——— r— 8— 2* 8* 3 8 8 1* r——P—ùcũw. ̃s%'ũoQQ&&A r e . — 8 8 eee er . 0 hörte man Schluchzen. Oberhessischen zu den Uuchrichten. 8 Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werben. Gießen, den 1887. 2. Jauuar. Sylvesterglocken. Erzählung von H. Es war am letzten Dezembertag. Die Sonne stand niedrig über dem alten, verschneiten Mansardendach da drüben auf der andern Seite der Straße. Ihre schwachen Strahlen fielen durch die Fenster⸗ scheiben auf Fußboden und Wand der niedrigen Dachstube und zeichneten hier einen Schattenriß des ganzen Fensters mit den vielen Sprossen und den in demselben stehenden Blumentöpfen. In dem kleinen, wackligen eisernen Ofen, dessen Rohr in den weißgekalkten Schornstein verlief, welcher in das Zimmer hineingebaut war, brannte ein lustiges Feuer und verbreitete eine angenehme Wärme. Die Wände des Zimmers waren mit naiven bunten Lithographieen, sowie einer wahren Unzahl von kleinen Photographieen in billigen Rahmen behängt. Unter einem Spiegel von trübem Glas stand ein altes Sopha, dessen verschossener, gestopfter und geflickter Bezug noch immer tapfer dem Zahn der Zeit zu trotzen versuchte, und vor diesem ein Tisch, auf welchem ein großes Packet, in eine weiße Serviette gehüllt, lag. Eine am Fenster stehende Nähmaschine deutete darauf hin, daß die Bewohnerin des Stübchens eine Näherin sein mochte. Mit dem etwas säuerlichen Geruch des neuerdings geputzten Ofens mischte sich der Duft einiger blühenden Hyacinthen, die mit einigen anderen Topfgewächsen dem Zimmer einen gemüthlich anheimelnden Charakter verliehen. Im Stübchen war Niemand. Nur ein kleiner Kanarienvogel, der sich unter der niedrigen Decke in einem kleinen Käfig befand, widmete mit einer unglaublichen Ausdauer den in das Zimmer ein— dringenden Sonnenstrahlen seine Lieder und Triller. Im Dezember ist die Sonne ein seltener Gast; deshalb meinte auch wohl der kleine Sänger, man könne ihr nicht genug Ehre anthun, denn er trillerte und sang mit solcher Kraft und Energie, daß sein kleiner wohl— behäbiger Körper vor Anstrengung zitterte und seine Aeuglein sich in musikalischer Selbstvergessenheit schlossen. Plötzlich schwieg er und neigte das Köpfchen bedächtig auf die Seite.— Von dem unteren Geschoß drang eine rohe Weiberstimme herauf. Bald be— schwichtigend, bald bittend antwortete eine andere, die einem jungen Mädchen zu gehören schien. Die Stimmen näherten sich immer mehr, während auf der Treppe Fußtritte hörbar wurden. „Ich bekomme morgen mein Geld bis auf den letzten Heller— oder ich lasse Sie pfänden!“ rief die Alte laut. Nach diesen Worten Plötzlich wurde die Stimme der Alten freundlich und zutraulich. Sie sprach schnell und eindringlich, aber jetzt schien die Andere sich ablehnend zu verhalten— minutenlang hörte man nur ein leises Zischeln, dann sagte die Alte laut und ärgerlich: „Seien Sie nur kein Narr— folgen Sie meinem Rathe— ich sage Ihnen——“ ihr Reden ging wieder in Flüsterton über, dann und wann von einem widrigen Gelächter begleitet.... „Hehehe! ich sehe es schon kommen, mein Mäuschen, daß Sie Fries⸗Schwenzen. der alten Krüger danken werden, weil sie es so gut mit Ihnen ge— meint hat!—“ „Niemals!“ erklang die Antwort so klar wie ein Glockenton— leichte Schritte näherten sich wieder, aber von der Treppe erscholl noch einmal die Stimme der Alten: „Wie Sie wollen, mein tugendsames Fräulein, aber morgen um 12 Uhr habe ich mein Geld bis auf den letzten Heller, oder... und merken Sie sich das, Fräulein Naseweis,“ fügte sie bitter hinzu, „Sie wohnen hier in einem anständigen Hause, wo Pünktlichkeit die erste Tugend ist!“ Das Klappern von Holzschuhen verlor sich auf der Treppe,— unten wurde eine Thür heftig zugeschlagen— dann verstummte alles.— i Die Thür des Dachstübchens wurde nun geöffnet und ein junges Mädchen mit großen kindlich blickenden Augen trat ein. Eine Thräne schlich sich langsam über die jugendliche Rundung ihrer bleichen Wange. Ihre Lippen murmelten einige Worte und das Köpfchen nickle bekräftigend dazu, als wollte es ihren Gedanken Bestätigung geben. Der kleine Kanarienvogel hatte beim Eintritt seiner Herrin nach einigen fragenden Tönen und prüfenden Trillern den verlorenen Faden wiedergefunden und sang und trillerte jetzt wenn möglich noch ausgelassener als vorhin. Ganz in Gedanken versunken, war das junge Mädchen an der Thür stehen geblieben; jetzt fiel ihr Blick auf den kleinen eifrigen Sänger und ein schwaches Lächeln glitt über ihre Lippen. „Du bist ja heute so lustig, Hänschen,“ sagte sie,„willst Du ein Stück Zucker?“ und indem sie an ihre Kommode ging, auf welcher eine leere Tasse nebst einer kleinen Zuckerschale stand, plauderte sie weiter:„Ich habe dir dies eine Stück hier aufgehoben, obgleich ich zu gern meinen Kaffee süß trinke!“ Sie trat an den Käfig, hob sich auf die Fußspitzen und befestigte den Zucker zwischen den weißbemalten eisernen Stäbchen. In dieser Stellung kam ihr anmuthiger Wuchs, der von dem eng anliegenden schwarzen Kleid hervorgehoben wurde, vortheilhaft zur Geltung. Der feingerundete Hals hob sich blendend weiß von der schwarzen Rüsche ab, über der das goldige, in's Röthliche schimmernde Haar in einem einfachen großen Knoten im Nacken befestigt war.„Jetzt aber an die Arbeit,“ sagte sie, ging rasch an den Tisch, auf welchem das große Packet lag, und zog aus der verhüllenden Serviette ein seidenes Ballkleid hervor, das ihr zum Umändern anvertraut worden war. Sie breitete das Kleid auf das Bett aus und begann eine Naht nach der andern aufzutrennen. Während dieser Arbeit rechnete sie im Kopf zusammen, wieviel Geld sie wohl im günstigsten Falle am nächsten Tage ihrer Wirthin bringen könnte; doch, nach der krausen Stirn und den tiefen Seufzern zu urtheilen, die sich in kurzen Pausen ihrer Brust entrangen, konnte das Resultat dieser Berechnung kein befriedigendes sein. 5 Als sie endlich mit dem Auftrennen fertig war, sammelte sie die einzelnen Stücke zusammen, holte ihren Nähkorb und setzte sich an die Maschine. Hänschen, der inzwischen eine große Konzertpause gemacht hatte, wurde beim Lärmen der Nähmaschine wieder munter und sang seine schönsten Lieder zu der eintönigen Begleitung.