zu den Oberhessischen Unchrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden Nr. 6. 1887. Erna. Novelle von L. Haidheim. In einem eleganten Chambre garnie der Potsdamer Straße saßen zwei Herren in erregter Unterhaltung sich gegenüber. Dem Einen, welcher auf der eingelegten Tischplatte einige Papiere vor sich liegen hatte, die er zuweilen ganz mechanisch glättete, ging die Ruhe verloren über den neuen Beweis unerhörten Leichtsinnes, der sich da wieder einmal vor ihm abspielte, dem Andern kamen in dieser Stunde die Folgen seines Thuns über das Haupt, und sein ganzes Gebahren, so vornehm es selbst in dieser Gemüthserschütterung blieb, gab Zeugniß davon, daß ihm erst nach und nach die Trag— weite seines Handelns klar wurde. Erblassend stützte er die Arme auf die Lehne seines Sessels und blickte verwirrt vor sich hin auf das Muster des Smyrnateppichs. „Ist denn also gar nichts mehr zu thun, Herr Justizrath?“ fragte er endlich nach einem beklommenen Seufzer und fuhr, auf— springend, mit wilder Geberde durch sein militärisch geschnittenes, braunes Haar. Es war das erste Mal an diesem Morgen, daß ihn die Selbst— beherrschung verließ; auch nahm er sich sogleich wieder zusammen. „Das hängt von den Beschlüssen Ihrer Familie ab, Herr Baron.“ Der junge Mann stöhnte. „Und sehen Sie nirgend einen Weg, die Gläubiger meines Schwagers mit dem zu befriedigen, was ich habe? Doch verzeihen Sie die Thorheit in meiner Frage! Ich bin wie von Sinnen, ganz unfähig, logisch zu denken. Dies Alles kommt so furchtbar schwer, so unerwartet—!“ Er sah wohl darnach aus, wie er seinen Zustand schilderte: Die breite, kraftvolle Gestalt in sich zusammengesunken, das jugend— frische Antlitz entstellt durch Aufregung, Schlaflosigkeit, sorgenvolle Gedanken. „Hat Ihr Herr Schwager Verwandte, die etwa für ihn zahlen würden, was Ihnen mangelt?“ „Nun, sie sind wohlhabend; aber wer hat heutzutage etwas übrig? Ohnehin hat man verschiedentlich seine Schulden bezahlt— von dieser Seite ist nichts zu hoffen.“ „Dann, fürchte ich, werden Sie, Herr Baron, die Folgen Ihrer Bürgschaft auf sich nehmen müssen,“ erwiderte der Justizrath Muthner. „Großer Gott! Und meine armen Schwestern?“ Erich von Willwarth sank auf seinen Sessel zurück, bedeckte das Gesicht mit den Händen und rang mit aller Kraft nach Fassung. Ein Beben ging durch die schlanke Gestalt. „Ich sinne nach, Herr von Willwarth, ob Ihnen nicht auf irgend eine Weise Hilfe werden könnte.— Wie steht's mit Ihrem Vetter?“ 15 „Dem Troysberger?“ Kein Gedanke! Wir stehen nicht gut mit einander.“ „Er ist sehr reich, Hagestolz, ohne Familie.“ „Bitte— nein! Denken Sie nicht an ihn,“ wies der Offizier den Vorschlag beinahe schroff zurück. „Und Fräulein von Starrein?“ „Die Erbtante! Die giebt nie, sondern nimmt nur immer. Die ganze Familie legt seit Jahren vor dem Götzen, den Tante Adelheid in ihrem Kasten streng verwahrt hält, die Erstlinge des Feldes und der Heerden nieder, dazu spenden die jungen Damen ganze Berge von Tisch- und Korbdecken, Rückenkissen und Schlummer⸗ rollen, die Kinder Neujahrswünsche und Geburtstagsgratulationen in kalligraphischer Ausführung, aber noch niemals hörte ich, daß die Tante sich anders revanchirt, anderes gegeben hätte, als Erbschafts-Ver⸗ sprechungen, diese allerdings theilt sie freigebig nach allen Seiten aus.“ Wie ein flüchtiger Sonnenstrahl flog durch die düsteren Augen des jungen Offiziers bei diesen Worten ein schelmisches Lächeln und nahm denselben jede Herbheit. Gleich darauf aber trat der ganze Ernst seiner Lage wieder vor ihn hin, so drohend, daß er blaß wurde, sehr blaß. Wiederum sprang er auf und begann im Zimmer auf- und ab⸗ zugehen. Auf Tischen, Etageren und Wandbörten lagen und standen Luxus⸗ sachen, Bücher, Photographieen, Rauchutensilien, ein paar Renn⸗ gewinne und was sonst der Liebhaberei eines wohlhabenden Kavallerie⸗ offiziers entspricht, in bunter Menge umher, die Wände waren mit den Bildern von Pferden und Tänzerinnen geschmückt, über dem Schreibtisch hing das lebensgroße Porträt einer reizenden Frau, seiner Mutter, in kostbarem Barokrahmen, zu beiden Seiten Waffentrophäen, geschmackvoll geordnet. Man sah, der Bewohner dieses Raumes hatte Freude an einem traulichen Heim und das Talent, sich ein solches zu schaffen. Der junge Mann blieb vor dem älteren stehen.„Herr Justiz— rath, so zeigen Sie mir einen Weg, auf dem ich weiter gehen kann. Ich selbst sehe nur den Abgrund vor mir, hinein kann ich nicht, wegen der Schwestern, aber wie weiter? Wie weiter? Ich begreife nicht, daß mein gesunder Verstand diese letzte Nacht überdauert hat!“ „Seien Sie versichert, Herr Baron, daß Ihr Fall— nur einer von vielen in meiner Praxis— mir eine ganz ungewöhnliche Theil—⸗ nahme einflößt, und daß diese lediglich Ihren persönlichen Eigen⸗ schaften gilt,“ sagte Muthner, seine Papiere zusammenfassend und zum Abschiede dem Offizier die Hand bietend. Sein Ton drückte mehr noch als die Worte eine große, achtungs⸗ volle Wärme aus. „Sie waren gestern sehr herb gegen mich, alter Freund!“ „Das mag sein!— Verzeihen Sie es meiner Theilnahme. Ich hatte den Knaben, dem ich als Primaner Arbeitsstunden gab, völlig aus den Augen verloren und finde ihn wieder in einer Lage, welche nur durch ganz unverzeihliche—!“ 42 D.. „Dummheit! Dummheit! nennen Sie es nur so! Ach, lebens⸗ lang kann ich sie mir nicht vergeben.— Wenn ich meiner armen Schwester damit noch genützt hätte,— wenn ich ihr noch hätte nützen können! O, es ist zum Rasendwerden—!“ „Ich kann Ihnen jetzt nur Eins dringend empfehlen, Herr Baron: fassen Sie die Geschichte, wie wir vorhin verabredet haben, so ent— schlossen und fest an, wie möglich,— keine Worte darüber— jedes Aufsehen vermieden! Wenn Richers und Co. ihr Geld be— kommen, schweigen sie gern! Und dann Urlaub— das Weitere findet sich—“ „Ja, ja! Und zunächst zum Onkel Grumbach!“ „Ein schwerer Gang—!“ „Das weiß Gott!“ „Und darf ich fragen, warum Ihr Herr Schwager unsichtbar bleibt! Ich meine doch—“ „Man„meint“ öfter,— das hat aber auf meinen Schwager Kyburg keinerlei Einfluß. Der liebe Junge hatte es von jeher in der Gewohnheit, sich für eine Weile zu verziehen, wenn er ein Gewitter heraufbeschworen. Sobald es sich über uns Andere ent— laden, war er wieder da und bedauerte uns sehr, daß wir naß geworden, oder wollte sich auch todt lachen, je nach seiner augen— blicklichen Stimmung.