zu den Ourrhessischen Machrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. nr 18 Gießen, den 1. Mai. V. „Glaube nicht, mein armer Junge, daß ich neidisch mit rauher Hand Deine ländliche Idylle zerstören will. Du weißt, Dein alter Onkel hat in seiner Jugend auch manche Dummheiten gemacht, und stellt sich nun nicht auf ein Jugendpostament den Schwächen Anderer gegenüber, doch wenn solche kleinen Romane beginnen in die Oeffentlichkeit überzugehen, ist es die höchste Zeit, daß man der Sache ein Ende macht. Der an mich adressirte anonyme Brief hat längst in den Flammen sein Ende gefunden, doch Ellinor's spöttischen Mienen und dem lächelnden Achselzucken manches Be⸗ kannten merkt man es an, daß das Ding bereits seine Verbreitung gefunden. Ich tadele Dich nicht, mein Junge, daß Dein heißes Herz einmal wieder mit Dir auf und davon gegangen ist. Wer sehnt sich am Nordpol nicht hin und wieder nach südlicher Sonne Gluth, doch wie gesagt, alles hat seine Zeit.“ Bis hierher hatte Julian finstern Angesichts gelesen. Nun zerknitterte er das Blatt in der geballten Hand und schleuderte es wie etwas Giftiges von sich. Ja, es hatte alles seine Zeit, und auch die Zeit, wo er, der träumende Phantast, erwachen und ein willensstarker Mann werden mußte, war endlich gekommen. Gutwillig zurückkehren in das alte Joch, worin Familienrücksichten ihn geschmiedet— nimmermehr! Aus muthig zerbrochenen Fesseln wollte er frei hinaustreten in die Welt, bereit, sich eine Zukunft zu schaffen nach eigener Wahl. Wie ihn die nachsichtigen Worte des Briefes, die nonchalante Auffassung dieses sogenannten Verhältnisses empörte.„Einen flüchtigen Rausch, eine kleine Liebelei“ nannte der treueste, beste Freund auf Erden ein Gefühl, so rein und heilig, wie es noch nie sein Herz gehegt. Jung, hoffnungsreich, ein anderer, besserer Mensch war er durch den Zauber ihrer holden Nähe, durch das wunderbare Gnadengeschenk ihrer Neigung geworden. Und doch, hatte er auch nicht hier, selbst ihr gegenüber die erste, höchste Pflicht, die der Offenheit versäumt? Unter erborgter Maske war er, Liebe werbend, vor sie getreten, und als dieses kindliche, blind vertrauende Herz wirklich sein geworden, da hatte er die Täuschung fortgesetzt, sich feige tröstend mit der unbestimmten Hoffnung, ein glückliches Etwas könne von Außen her zu Hilfe kommen. Nun wurde er wirklich von Außen her unsanft geweckt, nun half kein Zaudern mehr, der gefürchtete Zeitpunkt der Eröffnung war gekommen. Wie würde sie die Wahrheit aufnehmen! Er fühlte bei dieser Frage sein Herz unruhig klopfen, und mit großen hastigen Schritten durchmaß er das kleine sonnenhelle Gemach. Ach, sie wird die kleine, unausgesprochene Lüge ihm verzeihen, muthig in dem bevorstehenden Kampf an seiner Seite stehen, liebend, mit zarter Hand ihn leiten, demüthig sich von ihm, dem Stärkeren, schützen lassen. Mitleidig hatte man von jeher in der Familie über 1 5 Im Nebel. Novelle von H. René. (Fortsetzung.) sein sogenanntes Talent die Achseln gezuckt, ihm stets bewiesen, daß er mit seinem alten Namen eben nur Dilettant bleiben müsse, und nun sollte der geliebte Pinsel doch noch sein Handwerkszeug werden, Brod schaffen für ihn und für sie. Wie freudiger Stolz das Blut ihm glühend in die Wangen trieb! Nun wollte er ihr Alles bekennen, ihr alles sagen, nun wurde ihm, in der fieberhaften Unruhe, die ihn plötzlich erfaßte, jede Minute des Zögerns zum Unrecht. Wo er sie finden konnte, das wußte er. Schon frühzeitig, als noch der leichte Reif an den gelbblättrigen Kastanien hing, war sie hinausgewandert in die Haide, um den Holzfällern ihr Morgenbrod zu bringen. Nun mußte sie längst auf dem Heimweg sein, und wo sie dann gewöhnlich zu rasten pflegte, das wußte er auch; kannte er doch den kleinen, lindenbeschatteten Hügel mit der Aussicht über den endlosen, sonnenschillernden See ganz genau. Wie oft hatte er in den letzten Wochen mit ihr dort gesessen, sich ein fröhlicher, weltenstürmender Knabe an ihrer Seite edünkt. f Rasch verließ er das Haus. Auf den Korridor's und auf dem großen Vorflur war es todtenstill, er hörte den feinen Sand unter seinen eiligen Tritten knistern, aber auch in Hof und Ställen regte sich nichts. Der Albrecht mochte wohl wieder einmal nicht nach Hause gekommen sein, die Nacht in toller Gesellschaft durchzecht haben. Wie sollte das nur enden! Mitleidig gedachte er der alten Frau, die so schwer unter diesem Treiben litt. Nun hatte er den Hof, die staubige Dorfstraße mit den arm—⸗ seligen, strohbedeckten Hütten hinter sich, und vor ihm lag die Haide, vom goldenen Zauberlicht der Herbstsonne funkelnd umrahmt. Wie weit war der Blick ringsumher, wie klar der Himmel! Unwillkürlich hob er die Arme, als verlange es ihn, die ganze Welt an sein sehnendes und in diesem Augenblick doch wieder so furchtsames Herz zu ziehen. Jetzt schimmerten dicht vor ihm die bekannten Linden. Der letzte Gewittersturm hatte arg mit den übriggebliebenen welken Blättern gehaust und sie zu einem großen Berge zwischen den alten nun halb kahlen Stämmen zusammengefegt. Auf diesem trübselig raschelnden Berg saß Fränzchen, neben sich einen großen Korb, halb mit gluthrothen Beeren, halb mit Haidekraut gefüllt. Die Arme über die Brust verschränkt, den Kopf mit dem vom Morgenwind zerzausten Haar leicht zurückgelehnt, schaute sie mit großen, ent⸗ zückten Augen auf die silberfunkelnden, im neckischen Spiel sich leise kräuselnden Wellen zu ihren Füßen. Es lag nichts Weiches, Träumerisches in ihrem Gesicht. Man sah, sie genoß mit vollem Bewußtsein die Schönheit dieses längst vertrauten Bildes. Noch nie war Julian das Ernste, Durchdachte, die stolze Offenheit in diesen kindlichen Zügen so aufgefallen wie in diesem Augenblick. G C 0 W * 0 5 I n e „Sie weiß ganz genau, was sie will; niemals thut sie etwas halb,“ dachte er, mit Ungeduld vorwärts eilend. Fränzchen schien seine Nähe zu ahnen. Schnell stieg ihr das Blut in die Wangen, ihre Augen nahmen unwillkürlich einen wärmeren Ausdruck an, und mit einem leisen Laut der Freude streckte sie ihm beide Hände entgegen. „Mein Liebling, finde ich Dich im Sonnenschein!“ fluͤsterte er zärtlich in ihr Ohr. „Mir ist's, als ob die Sonne zu mir gehörte, als könnte in Finsterniß ich gar nicht leben,“ meinte sie.„Wir waren von jeher gute Freunde miteinander, und schon als Kind schlich ich oft heimlich aus dem Bette, um ihren ersten feurigen Strahl jubelnd zu begrüßen.“ Wle schwer sie ihm in ihrer Ahnungalosigkeit sein fürchterliches Geständniß machte. „Glaubst Du Fränzchen, daß es auf der Welt Vergehen giebt, für welche selbst die zärtlichste, verzeihende Liebe keinen Entschuldigungs— grund zu finden vermag?“ fragte er leise. Groß und verwundert blickte sie ihn an.„Wie sonderbar Du nur fragst. Betrifft es, meinst Du den Albrecht?“ sagte sie ängstlich. Er schüttelte den Kopf, und als sie sich wie beruhigt abwandte, seufzte er tief. Wie sollte er seine Beichte beginnen, wie sie voll— enden diesen klaren Augen gegenüber! Unten im Dorf begann ein heiseres Glöcklein in langgezogenen Schwingungen zu läuten; deutlich trug der Wind jeden der klagenden Töne über den See— Fränzchen lauschte, dann faltete sie die Hände und ihre Lippen bewegten sich wie im leisen Gebet. „Das ist die Sterbeglocke, nun hat der Mäller endlich aus— gelitten. Herr, gieb ihm die ewige Ruhe!