— — 8 = 3 8 — — zu den Oberhessischen Nachrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. in die Stadt gelaufen. Gießen, den 3. April. 1 Im Nebel heißt unsere kleine Geschichte, und doch führen wir den Leser mitten in goldenen Herbstsonnenschein durch die deutsche Nordlandsebene, über welche sich wie eine ungeheure Glaskuppel der weite, blaue Himmel wölbt. Schwarzgrüne Föhrenwälder begrenzen überall den Blick, ziehen sich wie eine finstere Wolke den Horizont entlang, selbst auf die üppig grünen Wiesenstreifen einen dunkeln Schatten werfend. Schon ist es Herbst, St. Aegidientag steht im Kalender. Ueber die kahlen Erntefelder streicht längst der Wind und unter das volle Laub der Obstbäume mischen sich täglich mehr und mehr welke Blätter. Ein träumerischer, wehmuthsvoller Glanz liegt über der Landschaft, aus welcher, trotz allen sonnigen Lichts, doch eine leise Mahnung des Scheidens spricht. An Scheiden erinnert der flüch⸗ tige Zug der gen Süden eilenden Wandervögel und an Abschied⸗ nehmen mahnt die braunrothe Weinranke, die wie mit tausend Fingern das zerbröckelnde Gemäuer der zum Gutshof führenden Thorpforte umklammert hält. „Sabbathruhe mitten im Werktage?“ fragt man verwundert, wenn man das von Wirthschaftsgebäuden begrenzte, große Viereck des Hofes betritt, doch die aus den weitgeöffneten Stallthüren überall hervorguckende Unordnung wirkt abstoßend; man wendet den Blick fort, ohne ihn auf Wohlthuenderem weilen lassen zu können. Um⸗ gestürzte Pflüge, durcheinandergeworfenes Ackergeräth versperren oft den Weg, der geradeaus zu dem niedrigen, von prächtigen Kastanien⸗ bäumen freundlich geschützten Wohnhause führt. Die zwischen zwei ungeschlachten bronzenen Löwen sich bis zu der etwas hoch gelegenen Thür hinaufziehenden Steinstufen sind ausgetreten, zwischen den breiten Fugen wuchert Gras und Moos, der eherne Thürklopfer fehlt, ein zerbrochener Ring bezeichnet die Stätte, wo er einst gehangen. Der ritterliche Wappenschild über dem Eingang ist quer durchgebrochen, und das beklemmende Gefühl, daß Alles hier dem Verfall entgegen— eilt, drängt sich unwillkürlich dem Beschauer auf. AUuAber wo ist der Mensch, der fleißige Bebauer dieser kärglichen Scholle?“ ruft man erstaunt. Doch kein menschlicher Laut antwortet. Aus den Ställen klingt es wie hungriges Blöken, und in dem kleinen, grünschlammigen Teich in der Mitte des Hofes macht sich das Enten⸗ volk durch Schreien und Schnattern groß. Nun öffnet sich langsam und knarrend die Hausthür. Eine alte Frau, der die Last der Jahre wohl den Rücken gebeugt und das Haar in den Schläfen schneeweiß gefärbt, tritt heraus. Sorgenvoll gleitet ihr Blick über den öden Hof, und mit schwerem Seufzer geht sie wie suchend an den leeren Ställen entlang. „Alles fort,“ murmelt sie, während ihre Finger nervös mit einem zusammengefalteten Brief spielen,„Alles fort, Alles zum Jahrmarkt Niemand will Pflicht und Arbeit mehr Im Nebel. Novelle von H. René. kennen, Keiner hat Mitleid mit dem hungrigen Vieh! Doch wie kann es wohl anders sein. Wie der Herr, so der Diener.“ Wieder hebt ein Seufzer ihre eingefallene Brust, während die Augen angstvoll, wie hilfesuchend, umherirren.„Warum ich nur noch immer einen Strohhalm zur Rettung suche,“ flüsterte sie weiter. „Für uns giebt es ja doch keine Rettung mehr; unaufhaltsam trei⸗ ben wir Alle dem Untergang entgegen. Ich weiß es ja lange, sage mir es täglich, und doch, wenn das Verderben so nahe herantritt, wenn ich denke, daß ich als Bettlerin es verlassen muß, das alte liebe Haus, dann könnte ich mich wehren mit dem Muth, den die Verzweiflung giebt, dann könnte ich ihn, den Urheber unseres Un⸗ glücks, hassen, ihn, der meines einzigen Kindes Sohn ist.“ Hassen, das Wort ist zu entsetzlich für einer Großmutter stets verzeihendes Herz. Kaum ist es wie ein Hauch ihren Lippen ent⸗ flohen, so möchte sie es zurückerkaufen, wenn auch mit dem Rest ihres Lebens. Zitternd, wie etwas Unsichtbares um Vergebung bittend, hebt sie die Hände, da raschelt das Papier, das sie noch immer umklammert hält. 0 „Ach, der Unglücksbrief,“ wimmert sie.„Was soll ich thun? Giebt es denn keine Seele, die mir helfen kann? Wo nur das Kind ist? Ich suche sie überall, um ihr meine Angst zu klagen. Fränzchen, Fränzchen!“ Die reine Herbstluft trägt den Schall weit, doch keine Antwort kommt zurück. „Wo sie nur ist?“ Kopfschüttelnd geht die Greisin wieder den Weg, den sie gekommen, da scheint eine halbangelegte Stacketenthür dicht neben dem Haus ihr zu zeigen, wo sie die Gesuchte zu finden hat. Am Eingang des weiten, grasbesäten Baumgartens bleibt sie stehen. Die Georginen auf den spärlichen Blumenrabatten sind halb verblüht, aber der Lawendel duftet zu ihren Füßen und sorg⸗ sam beugt sie sich zu den unscheinbaren Blüthen herab. „Davon kann man Sträußchen binden und zum Kirchweihfest verkaufen lassen, das giebt doch einen kleinen Erlös,“ meint sie, aber ein trüber Schatten zieht dabei über ihre Züge und sie preßt die Lippen fest zusammen, um den bittern Aufschrei, der sich ihrer Brust entringen will, zurückzuhalten. „Was nützt alle Sehnsucht nach der glücklichen Vergangenheit,“ flüstert sie.„Niemals kehrt sie wieder, und das Rückwärtsdenken verdoppelt nur das jetzige Elend. Tapfer hinunterschlucken, heißt es vom Morgen bis zum Abend, nicht weiter hinausschauen über die Stunde. Ja, wenn der Brief nicht gekommen wäre! Nun stürzt Alles über uns zusammen. Und das arme Kind weiß noch von nichts. Fränzchen! Fränzchen!“ „Hier, Großmutter,“ antwortete eine helle Stimme, und aus dem gabelförmigen Ast eines riesigen Birnbaums glitt eine schlanke 8 „ 5 5 —.— 3 5 106 Mädchengestalt herab, die sorglos über die Gartenbeete sprang, die alle die vielfältigen Abdrücke ihrer schmalen Füße zeigten. „Aber, Fränzchen, bedenke doch die Blumen.“ „Ach, es blühen ja nur noch so wenige, und in einigen Nächten kommt der Reif und nimmt die letzten mit,“ entschuldigt sich das Mädchen,„und dann geht es auch so viel schneller.“ „Natürlich, Dir geht alles zu langsam, Du möchtest mit den Wolken durch die Lüfte fliegen und vergißt darüber die Erde und die Menschen, die Dich suchen,“ schalt die alte Frau, doch die strenge Miene, die sie annehmen wollte, mißlang und zärtlich strich sie mit der welken Hand über die goldbraunen Zöpfe, die der Enkelin weit über den Rücken hingen. „Du hast mich gesucht, Großmütterchen?“ forschte diese, ihr in das bekümmerte Gesicht blickend.„Ich saß auf dem alten Baum, von welchem man über die Mauer hinweg weit über das Feld blicken kann. In lauter Gold waren die Bäume und Wiesen getaucht und auf dem See glitzerten und hüpften die Sonnenstrahlen, daß ich an das alte Märchen von der Nixe, die einmal jedes Jahr auf der Ober⸗ fläche tanzen darf, denken mußte. Darüber vergaß ich nun wieder Alles, sogar Dich. Doch Dir ist etwas Schreckliches begegnet,“ unterbrach sie sich, die alte Frau stürmisch umschlingend,„willst Du mir sagen, was es ist?“ „Ach, es ist alles aus,“ rief diese, das Gesicht in den Händen vergrabend.