A — eee e ee . * NN — —— r Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Gießen, den 31. Oktober. Nr. 44. zu den Ouherhessischen Machrichten. Künstlergewissen. Novelle von H. Schobert. „Machen Sie das Buch zu und hören Sie mit dem Lesen auf, Gottliebe, Sie verderben sich noch die Augen. Eben schlug es Sieben. Um diese Jahreszeit und an solchem Regentag wie heute ist es schon viel zu dunkel, um derartige Samariterpflichten noch weiter auszudehnen.“ Eine kleine, schattenhafte Gestalt am Fenster, mit glatt an⸗ liegendem Haar, weißem Häubchen und nonnenhaft einfacher Kleidung schloß gehorsam bei dieser in energischem Ton gesprochenen Auf— forderung das Buch, das sie in Händen hielt und ließ es in den Schooß sinken. Ihre Augen wandten sich dem Sprechenden zu, aber sie sagte nichts. „Nun?“ fragte dieser ungeduldig.„Habe ich nicht Recht? Es ist schon dunkel und Ihre Stimme klingt ermüdet. Ich hasse heisere, nach Athem ringende Töne! Sie wissen das auch recht gut; wes— halb hörten Sie nicht von selbst auf?“ „Der Abschnitt war noch nicht zu Ende. Lektüre interessirte Sie, Herr Professor.“ „Sie bringen mich faktisch zur Verzweiflung mit Ihrer sanften Selbstaufopferung, Gottliebe! Mein Himmel, seien Sie einmal ungeduldig, einmal empfindlich, einmal wie andre Weiber! Er— regen Sie nicht immer das Gefühl in mir, als hätte ich mich vor Ihnen zu schämen, weil ich ein Tyrann wäre, der Sie unmotivirt mit seinen Launen plagt. Ich komme mir so schon gottsjämmerlich elend und verzweifelt vor!“ Mit einem tiefen Seufzer strich er über die hohe weiße Stirn und durch das lange, goldblonde Haar, das sich ihm in den Nacken herab ringelte, während er sich ungeduldig in die Sophaecke zurück— warf. Sein schönes geniales Gesicht mit dem kräftigen Kinn, der geschweiften Nase und den dunklen, stark gezeichneten Brauen über hellen Augen, trug einen Zug herber Gereiztheit, verzehrender Qual, der es im Ausdruck wohl beeinträchtigte, aber auch zugleich sym⸗ pathischer machte, denn hätte dieser gefehlt, so würden statt seiner unbändige Herrschsucht, krasser Egoismus, Hohn und Weltverachtung ihren Stempel auf dasselbe gedrückt haben. Immer tiefer wurde die Abenddämmerung, die in das stille Zimmer kroch. Von der dunklen Sophalehne zeichnete sich nur noch das schöne bleiche Männergesicht wie ein weißer Fleck und die kleine Gestalt am Fenster wie eine dunkle Silhouette in dem grauen Licht. Keiner von ihnen sprach ein Wort. Plötzlich seufzte der Professor fast stöhnend auf und Gottliebe fuhr bei dem Laut zusammen, legte die Hand auf's Herz, beugte den Kopf weit vor in der Dunkelheit und öffnete einen Augenblick die Lippen. Aber sie sprach wieder nicht. Was sie ihm sagen konnte, banale Trostesphrasen, erschien ihr selber so kleinlich, so unwahr, solch' ein Hohn einem wirklichen Ich glaubte, unsere Und dann begann er wieder, aber in einem gänzlich veränderten Ton, reuig, schuldbewußt, beinahe demüthig bittend: „Sind Sie noch hier, Gottliebe? Wollen Sie es wirklich bei mir aushalten? Armes Kind, ich quäle Sie so sehr, aber ich kann nicht anders! Kommen Sie her, setzten Sie sich zu mir, geben Sie mir Ihre Hand, damit ich es fühle, daß ein menschliches Wesen wenigstens mir nahe geblieben ist, trotz des Elends, das mich um— giebt. Erzählen Sie mir etwas,— lassen Sie uns plaudern— nur nicht ewig denken und wieder denken müssen! Es führt zum Wahnsinn! Wo sind Sie, Gottliebe?“ Er fuhr tastend und suchend mit seiner Hand in die leere Luft, rechts und links, bis er sie berührt und festgehalten fühlte. Weich und warm legten sich schlanke Finger um die seinen und nun griff er zu und zog das Mädchen neben sich auf's Sopha. Scheu, wie ein furchtsamer kleiner Vogel drückte sie sich ganz in die Ecke, aber ihre Hand entzog sie ihm nicht und langsam tastend glitt er über sie hin, folgte ihrer klassisch schönen Form vom Hand— gelenk abwärts bis zu dem schmal zugespitzten Nagelglied, fühlte die sammtartige Weiche der Haut und hielt endlich inne, als er die Stelle traf, wo das Blut pulsirte. Er schien überrascht. „Wie erregt Sie sind, Kind!“ sagte er ohne Weiteres,„gestehen Sie es doch zu, Sie sind innerlich empört über den Despotismus, den ich mir Ihnen gegenüber anmaße, und nur zu gutherzig gegen einen armen Blinden, Ihrer Entrüstung Worte zu leihen.“ „Nein, Herr Professor,“ die Stimme der Sprechenden hatte die vorherige Müdigkeit überwunden und vibrirte wieder in ihrer ganzen klangvollen Tonfülle.„Sie machen sich schlechter wie Sie sind, von Despotismus habe ich noch nichts bemerkt und eine ge— wisse Gereiztheit bedingt Ihr Zustand.“ „Mein Zustand!“ wiederholte er gepreßt und legte ihre Hand auf die lichtlosen Augen, denen kein Fremder anzusehen vermochte, daß ihnen die Sehkraft mangelte.. „O Gottliebe, der qualvollste, der erbärmlichste Tod wäre solch' einem Dasein tausendmal vorzuziehen!“ „Sie werden genesen, Herr Professor.“ „Werde ich das?“ rief er mit höhnendem Auflachen.„Wo steht das geschrieben? Wo? Wer sagt Ihnen, ob die Aerzte, die mir das vorhalten, nicht Ignoranten sind, oder vielleicht diesen Trost aus Barmherzigkeit erfunden haben, um mich abzuhalten, meinem Leben selbst ein Ziel zu setzen und mich mit kargem Hoffnungs⸗ schimmer hinfüttern wollen, bis ich mich an das Entsetzliche gewöhnt habe. Aber ich sage Ihnen, Gottliebe, nie und nimmer ertrage ich das! In ewigem Dunkel dahinleben, ohne Zweck, ohne Ziel, nicht mehr sein wie ein neugeborener Hund, baar alles dessen, was bis⸗ her unser Streben, der Inhalt das Lebens gewesen, ein Gegenstand des Mitleids, der Hilflosigkeit! Mag ein Anderer es auf sich nehmen, Jammer gegenüber, daß sie sich scheute, sie auszusprechen. —— —̃— — —— 1 1 1 — ... Tt... N — 75 0 2346 ruhig, sich demüthig beugen unter der Zuchtruthe eines allmächtigen Gottes, wie die kindlichen Gemüther es in frommem Wahn nennen mögen, ich! ich beuge mich nicht, ich verlache diesen Gott, der mich zu einem unwürdigen Dasein zwingen will. Habe ich nicht die Macht, das Dunkel um mich zu erhellen, so habe ich doch die Macht, meiner Existenz ein Ziel zu setzen, und ich schwöre es Ihnen, das wird ge⸗— schehen!“ Ungestüm war er aufgesprungen, den einen Arm wie beschwörend in die Luft hinausgeworfen, den stolzen Kopf hoch erhoben, stand er da wie ein Titan, der sich vermißt, mit den ewigen Göttern den Kampf aufzunehmen. Gottliebe sah stumm zu ihm empor, die Dunkelheit verbarg den Ausdruck ihrer Züge, dann erhob sie sich geräuschlos, faßte nach dem ausgestreckten Arm und zog ihn leise, aber unwiderstehlich zu sich herab. „Sie dürfen sich nicht so aufregen, Herr Professor,“ sagte sie aber in ihrer Stimme zitterte etwas wie verhaltene Thränen. „Mein guter Engel,“ murmelte er und strich mit der Hand über ihr schlichtes Haar. Sein Haupt war jetzt gebeugt, die mächtige Gestalt zusammengesunken, der Titan besiegt. So sank er wieder in die Sophaecke zurück, schweigend, gebrochen, ein blinder Mann! Den Kopf in die Hand gestützt saß er da lautlos und regungslos, als ob er die Nähe seiner Gesellschafterin gänzlich ver— gessen habe. Aber es mußte doch wohl nicht ganz der Fall sein, denn plötzlich fing er an zu sprechen, ohne sich nur vorher vergewissert zu haben, daß sie noch still neben ihm saß. „Blind sein! Wer kann es fassen und begreifen, der es nicht selbst erfahren! Tag und Nacht immer dasselbe schaurige Dunkel, nur von Tönen unterbrochen, die an unser Ohr schlagen, ohne daß wir wissen, von woher sie kommen. Die Wärme der Sonne fühlen und ihr Licht nicht sehen, die langen einförmigen Stunden an uns vorüberschleichen lassen, ohne Eindrücke zu empfangen oder auszugeben. Und dabei eine heiße, glühende Phantasie, dabei die Erinnerung an Farbe und Schönheit, in der man geschwelgt, die Kraft und das Können in der Faust, diese Phantasieen auf die Leinwand zu zaubern, die verzehrende Sehnsucht, einmal, nur einmal wieder schaffen zu dürfen— und blind!