— Indessen kletterten die Sonnenstrahlen langsam an der Stuhl⸗ lehne empor, breiteten sich lachend über Schultern und Hals des jungen, eifrig arbeitenden Mädchens und begannen ein lustiges Spiel mit den goldigen Löckchen, die sich in ihrem zarten Nacken anmuthig ringelten. Ihr feines Profil war tief im Schatten und hob sich dunkel ab von der sonnenbeschienenen Fensterbank. Schon längst war die Sonne hinter den verschneiten Dächern verschwunden und das kleine Zimmer in ein unsicheres Halbdunkel gehüllt, und immer noch lärmte die Nähmaschine. Die Nähende neigte den Kopf tiefer und tiefer, um besser sehen zu können, allein ihre Mühe war vergebens. Mit verdrießlicher Miene legte sie die Arbeit beiseite. „Ich kann nichts mehr sehen,“ sagte sie,—„wie sind doch die Tage kurz, und Petroleum ist theuer,“ fügte sie nachdenklich hinzu. Seufzend ging sie an einen kleinen Schrank, der ihr als Speisekammer diente, nahm daraus einen Apfel und ein Stück Brod und verzehrte beides, nachdem sie im Sopha Platz genommen hatte. „Nur ein Bischen ausruhen,“ sagte sie wie entschuldigend zu sich selbst. Sie stützte den Kopf auf ihre Hand,— immer dunkler wurde es im Zimmer und so recht geeignet war die Stunde, um sich trüben Gedanken hinzugeben. Und mit Gewalt drangen diese auf ihr junges Gemüth ein. Das vergangene Jahr war für sie voller trauriger Begebenheiten gewesen. Bei dem Tode ihrer Mutter und dem gleich darauf folgenden Verkauf des kleinen Wäschegeschäftes, von dessen Ertrag sie beide gelebt hatten— bei all den Gegen⸗ ständen, die sie von Kindheit an lieb gewonnen hatte, verweilte sie mit jenem schmerzlichen Gefühl, welches wir stets empfinden, wenn wir an etwas Liebes denken, das uns für immer verloren gegangen. Dann gedachte sie der entsetzlichen Zeit, in der sie wochenlang resultat⸗ los nach Arbeit gesucht und statt dessen nichts als Versuchungen jeder Art gefunden hatte. Und wie tapfer hatte sie allem wider⸗ standen! Mit welcher Energie sich gesträubt, dem Beispiel vieler ihrer Alters- und Standesgenossinnen zu folgen! Und was war der Lohn dafür! War sie jetzt nicht im furchtbarsten Elend? Harrte ihrer nicht ein entsetzlicher Moment? Morgen war der erste Januar, und für ihre Miethe hatte sie noch nicht den ersten Pfennig in der Tasche! Und hatte ihre Wirthin nicht mit Exmission gedroht? was würde sie anfangen, wenn dieses hartherzige Weib sie auf die Straße setzte, wo ein Unterkommen finden für die Nacht? „Habe ich denn auf der ganzen Welt keinen einzigen Freund, der mir helfen könnte?“ sagte sie mit bebenden Lippen halblaut vor sich hin und ließ, bei dem Gedanken an ihr Verlassensein, ihren Thränen freien Lauf. Ein heller Schein verbreitete sich plötzlich über die niedrige Decke des Stübchens. Er kam von den Gasflammen, die auf der anderen Seite der Straße soeben angezündet wurden. Marie schrak zusammen — das unstäte Licht erinnerte sie an jenen Abend, wo sie am Sterbe⸗ bett der Mutter gesessen;— damals spielte auch wie heute der Laternen⸗ schein an der Decke— und wie heute hatte sie sich unglücklich gefühlt— oh, so unglücklich! Aber hatte in jener Stunde nicht eine Stimme neben ihr geflüstert: „Wenn Sie jemals eines Freundes bedürfen, Marie, so gedenken Sie meiner!“ Ja, sie hatte einen Freund! Daß ihr der Gedanke nicht früher gekommen war! Wie weich war der Klang seiner Stimme gewesen, als er damals die Worte gesprochen—! oh, gewiß, er würde ihr helfen— er war ja reich— sobald die Wirthin ihre Lampe gebracht hatte, wollte sie ihm schreiben, um ihn um ein kleines Dar⸗ lehn zu bitten. Jetzt fiel es ihr auch ein, wie unklug und zugleich undankbar es von ihr gewesen, daß sie ihn nicht benachrichtigt hatte, wo sie nachher hingezogen war. Sicherlich würde sie schon längst von ihm gehört haben, wenn er ihre Adresse gekannt hätte. Wo er wohnte, wußte sie ja von der Zeit, wo sie als kleines Mädchen im Auftrage ihrer Mutter geschäͤftliche Gänge nach dem herrschaftlichen Hause in der Thiergartenstraße besorgte. Sie sah noch deutlich die vornehme Villa mit dem Garten und den großen Bäumen vor sich. Das eiserne Gitter, welches den Garten umzäunte, die kleine Gitterthür, welche laut kreischte, wenn sie geöffnet wurde— alles stand lebhaft vor ihrem Gedächtniß. Marie lehnte den Kopf zurück auf die Sophalehne, während ihre Gedanken bei diesen Erinnerungen verweilten, und sie war grade im Begriff einzuschlafen— als es klopfte. ** * In einem Privathotel Unter den Linden ging es lustig zu. Der Knall der Champagnerpfropfen, das Rascheln der Austern⸗ schalen, die sich allmählich zu einem wahren Berg anhäuften— das Klingen der Gläser und die ausgelassenen Scherze der lustigen Zecher harmonirten vorzüglich mit der Inschrift auf der kleinen Mar tafel, die an der Thür angebracht war. Hier stand nämlich schwarzer Schrift: Zum fidelen Pfropfen. 5 Der kleine Verein reicher blasirter Lebemänner, die eine 9 von drei aneinanderstoßenden Zimmern fest gemiethet hatten und meistens ihre Abende hier verlebten, hatte heute Generalversammlung, um für eine größere Schlittenpartie, die am Neujahrstag unternommen werden sollte, das Nähere zu verabreden. Der lebhafte Discours drehte sich jetzt nur darum, daß eins der Mitglieder noch keine Dame engagirt habe. „Warum ladest Du denn nicht den kleinen Goldkopf ein, von dem Du uns soviel vorgeschwärmt hast, Alfred?“ rief ein noch junger Mann, dessen fettbleiches Gesicht sich wie ein Vollmond hinter dem Berg von Austernschalen emporhob.„Oder magst Du lieber die Kleine vom Friedrich ⸗Wilhelmstädtischen?“ „Um Gotteswillen, bleibt mir mit Euren Choristinnen vom Leibe!“ rief der Angeredete, ein sehr distinguirt aussehender Herr, verdrießlich. „Oho! Erlauben Sie, erlauben Sie!“ ertönte plötzlich eine tiefe Baßstimme,„die meisten von uns sind morgen mit Choristinnen oder Statistinnen vermählt— Sie beleidigen die ganze Gesellschaft! Als Vorsitzender des Vereins verurtheile ich Sie dazu, auf der Stelle drei Gläser Sect zu leeren, auf das Wohl der Schönen, die wir uns für morgen erkoren haben!“ Der also Sprechende war ein großer, starker, nicht mehr ganz junger Mann; er näherte sich Alfred, füllte ihm das Glas und dieser that gehorsam Buße. „Ich trinke auf meiue süße Schlangenkönigin!“ rief ein junger Mensch, dessen glühendes Gesicht und gläserner Blick vern daß er schon tief in's Glas geguckt hatte. 0 2 „Und ich auf meine kleine Chans onettensängerin!“ rief ein Anderer. „Von allen den Mädchen so blink und so blank—“ fing ein Dritter an. „Bravo, meine Herren! so mag ich's leiden!