“ Der Justizrath zuckte die Achseln und ging. Eine ganze Weile starrte der Zurückbleibende in qualvollsten Gedanken ins Leere; dann warf er einen sehnsuchtsvollen Blick auf einen Pistolenkasten, welcher neben ihm auf dem Tische stand. Ach! da war Rettung aus dieser Noth! Wie magnetisch gezogen blieben seine Augen darauf haften— der innere Kampf malte sich in seinen Zügen. Schon hob er die Hand, da klopfte es, fest, militärisch— es war sein Bursche, dessen Schritte auf den Matten des Ganges nicht hörbar gewesen. Lieutenant von Willwarth prallte zurück wie ein ertappter Ver⸗ brecher. a Ein erstaunter Blick des Burschen beantwortete diese unwillkürliche Bewegung; der Baron sah es und erregt wie er war, nur bedacht, seinen Schrecken zu maskiren, fuhr er den Mann mit einer an ihm sehr ungewohnten Heftigkeit an:„Habe ich Dir nicht gesagt, Du sollst diese Pistolen zum Knauer tragen? Du wirst alle Tage fauler!“ „Zu Befehl, Herr Lieutenant!“ noch nie bei seinem lustigen Herrn passirt. gestern in den gefahren sein? „Jetzt will ich mich anziehen, dann gehst Du sofort und bringst die Dinger hin. Sage Knauer, es hätte keine Eile, aber dafür soll er sie gründlich nachsehn,“ sagte dieser schon ruhiger. So was war dem Burschen Was mochte denn seit Eine halbe Stunde später trat der junge Husar aus seinem Hause— hoch aufgerichtet, flott, selbstbewußt, vornehm wie ein Prinz. Das war seine Gewohnheit; er dachte nie im Leben weniger daran, welche Figur er mache, als eben jetzt, und ihm war nie trübseliger zu Muthe als heute. Der Onkel General wohnte am andern Ende der Stadt, Willwarth schlug sich seitwärts von den belebten Straßen in ein Gewirr kleinerer. Hier brauchte er die Begegnung von Bekannten nicht zu fürchten und zudem hoffte er, im Gehen sich zu sammeln. Der rasche, sporenklirrende Schritt rief in diesem abgelegenen Quartier zuweilen Neugierige an die blumenbesetzten sauberen Fenster, ein alter Mann stand still und blickte der herrlichen Jugend nach, die so voll frischen, kraftvollen Lebens an ihm vorüber schritt, ein Dienstmädchen mit dem Korb am Arm folgte ihm mit bewundernden Blicken, oder hatte eine angenehme Vision, welche ihm den Schatz— Unteroffizier vor die Seele rief. Dann kam er zu einem sauberen, altmodischen kleinen Platze, um welchen sich eine Reihe hochgiebliger Häuser zog; in der Mitte desselben befand sich ein Brunnen, Alles war reinlich, still und ab— geschlossen, eine Welt für sich. Vor einem dieser Häuser, Willwarth gegenüber, standen einige schwarz gekleidete Männer mit Cylinder-Hüten auf dem Kopfe und schwarzen Handschuhen an.— Die weit geöffnete Hausthür ließ auf der Hausdiele einen schlichten Sarg sichtbar werden, auf dem Lichter brannten und neben dem der Geistliche eine Rede hielt, welcher einige schwarzgekleidete Frauen zuhörten, während die Männer draußen geblieben waren. Ein junges Mädchen hatte sich von der andern Seite dem Hause genähert und prallte erschrocken zurück, als es, an den Männern rasch vorüber gleitend, plötzlich dem Sarge gegenüber stand. Es that eine Frage, einer der Männer antwortete und Willwarth sah wie es stutzte, dann lief das junge Mädchen plötzlich zurück, trat in das zweitnächste Haus und kam fast sogleich mit einem sehr hübschen Todtenkranze wieder heraus, als der Husarenoffizier, der bis dahin dies Alles zwar gesehen, aber weiter nicht beachtet hatte, daran vorüberschritt. Sie stießen beinah zusammen, so eilig war die junge Dame. Ihre Blicke trafen sich. Für die Dauer einer Sekunde sah er in ein ovales, zart gefärbtes Gesichtchen von sympathischem Ausdruck. Dann war er schon mit einer Entschuldigung ausgewichen und hatte sie vorüber gelassen, ebenso auch die Verkäuferin, welche hinter ihr aus dem Hause trat und ihr folgte. Jetzt war auch ein Leichen. wagen eilig, wie nach einer Verspätung, herangekommen, es gab auf dem Trottoir eine Stockung, denn man trug den schlichten Sarg heraus und auf diesen legte nun das junge Mädchen den Kranz, den einzigen, welcher ihn schmückte. Ein Gefühl von Neid auf den Todten, der jetzt Ruhe gefunden, überkam den Offizier. f Unwillkürlich war er stehen geblieben. Jetzt setzte sich der Leichenwagen in Bewegung, der Pastor und einige Männer folgten. Die Kranzverkäuferin aber trat zu der jungen Dame. schuldigen Sie, Fräulein— das Geld—!“ „Ach ja— das Geld! Verzeihen Sie, ich war so erschrocken und so eilig—!“ Und mit den Worten griff sie in die Kleidertasche. Auf einmal wurde sie blutroth— sie suchte hastig in der Tasche, aber offenbar vergeblich.„Mein Portemonnaie! Ich,— mein Gott, — ich habe es nicht!“ stammelte sie und suchte immer ängstlicher. „Na, da guck mal Einer diese Wohlthätigkeit an!“ brach die Frau los— und sofort kamen ein paar der Leute näher herbei, die neugierig dem Begräbniß zugesehen. „Es ist mir unerklärlich,— ich hatte es gewiß,— ach, mein Gott! Ich muß es verloren haben.—“ „So? verloren? Na, wer das glaubt!“ Baron Willwarth hatte mit Interesse dem Anfang dieses Auf; tritts zugesehen; jetzt stand er so, daß er unbemerkt nicht fort konnte und doch wünschte er, die Verlegenheit des jungen Mädchens durch sein Erscheinen nicht zu erhöhen— oder war das nur ein Gedanken. vorwand für sein Bleiben?— Der ganze Auftritt spielte sich überdies zu rasch ab, um Zeit zum Nachdenken zu lassen. 5 Die Blumenhändlerin sah ihn inzwischen und in der Meinung, die Beiden gehörten zusammen, wurde sie sofort widerwärtig höflich und sagte zu dem hinter der Käuferin des Kranzes stehenden Offizier entschuldigend und vertraulich:„So was kann passiren! Ist ja auch gar nicht schlimm! gar nicht schlimm! Der Herr Lieutenant wird chon—“ 1 Jetzt erst blickte die von den Neugierigen angestarrte junge Dame hinter sich und bemerkte den Offizier. War ihr Schrecken, ihre Verlegenheit schon groß, so verlor sie bei den Worten der Frau vollständig ihre Ruhe. „Ich bitte Sie, geben Sie mir Jemand mit, dem ich das Geld einhändige; ich wohne Thiergartenstraße No...