— blind!—“ Er griff jetzt wieder nach der Hand des Mädchens; heiß und leidenschaftlich drangen die Worte über seine Lippen: l „Ich habe die Schönheit vergöttert, wo ich sie gefunden! Unter den Lumpen einer Bettlerdirne oder der Seide und dem Sammt einer Herzogin! Formen und Farbe war mir Alles! Was sich dar⸗ unter barg, ich habe es selten der Mühe werth gehalten, solche Schatzgräbereien anzustellen! Mir genügte ein Lächeln um üppige rothe Lippen, der Ausdruck eines schimmernden Auges, ein pikantes Profil. Alle die, die in Fleisch und Blut um meinen Tisch saßen, mir waren sie Idealgeschöpfe meiner Phantasie, und als solche liebte ich sie alle miteinander. Mein„Gastmahl des Dyonisios“ hat mich berühmt gemacht. Wem verdankte ich den Ruhm? Den funkelnden Burgunderperlen, die in dem weißen Rosenkranz einer Schönen zitterten, den schwellenden Armen und Schultern, den feuchten Lippen und Augen meiner Bachantinnen! Und ich habe das Alles gesehen, meine eignen jetzt todten Augen haben sich satt getrunken an der berauschenden Schönheit von Licht und Farbe. Ich habe das alles gesehen! Begreifen Sie es nun, daß ich blind zu Grunde gehen muß?— Man wird Ihnen erzählt haben, daß ich toll und wüst ge— lebt, daß mein Leiden die naturgemäße Folge von Ueberanstrengung und Narrheit ist, aber glauben Sie denen nicht, Gottliebe! Meinen Sie, auch nur einer von all jenen Alltagsseelen begriffe den Flug des Genius? Was sich ihnen nicht in die hergebrachte Form fügen will, das verläumden und begeifern sie, ziehen es in den Koth herab und stehen dann triumphirend dabei, zeigen mit den Fingern her— unter und hohnlachen: Seht, er war weniger wie wir und dünkte sich doch so viel mehr!— Wenn dann aber der Genius seine Flügel unerwartet ausbreitet und mit gewaltigen Schwingungen hoch über ihre Köpfe hinweg in den Aether hinaufsteigt, dann stehen sie mit offnem Munde da und bewundern ihn— haha, sie bewundern ihn! „Auch mich haben sie bewundern gelernt, obgleich ich ihnen heimlich ein Dorn im Auge geblieben bin, auch mir huldigten sie, hoben mich in den Himmel— und doch bin ich überzeugt, daß sie sich heimlich zuraunen: Eine gerechte Strafe für sein Leben! Aber was frage ich nach den Menschen! Mir selbst genug thun wollte ich und hätte es gekonnt, wenn— ich sehend geblieben wäre.“ Er stöhnte laut auf, und Gottliebe drückte leise seine Hand und versuchte ihn zu trösten. „Ja, Sie sind gut,“ erwiderte er ihr mit schwachem Lächeln, „und ich dürfte Ihnen dankbarer sein. Sie haben eine sanfte Stimme und eine so schöne Hand, ich liebe das bei Frauen, ob⸗ gleich es mir zum ersten Mal geschieht, daß ich eine Ihres Geschlechts so beurtheilen lernen muß wie Sie. Früher hielt ich es für die einzige werthvolle Tugend, für die eigentliche Summe ihrer ganzen Existenz, schön zu sein und den Augen des Mannes zu gefallen, nach dem Mehr oder Minder bemaß ich die Berechtigung ihres Seins. Der Kultus, den ich mit der Schönheit des Weibes trieb, mag vielleicht übertrieben sein, aber er entsprang zu sehr der Grund⸗ bedingung meiner eignen Existenz. O, und wie oft habe ich im Staube vor meinen Götzenbildern liegen dürfen!— Ob sich meine Ideale auch mit dem Herzen zu mir herabneigten, wenn sie mich emporhoben, das weiß ich nicht, ich vergaß es stets, darüber nach⸗ zudenken und kam deshalb in den bösen Ruf eines Frauenverächters; erst Ihnen gegenüber, Gottliebe, ist mir eine Ahnung dessen gekommen, was das Herz einer Frau unter Umständen bergen kann: Verhüllte Aufopferung, stumme Tugenden, liebevolle Zärtlichkeit.“ Eine helle Gluth war in die Wangen des Mädchens geschossen, jetzt zum ersten Mal entzog sie ihm fast heftig ihre Hand. „Sie irren, Herr Professor, ich thue nichts weiter als meine Pflicht, das fordert die Anstalt von jeder ihrer Pflegerinnen.“ „Ihre Pflicht, so, so!“ meinte er, den Kopf in die Hand stützend und die schönen Augen ihr zuwendend, während ein ironisches Lächeln um seine Lippen zuckte.„Dann muß ich gestehn, daß Ihre Anstalt sehr viel von Ihnen verlangt! Ihre Pflicht ist es also, meine end⸗ losen Jeremiaden geduldig anzuhören, meine Launen und wechseln⸗ den Stimmungen sanftmüthig zu ertragen, Ihre Pflicht, mich zu zerstreuen und zu erfreuen, wo Sie nur können.— Ach, gehen Sie,“ fuhr er ungeduldig fort,„mir machen Sie das nicht weiß, ich fühle Ihre Theilnahme an dem Ton Ihrer Stimme, dem Druck Ihrer Hand und— ich danke sie Ihnen.“ Gottliebe seufzte tief auf. „Wenn Sie sehen könnten, Herr Professor, so würde sich das unscheinbare Mädchen nicht im Geringsten Ihrer Beachtung rühmen dürfen, Sie würden mir keinerlei Existenzberechtigung zugestehn, denn ich bin häßlich.“ „Sind Sie das wirklich?“ fragte er mit leisem Auflachen. „Nun, Ihre Stimme und Hand genügen meinen Ansprüchen voll⸗ kommen, Ihr Fuß wird sich dasselbe nachrühmen dürfen.“ „Das, was Sie hervorheben, ist gerade das Wenigste,“ meinte sie etwas gereizt,„es würde Ihnen unmöglich alles Andere ersetzen, sobald Sie prüften.“ „Sie sind allerdings klein und zart und schmächtig, wie eine Elfe,“ gab er zu.„Ich könnte Sie bequem auf meinen Armen forttragen.“ „Und mein Gesicht ist lang und blaß, Nase und Mund zu groß, Augen zu klein—“ „Welche Farbe?“ examinirte er weiter. „Grau.“ „Und das Haar?“ „Braun, aber ihm mangelt jede Ueppigkeit. verdeckt es nur. Sie sehen also——“ „Gottliebe,“ unterbrach er sie und legte den Arm um ihre Taille, „ich schenke Ihnen den Rest; wie Sie aussehen, weiß ich am Ende besser, als Sie glauben. Eine Charitas sind Sie, ein engelhaftes, engelgleiches Geschöpf, wenn auch keineswegs eine Schönheit; ich würde Sie, wenn ich Sie malte, neben einen todtwunden Krieger stellen, aber ich habe keine Lust, Sie zu malen, selbst wenn ich es könnte, ich hätte Lust, Sie an meine Seite zu fesseln, für immer und ewig; an die Seite eines blinden, egoistischen Mannes, der gewöhnt ist, jeder Laune den Zügel schießen zu lassen, ob zu seinem oder Anderer Nachtheil. Gottliebe, würden Sie vor dieser Aufgabe nicht zurückschrecken?“ Sie hatte sich jäh erhoben und war ihm entflohen, ihr Herz klopfte so stürmisch, ihre Wangen brannten. Die Erregung, die sie befallen, mußte sie ihm verbergen um jeden Preis. Eine Weile blieb es still nach seiner Frage, sein aufmerksam lauschendes Ohr vernahm keinen Laut. „Gottliebe!“ rief er endlich leise und dann, beide Arme in die Das Häubchen Leere streckend, setzte er schmerzlich hinzu:„O bleiben Sie bei mir, e eee 15 r eee eee 1 ie le t 2347.. — Lange N N e eee —.