“ flüsterte sie, sich halb unterbrechend. Wie ihn die fromme Einfalt dieses Kinderherzens rührte. Welche unfaßbare Seligkeit, zu denken, daß sie für ihn und sein Heil betete. Und er, der durch den ersten Kuß ihrer reinen Lippen doch längst entfühnt war, sollte sie absichtlich noch immer weiter täuschen? Nein, letzt mußte gesprochen werden, jetzt gab es kein Zaudern, kein Be— sinnen mehr. Er lag zu ihren Füßen im welken Laub, krampfhaft hielt er ihre Knie umklammert. „Stoße mich nicht von Dir, Fränzchen, wenn Du mich gehört, hast,“ flehte er.„Wende Deine Augen fort, damit mir das Be— kenntniß meiner Schuld leichter werde, doch laß mir Deine liebe Hand ein Führer sein aus der Finsterniß. Du zltterst vor der Enthüllung, süßes Kind. Ach, kein Verbrechen, keine Blutschuld befleckt meine Seele. Wenn ich mich verging, so war es gegen Dich allein, und Du allein sollst auch mein Richter sein. Der Athem versagt mir, die Zunge sträubt sich gegen das furchtbare Wort. Fränzchen, kannst Du mir verzeihen? Ich, ich bin verheirathet.“ Schrill klang die Todtenglocke, leise rauschten die Wellen an's Ufer, sonst regte sich kein Laut. Julian hatte seine Stirn auf ihre Knie gesenkt, und hielt die immer kälter werdenden Hände mit festem Druck umspannt. Wie still sie war, sie athmete kaum. Ein Aufschluchzen des Schmerzes, ein Schrei des Abscheu's hätte Erlösung ihm gedünkt in diesem Augenblick, doch diese unheimliche Stille ließ ihm fast das Herz— blut stocken. Langsam und scheu schlug er die Augen zu ihr auf, doch er erschrak. Wie ein thaufrischer Blumenanger, über den ein giftiger Windhauch plötzlich verwüstend gestrichen, erschien ihm ihr blasses, hoffnungsloses Gesicht. Müde, wie erloschen, starrten ihm die Augen entgegen, und nun fühlte er auch, wie sie leise ihm ihre Hand entzog. „Nicht so, Fraͤnzchen, Du hast mich nicht verstanden,“ rief er außer sich.„Nur äußere Rücksicht, kein heiliges Band knüpft mich an die aufgedrungene Gattin, der nie mein Herz gehoͤrte, der ich nichts entzog, als ich um Deine Liebe warb. Jenes kaltsinnige Weib wird nichts bei diesem Wechsel empfinden. Wie kann man von Trennung sprechen, wenn nie eine Gemeinschaft der Seelen be— stand. Du zürnst mir, Fränzchen, aber Du wirst mir auch ver— zeihen. Mein Herz war frei, und frei ist auch bald die Hand, die ich Dir für's Leben reiche.“ Schaudernd machte sie sich aus seinen Armen frei. Sie schwankte, als sie auf den Füßen stand und zertrat achtlos die Blumen, die sie noch eben froͤhlichen Sinn's sorgfältig gesammelt. Julian packte es wie Verzweiflung bei diesem Anblick. — 138 —— „So darfst Du nicht von mir gehen,“ rief er, ihr den Weg ver— tretend.„Du mußt mich hören, und alle Mächte Himmels und der Erde werden mir helfen die Worte stellen, damit ich bei Dir Glauben und Verzeihung finde. Es mag schmachvoll gewesen sein, daß ich mich um des schnöden Mammons willen verkaufen ließ, doch ich war jung, weich und träumerisch, in Abhangigkeit von dem strengen Vater von jeher erzogen. Nie konnte ich in dieser erzwungenen Verbindung die Heiligkeit der Ehe sehen; wie ein Hohn erschien mir dieses Wort. Heilig allein ist die Liebe für Dich, mein Fränzchen, und darum ist es unser gutes Recht einander zu gehören. Drüben, überm Ocean, ist freies Land. Dort will ich für Dich leben, arbeiten, ja hungern, wenn es sein muß. Geliebte, sage, hoͤrst Du, verstehst Du mich?“ Ihre blassen Lippen bewegten sich, doch kein Laut drang daraus hervor.. g„Nur ein Wort, einen Blick,“ flehte er.„Ach, auch dieser Augen blick des Schreckens wird vorübergehen, und die Sonne einer glücklicheren Zukunft uns später leuchten. Wohl arm an Gütern, aber reich an treuer Liebe und freudigem Kampfesmuth soll sie uns finden. Nicht wahr, mein Liebling?“ Sie wich seiner Berührung aus.„Es ist alles Lüge. So wie ihr, wirst Du zum zweiten Mal auch mir den Schwur brechen,“ sagte sie, und seltsam heiser, fast wie gebrochen klang ihre Stimme. „Du hast den Glauben an mich verloren, doch Du wirst ihn wiederfinden,“ rief er, überzeugungseifrige Zärtlichkeit in jedem Ton. Matt schüttelte sie den Kopf.„Wie könnte ich das? Du hattest ein Weib und sprachst zu mir von Liebe,“ flüsterte sie. „O, nicht dieses Wort, diese Bezeichnung für sie, die nie es mir war,“ bat er leise.„Mein Weib, die treue Gefährtin in Freud und Leid, sollst Du allein mir sein.“ Sie starrte ihn an; alle widerstreitenden Gefühle ihres Herzens spiegelten sich in den braunen Sternen wieder. Dann schlug li die Hände über's Gesicht.„Also zwiefacher Meineid gegen Gott, und die Menschen!“ stoͤhnte sie. Betroffen trat er einen Schritt zurück. Noch nie hatte er an das große Machtgebot seiner Kirche, die Unlöslichkeit der Ehe, ge— dacht. Und wenn auch, was waren ihm solche Hindernisse, wo es sich für ihn um das höͤchste Glück der Erde handelte! „Nicht an den todten Buchstaben wollen wir uns halten, nicht die starren, vom Menschengeist erfundenen, und von Menschenhand aufgestellten Satzungen sollen über uns herrschen,“ rief er zärtlich, ihre kalten Hande zwischen den seinigen wärmend.„Es gilt unser ganzes Lebensglück, um das müssen wir wie Verzweifelnde kämpfen. Wer hat die Macht, zwei Herzen, die in unvergänglicher Liebe ein— ander angehören wollen, zu trennen? Diese Herzen besitzen ihr gutes Recht, das beste, das die Natur ihnen selbst verliehen. Und sie werden es sich ertrotzen, nicht wahr, mein Lieb?“. Es war ihr gelungen, ihm ihre Hand zu entziehen. An allen Gliedern zitternd stand sie vor ihm. Süß und verlockend klangen wohl seine Worte, doch war es nicht unrecht, ihnen nur zu lauschen? Horch, da tönte die Glocke wieder, doch es schien nicht mehr des Müllers Sterbeglocke, sie horte es deutlich, es war die Glocke, die allsonntäglich die frommen Beter in das kleine Kirchlein rief. Hell funkelte die Sonne auf dem goldgestickten Meßgewand des Priesters, brach sich in tausendfachem Strahl an dem buntgeschliffenen Altar⸗ fenster. Sie sah die Monstranz schimmernd und strahlend in hoch— erhobener Hand, während die Christenschaar athemlos im Staube kniete. Und dieser Stätte, die man seit dem ersten Kindheitslallen heilig zu halten sie gelehrt, sollte sie nicht mehr betend nahen dürfen. Wie eine Ausgestoßene würde man sie betrachten, scheu, wie einer verirrten Seele ihrer vielleicht nur im Gebet gedenken. Es war ein grausames Gebot, so ohne Nachsicht mit den Schwächen der armen irrenden Menschheit. Es schnitt ihr in's Herz, wenn sie daran dachte, und Gott sollte doch der Urquell aller Liebe sein. Da traf sie ein flehender Blick aus Julian's blauen Augen. Welche beredte, eindringliche Sprache sie zu führen verstanden. Alle Liebeswonne, alles Gluͤck der Erde, wonach ein zärtliches Herz nur verlangte, verhießen sie ihr an des Geliebten Seite; mit ihm und für ihn leben! Welche Seligkeit! Und doch, lag über alledem nicht ein schwarzer Schatten? Wuchs er nicht blitzschnell an zu schauer⸗ licher Riesengroͤße? Angstvoll schrie sie auf, und stürzte, wie von Furien verfolgt, den Abhang hinunter. Traurig blickte Julian ihr nach. Den Gedanken, sie durch eigene F —. ¹ 1———————.