“ bat sie erröthend die Frau. „Gestatten Sie mir, mein Fräulein! Ich bitte— verfügen Sie—“ Er reichte dem jungen Mädchen mit respektvollem Gruß sein Portemonnaie. Es befand sich noch der goldene Inhalt vom letzten Spielabend darin, ihm fiel das ein und damit wieder seine seitdem so schrecklich veränderte Lage. „Ihre Adresse, mein Herr? Mein Vater wird—“ Sie hatte, während sie dies, sichtlich erleichtert durch seine Dienst⸗ willigkeit, mit einer gewissen, natürlichen Vornehmheit sagte, das Portemonnaie hingenommen, der Frau das Geld gegeben und reichte es ihm jetzt zurück. „Mein Vater wird Ihnen mit großem Dank den Betrag zurück— erstatten! Bitte— aber an welche Adresse?“ Die Unschlüssigkeit, die Erich von Willwarth einen Moment über⸗ kommen, wich vor ihrem Blick. Er nannte ihr seinen Namen. „Ent⸗ . 1 0 8 0 00 43 W Die Frau neben ihm lachte ihn mit einem fatalen Ausdruck an und ein alter Mann wandte sich mit einem gemurmelten häßlichen Wort ab. Das junge Mädchen, in dem offnen Blick desselben lag aus der Verlegenheit. 8 „Ich danke Ihnen sehr, Herr Baron von Willwarth, recht sehr!“ wiederholte sie seinen Namen, um ihn sich fest einzuprägen. Dann fiel ihr ein, daß sie ihm den Auftritt erklären möchte. „Es war meine Bonne, ich wollte sie besuchen!“ Und nun erst bemerkte sie den Ausdruck in den Mienen der Umstehenden. Eine glühende Röthe schoß von Neuem in ihre Wangen; sie machte eine kurze Verbeugung und ging mit hastigen, ungleichen Schritten— immer schneller, fast laufend, bis sie ihm aus den Augen war. f Das Weib neben ihm machte eine mißachtende Bemerkung; er warf demselben einen wüthenden Blick zu und verfolgte seinen Weg. Tief aufseufzend stand er wieder der fürchterlichen Wirklichkeit gegenüber.— Was er da eben erlebt, hatte ihn für Minuten der— selben entrückt. Wenn sie mich erschießen wollten, mir wäre gewiß nicht halb so schwer zu Muthe, dachte er und wieder schüttelte er sich vor dem, was in der nächsten Stunde ihm oblag. Dennoch. wich das Mädchen mit dem Kranze nicht aus seiner Phantasie. Er dachte unbewußt nach über ihre Erscheinung. Der sehr schlichte dem dies galt, hatte nichts davon bemerkt; jetzt nur die Freude, erlöst zu sein dunkle Regenmantel an diesem sonnigen Morgen, das einfache Hütchen — Arme Kleine, sie kaufte den Kranz, den sie wohl mit mühsam erspartem Gelde bezahlen wollte. Wie sie roth war, wie erschrocken und wie unbewußt vornehm sie dann sein Geld nahm.„Papa wird es mit vielem Dank zurückzahlen.“— Wer mochte der Vater sein? Gewiß irgend ein Subalternbeamter! Doch nein, dagegen sprach ein Etwas in dem Benehmen, das er sich nicht klar machte. Vielleicht eine kleine Gouvernante? Aber nein, sie hatte die Todte ihre einstige „Bonne“ genannt! Na, das konnte auch eben nur ein jetzt beliebter Ausdruck für Kindermädchen sein. Welch unschuldige, ernste Augen sie hatte! Sie sah gewiß entzückend aus, wenn sie lachte. Immer stand sie ihm vor der Seele, wie die zierlichen Hände in den netten dunklen Handschuhen sein Geld aus dem Portemonnaie nahmen. Für wie reich mochte das kleine Ding ihn halten! Ach, und wie er da so vor ihr gestanden, war er in allem Glanz seiner Uniform nichts als eine Lüge! Die glänzende Uniform trug er heute zum letzten Male. Und wieder kam alle Qual über ihn. Er liebte den Soldatenstand; er wußte nicht, wie er leben sollte in andern Ver⸗ hältnissen und doch mußte er leben; er mußte, um der Schwestern willen. Wie eine Erlösung war es ihm jetzt, daß er vor dem Hause seines Onkels, des General von Grumbach stand. Derselbe bewohnte die große Beletage. Nun war der gefürchtete Augenblick da; mit ihm war dann auch das Aergste überstanden. Wie ihm das Herz weh that, das war ja ein echt körperlicher Schmerz. „Se. Exellenz zu Haus?“ fragte er den wohlbekannten Diener. „Ja wohl, Herr Baron, alle im Salon, die Frau Gräfin auch!“ Hedwig? Sie war hier? Dann wußten sie schon Alles! Er schritt über den Korridor. Ein zweiter Diener trat aus dem Vorzimmer ihm entgegen. „Ah! der Herr Baron,— sollte gerade jeden Besuch abweisen, aber natürlich,— bitte— im Salon Ihrer Excellenz!“ „Mein Onkel auch?“ „Ja wohl, ja wohl, Herr Baron!“ und ein neugieriger Blick folgte dem schon Weiterschreitenden. Erich von Willwarth biß die Zähne zusammen, alles Blut strömte ihm zum Herzen. Die Thür wurde aufgerissen. Sein Onkel war es selbst— sehr aufgeregt aussehend; das spärliche graue Haar wild durcheinander stehend, im bequemen Haus— jaquet,— eine mittelgroße, fast jugendlich schlanke Gestalt, zu welcher der weiße Vollbart nicht recht paßte. Am Tische, in einen Fauteuil geschmiegt, saß seine weinende Frau. Ein schönes junonisches Mädchen ging hastig und in zorniger Aufregung im Zimmer auf und ab. Ein, anderes jüngeres, blond und blauäugig, im blauen Morgenanzuge hielt eine ebenfalls weinende, im Beginn der Dreißig stehende Dame umschlossen und diese Letzere, zwei Jahre älter als er, rief ihm entgegen:„Sie wissen es, Erich! Sie wissen Alles!“ und dann rang sie die Hände:„Großer Gott, meine Schuld, meine Schuld!“ „Unglücklicher! ist es denn wahr? Hast Du Dich für Albert verbürgt?“ „Ja, Onkel!— Ich kam, es Dir zu sagen. Wir sind Bettler, die Schwestern und ich! Kein Vorwurf, den Du mir machen könntest, kommt denen gleich, die ich mir selbst gemacht habe.“ „und Du wußtest, daß der Wahnsinnige an der Börse spielte?“ „Nein, Onkel, er hat mir und Hedwig nicht die Wahrheit ge— sagt. Ich gab ihm auf wiederholtes Drängen die Bürgschaft,— er und der Agent Blümeler behaupteten, es sei nur eine Form, gar keine Gefahr dabei. Ich wehrte mich, aber—“ „Dann schickte er mich zu Erich!“— rief die Gräfin. „Ich that's in meiner Angst. Albert sagte, er würde seinen Ab⸗ schied nehmen müssen, wenn Erich nicht hülfe! Und— es sei ja nur auf einen Monat,— er war so sicher, daß er mit einem Schlage Tausende verdienen würde.“ Auch mir stellten sie die Sache als durchaus—“ „Ja, ja und Dir war das„Neinsagen“ unbequem und Du schriebst Deinen Namen unter das verfluchte Papier. Das ist so die Manier.— Immer kavalierement zum Teufel!“— „Schilt nicht, Grumbach, hilf dem armen Jungen!“ rief seine Frau in zornigem Schmerz. „Ja, helfen! Da ist was zu helfen!“ lachte der General bitter. Vor der leichenhaften Blässe seines Lieblings— er und seine Frau hatten keine Kinder und die Waisen seiner Schwester schon seit deren frühester Jugend erzogen— wurde er doch plötzlich milder. Das junge hübsche Gesicht mit dem männlichen offenen Ausdruck sah heute aus wie die Verzweiflung selbst, die stumme, bittere Verzweiflung. „Das Unglück ist geschehen, Erich, stehe ihm wie ein Mann und laß sehen, was man thun kann!