Oberhessischen zu den Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Gießen, den 4. Huchrichten. „September. ee Inge folgte ihr nicht. Sie saß still auf der Bank und sah in das goldene Abendroth hinein, das sich weit über das schimmernde Gewölk am Himmel ergoß, so wie das Abendroth eben nur an der Meeresküste ist. Sie schloß und öffnete ein paarmal die Augen schnell, und um die weichen Lippen legte sich ein Zug von Pein. Es war ja nicht wahr, was die Mutter von den Seeleuten sagte, es gab ja unter ihnen eben so viele treue und ehrliche, wie überall, sie wußte es ganz bestimmt; aber sonderbar war es doch, daß Peter Ohlsen nun schon monatelang nichts mehr von sich hatte hören lassen. Und wieder blickte sie in den Abendschein hinein, der langsam verglomm. Spät, als Inge schon schlief, stand Jule Paulsen in der Küche am Feuerheerd. Bei dem flackernden Schein der trüben, kleinen Küchenlampe erbrach sie den Brief, der für Inge gekommen war, und las ihn. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, wo auch für Frau Jule solche weitgereisten Briefe mit ausländischen Marken gekommen waren, und sie hatte dieselben damals mit Thränen und mit Herzklopfen gelesen. Weit, weit lagen jene Tage nun zurück, und doch überkam es sie wunderlich, als sie nun die einfachen, guten Worte von Liebe und Treue las, die so lange hatten reisen müssen, um zu einem anderen Herzen zu sprechen, und die dies Herz nie vernehmen sollte. Sie zögerte. Durfte sie auch thun, was sie thun wollte? Würde das Kind sie nicht eines Tages anklagen? Das Kind, das so viele Jahre hindurch allein ihre Gedanken ausgefüllt hatte, für das sie gestrebt hatte und gesorgt, ja gehungert, in ihrer eitlen, thörichten Weise. Aber dann blickte sie umher in dem kümmerlichen Raum, der sie umgab. Sie sah die ärmlich getünchten Wände, die trüben kleinen Fenster, das grobe Geschirr, überall nur das Nothwendige, und dies Nothwendige nicht schön; sie sah ihre eigenen, arbeits— harten Hände. O, für sie war ja das alles gut genug gewesen und würde es auch in Zukunft sein, aber für ihre Inge, ihr schönes, feines, vornehmes Kind? Wer bürgte ihr dafür, daß es ihr nicht erging, wie der Mutter, daß nicht das tückische Meer auch ihr den Ernährer verschlingen würde, und was sollte aus Inge werden, wenn sie arm war? Sie verstand sich ja nicht darauf, arm zu sein, es paßte nicht zu ihr. Und Jule Paulsen hielt den Brief an den Docht der Küchen⸗ lampe und sah zu, wie ihn die flackernde Flamme schnell und gierig auffraß bis auf den letzten Rest. Sie trug die Papierasche fort, daß Inge sie nicht finden möchte, und als sie sich endlich auch zur Ruhe legte, da war jene Empfindung, als beginge sie ein Unrecht, iin ihr erloschen.„Ich will nur ihr Glück,“ sagte sie sich, betete ihr Vaterunser und schlief sofort ein. 8 5 Und dann verging wieder eine lange Weile, viele Wochen. Jule Inge Baulsen. Von Eva Treu. (Fortsetzung.) Paulsen sah, daß über ihr schönes Kind eine fieberhafte Stimmung kam, daß das feine Gesichtchen schmaler wurde, und daß Inge un— ruhig am Fenster zu warten schien, bis der Postbote auf seinem zweimaligen täglichen Rundgang vorüberkam; wie sie leise in sich hineinseufzte, wenn er auch diesmal vorüber ging, ohne etwas zu bringen; wie sie auf den Flur hinaus ihm entgegen lief, wenn er wirklich durch die Hausthür eintrat, was selten genug geschah, und wie sie dann enttäuscht zurückkehrte, wenn er nur irgend eine gleich— gültige Nachricht für die Mutter gebracht hatte. Jule Paulsen sah dies alles; sie sagte nichts, und sie brauchte nicht zu fragen, aber wenn in dieser Zeit wieder ein Brief mit ausländischen Marken eingetroffen wäre, sie hätte es nicht über das Herz gebracht, ihn Inge vorzuenthalten. Aber es kam kein solcher Brief, und nach und nach schien Inge das Warten aufzugeben. Sie stand nicht mehr zur Postzeit harrend am Fenster, das Roth kehrte in ihre Wangen zurück; sie suchte etwas darin, sich besonders zierlich zu kleiden, nachdem sie eine Weile ihren Anzug beinahe ver⸗ nachlässigt hatte; sie ging sehr viel in die Stadt und sie lachte sehr viel, weit mehr, als sie seit Jahren gethan hatte. Zuerst war's ein hastiges, gezwungenes Lachen gewesen, aber nach und nach kam etwas von dem alten, silbernen, leichtherzigen Ton zurück. Dabei hatte sie sich neuerdings eine Art angewöhnt, den blonden Kopf mit einer kurzen, trotzigen Bewegung in den Nacken zu werfen, die jedem anderen Mädchen schlecht gestanden haben würde. Nur eines wollte nicht gelingen: das helle, sorglose Singen von ehemals. Früher hatte sie gesungen, wo sie ging und stand. Es war, als gehörte es zu ihr, wie der Sonnenschein zum Frühling gehört. Das war nun so allgemach verstummt. Und noch eines hatte sie sich abgewöhnt: sie lief nie mehr, wie sonst wohl, auf dem Deich ent⸗ lang, von wo man so weit über das Meer sehen konnte. „Nun hat sie es überwunden,“ sagte sich Jule Paulsen mit Genugthuung. Sie hatte es ja immer gewußt, daß sie eine kluge Frau wäre, und daß es alles so kommen müßte, wie es nun ein⸗ getroffen war, wenn es nur schlau und fein eingefädelt würde. Für ihr Leben gern hätte sie das Kind ein einzigesmal in das reiche Kaufmannshaus begleitet, nur ein einzigesmal, um zu sehen, ob sich ihre geheimen, kühnen Pläne und Wuͤnsche verwirklichen würden. Jule Paulsen war schlau, und sie traute sich zu, die Sach⸗ lage auf einen Blick durchschauen zu können. Inge direkt zu fragen, wagte sie nicht. Sie hatte einen sonder⸗ baren Respekt vor den hellen, blauen Augen, die sie bei solchen Fragen so kühl und abweisend ansehen konnten, daß es sie verwirrte, und verblümte Anspielungen schien Inge nicht zu verstehen. Dies Mädchen mit dem süßen, offenen Kinderantlitz hatte in ihrer Seele einen Winkel, in den sie Niemanden hineinblicken ließ. In jenem 10 9 282 Winkel war ein Grab, und über dem Grabe wuchsen, Schling⸗ pflanzen gleich, trotzige Gedanken. Die Lippen, welche über die gleichgültigsten Dinge so lustig zu plaudern wußten, schwiegen gegen Jedermann und instinktartig am meisten gegen die Mutter, mit ruhiger Beharrlichkeit über die eigensten Angelegenheiten. Aber etwas Besonderes ging vor, das fühlte Jule Paulsen, und deshalb war sie auch auf ein ungewöhnliches Ereigniß vorbereitet und keineswegs so überrascht, wie sie sich den Anstrich zu geben suchte, als an einem schönen Oktobernachmittag die korpulente Frau Möller in höchsteigener Person die kleine Hafenstraße herunter und gerade auf ihr Haus zukam. Es war eben noch Zeit, eine andere Mütze aufzusetzen und eine reine Schürze vorzubinden, da stand schon die reiche Frau auf dem Hausflur, und die arme knixte und kom⸗ plimentirte den Gast in die beste Stube hinein und auf das schäbige, ehemals schwarze Sopha. Nein, die Ehre! Die beiden Frauen hatten ehemals auf der Schulbank neben einander gesessen, sie hatten sich auch als ganz junge Mädchen noch Du genannt, aber jetzt hatte Jule Paulsen vor der anderen einen ganz unbegrenzten Respekt. Nichts flößte ihr so unbedingte Hochachtung ein, wie das Geld. Die Freude, die Ehr⸗ erbietung, die sie zur Schau trug, die war echt und nicht gemacht. Und was die Ueberraschung anbetraf, so war sie schlau genug, um zu wissen, daß man sie von ihr erwartete, und demgemäß war Jule Paulsen auf's Aeußerste überrascht. Wo war denn Inge? Warum kam sie nicht, den geehrten und seltenen Gast zu begrüßen! „Inge! Inge!