— — zu den Ourrhessischen Muchrichten. Zeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Gießen, den 5. Juni. Berger empfand zuerst das unabweisbare Gefühl, ihr nach— zueilen, um sie auch gegen ihren Willen ungefährdet nach Hause zu geleiten, aber der Moment, wo sie mit verächtlicher Abweisung seiner Werbung entflohn, trat ihm ins Gedächtniß und hemmte das Verlangen ebenso schnell, als es entstanden. Endlich fiel der Vorhang zum letzten Mal. Alle standen mit einer gewissen Befriedigung von den harten Stühlen auf, nur das schöne Lindenblüthenpaar saß noch schwesterlich aneinander gelehnt und machte keinerlei Anstalten sich zu erheben. Der Baron tippte Henny lachend auf die Schulter. wartest Du noch? Es ist ja Alles zu Ende!“ Ilda erröthete und eilte an die Seite des Geheimrathes, welcher sich mit seiner hageren Rechten fortwährend den Schweiß vom Antlitz wischte.„Unsere bleiche junge Wittwe war am Ende doch die Gescheidteste von Allen!“ seufzte er und ging mit dem Assessor dem Zuge voraus, in welchem sich Bekannte und Unbekannte in dichtem Schwarm durcheinander drängten. Henny hatte ihre Freundin so lange am Kleide festgehalten und dabei so geschickt manöverirt, daß sie unbelauscht und ungesehen den langen Zug beschlossen. Plötzlich fiel Henny Ilda um den Hals.„Einzige, Geliebte, ich habe eine himmlische Idee! Ach, daß wir nicht zusammen schlafen, ich würde die ganze Nacht davon plaudern! Giebt es wohl etwas Entzückenderes, als die vornehme Lady und die schöne Nancy in dieser Verkleidung zu sehen? So romantisch! So märchenhaft!“ Ilda küßte erregt die glühende Wange der Sprecherin. sind diese Zeiten entschwunden. mehr in ein Dienstmädchen.“ „Warum nicht?“ flüsterte die blonde Kleine mit überzeugendem Enthusiasmus.„Es ist ja auch nur ein Spaß für wenige Stunden gewesen. Das wäre doch keine Hexerei!“ „Du wolltest—2“ „Natürlich, Herzensilda, Engelsilda!“ jubelte Henny.„Wir Beide kleiden uns entsprechend an und gehen in das nahe Städtchen, ein Bündel in der Hand und melden uns—“ a „Als Bonnen!“ warf Ilda rasch ein, von diesem Vorschla hingerissen. „Nein, als Kammerkätzchen, Du Einzige!“ rief Henny förmlich jubelnd.„Als Kammerkätzchen gehen wir ins Vermiethungsbureau und— ach, das wird ein Hauptspaß werden!“ „In rothen Röcken? Wir haben keine!“ „Ach was, Kattunkleider thun es auch! Unsere hübschen gestreiften Morgenröcke, weiße Schürzen, ausgeschnittene Schuhe und runder Strohhut— himmlich!“ „Auf was „Leider Heute verwandelt sich keine Dame Die Lindenblüthen. Erzählung von Georg Hartwig. (Fortsetzung.) „Jede nimmt ein buntes Tuch und bindet sich Sachen hinein! Aber wann?“ „Morgen nach Tisch! Die Andern wollen ins Waldhäuschen gehen, wir bitten, zurückbleiben zu dürfen, und sobald die Gesell— schaft fort ist, husch, gehen wir davon!“ „Davon als Kammermädchen. Das Städtchen ist kaum eine Stunde entfernt— es kann Niemand erfahren.“ „Die Andern mögen es nachher wissen,“ flüsterte Henny, heftig ihr lockiges Köpfchen an die Wange der Freundin drückend,„nur Gebhard nicht. Oh, er würde—“ In diesem Augenblick näherte sich der Baron den beiden Nach— züglerinnen und fragte mit unverkennbarem Vorwurf:„Aber, meine Damen, so weit und ganz allein zurückzubleiben!“ „Um Gotteswillen, Ilda,“ zischelte Henny beschwörend,„ver— rathe uns nicht! Ich muß sonst ohne Erbarmen in die Pension gehen!“ „Sei ganz ruhig— Niemand erfährt etwas!“ Gebhard von Valingen reichte nun beiden jungen Mädchen den Arm und führte sie in schnellem Tempo den Harrenden wieder zu. Am andern Morgen sah man von den jungen Damen wenig. Sie saßen in Ildas lauschigem Gartenzimmer und brachten ihre Garderobe zu der Maskerade in Ordnung. Die Erlaubniß, daheim bleiben zu dürfen, ward ihnen zuletzt, wenn auch ungern, ertheilt, und seelenfroh verabschiedeten sie sich von ihren Angehörigen. Die Heimlichkeit der Sache zu erhöhen, hatten sie beschlossen, über ihre Anzüge den verhüllenden Staubmantel zu werfen, diesen aber außer⸗ halb des Badeortes auf der Landstraße abzulegen und mit ihm das unumgänzlich nothwendige Reisebündel herzustellen. Zitternd vor Erregung und glückseliger Erwartung setzten Beide endlich vor dem Spiegel den breitrandigen Strohhut auf, und niemals strahlte ein Glas zwei reizendere Gesichter zurück, als die der kühnen kleinen Abenteurerinnen. Ilda freilich konnte hier und da ein leichtes„Wenn“ und„Aber“ nicht unterdrücken, wurde aber jedes Mal durch eine stürmische Umarmung und glühende Gegen— versicherung übertönt und endlich ganz zum Schweigen gebracht. Seelenvergnügt, ohne im Geringsten an etwaige Folgen dieses eigenthümlichen Vorhabens zu denken, ganz der Lust und unbe— kümmerten Erwartung holder Jugendthorheit hingegeben, überschritten Beide die Schwelle des Lindenhauses und huschten leichtfüßig aus dem Garten auf den Weg hinaus. Zu dieser Stunde, wo Alles ruhte oder ausgeflogen war, gelangten sie unbemerkt auf die Land— straße, und kaum lag der Badeort und mit ihm der letzte Zwang hinter ihnen, so schnürten beide Marthen laut jubelnd ihr Bündel zusammen, hingen es über den Arm, faßten sich bei den Händen 178.. und eilten mehr hüpfend als gehend, lachend, die Melodie des Mädchenmarktes zu Richmond trällernd, dem Städtchen zu. Die Sonne brannte warm genug, aber das kümmerte sie nicht, strich doch ab und zu ein leiser erquickender Windhauch über die reifenden wogenden Kornfelder daher. Tausendfältig schimmerten zwischen ihren gelben Aehren blaue und rothe Blumen hervor, so lockend und lieblich, daß die glückseligen Wanderinnen der Ver⸗ suchung nicht widerstehen konnten, ein zierliches Sträußchen an ihre frohe Brust und ein zweites auf den bebänderten Strohhut zu stecken. Dann ging's weiter. Von Ermüdung spürten sie nichts. Sehr überrascht sahen sie plötzlich den erst so fernen Kirchthurm jetzt ganz nahe vor ihren Augen liegen, und da war auch schon die holperige Vorstraße erreicht. Jetzt noch wenige Schritte, und der viereckige, durch das Rathhaus ziemlich verbaute Marktplatz zeigte sich ihren entzückten Blicken. Die alterthümliche Bauart der ihn umgebenden Gebäude erhöhte nur den romantischen Eindruck und erinnerte die jungen Mädchen lebhaft an die gestern gesehene Scenerie. Zu jeder anderen Stunde würde das Erscheinen zweier so reizender, wundersam gekleideter Damen großes Aufsehen erregt haben, aber auch so blieb jeder vereinzelt Daherkommende neugierig stehen und sah dem fröhlichen Paar nach. „Jetzt erfragen wir das Vermiethungs⸗Büreau,“ flüsterte Henny, energisch auf einen alten Mann zuschreitend und die be⸗ treffende Frage an ihn richtend. Er sah sie groß und starr an. Endlich brachte er zaudernd hervor:„Büreau? Kenne ich nicht! Der alte Brinkmann vermiethet hier die Mädchen und Knechte. Da können Sie kriegen, so viel Lust haben!“ „Wie schade!“ sagte Ilda. „Durchaus nicht! Mit dem alten Miethsmann wird die Sache noch spaßhafter,“ lachte Henny, sich ausgelassen auf dem Absatz drehend.