—r——————— e 8139 Schuld vielleicht für immer verloren zu haben, scheuchte er gewaltsam von sich. Er wollte ihr Zeit lassen, das so plötzlich auf sie Ein— gestürmte zu verwinden. Allein mit sich zu Rathe gehend, sollte sie Klarheit schaffen zwischen ihrer Liebe und den heiliggehaltenen Traditionen der Kindheit. Und auf die Stärke seiner eigenen Neigung bauend, hoffte er zuversichtlich auf den Sieg. Flüchtigen Fußes eilte Fränzchen weiter. Wie die Schläfe ihr hämmerten, und wie seltsam kalt und schwer dabei ihr das Herz in der Brust lag. Nur mechanisch hatte sie den Weg nach Hause eingeschlagen, nach dem alten, lieben Hause, das sie nun als eine Andere wieder betrat. War jenes unbarmherzige Gestirn dort oben am Himmel wirklich die traute, wohlbekannte Sonne, die ihr so oft auf ihren Gängen so fröhlich geleuchtet? Und jene Bäume am Wege, konnten es die grauen, zerborstenen Weiden sein, in deren hohlen Stämmen sie sich als Kind oft neckend versteckt? Prüfend glitten ihre eisigen Fingerspitzen über die borkige Rinde. Dort stand von ungeübter Hand ihr Name eingeschnitten, und dort weiter oben schimmerte ein verschnörkeltes A, das bedeutete„Albrecht“. Ja, sie war daheim, auf alt vertrautem Boden, und dabei doch ein armes, verirrtes Kind, das den rechten Pfad verloren. Nun stand sie am Hofthor. Die braunrothen Weinranken spannen ein dichtes Netz um das alte Gemäuer, mit ihrem satten Kupfer⸗ glanz weithin über die öden Felder leuchtend. Eine, vom Winde hin und hergetriebene blätterreiche Ranke streifte ihr Haar. Sie fühlte es deutlich, und doch wunderte sie sich wieder über sich selbst, denn das Bild, das sich so plötzlich ihren Augen geboten, mußte doch ihr ganzes Interesse wecken. Der stille Hof voller Menschen, aufgeregt durcheinander sprechende Stimmen wurden in allen Ecken laut. Man lief hin und wieder, rief, suchte, und mitten darin lehnte die zusammengebrochene Gestalt der Großmutter, liebevoll von dem jungen Lehrer gestützt. Fränzchen fuhr mit der Hand wie besinnend über die Stirn. Hatte sie denn Blei in den Schuhen? War eine Lähmung durch ihre Glieder gegangen, daß die Füße sie so langsam vorwärts trugen? Nun hatte sie endlich mühsam die Stätte erreicht, ihre Arme um⸗ schlangen die alte, geliebte Gestalt, und leise drückte sie ihre kalten Lippen auf die schmerzvoll gerungenen Hände. ö „Fränzchen, mein Kind,“ ächzte die Greisin.„Die ganze Welt weiß von unserem Elend, von unserer Schande, nur Du allein kennst sie noch nicht. Neige Dein Ohr zu meinem Munde, daß ich es Dir flüsternd sagen kann. Der Albrecht ist fort, flüchtig für immer, und mit ihm die Kasse seines Herrn.“ Nur schwerfällig, nach und nach konnte Fränzchen's überreiztes Hirn den Sinn dieser Worte fassen. Die zweite, schreckliche Bot— schaft im Zeitraum einer kleinen Stunde. War das Menschenherz wirklich stark genug, so viel verzweiflungsvollen Schmerz zu ertragen, oder mußte es zusammenbrechen unter dieser Wucht? Zögernd, wie um Bestätigung bittend, schaute sie zu dem jungen Schulmeister auf. Dieser nickte mitleidig bejahend, und noch nach vielen Jahren, wenn die Erlebnisse jener schrecklichen Stunde ihm vor die Seele traten, mußte er des todestraurigen Blicks der braunen Gazellenaugen gedenken. „Kannst Du es begreifen, bricht?“ hörte sie die Großmutter Stimme war so weit, undeutlich, wie von fernem Meeresrauschen begleitet, schlug sie an ihr Ohr. Und sehen konnte sie auch nichts mehr, mitten in der Vormittagssonne stieg der weißlichgraue Wiesen⸗ nebel auf. Nun wurde er dichter, dunkler, immer dichter.—— „Der Albrecht fort, wir von Haus und Hof gejagte Bettler. Verstehst Du, was dieses heißt?“ fragte die alte Frau noch einmal. „Ich weiß alles, die Todtenglocke hatte mir es längst gesagt“, flüsterte sie mit halbgeschlossenen Augen. Dann ging ein eigenthümliches, wie verklärtes Leuchten über ihr Gesicht, ein tiefes Aufathmen, und langsam brach sie in sich selbst zusammen. „Der Tod!“ schrie die Großmutter auf. „Eine wohlthätige Ohnmacht,“ sagte der junge Lehrer, der sie liebevoll auf seinen Armen in das Haus trug. (Fortsetzung folgt.) das Elend, das nun über uns herein⸗ fragen, doch die liebe, zitternde Nora. Eine Geschichte aus dem Kinderleben. Von Sara Hutzler. (Fortsetzung.) Wii Er hatte es gut vorgehabt, der freundliche Burscke, und seine „Alte“, die gutwillige arbeitsame Plättfrau, hatte mit ihrem warmen Herzen jedmögliche Bereitwilligkeit gezeigt. Das frierende Kind mit seinen großen hilflosen braunen Augen hatte ihr sofort das Herz weich gemacht.— Ein solches kleines Mädchen hatte sie verloren im zweiten Jahre ihrer Ehe, hatte sie hinaustragen müssen auf den Kirchhof vorm Thor, und da lag es denn eingebettet unter Jasminblüthen und ruhte sanft. Es war auch dunkeläugig gewesen wie dieses Kind, und ihr Mann, der längst entschlafene brave Tischlermeister, hatte mit ihr zusammen an der kleinen Leiche bitterlich geweint und sich um das verstorbene Kindchen gegrämt, bis ihm eines schönen Frühlingsmorgens der helläugige Bursche erschien und mit seiner gesunden Knabenkehle das kleine Zimmerchen vollschrie. Sein Schreien hatte alles Andere gründlich vertrieben, alles Herzweh um Vergangenes, alles Sinnen über Zukünftiges, er hatte mit seiner geräuschvollen Kehle das Ehepaar in Athem gehalten— sie geängstigt, sie erfreut, sie erschreckt und sie wieder entzückt, kurz, er hatte ihre Herzen so ganz ausgefüllt, daß sie des heimgegangenen dunkeläugigen Herzblättchens da draußen unter den Jasminblüthen weniger und immer weniger gedachten, und ihm nur schließlich am Todtensonntag eines jeden Jahres ein Kränzlein hinaustrugen aufs Grab und es im Uebrigen ruhig schlafen ließen. N 5 Der helläugige Bursche war ihnen herangewachsen zur Freude — zum Trost. Er hatte den hellen leuchtenden lachenden Charakter seines Vaters geerbt— und mit diesem zusammen waren schöne frohe Tage über das Dasein der guten Frau gezogen, bis es eines Morgens in dem kleinen Heim dunkelte und plötzlich farblos wurde. Sohn und Mutter trugen den Mann und Vater denselben Weg, den sie dereinst ihr kleines Töchterchen getragen, und betteten den Theuren, Lieben, dessen Lachen das traute Heim so froh gemacht, dessen joviale Stimme allabendlich, wenn die Arbeit vollendet war, mit solch herzgewinnender Fröhlichkeit zu ihnen hereingeschallt hatte, neben dem dunkeläugigen Kindchen unter der Jasminhecke vor dem Thore.— Seit jener Zeit war es stiller geworden im Stübchen der guten heiteren Frau. Die Linien ihres Gesichtes waren etwas länger geworden, die dunkeln Haare gestreifter und der Gang etwas schwerer, aber das alte Herz für den Sohn hatte sie sich bewahrt, für den prächtigen frischen Sohn, der heranwuchs und seinem Vater ähnelte, der, wie er früher, so heute mit ihr scherzte und lachte, und der auch— wenn sie traurig wurde, still neben ihr saß und mit ihr weinte. Sie hatten zusammen ihr Leben gelebt, zusammen ihr Leid und ihre Freude getragen— zusammen saßen sie nun berathend vor dem fremden Kindchen, das heimathlos und verlassen war, und sannen über das nach, was ihm dienstlich sein konnte.— Ihre Absicht war eine gute, ihr Wollen das Beste, aber— die Ausführung wurde ihnen nicht gewährt. Die Polizei machte sich geltend. Die Verfolgung der Bäckers⸗ frau hatte schnell gewirkt. Man fand das Kind auf der Straße vor dem Hause der Plättfrau und gebot ihm barsch, zu folgen. Nora hatte hell aufgeweint vor Angst, und dann war sie schreckhaft geworden und schweigsam wie Jemand, dem die Angst das Wort verschlägt, mitgegangen. Ein einziges Tröstendes hatte sie erfahren. Es kam von dem guten Beschützer, dem Zeitungsburschen. Er hatte es verstanden— sich ihr zu nähern. Seine geflüsterten Worte gaben ihr das Leben wieder. „Schlimmes passirt Dir nicht, läßt Dir die Mutter sagen, sie führen obdachlose Kinder in's Rettungshaus, nicht in das Gefängniß. Du sollst Alles zugestehen, sagt die Mutter, in dem Hause geht's gut zu, man lernt was, man hat sein Essen und sein Bett. Sei guten Muthes— ich suche Dich auf!