„Nun läßt sich des Albrecht Leben und Treiben nicht länger mehr bemänteln und bedecken. Nun wird der Herr Graf Alles erfahren, uns in Schimpf und Schanden vom Hofe jagen, uns, die wir seit länger als sechszig Jahren die Ehre unseres Lebens darin gesehen haben, ihm in Treue zu dienen. Die ältesten Leute im Dorfe wissen es nicht anders, als daß hier ein Wiese gewirth⸗ schaftet, so ist es von Sohn zu Sohn gegangen, jeder hat mit Stolz seine Pflicht gethan, bis auf den Albrecht, der—“ Sie vollendete nicht; mit zitternder Hand entfaltete sie das Blatt und las mit halberstickter Stimme: a „Ich benachrichtige Sie hiermit, daß Sie sofort nach Empfang dieses Briefes einen geeigneten Wagen nach der nächsten Eisenbahn⸗ Station, zur Abholung eines Gastes, zu schicken haben. Einem meiner Verwandten, dem Grafen Julian Felsing, ist nach schwerer Nervenkrankheit ein Aufenthalt in kräftiger Waldluft und absolute ländliche Stille verordnet. Beides kann er in Grünau finden, und ich glaube auf die Rücksichten, die man ihm während seines dor⸗ tigen Aufenthaltes zu erweisen hat, wohl nicht besonders hinweisen zu dürfen. Alexander Graf Steinfeldt.“ „Und das ist Alles?“ fragte Fränzchen verwundert. „Aber Kind, bedenke, der Albrecht ist fort zum Jahrmarkt, spielt und trinkt wohl bis in die Nacht hinein. Alle Knechte haben es ihm nachgethan. Mein Rufen nach ihnen verhallte ungehört. Keiner kehrt vor lichtem Morgen in den Hof zurück. Alle Arbeit liegt un⸗ beendet, das Vieh hungert, das Haus ist Dieben preisgegeben. Das Herz wendet sich um bei diesem Anblick. Und dabei ist Niemand hier, der den fremden Herrn holen könnte. Er wird warten, zornig werden, schließlich dem Grafen die tolle Wirthschaft berichten. Und dann ist das längst gefürchtete Ende gekommen. Ach, daß ich heute sterben könnte!“ „Deshalb brauchst Du noch lange nicht zu sterben, tröstete das junge Mädchen liebevoll. In der Nähe sieht das Ganze garnicht so trübe aus. Wenn der Albrecht erst merkt, daß es um Kopf und Hals sich handelt, wird er endlich Vernunft lernen. Wenn der fremde Graf anlangt, ist es bereits dunkel, und bis morgen früh muß Ordnung in Feld und Hof geschaffen werden.“ „Und wie wird er kommen? Wer wird ihn holen? Selbst wenn man sich blos stellen wollte, einen Bauern um die Gefälligkeit zu bitten, so ist der Weg zu weit, Stunden könnten darüber ver— gehen, und die richtige Zeit wäre doch versäumt.“ „Und an mich denkst Du gar nicht?“ fragte Fränzchen hell auflachend.„Ich, die ich einen hochbeladenen Erntewagen durch das Hofthor bringe, ohne mit einem Halm anzustoßen, sollte mit unseren alten, frommen Pferden nicht nach der Station kutschiren können? Gehe Großmütterchen, Du hast wieder einmal umsonst Gespenster— furcht gehabt.“ „Aber es paßt sich nicht, Kind,“ meinte die Greisin überlegend. „Was werden die Leute sagen; sie nennen Dich so wie so die wilde Fränze.“ „Mögen sie sagen, was sie wollen, bei uns auf dem Lande paßt sich schließlich Alles. Und dann werde ich solcher dummen Gründe wegen doch den alten, kranken Herrn nicht auf dem elenden Bahnhof warten lassen. Vor Zorn und Erkältung kann er den Tod sich holen, und dann trifft uns sicherlich der Zorn des Grafen. Nein, nein, es muß geschehen, wie ich gesagt. Du darfst nicht überlegen, Großmutter, es giebt keinen anderen Ausweg.“ „Aber Du mußt mir versprechen, nicht wild zu sein,“ bat die Greisin, die allmählich aufzuathmen begann,„kein einziges Mal darfst Du mit der Peitsche knallen, das schickt sich nicht, und dann könnte auch der fremde Herr, der kaum genesen ist, darüber erschrecken. Der Sultan bleibt vor allen Dingen hier.“ Fränzchens lachendes Kindergesicht trübte sich etwas.„Warum,“ fragte sie kleinlaut. „Weil er durch sein wüthendes Gebell die Aufmerksamkeit der ganzen Gegend auf Dich zieht. Weiß Gott, der Albrecht bringt uns schon genug in der Leute Mund, da muß man vorsichtig jedes Unnütze gerade vermeiden.“ Fränzchen war nicht überzeugt, und durch Sultans Abwesenheit schien ihr das bevorstehende Vergnügen sehr viel an Reiz zu ver⸗ lieren, doch kein Wort des Widerspruchs trat auf ihre Lippen, die braunen Augen, klar und unschuldig wie die eines Kindes, trübten sich nicht in Mißmuth, und schmeichelnd lehnte sie ihre blühende Wange gegen das kummervolle Gesicht der alten Frau. „Noch immer traurig?“ fragte sie zärtlich. „Ich denke an Albrecht, in welchem Zustande ihn der fremde Graf vorfinden wird. Man könnte vor Scham in den Erdboden sinken.“ N Doch auch dafür wußte Fränzchen Rath.„Eine Tasse schwarzen, starken Kaffee muß er trinken, und nachher ein Stündchen schlafen,“ schlug sie vor.„Das wird ihm gut thun. Doch nun muß ich Pferd und Wagen herrichten, der Tag neigt sich jetzt schon so früh seinem Ende entgegen, und es heißt scharf zufahren, wenn ich zur rechten Zeit kommen will.“ Eilig flog sie über den Hof, von Sultan, den der wohlbekannte leichte Schritt aus seiner Sonnenecke hervorgelockt, in großen Freudenspringen umtanzt. „Du darfst nicht mit, Großmutter sperrt Dich ein,“ flüsterte sie dem mächtigen Newfoundländer, der seinen zottigen Kopf zärtlich an ihre Knie drückte, in's Ohr. 5 Die alte Frau war still in's Haus zurückgetreten. Das große, ebenerdige Wohnzimmer, an dessen Fenstern eben der letzte, gluthrothe Sonnenstrahl zitternd vorüberglitt, erschien ihr wie neugeschenkt. Mit rührender Innigkeit umfaßte ihr Blick die braungebeizte Gehäuse— uhr, den ledernen Polsterstuhl in der tiefen Ofennische und das geschnitzte Schlüsselbrett dicht neben der Eingangsthür. Genau so hatte damals vor fünfzig Jahren, als sie an des wackern Gatten Seite als junge Hausfrau eingezogen war, die alte, liebe Stube ausgesehen. Wo war er, dem sie gelobt, Freude und Leid zu theilen, nur geblieben. Sohn, an dessen Tauftage das glückliche Elternpaar jene Kastanien vor der Hausthür gepflanzt. Die jungen Stämmchen waren mit dem schlanken Burschen zugleich in die Höhe geschossen, und ihre kräftigen Aeste hatten später das Nest geschützt, das der Mann sich nach der Vätersitte hier in der alten Heimath erbaut. Die Greisin war zum Fenster gegangen. Gedachte sie vielleicht jenes trüben Novembertages, an welchem man dort über die Stein⸗ stufen, zwischen den blätterlosen, regentriefenden Bäumen hindurch einen Sarg getragen? Ach, es war unaueslöschlich in ihre Seele gegraben; seit jener Stunde, wo man den Sohn neben den Gatten bettete, hatten Angst und Sorge sich eingeschlichen in das wohl⸗ geborgene Haus, in welchem man bisher nur friedliches Behagen gekannt. Auf einem Vulkan stand sie nun schon seit Jahren, sie und das arme Kind, das dem leichtsinnigen Bruder so wenig galt. Wie der Albrecht doch so ganz anders war, wie alle Uebrigen, die hier vor ihm gehaust; das erste schlechte Reis an dem alten, ehrbaren Stamm. Sie stöhnte auf, da weckte lustiger Peitschenknall sie aus ihrem qualvollen Sinnen. Fränzchen kutschirte eben den alten Verdeck⸗ wagen mit den beiden trägen Braunen über den Hof und hielt gewandt dicht vor der Hausthür still. Längst deckte ihn der Rasen, ebenso wie den einzigen „Nur hier auf dem Hofe habe ich geknallt, draußen auf der Straße thue ich es gewiß nicht,“ versicherte sie, als sie das miß⸗ billigende Kopfschütteln der Großmutter bemerkte.