„Nur schnell, damit wir keine Zeit verlieren! Er soll uns schon ausfragen. Ich kann sticken, ich kann stricken,“ trällerte sie und Ilda stimmte nur zu gern in diese lockende Melodie ein. Nach kurzem Suchen war das bezeichnete Haus erreicht. Da entdeckte Henny's scharfes Auge plötzlich an der Ecke des Markt⸗ platzes das Obstlager einer Hökerin, welche uuter ihrem auf⸗ gespannten Regenschirm sanft entschlummert schien. Welche Massen verführerisch schwarzer und gelber Kirschen lagen dort aufgehaͤuft und dazwischen die schönsten rothbäckigen Sommeräpfel! Es war eine Lust, das anzusehen, und die beiden vom Laufen und von der Hitze durstig gewordenen Mädchen konnten unmöglich dem Ver⸗ langen widerstehen, sich an diesem Labsal zu erquicken. „Weißt Du was?“ rief die allezeit entschlossene Henny, ihr Bündel auf die Steinstufen werfend.„Ich laufe schnell hinüber und kaufe uns eine Düte Kirschen, während Du hier auf mich wartest.“ Gesagt, gethan. Die Kleine schoß wie ein Pfeil davon, und Ilda blieb allein. Sie stand mit dem Rücken gegen die plumpe Haus⸗ thür gelehnt und schaute mit glänzenden braunen Augen neugierig auf die in der Mittagssonne wie träumend daliegenden Häuser⸗ reihen. Es war Alles so still um sie her, so traumhaft fremd, daß sie sich wie in ein Märchen versetzt vorkam und mit wonnigem Behagen diesen Eindruck in sich festzuhalten suchte. Ueber das holperige Pflaster kamen Schritte daher, leichte, sichere, eilfertige Schritte. Das junge Mädchen schaute auf. Ein hochgewachsener Mann in eleganter Sommerkleidung, eine Kornblume im Knopfloch, kam die rechte Marktseite herauf. Jetzt mußte er an Ilda vorüber. Aber so geschwind, wie sie glaubte, geschah dies nicht. Denn kaum hatte der Fremde die reizende Erscheinung der Harrenden wahrgenommen, als er sein Marschtempo bedeutend ver⸗ langsamte und dann plötzlich wie geblendet oder überrascht eine Sekunde vor der heiß erröthenden Ilda stehen blieb. Alsdann sich besinnend und einem jähen Jwpulse folgend, vielleicht auch gleich- sam als Entschuldigung einer allzu deutlich zur Schau getragenen Bewunderung, lüftete der Fremde höflich seinen Hut und ent— fernte sich. In diesem Moment hüpfte Henny mit ihren erstandenen Herr⸗ lichkeiten glückselig herbei und wollte sich über dieses erste erlebte Abenteuer vor Lachen ausschütten.„Das ist unser Märchenprinz gewesen! Aber nun schnell, iß, und dann hinein zu dem alten Brinkmann!“ Wenige Kirschen genügten, den Durst zu stillen, die Reste schleuderte Henny ohne Weiteres über die Straße; sodann schritten sie Arm in Arm über eine knarrende Stiege hinauf zur Wohnung des Vermiethers und läuteten Sturm. Der Hausherr, erschreckt von dem heftigen Schall, öffnete selbst die Thür, blieb aber vor Staunen sprachlos stehen, als er sich statt des erwarteten Landstreichers oder Lehrjungen diesem reizenden Mädchenpaar gegenüber sah, dessen rosige Gesichter voll neckischer Heiterkeit ihm entgegen strahlten. „Was— was wünschen Sie?“ fragte er endlich unschlüssig. „Wir wollen uns vermiethen,“ sagte Henny schnell, ihrer Freundin ermuthigend die Hand drückend. „Gewiß, das wollen wir!“ bekräftigte die zaghaftere Ilda lächelnd. „Sie?“ Der Alte starrte die Sprecherinnen ungläubig an. Trotz der einfachen Kleidung repräsentirten sie die erhaltene Er⸗ ziehung so sehr, daß der einfache Mann ganz verwirrt wurde. „Bitte, treten Sie ein!“ sagte er endlich zögernd. Das war nun erst ein Hauptspaß, sich in dem engen niedrigen Gemach nach Herzenslust umsehen zu dürfen. Da lagen ein paar zerrissene Stiefeln in der Ecke, deren Sohlen jammervoll aus⸗ einanderklafften, und auf dem Tische prangte eine mächtige vor⸗ sündfluthliche Haube, mit grellrothen Schleifen überladen, denn Frau Brinkmann wollte diesen Nachmittag eine Gevatterin besuchen. Ach, was hätte Henny darum gegeben, das Ungeheuer vor dem zersprungenen Spiegel aufprobiren zu können! In diese erheiternde Vorstellung hinein tönte plötzlich die un⸗ vermuthete und seltsamer Weise nicht vorherbedachte Frage des Ver⸗ miethers:„Wie heißen Sie?“ Beide Lindenblüthen sahen sich fragend an. Genau wie in der Oper. Die Situation wurde immer reizender. Wie hieß doch der Text zu dieser besonders lustigen Scene?„Sprich, wie heißt Du?“ fragt Lionel, und die Lady, sehr erschreckt, sagt leise:„Martha, heiß ich!“„Na, und Du?“ fährt Plunkett Nancy an, und sie stottert:„Was ich nur sage?“„Weißt's wohl selbst nicht?“ Da ruft sie heroisch:„Julia!“ Henny und Ilda hatten genau dasselbe gedacht und brachen jetzt, statt zu antworten, in ein silberhelles Lachen aus.„Ich heiße Martha!“ rief Henny, und Ilda rief:„Ich Julia!“ „Martha— was?“ fragte der alte Brinkmann ärgerlich, da er seine Person verhöhnt glaubte. 5 „Martha Flotow! Julia Flotow!“ riefen Beide wie aus einem Munde. „Na also! Sie sehen mir aber gar nicht so aus, als ob Sie mit diesen Händen bei der Arbeit zugreifen könnten,“ sagte er mißtrauisch. „Oh, wir sind auch nur Kammermädchen!“ fiel Henny mit drolligem Nachdruck ein.„Feine Kammerjungfern, ganz feine!“ „Was leisten Sie also?“ forschte der Vermiether weiter, dem das einzuleuchten schien.„Ihresgleichen spielen freilich immer so eine Art Gnädige mit. Na, nur heraus damit, es sind zwei Stellen hier in der Umgegend vakant. Was haben Sie also gelernt?“ „Ich kann sticken, ich kann stricken,“ erwiderte Henny ohne Besinnen. „Frisiren? Plätten?“ fiel er ein. „Auch und flicken dazu.“ „Und Sie, mein Fräulein?“ „Alles das kann ich auch leisten!“ „Haben Sie schon gedient?“ „Nein,“ rief Henny schnell.„Wir sehen auch mehr auf gute Behandlung als auf hohes Gehalt. Hier ist ein Thaler für Ihre Bemühungen. Wenn Sie uns gute Stellen verschaffen, erhalten Sie noch mehr.“ „Sollen Sie haben, sollen Sie bald haben,“ lächelte der Alte, durch das Geldstück völlig zu Gunsten seiner reizenden Klientinnen eingenommen.„Kommen Sie in fünf oder acht Tagen wieder und holen Sie sich Bescheid.“ In diesem Augenblick vierte Nachmittagsstunde an. „um Gotteswillen,“ flüsterte Ilda ihrer triumphirenden Freundin zu,„wir müssen fort. Papa kommt sonst früher nach Hause als wir, ach, und erst Deine Mama!“ schlug die Thurmuhr eindringlich die 1 7 e ee FFC 8 ie e eee eee e 179. b sich gleichfalls. —.———— „Und Gebhard,“ wisperte Henny erschrocken.„Adieu, adieu, Herr Brinkmann. Wir kommen wieder. Leben Sie wohl!“ „Wir haben es sehr eilig,“ erläuterte Ilda den regellosen Rück⸗ zug,„unsere Verwandten erwarten uns mit dem Wagen auf der Chaussee.“ Damit stürmten sie davon, die Treppenstufen mehr hinab—⸗ springend als gehend, drückten die Bündel fest an sich und eilten wie auf Windesflügeln aus dem Hause und über den Marktplatz, ohne zu bemerken, daß derselbe Fußgänger, welcher Ilda vorhin geprüft hatte, noch auf der nämlichen Seite der Straße hin und her schritt. Der alte Brinkmann war den jungen Mädchen langsam bis an die Hausthür gefolgt und blickte ihnen neugierig nach, bis sie um die nächste Ecke verschwunden waren. Eben wollte er sich zurück— ziehen, als der Fremde hastig auf ihn zuschritt und mit etwas hoch— fahrender Herablassung fragte:„Können Sie mir sagen, wer das junge braunhaarige Mädchen mit dem blau und weiß gestreiften Kleide war?“ „Ja wohl; das war ein Kammermädchen, dem ich eine Stellung in einem feinen Hause verschaffen soll,“ erwiderte der Alte, sein Käppchen ziehend. Sichtlich sehr enttäuscht, gewissermaßen verdrießlich, wandte sich der Fremde ab.