⸗ danken schienen ganz anderswo zu weilen. Er hatte sich an den Fensterrahmen gelehnt und schaute wie träumend in das schleierhafte Zwielicht des Herbstabends. Drüben, jenseits der niedrigen, aber dichten Hainbuchenhecke hoben sich noch einzelne Gruppen von Garten— möbeln undeutlich aus der weißen Nebeldecke hervor, welche dicht über den dunklen Rasenflächen lastete, der Straße zugekehrt spannte sich ein mächtiges Schild in schwarzem Bogen über der Garten⸗ pforte aus.—„Der Garten wird noch benutzt?“ fragte der junge Mann nach einer Weile. „Wie früher. Die Kundschaft ist dieselbe und— nun, das Bier auf der Berglust ja wohl auch. Seit dem Frühjahr haben auch die Offiziere unseres Bataillons den Garten wieder besucht.“ „Leider Gottes ja! Um einem ehrlichen Christenmenschen das Leben zu verbittern. Wissen Sie, Herr Alfred, ich habe noch Jeder⸗ mann, der zu uns kommt, solide und anständig bedient, und dafür bin ich auch sonst von Jedermann selbst anständig behandelt worden, wie's Unsereinem zukommt, aber mit den Herren—“ „Na, na, Schmiedeken! Sie kann doch nicht verlangen, daß die jungen Lieutenants Ihr Komplimente schneiden wie vor vierzig Jahren.“ „Was? Vor vierzig Jahren?“— Sie sind ja der abgefeimteste Aufschneider, der je auskam! Wer hat mir vor vierzig Jahren Komplimente geschnitten, he? Sie doch wohl nicht, Sie alter, ver⸗ trockneter—“ Die Jungfrau Gertrud Schmiedeke, gemeinhin„ die Schmiedeken“ genannt, verschluckte den Rest, oder vielmehr, sie schluckte ein paarmal, um sich zu neuen Extemporationen zu sammeln. „Vor vierzig Jahren dachten Sie ja noch nicht an Röhrstädt, und am wenigsten an unsere Wirthschaft; wer weiß, wo Sie da Komplimente geschnitten haben! Aber ich habe die Herrschaften schon damals bedient und—“ „Und fanden die Gesellschaft viel liebenswürdiger als heute; kann mir's denken.“ Rahdebrok lachte. „Und hatte es mit komplaisanten, gesitteten Herren zu thun— war ja schon damals Militär am Orte, und eine andere Art als heutzutage. Da waren der Hauptmann von Strunkheim und der Lieutenant von Nitzelbuch und—“ „Der's mit fünfundzwanzig Dienstjahren noch nicht zum Kapitän gebracht hatte—“ „Und mir viel lieber war als dies leichtfüßige Volk, dem kaum der Bart wächst, daß man noch nicht so recht weiß, ob eigentlich Haare oder Federn daraus werden, und es will schon ein Wort haben und nörgeln an Allem herum, und je weniger dahinter steckt, um so windiger, und je windiger, desto mehr trumpft das auf. Denn sehen Sie, Herr Alfred, da ist zum Beispiel der Waldemar Dingsda, der von Schönholz, hab' ihm als Jungen so manchmal einen Apfel gegeben oder eine Hand voll Kirschen, wenn er mit Ihnen hereinkam. Aber meinen Sie, daran dächte der heute noch? Immer hänseln, immer faule Witze, keinen Respekt vor dem Alter! Denkt vielleicht, ich ärgerte mich über ihn! Wär' mir grad ge pfiffen, mich über so'nen Springinsfeld zu ärgern, so'nen Wind⸗ beutel, so'nen Laberdan, so' nen Habenichts—“ „Pst, pst, Schmiedeken! Sie vergißt, daß Sie zu Herrn Alfred redet.