“ schallte es durch das Haus und den kleinen Hofraum, aber das Mädchen kam nicht. Vielleicht berührte die reiche Frau die große Unterthänigkeit der anderen angenehm. Sie war gekommen in dem ganzen Pomp ihres Sammtmantels und der echten Feder auf dem Hut, gewappnet mit kühler Zurückhaltung, aber es waren nur wenige Minuten vergangen, so hatte das gutmüthige und etwas herablassende Lächeln, das ihrem runden Gesicht und den kleinen Augen sonst eigen zu sein pflegte, wieder die Herrschaft gewonnen, und sie legte ihre kleine, fette, fein bekleidete Hand auf die grobe, rothe, knochige der anderen und fing an, vorzubringen, was sie hergeführt hatte. Sie hatte es kalt und von oben herab sagen wollen, denn sie hatte diese Botschaft mit einem inneren Widerwillen übernommen, aber unwillkürlich bekamen ihre Worte einen wohlwollenderen Klang, als sie ihnen hatte geben wollen. Es war nun einmal ihre Natur so. Es war eine lange Rede, welche sie hielt, weitschweifig und um⸗ ständlich, wie es die Manier der guten Dame war. Der kurze Sinn war dieser: Herr Möller sen., der seit einiger Zeit etwas kränkelte, wünschte sich aus dem Geschäft zurückzuziehen, theils um seine angegriffene Gefundheit zu kräftigen, theils um den Wünschen seiner Frau und Töchter nachzukommen, welche sich nach einem dauernden Aufenthalt in der großen Stadt sehnten.„Der Bildung wegen,“ wie sich Frau Möller ausdrückte,„denn hier sitzen die Madchen im Winkel, wissen von Gott und der Welt nicht Bescheid und können nicht einmal vom Theater mitreden.“ Frau Möller legte sehr viel Werth auf Bildung, vielleicht in dem dunklen Gefühl, daß dieselbe ihr selbst nur in mangelhaftem Grade zu Theil geworden war, so daß selbst der Sammtmantel und die Straußenfeder die Lücken nicht immer zu decken vermochten. Johannes, ihr Aeltester, sollte das Geschäft übernehmen, und es war bei der Gelegenheit zur Sprache gekommen, daß es wünschens⸗ werth sein möchte, zugleich eine junge Frau mit passender Mitgift in das alte Haus zu führen. So weit war Frau Möller gekommen. Jule Paulsen saß„wie auf Nadeln.“ „Schneller! Weiter!“ hätte sie gern gerufen, wenn es sich nur einigermaßen geschickt und mit dem Respekt hätte vereinigen lassen. Was interessirten sie die Leiden des Familienvaters, von denen ihr eine genaue Beschreibung nicht erspart wurde, was die Bildung der Mädchen! Sie wußte, was nun kommen würde, aber es ging so langsam, viel zu langsam nach der weitschweifigen Art der anderen. Und sie durfte nicht einmal unruhig die Hände bewegen, sie mußte harmlos und ruhig lauschend da sitzen, bis es der reichen Frau beliebte, zur Hauptfache zu kommen und sie zu überraschen. Weiter! — weiter! Kling! da ging die Hausthür. Jule Paulsen that, als über— hoͤrte sie es. Mochte der da draußen warten oder wieder fortgehen, ihr galt es gleich. „Die Thür geht,“ sagte Frau Möller bedächtig. „Es wird Inge sein.“ 3 Da klopfte es.„Ein Brief,“ sagte der Postbote, durch den Spalt der halb geöffneten Stubenthür etwas hineinreichend. Frau Jule nahm es. Sie wurde blaß und roth. Das war wieder so ein Brief mit vielen Poststempeln und ausländischen Marken, wie jener andere, und er war an Inge adressirt, wie jener. Sie steckte ihn hastig in die Tasche; ihre Knie zitterten. Wie, wenn Inge jetzt zu Hause gewesen wäre, was dann; wenn sie diesen Brief erhalten hätte eben in dem Moment, wo die Mutter den Traum ihres Lebens sich verwirklichen sah, so daß sie ihn mit Händen greifen konnte! Etwas wie Dank gegen Gott, der solches Unheil abgewendet, er* wachte in Jule Paulsen, und nicht der Schatten eines Gedankens kam ihr, daß selbst dieser Dank Sünde wäre. 5 Und dann fuhr die reiche Frau fort, in ihrer ruhigen, lang⸗ samen, umständlichen Weise zu erzählen, wie ihr Johannes den Eltern geantwortet habe, daß er kein Mädchen lieb haben und heirathen könnte als Inge Paulsen vom Hafen, wenn sie ihn nur haben wollte. Wie er gern seinen Eltern in allen Dingen zu Willen sein wollte außer in diesem einen, wenn sie ihre Einwilligung verweigerten. Der stille, schüchterne Mensch, der immer in allem nachgab, hatte das alles so fest, so bestimmt und eindringlich gesagt, daß man wohl hatte merken können, es wäre ihm ernst damit. Natürlich hatte es eine große Scene gegeben. Der Vater hatte gescholten, die Mutter hatte geweint— vergebens. Der stille Johannes war bei dem beharrt, was er gesagt hatte, und nach einer Weile hatte die Mutter es nicht über's Herz bringen können, ihrem Lieblingssohn den Herzenswunsch zu versagen. Wieder nach einer Weile hatte auch der Vater sein widerwilliges Ja gegeben, und wenn man die Zwillinge gefragt hätte, so würden sie von Anfang an nichts einzuwenden gehabt haben; aber sie waren nicht gefragt worden. Der schüchterne Johannes aber, der wohl den Muth gehabt hatte, den Eltern entgegen zu treten, er war zu zaghaft gewesen, mit Inge selbst zu sprechen. Und weil B sagen muß, wer A gesagt hat, hatte sich die Mama dem Sohne zu Liebe selbst aufgemacht, und hier war sie nun und fragte, ob Frau Juliane Paulsen ihrem Sohne Johannes ihre Tochter Inge zur Frau geben wollte. 2 Hätte Frau Möller Inge ein Königreich geboten, sie hätte in diesem Augenblick ihre kleine, rundliche Gestalt nicht erhabener auf. richten können. 0 Jule Paulsen hatte sich diesen Moment in Gedanken so unzählig oft ausgemalt, sie hatte sich so oft vorgesprochen, was sie sagen wollte, wenn einmal eine solche Frage an sie gestellt würde, daß man hätte denken sollen, sie hätte einen Schwall von beredten Worten über die erwünschte Brautwerberin ergossen. Aber nichts dergleichen geschah. Nicht ein Wort von allen denen, die sie sich ausgedacht halte, fiel ihr ein. Das, was sie seit einer halben Stunde so un⸗ geduldig von den Lippen der anderen zu lesen gesucht hatte, über- wältigte sie dennoch so, daß sie stumm dasaß. 