“ rief der Vorsitzende. „Ehret die Damen! Und Sie, Herr Glasow,“ wandte er sich an Alfred,„Sie müssen jetzt fort, sonst wird's zu spät!“ „Zu Befehl, Herr Präsident!“ erwiderte dieser und erhob sich lächelnd.„Wenn es nicht anders ist, muß ich wohl sehen, wie ich meine Kleine festkriege. Offen gesagt hätte ich sie schon aufgefordert, wenn ich nur eine Ahnung hätte, wo sie steckt. Es bleibt mir wobl nichts anderes übrig als erst nach dem Auskunftsbureau zu um mich dort nach ihrer Adresse zu erkundigen.“ „Ist sie hübsch? sie ist ja rothhaarig, hat man mir ge rief der Fettbleiche. Alfred Glasow lächelte überlegen, indem er seinen Pelzmantel zuknöpfte.„Na— Ihr werdet ja sehen!“ sagte er. „Donnerwetter, Kinder! wird das aber ein Aufsehen machen. Zehn Schlitten und in jedem einer von uns mit einem hübschen Frauenzimmer!“ „Von allen den Mädchen so blink und so blank,“ tonte es noch an Alfreds Ohr, als er auf die Straße trat. Es hatte wieder tüchtig geschneit. Er zog den Pelzkragen in die Höhe und rief eine Droschke herbei. Der alte Droschkenkutscher neigte sich fragend vom Bock herab, als Alfred in den offenen Wagen stieg. „Auskunftsbureau!“ rief der Letztere—„in der Poststraße!“ „Ja, ich weiß schon!“ nickt der Kutscher. Der Wagen rollte davon. Alfred Glasow war Schriftsteller. Seit seinem 25. Jahr hatte er mit großem Eifer Philosophie studirt. Doch nicht lange dauerte es, so spottete er über seine früheren literarischen Produkte, die alle einen so fröhlichen, unverdorbenen Natursinn verriethen. Er ergab sich, mit einem außerordentlich scharfen Verstande begabt, der alles analysirenden und secirenden Richtung und war schließlich zu Er⸗ kenntnissen gelangt, die jedes Ideale leugneten und umstießen. Mehr 5 3=. und mehr Materialist geworden, verlor er schließlich gerade dadurch die Begeisterung für seinen Beruf, und als ihm in seinem 28. Jahr durch den Tod seiner Mutter ein bedeutendes Vermögen zufiel, trat er in einen Klub ein, dessen Mitglieder lustig in den Tag hinein⸗ lebten. Was aber für die nervöse Natur des etwas blasirten Alfred Glasow die größte Anziehungskraft übte, waren die festen Spielabende dieses Vereins. Ungeheure Summen wurden da verspielt— und er war ein glücklicher Spieler. Trotzdem aber hatte er sich oft Vor⸗ würfe gemacht über diese Art, seine Zeit und sein Leben zu vergeuden, ohne etwas Nützliches zu sein und zu schaffen— aber es fehlte ihm an Energie, oder vielleicht nur an einer Gelegenheit, um seinem Nen einen Umschwung zu geben. So lebte er denn weiter als eine r tausenden Gestalten, die wohl ihren eignen Werth fühlen und nicht die moralische Kraft besitzen, etwas aus sich zu machen. Eines Abends, es mochte wohl jetzt bald ein Jahr her sein, hatte uf der Straße ein auffallend hübsches Mädchen gesehen, dessen Zuge ihm bekannt vorkamen. Die Art und Weise, in welcher sie ihn mit ihren rothen, ver— weinten Augen ansah, ließ ihn vermuthen, daß sie ihn auch erkannt hatte, er redete sie an und fand schließlich in dem blühenden, hübschen Mädchen den kleinen, zwölfjährigen Rothkopf wieder, der vor vielen Jahren seiner Mutter aus einem Geschäft in der Mauerstraße Wäsche gebracht hatte. Sie erzählte ihm unter Thränen, daß ihre Mutter im Sterben läge, er hatte großes Mitleid mit ihr gefühlt, begleitete sie in ihr Haus und sprach tröstende Worte zu ihr. Am selben Abend hatte er im Klub seinen Freunden von dem reizenden Mädchen, das er gefunden, vorgeschwärmt, aber als er vier Wochen später nach demselben Hause in der Mauerstraße ging, war sie da nicht mehr. Man gab ihm eine Adresse in der Kanonierstraße auf; aber auch hier war sein Goldkopf fortgezogen—, wohin wußte man nicht. Bequem wie er war, hatte er es allmählich aufgegeben, sie zu finden. Sie wußte ja seine Adresse und in der Hoffnung, daß die Kleine mit der Zeit von sich hören lassen würde, hatte er sich vorläufig nicht um sie gekümmert. Der Wagen hielt vor einem öffentlichen Gebäude in der Poststraße. Alfred rief dem Kutscher zu, daß er warten möchte und betrat einen Thorweg, hier stand auf der linken Seite mit großen Buch— staben:„Berliner Auskunftsbureau. 2 Treppen.“ Das Gas wurde eben angesteckt, als er die Stufen emporstieg. Nach einigem Suchen fand er unter den elen Thüren endlich die richtige und trat in einen Raum, in dem eine große Zahl Beamte bei dem Schein der Gasflamme arbeiteten, in Haufen von Attesten und Bescheinigungen Art vergraben, beugten sie sich mit eifriger Amtsmiene über tokolle und Listen. Eine ungemüthliche Stille herrschte im Zimmer; man hörte nur Klritzeln der Federn und dann und wann die kurz abgeschnittenen jen und Antworten am Auskunftsschalter links. Auf dem offenen Platz im Vordergrunde, der von den Plätzen Zeamten durch ein hohes hölzernes Geländer getrennt war, bildete Reihe meist ärmlich gekleideter Personen Queue vor dem lter, hinter welchem ein alter mürrischer Beamter saß. Seine aaaufgesetzte Perrücke, der im bureaukratischen Style gehaltene nartige Schnurrbart, der deutliche Spuren von Schnupftabak zeigte, verlieh in Verbindung mit dem stark zurücktretenden Kinn und den hochgeschobenen Augenbrauen seinem hageren Gesicht so recht den Charakter eines auf knappes Gehalt gesetzten, in der Tretmühle des öffentlichen Dienstes alt gewordenen spießbürgerlichen Beamten. Alfred beobachtete mit lebhaftem Interesse die eigenthümlich traurige Scene, die sich eben am Schalter abspielte. Eine Mutter erkundigte sich nach ihrem verschollenen Kinde. „Bertha Köhler—, blond, achtzehn Jahre—, früher Näherin?“ sprach der Beamte mit eintöniger Stimme und nahm eine Prise aus der neben ihm stehenden Tabaksdose. „Ja,“ antwortete die kleine Frau, die mit verweinten Augen, das Portemonnaie in der Hand und einen zerfetzten, grauen Shawl über die mageren Schultern geworfen, vor dem Schalter stand. „Unter polizeiliche Kontrole gestellt,“ lautete die eintönige Antwort. Die unglückliche Mutter brach in ein heftiges Schluchzen aus und wollte sich entfernen. „Fünfundzwanzig Pfennige her! wenn ich bitten darf,“ ertönte es mürrisch aus dem Schalter. Mit zitternder Hand zahlte die arme Frau das Geld aus, und ging taumelnd an die Seite. Jetzt kam ein junger Mann an die Reihe, der nach dem großen breitkrempigen Hut und der etwas extravaganten Kleidung zu ur⸗ theilen ein Maler oder ein Bildhauer sein mochte. In der einen Hand hielt er eine brennende Cigarette, die er vor den Augen der Beamten zu verbergen sich bemühte; er trat mit einer flotten Miene an den Schalter. „Anna Schönkopf, brünette, 16 Jahr, Modell!