“ Damit reichte er ihm die Hand,„Deine Schwestern sind, so lange ich lebe, natürlich versorgt.“ Auf diesen milderen Ton schien die blonde junge Dame nur gewartet zu haben. Sie flog zu dem Bruder und umarmte ihn. „Erich, lieber armer Erich, ich bin Dir nicht böse, ich mache Dir keinen Vorwurf!“ ö „Ich danke Dir, Emmy, mein gutes, liebes Schwesterchen!“ Er rang sich die Worte förmlich ab. Es war so schrecklich, er, der Abgott der Seinigen, der Liebling, der Angestaunte, mußte sich verzeihen lassen! Dabei flogen seine Blicke nach der dunkelhaarigen Schönheit, die, ihre Hände fest in einander gekrampft, neben dem Blumentische stand und finster auf ihn sah. „Du bist mir sehr böse, Theo, Alle!“ sagte er beklommen. „Ja, ich bin Dir böse, ich kann nicht gegen meine Natur! In mir ist nur Groll und Bitterkeit auf Euch Beide— auf Dich und Albert! Ich sehe die Welt, wie sie ist und nicht mit Emmy's Phantasie! Jetzt vergiebt sie Dir Alles, hat Thränen der Rührung und große, schöne Worte; wenn aber zum ersten Mal unser Geld ausbleibt und sie sich ein Kleid versagen soll, dann beginnt bei ihr das Lamento und wird nicht aufhören. Ich muß vom Herzen haben, was darauf lastet! Du hast an uns gesündigt, Erich! Wir, Deine Schwestern, hatten ein Recht auf den Theil des elterlichen Ver⸗ mögens, der unsere Zinsen abwarf. Wenn Dir dies Geld in die Hände gelegt wurde, so ist es schlimm genug, daß Familienstatute die Söhne in dieser Weise bevorzugen! Doppelt ist dann aber die Ehrenpflicht und ein Mann soll mit dem Verstande handeln, nicht mit der bequemen Gutmüthigkeit, die kavalierement sich und die Andern in's Elend stürzt. „O, laßt mich ausreden,“ fuhr sie mit flammenden Augen fort, als der General und ihre Schwestern sie unterbrachen.„Wer den Muth hat, mit einem Federzuge Schicksal zu spielen, der muß auch den Muth haben, die Wahrheit zu hören. Nun wohl, Erich! Du hast mir den Becher des Glückes vom Munde gerissen, und zertrümmert liegt er vor mir! Sieh her— ich bin Diringer's Braut, und mit meinen Zinsen waren wir im Stande zu heirathen, jetzt ist das vorbei!“— (Fortsetzung folgt.) Du hast auch Recht dazu. Ihr Das Hexenkind. Eine Erzählung aus dem Rumänischen Volksleben von Julius Theiß. (Schluß.) Die ganze Erscheinung des Mädchens, sowie ihr vorheriges Ver⸗ halten am Ufer des Gebirgsbaches war allerdings geeignet, auf die Beobachter eine seltene Wirkung auszuüben. „ Beim Dirndl. Der rumänische Führer faßte sich zuerst. „Herr, es ist ein Hirtenmädchen!“ versuchte er in gebrochenem Deutsch seinem Begleiter zu erklären. „Nein,“ versetzte jener,„es ist die Gebirgsfee, die uns will— kommen heißt!“ „Mein' Seel', Herr, es giebt keine Gebirgsfeen,“ wandte der Führer ein. Der Deutsche, denn ein solcher war der Mann mit dem blonden Barte, achtete nicht auf die Entgegnung des Rumänen. Er näherte 8. sich dem überraschten Mädchen, das ihn nun lächelnd betrachtete, und entblößte, von dessen Schönheit überwältigt, unwillkürlich das Haupt. „Wer bist Du, herrliches Geschöpf?“ fragte er die ihn so eigen⸗ thümlich bewegende Erscheinung. Rachilla schüttelte den Kopf. Sie verstand ihn nicht. „Der Herr fragt Dich, wer Du bist!“ wandte sich nun der Führer in rumänischer Sprache an das Mädchen. „Der Frühling!“ gab Rachilla lachend zur Antwort. Nach einem Gemälde von Hugo Kauffmann. Der Rumäne blickte verblüfft auf den Deutschen.„Herr, das Mädchen treibt seinen Scherz mit uns! Es nennt sich den Frühling!“ „Frühling?“ wiederholte, von einem plötzlichen Gedanken be⸗ geistert, der Blondbärtige, und seine Augen leuchteten dabei in seltenem Glanze.„Ja, so wahr ich lebe, es ist der Frühling, den ich so lange suchte!“ Und von künstlerischem Eifer beseelt zog er nun hastig sein Skizzenbuch hervor, setzte sich damit auf einen be— moosten Stein und blickte mit ungewöhnlichem Interesse auf Rachilla, die sein Unternehmen völlig unbefangen beobachtete. . * — 0 8 0 ————— N 45 D. Der rumänische Führer, dem des Deutschen enthusiastischer Aus- ruf erst ganz unverständlich war, begriff beim Anblick des Skizzen⸗ buches nun doch wohl, was jener beabsichtigte. „Sieh, Mädchen,“ erklärte er Rachilla,„der Herr hier ist ein .— über das Papier flog.— Nun stand er auf und hielt dem Mädchen lächelnd das fertige Bild vor Augen. Rachilla schüttelte ungläubig den Kopf; dessen ungeachtet blickte sie voll Verwunderung auf den seltenen Mann, dessen Stift emsig Es dauerte einige Sekunden, —————— u—v——- Ein kleiner Proletarier. Maler, der aus fernem Lande kommt. Alles, was seinen Augen gefällt: Hirten, Büffelherden, Wasserfälle und noch vieles Andere, zaubert er in das Buch hinein, das jetzt auf seinen Knieen liegt. Gieb acht, der Wasserspiegel dort hinter Dir ist nicht im Stande, Dein Bild treuer zu gestalten, als es in kurzer Zeit die Zauberh and dieses Mannes vermag. Halt' Dich nur ein Weilchen ruhig!“ Gemälde von M. Bellet. ö ehe sich das Naturkind von seinem Erstaunen erholen konnte; dann aber klatschte Rachilla voll Entzücken in die Hände, ihre Augen hoben sich von dem Bild und blickten voll heiliger Scheu zu dem Manne auf, der solch' Wunder schaffen konnte. „Herr, Herr, haben Dich die Heiligen zu mir gesandt?“ ver— mochte sie endlich erstaunt zu fragen. 133 N 6 a J/G0000000b0bG0GT0TGTGTGT 46 Der Führer übersetzte dem Deutschen die Worte des Mädchens. Dieser lächelte und entgegnete:„Vielleicht sind sie es, die meine Schritte hierher gelenkt!“ Dann fertigte er in aller Eile ein zweites Bild von Rachilla an, das er dem entzückten Mädchen überließ. Ueberglücklich versuchte dieses einen Zipfel seines Plaids an die Lippen zu drücken, was der Maler jedoch zu verhindern wußte. Er ergriff ihre beiden Hände, die sie ihm willenlos überließ und sah ihr lange in die dunkeln Augen.„Leb' wohl, Du liebes Mädchen,“ sagte er dann;„mögen die Blumen auf Deinem Haupte nie verwelken, und ihr Duft Dein Dasein verschönern!