— * 5 15 8 5 1 E 75 1 5 5 45 18 4 lassen Sie mich nicht allein! Mein guter Engel geht mit Ihnen. Oder ist es zu viel verlangt, daß ein Blinder ein treues, opfer— williges Herz an sich zu ketten sucht, damit es ihm den dunklen Weg ein wenig erhelle? Nun ja, es liegt vielleicht eine ungeheure Selbstsucht in diesem Begehren nach Glück, aber wer kann darüber hinaus!— Wo sind Sie, Gottliebe? Warum antworten Sie nicht? Ist meine Werbung nicht einmal das werth?“ Der Ton seiner Stimme klang allmählich gereizt, der herbe, verächtliche Zug um seine Lippen trat schärfer hervor. Sie kam langsam näher, die Hände auf die Brust gedrückt. „Ich bleibe bei Ihnen, auch ohne das, so lange Sie meiner bedürfen,“ sagte sie endlich zitternd. Ihre Antwort hatte ihm die Richtung angegeben, wo sie stand; wie ein Sehender griff er plötzlich energisch nach ihrem Arm und hielt sie fest. „Nein, das genügt mir nicht. Ich will, daß Sie mir an— gehören für Zeit und Ewigkeit, daß Sie mein sind für den Rest des Lebens. Ich muß etwas haben, das unlöslich mit mir ver— bunden ist, wie auch die Zukunft sein mag. Sie— Sie dürfen nicht gehen und mich allein lassen, selbst wenn ich Sie manchmal quäle, oder die bodenloseste Verzweiflung bräche wieder auf's Neue über mich herein.— Was geben Sie denn auch auf, daß Sie so lange schwanken können? Eine Schaar ungeduldiger Patienten ver— tauschen Sie gegen Einen, eine schmucklose Pflegerinnenwohnung mit dem eleganten Hause des Professors Roland Hartenstein, Armuth oder zum Mindesten Einschränkungen mit dem Komfort und Luxus—“ „Nicht weiter, Herr Professor! Gerade diese Erwägungen sind es, die meine Antwort diktiren. Ich bin ein einfaches, bescheidenes Mädchen, unscheinbar und unbeachtet von Jugend auf; ich passe nur zu meinem selbstgewählten Beruf.“ Er zog sie unwiderstehlich an sich und schloß sie in seine Arme. „Als ob ich das Herzklopfen nicht hörte, das den Ten Ihrer Stimme dämpft, Gottliebe, die Gluth der Wangen nicht spürte, die das rebellische Blut hervorruft! Warum sind Sie so thöricht, Kind! Glauben Sie wirklich, ich wüßte nicht, daß Sie mich schon lange lieben? Glauben Sie wirklich, der Ton Ihrer süßen Stimme klänge so lind und sanft, wenn ich Ihnen nur der erste beste Patient in Doktor Armstrongs Klinik wäre? Alle die kleinen liebevollen Auf— merksamkeiten, an denen Ihr weibliches Empfinden so reich ist, wären dem Pflichtgefühl allein entsprungen? Das hätten Sie für Jeden gehabt, was Sie mir entgegenbrachten, war mehr,— war Liebe!“ Gottliebe hatte den Kopf tief gesenkt, heiße Thränen rannen über ihr blasses Gesicht. Er hatte ja Recht mit jedem Wort, das er sagte, und doch,— daß er es empfunden, so lange schon,— daß es ihm kein Geheimniß war, was sie sich selber doch kaum zugestehen wollte, erfüllte sie mit brennender Scham. Wie ein namenloses Glück war es ihr erschienen, daß sie für ihn sorgen durfte, seine Launen ertragen, sein bittres Loos erleichtern. Sie hatte an kein Aufhören denken mögen, denn was hinter dieser Zeit lag, war für sie nur noch Erinnerung, aber auch an keinen Wechsel, wie er ihr jetzt geboten wurde. Eine namenlose Angst erfaßte sie, eine Angst, die sie betäubte und nichts neben sich aufkommen ließ. Eine Minute vielleicht gab er ihrer Erregung nach, dann strich er mit der Hand über ihre feuchten Wangen. „Wozu Thränen? Sie rufen in mir immer die Vorstellung an verschwollene rothe Augen und Nasen hervor. Sie sind häßlich und entstellen. Frauen sollten niemals etwas thun, was sie auf alle Fälle unschön macht.“ 5 a „Aber ich bin ja häßlich!“ rief sie außer sich und schlug die Hände zusammen. i i Er lachte.„Die alte fixe Idee! Kind, habe ich Dich noch nicht überzeugt, daß in diesem Punkt unser Geschmack auseinandergeht? So wie Du bist, will ich Dich, genügt Dir das nicht? Freilich, das häßliche Häubchen werde ich verbannen und Dich hübsch frisiren lassen, auch die Nonnentracht muß fallen. In sechs Wochen, Gott⸗ liebe, wird mein Urtheil gesprochen werden! Entweder Leben,— oder Verdammung, und Du wirst mich nicht verlassen, nicht wahr? Nie mehr! Meine Kunst wird Dir keine Nebenbuhlerin, sie wird Dir eine Freundin werden, nicht wahr, Kind? Du bist so ruhig und vernünftig, Eifersucht auf meine Ideale habe ich nicht zu fürchten. Dann will ich schaffen!— Mit Stolz sollst Du auf Deinen Gatten blicken, Gold, Ruhm und Ehre sollen Dir zufließen— meiner barm⸗ herzigen Samariterin. Ach!“— er schlug sich plötzlich mit der Hand vor die Stirn—„ich Thor! Ewiges Dunkel ist vielleicht mein Loos, und in diesem Dunkel nur ein Stern, ein einziger, Du, Gottliebe! Küsse mich, damit ich fühle, daß Du zu mir gehörst!“ Gab es auf der ganzen Welt eine Stimme, die bittender und be— fehlender zu gleicher Zeit klang? Mochte die ausgeprägteste Charakter— eigenschaft Roland Hartenstein's Tyrannei sein, er unterjochte eben All und Jeden, der in seine Nähe kam. Gottliebe schlang die Arme um seinen Hals, ihre zitternden Lippen berührten die seinen. „Sage mir, daß Du mich liebst!“ „Ich liebe Dich, Roland! Mehr wie mein Leben, mehr wie meine Seligkeit! Schon alle die Jahre hindurch, seit ich Dich das erste Mal in der Kunst-Ausstellung gesehn. Ich bin Dein Geschöpf, mache aus mir, was Du willst!“ „Gottliebe!“ rief er und riß sie ungestüm an sein Herz. Er, der seine Augen bis zu Fürstenhöfen emporzuheben gewagt hatte, er fühlte in diesem Moment eine triumphirende Seligkeit, das un— beachtete Mädchen an sich zu fesseln, das er sonst vielleicht garnicht beachtet, und das allein ihm treu geblieben war in dem Jammer seiner lichtlosen Existenz. (Fortsetzung folgt.) Minona Irieb-Blumauer. Schicksal und Phantasie wandeln in der Regel verschiedene Wege. Der Mensch, welcher sich einen gewissen Glücksstand errungen hat, muß sich stets bei der Rückschau auf seinen Lebenslauf sagen, daß seine Illusionen alle zerronnen sind, und daß seine Wünsche sich ganz anders erfüllten, als seine Jugendträume ihm vorspiegelten. Diese Erfahrung machte ganz besonders jene hochverehrte Künstlerin, welche uns der Tod am ersten August dieses Jahres entrissen hat. Die Verewigte war im Jahre 1816 als der Sproß einer alten Künstlerfamilie geboren. Ihr Vater, Karl Blumauer, hatte sich als Schauspieler und Verfasser mehrerer Erziehungsschriften einen guten Namen erworben und übernahm dann in späteren Lebens— jahren als Theaterdirektor mehrere Provinzbühnen. Zur Hauptstütze seiner Unternehmungen wurde seine älteste Tochter, welche er zur Koloratursängerin hatte ausbilden lassen. Die kleine Minona blickte während ihrer Schulzeit schon mit Bewunderung und stets wachsender Eifersucht auf diese ältere Schwester, welche als Primadonna an jedem Abend ihres Auftretens eine reiche Beifallsernte einheimste. Der Drang, die weltbedeutenden Bretter zu beschreiten, wurde in ihr übermächtig, als sie ihr letztes Schuljahr in Mecklenburg-Strelitz zu absolviren hatte und ihre Schwester dort als Sängerin hoch ge⸗— feiert wurde. Lange hatte sie vergeblich den Vater gebeten, er möge ihr doch endlich eine kleine Gesangsrolle anvertrauen. Dieser hatte die feste