“ Es wurde in mehreren Büchern nachgesucht. „Anna Schönkopf, sechszig Jahre, das stimmt!“ „Sechszehn!“ behauptete der Künstler,„die Sechszigjährige kann ich nicht brauchen.“ „Ja, das thut mir leid, die andere haben wir nicht, fünf⸗ undzwanzig Pfennige, wenn ich bitten darf.“ Der Künstler zuckte die Schultern, bezahlte und verließ brummend das Zimmer. Endlich kam Alfred an die Reihe und erhielt auch ganz richtig die Adresse seines kleinen Goldkopfes. Nachdenklich stieg er die Stufen der breiten Treppe hinab. Als er in die Droschke stieg, rief er dem Kutscher eine Adresse im Alt— Berlin zu, zog den Pelz dicht an sich und nahm in dem Wagen Platz. Sein Herz klopfte rascher bei dem Gedanken, daß er das reizende Mädchen wiedersehen sollte, und er verlor sich in Muth— maßungen darüber, was für einen Bericht er wohl seinen Freunden nachher abzugeben haben würde. Die Droschke hielt vor einem niedrigen Haus in der Schmiede— Straße. Der offene, schmutzige Flur wurde von der gradeüber— stehenden Straßenlaterne beleuchtet. Die alte Wirthin kam eben die Treppe herunter: „Ist Fräulein Marie zu Haus?“ fragte Alfred. „Gewiß, mein 1 antwortete die Alte, indem sie neugierig den fremden vornehmen Besuch anglotzte.„Sie treffen sie oben in ihrem Zimmer. Ich werde sofort die Lampe bringen, wenn ich Petroleum gekauft habe!“ fügte sie leise kichernd für sich hinzu Alfred kletterte die steile Treppe hinauf, deren Stufen unter seinen Tritten stöhnten. Marie war, als es klopfte, zusammengefahren und in dem Ge— danken, es sei ihre Wirthin, die um diese Zeit gewöhnlich die Lampe brachte, rief sie getrost: Herein! und blieb ruhig sitzen. Aber wie erschrocken und verwundert zugleich war sie, als eine große männliche Gestalt in's Zimmer trat. „Guten Tag, Fräulein Marie!“ sprach eine tiefe wohlklingende Stimme— der Fremde näherte sich und reichte ihr die Hand. Der Laternenschein fiel jetzt auf sein Gesicht. Mit einem halbunter— drückten Freudenschrei sprang Marie von ihrem Sitz auf. „Herr Glasow! Sie hier!“ rief sie.„Eben dachte ich an Sie!“ Doch plötzlich blieb sie stehen— eine tiefe Röthe bedeckte ihre Wangen, und als Alfred noch einen Schritt näher trat und ihre Hand fassen wollte, wich sie halb unwillig, halb beschämt zurück und sagte zögernd: „Verzeihen Sie, Herr Glasow, ich glaubte, es sei meine Wirthin, deßhalb rief ich: Herein! Ich hatte nicht erwartet, Sie statt ihrer zu sehen. Erlauben Sie, daß ich Licht hole.“ „Ganz überflüssig!“ sagte er, indem er ihr den Weg nach der Thür versperrte.—„Ihre Wirthin, die ich soeben unten traf, sagte, sie würde sofort die Lampe bringen und ich sollte und könnte ohne weiteres zu Ihnen hinaufgehen. Da bin ich nun— treffe Sie im Dunklen— um so netter!“ Ungenirt entledigte er sich seines Paletots, den er über einen Stuhl legte. Marie war unbeweglich stehen geblieben. Das unerwartete Er⸗ scheinen des jungen Mannes gerade in dem Moment, wo sie sich so lebhaft in Gedanken mit ihm beschäftigte, hatte sie veranlaßt, ihm einen herzlicheren Empfang zu Theil werden zu lassen, als sie es jetzt angesichts seiner ungenirten Familiarität für passend fand. Wie mochte er es wohl aufgefaßt haben, als sie ihm zugerufen, sie hätte eben an ihn gedacht?! Alfred Glasow ging einige Male im Zimmer auf und ab und rieb sich die kalten Hände. „Ist das eine Ewigkeit, seit ich Sie nicht gesehen! Sie dachten eben an mich, sagten Sie? Sehr schmeichelhaft! und ich danke Ihnen, Marie!“ Er trat auf sie zu und faßte sie scherzend beim Kinn. Tief erröthend neigte sie den Kopf zurück— dabei mußte sie ihm in die Augen sehen— in diese schwarzen übermüthigen Augen, deren Blick in entschiedenem Widerspruch stand mit der Vorstellung, die Marie sich von dem uneigennützigen Freund, an den sie sich mit = 2 3——— — ID S 4 D ihren pekuniären Angelegenheiten wenden wollte, gemacht hatte! Un⸗ willkürlich schlossen sich ihre Augen, ein sonderbares Gefühl überkam sie— und als er sagte:„Kommen Sie einmal hier an's Fenster, damit ich Sie besser sehen kann,“ ließ sie sich widerstandslos von ihm hinführen. Er legte seinen Arm um ihren schlanken Leib: „Himmel, wie mager und wie bleich sind Sie geworden!“ rief er jetzt ernstlich besorgt aus,„waren Sie krank!“ „Ein wenig— nichts von Bedeutung— die veränderte Kost vielleicht. Aber, ich begreife nicht, warum Frau Krüger noch immer nicht kommt!“ „Ach, lassen Sie doch Frau Krüger und sprechen wir einmal ernstlich. Es geht Ihnen nicht gut, Marie, ich sehe es Ihnen an, sagen Sie mir Alles! Bin ich doch Ihr Freund! Vor allen Dingen aber müssen Sie Zerstreuung haben; Sie sind hier so ganz allein, Sie sehen keinen Menschen, das geht so nicht weiter, das muß ge⸗ ändert werden. Ich kam her, um Sie zu fragen, ob Sie mit mir und einer sehr lustigen Gesellschaft morgen am Neufahrstag eine „Nein, ich bedaure sehr; wenn das Unternehmen von jenem Klub ausgeht, so kann ich voraussehen, daß ich in eine Gesellschaft kommen werde, in die ich nicht hineinpasse.“ „Aber, liebes Kind, Sie haben ja mich, Ihren treuen Freund, Sie brauchen sich um die Andern garnicht zu kümmern!“ „Sie— mein treuer Freund? Wirklich?“ fragte sie leise und zögernd und sah ihm forschend in's Gesicht. „Ja, bei Gott, Marie, ich bin Ihr treuer Freund, dessen größter Wunsch es ist, für Sie etwas thun zu dürfen.“ Er zog sie fest an sich. „Marie!“ sprach er leise und innig,„es geht Ihnen nicht gut, leugnen Sie es nicht!“ Sie schwieg. „Darf ich nicht etwas für Sie thun?— Erlauben Sie mir doch wenigstens, Ihnen ein gemüthlicheres Zimmer zu verschaffen und gleich die Miethe für ein Vierteljahr zu bezahlen!“ Dorf im Winter. Schlittenparthie unternehmen wollen. Außer uns würden etwa zehn junge Paare dabei sein. Am Nachmittag um 2 Uhr fahren wir aus der Stadt— ich werde Sie mit Vergnügen abholen— und im Grunewald steigen wir in irgend einem Lokal ab, um Kaffee und schwedischen Punsch zu trinken. Abends soupiren wir bei Julitz unter den Linden.“— „Und dann?“ fragte Marie, als er eine kleine Pause machte.— „Na, das Weitere wird sich finden!“ sagte er heiter, ihr von Neuem seinen Arm um die Taille legend. „Nun, was sagen Sie zu meinem Vorschlag?“ fragte er. „Dieses Unternehmen geht wohl von dem berühmten Klub aus, dem„fidelen Pfropfen?