„Doch warme Decken —— eee eee ee 107= müssen hinein in den Wagen gelegt werden; es wird kühl, und ich muß den alten Herrn doch wohlbehalten hierher bringen.“ Leichtfüßig, von dem halblangen Kleide in keiner Bewegung gehindert, sprang sie herab und trat in demselben Augenblick vor die Großmutter, eifrig bemüht, dem großen, ziemlich verbogenen Gartenhut eine elegantere Form zu geben. „So, das wird gehen,“ meinte sie, unter dem groben Geflecht mit ihrem bräunlich angehauchten Gesicht sich ungeduldig vom Spiegel abwendend,„ganz gerade wird er doch nicht mehr, und ich mache ja auch in ihm keine Visitenfahrt. Nun noch die Decken und ich bin fertig.“ „Aber die Handschuhe, Kind, vergißt Du denn immer, was sich für ein erwachsenes Mädchen schickt? Ich habe, Gott sei's geklagt, Dir leider mehr Freiheit lassen müssen, als ich je gewollt; wild wie eine Haideblume bist Du aufgewachsen, hast Phantasie und Muth⸗ willen niemals zügeln dürfen. Du warst ein Kind, dem man es leicht vergab. Doch nun hört die Wildheit auf, und der Ernst beginnt. Fränzchen, Du weißt, ich bat Dich oft, den Schullehrer nicht durch leichtsinnige Possen zu betrüben. Er kennt Dich lange, hat in der Schule stets gütige Langmuth Dir bewiesen, und außer mir meint es auf der weiten Welt Niemand so gut mit Dir, wie er.“ Fränzchen's frische Lippen verzogen sich lachend.„Ach, Groß⸗ mutter, er sah gar zu lächerlich aus, als er sich gestern den Hut aufsetzte und ihm die Papierschnitzel, die ich heimlich hineingelegt, über Kopf und Schulter fielen.“ „Und was that er?“ fragte die Großwutter ernst. Fränzchen wurde roth und verlegen.„Er bat, daß Du mir nicht zürnen solltest,“ rief sie, der alten Frau um den Hals fallend.„Und nicht wahr, trotz aller meiner Dummheiten hast Du mich doch lieb.“ Es war ein unbeschreiblicher Strahl von Liebe, der aus den alten Augen brach und auf dem jungen Gesicht vor ihr haften blieb.„Ich will ja nur Dein Bestes, Du allein von uns Allen sollst glücklich werden,“ flüsterte sie, und dann, als schäme sie sich der Rührung, machte sie sich aus den Armen der Enkelin frei. Diese erhaschte noch in aller Eile einen Versöhnungskuß und sprang lachend zur Thür hinaus. Die alte Frau blieb sinnend am Fenster stehen. Das flammende Abendroth erstarb langsam am Himmel, feuchte Herbstnebel stiegen von den Wiesen auf und breiteten über die Gegend ihren weiß⸗ grauen Schleier, die Pappeln und Weidenstümpfe am Wege ge— spenstisch einhüllend. Eine Empfindung namenloser Angst preßte das Herz der einsamen Frau zusammen; als müsse sie ersticken, war ihr zu Muth. Weit riß sie den Fensterflügel auf und sog, mühsam athmend, die feucht⸗ kalte Abendluft ein. 0 „Mir ist es, als drohe uns nun doch eine große Gefahr,“ murmelte sie,„als müßten wir Alle in dem Nebelmeer dort unten ertrinken. Ein eiserner Reifen krampft mir die Brust zusammen, ich möchte sie zurückrufen, die Fränzchen. Vielleicht hätte ich sie nicht sollen gehen lassen. Und doch, wenn ich recht bedenke, erfaßt mich diese Angst doch nur des Albrecht's wegen. Was soll dem Mädchen in der kurzen Zeit denn Schlimmes begegnen?“ lächelt sie, sich selbst beruhigend. Ihr unruhiges Auge suchte in der beginnenden Dunkelheit umher, bis es das rothschimmernde Dach des neuen Schulhauses gefunden hatte. Ein zufriedener Zug malte sich auf ihrem eben noch so angstvollen Gesicht.„Dort wird sie bald an treuem Herzen wohl geborgen sein,“ dachte sie, das Fenster schließend.„Dort ist sie in Sicherheit vor Sturm und Nebel.“ 8 (Fortsetzung folgt.) Nora. Eine Geschichte aus dem Kinderleben. Von Sara Hutzler. . Ihre Mutter war gestorben. Das war im Frühjahr gewesen und jetzt schwand der Herbst. Das trockene, rothbraune Laub fiel, wenn ein Windstoß durch die frierenden Aeste zog, welk flatternd zur Erde nieder und wurde von den Füßen der Vorübergehenden achtlos zertreten und weitergefegt. Das kleine Mädchen, das mit zurückgebeugtem Nacken zu dem dritten Stockwerk des vor ihr liegenden schmalfenstrigen Hauses auf⸗ sah, zog, vom Winde empfindlich berührt, das dünne, graue Tuch aus leichtem Wollstoff empor um die Schultern und that einen Schritt auf das Hausthor zu. Es stand weit offen und der Korbflechter im Sou⸗ terrain, der zugleich die Portierstelle bekleidete, riß bei ihrem Erschei— nen sein Klappfensterchen auf und begrüßte das Kind. „Morgen, Nora!“ Sie nickte dem Manne zu und näherte sich der Treppe. „Kann ich rauf?“ Sie fragte es, scheinbar um etwas zu sagen, mehr denn in vollbedeutender Frage, und der Korbflechter warf einen mitleidigen, guten Blick auf das magere, kleine Geschöpf und nickte sanft. „Geh' nur,“ sagte er, sich seiner Arbeit wieder zuwendend,„geh' heute noch einmal, es wird von selbst aufhören, Kleine.— Das Zim mer ist vermiethet! Eine Waschfrau wohnt drin mit einem Hunde!“ „Vermiethet— oh!“ Des Kindes Gesicht sah erst erschreckt auf den Mann, dann mit einem kleinen Seufzer nach oben, dann begann sie leise die Treppe hinaufzugehen. Im Frühjahr war sie noch in dem Hause gewesen, rechtmäßig als dahin gehörig. Damals hatten noch die Vögel gesungen. An dem Morgen, da man die Todte hinaustrug aus der stillen Kammer, hatten sich zwei kleine gefiederte Sänger auf das Fenstersims gesetzt und gegen die geschlossene Scheibe angesungen, als ob sie Einlaß forderten. Sie hatte ihnen auch geöffnet. Aus ihrem einsamen Eckchen hinter dem Eisenbett, aus dem man die schneeweiße Mutter fortgetragen, war sie hervorgekrochen, um den zwitschernden Thierchen zu öffnen, und da— ihre Hand hatte wohl ungeschickt angefaßt— da waren sie erschreckt davongehuscht. Sie hatte sich dann vom Fenster wieder entfernt, um sich an ihren Platz hinter dem Bett zurückzu⸗ schleichen, und von da aus konnte sie Alles beobachten. Als man sie forttrug, lag auf dem Sargdeckel ein Kranz von weißen Nelken. Nora wußte nicht, wer ihn dorthin gelegt. Sie war dann ganz allein in dem Zimmerchen geblieben, bis der gute Korbflechter von unten sie zu sich geholt hatte, und das spärliche Mittagbrod, das der ehrliche Mann bisher in sechs Theile getheilt, um seine mutterlosen Kinder zu sättigen, verfiel nun in sieben kleinere Theile, da das Waisenkind bei ihnen haus'te. Nora mußte heute an all' das denken. Seit die Bäckerfrau sie in ihren Dienst genommen, trieb sie ihr sehnendes Herz an jedem Tage beim Semmelaustragen in die alte Gegend und in die kleine Kammer. Aber jetzt— sie sah schüchtern hinauf— jetzt war die Kammer vermiethet! Sie war bis zur obersten Stufe gelangt, dicht an die Thür des bekannten kleinen Zimmers. Das eiserne Bett da drin war längst verkauft, aber der Raum war geblieben, der Raum, in den sie seit dem Frühjahr fast täglich hinaufgehen konnte, um ungestört an die liebe, weiße