„Ein Kammermädchen?“ murmelte er vor sich hin, den feinen Schnurrbart drehend.„Ein Kammermädchen? So, so, ich danke Ihnen!“ sagte er dann kurz, drehte sich um und entfernte Das Glück war den beiden Lindenblüthen hold. Sie erreichten Germenau bei guter Zeit, hatten sogar noch Muße genug, ihre Maskerade abzulegen und in die gewohnte Tageskleidung hinein⸗ zuschlüpfen, bevor die Gesellschaft von ihrem Nachmittagsausflug heimkehrte. Henny schwelgte in Wonne, denn Gebhard von Valingen, als er sie neben Ilda ehrbar unter der Linde sitzen und mit einer Stickerei beschäftigt fand, hatte sie sein liebes verständiges Mädchen genannt und dabei auf die krausen blonden Löckchen geküßt. Ob sie dies Lob verdiente oder nicht, darum kümmerte sich Henny nicht im Geringsten, er hatte sie so genannt, das war die Hauptsache. Waren Ilda und Henny schon vorher eng befreundet gewesen, jetzt wurden sie geradezu unzertrennlich. Das reizvolle Geheimniß bot ja einen unerschöpflichen Stoff zur Unterhaltung und wob neben⸗ bei ein unzerreißbares Band um die ihrer Missethat sich sehr wohl bewußten Sünderinnen. III. An einem sonnigen Morgen erhob sich Erna Steinbach gleich nach dem Frühstück von ihrem Stammplatz am Kaffeetisch und schlug, ohne Jemand zu ihrer Begleitung aufzufordern, den Weg zur Promenade ein. Sie hätte auch einen anderen, stilleren Pfad nach dem Walde wählen können, aber das Drängen und Hoffen ihres Herzens, den geliebten, jetzt so ganz entfremdeten Mann, wenn auch nur flüchtig im Vorübergehen, zu begrüßen, ließ sich nicht länger ersticken. Und wie sie ihn dann erblickte, einsam unter den schattigen Bäumen daherwandelnd, freudlos wie sie, da zuckte ein heißes schmerzliches Verlangen so mächtig durch Erna's Seele, daß ihre Wangen wie in Scharlach getaucht waren. Hatte Reinhard Berger sie wirklich nicht gesehen? Oder wollte er sie absichtlich übersehen? Er wandte nicht das Haupt zur Seite, als sie rasch an ihm vorbeischritt in das dichte Gebüsch hinein, welches ihre Verwirrung fremden Blicken entzog. Nun war der Waldessaum erreicht. Roh eingehauene Stufen führten in sein grünes Reich hinauf. Schon von Weitem athmete man Wellen frischen, kühlen Harzgeruches ein, welche den dunkel aufstrebenden Tannen und Fichten entströmten. Fort und fort glitten von den Zweigen der Bäume gelbe Nadeln nieder auf die schmalen verschlungenen Pfade und überzogen sie wie mit einem glatten weichen Firniß. Die Sonne stand schon hoch am wolken⸗ losen Himmel; schräg fielen ihre glitzernden Strahlen gegen die borkigen Stämme und küßten das sammetgrüne Moos, welches sich weit über den Waldboden hinzog. Vogelgezwitscher erfüllte die Luft und das Summen und Burren vorüberschwirrender Insekten, sonst regte sich nichts— hier lag die Welt wie ausgestorben. Erna Steinbach fühlte sich bald vom Steigen ermüdet. Sie 15 setzte sich auf eine primitiv zusammengefügte Bank längs des Weges und lehnte das Haupt gegen eine Tanne. Wie lange war es denn her, da war sie denselben Weg gegangen in der sinkenden Sonne und Reinhard Berger neben ihr. Damals hatte er ihr zum ersten Mal bittend in's Auge geschaut, als er das Sträußchen reifer Walderdbeeren, welche er auf der Halde droben gepflückt, in ihre Hand gelegt, und damals hatte sie diese Hand auf ihr Herz drücken müssen, um sein überlautes beängstigendes Pochen zu ersticken. Damals hatte es vor Glück so hoch geschlagen wie heute in bitteren Schmerzen. „Es ist klar, ich habe mich in dem Fremden geirrt,“ flüsterte sie, das edle, bleiche Antlitz dankbar gen Himmel richtend.„Diese Demüthigung wenigstens sollte mir erspart bleiben. O, könnte ich meinen tiefverletzten Stolz, den unheilbaren Flecken an meiner Frauenwürde vergessen, könnte leicht und sorglos denken wie Andere, Glücklichere meines Geschlechts! Armer Reinhard, er wollte mich heilen und stieß mir ein Messer in's Herz! Und ich sollte vor ihm erröthen? Vor ihm, der sich seiner makellosen Familie froh und stolz gerühmt? Und wenn ich es über mich vermöchte—“ Sie hielt wie über sich selbst erschrocken inne und schaute umher, ob auch nicht ein Horcher diesen gepreßten Gefühlsausbruch vernommen. Nein, der Wald lag still wie zuvor, nur auf der Tannenspitze dicht über Erna's Haupt saß jetzt ein Buchfink und schmetterte lustig seine Weise durch das grüne Reich. Und doch hatte sich ihr Ohr nicht getäuscht. Vom Berg herab naheten Schritte, und eine tiefe Männerstimme begann ein lustiges Wanderlied zu singen. Die junge Frau, von ihren Empfindungen durchaus hingenommen, schenkte dem Kommenden keine Aufmerksam⸗ keit. Erst als er an ihrer Bank vorüberging, blickte sie instinktiv flüchtig empor. Da war's, als ob ein elektrischer Schlag durch Erna's Glieder zuckte, so daß sie unwillkürlich die Lippen zu einem matten Hülferuf öffnen mußte. Er blieb stehen und betrachtete sie gleichgültig. Plötzlich, als ginge ihm eine Offenbarung auf, glitt es unheimlich wechselvoll wie Wetterleuchten und Sonnenschein über sein volles geröthetes Antlitz, er stürzte vorwärts und würde sich neben Erna auf die Bank niedergeworfen haben, wenn sie nicht mit allen Zeichen der Verachtung und des Abscheues ihn von sich abgewehrt hätte. „Wir kennen uns nicht!“ sagte sie und ihre sonst so weiche Stimme klang hart und mitleidslos.„Haben uns nie gekannt!“ Er wollte rauh auflachen, aber der Ton erstickte ihm in der Kehle. Eine fremde Macht ließ ihn die Augen vor Erna's reinen Blicken niederschlagen.„So, so!“ murmelte er endlich, seinen Stock tief in das Erdreich bohrend, wie um eine peinliche Verlegenheit zu bekämpfen.„Hätte es eigentlich wissen können— hattest es damals sehr eilig, von mir loszukommen!“ „Schweig',“ rief sie, sich energisch aufrichtend.„Diese Geschichten sind für mich todt und Du mit ihnen. Geh'!“ „So geschwind nun doch nicht,“ sagte er mit verbissenem Groll. „Das Gericht freilich hat Dir den Gefallen gethan, ich aber hätte vielleicht doch noch ein Wort mit Dir zu sprechen.“ Sie war blaß wie der Tod geworden.„Mit einem Manne, der zwei Jahre—“ Er riß ihre Hand wild an sich. Dich, Närrin,“ fuhr er dann gelassener fort,„Du bist heute noch die Träumerin wie damals. Derlei Dinge passiren täglich, stündlich, und wer verständig ist, schlägt keinen unnützen Lärm davon.“ „Und wenn ich,“ sagte Erna, trotz allen Gegenstrebens unfähig, den jahrelangen Schmerz zu bezwingen,„vergeben könnte, was Du Dir selbst mehr als mir zugefügt hast, wenn ich die öffentliche Schmach, welche Du über mein Haupt gebracht hast, Dir verzeihen könnte, das, was Du an meiner nichtsahnenden Jugend verbrochen hast an rohem Spott, an rücksichtsloser Selbstsucht, an herzloser Enttäuschung, an Untreue“— sie schwieg, ihr Athem stockte vor Bewegung—„das vergebe ich Dir nie. Du hast meinen guten Glauben hintergangen, vergiftet, als Du die thörichte, sinnlose Kinder⸗ zuneigung in Haß verwandeltest. Als Deine Lockungen schwiegen, als ich am Ziel meiner thörichten Wünsche angelangt zu sein wähnte, als ich, mit den Meinen zerfallen, Dir ganz allein Schutz und Schirm verdanken wollte, da zeigtest Du mir die ganze Tiefe Deines niedrigen Spekulationsgelüstes.