“ Dann wandte er sich ab und schritt am Ufer des Baches entlang, dem dunkeln Nadelgehölz zu, das sich in der Ferne hinzog. Sein Führer folgte ihm schweigend. Freilich hatte Rachilla nicht verstanden, was der frende Mann zu ihr gesprochen; aber sein inniger Blick verriethen ihr deutlich, daß die Worte aus seinem Herzen kamen. Wie festgewurzelt blieb das Mädchen, die Augen zu Boden gesenkt, stehen. Auf die Stelle waren sie gerichtet, die deutlich die Fußspuren des Wundermannes erkennen ließen. Konnte nicht, wie in seinen Händen, auch in seinen Füßen eine Zauberkraft verborgen liegen und da, wo diese die Erde berührten, farbenprächtige Blumen entsprießen? Und konnten diese Blumen sich dann nicht üppig ausbreiten und das harte Feld— gestein, einem Teppich gleich, überziehen, damit ihr Fuß weich darauf wandele? Ja, Rachilla, die Kunst dieses Mannes vermochte solches! Und während Du einsam, in den wilden zerklüfteten Bergen, von solchem Glücke träumst, beginnt das Geschick, die Fäden zu weben und Dir den blumengeschmückten Teppich zu bereiten, worauf Deine Füße künftighin wandeln sollten. Der deutsche Maler und sein Führer gelangten nach einer zwei— stündigen Wanderung in einen Hohlweg, der, wie der Letztere ver⸗ sicherte, in die Ebene führte. An einer scharfen Krümmung dieses Weges bemerkten sie plötzlich einen Menschen, der bei ihrem Anblick stutzte und unschlüssig schien, ob er die Flucht ergreifen oder seinen Weg fortsetzen solle. Der Grund seiner Besorgniß war erklärlich. Es war ein Schmuggler, der ein gewaltiges Bündel, das vielleicht türkischen Tabak enthalten mochte, auf der Schulter trug und die Grenze zu erreichen suchte. „Sei außer Sorge, Freund,“ beruhigte ihn der Begleiter des Malers.„Wir sind friedliche Leute und denken nicht daran, Dir Uebeles zu thun!“ „Möge Schatten Euch die Stirne kühlen und Eure Reise glücklich enden!“ begrüßte er die Ankömmlinge. „Dir Dank und gutes Gelingen!“ antwortete der Führer. kommst aus der Ebene? Wie lebt sich's dort noch?“ „Wie soll sich's leben? Krieg bedroht das Land und erschwert uns den Verdienst.“ „He,— Du meinst?“ „Ich meine, daß die Donaufische sich bald am Menschenblute sättigen können. Die Russen stehen schon hinter Galatz und Braila und Abdul Kerim Pascha am bulgarischen Ufer.“ Der deutsche Maler hatte kaum diese Kunde vernommen, als er auch schon seinen Reiseplan änderte. Anstatt der romantischen Karpathenlandschaften sollten nun blutige Scenen die Blätter seines Skizzenbuches aufnehmen. Mit flüchtigem Gruße trennte man sich von dem Schmuggler und beeilte sich das flache Land zu gewinnen, um so bald als möglich nach Bukarest zu gelangen. Hier, im Hause des ihm befreundeten .. schen Konsuls wurde er längst erwartet; auch konnte er sicher darauf rechnen, daß durch dessen Vermittelung sein Ansuchen bei dem russischen Hauptquartier, den Krieg als Berichterstatter mitmachen zu dürfen, am schnellsten entsprochen werde. Sein Empfang in dem gastlichen Hause war überaus herzlich; und erwartete er späterhin auch voll Ungeduld das Eintreffen des Dokumentes, das für sein Vorhaben unerläßlich war, so fühlte er sich andrerseits durch das wohlwollende Entgegenkommen der Haus— genossen reichlich entschädigt. Sowohl des Konsuls Gattin, als auch dessen Tochter bemühten sich, dem lieben Gast den Aufenthalt im Hause so angenehm als möglich zu machen, was um so leichter war, als sich daselbst an gewissen Abenden die hervorragendsten Persönlichkeiten der Bukarester Gesellschaft zusammenfanden. Wurden auch an solchen Abenden die politischen Zeitverhältnisse mehrfach erörtert, was die Meinungen oft auseinander gehen ließ, „Du so wußten die Damen des Hauses stets durch eine feine Wendung dem Gespräche eine andere Richtung zu geben und die hin und wieder erregten Gemüther zu besänftigen Es war dies auch der Fall an jenem Abende, den der deutsche Maler zum letzten Male in der Gesellschaft zubringen sollte. Die lang ersehnten Papiere, die ihm gestatteten, die Schrecken des Krieges in der Nähe kennen zu lernen, hatte er vor wenigen Stunden er— halten und nun beabsichtigte er, am andern Tage nach dem Kriegs— schauplatze abzureisen. Was war geeigneter als dies Vorkommniß, die Gesellschaft wieder an die Wirren des Tages zu erinnern? Die Tochter des Hauses wußte dem zuvorzukommen. „Sie wollen morgen abreisen,“ wandte sie sich an den neben ihr sitzenden Künstler, und haben uns noch immer nicht das Abenteuer geschildert, um dessentwillen Ihnen die Karpathenreise unvergeßlich bleiben wird.“ „Was, ein Abenteuer? Vielleicht mit einem Bären?“ Es war ein alter Oberst, der diese Fragen stellte. „Oder sind Sie gar Räubern in die Hände gefallen?“ fragte ein Anderer. Der Maler schüttelte lächelnd den Kopf. „Vielleicht,“ rief lachend ein junges Mädchen, das eben erst die Pension verlassen hatte,„sind Sie einer Fee begegnet?“ „Ganz recht, mein Fräulein, eine Fee war es, die mir meine Exkursion unvergeßlich macht!“ Der Maler sprach diese Worte mit ruhigem Ernste, was seltsam mit seinem vorherigen Lächeln kontrastirte. Wenn etwas geeignet war, die Neugierde der Gesellschaft zu erregen, so war es diese veränderte Stimmung. „Bitte, bitte, erzählen Sie!“ tönte es ihm von allen Seiten ent— gegen; selbst die Herren waren begierig, dies Abenteuer zu vernehmen. Der Maler erzählte. Immer wärmer wurde der Ton seiner Rede und steigerte sich schließlich zum Enthusiasmus, als er den Eindruck schilderte, den Rachillas ganzes Wesen auf ihn gemacht hatte. „Wir müssen das Wunderkind sehen!“ riefen, als der Maler geendet, einige aus der Gesellschaft.„Wo ist Ihr Skizzenbuch?“ Ein Diener wurde beauftragt dasselbe aus der Wohnung des Malers zu holen. „Bitte, schnell, schnell!“ kicherten einige Damen beim Anblick des Buches, das der Diener dem Maler eingehändigt hatte;„öffnen Sie, sonst kann sich, uns zum Verdruß, die Gebirgsfee am Ende in ein profanes Hirtenmädchen verwandeln!“ „Urtheilen Sie selbst!“ lächelte nun wieder der Künstler und schlug das Buch auf. Alles drängte sich um ihn, die besternten Herren und die kichernden Damen. Auf Alle übte die Gebirgsfee eine überwältigende Wirkung aus. Das Hexenkind hatte sie alle bezaubert. „Mein Bericht ist noch nicht zu Ende,“ begann nach einem Weilchen der Maler wieder, und seine Züge nahmen einen fast schwermüthigen Ausdruck an.„Es fügte sich seltsam, daß ich gerade heute, nachdem ich auf dem russischen Konsulate meine Angelegenheit geordnet hatte, in der Strada Mogoschoi meinen alten Führer wieder antraf. Dieser erzählte mir nun, daß Rachillas Pflegeeltern, wegen Kränklichkeit des alten Pokaru, kurze Zeit nach unserem Zu⸗ sammentreffen mit dem Mädchen die Stina oben im Gebirge ver— lassen hätten und nach Rimnik gezogen seien. Nipudar, der Be⸗ sitzer der Stina, sei ein harter Mann und ließ die armen Leute darben. Ihr Loos zu erleichtern, habe Rachilla beschlossen, einen Dienst zu suchen.