“ Hier stemmte aber die Schmiedeken beide ansehnlichen Hände in die Seiten, um sich in ihrer ganzen Länge— und sie überragte den kleinen Rahdebrok um ein Beträchtliches— vor ihren Gegner zu pflanzen. „So! Wer hat mich denn erst durch seine Windbeuteleien ge- reizt? Und wie man auf den Busch klopft, so schallt's heraus, allemal; Herr Alfred aber weiß ganz gut, wie ich's mit ihm meine, der kennt mich nun just lange genug, aber Sie— an Ihnen lernt man ja wohl in Ihren alten Tagen noch jede Stunde neue Un⸗ tugenden.— Aber er ist garnicht werth, daß man sich seinethalben den Appetit vergehen läßt, Herr Alfred, und das Abendbrod ist fertig, Reibpfannkuchen und Stippmilch, das war ja früher Ihr Leibgericht, und deshalb bin ich eigentlich nur hereingekommen.“ „Dann wollen wir Sie auch nicht länger warten lassen, Gertrud,“ sagte der junge Herr des Hauses ein wenig erheitert. Der lebhafte Erguß aus Jungfer Schmiedekes Zornschale schien nicht ganz ohne Wirkung auf seine Gemüthsstimmung geblieben zu sein. 5 Man ging in samem Mahle. Das Fräulein Gertrud, als oberste Leiterin des Haushalts, war nur stoßweise zugegen. Alle Augenblicke mußte sie einmal hinaus in 8 die Küche und Leutestube, wo das Arbeitspersonal der Brauerei sein Nachtessen hielt. „Die flötet, wie Sie sehen, meinte der Alte.„Nun, eine treue nur so seine kleinen Eigenheiten. Wenn die Herren Lieutenants ihr unbequem werden, könnte sie ja eins von den Mädchen hinaus- chicken, sie zu bedienen, aber ich glaube, sie fürchtet in jedem bunten Rock gleich einen Don Juan. Freilich, mit dem Waldemar, mit Herrn Heußner, hat sie nicht so ganz Unrecht. Uebrigens— ja, ich habe vergessen, Ihnen das zu sagen— er hat sich heute Morgen schon nach Ihnen erkundigt. Ob Herr Doktor Krohne schon an⸗ gekommen wäre— und da wollte ich doch fragen— nichts für un⸗ gut Herr— Herr Alfred— sind Sie denn Doktor?“ „Nennen Sie mich nur weiter wie bisher, Rahdebrok; der Titel thut ja nichts zur Sache, und— es möchte am Ende auch—“ „Klingt allerdings ein bischen sonderbar: brauerei von Doktor Krohne, vormals O. A. Jannecke.“ Der Prokurist lachte behaglich. Doktor Alfred Krohne lachte nicht mit. Die gute Schmiedeken grollte ihm hernach, daß er ihren kulinarischen Produkten so wenig Ehre anthat. Er schien sehr nachdenklich geworden, noch mehr als zuvor. Waldemar Heußner? Was wollte er von ihm?— Aber er fragte nicht. Schweigend saß er noch einige Minuten seinem alten Freunde gegenüber, dann ließ er sich Licht bringen und ging hinauf auf sein Zimmer. f— Es war dasselbe, welches er früher, vor Jahren, bewohnt hatte. Derselbe Ofen, derselbe Tisch, dasselbe steifbeinige, altersglänzende Kanapee, dieselbe massige Kommode aus gebohntem Eichenholz und immer noch die nämliche Tonart,“ das anstoßende Gemach uns setzte sich zu gemein 0 heißt, Rahdebrok und Herr Alfred thaten das; 1 Seele ist sie doch. Das hat Zur Berglust, Bier- darauf ein wackliges Repositorium mit einigen Büchern. Planlos kramte er zwischen diesen; zuletzt schlug er ein dünnes Heft auf. Am 15. August 1887. Ich möchte zaubern dir ein Schloß Von Marmorstein. 