Ueberzeugung, daß Minona keine Spur von Talent besitze. Nun belagerte sie das Ohr der Mutter mit Bitten, und diese wußte es durchzusetzen, daß der Vater ihrem Liebling die erste Kranzjungfer im„Freischütz“ anvertraute. Das große Ereigniß, daß Minona in den 1 0 einer Rolle gelangt war, brachte eine ungeheure Sensation im Kreise ihrer Mitschülerinnen hervor, und der kleine, rothhaarige Backfisch sonnte sich bis zum Tage der Vorstellung in der Bewunderung der Mitschülerinnen. Als sie nun am Abend durch die Mutter in ein weißes, von blauen Seiden bändern umflattertes Kleidchen gesteckt wurde, und ihr Haar in zierlichen Löckchen sich um Stirn und Hals ringelte, lebte sie der freudigen Zuversicht, daß ihr erstes Debüt zu einem großen Triumph werden müsse. Leider sollte sie bitter enttäuscht werden. Kaum hatte der Inspizient sie im Verein mit den andern Kranzjungfern auf die Bühne geschoben, kaum hatte sie im Parterre eine ganze Korona von Mitschülerinnen, und um diese herum die Honoratioren von Strelitz erblickt, so fiel ihr das Herz in die Schuhe und es überkam sie ein solches Koulissenfieber, daß sie vollständig gelähmt wurde. Ihre Schwester, welche ihr als Agathe gegenüberstand, suchte sie vergeblich zur Uebergabe des Kranzes zu ermuthigen, die kleine Minona war weder im Stande die Füße, noch die Zunge zu regen. Wie eine Bildsäule stand sie der Schwester gegenüber, und langsam entsank der Kranz ihren zitternden Händen. Vergeblich schlug der Kapellmeister mit dem Taktstock auf, vergeblich sang ihr die Schwester leise die ersten Takte vor, das„Wir winden dir den Jungfernkranz“ blieb ihr in der Kehle stecken. Als die Mit⸗ — 33 f . ö 0 ö 5 f ö — —....?!!—n——.. ——— —. * * — 2 . 8 — — 2348.. schülerinnen ihre tödtliche Verlegenheit bemerkten, brachen sie zuerst in ein höhnisches Kichern aus; das Kichern wurde zum Lachen, und dies Lachen steckte die große Masse der erwachsenen Zuschauer an. Mit bangen Befürchtungen in der Seele hatten unterdessen die Eltern hinter der ersten Koulisse gestanden. Als jetzt das Hohn— gelächter der Strelitzer heraufschallte, machte Vater Blumauer der peinlichen Scene dadurch ein Ende, daß er auf die Bühne trat, die sprachlose Minona am Arme faßte und sie hinter die Koulissen zog. Hier warf er sie der Mutter in die Arme und rief in zornigem Tone:„Diese Blamage hätten wir vermeiden können. Ich wußte es längst, daß kein Funke von Talent in diesem Mädel steckt.“ Die Folgen dieses Fiasko's waren sehr üble, denn als die jugendliche Debütantin am nächsten Tage die Schule wieder besuchte, wurde sie von den schadenfrohen Mitschülerinnen derart verhöhnt, daß sie aus der Klasse lief und nicht wieder zu bewegen war, dahin zurückzukehren. In der Familie Blumauer verwischten sich jedoch die Erinnerungen an dies Fiasko allmählich wieder und als sich später eine frische und ziemlich kräftige Singstimme bei Minona herausbildete, wußte die Mutter wieder ihren Gatten zu bestimmen, daß er den glühenden Wünschen der Tochter, Sängerin zu werden, nach— gab und sie das Konservatorium in Prag besuchen ließ. Als man ihre gesangliche Ausbildung als vollendet betrachtete, trat sie in Darmstadt, Aachen und anderen Orten als Opern— soubrette auf, ohne jedoch wesentliche Erfolge zu erzielen. Dies bewog sie, zum Schauspiel überzugehen. Im Theater zu Düsseldorf, welches der— zeit unter Immermanns Leitung stand, debütirte sie als muntere Lieb— haberin und mit einer Empfehlung von Immermann kam sie in Beglei— tung ihres Vaters nach Berlin, wo man ihr ein Probegastspiel am Kö— nigstädtischen Theater gewährte. Die Kritik behandelte den Gast sehr übel und die meisten Referenten waren der Ansicht, daß ihre Begabung für die Bühne in der Residenz nicht aus— reiche. Ein Kritiker übte auch seinen Witz an der jungen Debütantin und begann seine Rezension mit den Wor— ten:„Was soll uns diese unschein— bare Blume unterm rothen Dach.“ — Diese Anspielung auf ihr rothes Haar schmerzte sie— wie sie nach— mals einer Freundin vertraute— mehr als die vernichtendste Be— urtheilung ihrer Kunstleistung. Ihr Vater, welcher derzeit schon kränklich und mißgestimmt war, fand in der Beurtheilung seitens der Berliner Presse nur eine Bestätigung seiner eigenen Meinung und er rieth seiner Tochter ernstlich, die Bühne zu verlassen, und sich eine andere Beschäftigung zu suchen, da sie gar keine Befähigung für die Bühne besitze. Die arme Schauspielerin war der Verzweiflung nahe, und als ihr Vater sie nach jener Unterredung einige Stunden allein ließ, warf sie sich auf die Erde und brach in ein so herzzerreißendes Schluchzen aus, daß eine Nachbarin auf ihren Jammer aufmerksam wurde und, von Mitleid bewegt, in ihr Zimmer trat. Es war eine bucklige Schneiderin, welche sich über die Weinende beugte, sie liebevoll ansprach und ihr ein so warmes Mitgefühl zeigte, daß Minona sich getröstet fühlte und aus ihrer Gebrochenheit wieder aufrichtete. Die mitleidige Schneiderin aber that noch mehr für die Nachbarin; sie half derselben ihre dürftige Garderobe besser aus— statten und erwies ihr manche andere Gefälligkeit, so lange das berliner Gastspiel währte. Von Berlin ging Minona dann nach Brünn, wo sie den In— genieur Frieb kennen lernte, der ihr seine Hand anbot. Als Friebs Gattin verließ sie die Bühne— wie sie glaubte für immer. Die Ehe war keine glückliche. Nach vier Jahren trennten sich Minona Frieb Blumauer. die Gatten und Frau Frieb-Blumauer ging im Jahre 1841 mit ihren Kindern nach Wien, wo sie bei dem bekannten Theater⸗ direktor Karl Engagement als Liebhaberin und jugendliche Salon— dame fand. Hier erschloß sich ihr durch einen Zufall jene Berufs- sphäre, in welcher ihr Talent sich entfalten und mächtig entwickeln konnte. Im Leopoldstädtischen Theater stand die kleine Blüette: „Dreiunddreißig Minuten Aufenthalt in Grüneberg“ auf dem Zettel und am Morgen der Vorstellung erkrankte die komische Alte. Direktor Karl sah sich außer Stande, das Stück abzusetzen und so bat er Frau Frieb flehentlich, die Rolle der Rosaura zu übernehmen. Jene ging recht wider Willen an ihre Aufgabe, allein sie wagte die Bitte des Direktors nicht abzuschlagen. Sie spielte die Rolle zu ihrer eigenen Ueberraschung mit so glänzender humoristischer Wirkung, daß das Publikum völlig enthusiasmirt war und der Direktor sie nach der Vorstellung in's Büreau rief. Hier stellte ihr Karl eine bedeutende Gehaltserhöhung in Aussicht, falls sie sich entschließen könne, in das Fach der Mütter und komischen Alten überzugehen. „Sie sein's ja noch ein gar sauberes Frautscherl,“ sagte Karl,„und i be— greif, daß es ihna net leicht wird, ihr junges Gesichterl alt zu schminken, aber glauben's einem alten Praktikus, liebe Frieb, heint erst seins in ihr rechtes Fahrwasser kommen.