“ „Wissen Sie, bei wem die Pflegeeltern des Mädchens in Rimnik wohnen?“ forschte mit sichtlichen Interesse die Hausfrau. „Bei dem Schwager Pokarus, Andrei Moldovan,“ antwortete der Deutsche. jedes Kind in Rimnik kenne.“ „Darf ich Sie um die Adresse bitten?“ Der Maler riß eilfertig ein Blatt, das die Adresse enthielt, aus seinem Notizbuche und überreichte es der Gattin des Konsuls. „Was beabsichtigst Du damit, Mama?“ fragte deren Tochter mit großer Spannung. Die Konsulin, die gerade Rachillas Bild in der Hand hielt, blickte ein Weilchen stillschweigend auf die Zeichnung.„Ich will das Wunderkind, dessen Züge mir so sympathisch sind, zu uns nehmen!“ sagte sie dann. ——— 0 „Mein ehemaliger Führer versicherte mir, daß ihn * ear W — 0 ee ee ee eee ee N . i 2 47 De. 3 Wenn einer mit der Nachricht in den Salon gestürzt wäre: der russische Heerführer habe Abdul Kerim mit seinem ganzen Heere vernichtet, so hätte diese Mittheilung keine größere Ueberraschung auf die Anwesenden hervorbringen können als dieser Entschluß der Hausfrau. Den Maler berührte derselbe wohl am innigsten. „Gnädige Frau,“ sprach er mit bewegter Stimme, der Konsulin mit Wärme die Hand drückend,„nie hat meine Kunst bisher einen schönern Erfolg errungen. Nun, da ich des Mädchens Geschick in Ihren Händen weiß, scheide ich viel beruhigter von hinnen!“ Er schied, und Rachilla zog später ein, bewundert von Allen, die sie sahen. Wohl machte das Hirtenmädchen große Augen, als es in die ihm völlig fremde Umgebung gerieth, aber mit erstaunlicher Schnellig⸗ keit wußte es sich in die neuen Verhältnisse zu schicken und die ihm übertragenen Dienstleistungen auszuführen. „Ich glaube, unser Maler hatte Recht, in Rachilla eine Fee zu wittern,“ scherzte bei Tafel einst der Konsul, als die neue Haus— genossin mit ungezwungener Anmuth die Speisen servirte.„Aber seht Euch vor, Feen verschwinden oft so schnell, als sie erscheinen,“ lachte er launig, und mit ihm lachte seine Gattin und seine Tochter, und sie ahnten nicht, wie wahr das Verschwinden sei! Die für die Russen so unglückliche Schlacht bei Plewna ver⸗ anlaßte weitere Zuzüge von Truppen auf den Kriegsschauplatz. Mit diesen kam auch der russische General, Fürst D.. w, nach Bukarest und nahm im Hause des Konsuls Wohnung. Der ungewöhnliche Aufwand und die zahlreiche Dienerschaft des Fürsten ließen ver⸗ muthen, daß er sehr reich sein müsse. Und das war er in der That. Seine Güter im Innern Rußlands lieferten ihm reiche Erträge, und völlig unabhängig genoß er das Leben in vollen Zügen. Waren die Frauen schon von der Erscheinung Rachilla's hin⸗ gerissen, so übte sie auf den leicht entzündlichen Krieger eine geradezu fascinirende Wirkung aus. Gewohnt, seine Entschlüsse rasch auszuführen, erklärte er eines Tages dem Hausherrn, daß er Willens sei, Rachilla zu seiner Gattin zu machen. Der Konsul zog mit einem eigenthümlichen Lächeln seine goldene Dose, tippte bedeutsam mit dem Mittelfinger auf den Deckel der⸗ selben und präsentirte sie seinem Gaste. „Wär's auch im Stande,“ raunte er diesem dabei in's Ohr. „Aber will Rachilla Ihnen auch nach Rußland folgen?“ „Sie will! Sie will!“ nickte jener und nahm eine Priese. Und warum hätte sie jenem Manne nicht folgen sollen, der allein im Stande war, farbenprächtige Teppiche unter ihre Füße zu wie sie einst geträumet, als der Maler sie verlassen? Dachte breiten, Das Bild, das er ihr geschenkt, sie noch an Jenen? Doch wohl! und jener Kranz, den sie sich in's Haar geflochten, sie lagen ver⸗ einigt in ihrem Schranke und der Fürst hatte ihr versprochen, sie dürfe diese Kleinode mit nach Rußland nehmen, und ein goldener Rahmen solle sie dort zieren. Und Rachilla hatte gelächelt und zu ihm gesprochen:„Du bist gut! Ich will Dir folgen, weit, so weit Du wünschest!“ Sie folgte ihm, wie sie versprochen. Der glückliche Fürst sandte sie nun zuerst nach Paris zu seiner dort lebenden Schwester, wo sie sich einige Zeit unter deren Aufsicht die feineren Sitten der ge— bildeten Kreise aneignen sollte. Rachilla's außergewöhnliche Begabung erleichterte ihre Erziehung in kaum geahnter Weise und mit sichtlicher Befriedigung konnte sie General D... w ein Jahr später im Hause des Konsuls als seine Gattin vorstellen. Dann zog sie mit ihm nach Rußland, vergaß aber nie die treuen Pflegeeltern, die sie stets reichlich bedachte. Bei jeder neuen Sendung faltete Mutter Nutza die Hände und betete: „Allgütiger, segne unser Kind!“ Und Vater Pokaru nickte dann für sich hin und murmelte:„Er meint's doch gar zu gut mit uns, der heilige Potru!“ Und er meinte es gut mit ihnen, denn sie genossen noch lange und reichlich den Dank des Hexenkindes. Freundlicher Leser, ist dir nicht hin und wieder in den Kunst⸗ handlungen deines deutschen Heimathlandes ein Bild aufgefallen, das ein liebliches Mädchen veranschaulicht, dessen Augen dich gar treu⸗ herzig anschauen und zugleich auch schelmisch zu fragen scheinen: „Bin ich nicht hübsch?“ Und hast du nicht auf dem dunkeln Haare dieses Mädchens einen Kranz zierlicher Alpenblumen bemerkt? Nun denn, das Original dieses Bildes, unter dem das Wörtchen„Früh— ling“ steht, befindet sich in Bukarest im Hause des.. schen Konsuls. Der Künstler, der es geschaffen hat, starb leider vor einigen Jahren in Rom, er hieß Heinrich Junghaus und stammte aus der Provinz Hannover. In dem Mädchen aber mit dem kranzgeschmückten Haupte und den schelmischen Augen findest du das Ebenbild Rachilla's, der Pflegetochter Pokaru's und dessen Ehegenossin Nutza. g Lose Blätter. Die Turteltaube im Volksglauben. In der Wetterau hält man die Turteltaube für einen heiligen Vogel, einen„Herrgottsvogel.“ Es heißt: In ein Haus, wo man Turteltauben hält, schlägt kein Blitz ein und wenn diese Vögel sich baden, und mehr als gewöhnlich krähen(ruckausen, girren), so kommt bald Regenwetter.— In Schwaben schaffen sich Leute, die mit oft wiederkehrendem Rothlauf behaftet sind, Turteltauben an und behaupten, daß diese die Krankheiten an sich ziehen. Man könne dies ganz deutlich sehen, indem die Füßchen der Täubchen oft scharlachroth würden.— Ist ein Kranker im Haus, so kräht nach süddeutschem Aberglauben die Turteltaube nicht mehr, wodurch sie ihre Trauer bekundet. Stirbt aber Jemand im Hause, so trauert sie oft Jahre lang.