“ „Es ist nicht wahr, ich habe Dich geliebt!“ rief er hastig da⸗ zwischen.„Und wärest Du nicht immer eine eigensinnige Schwärmerin „Sei still davon, ich warne n 1 4 ö 180 wenn Du mir ein heißes Eisen in die Brust stießest. geblieben, hyperromantisch vor ungesunder Idealität und dabei kalt, empfindungslos wie Eis.— Es ist nicht wahr,“ wiederholte er, sich unterbrechend und stieß mit dem Stock zornig auf den Boden,„ich habe Dich geliebt!“ Sie erröthete vor Unwillen und Scham.„Ja, wie ein Schlächter das schutzlose Lamm liebt! Was willst Du von mir? Denke nicht daran, mich einschüchtern oder zu irgend einem Zugeständniß über⸗ reden zu können. Ich verleugne Dich, dessen sei versichert!“ „Ohne Zweifel, wenngleich es immerhin ein recht fatales Ein⸗ geständniß bleibt, den geschiedenen Ehemann neben sich zu wissen. Wovon lebst Du?“ rief er plötzlich auffahrend. Sie sah mit tiefster Verachtung in sein nicht unschönes, aber von wüsten Leidenschaften zeugendes Antlitz und lächelte herbe.„Geld willst Du von mir, die Du arm und hülflos zurückließest, nachdem Du meine Mitgift mit Deinen Kreaturen vergeudet hattest? Ich habe kein Geld für Dich, Verbrecher!“ „Er preßte ihre Hand mit wuthentstellten Zügen.„Du solltest das Wort nicht nennen— ich könnte mich vergessen! Es ist, als Wenn ich geworden bin, was ich bin, ist's meine Sache. Ich bin jetzt unter einem andern Namen leidlich gut und sorgenfrei, Dein Geld brauche ich nicht. Doch wovon lebst Du?“ „Eine kinderlose Tante, die Mitleid fühlte mit dem Jammer, welchen Du mir geschaffen,“ entgegnete sie furchtlos,„setzte mich zu ihrer Erbin ein.“ „Weißt Du, daß ich nach— nachdem zwei Jahre in Amerika gewesen bin?“ fragte er finster. „Nein! Ich habe Deinem weitern Schicksal nicht nachgefragt und werde es auch nie thun. Du bist todt für mich, vielleicht noch schlimmer als todt. Was Du auch unternehmen magst, mir gilt es gleich, und dasselbe Gefühl der Gleichgültigkeit wünsche ich bei Dir mir gegenüber zu sehen. Und damit genug für immer!“ (Fortsetzung folgt.) Verrathener Liebe Ende. Vorbei war der Liebe wonniger Traum, Zerronnen das Glück wie der sprühende Schaum, Als für des zuckenden Herzens Weh Du suchtest den Frieden in wogender See. Es trugen Dein letztes verzeihendes Wort Die Winde über die Lande fort. Verrauscht ist der Sturm und die Wolken flieh'n, Entseelt hat dich Schöne das Meer ausgespien. Der glume gleich, so ruhst Du am Strand, Sein Bild hält umschlossen die todtbleiche Hand. Es raunen die Wogen in grollendem Ton: Weh dem Verräther, ihm wird sein Lohn! Die Verlenprinzessin. Einem alten indischen Märchen nacherzählt von Ernst Alto. In uralten Zeiten lag an den Ufern eines großen Flusses im fernen Osten, welcher wegen seiner Größe der„Strom der Väter“ von den Eingeborenen genannt wurde, eine blühende, selbstständige Provinz, Pinontakan genannt. Dort wohnte vor langen, langen Jahren ein Jaͤgersmann, dessen Name längst verschollen und vergessen ist. Eines schönen Tages ging dieser mit mehreren Gefährten in den Wald, um zu jagen. In jenen Zeiten war es nämlich Sitte und Gebrauch, daß man gemeinschaftlich jagte, und zwar thaten sich einige Leute zusammen, welche dann eine Jagdgesellschaft bil⸗ deten. Der beste Jager unter ihnen wurde zum Anführer gewählt und die Andern hatten diesem dann unbedingten Gehorsam zu leisten. Unser Jägersmann wurde seiner Geschicklichkeit wegen stets zum Anführer gewählt. Eine solche Jagdgesellschaft blieb gewöhnlich lange Zeit aus, manchmal einige Monate, es konnte aber auch wohl ein Jahr dauern. So blieb auch unser Jager mit seinen Gefährten gewöhn⸗ lich monatelang im Walde. Als sie einstmals wieder im Walde anlangten, war ihre erste Arbeit, sich einen günstig gelegenen Platz auszusuchen, auf welchem sie ihre Hütte aufschlagen konnten. Ein passender Platz war bald gefunden und die Hütte schnell aufgebaut. Nach dem Jagdrechte jener Tage durfte der Anführer für sich das beste und feinste Stück des erlegten Wildes in Anspruch nehmen. Keiner der Andern durfte sich dem widersetzen oder gar damit unzu— frieden zeigen. Von diesem Rechte machte auch unser Jäger Ge— brauch. Ein jedes Mal, wenn ein Wildschwein, Büffel oder ein Hirsch-Eber erlegt worden war, suchte er für sich denjenigen Theil des Fleisches aus, welcher nach seinem Geschmack der beste war, kochte ihn dann in einem besonderen Topfe und verwahrte ihn an einem verborgenen Platze. Zog die Gesellschaft früh Morgens in den Wald, dann wurde Einer von ihnen ausgewählt, um zurück⸗ zubleiben und in der Hütte die Wache zu halten, damit von ihren Geräthschaften, Kleidern oder gar dem erlegten Wilde nichts ver— loren gehe oder entwendet werde. So war es immer Sitte und Gebrauch gewesen. 5 Nun geschah es eines Abends, daß der Jäger wie gewöhnlich gegen Einbruch der Dunkelheit von der Jagd zurückkehrte und das von ihm selbst verborgene Fleisch verzehren wollte. Zu seiner großen Enttäuschung fand er es jedoch nicht mehr vor. Es konnte nur gestohlen sein. Durch wen? Das wußte er natürlich nicht. In seinem Herzen beschuldigte er den Wächter; in dem Glauben, daß dieser das Fleisch genommen habe, sagte er zu ihm: Kein Anderer wie Du hat es genommen! Der Mann betheuerte seine Unschuld und leugnete hartnäckig, denn er fühlte sich vollständig unschuldig. Trotzdem blieb unser Jäger steif und fest bei seiner Behauptung, der Wächter habe es gestohlen, weil er nicht begriff, wie sonst das Fleisch verschwunden sein könne. Dreimal hintereinander wurde ihm sein Antheil entwendet, ohne daß er entdecken konnte, wie? Als es dann am vierten Tage wieder geschah, schwur der Wächter in Gegenwart aller seiner Kameraden einen feierlichen Eid, daß er nicht der Dieb sei. Hierauf entschloß sich unser Jäger, selbst die Wache zu der Hütte zu übernehmen; seine Gefährten schickte er alle in den Wald, um zu jagen. Kaum waren diese fortgezogen, so verbarg er sich in der Nähe der Hütte. Er war noch nicht lange in seinem Ver⸗ steck, als er aus einem in der Nähe gelegenen Bambusstrauch ein junges Mädchen kommen sah, wunderhübsch von Angesicht, welches direkt in die Hütte ging, das Fleisch aus dem Versteck holte und sich hastig damit entfernen wollte. Unser Jäger hatte kaum die holde Erscheinung bemerkt, als er aus seinem Versteck springen wollte, um sie zu greifen. Ihre Schönheit und Anmuth übte aber einen solchen mächtigen Zauber auf ihn aus, daß er wie festgebannt in seinem Versteck stehen blieb. Als er aus seinem Traum erwachte, war die Erscheinung ver⸗ schwunden. Seinen Gefährten erzählte er des Abends bei ihrer Rückkehr nichts von seinem Abenteuer. Die ganze Nacht dachte er darüber nach, wer die Diebin wohl sein könne und wie er sie ansprechen möge, ohne sie heftig zu erschrecken. Und anderen Tages schickte er seine Gefährten abermals allein in den Wald. Noch war er nicht mit sich einig, was er thun solle, wenn sie heute zurückkäme, um ihm sein Fleisch nochmals wegzunehmen. Da er außer einem großen Jäger aber auch ein tüchtiger Musikant war, so nahm er seine Floͤte, setzte sich wieder in sein Versteck und begann zu spielen in der Hoffnung, daß ihm die Musik einen guten Gedanken eingeben würde. bestes Stückchen, als er aus demselben Bambusgebüsch wieder das junge Mädchen hervortreten sah. Aber anstatt in die Hütte zu gehen, blieb es draußen stehen und horchte auf die Töne der Flöte. Kaum bemerkte unser Jäger, welchen Einfluß seine Musik auf das Mädchen ausübte, so spielte er weiter. Langsam näherte sich die Holde dem Orte, wo der Jäger verborgen war, so daß er nur seine Hand auszustrecken brauchte, um es zu greifen. Jetzt hielt er plötzlich inne mit seiner Musik und trat aus seinem Versteck. Er⸗ schreckt wollte das Mädchen entfliehen, doch er hatte es bereits ge⸗ faßt und fragte:„Wer bist Du?