“ Minona Frieb-Blumauer hatte im Alter von 25 Jahren ihr Talent entdeckt, allein die Entdeckung machte ihr keine Freude. Als sie sich um ihrer Kinder willen entschloß, die Vorschläge Karls anzunehmen, brach sie in heiße Thränen aus. Es war ihr zu Muthe, als müsse sie von der Jugend für immer Abschied nehmen, als seien alle Hoffnungen ihres Lebens in Nichts zerronnen. Als sie aber später von der Höhe ihres Lebens auf diese Wendung zurückschaute, mußte sie sich gestehen, daß ihre Ent— sagung sie zur künstlerischen Berühmt— heit geführt habe. Grade der Um— stand, daß sie als junge Frau in's ältere Fach überging, verschaffte ihr eine große Ueberlegenheit jenen Kolle— ginnen gegenüber, welche erst den Ver— fall ihrer körperlichen und geistigen Kräfte abwarteten, bevor sie in's ältere Fach übergingen. Die Frieb— Blumauer trat mit voller Jugend— frische in den neuen Wirkungskreis ein und konnte sich nunmehr künst— lerisch entwicktln. Von jenem Wiener Erfolge ab ging sie vollständig in ihrer Kunst auf. Es gab für sie fortan kaum eine Freude, kaum einen hohen Genuß, der außerhalb ihrer Berufssphäre lag. Am 6. April 1853 begann sie im königlichen Schauspielhause in Berlin ein auf Engagement abzielendes Gastspiel und errang einen glänzenden Er— folg. Was ihr die Freude an demselben herabminderte, war der Gedanke, daß ihr Vater nicht mehr Zeuge desselben sein konnte. Wie gern hätte sie demselben bewiesen, daß doch etwas von seiner Begabung auf sie übergegangen sei, wie gern hätte sie ein Lob aus seinem Munde gehört! Leider hatte der Tod Karl Blumauer von der großen Schaubühne des Lebens abgerufen. Minona gedachte dieses hochgebildeten trefflichen Mannes stets mit großer Dankbarkeit, und wenn man später ihre seltene Selbstständigkeit oder ihre an— muthigen und geistvollen Briefe bewunderte, so sagte sie mit einem dankbaren Aufblick: das sind die Erziehungsresultate meines guten Vaters. Einem andern Zeugen ihrer tiefen Niederlage bei dem ersten Gastspiel in Berlin konnte sie jetzt wenigstens ihr Talent und ihre Dankbarkeit beweisen, nämlich jener buckligen Schneiderin. Kaum war ihr Engagement an der Hofbühne perfekt geworden, so suchte sie jene Nachbarin auf und fand sie noch in demselben Stübchen, in welchem jene ihr einst Trost und Hilfe gespendet hatte und sie fand sie krank und in bedrängter Lage an. Es gewährte der neuen a eee 10 b 10 ell il Uf r el Hofschauspielerin die reinste Freude ihres Lebens, der armen Schneiderin Würde der gelehrten Frau und Schwiegermutter, die Rechthaberei ihre Gutthat vergelten zu können und so lange die letztere lebte, ist ihr Frau Frieb eine Freundin und Helferin geblieben. Vom Jahre 1853 ab gehörte sie dem königlichen Hoftheater — 349. der temperamentvollen Bürgerfrau und die drastische Komik einer Emanzipirten oder einer derben Wirthschafterin in den kräftigsten Farben zu schildern wußte, so glücklich traf sie auch den innigen, zu Berlin ständig als Mitglied an, und wurde eine Zierde und mütterlich-zärtlichen Gemüthston als Daja im„Nathan“, als Bärbele Frühreife Trauben! Stütze dieses Instituts. Im Verein mit Theodor Döring hat sie einer ganzen Reihe von deutschen Lustspielen zu glänzendem Erfolg verholfen. Wer die Beiden zusammen im„Störenfried“ oder in den„Dienstboten“ oder im„geheimen Agenten“, in„Kaudels Gardinenpredigten“ ihre humoristischen Glanzrollen spielen sah, der muße sich sagen, daß man Lustspielrollen einen feineren geistigen Reiz und eine mächtigere Wirkung nach der heiteren Seite hin kaum zu geben vermöge. Aber wie die Frieb in allen humoristischen Charakterrollen die komische Grandezza der Aristokratin, die beleidigte im„Lorle“ und vor allen Dingen als Märchentante im gleichnamigen Schauspiel von Gensichen. Die letztgenannte Rolle schuf sie noch in ihren letzten Lebensjahren, und es ist ein Beweis für ihre geistige Frische und ihre glühende Kunstbegeisterung, daß sie an der Grenze der siebzigerz Jahre diese Rolle mit einer Hingebung und Innigkeit des Tons darstellte, die alle Zuschauer auf das Tiefste bewegte. Frau Frieb errang bekanntlich während ihrer dreiunddreißigjährigen Wirksamkeit im königlichen Schauspielhause eine Popularität und Beliebtheit, wie sich deren außer ihr nur Döring rühmen konnte. 02 1 D N N ö ———— 9 2350.,. Auch bei der deutschen Kaiserfamilie stand sie in höchster Gunst. „Unsre Frieb“ nannte sie jeder Berliner, und„unsre Frieb“ hieß sie auch im kaiserlichen Palais. Aber auch weit über die Grenzen Deutschlands hinaus wurde ihr Name in ehrenvollster Weise ge⸗ nannt und als der feinsinnigste Kunstkenner Englands, der Goethe⸗ biograph Lewes nach Berlin kam, fällte er ein Urtheil über die Leistung der Frieb, als Großherzogin im„Geheimen Agenten“, welches in Wortlaut mitgetheilt zu werden verdient, da es die er⸗ schöpfendste Würdigung der unvergeßlichen Künstlerin enthält: „Wer sich Mrs. Glower's erinnert und sich ihren seltnen Humor, verbunden mit Madame Plessy's Feinheit denken kann, wird sich eine Vorstellung von Frau Frieb⸗Blumauers Spiel in der Rolle der salbungsreichen und würdevollen Despotin machen können. Ein gelassenes königliches Benehmen, eine gedämpfte, aber höchst be⸗ zeichnende Emphase, ein sanft gebietendes Wesen, das offenbar Widerstand für ganz unmöglich hält, eine zarte Modulation der Stimme und ein wundervolles Mienen- und Geberdenspiel entzückten uns fortwährend, während jeder neue Zug dem vortrefflichen Bilde volleres Leben verlieh. In einer Rolle, die so leicht zur Karrikatur werden kann, wie die einer Frau, welche sich stets hinter ihre„er— schütterten Nerven“ zurückzieht, streifte Frau Frieb-Blumauer nie in Blick oder Ton an Uebertreibung und wußte doch jeden kleinsten Zug ohne jede Absichtlichkeit so scharf hervorzuheben, daß kein Blick oder Ton unbemerkt blieb. Ihre Art zu sprechen war musterhaft. Das Senken der Augenlider und das Spiel der Hände machten sehr gewöhnliche Bemerkungen überraschend wirksam. Nicht als ob sie jemals auf Effekt gespielt hätte. Sie that nichts, um„das Haus im Sturm zu nehmen.“ Ich erinnere mich nicht, daß ein einziges Mal laut gelacht worden wäre. Aber sie war nie auf der Bühne, ohne die volle Aufmerksamkeit jedes Zuschauers in Anspruch zu nehmen, und von Anfang bis Ende durchzitterte uns jenes Entzücken, welches künstlerische Wahrheit in uns hervorruft. Ich habe seitdem erfahren, daß sie ebenso groß in dem niedern wie in dem hier be⸗ sprochenen höheren Lustspiel ist, und daß sie alle Dialekte beherrscht. So sonderbar es scheinen mag, daß diese durch Eleganz und feine Nüancirung so ausgezeichnete Schauspielerin auch im niedern Lust⸗ spiel vorzüglich sein soll, so kann ich es mir doch wohl denken; denn sie zeigt sich als eine Künstlerin, der man die Darstellung aller nicht außerhalb der Grenzen ihrer physischen Organisation liegenden Rollen zutrauen könnte. Unter allen Umständen darf man unbedenklich behaupten, daß die Berliner Bühne in ihr eine Schau⸗ spielerin im Fache des höheren Lustspiels besitzt, der(seit Mrs. Glower) keine Schauspielerin auf unserer Bühne an die Seite ge— stellt werden kann.