5 Gern würfe ich in deinen Schooß Viel Gold hinein. Gern bettete auf Rosen ich Dich holdes Kind, Und wollt' ein Dörnlein stechen dich, Ich bräch's geschwind... Die Bücher schienen auf demselben Fleck volle acht Jahre aus gehalten zu haben, unberührt, wie er sie dereinst verlassen. Warum auch nicht? Dem alten Onkel sah es ganz ähnlich, keine Notiz da- von zu nehmen. Vielleicht auch hatte er dies Gemach aus Groll gegen dessen einstigen Bewohner gar nicht mehr betreten seit jener Zeit— vielleicht— ja, vielleicht war dieser Bewohner sehr gegen seinen Willen jetzt wieder Herr desselben Zimmers, Herr des Hauses, der ganzen Besitzung geworden, sein Universalerbe... Vielleicht, daß der Schlagfluß, ein Ende setzte, ihn nur vorzeitig hinderte, scheinlich... War ja doch anzunehmen, daß der Verstorbene lieber andere Personen zu Erben gewünscht hatte, als gerade den Neffen, von welchem er seit acht Jahren nichts hatte wissen mögen, welcher der rastlosen Thätigkeit des Einsamen ein Testament zu Gunsten entfernterer Verwandten zu machen. Vielleicht— nein, 0 5 dessen briefliche Annäherungsversuche er einfach ignorirt hatte. Alfred Krohne kam sich vor wie ein Eindringling in die besser begründeten Rechte Anderer.— Aber nein, diese Anderen standen nicht nur ihm selbst fern, sie hatten sogar dem Oheim ferner gestanden als* und sie waren wohlhabend... Wenig Dank hätte er geerntet, w er das Erbe ausschlug. Man hätte den„unpraktischen Mensch in ihm wieder einmal gründlich belacht. 8 Denn ein unpraktischer Mensch war er gewesen, seit er die Bänke des Rohrstädter Gymnasiums abgerutscht hatte, und er war sich dessen bewußt. Das Allerunpraktischste nur, dessen er sich in den Au seiner lieben jetzigen Mitbürger schuldig gemacht hatte: daß er v 0.5 — S 2 3 327 D. zog, gegen den Willen seines Onkels, dem er schon aus purer Dankbarkeit hätte folgen müssen, eine Universität zu beziehen, dort und später, von Ort zu Ort gehetzt, ein kümmerliches Dasein zu fristen, anstatt wie der alte Jannecke auf der„Berglust“ Bier zu brauen und sich dabei— wiederum wie dieser— ein behäbiges Bäuchlein und eine bewundernswerthe Seelenruhe anzugewöhnen— diese Quintessenz aller Dummheit, wie die guten Röhrstädter es nannten, erschien ihm garnicht so ungeheuerlich, wennschon er sich nichts weniger als zufrieden fühlte. Unpraktisch war aber sicherlich von ihm, daß er sich in seinen Studienjahren auf allerhand schön⸗ wissenschaftliche Allotria warf— freilich zunächst nur, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen— sehr unpraktisch, daß er dann gar bald sich von der Tyrannei der Feder beherrschen ließ, daß er, der sich mit leidlichem Geschick an kleinere Sujets gewagt hatte, all⸗ mählich von schriftstellerischem Ehrgeiz ergriffen, immer ernstere, höhere Probleme— und das mit sehr geringem Erfolge— zum Gegenstande seines Denkens machte, schlimmer noch, daß er sich mit Vorliebe der brotlosesten aller Künste, der Lyrik, in die zwar heiß um⸗ strickenden, aber leider Gottes nur sehr kümmerlich aufrecht haltenden Arme warf, am schlimmsten und unpraktischsten, daß er sich dabei garnicht vom Geschmack des Publikums beeinflussen ließ, daß er sich trotz seiner mißlichen Lage nicht entschließen konnte, in's scharfe Horn des weltverdonnernden Pessimismus zu stoßen.„Ein Phantast!