1 Nun war es gekommen, das Glück— das Glück— das Gluck, 0 um das sie gebetet und gestrebt hatte für ihre Inge. Nun sollte 9 sie sie sehen im Brautkranz und Seidenkleid, nun konnte das Kind den schönen Kopf hoch tragen unter den Leuten. Sie griff in die Tasche nach dem Taschentuch; die Augen waren ihr naß geworden. Aber hastig zog sie die Hand zurück, denn sie hatte etwas Hartes und Glattes berührt, Peter Ohlsen's Brief an Inge, den er in der Bekümmerniß seines Herzens und in der Unruhe über das Aus⸗ bleiben einer Antwort mochte abgesandt haben. Thorheit— sie wollte nicht mehr daran denken. Dann fand sie auch die Worte wieder, die ihr passend schienen, 2 8——— — .— Worte von Ehre und Freude für die alten Tage, von Glück für ihr Kind, und was sie sagte, meinte sie. Die andere hörte sie herab lassend an. Wenn denn diese Heirath einmal durchaus sein sollte, so war es ja wenigstens gut, wenn Jule Paulsen ihre Stellung richtig auffaßte, meinte sie bei sich. Verkehr brauchte die Familie außer Johannes selbst ja zum Glück später nicht weiter mit 1 haben. Und dann stand sie auf und verließ das Haus um geringes weniger pompös, als sie es betreten hatte, da sie auf neue Schwiegertochter nicht warten wollte. Es war ihr gar eingefallen, daß das Mädchen möglicherweise Nein sagen könnte. Dazu war sie auf ihre Art von der Größe des Gebotenen zu fest überzeugt. An der Thur gab 7 * . c. die reiche Frau der neuen Verwandten /. 9 8 N 855 9 8* PP 283 W. —— ˖.— geliebte Mädchen sein nennen zu Hand, und Jule Paulsen hielt sie lange fest, heimlich triumphirend nach den Fenstern der Nachbarhäuser spähend, ob man auch beob— achtete, was hier geschähe. Sie sah der Fortgehenden nach, bis sie in einer Biegung der Straße verschwand, dann ging sie hinein. Auf dem Herde brannte das Feuer noch. Sie warf den Brief hinein, ohne ihn gelesen zu haben; das hätte sie heute nicht thun können. Und sie stocherte mit dem Feuerhaken in den Kohlen, damit das Papier schneller ver— gehen möchte. Nach einer Weile kam Inge nach Hause. Die Mutter zog sie in die Stube, kaum daß sie ihr Zeit ließ, Hut und Tuch abzulegen. Sie drückte sie nieder auf einen Stuhl beim Fenster; sie wollte die ganze Sache nach und nach vortragen und mit dem Besuch der Frau Möller beginnen, um die Freude der Spannung zu verlängern, aber sie konnte es nicht. Nach den ersten Worten brach die Nach— richt unaufhaltsam hervor, und nun stand Jule Paulsen und wartete, was das Kind sagen würde. Das Mädchen saß ganz still, es regte sich nicht; nur daß für ein paar Augenblicke die Farbe in ihrem jungen Gesicht hastig kam und ging, und daß die schmalen Finger unruhig mit einer Scheere spielten, die auf dem Fensterbrett lag. Eine große Angst befiel Jule Paulsen. War es möglich, war es denkbar, daß das thörichte Kind nein sagen würde? Es konnte nicht sein, das konnte Gott ihr nicht anthun! „Inge!“ Das Mädchen schlug die Augen zu ihr auf. Es lag ein Ausdruck darin, den sie noch nie darin gesehen hatte, und den sie nicht verstand. „Inge, mein Kind, das thust Du Deiner Mutter nicht an, daß Du nein sagst?“ Inge antwortete nicht. Die Wimpern senkten sich wieder über die Augen, und die Finger öffneten und schlossen die Schere hastiger. Es wurde ganz still. Man hörte das Ticktack der alten Uhr, sonst garnichts. „Sage doch etwas, Inge,“ sagte Jule Paulsen beklommen. Es konnte ja nicht sein, daß ihr Kind das ganze Glücksgebäude um⸗ stieß— aber wenn es nun doch geschah? „Willst Du ihn nicht?“ „Ja,“ entgegnete Inge aufstehend. Sie wollte etwas davon sagen, daß sie nein und tausendmal nein antworten würde, wenn nur ein einziges Ding auf der Welt anders wäre, aber sie sagte es nicht. Es nützte ja doch nichts. Es war nun einmal alles, wie es war; Peter Ohlsen hatte sie vergessen, und von ihr sollte Keiner sagen, daß sie Jemandem nachtrauerte, der sie aufgab. Und vielleicht war es gut so. Was sie ersehnt hatte in unzähligen Augenblicken, was sie den Freundinnen geneidet hatte, das wurde jetzt alles ihr. Die Mutter hatte wohl Recht, sie paßte nicht für Entbehrungen; sie mußte mit vollen Zügen genießen, wovon sie bis jetzt nur gekostet hatte, und doch!— und doch! „Du stehst da so ruhig, Inge!“ Jule Paulsen legte dem Kinde den Arm um den Nacken und strich ihr mit der Hand über das weiche Haar.„Nicht wahr, nun bist Du glücklich, mein Kind?“ „Ja, ganz glücklich,“ sagte das Mädchen ruhig, beinahe un⸗ merklich den Kopf bewegend, als wenn die liebkosende Hand ihr weh thäte. a „Nun wirst Du reich, Inge.“ i 5 „Ja,“ sagte das Mädchen wieder. In ihren Augen bitzte es plötzlich auf, sie warf den Kopf ein wenig zurück und lächelte. Sie lächelte auch, als Johannes Abends kam, um sich das Jawort selbst zu holen, wie seine Mutter es vorher angekündigt hatte. Johannes Möller war grade kein hübscher Mann, aber auch nicht häßlich, und die Herzensgüte leuchtete aus seinen ehrlichen Augen. Jetzt hatte das Glück seinen verklärenden Glanz auf seine unscheinbaren Züge geworfen, und wenn Jule Paulsen überhaupt ein Auge für der⸗ gleichen gehabt hätte, so würde sie die innige Dankbarkeit, das schöne, dürfen, gerührt haben. i Er hatte dies zierliche Geschöpf mit den sonnigen Augen lieb gehabt— ach, wie viele Jahre schon, mit der ganzen Bedingungs⸗ losigkeit, wie sie guten, aber innerlich einsamen Menschen eigen zu sein pflegt, wenn die Liebe sie einmal überkommt. Aber durch Dahte hin war es ihm immer wie Ueberhebung vorgekommen, e en für sich zu erträumen, bis in der letzten Zeit die lachenden Augen seinen schüchternen so wunderlich verwirrend entgegen kamen. Und nun war sie sein. Er brauchte die schmale, kleine Hand nie mehr aus der seinen zu lassen für Zeit und Ewigkeit. Er war vollendet glücklich. Hätte man Inge gefragt, ob sie glücklich wäre, so würde sie genickt und gelacht haben. Sie hatte ein leichtes, hell aufzwitscherndes Lachen, das den stillen Mann entzückte, auch wenn sie garnicht für ihn fröhlich war. Manchmal saß er still in einer dunklen Ecke, wie sonst, wenn Inge daheim bei den Seinen war, und sah glücklich zu ihr hinüber, wie sie sich anmuthig im Kreise des hellen Lichtes bewegte. Er folgte ihr mit dem Blick, wenn sie durch das Zimmer ging, wie man einen Sonnenstrahl verfolgt, der in ein dunkles Gemach fällt, und wenn sich in solchen Augenblicken Jemand die Mühe gegeben hätte, sein Gesicht anzusehen, so würde er erstaunt gewesen sein, wie schön es war. Aber man war so sehr daran gewöhnt, ihn ruhig in den Schatten zurücktreten zu sehen, daß sich selten Jemand die Mühe nahm, auch Inge nicht. Sie ließ sich seine fast scheuen Zärtlichkeiten, die hundert kleinen zartsinnigen Aufmerksamkeiten, die er, von anderen unbemerkt, für sie hatte, ohne Widerstand gefallen; sie duldete seinen Kuß und seinen Händedruck als etwas Selbstverständliches, das man kei einer Verlobung eben in den Kauf nehmen muß; aber ihn auch nur ein⸗ mal aufzusuchen, aus freien Stücken auch nur einmal ihre Wange an seine zu legen, oder ihm sacht über das Haar zu streichen, der Gedanke lag ihr ganz fern. Es war ja alles in Ordnung so, meinte sie; sie gewährte ihm, was ihm zukam und was ihm Freude machte, und sie nahm dafür, was ihr Freude machte, eine Stellung in der beschränkten Welt der kleinen Stadt und andere gute Dinge dieser Erde. So war das Nehmen und Geben sehr richtig geordnet. „Mein!