Mutter zu denken. Jetzt war das vorbei. Die Kammer war vermiethet! Vor der Thür stehend, hörte sie drinnen leises Scharren und dann begann plötzlich der Hund laut und böswillig zu kläffen, daß das Kind ihre Röcke ängstlich faßte und von der Thür zurückwich. Das Thier schien zu erkennen, daß sie kein Anrecht mehr hatte an diese Stube. Früher hatte ihr keiner das Recht gewehrt, sich stunden— lang dort aufzuhalten. Jetzt kläffte sie der Hund an wie eine Fremde! Und wie tobte er doch von der Innenseite zu ihr heraus! Er merkte wohl, daß sie nicht ging. Mit den Pfoten schlug er gegen die Thür, als wolle er hindurch— zu ihr. Und dann schnupperte er an der Ritze zur Erde und fegte die Schnauze aufgeregt hin und her, pausirte auf Sekunden und kläffte dann um so heftiger. Das Kind drückte sich von der Thür fort und lehnte sich an das Treppen⸗ geländer. Der große Korb, den sie trug, fand in dem schmalen Gang keinen Platz und schob sich an dem Geländer hoch. Unter ihr, in dem Flur des Hauses, wurden Stimmen laut— ein Händ⸗ ler schrie seine Bürsten und Besen feil— die offene Flurthür sandte eine kalte Zugluft durch das Haus. Die Scheuerfrau zu ebener Erde öffnete und keifte den Mann mit heiserer Stimme an. Das Kind beugte sich über das Geländer und sah hinab. Und der Hund kläffte weiter und im Hinterhof des Hauses er— tönten plötzlich die schnarrenden Klänge einer schlecht gestimmten Dreh- orgel. Aus zwei Thüren der unteren Etage schrie man um Ruhe. Nora faßte ihren Korb und stieg, von einer plötzlichen unheim⸗ lichen Fremdheit ergriffen, zum Hausthor hinab. Wie lärmend war Alles geworden in dem Hause, in dem ihr damals— im Frühjahr — Alles so friedlich erschienen war! Der Wind wehte ihr scharf R6»»»O„„ 1 5 * 5 0 12 12 5 —— 3— — 1 1 N . 1 N 7 . 7 4 0 1 33 3 re 108 in's Gesicht, als sie auf die Straße hinaustrat; er trieb ihr die Haare vom Kopfe auf. Der Korbflechter saß nicht mehr an seinem Klappfenster, dafür nickten ihr seine zwei jüngsten Buben aus dem Hinterhof freundlich zu. „Gehst schon wieder?“ Der ältere der Knaben schaukelte sich auf dem Stock, der zum Teppichausklopfen quer über dem Hofraum lag, und von diesem erhöhten Posten schrie er Nora seine Abschieds— grüße nach, als sie eilig davonging. Sie stellte ihren Korb vor dem Hausthor nieder, um ihr Umschlagetuch über dem Kopfe zu knoten, und dann rannte sie gegen den Wind an. Im Laufen kam ihr der Gedanke, daß es spät sein mochte. Sie drückte sich an einen Seifen. laden an und sah, vom Licht geblendet, suchend in den inneren düsteren Raum. An den Wänden hing keine Uhr. Sie mußte wohl fragen. Eine sauber gekleidete Frau schritt über die Straße. „Ach bitte!“ Nora vertrat ihr den Weg. Die Frau sah auf das Kind nieder. f „Willst Du etwas?“ fragte sie freundlich. Nora sah in das breite, gute Gesicht und ein plötzliches Wohlgefühl ließ sie zu ihr auflächeln. „Ich möchte wissen, wie spät es ist!“ „Zehn, mein Kind! Ei, ei, so eilig?“ Das„ich danke“ hatte sie in Hast gerufen und dann stürmte sie, von einer drückenden Angst erfaßt, weiter. Sie hatte sich wieder verspätet. Und im Dienste der Bäckers— frau sollte sie das doch nicht! Man hatte keine Zeit zu vertrödeln — so hieß es und Nora wußte es und kam doch jeden Morgen wieder in die alte Straße, in das alte Haus. n Die Bäckersfrau war ungütig zu ihr, unnachsichtig mit den kind— lichen Fehlern und herb mit ihren Strafen. Aus Barmherzigkeit hatte sie die Waise aufgenommen, so sagte sie, und aus Barmherzigkeit müßte sie sie streng erziehen! Streng erziehen! Es war ein zart besaitetes, kleines Mädchen, das da im Frühjahr allein in der Bodenkammer verblieben war, ein Kind so schmächtig von Ansehen, wie es zart von Innen war, ein Kind, das in Liebe und Sanftmuth geleitet worden und von sor— gender, weicher Mutterhand gestreichelt worden war und das an der Seite der bleichen Plätterin, ihrer Mutter, ein bedrängtes, oft von Noth heimgesuchtes, aber unendlich frohes, gedankenlos zufriedenes, kleines Dasein geführt hatte. ihre ersten Buchstaben gelernt, die sie freudestrahlend der Mutter auf der Tafel zeigte,— in der Klasse hörte sie die Liedchen, die sie beim Schein der kleinen Oellampe am Abend der Mutter vor— sang, und die bleiche Mutter stemmte öfters das Plätteisen auf und sang mit und dann küßten sich die Beiden und lachten sich an! Streng erziehen! Es hatte sie nie Jemand streng erzogen. Selbst in der kleinen Schule, da man sie einmal strafend in eine Ecke ge— stellt, hatte man es, weil sie vor Scham krank wurde, nur mehr mit Milde und mit Liebe bei ihr versucht. Und wie war das geglückt! Aus Liebe that das Kind Alles, aus Liebe schwand von dem etwas harten Gesichtchen aller Trotz und aller Eigensinn, aus Liebe wurde das Kind dankbar und willen— los— und jetzt, bei der Bäckerin, erfuhr sie an Liebe gar nichts! In dem Kinderköpfchen drängten sich, während sie lief, die Ge— danken an das Damals und an das Jetzt. Die gute Stimmung, welche minutenlang nach dem Begegnen mit den alten Bekannten und gleich darauf mit der freundlichen, sauberen Frau ihr Herz er— füllt, fiel, je näher sie dem Bäckerladen kam, mehr und mehr von ihr ab. Sie mußte, um in dem Winde athmen zu können, ihre magere Hand vor den Mund halten, und so stürmte sie, den Kopf vornübergebeugt, in fliegender Hast voran. Ihre Angst wuchs mit jedem Schritt. Sie begann sich, nach Kindesart, ihre Chancen beim Empfang aufzuzählen. Wenn der Laden besetzt war, wenn Käufer ein- und ausgingen, so entkam sie für's erste. Wenn das welke Kindchen, das kränkliche, das sie warten mußte, gerade schrie und nach seinem Brei wimmerte, oder wenn gar die Frau nicht im Laden war, auf einen Sprung vielleicht in den Neben- laden, das kam vor, das konnte wieder vorkommen! In diesem Gedankenwirrsal hatte sie das Haus erreicht. Wenige Schritte noch und sie stand vor der Thür. Einen raschen Blick warf sie durch das Schaufenster. Ein Seufzer der Erleichterung entfuhr ihrem Munde. Der Laden war leer. Die Bäckersfrau war sicher— lich in der Hinterstube und vielleicht, wenn sie leise die Thür öffnete und ganz unhoͤrbar wieder schloß und dann still hinter den Laden— In der städtischen Schule hatte sie tisch trat, vielleicht merkte die Frau garnicht, wie lan blieben war! a Arme, kleine Nora! Sie faßte die Thürklinke und drückte sie nieder, dann, als der scharfe Wind ihr beim Oeffnen Widerstand leistete, stemmte sie den Rücken gegen die Thür und schob sie zurück. War sie gehört worden? Sie wußte es nicht. Sie hob beim Auftreten die Arme, um ein lautes Gehen zu vermeiden, und ihre Augen spähten dabei ängstlich umher. Eben war sie dabei, den großen Korb sorglich in seine Ecke hinter den Tisch zu räumen, als die Frau eintrat. 