“ i Das Rettungshaus! Sie wußte davon nichts. Sie saß bleich und stumm vor den ernstblickenden Männern, die über ihr Schicksal verfügten.„Mach dich recht schlecht,“ hatte ihr der Junge im Fortgehen noch zugeflüstert—„sag' daß Du stiehlst wie ein Rabe, 140 daß Du gar nicht anders kannst— denke nur, Schutz und Obdach kommst, kleine Ente!“ Kleine Ente! Wie lieb war ihr das Wort jetzt! Sie sah mit feuchten Augen und einem Dankeslächeln zu ihm auf, mit schwerem Herzen ihm nach, als er ging. f „Schlecht machen sollte sie sich? Das war nicht mehr nöthig, so schlecht machte man sie von selber.„Vagabondin— obdachlos — auf den Straßen aufgefunden— Diebstahl— verkommenes Geschöpf, ohne gute Leitung, ohne Angehörige— für das Rettungs- haus geeignet! Man hatte sie wenig gefragt. Ob sie ganz allein stände? „Ja!“ Ob sie sich der Unredlichkeit schuldig bekannte?„Ja!“ Ob sie ihre Strafbarkeit eingestehe? Einen Augenblick hatte sie aufgesehen mit großen trotzigen Augen; ihre Strafbarkeit? Nein— in ihrem Herzen rief es laut und gewaltig„nein!“ Sie hatte gehungert und aus Hunger genommen, was ihr unrechtmäßig ent— zogen worden war.— Strafbar? Nein— sie war es nicht— und doch— sie zögerte mit der Antwort. Des Freundes Rath fiel ihr ein.„Gestehe Alles zu— mache Dich schlecht— es giebt Betten und ein Obdach.“ Sie senkte die dunklen Augen langsam, ihre Lippen zuckten ein wenig.. „Ob sie ihre Strafbarkeit zugestehe?“ fragte man nochmals.— Sie gab die Antwort ganz leise und zitternd, während die Thränen ihr über das Gesicht rannen.— „Ja— o ja!“ Sie hauchte das Wort hin— ohne Stimme, ohne Ton, ohne eigenen Willen, und sie that es— um ein Bett, um ein Mittagsmahl, um ein Obdach.— daß Du unter IX. a Das hohe, aus grauem Stein errichtete Gebäude lag weit aus dem Umkreise der bebauten Stadttheile, und seine Frontseite hatte ein kaltes, fast abweisendes Gepräge. Ein hohe Mauer umspannte den weiten Hofraum hinter dem Hause, und versperrte den Ausblick über die fernen Felder und die unbebauten Straßenflächen hinter ihnen. Ganz einsam und finster war die äußere Umgebung des großen Baues, deren weite Korridore leer waren und nur selten Wiederhall gaben von auftretenden Füßen. In der breiten Vorhalle stand ein erhöhter Tisch, auf dem ein dickes Buch lag, darin die Namen derer verzeichnet standen, denen aus dem Institut Arbeitspersonal überliefert worden war. Gleich obenan stand Tag und Datum und darunter der Name: „Martha Klapp— Putzgeschäft Friese— Magdeburg— Lehr— mädchen, und weiter unten— Anna Behrend— Waschanstalt— Köpenick— Botendienst. Die zurückgeschlagene Seite enthält Aufzeichnungen von verlangten Personen. Wäschefabrik— Lehrmädchen bei den Knopflöchern. Federgeschäft— Barnim. Gehülfin verlangt! Bäckerei— Wittenberge— Mädchen für Ladendienst!“ Zur linken Seite des Tisches hing eine Messingbüchse. Ueber der Oeffnung standen in geprägten Lettern die Worte:„Gedenket der Armen!“ Zwei breite Treppen bogen rechts und links vom Vorsaal ab, welche in die oberen Räume des Instituts hinaufführten, und zu Häupten der Treppen lagen die Gänge, welche in die Arbeitssäle mündeten. Nora war mit verschüchterten Schritten und ängstlichen Mienen allen Anordnungen, die man ihr machte, stumm gefolgt. Das böse Verhör im Hause selbst vor dem Inspektorpaar hatte sie überstanden. Mit gedrücktem Herzen hatte sie die kalten Mauern, die stillen Korridore überblickt. Das dumpfe Schweigen allerwärts, das leere Starre, das ihr überall entgegensah, machte sie frösteln und die harte Stimme der strengen Inspektorin raubte ihr alles Selbstvertrauen und machte sie unsicher in Gang und Haltung. Der leinene Kittel, den sie zum Austausch gegen die eigene Kleidung anlegen mußte, war weit und faltig und hing ihr sackartig um die Schultern, so daß sie sich verloren und fast unbekleidet vorkam. „Gerade aus liegt der Arbeitssaal,“ hatte ihr die Inspektorin gesagt, als sie unscklüssig in dem Gang stehen blieb und zögernd zu der Frau aufblickte,„immer geradeaus, vorwärts!“ Die Frau folgte ihr, mit einem riesigen Schlüsselbund klappernd, nach. Nora hatte erkannt, daß das Gesicht der Führerin geschäfts⸗ mäßig streng und ernst war und daß sie, von dem Blick des Kindes scheinbar belästigt, ungeduldig voran schritt. f „Oeffne!“ Nora faßte gehorsam die Thürklinke und schob die Thüre zurück. Sie stand in einem großen Saal, in dem viele Mädchen saßen. Der Raum war vielfenstrig. Ein Geruch halb dumpf, halb feucht wie von der Nähe eines Kellers drang zu ihr. Die vielen Mädchen sahen beim ersten Blick alle ganz gleich aus. Erst bei längerem Hinsehen bemerkte sie die Verschiedenheiten der Ge— stalten und Erscheinungen. Der Saal hatte querlaufende längliche Tische und auf den Bänken vor diesen Tischen saßen die gleichgekleideten Mädchen. Alle trugen sie, wie Nora, diese sackartig geschnittenen schürzenförmigen Leinen⸗ kittel, Alle fest geflochtenes Haar und kahle freigestrichene Stirnen. Vor einem der Tische in der Mitte des Saales stand eine kleine untersetzte Frauengestalt, die sich beim Klinken der Thüre von der Klasse ab und der Thüre zuwandte. Nora fand in dem kleinen ernsten Gesicht etwas Zutrauenerweckendes, und ihr Blick ging zum erstenmale mit einem kindlich hoffnungsvollen, fast bittenden Aus⸗ druck zu der kleinen Dame auf. „Eine Neue?“ fragte diese, sich mit einer Verneigung an die Inspektorin wendend, dann— als sie dem Kinderblick begegnete— „komm nur näher, Kleine!“ Während einiger Minuten sprachen die Frauen im Flüstertone miteinander und ihr Gespräch betraf das Kind. Nora fühlte das, und das Bewußtsein, Gegenstand der Besprechung zu sein, machte sie verlegen. Zudem kam, daß sie sich auf's freieste beobachtet wußte. Die Mädchen starrten zu ihr hinüber. Sie nutzten die Augenblicke der fehlenden Kontrole, um sich von ihren Sitzen zu erheben und sich dreisten Mundes flüsternd und kichernd über die„Neue“ zu unterhalten. Nora wurde sehr roth. Sie hätte weinen mögen, aber sie schämte sich. Ihr schien es, als sähen sie auf ihre Füße, auf die mit harten Nägeln grob beschlagenen Schuhe, welche sie mit dem Leinenkittel zusammen hatte anlegen müssen. Die Schuhe paßten ihr nicht genau. Nora fühlte, wie ihr die Füße darin locker saßen. War es das, was die Mädchen belachten? 0 Eine plötzliche kindliche Findigkeit gab es ihr ein, das nächst— beste Mittel zu ergreifen, um sich die Füße zu decken. Sie sah auf ihr Kleid. Vielleicht— wenn sie sich vorbeugte!