“ sagten seine guten, klaren Augen, wenn sie dem schönen Mädchen folgten, und im Herzen stiez ihm ein warmes Dankgefühl auf, so daß es schneller schlug. „Mein!“ sagte auch ihr Blick, wenn sie an der Seite der Schwiegermutter, die sie in alles selbst einzuführen wünschte, durch das Haus schritt. Um die sanften Lippen legte sich ein triumphirendes Lächeln, und auch ihr Herz klopfte schneller. „Mein!“— Das Wort hat einen wundersamen Zauber, so lange es noch neu ist. Aber wehe dem, der es einst ausstößt mit Haß und Abscheu und Hoffnungslosigkeit—„mein für alle Zeit, mein unlöslich, mein, und wollte ich fliehen bis an der Welt Ende — mein!“ Einmal während ihrer Brautzeit wachte Inge mitten in der Nacht auf. Die Finsterniß lag um sie, über ihr, und es war ihr auf einmal, als wäre sie ganz allein und verlassen in einer unendlich großen, öden, leeren, kalten Welt. Sie drückte ihr Gesicht in die Kissen und weinte so bittere, schmerzliche Thränen, als sollte ihr Herz brechen. Aber wie ein Kind weinte sie sich allmählich selbst in den Schlaf, und als sie erwachte, schien die Sonne in die Kammer. Johannes hatte Blumen geschickt, und ihre nächtlichen Thränen waren ihr fremd geworden. Auch hatte sie nicht viel Zeit, nachzudenken. Die Hochzeit wurde möglichst beschleunigt, damit die Uebersiedelung der übrigen Familie nach Hamburg noch vor dem Winter vor sich gehen könnte, und vorher gab es noch unendlich viel zu thun, obgleich die jungen Leute fast die ganze Einrichtung des alten Hauses übernehmen sollten, wie sie jetzt war, so daß nicht viel Neues angeschafft zu werden brauchte. Unruhe genug gab es trotzdem noch vorher, und Jule Paulsen fühlte sich als Brautmutter von einer Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit, welche viele Jahre der Armuth und Entbehrung aufwog. 85 am Hochzeitstage hätte man dreist behaupten können, daß nächst dem Bräutigam die Brautmutter die glücklichste Person in der ganzen Gesellschaft wäre. Er, der Bräutigam, nahm sein Glück hin in der gewohnten, stillen Weise, aber es leuchtete ihm aus den guten Augen; sie, die Brautmutter, konnte nicht Worte genug für das ihrige finden.. Ihre Inge war es ja, ihr angebetetes Kind, das da im weißen schleppenden Atlaskleide und im bräutlichen Kranz und Schleier am Altar stand; ihre Inge, auf die sich Hunderte von Augen bewundernd richteten, denn die kleine Kirche war gedrängt voll von Neugierigen; ihre Inge, um die sich die bunte Gesellschaft schaarte als um ihren Mittelpunkt, auf deren Wohl der erste Toast gebracht, der perlende Sekt getrunken wurde. Daß man sie selbst sehr wenig beachtete, was galt ihr das? 284=. Es gab Leute in der Kirche, welche fanden, daß die Braut den Kopf ein wenig mehr hätte senken dürfen, aber schön fanden sie alle. Gleich nach der Hochzeit reiste die Familie Möller ab in ihren neuen Wohnort, und nun hatten die jungen Leute ihr Reich für sich allein. In den ersten Tagen fand Inge unendlich viel zu thun, aber es war angenehme Arbeit. Sie ging treppauf und treppab in dem großen Hause, und es gewährte ihr ein eigenes Behagen, daß sie in diesen Räumen schalten und walten durfte nach Belieben. Und das that sie. Hier mußte ein Tisch und dort ein Sopha, hier ein Schrank und dort ein Sessel anders gerückt werden. Die Bilder an den Wänden wurden anders vertheilt, nicht, weil alle diese Ver— änderungen immer ihrem Geschmack mehr entsprochen hätten, sondern nur, weil sie sich ihrer Macht freute. Wo die rothen Möbel gestanden hatten, standen jetzt die grünen, und der Blumentisch änderte wohl sechsmal seinen Platz. Wenn Johannes dann Abends aus dem Geschäft heraufkam, zeigte sie ihm ihr Werk, glücklich wie ein Kind über die neue Puppenstube, und er ließ sie gern gewähren, freute sich über ihre Freude und fand jede Neuerung, die sie traf, vorzüglich. Als dann endlich alles so stand, daß Inge nicht mehr ändern mochte, kramte sie auf dem Hausboden, in der Rumpelkammer und in den kleinen Wandschränken, welche die Schwiegermutter zum Theil ungeleert gelassen hatte. Es war ein altes Haus, und in seine dicken Wände hinein hatte man nach nun längst vergangener Mode kleine, tiefe Schränke mit Tapetenthüren gebaut, die zur Auf— bewahrung solcher Dinge dienten, welche man augenblicklich nicht gebrauchte und doch nicht fortwerfen mochte. Das alles zog Inge nun an's Tageslicht, und es war mancherlei darunter, dessen Vor— handensein Johannes ganz vergessen hatte, und über dessen Auftauchen er sich nun freute, anderes, was ihm lustige oder ernsthafte Er— innerungen weckte. So fand er Inge eines Abends mit einer Anzahl alter Medizin⸗ flaschen, die sie aus einem solchen Wandschränkchen hervorgeholt hatte. Da waren halb gefüllte Gläser, deren Inhalt sich bereits zersetzt hatte, Salbentöpfchen mit ranzig gewordener Salbe, denn Mama Möller hatte sich nie entschließen können, irgend etwas einmal für eine Krankheit Verordnetes fortzuwerfen. Es war doch nun ein— mal bezahlt, und man konnte nicht wissen, wozu es gut war. „Was soll all' das Zeug?“ fragte Johannes lachend.„Laß das auf den Kehrichthaufen kommen, Inge. Wer weiß, was für Schaden es sonst noch anrichtet.“ „Ist es nichts mehr werth?“ fragte sie. „Gar nichts; ich weiß nicht, weshalb Mutter es aufbewahrt hat.“ Aber mit einer Art von Interesse nahm er doch Glas um Glas in die Hand.„Das war die Salbe, die ich gegen meine schlimmen Augen bekam; das sind nun zwölf Jahre her. Das sind die Tropfen, mit denen Annchen's Hals gebeizt wurde, weißt Du noch, als sie damals den Croup-Anfall hatte? Ich bitte Dich, Inge, laß die verdorbenen Sachen fortschaffen.“ „Was ist dies?“ fragte die junge Frau, ihm ein Gläschen mit festgeschrobenem Metallstöpsel hinhaltend. Es war mit einer wasser— hellen Flüͤssigkeit gefüllt; die Etikette zeigte einen Todtenkopf. „Das?“ Er sah es sich an;„das muß vor allen Dingen un— schädlich gemacht werden.“ „Ist es auch verdorben?“ „Das nicht, es verdirbt nicht, aber es ist Gift.“ „Gift?“ Sie zog die Finger zurück, als könnte die bloße Berührung schaden.