8 0 Mit der Hoffnung auf ein Entkommen war's nun vorbei. Die Bäckersfrau war an strengste Ordnung gewöhnt. Ohne vielleicht Böses zu wollen, übte sie die Härte, die das Kind so bitter empfand. Ihr eigenes Leben war voll peinlichster Regelmäßigkeit und von rück, sichtslosester Pflichterkenntniß. Selbst nicht mit Nachsicht erzogen, kannte sie den Begriff des Wortes nicht. Ihre Kindheit hatte sie in einem Waisenhause verlebt, ihre späteren Jahre auf Dienststellen. Als sie bald darauf den Bäckergesellen Schollmeyer heirathete, that sie es mehr aus der Spekulation heraus, ihr erworbenes Geld prak— tisch nutzbar zu machen, als aus innerer Neigung. Sie hatte den Laden auch gangbar gemacht und als sie nach der Geburt des schwachen, kleinen Weltbürgers die auf kurze Zeit an ihren Mann abgetretene Verwaltung des Geschäftes wieder aufnahm, fand sie in den Büchern wie in der Geschäftsführung gefährliche Mängel. Der Auftritt, der alsdann zwischen ihr und dem leichtlebigen jungen Gatten stattfand, endete in einem vollständigen Bruch der Verhält- nisse. Der Mann ließ sie mit dem Säuglinge allein und zog seiner Wege. Und so blieb die Frau mit dem unfrohen Wesen und dem verbissenen Herzen allein und brachte mit unermüdlichem Eifer und strenger Ueberwachung ihrer Leute das Geschäft wieder in die Reihe. So fand sie Nora und das weichherzige Kind schreckte vor der Berührung, vor dem strengen Wesen der Frau zurück. Das Miß— trauen, der bittere Argwohn, den sie seit dem Bruch mit ihrem Manne irgendwohin zu tragen für nothwendig hielt, spitzte sich auf das Kind, das, der eigenthümlichen Behandlung ungewohnt, in seiner Verwirrung fortdauernden Anlaß zur Rüge gab. In dem Herzen des Kindes erstand ein Gefühl von hartnäckiger Abneigung gegen die Frau, bei der sie lebte, und zu dieser Abnei— gung gesellte sich ein Widerwille gegen die Engherzigkeit und die herben Anschauungen, die sie von Tag zu Tag mehr erkannte. So kam's, daß das Gnadenkind die Strafen, welche die Frau verhängte, wie Racheakte aufnahm, daß die Strenge ihr wie Un⸗ gerechtigkeit und Böswille erschien, gegen den sie sich auflehnen oder, wenn ihr dazu der Muth fehlte, den sie mit unterdrücktem Ingrimm im kleinen Herzen aufspeichern mußte. Das Letztere that sie denn auch redlich. 8 Als die Frau in den Laden trat, war sie auf das Kind zu— getreten, um ihr mit Nachdruck die Strafe, die ihrer harrte, zu be— stimmen. Des Mädchens zögernd gestammelte Erklärungen fielen auf taube Ohren. Frau Schollmeyer war es nicht gewohnt, Zwischen⸗ fälle gelten zu lassen, wo es sich um eine Pflichtversäumniß han⸗ delte. Ebensowenig konnte sie ein verwirrtes, blasses Mädchengesicht besänftigen, wenn sie im Begriff stand zu strafen. Das Urtheil, das ihrer harrte, mußte das Kind kennen, denn sie wandte sich schweigend mit gesenktem Kopf ab und zerrte nur verlegen trotzig an ihrem Umhängetuch. Entziehung des Mitlagbrodes! Das war die Strafe! Und dann schickte sie die Frau in die Hinterstube, um den Brei für das wimmernde, wachsbleiche Kindchen zu bereiten . Sie war von Natur weich und empfindsam. Ihr Wesen von jener halb scheuen, halb ängstlichen Art haltlos umhergestoßener Ge⸗ schöpfe, deren jeder Blick zu irren fürchtet und deren jedes Wort zu verletzen zögert. Und dennoch lag in der Tiefe dieses Kindergemüthes eine Leidenschaftlichkeit, die, weil sie erstickt werden mußte, nur um so nachhaltiger glühte. Es gab Augenblicke, in denen es bitterböse aufgrollte in dem kleinen Herzchen, Augenblicke, in denen die sanfte Duldsamkeit in der kleinen Mädchenbrust alle Haltung verlor und aus der kranken Seele zu entschlüpfen drohte. Ein Gefühl tief⸗ innersten Hasses wühlte in dem Kinderherzen, als Nora, in der ein⸗ fach möblirten Hinterstube sitzend, das halbschlummernde Kindchen mechanisch wiegte. Ihre Lippen bewegten sich in leisem Summen ö 4 .. ge sie ausge 11 , ,, 2 . . , J Fe 0. 0 — 0 und die kleinen Füße klemmten sich in den querlaufenden Holzstab des Stuhles ein, um dem Bebe auf ihren Knieen besseren Halt zu geben. 5 Nora liebte kleine Kinder, insbesondere aber kleine hilflose Säug— linge wie das auf ihrem Schooße. Ihre Arme umschlossen den schla⸗ fenden weichen Körper mit jener Sorgfalt, welche die liebende Ueber⸗ legenheit schafft, und keiner von all' den bösen Gedanken, die ihr heiß in dem Kopf tobten, trug sich hinüber au, das schlafende, bleiche Kindchen, das sie hielt. Und böse Gedanken waren's, die in ihr aufstiegen! Gedanken der Rache und der Vergeltung. Die Frau da drinnen zürnte, weil sie Sehnsucht empfand nach der Stätte, in der sie froh gewesen war, die Frau strafte ein Ausbleiben, das keinen schädigte und ihr so viel liebe Erinnerungen eintrug. Die Frau strafte nicht durch ernst mah⸗ nende Worte, nein, sie strafte empfindlich und auf stille Weise, fast so wie wenn das Kind ihr ebenbürtig gewesen wäre und nur von ihr abhängig! Das Essen entziehen! Das war das zweite Mal in der einen Woche. Einmal geschah es, weil sie eine der Semmeln aus dem Korbe auf die Straße hatte fallen lassen. „Unachtsamkeit“, so hieß es, muß gerügt werden und so blieb das Mittagsmahl aus. Und das bei der ohnehin so schmalen Kost! Nora's Augen blickten eigen trotzig, als sie an die kleinen Portionen dachte, die ihr zufielen. Und dieser Frau mit dem kalten Herzen und der reg— los harten Miene war sie zu eigen gegeben, zu eigen, weil die Barmherzigkeit Rechte fordert und weil das verwaiste Geschöpf das Gnadenbrod dort aß. Im Laden stand die Frau und hantirte am Schaufenster. Nora hörte das Schieben der Teller und das Auffüllen der Körbe. Wie ruhig sie blieb bei allem Aerger! Wie kühl sie strafte, fast mit einer Genugthuung! O, wenn doch sie einmal kennen lernte, wie's thut, so recht rachsüchtig behandelt zu werden, so recht grausam! Wenn doch, wenn doch— Nora's Köpfchen sann vergebens. Sie hätte ihr so gerne ihren Haß gezeigt, sie so gerne recht sehr, sehr getroffen auf irgend eine Weise! Der Frau war aber nicht bei⸗ zukommen. Um wehe thun zu können, mußte man eine weiche Stelle am Menschen kennen. Hatte die Frau eine weiche Stelle? Gab es etwas, was die Frau liebte, so daß man ihr weh thun konnte durch dieses Etwas? Nora schüttelte entwaffnet den Kopf. Nichts, gar⸗ nichts? Doch, da— es regte sich in ihren Armen. Da war's! Das Kindchen! Wenn es etwas gab, das der Frau näher stand als ihre Interessen selbst, so war es vielleicht das schwächliche, wachs— bleiche Ding auf ihrem Schooße. Sonderlich zärtlich war sie auch mit dem Bebe nicht, allein sie liebte es, wie sie zu lieben verstand, immer mit Maß und Ziel, immer ohne Gefühlsausbrüche, aber mit jener Zähigkeit, welche herbe Naturen in ihren Empfindungen kenn⸗ zeichnet. Mit dem Kinde hatte ihr Leben eine Sorge erhalten und diese Sorge gab ihrem Leben einen Zweck. Durch das winzige Ding konnte ihr ein Schmerz erwachsen! 