— Sie machte den schüchternen Versuch. Sie knickte ein wenig mit den Knien ein, bog den Körper vornüber, so daß der Saum ihres Rockes die Stiefelkante deckte, und hielt sich, da ihr die Sache gelang, sorglich balanzierend, fortgesetzt in dieser wenig behaglichen Stellung. So sehr war sie in ihre Bemühungen vertieft, daß sie es übersah, als ihr bedeutet wurde, sich dem Mitteltisch zu nähern, und die In— spektorin, welche in der Unachtsamkeit der Neuen eine Unart zu er— kennen glaubte, faßte sie leicht an die Schulter und erinnerte sie ungehalten an die nothwendige Aufmerksamkeit. Die leichte Berührung ihrer Schulter kam dem Kinde unerwartet und erzielte ein bedauerliches Ereigniß. Nora's Stellung, an sich schon eine haltlose— vertrug die Seitenneige schlecht— dazu kam die sehr begreifliche Verwirrung, in der sie sich befand— sie wollte einen Schritt vorwärts thun, kam in's Schwanken, stolperte, fing sich wieder und glitt doch vornüber auf die Diele. Die Ungeschicklichkeit war für den Eintritt des Kindes nachtheilig. Sie wirkte wenig empfehlend und weckte in der Klasse hochgradige Belustigung und freie Aeußerungen von Hohn und Spott. Die geräuschvolle Art der Mädchen wirkte im höchsten Maße anstößig und trug nicht dazu bei, die keimende Gereiztheit der Inspektorin zu dämpfen. Die traurigen Erfahrungen, die sie täglich und stünd— lich im Verkehr mit verwahrlosten und vielfach wirklich verderbten Kindern machte, hatte ein gewisses ihr innewohnendes Mißtrauen gegen alle, die ihr übergeben wurden, so sehr erweitert, daß sie mit Vorempfindung vom Bösen an jeden neuen Zögling herantrat, und so war es fast natürlich, daß sie in einer jeden Kleinigkeit, in jeder Zufälligkeit das ungute Wollen vorauswitterte und es als solches stempelte. Hinter der verlegenen Ungeschicklichkeit Nora's sah sie daher nicht die wirkliche Unbeholfenheit großer Befangenheit, sondern ein berechnetes Streben, sich bemerkbar zu machen; und in dieser Annahme entstand von jener Minute an ein feindseliges, mißtrauisches Gefühl gegen das Kind, das sich in ihrem späteren Aufenthalt im Institut empfindlich fühlbar machte. 8 1 + 141 e 12 3 5 ö 5 ö 5 1 . 1 127—— 9 5 1 0 5 55 ö 9 ö 1 ö ö i 1 i g N 5 N a N I 1 ö 1 1 15 0 0 5 1 1 Im wunderschönen Monat Mai. Von E. Niezky. S( 5 1 1 142. Sie hatte, als Nora sich aufrichtete, strenge Worte an sie gerichtet, Worte, die das Kind erschreckten und einschüchterten; vielleicht hätte noch Ernsteres folgen können, wenn nicht ein sanfter Eingriff seitens der kleinen Lehrerin hilfreich eingewirkt hätte. „Ich glaube, Frau Inspektor, es war ein Stolpern— ungeschickt gewiß, aber nicht bedacht!“ Aus des Kindes Augen schoß ein dankbarer Blick zu der Für⸗ sprecherin auf. Sie war es seit lange nicht mehr gewöhnt, daß man sie schützte, daß man ihr das Wort sprach. Die Inspektorin war gegangen. Nora sah sie davongehen und eine Erleichterung schien sie zu überkommen. Es war ihr, als fiele ein Druck von ihr ab, als könne sie plötzlich den Kopf heben wie vordem, und sie that es auch. Sie schüttelte den dichten, krausen Haarwulst aus der Stirn und sah sich mit kindlicher Neugierde um. Dicht neben ihr stand die Lehrerin. Sie zog aus einem vor ihr stehenden Arbeitskorbe verschiedene Strähnen farbiger Wolle und be⸗ gann sie langsam zu dehnen. Alsdann hakte sie die Docke über ihren Ellenbogen und Daumen fest und fing an zu wickeln. Nora's Augen hingen an dem kleinen, ernsten, klugen Gesicht, das jung aus- sah und das doch viele Fältchen um Mund und Augen hatte. Es lag etwas Ruhiges in dem Wesen der Lehrerin, etwas überlegen Ruhiges, das wohlthat und das unwillkürlich Eindruck machen mußte. Die Mädchen saßen wieder vor ihren Tischen. Die Handarbeiten wurden emsig betrieben. Keine sah auf. Es war völlige Ruhe eingetreten, und durch die Stille des Zimmers hörte Nora den Ruf der Lehrerin: „Komm' mal vor, Kleine!“ Sie sprang hastig auf und trat vor. „Du heißest Nora?“ „Ja.“ Bei der zweiten Frage senkte sie die Stimme etwas. „Nora— und weißt Du, wie weiter?“ Die Frage verblüffte das Kind, und die Verblüfftheit malte sich in dem ausdrucksvollen Gesichtchen ab. Ja, Nora Held hieß sie. War es möglich, daß es große Mädchen gab wie sie, die ihren Familiennamen nicht kannten? Ihre Augen blickten erstaunensvoll geradeaus. Sie wußte nichts von den Ver⸗ hältnissen, die ein Kind in die traurige Lage versetzen, von seiner Abstammung nichts, nicht einmal einen Namen zu wissen. Der Ausdruck ihres Gesichtes mochte der Dame darüber Gewißheit ge— geben, sie auch wohl angenehm berührt haben— ihre nächste Frage klang auffällig sanft und weich. 5 „Kannst Du stricken, Nora?“ „Nein.“ „Nähen?“ „Nein.“ f „Kannst Du sonst irgendwelche Handarbeiten machen? Nicht? Na, Du bist auch noch sehr klein. Wir wollen mal gleich mit Stricken anfangen. Komm' nahe heran— so.“ Nora blickte vor sich nieder. Sie fühlte zum ersten Mal die Mängel einer Erziehung, die sie den Andern gleich gestellt hätte; sie empfand es zum ersten Mal, wie arm sie doch war, und ihre leidenschaftlich empfindende Natur ließ sie die Beschämung, die sie überkam, bitter fühlen. Alle Mädchen strickten oder nähten— Alle, auch die Kleinen am letzten Tisch— nur sie— „Nun paß' auf!“ Sie hob zögernd den Kopf. Sie scheute die Blicke der Mädchen, die sie auf sich gerichtet fühlte, und so sah sie von unten herauf mit beschämter Miene auf die Hände der Lehrerin, die sich— in jeder Biegung der Finger langsam unterweisend— bewegten. Arme Kleine! Wie sie die Sache verwirrte! Wie verwickelt erschien ihr das Ineinanderhängen so vieler Maschen! (Fortsetzung folgt.) Kleine Frauen-Zeitung. f Die Mode. Wird denn die Mode nicht einmal beständig? hörte ich letzthin fragen. Gewiß, wenn man dem ewigen Wechsel der Erscheinungen Halt gebieten könnte. Aber da sich dies in unsrer schnelllebigen Zeit, in welcher man unaufhaltsam thätig ist, um neue Schöpfungen bervorzubringen, nicht bewerk⸗ stelligen läßt, so müssen wir uns schon darin ergeben, der Wandelsucht jener Machthaberin zu folgen. Wenn man es indeß genau betrachtet, so ist die Mode doch nicht so un beständig, wie man gemeiniglich anzunehmen pflegt. Es ist nicht zu leugnen, daß sie fortwährend Neubeiten erzeugt; diese verdrängen indeß keineswegs das Aeltere, sondern lassen dasselbe neben sich bestehen. Daher die un⸗ endliche Vielseitigkeit, welche freilich verwirren, betäuben kann. Wenn nun einerseits der Verschwendungssucht der nicht N Damenwelt dadurch ein weiter Spielraum geöffnet wird, so ist wieder auch der Sparsamkeit der Weg geebnet, und die vernünftigen Frauen können ihre verschiedenartigen Kleidungsstücke mehrere Saisons hindurch tragen und folglich aufbrauchen, ohne damit„aus der Mode zu sein.“ Lassen Sie uns heut zuerst die Hüte betrachten! Wissen wir da nicht aus Erfahrung, daß die Erstlinge einer neuen Jahreszeit sich in ihren Formen ewöhnlich an diejenigen der vergangenen Saison anschließen? Denn weichen sie gar zu sehr davon ab, so haben sie kein Glück. Es bedarf immer erst, wenigstens für solche Damen, welche nicht das Excentrische lieben, eines allmählichen Ueberganges, und dies lehrt uns von Neuem der Direktoirehut, welcher sich bereits im Herbst flüchtig am Horizont der Mode gezeigt. Er wird wiederum seinen Einzug halten, wohl aber mehr eine exklusive Mode bleiben, wäbrend als seine Vorboten wie als sein Gefolge sich eine Reihe 1 8 805 Halbcapoten einführt, die des allgemeinen Erfolges wohl sicher sein dürfen. Kehren wir zu oben Gesagtem zurück, so kann es uns nicht Wunder nehmen, wenn wir deu so beliebten Toques begegnen, wenn wir nach wie vor die kleine Kapote, die großen runden Hüte, Genre Rembrandt, die großen und mittelgroßen Amazonenhüte und den ihnen verwandten Ligueur und Louis XI. sehen, insgesammt in mannigfachen Wandlungen, alten und neuen. Der Lauf der Mode wird also für die sommerlichen Kopfbedeckungen derjenige sein, den sie im Winter