“ Er blies grade sein e eee, W. eee eee FP 181. uelnvgusgogz' d uda dagspuiech mog Spyzg „eue en eee 182 Schluchzend antwortete es:„Ich bin ein armes verlassenes Mädchen; meine Mutter, Herrscherin jenes Bambusgebüsches, hat mit meinem Vater, einem früheren Bewohner jener Quelle, diese Gegend verlassen und mich allein in dem Bambusgebüsch zurück⸗ gelassen.“ Die Thränen rollten ihr bei diesen Worten über die zarten Wangen. Wie unser Jäger das holde Mädchen so betrübt sah, verzieh er ihm in seinem Herzen, tröstete es und, da er keine Kinder hatte, bot er ihm an, es an Kindesstatt anzunehmen. Freudig willigte das Mädchen ein und versprach ihm, eine gute Tochter zu werden. Von diesem Augenblick erkannte er es als seine Tochter an, nahm es als Kind zu sich und taufte es Perle, wegen seiner schönen Zähne. Als seine Jagdgenossen von der Jagd Abends heimgekehrt waren, erzählte er ihnen sein Abenteuer, so wie es sich zugetragen hatte. Nach einigen Tagen kehrte die ganze Gesellschaft in ihr Heimathsdorf zurück; hier erzog der Vater sein Kind, als ob es eine geborene Prinzessin sei. Die Einwohner sahen denn auch mit Ehrfurcht zu ihr empor und ehrten sie wegen ihrer außergewöhn⸗ lichen Schönheit und schlanken Gestalt wie eine Prinzessin. Zu jener Zeit wohnte ein mächtiger Fürst, welcher Rampoli hieß, in dem benachbarten Reiche an der Mündung des„Stromes der Väter.“ Dieser Fürst hatte die Gewohnheit, sich jeden Nach⸗ mittag gegen Sonnenuntergang in dem Flusse zu baden. Nun geschah es eines Tages, während er badete, daß, als er grade mit beiden Händen sich das Wasser über den Kopf warf, er die runde Frucht des Djambubaumes auffing. a Gleichgültig warf der Fürst sie wieder in das Wasser. Doch als er sich zum andern Male Wasser über den Kopf warf, bekam er dieselbe Frucht wieder in die Hand; nochmals wirft er sie weg, um sie mit dem Strome forttreiben zu lassen, doch zum dritten Male kam sie wieder in seine Hände zurück. Das fand er wunderbar. Er begann nun wirklich, sich die Frucht näher anzusehen und bemerkte zu seinem Erstaunen, daß es nur die halbe Frucht war und daß Jemand die andere Hälfte abgebissen hatte. Die Spuren der Zähne waren so zierlich, daß er sofort begriff, es müsse eine Frau gewesen sein, welche schöne kleine Zähne habe. Und neugierig gemacht, dieses Weib zu erblicken, beschloß er, seine Sklaven aus⸗ zusenden, um sie suchen zu lassen. Nach seiner Schätzung mußte die Unbekannte ungefähr oben bei den Quellen des Flusses wohnen, denn die Frucht war von oben hinunter geschwommen. Am folgenden Tag befahl er sechs seiner besten Sklaven, das Weib mit den Perlenzähnen dort aufzusuchen. Diese kamen bald in die Provinz Pinontakan, ihr Nachforschen war jedoch vergebens. Die Frau wurde von ihnen nicht gefunden und so kehrten sie un⸗ verrichteter Sache mit schwerem Herzen zu ihrem Fürsten zurück. Sie fürchteten, daß der Fürst sie, obwohl unschuldig, strafen werde. Nachdem sie von ihrer vergeblichen Reise Bericht erstattet hatten, erbot sich ein alter Sklave des Fürsten, die gesuchte Frau ausfindig zu machen. Dieser, klüger als die Uebrigen, begriff, daß er, um seinen Zweck zu erreichen, sich eine List erdenken müsse. Er machte sich, von einigen Kameraden begleitet, sofort auf den Weg und nahm einen Hahn mit. Dicht bei der oben genannten Provinz angekommen, rupfte er das Thier vollständig kahl. Darauf ging er in das Dorf, ließ den Hahn überall sehen und rief längs des Weges mit lauter Stimme:„Ich verkaufe Hühner, wer bietet mir Geld dafür?“ Die Dorfbewohner kamen aus ihren Hütten auf die Straße und als sie sahen, daß das Thier keine Federn hatte, lachten sie laut auf. So zog der Sklave durch das Dorf. Jeder Bewohner öffnete seinen Mund zum Lachen und der Besitzer des Hahnes bekam durch List alle Zähne zu sehen. Als er nun mitten in das Dorf ge— kommen war, sah er Jemand durch eine Dachluke des nahe gelegenen Hauses blicken. Als der Kopf ganz zum Vorschein gekommen war, fing die Person beim Anblick des Hahnes, welchen der Mann be⸗ ständig in seiner Hand hatte, derart an zu lachen, daß ein paar Reihen der schönsten Zähne sichtbar wurden. Es war die Perlen⸗ Prinzessin mit ihren herrlichen Zähnen. Nun wußte der Sklave genug. Nachdem er sie noch einmal genau angesehen hatte, kehrte er mit seinen Gesellen zu seinem Herrn zurück und brachte diesem die erfreuliche Nachricht, daß sein Plan gelungen sei und er nun wisse, wo sich die gesuchte Schone aufhalte. Der Fürst ließ sich erzählen, wie er es angefangen habe und horchte natürlich neugierig auf die Erzählung des alten Mannes. Ihm gefiel die Schlauheit, welche dieser dabei an den Tag gelegt hatte und war sehr mit ihm zufrieden. Sofort war der Entschluß des Fürsten gefaßt, die sogenannte Prinzessin zu seiner Frau zu machen. Er sammelte einen kostbaren Brautschatz, den er dem Vater des Mädchens bezahlen mußte. Darauf brach er mit großem Gefolge auf und begab sich in die Provinz Pinontakan. Der Wunsch seines Herzens wurde erfüllt. Der Jäger bestimmte den Werth des für seine Tochter zu zahlenden Brautschatzes; seine Forderung wurde bewilligt und er gab sie nun dem Fürsten zur Frau. Perle war jetzt, Dank ihrer Schönheit, von einer Dorf⸗ prinzessin zur Gemahlin des Fürsten Rampoli und zur Beherrscherin eines kleinen Reiches erhoben worden und sie nahm sich mit Liebe aller Derer an, die arm und verlassen waren. Kleine Frauen-Zeitung. Die Mode. Wie ich es schon zu Anfang der Saison enden das schottische Carreau in den Kleiderstoffen hat vielen Beifall gefunden, besonders das⸗ jenige, welches mild und von gutem positionen ist, d. h. nicht mehr als drei bis vier Töne in sich vereint, z. B. pistaziengrün, moosgrün, frühlingsgrün und rahmgelb, oder rahmgelb, heliotrop, penske und altgold, oder rahmgelb, maisgelb und beige ꝛc. Ueber derartige schottische Röcke erheben sich dann Echarpes aus ein⸗ farbigem Wollengewebe, welche man in der dunkelsten oder hellsten Farbe der Carreaux wählt, und welche an der Seite oder im Rücken in breiten Enden herabfallen, besetzt am unteren Rande mit Passementerien oder Ge⸗ N hängen aus übereinstimmend farbigen Perlen. Eine Casaque aus einfarbigem Stoff, rings mit Rundschnüren benäht, welche die Farben des Carreaus wiederholen, vollendet eine solche Toilette. Nicht minder hübsch erscheint mir folgende in Vigogne. Der karrirte Rock ist auf den Fond drapirt und bildet auf der linken Seite eine drei⸗ fache Quetschfalte. Vorn legt sich ein kleines, kurz ft en Tablier aus einfarbiger Vigogne über den Rock und im Rücken fällt ein graziös ar rangirter Puff aus demselben Stoff nieder. Das einfarbige Leibchen Genre Jaquette, öffnet sich mit Revers über einem Chemiset aus gefälteltem Surah in gleichem Ton. Auf dem Schooß nach vorn zu zeichnet eine Reihe kleiner Schlingen aus Faille Picotband eine Art Tasche. Eine Schleife scheint auf den Aufschlag der Aermel geflogen zu sein.