“ fragte sie endlich. „Ja, allerdings,“ erwiderte er etwas betroffen,„was wissen Sie von unserm Klub?“ „Ganz zufällig habe ich durch eine Kollegin von diesem edlen Verein und der projektirten Schlittenparthie etwas erfahren,“ ihre Mundwinkel zuckten verächtlich,„und ohne zu ahnen, daß Sie Mit⸗ glied dieses Klubs sind, richtete ich die Frage an Sie.“ „Und Sie fahren doch mit, nicht wahr, Marie?“ Seine Stimme klang wieder so weich, so bittend— sie mußte sich zusammennehmen, um ihm antworten zu können: * Hastig und leise antwortete sie, wie zu sich selbst:„Nein, nein; ich darf es doch nicht annehmen.“ „Warum denn nicht, bin ich nicht Ihr Freund, Marie?“ Sie hob den Kopf und sah ihm fest in die schwarzen, bestechenden Augen. „Wenn Sie ein wahrer Freund sein wollen, dann lassen Sie mich jetzt los, damit ich die Lampe holen kann.“ „Marie!“ rief er jetzt leidenschaftlich,„Sie sind grausam gegen mich, will ich doch nur Ihr Freund sein, und Sie behandeln mich so kalt, so gleichgültig!“ „Die eigenthümliche Art und Weise, in welcher Ihre Freund- schaft sich äußert, macht mich aber ängstlich, Herr Glasow!“ er⸗ widerte sie und versuchte sich von seiner Umarmung zu befreien. „Marie, stoßen Sie mich nicht von sich, ich will Sie auf den Händen tragen, wenn Sie mich nur ein wenig lieb haben wollen.“ Seine Stimme bebte vor Erregung; das junge Mädchen zitterte in seinen Armen. „Lassen Sie mich los!“ bat sie weinend. Sie mich los, ich will die Lampe holen!“ „Nein, ich kann nicht, ich kann nicht!“ sprach er jetzt mit heiserer „Bitte, bitte, lassen Stimme,—„und wissen Sie warum?“ 8—— 3 c ————— 2——ů—— —— re.—.————— 1— D 2 5 W. S D —— e e 2 6. „Nein,— ich will es auch nicht wissen,“ antwortete sie schluchzend und rang mit ihm aus voller Kraft. „Weil ich Sie liebe, Marie!“ schrie er, und mit der wilden Gewalt der Leidenschaft hob er das sich heftig sträubende Mädchen empor und trug es wie ein Kind nach dem Sopha. Hier ließ er sie wieder los und warf sich auf die Knie vor ihr nieder. Er sprach kurz und athemlos weiter:„Geliebtes Mädchen, ich will Ihnen ja nichts Böses anthun, nur bitten will ich, bitten— bis Sie mir Gehör geben!“ Marie schluchzte. Abwehrend hielt sie ihre Arme vorgestreckt, um den stürmischen Anbeter fern zu halten. Aber mit der Beredt⸗ samkeit des gewandten Verführers schilderte er ihr das beneidens⸗ werthe Leben, welches sie zusammen führen würden. Marie hatte aufgehört zu weinen, bald wurde ihr kalt, bald warm; in lichtem Phantasiegebilde sah sie elegante Roben, Brillanten, Equipagen an sich vorüberziehen.— Ihr Elend, die Dunkelheit, der eindringliche Klang seiner Stimme, alles kam Alfred zu Hülfe, um das arme, gehetzte Kind schwankend zu machen. „Ist Ihnen meine Liebe denn garnichts werth?“ sprach er mit bebender Stimme.„Sind denn die Rücksichten auf jene konventionellen Schranken und Fesseln, in deren Bann mit den heiligsten Gefühlen die grausamste Komödie aufgeführt wird— sind Ihnen diese Rück⸗ sichten auf das elendeste allen Menschenwerks denn mehr, als die göttliche Stimme der Natur?“ Marie ließ die vorgestreckten Hände sinken. Das junge Mädchen befand sich schließlich in einem Taumel, sie erkannte die Grenze zwischen Recht und Unrecht nicht mehr. 8 Sie erwiderte nichts; aber leistete auch keinen Widerstand, als er sie stürmisch in seine Arme schloß und ihren Mund mit glühenden Küssen bedeckte.— — Da war es plötzlich, als würde die Luft mit himmlischem Gesang erfüllt. Wie ein warnender Ruf, wie eine ernste rührende Bitte drang das Geläute von den vielen Kirchthürmen der großen Stadt, harmonisch zusammengestimmt wie Orgelgesang, an Mariens Ohr. Wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, befreite sie sich aus Alfreds Armen. Dann fuhr sie schaudernd zusammen in einer Be⸗ wegung, als wollte sie einen Alp abschütteln, der bis jetzt ihr ganzes Wesen gelähmt hatte, glättete mit fieberhafter Hast ihr in Unordnung gerathenes Haar und stürzte ans Fenster. Rasch öffnete sie dasselbe und mit fliegendem Athem und weit geöffneten Augen starrte sie gen Himmel und lauschte den immer stärker und mächtiger werdenden Klängen. Die Sylvesterglocken, ihrer Kindheit liebste und erhabenste Freunde, deren frohlockend vecheißungsvollen Stimmen sie als Kind in frommer Ehrfurcht, mit ge alteten Händen und Andacht im Herzen so glückselig gelauscht, die Sylvesterglocken hatten sie überrascht in einem Moment, wo sie im Begriff war, vom Wege der Pflicht und Ehre abzuweichen! Lange, lange stand sie am offenen Fenster unbeweglich, wie ab⸗ wesend, dann rang es sich plötzlich wie ein Stöhnen aus ihrer Brust und ein heißer Thränenstrom entquoll ihren Augen. Auch Alfred Glasow hatte sich erhoben, sein Athem war kurz, seine Wangen glühten. Seine Andachtsstunde war noch nicht ge— kommen. Etwas verlegen beugte er sich und hob seine Cravatte auf, die während seiner stürmischen Liebesbezeugungen heruntergefallen war. Dann ging er zögernd und schüchtern ans Fenster „Es sind die Sylvesterglocken,“ stotterte er, erröthete aber im selben Moment über seine überflüssige Bemerkung. „Ja, ja, es sind die Sylvesterglocken!“ sprach Marie in heftigster Erregung, dann faltete sie die Hände zum Gebet und unter strömenden Thränen dankte sie Gott dafür, daß er sie in so wunderbarer Weise aus der Gefahr errettet. Alfred fühlte das Bedürfniß etwas zu sagen, aber eine Be⸗ fangenheit, die sonst seinem Wesen gänzlich fremd war, lähmte seine Zunge, und noch viel weniger wagte er es in jenem Moment sie zu berühren, eine Achtung wie vor etwas Erhabenem, Heiligem hielt ihn zurück. Marie hatte aufgehört zu weinen. Sie trat einen Schritt zurück. Dann fragte er leise:„Fräulein Marie, kann ich nicht etwas für Sie thun, soll ich vielleicht Ihre Wirthin rufen, daß sie die Lampe bringt?“ Aber sie antwortete:„Nein, jetzt brauche ich keine Lampe mehr, um das Richtige zu finden.“ Alfred Glasow verstand, daß seine Sache verloren war. Beschämt und betroffen beobachtete er das junge Mädchen, über dessen Be⸗ wegungen und ganze Haltung eine heitere Ruhe lag. Er stand und zupfte an seiner Uhrkette. Endlich fragte er leise: „Fahren Sie morgen mit, Fräulein Marie?“ „Nein, das thue ich ganz bestimmt nicht, ich habe es Ihnen ja gleich gesagt.“ f i „Ja— a,“ erwiderte er gedehnt und erröthete verlegen,„aber ich dachte, nach dem was passirt ist—“ „Ach!