“ Dies hohe Lob aus dem Munde eines Aesthetikers, welcher die größten Mimen unseres Jahrhunderts kannte, hat eine große Be⸗ deutung und„unsere Frieb“ verdiente den hervorragenden Platz, welchen Lewes ihr anwies, vollkommen. Sie hat sich zu dem⸗ selben emporgerungen, weil ihr das Schicksal im Anfang der Lauf— bahn schwer zu überwindende Hindernisse in den Weg legte. An diesen stählte sich ihre Kraft und bildete sich ihr Charakter. Auf treffliche Eigenschaften, die sie der guten Erziehung ihres Vaters dankte, gründete sich zum Theil ihr künstlerisches Vermögen. Sie war ein Muster in Bezug auf Ordnung und Fleiß. In der Kunst wie im Leben verließ sie sich niemals auf Andere. So oft sie in ihrem Leben eine Reise antrat, packte sie ihre Koffer selber und stets mit peinlichster Sorgfalt. Zum ersten Male erlaubte sie ihrer alten Wirthschafterin Louise den Koffer auszupacken, als sie aus Wiesbaden krank von ihrer letzten Reise zurückkehrte. Und während die Siebzigjährige der treuen Dienerin dabei zuschaute, schüttelte sie so trübe den Kopf, wie jemand, der sich eine unverzeihliche Schwäche zu Schulden kommen läßt. Führte das Schicksal die Künstlerin auf ganz andere Wege als sie in der Jugend erträumt hatte, so errang sie doch Erfolge, welche ihre kühnsten Wünsche überflügelten. Was eine Künstlerin in ihrem Vaterland an Ehren und Belohnungen zu erreichen vermag, das fiel ihr zu. Als sie im Jahre 1878 ihr Schauspieler-Jubiläum beging, wurden ihr Beweise der Verehrung und Liebe zu Theil, welche sie tief rührten. Und der Tod erschien ihr fast wie ein wohlmeinender Freund; er rief sie ab, als die Erschöpfung der physischen Kräfte sie an der Ausübung ihrer Kunst zu hindern anfing. Unsere Frieb aber wäre in tiefe Schwermuth versunken, wenn der Verfall der Kräfte sie gezwungen hätte, der Welt des Scheins zu entsagen. Ein Leben fern vom Theater würde sie nicht ertragen haben und so ließ ein gütiges Geschick sie entschlafen, bevor sie ihren Ruhm gefährdete. Wer sie aber kannte, wird ihrer gedenken als einer freundlichen, herzgewinnenden Erscheinung, von der die Strahlen der Kunst und des Humors aus— gingen und einen warmen goldigen Schein über das nüchterne Alltagsleben breiteten. R. E. Die Stimmen der Natur. (Schluß.) Es schien mir, als ich dies süße Abendkonzert hörte, daß ich um mehrere Millionen Jahre vor der Erschaffung des Menschen in jene ferne primäre Epoche zurückversetzt wäre, wo die Lebenskraft unseres Planeten sich hauptsächlich durch zwei große Systeme von Organisationen repräsentirte: im Wasser die ersten Wirbelthiere, die Fische, auf dem Lande die ersten Pflanzen, die vegetalen Cryptogamen, ohne Blumen, ohne Duft, ohne Früchte. Die göttliche Absicht der steigenden Vervollkommnung hatte noch keine besser organisirten Geschöpfe hervorgebracht, weder im Thier⸗ noch im Pflanzenreich; aber sie hatte sich bereits herrlich dargethan in den verschiedenen aufsteigenden Graden, welche nacheinander vom Mineralreich zu den Fischen und Insekten einerseits und den Farn— kräutern und Sigillarien andrerseits sich verfolgen lassen. Sie fuhr fort zu schaffen und zu erzeugen mit einem Eifer, viel erstaunlicher und wunderbarer als bis dahin, gleichzeitig mit den Vögeln und Säugethieren ließ sie empfindsame und karnivorische Pflanzen ent⸗ stehen, die Mimosen, die Drosera, und schließlich schritt sie fort bis zur Erschaffung des Menschen. Denken wir uns in die Wälder, in denen einst die Grille zirpte, zurückversetzt. Die Thiere jenes Zeitalters, die primitiven Pflanzen sind armselig, letztere ohne alle Blumen— diesen Hochzeitsschmuck— und ihr Name Cryptogamen(verborgene Hochzeit) versinnbildlicht treffend diesen Zustand. Es giebt noch keine getrennten Geschlechter. Die betreffenden Organe sind so sehr verborgen, so mikroskopisch winzig, so geheim, daß noch bis vor Kurzem bedeutende Botaniker an ihrer Existenz zweifelten. Die Art der Erzeugung bleibt noch rudimentär, verschwommen, unbestimmt und hat diese Vervollkommnung der Trennung der Geschlechter, der Nothwendigkeit der Verbindung zweier verschiedener Wesen, die sich dennoch ineinander ergänzen, nicht erreicht, diese Vervollkommnung so überaus beglückend für alle Wesen, diese Ver⸗ vollkommnung, die sich nur mit dem Fortschritt entwickeln konnte, und von der man nicht zu fürchten braucht, daß sie je wieder ver— schwinden wird. Damals also gab es keine Blumen, keine Koketterie, keine Wohlgerüche, keine Begeisterung, keine Sehnsucht, kein Umarmen. Liebe nur der Mollusken, Krustaceen und Fische. Aber die rastlose Natur erhob sich bald zu einem Ideal, wunderbar empfindsam und poetisch. Aus den Kryptogamen gingen die Phanerogamen hervor wie aus den Wirbellosen die Wirbelthiere. Der Blumenstempel entstand, die Staubfäden suchten ihn auf, der befruchtende Staub kam, um durch geheimnißvolle Berührung den jungfräulichen Frucht⸗ knoten zu wecken und die Pflanze umzugestalten. Von den Pilzen erhebt sich das Leben zur Rose, von der feuchten Erde schwingt es sich zu den Engeln empor. Seit langer Zeit sind die Geschlechter bei den Thieren getrennt, und diese Trennung ist die hauptsächlichste Ursache der Vervoll— kommnung und des Fortschritts. Bei den Pflanzen sind sie es noch nicht überall, ja die Trennung ist hier sogar Ausnahme. Aber zur Zeit, in die uns das Zirpen der Grille zurückversetzt, hatten die Geschlechter kaum erst begonnen. Während Millionen von Jahren entbehrten die lebenden Wesen derselben. Die ersten Organismen, die Protisten, die Moneren, Bakterien, Foraminiferen, Radioleren, Noctiluceren, welche letztere das Meerleuchten verursachen, die Schwämme, Polypen, alle diese haben noch kein Geschlecht, auch sind diese Wesen blind, taub und stumm oder haben überhaupt keinen Kopf. Die Würmer der Erde, die Nais, die Deros haben ebenfalls kein Geschlecht, wenigstens erzeugen sie sich auf zweierlei Art, durch Theilung und durch eine der geschlechtlichen Zeugung ähnliche Weise. Gewiße Nerelden sind aus zwei mit ihren Enden in einandergefügten Individuen zusammengesetzt, von denen das eine „ Des 1 — eee e ——————— e eee E N N . eee e 2 e ————— 1 1 nicht auch ferner eine Kühnheit, den vollkommneren Pflanzen— 88 ———— ohne, das Andere mit Geschlecht. Es scheint, daß die Natur alle Mittel versucht hat, bevor sie sich für das Beste entschied. Die Schaffung und Trennung der Geschlechter war übrigens eine kühne Idee, denn die Geschöpfe konnten vorläufig noch nicht denken. Wenn die entgegengesetzten Geschlechter sich nicht getroffen und vereint hätten, wäre das Leben bald verschwunden. War es trotzdem sie ständig mit ihren Wurzeln im Boden hafteten— ge— trennte Geschlechter zu geben? Viele einsam stehende Pflanzen haben sich in Folge dessen niemals befruchtet. Man kennt die Geschichte von dem weiblichen Dattelbaum in Otranto, welcher unfruchtbar blieb bis zur Zeit, wo endlich ein männlicher Dattelbaum in Brindisi so hoch über seine Nachbarbäume emporgewachsen war, daß er dem Winde seinen kostbaren befruchtenden Staub zur Weiterbeförderung anvertrauen konnte. Ohne den Wind und die Insekten würden viele Blumen verlassen und unbefruchtet vergehen. ** * So also ließ das Zirpen des Heimchens, der Dämmersang dieses alten Zeugen entschwundener Zeitalter, die ganze Schöpfungsgeschichte an meinen Augen vorübergleiten. Das Insekt, der Vogel, das Reptil, der Vierfüßler, das Säugethier erschienen mir jedes mit den Instinkten seines Ursprungs, die sich wieder aus dem Ursprung selbst erklären. Die Termiten zernagen die Hölzer seit Millionen von Jahren, um davon die Sägespäne zu essen, sie kümmern sich nicht um die