“ sagte der Eine,„ein Mensch, der um ein Jahrhundert zu spät auf die Welt gekommen ist,“ der Andere,„ein Träumer, ein Bummler, ein Krüppel, aus dem all' sein Lebtag nichts wird,“ lautete das Verdikt der Röhrstädter. Und doch besaß Alfred Krohne Talente, große Anlagen. Freilich keine zum großen Dichter. Mit einem sehr mäßigen Wechsel aus⸗ gestattet, hätte er es wahrscheinlich zu einem ganz tüchtigen Philologen gebracht— fortwährend auf Erwerb angewiesen, war nichts aus ihm geworden als ein Doktor der Philosophie und schließlich— doch Brauereibesitzer. Als solcher war ihm aber augenblicklich sehr un— engbegrenzten Anschauungskreis der eigentlichen Röhrstädter Bürger, zu denen er seiner Herkunft gemäß gehörte, hätte sich der„Poet“ schwerlich gefunden— bei der Creme der Stadt, einem wirklichen Kommerzienrath, um dessen Familie sich ein paar andere von minderem finanziellen, doch ähnlichem gesellschaftlichen Gewicht drehten, wie die Planeten um ihren Fixstern— bei dieser Quintessenz der haute volée hätte der„Bierbrauer“ nicht gegolten. Er wollte Rahdebrok be⸗ auftragen, das ganze Anwesen zu verpachten und dann abreisen. wohin? Er wußte es selbst nicht. Doch— war er nicht wohl⸗ habend jetzt?... und sie noch frei!... Wenn sie noch dächte, fühlte wie er!... Konnte er nicht versuchen, bei ihr anzuklopfen „Ich möchte zaubern Dir ein Schloß“— wie die Verse, die er als zwanzigjähriger Jüngling hingeschrieben, ihm jene alten Tage wieder wachriefen, wo er noch aus- und eingehen durfte drüben auf Schönholz, welch süßes, lebensfrisches Bild sie vor sein Auge zauberten, einen Mädchenkopf, halb ein Kind noch, mit braun⸗ welligem Haar, über welchem die breite Schleife von dunkelrothem Atlas wie ein leuchtender Falter flatterte, sonnige Tage, an denen er mit ihr und ihrem Bruder auf dem breiten Graben umher⸗ gerudert war, der die Besitzung ihrer Mutter, der Landräthin, um⸗ gab! Sonnige Tage! Doch auch in trüben glänzte ihn nachher dasselbe heitere Gesichtchen noch lange Zeit an, auf sommerlichen Mondesstrahlen umgaukelte ihn die elastische, schlanke Gestalt, im Geflüster der Blätter glaubte er ihre Stimme zu hören, im Ge⸗ dämmer der Winterabende theilte sich ihm das Zwielicht, und sie stand vor seinem Auge in all' dem berückenden Zauber, den die Erinnerung schafft, und er sckloß es und flüsterte leis': ich liebe Dich.“ Und jetzt ward das Alles wieder in ihm lebendig, keine andere weibliche Gestalt hatte sich ja zwischen den Gegenstand seiner rühen Lieder und ihn selbst geschoben— er sah die Frauen, aber r war nicht anders gewohnt, als sie anzuschauen, wie man etwa ein schönes Bild, eine Statue, bewundert, nur daß er dabei mit anderem Auge sah als seine Mitmenschen: mit dem des Träumers. Es war auch gut so, er war sicherlich nicht der Mann, gerade Frauengunst zu heischen. Jetzt eben, wo sein Blick in den alten Spiegel fiel, welcher in verräuchertem Rahmen über dem Sopha hi ak er vor seinem eigenen Bilde zurück, vor den eckigen, 3 g g sich der Kopf auf dem zu Sonst war er nicht gerade 4 überhohen Schultern, zwischen welchen kurzen Nacken nur ungelenk bewegte. behaglich zu Muth. Er wußte, hier würde er nicht bleiben: in den