“ unterbrach sie ihn,„daraus dürfen Sie gar nichts schließen, wir befanden uns beide in einem Irrthum, mein Herr, die Sylvester⸗ glocken haben mir erzählt, daß jetzt ein neues Jahr beginnt,* neues Jahr, welches auf eine würdige Weise angefangen sein Vielleicht wird es mir nur Kummer und Sorge bringen, aber soll mich nicht abhalten, ehrlich und strebsam meine Pflicht zu Wissen Sie, mein Freund,“ fuhr sie nach einer kleinen Pause l“ fort,„ich bin der Ansicht, daß unsere Zeit auch gewisse Anspruch an ein unansehnliches, armes Mädchen macht, daß sogar sie eine Aufgabe hier im Leben zu lösen hat, und bei ehrlichem Streben wird es mir auch hoffentlich mit der Zeit gelingen, etwas Nützliches hier im Leben auszurichten. Er hatte sie erstaunt und beschämt angehört und wollte grade etwas erwidern, als ein lautes Klopfen an der Thür ihn unterbrach. Mutter Krüger brachte die Lampe. diskret den alten runzeligen Kopf durch die Thür, aber als sie sah, daß alles in schönster Ordnung sei, trat sie nach einem hastigen Blick auf Mariens derangirtes Haar und geröthetes Gesicht in die Stube herein. „Entschuldigen Sie, Fräulein, daß die Lampe so spät kommt,“ sagte sie in unterwürfigem Ton, aber zugleich mit einem zweideutigen Lächeln,„ich mußte sie erst reinigen und einen neuen Docht kaufen.“ Sie stellte die Lampe auf den Tisch und sagte mit einem Blick nach dem offenen Fenster:„Ja, ja, nun wird das neue Jahr eingeläutet; möchte es Ihnen nur recht viel Freude bringen und recht viel Geld!“ fügte sie hinzu, indem sie dem jungen Mann einen vielsagenden Blick zuwarf.„Der Winter ist eine schlimme Zeit für arme L die Kohlen sind theuer!“ Sie murmelte es ärgerlich, machte Fenster zu und verließ brummend das Zimmer. Marie schraubte den Docht in die Höhe. Alfred Glasow, das ungewohnte Licht nicht gleich vertragen konnte, hielt die H vor die Augen. 7 „Ja, verbergen Sie nur Ihr Gesicht, mein Herr!“ rief Marie heiter,„jetzt schämen Sie sich, wo es hell geworden ist, und Sie haben auch alle Ursache dazu. Ein Mann mit Ihrem Talent und Ihren Kenntnissen sollte an einem Sylvesterabend doch wirklich etwas Gescheiteres vornehmen als ein armes Mädchen zu verführen. An die Arbeit, Herr Glasow, unsere Zeit bedarf Männer!“ Er antwortete ihr nichts, er fühlte, daß sie Recht hatte; das acht⸗ zehnjährige Kind hatte ihn, den reifen Mann, beschämt und seinen Gedanken eine ernstere Richtung gegeben. Er erhob sich und zog seinen Paletot an. Einige Minuten später taumelte er die steile Treppe hinunter und trat in einer sonder⸗ baren Stimmung auf die Straße hinaus. Er schritt rasch vorwärts durch die Straßen. Der Wind peitschte ihm die kalten Schnee⸗ flocken ins Gesicht. Der Schellenklang von den vielen vorüberfahrenden Schlitten, das bunte und geschäftige Treiben auf den Straßen, die schreienden Stimmen der Ausrufer und das elektrische Licht, welches hier und da aus irgend einem großen Laden ihm entgegenstrahlte, alles schien ihm zuzurufen:„An die Arbeit, unsere Zeit bedarf Männer!“ Er hatte die Schloßbrücke erreicht, da fingen die Kirchenglocken zum zweiten Male zu läuten an. Der metallne Klang sprach ernste Worte an sein bereits wach gerufenes Gewissen und reifte in ihm einen Entschluß, zu dessen Ausführung er auch sofort den ersten nöthigen Schritt thun wollte. Er ging durch den hell erleuchteten Flur des Privathotels Unter den Linden. Vor der Thür mit der kleinen Marmortafel blieb er eine Sekunde stehen. Dann biß er sich in die Unterlippe, und mit entschlossener Miene öffnete er die Thür, ging rasch durch das Speise⸗ zimmer, schob eine schwere Portiere zurück und trat in einen größeren Raum, dessen hauptsächliches Meublement aus grünen Plüsche⸗Chaise⸗ longues und Fauteuils bestand. a Die Wände waren mit großen Oelbildern behängt, die kaiser⸗ liche Familie und den Reichskanzler darstellend. An dem einen Ende des Zimmers befand sich ein länglicher grüner Tisch, am anderen ein Billard. Erst steckte sie vorsichtig und. F 8 J DN Einige der im Zimmer Anwesenden waren mit Zeitungslektüre beschäftigt, andere spielten Skat. Hier und da stieg eine feine, blaue Rauchsäule von einer echten Havanna empor, ringelte sich in läng— lichen Kreisen nach oben und verschwamm in die Rauchwolke, die wie ein bläucher Schleier unter der Decke durch das ganze Zimmer sich hinzog. 1. „Na, was sagte die Kleine?“ rief der Fettbleiche, indem er dabei ruhig seine Karten ausspielte,„kommt sie mit?“ „Nein!“ war die lakonische Antwort. „Einen Korb bekommen? das ist ja ausgezeichnet, aber höre Alfred, deshalb darfst Du morgen nicht fehlen. Schreibe eeine Rohrpostkarte an die kleine Tänzerin Olga, die giebt Dir keinen Korb, es liegen Karten auf dem Schreibtisch.“ Ein Kellner, der mit devoter Miene dem eben Angekommenen nachgelaufen war, um ihm seinen Paletot abzunehmen, wagte endlich unter einer tiefen Verbeugung die Frage:„Sie bleiben doch, Herr Doktor; Sie wissen, es wird heute Abend gespielt.“ „Nein!“ war die entschiedene Antwort,„bringen Sie mir Papier und ein Kouvert.“ Alfred ging an das Schreibpult, wohin der Kellner ihm sofort das Verlangte brachte. „Was, Du spielst heute Abend nicht mit, was soll denn das heißen?“ rief Einer der Anwesenden. Alfred schrieb ruhig weiter. Das Kratzen der Feder auf dem Papier ertönte laut. „Das soll so viel heißen,“ erwiderte er ruhig,„daß ich zum letzten Male mitgespielt habe; in diesem Brief theilte ich dem Vor— stand meinen Austritt aus dem Verein mit.“ „Du bist wohl nicht recht gescheit?— Kinder! hört, was der tolle Mensch sagt, er will aus unserem Verein austreten.“ Diese Mittheilung erregte allgemeines Aufsehen; man erzählte dem Vor⸗ sitzenden, der grade hereintrat, von Alfred Glasow's Vorhaben. „Unsinn!“ rief er,„an einem Sylvesterabend werden keine Kündigungen angenommen.“ Er nahm scherzend Alfred die Feder aus der Hand, aber dieser hatte seinen Brief schon beendet. Ich muß auch auf das Vergnügen verzichten, die Schlitten— ee mitzumachen!“ Er erröthete leicht, als er die spottende Daene der Umstehenden wahrnahm, aber der energische Zug, der über sein Gesicht gekommen war, wurde dabei noch schärfer. „Schade!“ rief der Vorsitzende mit ironischer Betonung,„ich hatte so sehr auf die Wirkung Ihres Fuhrwerks und Ihres schönen Pelzes in unserem Zuge gerechnet.“ „Aber Mensch, was ist Dir denn?“ rief man jetzt,„hat Dir der kleine Goldkopf etwas angethan?“ e will heirathen!