„Stirbt man davon?“ „Wenn man das Ganze auf einmal verschluckt, gewiß, obgleich die Lösung wohl nur schwach ist. Es wurde Vater in einer schweren Krankheit verordnet. Dergleichen sollte aber immer sofort weg— gegossen werden, wenn man seiner nicht mehr bedarf.“ Sie nickte und sah das kleine Glas feindselig an, faßte es dann mit spitzen Fingern und stellte es vorläufig in den halb geleerten Wandschrank zurück, um denselben morgen gründlich auszukehren, oder vielmehr auskehren zu lassen. Denn Inge Möller spürte, so viel Freude ihr auch das eigene Heim machte, keinen Drang in sich, ihre feinen Händchen durch Arbeit irgend einer Art zu verun— zieren. Dazu hatte Jule Paulsen ihr schoͤnes Kind nicht gewöhnt, und es war ein Glück, daß die ältere der beiden Mägde zuverlässig und seit vielen Jahren im Hause war, sonst möchte wohl das Haus— wesen unter dem Fortgang der Mama Möller arg gelitten haben. Der alten Magd aber war es ganz recht, daß sich die junge Frau möglichst wenig in häusliche Angelegenheiten mischte. Nicht, als ob sie das Auge einer Herrin zu scheuen gehabt hätte; aber es würde ihr schwer geworden sein, sich in Neuerungen zu fügen, und so ging alles seinen gewohnten Gang, wie am Schnürchen, und die junge Frau that nicht viel mehr, als daß sie die Schlüssel und die Haushaltungskasse in Verwahrung nahm und allabendlich bestimmte, was am folgenden Mittag auf den Tisch gebracht werden sollte; übrigens eine Arbeit, die auch erst erlernt sein wollte, denn Jule Paulsen's Speisezettel pflegte nicht eben abwechselungsreich zu sein. (Fortsetzung folgt.) Die Entenmühle. Eine alte Dorfgeschichte von E. A. (Fortsetzung) Von dieser ersten Nacht an schien aber eine große Veränderung mit Hämmermäuschen vorgegangen zu sein. Hatte sie bisher ver⸗ sucht, sich Jakob zu nähern, ihm gleichsam das Evangelium der Versöhnung zu künden, so zog sie sich von jetzt an scheu vor jeder Berührung mit ihm zurück. Sie fühlte, daß sie ihn in jener Nacht hatte allzutief in den Heiligenschrein ihres Herzens blicken lassen und sie hatte für dieses Vergeben und Vergessen ihrer jungfräulichen Würde nicht einmal die entschädigende Gewißheit erhalten, ob Jakob die stumme Zeichensprache ihres Herzens verstanden hatte. Der tiefere Sinn von Hämmermäuschens Rede war von ihm nicht auf— gefaßt worden. Ihr jetziges Verhalten ließ ihn in ihrer Rede von damals nur eine momentane Sorge um seine leibliche Sicherheit erblicken, und das stumme und doch so beredte Weh des Mädchens ging eben unverstanden an ihm vorüber. Er fing also an, seiner „Schwäche“ sich zu schämen und suchte diese Scharte durch die Maske verdoppelter Gleichgültigkeit auszuwetzen. Nur die einsamen Sternen⸗ augen, diese verschwiegenen Kinder der Nacht, sahen den stillen Kampf, der in der Brust dieses eisernen Charakters tobte. O! wie so treffend sagt der Dichter: „Sie hatten einander so gerne Und keines wollt' es gesteh'n; Sie standen so kalt gegenüber Und wollten vor Lieb' doch vergeh'n!“ Mit einer fieberhaften Lust warf sich Jakob in das Treiben seiner lichtscheuen Genossen. Nur bei ihnen war es ihm wohl, nur dort vergaß er den Wurm, der rastlos, ruhelos an seinem Herzen fraß und ihm die Mühle zur Hölle machte. Fahrt folgte auf Fahrt, überall war Jakob voran. Ein seltenes Glück begleitete die Beiden und immer tiefer lockte Jost mit fast dämonischer Gewalt sein Opfer hinab, mit seltenem Scharfblick dessen Schwäche erspähend und sich unterthan machend. Unterdessen hatten die Zollwächter irgendwie Lunte gerochen. Der Verrath schläft nie und unter dem napoleonischen Regiment hatte er, wie später bei dem Neffen, hundert Augen. Es war den Franzosen wirklich einige Mal geglückt, den Paschern nahe genug auf die Fersen zu kommen, allein die Kaltblütigkeit Jakobs und die unerschöpfliche List Jost's hatten den Verfolgern bis jetzt noch immer die gehoffte Beute entwischen lassen.— Eines Tages hatte Jost in der Mühle Hämmermäuschen gesehen und bald liebte er das Mädchen, so weit dies wenigstens bei einem solchen Charakter möglich ist. Hämmermäuschen fühlte instinktiv, was in Jost vorging und eine Art von Grauen wollte sie fassen. Schon bei seinem allerersten Besuch hatte sie in ihm den bösen Geist Jakobs erkannt, der diesen heute oder morgen in den Ab grund des zeitlichen wie des ewigen Verderbens hinabziehen würde. Der Entenmüller war ein gebrochener Greis; er konnte seinen Sohn nicht retten. Sie allein blieb also übrig. Der Zauber ihrer reinen Liebe war der einzige Talisman, der Jakob aus den Schlingen des Bösen befreien und den verlorenen Sohn in's Vaterhaus zurück bringen konnte. Sie übersah den Schritt, den sie wagen wollte, klar und deutlich; sie erkannte die Größe der Mission, der sie sich unterziehen wollte und ihre Wange erbleichte, aber aus ihrem Auge leuchtete die Opfergluth jener Liebe, die den Tod überdauert und jene vergöttlichende Freudigkeit, mit der vor Jahren der Entenmüller ja auch gelobet:„Ich will mich erbarmen, Gott walt's!“ — 2 r.... A Jean Aubert, 285 Amor auf Reisen. Nach dem Gemälde von r W 286 D Es war eines Sonntagabends. Der Entenmüller und die Annemarie waren ins Dorf gegangen, auch Jakob war abwesend. Hämmermäuschen war in der Stube. Sie war schier nicht mehr zu erkennen. Eine gespenstige Blässe lag auf ihren abgehärmten Zügen, aus ihren Augen athmete eine un— endliche Schwermuth. Sie ließ vor ihrer Erinnerung die wechselnden Bilder der Vergangenheit hingleiten. Ihre Jugend, wie sie mit Jakob am Mühlbach gesessen, Kränze geflochten und buntfarbige Muscheln gesucht halte, dann wie die Müllerin krank wurde, wie sie dieselbe mit aufopfernder Kindesliebe gepflegt hatte, bis man sie hinaustrug unter die Trauerweide, die Häammermäuschen im Sommer täglich bezoß, damit sie wachse und grüne, die einsame Schildwache vor dem Thore des ewigen Lebens. Das Haar des Entenmüllers war grau, dann weiß, Jakob aus dem Knaben ein Mann geworden. Sie sah ihn noch als wär's erst heute, wie er damals in später Nacht aus dem Zuchthaus zurückkehrte, todtenbleich, im Blick die verhaltene Wuth eines Tigers, der nur auf den Sprung lauert. Sie hörte noch die tiefe Stimme seines Vaters, wie er den wieder⸗ gefundenen Sohn an sein Herz schloß. Und sie kam weiter auf ihrer Gedankenreise. Sie gedachte eines Tages, eines heiligen Sonntags, wo sie mit dem Entenmüller in der Gartenlaube saß und der alte Mann plötzlich seine Hände wie segnend auf ihr Haupt legte und dabei sprach: „Du wirst den Abend meines irdischen zum Morgenroth meines ewigen Lebens machen; Du wirst Jakobs Weib werden, Du wirst ihm eine Gehülfin, ein Stab und eine Stütze sein, und ihr werdet, wenn ich heimgegangen bin, mein Andenken in Ehren halten!