häßlich, aber bis zum Komischen steif, unbeholfen. Daran hatte man ihn nur zu oft erinnert. Und nur zu oft hatte das Leben ihn aus seinen Träumen mit rauher Hand jäh in die nüchterne Wirklichkeit geweckt, so oft, daß er zuweilen nahe daran war, zu verzweifeln. So manche Lehre hatte es ihm ertheilt— und doch hatte er nur wenig von ihm ge— lernt. Er stand so allein, wie felten Jemand, freilich ohne sich bewußt zu werden, daß er die Menschen noch nie gesucht hatte. Und in dieser Einsamkeit war ihm der materielle Wohlstand, in den er sich plötzlich versetzt sah, fast gleichgültig. Er stand auf und öffnete das Fenster. (Fortsetzung folgt.) Lose Blätter. Ein Nothverkauf.(Siehe Illustration.) In die Werkstatt eines Geigen⸗ machers werden wir durch das Genrebild Anton Müller's versetzt. Be⸗ kanntlich giebt es auf dem Gebiete des Kunsthandwerks kaum eine seltsamere Erscheinung, als das Entstehen und Vergehen der Cremoneser Geigenindustrie. Im Laufe des siebzehnten Jahrhunderts blühte dieselbe auf und erreichte unter Amati und Stradivari ihren Höhepunkt, im vorigen Jahrhundert aber verfiel dieselbe ganz. Die Geigenmacher der Gegenwart stehen den Arbeiten der berühmten Meister Cremonas wie einem ungelösten Räthsel gegenüber; sie vermögen äußerlich die Form nachzuahmen, aber den Klang können sie ihren Instrumenten nicht geben. Eine so ungeheure Anzahl trefflicher Geigen und Celli nun auch aus den Werkstätten der Cremoneser Meister hervor⸗ gegangen sind, so wurden doch viele verloren und zerstört im Laufe der Zeit, andere werden von Sammlern dem Gebrauch entzogen. Besonders hinderlich für die Erwerbslust der Musiker ist die Sammelwuth reicher Eng⸗ länder, welche für kostbare Instrumente erstaunlich hohe Preise zahlen und dann diese Schätze Jahrzehntelang in ihren Museen verschließen. So steigen diese seltener und immer seltener werdenden Musikinstrumente von Jahr zu Jahr im Preise und für junge Violinspieler wird die Erwerbung einer klangvollen Geige in der Regel zur ernsten Lebensfrage. Gar oft kommt es noch heute vor, daß kostbare Geigen aus jener großen Zeit in Rumpel⸗ kammern aufgefunden und ahnungslos von den Besitzern um einen Spott⸗ preis verschleudert werden. Ist es doch noch in diesen Tagen geschehen, daß eine Amati für 40 Mark verschleudert wurde, deren Werth die Summe von 4000 Mark überstieg. Die seltsamste Geschichte hat wohl jene herrliche Geige von Stradivari, welche man heute den Messtas nennt. Vor etwa fünfundzwanzig Jahren wurde diese Geige in einem Städtchen bei Weimar um den Preis von vier Thalern versteigert. Sie wanderte dann im Laufe der Zeit durch mehrere Hände, bis endlich Kenner ihren vollen Werth er⸗ kannten. Heute befindet sich dieselbe im Besitz des großen pariser Geigen⸗ fabrikanten Gand Bernardell, welcher jüngst ein Angebot von 240 000 Mk. ablehnte. Das Bewußtsein, in dem Messias die beste Geige der Welt zu besitzen, ging dem Herrn Gand, der sehr reich ist, über die Neigung, seinen Reichthum zu vermehren. Joachim, welcher eine kleine Sammlung werth⸗ voller Geigen besitzt, soll sich jüngst wieder das Vorkaufsrecht auf eine Geige gesichert haben, deren Werth