“ rief eine Stimme. ed Glasow hatte seinen Hut ergriffen, er machte der ganzen aft eine Verbeugung, eine tiefe Röthe bedeckte sein Gesicht, Adi einem gezwungenen schwachen Lächeln, aber mit fester Stimme antwortete:„Nein,— ich will arbeiten!“ Das Hohngelächter der Mitglieder des fidelen Pfropfens tönte noch in seinen Ohren, als er durch das Brandenburger Thor in den Thiergarten trat. „Laß sie lachen!“ dachte er und ging rasch weiter. Der Wind hatte aufgehört, dichte Schneeflocken fielen herab, die Luft war un— beschreiblich rein und wohlthuend. Da fing zum dritten und letzten Male das Läuten der Kirchenglocken an. Alfred fegte, an die Löwen— gruppe angekommen, mit dem Aermel den Schnee von einer Bank und setzte sich hin, um hier in Ruhe ihrem erhabenen Klang zu lauschen. Diesmal erfüllte das Geläute seine Seele mit einer reinen, stillen Freude; eine Stimmung der Andacht, die er seit langer Zeit nicht empfunden hatte, kam über ihn. Jetzt fühlte Alfred erst recht deutlich, daß er richtig gehandelt habe. Er fühlte, daß die Zeit ein Anrecht auf seine Kraft und sein Talent hatte, aber anstatt ihn zu bedrücken, ließ die Schwere dieser Verantwortlichkeit seinen Muth wachsen.„An die Arbeit, Alfred, unsere Zeit bedarf Männer!“ sprach er laut. Eine freudige Begeisterung überkam ihn— er schätzte sich glücklich, in einer Zeit zu leben, wo das Streben nach Wahrheit und Realis— mus dem ganzen Sein und Wirken des Menschen eine so gesunde und natürliche Richtung gab. Aber jetzt erblickte er zugleich die Gefahren und Versuchungen, die in dieser Richtung liegen. War er doch selbst diesen Versuchungen für längere Zeit erlegen, war er doch durch seinen Realismus schließlich in Materialismus verfallen.— „Und gegen diesen Materialismus, der die Grenzen des ewig Wahren und Schönen überschreitet, um entweder leichtsinnig und oberflächlich zu werden,— oder in einen überspannten Pessimismus zu verfallen, dessen nothwendige Folge jene unsichere, nervöse Halt⸗ losigkeit ist, das tranrige Kennzeichen unserer hyper⸗klugen Zeit,— dagegen wollen wir ankämpfen“, sprach er leise, indem er sich erhob. Er fühlte sich so erhaben, so glücklich bei diesem Ge⸗ danken, als er mit hocherhobenem Haupte unter den verschneiten Bäumen dahinschritt. Einmal lächelte er still vor sich hin. „Und diese Verwandlung hast Du einer kleinen Näherin und den Berliner Thurmwächtern zu verdanken!“ sagte er. Aber wenn er auch ein wenig darüber spottete, die Verwandlung, der sein ganzes inneres Wesen im Lauf so kurzer Zeit unterlegen war, ruhte auf einem tief moralischen Grund, der immer vorhanden gewesen war und nur auf den befruchtenden Keim gewartet hatte. Dieser Keim war jetzt in einer ernsten Stunde in seine Seele ein— gesenkt worden und hatte sofort tiefe Wurzeln geschlagen. Er dachte dies Alles, als er durch den Thiergarten auf seine Wohnung zuschritt. In seinem Studierzimmer angekommen, welches im Laufe der letzten zwei Jahre durch überall angebrachte Makart-Bouquets, frivole Bilder und Sprüche seinen Charakter als ein solches so ziemlich verloren hatte, wurde sein Auge sofort von diesen Gegenständen beleidigt. Heftig riß er die staubigen Dekorationen, aus denen ein wahrer Schwarm von Motten herausflog, von der Wand. Dann öffnete er einen kleinen Geldschrank, nahm eine Banknote und steckte dieselbe in ein Kouvert. Auf ein Stück weißes Papier schrieb er: „Als Gruß von den Sylvesterglocken.“ Dieses Papier wurde nun auch in das Kouvert gesteckt. Darauf versah er den Brief mit Adresse, klingelte und übergab ihn seinem Diener zur Beförderung durch die Post. Alfred öffnete das Fenster. Der Himmel war klar geworden, eine reine kalte Winterluft schlug ihm entgegen. Drüben lag der Thiergarten in seinem weißen jungfräulichen Gewande wie neugeboren. Die knarrenden Schritte der Fußgänger und das ferne Getöse des Schellenklanges drangen schwach an sein Ohr. Ueber ihm blinkten die Sterne so friedvoll und heiter, und er glaubte den letzten hin⸗ sterbenden Klang des Läutens zu hören, der ihm wie ein demüthiges Flehen ertönt war, wie ein Werben um die Liebe und die Kraft des Menschen— für die Menschen. Lose Blätter. Kleinrussisches Idyll.(Siehe Illustration.) Die Ukraine, das Land im Südwesten des weiten Czarenreichs, ist die Heimath der Kleinrussen. Einst nannten sich die Bewohner der fruchtbaren Ebenen am Dniester und Dnjiepr Kosacken, d. h. Krieger, und etwas von dem wanderlustigen, abenteuer⸗ lichen Sinn ist ihnen geblieben, den Nachkommen jener Wandervölker, die einst mit ihren Herden durch die weiten Ebenen zogen und wilde Kämpfe mit ihren Nachbarn führten. Im Laufe der Jahrhunderte sind die Kleinrussen seßhaft geworden, und blühende Städte wie Kiew und Charkow erheben sich aus den fruchtbaren Ebenen, die jetzt der Pflug längst in reiches Kulturland verwandelt hat. Es ist ein schöner Menschenschlag, der heute die Ukraine bewohnt. Mit den Polen und Orientalen haben sie den Sinn für malerische Trachten gemeinsam, und in ihrer Seele liegt ein seltsamer Hang zur Schwer⸗ muth. Dies prägt sich in ihren Volksliedern aus. Die Kleinrussen lieben die Musik, und das blühende schöne Liebespaar, welches an den schilf⸗ bekränzten Stromufern hinwandert, fühlt bei den Tönen der Geige eine süße Erhebung der Seelen. Die Geliebte hat sich bräutlich geschmückt und die Wasserrosen, welche sie bei der Bootfahrt pflückte, in den Gürtel gesteckt. Der bräunliche Geiger führt die gluthäugige Dirne in seine Bauernhütte, wo sie sein Weib wird. Im Frühling und Sommer ist's schön in der Ukraine, da sind Wiesen und Weiden mit leuchtenden Blumen übersäet, und die Stromufer von Schilf und Röhricht wie von grünen luftigen Wällen umhegt. Wachteln, Enten und Störche nisten zu anenden an den Strömen, Flüssen und Bächen, und Viehberden beleben die Weiden. Wenn aber im Herbst die eisigen Oststürme über das Land braufen, schwindet die farben⸗ reiche Vegetation hin, die Vögel ziehen dem Süden zu, Vieh und Menschen suchen das schützende Dach des Hauses auf. Bald ist die Ukraine verödet; weiße Schneedecken umhüllen Wald, Flur und die Behausung der Landleute. Dann suchen die Kleinrussen durch Tanz und Mustk ihr Haus zu beleben. Das schöne Menschenpaar, welches im Sommer sein Nest baute, träumt dann bei den schwermüthigen Weisen der Geige oder eines Volksliedes noch einmal den schönen Liebestraum. Vor ihrer Phantasie ersteht wieder die blühende Natur, und sie hören den Lockruf der Wachtel und sehen die Purpurgluth der Abendsonne. R. E. * r* e Skat-Aufgabe Ur. 9. Mittelhand hat außer den vier Wenzeln, Trefle 7, 8, 9 und Pique 7, 8, As.