8 Im Hinstarren auf das schlafende Geschöpfchen war ein Ge— danke halsstarrig in Nora's Köpfchen geblieben. Sie konnte sich rächen durch das Kind! Ja, das konnte sie und das wollte sie auch. Wenn sie es nachlässig faßte, dann konnte das winzige Ding rutschen und fallen, und wenn es fiele, dann schrie es gewiß auf und die Frau da drin— ja, sie würde erschrecken, sie würde herbeistürzen und wohl auf Augenblicke den harten, gesperrten Ausdruck um den Mund verlieren in ihrer Angst, sie wurde auch erkennen, daß sie nicht allein strafen und rügen konnte, daß es gerathener sei, freund- licher zu sein mit denen, die nicht böse waren. Durch das schla⸗ fende Kindchen war sie zu verwunden und sie wollte auch nicht zau— dern, nicht länger zoͤgern, denn die da drin besann sich auch nicht, wenn es galt, bart zu sein und streng. Sie wollte so sein wie die. Sie brauchte nur die Finger ihrer rechten Hand zu lösen und das Handgelenk zu senken, das Handgelenk, das den Kinderleib umschloß, und das Kind glitt zu Boden. Des kleinen Mädchens Augen leuchteten in unruhigem Feuer. Die dichten Augenbrauen, welche sich in bizarrer Zeichnung über der Nase begegneten, bildeten eine harte Schattenlinie, die dem weißen Kindergesicht in diesem Augenblick etwas Eigenes, Fremd-⸗Faszini⸗ rendes gab. Sie spreizte die Finger einzeln. Der Daumen löste sich, der Zeigefinger, dann der kleine, nur zwei Fingerchen stützten das ahnungslos schlafende, wachsbleiche Ding. Nora schoß einen raschen Blick auf die Glasthür, welche zum Laden führte, und dann wieder J ö auf ihren Schooß. Das Handgelenk mußte noch sinken und jetzt, Da schlug das welke, jetzt, ein wenig, ein wenig noch——. weiße Geschöpfchen die Augen auf und sah sie an. Was war das? Was trieb dem kleinen Mädcken das Blut so jählings in die Schläa. fen? Warum mußte sie das Kindchen, das sie hielt, plötzlich so fest umschließen mit ihren Händen? 5 8 a Ein Etwas, das sie nicht verstand, zwang sie, die Augen zu schließen vor Scham, vor Entsetzen. Eine Stimme schien zu sprechen, eine weiche Stimme, nein doch, es war Alles still. Sie hatte es Es war nichts, und doch— in dem Herzchen Nora's nur gedacht. klopfte es heiß und mächtig und es schien ihr irgendwo ein Etwas zu rufen, zu bitten, plaidirend, tiefernst, bannend, bannend und dringlich, wie wenn es ihr nahe stände, wie längst Bekanntes, wie etwas, das sie im Leben schon gesehen und gefühlt, das nicht hier her gehörte, sondern in einen andern Raum, wo's still und heilig war, beim Glockenläuten, beim Frühlingswehen, im Frieden ein Aus⸗ druck des Friedens. Wo nur, wo? War's doch hier? War's bei ihr, ganz nahe, war's beim Kind, das sie hielt?. Jaa, ja— da war's! Beim Kinde. In dem welken, weißen* Gesicht, im Auge, im Auge des Kindes! f In Nora's stürmischem Herzen hörte das wilde Pochen auf. Unter dem Blick des unschuldigen Kindes, der groß und schleierhaft fragend auf sie gerichtet blieb, kehrte das kindlich Zage in ihre Seele wieder ein, und auf das ihr anvertraute Geschöpfchen niedersehend, träumte sich das heimathlose kleine Mädchen zurück in die Tage der Vergangenheit, des vergangenen Frühjahrs, träumte, daß es wieder Frühjahr wurde und daß zwei Vögelchen ihr entgegengeflattert kamen von weit her, die sich zwitschernd auf ihre nassen Augen setzten und ihr eine Nachricht brachten von— von— „O Mutter, Mutter!“ In dem einen Aufschrei hatte sich der Druck von der belasteten Kinderbrust gelöst. Nora raffte das Kindchen eng an sich, als müsse sie in verdoppeltem Schutz ihr Vorhaben von vorhin ausgleichen, und die Thränen, die aus den Augen des einsamen Kindes fielen, netzten das Blondhaar auf der Stirn des ahnungslosen Wesens, das sie hielt. (Fortsetzung folgt.) b Die Verlengewinnung. Wenn sich auch die Perlmuschel, darunter hauptsächlich die Avicula Maleagrina, in vielen Meeren und Gewässern der Erde findet, so in der Mantschurei im Sungari unterhalb Girin, wo ihre Gewinnung ein Monopol des Kaisers von China bildet, an der Küste Korea's, im persischen Meerbusen, im Mittelmeer an der afrikanischen Küste, an mehreren südamerikanischen Gestaden, so sind doch die Westküste Ceylons und die ihr gegenüberliegenden Küsten Vorder⸗Indiens der berühmteste Perlenfun dort nicht allein Asiens, sondern der Welt. Der Hauptplatz der Perlenboote ist— so ent⸗ nehmen wir einem uns zugegangenen Berichte— die dürre und öde Küste von Aripo auf Ceylon. Mit unerbittlicher Macht ver⸗ sengt hier die Sonne Alles, soweit das Auge nur schweifen kann. Im ausgeglühten Sande gedeiht nur Dorngestrüpp, zusammen⸗ geschrumpfte Blätter hangen am nackten Gesträuche. Die Thiere suchen Schutz vor den brennenden Strahlen, aber da ist nirgends Schatten, nur ein Athem hemmender Dunst zittert über dem Boden und die See spiegelt die erdrückende Hitze zurück. Aus glühendem Sande ragen die gebleichten Gebeine der Perlentaucher hervor, welche die Gier nach Schätzen in den Tod führte. Ein dorischer Palast, seit der englischen Besitzergreifung Ceylons aus Quadersandstein erbaut, von Außen mit dem schönsten Stucco aus Austerschalenkalk überzogen und von dürftigen Baumpflanzungen umgeben, ist der einzige Schmuck der Gegend, der einförmigsten von ganz Ceylon. Das ist der Ort, auf welchem sich das Bild des buntesten Treibens aufrollt, wenn die Taucherboote heransegeln und auf den Ruf der 5 Regierung aus allen Theilen Hindostans Tausende und Tausende herbeiströmen. des Gestades hin breite Straßen, wo Hütte an Hütte aus Bambus⸗ und Arekapfählen, mit Palmblättern, Reisstroh und bunten Wollen⸗ zeugen bedeckt, aufsteigt. Alle indischen Sitten und Trachten kommen Da erheben sich plötzlich von Condatchy ab längs 111 hier zum Vorschein, jede Kaste ist vertreten, Priester und Anhänger jeder Sekte eilen herbei, Gaukler und Tänzerinnen belustigen die Menge. Während dieses Schauspiels gehen jeden Morgen etwa 200 Boote in die See; jedes derselben trägt zwei Taucher nebst zwei Gehülfen und einen Soldaten mit geladenem Gewehre; Letzterer soll verhüten, daß die Muscheln nicht eher ihrer Schätze entledigt werden, bis sie am Ufer sind. Ist die ganze Flotte an ihrem Be⸗ stimmungsorte, etwa zwei Kilometer vom Lande, angelangt, so beginnt die Arbeit. Um den Tauchern die Erreichung des Meeresgrundes, welcher an dem Aufenthaltsorte der Perlmuscheln 18— 20 Meter tief ist, zu ermöglichen, hat man ein langes Tau über eine Rolle geleitet, welche von einer Querstange am Maste über den Bord hinaushängt und an das Tau einen Stein von 100 bis 150 Kilogramm befestigt. Man läßt den Stein neben dem Boote hinab und der Taucher, einen Korb bei sich tragend, der ebenfalls mit einem Tau im Boote befestigt ist, giebt, auf dem Steine stehend, ein Zeichen, ihn hinabzulassen, und sinkt dadurch rasch auf den Grund; dann wird der Stein wieder heraufgezogen, während der Taucher im Wasser mit der rechten Hand so viele Perlenmuscheln als möglich in seinen Korb legt und mit der linken am Felsen oder an Seegewächsen sich anklammert. Läßt er diese los, so schießt er an die Oberfläche empor und ein Gehülfe zieht ihn sogleich in das Boot, während ein anderer den Korb mit Muscheln heraufbefördert. Alsdann wird der zweite Taucher in's Wasser gelassen, und so geht es abwechselnd fort bis 4 Uhr Nachmittags; dann kehren alle Boote mit ihren Ladungen nach Aripo zurück. Ist die Fischerei den Tag über beendigt, so erhält der Taucher, der am längsten unter Wasser