auf 65 000 Mark veranschlagt wurde. Den Werth der vier Instrumente des Joachim'schen Quartetts schlägt man auf 50 000 Mark an. 2 Bekannt dürfte wohl der Umstand sein, daß Deutschland fast die ganze Welt mit billigen Geigen versorgt. Die Stadt Plauen im sächsischen Vogtlande versendet alljährlich Tausende von Geigen, welche theils von Musikern für die Lehrjahre benutzt werden, theils als Kinderspielzeug in die Läden wandern nach allen Gegenden des Erdkreises. Ein Theil der Wälder des Fichtelgebirgs wird durch die Fabriken zu Plauen in Geigen verwandelt. Leider ist aus deutschem Holze noch kein Instrument geschnitzt worden, das sich mit einer Amati oder Stradivari vergleichen ließe. Was unser Bild betrifft, so ist die von A. Müller geschilderte Szene wohl leicht verständlich. Es ist ein armer Musiker, der da dem sachverständigen Geigenmacher sein Instrument zum Verkaufe anbietet. Mit Eifer deutet derselbe auf die vorzüglichen Eigenschaften der Geige hin, während der Alte dieselbe enthüllt und ihren Bau mit kühler Kennermiene prüft. Jedem warmfühlenden Künstler muß es schwer werden, sich von einer Geige zu trennen, die seiner Stimmung gar oft einen volltönigen Ausdruck gab. Solch' ein Instrument wächst uns an's Herz, denn es jubelt und weint mit uns, es tröstet uns gar oft und erhebt unsere Seele in weihevollen Stunden zu den Höhen der Begeisterung. Es giebt Künstler, welche sich von ihrer Geliebten nicht mit größerer Wehmuth trennen würden, als von ihrer kostbaren Geige; das begreift sich, denn im Zusammenleben zwischen Künstler und Instrument kommt es nur zu Dissonanzen, wenn das Letztere schlecht behandelt wird. 5 Fox wurde bei seiner Anwesenheit in Paris gefragt, wie es möglich sei, daß das kleine Inselland die halbe Welt beherrsche.—„Das ist durch⸗ aus nicht wunderbar,“ antwortete er,„was man Britannien nennt, ist nur unser Absteigequartier; die Welt ist das eigenkliche England.“ W. G. Viele Menschen lieben die Dichter blos so, wie sie den Käse lieben, d. h. sie finden ihn nur dann erst gut, wenn er von den Würmern an⸗ gegangen wird. Die Menschen hören nur dann auf, einen Stein auf ihre ausgezeichneten Männer zu werfen, wenn sie ihnen einen Stein setzen können. * * 9 .. ͤ::.. ˙— 2— . —— ——]—. —— Buchstaben-Räthsel. Aus folgenden Buchstaben: a AE a a 2 2a a b ch ch d de ee e ee ee ee EEE e I[mmm nnn nnn n Vöiflti + K* 8 6 8 u u u u K 2 2 2 2 soll ein auf die Spitze gestelltes Quadrat gebildet werden, dessen Diagonalen einen Orden aus den deutschen Freiheitskriegen ergeben. Die dreizehn wagerechten Buchstabenreihen nennen folgende Wörter: 1. Einen Buchstaben. 2. Einen Hieß im südlichen Frankreich. 3. Ein wasserhaltiges Mineral. 4. Einen Wie erkäuer. 5. Einen deutschen drama⸗ tischen Dichter. 6. Eine Stadt im alten Aegypten. 7. Den Orden selbst. 8. Ein Herzogthum in Deutschland. 9. Eine Republik. 10. Einen nord⸗ amerikanischen Freistaat. 11. Einen weiblichen Vornamen. 12. Einen Kanton der Schweiz. 