— Welcher Solo ist unverlierbar und welcher kann verloren werden? — Wie muß im letzteren Fall die Lage der Karten und der Gang des Spieles sein? Königspromenade. die 0 sit⸗ ist 105 mal al⸗ ei⸗ dem 5 es ne schö⸗ te'ne je⸗ nen e ben schlingt wech⸗ aus nen bringt glück⸗ 1 0 sich daß res⸗ sel sei⸗-der wunsch auch durch man beim jah der te mit⸗ ihn hier bitt' men que⸗ then ra- zu neh- zu- freund⸗ darum ich sich be 1 men ihn lich an⸗ recht lich noch- lie⸗ ber nig⸗ in⸗ du mals le⸗ ge brin⸗ ser ich dich dir 2 us dir dar heut jahr neu— . 1 0 Eogogriph. Oft bin ich heilsam dir, oft trittst du mich mit Füßen, Der Schmerz, den ich gebar, wird auch durch mich verscheucht; Raubst du zwei Zeichen mir, dann laß ich schwer oft büßen, Und bin der Schlange gleich, die unter Rosen schleicht; Auch sieht man mich im Herbst auf Blumenbeeten sprießen, Wenn man ein Zeichen noch von meinem Worte streicht. Sprichwörter-Räthsel. Aus folgenden 11 Sprichwörtern ist je ein Wort zu wählen. Die 11 erhaltenen Wörter bilden wiederum ein Schrichwort. Wer den Armen giebt, der leihet Gott. . Spare in der Jugend, so hast du im Alter. Eine Schwalbe macht keinen Sommer. Man entgeht wohl der Strafe, aber nicht dem Gewissen. Für den, der lernen will, giebt's überall eine Schule. Aus fremder Haut ist gut Riemen schneiden. Muß ist ein bitter Kraut. Viel Zucker in der Jugend macht ungesunde Zähne im Alter. Das Sprichwort selbst. . Hunger ist der beste Koch. . Wer immer nur thut, was er will, muß oft leiden, was er nicht will. —— Zweisilbige Charade. Will man ein unbekannt Etwas genau erspähen, Wird meine Erste fragend oft genannt. Willst über Berg und Thal, durch Stadt und Dorf du gehen, Wird meine Letzte näher dir bekannt. Soweit der Völker höh're Bildung reicht, Liebt man den Mann, den Dir mein Ganzes zeigt. Auflösung der dreisilbigen Charade in voriger Nummer: Nockfutter; — der zweisilbigen Charade: Wolfls)milch. Schach. Problem Nr. 427 von F. Schindler in Wien. (Aus dem Problemturnier des„Wanderer“). a n 22 e, 2 2. i e 4 4, 8 A Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge Matt. Auflösungen. Problem Nr. 418 von W. Steinmann in Parchim. 1) Lal—h8S Kdö5- 4: 1 Kdo- el 2) Se4—e5 rf 192-4 2) Le2—b3 f g4 c. 3) Le2—bs(Dda) 7 3) Tes, ba, ol, c, o7, e8 resp. Dg§f Varianten 1).. f5—g4: oder beliebig 2) Td4 f 3) 8g Matt. 1).. Tg4: 2) Tdar 3) Lbs Matt— Der Zug Lg bietet große Verführung; die einzige Verlheidigung gegen denselben besteht in 192—be2 nebst 2) Tb4a Keb! resp. 2) Lb: Ses! ebenfalls verlockend ist 1) Lg7, Schwarz hat nur die Erwiderung 1d2 oder Kes nebst 2) Lb3 Tb2. Gegen 1) Lf6 ist ö—ga: eine Parade. Nach dem ersten Zuge droht 2) Tdat ꝛc. und zugleich 2) Lbs ic. — Die Lösung wurde angegeben von Dr. Knopf in G., W. Kron in B., R Blllmel in S., Dr. Wehrmeister in M. 8 N Problem Nr. 419 von R. Götz in Hamburg. 1) 1Tg5- di 1413 2) D614 Ke4—f4(d5): 3) Tdö-d(Des) Varianten: 1) Kdö5 2) Ddeft Kea 3) 8g5 Matt. 3) Sg5(De2) Matt 1).. 0 2) Tes K dg(fa) 3) Ddé(3) Matt 1). D ziebt 2) Datz 3 Dag resp. ot Matt. 1).. be: oder beliebig 2) Del 3) Tdi resp. Tg 5. Des oder Sgs Matt. 1) Kf3? 2) Dhaf ꝛic.— Beide Drehspiele 2) Pas und 2) Des ꝛc. sind gute, werih⸗ volle Varianten des Problems, dem nur noch eine gesälligere Ausstellung zu wilnschen ware; indessen wie der Läufer ds zur Beseitigung einer partiellen Nebenlösung(1) Tas 131 2) Dad! Lerl] unentbehrlich scheint, so ist die nothwendige Einschränkung der schwarzen Dame und des Thurmes as obne die weißen Bauern in der siebenten Reibe auch schwerlich durchführbar. — Die Lösung wurde angegeben von Dr. Knopf in G.; Dr. Wehrmeister in M., W. Kron in B., R. Blümel in S. J 1).. Sg7 ziebt 2) Pest Des(Kia) 14 Problem Nr. 420 von J. Bars dorf in Crefeld. 1) g2—g3 g7—g5 2) 1516 85—g4 3) 113151 Ke5—15(da) 4) Td6E-döf Das doppelwendige Hauptspiel umfaßt noch das Spiel 2).. ds 3) T4 Kds 4) T5 Matt. An Nebenspielen kommen hinzu: 2).. Kd 8) T5 4) Tde-ds Matt, so wie die beiden Varianten: 1).. K dal 2) Pfaff Kehl 3) Tei dies 40 d4 Matt und) beliebig 2) T4 dal 3) Test Kfö: 4) Tds Matt.— Der Dreizilger Nr. 47 der Hofmann'schen Problemsammlung, der auch vor längerer Zeit als Originalbeitrag in diesem Blalte erschien, illustrirt den gleichen Grundgedanken des doppelten Thurmopfers mit nachfolgendem Thurm ⸗ matt. Die Ausfübrung dieses Gedankens ist jedoch in beiden Compositionen sehr verschleden. Beruht das vorliegende Problem von Anfanj an auf Zugzwang, so bezwecken in dem Drei⸗ züger von Hofmann die sür das Hauptspiel zustellenden Läuferzüge nach es und gi] eine Vertheidigung gegen die vorbandene Drohung(2) Sd 3) 188 Matt]; hat der Dreizilger als einzige Nebenvariante jenes Drohspiel aufzuweisen, so entbebrt der Vierzüger der beiden Mattwendungen, die sich bei Hofmann aus der Annahme des Opfers durch den schwarzen Läufer ergeben.— Die Lösung wurde angegeben von W. Kron in B., R. Blilmel in S. und Dr. Knopf in G. Die Lösungen von 415 und 4186 wurden nech angegeben von R. Blümel in S. Brief wechsel. W. S. in S. Ihre Composition enthält obne Zweifel eine recht glückliche Entdeckung und wird die Schachfreunde in hobem Grade interessiren, indessen balten wir es für un⸗ möglich, daß dieselbe eine größere Bedeutung gewinnen werde. Das Indische Problem“ wurde so außerordentlich berühmt, weil es eine gänzlich neue, und zugleich äußerst ergiebige Idee enthielt: viele Hunderte von Compositionen sind durch dasselbe hervorgerufen worden, und noch jetzt, fast ein halbes Jabrhundert nach seinem Erscheinen, zehren die Problan⸗ componisten an dieser fruchtbaren Idee. Ihre beiden Compositlonen dagegen werden der Schachwelt weder eine durchschlagend neue Idee bieten, noch können sie zur Ausbeute lr andere Componisten dienen: sie sind eben das Ergebniß einer zufälligen Entdeckung, die Sie tit Geschick und Scharssinn ausgebeutet ele bi mit Absicht ist dergleichen aber nicht zu componiren. Uebrigens existixen bereits fehr hübsche Zwillingscompositionen von Bayer, Loyd und Z. Brown of Bridport— vielleicht auch von Andern— die der Jhrigen an einheit nicht nachstehen. Drud und Verlag der„Volks⸗Zeitung“, Akt.⸗Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105.