modernen Nahrungsmittel, weil sie in den alten Hölzern, die im Grunde der jungfräulichen Wälder des primären Zeitalters aufgehäuft lagen, geboren wurden. Als die Wälder immer mehr abnahmen, machten sie sich an Gegenstände der menschlichen Industrie, aber immer bleiben sie dieselben Holzfresser. Die sogenannten Wasserjungfern suchen auch heute noch ihre lebende Beute unter den Wasserinsekten, weil es zur Zeit ihrer Erschaffung noch keine Blumen gab. Der Schmetterling dagegen, der nach Entstehung der Blumen geboren wurde, senkt sich in ihre Kelche und hüllt sich in den Duft des Blüthenstaubes. Die verschiedenen Metamorphosen des Insektes bieten in aller Kürze die Geschichte der lebenden Natur. Die un— beholfene Raupe, kriechend und fressend, ist das Bild der primären Zeit, während der Schmetterling, dieser Luftsegler, diese lebende Blume, aus der tertiären Periode stammt. Die Schwalben, welche ihre ersten Nester auf einer Insel der Erde machten, fahren fort, sie aus Erde herzustellen wie ehedem. Das Wegziehen der Zug⸗ vögel erklärt sich aus der Verbindung von Europa und Afrika zu der Zeit des miocenen Meeres. Das Mittelländische Meer hat seitdem beide Erdtheile getrennt, aber die Vögel wissen es noch, daß sie jenseits desselben die alte gastfreundliche Erde finden. Die Wolle wurde dem Schaf und dem Mammuth zu gleicher Zeit während der Eisperiode gegeben, dann lebten Elephant und Rhinoceros zu⸗ sammen, und man findet öfter ihre Knochen in quaternären Höhlen. Heute noch bleiben sie durch den Instinkt ihrer weitzurückdatirenden Freundschaft in den Oschungeln Afrikas und Asiens vereinigt. Wenn dagegen Hund und Katze eine sprichwörtlich gewordene Abneigung gegen einander hegen, rührt dies daher, daß ehemals ihre prähistorischen Voreltern sich gegenseitig verschlangen. Der Affe mit seinen langen Armen gehört in die Welt der undurchdringlichen Wälder, wo er bald hängend, bald sich schaukelnd, geschmeidig über Zweige und Schlingpflanzen glitt. So scheint jedes Wesen in seiner Form, in seinen Instinkten, in seiner Stimme, den Stempel der Epoche, welche es gebar, zur Schau zu tragen. Während derartige Gedanken durch mein Hirn kreuzten, war der Mond langsam am Himmel emporgestiegen, ein großer, goldener Schild, welcher sich aufhob, die schlafende Erde zu schirmen, der milde Glanz seiner Strahlen durchwob die Luft, die Dörfer ver⸗ schwanden in der Dämmerung, und die Grille zirpte weiter rastlos, unermüdlich ihren Sang von den ersten Zeitaltern der Welt. Alles ringsumher schwieg wie auf dem Kirchhof, sie allein in ihrer Manier erzählte von dem Alter und dem Entstehen des Lebens. Aber plötzlich, jedenfalls von einem Lichtstrahl, der sich durch das Laubwerk stahl, getroffen, begann mit einer Stimme so klar, so hell und rein die Nachtigall ihren Sang, den sie für einige Augenblicke unterbrochen hatte; bald schien sie die Sterne zu preisen, bald sich in melancholischen Modulationen zu ergehen, die in tausend— fachen Nüancen sprühten. „O!“ sagte sie,„alle Stimmen der Natur verstummen vor der meinigen, vergeßt die Vergangenheit, ich bin das Leben, ich bin die Liebe, ich singe den göttlichen Fortschritt, ich bin dein Vorläufer, du wundersame Menschenstimme. Wenn die Natur schön ist, ist sie es, weil der Mensch es begreift. Wir Alle, Vögel, Insekten, Thiere der Wälder sowohl als der Felder, wir sind nur deshalb vor euch auf die Welt gekommen, um eure Herrschaft vorzubereiten, und wir höher organisirten Vögel wissen das so gut, daß wir die Boskets eurer Gärten entlegeneren Orten vorziehen, und daß wir oft— in unseren Mußestunden— für euch unsere Lieder erschallen lassen. Bisweilen selbst werden wir durch eure Konzerte zum Singen veranlaßt. Seid daher nicht undankbar, vergeßt nicht völlig eure beste Freundin, die Natur, diese junge, ewig reizende Mutter, ver⸗ bringt euer Leben nicht zwischen Mauern von Stein, athmet nicht fortwährend den Staub eurer Gewerbthätigkeit, verkümmert nicht in dem albernen Lärm der Städte, kommt bisweilen zu uns und wohnt mit uns in der reinen, duftigen Atmosphäre der Wälder und Wiesen. All' die Stimmen der Natur laden euch ein, aus der Schönheit des Weltalls, welches uns umgiebt, Erquickung zu trinken, es hat eine interessante Geschichte, begreift sie wohl und lebt auch ein wenig mit uns in dem stillen Glück der Einfachheit.“ Derartig sang die Nachtigall. Mir schien es, daß ihre Rede die des Heimchens vervollständigte, und lange Zeit noch saß ich und lauschte beiden abwechselnd, glücklicher als die Menschen, deren Ehr⸗ geiz sie antreibt, dem ungewissen Ruhm des Forums oder des Throns nachzujagen. Lose Blätter. Frühreife Trauben!(Siehe Illustration.) Der Genremaler Fritz Gareis stellt auf unserm Bilde eine Scene aus der Zeit der Weinberg⸗ sperre dar. In allen Stromthälern, wo die Rebe gedeiht, werden die Reben⸗ hügel abgeschlossen, sobald die Trauben zu reifen beginnen. Selbst den Weinbergsbesitzern wird es verwehrt, ohne besondere Erlaubniß des Ge⸗ meindevorstands in jenen Tagen vor der Weinlese die Rebenspaliere zu be⸗ treten und reife Trauben zu pflücken. Zur Zeit der Weinbergsperre haben die Feldhüter einen schwierigen Stand, denn es gehört viel Erfahrung, Schlauheit und Geduld dazu, um naschhafte Buben und Mädchen von den frühreifen Trauben 1 Der Maler zeigt uns zwei botanisirende Kinder, welche vom Feldhüter bei der Traubenlese überrascht wurden. In 11 Entrüstung packt der Hüter des Weinbergs den„frühreifen“ Buben eim Wams und eine tüchtige Tracht Prügel würde demselben gewiß sein, wenn nicht das kleine Mädchen reuevoll die Hände erhöbe und mit Thränen in den Augen um Gnade für sich und den Bruder flehte. Den Bitten und Thränen eines kleinen Mädchens mit großen glänzenden Kinderaugen kann selten ein Mann widerstehen und so wird auch der Hüter des Gesetzes Gnade für Recht ergehen lassen und den Kindern den Raub der frühreifen Trauben noch einmal nachsehen. R. E. Ein treuherziger Kapellmeister. Während der berühmte Geiger Joachim als königlicher Musikdirektor in Hannover wirkte, genoß er in hohem Grade die Gunst und das Vertrauen des blinden Königs Georg. Dieser machte ihn eines Tages auf die Leistungen einer Militärkapelle auf— merksam, deren Leiter ein naiver Sachse sei, welcher vordem einer kleinen Stadtkapelle vorgestanden, der jedoch eine ganz besondere Befähigung besitze, junge Musiker auszubilden und ein gutes leistungsfähiges Orchester zu or⸗ ganisiren. Joachim wohnte bald nach diesem Hinweis einer Probe jener Militärkapelle, dann einem Konzert bei, und da ihm die Leistungen der— selben als sebr bedeutend erschienen, sprach er dem Kollegen seine Anerkennung in warmen Worten aus. Der Kapellmeister stand wie betäubt da und fand auf Joachims Lobsprüche kein Wort der Entgegnung. a i Wenige Tage später nahm König Georg die Parade jenes Regimentes ab, dessen Milikärkapelle der belobte Sachse anführte. Der König redete den Kapellmeister nach der Parade freundlich an und fragte, ob Joachim bei ihm gewesen sei.