13. Einen Buchstaben. Homo nym. Ein altes Volk, das manchen großen Helden, Auch Dichter und Gelehrte in sich hat, Das, wie de uns melden, Berühmt ist durch so manche That;— Ein Trinkgeschirr in frühern Zeiten Fand auf der Festestafel seinen Ort, Und konnte Fröhlichkeit verbreiten, Wie beides heißt,— das nennet dir mein Wort Silben-Räthsel. a bach be den ent er er lip lo mes ni nir ol pe pritz ri then za zaal Das erste Wort begegnet dir an Welschlands Strand. Das zweite ist 5 Stadt, wo Kunst und Bildung Pflege fand. Das dritte Wort b ezeichnet eine Stadt im Preußenland. In Hollands und Westfalens Gauen Kannst du das viert' als Ort, das fünft' als Flüßchen schauen. In Nassau findest du das sechste an dem Rhein. Das siebente und achte soll in Frankreich sein. Wenn du von oben abwärts nun die n liest, So hast du einen Kaiser, der auch Feldherr ist; Und merkst von unten aufwärts du das letzte Zeichen dir von jedem Wort, Ein Eiland du erhältst, das auch zugleich des Kaisers Todesort. Zueisilbige Charade. Mein Erstes hat wohl jedes Thier, Und auch den Menschen ist es eigen; Doch so es nennen, würde schier Nur von gemeiner Sitte eigen. Mein Zweites hat oft fü ebracht, Allein auch Manchen schon getödtet; Der Spieler hält's die ganze Nacht Bis oft der Tag sich wieder röthet. Mein Ganzes hat mein Erstes auch, Und wird verfolgt von Gartenbauern; Dort wühlt es in der Erde Bauch Bis seine Feinde es erlauern. Auflösung des Kapselräthsels in voriger Nummer: 1. Weihe. 2. Ens. Stein. 4. Ohlau;— des Räthsels: der Buchstabe J;— des Silben. röthsels: Hans Makart, Salzburg— Der Jagdzug der Diana. 1. Hapa; randa. 2. Azoren. 3. Narenta. 4. Somali. 5. Madrid. 6. Assyrier. 7. Karlsrube. 8. Arad. 9. Rothenburg. 10. Torgau. II. Suez. 12. Angermanland. 13. Leipzig. 14. Zama. 15. Baghirmi. 16. Ulster. 17. Rhone. 18. Gottland. Schach. Problem Nr. 471, 0 von J. Berger in Graz, im Problemturnier des deutschen Schachbundes ehrend erwähnt. een N 0 285 I 18 52 2 L Weiß zieht an und setzt mit dem dritten 95 Matt. N 2 2 4 8 * 22. 1 . 7 15 e, 25 . . f Auflbsungen. Problem Nr. 464 von J. Obermann in Leipzig. 1) sdi— 3 8g3—15ʃ(e7— et) 2) Sd7—eß: Kdd- eß(bel.) 3) Db6—-g7(Ses resp. f3) f „Sh: 2) Db5: 3) Dai resp. es Matt. 1) 3) Te5: Matt. 1).. Las zieht 2) Sbör 8) TJe5: Matt. 1) Matt. 1).. 87 oder b6— 15 2) Dg7 3) De5(resp. I. 5) Mat 1). (oder Df) 3) De5(resp. es) Matt.— Der starke Verführungszug 1) Den wird durch Gegenspiel Lbs 2) Ses c4„31 widerlegt. Wie im Hauptspiel 5: er dem durch 8g3—15 dem schwarzen Läufer das Schach auf es verwehrt ist, Variantenspiel auf der Ausnutzung eines guten und 1 versteckten Zugzwanges. auch ein guter Einleitungszug noch vermißt wird, so ist trotz dieses Mangels die Schw keit der Lösung nicht gering.— Die Lösung wurde angegeben von G. Schnitzler in J., Knopf in G., Th. Kraus in B., W. Kron in B, R. Blümel in S. Varianten 1). 1 20 t beliebig 2) cbt Sch: 8) Problem Nr. 465 von J. Berger in Graz. 1) DhS as a3—b?:(a2) G Keö- d: 2) Das—d5 7 Keö-—b é) 2) Le2—e54 Kdö 5! 3) Sc7—ag r Kbé-—as(a7) 3) Das-ahr Keö— ed eb) 4) Dd5—a2(b7) 1 4) Daß-es(b5) f Varianten: a) 2).. Kb 3) Ded Kag(a5) 4) Db5(bz) Matt. 1) Kbél 3) Scat Ke:( 4) Leß Das Matt. 1) so 3) Dag 3) Des resp. 3) Ddöt ꝛc.] 8) 5 4) Das 1 oder oi so 3) Dag: ꝛc.] 3) Leg 4) Lat Matt. 1). 2) Lag Kd4 8) Lba 4) Dd5 resp. e Matt 1) Matt.