geblieben war, eine Belohnung. Die gewöhnliche Zeit dieses Auf⸗ enthaltes dauert 53—57 Sekunden. Der Lärm bei diesem Ge⸗ schäfte ist so groß, daß die gefürchteten Haifische verscheucht, und viele Fischereien werden ohne irgend einen Angriff dieser Hyänen des Meeres zu Ende geführt. Die gewonnenen Muscheln werden meistbietend verkauft oder in das Magazin der Regierung abgeliefert. Letzteres ist ein mit hohen Mauern umgebener, viereckißer Raum, dessen Boden schräg und von vielen kleinen Rinnen durchschnitten ist; durch diese läuft fortwährend Wasser aus einem Behälter, in welchen die unverkauften Muscheln gelegt werden. Sind die Muscheln an's Land gebracht, so werden sie in kleine Haufen getheilt und versteigert. Dieses ist eine sehr belustigende Art von Lotterie, indem man leicht 50 Mark für einen großen Haufen Muscheln bezahlt, ohne eine einzige Perle darin zu finden, während der arme Soldat, welcher einige Pfennige für ein halbes Dutzend ausgiebt, möglicher Weise eine Perle darin entdeckt, so werthvoll, daß er damit nicht nur seinen Abschied erkaufen, sondern auch den Rest seines Lebens sorgenfrei zubringen kann. In früheren Zeiten ließ die Regierung die Perlmuscheln nicht versteigern, sondern in das Magazin bringen und dort durch besonders angestellte Leute öffnen; allein diese waren so schlau, daß sie trotz der genauesten Aufsicht Perlen verschluckten. Gegenwärtig werden, wie gesagt, nur die nicht verkauften Muscheln in den erwähnten Wasserbehälter gelegt, und haben sich ihre Schalen durch Fäulniß geöffnet, so fallen die Perlen heraus und das Wasser spült sie in die Rinnen, in welchen sie durch feine Gazewände auf⸗ gehalten werden. Ist die Zeit der Perlenfischerei zur Hälfte ver⸗ strichen, so beginnt die eigentliche Plage. Die durch die glühenden Sonnenstrahlen schnell in Fäulniß übergehenden Muscheln verbreiten im Magazine einen nicht zu beschreibenden pestilenzialischen Gestank, und dazu gesellen sich Fieber, Brechruhr und Dysenlerie, die steten Begleiter von Miasmen, Unreinlichkeit und Hitz. Wollen sich keine Perlenmuscheln mehr finden und ist man der beschwerlichen Fischerei müde, dann wird Aripo von seinen Bewohnern nach und nach wieder verlassen und die Ufer werden still und öde; nur die Truppen müssen so lange ausharren, bis die letzte Muschel im Magazin. ist. Lose Blätter. Der wunderthätige Koranspruch.(S. Illustr.) Von allen Orient⸗ malern hat vielleicht keiner so tiefe Einblicke in das Haus⸗ und Familienleben des Mohamedaners gethan, als Prof. Wilhelm Gentz. Auf seinen Studien⸗ reisen durch Kleinasien und Egypten hat dieser Berliner Maler nicht nur die Feste und das Straßenleben in seiner äußern Erscheinung erfaßt, sondern er konnte auch tiefe Einblicke in die Sitten und das Familienleben der ab⸗ geschlossen lebenden Orientalen thun. Dem Hause eines reichen Egypters ist die Scene entnommen, welche Gentz darstellt. Mohamedanische Frauen glauben, daß Koransprüche den Körper, dem sie eingeätzt werden, vor Krankheiten schützen. Als eine der wunderthätigsten Koranstellen stieht man die folgende an:„Und wenn ich krank bin, heilet er mich.“ Die junge Schöne läßt sich von einem Arzt diesen Spruch auf die Hand tätowiren und glaubt nun gefeit zu sein für alle Zeiten. Ist die Operation vollzogen, so gießt man Wasser in die hohle Hand und trinkt dies aus, denn auch das Wasser wird durch den frommen Spruch geweiht. R E. Berühmte Opernhäuser Italiens. I. La Scala. Dieses berühmte Theater ist im Jahre 1778 von Piermarini erbaut, und nur für Oper und Ballet bestimmt. Es faßt nicht weniger als 3600 Zuschauer. Das Innere bildet einen nach der Bühne verlängerten, imposanten Halbkreis von 213 geräumigen Logen in sechs Rängen und genügt allen akustischen An⸗ forderungen. Die Treppen, Korridore, Vorhallen und derartige Räume dagegen und das Aeußere lassen viel zu wünschen übrig. Die Logen sind meistens Privateigenthum und je nach dem Geschmacke der Inhaber tapeziert und dekorirt. Im Parterre(platea) giebt es recht gute Sitzplätze. In diesem Theater wird, wie in der„Fenice“ zu Venedig, nur von Weihnachten bis zum Schluß des Karnevals gespielt. Der Kastellan zeigt es aber dem Fremden gegen ein mäßiges Trinkgeld beim Scheine von 1 Lichtern. II. Das Teatro Reale di San Carlo in Neapel ist auf Be⸗ fehl Carl's III. nach dem Plane des Generals Giovanni Ametrano von Angelo Carasale in 270 Tagen zum ersten Male, nach dem Brande von 1816 von Antonio Nicolini prächtiger zum zweiten Male erbaut. Der König Ferdinand II. ließ es 1844 von Neuem reich vergolden und die große Treppe, sowie die Korridors mit Marmor bekleiden. Dieses Gebäude gehört zu den größten und schönsten Theatern Europa's, hat sechs Ränge mit zusammen 192 Logen, ist für die große Oper, das Trauerspiel und Ballet bestimmt, und steht mit dem königlichen Schlosse in direkter Verbindung. III. La Fenice in Venedig. Dies nur für Oper und Ballet be⸗ stimmte berühmte Theater ist, wie bereits angedeutet, nur für eine kurze Saison geöffnet und faßt 3000 Zuschauer. Die einfache Architektur dieses Ge⸗ bäudes besteht aus dem Parterre und sechs vollkommen gleichförmigen Logen, reihen; aber gerade die Einfachheit und Gleichförmigkeit, verbunden mit einer geschmackvollen Dekoration in lebhaften, glücklich gewählten Farben, giebt dem Hause den Anstrich einer gewissen vornehmen Eleganz, welche übermäßigem Prunk so sehr vorzuziehen ist. In den Logen werden hier die meisten Visiten abgestattet, selten bei Tage in den Privatwohnungen. Th. B. Altdeutscher Witz. Einst wurde bei dem Markgrafen von Brandenburg, (damaligem Administrator des Domstifts der freien Reichsstadt Straßburg) ein Seiler Namens Georg Hagen zu Gaste geladen. Bei der Tafel über⸗ fiel einen Edelmann eine so große Müdigkeit, daß er zu öfteren Malen gähnte und dabei den Mund weit aufsperrte. Der Markgraf, dies gewahr werdend, warf ihm im geeigneten Augenblick einen kleinen Apfel hinein. Jeder lachte darüber, am meisten der dicke Seiler. Der Markgraf, dies be⸗ merkend, fragte ihn, warum er denn so furchtbar darüber lache.—„Dar⸗ über,“ erwiderte Hagen(auf ein zu damaliger Zeit übliches Narrenspiel anspielend, bei welchem man einer Hanswurstfigur, die mit offnem Munde dargestellt ist, einen Apfel oder Ball in denselben werfen muß),„daß Eure fürstlichen Gnaden den Narren so gerade in's Maul haben treffen können.“— Der Edelmann fand sich über diese Aeußerung höchst beleidigt, und rief: „Das spricht ein Schelm!“—„Das ist ein hartes Wort, das ich nicht so ruhig hinnehmen würde, wenn ich nicht der Gast eines so achtbaren Fürsten wäre,“ antwortete der Seiler und wandte sich dann an den Markgrafen: „Eure fürstlichen Gnaden muß ich aber demüthigst bitten, diesen Zwist bei⸗ zulegen und gütlich auszugleichen, denn da man mich für einen Schelm er⸗ klärk, so bin ich dadurch von meiner Zunft ausgeschlossen.“— Der Fürst versuchte den Edelmann zu einer Ehrenerklärung zu bestimmen, derselbe beharrte aber dabei; da ihn der Seiler einen Narren genannt, so könne auch er sein Wort nicht zurücknehmen.