— Hierzu gehört eine kleine Kapote aus gelbem, durchbrochenem Stroh, zwischen deren einzelnen Bordüren immer eine schmale, gekräuselte, schwarzseidene Spitze mit herausstehenden Zäckchen angebracht ist. Kapote, und ein Kränzchen von gelben Kuckucksblumen, aus welchem eine Aigrette lila Frisblüthen hervorstrahlt, dient als Ausputz.— Und wie ver⸗ hielten sich die Farben des Kleides zu dem Hütchen! Die Carreaux präsen⸗ tirten sich blaßgrau, schwarz, goldgelb und lila, und die letztere Nüance war in dem einfarbigen Stoff vertreten. Wieder ein anderes Kostüm aus karrirtem Wollengewebe(Voile), die in mehreren grauen Tönen, durch Kreuzungen rother oder blauer Linien belebt, zeigte den Rock, in breite Falten geordnet; ein kleines, graues, leichtes Tuchjaquette mit einem Plastron aus grauer Sicilienne vertrat die Stelle des Leibchens, und um dasselbe schlang ch eine Echarpe à la Robespierre, ebenfalls aus grauer Sicilienne, deren beide Enden auf der linken Seite niederfielen und unten je mit Pompons oder einem großen Nestelstift in Passementerie zusammengehalten waren. f Die Schärpen à la Robespierre(ich kann an dem süchichen Namen nichts ändern, man hat sie so getauft) sind sehr in Gunst, und v ele Damen mit schlanker, runder und biegsamer Taille haben dieselben angenommen. Aber sie eignen sich mit ihren vielen Falten nur für einen derartigen Wuchs, sich hierbei von besonderer Kleidsamkeit erweisend. Es läßt sich auch leicht ein älteres Kleid durch eine solche Schärpe neu gestalten, ohne daß man das Geringste daran zu ändern hat; es genügt, den Rock über das Schnebben⸗ oder Schooßleibchen zu ziehen und dann die zusammengefaltete Schärpe um die Taille zu legen. Dieses Arrangement wird sich sehr hübsch zu den 3 Etamine- und weißen Vigognekleidern ausnehmen. Man kann auch die Schärpe in abstechender Farbe wählen; so dürfte sie in strohgelber oder alt · rosa Nüance von hübscher Wirkung auf einer weißen Toilette sein. Um indeß wieder auf die sommerlichen Kleiderstoffe zu kommen, so giebt es deren auch viel 1 in Seide und leichter Wolle, welche, gleich den karrirten, ihre Vervollständigung in dem Einfarbigen finden, und das Zusammenpassen der Farben ist hierbei nicht mehr eine 5 difficile Arbeit wie früher. Man wird z. B. zu einem heliotropfarbenen urah, durchfurcht mit breiten, matten Streifen in Beige und sanftem Goldgelb, mindestens zehn Gewebe zur Verfügung haben, welche sich auf glückliche Weise mit ihm verbinden, sei es, daß ste sich dem Lila des Grundes, l es, daß sie sich dem Goldgelb oder der Beigefarbe der Streifen anpassen. solcher An · zug präsentirt sich z. B. sehr vortbeilhaft mit ge 2 0 Rock un deigefarbenen Tunika nebst Gürtel⸗ oder Schnebbenlei Boile, Wollenbatist, Bengaline ꝛc. Die oben geöffnete und gekreuzte Weste würde aus dem gestreiften Surah sein und ein Chemiset aus plissirtem, ein farbig heliotroplila Crepe lisse erhalten. Ein ähnliches Genre könnte sich Ein schwarzes Sammet⸗Bouillonns umrahmt die einer* chen, gleichviel aus Geschmack in seinen Farben- Kom- e — 2 N — 183.. 8 bildet, findet auch auf Kleidern Anwendung. griff. Ein anderer Schirm aus krausgezogenem, in beigefarbenem Fond mit schottischen Streifen, in altrosa Grund mit moosgrünen, rothpikotirten Streifen wiederholen. Ferner sieht man eerise⸗ roth, altrosa und strohgelb gemischte Streifen auf céladon⸗, chartreuse⸗ oder nilgrünem Grund orangegelb und schwarzgemischte Streifen auf donau⸗ blauem Grund. Es ist unmöglich, all' die Phantasien in Stoffen und Ar⸗ rangements zu beschreiben. Aus jenen Kombinationen offenbart sich die Tendenz der Mode, der Geschmack des Tages: das Gemusterte unten, das Einfarbige oben; hier ruft indeß das Leibchen in seinem Ausputz immer das Gewebe des unteren Rockes zurück. Die aus einem einzigen Stoff gefertigten Kostüme werden ebenfalls getragen, aber dieses Ensemble wird dann häufig durch einen abstechenden Einsatztheil unterbrochen: einen Quille aus Spitzen, eine Leiter von Schleifen, eine Verschlingung von Schnüren oder durch irgend eine andere Originalität. Die Mode der Bandenden in Form eines„Schwalbenschwanzes“, welche auf den Hüten einen flatternden, in vielen Farben schimmernden Zierrath Man bereitet Plastrons und Quilles, welche denselben Zweck wie die Schleifenleitern erfüllen. Im allgemeinen sind zur Garnitur der Sommerkleider drei Arten be⸗ sonders modern: für die Toiletten aus Foulard oder anderer leichter Seide — Bänder und Spitzen, zumal der Foulard mit seinen kleinen Musterchen keine schweren Verzierungen vertragen kann, überhaupt deren sehr wenig bedarf. Man liebt nämlich nach wie vor den Foulard mit Punkten, Erbsen, Ringelchen, winzigen Farrenblättchen, Blümchen ꝛc., weiß oder je nachdem 11 auf otterbraunem, marineblauem, bronzegrünem, goldbraunem, heliotrop— ila oder rohgelbem Grunde. Ich kehre wieder zu den Garnituren zurück. Zu den Kleidern aus Wollenstoffen verwendet man neuerdings viel Soutaches und Wollengalons, Perlenbordüren und Bordürenstreifen, welche letztere aus deml Stoff ge⸗ schnitten. Was nun die Kostüme aus bedruckter Satinette, Elsasser Baum⸗ wollenfoulard, Cretonne, aus Zephyr mit erhabenen Satin-Carreaur, aus gestreifter Baumwollen⸗Faille, aus brochirtem Batist ꝛc. betrifft, so verziert man sie einerseits mit groben, rahmgelben, rohgelben oder ficellefarbenen Spitzen und Spachtelstickereien, andererseits mit einfarbigen Stoff⸗Draperien, besonders rohgelben oder rothen, kurz, in soliden Farben, welche weder durch Wasser und Luft, noch durch die Wäsche leiden. Alles dies— ich betone es abermals— gilt indeß nur im Allgemeinen, was nicht verhindert, andere Arten von Ausschmückungen zu erfinden oder anzubringen. Nach meinem Geschmack muß man die Stoffe, welche schön in ihren Farben oder ihrer Qualität sind, nicht durch Garnitur überladen, ebenso wenig wie man in einer Toilette Meter von Stoff zu wahren Packeten von Falten oder Draperien anhäufen darf. Das ist weder einfach noch kleidsam, und die Häuser, aus welchen sehr elegante Kleidungsstücke hervorgehen, wissen diese unumgänglich notk wendigen Regeln des wirklichen Geschmackes zu be⸗ obachten. Eine sehr große Dame wird gut thun, das, was ihre Statur zu viel Emporstrebendes hat, durch weite Draperien abzuschwächen, und eine kleine Gestalt dürfte bei Anwendung des Gegentheils das Richtige treffen. Man will die mit dem Eisen ausgeschlagenen und ausgezähnten Stoff- garnituren wieder in die Mode bringen. Schon bereitet man Seidenkleider mit ausgeschlagenen Volants, Jaquettes mit ausgezähnten Tuchstreifen, deren man drei übereinandersetzt ꝛc. 5 5 Da ich gerade von dem Jagquette spreche, so möchte ich nochmals darauf aufmerksam machen, daß dessen Ausputz sich immer reicher gestaltet, daß man Passementerien aller Art, Brandebourgs, Patten, Epaulettes, Schnüre mit großen Nestelstiften in Posamentierarbeit, ciselirtem Silber oder anderem Metall dazu verwendet. 