genommen, allerdings mit vielen Neben⸗ wegen. Und die Hüte, welche wir in Sammet, Plüsch und Filz gehabt, werden wir in Tüll, Spitzen und Stroh tragen, aber, wie oben angeführt, außer diesen noch viele andere Faßons, theils Abkömmlinge von den bisher bekannten, theils Originale. Die sogenannten Uebergangshüte aus französischer Faille wie aus weißen Wollenstoffen, welche nur einzelnen Auserwählten zu tragen erlaubt, haben ihren Zweck erfüllt, und man wendet sich nun den luftigeren und mehr sommerlichen Materialien zu. aus schwarzen Chantillyspitzen und solchem Spitzentüll, ganz schwarz oder durch farbige Schleifen, Federn oder Blumen belebt, ferner Hüte aus schwarzem wie aus farbigem Seidentüll mit Seidenstickereien, oder über und über mit Perlendessins bedeckt. Von den praktischen Damen jedoch, deren Toilettenbudget beschränkt, wird, nachdem sie die winterliche Kopfbedeckung abgelegt, gleich diejenige aus Stroh gewählt. Man begünstigt darin wieder vielfach das englische Stroh, sehr fein, stärker oder ganz grob, und ihm reihen sich in den ungemusterten Geflechten das italienische Stroh in allen gangbaren Farben und das satinirte Brüsseler Stroh an, und später wird sich ihnen der feine Bast(Reiestroh, nicht mit den Bastfasern zu verwechseln, von denen ich später sprechen werde) zugesellen. Auch das Roßhaar und der Hanf sollen wieder in die Mode kommen; ersteres verbindet man ent⸗ weder mit den genannten Stroharten, indem man immer eine Roßhaar⸗ und eine Strohtresse abwechsein läßt, oder man durchflicht es mit grobem Zackenstroh oder mit Hanf und bringt hierdurch breite ein-, zwei- oder mehr⸗ farbige Tressen hervor. Freilich gehören die letzten Zusammenstellungen nun schon in das Reich des Bhanbeffestrohs, das die Hauptmode der Sommerhüte sein wird. Dasselbe umschließt ferner eine unabsehbare Reihe von Bordüren in allen möglichen Musterarten, festen und theilweise durchbrochenen, welche hier in italienischem Stroh: beige, tabakbraun, grau, strohgelb, vieil or, schwarz, marineblau erscheinen, dort sich in mehrfarbigem Ineinandergeflecht von Bastfasern und Baumrinden, von Binsen und grobem Stroh, von Binsen und Bastfasern präsentiren Das Paillasson mit seinen breiten Zacken⸗ und Knötchentressen erhält sich ebenfalls, sei es, daß man Hüte allein davon bereitet, sei es, daß man es nur zum Kopf oder zur Krämpe verwendet und den anderen Huttheil dann aus englischem Stroh herstellt. 6 Kurz, alle Stroharten und viele Materialien, welche dem Stroh ähnlich sehen, sind der Mode dienstbar gemacht, und man kann sich wohl vorstellen, welch überwältigende Mannigfalkigkeit durch die stets wechselnden Zusammen⸗ stellungen in Materialien und Farben erreicht wird. Man bemerkt gelbe Strohhüte mit schwarzer, gelb gefütterter Krämpe, Hüte mit braunem Kopf und mit beigefarbenem oder vieil or Rand, mit blauem Kopf und gelbem Rand, Hüte mit gelb und blau gemischtem Kopf und gelber Krämpe, welche mit einer einzigen, gelb und blau durchflochtenen Tresse abschließt, Hüte mit beigefarbenem Kopf und marineblau und beige oder mit olivengrün und beige durchflochtener Krämpe u. s. w. ö Man sieht, es ist viel Kolorit in den Kopfbedeckungen, doch sucht man trotzdem, ich wiederhole es, dieselben in Einklang mit der Toilette zu bringen, wie man denn überhaupt auf eine angenehme und dem Auge wohlgefällige Farben- Komposition hält. Die Hüte aus buntem Phantasiestroh paßt man häufig den karrirten Kleidern an, aber gleichfalls den einfarbigen, und e in Hut aus grobem, schwarz, weiß und grau durchflochtenem Stroh, attnene mit einer schwarzen Sammetschleife, nimmt sich sehr hübsch und distinguirt zu einer schwarzen Toilette aus. Aber wie auch die Farbenmischung in den Vordergrund treten möge: die schwarzen und die einfarbigen Strohhüte wahren sich ihren festen Platz in der Mode. 1 Die Spitzen und die Perlen, die Blumen und die Schleifen aus Faille · Pikotband, besonders aus solchem mit großen Schnurpikots, bilden den her⸗ vorragenden Ausputz auf den Kopfbedeckungen. An schwarzen Brüssler Stroh⸗ und Baftbüten, vornehmlich in runder Form, wird der Kopf zu⸗ weilen glatt mit schwarzem, reich gemustertem Chantilly⸗Spitzentüll über⸗ Besonders begehrt sind gegenwärtig die Hüte S c TT. ⁊ ĩ ͤ w F 2 i in 50 U n lt 1 il 0 l be N 0 it 5 al. . 9 143. N und es bringt eine eigenartige Wirkung hervor, wenn die feinen ssen, durch die klaren Stellen desselben hier und da durchschimmern. arretiere aus schwarzem oder farbigem Band hält den Tüll unten am Kopf fest. Die Krämpe bleibt unverhüllt, wird indeß mit Sammet gefüttert, manchmal in Weiß oder Rahmgelb, und die Jarretieère erscheint dann ebenso. Eine beliebte Neuheit bilden ferner kleine, viereckige Spitzen⸗ tücher:»fichus des Vosges,“ von jener entzückenden, reinseidenen Spitze, deren breit und groß gezeichnete Dessins den seidigen Glanz so recht her⸗ vorschimmern lassen. Diese Spitzentücherchen, welche es in allen Farben, besonders aber in Himmelblau, Altrosa, vieil or, beige, Kupferroth, elek— trischem Grau und, last not least, in Schwarz giebt, werden in ein reizendes Chiffonné oder Gewoge auf Stroh-, Tüll⸗ und Spitzenhüten arrangirt, meistentheils in abstechendem Ton, und aus ihren Wogen strahlt dann oft ein grazibses Schleifenbüschel oder ein Blumenstrauß hervor. Die Blumen! Wie sind sie zart und lieblich, duftig und anmuthig, die auf den Hüten prangen! Allerdings nimmt man es bei ihnen mit der natürlichen Färbung schon ih nicht mehr so genau, und man läßt rothen und lachsrosa Flieder neben solchem in Weiß und Lila erblühen;— vieil or und bronze⸗ nüancirte Mohnblumen neben ihren rothen Gefährten,— Ver⸗ gißmeinnicht in Heliotrop⸗Schattirungen und in verblaßtem Rosa neben mattblauen,— Rosen in Kupfer- und in grauroth changirten Tönen neben hart⸗ und fleischrosa ꝛc. Hingegen strahlt der Geranium in seinem natürlichen, roth abgestuften Colorit, die Akazienblüthe in Gelb und Rosa. Das Maiglöckchen läßt sich an seinem bescheidenen Weiß genügen; die Hya⸗ 10 75 erscheint gern im rahmgelbem Sammetgewande.“ Und wenn ich noch ie gelben Blüthen verschiedenartiger Gattung, die Eriken und Primeln betrachte, so sehe ich, daß diese Kinder Floras ihre natürliche Farbe vorziehen. Man windet die Blumen zu diademförmigen Guirlanden, welche die Passe decken und oben oft noch einen Aigrettenstrauß hervorstrahlen lassen, zu ganz schmalen Guirlanden, welche rings den Hut umkränzen, zu Tuffs, am meisten aber zu größeren oder kleineren Aigrettensträußen, welche zwischen zwei Schleifenbüscheln angebracht werden. Dies ist eins der beliebtesten Arrangements auf Kapotehütchen. Nun mag es mit der Hutmode für heut genug sein, und wenn wir letzt im Bereich der Frühjahrskleider Umschau halten, so werden wir meine Mittheilungen von letzthin bestätigt finden. Freilich ist seitdem in jenem Bereich Neues und auch schon Bekanntes hinzugekommen. So wird man für die elegante Promenadentoilette die mit Rundschnur oder mit Soutache gestickten Wollenkleider wieder aufnehmen, und zwar heben sich diese Stickereien in etwas dunklerem Ton von dem Stoffe ab. Die Sou⸗ tache ist hierbei nicht etwa platt, sondern an dem einen Rande aufgesetzt, so daß sie hoch steht, und die Stickerei en relief erscheint; zuweilen wird sie noch von einem feinen, matten Goldschnürchen oder Goldfaden begleitet. Man bringt heliotroplila wie moosgrüne Arabeskenstickereien auf rahmgelben Kleidern an, dunkel pistaziengrüne auf heller pistaziengrünen Kleidern ꝛc. Meist umgiebt die Schnurstickerei in der Breite von 16— 20 Centimetern den Rock, wiederholt sich dann auf der linken Seite als Quille, ferner auf der Brust und auf den Seitentheilen des Rückens, wie um den Stehkragen und die Aermelmanschetten. Die weißen oder vielmehr die rahmgelben Promenadenkleider werden sehr gesucht sein, aber, wohl verstanden, nicht in luftigem Gewebe wie Mull, Gaze ꝛc., sondern in Kaschmir, Voile, mattem Créepon, Surah, in Phan⸗ tasiestoff mit Seiden⸗ oder Atlasstreifen, mit Brocheblümchen, mit Damen⸗ brett⸗Mustern in Seide, aber immer ganz Weiß oder Creme im Gewebe. Für junge Mädchen leiht man derartigen Kleidern oftmals etwas Farbe durch breite Sammetmanschetten an den leicht gebauschten Aermeln und durch einen Sammetstehkragen; Moosgrün und russisches Blau sind dazu sehr begünstigt. 