— Und immer weiter, immer weiter. Der Wilddieb war zum Schmuggler, der Fehltritt zum Riesensprung geworden. Blieb es dabei? Konnte es dabei bleiben? Und dann? Und dann? Schwere Tritte rissen den Faden ihres Gedankengewebes entzwei, Jost trat ein. Sein Gesicht glühte, sein Gang schwankte. „Ganz allein?“ war sein Gruß. Hämmermäuschen wich scheu zurück. Die Augen des Schmugglers funkelten in dem Phosphor⸗ glanze eines Basiliskenblickes.„Der Jakob ist fort,“ gab sie zurück, in der Hoffnung, er werde sich entfernen. „Desto besser! Was ich Dir zu sagen hab', braucht Niemand zu hören;“ und roh auflachend warf er sich in den Sessel. Eine namenlose Angst kam über Hämmermäuschen. Kein Mensch war in der Nähe; der alte halbtaube Stoffel schlief in seiner Kammer und der einzige Ausgang der Stube führte am Sessel vorbei, in dem Jost saß. „Und was hast Du mir zu sagen?“ fragte sie, Gleichgültigkeit heuchelnd. „Viel, viel, mein Zuckerschäfchen! Vor Allen aber, daß ich Dich arg lieb hab' und daß Du meine Frau werden mußt.“ Er heftete seinen stechenden Blick gierig auf das Mädchen. „Ich, Deine Frau? Lieber gleich den Tod!“ rief sie, ihre Furcht vergessend und ein innerer Ekel malte sich auf ihren Zügen. „Lieber den Tod!“ lachte der Schmuggler;„ha! ha! Du wirst schon noch sagen: lieber den Jost. Ich kann eine Frau ernähren, Donnerwetter! Und noch zwanzig Kinder dazu; mein Geschäft trägt mir mehr ein als die Entenmühle; übrigens brauchst Du gar nit so dick zu thun— den Jost hat man in keinem Korb gefunden.“ Eine glühende Röthe schoß in Hämmermäuschens Wange, denn sie hatte die rohe Anspielung auf ihre Herkunft verstanden. „Kann das Kind etwas für die Schuld ihrer Eltern?“ gab sie zurück und eine Thräne stieg in ihr Auge. Es lag so etwas wie Rührung in dem Ton des Schmugglers, als er polterte:„Na, zum Teufel, flenn nur nit gleich, es war ja nit bös gemeint. Aber warum bringst Du mich auch so aus dem Häusel?“ fuhr er nach einer Weile grollend auf. „Ich will Dich nicht aus dem Häusel bringen, Jost! Geh' fort und ich will Dein Unrecht vergessen.“ Sie deutete nach der Thüre. „Bin ich ein Hund, Mädel?“ knurrte er und sein Gesicht färbte sich dunkelroth.„Mein mußt Du werden: todt oder lebendig!“ Er war aufgesprungen; seine Augen glühten wie Kohlen. Eben wollte er sich über das von Entsetzen gelähmte Mädchen herwerfen, als ihn plötzlich zwei Fäuste packten und emporrissen; mit einem dumpfen Stoͤhnen brach der Unhold in mächtigem Wurfe zusammen. Vor Hämmermäuschen aber stand Jakob, das noch flammende Auge mit dem Ausdruck einer unnennbaren Angst auf die marmorstarren Jüge des Mädchens gerichtet und unter der Thüre stand die alte A Annemarie, die Hände in sprachlosem Entsetzen über dem Kopf sammenschlagend. Nach einer Weile raffte sich Jost mühsam a „Für heut' hab' ich genug!“ preßte er zwischen den blutige Lippen hervor. 5 „Pfui, schäm Dich;“ zürnte Jakob und eine tiefe Verachtung 1 sprach aus seiner Stimme.„Ich hab' Dir zwar nit weh thun wollen, Gott soll's wissen!“ setzte er wie entschuldigend bei und er 1 streckte seine Hand aus, die Jost aber zurückstieß. I „Ich hab genug, sag ich Dir noch einmal;“ lallte jener,„gut f S 2 Nacht!“ und er schwankte aus der Thüre. IA Einige Augenblicke stand Jakob wie unschlüssig,„Annemarie, ich komm' gleich wieder,“ rief er dann heftig und eilte hinaus. 1 „Jost! Jost!“ rief er wiederholt in die Nacht hinein; doch der war schon in dem Hohlweg, der vom Dorf zur Mühle hinabführt, verschwunden. Erst droben wandte er sich um, sein Arm reckte sich e gegen die Mühle aus, sein Mund blieb stumm, aber seiner schwarzen Seele entrang sich ein höllisches Gelübde.—— 1 N Schon am andern Abend schritt Jakob Jost's Wohnung zu. Als sein Blut wieder kälter geworden war, da hatte es ihn wie eine stille Reue angewandelt. Jost war der treue Begleiter all' seiner abenteuerlichen Fahrten gewesen, und wenn er Hämmermäuschen liebte, wer wollte ihm das wehren? Er war gestern betrunken ge⸗ wesen und mochte freilich zu weit gegangen sein; aber war es denn deshalb nöthig gewesen, ihn gerade so zu traktiren? Für wen hast Du Dich denn so ereifert? Für Hämmermäuschen? Hat sie es denn verdient, daß Du ihretwegen deinen besten Freund aufgeopfert hast! Wird sie dich für dieses Opfer jemals entschädigen, und was kann dir denn überhaupt an einem Wesen liegen, das dir bisher nur immer kalte Theilnahmlosigkeit, wenn nicht gar unverblümte Ab neigung gezeigt hat! 1 „Ich war ein Narr,“ beantwortete er sich all' diese brennenden Fragen, die ihn wie neckende Kobolde zu umhüpfen, sich an seinem Unmuth schadenfroh zu weiden schienen, und er beschloß, Josts Verzeihung um jenen Preis wiederzuerlangen. Mit einer ganz unnatürlichen Freundlichkeit empfing ihn dieser. Jeder Andere, der Jost's Charakter nur einigermaßen kannte, haͤtte Verrath gewittert— nur Jakob nicht. Sein Maaß war voll,, seine Zeit gekommen und ein düsteres Verhängniß trieb ihn un aufhaltsam in sein Verderben, wie es das Eisen zum Magnete hinzieht. „Du hast ganz Recht gehabt, ich war ein besoffener Toͤlpel.“ versicherte Jost ein über das andere Mal und er drückte herzlich 9 a die Hand Jakobs. Der Versöhnungsbund sollte im Wirthshaus besiegelt werden und hinter der Flasche ward, um auch den aller-. letzten Groll hinunter zu spülen, auf die nächste Nacht eine neue Fahrt verabredet, deren Gewinnantheil Jakob, um seine Schuld nach allen Seiten hin zu sühnen, im Voraus schon an Jost abtrat. 1 Den ganzen andern Tag wich Jakob jedem Alleinsein mit Hämmermaͤuschen fast ängstlich aus; sie lächelte wehmüthig vor sich hin, denn sie durchschaute seine Absicht: er fürchtete sich vor ihrem Dank für seine gestrige Hilfeleistung und bot seine ganze Kraft auf, das Mädchen zu vergessen. Es wäre ihm jetzt Wollust, grausane Befriedigung gewesen, zu wissen, daß sie ihn hasse. Hämmermäuschen war es in der Mühle zum Ersticken eng ge. worden; sie mußte hinaus in's Freie, um sich einmal so recht satt zu weinen. So ging sie denn in den Garten und von da zum Bach hinunter. Wie oft war sie mit Jakob diesen Weg gewandelt, als Beide noch die Dorfschule besuchten! Langsam schritt sie zwischen den Weiden hinab, die längs dem Ufer eine natürliche Allee bildeten. So war sie bis an die Stelle gekommen, wo der Bach eine starke Krümmung machte und ein fast undurchdringliches Dickickt von Hecken und Erlenstauden sein Bett umzäumte. Mitten darin hatte Jakob einmal eine rohe Bank aufgeschlagen, zu der jezt Hämmermäuschen mechanisch ihre Schritte hinlenkte. Den Kopf inn die Hand gestützt, starrte sie in das Wasser, das wirbelnd