3 5 5 Früher habe ich einmal angeführt, daß das Jaquette bei der Frau nicht u einer geputzten Toilette gehört, wie bei dem jungen Mädchen. Dies schließt aber keineswegs für die sehr elegante Frau die Verbindung des Jagquettes mit einem eleganteren, ja, mit einem werthvollen Kleide aus. s kommt nur darauf an, welche Stelle man demselben in dem Toilettenschatze zudiktirt. Eine Robe aus hübschem Foulard, zum Theil in lebhaften Farben gemustert, zum Theil einfarbig, verträgt sehr gut als Umhüllung ein Jaquette. Hier müßte dasselbe einfach gehalten sein, aber in heller Farbe, von er⸗ quisitem Schnitt, und das eigentliche Cachet würde durch die Qualität der Knöpfe, durch die Stickerei des Kragens und der Manschetten, falls diese von Tuch, bedingt werden, wenn man nicht vorzieht, die beiden letzteren Garniturtheile aus schlichtem Sammet zu wählen. 5 ö Die seidenen Handschuhe erfreuen sich größerer Beliebtheit als je. Und wir brauchen uns nicht darüber zu beklagen, denn sie sind leichter und an— genehmer als diejenigen aus Leder. Wie im vergangenen Sommer, so stellt man auch für diese Saison die Sonnenschirme in großem Format aus allen möglichen Sommerstoffen her, aus Batist, bedruckter Satinette, brochirter und gestickter Etamine de., noch eleganter aus leichteren und schwereren Seidengeweben: aus bedrucktem Foulard(besonders rohgelber Grund mit großen rothen oder blauen Pastillen), Tussor, Pongee, Brocatelle, Faille, Peking, Moire. Der Schirm aus ge⸗ sticktem Tüll, aus Tüll point d'esprit, aus spanischen Blonden, aus point de Calais, schwarzen Chantillyspitzen, Lyoner Spitzen in sehr feiner und schöner Seide über seidener Unterlage, ist immer in der Mode, elegant und von gutem Geschmack. Und für den praktischen Anzug bleibt der Encas aus Köperseide oder Satin merveilleux, einfarbig, durch weiße Linien ge⸗ gittert, oder weiß und farbig gewürfelt, an der agesordnung. Dies die Haupttypen, deren Varianten unzählbar sind, unmöglich zu zitiren, unnütz zu beschreiben. Ich beschränke mich nur auf ein paar eigenartige Modelle von seltner Eleganz. Der eine dieser Schirme ist aus blaß⸗ rohgelbem, reich gesticktem Tüll über rosaseidener Unterlage; rings um den Rand zieht sich ein gekräuselter Volant aus rohgelbem Tüll point d'esprit, gänzlich überstreift mit Schlingen aus blaßrosa Atlas⸗Kometenband mit Picots, welche wie eine Franse herabfallen. Oben am Schirme befindet sich ein Pompon aus demselben Kometenband. Stock aus einfachem Holz mit ciselirtem Silber⸗ rahmgelbem Creépe lisse ohne Futter präsentirt oben einen großen, aufgelegten, runden Krepptheil, aber doppelt genommen, so daß also hier eine dreifache Krepplage angebracht, diesen überstreut mit kleinen, seidenen, eingestickten Rosen. Ein entsprechend gestickter, sehr breiter Volant umgiebt den Rand des Bezuges. Der Stock ist ebenfalls aus Naturholz, jedoch mit immenser Kugel aus bemaltem Meißner Porzellan. Der mit zwei viereckigen Tüchern kreuzweise überlegte Sonnenschirm, welchen man bereits im vergangenen Jahre versucht, wird von neuem als „Phantasie“ eingeführt. Lose Blätter. Das Elend des dreißigjährigen Krieges schildert Gottfried Andreä nach eigener Anschauung.„Der elende, betrübte und jämmerliche Zustand in und um Worms, weit und breit kontinuirte, große und unerträgliche Hungers— noth, welche dann die eingelagerte Soldateska unglücklich vermehrte; denn die unbarmherzigen Kriegsknechte nahmen alle Nahrung und Lebensmittel. Um das Pferdefleisch haben sich die Menschen gerupft, geschlagen und sogar ermordet. In Summa: es war eine solche Noth, daß auch kein Mensch des andern verschonte, sondern todt schlugen und verzehrten, die Gottesäcker durchsuchten, Gräber aufbrachen, die Hochgerichte 5 70 5 und die Todten zur Speise nahmen: ein Bruder hat die todte Schwester, eine Tochter die todte Mutter ausgeweydet und davon gezehret, also, daß weder die Hiero⸗ solimasche, noch die Saguntinische Hungesnoth baden dieselbe etwas zu rechnen.“„Im Elsaß,“ bemerkt das Theatrum Europaeum,„schlachtete man die Gefangenen, um sie zu essen. Die Bauern schwärmten, von Haus und Hof vertrieben, in Räuberbanden umher, sahen die Soldaten ohne Unterschied der Partei für ihre gemeinsamen Feinde an und ermordeten ihrer, so viel sie konnten. Im Nassauischen schleppten die Hunde die abgerissenen Menschenglieder auf den Straßen umher ꝛc.“ W. G. Wie man in Korea trauert.„Es war im Jahre 1883,“ erzählt der Japanreisende Richard Kunowski:„In Folge eines entsetzlichen Sturmes waren wir nach Korea verschlagen worden und mußten an der Ostküste landen. Was mir zuerst in die Augen fiel, war die Tracht sämmtlicher Einwohner, die Beamten mit einbegriffen. Sie waren bis zu den Füßen in graugelbe Sackleinewand gekleidet und hatten hellgelbe, breitkrämpige Hüte auf dem Kopf, an denen Streifen jener Sackleinewand vor den Ge⸗ sichtern herabhingen. Verwundert über die allgemeine Trauerkleidung, fragten wir, wem sie gelte. Da hörten wir, daß dies der Königin wegen geschehe, die ermordet worden sei. Nach einem halben Jahre erschien die Herrscherin jedoch, die sich nur vor der Nachstellung ihres Schwiegerbaters Tai⸗on⸗Knu verborgen gehalten hatte, und so hatte das Volk vergebens getrauert. Wäre sie nicht wieder zum Vorschein gekommen, hätte die Trauer noch sechs Monat dauern müssen.“ Es ist nämlich Gebrauch, für eine Königin zwölf Monate, für Eltern und nahe Verwandte drei Jahre zu trauern. Während der Trauerzeit darf kein Fest, nicht einmal eine Hochzeit stattfinden. Diese Sitte hat nicht selten im Gefolge, daß Brautschaften zwölf Jahre dauern, und daß auffällig viel Unverheirathete in Korea leben, zumal unter denen, die eine zahlreiche Familie besitzen. In neuester Zeit hat man sich freilich gegen die Trauer geholfen, indem Braut und Bräutigam manche nahe Ver⸗ wandtschaft leugnen, auch die Trauerzeit eigenmächtig verändern. Z. B. Die schöne Braut wird von einer Freundin folgendermaßen interpellirt: „Meine Liebe, Sie heirathen morgen, und Ihr Oheim ist vor erst zwei Jahren gestorben.“—„Sie irren, mein Oheim ist vor drei Jahren den Weg alles Fleisches gegangen; denn meine Tante heirathet übermorgen.“ a W. G. Spitzbubenregimenter in Indien. In den Armeen der eingeborenen Fürsten Indiens gab es Regimenter, welche diesen seltsamen Titel führten, in der Landessprache Schodha, welches wörtlich einen Schurken oder Spitz. buben benennt. Diese Regimenter bestanden aus Leuten, die manche Ver⸗ brechen begehen durften, die an anderen mit harten summarischen Strafen geahndet wurden. Für diese Nachsicht bei der Bestrafung mußten sie die gefährlichsten Dinge leisten; sie waren Schanzgräber, bildeten den Vortrab und mußten bei Belagerungen zuerst stürmen, wenn eine Bresche für zweck— dienlich angesehen wurde. Wenn sie nicht im Dienste waren, so waren sie völlig Herr ihrer Zeit, konnten gehen, wohin es ihnen beliebte, wobei sie alle Arten von Ausschweifungen verübten, für die sie, große Verbrechen ab⸗ gerechnet, selten zur Rechenschaft gezogen wurden. Da sie wenig oder gar keinen Sold von ihren Fürsten erhielten, bei welchen sie im Dienste standen, so suchten sie auf sede mögliche Weise ihren Unterhalt zu gewinnen, wobei es natürlich an Spitzbübereien und Schurkenstreichen nicht fehlte,— für welche sie in einem besser geregelten Zustand anderer Staaten gehängt worden wären. M. Tugend und Laster. Den Kaiser Napoleon III. bat einst eine Dame, das Tabakrauchen gänzlich zu verbieten, da dieses doch nur ein Laster sei. —„Ich gebe zu, daß es ein Laster ist“ sagte Napoleon, der eben seine Zigarre weggelegt hatte,„aber dieses Laster bringt Frankreich jährlich hundert Millionen Franks ein. Demungeachtet aber will ich es verbieten, sobald Sie nur die Güte haben wollten, mir eine Tugend zu nennen, welche dem Staate ebensoviel einzubringen verspricht.