5 5 0 Eine Farbenzusammenstellung; welche schon viele Saisons hindurch zu einer beliebten gehort, erscheint wieder: Mohnblumenroth und Marineblau. Obwohl lebhaft in ihrer Wirkung ist sie doch niemals auffallend oder banal. Sie verschönt die Jugend und leiht ihr einen Glanz, der die Einfachheit nicht überstrahlt. 5 N a Die Einfachheit! In den elegantesten und reichsten Kreisen giebt sich die Vorliebe hierfür in der Toilette der jungen Mädchen kund. Freilich durch die Uebereinstimmung der verfeinerten ewinnt dieselbe dann„Stil“ ö Einzelheiten. Die Strümpfe, das Schuhwerk, die Handschuhe werden sorg⸗ einer renommirten Modistin, fältig gewählt, tadellos sein, der Hut von g welche in dem Chiffonns der Stoffgarnitur, dem Arrangement der Schleife, der Anordnung einer Blume ihre kunstgeübte Hand verräth. Zu all diesen mit„Nebensachen“ betitelten Toiletten⸗Artikeln, welche aber in der That als unentbehrliche Vervollständigungs⸗Gegenstände zu betrachten sind, wird dann ein Kleid aus Vigogne, Beige, Wo enbatist oder Voile getragen, ein⸗ farbig oder karrirt, ohne weiteren Ausputz als den des Kleiderstoffes, höchstens mit ein bischen Sammet, das aber durch seine Machart und seine wirkliche Harmonie das Gepräge des guten Geschmackes und„Chic“ erhält. Und diese Eigenschaften wird auch das Jaquette verrathen, das die Toilette begleitet. Noch immer viel Plisseéröcke, ebenso wohl für Mädchen wie für Frauen! Das ift ein großer Vortheil für Diejenigen welche gern ein bischen Phantasie in ihre Toilette bringen. Und die Polonaisen unterstützen diese Varianten, welche mit den 2 8 Tunikas unmöglich sind. Derselbe Plisserock aus Faille, Bengaline, Foulard oder einem Phantasie⸗ stoff wird, wenn er in guter, richtiger Farbe gewählt, die sich mehreren anderen anpaßt, ebensowohl unter einer Polonaise aus Wolle, wie aus Spitzengewebe oder bedrucktem Foulard hübsch aus sehen. ö 0 Da ich vorhin das Weiß betont, darf ich nicht vergessen, daß dasselbe auch in Tuch eine große Rolle spielt, welches in Westen, Jaquettes, kleinen 1 und Mantelets seinen Ausdruck findet. Man fertigt solche Um⸗ hüllungen ferner aus Tuch in pistaziengrüner, dunkel- heliotroplila und milch⸗ kaffeebrauner Farbe. Lose slätter. Das Jahr 1880 ist ein Säkularjahr so vieler(mehr oder minder wichtiger) Erfindungen und Entdeckungen, wie wohl kein zweites. Vor nun gerade zweitausend Jahren, nämlich 120 v. Chr. Geburt, erfand der Grieche Ktehibios die Windorgel, die demnach ein uraltes Instrument ist, das jedoch Jahrhunderte lang nur dem Privatvergnügen einzelner reicher Musikfreunde diente und in den Kirchen erst seit der Zeit des Papstes Vitalianus, d. h. seit 660 nach Chr. Geb., Eingang fand.— In das Jahr 780 unserer Zeit⸗ rechnung fällt wahrscheinlich die Erfindung der Geige, welche freilich ihre jetzige vervollkommnete Gestalt erst neuntehalb Säkula später, durch Testatori in Mailand erhielt.— 1180 wurde in Europa(zu Palermo) der erste Zucker produzirt, und zwar aus dem durch Araber nach Sicilien verpflanzten Zuckerrohr; hundert Jabre später aber in Deutschland das erste Pergament bereitet und von dem Italiener Magaritone die zwar schon zur Zeit des Perikles in Griechenland(später auch in Italien) bekannte und vielfach an⸗ gewandte, unter den Stürmen der Völkerwanderung aber verloren gegangene, Kunst der Stukkatur⸗Arbeit wieder erfunden.— 1480 wurde die Mündung des Gariep(jetzt:„Orange-River“), des größten Stromes im südlichsten Afrika, entdeckt, und von Chiarascuro die Holzschneidekunst in mehreren Farben erfunden; hundert Jahre später, wahrscheinlich in Nürnberg, die Flinte mit dem alten Radschloß, der sogenannte„Kuhfuß“. Auch wurde 1580, und zwar durch einen Mönch in Pisa, der erste Karmin bereitet und durch Brendel in Sachsen zuerst der, zu vielen Geräthen und Kunstsachen ver⸗ wendete Serpentinstein bearbeitet; desgleichen auch Westgrönland von Neuem aufgefunden.— In das Jahr 1680 fallen die Erfindung der Repetiruhr durch den Engländer Barlow und des Chronometers durch seinen Lands⸗ mann Graham, sowie die Entdeckung von Kamtschatka.— Das Jahr 1780 endlich sah die Erfindung der Kopirmaschine durch den(als Verbesserer der Dampfmaschinen weltberühmt gewordenen) Briten James Watt; desgl. diejenige des Papiers aus. Lederabfällen durch seinen Landsmann Thield und die Einfübrung der Kreissäge durch Gervinus in Deutschland. Wie die Geige erfunden wurde. Eine ungarische Sage erzählt, wie eine gegen ihren Sohn aufgehetzte Mutter in 5 Erbitterung ihr Kind auf so lange verwünschte, bis es ihm gelungen, aus einem dürren Holz eine Stimme herauszubringen. Der Sohn verließ seine Mutter und begab sich traurig in einen Tannen⸗ wald. Hier fertigte er aus Tannenholz die erste Geige, versah sie mit Saiten, setzte sich dann an einen Brunnen und spielte. Die ihre Bethörung erkennende Mutter hört die süßen Töne, geht hin und spricht:„Das ist gewiß mein armer Sohn,“ erkennt ihn und nimmt den Fluch von seinem Haupte. Th. B. Eine Wandersage. Zu Schiller's unsterblicher Ballade:„Der Gang nach dem Eisenhammer“ diente, wie es heißt, eine Sage des Elsasses als Anregung. Wie es scheint, wußte übrigens der große Dichter nicht, daß von St. Elisabeth von Portugal, Tochter Pedro's J. und Gemahlin des Königs Dionysius von Portugal, Aehnliches berichtet wird, wie von der schönen und sanften Gräfin von Savern(Zabern). Die Portugiesin wurde nämlich bei ihrem Gemahl einer unerlaubten Neigung zu einem ihrer Pagen verdächtigt, worauf dieser befahl, daß jener in einen glühenden Kalkofen geworfen werden solle, welches Loos jedoch durch wunderbare Fügung den Verleumder traf. St Elisabeth ging nach dem Tode ihres Gemahls in ein Franziskanerinnenkloster, wo sie 1338 starb. Die Kirche feiert am 8. Juli ihren Gedächtnißtag. Th. B. Döring und die Souffleuse. Es war Probe von Lessing's„Nathan“ in der Provinz. Die Schauspieler waren alle versammelt und warteten auf Döring. Endlich kam er und die Probe begann. Nun ist es wohl bekannt, daß der große Mime, obgleich er jede seiner Paraderollen wohl mehr als hundertmal gespielt hat, doch ohne Souffleur nicht fertig wurde. So auch hier. Er begann seine Szene, und entweder fehlte ihm ein Wort oder aus Gewohnheit blickte er in den Kasten, stutzte, fuhr zurück, blickte wieder hin und wandte sich zum Regisseur mit den Worten:„Auf diese Frau kann ich nicht spielen, die stirbt bis Abend; sie hat ja das Fieber im höchsten Grade.