“ i „Ja wohl,“ antwortete Jener und setzte dann in vertraulichem Tone hinzu:„Hären se, Majestät, Sie gennten mer in großen Gefallen duhn. Sähen se Majestät, der Joachim hat mir da Lobsprüche gespendet— dicke sag' ich Sie Majestät. Nu is Sie der Joachim'n leitseliger, höflicher Mensch, der jeden lieber streichelt als kränkt und da möcht' ich Eure Ma⸗ jestät ergebenst gebeten haben, bei ihm einmal hintenrum zu fragen, ob's ihm wirklicher Ernst war, mit dem, was er mir sagte, oder ob er mir nur so Honig auf die Backe schmieren wollte. Sähen Sie Majestät, was'in Günstler wie Joachim sagt, gann unser Eenem doch nich gleichgiltig sein — Sie begreifen das, Majestät?“ Der König hatte Mühe, dem treuherzigen Sachsen nicht in's Gesicht zu lachen. Er versprach, den Joachim zu sondiren und als er wieder dem Kapellmeister begegnete, rief er diesem zu:„Es war ihm heiliger Ernst mit dem Lob.“ R. E. 7...... —— ———— ogogriph. Es thun oft in den nächsten Tagen Schon dreie, was dir sagen vier; Du kannst nur die Verliebten fragen Und es bestät'gen's Tausend dir. Jie sind geschnitten und gestochen ft mit viel Kunst und mit viel Müh', Und doch nach wenig kurzen Wochen Sind wieder aus der Mode sie. Silben-Räthsel. Aus folgenden Silben: a a bi ca can ce co de de der di dow e el en ga gi i im ir kok lan len les li ly mo ne nep ner ni ni ni nie nos oes ost phra po ra re reich ri ri ris sa scha si sel ta te ter to u un us vin sind achtzehn Worte zu bilden, deren Anfangsbuchstaben, von oben nach unten gelesen, einen berühmten Astronomen, und deren Endbuchstaben, von unten nach oben gelesen, einen englischen Dichter ergeben. Die achtzehn Worte bedeuten: 1. Ein Königreich. 2. Eine religiöse Sekte. 3. Eine Stadt in Italien. 4. Ein Seebad. 5. Eine Stadt in der Rheinprovinz. 6. Einen griechischen Philosophen des Alterthums. 7. Eine Oper. 8. Eine japanische Insel. 9. Ein Flüssigkeitsmaß in Spanien. 10. Ein Kaiserreich. 11. Einen griechischen Geschichtschreiber. 12. Einen der zwölf israelitischen Stämme. 13. Eine Stadt in Rußland. 14. Einen italienischen Dichter. 15. Einen Berg in Tirol bei Innsbruck. 16. Eine Förmlichkeit. 17. Einen Schweizer Kankon. 18. Einen berühmten deutschen Bildhauer. näth fel. Bald groß, bald klein, Bald grob, bald fein, Bin ich doch nur ein lumpicht Wesen; Wer meine Ahnen einst gewesen, Das schäm' ich mich, hier zu gesteh'n. Ihr könnt mich augenblicklich sehn, Und leicht auch habt ihr mich erkannt, Habt ihr dies Blättchen in der Hand! Für ein Geringes bin ich feil, Und viel Geduld ward mir zu Theil, Wie selbst von mir, Gott sei's geklagt, Ein allbekanntes Sprichwort sagt; Denn viel, gar viel hab' ich zu leiden. Man pflegt mich grausam zu beschneiden, Und mich zerreißet, wuthentbrannt, In Stücken oft des Menschen Hand. Doch werd' ich, was das Beste ist, Auch oft von manchem schönen Munde, Bring' ich nur eine frohe Kunde, Wohl recht herzinniglich geküßt. Ich diene oft zu Tändeleien, Um Herz und Geist wohl zu erfreuen. Doch mach' ich auch bei dem Gericht, Gestempelt, oft ein Amtsgesicht. Man hebt mich auf, gleich einem Schatze, Oft in verschloss'nen, festen Spinden; Doch auch an manchem schlechten Platze Bin ich, verachtet, oft zu finden. Ich bringe Kundschaft aus der Ferne, Man fürchtet mich, man sieht mich gerne, Ich bring' auch dieses Räthsel dir; Nun hast du's, Leser, sag' es mir! Auflösung der zweisilbigen Charade: Schlaftrunk;— des Arithmogriph: Jakob Grimm— Peter Hebel. 1. Joachimsthal. 2. Anarchie. 3. Kalb. 1 9 1 0 1 Guadalavier. 7. Roquette. 8. Ingol⸗ adt. 9. Monarchie. Mesotyp;— der dreisilbigen Charade: Bach⸗ stelze;— des Kreuzräthsels: n 9 55 e 5 N AU UI 8 T TI TEG LET[T0 B UL AR 1 E N 8 b 1 R 4 118 8 1.R LEA A N A Schach. Problem Nr. 417 von H. Chocholous in Bodenbach. i 2 2 N . 2 2 7 ne 7 s I Weiß zieht an und setzt mit dem vierten Zuge Matt. b Auflösungen. Problem Nr. 411 von J. Fetow in München. 1) Shé—g4: 5—g4:(J od. L.g4) 2) Dg2-c Kg6 hö:(15) 3) De6-—us(6) f Varianten: 1).. Th5;: 2) Seb Kh7 3) Dg6 Matt. 1).. Kh5 2) Dhaf Kgé 3) Dbe Matt. 1).. f4 2) Ther Ks 3) 76 Matt. Das Hauptspiel läßt reine Mattstellungen ver⸗ missen.— Angegeben von F. Osten in G., W. Kron in B., W. Scheuler in S., H. Michaelis in Th. Problem Nr. 412 von R. Götz in Hamburg. eo-d4. W Ler- dé: 1 2) 3-64 Kdö5- dé:(eß) 2) c3-c. Kdö- dd:(e5) 3) Ld2—4(Sf7) 7 3) Ld2—es(Sc) f 8 Varianten: 1).. Lgö:l oder zieht 1 2) Sti cd(oder beliebig) 3) o(Leb) Mat 1).. Kd: 2) Lfat 3) Les Matt. 1).. Kd: 2) Lfaf 3) Les Matt. 1).. Ke 2) 87 oder cf ꝛc. 1).. bz oder beliebig, 2) Lesf Kdé: resp. es 3) LA resp. 87 Matt. Beide Hauptspiele, welche die hübsche Idee in ihrer Doppelwendigkeit zum Ausdruck bringen, sind durch gleiche Sauberkeit in den Mattstellungen ausgezeichnet.— Angegeben von W. Kron in B., W. Scheuler in S., F. Osten in G., Dr. Knopf in G., H. Michaelis in Th. 1) Skoda Nachdem in der vorigen Nummer der im zweiten Problemturnier des Ohoss- Monthly mit dem Preise für das beste Problem des Turniers gekrönte Dreizüger im Dia⸗ 1 mitgetheilt worden, lassen wir hier noch einige der Preisprobleme in Lettern mit 9 0 urzer Angabe der Lösung folgen. I. Preis. Sendung:„Träumerei“. a) Weiß Kk, Dgs, TIs, Lba, Sd2, d5. Bas, d7, e2, g5, ba, h5. Schwarz: Kds, Tds. Lbg, h6, Scé, e7, Bal, e5, f2, g6. Matt in vier Zügen: 1) Des Lid: 2) Sog ꝛc. 17 Tits: 2) Ddé ꝛc. 1).. S oder Leds 2) T4 ꝛc. 1). St5 2) Leg ꝛ2c.— Dieses Problem bezeichnet Kürschner in„Haus und Welt“ als„ein nach Inhalt wie Form tadelloses Stück“, ein Urtheil, dem wir uns unbedingt anschließen. b) Weiß: Kas, Dal, Lal, os, Ses, Bes, 6, b2, ha. Schwarz: Kd. Bh5, h. Matt in drei Zügen: Do? Kos 2) Lgsl zc. II. Preis. Sendung:„Grauô me the combat“. a) Weiß: Kg, Tds. g6, Led, hs Sei Beg, g2, hz. Schwarz: Kha, Dbs, Les, es, Bad, dd, e2, e, 16, hö. Matt in drei Zügen: 1) Lb ꝛc. b) Weiß: Kt, Daz, Tel, Las, Sf, g5, Bes. fö, Schwarz: Koö, Tes, g8, Sas, 8, Baf, b5, o7, ds, ob, or. Matt in drei Zügen: 1) 03-4 Kos 2) 04 eb ꝛc. o Weiß: Kgl, Bgs, Ted, Sal, od, Beg, b, hg. Schwarz: Kd5, Shi, h5, Bob, c6, e, f5, t7. 7 Matt in vier Zügen: 1) Dbs 6 2) Dgs stes 3) Dbs ꝛc. 1).. Kei: 2) Dbif 3) Dds 2c. III. Preis. Sendung:„So many men, so many minds“. a) Weiß: Kes, Dal, LfS, g6, Set, es, Bed, oz. Schwarz: Ke, Lh, h6, Sag, 02, Ea, f5. g7. Matt in drei Zügen: 1) 884 Lgs: 2) Dgr: zc. 1) Sed 2) Seht ꝛc. b) Weiß: Ks. Dhi, Ld4, Sdé, fs Bes, es. Schwarz: Kes, Des, Sds, g5, Bb7, fü, gs. h. Matt in drei Zügen: 1) Dg2 Dgę: 2) Sd es 2c. e) Weiß: Kgz, Dds, LgI, Saꝰ, es. Schwarz: K 4, La7, Sbö, h7. Matt in vier Zügen: 1) 8g7 Sd4 2) Ses Ssé 3) Des f 2c. 2 Eine zu bekannte Idee, welche einer durchaus originellen und seinen Ausführung be⸗ durft hätte, um turnierfähig zu erscheinen. Die grobe Drohung des ersten Zuges läßt uur ein sehr bescheidenes Varlantenspiel aufkommen. N Mit verschiedenen anderen Vierzilgern des Turniers, wie die der Sendungen„Träumerei“ und„Jacta est alea“[Nr. 371 dieses Blattes] kann sich das Stück entfernt nicht messen. Aus der Schachwelt. Im Hauptturnier der Jrischen Schach-Association zu Belfast erhielt den ersten 2(Ls. 12) W. Pollock, den zweiten(Ls. 6) J. H. Blackburne, den dritten(Ls. 4) urn. Druck und Verlag der„Volks-Zeitung“, Akt.⸗Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elch o in Berlin, Lützowstr. 105.