sich an 1 g der Landspitze brach. Es ward ihr, als ob die Geister der Tiefe ihr Trost und Hoffnung in's kranke Herz flͤͤßten und sie brach ein stilles, linderndes Weinen aus. 0 Es war Abend geworden, ohne daß sie es merkte. Plötzlich erhob sie sich, aus ihren Zügen leuchtete ein fester E Err ²— 2 ̃̃ ͤ 1 1—˙.w-w wolle, sie mußte sich des Tiefgesunkenen erbarmen. [[Eine oder die andere Gewißheit mußte sie haben, denn sie fühlte, daß sie die Kraft nicht besaß, den jetzigen Stand der Dinge noch länger ertragen zu können. Etisst jetzt fiel ihr ein, daß man sie daheim vermissen könne und rasch wollte sie zurück, als sie in ihrer Nähe kommende Schritte und halblaute Stimmen vernahm. [Eine erklärliche Scheu fesselte ihre Schritte. Statt jedoch, wie sie gehofft hatte, vorüberzugehen, kamen die noch unsichtbaren Wan⸗ derer grade auf das Dickicht zu, so daß Hämmermäuschen kaum noch Zeit fand, sich hinter dem Stamm einer mächtigen Pappel zu verbergen. [Es waren zwei Männer; sie hatten sich auf die Bank gesetzt, und zwar so, daß sie dem Mädchen den Rücken zukehrten. Der eine trug einen grauen Militärmantel mit dunkelgrünem Kragen. „So, da sitzen wir so sicher, wie in Abrahams Schoß,“ lachte der Andere, sich umschauend. Hämmermäuschen zuckte zusammen, denn sie hatte Jost's Stimme erkannt. Eine Weile saßen die beiden 8schweigend neben einander; jeder schien seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Plötzlich richtete der im grauen Mantel sich lang⸗ sam auf. 5500 Francs, c'est beaucoup— sein viel Geld,“ nickte er bedenklich in gebrochenem Deutsch dem Schmuggler zu. „ Pah! Ihr kriegt auch viel dafür,“ gab Jost nachlässig zurück. Der Andere hatte wieder wie überlegend den Kopf gesenkt. „Et la garantie für Kelingen?“ fragte er dann wieder. Jost entgegnete erstaunt:„Ei, das bin ich.“ „Ihr?“ lachte der Brigadier spöttisch. „Ja, ich!“ warf Jost lakonisch zurück,„ich selbst mit Haut uͤnd Haar. Wollt Ihr noch mehr?“ „Wie meint Ihr das?“ forschte der Andere, seinen Schnurrbart um den Finger wickelte. „Ganz einfach so: wenn es mißlingt, so habt Ihr mich dafür, und ich werd', denk ich, auch kein so schlechter Fang sein, he?“ „O! Wir auch sein kanz zufrieden mit Sie, tres content— mais, der Ander doch noch lieber—“ „Glaub's gern,“ lenkte Jost ärgerlich ab;„aber wie steht's mit dem da?“ Er machte eine bezeichnende Bewegung mit Daumen und Zeigefinger. 5 „Aben wir die Vogel, ab' Douanier. „Ah so, ah so steht die Karte!“ lachte Jost gedehnt.„Ja, guter Freund, haltet Ihr denn den Jost für so einen Schafskopf?“ „Was ab' Sie kesakt?“ fragte der Franzose, erstaunt aufschauend. „Was ich gesagt hab', Du welscher Habersack!“ brummte Jost; dann fuhr er laut fort:„Was ich Euch heut' Morgen schon erklärt hab': 250 Franken im Voraus und die andern 250, wenn der Sack zugestrippt wird. Verstandewu?“ „C'est impossible, das können nickt gehen,“ vermeinte be⸗ 9 stimmten Tones der Brigadier.„Sie wird zugeben, daß die Garantie von Sie aben nickt viel Werth,“ setzte er leicht schmunzelnd bei. [„und Eure Garantie?“ fragte Jost schneidend zurück.„Wer bürgt denn mir, ob Ihr, wenn Ihr erst den Vogel im Käfig habt, noch Euer Wort halten werdet?“ „Der Rekierung von die Kaiser— — 4„Die Regierung des Kaisers!“ schnitt Jost kurz ab und er brach in ein herzliches Lachen aus;„ist das die ganze Bürgschaft?“ und er lachte noch ausgelassener.. „Ah, chien maudit!“ grollte der Franzmann, an den Säbel fahrend.. ö. Jost bemerkte es.„Schöne Mod'!“ rief er eifrig, in seiner Unschuld also den französischen„verfluchten Hund“ verdeutschend „warum macht Ihr mich auch so fuchswild und traut mir nicht? Aber Euer Käsemesser laßt in der Scheide,“ warnte er kaltblütig, „sonst wird aus dem ganzen Handel nichts. Ich hätte so wie 5 gute Lust, dem welschen Spitzbub den Schädel einzuklopfen, brummte er noch hintennach [„Das also sein letztes über eine Weile wieder ein. Mein allerletztes, Mus jb! 15 den Rest zum Nachtisch,“ bestätigte Jost un ein Liedchen vor sich hin. was indem er lauernd Sie die 500 Francs,“ erklärte der 11 Wort von Sie?“ lenkte der Douanier 250 Franken auf der Stelle und d gleichgültig pfiff er „Eh bien!“ seufzte der Andere und zog ein Papier und eine Geldrolle aus seiner Manteltasche.„Voila!“ 5 Gierig riß Jost Beides an sich.„Das ist also die Auweisung auf die Zollkasse mit 250 Franken,“ murmelte er, das Papier von allen Seiten bedächtig betrachtend. Die Siegel von dem Gouvernement sein darauf,“ wehrte der Brigadier ab, als er sah, daß Jost Miene machte, die Rolle auf⸗ zubrechen und das Geld zu zählen. a „Na, für diesmal will ich's glauben,“ meinte er, indem er die Rolle in sein Wams schob. Beide erhoben sich. „Also Punkt elf Uhr?“ vergewisserte sich der Franzose. „Punkt elf Uhr,“ wiederholte Jost, und er wandte sich schon bachaufwärts, als er plötzlich wieder stehen blieb und seine Hand auf des Andern Schulter legte. 5 „Noch eine Bedingung!“ sprach er langsam und der Douanier fühlte, wie die Hand auf seiner Schulter leise zitterte.„Macht ihn nicht todt— wollt Ihr mir das versprechen?“ Er heftete sein Auge wie flehend auf den Franzosen. Der zuckte ungewiß die Achsel. „Es war mein bester Kamerad,“ murmelte Jost. Der Andere nickte leicht mit dem Kopf. „Ich danke Euch!“ Jost ergriff hastig des Zöllners Hand, dann wandte er sich um und stürzte in die Büsche, während Jener sinnend, langsam dem Dorfe zuschritt, von dessen Thurme soeben das Abend— läuten herüberzitterte wie ein Nachtgruß auf Nimmer-⸗Wiedersehen. (Schluß folgt.) a Lose glätter. Unter Heinrich VIII. von England wurden nicht weniger als 72 000 Menschen hingerichtet, also in jedem Jahre der Regierung dieses Tyrannen durchschnittlich 2000. Der Kanzler Thomas Morus, bekanntlich auch ein Opfer der Willkür Heinrichs, erzählt in seinen nachgelassenen Schriften, daß man oft Galgen gesehen, an denen mehr als zwanzig Menschen aufgehangen gewesen wären. Diesem Monarchen war es auch vorbehalten, den grau⸗ samsten Parlamentsbeschluß zu bestätigen der je gefällt worden ist. Ein gewisser John Roos, Koch des Bischofs von Rochester, vergiftete einen Topf Fleischbrühe, welcher für die Dienerschaft des Bischofs bestimmt war, unter denen der Koch mehrere Feinde hatte. Aber wie der Zufall spielt, gerade dieser Topf wurde von dem Speiseaufträger einer armen Familie zugesteckt, und mehrere Mitglieder derselben starben in Folge des Giftes. Wunderbarer Weise erklärte das Parlament dieses Verbrechen als„Hoch⸗ verrath“ und verurtheilte den Koch und Alle, die sich künftig dieses Ver⸗ brechens schuldig machen würden,„zum Tode durch in's Sieden gebrachtes Wasser“. Heinrich bestätigte das Urtheil. Der Unglückliche wurde gefesselt und in eine eiserne Badewanne voll kalten Wassers gesetzt. Unter der Wanne wurde ein Feuer gemacht. Als das Wasser, so berichtet ein altes Dokument, nun immer heißer wurde, schrie der Delinquent so sehr, daß sich die Richter, ja selbst der Henker der Thränen nicht enthalten konnten.