— Wer ein Paar Turteltauben halten will, darf sie nicht kaufen, sondern muß sie sich schenken lassen. Uebrigens bleibt es unverwehrt, ein Gegengeschenk dafür zu machen.— Nach deutschböhmischem Volksglauben darf man Turteltauben nicht schlachten, denn sie sind„Herrgotts⸗ vögel,“ die zu vielem Liebeszauber dienen, deren Blut, wie die Schlesier meinen, Sommersprossen vertilgt.— Während die Lachtauben in der Stube gehalten die Schwindsucht anziehen und gegen Gicht schützen sollen, ziehen die dem Hause Glück bringenden Turteltauben vorzugsweise Flüsse an sich, wie man in Baiern, Schwaben und der Schweiz glaubt.— In Deutsch⸗ böhmen nimmt am Palmsonntag der Hausvater ein soeben erst aus dem Ei geschlüpftes Turteltäubchen und streicht mit ihm allen Hausgenossen das Gesicht, dann bleiben sie angeblich immer geistig und leiblich rein und schön, ohne Flecken, Warzen und Sommersprossen.— Sonne, Mond und Wind beißen in einem Volksräthsel der Eifel: die drei Turteltauben.„Es kommen drei Tauben um den Kirchthurm herumschnaufen; die eine will, es wäre Tag; die andere will, es wäre Nacht; der dritten ist's gleichviel, ob's Tag oder Nacht.“ Th. Bd. Das Original für die Copie. Lord Clarendon hatte bei Antwerpen ein kleines Landgut gekauft, dessen reizende Lage den Maler Vandervelde so entzückte, daß er es zu malen beschloß. Dem Entschluß folgte die Ausführung. Einige Zeit darauf ging er mit dem Bilde nach London, erhielt jedoch nicht den Preis und brachte es deshalb zur öffentlichen Versteigerung. Bei der⸗ selben war auch Clarendon gegenwärtig.„Fünfzig Guineen,“ waren schon geboten worden, da hallte es durch den Saal:„Ich gebe das Original für die Copie.“ Der Maler fuhr von seinem Sitze auf:„Wer wagt mich, Vandervelde, für einen Copisten zu halten?“ fragte er laut. Der Lord wiederholte ruhig:„Ich biete das Original für die Copie.“ Jetzt verstand der Maler, erklärte, das Gemälde von der Auction zurückzuziehen und befand sich nach Ausfertigung des Tauschvertrages im Bestte eines reizenden Land⸗ sitzes, auf dem er steks einige Sommermonate zuzubringen pflegte. W. G. Nadir⸗Schah ließ für seinen Sohn um die Tochter des Großmoguls freien. Dieser verlangte, der Bräutigam solle sieben Ahnen aufweisen.„Wie?“ rief Nadir,„hat der Diamant deshalb weniger Glanz, weil er in der Erde gewachsen ist? Doch dem Mogul werde sein Wille. Sagt ihm also, mein Sohn sei der Sohn des Schwertes, der Enkel des Schwertes, der Urenkel des Schwertes, und so fort bis siebenzig Ahnen gewonnen sind, statt der verlangten steben. Sagt ihm ferner, eine solche Ahnenzahl mache stolz und heftig im Streit und läßt nicht zu, daß man eine Beleidigung duldet.“ So mächtig der Großmogul, wurde kein Einwand mehr gegen den Eidam erhoben. W. G. Wieviel der siebenjährige Krieg an Geld und Menschen verzehrt hat, theilt Friedrich der Große in seinen Schriften mit. Preußen verlor 180 000 Soldaken in 16 Schlachten und Belagerungen. Durch die Barbarei der Russen kamen außerdem noch 33 000 Menschen um's Leben. Die Russen selbst büßten in vier großen Schlachten und auf langen Märschen 120 000 Menschen ein. Den Oesterreichern kostete der Krieg 140 000 Mann den Franzosen 200 000, und den Engländern und Verbündeten 160000 Mann. Das Keichsheer büßte 7 500, und das schwedische 28 000 Mann ein. Merk⸗ würdig ist aber die Versicherung Friedrichs II., daß ihm der Krieg nur 125 Millionen gekostet habe, und demungeachtet noch 7 Millionen an die verheerten Provinzen seines Landes nach Beendigung des Krieges zur Unter— stützung auszahlen ließ. M. Unter den Kirchenschätzen der bischöflichen Kathedrale von Arras be⸗ findet sich ein Bischofsstab, der sehr kunstreich emaillirt ist, und auf dessen Spitze, in getriebenem Golde, Gott Vater, auf einem großen Amethist sitzend, vor ihm, vor einem Altar knieend, die heilige Jungfrau, ihr zur Seite ein Lamm mit dem Schwerte in der Brust, aus welcher Blut in einen Kelch 9 abgebildet ist.— Dieses mystische Bildwerk ist eine Arbeit Benvenuto Cellini's. M. — . —— 8 a N* Königspromenade. Schach. ver⸗ sen⸗ mit rem geist ge⸗ Le Problem Nr. 432 —— 5 von B. G. 8 in London 1 F 5 8 5 5 nö⸗ 5 75 1... 8. 7 e e schön ter⸗ 7771 ö heißt ver⸗ an⸗ los kunft zu⸗ 1 ö 1 Dreisilbige Charade. Innig umschlungen vom Letzten Schwebt das vollendete Ganze Zu den zwei Ersten empor. Silben-Räthsel. Aus folgenden Silben: an ar ar ba ba be ber ber brei bri car chat che da deb des dra du e ei el en en eue fon ge gen gi gis hal hei hu i ir ka la land li lied loe low lun me men mer mon naph ne ne ne neu ni no o ol pi rich ro rup sach saint se sen send sis ta tai tam tam ten ter ti tre ur us va vem wa wo sind 29 Worte zu bilden, deren Anfangsbuchstaben von oben nach unten, und 5 En ch tab von unten nach oben gelesen, einen bekannten Spruch ergeben. Die 29 Wörter bezeichnen: 15 1. Eine Festung im Elsaß. 2. Eine altägyptische Göttin. 3. Eine Oper. 4. Den Namen eines deutschen Dichters. 5. Ein astatisches Musik⸗ instrument. 6. Höchsten Berg im Böhmerwald. 7. Einen französischen Fabel dichter. 8. Die südwestlichste Spitze Englands. 9. Einen künstlichen Tanz⸗ sprung. 10. Nebenfluß der Wolga. 11. Einen Sohn Jakobs. 12. Ein Sternbild am nördlichen Himmel. 13. Ein Metall. 14. Ein landwirth⸗ schaftliches Geräth. 15. Ein ägyptisches Getreidemaß. 16. Den Namen eines Monats. 17. Eine Handelsstadt an der Donau(Walachai). 18. Britische Orkney⸗Insel. 19. Einen Schweremesser. 20. Eine Stadt in Holstein. 21. Einen verstorbenen deutschen Schriftsteller. 22. Eine Insel im mittel⸗ ländischen Meere. 23. Ein mittelhochdeutsches Volksepos. 24. Einen männlichen Vornamen. 25. Hauptstadt des französischen Departements Nord— küsten. 26. Eine Sandwichsinsel. 27. Einen nordamerikanischen Freistaat. 28. Eine Goldmünze in Holland. 29. Ein Flüssigkeitsmaß. näthsel. Wer es besitzt, hat Grund, sich. beklagen, Und wem es fehlt, der ist gesund. Wer es verschweigt, vermag uns viel zu sagen, Und wer es sagt, der hält stets reinen Mund. Der Geizige vermag es wegzuschenken, Der üppige Verschwender knappt sich's ab. Wer niemals daran denkt, wird immer daran denken, Und Jeder nimmt es mit sich in das Grab. Auflösung des Räthsels in voriger Nummer: Ja und Nein;— des Rösselsprungs: „Sag, wo ist dein schönes Liebchen, Das du einst so schön besungen, Als die zaubermächt'gen Flammen Wunderbar dein Herz durchdrungen?