“„Bewabre!“ antwortete der Regisseur,„die Frau sieht immer so leidend aus.“—„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, die Frau stirbt, sie hat das Fieber!“— Dabei blieb er, und es kostete Mühe, ihn zu bewegen, weiter zu spielen, wobei er immer ängstlich in den Kasten blickte, vielleicht um jeden Augenblick die letzten Seufzer der armen Frau 5 hören.— In⸗ dessen ging die Probe noch vor dem Ableben derselben zu Ende, jedoch hatte die Souffleuse erfahren, daß ihr bleiches Gesicht dem Gaste nicht gefiel, und so schminkte sie sich denn Abends knallrothe Backen. Die Vorstellung be⸗ gann, Döring tritt auf, sieht in den Kasten und bemerkt, wie ihm die Souffleuse mit dem rothen Gesicht selbstzufrieden zunickt. Er erschrickt, spielt aber doch meisterlich wie immer. Sobald er aber in die Koulisse kommt, packt er den Regisseur bei den Schultern und ruft:„Was hab' ich Ihnen gesagt? Die Frau stirbt, jetzt ist das Fieber zum Ausbruch gekommen, sie glüht ja, wie ein gesottener Krebs!“ Lachend erklärte der Regisseur ihm den Grund dieses Erröthens und der große Mime rief lachend:„Na, ist das ein verrücktes Frauenzimmer!“ Uebersetzung. Ein Schauspieler bemerkte auf einer Probe zu seinen Kollegen:„Das Wort Souffleur läßt sich doch gar nicht in's Deulsche über⸗ setzen.“—„Ei, warum denn nicht,“ antwortete rasch der berühmte Komiker Nestroy,„statt Souffleur sage man einfach— Kasten⸗Geist.“ M. * Skat-Aufgabe Nr. II. Problem Nr. 446 5 i ck. Der Spieler in der Mittelhand hat folgende Karten: 8 0 1 Er 1 3 3— Sn Im Skat liegen Pique 7 und Coeur 7. 2., 75 4* i n e Der ersten Hälfte fehlt ein Fuß, um einen Dichter zu benennen,. 2, 9 5 9 N N Die zweite wir als Höhen 10 im braunschweigischen Lande kennen. 9 5 2 Halb komisch und halb häßlich wird sich stets des Ganzen Anblick zeigen,., 4 Die Kunst, es wohl zu schneiden, ist aher besonders Narren eigen. 5, 1, Magisches Quadrak. N N N D i, Aus folgenden Buchstaben: g 1 1., 2 „ e, e 2 22 4 EE. e. 9 3 2 1 .. 2 2. 1 „ a b 0 d e F g h LM NIN 3 Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge Matt. On Partie Nr. 255, sind vier Wörter zu bilden und so zu ordnen, daß dieselben, von oben nach gespielt am 22. August v. J. auf dem Jubiläumsfeste des Kölner Schach klubs. unten und von links nach rechts gelesen, in den korrespondirenden Reihen 7 9 255 15 Rich ter 1 19 5 00 8 115 leiche Worte ergeben. e2—e eI—e 4 1497—.5 g 1 vier Reihen ergeben: i 2) 81-13 SbS-c 16) De2—ds i(6— 6512) I. Den Namen eines römischen Kaisers, 2. Einen männlichen Vornamen. 4 6 1 18. 1 3. Den Namen eines Schriftstellers. 4. Einen weiblichen Vornamen. 5) d2—44 118—e7 19) Les da: 8 0— 6) 11 55 97 8 1 0 20 1 8 d7-— 5! 7) cs: 7— c: 21) b2—b4 Le8S-t Dreisilbige Charade. 8) daes: Sde—b7 22) Ddg—b3 da- dg 9) 2-64 6—0 23) Te2—a23 do- ca: Es nennen dir die ersten vier 10) 813-44 D dS- es 240 Db—64 If5-c Ein friedliches und sanftes Thier, 11) a2—a32 Sb7- ds 25) De4- da: 1b8 ds Das weidet auf der Flur; 12) 8d4 5 716 26) Dd3- 629 16 fe Und weiter bilden in der Reih' 13) Stö5—e7f DdsS—e7 27) D212. TdS dl 5 1 an die nächsten zwei. 14) TII—el Sds—e6 28) 52—fi Tal fit 5 ersönlicher Natur! 3 1) Tempoverlust, stärker war erte nebst Leg. 1 Die letzten vier sind wohlbekannt 2) 1775 ging offenbar nicht wegen 17) Das: Als ganz besond're Art von Land, Stwas kesser war ubs. * 5) Schwarz kündigte hierauf Matt in drei Zügen an; derselbe hübsche Schluß wäre auch Zumeist in Deutschlands Nord; auf De? gefolgt; Weiß hatte il der That nur den einzigen Rb der Dame nach 1, da Ein alter Name, den umspann. auf Dfs ein Thurm verloren war: 27) P18: g: 28) Laz: Taz: 29) Tdi Kg2 30) Tbl. 2c. Mit Melodien ein großer Mann,—— So lebt das Ganze fort. Aus der Schachwelt. 3 Das Programm für den in der zweiten seen des Juli in 5 am Main ab- eee ee n n ach bun 3 ist zur ind dect 7— 1 37 in; f:; 85 f 8. ür das Meisterturnier unter Leitung des Generalsekretärs Herrn Zwanzig sin reise: Auflösung der dreisilbigen Charade in voriger Nummer: Kartenhaus; 500 750, 500. 300, 200 und 150 Mart ausgesetzt, der Einsatz belrägt 25 Mart, Jule Anm. — des Räthsels: Grünschnabel;— des Rösselsprungs: dung muß vor dem 10. Juli an Herrn Je an Günther, Frankfurt a. M. Oederweg 5 2 126 erfolgen. Für die schönste Partie ist von Herrn F. H. Lewis in London ein Spezial- Trag' muntern Herzens deine Last preis von 1 fund Sterling gestiftet worden. Das Hauptturnier findet in Gängen flak, in Und übe fleißig dich im Lachen; denen jeder Theilnehmer mit jedem eine Partie zu spielen hat, und in derselben 3 W du an di nicht Freude hast die Gruppensieger um die vier ausgesetzten Preise: 300, 175, 125 und 100 Mark. Der Einsatz enn dir nicht ö beträgt für dieses Turnier 10 Mark. Für das erste der beiden Nebenturnsere mit drei Geld⸗ Die Welt wird dir nicht Freude machen. preisen 50, 30, 20 Mark und einem Schachwerk als vierten Preis, bleibt die 1 in 4 2 aße eue 12 e e— 5 1 Sau— 4 f eträgt der erste Preis 30 Mark, die übrigen Preise bestehen in sachwerken. e näheren Mußt stets an deiner Mutter Art, Bestimmungen des Problemturniers für Dres⸗ und Vierzüger unser Leitung der Herrn Kür schner 51 fehr 96 S8 dich 7 lun 7 50 ch wede sind 5 in Nr. 7 dieses Mund 4 59 In 1 N 5 Wie sehr die ale dir er tarrt, angt ein Vierzüger und ein Dreizüger zur Vorlage, deren Löfung in spätessens 2 resp. 1% : 75 d 1 e 5 Stunden schriftlich einzureichen ist— als Preise für die erste cortecke Lösung sind 20 und 10 Mt. Wahr' dir den flüss'gen Kern im Innern. Paul Heyse. ausgesetzt.— Nichtmitglieder des Bundes erwerben die 5 zur Theilnahme am Con- — des Kreu z⸗Räthsels: aug 9 Lösung einer Personalkarte zu 10 Mark; außerdem werden Tageskarten zu 1,50 Mk. ausgegeben. Für den sechsten amerikanischen Schachkongreß sind ein internationales Meisterturnser nebst engerem Match um die Schachmeisterschaft N ein 1 0 und ein Pro- bleinturnier in Aussicht genommen. Die Kosten werden auf mindestens 5000 Dollars geschätt und sollen durch freiwillige Beiträge und Substription auf das von Steinitz herauszugeben de Congreßbuch(Preis 10 Dollars) gedeckt werden. Der 7 Schachclub hat seine Be⸗ theiligung zugesagt. Das aus den Herren W. Ellsworth, C. Schubert und W. Steinitz bestehende Congreßcomits hat bereiis einen kurzen Prospecklus versandt. 1 R G Nach einer e der„Brüderschaft haben die Schachvereine von Dortmund, 3 Bielefeld und Iserlohn einen Westfälischen Schachverband in's Leben gerufen, 1 25 dem voraussichtlich in nächster Zeit weitere Vereine beitreten werden. Zur Aufnahme eines 11 neuen Vereins genügt die Anmeldung bei dem jeweiligen Vororte(in diesem 2 110 Dortmund), e e der Beitrag beträgt für jedes Mitglied eines zum Verdand gehörigen Vereins 50 Pfg. Alljährlich R E wird ein Turnier im Mai abgehalten. — — 8 Das Vorgabeturnier des Britischen Schachklubs, an welchem sich sechszehn Spieler betheiligt haben, weist gegenwärtig folgenden Stand der Spieler erster Klasse auf? Dr. Zulertort 12% dei zwei noch zu spielenden Partien, Hoffer 8½ bei 5 und Gumberg s bei 4 nicht gespielten Partien. EEE EIIEI GINA 0 e E In dem Winterturnier des Berliner Schachvereins stehen am Schallopp mit 9 . von 11. Simonson mit 10 von 14, Seufert mit 9 von 12 und Caro mit 8 von 12 e- spielten Partien. 5 Druck und Verlag der„Volks-⸗Zeitung“, Att.⸗Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105.