— Nach einigem Nachsinnen wandte sich hierauf der Seiler au den Markgrafen:„Eure fürstlichen Gnaden! Ich glaube einen guten Ausgang gefunden zu haben. Ich will den Narren auf mich nehmen und der Junker mag der Schelm sein. Das schadet Keinem von uns in seinen Verhältnissen.“ M. Der Selbstmord ist von jeher als etwas der Ehre Nachtheiliges an⸗ gesehen worden, aber während die Gegenwart den Hinterbliebenen eines Selbstmörders Mitleid und Theilnahme zollt, dachte man im Mittelalter über solche Dinge weniger zartfühlend und gab seinem Abscheu gegen den Selbstmord noch dadurch Ausdruck, daß man den Todten beschimpfte. Hatte der Selbstmörder sich in seiner eigenen Wohnung entleibt, so schaffte man ihn nicht auf gewöhnlichem Wege aus dem Hause, sondern warf ihn aus dem Fenster auf die Straße oder grub unter der Thürschwelle ein Loch, durch welches man die Leiche in's Freie zog, um sie dann nach dem Felde u bringen und dort zu verbrennen. In anderen Städten, wo die Einwohner⸗ schaft sich von humaneren Anschauungen leiten ließ und dem Selbstmörder ein ordentliches Begräbniß gewährte, bestand doch immerhin der Brauch, jene Werkzeuge, mit denen der Todte sich das Leben genommen hatte, auf dem Grabe anzubringen. H. W. Wie den Wetterhexen das Handwerk gelegt wird. Sobald sich nach Tiroler Volksglauben die„Wetterhexen“ an die Baumgipfel ansetzen und zwischen Rinde und Holz der Bäume sich verbergen, was dem Landvolk als Beweis gilt, daß sie bisweilen in luftförmiger Gestalt zaubern, schreibt der Aberglaube vor, einen Mistelkrauz(Jiscum) um den Baum zu ziehn; auf diese Weise sollen die Hexen abgesperrt sein und das Wetter ein Ende haben. Th. B. —U—᷑ ͥ— Räthsel. 515 8 das bez 25 größten Weltbezwingers N Problem Nr. 442 0 3 7 as Wörtchen„du“ hinein,. j So wird 10 größte. Leidens überwinder von G. n us in Bodenbach. Dein Eigen sein. a 745 .—.ꝛ.ꝛ.r.ñů————— —————— N N 1 7 , N, Citaten-Räthsel. 2 2 855 N*. Aus jedem der folgenden neun Citate ist ein Wort zu wählen. Die 75 5 0. 2 neun erhaltenen Wörter bilden ein Citat aus einem Lessing'schen Drama., J. Es bildet ein Talent sich in der Stille,. . Sich ein Charakter in dem Strom der Welt. 2 5 9 2. Sie sind der T t, der etwas unternähme,, 2 Wee cht 1 8 1198 5 15 9, 0 25 D 2.* 3. Was man nicht weiß, das eben brauchte man, 2 2.. Und was man weiß, kann man nicht brauchen., 1 1 85 4. Wo die Natur aus ihren Grenzen wanket, f. 1 0 Da irret alle Wissenschaft..,, 1 5. Für alles werde alles frisch gewagt,;. Fre müßt ihr ein d 1 75 Merger tagt.. 2. 2 e* 2 1 6. Nichtswürdig ist die Nation, die nicht 175 5. Ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre.*.* 22 7. Wir, stumm vor Staunen, selbst nicht wollend, folgen— 25. 2 2 Der hohen Fahn' und ihrer Trägerin. N 8.* 8. Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei,.. Und würd' er in Ketten geboren. 9. O, ich sterbe vor Scham! Wie mußt er meiner Schwäche spotten! 15 55 Weiß zieht an und setzt 1 dem dritten 995 Matt. 18115 a Partie Nr. 253, Dreisilbig N Charade. gespielt zu Köln im Oktober vorigen Jahres. Als 0 kein Schloß, kein schwerer Eisenriegel, ö Die Thür der leichtgefügten Wohnung schloß, 1 1 M. in e 5 fer C. 1 82 5 Und, gleich des Baches ungetrübtem Spiegel 5 7 788 Der Menschen Leben fail vorüberfloß, 5 88145 i„ 30. 55 s 4) 8b1—c3 Se4—f6 1) 36) Tel—e2 1h46 Da wählten, wie Natur es gab, die Väter 5. Zur Grenze Erstes zwischen Mein und Dein, 0 15 11 10. 1 Und besser schied es, als jetzt Rechtsvertreter, 7 49 44 0706 38 5 ae 854—16 Vergeudend Zeit und Geld um leeren Schein. 9 00 0—0 40 163410 816.—55 Das 8 Paar den lebensfrohen Hirten f 100 1 1 420 1 8 Im Schooß der Freiheit damals unbekannt, 11 99 Lac 0 43) Se5—d7 Df6 e 7 Die ungebunden durch die Länder irrten, 12 Se2—3 U 31 44] Sd es I 350 Schlang um die Freien der Gesellschaft Band. 13) 5283. 11584 45) Te2 el: 55—el e Doch auch die Freiheit war nun hingeschwunden, 15 1 1 40 10 1641 Dem Mächt'gen ward der Schwache unterthan. 16 K 132 11—15„ 0 Der die Zerstreuten klug zum Volk verbunden, 10 411— 1 Sd7—16 40 3 250 f Nahm auch sehr bald den Ton des Herrschers an. 18 Kh2—g1 8786 50 82596 Dem Ganzen gab der Scherz wobl nur den Namen, 90 2 0 19 8 32 N In Lenzgebüschen ist sein kleines Reich; 20 Lb3—22 Kgs g/ 53 Kl3—e2 Entsprossen zwar aus königlichem Samen, 250 i. Erliegt es eines Knaben Gertenstreich. 22) Tel—11 b-bö 54) bes- d2 9 23) e. 81684 55 14152 24) b2—b4 a7-ab 56)—e2 . 5. 25) Les- el Le7-d 57) 1g4—f3 3 16 Aae zweisilbigen Charade in voriger Nummer: Mailand;— 20 N Lag. 08 10 57 75 15 0 1 5——— . Was machst du an der Welt, sie ist schon gemacht; 28 Thi—b4 De7—e6 2 60 Dd2—14 ö 0 Der Herr der Schöpfung hat Alles bedacht. 29) 122—b3 Ibs e 61) Ke2—d3 1 Dein Loos ist gefallen, verfolge die Weise, 30) Db2—42 Le- ds 62) K ds eg . Der Weg ist begonnen, vollende die Reise: 31) Tha-hI ess 63) Ke3-d3 u) 935 Denn Sorgen und Kummer verändern es nicht, 32) Dd2—b2 LdS—f6 64) Kd3—03 De2—e2 i. Sie schleudern dich ewig aus gleichem Gewicht. 5 g the. 1— des Quadrat Räthsels: 1 I) scg: nebst 5) dies f7—ftzl ist wohl die stärkste Erwiderung, bei welcher der Mehrbesitz 1 1 3 6 eines* behauptet werden kann. N. 9 2) Um dem Bauern es die nothwendige Deckung zu verschaffen, ehe der Läufer über 7 145 7 N. 0 0 wieder ins Spiel gebracht werden kann. a 1 6 R E 0 W A 1 I 3) Wollte Weiß statt dessen mit Thurmtausch auf Gewinn des Bauern os spielen, so blieb 1 FT er nach 37 Tbs Tbs 38 846: Dis einem heftigen Angriff ausgesetzt. n M ö 1 N„ E 4) Weiß verhindert hierdurch den doppelten dauer. auf seinen k. Bauern, da auf Les 1 ö 5 F nunmehr der Austausch des Thurmes gegen den Läufer el mit nachfolgendem Lb5. zum Ge⸗ 43————ͤä( ꝛ— winn eines Offiziers führen würde. 0 1 3 M A l 1 0 5 i W Zug zwar ohne Verlust geschehen, jedoch ist bei correctem Gegenspiel 4 1— N—.— 6) Ein Febhng bei welchem der Rückzug des Läufers nach gal übersehen war; richtig war . 71 E NN sofort Phat; der Rückzug des Thurmes war alsdann nicht statthaft, z. B... 45) Uns 46 Te: 1 Pn 158. 47) 782 Stb nebst Dhir und gewinnt, vielmehr hatte Weiß nur die ein* zum Remis 14 . e r führende Vertheidigung: 46) Ska! Dhs: 47) Teitr Kfs 48) Tf Kgsl 49) Des Sfb! 50) TSI 3 1 E TN N ee 57. 159 Derr Kas 52) Pest ꝛc. 4 0 7) Nicht genügend wäre Kg2 wegen Lei! 2c. . 5 8 er 80 Schwarz drohte mit Ps den Bauern 4 zu erobern. 3 9 ae ENR 9 Wird der Thurm genommen, so behält Schwarz die Dame gegen drei leichte Offiziere 14 N.— 105 10 Der e dle ae ee werden, weil Weiß nach Abtausch von Spri 95 1. G OUR MAN D und Damme ben letzten Offizier des g ners mit Leg! erobert hätte. 1 K J 5 J 5 11) Nach diesem 9 ist das Spiel für Weiß verloren, der richtige Zug scheint Seß, wor⸗ 0 5 2 auf Tag: gefolgt wäre. 1 9 1 120 Welt hat nur die Wahl zwischen Damenverlust und Matt. 2 Ce Druck und Verlag der„Volks⸗Zeitung“, Akt.⸗Ges. in Berlin, Lützowstr. 105— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105. —— 3 9