— Keines der sieben Spiele, aus denen die Löfung sich zusammensetzt, ist das Ergeb einer 2 so lange der Läufer das Damenmatt auf en verhindert— so daß auch h riantenspiel lediglich dem Zugzwang entspringt. der Feinheit des ganzen Variantenspiels schon einen hohen Grad von Schwierigkeit der Lösu so trägt derselbe auch zum Werthe des Problems nicht weniger bei, als das eigentliche? spiel(mit Matt durch a2 abschließend) und 07 bestes Seitenspiel(1).. Kade c. auch die Stellung und der Einleitungszug gewürdigt werden, so bleibt uns eine Berichtig nachzuholen, denn die von uns gebrachte Position weicht von derjenigen, welche den P richtern, so wie im Lösungsturnier vorgelegen hat. in der Aufstellung zweier Steine ab. jener ersten Position hatte die Dame ihren Stan ie Lösung wurde durch den Springerzug nach 67 eingeleitet Von einer Nebenlösung(1)“ Kdä 2) Sd5—ba4l Let 3) Set ꝛc, 2)..es(Keö5, 8) Des ꝛc, 2).. k oder b 3) Dadö ꝛc.] die von Herrn Mangelsdorf in Leipzig entdeckt wurde, nachdem das U bereits gesprochen, ist die unter Nr. 465 gebrachte zweite Fassung, welche der Autor sen Problem gegeben, verschont geblieben, und daß auch die Auffindung des einleitenden Da ges nicht 84 schwierig ist, als die des Springerzuges in der ersten Fassung, haben sowobl aus der Correspondenz unserer Löser, als aus der* hrung 1 en können, we der Damenzug nach s und mehr noch der Zug 1) Sc7 bs, der allein 2 Les wider wird, bietet. Obgleich nun der Dame zug hs—as] für ein im tönigsgediete frei g Feld(ds) zwei andere abschneidet, während der Springerzug für zwei frei werdende Faber und be) nur ebenso viele(ds und 45) neue bedroht. so ist dieser Umhand doch nicht b genug, um einen Vorzug des Springerzuges zu begründen Wäre jedoch eine Aufstellung m bei welcher das Einstehen der in den Hauptspielen zum Opfer fallenden Offiyiere— namen des Läufers— vermieden wäre, so würden wir dieser den Vorzug geben.— Die* sung wi angegeben von W. Kron in B, Dr. Knopf in G., G. Schnitzler in L,. 0 meister in M. Les 2) Das 105 zieht beliebig(hi, 02, ds oder ein breites Die Lösung von Nr. 463 wurde noch angegeben von H. Rosenkrang in B. und 1 Ludwig in F. Briefwechsel. H. R. in B. In Nr. 464 übersehen Sie das Läuferschach auf cs, welches den Spy zug nach es widerlegt; in der folgenden Aufgabe rettet sich Schwarz vor dem Matt in Zügen durch 115—es als ersten Gegenzug.— Die weiteren Lösungen alle richtig. Dr. K. in G. Die Veröffentlichung der Originalbeiträge muß noch einige Wochen in Gunsten der 3 Turnierprobleme ausgesetzt werden. B. in E. Einen schwarzen Thurm auf 25 kann das Problem allerdings n, tragen, vielleicht findet sich doch noch eine andere Rettung. Druck und Verlag der„Volks-⸗Zeitung“, Akt.⸗Ges. in Berlin, Lützowstr. 105— Verantwortlicher Redakteur: N. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105. 5, Led 2) Scat Ke!(wenn Kha oder 9 f Ldz! 2) Seit Kbel Ifalls Ks bs 2 Db Kehl 8) Les 4 af 6 b nach⸗ o beruht dal n 1 des Einleitungszuges— selbst 2) Lage cen 3) Lb K48! führt nicht zum 3 Ziel,* Bedingt dieser Zugzwang in Verbindung 1 ö In auf as, der eine Springer stand auf a5 und * 4 4 1 * 5 8 *