“ Jene Flammen sind erloschen, Und mein Herz ist kalt und trübe, Und dies Büchlein ist die Urne Mit der Asche meiner Liebe. — des Magischen Quadrats: 14165 * 0 R 0 0 E A 5 7 K 7 e l 2 ö 4 b Weiß.„ Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge Matt. S Wie sehr die Ansichten der deutschen und englischen Problemkomponisten über die wesent⸗ lichsten 1 55 der Problemkomposition noch auseinandergehen, ist aus nachstehendem Auszug aus einem Briefe C Plauck's, der im Januarheft des Chess- Mouth abgedruct ist, zu ersehen. 7 Ar. Studd spricht von einer pointirten Hauptidee und der Oekonomie in der Darstellung derselben und verleitet dadurch junge Problemkomponisten zu dem Glauben, ein einziges poin⸗ tirtes e sei ein unbedingtes N und Oekonomie brauche nur in der ein⸗ zigen Varianke, welche dasselbe zum Ausdruck bringt, angestrebt zu werden Hier verfällt er in einen doppelten Irrthum. Ein Problem mit einer scharf begrenzten Idee ist überhaupt kein modernes Problem, und wenn Oekonomie nur in einer Variante angestrebt wird mag dieselbe noch so viele und gute Pointen haben— so wird die Leistung das gerade Gegen⸗ theil einer ökonomischen sein, weil durch ein solches Verfahren die allgemeine Oekonomie der besonderen in einer vereinzelten Abzweigung des Spieles geopfert wird. 5 Unsere tonangebenden Komponisten fangen an einzusehen, daß die Ansichten des Ueber⸗ gangsstadiums(transition) über Hauptidee und Oekonomie durchaus zu beschränkt find, man a nach einer breiteren und wissenschaftlicheren Grundlage. So ist die neue Lehre entstanden, welche verlangt, daß nicht ein, sondern so viele scharf begrenzte Themata wie möglich auf einander gepfropft werden müssen, um ein Problem ersten Ranges hervorzubringen und daß die Oekonomie lt jedes einzelne Thema anzustreben ist. Bei einer solchen 1 wird die Oekonomie zu einem allgemeinen Prinzip und kann genau definirt werden als d erhält ⸗ niß der Gesammtleistung in allen einzelnen Varianten zu dem gesammten Aufwand an Mitteln Nur ein oder zwei weniger wichtige Grundsätze, mit denen ich mich 2 nicht abzugeben brauche, bleiben dann noch 515 ieser allgemeinen Definition entspricht die Hälfte aller Prinzipien und Vorschriften, die bisher lediglich als Dogmen existirt haben. Beispielsweise kann das obenerwähnte Gesetz, welches verlangt, daß mehrere schöne Ideen zu einem guten Problem nothwendig sind, leicht daraus abgeleitet werden; denn die Gesammtleistung(total amount of gogd work) steht in geradem Verhältniß zur Anzahl der guten Ideen eines Problems Auch Anforderungen wie Matt⸗ reinheit, Vertiefung der Idee, Vermeidung unthätiger Steine, Maßhalten sind alle mehr oder weniger von der allgemeinen Definition abhängig. l u entscheiden, welches das a 8 ist, wird bei einigen der schönsten neueren Probleme immer eine schwierige Aufgabe sein. Das Hauptthema als ein„Desideratum“ zu bezeichnen, muß nothwendig irre leiten; es ist keineswegs unwahrscheinlich, daß die schönsten bisher dar⸗ gestellten Themata mit anderen ebenso schönen verknüpft werden können und es wäre kindisch zu behaupten, daß ein solches Unternehmen diesen Ideen nachtheilig sei Es ist aber auch wünschenswerth, daß die Darstellung eines Themas in seiner ganzen Schärfe vermieden werde, weil eine solche Behandlung mit Nothwendigkeit zu Verstößen gegen die Oekonomie führt, in⸗ dem sie der Verschmelzung mit anderen Ideen von nur einigem Werthe eine unübersteigliche Schranke entgegensetzt Wird ein Thema in sehr pointirter Form behandelt, so wird sich fast stels zeigen, daß die sich demselben natürlich anschließenden Ideen entweder verschwinden oder werthlos werden. Die Richtung, in welcher die Entwickelung der Problemkunst sich bewegt, wurde von Klett deutlich gesehen, und die neueren Ansichten über Komposition sind in der Einleitung zu seiner Problemsammlung klar vorher angedeutet, wo er sagt lich citire aus dem 5 daß ein Problem entweder eine scharf begrenzte Idee oder mehrere hübsche Ideen von fast gleichem Werthe haben müsse. Die erstere Gattung gehört der Uebergangsschule an, während die letztere das Ergebniß einer späteren Entwickelung darstellt und Mr. Skudd's Lehre von der pointirten Hauptldee ae 2 115 Wir bemerken 1— u nur, daß auf den Seiten 35, 36, 46 und 47 der Klett'schen Einleitung nachzulesen ist, wie 05 Autor über die angeregten Fragen denkt. Das übrigens wenig sagende Citat haben wir vergebens in seinem Buche gesucht, statt seiner aber die folgenden Sätze ge⸗ funden:„Wie die lege Combination durch gute Varianten, so gewinne auch die Mattsetzung an Schönheit und Eleganz, wenn sie nicht nur eine einzige, sondern mehrere reine Schluß⸗ wendungen aufweist, d h. wenn der Vertheidigung für ihre letzte Entgegnung noch mehrere Züge zu Gebote stehen, welche zu verschiedenen Endstellungen führen, sei es nun, daß die letzteren durch einen und denselben Mattzug von Weiß oder durch verschiedene Schlußzüge herbeigeführt werden“ und„Man wird mit Recht sagen können, daß die daß alte f um so besser und schöner ift, je mehr selbständige Gedanken sich in ihr ausdrücken, daß also im Allgemeinen die mehr ⸗ fachen Schlußwendungen vor den einfachen und die ungleichartigen vor den gleichartigen— stets unter der Voraussetzung desselben Grades von Mattreinheit— den. Vorzug verdienen“— Wo das Bedenkliche der Planck schen Ansicht liegt, kann nicht verborgen bleiben: die Darstellung einer 55 größtmöglicher Reinheit wird zur Seltenheit, am meisten im Dreizüger, wo der verlangte Reichthum an ebenbürtigen Varianten nur unter Verzicht auf jene Reinheit zu erreichen ist. Die Aussichten für einen Wettkampf zwischen L. Paul sen und W. Stein 1. haben sich wesentlich günstiger gestaltet, indem bereits eine größere Summe für diesen weck fest zugesagt ist und Steinitz in einem Briefe seine Bereitwilligkeit, den Fehdehandschuh aufzunehmen, erklärt hat. Die von jeder Seite aufzubringende Summe beträgt 9000 Mark. Das Chess Problem Text Book, illustrirt durch 400 Probleme von H. Andrews E Frankenstein, B Lawz und C Plauck ist erschtenen. Dasselbe ist zum Preise von 7 sb. 6 d. bei Cossell& 9. Limited in London zu beziehen. Wir behalten Druck und Verlag der„Volks⸗Zeitung“, Att.-Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105. uns eine Besprechung des prachtvoll ausgestatteten Werkes vor. 1