— Ein späteres Parlament hob den grausamen Beschluß wieder auf. p. Abfertigung. Ein junger Mann bat eine junge Dame, in eine Fenster⸗ scheibe etwas einzuschneiden, was aus dem Herzen komme. Die Dame er⸗ füllte seinen Wunsch und kritzelte in die Fensterscheibe: „Stets bleib' ich Jungfrau; merken Sie das! So lebt sich's gar zu gemächlich.“ Er schrieb augenblicklich darunter: „Sie schreiben des Herzens Entschluß hier auf Glas, Zum Zeichen: er sei leicht zerbrechlich.“(Figaro.) Die bösen Buben. Ein Vater schloß stets seine Ermahnungen an seine achtzehnjährige Tochter mit den Worten:„Wenn Dich die bösen Buben locken, so folge ihnen nicht!“—„Aber wenn es die guten thun?“ fragte unschuldig das Mädchen. M. Friedrich V. von Dänemark kam nach Amsterdam. Dort überreichte ihm ein vornehmer Bürger einen Stammbaum, um seine Verwandtschaft mit dem König zu beweisen.—„Hört, Vetter,“ antwortete der Monarch, „ich bin hier incognito; machen Sie es auch so.“ W. G. Ein König von Frankreich, welcher, ist nicht einen tapfern, protestantischen Edelmann überzutreten, und versprach ihm, wenn „Sire,“ erwiderte der echte Edelmann, Bündige Abfertigung. C gesagt, wollte Herrn von Bougier, überreden, zur katholischen Kirche er dies thäte, den Marschallsstab.— D „könnte ich meinen Golt für einen Marschallsstab verleugnen, so könnte ich wohl auch für einen weit geringern Preis an meinem Könige Verrath üben.“ M. Königspromenade. 0 5 den them a- er's wenn es wehe fin- es schen win⸗ in wie scwebt hat be⸗ und den wer ha- und den sich läßt es wer nie und es kann im schwimi nicht von glück im ma⸗ len wer nug ö strom ein mel blatt gott ind le- wol- doch ge⸗ er sich Gran him⸗ er⸗ tau⸗ ken⸗ ben wie wehn flehn es ten bit⸗ vom flug zu dort win⸗ des⸗ wird er⸗ und nicht nie es hier einmal, len wie kämpft nicht ten und er- seh'n 88 wie son⸗ strah⸗ nicht er⸗ sirit⸗ run⸗ gen kann o licht wie nen⸗ Homonym. Mit vier Füßen bin ich ein Thier, Ohne Fuß dien' ich beim Wagen als Zier Dreifüßig braucht mich der Handwerker oft, Bildlich schießt Mancher mich ganz unverhofft, Bildlich auch setzt Ihr als Gärtner mich ein, Doch pflegt dies nur immer ein Späßchen zu sein. Rapsel-Räthsel. Versuch's das Ende von dem einen, Den Anfang von dem nächsten Wort Geschickt zu neuem Wort zu einen, Und was du suchst, hast du sofort. J. Einen weiblichen Vornamen. 2. Einen Fluß in Syrien. Ein Mann voll Verstand, ein Mann voll Muth, Ein guter Name, ein sicheres Gut, Ein gut Gewissen in freier Brust—— Das ist des Lebens höchste Lust. näthsel. Groß' und einsam schweb' ich in den Lüften, Doppelt leb' ich in den Felsenklüften, Dieses Erdenrund berühr' ich nicht; Klein erschein ich dir am blauen Himmel, Klein erblickst du mich im Sterngewimmel, Größer, wenn dein Mund von Liebe spricht. Unter Menschen suchst du mich vergebens, Da ich doch der Anfang jedes Lebens, Und an jedem Ziel der Letzte bin, Ohne mich wär diese Welt voll Mängel, Engel wären ohne mich nicht Engel, Und in diesem Räthsel wär kein Sinn. Auflösung des Logogriph in voriger Nummer: Schmaus, Maus, Aus; — des Sprichwörter⸗Räthsels: Wo das Glück einkehrt, klopft auch der Neid an;— der zweisilbigen Charade: Ohrring;— des Quadrat⸗Räthsels: * n% e 5 . e R iE K N 1* 1 n 2 e 0 1 i t h e Schach. Problem Nr. 465, von J. Berger in Graz. , e N 2 N b d , e,, „* e e e e,, 9 2 a 0 2 1 h , dl gehe g ddp gd a e ee Gevdkem Nr. 43 b. Bl az Vesung spree 8 Partie Nr. 266, gespielt am 18. Juli d. J. im Meisterturnier zu Frankfurt am Main. Weiß: von Bardeleben. Schwarz: von Scheve. 1) e2— e 7e 27) Df7- 67) eo e) 2) d2— da d7-d5 28) 47.1 ks Lg7-s: 3) 8b1— 63 1f8—b4 29) Ld3 ea: do—e4l!: 4) e- di: e6- d5: 30) Dg6 67 148— 5) LfI— da 8986 31) D648 KhS—hb7 6) Sg1—e2 0—0 32) e6—e7 aufgegeben. 8 8 5 8 Stellung nach dem 17. Zuge von Schwarz. 9) Lgö—h4 T 5 1 10) f2—14 Le8—g. 4 12 1 9 45. e 2 12—h3 g4—e, 13) Sc-e: 118-e 141 i 1 Del—f2 DdS-b., 4 15 N 06-5 e 2 16) 8g3—15 Ld6 18, e 4 17) ces g7—g6 2 18) Lha4-s6: Db6—f6.e! 19) 1 8 1 20) f—15 96—g 21 15—161 2) Sd7 16:8). 22) 7 Sf6— ed!) 2 23) Df2—k7f Kes—h8% 24) Sg4—e5s) Tes es:. 25) dä eb: 118-g 7 4 26) ee Ta8 1876) Weiß. 1) Mit dem Springer wiederzunehmen, war weit besser, es konnte alsdann durch Ses der 5 5— Springers gegen den Läufer ds erzwungen und dem nun folgenden Angriff vor⸗ jebeugt werden. 3 5 2) Schr hübsch! Der Bauer kann ohne entscheldenden Nach heil für Schwarz nicht ge⸗ nommen werden, und es 8 15 mit Matt oder Offizierverlust 8 3) Mit der Dame den Bauern zu nehmen, war ebenso wenig statthaft, denn 21). Df: 22) Sd. Df. T 23) 72. wonach Qualitätsverlust durch ze7 und zugleich 24) Lb5[Tdst 25) Ld?7 Td: 26) Sor ꝛc.] droht. Einen weitern Angriff auf den Bauern 1 durch Les hätte Wei durch 22) Sg parirt. 3 4) Der einzige Zug, der directen Offizierverlust abwendet 5) Der Gewinn der Qualität war hierdurch wohl erzwungen, doch mußte der Bauer 8 dafür verloren 1 d eine sofort entscheidende Fortsetzung hingegen war: 24) Les: Tel 25) Des 55 und Schwarz darf den Läufer nicht nehmen, weil nach 26) Sitz das Matt nur durch Damen ⸗ opfer zu decken ist, resp. 24). Tes: 25) Stü Lg7 2) Dgsé L th: 27) Tiä: und gewinnt. 6) Ein letzter Fehlzug! Der Thurm mußte nach es gehen, um den e- Bauern zu erobern, der nach 27) e7 Dad nicht mehr zu halten war. 7) Zum Gewinn bereits ausreichend war das Spiel: 27) Dfscc LfS: 28) TRT KT 20) Sdel 3% Tell dem nun drohenden Thurmzuge nach es[stärler als e7—es, was jedoch um Gewinn führt] kann Schwarz weder mit Da 7 noch mit Ses zuvorkommen; im Falle würde Tas nebst Tde: entscheiden, und auf den Springerzug würde 32) Te- 1 [falls Des so 38) Tes: ꝛc.] 93) es St zu sofortigem Matt(r, oder Damenverlust fü 8) 51 Zug beschleunigt den Verlust, Igs war noch zu versuchen mit der Dro 8 Ladet, die Weiß durch Rüczug der Dame(oder T2) hätte pariren müssen. 3 8 f Aus der Schachwelt. 3 Jum ersten Turnier der Berliner Schachgesellschast haben sich neun Theilnehmer eingefun aus Berlin die Herren Caro, Cordel, Harmonist, Dr. Lask 55—5 S Simonson, ferner Herr Kirdorf aus Crefeld und Herr Rothländer aus Prenzlin. Ezleger bl 1. Harmonist mit 7 gewonnenen Partien, 2. von Scheve mit 6 Points und 3. Schallo mit 5½ Points. N Druck und Verlag der„Volks- Zeitung“, Akt.-Ges. in Berlin, Lützowstr. 105— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105. A