“ M. Treffende Erklärung.„Was verstehst Du unter dem Worte: Gesetz?“ wurde Solon gefragt. Ein Gesetz,“ war dessen Antwort,„ist ein Spinn⸗ gewebe, in welches sich kleine Fließen verfangen, während die großen es durchbeißen, um wieder davon zu fliegen.“ M. „ 9 * 85 0 1 7 N 4 4 20 4 —.—— 5 5 eee 6184.. 850 0—— 1 9 Druck und Verlag der„Volts-Zeitung“, Akt.⸗Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105 3 Königspromenade. die zu er⸗ gen der bäch⸗ ich laß gen hau- se lie- quil⸗ let ler⸗ lein ten wal⸗ nur gott sen trä⸗ feld und und chen nicht und[ler vol- lieben gen — p—— wei⸗ in die strom und maß das kehl' fri⸗ den aus sin⸗ der seine er feld und mor- und scher brust ich nicht ihnen wun⸗ will dem te gen- feld vor was sollt' mit schikt die wei⸗ welt und roth lust hoch ren ler⸗ 8 3 den er in stellt wem erd' sie die brod schwir- chen die — sen er⸗ be⸗ gott rech- wissen und von bäch⸗ um gen gen wei⸗ best' gunst te will nur him⸗ lein den ber- noth sprin⸗ . aufs auch ö hat ten will mel vom kin⸗ gen von sor- und 0——— sach'. er⸗ hal⸗ wie⸗ der- gen last Rebus. rm rm rm rTm. Im rin dd ea en rmurm rm rm rm rm rm rm rm rm. Nichts rm rm rm i eee e e ö e e ene i ru im im im im zm im vm pa 5 eim ip zn in ec p i i it ig ee ee ee ee Tm KAKnacknuß. Auf einem Schlachtfelde standen sich je zwei verbündete Heere gegen⸗ über. Die befreundete Armee A und B zählte 17918 Mann. Hätten B und das feindliche Heer C aber zusammengehalten, so wäre eine Macht von 18 355 Streitern entstanden und A sammk C hätten 19 079 Mann gezählt. Doch wenn auch diese drei Heere sich vereinigt hätten, so wäre doch D noch um 1447 Mann stärker gewesen. Wie groß war D? Zweisilbige Charade. Mit der ersten wird kein Schmeichler wagen, Das zu nennen, was sein Gönner wählt; Meine zweite Silbe Alle tragen, Ob es Tausenden gleich an ihr fehlt. Mit der ersten eng vereint die zweite War gar oft des Glückes Unterpfand; Aber Niemand hörte doch bis heute Gern mit diesem Ganzen sich benannt. Auflösung der viersilbigen Charade in voriger Nummer: Feel N — des Silbenräthsels: Clara Ziegler— Ernst Possart. 1. Cäcilie. 2. Lasur. 3. Almosen. 4. Rhodus. 5. Arrow Root. 6. 3-p. 7. Isonzo. 8. Elias. 9. Glarus. 10. Levana. 11. Eider. 12. Robert;— der ungereimten Aufgabe: „Willst du, o Freundin, von mir weichen, Willst mich verlassen, Fragezeichen“ „O nein, mein Freund Gedankenstrich O nein mein Freund, Ich liebe dich.“ — der Quadrataufgabe: 8 1 6 3 5 7 4 9 2 Schach. Problem Nr. 451 von G. Schnitzler in London. , . Y , 1 e,, e .., e, e h Weiß. Weiß zieht an und erzwingt Remis. f Auflösungen. Problem Nr. 445 von A. F. Mackenzie in Jamaika. 1) DbS— 2 La2 bg 2) ThS-—bS Kbl— cl(al) 3) Dh2—c(42) Lb3— 02(a2): 4) Sb4— a2(2) Das Problem ist fast ohne Varianten; die mia Gegenzüge, welche 2 nach dem ersten Zuge von Weiß 5 Ver ügung hat, können ein Makt schon im zweiten oder dritten Zuge nicht abwenden. Die Aufgabe könnte den Einleitungszug ohne wesentliche Einbuße ent⸗ behren. durch gesteigerte Verführung wird ihre m ei Fassung nicht hinreichend motivirt— Die Lösung wurde angegeben von Pr. Knopf in G, W. Kron in B, Dr. Wehrmeister in M., R. Blümel in S. Problem Nr. 446 von W. Kron in Beeck. 1) 85—e7 Ke5— d: 1 5172: 2) Df2- ehr Kd6—- cd: 2) Td6—d5T Ke5—f6(14) 3 Sgö— ea f 3) Se7—g8(J7f5) 1 Unter den beiden Nebenspielen 1).. De7: 2) Tdö tl Kd5. 3) Da- Matt, und 1).. de: 2) Des(auch e2 oder ei) 3) Sh(resp Des! Matt, kommt das erste am meisten zur Geltung. Die sofortige Mattdrohung ist eine Schwäche der Aufgabe, in geringerem Grade auch die Ueber⸗ deckung des Feldes es in der Mattstellung eines der aupispiele.— Die Lösung wurde an⸗ 925 81 von Dr. Wehrmeister in M., Dr. Knopf in G., Th. Kraus in B., Dr. Voellel in S⸗M, Blümel in S. In dem Problemturnier des Brooklyn Chess Chronicle erhielten J. A. Kayser in. und A. F. Mackenzie in Jamaika die Preise für den besten Dreizüger und Zweilzüger Eines der gekrönten Probleme entnehmen wir der„Frank 3 Schachzei⸗ kung“, in welcher beide mitgetheilt sind. Den Preis für den besten Vierzüger trug Mackenzie gleichfalls davon. Problem Nr. 452 von A. F. Mackenzie in Jamaika. Weiß: Khs; Des; T3. 5; LhI; Sbö. Schwarz: Kea; Tal. ez; Las; Bea, ds, e5, 5. Weiß zieht an und setzt mit dem zweiten Zuge Matt. Aus der Schachwelt. Ueber den Wettkampf zwischen Dr. Zukertort und J. H. Blackburne bringt der „Bohemian“ die folgenden Mittheilungen: Das Spiel begann Samstag, den 14. Mai, Nach ⸗ mittags um 2 Uhr. Blackburne spielte im Anzug( inco biano, nach ein und einer halben Stunde wurde die Partie als Remis aufgegeben. Bei der Fortsetzung des Matches am folgenden Dienstag A Julertort mit d2—94 und fubr auf die Erwiderung 4745 mit 2) 881—13 sort. Im 43. Zuge opferte er einen Thurm, um einen Bauern zur Dame zu bringen, machle jedoch dald nachher einen schwachen Zug, infolge dessen er im 35. N die Parile aufgab. Die dritte Partie wurde Donnerstag, den 12 Mai gespielt und von Blackburne gewonnen. die vierte Partie am folgenden Samstag endete mit Remis, die fünfte wurde Dienstag, den 17. Mai ge⸗ spielt— Zukertort gewonnen; der Match steht hiernach: Blackburne 2, Zulertort 1, bei zwei Remisen. Nach einem Bericht der„Brülderschaft“ findet die Feier des 0 jährigen Jubiläums der„Ber⸗ liner Schachgesellschaft“ am Sonnabend und Sonnta nach 9 7 statt. Die Mitglieder versammeln sich im Saale des Architektenhauses, woselbl das Festmahl und die Preisvertheilun an die Sieger des Winterturnieres stattfindet. Für den Sonntag ist ein Ausflug der Festt nehmer nebst Damen in die Umgebung von Berlin in Aussicht genommen. Das Turnier für verbunden werden sollte, findet erst im Herbste statt. In eine für freiwillige Beiträge zu den Turnierpreisen aufgelegte Liste deutsche Spieler, welches ursprünglich mit der Jubiläumsfe wurden schon am ersten Abend 250 Mark gezeichnet. Im Winterturnier des Berliner Schachclub ist der erste Preis Herrn E. Schallopp nun⸗ mehr sicher; nachdem derselbe unter 14 Partien 11 gewonnen und 3 verloren; den zweiten Preis erhielt Seufert(10% gew., 3 ¼ verl.), der dritte fällt an Simonson(10 gew, 4 verl) erhält Zukertort(mit 18 ½ unter 15 Partien), den zweisen Hoffer(11), den dri vierten Preis theilen Guns berg und Mills(mit je 10 ½ Points). Das Handicap ⸗Turnier des britischen Schachclubs ist jetzt entschieden. Den ersten 1 5 tt. 1 5 8